Rom als Republik. (continued 4)
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Der Vorschlag des Theodotos wurde genehmigt und Achillas zur Vollstreckung ausersehen. Dieser, ein Mann von außerordentlicher Verwegenheit, bestieg mit Septimius, einem geborenen Römer, der einst unter des Pompejus Fahnen gedient hatte, nebst drei bis vier Ägyptiern ein kleines Fahrzeug und fuhr auf das Schiff des Pompejus zu. Das schlechte Aussehen dieses Fahrzeuges und die geringen Anstalten, die man zum Empfange des Pompejus traf, machten seine Freunde unruhig. Sie fingen an Verdacht zu schöpfen und waren schon willens sich wieder zu entfernen, als Achillas an Bord kam und den Pompejus einlud in sein Fahrzeug zu steigen, dessen dürftiges Aussehen er damit entschuldigte, daß das Meer an dieser Küste zu flach sei, um es mit größeren und schwereren Schiffen zu befahren. Pompejus war nicht ohne Argwohn; denn schon sah er, daß an der Küste einige königliche Schiffe bemannt wurden. Allein, um die Ägyptier nicht durch Mißtrauen zu reizen, zeigte er sich sogleich bereit dem Achillas zu folgen. Er nahm daher gefaßten Mutes von seiner Gemahlin und seinem Sohne Abschied und stieg mit vier Personen seines Gefolges in das ägyptische Boot.
Schon waren sie eine beträchtliche Strecke weit gefahren, und noch immer herrschte düsteres Schweigen in dem Boote. Pompejus wurde unruhig und suchte seine Unruhe durch Sprechen zu unterdrücken. Er wandte sich daher zu Septimius und sagte: „Mich dünkt, mein Freund, ich kenne dich. Sind wir nicht einmal Kriegsgefährten gewesen?“ Septimius nickte nur mit dem Kopfe, ohne ein Wort zu sprechen, und es herrschte abermals die vorige Stille. Da nahm Pompejus seine Schreibtafel zur Hand, um die griechische Anrede zu lesen, die er darin aufgezeichnet und die er an den jungen König richten wollte. Cornelias Blicke begleiteten indes die Fahrt in angstvoller Spannung bis zum Lande, wo sich eben viele Hofleute wie zu feierlichem Empfange sammelten. Schon begann sie zu hoffen. Aber in dem Augenblick, als Pompejus den Arm seines Freigelassenen Philippus ergriff, um sich vom Sitze zu erheben, stieß ihm Septimius sein Schwert in den Rücken, und Achillas fiel ihn von vorn an. Pompejus sah, daß er seinem Tode nicht entrinnen konnte, und suchte nun wenigstens die würdevolle Haltung, die er im Leben stets gezeigt hatte, auch noch im Tode zu bewahren. Er zog seine Toga über das Haupt, sprach kein Wort, sondern stöhnte nur bei jedem weiteren Stoß, bis er tot am Ufer zusammenbrach. So starb der große Pompejus im 58sten Jahre seines Alters, am 28. September 48, am Tage vor seinem Geburtstage. Auf den Schiffen, welche ihn hergebracht hatten, erscholl lauter Jammerruf beim Anblick dieses schrecklichen Vorgangs, dann eilten sie ins offene Meer zurück, vergeblich verfolgt von den ägyptischen Kriegsgaleeren.
Die Mörder des Pompejus wüteten noch gegen den Leichnam. Sie schnitten ihm den Kopf ab und warfen den Rumpf nackt an das Ufer, wo er von einer Menge neugieriger Menschen begafft ward. Darauf erwies Philippus, der Freigelassene des Pompejus, seinem Herrn den letzten Dienst. Er wusch den verstümmelten Leichnam im Meere ab, wickelte ihn in eins seiner Gewänder und brachte dann einige Trümmer von einem alten Fischerkahn zusammen, um einen Scheiterhaufen zu errichten. Während er damit beschäftigt war, trat ein alter Römer, der einst unter Pompejus gedient hatte, mit den Worten zu ihm: „Wer bist du, der du den großen Pompejus zu bestatten suchst?“ — „Sein Freigelassener“, antwortete Philippus. — „Wenn du der bist“, erwiderte der Alte, „so teile die Ehre der Beerdigung mit mir, damit ich in dem Elend, das mich drückt, doch wenigstens das eine Glück genieße, den Leichnam des größten römischen Feldherrn mit meinen Händen zu begraben.“ Philippus willfahrte ihm, beide verbrannten den Leichnam, vergruben die Asche und setzten auf den Grabhügel eine Tafel mit der Inschrift: „Hier ruht Pompejus der Große!“
3. Cäsar in Afrika. Catos Tod.
Drei Tage nach des Pompejus Tode erschien Cäsar vor dem Hafen von Alexandria, der damaligen Hauptstadt Ägyptens. Alsbald kamen die Mörder in der Hoffnung auf eine Belohnung an Bord seines Schiffes und überreichten des Pompejus Haupt und Siegelring. Cäsar wandte sich mit Abscheu von dem Anblick des blutigen Hauptes, aber tränenden Auges empfing er den Siegelring des Mannes, der einst so groß und mächtig und durch Freundschaft und Verwandtschaft mit ihm verbunden gewesen.
Weit entfernt die Schandtat zu belohnen, bewies er sich milde und freundlich gegen die Anhänger des Pompejus, die man in Ägypten ergriffen hatte und in seine Gewalt lieferte. Denn Großmut und Nachsicht gegen besiegte Feinde bildeten den schönsten Zug seines Charakters. Er fand das ägyptische Volk gespalten und aufgeregt durch einen Zwist zwischen dem unmündigen König Ptolemäos und seiner älteren Schwester Kleópatra, die ihm den Thron streitig machte. Cäsar befahl beiden Teilen ihre Heere zu entlassen, und entschied dann zu gunsten der schönen Kleopatra, die ihn durch ihre verführerischen Reize geblendet hatte. Da brach plötzlich, durch die Ratgeber des Königs, Potheinos und Achillas, angestiftet, ein gewaltiger Aufstand in Alexandria aus, gegen den sich Cäsar mit den wenigen Truppen, die er mitgebracht, kaum zu behaupten vermochte. Er zog sich vor der Übermacht in das Brucheion, den schönsten und festesten Teil der Stadt, zurück. Hier bestand er, von jeder Verbindung mit Rom und den Provinzen abgeschnitten, unter der größten Bedrängnis neun Monate lang den Kampf gegen die empörte, vielmal überlegene Menge der Feinde. Um sich den Zugang zum Meere zu öffnen, verbrannte er die ägyptische Flotte im alexandrinischen Hafen, weil er nicht hoffen konnte sie zu erobern. Der Brand ergriff aber auch das Brucheion selbst, und die Hälfte jener berühmten alexandrinischen Bibliothek, die sich hier befand, ward ein Raub der Flammen. Während dieses traurige Schauspiel die Aufmerksamkeit der Einwohner beschäftigte, besetzte Cäsar die kleine Insel Pharos, die vor dem Hafen lag und den berühmten Turm, der als eins der sieben Wunderwerke der alten Welt galt. Von da an drehte sich der Kampf um die Behauptung des Hafens. Die Ägyptier schnitten den Römern das Trinkwasser ab und leiteten Meerwasser in ihre Cisternen. Um der Not abzuhelfen, ließ Cäsar neue Brunnen graben. Bald aber geriet auch die Insel Pharos, die durch einen Damm mit dem Brucheion zusammenhing, in die Hände der Feinde. Vergebens suchte Cäsar sie wiederzunehmen. Er wurde zurückgeschlagen und kam dabei selbst in Lebensgefahr. Denn als er vom Damm in ein Schiff sprang, drohte dieses wegen Überfüllung zu sinken. Da sprang er ins Meer und schwamm unter einem Pfeilregen einige hundert Schritte weit nach einem andern Schiffe, wobei er mit der einen Hand wichtige Schriften emporhielt, um sie nicht vom Wasser verderben zu lassen, und erreichte glücklich das Ufer. Endlich kam die langersehnte Hilfe, die ihm Mithridates, ein angeblicher Sohn des Königs dieses Namens, aus Kleinasien und Syrien zuführte. Dieser eroberte Pelusion; der König Ptolemäos wurde geschlagen und ertrank auf der Flucht im Nil. Nun ergab sich Alexandria dem Sieger (47); Kleopatra ward zwar als Königin von Ägypten anerkannt, das Land aber von einem römischen Heer besetzt gehalten.
Bevor jedoch Cäsar nach Rom zurückkehrte, mußte er noch einen Feldzug gegen Phárnakes, den Sohn des großen Mithridates, unternehmen. Dieser hatte, unzufrieden mit dem kleinen Königreiche, das ihm Pompejus gelassen, das väterliche Reich wieder erobert und gegen alle Römer grausam gewütet. Cäsar brach mit einer Legion gegen ihn auf; durch Syrien und Cilicien gelangte er nach Pontus, wo er den listigen Pharnakes überfiel und ihm in der entscheidenden Schlacht bei Ziéla eine vollständige Niederlage beibrachte (47). Er selbst war von seinem schnellen Sieg so überrascht, daß er an seine Freunde in Rom die berühmten Worte schrieb: „Ich kam, sah, siegte!“ (Veni, vidi, vici.) Pharnakes verlor alle Besitzungen und bald darauf durch einen treulosen Diener das Leben.
Jetzt erst kehrte Cäsar nach Rom zurück, wo seine Gegenwart dringend notwendig war, da ein unruhiger Volkstribun einen Aufstand verursacht hatte, der vielen Bürgern das Leben kostete. Cäsar stellte sogleich die Ruhe wieder her und überhäufte seine Anhänger mit Ehrenstellen und Belohnungen, dann richtete er seine Aufmerksamkeit auf Afrika, wo sich die Anhänger des Pompejus gesammelt und eine bedeutende Macht an sich gezogen hatten. Noch war er mit den Rüstungen zu diesem Kriege beschäftigt, als eine Meuterei unter seinen Legionen ausbrach. Diese standen in Capua und warteten mit Ungeduld auf ihren Abschied, sowie auf die Belohnungen, die er ihnen versprochen hatte. Als er ihnen noch größere Belohnungen versprechen ließ, wenn sie ihm nach Afrika folgen wollten, empörten sie sich und brachen in ihrer Wut nach Rom auf, um sich ihren Lohn mit Gewalt zu holen. Nachdem sie auf dem Marsfelde angekommen waren, trat Cäsar unerwartet unter sie und fragte sie mit fester Stimme, was sie wollten. „Unsere Entlassung“, riefen sie. „Ihr sollt sie haben“, antwortete er, „und auch die versprochenen Geschenke, wenn ich an der Spitze anderer Legionen gesiegt habe und sie zum Triumphe nach Rom führe.“ Hiermit entfernte er sich und überließ die Bestürzten dem quälenden Gedanken, daß nun andere an ihrer statt Ruhm und Lohn neuer Siege ernten würden. Doch noch einmal wandte er sich an sie, aber nun nicht mehr mit der Anrede „Kameraden“ (commilitones), sondern mit der Anrede: „Bürger!“ (Quirītes). Da riefen alle, sie seien keine Bürger sondern Soldaten, und baten ihn sie nach Afrika zu führen.
In Afrika bestand die Macht der Pompejaner aus zehn Legionen, 20000 afrikanischen Reitern und 120 Elefanten; dazu kamen noch die Hilfstruppen des mit ihnen verbundenen Königs Juba von Numidien. Dieser furchtbaren Macht konnte Cäsar nur sechs Legionen und 2000 Reiter entgegenstellen, mit denen er noch in demselben Jahre (47) von Sicilien aus unter Segel ging, um seine Gegner, die ihn in der ungünstigen Jahreszeit nicht erwarteten, zu überraschen. Die Herbststürme jedoch zerstreuten seine Flotte, und er selbst erreichte nur mit 3000 Mann zu Fuß und 150 Reitern die afrikanische Küste. Als er in der Nähe von Adrumetum landete, fiel er dabei zur Erde, aber mit gewohnter Geistesgegenwart rief er aus: „Ich halte dich, Afrika!“ und verwandelte dadurch die schlimme Vorbedeutung, die seine Soldaten leicht in diesem Falle hätten sehen können, in eine gute. Bald auch fand sich die ganze Flotte wieder bei ihm ein, sodaß er im Anfang des Jahres 46 mit 15000 Mann einen Streifzug ins Innere unternehmen konnte. Da wurde er plötzlich von Labiēnus, der einst in Gallien sein bester und erfolgreichster Legat gewesen, und von Petrejus, den er vorher in Spanien besiegt und verschont hatte, mit einer solchen Übermacht angegriffen, daß er nur durch einen geschickt geleiteten Rückzug einer völligen Niederlage entging. Nicht lange darauf aber nötigte er seine Gegner zu der entscheidenden Schlacht bei Thapsus, welche mit der gänzlichen Vernichtung des pompejanischen Heeres endigte (46).
Unter den Häuptern der pompejanischen Partei, die bei Thapsus besiegt wurde, nahm der edle M. Porcius Cato, ein Urenkel jenes Cato, der die Zerstörung Karthagos zu fordern pflegte, den ersten Rang ein. Nach der Schlacht bei Pharsalos war er nach der Provinz Afrika gegangen und hatte dort die Verteidigung der Hauptstadt Utĭca übernommen. Als Cäsar heranzog, um durch die Eroberung dieser Stadt den Krieg zu beendigen, suchte er anfangs die Einwohner zum Widerstande zu bewegen. Da er aber sah, daß sie in ihren Meinungen geteilt waren, so änderte er seinen Plan. Zunächst war er vielen Senatoren mit Geld und Schiffen zur Flucht behilflich; ja, er riet sogar seinem eignen Sohn Marcus zur Flucht; dieser aber weigerte sich standhaft den Vater zu verlassen. Für ihn selbst hatte das Leben ohne den Bestand einer freien Republik keinen Wert mehr, und darum hielt er sich, nach den Grundsätzen der stoischen Lehre, deren eifriger Anhänger er war, für berechtigt sich selbst den Tod zu geben.
Gegen Abend ging er ins Bad und nahm dann mit seinen Freunden ein Mahl ein. Nach dem Essen trank er mit seinen Gästen und unterredete sich mit ihnen über den Satz, daß nur der Weise wahrhaft frei sei. Diese Behauptung verteidigte er mit solcher Wärme, daß allen seine Absicht klar wurde. Es folgte eine ängstliche Stille. Kaum merkte dies Cato, so lenkte er das Gespräch auf einen anderen Gegenstand. Dann nahm er mit besonderer Herzlichkeit Abschied und begab sich in sein Schlafgemach. Hier las er den Phädon, eine Schrift des griechischen Weisen Plato, welche von der Unsterblichkeit der Seele handelt und zugleich den Tod des edlen und weisen Sokrates schildert, zweimal durch, und wollte dann nach seinem Schwerte greifen. Er fand es aber nicht, denn sein Sohn hatte es heimlich entfernt. Er forderte es mit Ungestüm und ließ nicht eher ab, bis man es ihm brachte. Ohne sich an die Bitten und Tränen der Seinigen zu kehren, rief er: „Nun bin ich Herr über mich!“ entließ die Weinenden, las noch und schlief dann bis Mitternacht. Dann erkundigte er sich, ob seinen Freunden die Flucht gelungen sei. Auf die Nachricht, daß sie alle entkommen seien, verschloß er die Tür, stürzte sich in sein Schwert und fiel zu Boden, wobei er einen Tisch mit umriß. Auf das Geräusch eilten die Seinen herbei und verbanden seine Wunde; er aber, wieder zu sich gekommen, riß sie wieder auf und starb an Verblutung.
Als Cäsar bei seinem Einzug in Utica, welches ihm die Tore öffnete, Catos Tod vernahm, sagte er mit aufrichtigem Schmerz: „Cato, ich mißgönne dir deinen Tod, weil du mir deine Erhaltung nicht gegönnt hast!“ Auch verzieh er dem jungen Cato und ließ ihm das väterliche Vermögen. Catos Beispiel folgend gaben sich auch Metellus, Scipio, Juba und Petrejus den Tod. Labienus aber und Sextus Pompejus verzweifelten noch nicht, sondern flohen nach Spanien, um dort den Krieg zu erneuern.
4. Cäsars fernere Taten und Tod.
Als Cäsar nach Rom zurückgekehrt war, wetteiferten der Senat und das ihm ergebene Volk, ihn mit den höchsten Ehren und Würden zu überhäufen. Die Diktatur, mit welcher die unumschränkte Macht über den ganzen Staat verbunden war, wurde ihm auf zehn Jahre übertragen; auf goldenem Sessel saß er neben den Konsuln, und 72 Liktoren, sechsmal mehr als den Konsuln, schritten ihm voran, so oft er sein Haus verließ. Für seinen Sieg bei Thapsus ordnete der Senat ein vierzigtägiges Dankfest an, und seine Siege über Gallien, Ägypten, Pontus und Afrika feierte Cäsar durch einen vierfachen Triumph. Neben dem Tempel der Fortuna, der Göttin des Glücks, brach, ein schlimmes Vorzeichen, die Achse seines Triumphwagens, und er mußte einen andern besteigen, dann stieg er die Stufen des Jupitertempels auf den Knieen hinauf. Bei dieser Gelegenheit legte er die Kriegsbeute über 200 Millionen Mark an Gold und 2822 goldene Kränze im Werte von mehr als 15 Millionen Mark in den öffentlichen Schatz. Seinen Feinden verzieh er großmütig und bewies überall die größte Milde. Bei dem öffentlichen Festmahle, das er gab, wurde das Volk an 22000 Tischen aufs köstlichste bewirtet, wobei sogar die bei den Römern so beliebte Fischart der Muränen und die berühmten Falerner- und Chierweine nicht fehlten. Außer dieser allgemeinen Speisung beschenkte er noch 50000 arme Bürger mit Getreide und Öl und je 60 Mark an Geld. Von seinen Kriegern bekam jeder gemeine Soldat 3000 Mark, ein Hauptmann das Doppelte, ein Oberst das Dreifache.
Während Cäsar noch damit beschäftigt war durch eine Reihe von Gesetzen und Anordnungen die Ruhe und Ordnung des tief erschütterten Staates herzustellen, rief ihn die Besorgnis vor der drohenden Macht der Pompejaner in Spanien zu neuem Kampfe ab. Dort hatten Gnaeus und Sextus, die Söhne des großen Pompejus, wieder ein Heer von dreizehn Legionen gesammelt. Cäsar zog mit acht Legionen gegen diese letzten Verteidiger der Republik, und bei der Stadt Munda kam es zu dem erbittertsten und blutigsten Kampf dieses ganzen Bürgerkrieges (45). Schon schwankten seine Legionen und das Glück schien ihn zu verlassen; schon focht er, wie er später gestand, mehr um sein Leben als um den Sieg. Da sprang er vom Pferde und warf sich, entblößten Hauptes um von den Seinigen erkannt zu werden, und mit den Worten: „Wollt ihr mich diesen Knaben überliefern?“ in die vordersten Reihen. So hitzig focht er, daß viele unter seinen Streichen sanken und sein Schild von mehr als hundert Geschossen durchbohrt wurde, bis er mit seiner zehnten Legion und seiner Reiterei das Gleichgewicht wieder herstellte. Schon neigte sich der Tag, und die Schlacht war noch unentschieden, als Cäsar bemerkte, wie der pompejanische Anführer Labiēnus fünf Kohorten zum Schutze seines Lagers absandte, und im Augenblick rief er: „Seht, die Feinde fliehen!“ Dies glückliche Wort, das schnell durch die Reihen lief, erhöhte den Mut der Seinen so sehr, daß sie mit hellem Siegesrufe vordrangen und die Pompejaner, bestürzt durch die plötzliche Wendung, nun wirklich die Flucht ergriffen. Nun erst begann, wie gewöhnlich in jenen Zeiten, das eigentliche Gemetzel unter den aufgelösten Scharen der Besiegten. Über 33000 Erschlagene bedeckten das Schlachtfeld. Gnaeus Pompejus fiel auf der Flucht, als er eben die Küste erreicht hatte und Spanien verlassen wollte. Nur sein Bruder Sextus, der der Schlacht nicht beigewohnt hatte, blieb allein von den Häuptern der pompejanischen Partei am Leben.
Dieser Sieg machte dem Bürgerkrieg, der 170000 Menschen hingerafft hatte, ein Ende. Als Cäsar nach Rom zurückkehrte, überhäufte ihn der Senat mit neuen Ehren, wie sie noch nie einem Römer zuteil geworden waren. Er erhielt den Titel Imperator oder Oberbefehlshaber der gesamten Kriegsmacht, und dieser Titel wurde ihm auf Lebenszeit beigelegt und sollte auch auf seine Nachkommen forterben können; ebenso ward er auf zehn Jahre Konsul, auf Lebensdauer Diktator, „Vater des Vaterlandes“, „Befreier“ ward er genannt, und unter einem der zahlreichen Standbilder, die man ihm errichtete, war geschrieben: „Dem unbesiegten Gotte“. So war er denn in Wahrheit Alleinherrscher des römischen Reiches, wenn ihm auch dieser Name fehlte, und als solcher suchte er die Erinnerung an die Zeit der freien Republik im Volke allmählich auszulöschen, und die Amtswürden des herrschenden Adels sanken zu bloßen Titeln herab. Er vermehrte den Senat auf 900 Mitglieder, von denen er die Hälfte selbst ernannte; bei der Wahl der andern Hälfte nahm das Volk auf seine Vorschläge Rücksicht. Auch ein neues Forum legte er an, und errichtete daselbst der Venus Victrix, der „siegreichen Venus“, die er als Stammmutter seines Geschlechts ausgab, einen herrlichen Tempel. Auf die Einweihung dieses Tempels folgten glänzende Volksspiele: in einem künstlichen See wurden Schiffsgefechte geliefert, im Circus wurden 400 Löwen gejagt, wilde Stiere erlegt und endlich eine förmliche Landschlacht dargestellt.
Um die Verwaltung des Staates und der Provinzen, die von Grund auf neu zu ordnen war, erwarb Cäsar sich große Verdienste. Neben vielen anderen Gesetzen dieser Art ist besonders zu nennen die gründliche Verbesserung des römischen Kalenders, die er mit Hilfe des alexandrinischen Mathematikers Sosígenes durchführte. Es war darin eine solche Verwirrung eingerissen, daß damals die Abweichung der Monats- und Tagesrechnung von der wahren Zeit bereits 67 Tage betrug und sich die Feste um ebensoviel Tage aus ihrer ursprünglichen Lage verschoben. Die Ursache lag darin, daß man sich dabei nicht nach dem Laufe der Sonne und der Dauer des Sonnenjahres, sondern nach den Mondumläufen richtete, deren zwölf ein Jahr von 354 anstatt von 365 Tagen ergaben. Und doch hatten schon längst die Ägyptier das Jahr nach dem Sonnenlaufe auf 365 Tage 6 Stunden festgesetzt, während die Griechen und Römer noch immer ihre Jahresrechnung auf den Mondlauf gründeten und dadurch zu ungleichen Einschaltungen genötigt waren. Der neue, dem ägyptischen nachgebildete Kalender, der nach seinem Urheber der julianische genannt wird, machte allen diesen Ungleichheiten und Schwankungen ein heilsames Ende. Zwar war auch er noch nicht ganz der wirklichen Zeit entsprechend. Denn indem er dem Jahre 365 Tage und jedem vierten Jahre mit einem Schalttage 366 gab, wich er von der wahren Jahreslänge des Sonnenumlaufs um ein Zuviel von mehreren Minuten ab, ein Fehler, der im Laufe der folgenden Jahrhunderte auf etwa 10 Tage anwuchs und erst durch den gregorianischen Kalender (1582 n. Chr.) ausgeglichen wurde. Auch verlegte Cäsar den Anfang des Kalenderjahres vom 1. März auf den 1. Januar. Die Namen der römischen Monate behielt er bei, nur daß durch Senatsbeschluß der bisherige Quinctīlis dem Cäsar zu Ehren fortan Julius genannt wurde.
Doch so sehr auch Cäsar seine Feinde durch Milde und Gnade gewonnen zu haben glaubte, so große Verdienste er sich um die Vergrößerung und den Ruhm des Staates erworben hatte, so vermochte er doch nicht den tiefen Haß aller derjenigen zu versöhnen, welche bisher gewohnt waren den Staat zu regieren und zu ihren Vorteilen auszubeuten. Auch schonte er nicht in allem seinem Tun die ehrwürdigen alten Überlieferungen der Republik, an denen das Volk mit zäher Beharrlichkeit hing. Nicht zufrieden mit königlicher Macht, strebte er auch nach dem königlichen Titel und beleidigte das Volk durch die Äußerung, daß die Republik nur ein leerer Name sei. Seine Freunde beeiferten sich ihm den Titel „König“ zu verschaffen, der den Römern seit der Vertreibung der Könige ein Gegenstand des Abscheus war. Einst bekränzten sie heimlich seine Bildsäule mit dem Diadem, aber die Tribunen rissen es ab und schickten die Täter unter dem Beifall des Volkes ins Gefängnis. Ein anderes Mal mischten einige in den Zuruf des Volkes den Königsgruß, aber die Menge stimmte nicht ein, und Cäsar mußte erklären, er heiße Cäsar, nicht König. An einem Fest trat einst sein Mitkonsul Antonius mit einer Rede auf und wollte ihm dann eine Krone mit den Worten überreichen: „Dies sendet dir das römische Volk durch mich!“ aber das Volk brach in lautes Wehklagen aus, Cäsar wies das Geschenk zurück, und als Antonius fortfuhr ihm knieend das Diadem darzubieten, sagte er: „Nur Jupiter ist König!“ und schickte es auf das Kapitol.
Wenn nun auch diese Versuche, den königlichen Titel zu erhalten, mißlangen, so war doch sein Streben nach der Königswürde unverkennbar. Die Furcht vor der Gewaltherrschaft eines Königs, Cäsars beleidigender Stolz gegen vornehme Römer, der Haß einzelner Großen, die seine unumschränkte Macht nur mit tiefem Ingrimm ertrugen, brachten endlich eine Verschwörung zuwege, deren Zweck war den großen Diktator zu ermorden und die alte Ordnung wieder herzustellen.
Der Plan zu diesem Morde entsprang aus dem finsteren Gemüte des Gajus Cassius, der Cäsars Gnade das Leben verdankte. Er merkte aber bald, daß kein angesehener Mann seinem Anschlage beitreten werde, wenn nicht der damalige erste Prätor Marcus Brutus, Cäsars Liebling, ein wegen seiner reichen Bildung und strenger Sinnesweise hochangesehener Mann, sich seinem Plane anschlösse. Diesen suchte er daher vor allem dafür zu gewinnen. Bald legte er Zettel auf seinen Prätorstuhl mit den Worten: „Brutus, du schläfst!“ — oder „Du bist wahrlich kein Brutus!“ Bald schrieb er an die Bildsäule des alten Brutus, der vorzeiten das Königtum gestürzt und die Freiheit begründet hatte (S. 24): „O daß du noch lebtest, oder daß von deinen Nachkommen einer dir gleich wäre!“ Lange blieb Brutus unentschlossen. Als er endlich der Verschwörung beitrat, wirkte sein Beispiel so mächtig, daß bald sechzig andere, teils begünstigte Freunde Cäsars, teils begnadigte Feinde, sich anschlossen. Es fehlte ihnen nur noch die Gelegenheit zur Ausführung ihres Planes, und diese bot ihnen Cäsar selbst.
Damals, im Jahre 44, trug er sich mit dem großen Gedanken eines Kriegszugs gegen die Parther, um die noch nicht gesühnte Niederlage bei Karrhä (S. 157) an ihnen zu rächen und die Ostgrenzen des Reiches gegen diese mächtigen Feinde zu sichern. Sobald ihm dieses gelungen wäre, gedachte er längs den Küsten des kaspischen Meeres um den Kaukasus herum zu ziehen, in Skythien einzudringen und von da wieder westwärts durch die weiten Gebiete der Sarmaten, Daken, Germanen nach Italien zurückzukehren. Während er zu diesem Zuge die nötigen Anstalten traf, verbreiteten seine Freunde das Gerücht, daß nach einem Spruch der sibyllinischen Bücher (S. 22) die Parther nur von einem König besiegt werden könnten. Darum verlangten sie, daß Cäsar bloß in Italien Diktator heißen, in den Provinzen aber den Königstitel führen sollte. An den Iden des März (15. März, idibus Martiis, denn idus hieß nach römischem Sprachgebrauch der 15. oder 13. Tag eines Monates), sollte über diese Frage im Senate verhandelt werden, und so beschlossen denn die Verschworenen ihn an diesem Tage in der von Pompejus gebauten Kurie (Ratshalle), wohin der Senat berufen war, zu ermorden.
Vergebens warnten ihn drohende Anzeichen. Man fand, wie erzählt wird, eine alte eherne Tafel mit einer griechischen Inschrift, die auf seinen gewaltsamen Tod deutete; in der Nacht vor dem Morde gaben die heiligen Schilde auf dem Kapitol einen klingenden Ton; Cäsars Pferde wollten nicht fressen, und in den Tieren, die er opferte, fand sich kein Herz. Der Seher Spurinna warnte ihn gerade vor den Iden des Märzes. Doch Cäsars großes Herz war der Furcht und Sorge um sein Leben verschlossen. Am Abend des 14. März speiste er bei Lépidus, der als „Reiteroberst“ (magister equitum) dem Diktator als Gehilfe zur Seite stand. Während er dort einige Briefe unterschrieb, warf einer von den Gästen die Frage auf, welcher Tod der beste sei. Cäsar antwortete schnell: „Der unerwartete.“ Die Nacht darauf verbrachte er in großer Unruhe. Aufgeschreckt durch ein plötzliches Geräusch sah er bei hellem Mondlicht die Türen seines Gemachs von selbst geöffnet und hörte seine Gemahlin Calpurnia im Schlafe wehklagen. Ihr träumte, man hätte ihren Gemahl ermordet, und sie halte den Toten weinend in ihren Armen. Als der Morgen kam, bat sie, erschreckt durch diesen Traum, ihren Gemahl inständig zu Hause zu bleiben. Cäsar war bereit ihren Bitten zu willfahren, und gab schon dem Konsul Antonius den Auftrag den versammelten Senat wieder zu entlassen.
Inzwischen warteten bereits in der Kurie des Pompejus die Verschworenen, mit versteckten Dolchen bewaffnet, ungeduldig ihres Opfers, und besorgten schon, da Cäsar nicht kam, ihr Geheimnis wäre verraten. Sie schickten daher den Décimus Brutus, einen vertrauten Freund Cäsars, um sich nach der Ursache seines Säumens zu erkundigen. Cäsar erzählte ihm Calpurnias Traum. Aber Brutus stellte ihm vor, wie unklug es sei, seine Ernennung zum König verschieben zu wollen, bis ein Weib bessere Träume habe, und zog ihn an der Hand mit sich fort.
Noch hätte Cäsar dem Tode entgehen können, denn selbst auf dem Wege nach der Kurie wurde er auf mannigfache Art gewarnt. Kaum hatte er sein Haus verlassen, so drängte sich Artemidōros, ein gelehrter Grieche, zu ihm heran und überreichte ihm eine Schrift, in der die ganze Verschwörung entdeckt war. „Lies diese Schrift“, sprach er eifrig, „lies sie sogleich, sie enthält wichtige Dinge, die dich betreffen.“ Cäsar versuchte sie zu lesen, aber das Gedränge der Menschen um ihn her war zu groß; ungelesen nahm er die Schrift mit in die Kurie. Nicht mehr weit davon sah er den Spurinna und rief ihm lachend zu: „Die Iden des Märzes sind gekommen!“ — „Aber sie sind noch nicht vorüber“, antwortete Spurinna. Ohne sich an das Wort zu kehren, ging Cäsar in die Kurie. An der Tür wurde er noch durch ein Bittgesuch aufgehalten, dann schritt er sorglos zu seinem goldenen Sessel, der am Fuße der Bildsäule des Pompejus stand. Alle Verschworenen standen auf, um ihn zu empfangen; nur Trebonius stand am Eingang der Kurie, um den Konsul Marcus Antonius, den treuesten und kühnsten Anhänger Cäsars, von dessen Körperkraft und Geistesgegenwart alles zu befürchten war, zurückzuhalten.
Kaum hatte sich Cäsar auf seinen Sessel niedergelassen, so drängten sich die Verschworenen an ihn heran. Voran stand Tullius Cimber, um von Cäsar die Begnadigung seines verbannten Bruders zu erbitten. Die Verschworenen unterstützten sein Gesuch. Cäsar aber, unwillig über ihren zudringlichen Eifer, verwies sie auf eine andere Zeit. Da ergriff Cimber die Toga Cäsars und riß sie ihm von den Schultern. „Das ist ja Gewalt!“ schrie Cäsar. In demselben Augenblick stieß der hinter seinen Stuhl getretene Casca mit dem Dolche nach seinem Hals, verwundete ihn aber nur leicht. „Verruchter Casca, was machst du?“ ruft Cäsar und durchbohrt mit seinem silbernen Schreibgriffel des Mörders Arm; aber im Nu stoßen ihm alle Verschworenen ihre Dolche mit solcher Wut in den Leib, daß mehrere von ihnen sich selbst an der Hand verwundeten. Als Cäsar auch den Marcus Brutus unter den Mördern sieht, ruft er klagend aus: „Auch du, mein Sohn!“ und nun sagt er kein Wort mehr, sondern verhüllt sein Haupt und gibt sich ohne Widerstand allen Stößen preis. Von 23 Wunden durchbohrt, von denen aber nur eine tödlich war, sank er an der Bildsäule des Pompejus nieder (44).
Überrascht und entsetzt von dem schaudervollen Auftritt flohen die Senatoren auseinander. Brutus wollte sie anreden, aber niemand hörte auf ihn. Auch das Volk, unter das die Mörder mit dem Rufe der Freiheit traten, floh bestürzt. Eine Zeitlang lag der Ermordete allein in seinem Blute, bis ihn drei Sklaven in einer Sänfte in die Wohnung der Calpurnia trugen.
In Cäsar ging der größte Mann unter, den Rom je hervorgebracht hatte. Er war als Feldherr, Staatsmann und Gesetzgeber ohnegleichen, aber auch hervorragend als Redner, Geschichtsschreiber, Sprachforscher, Mathematiker und Architekt. Auch seine Persönlichkeit und Haltung ließ den geborenen Herrscher erkennen. Seinen von Natur etwas schwächlichen Körper hatte er so abgehärtet, daß er an Ausdauer keinem seiner Krieger nachstand. Er ertrug Hitze und Kälte, Hunger und Durst und alle Beschwerden und Anstrengungen des Krieges. In allen Leibesübungen zeichnete er sich aus und suchte als Reiter, Schwimmer und Fechter seinesgleichen. Seine Soldaten, denen er in jeder Hinsicht als Muster vorleuchtete, verehrten ihn mit abgöttischer Liebe und Treue.
XXVIII. Der dritte Bürgerkrieg. Marcus Antonius und Cäsar Octavianus.
Nachdem die Verschworenen die blutige Tat vollbracht hatten, waren sie durchaus ratlos, was sie nun weiter tun sollten. Sie hatten geglaubt, das Volk würde ihrem Werke der Befreiung zujubeln, begegneten aber fast überall einer feindlichen oder gleichgültigen Stimmung. Denn Cäsar hatte die Menge durch den Glanz seiner Taten und seine freigebige Großmut für sich gewonnen, und die „Freiheit“, welche Brutus und seine vornehmen Genossen gegen Cäsar zu verteidigen schienen, war in Wahrheit nur das bisherige Regiment der Großen und Reichen. Bald sollten die Mörder erfahren, daß sie einen milden Herrscher mit einem furchtbaren Tyrannen vertauscht hatten.
Der Konsul Antonius, ein entschiedener Anhänger Cäsars, der sich in der ersten Bestürzung versteckt hatte, trat nun hervor und beschloß die Rolle des Herrschers, die Cäsar gespielt hatte, selber weiter fortzuführen Er bemächtigte sich heimlich des öffentlichen Schatzes und erhielt von Calpurnia, der Gemahlin des Gemordeten, dessen schriftlichen Nachlaß. In einer Senatssitzung, der auch Antonius beiwohnte, wurde zwar den Mördern Verzeihung bewilligt, aber auch beschlossen, daß Cäsars Anordnungen fortbestehen sollten. In einer zweiten Sitzung wurden sogar den Häuptern der Verschwörung nach einer Anordnung, die Cäsar selbst schon getroffen hatte, die ihnen bestimmten Provinzen zugewiesen: Marcus Brutus erhielt Makedonien, Decimus Brutus das cisalpinische Gallien, und Cassius Syrien.
Bisda hatte Antonius seine herrschsüchtigen Absichten mit großer Schlauheit verborgen; nun aber trat er offener auf, und bei der Leichenfeier Cäsars offenbarte er, was die Mörder von ihm zu erwarten hatten. Um das Volk gegen diese aufzubringen, machte er zuerst das Testament Cäsars bekannt, in dem er dem Volke seine großen parkartigen Gärten jenseits der Tiber zu allgemeinem Gebrauch und jedem einzelnen Bürger 45 Mark vermachte. Dann folgte die Leichenfeier, die den Abscheu des Volkes gegen die Mörder, die ihm seinen Wohltäter entrissen hatten, auf den höchsten Grad steigern sollte.
Auf einem Gerüste, neben der Rednerbühne auf dem Forum, stand eine vergoldete Kapelle, eine Nachbildung des von Cäsar erbauten Venustempels; innerhalb der Kapelle, deren Dach auf Säulen ohne Wände ruhte, war ein mit Elfenbein ausgelegtes, mit Purpurteppichen bedecktes Ruhebett sichtbar. Auf dieses wurde nach vollendetem Trauerzuge der Sarg mit der Leiche, unter dem Wehklagen des Volkes und der Soldaten Cäsars, niedergesetzt. Sodann hielt Antonius eine Rede, worin er Cäsars unsterbliche Taten und Verdienste um Reich und Volk mit überschwenglichen Worten pries, und dann den an ihm verübten greulichen Mord in grellen Farben schilderte, und zugleich, die Augen voll Tränen, das blutige, von Dolchstichen zerstoßene Gewand des Ermordeten emporhob. Dabei stieg ein aus Wachs verfertigtes Bild Cäsars mit den 23 Wunden, unter denen die entstellende Wunde des Gesichts und die tödliche Brustwunde besonders auffielen, aus dem Sarg in die Höhe.
Bei diesem Anblick verwandelte sich das Wehklagen des Volkes in helle Wut gegen die Mörder, und man hätte sie zerrissen, wenn sie sich nicht rechtzeitig entfernt hätten. Als dann das Leichengerüst angezündet wurde, warf jedermann, was ihm an Geräten, Waffen und Schmuck zur Hand war, in das Feuer, das dadurch so gewaltig um sich griff, daß ein Haus in der Nähe in Brand geriet, und eine Feuersbrunst mit Mühe verhütet ward. Kaum konnte Antonius das wütende Volk zurückhalten, das mit Fackeln durch die Straßen der Stadt tobte und die Häuser der Mörder anzünden wollte.
Als Antonius das Volk für sich gewonnen hatte, brachte er es bald dahin, daß ihm der Senat eine Schutzwache bewilligte, die er selbst auf 6000 Mann vermehrte. Im Vertrauen auf diesen Schutz gab er, angeblich aus dem Nachlaß Cäsars, eine Verordnung nach der andern heraus, um sich Anhänger und besonders Geld zu verschaffen. Er verkaufte Ämter und Würden, verhandelte Königreiche und wußte sich dadurch Geld in solcher Menge zu verschaffen, daß er und Fulvia, seine schändliche Gemahlin, zuletzt das Geld nicht mehr zählten, sondern in Masse abwogen. Den Mördern Cäsars nahm er ihre Provinzen, indem er Makedonien, das Marcus Brutus hatte, für sich nahm und Syrien, das dem Cassius bestimmt war, dem Dolabella gab.
Doch auch gegen Antonius erhob sich bald ein Nebenbuhler, der schließlich den Sieg über ihn davontragen sollte.
Dies war der junge Octavius, der damals zu Apollonia in Illyrien sich aufhielt, wo ein Teil der Truppen stand, die Cäsar für den parthischen Krieg bestimmt hatte, und mit denen er an dem Feldzuge teilnehmen sollte. Als Enkel von Cäsars jüngerer Schwester Julia war er im Testamente Cäsars, seines Großoheims, der keinen eigenen Sohn hinterlassen, an Sohnes Statt angenommen und zum Haupterben eingesetzt. Er nannte sich deshalb fortan Gajus Julius Cäsar Octavianus.
Nach dem Tode Cäsars eilte er nach Italien, um sein Erbe anzutreten. Vor den Toren Roms strömten ihm die Freunde und Anhänger Cäsars entgegen. Ein farbiger Ring, der in dieser Stunde die Sonne umgab, ward als ein Zeichen seiner aufgehenden Größe gedeutet. Aber seine Lage war schwierig. Auf der einen Seite drohte ihm die Feindschaft der Mörder, die in ihm den Rächer ihrer Freveltat fürchteten, auf der anderen sperrte ihm die gewalttätige Herrschaft des Antonius den Weg zur höchsten Gewalt. Aber der achtzehnjährige Jüngling verfolgte gleich von Anfang an mit ungewöhnlicher Klugheit und Selbstbeherrschung das Ziel, das er sich steckte, Rache an den Mördern und Besitznahme der ersten Stelle im Staate. Er suchte deshalb zunächst eine enge Verbindung mit Antonius. Er verlangte von ihm die Herausgabe des Geldes, das Cäsar hinterlassen, um es nach den Bestimmungen des Testamentes unter die Bürger zu verteilen. Dies verweigerte Antonius unter allerlei Vorwänden, und behandelte überhaupt den „jungen Menschen“ mit hochfahrendem Stolze und Geringschätzung. Octavianus, obgleich tief erbittert, vermied es mit dem Gewaltigen zu brechen. Er ließ seine väterlichen Güter versteigern und zahlte aus dem Ertrag die Vermächtnisse aus, mit denen Cäsar das Volk bedacht hatte. Die Folge davon war, daß, während sich Antonius beim Volke verhaßt machte, Octavianus in dessen Gunst stieg, zumal da er nun auch der Menge kostbare Spiele gab. Während dieser Spiele zeigte sich sieben Tage lang am Himmel ein Komet, den Cäsars Partei als seinen Geist deutete, der unter die Götter versetzt sei.
Während Antonius den Senat mit steigender Anmaßung und trotzigem Übermut behandelte, bewies ihm der schlaue Octavianus die größte Ehrerbietung. Unter den alten Soldaten Cäsars hatte er viele Anhänger, die zu Tausenden seinen Fahnen zuströmten. An der Spitze dieser Truppen gelang es ihm den Antonius aus Rom zu verdrängen. Dieser ging, nach dem Ablauf seines Konsulates, in das diesseitige Gallien, welche Provinz er dem Decimus Brutus entreißen wollte; aber von den beiden neuen Konsuln und Octavianus bei Mútina (Módena) geschlagen, mußte er ins jenseitige Gallien fliehen (43).
Als die nächste Sorge vor Antonius vorüber war, glaubte der Senat den Octavianus entbehren zu können und begann ihn mit Kälte zu behandeln. Aber dieser wandte sich an seine treuen Legionen und stellte ihnen vor, daß ihnen in Rom der Lohn ihrer Taten verweigert würde. Da sandten die Truppen aus ihrer Mitte Abgeordnete an den Senat und forderten für Octavianus das Konsulat. Als man dies abschlug, rief einer der Abgeordneten, an sein Schwert schlagend: „Dieses wirds ihm geben!“ worauf Cicero erwiderte: „Wenn das bitten heißt, so wird man es ihm gewähren müssen.“ Nach dieser Weigerung des Senats rückte Octavianus mit acht Legionen gegen Rom vor, wo das Volk ihn mit Jubel aufnahm und der Senat sich in alle seine Forderungen fügen mußte. Seine Soldaten belohnte Octavianus aus dem öffentlichen Schatze; dann ließ er sich zum Konsul wählen und das Verbannungsurteil über Cäsars Mörder aussprechen. Um aber nachdrücklich an ihnen Rache nehmen zu können, hielt er es für zweckmäßig sich wieder mit Antonius zu verbinden.
Dieser hatte sich inzwischen in Gallien mit Lépidus vereinigt und eine Macht von 23 Legionen und 10000 Reitern zusammengebracht. Octavianus zog beiden entgegen, und Antonius ergriff die dargebotene Hand zu einer Vereinigung. Sie wählten eine kleine Insel auf dem Flusse Rhenus, unweit Bononia (Bologna) zum Orte ihrer Zusammenkunft. Beide Parteien, Antonius und Lepidus einerseits und Octavianus anderseits, rückten mit fünf Legionen an die Ufer dieses Flusses und schlugen von beiden Seiten eine Brücke nach der Insel zu. Lepidus, ein gemeinschaftlicher Freund der beiden andern, ging zuerst hinüber, um ihre Sicherheit zu prüfen; dann kamen auf ein gegebenes Zeichen Octavianus und Antonius, jeder mit 300 Mann, herbei. Diese blieben am Ende der Brücken zurück; sie selbst aber gingen auf eine Anhöhe, wo sie von ihren beiderseitigen Heeren gesehen werden konnten. Als sie beisammen waren, durchsuchten sie erst ihre Kleider, aus Furcht, daß irgend einer einen Dolch bei sich tragen möchte. Dann setzten sie sich nieder, um den Plan ihres Bündnisses zu entwerfen. Die Verhandlung dauerte drei Tage. Endlich kam nach manchem heftigen Streit ein Vergleich zustande. Der erste Punkt desselben betraf die höchste Gewalt im Staate; diese sollten alle drei gemeinschaftlich fünf Jahre lang ausüben unter dem Titel „Triumvirn zur Einrichtung des Gemeinwesens“. Dann verteilten sie die Provinzen unter sich; Italien als das gemeinsame Mutterland und die morgenländischen Provinzen, die damals noch Brutus und Cassius innehatten, wurden von dieser Teilung ausgenommen. Die Abendländer aber wurden auf folgende Art verteilt: Octavianus bekam Afrika, Sicilien und Sardinien, Antonius das diesseitige und jenseitige Gallien, Lepidus Spanien und einen Teil des jenseitigen Galliens. Hierauf verteilten sie die Geschäfte unter sich. Octavianus und Antonius sollten jeder mit zwanzig Legionen vereinigt den Krieg gegen Cäsars Mörder, namentlich gegen Brutus und Cassius, führen, während Lepidus als Konsul des nächsten Jahres (42) mit drei Legionen Rom und Italien in Gehorsam halten sollte. Der vierte Punkt ihrer Verabredung betraf die Belohnung der Legionen. Die Triumvirn machten aus, daß, nach Beendigung des Kampfes im Osten, achtzehn Städte in den reichsten und blühendsten Gegenden Italiens als Kolonien unter die Soldaten verteilt werden sollten, denen sie übrigens noch ansehnliche Geschenke baren Geldes versprachen. Zur Ausführung aller dieser Pläne brauchten sie unermeßliche Geldsummen, zu denen ihnen die Achtserklärung (Proskription) ihrer Gegner die Mittel liefern sollte. 300 Senatoren und 2000 Ritter wurden von der Ächtung betroffen, von denen jeder Triumvir einen Teil vorschlug und dabei selbst seine eigenen Freunde und Anhänger dem Haß der beiden andern preisgeben mußte. Endlich verpflichteten sich die Triumvirn zur Erfüllung dieses Vertrages durch einen feierlichen Eid und kehrten mit ihren Legionen nach Rom zurück, wo alsbald die Ächtungen ihren Anfang nahmen.
Überall in Italien wüteten Verrat und Mord; nur wenige der Geächteten retteten sich durch die Flucht, die meisten wurden von den Verfolgern ereilt, ihre Köpfe auf der Rednerbühne ausgestellt. Jedem Freien wurde der Kopf eines Verurteilten mit 12000, jedem Sklaven mit beinahe 6000 Mark bezahlt; die Angeber erhielten den gleichen Lohn; der Tod traf den, der einen Geächteten verbarg. Die Schreckenszeit Sullas kehrte wieder, aber die Zahl der Opfer war noch größer.
Unter den Opfern dieser Proskriptionen befand sich auch der große Redner Cicero, der einst, zur Zeit der Verschwörung des Catilina, sein Vaterland gerettet hatte. Er hatte sich den Antonius dadurch zu einem unerbittlichen Feinde gemacht, daß er gegen dessen eigenmächtiges und gewalttätiges Auftreten seine berühmten „philippischen Reden“ (Philippicae) hielt, und Octavian, von dem er bisher wie ein Vater verehrt worden war, hatte ihn herzlos dem Hasse des Verbündeten geopfert. Als die Listen der Geächteten in Rom bekannt wurden, auf denen auch sein Name stand, befand sich Cicero auf einem seiner Landgüter. Um sich zu retten, beschloß er nach Makedonien zu Marcus Brutus zu fliehen, allein körperliche Schwäche, Ängstlichkeit und Unentschlossenheit hinderten ihn an der Ausführung seines Entschlusses; zweimal ging er zu Schiffe und zweimal landete er wieder. Endlich drängten ihn seine Diener, die schon einen Haufen Soldaten gesehen hatten, welche nach ihrem Herrn spähten, die Flucht fortzusetzen. In einer Sänfte trugen sie ihn zur Küste. Aber mitten auf dem Wege begegneten sie den Häschern. Da Cicero sah, daß er nicht entrinnen konnte, ließ er die Sänfte niedersetzen und steckte den Kopf hinaus. An der Spitze der Soldaten stand Popilius Länas, ein Kriegstribun, dem Ciceros Beredsamkeit einst vor Gericht das Leben gerettet hatte. Eben dieser Mann eilte seinen Leuten zuvor, um selber den Blutlohn zu verdienen, und schlug seinem greisen Wohltäter, nach dem besonderen Auftrage des Antonius, des Todfeindes Ciceros, nicht nur das Haupt ab, sondern auch die Hände, mit denen er den Vortrag seiner Reden eindrucksvoll zu begleiten pflegte. Dies geschah am 7. Dezember des Jahres 43. Das abgehauene Haupt wurde dem Antonius überbracht, und nachdem Fulvia in ihrer Rachsucht die Zunge mit ihren Haarnadeln durchstochen hatte, nebst den Händen auf derselben Rednerbühne am Forum ausgestellt, wo Cicero so oft das Volk zu stürmischem Beifall hingerissen hatte. Er stand erst im 64. Lebensjahre.
Nachdem sich die Triumvirn auf so blutige und habgierige Weise eines großen Teiles ihrer Gegner im Senat und in der Ritterschaft entledigt hatten, beschlossen Octavianus und Antonius gegen Brutus und Cassius zu Felde zu ziehen, die inzwischen in Makedonien und Asien eine große Streitmacht und alle noch übrigen Anhänger der Republik um sich gesammelt hatten. Als diese von dem nahen Anzuge der beiden Triumvirn hörten, eilte Brutus nach Asien, um gemeinschaftlich mit Cassius über die Führung des Krieges zu beraten. Bei dieser Gelegenheit war es, wo, wie man sagt, dem Brutus ein Gespenst erschien. Einst saß er nämlich, wie er gewohnt war, bis tief in die Nacht in seinem Zelte, beschäftigt mit den Gedanken an den ungewissen Ausgang des bevorstehenden Krieges. Seine Diener schliefen, das Licht brannte düster, nichts regte sich, er war allein. Da hörte er plötzlich ein Geräusch; die Zelttür öffnet sich, und eine gespenstische Gestalt tritt auf ihn zu, ohne zu reden. Brutus richtet sich erschrocken auf und fragt: „Wer bist du, ein Gott oder ein Mensch, und was begehrst du?“ — „Ich bin dein böser Geist,“ antwortet die Gestalt, „bei Philippi sehen wir uns wieder.“ Furchtlos erwiderte Brutus: „Wohl, ich werde dich dort wiedersehen!“ Da verschwand die Gestalt. Gleich darauf rief Brutus seine Diener und fragte sie, ob sie etwas gesehen oder gehört hätten. Sie verneinten beides. Sobald der Morgen graute, ging Brutus zum Cassius und erzählte ihm den Vorfall der vergangenen Nacht. Cassius, der nicht an die Wirklichkeit eines Gespenstes glauben mochte, suchte sich die Erscheinung aus der erregten Gemütsstimmung seines Freundes zu erklären.
Von Sardis aus, wo sie ihre Legionen vereinigt hatten, brachen Brutus und Cassius nach dem Hellespont auf und setzten nach Thrakien über, wo bereits acht Legionen der Triumvirn standen. Bald kamen diese mit ihrer gesamten Macht hinzu und nötigten die Gegner, welche bei Philippi ein festes Lager bezogen hatten, zur Schlacht. Es kam dort zu einer Doppelschlacht, die aber den ganzen Krieg entscheiden sollte; sie endete mit der Niederlage der Mörder Cäsars (42). Die Triumvirn befehligten ein Heer von 100000 Mann zu Fuß und 13000 Reiter, ihre Gegner 80000 Mann zu Fuß und 20000 Reiter. Auf beiden Seiten siegten die rechten Flügel; Brutus drang siegreich vor und eroberte das Lager des Octavianus, der sich damals wegen Krankheit aus dem Lager entfernt hatte; dagegen schlug Antonius den Cassius vollständig zurück. Der geschlagene Cassius wußte noch nichts von des Brutus Sieg, als dieser eine Abteilung Reiter mit der Siegesbotschaft absandte. Cassius hielt sie in der Dunkelheit für Feinde und glaubte schon die Seinigen gefangen; da ließ er, um der Gefangenschaft zu entgehen, sich durch einen Sklaven töten. Als Brutus von seinem Tode hörte, rief er unter Tränen aus: „So ist der letzte Römer gefallen!“
Nach dieser Schlacht beschloß Brutus ein zweites Treffen zu vermeiden und sich in seiner vorteilhaften Stellung zu behaupten. Allein der Ungestüm seiner Soldaten, der weder durch Bitten noch durch Geschenke und Versprechungen zu bändigen war, forderte eine Schlacht, und so kam es denn ungefähr zwanzig Tage nach dem ersten zu einem zweiten Treffen bei Philippi. In der Nacht vor dieser Schlacht soll dem Brutus dieselbe Gestalt erschienen sein, die sich ihm vor seinem Übergange über den Hellespont gezeigt hatte; stumm ging sie diesmal vor ihm vorüber und verschwand.
Auch dieses zweite Treffen entschied gegen Brutus. Von beiden Seiten ward mit der größten Erbitterung gestritten; abermals drang Brutus in das Lager des Octavianus, da sprengte Antonius die Mitte des ihm gegenüberstehenden Flügels und trieb die Feinde in ihr Lager zurück. Dadurch bekam Octavianus Luft, drang auch wieder vor und half den Sieg vollenden.
Brutus wandte sich mit vier Legionen nach dem Gebirge und hoffte in der einbrechenden Dunkelheit zu entkommen, aber alle Ausgänge waren schon besetzt. Da seine Legionen keine Lust zeigten sich durchzuschlagen, gab er alle Hoffnung auf und stürzte sich in sein Schwert. Seine Truppen streckten die Waffen. Seine Gemahlin Porcia folgte ihm in den Tod, indem sie durch den Dunst glühender Kohlen ihr Leben endete.
Nach diesen Siegen nahmen die beiden Triumvirn eine neue Teilung des Reiches unter sich vor, wobei Octavianus den Westen, Antonius den Osten erhielt. Lepidus, der wegen seiner Unbedeutendheit von den beiden andern verachtet wurde, mußte sich mit der Provinz Afrika abfinden lassen.
In Kleinasien überließ Antonius sich ganz und gar seinem maßlosen Hange zur Schwelgerei, mit der er ungeheure Reichtümer in kurzer Zeit verschwendete. Einst schenkte er einem Zitherspieler die Steuern von vier Städten, und Köchen gab er für ein gutes Gericht reiche Häuser und Güter. Seine Lust an ausschweifenden Genüssen erreichte aber den höchsten Grad, als es der ägyptischen Königin Kleópatra gelungen war ihn, wie einst den Cäsar, in ihre Netze zu ziehen.
Diese Königin hatte es mit Brutus und Cassius gehalten und wurde deshalb von Antonius zur Rechenschaft gezogen. Sie kam, aber nicht als Angeklagte, sondern, um Antonius durch ihre Reize zu gewinnen, in dem Aufzuge der Göttin Venus. Auf einem vergoldeten Schiffe mit silbernen Rudern und purpurnen Segeln fuhr sie an der Küste Ciliciens, bei der Stadt Tarsos, den Kydnosfluß herauf. Als Venus gekleidet, saß sie in der Blüte der Schönheit unter einem goldgewirkten Zelte; zierliche Knaben als Liebesgötter fächelten ihr Kühlung zu, schöne Jungfrauen bedienten sie, während andere als Meergöttinnen die Ruder unter dem Klange von Flöten und Harfen bewegten, und angezündetes Räucherwerk den lieblichsten Duft verbreitete. Anstatt vor Antonius zu erscheinen, lud sie ihn zu sich zum Mahle. Er kam, und von dieser Zeit an lebte er mit Kleopatra in einem steten Taumel von Lüsten und ließ sogar die Parther ungestraft in Syrien einbrechen.
Durch solche Aufführung gab Antonius gegründeten Anlaß zu Klagen und Beschwerden, und sein Verhältnis zu Octavianus, das nie aufrichtig gewesen war, da jeder nur den andern zu verdrängen und sich zum Alleinherrscher zu machen suchte, wurde immer gespannter und feindseliger. Nur die Vermählung des Antonius mit des Octavianus tugendhafter Schwester Octavia vermochte die Eintracht auf kurze Zeit wieder herzustellen.
Während Antonius die Zeit am üppigen Hofe Kleopatras vergeudete, war Octavianus in rastloser Tätigkeit. Sextus Pompejus, der Sohn des großen Pompejus, Octavians tüchtigster Helfer in Krieg und Frieden, der an der Spitze einer Piratenflotte Italien und das westliche Meer jahrelang beunruhigte, ward endlich von Agrippa in der Seeschlacht bei Messāna völlig besiegt und zur Flucht nach Asien gezwungen, wo er gefangen und hingerichtet wurde. Auch den unbedeutenden Lepidus wußte Octavianus auf die Seite zu schieben, als dieser an der Spitze von zwanzig Legionen Sicilien verlangte. Er ging nach Messana und begab sich in das Lager des Lepidus, wo es ihm bald gelang dessen Heer abwendig zu machen. Als nun Lepidus sah, wie sein ganzes Heer zu Octavianus überging, warf er sich diesem zu Füßen und flehte um Gnade. Octavianus verachtete ihn zu sehr; er schenkte ihm Leben und Freiheit und ließ ihm die Würde des Oberpriesters bis an sein Lebensende.
Nun war das Triumvirat zu einem Duumvirat geworden; aber auch die Verbindung zwischen Octavianus und Antonius eilte ihrer Auflösung entgegen und verwandelte sich bald in offenen Bürgerkrieg. Die Veranlassung dazu war, daß Antonius, der mit Kleopatra fortwährend ein schwelgerisches Leben führte, seine edle Gemahlin Octavia verstieß. Da erklärte der Senat den Krieg gegen Kleopatra, der Antonius natürlich Beistand leistete. Dieser Krieg wurde durch die Schlacht bei Aktium (am Eingange des Meerbusens von Arta) entschieden (31 v. Chr., am 2. September), und dadurch der Untergang der Republik in eine Monarchie eingeleitet, an deren Spitze der Sieger, Cäsar, trat.
Die Kriegsmacht des Antonius bestand aus 100000 Mann zu Fuß nebst 12000 Reitern, sowie aus einer Flotte von 500 Schiffen, die von ungewöhnlicher Größe und deshalb für den Kampf in engen Gewässern zu schwerfällig waren. Octavians Landheer betrug 80000 Mann zu Fuß mit 12000 Reiter, und seine Flotte bestand aus 250 kleinen Schiffen, die aber leicht beweglich und trefflich bemannt waren. Vor allem kam es ihm sehr zustatten, daß der bewährte Seeheld Agrippa sie befehligte. Des Antonius Schiffe bildeten einen dichten Wall, den die Feinde lange Zeit vergeblich zu durchbrechen suchten. Endlich gelang es doch und es entstand eine Öffnung in die Octavians Schiffe eindrangen. Bei diesem Anblick fuhr Kleopatra, die mit ihren Schiffen hinter der Schlachtreihe gehalten hatte, davon, und Antonius, der ihr Schiff an dem Purpursegel erkannte, segelte ihr eiligst nach. Die Flotte kämpfte noch fort; zuletzt aber mußten sich die Schiffe, ihres Führers beraubt, ergeben. Das dem Antonius treu ergebene Landheer wartete noch sieben Tage auf seine Rückkehr, dann streckte es auch die Waffen und ergab sich dem Sieger. Dieser gründete später an der Stelle, wo sein Lager gestanden hatte, zu dauernder Erinnerung an den entscheidenden Sieg, die Stadt Nikópolis (Siegstadt) und stiftete in Rom zu jährlicher Feier die Aktischen Kampfspiele.
Im folgenden Jahre zog Octavianus gegen Ägypten, wo Antonius und Kleopatra ihr üppiges Leben fortgeführt hatten. Von allen seinen Truppen verlassen, empfing jetzt Antonius von der Königin, die sich seiner zu entledigen wünschte, die Nachricht, sie habe sich getötet. Da wollte auch er nicht länger leben und durchbohrte sich mit seinem Schwert. Als er aber, in seinem Blute liegend, hörte, daß sie noch lebte, verlangte er zu ihr gebracht zu werden. An Stricken wurde er in das obere Stock des Grabgebäudes hinaufgezogen, in das sie sich begeben hatte, und starb in ihren Armen. Nun versuchte die listige Kleopatra auch den siegreichen Cäsar durch ihre Reize zu berücken. Als ihr dies nicht gelang und er merken ließ, daß er sie zu seinem Triumph aufspare, beschloß sie zu sterben. Man fand sie entseelt auf einem Ruhebette liegend, im königlichen Schmuck; an ihrem Arme wollte man feine Stiche bemerken, die entweder von Nadeln oder von giftigen Nattern herrührten. Octavianus ließ sie mit königlichen Ehren bestatten.
Der Sieger machte Ägypten zu einer römischen Provinz und feierte nach seiner Rückkehr in Rom einen dreifachen Triumph (29). Er bezahlte seine Schulden, belohnte seine Krieger mit Land und Geld, und suchte auch das Volk durch reiche Gaben für seine neue Herrschaft zu gewinnen.
XXIX. Cäsar Octavianus als Augustus.
1. Augustus’ Regierung (30 v. Chr. bis 14 n. Chr.).
Wenngleich nun Octavianus durch die Siege über alle seine Gegner und an der Spitze eines erprobten und unbedingt ergebenen Heeres der wirkliche Beherrscher des römischen Reiches war, so war er klug genug die bisherigen Rechte des Senates und des Volkes wenigstens der Form nach bestehen zu lassen, und mit dem Senat eine Verfassung zu vereinbaren, die ihm selbst zwar nicht den Namen, aber die Gewalt eines wirklichen Monarchen verlieh. Anfangs zwar hatte er im Senate erklärt die Obergewalt niederlegen zu wollen, aber nur zum Schein. Der Senat, den er von allen unwürdigen oder feindlich gesinnten Mitgliedern gereinigt und auf die Zahl von 600 Senatoren beschränkt hatte, war auf dieses Gaukelspiel vorbereitet; er drang mit Bitten in ihn die Regierung doch länger zu behalten und Oberhaupt des Reiches zu bleiben. Lange sträubte sich Octavianus, endlich versprach er, auf inständiges Bitten der Senatoren, die Regierung über den Staat auf zehn Jahre weiter zu übernehmen. Dieses Spiel, wobei er sich seine Macht alle zehn oder fünf Jahre erneuern ließ und sie mit scheinbarem Widerstreben annahm, wiederholte Augustus in der Folge noch mehrmals. So schien es, als habe er die Alleinherrschaft nicht in gewaltsamer Weise an sich gerissen, sondern auf gesetzmäßigem Wege erlangt. Die Würden und Ämter der Republik ließ er zwar bestehen, wußte aber alle mit ihnen verbundene Gewalt auf sich zu übertragen. Als Imperator führte er allein den Oberbefehl über die bewaffnete Macht; als dauernder Inhaber der tribunicischen Amtsbefugnis (tribunicia potestas) hatte er allein das Recht das Volk zu versammeln und ihm Gesetze vorzuschlagen und wurde persönlich unverletzlich; als erstes und vornehmstes Mitglied des Senates (princeps senatus) hatte er die erste und maßgebende Stimme bei allen Beschlüssen dieses höchsten Staatsrates. Als diese neue Ordnung nach längeren Verhandlungen am 1. Januar 27 in Kraft trat, erhielt er vom Senat und Volk den Beinamen Augustus (der Erhabene) und wurde damit als erhaben über alle Bürger und göttlicher Verehrung würdig feierlich anerkannt. Er besaß überdies die Würde des Oberpriesters (póntifex maximus) und übernahm wiederholt das Amt des Konsuls. Der Monat Sextīlis erhielt ihm zu Ehren den Namen Augustus. So kam er in den Besitz einer unumschränkten Macht, seine Person war heilig und unverletzlich und den jährlichen Konsuln blieb wenig mehr als die damit verbundene äußere Würde und Ehre. Auch das Volk behielt noch seine Versammlungen, lernte aber unter Festen, Spielen und Getreidespenden seine Freiheit vergessen.
Unter Augustus war das römische Reich zu einer ungeheuren Ausdehnung gelangt, die fast alle Länder des damals bekannten Erdkreises umfaßte. Außer Italien gehörten dazu Gallien, Spanien, Griechenland, Makedonien, Thrakien, Kleinasien, Syrien, Ägypten und die ganze Nordküste Afrikas bis zur Grenze Mauretaniens. Alle diese Völker erkannten Roms Oberherrschaft an, nur die Parther im Osten und die Stämme der Germanen hatten sich noch nicht unter das römische Joch gebeugt. Die Statthalter dieser Provinzen, Prokonsuln oder Proprätoren, wurden teils von Augustus, teils vom Senat ernannt. An Stelle der alten Bürgerheere waren allmählich Söldnertruppen getreten, die von nun an zu stehenden Heeren wurden und an den von Feinden gefährdeten Grenzen, besonders am Rhein, an der Donau und am Euphrat ihre dauernden Lager hatten. Im ganzen unterhielt das Reich etwa 25 Legionen von je 6–7000 Mann. Außerdem standen in und bei Rom 9000 Mann als Leibgarde des Herrschers, die sog. prätorischen Kohorten, die zum Teil aus Germanen bestanden. Zwei mächtige Flotten sicherten das Meer, von denen die eine bei Ravenna im adriatischen, die andere bei Misēnum, nahe bei Neapel, ihren Standort hatte.
Nachdem sich Augustus in seiner Macht befestigt hatte, war sein Streben darauf gerichtet, durch die Wohltaten eines ungestörten Friedens die Greuel der Bürgerkriege und seine eigenen Grausamkeiten in Vergessenheit zu bringen. Die Bevölkerung des weiten Reiches begann sich, dank einer umsichtigen und gerechten Verwaltung, von den Leiden der langen verwüstenden Kriege zu erholen; Ackerbau, Gewerbe, Handel blühten auf, und mit dem steigenden Wohlstand gediehen auch wieder die Künste und Wissenschaften. Die Stadt Rom verschönerte er durch Aufführung der prachtvollsten Bauten so sehr, daß er sich mit Recht rühmen konnte, er habe das aus Backsteinen gebaute Rom in ein marmornes verwandelt. In den Werken der Baukunst wetteiferte mit ihm der edle Agrippa, sein Feldherr, Berater und Schwiegersohn; er erbaute unter andern prachtvolle Bäder und inmitten derselben einen riesigen Kuppeltempel, das Pantheon, so genannt, weil er dem Dienste aller Götter zusammen geweiht wurde. Außer Agrippa war es besonders der kunstliebende Mäcēnas, der Berater und Freund des Kaisers, der Gelehrte, Geschichtsschreiber und Dichter unterstützte und ihre Werke belohnte. Dieser Kreis von hochgebildeten Männern, der den Hof des Kaisers umgab, hat besonders dazu beigetragen, dem augustinischen Zeitalter den Charakter einer Hochblüte der römischen Literatur und Kunst zu verleihen.
Obschon sich Italien unter Augustus des tiefsten Friedens erfreute, der nach den zerrüttenden Bürgerkriegen dem erschöpften Lande die größte Wohltat gewährte, so gemahnten doch einige Verschwörungen, die gegen des Augustus Leben gerichtet waren, diesen an das Schicksal seines Großoheims Cäsar. Um so mehr war er darauf bedacht allen Schein des Machthabers von sich zu entfernen und in allen seinen Handlungen Mäßigung und Leutseligkeit zu beweisen. Den Senat behandelte er mit der größten Achtung; in der Stadt sah man ihn nur in der Tracht eines Senators, ohne daß irgend eine Auszeichnung an den weltgebietenden Imperator erinnerte. Bei der Rückkehr von einer Reise vermied er alles Aufsehen und hielt seinen Einzug gewöhnlich zur Nachtzeit. Er bewohnte ein einfaches Haus auf dem palatinischen Hügel; erst als dieses abgebrannt war, erbaute er das sogenannte Palatium, wovon das Wort Palast zur Bezeichnung fürstlicher Wohnungen abstammt. Es bleibt freilich zweifelhaft, ob die Tugenden, die Augustus als Kaiser entfaltete, in seinem Charakter begründet, oder eine Folge kluger Berechnung und des heilsamen Rates seiner Freunde waren. Soviel aber ist gewiß, daß ihn das Volk als seinen Wohltäter liebte, weshalb seine Zeitgenossen von ihm sagten: „Augustus hätte entweder nie sterben oder nie geboren werden sollen!“
Der viel gepriesene Beherrscher des Reiches mußte, wie um die Unbeständigkeit alles Menschenglückes zu bestätigen, in seiner Familie schweren Kummer und Herzeleid erfahren. Seine einzige Tochter Julia aus seiner dritten Ehe führte ein lasterhaftes Leben, und seine vierte Gemahlin Livia, die ihm zwei Stiefsöhne, den Tiberius und Drusus, zubrachte, ward für ihn die Ursache mancher häuslichen Sorgen. Die Nachfolge in der Regierung hatte er dem Marcellus, einem hoffnungsvollen Jüngling, dem Sohne seiner Schwester Octavia aus ihrer ersten Ehe und Gemahl der Julia, zugedacht, aber der Tod raffte diesen in der Blüte seiner Jahre dahin. Auch zwei Enkel aus der zweiten Ehe der Julia mit Agrippa sah der Kaiser vor sich ins Grab sinken, während ein dritter, Agrippa Pósthumus, ihn zwar überlebte, aber blödsinnig und zur Nachfolge unfähig war. So schwand ihm die Hoffnung die Herrschaft in seinem eigenen Geschlechte zu erhalten. Er nahm deshalb seinen Stiefsohn Tiberius, den älteren Sohn der Livia aus ihrer früheren Ehe mit Tiberius Claudius Nero, an Sohnes statt an, und erfüllte damit einen von Livia lange gehegten und eifrig betriebenen Plan. Tiberius war ein im Krieg und Staatsgeschäften rühmlich bewährter Mann, und da er zugleich auf Wunsch des Augustus die Julia, nach dem Tode ihres zweiten Gatten Agrippa, geheiratet hatte, so stand jetzt niemand der Thronfolge näher.
Inzwischen hatten Alter und häusliches Unglück die Kräfte des Kaisers aufgerieben. Um seine zerrüttete Gesundheit wieder zu stärken, unternahm er eine Reise nach Campanien. Anfangs war er ungemein munter, bald aber nahm die Schwäche seines Körpers zu, und er beschloß nach Rom zurückzukehren. Doch schon zu Nola in Campanien ereilte ihn der Tod. Als er sein Ende herannahen fühlte, forderte er einen Spiegel, ließ seine Haare in Ordnung bringen und seine gerunzelten Wangen glätten. Dann fragte er seine umstehenden Freunde: „Was dünkt euch, habe ich die Rolle meines Lebens gut gespielt?“ Als sie dies bejahten, fuhr er fort: „Nun, so klatscht Beifall, denn sie ist ausgespielt!“ Darauf verschied er, am 18. August, im 76. Jahre seines Lebens und im 41. seiner Regierung (14 n. Chr.). Sein Leiche ward nach Rom gebracht und daselbst feierlichst bestattet.
2. Kriege gegen die Deutschen. Arminius, Deutschlands Befreier.
Das Land der Germanen war zu den Zeiten des Kaisers Augustus im Norden von der Nord- und Ostsee, im Osten von der Weichsel und den Karpathen, im Süden von der Donau und im Westen vom Rhein begrenzt. Das Land war rauh und von undurchdringlichen Waldungen durchzogen. Der magere Boden trug nur Gerste, Hafer und Hanf. In den Urwäldern hauste zahlreiches Wild, Auerochsen, Renn- und Elentiere, Bären und Wölfe; auf den Felsen horsteten Adler und Falken. Die Bewohner dieses Landes, die Germanen oder Deutschen, waren durch blaue Augen und langes blondes Haar vor anderen Völkern kenntlich und überragten an Leibesgröße und Gliederbau die Bewohner der südlichen Völker. Schon von früher Jugend an übten sie sich Schwert, Lanze und Schild zu führen, und der Krieg war ihre liebste Beschäftigung, an deren Stelle im Frieden die Jagd trat. Ackerbau und Hauswesen überließen sie den Frauen und Knechten. Obschon dem Trunk und Spiel leidenschaftlich ergeben, zeichneten sie sich doch durch die Tugenden der Tapferkeit, Freiheitsliebe, Keuschheit, Gastlichkeit und vor allem durch Treue aus. Ihre Götter verehrten sie nicht in Tempeln, sondern im stillen Dunkel heiliger Eichenhaine; dorthin wallfahrtete das Volk; dort opferte der Oberpriester im Namen des gesamten Volks, und großes Gewicht legte man auf die Weissagungen kluger Frauen.
Da die Germanen beständige Einfälle in das den Römern unterworfene, an Wohlstand und Gütern aller Art viel höher entwickelte Gallien machten, so ließ Augustus endlich seinen jüngeren Stiefsohn Drusus sie in ihrem eigenen Lande angreifen. Vier Jahre nach einander, 12–9 v. Chr., machte Drusus Heerzüge in das Land der Germanen, legte jenseits des Rheines eine Reihe von Kastellen an, und drang von dort bis zur Elbe vor. Als er schon im Begriff stand diesen Fluß zu überschreiten, soll ihm eine germanische Wole oder weise Frau von übermenschlicher Gestalt auf dem jenseitigen Ufer zugerufen haben: „Wohin, Unersättlicher? Nicht alles zu sehen ist dir vom Schicksal beschieden. Kehre um, denn schon bist du am Ziele deiner Taten und Tage.“
Nach Errichtung eines Siegeszeichens an diesem Strom beschleunigte Drusus seinen Rückweg. Auf diesem aber stürzte er mit dem Pferde, brach den Schenkel und starb dreißig Tage darauf in den Armen seines Bruders Tiberius, der auf die Nachricht von seinem Unfall herbeigeeilt war.
Nach seinem Tode übernahm Tiberius den Oberbefehl. Mehr durch Klugheit, indem er die Zwietracht unter den deutschen Stämmen nährte, als durch offene Schlachten suchte er die Deutschen allmählich zur Unterwerfung zu bringen. Und er tat dies mit solchem Erfolg, daß die Römer das Land zwischen dem Rhein und der Weser schon als eroberte Provinz betrachteten und alsbald auch römische Gesetze, Sprache und Sitten einzuführen begannen.
Von seinen Nachfolgern ließ es sich besonders der Statthalter Quinctilius Varus angelegen sein das römische Gerichtswesen in Anwendung zu bringen. Und weil er anfangs überall Willfährigkeit zu bemerken glaubte, so wähnte er die neuen Einrichtungen in aller Ruhe durchführen zu können. Aber mit tiefer Entrüstung sahen die Germanen, wie ihnen ihre altheimischen Volksgerichte und ihre freie Gauverfassung entzogen, wie sie nach fremdem Rechte in fremder Sprache und von fremden Richtern verurteilt, wie sie mit Rutenstreichen mißhandelt, ja mit der Todesstrafe belegt wurden.
Am meisten empört über die Herrschaft fremden Rechts und fremder Sitte waren die Cherusker und unter ihnen vorzüglich Arminius (Hermann?), der Sohn Segimers, eines Cheruskerfürsten. Er hatte in römischen Kriegsdiensten gestanden, wie viele seiner Volksgenossen, und dort als Anführer einer cheruskischen Söldnerschar das römische Bürgerrecht und die römische Ritterwürde erlangt, aber auch die unersättliche Eroberungssucht und die Unterjochungskünste der Römer kennen gelernt. Jetzt, da Roms Absicht, die freien Germanen dem Reiche einzuverleiben, nahezu erfüllt schien, fühlte sich Arminius zum Retter seines Volkes berufen, und entwarf mit andern cheruskischen Edlen den Plan der Befreiung.
Sorglos waltete Varus in Germanien; die scheinbare Willfährigkeit der deutschen Häuptlinge hatte ihn sicher gemacht, und am allerwenigsten besorgte er von seiten des Arminius eine Gefahr, dem er solches Vertrauen schenkte, daß nicht einmal die Warnungen des Segestes, eines andern Cheruskerfürsten und Oheims des Arminius, bei ihm Eingang fanden. Während er an dem linken Ufer der Weser ein vergnügliches Lagerleben führte, erhielt er plötzlich Kunde von dem Aufstande eines benachbarten Stammes. Sofort traf er Anstalten zum Aufbruch und ließ sich bei einem Gastmahl von den cheruskischen Häuptlingen das Versprechen des Zuzugs wiederholen. Zwar machte ihn Segestes noch am Tage vor dem Aufbruch mit der ganzen Gefahr bekannt; aber Varus, der wohl wußte, daß zwischen Segestes und Arminius bittere Feindschaft bestand, weil dieser jenem seine Tochter Thusnelda entführt und wider seinen Willen zu seiner Ehefrau gemacht hatte, schenkte ihm keinen vollen Glauben. Eine höhere, den Germanen günstige Macht schien seinen Sinn geblendet zu haben, daß er jählings in das bereitete Verderben fiel.
Unter dem Vorwande, dem Prokonsul ihre Scharen zuführen zu wollen, trennten sich die germanischen Fürsten von ihm; daheim aber riefen sie die Ihrigen zur Freiheit. Von Gau zu Gau erscholl der Ruf und riß alle mit sich fort. Selbst Segestes, der Römerfreund, mußte sich anschließen, während sein Sohn Segimund, ein Priester, die heilige Binde zerriß und zu dem Freiheitskampfe eilte.
Nichts schlimmes ahnend, zog das Römerheer unter Varus, ohne strenge Ordnung, mit großem Troß und Gepäck, in langem Zuge durch Wald und sumpfiges Gelände, wo erst Wege durch das Dickicht gebahnt und Gewässer überbrückt werden mußten. Bald lockerten anhaltende Regengüsse den Boden so sehr, daß Roß und Mann einsank und allgemeine Erschöpfung eintrat. Plötzlich brachen die Germanen, anfangs einzeln, dann in Haufen von allen Seiten aus dem Dickicht hervor und griffen die vom Wege und Wetter erschöpften Römer an. Unter schweren Kämpfen erreichte das Heer endlich eine lichte Stelle, wo der Angriff nachließ und ein Lager zur Nachtrast geschlagen werden konnte.
Am folgenden Morgen ging der Zug weiter. Kaum hatten die Legionen den Teutoburger Wald erreicht, so wurden sie von neuem auf allen Seiten angefallen, und mit Mühe gelangten sie am Abend wieder an einen Platz, wo einige Ruhe die Ermüdeten erquickte. Aber auch am dritten Morgen wiederholte sich der Regensturm und der Angriff der Feinde. Die vom Regen erschlafften Bogensehnen versagten, und die schwere Bewaffnung empfand man als verdoppelte Last, während die leichtbewaffneten, mit ihrem Boden und Klima vertrauten Deutschen weniger gehemmt waren. Zwischen den Quellen der Lippe und Ems war die germanische Hauptmacht versammelt; hier kam es zum letzten Kampfe. Vor dem ungestümen allgemeinen Angriff weichen die erschöpften Legionen; ihre Reiter werfen sich in Flucht; ihre Adler werden genommen. Varus selbst, als er alles verloren sah, stürzte sich in sein Schwert, um die Schande nicht zu überleben; die noch übrigen Römer erlagen dem Schwerte der Germanen, und nur wenige entkamen.
Die Rache der erbitterten Sieger schonte auch der Gefangenen nicht: die vornehmsten Kriegshauptleute wurden an den Altären der Götter geopfert. Vorzüglich aber kehrte sich die Wut der Germanen gegen die römischen Richter und Sachwalter, die unter grausamen Martern getötet wurden. Der Leichnam des Varus wurde zerfleischt, sein Kopf von Arminius an Marbod, dem Könige der Markomannen in Böhmen gesendet, der sich eigensüchtig von dem Freiheitskampf ferngehalten hatte. Von den Gefangenen, die zu Leibeigenen gemacht wurden, hat mancher ehemalige Ritter oder Senator als Hausknecht oder Viehhüter eines deutschen Bauern seine übrige Lebenszeit zubringen müssen.
Diese Hermannsschlacht, im Jahre 9 n. Chr., vernichtete eines der tapfersten und geübtesten römischen Heere, das mit den Hilfstruppen auf 40000 Mann geschätzt wird. Als die Schreckensnachricht von der Niederlage nach Rom gelangte, geriet alles in größte Bestürzung. Schon glaubte man das linke Rheinufer samt Belgien und Gallien verloren und Italien bedroht; selbst Augustus verlor anfangs die Fassung so sehr, daß er, im Schmerz sein Gewand zerreißend, ausrief: „Varus, Varus, gib mir meine Legionen wieder!“ Mit ängstlicher Hast, als ob der Feind schon gegen Rom heranzöge, wurden alle Germanen und Gallier aus der Stadt entfernt und die deutsche Leibwache auf Inseln abgeführt. Allein die Sieger dachten nicht an Eroberung; sie zerstörten alle Denkmale römischer Knechtschaft, und kehrten dann wieder an ihren Herd zurück.
Tiberius eilte an den Rhein, um dem erwarteten Einbruch der Germanen zu wehren, beschränkte sich aber klüglich auf die Befestigung der römischen Herrschaft an diesem Strom. Jedoch unmittelbar nach Augustus Tod begann des Drusus Sohn, Germánicus, der Nachfolger des Tiberius im Oberbefehl am Rhein, den Eroberungsversuch zu wiederholen. Viermal in drei Jahren drang er in Germanien ein (14–16 n. Chr.) Im zweiten dieser Feldzüge hatte er das Land der Chatten (Hessen) verwüstet und war schon auf dem Rückzuge begriffen, als ihn der alte Römerfreund Segestes zur Hilfe gegen Arminius rief.
Segestes nämlich hatte seine Tochter Thusnelda, des Arminius Gemahlin, in dessen Abwesenheit wieder in seine Gewalt gebracht, und ward deshalb von seinem Eidam hart bedrängt. Sogleich kehrte Germanicus um und zwang durch einen Überfall den Arminius zur Aufhebung der Belagerung, worauf sich Segestes samt seiner Tochter in den Schutz der Römer gab. Bei dieser Übergabe schritt Thusnelda, ihrem Gatten, nicht ihrem Vater ähnlich, ohne Tränen, ohne Worte, die Hände unter der Brust gefaltet, mit gesenktem Blicke einher. In der Gefangenschaft gebar sie den Thumélicus, der späterhin zu Ravenna erzogen ward und dessen weiteres Schicksal unbekannt blieb. Arminius und Thusnelda sahen sich nie wieder.
Auf die Nachricht von des Segestes Übertritt und Thusneldas Gefangenschaft durchflog Arminius mit der Wut der Verzweiflung die cheruskischen Gaue und rief alle seine Bundesgenossen zur Rache auf gegen die Römer, die, sagte er, sich nicht schämten den Krieg durch Verrat und gegen schwache Weiber zu führen. So gelang es ihm wieder einen großen Bund der nordgermanischen Stämme gegen die Römer zustande zu bringen.
Um einem Angriffskriege der Germanen zuvorzukommen, eröffnete Germanicus den dritten Feldzug, in dem er bis zum Teutoburger Walde vordrang. Mit seinem ganzen Heere langte er bei der Walstatt der Varusschlacht an, wo seit sechs Jahren die römischen Krieger noch unbegraben lagen. Mit Grauen sahen die Römer die bleichenden Gebeine der Gefallenen, dazwischen zerbrochene Waffen, Pferdegerippe, an den Baumstämmen angenagelte Schädel, auf Altären die Reste der Geopferten. Einige, die damals der Schlacht entkommen und jetzt zugegen waren, zeigten die Stellen, wo die Legaten gefallen, wo die Adler genommen, wo Varus verwundet, wo die Gefangenen geschlachtet worden waren. Germanicus ließ alle Gebeine in ein gemeinsames Grab sammeln und legte selbst den ersten Rasen zu dem Erdhügel, der es decken sollte.
Während er auf einen sicheren Sieg seiner von Rachedurst entflammten Legionen hoffte, zogen sich die Germanen in die Wälder zurück, aus denen sie dann hervorbrachen und den Rückzug der Feinde beunruhigten.
Auf seinem vierten Feldzuge rückte Germanicus bis an die Weser, auf deren rechtem Ufer die Cherusker standen. Hier forderte Arminius seinen Bruder Flavius, der im römischen Heere diente, zu einer Unterredung auf, die von beiden Ufern aus gehalten wurde. Zunächst suchte Flavius, der im Dienste der Römer reichen Lohn und Ehre erhalten, aber ein Auge verloren hatte, den Bruder durch Aufzählung aller Vorteile auf die Seite der Römer zu ziehen. Aber Arminius erinnerte den Entarteten an die uralte Freiheit, an die heimischen Götter, an den Schmerz der Mutter, an die Pflicht gegen sein Vaterland, und beschwor ihn nicht der Verräter, sondern der Führer seines Volkes sein zu wollen. So leidenschaftlich und vorwurfsvoll ward schließlich die hin- und herschallende Rede, daß Flavius nach Roß und Waffen rief und es zwischen den Brüdern, ungeachtet sie der Fluß trennte, zum Zweikampf gekommen wäre, wenn nicht ein römischer Befehlshaber ihn diesseits des Stromes zurückgehalten hätte.
Nachdem Germanicus den Übergang über die Weser bewerkstelligt hatte, traf er auf die vereinigte Macht der Germanen und brachte ihnen in einer Ebene, Idistavisus (Feenwiese?) genannt, oberhalb der heutigen Stadt Minden, unter eigenem schweren Verlust, eine Niederlage bei. Allein der Mut und die Kraft der Germanen war dadurch nicht gebrochen. Empört über den Anblick der römischen Siegeszeichen, stand alles Volk ringsum auf; hoch und niedrig, jung und alt griff zu den Waffen, und so kam es zu einer zweiten Schlacht am Steinhudermeer. Furchtbar wütete hier das Schwert der Römer; aber auch die Germanen fochten mit dem Mut der Verzweiflung; Arminius selber ward verwundet. Daß sie gewichen wären, wird nicht berichtet, obschon die Römer sich den Sieg zuschrieben.
Schon gedachte Germanicus im folgenden Jahre doch noch die stolzen Cherusker zu demütigen, als ihn Tiberius, nicht etwa aus Neid auf seinen Kriegsruhm, wie die Gegner des Kaisers raunten, sondern aus der Überzeugung von der Erfolglosigkeit dieser Unternehmungen, vom Oberbefehl abrief, mit der Bemerkung, es sei genug getan und gelitten, mit Klugheit richte man gegen diese Feinde mehr aus als mit Gewalt, man werde sie fortan besser ihrer eigenen Zwietracht überlassen.
Und in der Tat brach die Uneinigkeit derselben bald in einen offenen Krieg zwischen Arminius und Marbod aus.
Der Markomannenkönig Marbod hatte sein Volk in das heutige Böhmen geführt und von hier aus einen Bund mit den anwohnenden Stämmen gebildet, den er noch immer weiter auszudehnen suchte. Zwischen ihm, der sich stets von der gemeinsamen Sache der germanischen Freiheit ferngehalten hatte, und Arminius, der an der Spitze der nordwestlichen Völker stand, entstand Feindschaft. Es kam zu einer Schlacht, die unentschieden blieb; aber dennoch bat Marbod den römischen Kaiser Tiberius um Hilfe, der dann einen Frieden zwischen Cheruskern und Markomannen zustande bringen ließ. Aber nicht lange, so wußte der schlaue Tiberius einen gotischen Fürsten zu einem Einfall in das Land der Markomannen aufzumuntern, der für Marbod so unglücklich endete, daß er, von allen verlassen, über die Donau fliehen und den Kaiser um eine Zuflucht bitten mußte. Die Stadt Ravenna wurde ihm als Aufenthalt angewiesen; dort lebte er noch achtzehn Jahre vom römischen Gnadenbrot und beschloß sein Leben als ein vergessener Mann.
Nicht lange nachher wurde auch Arminius ein Opfer der inneren Zwietracht. Er fiel durch den Verrat seiner Verwandten, die, eifersüchtig auf seinen Ruhm, ihm Streben nach Alleinherrschaft vorwarfen.
Von ihm urteilt der römische Geschichtsschreiber Tacitus: „Ohne Zweifel ist er der Befreier Germaniens gewesen. Er hat nicht, wie andere Könige und Feldherren, das römische Volk in seinen Anfängen, sondern in seiner ganzen Machtherrlichkeit bekämpft, und ist zwar in Schlachten nicht immer sieghaft, im Kriege aber unbesiegt gewesen. Er starb im 37. Jahre seines Lebens, im zwölften seiner Feldherrnmacht. Noch heute wird er bei seinem Volke in Liedern gefeiert.“ Ein kolossales ehernes Standbild, auf der Höhe der „Grotenburg“, südlich der Stadt Detmold, im Jahre 1875 in Gegenwart Kaiser Wilhelms I. eingeweiht, ist ein Zeichen, daß sein Andenken und sein Verdienst um die Erhaltung deutscher Freiheit und deutscher Stammesart noch heute vom deutschen Volke dankbar verehrt wird.
XXX. Kaiser Tiberius. (14–37 n. Chr.)
Augustus hatte dem Tiberius die Nachfolge gesichert. Als sich der Senat beeilte ihm die Herrschaft zu übertragen, weigerte er sich anfangs sie zu übernehmen, und lehnte mit anscheinender Bescheidenheit und Höflichkeit die dargebotenen Würden ab. Aber die Senatoren, welche die heuchlerische und versteckte Art seines Wesens und Redens kannten, ließen mit Bitten und Schmeicheleien nicht ab, bis er die Herrschaft übernahm. Nachdem die Vergötterung des Augustus, kraft welcher dieser den Beinamen „der Göttliche“ (Divus) erhielt, den oberen Göttern zugezählt und in eigenen Tempeln und durch eigene Priester verehrt ward, stattgefunden hatte, ward die Fülle aller Würden und Ehren, die jener besessen, auf den Tiberius übertragen. Unter ihm fielen die Volksversammlungen, die unter Augustus nur selten und bloß zum Schein berufen worden waren, völlig weg; ihre Befugnisse wurden dem Senate zugewiesen.
Tiberius führte die Regierung mit Kraft und Umsicht, und die ersten neun Jahre derselben verdienen volle Anerkennung; nur seiner Familie und dem Senate gegenüber zeigte er ein argwöhnisches und zurückhaltendes Wesen. Darin mochte ihn, außer früheren verbitternden Erfahrungen — er hatte sich auf Augustus’ Verlangen von seiner geliebten Vipsania, Agrippas Tochter, scheiden und die lasterhafte Julia, des Kaisers Tochter und Agrippas Witwe heiraten müssen — die heimliche Anfeindung bestärken, die er von den Anhängern des Germanicus und dessen stolzen und ehrgeizigen Gemahlin Agrippina erfuhr. Diese war als Tochter der Julia eine Enkelin, Germanicus, durch seine Mutter Antonia und Großmutter Octavia ein Großneffe des Augustus. Beide sahen den Tiberius als Eindringling in die ihnen gebührenden Thronrechte an. Zwar hatte dieser seinen Neffen Germanicus auf Wunsch des alten Kaisers als Sohn adoptiert und ihm dadurch die Nachfolge gesichert. Auch behandelte er ihn mit großer Nachsicht und Schonung. So hatte er ihn zwar aus Germanien abberufen, weil seine eigenmächtigen Feldzüge gegen die Deutschen ohne alle bleibenden Folgen waren, hatte ihm aber doch einen glänzenden Triumph bewahrt, bei welchem des Arminius Gattin Thusnelda mit ihrem dreijährigen Söhnlein mit aufgeführt ward. Da sich aber die Vorliebe des Volkes für den Germanicus zu deutlich kundgab, so suchte ihn der argwöhnische Tiberius aus den Augen des Volkes zu entfernen. Zu diesem Zweck übergab er ihm den Oberbefehl in Asien, um dort die gestörte Ruhe wieder herzustellen. Daneben beauftragte er den Calpurnius Piso mit der Statthalterschaft von Syrien, der dort, angeblich den geheimen Weisungen des Kaisers gemäß, den Befehlen des Germanicus stets zuwiderhandelte. Dieser reiste daher nach Syrien und bestrafte den ungehorsamen Piso mit Verweis und Entfernung. Als er gleich darauf in schweres Siechtum fiel, entstand der Verdacht, daß er durch Pisos und vielleicht sogar auf des Kaisers Anstiften ein zehrendes Gift getrunken habe. Seine Gattin Agrippina teilte und verbreitete diesen Verdacht. In ihren Armen starb Germanicus, fern von Rom, im Jahre 19 v. Chr. Ganz Italien wurde bei dieser Nachricht mit Trauer erfüllt, und die mit der Asche ihres Gatten zurückkehrende Agrippina zu Rom vom Volke mit der größten Teilnahme empfangen. Piso wurde zur Verantwortung gezogen, aber noch vor der Entscheidung seiner Sache ward er eines Morgens, von einem Schwert durchbohrt, auf dem Boden seines Gemachs gefunden. So blieb das Dunkel, das auf dem Tode des Germanicus ruhte, unaufgeklärt. Agrippina aber und die Freunde ihres Gatten ließen nicht ab in geheimen Umtrieben die Schuld seines Todes auf den Kaiser zu wenden.
Diese gehässige Feindschaft und Verleumdung trug dazu bei, des Kaisers angeborene Neigung zu Argwohn und Menschenverachtung zu steigern. Die Anklagen wegen Majestätsbeleidigung, die schon unter Augustus nicht selten gewesen waren, wurden seit dieser Zeit immer häufiger. Jede unvorsichtige Äußerung des Unwillens oder Tadels gegen die Person des Kaisers, jeder zweideutige Ausdruck wurde von dem immer gefügigeren Senat mit Verbannung oder Tod bestraft, und da die Angeber belohnt wurden, so warfen sich viele verworfene Menschen mit Eifer auf dies abscheuliche Gewerbe.
So mißtrauisch Tiberius war, so wußte ihn doch sein Günstling Älius Sejanus, der Befehlshaber der Prätorianer, mit listiger Schmeichelei und dem Schein unbedingter Treue zu umstricken. Auf seinen Vorschlag wurden sämtliche Abteilungen dieser Garden in einem festen Standlager, dicht unter den Mauern Roms, vereinigt. Von dieser Zeit an konnte sich der Kaiser dieser Truppen zur Durchführung jeder gewaltsamen Maßregel bedienen, und der Befehlshaber dieser Prätorianer ward nach dem Kaiser die wichtigste und mächtigste Person des Staates.
Acht Jahre lang (23–31) stand der sonst gegen jedermann argwöhnische Kaiser unter dem Einfluß dieses Günstlings, dem er auch die Leitung der Regierung vertrauensvoll überließ. Er selber, in stolzer Menschenverachtung, müde der niedrigen und eigensüchtigen Unterwürfigkeit des Senates und des Volkes, hatte sich auf der einsamen Felseninsel Capreä (Capri), am Eingang des herrlichen Busens von Neapel, prächtige Schlösser gebaut, und lebte dort, fern vom Gewühl der Hauptstadt, seinen Neigungen. Aber auch dorthin verfolgte ihn die hämische Verleumdung und erzählte von unerhörten Ausschweifungen, denen sich der alternde Kaiser auf seiner Insel ergäbe.
Inzwischen schaltete Sejanus in Rom mit unumschränkter Gewalt. Seine Bildsäulen standen allenthalben neben denen der kaiserlichen Familienglieder. Bereits hatte er des Kaisers Sohn und Nachfolger Drusus durch Gift aus der Welt geschafft, und gegen die Familie des verstorbenen Germanicus wütete er mit Verbannung und Einkerkerung. Agrippina ward mit einem ihrer drei Söhne auf eine öde Insel verbannt, ein anderer wurde in einem Kerker eingeschlossen. Als er aber endlich seine Hand auch nach dem Throne ausstreckte, da wurden dem Tiberius die Augen über seinen Günstling geöffnet. Er ernannte in der Stille einen neuen Befehlshaber der Garden, und dieser legte eines Tages dem Senat den kaiserlichen Befehl zur Verhaftung des ahnungslosen Sejanus vor. Nicht nur der gefallene Günstling ward hingerichtet, sondern Tiberius ließ auch seine Kinder, Verwandten und Anhänger in großer Zahl umbringen.
Denn nach dieser neuen bitteren Erfahrung verdüsterte sich der Sinn des Kaisers immer mehr. Jetzt erst ward er wirklich grausam und blutdürstig. Fast täglich fielen vornehme Männer und Frauen als Opfer schändlicher Angeberei; mancher nahm, um einer martervollen Hinrichtung zu entgehen, sich lieber selbst das Leben. Agrippina und zwei ihrer Söhne mußten im Kerker den Hungertod sterben. Von der Familie des Germanicus blieben, außer den Frauen, nur Claudius, sein Bruder, und sein jüngster Sohn, Gajus Caligŭla, übrig. Endlich erkrankte der 78jährige Tyrann auf seiner Insel und fiel in eine todähnliche Ohnmacht, worauf sogleich die ganze Umgebung den jungen Gajus den Tiberius an Sohnes Statt angenommen hatte, als neuen Kaiser begrüßte. Aber Tiberius kam wieder zu sich, und nun schien Gajus verloren. Da faßte Macro, wie erzählt wurde, der Befehlshaber der Prätorianer, einen raschen Entschluß; er ließ Polster und Decken auf den Kranken werfen und ihn darunter ersticken.
XXXI. Die Kaiser Gajus Caligula (37–41) und Tiberius Claudius (41–54).
Gajus, der jüngste Sohn des Germanicus und der Agrippina, hatte, da er mit seiner Mutter als Kind im Feldlager seines Vaters am Rhein lebte, von den Soldatenstiefelchen (caligae), die er trug, von den Soldaten den Beinamen Caligula erhalten. Ihm allein war es gelungen durch den Schein kindlicher Demut und Liebe das Herz des Tiberius zu gewinnen, und als er nach dem Tode des alten Despoten als junger Kaiser in Rom erschien, jauchzte ihm alles Volk wie einem Erlöser aus harter Knechtschaft entgegen. In der Tat schien er anfangs die auf ihn gesetzte Hoffnung erfüllen zu wollen. Er stellte die Untersuchungen gegen die Verfolgten ein, wies die Angeber zurück, und machte sich durch Freigebigkeit beliebt. Aber schon nach wenigen Monaten zeigte er seine wahre Natur. Er erwies sich in Wirklichkeit als der schreckliche Tyrann und ausschweifende Lüstling, für den Tiberius so lange gegolten hatte. So sehr ging sein Tun und Denken gegen alle Vernunft, daß man ihn für wahnsinnig halten mußte. In solchem Wahnsinn verfiel er auf die grausamsten Handlungen. Den ungeheuren Schatz von 420 Millionen Mark, den sein sparsamer Vorgänger gesammelt hatte, verschwendete er gleich im ersten Jahre seiner Regierung. Über die Meeresbucht zwischen Bajä und Putéoli, unweit des heutigen Neapels, eine Stunde weit, baute er eine Schiffbrücke und legte auf derselben eine Kunststraße an mit Häusern auf beiden Seiten, bloß um einmal in einem Prachtzuge darüber fahren und sagen zu können, er habe das Meer in Land verwandelt. Seinem Leibpferde Incitatus, dem er die Würde eines Konsuls zugedacht hatte, ließ er einen Palast mit Hofhaltung einrichten, es mit vergoldetem Hafer füttern, ja sogar an seiner eigenen Tafel fressen. Als er durch solche wahnsinnige Streiche, durch Volksspeisungen und öffentliche Spiele den Schatz vergeudet hatte, zwang er, um wieder Geld aufzubringen, die Reichen die Kosten der öffentlichen Spiele zu tragen und ihm große Geschenke und Vermächtnisse zu machen. Viele ließ er hinrichten, um ihr Vermögen einzuziehen; er drückte die Reichen durch eine Menge von Steuern und errichtete endlich eine Spielbank, wobei er selbst den falschen Spieler machte. Seiner Grausamkeit wurden viele Menschen geopfert; manche ließ er lebendig zersägen, andere den wilden Tieren vorwerfen, ja bei den Tierhetzen, wenn gerade keine Verbrecher mehr da waren, Zuschauer ergreifen und den Tieren preisgeben. In seinem Blutdurste wünschte er, daß das ganze römische Volk nur einen Kopf haben möchte, um ihn mit einem Streich abschlagen zu können. Sein Wahlspruch war: „Mag man mich hassen, wenn man mich nur fürchtet!“ (Odĕrint, dum métuant!)
In seiner Eitelkeit wollte er auch als siegreicher Eroberer glänzen. Er unternahm deshalb sogenannte Feldzüge nach Germanien und Britannien. Er ließ nämlich von Gallien aus einige germanische Söldner über den Rhein setzen und sich dort verstecken; dann zog er mit einem Teil der Reiterei hinüber und brachte sie als Gefangene zurück: das war sein Sieg über die Germanen! Ebenso stellte er ein ungeheures Heer an Galliens Nordküste auf, angeblich zum Zuge gegen Britannien, fuhr dann auf einem Prachtschiff ein wenig ins Meer hinaus, und ließ nach seiner Rückkehr die Soldaten am Strande Muscheln sammeln, die er nachher als eine dem Ozean abgenommene Beute samt einer Anzahl Gefangener, die aus Galliern in germanischer Tracht bestanden, bei seinem Triumph in Rom aufführte.
Nachdem er so fast vier Jahre lang gewütet hatte, bildete sich unter seiner Umgebung, die zuletzt ihres eigenen Lebens nicht mehr sicher war, eine Verschwörung, und zwei Hauptleute seiner Leibwache ermordeten den Kaiser samt seiner Gemahlin und seiner Tochter (41).
Während der Ermordung Caligulas hatte sich sein Oheim Tiberius Claudius hinter einem Türvorhang versteckt. Ihn zogen jetzt die Soldaten der Leibgarde hervor und huldigten ihm als Kaiser, wofür er ihnen eine große Summe Geldes versprechen mußte. Der Senat ward genötigt ihn anzuerkennen. Wenn auch Claudius in Geschichte und Sprachen wohl unterrichtet war, so fehlten ihm doch alle Eigenschaften zur Regierung des Reichs. Er überließ sie Günstlingen und Frauen. Unter diesen hatten besonders die durch ihren sittenlosen Wandel berüchtigte Messalina, und nach ihrer Hinrichtung die, zwar nicht sittenlose, aber weit herrschsüchtigere Agrippina, eine Tochter des Germanicus und Schwester des Caligula, großen Einfluß. Da Agrippina den Sohn des Kaisers von der Messalina, den Britannicus, vom Throne zu verdrängen suchte, um ihrem eigenen Sohn aus erster Ehe, dem Domitius Nero, Platz zu machen, so bewog sie den alten willensschwachen Kaiser diesen als Sohn anzunehmen. Sobald ihr dies gelungen war, ließ sie den alten Kaiser durch vergiftete Pilze töten, welche die berüchtigte Giftmischerin Lacusta bereitet hatte. Daran ward Nero, als der ältere der beiden Söhne, auf den Thron gehoben.
XXXII. Nero (54–68).
Nero gelangte im Alter von siebzehn Jahren zur Regierung. Solange er sich der weisen Leitung des Burrus, des Obersten der Garde, und seines Erziehers, des beredten und geistvollen Séneca hingab, regierte er ohne Tadel und zeichnete sich durch Bescheidenheit und Milde, durch Wohltätigkeit und Enthaltsamkeit so sehr aus, daß man die ersten fünf Jahre (quinquennium) seiner Herrschaft das glückliche Quinquennium des Nero genannt hat. Doch alle diese Tugenden waren nur die Wirkung des Zwanges und der Verstellung. Länger vermochte der junge Monarch die Maske der Tugend nicht zu tragen, er warf sie ab und offenbarte alsbald einen solchen Hang zu Grausamkeit, Eitelkeit und Heuchelei, daß er ein wahres Ungeheuer von einem Tyrannen wurde.
Da ihm seine Mutter Agrippina Vorwürfe über seine Ausschweifungen machte und ihm drohte den jüngeren Stiefbruder Britannicus, an dem sich treffliche Eigenschaften entwickelten, auf den Thron zu erheben, so beschloß Nero sofort dessen Tod. Eines Tages ward bei einem Festmahle ein warmes Getränk umhergereicht, dieses aber dem Britannicus so heiß gegeben, daß er es nicht trinken konnte. Eiligst wurde kaltes Wasser zugegossen, das die oben erwähnte Locusta vergiftet hatte. Kaum hatte Britannicus davon getrunken, als er vor Neros und aller Gäste Augen leblos niederfiel. „Es ist nichts als die Fallsucht, die er schon öfters gehabt!“ rief der heuchlerische Nero und ließ die Leiche wegschaffen, aber gleich in der Nacht auf einem Scheiterhaufen verbrennen, Agrippina mußte den kaiserlichen Palast räumen und verlor allen Einfluß. Bald ließ sich Nero durch die schöne, aber lasterhafte Poppäa Sabina bewegen seine tugendhafte Gemahlin Octavia, die Schwester des Britannicus, zu verstoßen und seine eigene Mutter zu ermorden. Burrus und Seneca bebten vor diesem Entschluß zurück, hatten aber nicht den Mut sich zu widersetzen. Auf den Vorschlag eines Günstlings wurde in der Nähe von Bajä eine Lustfahrt auf dem Meere veranstaltet. Bei dieser Gelegenheit sollte Agrippina mit dem Schiffe versenkt werden. Doch der Anschlag mißlang, Agrippina rettete sich ans Land, ward aber gleich darauf von gedungenen Mördern in ihrer Wohnung umgebracht.
Seitdem von Gewissensangst verfolgt, suchte sich Nero durch den Taumel wilder Vergnügungen zu zerstreuen. Er scheute sich nicht, um seiner krankhaften Eitelkeit zu frönen, öffentlich als Wagenrenner, Zitherspieler, Sänger und Schauspieler aufzutreten, ohne auf die Mahnungen des Burrus und Seneca Rücksicht zu nehmen. Als Burrus starb und Seneca sich ganz vom Hofe zurückzog, konnte sich nun Nero ganz den Einflüsterungen elender Günstlinge hingeben. Seine Verschwendung war schrankenlos; oft warf er am Schlusse der Feste, die er dem Volke gab, kleine Kugeln unter dasselbe, auf denen Anweisungen auf Geld, Edelsteine, Gemälde, Pferde, Äcker und Landgüter standen, die dann dem glücklichen Erhascher ausgehändigt wurden. Darum mochte ihn sowohl das Volk, das er durch Spiele und Kornspenden befriedigte, als auch das Heer, das er reich besoldete, wohl leiden.
Die größte Greueltat in seiner Regierung war der Brand von Rom. Um sich eine schönere Hauptstadt bauen zu können, ließ er Rom an verschiedenen Stellen anzünden; seine Mordbrenner durchzogen die Stadt, drangen mit Fackeln und Brandstoffen in die Häuser und hinderten die Leute mit Gewalt am Löschen. Während der Feuersbrunst stand er auf einem Turme und sah mit grausamer Lust dem furchtbaren Schauspiel zu, indem er dabei ein Gedicht von Trojas Untergang deklamierte. Durch diesen Brand ward ein großer Teil der Stadt in Asche gelegt und unsägliches Elend über die Bevölkerung gebracht, die damals bereits gegen eine Million betrug. Es war also natürlich, daß sich eine wütende Entrüstung gegen die Anstifter zu verbreiten begann. Darum suchte er mit teuflischer Arglist die Schuld auf die Christen zu schieben, die, weil sie sich von allen öffentlichen, mit heidnischen Gebräuchen verbundenen Festlichkeiten zurückhielten, dem Volke schon lange verdächtig und verhaßt waren. Viele derselben wurden als Mordbrenner angeklagt und verurteilt, ein Teil enthauptet oder gekreuzigt, ein anderer in Felle wilder Tiere genäht und den Hunden zum Zerfleischen vorgeworfen, andere mit Pech übergossen und angezündet, um wie Fackeln in langen Reihen bei nächtlichen Rennspielen zu leuchten. So ward Nero der Urheber der ersten Christenverfolgung.
Darauf ließ Nero die Stadt neu aufbauen, wobei er ein ganzes Quartier für sich nahm und daselbst mit verschwenderischer Pracht einen Palast, das sogenannte goldene Haus, bauen ließ, das mit Gärten, Bädern, Lusthäusern, sogar mit Seen und Wildbahnen umgeben ward. Um die ungeheuren Kosten zu decken und das Innere auszuschmücken, mußten alle Provinzen, besonders die Tempel Griechenlands und Asiens, einen Teil ihrer Geld- und Kunstschätze dazu steuern, und selbst die Heere ihren Sold entbehren. Dadurch machte er sich allgemein verhaßt, und es bildete sich eine Verschwörung von Senatoren und Rittern, um ihn zu stürzen und den edeln Gajus Piso auf den Thron zu setzen. Aber die Verschwörung wurde entdeckt, Piso gab sich selbst den Tod, und viele andere wurden hingerichtet Auch Neros Lehrer Seneca wurde, obschon unschuldig, zum Tode verurteilt. Da man ihm die Gunst gewährte sich selbst töten zu dürfen, so öffnete er sich die Adern; da aber bei dem Greise das Blut zu langsam floß, ließ er sich durch die Dämpfe eines Bades ersticken. Seine treue Gattin teilte freiwillig sein Schicksal.
Um die Angst seines Gewissens zu betäuben, stürzte sich Nero in immer neue Zerstreuungen. Er reiste nach Griechenland, wo er in den Spielen als Sänger und Wagenlenker auftrat. Als die Griechen seine Kunst bewunderten und ihm den Preis zuerkannten, verkündete er selber als Herold Griechenlands Freiheit, was ihn jedoch nicht hinderte die griechischen Tempel zu plündern. Mit 1800 Siegeskränzen geehrt, kehrte er nach Rom zurück und feierte wegen seiner Kunstsiege einen Triumph.
Vierzehn Jahre lang hatte Nero auf diese Weise regiert, als sich einige Statthalter gegen ihn empörten. Noch hätte der Aufstand unterdrückt werden können, wenn er sich zu entschlossenem Widerstande hätte aufraffen können. Als es zu spät war, als in Rom selbst der Aufstand siegte, machte er sich, von allen verlassen, auf die Flucht, um sich auf einem Landgut bei Rom zu verstecken. Dahin ritt er mit vier Begleitern in einer sturmvollen Nacht; der Beherrscher der Erde hatte sich in einen schlechten Mantel vermummt und hielt sich ein Tuch vor das Gesicht. Zuckende Blitze erleuchteten den Weg. Neros Pferd ward scheu. Reisende, die ihnen begegneten, fragten: „Was neues von Nero?“ Einen andern hörten sie sagen: „Die setzen gewiß auch dem Nero nach.“ So geängstigt erreichte er halbtot das Landgut. Er wagte es nicht durch den gewöhnlichen Eingang in das Haus zu kommen, und bis man ihm eine Öffnung durch die Mauer gebrochen hatte, versteckte er sich im Schilf und schöpfte sich, von Durst gequält, mit der Hand Wasser aus einer Pfütze. Am folgenden Tage erhielt er die Nachricht, der Senat habe ihn als einen Feind des Vaterlandes geächtet, der, wenn man ihn fände, nach der Sitte der Vorfahren hingerichtet werden sollte. Seine Begleiter forderten ihn dringend auf dieser Schande zuvorzukommen; er versuchte auch, unter unsäglichem Wehklagen, sich selbst zu töten, aber er fand nicht den Mut dazu. „Welch ein Künstler geht in mir unter!“ rief er einmal über das andere aus. Da sprengten Reiter heran. Nun ergriff er den Dolch und ein Freigelassener half beim Stoß in die Kehle. Die Reiter, die ihn gern lebendig fangen wollten, traten ein, als er sich fast verblutet hatte. Er stand im 32. Jahre, als er starb (68). Mit ihm war Cäsars Geschlecht gänzlich erloschen.
XXXIII. Flavius Vespasianus (69–79). Seine Söhne Titus (79–81) und Domitianus (81–96).
Nach Neros Tode ward der spanische Statthalter Galba, der an der Spitze der Empörung stand, zum Kaiser ausgerufen, ward aber in Kürze durch Otho gestürzt, wider den wieder der Befehlshaber der am Rhein stehenden Legionen, Vitellius, sich erhob und in blutigem Bürgerkriege obsiegte. Gegen Vitellius ward im Osten des Reiches der Statthalter Syriens, Flavius Vespasianus, aufgestellt, und erst diesem gelang es wieder eine dauernde Regierung herzustellen.
Vespasianus stand eben mit seinen Legionen in Palästina, wo er einen furchtbaren Aufstand der Juden gegen den Druck der römischen Herrschaft zu bekämpfen hatte. Die Juden wehrten sich als Verzweifelnde. So lag sechs Wochen lang ein römisches Heer von 60000 Mann vor der Stadt Jotápata in Galiläa, ehe es sie erobern konnte. Vierzigtausend Juden verloren dabei ihr Leben. Neben dem Krieg gegen den äußeren Feind wüteten furchtbare innere Zwistigkeiten unter den Juden selbst. In Jerusalem hatte sich eine wütende Rotte, Zeloten (Eiferer) genannt, vor welcher die Gemäßigten, die den Frieden wünschten, zitterten, der Tempelburg bemächtigt und führte eine furchtbare Schreckensregierung. Bald zerfielen auch die Zeloten in zwei Parteien, welche einander mit der größten Heftigkeit bekämpften, weshalb Vespasianus den Angriff auf Jerusalem verschob, weil er darauf rechnete, daß diese Wütenden selbst einander aufreiben würden.
Als die Nachricht von Neros Tode und von den neuen Machthabern Roms sich verbreitete, trugen die Statthalter der östlichen Provinzen dem Vespasianus die Kaiserwürde an. Er nahm sie an und überließ die Fortsetzung des Krieges seinem Sohne Titus.
Dieser rückte im Jahre 70 vor Jerusalem, wo die Zerrüttung und das Elend den höchsten Grad erreicht hatten. Die drei Parteien machten einander den Besitz der Stadt und des Tempels streitig, und taten alles, um sich gegenseitig zu verderben. Indes war Jerusalem so stark befestigt, daß es kaum mit Waffengewalt einnehmbar schien. Titus bot den Eingeschlossenen Verzeihung an, aber sie wollten sich durchaus nicht ergeben. Die Hungersnot stieg in der von Flüchtlingen vollgedrängten Stadt so hoch, daß eine Mutter ihr Kind schlachtete und aß. Als Titus das hörte, rief er mit Entsetzen über die Empörer aus: „Sie allein tragen die Schuld dieses Frevels! Ich will den Greuel des Kindesfraßes mit den Trümmern der Stadt bedecken; die Sonne soll nicht mehr eine Stadt bescheinen, in der Mütter also sich nähren!“
Neben dem Hunger wüteten Seuchen in der unglücklichen Stadt. Die Leichen wurden zu Tausenden über die Mauern geworfen. Nachdem die Römer den äußeren Mauerring erstürmt hatten, richtete sich ihre ganze Macht gegen den Tempel, der von einem Haufen todesmutiger Männer auf das tapferste verteidigt wurde. Aber dem unaufhaltsam vordringenden Angriff erlagen alle Widerstände. Mauer auf Mauer warfen die Sturmwidder der Römer nieder und erreichten endlich die den Tempel umgebenden Hallen. Titus wünschte dies Prachtgebäude zu erhalten, aber umsonst. Die Juden glaubten, ihr Tempel könne gar nicht erobert werden, Gott selber müsse ihn beschützen. Aber die römischen Soldaten warfen Feuer hinein, und bald bedeckte ein Flammenmeer den gewaltigen Bau. Es folgte ein allgemeines Blutbad, wobei weder Alter noch Geschlecht noch Stand geschont ward. Tausende fanden ihren Tod in den Flammen oder durch Absturz von den Mauern. Die obere Stadt ward erst mehrere Wochen später eingenommen, worauf Titus alles, was von Gebäuden noch stand, vollends der Erde gleichmachen ließ. Mehr als eine Million Juden sollen in diesem Vernichtungskriege ums Leben gekommen sein. Als Titus seinen Einzug in die rauchenden Trümmer der Stadt hielt, brach er in die Worte aus: „Wahrhaftig, mit Gott haben wir gesiegt! Gott hat die Juden aus diesen Bollwerken vertrieben, denn was vermöchten Menschenhände und Brechwerkzeuge gegen solche Steinmassen?“
Also ward das Wort Christi über Jerusalem erfüllt (Luk. 19, 44): „Sie werden dich schleifen und keinen Stein auf dem andern lassen.“
Noch zwei Jahre währten die Todeszuckungen des zertretenen Volkes, und erst im Jahre 72 war die völlige Bezwingung Judäas erreicht. Damit verloren die Juden ihren nationalen Mittelpunkt und den letzten Rest einer politischen Vereinigung, und es vollendete sich ihre Zerstreuung in alle Welt und unter alle Völker.
Unterdessen war Vespasianus in Rom mit der kaiserlichen Macht bekleidet worden und feierte im folgenden Jahre mit seinem Sohne Titus, den er zum Mitregenten erhoben hatte, einen glänzenden Triumph wegen der Beendigung des jüdischen Krieges. Noch steht im ganzen wohlerhalten der prachtvolle, innen und außen mit reichem Bildwerk geschmückte Triumphbogen, der nach dem Tode des Kaisers an der sogenannten „heiligen Straße“ (via sacra), nahe dem Forum, errichtet wurde.
Mit Vespasianus kehrte wieder Ordnung und Gesetz in das zerrüttete römische Reich zurück. Er stellte die verfallene Kriegszucht bei den Heeren wieder her; er reinigte den Senat von unwürdigen Mitgliedern und ersetzte sie durch würdige Männer aus den Provinzen des Reiches. Er beschränkte die Anklagen wegen beleidigter Majestät, die unter seinen Vorgängern so vielen das Leben gekostet hatten, und füllte durch Sparsamkeit und weise Verwaltung die gänzlich erschöpfte Staatskasse. Unter den neuen Steuern, die er einführte, befand sich auch eine, die er auf die Urinfässer legte, welche die Tuchwalker bei ihrem Gewerbe gebrauchten. Als sich sein Sohn Titus darüber abfällig äußerte, hielt er ihm ein aus dieser Steuer herrührendes Geldstück unter die Nase und fragte ihn, ob es übel rieche. An seinem Hofe herrschte eine soldatische Einfachheit, was nicht ohne einen günstigen Einfluß auf die durch Luxus und Schwelgerei entartete römische Gesellschaft blieb.
Auch verschönerte er Rom durch den Wiederaufbau des im Bürgerkriege niedergebrannten Capitoliums und der noch seit dem Neronischen Brande in Asche liegenden Stadtviertel. Außerdem ließ er an Stelle des Neronischen Goldenen Hauses einen Tempel der Friedensgöttin, den größten und prächtigsten Roms, bauen, und ein ungeheures Amphitheater, in dem 87000 Menschen Raum fanden. Hier wurden jährlich die blutigen Gladiatorengefechte und Tierhetzen vorgeführt, an deren Anblick sich das Volk nicht ersättigen konnte. Durch unterirdische Kanäle konnte Wasser eingelassen werden, das den ganzen Bodenraum in einen See verwandelte, worin Schiffsgefechte aufgeführt wurden. Noch jetzt machen die hochragenden Überreste dieses Riesenbaues, das den Namen Kolosséum führt, auf den Beschauer einen gewaltigen Eindruck. Bei den Einweihungsspielen wurden 5000 wilde Tiere erlegt. Es war dies der Ort, in welchem später Tausende von christlichen Märtyrern unter den Zähnen der wilden Tiere verbluten mußten.