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Erzählungen aus dem Ries

Die Lehrersbraut. I. (continued 2)

Reading edition

Eines Abends — nachdem vier Tage verflossen waren — kam Forstner mit raschen Schritten auf das Haus zu und trat mit ernster, feierlich aufgeregter Miene in die Stube. »Ich bring' eine große Neuigkeit!« rief er Christine entgegen, die mit ihrer Mutter am Tische saß. Das Mädchen fuhr unwillkürlich zusammen und erhob sich rasch. »Was für eine Neuigkeit? Du erschreckst mich!« — »Es ist nicht zum Erschrecken, sondern zum Freuen,« erwiederte er. — »So sag's!« rief Christine, noch keineswegs ermuthigt. — »Nun, ohne Umschweife: ich bin als Lehrer nach ** berufen« (er nannte eine fränkische Stadt, aus der sein Freund und College vom Oettinger Kränzchen war) »und werde die Stelle mit nächstem antreten.«

Das Mädchen war mehr bestürzt als erfreut über diese Nachricht. »Du kommst in eine Stadt?« fragte sie zagend. »Was soll dann aber aus uns werden?« — »Du wartest hier bei deiner Mutter, bis ich mich eingerichtet habe. Dann hol' ich dich ab und wir machen Hochzeit.« — »Ich in eine Stadt!« rief sie, indem sie, wenn auch dunkel, alles Bedenkliche dieser Ortsveränderung empfand. »Da paß' ich nicht hin!« Und die Mutter setzte bekümmert hinzu: »Dann hab' ich die halbe Ausfertigung und alle die theuern Bauernkleider umsonst machen lassen!« — Forstner lächelte. »Wir werden manches brauchen können, was Ihr angeschafft habt, Frau Schwiegermutter. Und für die Kleider, die nicht in die Stadt passen, schaffen wir andere an. Ich bekomme für's erste hundert Gulden mehr als hier, kann mir durch Privatstunden noch andere hundert verdienen und habe die Hoffnung bald vorzurücken.«

Trotz all den schön eröffneten Aussichten wollte sich bei Christine noch kein Vergnügen einstellen. »Ich weiß nicht,« sagte sie, indem sie vor sich hinsah, »mir ist so angst!« — »Wenn du an einen Ort sollst,« erwiederte der Verlobte mit einem Blick des Vorwurfs, »wo ich bin? Schäme dich, Christine! Freuen solltest du dich, daß ich vorwärts komme, und etwas einbilden solltest du dir, die Frau eines Mannes zu werden, der in zehn Jahren vielleicht Oberlehrer ist.« — »Ich freu' mich auch,« erwiederte Christine, deren Mienen sich nun doch aufklärten, »aber ich fürchte nur« — — »Du bist ein Kind,« versetzte er, indem er sie bei der Hand faßte. Und mit einem zärtlichen Blick setzte er hinzu: »Bei mir wirst du doch angewöhnen? Da wird's dir doch nicht »and thun« nach deinem Dorf?« — »Nun,« erwiederte das Mädchen, der bei diesen Worten das liebende Herz aufging, »das mein' ich selbst. Und in die Stadtleut' werd' ich mich am End' auch schicken!« — »Freilich wirst du das! Ein schönes, liebes und gescheidtes Mädchen wie du.«

Bei der Mutter hatte die Aussicht, eine Frau Oberlehrerin zu bekommen, die fatale Empfindung, so feine Bauernkleider umsonst angeschafft zu haben, bereits zurückgedrängt und sie sagte jetzt: »Es ist wahr! Und das Weib muß Vater und Mutter verlassen und dem Manne anhängen, wie's in der Bibel heißt. Herr Lehrer, nehmen Sie die Stelle nur an, meine Tochter wird sich drein finden.« — »Es freut mich,« erwiederte Forstner, »daß Ihr so verständig seid, obwohl ich bei Euch darauf gerechnet habe.« Und in einem Ton, der halb dem Liebhaber, halb aber auch dem Lehrer angehörte, sagte er zu der Verlobten: »Folg' mir nur, liebe Christine, und gieb dir Mühe zu lernen, was dir fehlt. Ich will dir alles sagen und zeigen, und in sechs Wochen wird dich kein Mensch mehr von einem Stadtmädchen unterscheiden können. Du hast die Gaben, du wirst sie unter meiner Leitung ausbilden und eine Frau werden, die mir Ehre macht.«

IV.

Ein schönes Ziel, auf dessen Erreichen man sich gefreut hat und durch das man in heiterer Einbildungskraft schon vorher beglückt war, plötzlich versinken zu sehen, ist betrübend, auch wenn sich in der Ferne ein neues erhebt, das noch erstrebenswerther scheint. Christine hatte geglaubt, in wenigen Wochen die Frau des Geliebten zu sein und in ihrem Geburtsorte, wo es allein ihren Sinn reizte, etwas zu gelten, in guten Verhältnissen und geehrt zu leben. Nun sah sie die Hochzeit verschoben und sollte dann im eine Stadt ziehen unter fremde Leute, an deren guter Meinung ihr nichts liegen konnte, wenn sie auch das Vertrauen zu sich gehabt hätte, sie zu gewinnen. Statt der Gewißheit hatte sie nur eine neue Hoffnung, die noch dazu bedeutend mit Furcht gemischt war — ein Ziel, das nur ihrem Verstande, nicht ihrem Herzen ehrenvoll erschien, und das nur durch Anstrengungen erreicht werden konnte, die ihr keine geringe Last dünkten. — Doch, so war es einmal; sie mußte sich darein fügen und dem neuen Stand der Dinge die beste Seite abzugewinnen suchen.

Zu dem in den Verhältnissen liegenden Grunde, die Trauung zu verschieben, trat in kurzem und unerwartet ein neuer: die Mutter Forstners erkrankte und starb nach wenigen Tagen. Sie hatte sich außerordentlich gefreut, daß ihr Sohn den Fuß auf eine Leiter gesetzt, auf welcher er zum Gipfel der Ehre emporsteigen konnte, und sie rühmte ihn jetzt, daß er, wenn auch mit einigen Kosten, so nützliche Bekanntschaften gemacht habe; denn er hatte ihr nicht verschwiegen, daß er seine Berufung hauptsächlich den Bemühungen seines Freundes vom Oettinger Kränzchen verdankte. War es ihr nun auch nicht vergönnt, ihn auf dem neuen Weg zu begleiten, so starb sie doch mit dem erhebenden Gedanken, ihn an der Seite einer wackern und schönen Frau, die eigentlich sie gewählt hatte, dem städtischen Oberlehrer zugehen zu sehen. — Der alte Geistliche benutzte diese Umstände zu einer erbaulichen Rede, und die Verlobten weinten der Verstorbenen von Herzen in's Grab. Nach Verlauf weniger Tage gehörten sie freilich wieder dem Leben an und gedachten der sorgsamen Mutter gelegentlich mit Lob, aber ohne Trauer.

Der Tag, auf welchen Forstner seinen Abzug angesetzt hatte, war gekommen. Die Bauern zeigten sich bei dieser Gelegenheit freundlich und diensteifrig. Der Lehrer hatte seine Pflichten nie vernachlässigt und die Liebe der Kinder sich erhalten. In der letzten Zeit hatte unter den Eltern allerdings die Meinung um sich gegriffen, daß er eigentlich ein »leichter Passagier« sei, dem die Christine recht auf die Finger sehen dürfe. Aber der Erfolg, die Anstellung in der Stadt überzeugte auch sie eines Bessern; sie sahen in seinem »Gelaufe« ein kluges Manöver und der gescheidte Mann stieg in der Achtung der praktischen Dorfleute. Die Kinder, in denen die bessere Unterweisung neue, feinere Gefühle ausgebildet hatte, ehrten den Lehrer durch sinnige Kränze von Herbstblumen und durch ein gemeinsames Präsent. Gaben spendeten auch wohlmeinende und vermögende Eltern, und die Nachbarn halfen den Wagen beladen, den ein reicher Bauer unentgeltlich nach dem neuen Aufenthaltsort zu fahren sich erboten hatte. Der Abschied von den Repräsentanten der Gemeinde war freundschaftlich und herzlich, aber heiter; Forstner sollte ja wieder kommen, um das schöne Dorfkind abzuholen. — Von den Segenswünschen seiner Braut und ihrer Mutter begleitet, nach vielfachen zärtlichen Händedrücken, fuhr er aus dem Dorf unter tüchtigem Knallen der Geißel, womit der Oberknecht, der auf dem Sattelgaul saß, ihn und sich selber zu ehren suchte.

Die folgenden Tage beschäftigte sich Christine mit den ersten Zurüstungen für die Stadt. Es war ihr lieb, daß ihr noch eine Frist im Vaterhause vergönnt war, und sie ging mit einem ordentlichen Wohlgefühl darin hin und her. Ueber den Aufenthalt in der Stadt, der sich für sie noch vor der Trauung als nöthig herausgestellt hatte, war ein fester Beschluß gefaßt. Die Glauning hatte sich erinnert, daß an dem Ort eine Frau wohne, die mit ihr Einen Urgroßvater gehabt und deren Vater nach vom Ries dahin gezogen war. Diese, die an einen Krämer verheirathet war und ein Haus besaß, sollte Forstner aufsuchen und fragen, ob Christine nicht die kurze Zeit bei ihr wohnen könne. Die Hoffnung, eine zusagende Antwort zu bekommen und zunächst im Hause einer Verwandten leben zu können, mochte dazu beitragen, das Herz der Braut in jene Ruhe zu wiegen, mit der sie das Dorf noch recht genießen konnte.

Forstner hatte sogleich in wenigen Zeilen seine glückliche Ankunft gemeldet. Nach einer Woche kam ein neues Schreiben von ihm, ziemlich lang und sorgsam abgefaßt. Er schilderte zuerst, wie er von seinen Collegen, von den Herrn Geistlichen und Magistratsräthen, bei denen er Besuche gemacht, ausnehmend freundlich und schmeichelhaft aufgenommen worden sei. Er habe sich überzeugt, das sei der Platz, wohin er gehöre, wo er Gutes wirken könne mit seinen Gaben und Kenntnissen, und wo er glücklich sein werde. Die Gespräche, die er geführt mit gebildeten Männern und Frauen, hätten ihm außerordentlich wohlgethan, und er freue sich über alles, bei ihnen zu leben und auch seine Christine in ihre Gesellschaft bringen zu können. Er schätze jeden Stand und habe gezeigt, daß er mit Leuten von jeder Klasse umzugehen wisse, aber besser sei besser; man müsse höher hinaufstreben, wenn man könne, und immer weiter und weiter zu kommen, das sei das wahre Glück. Er fühle die Kraft in sich, zu steigen, und auch die Geliebte mit sich hinaufzuheben. Sie müsse nun aber auch ihrerseits die Hand bieten und sich alle Mühe geben, seine Arbeit ihm zu erleichtern. Das Glück, das sie dort mit einander finden würden, sei so groß, daß es wohl die Anstrengungen und Opfer verdiene, die nöthig sein würden, es zu erreichen. Anstrengungen müsse er seiner Braut nun allerdings zumuthen, und auch ein Opfer, wenn sie's dafür ansehen wolle. Die Hochzeit noch in diesem Jahre zu feiern, wie sie zuletzt noch gemeint hätten, verbiete eigentlich schon die Trauer wegen der seligen Mutter. Allein es kämen noch zwei Gründe hinzu, die es durchaus nöthig machten, daß die Trauung erst im nächsten Frühjahr stattfinde. Erstens sei ihm gesagt worden, daß er nach einer halbjährigen Amtsführung, wenn er sich als Lehrer auszeichne, eine nicht unbedeutende Zulage erhalten solle. Sei es ihm nun gerathen, in der nächsten Zeit alle Kraft und allen Fleiß auf Erfüllung seiner Lehrerpflichten zu wenden, so wäre es auch gut für sie beide, die Zulage abzuwarten; denn das Leben in der Stadt sei für ein Hauswesen doch kostspieliger, als er gedacht. Dann aber sei es eben so eine Sache, vom Dorf her nach kurzem Aufenthalt in der Stadt, wo man sich kaum darin umsehen konnte, eine Stadtfrau machen zu wollen. Er selber habe sich das leichter vorgestellt, als er es jetzt bei kaltem Blut finde. Man müsse eben doch ein anderes Benehmen lernen, man müsse sich Kenntnisse aneignen, damit man in Gesellschaft wisse, wovon die Rede sei, und selber mitsprechen könne, kurz, man müsse das Bauernmädchen abthun und sich eine gewisse Bildung erwerben. Das gehe aber nicht in einigen Wochen, dazu sei wenigstens ein halbes Jahr nöthig, und da müsse man noch recht fleißig und aufmerksam sein. Seine Meinung sei nun die: Christine solle zur Base Kahl ziehen, die sie mit Vergnügen aufnehmen werde, und im nächsten Winter unter seiner Leitung alles das lernen, was zu ihrem künftigen Stande erforderlich sei. Die Kahl sei eine gute Frau, wenn es auch freilich mit ihrer Bildung nur so so stehe. Er selber hätte seiner Braut wohl gewünscht, in ein feineres Haus zu kommen; aber das sei nun eben nicht anders zu machen. — Der Brief schloß mit Liebesbetheurungen für die Braut, mit schmeichelhaften Worten für die Mutter. Andern hätte er einen solchen Vorschlag vielleicht nicht machen können, ohne mißverstanden und verkannt zu werden; aber sie hätten bei jeder Gelegenheit Beweise von ihrer Einsicht und ihrer Klugheit gegeben; sie würden ihn verstehen und ihm Recht geben. —

Die Wirkung dieses Briefes war auf Christine trotzdem keine erfreuliche. Der Bräutigam sprach darin so vornehm, so von oben herab zu ihr! Die Vorstellung der Arbeiten, die sie sich zugemuthet sah, lastete auf ihrem Gemüthe mit verdoppelter Schwere; ihre Bangigkeit erneuerte sich und ihre Miene drückte Zagen und zugleich etwas Empfindlichkeit aus. »Da haben wir's!« rief sie am Ende. »Ich bin ihm so nicht gut genug und soll erst weiß Gott was lernen, bis er mich heirathen mag!« — Die Mutter, der die Schreibweise des künftigen Schwiegersohns auch nicht ganz gefallen hatte, obwohl sie einem »Herrn« seine eigene, vornehmere Sprache zugab, hielt es doch für gerathen, davon zu schweigen und sich Forstners anzunehmen. »Mir scheint's aber, daß er gar nicht Unrecht hat, Christine! Er will, daß du recht hineintaugst in die Stadt und daß du verstehst, was du als Frau Lehrerin brauchst. Er will dich gescheidt und geschickt machen und das beweist ja grad, daß er recht viel auf dich hält und ein braver, ehrlicher Mann ist.« — »Das mag sein,« erwiederte Christine etwas beruhigter; »aber er hätte mir das doch anders sagen können.« — »Eigentlich,« versetzte die Mutter, »schreibt er freilich ein wenig anders, als er früher geredet hat; aber das wird schon so sein müssen, es wird eben die Mode sein unter den Herrn. Er meint's gut, und das ist die Hauptsach'.«

Christine wollte das nicht bestreiten und fand sich endlich in den Vorschlag und den Willen des Verlobten. Wenn wir es gestehen sollen, so war ihr die tröstlichste Stelle in dem Briefe die, wo Forstner die Base für nicht gebildet und fein genug erklärte. Sie fühlte zu ihr gleich ein lebhaftes Zutrauen und setzte sich mit erleichtertem Herzen an den Tisch, um die Antwort abzufassen. Im Wesentlichen sagte sie: Was er geschrieben, wäre ihr und ihrer Mutter recht; sie wolle ihm folgen und fleißig sein, und hoffe dann so weit zu kommen, daß sie ihm in der Stadt keine Unehre mache. Was sie unter den jetzigen Umständen für die Stadt brauche, werde sie bald hergerichtet haben; er könne sie darum abholen, wenn er's für gut finde. — Die Mutter nahm es auf sich, die Abänderung in dem Plane der Verlobten gehörig unter die Leute zu bringen. Ihre Christine werde erst im Frühjahr heirathen, was für Herrn Forstner und sie ein großer Vortheil sei; aber sie werde jetzt schon in die Stadt ziehen und was Ordentliches lernen, damit sie dort eine rechte Frau machen könne.

Eines Vormittags in der ersten Woche des November kam Forstner in einer Kutsche angefahren. Er war bei der ersten Begrüßung etwas ernst; es schien als ob das Dorfmäßige der Wohnung und Kleidung schon etwas Befremdendes für ihn erhalten hätte. Bald aber thaute er auf und war wieder der Alte. Christine, die sich zu seinem Empfang geputzt hatte und ihm aufwartete, sah in ihrem wirthlichen Eifer so frisch und anmuthig aus! Sein Puls ging rascher, als er sie an seine Seite niederzog und sie betrachtete. Was konnte er sich Schöneres wünschen, als dieses Mädchen sein zu nennen? Er liebte sie, und wenn er sie noch so weit zu bringen vermochte, daß sie ihn und sich in seiner nunmehrigen Stellung nicht durch Unwissenheit und Dorfmanieren bloßstellte — war er nicht der glücklichste Ehemann? — Die Furcht vor dem Lächerlichen, wir können es nicht läugnen, war groß in dem jetzigen Stadtlehrer. Sein Trieb, in Gesellschaft zu glänzen, hatte sich nach Maßgabe seiner Erfolge in ihm ausgebildet, und in gleichem Verhältniß war auch die Besorgniß gewachsen, in Gesellschaft zu mißfallen oder ein Gegenstand des Bedauerns zu werden. Wie bedrückend war für ihn der Gedanke, daß das, was er gut machte, durch seine Frau vielleicht wieder verdorben wurde! Doch jetzt wich jeder Zweifel zurück im Anschauen des liebenswerthen Mädchens. Das Herz ging ihm auf, er glaubte an sie und traute ihr Alles zu. Er ward fröhlich und guter Dinge, scherzte nach alter Sitte und machte Mutter und Tochter fröhlich.

Um die Mittagszeit war Alles zur Abfahrt bereit. Als Christine von der Mutter, vom väterlichen Haus und vom Dorf Abschied nehmen sollte, da ward es ihr doch plötzlich wieder ernst zu Muthe. Sie fühlte, was sie that und wagte, und ihr Herz klopfte in bängeren Schlägen. Die Mutter hatte sie und den Verlobten würdig ermahnt und feierliche Gegenversicherungen erhalten; das war tröstlich, als sie noch beisammen saßen. Draußen im Hof, unter dem grauen Himmel, in der frostigen Luft, wo ihr noch einige Freundinnen »b'hüt dich Gott« sagten, um dann auf die Gasse hinaus oder heimzugehen, erhielt die Furcht in dem Dorfkind wieder die Oberhand. Der gute Hans, der schon beim Einpacken behülflich gewesen, hatte noch eben eine Kiste mit Stricken auf der Kutsche festgebunden. Sie trat zu ihm, gab ihm die Hand und dankte mit etwas unsicherer Stimme, aber um so herzlicher für all die Freundschaft, die er ihr und ihrer Mutter bewiesen habe. Hans erwiederte mit ernsthaftem Gesicht: was er gethan habe, das hab' er gern gethan, und er wünsche ihr jetzt alles Glück und Wohlergehen. — In solchen Momenten leben alte Gedanken und Gefühle wieder auf; die Seele wird heller, und was völlig abgethan schien, steht in klarem Lichte vor ihr. Christine hielt die Hand des Wackern fest und drückte sie; denn nicht nur die Liebe, auch der gerührte Dank, auch die Hochschätzung muß sich in Aeußerungen der Zärtlichkeit genug thun. Ihre Augen wurden feucht, und wie sie ihn damit ansah, hätte er wohl eine Abbitte darin lesen können. Ohne Zweifel verstand er sie. Eine leise Andeutung von gutmüthig wehmüthigem Lächeln ging über seine ernsten Züge; er schüttelte ihr kräftig und treuherzig die Hand, als wollte er sagen: »laß das gehen,« und wünschte ihr nochmal wohl zu leben. — Ein paar Minuten später, und Christine saß in ihrem Dorfgewand, aber in einen Mantel gehüllt und um den Kopf ein weißes Tuch gebunden, neben dem Verlobten im Wagen, der von trabenden Rossen gezogen aus dem Dorf rollte.

Eine seltsame Reihe von Empfindungen zog durch das erweichte Herz des Mädchens. Trauernde und sorgende, hoffende und freudige tauchten abwechselnd auf, bis die Seele nach und nach ruhig wurde und in dem Einen Gefühl der Ergebung die übrigen versanken. Sie machte eine eigene Erfahrung an diesem Tag: das Zusammensein mit dem Geliebten kam ihr nicht so schön vor, als sie sich's früher gedacht. Mit der Ruhe kam aber die Empfänglichkeit für die aufmunternden und schmeichelnden Worte des Bräutigams wieder in ihr Gemüth, und endlich saß sie vergnügt an der Seite des Vergnügten.

Es war in der Abenddämmerung, als das Ziel ihrer Fahrt, die Stadt vor ihnen lag. Diese gewährte in der guten Jahreszeit einen freundlichen und hübschen Anblick; jetzt sah sie aus, wie eben eine Landstadt im Spätherbst, und der guten Christine kam sie recht fremd vor. — Die Kutsche rollte durch das Thor in die Hauptstraße, lenkte bald in eine Seitengasse ein, die zu den engen und düstern gehörte, und hielt vor einem schmalen, zweistockigen Hause. Eine Frau in den Fünfzigen kam heraus, hob Christine grüßend aus dem Wagen und führte sie in die Stube zu ebener Erde. Sie war bei der Base Kahl.

Herr Kahl war ein Kleinhändler, dessen Geschäft seit dem Auftreten eines reicheren und praktischeren Concurrenten in Abnahme gekommen war und der nun, anstatt sich ebenfalls besser umzuthun, lieber ergeben den alten Schlendrian fortführte und seinen Haushalt einschränkte. Er wohnte mit seiner Frau und einer Magd, die auch im Laden aushelfen mußte, allein in dem Hause, und weder die kleine Familie noch die Stube, in der sie sich Mittags und Abends zusammenfand, konnte den Eindruck des Wohlhäbigen machen. Es waren — die gleichfalls in gewissen Jahren befindliche Magd mit eingeschlossen — längliche, hagere Gestalten, die in ihrem ganzen Wesen etwas Kümmerliches hatten. Dieß war ihnen freilich schon zur Gewohnheit geworden und erschien durch mehrjährige Uebung gemildert; allein ihr Anblick hatte damit noch nichts Vertraueneinflößendes gewonnen. Gutmüthig in gewissem Sinn waren die alten Leute; sie konnten sich auch freuen über kleine Wendungen zum Bessern und einzelne glückliche Zufälle, und spannen so ihr Leben am Ende doch erträglich weiter.

Christine erhielt die Stube im ersten Stock, bisher eine Art von Prunkzimmer der Familie, nebst einem Schlafkämmerchen. Ein kleiner irdener Ofen, altes Möbelwerk und einige Bilder an der Wand zierten das zweifenstrige Gemach, jedenfalls das beste im Hause. Unter andern altmodischen Bildern sahen aber die Porträts der Hausleute, in ihrer Jugend von einem Anfänger gemalt, so trübselig von der Wand, als ob die Originale schon eine Ahnung gehabt hätten, daß sie zu besonderem Glück im Leben nicht bestimmt waren. Als der Ofen nach so langem Feiern und Frieren geheizt wurde, begann er tüchtig zu rauchen; die Fenster mußten aufgerissen werden, und erst nach und nach brachte man in dem frostgewohnten Raum einige Wärme zuwege. Die ersten Eindrücke, die Christine in dem Hause erhielt, waren keineswegs angenehm.

In dem Vertrauen, das sie auf die Base gesetzt hatte, fand sie sich aber nicht getäuscht. Frau Kahl, abgesehen von ihrer verhältnißmäßigen Gutmüthigkeit, hatte auch alle Ursache, gegen das Bäschen gefällig zu sein: diese zahlte Kost und Logis, wenn auch zu mäßigem Preis, und vergrößerte so das geringe Einkommen. Dann aber war sie die Braut des Herrn Forstner, der auch hier schon ein Gegenstand des Anerkennens und Rühmens geworden war. Aus diesen Gründen war die Base freundlicher und rücksichtsvoller gegen sie, als die seit Jahren im Hause mitregierende Magd, die es hart anzukommen schien, von einer in Bauernkleidern gekommenen und sich gar nicht auskennenden jungen Person etwas zu halten und gegen sie zu thun, als ob sie etwas wäre. — Der sechzigjährige Vetter bezeigte sich freundlich und höflich, aber ohne sonderlichen Eifer, dessen er überhaupt nicht fähig war. Mit ihm hatte Christine wenig zu thun. Den Tag über war er in seinem Laden, beim Mittagessen schwieg er und nach dem Abendessen duselte er in seinem Sorgenstuhl ein.

Als die neue Hausgenossin sich so gut, als es anging, eingerichtet hatte, war es ihre nächste Aufgabe, sich städtische Gewandung zu verschaffen. Ein Alltagskleid war bald besorgt und das Anprobiren desselben das erste wichtige Ereigniß in dem neuen Leben der Lehrersbraut. Die Base half ihr dabei und hoffte, daß sie in dem schöneren Anzug bedeutend hübscher und vornehmer aussehen würde. Allein welche Ueberraschung, als sie nun die Fertige musterte! Sie mußte sie viel weniger hübsch finden als vorher. Natürlich sagte sie das nicht und strich und zupfte um so emsiger das Gewand zurecht, in der Hoffnung, es möchte noch werden. Die Hoffnung erfüllte sich aber nicht und der Grund war klar. Abgesehen davon, daß Christine das ungewohnte Kleid nicht zu tragen verstand, war auch ihre Gestalt nicht dafür geschaffen. Ihr Wuchs, der sich im Bauerngewand stattlich ausnahm und von dem nichts hinwegzuwünschen war, hatte im städtischen Anzug — wir sagen es mit Bedauern — etwas Unzierliches und Schwerfälliges, eine boshafte Städterin hätte sagen können Plumpes. Als Frau Kahl sie von oben bis unten betrachtet hatte und ein Lob unmöglich über ihre Lippen bringen konnte, machte sie in der Verlegenheit des Augenblicks das Kleid verantwortlich, das nicht gut gerathen sei und geändert werden müsse. Aber Susanne, die Magd, die auch herzugekommen war und sich an dem Anblick weidete, bemerkte mit entsprechendem Ausdruck: »Am Kleid liegt der Fehler nicht.« — Auf dem Tisch lag noch ein Hut, den Frau Kahl erst gestern gekauft hatte, ganz neu und neumodisch. Vielleicht daß er, den schönen Kopf zierend, eine günstige Veränderung im Ganzen bewirkte. Sie setzte ihn darauf — und sah sich auf's neue enttäuscht! Das Gesicht, im Rieser Käppchen so hübsch rund und so reizend, erschien im Hut zu voll. Christine, die zu merken anfing, welchen Eindruck sie hervorbrachte, wurde befangen, das Blut stieg ihr in's Gesicht, und dieses konnte dadurch weder an Rundung ab-, noch an Feinheit zunehmen. Zu allem Unglück war die Temperatur in der Stube seit dem frühen Morgen bedeutend gesunken, und indem die Röthe der etwas frierenden Christine eine bläuliche Färbung gewann, vollendete sich die Tücke des schlimmen Tags.

Wie sie so dastand und nicht wußte, was sie sagen oder thun sollte, ging die Thüre auf und Forstner trat herein. Er kam zufällig, das Unternehmen des Tags war ihm unbekannt. Als er die Verlobte in dem langen Kleid sah, war er betroffen und betrachtete sie einen Moment schweigend. Dann rief er mit einem Lächeln, das nicht ganz hinreichte, einen gewissen verlegenen Ernst zu decken: »Wie siehst du aus, Christine! Man kennt dich gar nicht mehr! So — so vornehm!« Christine versuchte zu lächeln und sagte mit etwas verzogenem Mund: »Nun — gefall' ich dir nicht?« — »O freilich,« erwiederte der Verlobte, der vor der Base und der Magd gerathen fand, seine und ihre Würde zu wahren. »Aber man ist's nicht an dir gewohnt und darum fällt's einem auf. Nun, aller Anfang ist schwer; das wissen wir Lehrer. Mit der Zeit wirst du's tragen wie eine Städterin, und uns wird's dann sein, als ob wir dich nie anders gesehen hätten.« — »Ja freilich,« bemerkte die Base, die froh war, daß der Bräutigam ihr zu Hülfe kam; »es ist ja kein Hexenwerk!« — Die Magd, die unbeachtet in einer Ecke stand, schüttelte den Kopf und verließ die Stube. Auf der Stiege sagte sie zu sich: »Das wird nie eine Frau für diesen Mann!«

Forstner hatte Christine nicht sogleich anstrengen wollen und sie bisher nur besucht, um sie zu grüßen und zu unterhalten. Allein die Zeit war kostbar, und endlich mußte mit der Erziehung, die er ihr zudachte, vorgeschritten werden. Nachdem auch die Base sich entfernt, setzte sich das Paar auf einem kleinen Kanape zusammen und der Verlobte entwickelte ihr den Plan, nach welchem sie die fehlende Bildung nachholen sollte. Da er unter Tags in der Schule und mit Privatstunden beschäftigt war, so wollte er wo möglich jeden Abend zu ihr kommen und sie unterrichten. Sie sollte Lesen, Schreiben und Rechnen nachüben und sich der Orthographie und der hochdeutschen Aussprache befleißigen. Geographie und Geschichte konnten ihr nicht erlassen werden; denn der Frau eines Lehrers mußte wenigstens bis zu einem gewissen Grade bekannt sein, was es mit der Erde für eine Bewandtniß habe und wie es dem Menschengeschlecht bis jetzt darauf ergangen sei. Wie leicht konnte in Gesellschaft die Rede darauf kommen und sie ihn, wenn sie aus Unwissenheit fragte oder gar mitreden wollte, in peinliche Verlegenheit bringen! — Dann mußte sie gute Bücher lesen lernen, die Geist und Herz veredeln und Stoff bieten zu geselliger Unterhaltung. — War sie nicht jung und hatte sie ihm nicht schon Beweise gegeben von offenbarem Verstande? Wenn er sie nur erst eingeführt in den Garten des Wissens, dann sollte sie schon Geschmack daran finden und selber darin herumwandeln und an Blüthen und Früchten sich ergötzen. — Als er ihr das alles auseinander setzte, gerieth er in einen Eifer des Lehrers und malte ihr die künftigen Herrlichkeiten so schön vor, als ob sie schon da wären. Die gute Christine aber dachte: »Gott, wie wird das alles in meinen Kopf gehen!«

Forstner stand auf, Abschied zu nehmen. Als er die Verlobte in dem langen Kleid nochmal betrachtete (den Hut hatte sie glücklicherweise schon abgelegt), konnte er doch nicht umhin, auf's neue bedenklich zu werden. Der Anzug kleidete sie gar zu wenig! Die Gestalt war von städtischer Zierlichkeit gar zu weit entfernt! und es drängte sich ihm das Gefühl auf, daß Christine doch wohl nie eine feine Frau werden möchte. Die Zufriedenheit, ja alle Munterkeit war aus seinen Mienen gewichen; er sah ernst und befangen für sich hin. Christine errieth oder ahnte seine Gedanken und stand halb niedergedrückt, halb empfindlich vor ihm, den Blick zu Boden gesenkt. Es war einer von jenen schlimmen Augenblicken, wo man die Empfindungen, die man schweigend verbergen wollte, in ihrer ganzen fatalen Realität sich gegenseitig aus der Seele liest. Endlich nahm sich Forstner zusammen; er gab ihr die Hand, sah sie freundlich, wo nicht zärtlich an und drückte einen Kuß auf ihre Lippen, die auch in der gegenwärtigen ungünstigen Situation ihren Reiz nicht verloren hatten. Das Mädchen wurde roth und die Freude glänzte wieder aus ihr; sie blickte ihn so schön und lieb an, wie nur jemals früher in ländlicher Unbefangenheit. Ihres Anblicks froh empfahl er ihr noch zwei Bücher, die er mitgebracht hatte, als unterhaltend zum ersten Leseversuch, und verabschiedete sich.

Das Leben des Mädchens hatte bald in jeder Beziehung seine Ordnung und Methode. Einen Theil des Tages verbrachte sie bei der Base und half ihr kochen und sonstige Hausarbeit verrichten. In der Kochkunst viel zu lernen war bei Frau Kahl nicht die Gelegenheit; denn die Speisen, die sie bereitete, waren sehr einfach und eine große Abwechslung fand nicht statt. Auch wollte Christine finden, daß die städtische Kost, obwohl öfter Fleisch auf den Tisch kam, als bei ihr zu Hause, doch nicht so nahrhaft und wohlschmeckend sei und namentlich zu viel an Butter und Schmalz gespart würde. — Eine oder zwei Stunden täglich wurden von weiblicher Arbeit in Anspruch genommen. Hier sollte sich das Dorfkind, die in ihrer Weise ganz gut nähen und stricken, sogar ein wenig schneidern konnte, die feineren Künste zu eigen machen, und zwar unter der Leitung einer Verwandten des Vetters Kahl, die sich erboten hatte, sich ihrer anzunehmen und sie so weit zu bringen, als es bei einer Person, die unter Bauersleuten aufgewachsen sei, eben ginge. Diese Verwandte führte den romantischen Namen Adelheid, hatte aber trotzdem keinen Mann bekommen, und schuf sich dafür einen geistigen Ersatz in Geltendmachung ihrer Ueberlegenheit und in stolzem Verziehen der Oberlippe, die im Verlauf der Zeit einen Ausdruck männlicher Autorität gewonnen hatte und auch mit einem entsprechenden Fläumchen geziert war. Daß diese Stunden für Christine nicht die angenehmsten waren, erräth man; allein sie mußte die Unterweisung, die Mamsell Adelheid ihr bot, doch mit Dank aufnehmen und durch Fleiß, durch Aufmerksamkeit und namentlich auch durch Bescheidenheit zu verdienen suchen. Was an Zeit noch übrig blieb, war auf Erledigung der Aufgaben zu verwenden, die Forstner ihr gegeben hatte.

Dieser begann seinen Unterricht mit der praktischen Klugheit, die uns an ihm nicht unbekannt ist. Die ersten Stunden wurden mehr mit Unterhaltung ausgefüllt; das Verfahren war darauf berechnet, das Mädchen zu erheitern und ihre Neu- und Wißbegierde zu reizen. Nach und nach mußten die Zügel freilich straffer angezogen werden. Die Wißbegierde wollte sich eben in Christine keineswegs in der Stärke einfinden, die der Verlobte wünschen mußte. Das gute Mädchen hatte mehr einen Hang, sich mit dem, was sie wußte, zu begnügen, als einen Drang, den Schatz ihrer Kenntnisse zu vermehren. Sie konnte nicht einsehen, was es z. B. nütze zu wissen, daß die Hauptstadt von Preußen Berlin heiße, und zu was es gut sei, mehr alte Römer kennen zu lernen, als den Landpfleger Pontius Pilatus. Sie war daher manchmal zerstreut, dachte an andere, ihr näher liegende Gegenstände, und hatte, was der Lehrer ihr mit lebhaftem Eifer gesagt, öfters gar nicht gehört, viel weniger verstanden. Sie offenbarte ein eigenthümliches Talent, das was sie schon gelernt, mindestens nachgesprochen hatte, wieder zu vergessen, und bei Dingen, die er als bekannt voraussetzen zu können glaubte, dreinzusehen, als ob sie nie eine Sylbe davon gehört hätte. Daß nun auch der Lehrer ärgerlich wurde, und daß es ihn zuweilen sehr hart ankam, in den Grenzen der Höflichkeit zu bleiben, begreift sich. Eine Zeitlang nahm er sich zusammen, und wenn er hitzig wurde und die Verlobte einigermaßen verletzt schien, legte er als Balsam gleich wieder sanfte Worte auf. Rief er einmal strafend: »Wie ungeschickt!« oder: »Das hast du ja schon gewußt! — wo sind denn deine Gedanken?« — und erröthete sie dann und sah gedemüthigt zu Boden, dann tröstete er sie: es komme nur darauf an, die ersten Schwierigkeiten zu besiegen und mehr Freude an der Sache zu finden; sie solle nur den Muth nicht verlieren, und dergleichen. Wie nun aber diese Freude sich nicht einstellte und die alten Fehler wiederkehrten, fand er's doch für gerathen, bei den strafenden Worten zu bleiben und ihr aus einem Schamgefühl nicht herauszuhelfen, das so wohl verdient schien. Es entfuhren ihm nun zuweilen Ausrufungen wie: »Gott, was ist das für ein Kopf!« oder: »das ist ja zum Verzweifeln!« — und er versetzte damit dem Selbstgefühl des Mädchens einen Schlag, der um so weher that, als er früher ja ganz anders gesprochen hatte. — Nach solchen Aeußerungen mußte er freilich wieder einlenken; aber er that es nicht mehr in sanften Worten, sondern erklärte, es thue ihm leid, so zu reden, aber es sei seine Pflicht, die Sache mit mehr Ernst und Strenge anzugreifen, da sie mit ihrer Langsamkeit und Zerstreuung sonst zu nichts kommen würde. Was er thue, geschehe zu ihrem Besten und nur aus Liebe.

Das mochte alles ganz wahr sein, aber auf Christine konnte es keinen erfreulichen Eindruck machen. Wenn Forstner als Liebhaber im ihre Stube trat, sah sie diesen gar bald durch den Lehrer beeinträchtigt; nach und nach wurde er ganz zum Hofmeister, und sie konnte von Glück sagen, wenn der Liebhaber wenigstens beim Abschied wieder zum Vorschein kam.

Die Gute mußte endlich einsehen, daß sie wieder ganz zum Schulkinde geworden war und die Leiden eines solchen zu erdulden hatte, ohne den frohen und leichten Jugendmuth zu besitzen, der alles Unangenehme schnell wieder abwirft. Sie war gehofmeistert von Mamsell Adelheid, gehofmeistert von ihrem Bräutigam, und oft schien es ihr, als wäre dieser schlimmer wie jene. Das Fatale dabei war: sie konnte die Bande, wie schwer sie auf ihr lasteten, nicht abwerfen, nicht einmal an ihnen rütteln; sie mußte das Joch tragen und damit weiter gehen. — Erholung und Unterhaltung war ihr wenig geboten; denn außer den uns bekannten Persönlichkeiten hatte sie keinen Umgang, da sie ja durch diese zu weiterem erst befähigt werden sollte. Wenn sie sich nun an einem grauen, kalten Tag in ihrer Stube mit ihren Aufgaben beschäftigen wollte, aber durchaus keine Lust dazu verspürte und Buch und Papier weglegte, um für sich hinzustarren, dann begann es ihr endlich »and zu thun« nach der Heimath, und dieses Gefühl wurde stärker und stärker. Sie kam sich recht einsam, recht verlassen vor und hatte zuletzt eine Anwandlung von der Empfindung, die man im Ries mit dem Worte »verzwazeln« (verzweifeln, vergehen) bezeichnet. Aber sie durfte von diesem eigenen Leide niemand etwas sagen. Auch der Mutter mußte sie schreiben, daß es ihr wohl gehe, und daß sie gern hier sei.

Endlich kam ein Tag, der wohl zu der Hoffnung berechtigen konnte, daß er ihr Freude bringen und wieder Muth und Zuversicht einflößen werde. Der städtische Sonntagsanzug, den man bald nach ihrer Ankunft für sie bestellt hatte, war fertig geworden. Man hatte nichts gespart, ihn so hübsch und glänzend herzustellen, als es bei ihr nur immer anging. Alles hatte seinen Rath dazu gegeben und das Kleid war von den geschicktesten Händen gefertigt, die man in der Stadt finden konnte. Frau Kahl, der es eine Ehrensache geworden war, das Dorfbäschen in eine Städterin umzuwandeln, hatte sich am eifrigsten dabei umgethan; sie hoffte besonders auch eine gute Wirkung auf das Gemüth der Verwandten, an der sie ein scheueres und gedrückteres Wesen zu ihrem großen Bedauern wahrgenommen hatte. Kleider machen Leute, das ist ein gutes altes Sprichwort, und mit einem feineren Anzug pflegt in gar viele Menschen auch ein höherer Geist zu fahren. Sollte sich das nicht auch an Christine bewähren? — Als diese an dem festlichen Morgen unter Beihülfe der Base und der Mamsell Adelheid fertig geworden war und dastand im dunkeln Merinokleid, seidenem Halstuch, sammtnem Hut und glänzend gewichsten Schuhen, wurde sie von den Richterinnen ernst und aufmerksam geprüft. Beide gingen hin und her und betrachteten sie von allen Seiten. Seltsames Mißgeschick! Die Erscheinungen beim ersten Probiren des Alltagskleides wiederholten sich. Die Stoffe thaten ihre Wirkung, die Gestalt war aber durch sie um nichts feiner und zierlicher geworden, sie schien allen Verwandlungsversuchen widerstehen zu wollen. »'S ist eben eine maskirte Bäurin,« dachte Mamsell Adelheid, und die Base wußte gar nicht, was sie denken sollte.

Am ungefügigsten erwiesen sich zuletzt noch die Hände des Landmädchens. Daß die Bauernarbeit, wie jede andere, die gleiche Anstrengung mit sich führt, die Glieder mächtiger und stärker entwickelt, weiß jeder. Ein Dorfkind bringt in der Regel die Anlage zu tüchtigen Fingern schon von den Eltern mit, und die Ausbildung wird durch Rechen, Sichel und Dreschflegel entsprechend gefördert. Die Haut wird auf der einen Seite hart, auf der andern erhält sie eine röthlich bräunliche Färbung, und die Dorfhand ist fertig. In ihrer Heimath wird sie so gerade geschätzt; sie deutet auf Arbeit und Arbeitsfähigkeit — die Ehre der Landleute — und paßt zum ländlichen Anzug. Ein schönes Mädchen weiß damit zu schmeicheln, so gut wie eine Städterin mit ihren zierlichen Fingern, und der Druck der Liebe soll unter dieser Voraussetzung um nichts weniger süß und angenehm sein. Aber alles hat in der Welt seinen natürlichen Platz, und wenn es diesen verläßt, wird das Passende unpassend. Die Hände unserer Christine gehörten auf dem Dorf noch nicht zu den stärksten; in der Stadt und für den städtischen Anzug erschienen sie nun doch viel zu entwickelt, und dieß stellte sich auf's klarste heraus, als die neugekauften Handschuhe darüber gezogen werden sollten. Sie erwiesen sich zu klein und drohten zu platzen; man mußte in den Laden schicken und Männerhandschuhe der größten Art bringen lassen. Diese reichten endlich zu; aber den Händen, die mit ihnen bedeckt waren, Beifall zu spenden, das war auch der wohlmeinenden Richterin eine Sache der Unmöglichkeit.

Nach erneuerter Prüfung gewann es Frau Kahl zuletzt über sich, das Bäschen mit Anerkennung aufzumuntern und zu bemerken, das Kleid stehe ihr diesmal schon viel besser und sie könne sich sehr wohl damit sehen lassen. Mamsell Adelheid schwieg; sie konnte eine gewisse Schadenfreude in ihrem gelblichen und scharfen Antlitz nicht unterdrücken und sagte zuletzt, für den Anfang sei es gut genug; man dürfe von einem Mädchen, die im Dorf groß geworden sei, gar nicht verlangen, daß sie ein solches Gewand gleich zu tragen verstehe, wie sich's gehöre. — Christine, durch alles das betroffen und irre gemacht, besah sich im Spiegel, prüfte sich hin und her, und gefiel sich selbst nicht. Sie gehörte nicht zu den Einfältigen, das gute Dorfkind, und ließ sich nicht von den prächtigen Stoffen blenden; sie hatte ein Augenmaß und überzeugte sich, daß ihr der ganze Kram nicht zu Gesichte stehe. Ihre Freude — denn sie hatte sich doch auf die schönen Sachen gefreut — war zu Wasser geworden.

Eben hatte die Base wieder eine ermuthigende Bemerkung angefangen, als der Verlobte in die Stube trat — diesmal nicht zufällig. Es war verabredet, daß er die Braut besuchen und sie mit Frau Kahl in die Kirche führen solle. An der Thüre stehend und nur den schönen neuen Anzug im Auge, stieß er ein fröhliches »Ah, wie schön!« aus. Als er näher trat und die Geputzte genauer betrachtete, wurde er ernst und ernster, und es war ihm unmöglich, in dem begonnenen Tone fortzufahren. Die Hände waren ihm nie so groß vorgekommen als in den feinen Handschuhen; aus dem Gesicht im Sammthut schien aller Geist, alle Anmuth geflohen zu sein. Die Eitelkeit des jungen Mannes, der sich eine Frau wünschte, mit der er prunken konnte, war erschreckt und sah den unerfreulichen Thatbestand noch dazu mit übertreibenden Augen. Christine sagte sich augenblicklich: »Ich gefall' ihm wieder nicht, gar nicht — und das ist kein Wunder!« Als der Verlobte sich endlich mit Anstrengung zusammennahm und seine Verlegenheit hinter Worte des Lobes und der Bewunderung verbergen wollte, die ihm aber durchaus nicht von Herzen gingen und auf dem Gesicht der Mamsell Adelheid nur ein boshaftes Lächeln hervorriefen, da hatte das gute Kind eine wahrhaft peinliche Empfindung. Sie versetzte mit dem Ernst der Ehrlichkeit: er möge sie doch mit solchen Reden verschonen, sie wisse recht gut, daß ihr dieses Kleid nicht anstehe und immer noch das Bauernmädchen aus ihm herausschaue. Aber das sei nun einmal so, und sie könnte sich nicht anders machen, als sie wäre.

Sehr verstimmt trat man den Weg zur Kirche an. Als in der Hauptstraße ein Herr und zwei Frauenzimmer daher kamen, die den Lehrer grüßten und auf Christine blickend, heitere Mienen zeigten, war es ihm, als ob er auf Nadeln ginge. Er wurde schamroth wie ein Mädchen, dankte hastig, ging rascher und verabschiedete sich vor dem Kirchenthore von Christine mit dem Gefühl wahrer Erleichterung. Für sie hatte die niederdrückende Erfahrung, die der eilige Abschied des Bräutigams noch vervollständigte, das Gute, das sie im Gotteshause Trost suchte und der Predigt, die ihrer Lage entsprach und an sie gerichtet schien, von Anfang bis zu Ende folgte. Es war dies das erste Mal in ihrem Leben; aber Noth lehrt beten und öffnet das Verständniß für Aussprüche, die früher nur als leere Klänge am Ohr vorüberzogen. Ihre Anstrengung belohnte sich auch, sie kam getrösteter und ruhiger nach Hause.

Indem ich das Verhalten und die Schicksale Christinens der Wahrheit gemäß schildere, bin ich weit entfernt, eine Theorie aufstellen und etwa lehren zu wollen, ein Dorfmädchen passe in die Stadt und für einen Städter überhaupt nicht, die geborne Bäuerin könne nur mit einem Bauer glücklich sein und die Verpflanzung in eine höhere Schichte der Gesellschaft niemals gelingen. Das wäre falsch und würde namentlich auch im Ries durch gelungene Versuche widerlegt. Es kommt hier, wie sich von selber versteht, auf den Geist und das Naturell des Mädchens an. Ist diese begabt, strebsam und sehnt sie sich höher hinauf, so wird sie als Braut und als Frau eines gebildeten Mannes gar bald die Kultur annehmen, die von ihr gefordert werden kann; denn eine Pariserin braucht sie ja in einer deutschen Kleinstadt nicht zu werden. Sie wird das verhältnißmäßige Hochdeutsch lernen, womit man im der städtischen Unterhaltung durchkommt; Begrüßungen und höfliche Redensarten werden ihr bald geläufig vom Munde gehen; sie wird Kenntnisse sammeln und in Gesellschaft mehr oder weniger ein Wort mitreden können. Was die französische Kleidung betrifft, so wird eben dieser Punkt am leichtesten erledigt sein. In dem strebenden Mädchen regt sich der feinere Putztrieb von selbst, das neue Gewand, das Symbol höheren Standes, wird mit freudiger Begierde angelegt, mit Selbstgefühl getragen, und Lust und Liebe und angeborenes Geschick führen bald zu der Herrschaft darüber, die sich in leichter und angenehmer Bewegung ausspricht. Die Hände, wenn sie nicht schon von Natur feiner waren und der Einwirkung der Arbeit widerstanden haben, werden zarter und feiner mit der Zeit, und das Wagniß ist gelungen. Kommt es ja doch in der Ehe und in einem Haushalt viel mehr auf Angebornes als auf äußerlich Gelerntes an! Der natürliche helle Verstand findet sich darin viel eher und besser zurecht als der trägere Geist, dem allerlei Wissen beigebracht wurde, und wenn zuletzt auch einzelne Züge immer noch das geborene Landmädchen verriethen, so könnten sie bei dem Vorhandensein der erforderlichen reellen Eigenschaften doch zu nichts weiter als zu scherzhaften kleinen Neckereien führen.

Ich möchte behaupten, daß eine solche Entwicklung bei Dorfkindern, die von der Natur nicht stiefmütterlich behandelt sind und von Städtern geehlicht werden, Regel ist. Die meisten werden, von dem Reiz geleitet, den das Neue und Höhere auf ihr Gemüth übt, sich in die Verhältnisse schicken, ihrem Stande Ehre zu machen sich bemühen und in ihrem Eifer das vorgesteckte Ziel erreichen.

Unsere Christine gehörte aber nicht zu den Strebenden. Sie war für das Dorf geboren und nur hier konnte sie wahrhaft glücklich werden. Auf ihre Phantasie wirkte mehr der Reiz des Hergebrachten als des Neuen, mehr die Poesie des Eigenen als des Andern. In dem Kreise des Dorfes selber fortzuschreiten, aus einer Söldnerstochter eine angesehene Bäuerin zu werden, das war ihr Ehrgeiz, ihr erster und schönster Traum gewesen. Bei Forstner war es mehr die hübsche und einschmeichelnde Persönlichkeit, die sie bestrickte, als der Lehrer und »Herr«; und wenn der Gedanke ihr angenehm war, Frau Lehrerin zu werden, so war es eben nur unter der Voraussetzung, daß sie es auf dem Dorf, ja in ihrem Geburtsort würde und damit in ihrer Art zu der Höhe der ersten Frauen darin hinaufrückte. Der Titel einer städtischen Frau Oberlehrerin blendete sie nur mit flüchtigem Reiz, mit einem Schein, der bei näherer Betrachtung nicht Stand halten konnte. Ihr angeborener Trieb führte die Seele wieder und wieder zum Dorfe, zur Stätte des Jugendglücks, zur Heimlichkeit der Heimath zurück.

Christine liebte die Rieser Tracht, fand sie schön und zierend, und sie hatte alle Ursache dazu, denn ihr stand sie vortrefflich. Sie hatte etwas von der Gesinnung in sich, die ehedem verbreiteter war als jetzt, aber sich gewiß noch nicht ganz verloren hat; ich meine die Gesinnung, in welcher der Bauer seinen Stand eigentlich für den ehrenvollsten, seine Kleidung für die schönste hält, und die Herren und Herrenfrauen, die in der Stadt leben und französische Kleider tragen müssen, nicht nur für weniger begünstigt ansehen, sondern geradezu bedauern kann. Schreiber dieses erinnert sich, in seiner Jugend von wohlhäbigen Landmädchen mehrfach spöttische Bemerkungen über Städterinnen gehört zu haben, die nur dem Stande und Gewande galten und mit behaglicher Sicherheit, ohne alle Bosheit abgegeben wurden. »So eine Langrockete,« hieß es von dem Stiefkinde der Verhältnisse, das mit dem Flecken reizloser und unsolider Tracht behaftet war. Eine geborene Wallersteinerin, Tochter eines angesehenen Bürgers und von mütterlicher Seite mit einer jungen Bäuerin verwandt, besuchte diese einmal zur Kirchweih und gewann in fröhlichem Gespräch bald ihr Herz. Die Bäuerin freute sich ihrer und sagte endlich: »Du bist a brav's und a lieb's Mädle — wann d'nor oh (auch) andere Kloeder a'hättst!« — »Warum das?« fragte die Wallersteinerin. Und sie erhielt zur Antwort: »'s ist halt nex mit dem Häs (Kleidung) doh, und wo ma' he'kommt, ist ma' halt veracht!« — Diese Aeußerung kam dem heitern Mädchen sehr ergötzlich vor, und noch als ältere Frau pflegte sie die Anekdote zur Charakteristik des Rieser Landvolks und zur Belustigung städtischer Hörer zu erzählen. Allein die Gesinnung, aus der solche Aeußerungen hervorgehen, ist doch eine höchst respektable Quelle von Glück in der Welt. Es ist der frohe Glaube an den Werth dessen, was man hat und ist, das Erfülltsein von Liebe zu der hergebrachten Art und Sitte — der Grund der Zufriedenheit und Beständigkeit im Leben.

In Christine lebte etwas von diesem Glauben und dieser Liebe und trat in den gegenwärtigen Verhältnissen, die freilich nicht darnach angethan waren, mit ihren Erinnerungen in die Schranken zu treten, zuweilen mit größter Stärke hervor. Doch sie durfte sich dem Zug nach dieser Seite nicht hingeben, sie mußte ihn bekämpfen, mußte streben und lernen, mußte sich bemühen, eine andere zu werden und städtische Sitten liebzugewinnen.

Die Erziehung eines Mädchens wie Christine und ihre Angewöhnung in der Stadt, sollte man glauben, hätte unter den geschilderten Umständen dennoch, wenn auch langsam, fortschreiten müssen, da es ja doch immer der Bräutigam war, der die Braut erzog, und die Liebe, die beide zusammengeführt hatte, zuweilen allerdings getrübt, keineswegs ausgelöscht war. Allerdings; aber die Liebe des Bräutigams und der Entschluß, die gelobte Treue zu bewahren, hatten nun eben den Vorsatz gefaßt, gegen den Zögling sich in consequentester Strenge zu beweisen. Die Zeit verstrich und Christine mußte bis zum Frühjahr wenigstens so weit gebracht werden, daß sie als Frau seiner nicht ganz unwürdig war. Er mußte sie zwingen, sich Mühe zu geben und ihren Geist auszubilden. War dieser entwickelt, dann sollte das übrige schon nachfolgen und der nöthige Anstand ergab sich von selber. — Durch diese strenge und unter Umständen züchtigende Liebe des Bräutigams wurde die Liebe der Braut auf die schwerste Probe gestellt. Es blieb eben auch nicht bei dem Ernst, hinter dem eine Liebe regiert, die gut und consequent ist. Dieser wäre es endlich wohl gelungen, das Ziel zu erreichen und ihre Bemühungen gekrönt zu sehen; aber Forstner war in einer Gemüthslage, wo ihm nichts rasch genug ging; er wollte, aufgeregt und ungeduldig, die Frucht haben, bevor sie reifen konnte, und wiederkehrende Fehler der Schülerin entrissen ihm nun bei schon angesammeltem Verdruß Aeußerungen, die er zwar immer noch für wohlverdient hielt, Christine aber nur als wahre Beleidigungen aufnehmen konnte. Es gab Auftritte zwischen dem Liebespaar, und Stunden, ja Tage des Trutzens. Versöhnte man sich wieder und that man das Gelübde, sich nie, nie wieder zu kränken, so war dem Frieden die Dauer so wenig verbürgt, wie andern, die auch auf ewige Zeiten abgeschlossen werden. — Gegen die ernsten Mahnungen Forstners konnte und wollte Christine nichts einwenden. Sie faßte den Entschluß, sich Mühe zu geben, und sie gab sich Mühe; aber Lust und Liebe zur Sache konnte sie sich nicht geben, und unter den geschilderten Umständen konnten diese auch nicht in ihr keimen und wachsen. Alles, was gegen die Natur verlangt wird, alles, was vor der Zeit fertig sein soll, gewinnt aber in der Seele den Charakter einer unerträglichen Last. Es wächst ein Widerwille dagegen, der zum Abscheu werden kann; und wenn man die verhaßte Pflicht nun doch nicht zurückzuweisen sich getraut, vielmehr die Nöthigung erkennt sie zu erfüllen, koste es was es wolle, dann können sich im Herzen Elemente der Verzweiflung ansammeln, die nothwendig zum Ausbruch kommen müssen.

Am Abend eines Tages, an dem Forstner nach wieder eingetretener Spannung nicht erschienen war, saß Christine mit ihren Verwandten und Mamsell Adelheid bei der frugalen Abendmahlzeit. Sie wurde mit dem abwesenden Liebhaber geneckt, wie es ihr mißfallen mußte; nicht aus heiterem und gutem Herzen (ein solches hätte unter den gegebenen Verhältnissen überhaupt geschwiegen) sondern von Seiten der Base ohne Laune, aus Langeweile, von Mamsell Adelheid ohne Wohlwollen, aus Schadenfreude. Sie antwortete zuerst etwas empfindlich, und endlich verbat sie sich diese Reden ganz. Wie meistens, wenn sie im Ernst und von Herzen sprach, hatte sie diese Erklärung im Rieser Dialekt abgegeben, und Adelheid, die sich auf dem einen Felde nicht mehr genügen durfte, benutzte nun die Aussprache des Dorfmädchens, um ihr etwas anzuhaben. »Pfui, Christine,« rief sie mit dem geheuchelt wohlmeinenden Ausdruck, der bekanntlich viel widerlicher ist, als ehrliche Unhöflichkeit, »pfui, wie bäurisch ist das wieder! Du mußt dir dieses Rieserischreden abgewöhnen, gutes Mädchen; das geht hier nicht mehr, du machst dich lächerlich damit, und für die Frau eines Lehrers paßt es schon gar nicht!« Die Wahrnehmung, daß ihre Worte auf Christine ihre Wirkung gethan hatten, ermunterten sie fortzufahren, und sie bemerkte: »Du brauchst nicht ärgerlich zu werden. Wir meinen's gut mit dir, drum sagen wir dir's, andere lassen dich reden und lachen dich aus.«

Das hieß bei dem Rieser Kinde eine der empfindlichsten Stellen berühren. Sie hatte jene Rüge und Ermahnung von ihrem Bräutigam und von der Mamsell schon öfters hören müssen. Bei ihm hatte sie's in der Ordnung gefunden und sich bestrebt, hochdeutsch zu reden. Zunächst war freilich nur ein Mischmasch herausgekommen, der ihn zuweilen auch wieder lächeln machte, und wenn sie sich bemühte, rein hochdeutsch zu reden, dann sprach sie die Worte mit einer Betonung, die ihr nicht natürlich war und pedantisch klang, so daß Forstner sie zuweilen wieder bat, sie solle lieber reden, wie sie's gelernt habe. Es war auch eine fatale Empfindung, sich sagen zu müssen, daß sie ihm nichts zu Dank machen könne, und die ganze Sache hatte darum etwas Unangenehmes für sie. Bei der Adelheid war ihr aber der Tadel ihrer Sprache um so verdrießlicher, als sie ihr eigentlich kein Recht dazu einräumen konnte, auch darum nicht, weil die Mamsell nicht sowohl hochdeutsch als fränkisch-deutsch redete. Die Rieserin konnte durchaus nicht begreifen, wie das fränkische »Na'« (Nein) schöner klingen sollte als das Rieserische »Noë«, oder worin »Ah« (Auch) hochdeutscher wäre als »Oh« u. s. w. Sie hatte bemerkt, daß man im Ries gewisse Worte gerade nach der Schrift aussprach, während man sie im Fränkischen veränderte, also verschlechterte, daß man z. B. im Ries ganz richtig »mager« sagte, wo es hier »moger« hieß; und sie sah nun in keiner Art ein, wie sie die Sprache ihrer Heimath gegen so eine Sprache sollte schlecht machen lassen. Bei dieser Gelegenheit sagte sie denn mit der Resolution des Unwillens alles, was sie auf dem Herzen hatte, und schloß ihre Erwiederung mit den Worten: »Jedes hat seine Sprach' gern und glaubt, sie sei besser als die andere, und das ist natürlich. Ihr sagt, die Rieser sei so breit und hinausgezogen, mir kommt die eure dagegen öd vor und recht »moger«, und ich mein', ich könnt' in ihr nie von Herzen reden. Aber darüber will ich nicht streiten. Wenn ich mein Rieserisch einmal ablegen soll, so will ich doch lieber gleich ein rechtes Hochdeutsch lernen, sonst will ich beim Rieserischen bleiben. Denn wenn's auch eine langsamere Sprach' ist wie die eure, so reden's doch Leute, die ich lieb hab' und die ich hochschätz', und das kann ich nicht von allen sagen, die ich kenne. Für heut' wünsch' ich Gutnacht!« — Sie war aufgestanden und verließ die Stube mit einem Blick der Geringschätzung auf Mamsell Adelheid. — »Hoffärtiges Ding!« rief diese, die sich durch den Vorwurf der Schülerin wegen des Fränkischen getroffen und durch ihren Abschiedsblick beleidigt fühlte. Aber Vetter Kahl meinte, sie habe es ihr heute auch arg gemacht, und man könne es der Christine jetzt nicht übel nehmen, wenn sie nicht bei guter Laune sei. — »Ja freilich,« setzte die Frau hinzu und nickte bedenklich.

Christine ging in ihre Stube hinauf, zündete ein Talglicht an, setzte sich an den Tisch und versuchte in einem Buche zu lesen, das ihr Forstner als unterhaltend empfohlen hatte. Bald legte sie's weg. Wie sollte sie sich für die geschriebenen Sachen interessiren, während ihr Herz so voll und so aufgeregt war von Unmuth und Sorge! Schweigend, die Arme auf die Lehne des alten Stuhls gelegt, sah sie auf den Boden und verharrte in formlosem Gedankenspiel eine Zeitlang in dieser Stellung. Es fröstelte sie; aber sie wollt' es nicht anders haben und rührte sich nicht. Wie traurig und öde war es in dieser Stadt! — wie unheimlich war es in der Stube, die eigentlich nie recht warm gemacht werden konnte! Ihre Phantasie ging in die Heimath zurück, sie stellte sich das Dorf und die Stube ihrer Mutter vor, und alles Liebe und Heimliche baute sich nach und nach vor ihr auf. — Wie schön war es dort — auch im Winter! die Stube so warm den ganzen Tag, weil man im Rohr des eisernen Ofens kochte und das Holz nicht sparte. Welch ein angenehmer Geruch, wenn am Sonntag ein paar Tauben gebraten wurden oder ein frisches Stück Fleisch vom selbstgeschlachteten Schwein. Wie heimlich war es des Abends, wenn sie mit ihrer Mutter spann und mit ihr und dem braven Hans einen Rath hielt oder »ihren Gedanken Audienz gab« und die runde Hauskatze hinter dem Ofen dazu »durnte!« Wie traulich war es, wenn ein paar Freundinnen mit dem Rocken kamen, wenn man mit einander schwatzte und lachte, und nicht eines besser zu reden glaubte als das andere, und nicht eines das andere mit seiner Sprach' aufzog. Dort waren die Leute gut, und auch die schlimmen hatten etwas an sich, was man gern haben mußte. Es war eben dort alles lustiger, und auch die schlimmen meinten's nicht so bös; und so hochmüthige gelbe Gesichter, wie die Adelheid eines hatte, gab es dort gar nicht.

Indem die Träumende von diesen Vorstellungen aufsah und sich in ihrem düster erhellten, todtenstillen Zimmer erblickte, hatte sie das Gefühl eines verlorenen Paradieses. Dort war alles so gut und so schön, dort konnte sie glücklich werden. Hier hatte sie keine einzige Gespielin, keine einzige vertraute Seele! Hier war sie verachtet und verspottet, sie, die in ihrem Dorfe geehrt und gepriesen war. Hier wurde sie mißhandelt! Und er, der ihr Trost und ihre Stütze sein sollte, er, der ihr ewige Liebe geschworen hatte, wurde mit jedem Tage härter und liebloser gegen sie! Er hatte keine Geduld mit ihr, er »kappte sie herab,« er beschimpfte sie, er schämte sich ihrer! Das mußte sie erleben! — und das mußte sie von ihm erleben! Und wenn er nun schon als Bräutigam so gegen sie handelte, was hatte sie zu erwarten, wenn er ihr Mann war und ihr Herr? Welchen Ehestand sollte das geben?

Der Gedanke, daß sie das Unrechte gewählt habe, daß ein unglückliches, verfehltes Leben ihrer warte, und daß sie selber daran Schuld sei, begann den Geist des Mädchens zu überwältigen. In ihrem Herzen fing ein Zittern und Beben an, das sich über den ganzen Körper verbreitete, das nicht mehr zurückgedrängt werden konnte und nicht mehr enden zu können schien. Der Sturm der Verzweiflung war über ihre Seele gekommen. Wenn dieser einmal im Innern zu sausen und zu brausen beginnt, dann helfen keine Einreden des Verstandes mehr. Alle Gründe, die dagegen sprechen sollen, fallen kraftlos zu Boden, das Toben der Angst geht weiter mit der Gewalt eines übermächtig gewordenen Feuerbrandes, man hat nur noch Ein Gefühl und Ein Wort: Verloren! verloren!

Christine konnte nicht mehr glauben und nicht mehr hoffen. Es war ihr, als ob sie auf und davon müßte; aber wohin sollte sie? Sie konnte nicht fort, sie mußte bleiben und alles erdulden, was ihr auferlegt war. Sie hatte ein Gefühl, als wenn sie in einen Brunnen gefallen wäre und nicht mehr heraus, ja nicht einmal um Hülfe rufen könnte. Welch eine Noth! — welche Bangigkeit! Und hätte sie nur weinen und Erleichterung finden können in Thränen! Aber in solchem Zustande des Herzens kann auch das Weib nicht weinen; nur leiden kann es, leiden und beben, wie das Lamm in den Klauen des Raubthiers.

Endlich erhob sich die Unglückliche mit entschlossener Anstrengung. Sie legte sich nieder, ob ihr vielleicht der Schlaf ein Erlöser würde; aber die empörten Wogen der Seele ließen sie nicht schlafen. Sie verbrachte die schwerste, peinvollste Nacht ihres Lebens und sank endlich nur aus Mattigkeit in einen unruhevollen Schlummer.

V.

Die Verzweiflung, von der eine leidende, gedrückte Seele befallen wird, trägt oft am meisten zu ihrer Wiederauflebung und Stärkung bei, wenn die Verhältnisse, in denen sie lebt, nicht an sich desperat, sondern von ihr nur so empfunden worden sind. In dem Wirbel der Sinne übertreibt sie und sieht im schlimmsten Licht; und wenn der Hauptanfall ausgehalten ist, kann sie diesen Irrthum erkennen, zur Betrachtung der bessern Seite hingedrängt und dadurch wieder beruhigt werden. Bleibt noch so manches Unebene zurück, so liegt der Gedanke nahe: ob denn auch alles so accurat sein müsse, ob denn bei andern alles so accurat sei? Und sie ermuthigt sich, sie bescheidet sich, sie hofft wieder.

Ein Sturm, der im Herzen sich erhebt, fegt dieses ohnehin, ich möchte sagen physisch aus. Er nimmt manchen phantastischen Anspruch, den man an die Welt und ihr Glück zu haben glaubt, mit sich hinweg und läßt erkennen, daß man in ihr vielmehr dulden und etwas leisten müsse. »Thu' was du kannst, in's übrige füge dich!« — mit diesem Vorsatz tritt man den Anfechtungen des Lebens entgegen und findet dann auch wieder, daß es doch nicht so schlimm ist, als man sich's vorgestellt.

Bei Christine war es aber nicht mit einem Tage abgemacht. An dem folgenden ging sie körperlich erschöpft, im Innern gebrochen einher und die Quelle der Verzweiflung strömte ruhiger, aber stetig in ihr fort. Sie trug alle Merkmale einer qualvoll durchwachten Nacht an sich; doch war ihr Mund still und ihre Miene ergeben, so daß die Base wahres Bedauern mit ihr empfand und auch Susanne und Adelheid nicht ganz ungerührt blieben. Forstner kam auch an diesem Tage nicht. Christine mußte an das Schlimmste denken; sie that es mit schauerndem Herzen; aber das Schlimmste war eine Entscheidung und hatte für ihr jetziges Gefühl auch wieder etwas Beruhigendes. Ermüdet legte sie sich zu Bette und fand bald das Heilbad des Schlafes.

Kräftiger stand sie auf und erfreute die Base beim Frühstück durch eine getröstete Miene. Sie hatten von häuslichen Dingen gesprochen und waren eben daran, die Arbeiten des Tages zu erwägen, da trat der Verlobte herein — mit allen Zeichen der Eile und einem entschiedenen Ausdruck der Reue, die wieder gut machen will.

Das ist leicht zu erklären. Die Base hatte gestern in der Nacht noch Vetter Kahl zu ihm geschickt, und dieser hatte ihn von dem Stande der Dinge unterrichtet und ihm ins Gewissen geredet. Eindrucksfähig wie er war, hatte sich Forstner die Worte zu Herzen genommen, sein Gewissen hatte sich gerührt und ihn zu dem Entschluß gebracht, Christine noch vor der Schule zu besuchen.

Er ging auf sie zu, drückte ihr die Hand und entschuldigte sein Ausbleiben mit unaufschieblichen Arbeiten, die ihn leider abgehalten hätten, zu ihr zu kommen u. s. w. Christine, durch sein Erscheinen erfreut, ließ alles gelten, und es kam zu einer vollständigen Versöhnung. Als sie vom Unterricht zu reden begann, nahm er Gelegenheit, sich selbst anzuklagen. Er sei offenbar in der letzten Zeit zu ungeduldig gewesen und habe mehr verlangt, als sie leisten konnte; er müsse sie wirklich um Verzeihung bitten; aber sein Amt und die Plage mit seinen Kindern mache ihn eben auch zuweilen verdrießlich und ungerecht. Das Mädchen entgegnete: daß er mit ihr die Geduld verloren habe, sei ganz natürlich, sie komme auch gar nicht weiter. Aber nun solle er sehen, nun werde sie sich recht zusammennehmen, und es werde gewiß besser gehen. — Von seiner Seite Geduld, von ihrer Seite Fleiß und Mühe — was brauchte es mehr zur Eintracht und zum Glück?

Als Forstner in die Schule ging, dachte er: wenn sie auch nicht alles hält, was ich mir von ihr versprochen habe, so giebt es doch eine gute Frau. Sie ist fügsam, das ist schon etwas werth. Nach und nach wird sie auch lernen, was nöthig ist; ich darf nur nicht zu viel von ihr verlangen.

Die nun folgenden Unterrichtsstunden gingen bei solcher Stimmung des Lehrers und der Schülerin ganz wohl vorüber. Es waren zunächst nur wenige. Die Christfeiertage kamen heran und machten eine Unterbrechung nöthig. Die Verlobte hatte mit Hülfe der Mamsell Adelheid einen zierlichen Tabaksbeutel zu Stande gebracht, sie kaufte noch ein schönes Buch, das der Bräutigam zufällig einmal gewünscht hatte, und machte somit eine ganz hübsche Bescheerung. Forstner beschenkte sie mit einem Shawl und einem kleinen galanten Gedicht. In dem Vergnügen dieser Tage hatte Christine auch Susanne und Adelheid mit Gaben bedacht, welche die mäßigen Erwartungen derselben übertrafen, und bessere Gesichter dafür erhalten. Alles ließ sich erfreulicher an, und Christine konnte ein verspätetes kleines Präsent an die Mutter mit einem Brief absenden, worin die Versicherung, daß sie recht fröhliche Weihnachten gefeiert habe, durchaus von Herzen kam. Sie hatte jetzt auch den Muth gefunden, einer wiederholten Aufforderung der Base nachzukommen und die Mutter zum Besuch einzuladen; ja sie hatte auf ihre Faust hinzugefügt, daß sie sich durch Vetter Hans herführen lassen solle. Die Erwartung eines frohen Wiedersehens trug dazu bei, daß sie das neue Jahr unter heiterem Austausch von Gratulationen und vertrauensvoll antrat.

Die Hoffnung auf das Wiedersehen trog sie nicht. Frau Glauning war neugierig, ihre Christine in der Stadt zu sehen, und da nach Neujahr eine Masse Schnee fiel, dann kalte, trockene Witterung eintrat, so riskirte sie's, die Bahn zu benutzen und den Besuch mit Hans in einem entlehnten Schlitten zu machen. Am heiligen Dreikönigstage saßen alle unsere Personen bei Herrn Kahl um den Mittagstisch, der lange nicht so reichlich besetzt gewesen war. Man hatte sich ausgewundert, ausgegrüßt, ausgelobt und unterhielt ein behagliches Gespräch, das Forstner zu männiglichem Ergötzen mit seinen besten Einfällen zierte, so daß man sich endlich auch in dieser Hinsicht gesättigt und vergnügt vom Tisch erhob.

In der Laune, die das Mahl in ihr angeregt hatte, nahm die Glauning ihre Tochter in eine Ecke und sagte: »Hör', Mädchen, du bist doch ein wenig »schmalbackeder« geworden, seit du hier bist. Man ißt wohl bei der Base nicht alle Tag' so gut wie heut?« — Christine lächelte und sagte: »Ach, liebe Mutter, je weniger ich esse, desto besser ist's! Denn ich bin für die Stadt noch lange nicht »schmalbacked« genug.« — »So, so?« erwiederte die Alte. »Nun, du siehst wenigstens gesund und vergnügt aus. Aber das kann ich dir nicht verschweigen, recht närrisch kommst du mir vor in dem Kleid da.« — »Ist andern auch passirt,« versetzte Christine. — »Aber diese haben sich dran gewöhnt, wie's scheint, und dir wird's auch so gehen.« — Wie die Mutter hier den Bräutigam auf sich zukommen sah, fragte sie: »Wie macht sich denn aber meine Christine in der Lehr', Herr Forstner? Geht's recht vorwärts?« — »Jeden Tag,« erwiederte dieser heiter. — »Verspotte mich nicht,« rief ihm Christine zu; »ich weiß recht wohl, daß ich einen langsamen Bauernkopf hab'.« — »Nein,« fuhr er zur Mutter fort, »in der letzten Zeit bin ich sehr zufrieden gewesen, und wenn's so fortgeht, wird sie noch eine ganze Gelehrte werden.« »O Jerum,« rief die Gelobte mit komischem Ausdruck. Die Alte sah mit Vergnügen auf das Paar, das Arm in Arm vor ihr stand.

Vor dem Abschied fand Christine noch Gelegenheit, eine vertrauliche Zwiesprach mit Hans zu halten. Sie dankte ihm und rühmte ihn wiederholt wegen seiner Freundschaft und Herzensgüte. Dann fragte sie mit einem Lächeln, in dem neben wirklicher Theilnahme ein Hauch von Scham nicht zu verkennen war: »Hast du noch immer keine, Hans? Ist noch keine Aussicht, daß ich dir auf die Hochzeit gehen kann?« Hans ging auf die Unterhaltung ein und versetzte nicht ohne Laune: »'S hat sich noch nicht machen lassen. Gut Ding will Weile haben!« — »Ja wohl,« erwiederte sie schon heiterer. »Aber man muß doch auch anfangen. Du thust dich nicht um!« — »Kommt drauf an,« entgegnete Hans. »Aber du weißt ja, ich wart' auf deine Hochzeit.« — »Da kannst du vielleicht noch lange warten.« — »Wie so?« — »Bis zum Frühjahr sicher, vielleicht aber auch bis in den Sommer hinein — ich muß noch gar viel lernen.« — »Lernen? Was fehlt dir denn noch?« — »Ach, Hannesle,« sagte das Mädchen mit einem humoristischen Seufzer, »noch gar viel! Das verstehst du nicht.« — Hans dachte: »Was so ein Schulmeister doch heutzutag nicht alles verlangt!« Aber er sagte das natürlich nicht, sondern wünschte dem Bäschen alles Glück und drückte ihr in freundschaftlicher Theilnahme die Hand. Christine sah, daß er noch immer etwas auf sie hielt und daß er ihr nichts nachtrug; beides freute sie.

Nach diesem letzten festlichen Tag wurde der unterbrochene Unterricht wieder fortgesetzt. Forstner nahm es zuerst wieder leicht und führte das Spiel nur sachte zum Ernst hinüber. In der Zwischenzeit hatte aber Christine von ihrem Talent, Gelerntes zu vergessen, wieder ziemlich Gebrauch gemacht, so daß Fortschritte nirgends sichtbar werden wollten, und bald stacken sie wieder in der Prosa des Lebens. Geschmack an geistiger Beschäftigung, ein Trieb, selber vorwärts zu gehen, etwas zu thun und zu suchen, wollte sich eben in der Schülerin nicht melden. Sie lernte nie einsehen, wozu das alles eigentlich gut sein sollte; die Kopfarbeit blieb ihr beschwerlich und sie konnte darin nicht einmal eine rechte Arbeit sehen. Neigung, angeborener und anerzogener Respekt drängte sie zur Arbeit mit der Hand, und nur wenn sie hier etwas fertig gebracht, glaubte sie wirklich etwas gethan und ihre Pflicht erfüllt zu haben.

Forstner überzeugte sich jeden Tag mehr von der Unmöglichkeit, der Verlobten das beizubringen, was er an Geistescultur von seiner Frau glaubte fordern zu können. Aber die Wirkung war nun eine andere auf ihn als früher: er wurde nicht mehr erzürnt — er entsagte seiner Hoffnung. Er that es mit Seufzen und tröstete sich mit dem Gedanken, daß Christine jedenfalls eine gute Hausfrau sein werde. — Damit war ein bedeutender Schritt zum Glück des Paares hin gethan; denn das Glück wird dann erst möglich, wenn man von sich und von andern nur das fordern lernt, was die einmal gegebene Natur zu leisten im Stande ist, und sich dabei genügen läßt. — Aber nun zog ein Wetter, das schon lange am Horizont gestanden hatte, rasch am Himmel auf und hing bald drohend über dem Haupte des Dorfmädchens. — Um dieß zu erklären, muß ich in der Geschichte um mehrere Monate zurück gehen.

Jener College Forstners, der sich im Oettinger Kränzchen so eng an ihn angeschlossen und dessen Betriebsamkeit er hauptsächlich seine jetzige Stelle verdankte, war bei seinen Bemühungen von wirklicher Freundschaft zu dem talentvollen, liebenswürdigen jungen Mann geleitet. Der Eifer, den er zu seinen Gunsten anwandte, beruhte aber doch nicht ausschließlich auf diesem persönlichen Wohlwollen; er war zugleich, und zwar nicht minder stark, durch sein eigenes Interesse getragen. Gustav Dobler (denn er muß jetzt mit seinem Namen in unsere Erzählung eintreten) hatte zwei Schwestern, die bei ihm, dem noch unverheiratheten Manne, wohnten. Die jüngere war noch nicht aus der Schule, die ältere, Wilhelmine, führte seinen Haushalt. Diese befand sich in den Jahren, wo sich ein vorsichtiges Mädchen schon einige Jahre um eine Partie umgesehen hat — sie war in der Mitte der Zwanziger, dabei schlank, hübsch, gebildet, mit einem Geiste begabt, der gern das Regiment führte und es liebte sein Licht leuchten zu lassen. Was war natürlicher, als daß der schon in den Dreißigen stehende Dobler wünschte ihr einen Mann zu verschaffen? Er konnte dann selbst heirathen, was bei der Anwesenheit der herrschaftgewohnten Schwester nicht zu rathen war, und sie hatte für ihr Talent den rechten Boden und das Glück ihres Lebens gefunden. In Forstner hatte der sorgliche Bruder gleich den Mann erkannt, der für seine Schwester in jeder Hinsicht passend war, den liebenswürdigen, begabten, im Hause zu leitenden Mann, und in dieser Ueberzeugung hatte er gehandelt.

Das Verhältniß des neuen Freundes zu einem Bauernmädchen seines Dorfes konnte ihm begreiflicherweise nicht verborgen bleiben. Allein er faßte es nicht so ernst auf, als es war; er glaubte nicht, daß ein solches Mädchen dem feinen Mann genügen könne, und nahm an, es sei gut für beide, wenn die Bekanntschaft rechtzeitig abgebrochen würde. Da nun in seiner Geburtsstadt eine Stelle vacant wurde, so spannte er alle Segel auf, die Ernennung Forstners durchzusetzen. War er nur erst hier, dachte er, so löste sich das Verhältniß mit Christine von selbst, und das ihm wünschenswerthe knüpfte sich.

Als Dobler nach der Uebersiedlung des Collegen das erste vertraute Gespräch mit ihm hatte, mußte er sich freilich überzeugen, daß er sich getäuscht. Er hatte mit einiger Deutlichkeit auf den Busch geklopft, hatte von einer Frau gesprochen, die sich der angestellte hübsche junge Mann unter den schönen Mädchen des Orts auswählen könne, und Forstner war genöthigt gewesen, ihm zu sagen, daß er ernstlich verlobt sei und daß er seine Braut hieher berufen habe, um sich im Frühjahr mit ihr trauen zu lassen.

Christine kam an, und die Hoffnung des Stadtlehrers, den Freund zu seinem Schwager zu machen, schien gänzlich gescheitert. Dobler hatte der Schwester den Phönix unter den Rieser Lehrern schon vor seiner Ankunft gerühmt, ihr seinen Plan mitgetheilt, und Wilhelmine war sehr neugierig gewesen, ihn kennen zu lernen. In der That gewann Forstner auch gleich bei der ersten Zusammenkunft ihren vollen Beifall und konnte aus ihrem Benehmen wohl schließen, daß unter andern Umständen eine Bewerbung von seiner Seite hier keine ungünstige Aufnahme gefunden hätte. Aber seine Treue gegen Christine wurde auch in Gedanken nicht erschüttert. Wilhelmine hatte offenbare Vorzüge der Gestalt und der Bildung; aber wie artig sie war und wie zuvorkommend sie ihn behandelte, so ahnte der junge Mann in ihr doch den herrschenden Geist und konnte nicht umhin, eine gewisse Scheu vor ihr zu fühlen. Sein Herz und seine Phantasie hingen an der Verlobten; ihr naturfrisches Bild erschien ihm unvergleichlich poetischer, als die Eleganz der Städterin; er blieb bei seiner ersten ernstlichen Neigung und hielt sein Wort.

Dobler und Wilhelmine bewerkstelligten einen anständigen Rückzug. Sie, von ihren Vorzügen durchdrungen, konnte nicht alle Hoffnung aufgeben und freute sich zu hören, daß Forstner seinen Dorfschatz erst noch bilden wolle, bevor er Hochzeit machte. Ehe so Eine gebildet wurde, konnte gar manches geschehen. Der sonst so verständige Mann werde Vergleichungen anstellen und Augen bekommen für den Unterschied zwischen ihr und einer Bäuerin, und dann werde sich zeigen, wer den Platz behaupte. Natürlich fühlte sie durch die Zurückhaltung Forstners auch ihren weiblichen Stolz gekränkt und ihre Ehre herausgefordert. Das Versagte reizte sie und ihr Wohlgefallen an ihm steigerte sich zum leidenschaftlichen Wunsch, ihn zu erobern. Sie war indeß klug genug, ihre Gefühle zu verbergen, zu warten und ihre Zeit zu ersehen.

Als sie durch Mamsell Adelheid gelegentlich hörte, wie plump Christine im französischen Kleid aussehe und wie ungeschickt sie sich zu aller feineren Arbeit anlasse, hatte sie die erste freudige Empfindung. Eine süße Hoffnung schwellte ihr Herz. »Er wird mir kommen!« rief sie, als sie allein war, mit der Zuversicht des Stolzes. Und auch sie rechtfertigte ihren Plan und ihr Verhalten durch die Annahme, es sei für das Bauernmädchen viel besser, wenn sie wieder in ihr Dorf zurückginge und das Weib eines Bauern würde.

Wenn Forstner in ihr Haus kam, zeigten Bruder und Schwester, die sich mit einander verständigt hatten, nur freundschaftliche Theilnahme an ihm und seinem Verhältniß. Man erkundigte sich, wie Christine sich in der Stadt gefalle; man begriff, daß er sie jetzt noch nicht unter die Leute bringen wolle, man fragte nach ihren Fortschritten u. s. w. Als der Lehrer, zutraulicher gemacht, sich über die Langsamkeit beklagte, womit die Schülerin lernte, und über die sonderbaren Antworten, die er von ihr zuweilen erhalte, tröstete man ihn. Das sei begreiflich, würde bei jeder andern auch der Fall sein, und er solle darum den Muth nicht verlieren; zuletzt werde alles auf einmal kommen. War er über Christine betrübt, ja konnte er einen ernstlichen Unmuth nicht verbergen, dann ließ man ihn wohl auch reden und hörte mit bedauerndem Antheil zu. Man bot alle Freundlichkeit und Herzlichkeit auf, ihn zu beruhigen, und man entfaltete alle geselligen Talente, ihn zu entschädigen. Er sollte nicht anders können, er sollte sich genöthigt sehen, Vergleichungen anzustellen, die zu Gunsten der Prätendentin ausfallen mußten.

Die Folge war, daß Forstner, so oft er Verdruß empfand und Trost bedurfte, das Haus der Freundschaft aufsuchte. Die Scheu vor Wilhelmine hatte sich verloren; denn er mußte sich ja überzeugen, daß sie nur sein Bestes wollte und wahrer Anhänglichkeit fähig war. Der Umgang mit ihr und Dobler wurde ihm Bedürfniß.

Er war der Gefährlichen schon sehr nahe gekommen. Er hatte in der That und wiederholt Vergleichungen angestellt; er hatte sich gesagt, daß die gebildete Städterin doch in jeder Hinsicht besser für ihn passen würde — und das Verhältniß zu Christine war ihm eine Fessel geworden, die ihn beengte und drückte. Da kam, durch Vetter Kahl eingeleitet, nach dem letzten Streit mit der Verlobten die Versöhnung; es kamen die Feiertage und die wechselseitige Beschenkung; es kam der Besuch und das Mittagsmahl, wo man insgesammt wieder Ein Herz und Eine Seele wurde.

Als er nun aber in Folge erneuerter vergeblicher Versuche mit Christine dazu gekommen war, auf ihre Ausbildung, wie er sie sich erst gedacht hatte, zu resigniren, machte er eine eigene Erfahrung, eine Erfahrung, die Kennern des menschlichen Herzens nichts neues ist und die, wie er einmal war, in seine Beziehungen überhaupt eine Veränderung bringen mußte. Das stärkste Band, das uns an eine werthe Person knüpft, ist die Hoffnung, sie werde die Herzenswünsche, die wir für sie und für uns hegen, erfüllen und dem Bild entsprechen, das wir im Geist ihr vorhalten. Zaudert sie dieß zu thun, und glauben wir uns getäuscht, dann wird an die Stelle der entflohenen Hoffnung zunächst die Beschämung, der Unmuth und der erzürnte Vorwurf treten. Aber der Unmuth ist immer noch ein Band, das uns an die Erkorene fesselt. Immer ist unser Blick auf sie gerichtet; sie wollen wir strafen, sie wollen wir bessern, sie wollen wir zwingen, unserem Willen sich zu fügen, und wir haben kein Auge für andere. Endet aber der Unmuth in Entsagung, dann droht der Existenz des Verhältnisses selber Gefahr. Wir sind nicht mehr beschäftigt, weder durch Hoffnung und Freude, noch durch Verdruß und Schmerz, und es ist Raum geworden für die Gleichgültigkeit.

Eine ähnliche Erfahrung war es, die unser Lehrer machte. Eben in der Resignation wurde er frei gegen die Verlobte, seine Augen wurden aufgethan für die Vorzüge der Freundin, und die Wagschale neigte sich wieder und viel stärker zu ihren Gunsten.

Forstner hatte jedoch nur auf Eines resignirt bei Christine: auf ihre Geistesbildung. Die Hoffnung, daß sie das Benehmen lernen werde, mit dem sie in der Stadt als seine Frau durchkommen könnte, hatte er noch nicht aufgegeben. Und wenn seine Neigung zu ihr gesunken war, so bestand doch noch das Wort, das er ihr gegeben und das er sich nicht zu brechen getraute. Er faßte sich kurz und entwarf einen andern Plan. Er wollte nicht zuerst ihren Geist bilden und das feinere Benehmen als natürliche Folge davon erwarten; er wollte nun praktischer verfahren und sie in bessere Gesellschaft bringen, damit sie zunächst das Leichtere lerne. Stellte sie sich am Anfang auch ungeschickt, mit der Zeit lernte sie doch die nöthigen Formen, und es erfüllte sich ihm wenigstens Eine Hoffnung.

Nachdem er dieß beschlossen hatte, war auf die Frage: wohin zuerst? bald geantwortet. Welches Haus lag ihm zu jenem Zweck näher, als das seines Collegen? Von wem konnte die Verlobte mehr lernen als von Wilhelmine? Hatte die Mamsell (in jener Zeit mußte sich auch die Schwester des Stadtlehrers noch mit diesem Titel begnügen) doch zwei Jahre bei Verwandten in Nürnberg gelebt und war seit ihrer Zurückkunft eine Zierde der bürgerlichen »Erheiterung« ihrer Stadt! — Christine konnte nun zeigen, ob sie für ihn auch etwas zu thun im Stande sei, und ob sie sich mindestens das Nothdürftigste anzueignen vermöge. Sie mußte ihm gehorchen. Ihr alles zu erlassen, ihr alles nachzusehen, das war nicht von ihm zu verlangen.

Er fragte bei Dobler an, ob er die Verlobte bringen dürfe, ob er Mamsell Wilhelmine nicht damit belästige? »Im Gegentheil,« erwiederte diese, »Sie machen mir die größte Freude.« — Und das war ganz richtig. Sie empfand die größte Freude, sich neben dem Dorfmädchen sehen zu lassen, ihre Ueberlegenheit beweisen und sie vor dem Bräutigam tief in Schatten stellen zu können.

Als dieser die Braut aufforderte, mit ihm einen Besuch bei seinem Collegen zu machen, fand er zuerst entschiedenen Widerstand. Fühlte sie überhaupt eine Scheu, zu »fremden Leuten« zu gehen, so war ihr der Gedanke, gerade mit diesen anzufangen, besonders fatal. Wilhelmine hatte schon von weitem einen unangenehmen Eindruck auf sie gemacht. Sie hatte von den häufigen Besuchen Forstners in ihrem Hause gehört, und wenn sie nach den letzten Erfahrungen nicht an seiner Treue zweifelte, so mußte sie doch in ihr eine Nebenbuhlerin argwöhnen. Der Ruf der Feinheit und Geschicklichkeit, den die Mamsell sich erworben, flößte ihr Furcht ein, und sie hatte eine sehr deutliche instinktmäßige Ahnung von ihrer Gesinnung in Bezug auf sie. Der Verlobte redete ihr aber zu, er unterstützte seine Gründe mit einer ernsten Willenserklärung; sie wußte ihm zuletzt nichts mehr zu entgegnen und sagte mit Ergebung: »Nun meinetwegen!« — Zu ihrer Einwilligung hatte doch auch die Neugierde beigetragen, diese Wilhelmine näher kennen zu lernen und den Bräutigam bei ihr zu sehen.

An einem Sonntag Abend fand der Besuch statt und verlief ungefähr so, wie Christine gefürchtet. Wilhelmine war beim Empfang seelenvergnügt, das Gefühl der Ueberlegenheit strahlte ordentlich aus ihrem Gesicht; aber sie nahm sich zusammen und milderte es zu einer herablassenden Freundlichkeit, die freilich für den damit Begnadeten auch gerade nichts Schmeichelhaftes hat. Christine trat befangen und gezwungen auf, und der Ausdruck in dem Gesicht der Mamsell, den sie wohl verstand, machte sie confus. Man setzte sich, und Wilhelmine begann die Unterhaltung mit allerlei Erkundigungen. Sie fragte das Dorfmädchen aus, wie man ein Kind ausfragt, und belächelte ähnlich ihre naiv klingenden Antworten. Christine sah gleich, wie sie mit ihr daran war; sie erkannte in ihr eine Art Adelheid, die zwar feiner, aber im Grunde ihres Herzens viel schlimmer sei als die Sticklehrerin. Gewissermaßen Hülfe suchend richtete sie ihre Augen auf den Verlobten. Dieser stand ihr auch bei und antwortete für sie; aber er that ihr's viel zu höflich und versäumte die Gelegenheit, der vornehmen Person bei ihren unnützen Fragen etwas hinauszugeben. Sie bemerkte überhaupt zwischen beiden einen vertrauten Ton, der ihr nicht gefallen wollte, und überdieß in den Reden ihres Bräutigams gegen die Mamsell einen Respekt, der für sie etwas Kränkendes hatte, weil er im Gespräch mit ihr nicht zum Vorschein kam. Es wurde ihr sehr unbehaglich zu Muthe und sie war froh, als Wilhelmine sich zum Klavier setzte und die Unterhaltung, so weit sich Gelegenheit dazu bot, dem Bruder überließ, der ihre Rolle in milderen Formen, und wir können sagen auch mit mehr Gutmüthigkeit fortsetzte. Die Wirthin spielte und sang; sie that beides gut, und Christine freute sich endlich daran und lobte sie aufrichtig, obwohl die Lieder selbst ihr nicht so schön vorkamen, wie die, welche man in ihrem Dorfe sang. Die Musik löste ihre Seele dennoch und sie fing an sich wohler zu fühlen. Als aber Forstner ein neues Lied der Sängerin beklatschte und ihren Vortrag mit großer Wärme für ganz vortrefflich erklärte, da fühlte sie sich wieder getrübt und gedrückt und war durch nichts mehr zu erheitern. Beim Abschied reichte Wilhelmine der Stadtnovize die Hand und erklärte mit lächelndem Wohlwollen, es würde ihr sehr angenehm sein, wenn sie ihr recht oft die Ehre geben wollte. Christine fühlte den Spott, der sich das Wohlwollen als Maske vorgenommen hatte, sagte aber doch den schicklichen Dank, und athmete tief auf, als sie mit Forstner auf der Straße war.

Auf dem Heimweg fragte sie dieser, wie es ihr gefallen habe. Sie erwiederte: »Ich muß dir aufrichtig sagen, mir hat's nicht gefallen.« — »Und warum nicht?« — »Ich passe nicht für solche Leute und komme nur in Verlegenheit bei ihnen.« — »Das wird sich geben,« bemerkte der Bräutigam tröstend, »und dann wirst du den Umgang mit gebildeten Frauenzimmern angenehm finden.« — »Das mag sein; aber dann müssen die gebildeten Frauenzimmer besser sein, als diese Wilhelmine.« — »Wie so? Ist sie unhöflich gegen dich gewesen?« — »Das nicht, aber sie hat gegen mich ein Wesen angenommen, wie eine gnädige Frau, und das ist sie doch noch lange nicht. Ich hab' auch wohl gemerkt, daß sie mich ausgelacht hat.« — »Warum nicht gar!« rief Forstner dagegen. »Nun ja, ein paar von deinen Antworten sind freilich von der Art gewesen, daß so Eine sie curios finden mußte. Aber das muß man sich gefallen lassen, sonst lernt man nichts. Und wenn sie lacht, so lache du wieder!« — »Das kann ich nicht,« erwiederte Christine. »Ich seh' schon, bei der da wird's mir nie wohl zu Muthe werden.« — Forstner kam in Eifer. »Das ist wieder kindisch!« rief er mit strafendem Ton. »Ich sage dir, gerade die ist das Muster, das du vor Augen haben mußt, wenn du das rechte Benehmen lernen sollst! Du mußt zu ihr gehen, und wenn es dir zehnmal nicht wohl bei ihr zu Muthe wird. Umsonst hat man nichts in dieser Welt und ohne Mühe und Anstrengung kommt niemand vorwärts.«

Sonderbare Empfindung, auf der sich unser Lehrer an diesem Abend ertappt hatte! Die Verwirrung, das Ungeschick, die naiven Antworten, durch welche die Braut einigemal in der That komisch wurde, beschämten ihn nicht so, wie sie es früher gethan hätten. Er gönnte ihr den Spott, der ihm begreiflicherweise nicht entgangen war, als gerechte Strafe für ihre Mängel. Mußte er doch auch die Folgen einer Verpflichtung tragen, die er einmal eingegangen hatte, und zum bösen Spiel gute Miene machen!

Nach Verfluß einer Woche forderte er Christine mit einer Art von Genugthuung auf, den Besuch bei Dobler zu wiederholen. Er hatte fest beschlossen, sie nicht zu schonen. Sie mußte entweder etwas profitiren oder den verdienten Spott hinnehmen. Zog sie sich ihn zu, so war er ihr auch gesund, und es war Schwäche, ihr ihn ersparen zu wollen. — Als Christine zagend erwiederte, sie thue es ungern, recht ungern, kam wieder eine Reihe von Gründen zum Vorschein, denen zu widerstehen sie keine Macht hatte. Sie ging mit, wie das Opfer zur Schlachtbank.

Wilhelmine war diesen Abend in bester Laune. Sie hatte den Verlobten ausgeholt und glaubte annehmen zu dürfen, daß er im Innersten seines Herzens wünschte, das Verhältniß mit Christine aufgelöst zu sehen. Als diese nun mit ihm ankam und in ihrem ganzen Wesen ihre Stimmung offenbarte, zeigte sich auf dem Antlitz der Sicheren jene Heiterkeit, welche demüthigen soll, und mit dieser Absicht wahrhaft beleidigt. Die Reden waren dagegen um so freundlicher und schmeichelhafter, und die gute Christine war gezwungen, dankende Antworten darauf zu geben, die ihr nicht von Herzen gingen und ihr durchaus nicht zu Gesichte standen. Forstner konnte nicht umhin, bei diesen Erwiederungen zu lächeln; er sah Wilhelmine an und ihre Blicke tauschten ihre Gedanken aus. Christine sah diese Blicke, ahnte ihre Bedeutung, und setzte sich, einen Pfeil im Herzen, zur Gesellschaft.

Außer der Familie Dobler waren noch zwei Freundinnen Wilhelmines da, gleich ihr belesen, und namentlich bewandert in der städtischen Leihbibliothek. Man fragte sich, wie eines und das andere der neueren Bücher gefallen habe, man lobte und tadelte, und es entwickelte sich ein Gespräch, das gerade nicht von Geist übersprudelte und keineswegs mit gerechten und feinen Urtheilen geziert, aber vielleicht eben darum für unser Dorfkind zu hoch war. Die Gute blickte stumm für sich hin und horchte in der Hoffnung, daß man zuletzt doch auf etwas kommen müsse, wo sie auch mitreden könne. Endlich leuchtete ihr ein Ausspruch im Allgemeinen ein: sie glaubte zeigen zu müssen, daß sie ihn verstanden habe, und nickte beistimmend. Wilhelmine, die gebotene Gelegenheit ergreifend, fragte: »Haben Sie die Erzählung auch gelesen, Jungfer Christine?« Diese mußte mit Nein antworten, und um sich zu entschuldigen, fügte sie hinzu, daß sie zum Lesen immer noch nicht recht kommen könne. — »Was thun Sie denn aber den ganzen Tag?« fragte die Gebildete. Christine erwiederte: »Ich lerne — ich nähe, stricke, ich sticke und helfe kochen.« — »Das Nähen und Stricken,« warf die andere hin, »ist Ihnen wohl lieber als das Lesen?« — »Ich kann's nicht leugnen,« war die ehrliche Antwort. »Was man von Jugend auf getrieben hat, was man versteht und was einem leicht geht, das thut man gern.« — »Nun,« versetzte Wilhelmine lächelnd, »da würden Sie wohl auch lieber Korn schneiden und dreschen als lesen?« Ein spöttisches Vergnügen belebte bei dieser Frage die Gesichter der Freundinnen. Christine fühlte die Absicht derselben, die Galle stieg ihr auf und sie entgegnete: »Warum nicht? Das Dreschen ist zwar eine grobe Arbeit und verträgt sich nicht recht mit feiner Lebensart; aber das Lesen, scheint's, macht auch nicht immer fein und höflich.« — Damit hatte die Gebildete auch ihren Hieb. Sie schwieg und lächelte. Es war aber nicht mehr das überlegene, sondern das aushelfende Lächeln, das den Mangel einer treffenden Erwiederung decken soll, bis die Gelegenheit zur Rache kommt.

Zunächst lenkte sie das Gespräch auf einen andern Gegenstand, wobei sie zu ihrem Vortheil erscheinen mußte und Christine zum Schweigen verurtheilt war. Sie sprach von Nürnberg und erzählte, was sie dort gesehen und welche Bekanntschaften sie gemacht. Der edle Gegenstand machte auch das Herz des gereizten Frauenzimmers wärmer und honetter; sie rühmte die Schönheit der Stadt, die Gastlichkeit und die Geselligkeit der Bewohner so gut, daß Christine im Verlauf der Erzählung ihren Groll vergaß und ihr mit Vergnügen zuhörte. Forstner und der Bruder, welche die Perle der vaterländischen Städte kannten und liebten, gaben ihre Bemerkungen dazu, und die Spannung löste sich in allgemeine Vertraulichkeit.

Christine gehörte zu den Naturen, die verzeihen können, wenn sie in denen, die sie verletzt haben, nur auch wieder etwas Gutes sehen. Sie setzte sich zu Wilhelmine, lobte sie und suchte dadurch ihren Stich von vorhin wieder auszugleichen — das arme Kind! Wilhelmine nahm die Anerkennung als etwas auf, das ihr gebühre, und schritt, nur ihre Erhöhung im Auge, zur Entfaltung eines neuen Vorzugs. Sie hatte mit Forstner in den letzten Tagen ein vierhändiges Stück eingeübt, besonders gefällige und reizende Musik. Von ihren Freundinnen gebeten, etwas zu spielen, forderte sie den Lehrer auf, und beide setzten sich an's Clavier. Das Spiel ging vortrefflich zusammen und die Zuhörer waren bald voll Bewunderung. Christine war aufgestanden und näher getreten. Sie sah die beiden, wie sie Ein Herz und Eine Seele waren und zusammen paßten, als ob sie für einander geschaffen wären. In ihre Bewunderung mischte sich ein demüthigendes, niederschlagendes Gefühl: sie erkannte, daß ihr gerade das fehlte, was an Wilhelmine zu Forstner so besonders paßte. Nachdem ein brillanter Schluß den musikalischen Vortrag gekrönt hatte, brach die Gesellschaft in den lautesten Beifall aus. Die beiden dankten, sahen sich in's Auge und lächelten sich an, zufrieden und glücklich. Eifersucht — zum erstenmal helle, klare Eifersucht loderte in dem Herzen der Verlobten auf. Eine peinliche Empfindung lastete auf ihr, zum geringsten Theil auf Neid, zum größten auf der klaren Anschauung eigenen Unvermögens und Unwerthes beruhend. In ihrem Herzen fing es wieder an zu gähren und zu beben; aber sie bezwang sich, wie viel es sie auch kostete, trat mit Fleiß zu der Gefeierten und sprach ihren Dank und ihre Bewunderung auf ihre Art aus. Es sei doch wahrhaftig zum Erstaunen, wie schön sie's könne und mit welcher Geschwindigkeit! Sie begreife nicht, wie man so schnelle Finger bekommen und ein so langes Stück spielen könne, ohne einen Fehler zu machen. Wilhelmine erwiederte: das lerne sich durch Uebung; man müsse sich eben recht dran halten, dann gebe sich alles.

In dem Uebermuth, den der Beifall in ihr angeregt, in der Erinnerung an die kleine Schlappe, die sie von dem Dorfmädchen erlitten hatte, fuhr der böse Geist in ihr Herz. Sie suchte ihren sanftesten Ton, gab ihrem Gesicht den mütterlichsten Ausdruck und sagte: »Sie müssen das auch lernen, liebe Christine. Wenn man einen so geschickten Musiker zum Bräutigam hat, wie Sie, darf man die Gelegenheit nicht versäumen, sich in die Kunst einweihen zu lassen.« — »O,« rief Christine, »das würde nicht gehen!« Die Mamsell hatte unterdessen ihre Hand ergriffen, welche die ländliche Derbheit immer noch bedeutend zur Schau trug, und betrachtete sie und drehte sie hin und her. »Die Finger,« sagte sie mit anmuthigem Kopfwiegen, »sind freilich noch etwas zu stark und zu schwer, sie verrathen noch zu sehr die Arbeit mit der Sichel und der Heugabel und würden vorläufig zum Klavierspiel noch nicht ganz geschickt sein. Aber man muß an nichts verzweifeln, mit der Zeit ändert sich alles, und auch diese Glieder können noch leicht und gelenkig werden.« Die Gesichter der Freundinnen zeigten bei diesen Worten zugleich Schadenfreude und Spannung — die Hand der Verhöhnten zuckte. Wie gern hätte sie der boshaften Person gezeigt, daß ihre Finger, wenn auch nicht zum Klavierspiel, doch zur Ertheilung einer wohlverdienten, tüchtigen Ohrfeige ganz vortrefflich paßten! Aber sie mußte sie ruhig zurückziehen und sich alle Mühe geben, ihre Gekränktheit sich nicht anmerken zu lassen. Ihren Unmuth hinunterschluckend erwiederte sie aber: »Meine Finger sind eben wie sie sind, und wenn sie nicht zum Klavierspielen passen, so ist das mein geringster Kummer. Ich bekomme einen Mann und eine Haushaltung und werde nicht nöthig haben, mir mit Singen und Spielen die Zeit zu vertreiben.« — Das war auch nicht ganz übel. Forstner, der bei der Verhöhnung der Hand, die noch immer seinen Verlobungsring trug, eine entschieden mißbilligende Miene gezeigt hatte, ergötzte sich an der Replik und die Freundinnen der Getroffenen dachten im Stillen: da seht mir die Bäuerin! Wilhelmine aber hielt aus und sagte lächelnd: »Das ist freilich wahr!« Bei sich aber dachte sie: wir wollen sehen, du Rieser Gänschen! — College Dobler begann einen andern Discurs, der das Vorgefallene in Vergessenheit zu bringen bestimmt war, und man trennte sich unter höflichen Redensarten.

Die Verlobten legten den Weg zu Kahl schweigend zurück, da beide keinen Beruf in sich spürten, die Erlebnisse des Abends zu besprechen. Christine hatte sich überzeugt, daß die Mamsell darauf ausgehe, sie vor ihrem Bräutigam zu beschämen und zu beschimpfen; sie nahm sich vor, nie wieder in ihr Haus zu gehen. Wie es mit ihr und ihm stehe, das wollte sie doch erfahren und dann sehen, was zu thun sei. — Forstner hatte das Haus mit einer sehr gemischten Empfindung verlassen. Die Absicht Wilhelminens war deutlich genug. Obwohl nun ihr heutiges Betragen gegen seine Braut ihn wirklich verletzt hatte, so lag in dem letzten Endzweck, ihm besser gefallen zu wollen als diese, für ihn doch immer noch etwas, das einen mildernden Schein auf ihr Benehmen warf und keine rechte Entrüstung in ihm aufkommen ließ. Er faßte den Entschluß, zu ihr zu gehen, ihr die unpassende Art, Christine zu necken, vorzuhalten und sich die gehörige Rücksicht für sie auszubitten.

Gleich am andern Tag führte er seinen Vorsatz aus. Als man an der Einleitung sah, wohin er wollte, ließ man ihn gar nicht ausreden. Die Mamsell hatte sehr wohl gefühlt, daß sie zu weit gegangen war, und der Bruder hatte ihr zu Gemüthe geführt, daß das nicht die Art wäre, seinen Collegen zu gewinnen. Der Verstand hatte über das gereizte Gefühl gesiegt, und die Gewandte fiel nun dem Freund mit zerknirschter Miene ins Wort: »Ich habe sehr gefehlt — es ist wahr und ich weiß es! Sie selber können mich nicht schärfer anklagen, als ich es schon gethan habe. Ich hab' einen Scherz machen wollen, aber ohne daß ich bedachte, was ich that, hab' ich Dinge gesagt, die ihrer lieben Braut weh thun mußten. Verzeihen Sie mir! Ich hab' es gebüßt, und es soll nie wieder geschehen!«

Damit war Forstner entwaffnet. Er erwiederte: »Wenn Sie so denken, dann ist's um so besser; und ich will Ihnen nicht verbergen, daß Sie mir damit eine Freude machen. Wohin sollt' ich Christine bringen und wo sollte sie die rechte Art lernen und den gehörigen Muth in der Unterhaltung, wenn nicht in diesem Hause?« — »Nun,« sagte Wilhelmine mit halbem Lächeln, »an Muth und auch an Geistesgegenwart fehlt es ihr gerade nicht. Haben Sie gesehen, wie sie mir gestern geantwortet hat? Sie hat mich fühlen lassen, daß ich nicht so glücklich bin wie sie!« — Forstner verwirrte sich einigermaßen und sagte um so rascher: »Ich werde also nächstens wieder mit ihr kommen, und danke Ihnen für Ihre Gefälligkeit.«

Ein paar Tage darauf gewann es die Schwester des Stadtlehrers über sich, der Verlobten einen Besuch abzustatten. Christine war zufällig nicht zu Hause. Als sie später davon hörte, sagte sie ruhig: »So, die ist dagewesen? Sie wird nimmer kommen, schätz' ich.« Die Base sah das Mädchen verwundert an, machte dann aber ein Gesicht, als ob sie den Sinn ihrer Worte begriffe.

Wieder ein paar Tage und Forstner kam zu Christine und sagte: »Heute ist Gesellschaft bei Dobler und wir sind eingeladen. Halte dich bereit. Nach sechs Uhr komm ich und hole dich ab.« — Christine erwiederte: »Ich geh' nicht hin.« — »Wie soll ich das verstehen?« entgegnete der Verlobte. »Willst du gar nicht mehr« — — »Allerdings,« rief Christine, indem eine leichte Röthe ihr Gesicht überzog — »ich will gar nicht mehr in dieses Haus gehen!« — »Und warum nicht?« — »Weil ich zu gut dazu bin, um mich von einer boshaften Person aufziehen und verspotten zu lassen.« — »Du nimmst den kleinen Spaß, den Wilhelmine sich gemacht hat, viel zu ernsthaft. Ueberdies bereut sie ihn und wird dir von jetzt an alle Ehre anthun, die du erwarten kannst.« — »Ich glaub's nicht.« — »Sie hat mir's selber gesagt.« — »Das mag sein, aber ich glaub's doch nicht. Die mag sich vornehmen und versprechen was sie will, sie wirds doch nicht halten und es bei nächster Gelegenheit ärger machen als vorher. Aber dafür thu' ich ihr!«

Dem Verlobten stieg nun gleichfalls das Blut ins Gesicht. »Wenn du so denkst,« rief er in seinem Hofmeisterton, »dann wirst du niemals die Manieren lernen, niemals die Bildung, die« — Aber das Mädchen fiel ihm in gerechter Entrüstung in die Rede: »Geh mir doch mit deiner Bildung! Wenn das Bildung ist, Leute, die einen besuchen, so zu behandeln, wie diese Mamsell mich behandelt hat, dann will ich lieber ungebildet sein und bleiben mein Leben lang. Wenn die Bildung die Leute nicht besser macht und aufrichtiger, dann geb' ich keinen Pfifferling um sie!«

Forstner schwieg; er war von der ungewohnten Entschlossenheit und Heftigkeit betroffen. Endlich sagte er: »Du bist empfindlich und machst aus einer Mücke einen Elephanten!« — Christine sagte: »Ich mach mir nichts aus den Dingen, die geschehen sind; aber ich mach' mir alles aus der Person, die mir's gethan hat. Die ist falsch gegen mich und wirds bleiben, und mit ihr will ich nichts mehr zu thun haben.« — »Du irrst dich,« erwiederte Forstner nochmal im Ton der Ueberredung. »Sei klug, geh heute noch mit hin und überzeuge dich selbst, daß du Unrecht hast.« — »Nie!« versetzte Christine mit dem Ausdruck eines unerschütterlichen Gefühls; »zu der geh' ich nie mehr, um keinen Preis der Welt!« — »Aber ich bitte dich« — — »Ich will nicht und ich mag nicht. Du kannst mich hinführen, wohin du willst, und ich will's nirgends genau nehmen; ich will mir etwas gefallen lassen und Geduld haben — ich bin gar kein solches Christkindle, wie du meinst, und kann auch etwas aushalten; aber von Der laß ich mir nichts gefallen, von Der will ich auch nichts lernen, und damit gut für heut.«

Forstner war verstummt. Der eigentliche Grund der Weigerung seiner Verlobten war ihm klar. Er fühlte, was dafür sprach, er begriff sie, und widersprechende Gefühle stritten in ihm. Aber der Verdruß, sie wider alles Erwarten gegen seinen ausgesprochenen Willen unbeugsam zu finden, überwog zuletzt doch. Er sagte: »Nun, wenn du so eigensinnig bist und alles Reden nicht hilft, so bleib zu Hause!« — »Das will ich thun,« erwiederte Christine ruhig. »Und du geh hin zu der gebildeten Mamsell und unterhalte dich gut.« — »Das will ich auch thun,« antwortete er und verließ die Stube.

Es giebt eine Schickung in der Welt, die in das Leben der Menschen eine gewisse Methode bringt. Ueber den Grund und die mitwirkenden Ursachen kann man streiten, über die Thatsache schwerlich. Das Geschick unseres Landmädchens war es, in einer Stadt und unter einem Menschenschlag, wie es so viele gutmüthige, ehrenhafte, fröhliche und freundliche Leute giebt, nur solche näher kennen zu lernen, die sie verletzten und ihr das Leben daselbst verleideten. Sie war nun beinahe vier Monate in der Stadt, und nicht ihre Hoffnungen, nur ihre Befürchtungen waren in Erfüllung gegangen. Doch auch für sie sollte ein Tag der Entscheidung kommen.

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