Ludwig und Annemarie. (continued 3)
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Nachdem er diesen Brief an Annemarie durch eine sichere Gelegenheit abgeschickt hatte, wo sie ihn noch im Lauf des Tages bekommen mußte, nahm er von den Wirthsleuten Abschied, ging zum Pfarrer des Orts und theilte ihm sein Vorhaben mit. Der Geistliche lobte ihn sehr und wünschte ihm alles Glück, indem er ihm freundlich lächelnd Muth einsprach. Ludwig ging zuerst nach Nördlingen und richtete es so ein, daß er in der Dämmerung auf Feldwegen nach seinem Dorfe wanderte. Als er sich seinem Garten näherte — denn durch ihn wollte er ins Vaterhaus zurückkehren — mußte er erfahren, daß auch bei der größten Willigkeit des Geistes das Fleisch dennoch schwach sein könne. Wie fest er sich vorgenommen, heimzukehren als ein Mensch, der weiß was er will und der seine Pflicht erfüllt, so fing sein Herz doch gar mächtig an zu pochen und er wurde roth vor sich selber. Trotz dieser Anwandlungen des Schämens und Zagens ging er indeß vorwärts, bis er in den Hof und von da in die Stallung kam. Das Uebrige wissen wir.
Als der Alte sah, daß sein Sohn nichts vorzubringen vermöge, brach er das Stillschweigen auf eine Art, wie sie ihm für's erste allein möglich war. Er sagte: »Es scheint, daß es dir beim Vetter Schmiedbauer nicht recht gefallen hat, da du wieder zu einem Mann kommst, wie dein Vater ist. Hat man den Herrn vielleicht nicht gut gehalten? Hat man sich unterstanden, ihm durch den Sinn zu fahren? Wie oder hätte« — Weiter konnte er nicht reden, da die Mutter ihm mit dem Ausruf; »Bist du gleich still?« den Mund zuhielt. Zu Ludwig gewendet, sagte sie dann: »Kehr dich nicht an seine Reden, du kennst ihn ja! Ihm ist's am liebsten von uns allen, daß du wieder da bist!« — »Ja wohl,« bemerkte Andres, »ihm ist ein Mühlstein vom Herzen gefallen!« — Der Alte sah Andres an und sagte: »Ihr seyd Narren, du und deine Mutter!« — Dann faßte er sich und sagte mit Würde: »Freilich ist's mir lieb, wenn ich sehe, daß ein junger Mensch zur Einsicht kommt und seinem Vater nachgibt wie sich's gehört! Wenn ein toller Streich wieder gut gemacht und der Karren wieder ins Gleis geschoben wird, muß das einen vernünftigen Menschen freuen.«
Diese Rede öffnete dem Sohne wieder den Mund; er sagte mit bescheidener Festigkeit: »Vater, ich bin zu dir zurückgekommen aus freien Stücken. Ich hab's nicht nöthig gehabt, denn einem Menschen, wie ich bin, steht die Welt offen, und daß ich etwas ertragen kann, hab' ich bewiesen. Ich bin zu dir zurückgekommen, weil ich mich überzeugt hab', daß das Nachgeben meine Pflicht ist, und nun bin ich auch entschlossen, alles auszuhalten, was mir geschehen mag.« — Der Alte hatte hoch aufgehorcht; die Rede und die Art, wie sie vorgebracht wurde, gefiel ihm. Eben deswegen hing er sich aber an die letzten Worte und erwiederte: »Dummheiten! Man wird dich wohl hier fressen? Du bist noch immer der Alte!« — Damit wandte er sich weg.
Die Mutter dachte nun an etwas anderes. Sie fragte: »Aber du wirst hungrig sein, Ludwig, von dem Marsch! Gleich will ich ein Stück Fleisch richten, das noch von gestern übrig ist!« — Andres, der in bester Laune war, bemerkte: »Du bekommst Kalbsbraten, wie dein Vorgänger im neuen Testament.« — Ludwig, auf den Scherz eingehend, erwiederte: »So wie der komme ich drum doch nicht heim! Indessen hab' ich schon in Nördlingen Kalbsbraten gespeist und muß für dein Anerbieten danken, Mutter.« — »Ah so,« rief Andres, »du hast dich gestärkt zu der großen Anrede! Die Kraft hat aber doch beinahe nicht gereicht.« — »Sei still,« sagte die Mutter, »du bist grad wie dein Alter!« — Sie bot ihren Braten wiederholt an und Ludwig mußte es auf's bestimmteste abschlagen, bevor sie sich beruhigte. Nun lud sie ihn ein, sich an den Tisch zu setzen, wo der Vater schon Platz genommen hatte, und ihr zu berichten, wie's ihm ergangen sey.
Ludwig erzählte seine ganze Geschichte, mehrfach unterbrochen von Ausrufungen der Mutter: wie sie nie geglaubt hätte, daß die Schmiedbauersleute von der Art seyen. Als er den Auftritt mit dem jungen Schmiedbauer schilderte, konnte sein Vater nicht umhin, den Jungen, der hier gezeigt, daß er auch »Schneid« habe, beifällig anzusehen. Bei dem Bericht über die Umwandlung durch den Brief wurde er aber plötzlich ernsthaft. »So, so,« sagte er, »ein Brief von unserem Pfarrer. Darf man ihn vielleicht auch lesen?«
Ludwig bergab ihm den Brief, denn er hatte wohl gemerkt, daß er auch für den Vater geschrieben war. Der Alte rückte die Ampel näher und las, anfangs mit würdevollen Zeichen der Beistimmung und Anerkennung, dann mit sehr bedenklicher Miene. »So, so, so,« sagte er, als er fertig war. »Das schreibt der Herr Pfarrer? — Nun seh ich, wie viel's geschlagen hat!« — »Nun?« fragte die Mutter mit großer Neugierde. — »Jetzt kenn' ich mich aus und bedank' mich schön,« fuhr der Alte mit empfindlicher Miene fort.
Ludwig, seine Gedanken errathend, sagte: »Vater, ich weiß, was du meinst. Aber ich verspreche dir's, nie sollst du von mir eine Bitte hören. Wenn ihr mich nicht mehr mit der Base plagt, so will ich nichts weiter.« — Der Alte versetzte: »Du willst nichts weiter? Gut, schön! Das heißt für die erste Zeit. Du kannst warten! Hab' ich's getroffen?« — Als er Ludwig leicht erröthen sah, setzte er hinzu: »Dein Pfarrer und du, ihr dürft fein nicht glauben, daß der Angerbauer ein Brett vor dem Kopf hat. Ihr seid mir noch lang nicht zu gescheidt! Daß ihr euch nur nicht verrechnet.« — Jetzt rief die Mutter in ernstlicher Ungeduld: »Aber was hast du denn?« — »Ach,« erwiederte der Alte, »die ganze Geschichte ist mir zuwider, ich bin müd' und geh' in's Bett.« Damit stand er auf und ging hinaus in die Schlafkammer.
Die Mutter »zündete« ihm nicht, wie sie sonst auch unaufgefordert gethan hätte. Sie war zu neugierig, zu erfahren, was in dem Brief stehe, und forderte Ludwig auf, ihn vorzulesen. Dieser las die Hauptstellen: Als er geendet hatte, rief die gute Frau, während Andres sehr schlau dreinsah. »Ei, ei, ei! Nun begreif' ich deinen Vater.« — »Liebe Mutter,« sagte Ludwig, »heut' wollen wir von dieser Geschichte nicht weiter reden.« — »Ja wohl,« bemerkte Andres, »wir wollen uns niederlegen, ich bin schläfrig. Komm, du gehst mit mir in die obere Kammer. Hab' ich doch wieder einen Schlafkameraden!« Er wollte den Bruder mit sich fortziehen, aber die Mutter hielt ihn noch und fragte: »Willst du denn aber wirklich nichts mehr essen heute, Ludwig?« — »Nein,« erwiederte dieser dankbar, gab ihr die Hand und sah ihr zärtlich in's Auge, indem er sagte: »Schlaf wohl, gute Mutter! Führ' meine Sach' beim Vater.«
Die Mittheilungen, die Andres seinem Schlafkameraden gemacht, konnten nur günstig gewesen sein; denn Ludwig zeigte am andern Morgen in seinem Gesicht eine eigene stille Zufriedenheit und Hoffnung. Er wußte, daß der Pfarrer früh aufzustehen pflegte, und wollte ihn daher zuerst besuchen. Auf dem Weg wurde er den verschiedenen Bekannten erstaunt angesehen, von einigen schelmisch begrüßt. Er war jedoch in zu guter Stimmung, um verlegen zu werden; er dankte und antwortete wieder scherzend. — Der alte Herr war sehr erfreut, als er ihn sah. »Ah, brav so!« rief er, ihm die Hand reichend, »du hast meinen Rath befolgt!« — »Ja, Herr Pfarrer.« — »Und bist wohl aufgenommen worden?«
Ludwig erzählte, wie es ihm ergangen. Der Alte hörte mit größter Theilnahme zu und sagte: »Nun, ich kenne ja die Deinen! Es ist gekommen, wie ich's dachte.« — »Ja,« versetzte Ludwig, »Sie haben sich meiner angenommen, Herr Pfarrer. Ich sehe nun wohl, wie Sie's meinen, und weiß, daß wir alles Gute, was uns noch kommen wird, nur Ihnen verdanken.« — »Pst!« rief der alte Herr lächelnd und freundlich warnend. »Still davon!«
Vom Pfarrer ging Ludwig zu seiner Schwester, die er allein in der Stube traf. Sie hatte von seiner Ankunft schon gehört und gab ihm die Hand, indem sie ausrief: »Bist du da, Vagabund? Du machst schöne Streiche, ja!« Ludwig zuckte die Achseln und begrüßte den eintretenden Schwager, der seine Frau fragte: »Hast du nicht den Ofen eingeschlagen bei dem seltsamen Besuch?« — »Wahrhaftig,« sagte diese, »das hätt' ich thun sollen.« — »Nun,« bemerkte Ludwig, »von jetzt an werd' ich schon öfter kommen.« — Die Schwester lächelte. »Du glaubst wohl selbander? Aber das hat noch einen Haken.« — »Man kann nicht wissen,« versetzte Ludwig mit einem gewissen Uebermuth.
Er verließ die Familie sehr aufgemuntert. Aus allem, was er sah und hörte, drängte sich ihm die Ueberzeugung auf, daß sich die Seinen — vielleicht nur den Vater ausgenommen — mit dem Gedanken einer Heirath zwischen ihm und Annemarie schon vertrauter gemacht hatten, als er nur irgend hatte hoffen können. Was würde er gesagt haben, wenn er erfahren hätte, daß er diese Umstimmung zum großen Theil dem Benehmen der Eva verdankte! Dieses hatte namentlich die Schmalzbäuerin empört, und da bei der angestellten Vergleichung Annemarie doppelt gewinnen mußte, so hatte die Schwester gegen ihren Mann und die Mutter zuerst den Gedanken ausgesprochen, es würde am Ende das Beste sein, dem Ludwig das Mädchen zu lassen. — Als er an der Gasse vorüberging, die zu dem Bäckerhause führte, sah er sehnsüchtig hin, und beinahe hätte er dem Drange nachgegeben, zu der Geliebten zu eilen und ihr seine Hoffnungen zu verkünden. Aber er sagte sich: »Nein, es darf nicht sein!« und ging nach Hause.
In derselben Morgenstunde saß Annemarie bei einer Arbeit in der Stube des Bäckers. Sie hatte Ludwigs Brief am gestrigen Tage richtig erhalten, und ohne daß es jemand gesehen. Die Ueberraschung, welche der ausgesprochene Entschluß des Geliebten in ihr hervorrufen mußte, hatte bald einem großen Wohlgefühl Platz gemacht. Die Last, die sie noch zu tragen hatte, war abgeworfen. Sie war nicht mehr eine »Stifterin des Unfriedens zwischen Vater und Sohn;« man konnte ihr den ungerechten Vorwurf gar nicht mehr machen. Die Selbstüberwindung Ludwigs begriff das wackere und begabte Mädchen, und ihr Herz sagte ihr, daß diese Heimkehr ihnen beiden zum Segen sein werde.
Als sie in diesen Gedanken glücklich dasaß, kam Regine athemlos gelaufen und rief: »Weißt du die große Neuigkeit schon?« — »Nun, was ist's?« fragte Annemarie. — »Fall nicht vom Stuhl, wenn du's hörst: der Ludwig ist wieder bei seinem Vater!« — Annemarie erröthete ein wenig und erwiederte: »Das hab' ich schon gewußt, er hat mir's gestern geschrieben.« — »So?« versetzte die Freundin etwas empfindlich, »davon sagst du mir nichts?« — Annemarie sah sie gutmüthig an und erwiederte: »Muß ich dir denn alles sagen? — Auch jetzt muß ich dich bitten, von diesem Brief niemand etwas merken zu lassen.« — »Ich verrath' nichts,« sagte Regine. »Aber wird er dich denn besuchen?« — »Heute nicht,« versetzte Annemarie ruhig, »und morgen auch nicht. Aber ich kann warten.«
Ein gutes altes Sprichwort sagt: »Was sein soll, schickt sich wohl.« Eine Zeitlang kann sich uns auf unserem Lebensweg Hinderniß auf Hinderniß entgegenstellen, und wenn wir uns des Sieges erfreuen wollen, finden wir nur immer neue Arbeit. Plötzlich ist's wie umgekehrt. Alles gelingt, rasch geschehen Dinge, welche den letzten Widerstand beseitigen und der kühnsten Hoffnung Erfüllung verheißen. Es liegt dann in der Luft und jeder fühlt, daß die glückliche Entscheidung kommen soll. — So ging es auch hier.
Zwei Tage nach der Rückkehr Ludwigs wurde bekannt, daß die Hoferbin Eva sich versprochen habe. Der Erkorene war jener Vetter der beiden langen Bauerntöchter, den wir vom »Ansing« her kennen. Obwohl der Gedanke einer Verbindung zwischen Eva und Ludwig vom Angerbauer selber aufgegeben war, so lag in dem Ereigniß doch etwas Günstiges. Die Möglichkeit war nun ganz verschlossen und der rasche Entschluß des Mädchens reizte die schon freundlich gestimmten Seelen, auch ihrerseits an's Werk zu schreiten.
Fast zu derselben Zeit wurde bekannt, daß ein Bauer sich auswärts angekauft habe und sein Hof zu erwerben sei. Nun hielten sich die Angerbäuerin und die Schmalzbäuerin nicht länger. Sie pflogen Raths und förmlich wurde der Beschluß gefaßt, daß man dem Ludwig das Mädchen geben müsse. Die Gründe waren: »Die Annemarie ist brav; vernarrt sind sie in einander; eine andere nimmt er nicht; im Geschrei ist er mit ihr; ein Hof ist zu haben; und endlich: es geht einmal nicht anders!« — Zuerst wurde der Schmalzbauer in's Geheimniß gezogen. Dieser, der mit seinem Weib »gut hauste« und von der »Lieb« noch einen gewissen Begriff hatte, erklärte seine Zustimmung und Beihülfe ohne weiteres. Durch ihn verstärkt rückten die beiden Frauen endlich an einem Nachmittag hinter den Angerbauer.
Obwohl dieser den Vorschlag hatte kommen sehen und selber sah, daß es nicht wohl anders ging, so fuhr er doch gewaltig auf und fragte: ob sie wirklich alle mit einander verrückt geworden seien? Alle Gegengründe wurden von ihm hervorgeholt und ein Ach und O folgte dem andern. Sein letzter Einwand war die »Söldnersfreundschaft.« Den hatte aber der Schmalzbauer leicht zu widerlegen. Der Bäcker war in's Dorf gezogen und in demselben ohne Blutsverwandte. Seine einzige Tochter sollte den Hans, einen Bauern heirathen, wenn auch den kleinsten im Dorfe. Auf diese Art hatte man nur Einen Söldner in der Freundschaft, den Bäcker, und das war doch auch kein gewöhnlicher. Der Köcher des Alten war leer, und da er nach und nach müde geworden war, so rief er: »Nun in's — — in Gottes Namen, er mag sie haben!«
Die Weiber, welche die Angelegenheit ganz zu der ihrigen gemacht hatten, schrieen auf vor Freude und lobten den Alten über die Maßen. Dann sagte die Schmalzbäuerin: »Nun laßt mich machen! Etwas gehört ihm noch!« Sie rief Andres herbei und sagte, er solle Ludwig holen, er sei im Garten. Andres nickte mit dem Kopf, wie einer, der begreift, und richtete seinen Auftrag aus, ohne dem Bruder etwas von seiner Vermuthung zu sagen. Als sie mit einander in die Stube traten, begann die Schwester mit einer Art von Geschäftsmiene: »Ludwig, so eben ist von dir die Rede gewesen. Du weißt, die Ev' heirathet, und wenn man dir auch keine »Spreuer« (Spreu) vor die Thüre streuen wird, so ist's doch keine Ehre für dich. Du mußt auch heirathen; und zum Glück ist unerwartet ein Antrag an uns gekommen, der unsern ganzen Beifall hat, und, wie wir hoffen, auch deinen. Das schönste und reichste Mädchen im ganzen Ries sagt augenblicklich Ja, wenn du willst.« — »Wer ist denn die?« fragte Ludwig. — »Des Wirths Tochter in **.« — In der That war diese, wenn nicht gerade die schönste, doch wenigstens eine der schönsten und reichsten.
Ludwig, ungewiß, was er denken sollte — denn die Schmalzbäuerin hatte ganz ernsthaft gesprochen und die andern eben so ernsthaft dreingesehen, — erwiederte kurz: »Ich dank' schön.« — »Wie?« rief die Schwester, »ist dir die auch nicht recht?« — »Gegen das Mädchen hab' ich nichts, aber ich will überhaupt nicht heirathen.« — »So?« sagte die Schmalzbäuerin, »das ist etwas anderes.«
Nun wurde auch der Alte angesteckt. »Ich hab's euch ja gesagt!« rief er den andern zu. »Sein erster Versuch ist so übel ausgefallen, daß er's ganz verschworen hat. Wenn wir ihm nun auch die schöne Zimmermannstochter geben wollten, die so »guet tanzt« und die mehr werth ist als alle Rieser Bauern- und Wirthstöchter zusammengenommen — er würde auch sagen: ich dank' schön!« — »Wirklich?« fragte die Mutter, zu Ludwig gewendet, »würdest du das?«
Dieser, betroffen, verwirrt, schaute die Gesichter an und verweilte bei dem des Vaters, der aber seine Rolle fest behauptete. Die Mutter konnte sich nicht länger halten. Sie nahm den Sohn bei der Hand und sagte: »Nun, Ludwig, mach einmal ein ganz freundliches Gesicht! Deine Schwester, dein Schwager und ich, wir haben den Vater herumgebracht — du sollst die Annemarie haben!« »Ist's wahr?« rief der Glückliche, drückte der Mutter die Hand, eilte zum Vater und dankte ihm in überfließend zärtlichen Worten. Der Alte machte ein seltsames Gesicht. »Ach!« rief er mit einem großen Seufzer aus, »nun muß man auch den Dank noch hören! — Geh fort,« setzte er hinzu, als Ludwig den andern seine Liebe bezeigte, »geh' und sag's dem Mädchen, damit ein Ende wird!« — Ludwig ließ sich das nicht zweimal sagen. Nach wiederholten Dankreden eilte er davon. Als er hinaus war, sagte die Schmalzbäuerin zu Andres: »Nun, was ist denn dir? du stehst ja da wie ein »Oelgötz!« Freust du dich denn nicht?« — »Gott!« erwiederte Andres, »daß das so kommen wird, hab' ich ja längst gewußt!«
Ludwig kam zum Bäckerhaus wie im Traum. Als er die Thür geöffnet hatte, sagte sein strahlendes Gesicht alles. Wie durch einen Zauberschlag entzündet, glänzte sein Glück auf dem Antlitz der Geliebten, die bei dem Bäcker und Regine saß; sie flog ihm entgegen und in der zärtlichsten Umarmung flossen selige Thränen von ihren Wangen herab. »Du bist mein, Annemarie, mein mit dem Willen meiner Eltern!« rief Ludwig zum Ueberfluß und drückte die Geliebte fester an sich, deren vor Freude gebeugtes Haupt an seine Brust gesunken war. — Es war einer von den Augenblicken, die man als unverdientes Geschenk empfindet, wenn man in Noth und Sorgen, in Dulden und Sehnen Jahre lang darnach getrachtet hat.
Das Schicksal hatte aber für die Liebenden noch eine Gabe im Füllhorn. Zwei Tage nach der günstigen Entscheidung gelangte in's Bäckerhaus die Nachricht, daß in dem württembergischen Städtchen Bopfingen (dem Abdera oder Schöppenstedt des Rieses) eine Verwandte gestorben sei und der Annemarie zweitausend Gulden vermacht habe. Dies war kein bloßer Zufall, auch kein »Bopfinger Stückle« von der Verstorbenen, sondern eine verständige Handlung, herbeigeführt durch das Mädchen selbst und ihr braves Benehmen. Die kinderlose Base hatte davon gehört, und da sie als eine erfahrene Frau so treu Liebe hoch hielt, so wollte sie sterbend einen Beitrag leisten zu ihrer Belohnung. — Als man dem Angerbauer diesen Glücksfall hinterbrachte, war er zunächst sehr erfreut über den Zuwachs des Vermögens, dann aber auch darüber, daß er erst nach seiner Einwilligung bekannt geworden, so daß Niemand behaupten konnte, er hätte nur um des Geldes willen Ja gesagt. Um so mehr fühlte er sich nun angetrieben, gegen seinen Sohn ganz als Vater zu handeln. Er kaufte den feilgewordenen Hof für Ludwig, der ihn als sein Heirathgut haben sollte, obwohl er um ein gutes Theil mehr kostete als sechstausend Gulden. Ueberdies ergänzte er den Viehstand und das Geräthe, so daß die Besitzung nichts mehr zu wünschen übrig ließ. Dann setzte er den Heirathstag (den Tag der Verlobung) selber fest.
In der Zwischenzeit fanden die ersten Besuche und Gegenbesuche statt. Es war ein großer Augenblick, als Annemarie an der Seite ihres Vormunds zum erstenmal in den Hof des Angerbauers trat. Ludwig war ihnen entgegen geeilt und seine Eltern erwarteten die Gäste auf der Schwelle der Hausthür. Wie muthig das Mädchen war, so kam sie doch ein Zittern an, als sie dem stolzen Bauer, der so lange als die gefürchtetste Person vor ihrer Seele gestanden, zur ersten Begrüßung entgegen ging. Allein sie wurde sehr freundlich empfangen, wie es in der Natur der Sache lag. Sobald der Angerbauer seine Zustimmung zu der Heirath gegeben hatte, war das Verhältniß in seinen Augen auch sanctionirt. Die Strahlen seines Lichtes fielen nicht nur auf Annemarie, sondern auch auf den Bäcker und machten sie zu seines Gleichen. Annemarie war nicht mehr die Tochter und die Verwandte eines Söldners, sie war die künftige Schwiegertochter des Angerbauers, und als solche konnte sie die größten Ehren in Anspruch nehmen. Niemand wäre zu rathen gewesen, daß er jetzt in Gegenwart des Alten über diese Verbindung seine Verwunderung ausgedrückt oder gar über das Mädchen geringschätzig gesprochen hätte.
Als Annemarie die Freundlichkeit der Eltern sah, fand sie ihren Muth wieder und beantwortete die Begrüßungsfragen so anmuthig und bescheiden, daß der Alte sie selber bei der Hand faßte und in die Stube führte. Man würde den Landleuten sehr Unrecht thun, wenn man ihnen nicht ein ihrem Stande entsprechendes Schicklichkeits- und Zartgefühl zutrauen wollte. Als man hier an dem wohlbesetzten Tisch saß, unterhielt man sich, als ob nie ein Streit vorgefallen wäre, nicht eine Hindeutung erlaubte man sich darauf. Dagegen wurden die erfreulichen und ehrenvollen Neuigkeiten besprochen: die Erbschaft, die der Annemarie zugefallen war, der Kauf und die Einrichtung des Hofes. Bei dieser Gelegenheit machte das Mädchen einige Bemerkungen, die der Angerbauer mit vollem Beifall beehrte, indem er hinzufügte: er sehe schon, daß sie die Sache verstehe. Natürlich saß Ludwig bald an der Seite der Geliebten. Als die Angerbäuerin das schöne Paar zum erstenmal beisammen sah, betrachtete sie es mit großem Wohlgefallen, und ein vergnügtes, schlaues Lächeln spielte um ihren Mund, als sie später auch den Vater über einem solchen Blick ertappte. Die Gäste nahmen endlich Abschied, und Ludwig begleitete sie. »Nun,« fragte die Angerbäuerin, »was meinst du zu dem Mädchen?« Der Alte erwiederte ernsthaft: »Das Mädchen ist recht.«
Sonst ist von der Zwischenzeit nichts mehr zu erwähnen, als ein Besuch, den der alte Angerbauer mit Ludwig in Nördlingen machte. Beide hatten sich in ihren besten Staat geworfen, denn eigentlich wollte der Alte nichts, als sich mit seinem Sohne dort sehen lassen. Da er zu diesem Zweck Bekannte treffen mußte, so begaben sie sich zum »Fadenherrn.« Als sie in der Stube sich umsahen, erblickten sie zu ihrer großen Ueberraschung an einem Ecktisch die ganze Familie des Schmiedbauers, Vater, Sohn, Tochter und Magd. Die Reihe, verlegen zu werden, war nun an diesen. Sie waren in der That sehr betroffen und Michel sah tiefbeschämt aus. Der Schmiedbauer faßte sich zuerst; er stand auf, ging den beiden entgegen und sagte: »Nun, wie ich höre, kann man gratuliren?« — »Allerdings,« entgegnete der Angerbauer mit Würde, »das kann man.« — Der Schmiedbauer nahm hierauf eine lächelnde Miene an und sagte: »Vetter Ludwig, du bist wohl bös auf mich zu sprechen? Aber ich bin dein schlimmster Feind nicht gewesen. Wenn ich dich als den Sohn des Angerbauers bei mir gehalten hätte, so stände die Sache jetzt nicht so, wie sie steht.« — »Ja wohl,« rief Michel, der auch aufgestanden war, mit der halb komischen, halb Mitleid erweckenden Verlegenheit eines schlechten Gewissens. »Wenn das nicht unser Gedanke gewesen wär', so wär' manches nicht vorgefallen, am wenigsten die Geschichte am Sonntag.«
Ludwig war zu glücklich, um streng zu sein. Er erwiederte daher mit Ueberlegenheit zwar, aber auch mit Gutmüthigkeit: »So, nun soll ich das am Ende für ein Freundschaftsstück nehmen? Auch gut! Aber daß ich's nicht gleich gethan hab', mußt du mir nicht übel nehmen, Freund Michel: du hast die Sache gar zu gut gemacht.« Hierauf grüßte er Madlene und die Magd. Jene ward glühend roth und sah mit einem Blick zu ihm her, daß er ihr alles verzieh und ihr die Hand zur Versöhnung gab. Die Magd starrte ihn wie einen Prinzen an. Sie konnte gar nicht begreifen, wie sie jemals ihre Augen zu so Einem habe erheben können, und machte sich in der Ecke so klein als möglich. Auf dem Heimwege sagte Ludwig zu seinem Vater: »Es ist mir lieb, daß es so ausgegangen ist.«
Endlich kam der Tag, wo es zwischen Ludwig und Annemarie »schriftlich gemacht« werden sollte. Die Liebenden hatten ihn in der letzten Zeit sehr herbeigesehnt. Ihr Glück war zu groß, als daß sie nicht hie und da die Furcht hatte anwandeln sollen, es möchte wie ein Traum zerfließen, und die Unterschrift war eine neue, große Sicherung und gab ihnen festen Boden unter die Füße. Mit der Zusammenkunft der Familien zu einem »Heirathstag« ist das Glück der Liebenden nicht immer schon außer Frage gestellt. Zuweilen führt die Unterhandlung über die Mitgabe selber noch zum Streit, und ein von der einen Seite begehrter, von der andern verweigerter »Raupe« oder junger Stier kann Anlaß zu einem Bruche werden, der nur allenfalls durch flehentliches Zureden der jungen Leute wieder zu heilen ist. Wenn nämlich der Vater des Burschen nach wiederholter vergeblicher Aufforderung zu dem des Mädchens sagt: »Ich hätt' nicht geglaubt, daß du ein so intressirter Mensch wärst! Wahrhaftig, schämen thät' ich mich« u. s. w. so kanns dieser krumm nehmen, zornig werden, auf den Tisch hineinschlagen, daß die Krüge wackeln und die Gläser umfallen, und erbost ausrufen: »Was? ich hab' für mein Mädle so viel gethan, daß ich's vor meinen andern Kindern gar nicht verantworten kann, und du willst mir so kommen? Himmel-Kreuz« u. s. w. u. s. w.
Im gegenwärtigen Falle war dergleichen freilich nicht zu fürchten. Die Angerbauersleute waren zu vornehm, als daß sie hätten markten sollen; auch lagen die Verhältnisse anders als gewöhnlich. Als man sich nun Nachmittags in der obern Stube des Angerbauers versammelt und den Getränken und Backwerken der Bäuerin die gebührende Ehre angethan hatte, setzte man sich zu einer Verhandlung, die nicht allzuviel Zeit in Anspruch nahm. Der Protokollführer war der Schullehrer des Dorfs, einer von der alten Gattung, ein Mann von etwas über fünfzig Jahren, der sich noch »Schulmeister« nennen hören konnte und weniger nach Ehre als nach einer guten Nahrung trachtete, im übrigen seinem Amte wohl vorstand. Nach einer würdigen Einleitung des Angerbauers wurde ausgemacht, daß Annemarie dem Ludwig ihr Vermögen von 2900 Gulden (bei Nennung dieser Summe nickte der Schullehrer dem Bauer, den er kannte, höflich bedeutsam zu, als wollte er sagen: »Alle Achtung!«) und Ludwig der Annemarie seinen Hof anheirathe, mit Allem darin, wie es geht und steht. Der Bäcker machte die Bemerkung, daß man bei solchen Gelegenheiten zuweilen auch einen »Rückfall« bedinge, wenn nämlich eines der Eheleute sterben sollte, ohne daß Leibeserben vorhanden wären. Ludwig, der sah, daß der Alte damit seinem Vater entgegenkommen oder ihn versuchen wollte, sagte rasch: »Wir hoffen mit Gottes Hülfe zu leben und wollen für so einen Fall nichts ausmachen. Wenn ich sterbe, dann gehört der Hof meinem Weib, wie umgekehrt mir ihr Vermögen. Anders thut's mein Vater nicht.« Der Angerbauer schwieg: er hatte die Möglichkeit vor Augen, daß Annemarie als kinderlose Wittwe die Eigenthümerin des Hofes werden und ihn durch eine zweite Heirath an eine andere Familie bringen könnte. Ludwig rief aber: »Nicht wahr, Vater?« und der Bauer antwortete: »Ja, ja, darüber bedingen wir nichts.« Sein Gesicht sah indeß nachher aus, als wollte er sagen: »Das macht mir so leicht keiner nach!«
Als das Nöthige besprochen war, setzte der Schullehrer die verschiedenen Punkte auf, las sie feierlich in einer Art von Predigerton vor und reichte die eingetauchte Feder zum Unterschreiben. Als dieß von allen nach der Reihe vollzogen war, ergriff Ludwig die Geliebte rasch bei der Hand und hielt und drückte sie, als ob er sie nicht mehr loslassen wollte. Gerührte Glückwünsche ertönten von allen Seiten.
Unterdessen war der Abend gekommen und nun sollte erst die rechte Festlichkeit angehen. Nicht umsonst waren die Angerbäuerin und ihre Tochter wiederholt ab und zu gegangen. Eine Magd erschien mit zwei brennenden Kerzen in spiegelblanken Messingleuchtern; die Tafel wurde abgeräumt, mit einem schöngewirkten Tischtuch überzogen und gedeckt. Je zwei Teller von Steingut, silberne Bestecke (die, nebenbei gesagt, zum Theil der Schmalzbäuerin gehörten) und sogar Servietten oder »Salveater« ließen auf ein tüchtiges Mahl schließen, was der Schullehrer mit großem Interesse zu bemerken schien. Im Schein der Lichter, die auf der Tafel prangten, sah die schöngeweißte, nett gehaltene Stube sehr heimlich aus.
Nicht lange, so erschien die ganze Familie, und am Ende der Pfarrer mit seinem Neffen. Nachdem sich der Sturm der üblichen Glückwünsche einigermaßen gelegt hatte, fand sich der Pfarrer an der Seite der Verlobten. Er fragte: »Nun, bist du zufrieden, Annemarie?« — »O, Herr Pfarrer!« erwiederte das Mädchen in einem Tone, der mehr sagte als jede Versicherung. — Der alte Herr sah sie liebevoll heiter an und sagte: »Die Tugend, scheint's, ist doch auch etwas in der Welt werth und kann auch zu etwas führen! Das Geld und der Stand sind doch nicht alles!« — Das Mädchen ward roth und erwiederte: »Ich schäme mich der Reden, die ich damals geführt hab'. Ich bin tausendmal glücklicher, als ich's verdiene.« — Der Geistliche nickte beifällig und bemerkte: »Auf diese Art holst du nach, was dir fehlt.«
Als er kurz darauf allein dastand und mit frohen Blicken die Gesellschaft übersah, machte sich der Angerbauer an ihn und sagte: »Sie freuen sich, Herr Pfarrer, und haben auch alle Ursache dazu; an dem heutigen Tag sind doch eigentlich Sie Schuld.« — »Ich?« fragte der Pfarrer. — »Sie,« versetzte der Bauer. »Sie mischen sich nicht in Familienangelegenheiten? Ja freilich: ungeschickt nicht, aber geschickt.« — Der alte Herr fragte mit liebenswürdiger Schalkheit: »Hab' ich's nicht recht gemacht?« — Der Bauer drückte ihm die Hand und rief: »Recht gemacht haben Sie's, Herr Pfarrer!«
Es versteht sich von selbst, daß es die Gastgeber während des Tafelns an keiner Aufmerksamkeit fehlen ließen und namentlich das schickliche »Nöthigen« nicht vergaßen. Am meisten Höflichkeit wurde dem Pfarrer erwiesen, der Gegenstand der freundlichsten und zartesten Ehrenbezeugungen war aber Annemarie. Ihr wurden die besten Bissen auf den Teller gelegt, und wenn ihr zugeredet wurde, nahmen die Stimmen den weichsten und sanftesten Ton an. Man fühlte, daß bei ihr etwas gut zu machen sei, und that mehr und that es besser, als man es für eine reiche Schwiegertochter gethan hätte. Alle Liebe, welche diese Leute in sich hatten, kam gegen das Mädchen heraus, und der Pfarrer sah seinen Enkel, der es zu bemerken schien, mit einem bedeutsamen Blick an.
Annemarie aß wenig und gegen das Ende der Mahlzeit wurde sie still und stiller. Ihre Seele war in die Vergangenheit gerichtet. Sie dachte an ihre Liebe und ihre Noth, an ihre Bitterkeit und ihre Klagen, und wie sich alles das in unendliches Glück aufgelöst. Sie dachte an die Feindschaft, unter der sie gelitten, und die sich nun in die zärtlichste Freundschaft umgewandelt. Als ihr der Angerbauer von dem eben zerschnittenen Kuchen das schönste Stück überreichte, machte die Güte und die Achtung in seinem Blick einen solchen Eindruck auf ihr erweichtes Herz, daß ihre Augen sich mit Thränen füllten. Sie aß ein Stückchen, um die Gabe zu ehren, aber der Strom der Wehmuth war im Gange, das übervolle Herz mußte sich entlasten und unaufhaltsam brachen ihre Thränen hervor.
Alles sah auf sie, ernst, bewegt; die meisten begriffen den Grund dieser Thränen. Es entstand eine feierliche Stille. Ludwig drückte der Geliebten auf's zärtlichste die Hand, die Augen der Frauen wurden feucht. Der Angerbauer saß in tiefem Ernst da und in seinen Blicken entzündete sich ein Feuer, das den Pfarrer beinahe noch mehr ergriff, als das Antlitz der Braut. Niemand wollte das Wort nehmen, und der Pfarrer dachte endlich selber daran, durch eine passende Bemerkung einen Uebergang zu unbefangener Unterhaltung herbeizuführen, als ihm ein anderer zuvorkam. Johannesle hatte die weinende Annemarie bisher staunend angesehen; wie die Thränen kein Ende nahmen, sondern wieder und wieder aus ihren Augen flossen, stand er auf, ging zu ihr und sagte mit dem ehrlichsten Tone von der Welt: »Warum weinst du denn, Annemarie? Du hast ihn ja jetzt!« Diese naive Rede rief auf dem Gesicht des Mädchens ein sanftes Lächeln hervor und eine milde Heiterkeit in der Gesellschaft. Annemarie sagte mit gütevoller Stimme: »Du wirst's auch noch verstehen lernen, Kind, warum ich wein'! Aber jetzt will ich aufhören.« Und sie trocknete ihre Thränen.
Als der Pfarrer mit seinem Enkel nach Hause ging, fragte er, wie ihm heute der Angerbauer und seine Frau gefallen hätten. Theodor erwiederte: »Ich bin ganz erstaunt über sie; nie hätt' ich ihnen zugetraut, daß sie so gut und so wahrhaft zart sein könnten.« — »Du siehst also, daß du früher nicht ganz Recht hattest, diesen Mann, weil er im Zorn grobe Reden ausstieß, ohne weiteres für roh zu erklären, und wirst künftig mit deinem Urtheil behutsamer sein.«
Nach sechs Wochen fand die Hochzeit statt. Es war nur Eine Stimme über die Schönheit der Predigt, die Andacht des Brautpaars, ihren prächtigen Anzug, das vortreffliche Mahl, wobei die Wirthin des Dorfs sich selbst übertraf, und das große, große Vergnügen. Die Musikanten hielten eine Ernte, wie seit Jahren nicht. Der Höhepunkt des Festes war übrigens der Moment, wo der Angerbauer in der Laune des Weins bewogen wurde, drei Reihen allein mit der Braut zu tanzen. Er drehte sich taktfest, aber etwas steif herum, und sein Gesicht drückte eine so eigene Mischung von Galanterie und Selbstgefälligkeit aus, daß ein paar ältere Weiber, mit denen er in seiner Jugend zu tanzen pflegte, nicht umhin konnten, sich spöttisch lächelnd anzusehen, als wollten sie sagen: »Der alte Narr! Wenn man ihm das vor einem Vierteljahr gesagt hätte!« Der Angerbauer hörte dieß natürlich nicht, da es überhaupt nicht gesprochen wurde. Als er daher unter großem Beifall den letzten Reihen geendet hatte, konnte er in ungestörter Freude seiner Tänzerin ein Glas Wein präsentiren und dann zu einem Vertrauten sagen: »Daß die Hochzeiterin am schönsten tanzt, hab' ich gesehen; daß sie aber auch am besten tanzt im ganzen Dorf, das kann ich jetzt aus Erfahrung bezeugen. Ueberhaupt: mein Ludwig ist nicht dumm gewesen!«