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Erzählungen aus dem Ries

Die Lehrersbraut. I. (continued 4)

Reading edition

Hatte die Natur den Hans nicht zu einem Satan bestimmt, so war er doch eben so wenig zu einem sogenannten »guten Menschen« geschaffen, d. h. zu einem, der aus Schwäche gegen andere und ihre Prätensionen die Pflichten verletzt, die er gegen sich selber hat. Unser Freund sollte werden, was man auf dem Land einen rechten Mann — einen Ehrenmann nennt. Zu einem solchen gehört die Güte und die Großmuth, die in seinem Wesen lag, als nothwendiges Element, aber eine Güte und eine Großmuth, die weiß, was sie will, und sich nicht beikommen läßt, mit ihren Vorzügen den eiteln Trieben der Welt zu dienen. Die Lehre, die ihm das Schicksal gegeben, war nicht fruchtlos geblieben; er hatte etwas profitirt von seinem Leid und sich ein Benehmen vorgezeichnet, das er streng einhalten wollte. Er hatte sich vorgenommen, sich selbst höher zu achten, nicht zu thun, was andere, sondern was er selber für gut ansah, und den größten Schatz, den er besaß, nimmermehr an ein Wesen zu verschleudern, das seiner nicht werth war.

Als die Glauning ihm den Brief mittheilte, worin Christine das Auseinanderkommen mit Forstner meldete, war er zuerst hoch überrascht; denn auch er hatte an einen solchen Ausgang nicht mehr gedacht. Das Benehmen und die Ausdrücke des Mädchens gefielen ihm; er freute sich, daß sie den Menschen, dem er freilich nie recht getraut, nach Verdienst behandelt habe; er freute sich an ihrem Stolz und daß sie sich achtungswerther zeigte, als er von ihr erwartet. Zugleich hatte er aber ein Gefühl der Genugthuung, und er unterdrückte es nicht. Sie war gestraft — er gerechtfertigt. Sie hatte erfahren, wie viel mehr ein braves Herz werth ist, als ein glattes Gesicht, und das war ihr gut und heilsam. Sie hatte das Schicksal, das sie gewollt — sie mußte es hinnehmen.

Die Rückkehr des Mädchens änderte seine Empfindung in etwas, aber nicht in der Hauptsache. Ihr Aussehen, die Folge der erduldeten Krankheit, regte sein Mitleid an; er fühlte, wie es ihr zu Muthe sein mußte, und bedauerte sie von Herzen. Indem er überlegte, wie er sich gegen sie benehmen sollte, hielt er es in jeder Hinsicht für das Beste, sie mit Fragen ganz zu verschonen und zu thun, als ob nichts vorgefallen wäre. In seinem Herzen mußte freilich auch er sich fragen: was soll aus ihr werden? was soll am Ende aus uns allen werden? Er fühlte das Bedenkliche und Aengstliche des gegenwärtigen Zusammenlebens und dachte darüber nach, wie es allenfalls geändert werden könnte. Aber die Auskunft, die andern eingefallen war und die in jenem Bauernhause den Streit zwischen Knecht und Tochter hervorgerufen hatte, stellte sich nicht einmal als Möglichkeit vor seine Seele. Ein Mädchen aus Mitleid zu heirathen und gar die Untreue zu belohnen mit dem Besten, was er hatte, das war nicht die Sache unseres Burschen. — Er konnte vergeben und vergessen, er konnte Freund und Vetter sein, er konnte Hülfe leisten und Wohlthaten erzeigen; aber Christine zum Weib zu nehmen, wär' ihm jetzt nicht eingefallen, auch wenn er sie noch geliebt hätte. Er verlangte von der Seinen, daß sie ihm in Lieb' und Treue anhänglich sei und ihn zu schätzen wisse nach Verdienst. Und wenn er auch aus der Noth eine Tugend machte, wenn er eine nahm, die er selber nicht liebte, wie er Christine geliebt hatte, dann mußte es doch eine sein, die ihn gern und an ihm ihre Freude hatte und die ihn höher achtete, als jeden andern in der Welt.

Daß ihn bei dieser Gesinnung die Erzählung der Mutter von ihrem Streit mit der Tochter, d. h. die Ansicht und die Hoffnung der Alten selbst, wie verzuckert sie ihm präsentirt wurde, empören mußte, leuchtet ein. Er empfand eine solche Wuth in seinem Herzen, noch einmal für den Gutgenug gehalten zu werden, daß er ein ungewöhnliches Zucken in seiner Rechten verspürte und die größte Anstrengung nöthig hatte, gegen die »dumm unverschämte Zumuthung« nicht loszuplatzen. Dagegen was ihm von den Reden der Christine mitgetheilt wurde, gefiel ihm und er freute sich ihrer »Einsicht.«

Seinen ganzen Beifall hatte der Entschluß des Mädchens, als Magd zu dienen. Die Fragen, die ihn belästigten, fanden damit ihre Erledigung und das gegenwärtige bängliche Beisammensein ein Ende. Er mußte sich sagen, daß in Christine doch ein Geist wohne, der nach mehr aussehe, als er ihr bisher zugetraut hatte. Es war ihm recht, daß sie gerade zum Holzbauern kam, und er rechnete es ihr als Tugend an, daß sie ihn nicht scheute. »Bei dem,« sagte er zu sich selber, »ist sie am rechten Platz, um das Frauenzimmer ganz wegzucuriren und wieder etwas nutz zu werden für das Dorf.«

Die Berichte, die nach einander von den zwei Basen gemacht wurden, konnten seine Achtung vor ihr nur erhöhen und seinen innerlichen Beifall nur verstärken. Er überzeugte sich, daß Christine einen Zweck habe, so zu handeln, und er glaubte ihn zu kennen. Da es nun gerade nicht nöthig ist, Philosoph oder Theolog zu sein, um zu wissen, daß eine unter gewissen Umständen, mit Fleiß und aus guten Gründen erduldete Beschimpfung keine Schande, sondern vielmehr Ehre bringt; da es zu dieser Einsicht genügt, nur kein Geck zu sein und das Herz auf dem rechten Fleck zu haben, so konnte Hans auch bei der zweiten Meldung nicht mit der Entrüstung und dem Lamento seiner Base harmoniren. Nachdem er dieser seine Meinung gesagt und in der Einsamkeit das Vernommene wieder überdacht hatte, rief er im Gegentheil zufrieden für sich hin: »Bravo!«

Man würde unsern Freund mißverstehen und ihm Unrecht thun, wenn man glauben wollte, die Achtung, die er empfand, sei der Art gewesen, daß sie in natürlicher Steigerung zum Wiederaufleben seiner Liebe führen mußte und nicht mehr weit davon entfernt war. Er fühlte Respekt vor dem Respektabeln, er freute sich an dem Erfreulichen — nichts weiter. Alte Liebe rostet nicht, sagt das Sprüchwort; aber gerade bei den liebefähigsten Menschen kann sie unter Umständen doch etwas rostig werden. Die liebefähigsten sind nämlich in der Regel auch die liebeklarsten und fühlen und wissen, daß an der Geliebten eben ihre Liebe die höchste und schönste, d. h. die liebenswürdigste Eigenschaft ist. Wenn diese ihre Liebe nun dahinschwindet oder als bloßer Schein erkannt wird, dann schwindet für einen solchen Menschen eben das Höchste, das Licht und Leben der Schönheit hinweg, und die Flamme, die von der Anschauung dieses Höchsten genährt war, muß zu Boden sinken.

Unser Bauernbursche hatte treu geliebt in Hoffnung, wenn auch anfangs mit schüchterner Hoffnung; er hatte verziehen und wieder geliebt, als er in der Geliebten Reue und Liebe zu sehen glaubte; er hatte das Leid der unglücklichen Liebe im Grund seines Herzens durchgelebt und überwunden. Damit war's aber auch zu Ende.

In seiner jetzigen Gesinnung und in der Freude, daß eine Jugendfreundin, eine Verwandte von ihm sich so über Erwarten hielt, hätte er übrigens der Christine gern seinen Beifall kundgegeben und sie dadurch in ihrer Handlungsweise bestärkt; aber das ging unter den bestehenden Verhältnissen nicht an. Da bot ihm der Zufall unverhofft eine Gelegenheit, für sie doch gewissermaßen etwas zu thun und zugleich, einem alten Grolle genügend, sein Müthchen zu kühlen.

Eines Sonntags nach Tisch begab er sich nach Oettingen. Er hatte dort Einkäufe zu machen, ging hin und her und stärkte sich endlich durch ein Maß kühlen und kräftigen Sommerbiers. In rüstiger Stimmung und etwas unternehmungslustiger als vorher trat er aus der Wirthsstube auf die Straße. Kaum war er ein paar Schritte gegangen, als er von weitem eine Gestalt erblickte, die ihm bekannt war. Seine Augen täuschten ihn nicht, denn er hatte gute Augen — es war der Mann, der ihm sein ganzes Leben verdorben — der, welcher ihm das Liebste abwendig gemacht und es dann gekränkt und unwürdig behandelt hatte: es war der Lehrer Friedrich Forstner, der in Begleitung eines andern ihm entgegenkam. Als er ihn erkannte, so daß er nicht mehr zweifeln konnte, fuhr ein Zorn und ein Geist der Rache in ihn, der für den Menschen, der ihm sein Glück gestohlen, eine exemplarische Züchtigung verlangte. Allein er hatte Zeit zu überlegen; eine andere Stimme ließ sich in ihm hören und er sagte sich unmuthig und geringschätzig: »Ich kann's ihm nicht machen, wie er's verdient — der Kerl blieb' mir in der Hand.« Das gute Glück hatte gleichwohl eine Art Genugthuung für ihn bereit. Forstner war mit seinem Begleiter — seinem künftigen Schwager Dobler — in eifrigem Gespräch; er erkannte den Hans nicht und sah nur im Allgemeinen, daß ein Bauernbursche auf ihn zukam. Von einem Gönner, den er besucht hatte, besonders freundlich behandelt, fühlte er sich noch etwas höher als gewöhnlich, und daß nun ein Bauernbursche, wenn er ihm begegnete, mit Respekt auf die Seite treten müsse, das verstand sich von selbst. Hans aber ging fest und gerade auf ihn zu; er wich, im Gefühl der Gleichheit, nur zur Hälfte aus, Forstner im Bewußtsein des Höherstehens gar nicht, und so stießen sie aneinander. Diesen Moment benutzte der Brave, um dem Zierlichen einen Ruck zu geben, daß er und sein Begleiter drei Schritte weit auf die Seite flogen und sich mit Mühe auf den Beinen hielten. Dobler raffte sich zuerst auf und rief zornig: »Was ist das für ein unverschämter« — — Aber Forstner hielt den Vordringenden bei der Hand zurück und rief ihm ein gedämpftes, warnendes »Ruhig« zu. — Er hatte den Vetter erkannt, sein Gewissen hatte sich gerührt und seinen Muth beschwichtigt. — Hans richtete seinen Kopf stolz empor und fragte: »Ist den Herren was gefällig?« Es mußte ihnen wohl nichts weiter gefällig sein, denn sie wichen der »brutalen Gewalt« und gingen ruhig weiter. Der Sieger schritt befriedigt und in männliche Gedanken verloren vorwärts. Plötzlich stieß er wiederum an und eine gewaltige Baßstimme rief: »Kreuzmillionen, was ist denn das?« Er sah auf, erkannte den stärksten Burschen seines Dorfs, lachte gutmüthig und sagte: »Nichts für ungut, Bruder, ich bin in Gedanken gewesen!« — Der Stattliche, wieder begütigt, sagte mit Achselzucken: »Du bist aber »ebbes« in Gedanken! Will das gar kein End' nehmen?« — Unser Freund hätte zur Erklärung gern sein kleines Abenteuer erzählt; er fühlte aber, daß es ihm nur unliebsame Bemerkungen zuziehen würde, und schwieg und sprach auf dem Heimweg mit dem Kameraden nur über Gegenstände des Feldbaus.

Die Zeit der Ernte kam heran und gab auch im Hause der Glauning vollauf zu thun. Es war sehr heiß diesen Sommer, man hatte viel auszustehen beim Schneiden und Sammeln; die Beschwerden der Mutter wurden aber dadurch noch vermehrt, daß sie sich die Leiden der Tochter vorstellte. »Gott,« rief sie einmal aus, als die Sonne gewaltig niederbrannte, »wie wird es meiner Christine gehen! Die schwindet mir ganz zusammen diesen Sommer und wird alt vor der Zeit!« — Hans, dem sie diese Worte zu Gehör geredet, lächelte und schwieg. Die Alte fuhr fort: »Wie sie wieder heimgekommen ist von der Stadt, bin ich froh gewesen, daß ich ihre Bauernkleider und sonstige Ausstaffirung nicht verkauft gehabt hab', denn ich dacht' mir: wer weiß, was geschieht! Aber jetzt, wenn sie so zusammengeht, wie ich höre, kann sie die Sachen ja doch nicht brauchen, und es wär' gescheidter gewesen, ich hätt' sie weggegeben.« — Hans zuckte die Achseln; dann sagte er: »Was der Sommer nimmt, das bringt die Winterszeit wieder. Wenn's kühl wird und die Arbeit nicht mehr so scharf geht, dann wird sie schon wieder runder werden, Eure Christine. Und dann wird auch gewiß bald ein Hochzeiter da sein. Wenn sie ein Jahr beim Holzbauern gedient hat, dann hat sie die Prob' gemacht, und dann werden Bursche, die ein sauberes und fleißiges Weib suchen, von allen Seiten kommen. Verliert den Muth nicht, Base! Solche Mädchen bleiben nicht übrig im Ries!« — Ein tiefer Seufzer war die Antwort. Die Wittwe hatte ihre frühere Sicherheit ganz verloren; sie konnte nicht mehr glauben an ein Glück, und die Worte des Hans, die ihr wie Spott klangen, waren nicht geeignet ihren Geist aufzurichten.

Mühevoll — denn auf die heißen Tage folgte noch Regenwetter — und freudlos — denn sie wußte nicht, für wen sie sich eigentlich so plagte — ging die Erntezeit für die Glauning vorüber. Als die Feldfrüchte, auf die es hauptsächlich ankam, im Stadel gesichert waren, hatte sie doch wieder eine frohere Empfindung. Sie berechnete, daß sie vorwärts kam in diesem Jahr und von dem Ausfall des letzten etwas zu decken vermochte, und so etwas muß einer Person, die von Kindesbeinen an auf's »Hausen und Sparen« gerichtet wird und nur durch die Ehre zu außergewöhnlichen Ausgaben vermocht werden kann, immer wohl thun.

An einem Sonntag im September, nach dem Essen, saß die Gute mit Hans an dem abgedeckten Tisch. Sie hatten eben zusammen eine Geldzählung vorgenommen, die zu ihrer Zufriedenheit ausgefallen war, und erfreuten sich daher einer Stimmung, in der sie eine gemüthliche Ansprache hielten. Die Wittwe hatte dem Vetter eben wieder bedeutendes Lob gezollt, als die Thüre aufging und mit den Worten: »Grüß euch Gott miteinander!« die Hubel in die Stube trat. Ihr Aussehen fiel dem Burschen im ersten Moment auf. Sie war nicht nur vergnügter als gewöhnlich, sondern zeigte auch eine eigenthümliche Feierlichkeit, wie eine Person, die sich bewußt ist, etwas in der Hand zu haben. Nach den ersten allgemeinen Fragen und Antworten rief die Glauning gastfreundlich: »Dasmal muß ich aber der Bas einen Kaffee machen — ich thu's nicht anders!« — Die Hubel versetzte: »Ich hab' nichts dagegen; denn ich hab' heut' früher gegessen als sonst, von wegen weil ich bald wieder zu Hause sein will, und mir ist's »wäger« (wahrlich) schon wieder »a bisle eitel« im Magen.« — »Der Hans da,« bemerkte die Wittwe, »kann dir unterdessen was Neues verzählen, oder du ihm.« — »Wie's kommt,« erwiederte die Hubel. »Gott sei Dank, jetzt sieht er doch wieder aus, daß man sich ein Wort mit ihm zu reden getraut!« — »Ja,« sagte die Glauning, »ein wenig hat er sich gebessert,« und verließ die Stube.

Sie wollte was Rechtes machen, denn ihre verständige Ansicht war immer: entweder gar keinen Kaffee oder einen guten. Gebrannte Bohnen waren in einem Haus, wo das Kaffeetrinken zu den Ausnahmen gehörte, natürlich nicht vorräthig, und ihr war das lieb; frischgebrannte gaben ein besseres Getränk, und wenn sie ein wenig später fertig wurde, was schadete das?

Freilich dauerte es nun geraume Zeit, bis sie die blanken zinnernen »Kanden« (Kannen) füllen konnte. Als sie diese mit glücklicherweise vorhandenen Schneckennudeln in die Stube trug und auf den Tisch setzte, fiel ihr, die sich bei dem Auftreten der Base nichts Besonderes gedacht hatte, doch das Ansehen des Hans auf. Glänzend saß er da, ein freudiger und ein stolzer Blick ging aus seinen Augen, und noch dazu schien es, als ob er das Vergnügen, das er empfand, gar nicht alles heraus lassen wollte. — Verwundert sah die Wittwe von dem einen zur andern und sagte dann: »Ihr müßt euch ja recht gut unterhalten haben. Seit langer Zeit hab' ich den Hans nicht so hellauf gesehen!« — Dieser nahm sich zusammen und erwiederte: »Man spricht von allerhand. Und die Base da kommt unter die Leute und wird immer was Neues inne.« — »Das ist wahr,« sagte die Hubel, »und »ebbania'« (etwanje, zuweilen) ist's recht gut, wenn man was erfährt, und manchem geschieht ein Gefallen damit, wenn man ihm zu rechter Zeit was sagt.«

Diese Reden und die beiden Gesichter dazu kamen der Glauning seltsam vor. Hatte die Hubel eine ausfindig gemacht, die den Hans wollte, eine schöne und eine reiche — am Ende eine Bauerntochter? Darnach sah er wahrhaftig aus! Und einem Burschen mit seinem Geld und mit dem Lob, das er hatte, konnte auch gar wohl ein solches Glück anstehen. — Ihr Herz war bei diesen Gedanken plötzlich schwer geworden; es kostete sie Mühe, die schickliche Freundlichkeit aufzubringen, mit welcher zum Trinken und Zulangen ermahnt werden mußte. — Nach einer längeren Pause, die mit dem Genuß und Lob des Kaffees ausgefüllt wurde, begann die Wittwe: »Aber nun erzähl' mir doch noch etwas von meiner Christine. Ist sie immer noch so schmal?« — »Stark ist sie nicht geworden,« erwiederte die Base, »aber sie ist gesund und wohlauf.« — »Gott sei Dank!« versetzte die Mutter, »das ist doch das Best'. Und ist derweil nichts mehr vorgefallen mit dem Bauern?« — »Nichts was der Rede werth wäre zu sagen. Du weißt ja, der ist eben, wie ihn unser Herrgott erschaffen hat, und wenn er bös ist, wird er auch wieder gut.« — Die Mutter erwiederte: »Was hilft's, wenn man einem den Kopf herunter gerissen hat und will ihn dann wieder aufsetzen! — Aber was sagt man denn bei euch im Dorf über sie?« — »Nichts als Gutes, Base. Man sieht, wie sie schafft und aushält, und alle ordentlichen Leute schätzen sie und loben sie.« — »Nun, das ist doch ein Trost,« erwiederte die Mutter. Und mit einem Selbstgefühl, das ihrem gedrückten Wesen eine Art Würde verlieh, setzte sie hinzu: »Ein braves Mädchen ist sie eben doch, die Christine. Und wer weiß, am End' gibt's auch für sie noch ein Glück in der Welt.« — Nach kurzem Schweigen bemerkte sie: »Nun sag' ihr aber, sie soll mich endlich einmal besuchen, jetzt, wo die Hauptarbeit doch gethan ist.« — Die Andere schüttelte den Kopf: »Darüber hat sie ihre eigenen Ansichten, Base, ich glaub' nicht, daß sie jetzt schon kommt. Besuch du lieber mich einmal, dann kannst du sie bei mir sehen.« — »Ist das eine Welt jetzt!« rief die Wittwe. »Die Kinder folgen ihrem Kopf und die Alten sollen ihnen folgen! — Nun, ich will sehen.«

Das Gespräch wandte sich andern Gegenständen zu, wobei auch Hans wieder mitreden konnte. Endlich erklärte die Hubel, es sei die höchste Zeit, sie müsse fort. Die Mutter gab ihr die Hand, dankte für den Besuch und trug ihr Grüße an ihre Tochter auf. »Habt auch von mir Dank,« fügte Hans hinzu, »und kommt gut heim.« Die Wittwe sah ihn mit einem Blick an, der wahre Gekränktheit verrieth. »Nun,« sagte sie, »läßt du die Christine nicht auch grüßen? Einen Gruß ist sie doch wohl noch werth, sollt' ich glauben!« — »Meinethalb,« rief Hans, »grüßt sie auch von mir!«

Am Abend ging der Bursche in's Wirthshaus. Der mannhafte Schritt, mit dem er auftrat, das Glück, das aus seinem Gesicht leuchtete, konnten nicht unbemerkt bleiben. »Was Teufel ist denn mit dem Hans?« rief ein junger Mensch an einem Tisch zu seinen Zechgenossen; »der sieht ja aus, als ob er das große Loos gewonnen hätt'!« — »Wird wohl endlich eine gefunden haben, die ihm ansteht,« warf ein anderer hin. »Kannst Recht haben,« versetzte jener Gewaltige, an den Hans in Oettingen in seinen Siegesgedanken angestoßen war. Und mit einer gewissen großartigen Geringschätzung setzte er hinzu: »'S ist doch merkwürdig, was der Mensch auf d'Weibsbilder gibt! So'n Kerl, und läßt sich von der einen traurig und von der andern wieder vergnügt machen! Bah! das könnt' mir einfallen!« — Der erste bemerkte: »'S ist so ein Stiller, der Hans, die sind alle so.« — Und der zweite sagte: »Am End' ist's ihm auch zu gönnen, wenn er eine kriegt nach seinem Sinn. Die Christine hat ihm doch Verdruß genug gemacht.«

Hans war an einem andern Tisch niedergesessen, den etliche nähere Bekannte von ihm in Besitz genommen hatten. Nach dem Naturgesetz, das auf dem Lande wie in der Stadt, in der niedersten wie in der höchsten Schichte der Gesellschaft gilt, muß jeder, der ein auffallendes Vergnügen blicken läßt, geneckt werden. Dieß geschah denn auch unserem Burschen. Fragen wurden gestellt und Vermuthungen geäußert, die sich alle um den vorhin erörterten Punkt drehten. Hans war indeß nicht in der Stimmung ärgerlich zu werden, im Gegentheil, sein Humor stieg in Folge der Angriffe; er duckte einen, der sich ungeschickt dabei benahm, gehörig in's Wasser und bekam die Lacher auf seine Seite. Als er an einem andern Tisch Bescheid that, sagte einer der Bekannten: »'S ist schon richtig, er hat eine! — aber wen?« — Man rieth hin und her, konnte aber nicht schlüssig werden und tröstete sich mit dem Gedanken, daß es jedenfalls wieder eine Hochzeit geben werde und einen lustigen Ansing.

Jeden Tag in der Woche erwartete die Glauning, daß der Vetter im Staat vor sie treten und sagen würde, er müsse über Land gehen; denn ihr saß der Gedanke, der in ihr aufgestiegen war, so fest im Kopfe, wie den Kameraden des Burschen. Als sie sich auch am Donnerstag getäuscht sah, meinte sie: nun wird er am Sonntag gehen. Und in der That, am Vorabend erklärte Hans, er werde morgen über Land — fahren. »Fahren?« rief die Wittwe betroffen. — »Warum nicht?« erwiederte Hans lächelnd. »Der Hiesinger leiht mir seinen Braunen und sein Wägele. Und darf sich unser einer nicht auch einmal ein Plaisir machen?« — »Wegen meiner fahr' du,« entgegnete die Glauning. »Du bist dein eigener Herr und kannst thun was du willst.« — Sie that ihm aber nicht die Ehr' an oder sie hatte nicht den Muth, zu fragen wohin.

Am andern Tag, im Schein der Morgensonne, als der Bursche von ihr Abschied nahm, geputzt wie nochmal einer, der »auf d'Gschau« geht, hatte sie doch so viel Kraft erlangt, mit einer Art von Lächeln zu sagen: »Nun, Hans, ich wünsch' dir viel Glück! Du wirst dir hoffentlich nicht einbilden, daß ich nicht weiß, worauf du ausgehst?« — »Nein,« erwiederte Hans gemüthlich. »Vor Euch kann man sich nicht verstellen, Base — und ich versuch's auch nicht. Was wollt Ihr? einmal muß man doch dran!« — Er gab ihr die Hand und verließ mit kräftigen Schritten den Hof. Die Base sah ihm nach. »Wie sicher er seiner Sach' ist!« dachte sie. »Nun, wenn er ein Glück macht, ich muß es ihm gönnen — allein um mich hat er's verdient.« Diese Gedanken konnten aber doch nicht bewirken, daß sie sich über sein Glück freute; im Gegentheil, sie hatte ein Gefühl, als ob ihr der letzte Rest des ihrigen genommen würde.

Hans ging zu dem Bauer, den er Hiesinger genannt. Das Wägelchen stand im Hof, aber der Gaul wurde noch gefüttert. »Mach' »fürsche« (vorwärts),« rief der Bauer dem Handknecht mit Laune zu, »und spann an! In solchen Geschäften will man bald an Ort und Stelle sein.« — Einige Minuten später, und Hans fuhr im Trab durch's Dorf. »Aha,« rief einer von seinen Kameraden, der ihn sah, »nun werden wir's bald inne werden!«

Wenn die Glauning gesehen hätte, in welchen Weg der Bursche einlenkte, dann hätte vielleicht ihr Herz zu klopfen und wieder zu hoffen angefangen. — Die Leser haben das Ziel der Fahrt schon errathen — sie sind scharfsichtiger als die Bauern. Sie wissen, daß eine Geschichte nach ihrem Anfang und Verlauf nur Einen, d. h. eben nur den Ausgang haben kann, der im Verlauf begründet ist; und zwar nicht, weil es der Erzähler so will, sondern weil es bei den Personen, an denen es überhaupt etwas zu demonstriren liebt, das Schicksal so will, dem der Erzähler folgen muß. Könnte nach allem Bisherigen ein Erfahrener noch in Zweifel sein, wohin das Wägelchen unseres Burschen rollte? Er fuhr dem Dorf zu, in welchem Christine sich befand. Er konnte es, er durfte es — er mußte es; und das hoff' ich jedem klar zu machen, wenn ich erzähle, was sich unterdessen begeben hatte.

Die Art, wie Christine bei dem Holzbauern ihre Pflicht erfüllte, zusammengehalten mit ihren ungewöhnlichen früheren Erlebnissen, hatte die Aufmerksamkeit des ganzen Dorfs *** auf sie gelenkt. Das Mädchen hatte die Zweifler und Spötter, die sich auch dort aufgethan, beschämt; ihr ausdauernder Fleiß in dem beschwerlichen Dienst hatte ihr nicht Geringschätzung, wie die Mutter gefürchtet, sondern Achtung, bei Einzelnen sogar Bewunderung erworben. — Mit der Zeit wird jeder Tugend ihr Recht auch in dieser ungerechten Welt. Die Anfeindung stumpft sich ab, das Geklatsche wird langweilig und vergeht, die Anerkennung tritt an seine Stelle und besteht.

Bei Christine kam noch etwas anderes hinzu, was ihr eine besondere Bedeutung gab. Ihr Aussehen hatte sich nicht so geändert, daß man sie nicht mehr für ein ungewöhnlich hübsches Mädchen hätte müssen gelten lassen. Die frühere Fülle allerdings war nicht wiedergekehrt; aber die verhältnißmäßige Schlankheit, mit der sie aus der Stadt heimgekommen war, hatte in Folge der ländlichen Arbeiten einen gesunden Charakter erhalten. Ihre Gesichtsfarbe war keineswegs gelb, wie die Hubel auch für die erste Zeit übertreibend berichtete, sondern der ihr eigene bräunliche Ton war nur kräftiger geworden, hatte dann aber auch wieder einen Hauch frischen Roths erhalten. Sie war noch immer die »schöne Christine,« die ehemalige Lehrersbraut und jetzige Bauernmagd; aber sie war mehr als das. Ihr Gesicht hatte einen eigenen höheren Charakter erhalten — den Charakter, der das natürliche Erzeugniß innern Lebens und einer Kraft ist, wie sie die Geprüfte besaß und bewies. Eine tiefe Leidenschaft, die man aus Stolz zu verheimlichen entschlossen ist; den Willen, eine Handlungsweise, die man als unrecht erkannt hat, zu büßen und sich in die Folgen seiner Schuld unbedingt zu ergeben; den Willen, seine Pflicht zu thun, wie schwer sie einem auch gemacht werde, und seine Ehre darein zu setzen, gerade da auszuhalten, wo andere nicht die Stärke dazu fänden — dergleichen kann man unmöglich in Kopf und Herzen tragen, ohne daß der Abglanz davon auf dem Gesicht bemerklich würde. Ob sie nun im Haus, auf dem Felde thätig war, oder ob sie in der Kirche den Worten des Geistlichen horchte, die Magd Christine hatte etwas in ihrem Wesen, dessen sich kein anderes Mädchen im Dorf rühmen konnte. Die Töchter der wohlhabenden Bauern konnten den Kopf hoch halten und an Festtagen in ihrem besten Staat und ihrer Stellung sich bewußt mit fein geschlossenem Mäulchen anmuthig über die Gasse sich schwenken, so fein und so vornehm sah doch keine von ihnen aus, wie unsere dienende Heldin, und aus keinem Auge blickte so viel Seele, als aus den uns bekannten graublauen, die mit dem Gehalt (wenn dieses Wort hier gestattet ist) auch an Umfang zugenommen zu haben schienen.

Unter denen, die das Mädchen und ihr Verhalten zu taxiren wußten, stand eine Familie obenan, und zwar eine Bauernfamilie. Der Vater war ein Landmann der besten Art — einer von denen, die ihren Stand hoch halten, aber noch höher die Tugenden, die den ächten und rechten Bauer machen. Er führte mit Weib und Kindern einen musterhaft geregelten Haushalt, und die Folge war, daß er, der mit Schulden begonnen hatte, jetzt unter die Wohlhabendsten des Orts zählte. Der Kinder waren nur zwei, ein Sohn und eine Tochter, jener siebenundzwanzig, diese neunzehn Jahr alt, beide noch unverheirathet. Der Sohn, ein Abbild seines Vaters und nur etwas weniger lustig, als der Alte im ledigen Stand gewesen, befand sich wohl unter dem Regiment der Eltern, und darum und weil er einigermaßen scheu war und wählerisch, hatte er noch keine Frau gefunden und noch nicht den ihm gebührenden und bestimmten Hof erhalten. Die Tochter, ein angenehmes, gutes Geschöpf, trug schon ein Bild in ihrem Herzen, d. h. ein Mannsbild. Ein Bauernbursche, der alle Qualitäten besaß, die sie und ihre Eltern nur verlangen konnten, war ihr gewogen, und ihre Hochzeit stand in Aussicht, sobald der Vater des Liebhabers sich entschloß, den Hof zu übergeben.

Diese Familie war es, die unsere Christine von allen zuerst mit günstigen Augen betrachtete. Der Alte, der an ihr die guten Eigenschaften wahrnahm, die er von einem rechten »Bauernweibsbild« verlangte, rühmte sie, und Mutter, Kinder und Ehehalten stimmten mit ein. Was man von ihrem Schicksal erfuhr, konnte dem Mädchen bei wohlwollenden Beurtheilern nicht schaden. Hatte sie schon als halbe Mamsell in der Stadt gelebt, so war es um so verdienstlicher, daß sie eine so brave Magd wurde, und die Gerüchte, welche zuerst über sie umliefen, wurden durch ihren streng ehrbaren Lebenswandel vollkommen widerlegt. Sie war noch nicht sechs Wochen im Dienst, als der Alte schon zu seinem Weib sagte: »Wenn das Mädchen eine Bauerntochter wäre, eine bessere für unsern Sohn könnten wir nicht bekommen.« — Nach und nach erfuhr man, was die Glauning der einzigen Tochter immer noch mitgeben konnte, und wenn es auch nur den vierten Theil dessen betrug, was der Alte gab, so verfehlte es doch nicht, das Haupt der Magd in seinen Augen mit einem gewissen Schein zu umgeben. Endlich kam es dahin, daß der wackere Mann sich fragte: »Muß es denn gerad' eine Bauerntochter sein? Und wenn sie weniger hat als mein Sohn, ist ihr Fleiß, ihre Geschicklichkeit und ihre Tugend nicht mehr werth als Geld und Gut?« Weib und Tochter, denen er seine Gedanken mittheilte, traten ihm lebhaft bei. Gutmüthig, wie sie waren, hatten sie das Mädchen in's Herz geschlossen, und die Tochter namentlich interessirte sich für den Heirathsplan mit dem ganzen Eifer einer liebesglücklichen Jungfrau. Sie sprach mit dem Bruder und brachte aus ihm heraus, daß er ganz im Stillen selber schon ein Auge auf Christine geworfen! — Allgemein war die Zufriedenheit über diese Entdeckung; nach der Ernte hielt man nochmal einen Familienrath und das Projekt gedieh zum festen Beschluß.

Das Mittel der Liebeswerbung konnte unter den gegenwärtigen Umständen allerdings nicht in Anwendung kommen. Wäre unser Freier auch der Mann gewesen, ein Mädchen durch Schmeichelreden zu gewinnen, so hätte er von dieser Fähigkeit gegenüber einer Magd beim Holzbauern doch keinen Gebrauch machen können. Aus allen Gründen mußte man den bewährten alten, auch jetzt noch immer praktischen Weg der Unterhandlung durch eine dritte Person gehen, und wandte sich an Base Hubel.

Hilf Himmel, welch einen Eindruck machte die Eröffnung auf die nicht sehr bemittelte Söldnerin! Ihr Bäschen eine Bäuerin — und was für eine! Sie selber zur Freundschaft einer der ersten Familien im Ries gehörig! Und sie hatte das in der Hand! sie sollte das machen — sie wurde darum gebeten! Das Entzücken der guten Frau war so groß, daß sie für den ersten Augenblick sprachlos dastand, weil sie ganz eigentlich den Mund nicht mehr zusammenbringen konnte, um Worte zu bilden, so daß Mutter und Tochter, welche die Eröffnung gemacht hatten, sich Mühe geben mußten, das Lachen, das sie ankam, zu einem Lächeln zu mildern. — Natürlich versprach die Gebetene, als sie endlich sprechen konnte, Alles. Die Sache war schon gemacht — sie brachte das Jawort der Christine heut Abend noch. Gott, welche Ehre war es für diese und welche Freude! Welche Ehre und welche Freude für die Base Glauning und für sie alle miteinander!

Mit brennendem Kopfe lief sie zu dem glücklichen Mädchen. Es war an einem Feiertag nach der Betstunde, und Christine konnte ihrer Einladung zu einer wichtigem Unterredung in ihrem Hause ungehindert folgen. Als sie allein waren, bedachte die Erfahrene, daß das Mädchen vielleicht vor Freude in Ohnmacht fallen könnte, wenn sie ohne weiteres ihren Auftrag ausrichtete; sie begann daher mit Reden, welche sie auf das beispiellose Glück, das ihrer wartete, vorbereiten sollten. Christine, ungeduldig, fragte, was es denn wäre. Die Unterhändlerin machte ihre Eröffnung triumphirend und in der sichern Erwartung, die Glückliche würde, außer sich, ihr um den Hals fallen, mit Freudenthränen »ja, ja« rufen und des Dankes kein Ende finden. Welch ein Erstaunen, ja welch ein Schrecken, als Christine nach vorübergehendem, leichtem Rothwerden ernst und ruhig erwiederte: »Die Leute sind gut gegen mich und thun mir eine große Ehr' an. Ich dank' ihnen auch von Herzen dafür, aber ich kann's nicht annehmen, Base.« — Die Hubel sah starr auf sie, wie auf eine plötzlich toll Gewordene. »Du willst's nicht annehmen?« rief sie endlich. — »Ich kann nicht,« war die Antwort. — »Bist du rasend, Mädchen?« — »Nein, ich bin bei gutem Verstand. Geht zu den Leuten und dankt ihnen in meinem Namen recht schön, und sagt ihnen, ich kann nicht heirathen — weil ich überhaupt nicht heirathen will!«

Zu dem Erstaunen der Base gesellte sich jetzt die Entrüstung, der Geist und die Autorität einer Mutter fuhr in sie, und sie stellte dem Mädchen vor, welch unsinnigen Streich sie mache, wenn sie eine der ersten Bäuerinnen im ganzen Ries werden könne und nicht wolle. »Hast du etwas gegen die Leute? Hast du etwas gegen den Menschen? Ist er nicht brav und geschickt und häuslich und ein sauberer Bursch obendrein?« — Christine mußte das zugeben. — »Und du willst nicht? Du willst so ein Glück versäumen, mit Füßen von dir stoßen? Warum? weßwegen?« — Das Mädchen, bewegt, geängstigt, rief: »Um Gotteswillen, Base, fragt mich nicht! — es geht nicht!«

In dem Kopf der Hubel blitzte ein Gedanke. »Wär's möglich,« begann sie, »hättest du einen andern im Kopf? Denkst du vielleicht« — (die Wangen des Mädchens begannen sich zu färben) — »kannst du deinen Schulmeister nicht vergessen?« Die Farbe verging wieder auf dem Gesicht der Gefragten und ihre Lippe verzog sich geringschätzig. Da ging der Base ein Licht auf wie eine Fackel; sie rief bestimmt: »Du hast den Hans im Kopf!« — Eine glühende Röthe überströmte das Gesicht der Armen, sie zitterte — Thränen stürzten ihr in die Augen. — »Der ist's also! der Vetter! Himmel, was ist das!« — »Ja,« rief das Mädchen, die jetzt wirklich außer sich gebracht war, »der ist's! der beste Mensch, der bravste Mensch, und mir der liebste auf der Welt! Ich hab' schändlich gehandelt gegen ihn, er haßt mich, er verachtet mich, und er hat Recht, und ich will's nicht anders haben. Aber nun wißt Ihr, warum ich auf Euch nicht hören kann! Ihn krieg' ich nicht und verdien' ich nicht, einen andern will ich nicht und mag ich nicht, und darum heirath' ich nicht und will als Bauernmagd leben und sterben!«

Die Frau, von der Leidenschaft des Mädchens überwältigt, verstummte. Sie kannte den Wunsch der Glauning, ihre Tochter an Hans verheirathet zu sehen; sie wußte, daß er der Mann war, ein Weib glücklich zu machen; aber wenn er sie nicht mehr wollte, war's nicht ganz widersinnig, wegen seiner ein ganzes Lebensglück aufzuopfern? Sie mußte doch noch ein Wort reden, die erfahrene Mittelsmännin, und sie sagte daher, mit größerer Ruhe zwar, aber mit Nachdruck: »Mädchen, Mädchen, bedenke, was du thust! Ein solcher Antrag wird dir nicht wieder gemacht! Und wenn du ihn ausschlägst um eines Menschen willen, der nichts mehr nach dir fragt — aus Eigensinn, aus Tollheit — es wird dich reuen, all dein Lebtag wird's dich reuen.« — Aber hierauf erwiederte Christine bestimmt und entschlossen: »Base, ich hab' Euch gesagt, wie ich denke, und nun ist's genug. Streiten will ich nicht mit Euch. Redet also nichts mehr, es hilft Euch nichts, jedes Wort ist umsonst.« — »Gut,« versetzte die Hubel, »dann hab' ich wenigstens meine Schuldigkeit gethan und kann dich deinem Schicksal überlassen. Ich hätt' nicht geglaubt, daß ich von einem Mädchen, wie du bist, mit so einer Antwort zu solchen Leuten gehen müßt'. Aber sie warten darauf, ich hab' ihnen versprochen, die Antwort heute noch zu bringen, und ich will hingehen und sagen, daß du nicht willst und warum du nicht willst.«

Christine stand erschreckt. Das Geheimniß, das sie bewahren wollte vor jedermann, war ihr entrissen, und jetzt erst merkte sie's. Scham und Angst bemächtigten sich ihrer und im dringendsten Tone rief sie: »Nein, das dürft Ihr nicht! Sagt, daß ich überhaupt nicht heirathen will, daß ich mich für solche Leute nicht gut genug achte, sagt was Ihr wollt, nur sagt nichts vom Hans! Es könnte herum kommen — er könnt's erfahren, und (setzte sie heftig hinzu) er soll's nicht erfahren! Ich geh' nicht von Euch, Base, bis Ihr mir's versprecht! Gebt mir die Hand darauf, ich bitt' Euch, ich beschwör' Euch!« — »Gott,« entgegnete die Frau, »ist das ein Kreuz mit dem Mädchen! Nun gut, ich versprech' dir's.« — »Ich dank' Euch, Base,« rief das Mädchen herzlich und gerührt; »ich dank' Euch für all Eure Güte und Freundschaft! Sagt den braven Leuten alles Schöne und Gute in meinem Namen; sagt, ich wolle gar nicht heirathen, und sie würden sehen, daß ich auch keinen andern nehme. Sagt ihnen, ich würde keine Seele etwas merken lassen von ihrem Antrag, und sie sollten sich jetzt eine bessere aussuchen, als ich bin, denn mit mir wäre ihr Sohn doch niemals glücklich geworden.« Sie faßte die Frau bei der Hand und sah ihr in's Gesicht. Ihre Augen waren feucht geworden und füllten sich mit Thränen. Wehmüthig lächelnd, in liebevollem Ton sagte sie: »Ihr seid brav — ich kann mich auf Euch verlassen!« Und ihr die braune Wange streichelnd setzte sie hinzu: »So, nun geht und macht Eure Sache gut!« — Sie schüttelte ihr die Hand und verließ die Stube, nachdem sie ihr nochmal einen bittenden Blick zugeworfen hatte.

Die Base Hubel gehörte indeß nicht zu jenen Personen, die, wenn sie ein Versprechen gegeben haben, nun auch glauben, es unter allen Umständen halten zu müssen. Im Gegentheil, sie hatte eine heroische Ader in sich, und wenn sie gutmüthig genug war, auf eine dringende Bitte ja zu sagen, so besaß sie doch auch den Muth, sich »nach Gestalt der Sach« von der übernommenen Verpflichtung selber zu dispensiren und ihr Wort zu brechen. Als sie allein war, rief sie daher: »Du einfältiges Mädchen! Nichts sagen vom Hans? Das ist ja das Einzige, was in deine Antwort ein bischen Sinn bringt und Verstand, so daß ich nicht ganz in Schand' und Spott dastehen muß vor diesen Leuten, und du mit mir! Augenblicklich sollen sie's erfahren!« — Um vieles langsamer dennoch, als sie es verlassen hatte, ging sie in das Haus des Bauern zurück, traf die Eltern und die Tochter und erzählte alles, indem sie nicht versäumte, über den Wahnsinn des Mädchens entrüstet ihr Verdammungsurtheil auszusprechen. Die wackern Leute bedauerten die Antwort von Herzen; aber — offen zu reden — ihre Betrübniß wäre doch größer gewesen, wenn der Korb von einer in jeder Hinsicht Ebenbürtigen ertheilt worden wäre. Sie hatten doch daran denken müssen, welches Aufsehen die Verheirathung ihres Sohnes mit der Magd des Holzbauern machen würde, und der Umstand, daß nun dieses Aufsehen mit all seinen Unbequemlichkeiten wegfiel, erleichterte ihnen die Tröstung ihrer Seelen bedeutend.

Der alte Bauer klärte sich endlich auf und sagte zu der Hubel: »Nun habt Ihr Euer Geschäft aber erst halb gemacht.« — Die ihrer vornehmen Freundschaft beraubte und darum niedergeschlagene Söldnerin sah ihn fragend an. — »Die Hauptsach' ist jetzt, daß Ihr die Christine und ihren Vetter zusammenbringt.« — »Aber wie soll ich das anfangen?« rief das Weib. Der Bauer fuhr fort: »Hat nicht der Hans sein Bäschen für sein Leben gern gesehen?« — »Ja wohl,« erwiederte sie; »aber jetzt will er durchaus nichts mehr von ihr wissen.« — »Ganz natürlich! — weil sie ihn aufgegeben hat und er glauben muß, sie halte nichts von ihm und habe keine Zuneigung zu ihm. Geht aber jetzt nur hinunter und erzählt ihm, was die Christine gesagt hat und was geschehen ist, und dann seht zu, ob er noch immer nichts von ihr wissen will. Ich bin der Meinung (setzte er lächelnd hinzu), daß ihr noch immer Euern Kuppelpelz verdienen könnt.« — Das Gesicht des Weibes erhellte sich bei diesen Worten. »Ihr könnt wahrhaftig Recht haben! — Aber darf ich denn auch alles sagen?« — »Alles,« versetzte der Bauer, »mit der Bedingung, daß es unter der Familie bleibt.« — »O, das versprech' ich mit Freuden! Kein Mensch weiter soll etwas davon erfahren!« — Beim Abschied reichte die Bäuerin der Guten die Hand und sagte: »Habt Dank für die Mühe, die Ihr Euch unsretwegen gemacht habt. Wenn auch nichts draus geworden ist, so bleiben wir doch gute Freunde.« — »O,« rief die Hubel, »das ist eine große Ehre für mich! — Und wer weiß, vielleicht kann ich Euch doch noch einmal auf eine andere Art dienen!«

»Was für gute Leute das sind!« rief sie mit einem Seufzer, als sie ihrem Hause zuging; »'s ist doch Jammerschade!« — Etwas indeß war ihr geblieben. Sie faßte nun das neue Geschäft in's Auge und ihre Seele erheiterte sich wieder. »Wenn das geräth, wenn die Zwei zusammen kommen und glücklich sind, dann bin's eben doch ich, die's gemacht hat und der sie danken müssen für ihr Glück, so lang sie leben.«

Am nächsten Sonntag trat sie die Wanderung bei Zeiten an, um den Vetter sicher zu treffen, und erzählte ihm, während die Glauning den Kaffee machte, Alles und Jedes. Hans konnte nicht zweifeln; die Base beschwor ihre Aussagen bei allem, was heilig ist, und gab ihm in jeder Hinsicht die beruhigendsten Versicherungen. — Und nun erstand die entschlafene Liebe plötzlich, wie wenn ihr ein neues schöpferisches Werde zugerufen worden wäre. Der Deckel des Schreins, in dem sie verborgen lag, flog auf und sie glühte hervor und durchloderte und durchleuchtete ihn mit wonnevoller Glut. — Nun war's also doch geschehen, woran er nicht mehr glauben, worauf er nicht mehr hoffen konnte. Das Mädchen, das ihm lieber war als Alles, war sein! Sie war zur Erkenntniß gekommen, sie verstand ihn — sie liebte ihn — ihn allein und über alles! — O, nun war es besser als vorher — tausendmal besser! Er mußte ihr nicht nur vergeben — nein, Gott danken mußte er für den Weg, den sie geführt worden — Gott danken für ihr Leid und ihre Erkenntniß, und sie lieben und ehren und ihr Leben versüßen und sie glücklich machen — glücklicher, wenn's möglich wäre, als er selbst wurde! — Die Empfindungen des Glücks und des Dankes strömten durch sein Herz und erschütterten ihn so gewaltig, daß ihm Thränen in die Augen traten und die gute Verwandte in gerührter Theilnahme sich freute, daß ihr dieses zweite Werk gelungen war, und nicht das erste. Eine innere Stimme rief dem Glücklichen zu, vor der Mutter die Kunde noch geheim zu halten; er gebot der Hubel auf's strengste, seiner Base nichts zu sagen und sie auch nichts merken zu lassen, und eben so der Christine alles geheim zu halten. Die Hubel versprach beides. Sie kam der Mutter gegenüber der Forderung auch sogleich nach; der Liebende selbst aber vermochte es nicht, und die Glauning hätte das Geheimniß errathen müssen, wenn ihre Gedanken nicht schon vorher auf falscher Fährte gewesen wären.

Das war es, was unsern Freund bewog, heute dem Dorfe zuzufahren, in welchem Christine lebte. — Und nun kein Wort mehr zur Erklärung seines Handelns.

Als das nette »Gefährt« im Sonnenschein über den trockenen Weg hinrollte, näher und näher dem lieben Ziel, da hatte unser Freund eine glückselige Empfindung, und die Wirkung davon ward sichtbar in seiner ganzen Erscheinung. Man weiß, daß George Sand — eine Schriftstellerin, der ich gern das heutzutage so sehr mißbrauchte Wort »genial« zuerkenne, ohne darum alles in ihren Werken für wahr und schön zu halten — Personen in relativer Häßlichkeit auftreten und nach und nach schön, ja unwiderstehlich anziehend werden läßt. Sie kann sich damit auf die Wirklichkeit berufen. Es giebt Gesichter, an denen sich gar manches aussetzen läßt, sofern man sie nach einem Ideal der Formvollendung beurtheilt. Wenn aber die Seele sich entfaltet, wenn das Licht der Liebe, der Güte, des Glücks es durchleuchtet, dann ist ein solches Gesicht nicht nur charaktervoll, sondern schön; die Seele herrscht in ihm und schmelzt in allbelebender Strömung die Theile zum harmonischen Ganzen; die Schönheit der Seele triumphirt über die Form und macht diese zur Trägerin und Verkünderin ihres Glanzes; ihre Flamme bricht durch und überstrahlt die Züge und tilgt alles Widerstrebende darin hinweg. Daß ein solches Gesicht hernach das bloß äußerlich schöne in Schatten stellt, daß eine geliebte Person, die für seine höhere Schönheit empfänglich ist, sich davon entzückt, hingerissen fühlt, das ist durchaus natürlich — der natürliche Sieg des Innern über das Aeußere, des Geistes über den Stoff.

Wenn eine theilnehmende Freundin unsern Burschen heute gesehen hätte, so würde sie vielleicht gerufen haben: er sieht aus »wie verklärt;« denn dieses Wort ist unter dem Rieser Landvolk bekannt und wird ganz richtig angewendet. Und in der That, verklärt war das Gesicht des Guten, verklärt durch die Liebe, die der Gegenliebe sicher geworden, verklärt durch das Bewußtsein des Sieges, der zu der Liebe die Ehre gebracht hat. — Es ist eben doch schön, wenn man nicht mehr ganz allein auf sich und seine Tugend angewiesen ist, wenn man der Welt nicht bloß zu verzeihen, sondern auch etwas zu danken hat, wenn die Kraft der Seele getragen wird von der Schwellung des Glücks, wenn zu dem Gefühl, den Sieg zu verdienen, die stolze Freude des wirklich errungenen Sieges kommt. Aus dem Gesicht des Liebenden sprach jetzt nicht allein das Glück und die Freude, sondern auch die Würde des Mannes, der sich endlich auf die Stelle erhoben sieht, nach der er getrachtet hat und die ihm gebührt.

Als der Wagen in das Dorf rollte, lag auf diesem eben das feierliche Schweigen des Sonntags: die Kirche hatte eben begonnen und die Gemeinde horchte dem Worte des Geistlichen. Hans fuhr in's Wirthshaus, versorgte mit dem anwesenden Knecht das Roß und ging dann im Hof umher. Die Glocke, die beim Vaterunser geläutet zu werden pflegt, verkündigte das baldige Ende des Gottesdienstes, Hans erwartete es, sah die Leute des Hauses und der Nachbarschaft von der Kirche heimkehren, und machte sich endlich selber auf den Weg, mit Herzklopfen zwar, aber mit dem überherrschten eines Mannes, der mit tiefer Zuversicht dem Erfolg entgegengeht. Er hatte sich vorgenommen, bei der Geliebten sich nicht ohne weiteres auf die Erzählung der Verwandten zu berufen, er wollte so ruhig, als es ihm möglich war, als Besuch auftreten, zuerst von andern Dingen reden und selber hören und sehen.

Als er in den Hof trat, sah er das »Mädle«, d. h. die zweite Magd der Bauers. Er fragte nach Christine, indem er hinzufügte, er sei ein Verwandter und hätte mit ihr zu reden. Die Gefragte erwiederte, die Magd sei im Garten, und wies ihm den Eingang. Hans trat hinein und sah Christine von weitem Gemüse abschneiden, das ihr die Bäuerin zu bringen aufgetragen hatte. Sie war in der Kirche gewesen, hatte aber an dem warmen Tage den Kittel ausgezogen und bückte sich zu Boden in blanken Hemdärmeln, die indeß nur den Oberarm bedeckten. Als sie jemand gehen hörte, schaute sie auf. Sie erkannte den Vetter und sah erröthend vor sich hin.

Hans trat näher und sagte treuherzig: »Guten Tag, Christine!« — Die Gegrüßte dankte und erwiederte mit erkenntlichem Blick: »Du kommst herauf? Das hätt' ich wahrlich nicht erwartet!« — »Nun,« sagte Hans, »ich muß doch auch einmal sehen, wie's dir geht.« — Die Brust des Mädchens hob sich und ein leichter Strahl der Freude ging über ihre Züge. Sie versetzte: »Gottlob, mir geht's gut, ich bin gesund und zufrieden.« Und in der That, so sah sie aus. Hatten Sonnenschein und Regen in Frühling und Sommer sie erfrischt und gestärkt, so war sie in den letzten, weniger »unmüßigen« Wochen schon wieder auch etwas runder geworden und ihre ganze Erscheinung hatte den Charakter einer größeren sinnlichen Ruhe erhalten. Hans lächelte. »Das freut mich,« erwiederte er. »Du scheinst den Holzbauern nicht so schlimm zu finden, wie deine Vorgängerinnen?« — »Er ist auch nicht so schlimm,« versicherte Christine. »Hitzig ist er freilich, und wenn er in seinen Zorn kommt, weiß er nicht mehr, was er sagt; aber im Grund seines Herzens ist er ein ehrlicher Mann und meint's besser als so ein glatter, süßer Schwätzer. Seit dem letzten Sturm im Heuet« — setzte sie lächelnd hinzu — »kommen wir ganz gut mit einander aus. Ich paß' aber auch besser auf.« Nach einem Moment des Schweigens ernster geworden, sagte sie: »Was macht denn aber meine Mutter? Ist sie doch wohlauf?« — »Ja wohl,« versetzte Hans, »und auch zufrieden — bis auf die Gedanken, von denen sie zeitweis geplagt wird. Sie kann sich immer noch nicht drein finden, daß ihre Christine, ihre einzige Tochter bei einem andern dienen soll.« — »O,« rief das Mädchen, »daran wird sie sich eben doch gewöhnen müssen! Mir gefällt das Dienen, und ich bin lange nicht so vergnügt gewesen, wie jetzt.« — Der Bursche betrachtete sie mit innigem Wohlgefallen. »Ja,« sagte er, »du bist auch wieder eine ganze Magd geworden.« Und mit gutmüthigem Stolz setzte er hinzu: »Das Bauernhandwerk ist halt doch das schönste und gesündeste, und über den Bauernstand geht nichts in der Welt!« »Das ist wahr,« erwiederte Christine, durch seine Anerkennung geschmeichelt und erfreut. »Drum will ich auch fortarbeiten, weil ich seh', daß ich's doch nicht ganz vergessen hab', und dazu lernen, was ich noch nicht versteh', und das kann ich am besten auf so einem großen Hof wie hier. Sag' das meiner Mutter, sag' ihr nur, ich bin gern eine Bauernmagd und hoff's noch lange zu bleiben.«

Um den Mund des Burschen spielte ein fast unmerkliches schelmisches Lächeln. »Nun,« erwiederte er endlich, »auf einem Bauernhof kann man auch etwas anderes sein als Magd. Du bist keine Magd, wie die erste beste, du bist das einzige Kind deiner Mutter, und wenn das der Rechte erfährt und wenn er sieht wie du schaffen kannst in einem großen Werk, dann könnten wir auf einmal hören, daß die Magd eine Bäuerin geworden ist.« — Christine, des an sie ergangenen Antrages gedenkend, wechselte die Farbe und sah den Vetter scharf an; aber dieser hielt aus und verrieth seine Kenntniß der Sache mit keinem Zug. Das Mädchen entgegnete mit Ernst: »Ich trachte nicht so hoch hinaus; ich begnüge mich mit dem, was ich bin, und bleib' im ledigen Stand.« Eine sanfte Heiterkeit verbreitete sich über ihr Gesicht mit einem Hauch von Trauer gemischt, der sich indeß im Ausdruck wahrer Theilnahme verlor. Sie sagte: »Aber von dir hört man jetzt, daß du an's Heirathen denkst. Nun, wundern wird sich niemand darüber. Du weißt ja, wie oft ich dir selbst früher zugeredet hab'.« Und plötzlich erröthend rief sie: »Am End hast du schon eine? und willst mich zur Hochzeitmagd?« — »Eins ist wahr,« erwiederte Hans, »heirathen will ich.«

Das Mädchen erschrak bei diesen Worten, ihr Gesicht wurde blaß und im Augenblick darauf purpurroth. Aber nun war es zu Ende mit der Zurückhaltung des Burschen. Wie er die Zeichen der Liebe an dem Mädchen erblickte, die er sich erkoren hatte, als sie fast noch im Kindesalter stand, wie er das Bild, das ihn im Spiegel der Seele entzückt hatte, mit Augen schaute, da schlug die Flamme seiner Leidenschaft durch, und mit jenem Blick unendlicher Liebe, den er früher nur verstohlen auf sie zu richten gewagt hatte, sah er ihr muthig und gerade in die Augen. Und sie verstand ihn — mit der Schnelle des Blitzes erleuchtete sie die Erkenntniß, daß er alles wisse, und erschüttert und beseligt stand sie vor ihm. Hans ergriff ihre Hand und sagte im herzlichsten Ton: »Ja, Christine, heirathen will ich: aber ich brauch' keine Hochzeitsmagd, sondern eine Hochzeiterin!« Und als sie bei diesen Worten zuckte, als ob sie sich ihm entziehen wollte, rief er: »Laß mir die Hand! — Die Base hat mir alles gesagt. Ich bin heraufgekommen, um dich zu fragen, ob du mein Weib werden willst — und nun red' und sag' es!«

Das Herz des Mädchens drehte sich im Busen um vor Wonne; aber noch wagte sie nicht, das ihr vom Himmel gefallene allzugroße Glück anzunehmen und sie rief: »Wie! — mich, die so gegen dich gehandelt hat — mich willst du zum Weib?« — »Still!« entgegnete Hans mit einer Bewegung, als ob er ihr den Mund zuhalten wollte; »das ist vorbei und vergessen, und nun thu' dir nicht selber Unrecht. Ich kenne kein Mädchen in der ganzen Welt, die ich für besser und für rechtschaffener halte und die ich höher schätze, als dich.« — Nach dieser Ehrenerklärung, welche die Liebeserklärung diesmal ergänzte und sanctionirte, sah das Mädchen mit dem rührendsten Blick der Liebe und des Dankes auf ihn. »Ja,« rief sie mit Thränen in den Augen, »du bist eben immer der beste der Menschen! Wie viel hab' ich erfahren, wie viel hab' ich leiden müssen, um das einzusehen.« Und während die Thränen über ihre Wangen rollten, vergaß sie alles und fiel im Drang ihres Herzens dem Guten und Treuen um den Hals und küßte ihn und weinte an seinem Gesicht.

Sie hatten Glück, die Glücklichen. Kein Wesen sah diesen Vorgang, der am hellen Tag und unter freiem Himmel auf dem Dorf höchst ungewöhnlich ist, ein einziges paar Schwalben ausgenommen, die auf dem Stadeldache saßen und die Flügel streckend neugierig herunterzulugen schienen.

Aber nicht lange mehr sollten sie ungestört bleiben. Indem der Erschütterung auf beiden Gesichtern innige Heiterkeit folgte und das Mädchen ihre Thränen mit der Sonntagsschürze trocknete, vernahmen sie von der Gartenthür her plötzlich den Ruf: »Aber was Kreuzblitz ist denn das?« — Sie sahen hin, in höchst eigener Person und in voller Autorität des Richters kam der Holzbauer auf sie zu. »So?« rief er zu Christine, »die Bäuerin wartet auf dich und du unterhältst dich mit einem — wer ist der Bursch da?« — Hans trat mit festem Schritt vor den Gefürchteten hin und sagte: »Mein Nam' ist Hans Burger.« — Der Bauer betrachtete ihn und rief sich erinnernd: »Ah so, du bist der!« — »Ja,« sagte Hans, »und die Christine hier ist mein Bäschen, und seit einigen Minuten — meine Hochzeiterin.«

Der Holzbauer stand überrascht und sah ihn groß an. Er war zu gescheidt, um nicht einzusehen, daß seine Autorität jetzt ein Ende hatte; so schnell indeß konnte er das nicht einräumen. »Das Donnerwetter,« polterte er mit einer eigenen Mischung von wirklichem Unwillen und gespieltem Zorn, »was ist denn aber das für eine Art? Du kommst so mir nichts dir nichts her zu mir und heirathest mir meine Magd weg? Da soll ja doch gleich« — Hans, von diesem Spaß des Holzbauern ergötzt, entgegnete: »Ja, da kann ich nicht helfen, das Heirathen geht Allem vor.« — »Hol's der Teufel!« brummte der Bauer. »Die bösen Weibsbilder laufen einem weg, und hat man eine, die ein wenig ordentlich wäre, dann kommt so ein verfluchter Kerl und nimmt sie einem zum Weib! — Nun,« setzte er mit einem satyrischen Blick hinzu, »und du willst's also wirklich riskiren? — mit der Feinen?« — »Ja, Holzbauer,« versetzte Hans mit der Laune des Glücklichen. »Nachdem sie ein halbes Jahr bei Euch gedient hat, mein' ich, kann ich's riskiren.« — Der Bauer, der heute einen Sonntagshumor hatte und von Natur Spaß verstand, lachte. »Ja, ja,« sagte er dann, »hast auch Recht — jetzt kannst du's. Ich hab' sie dir gezogen und du kannst dich bei mir bedanken.« — Indem er seine Zornanfälle auf diese Art sich als Tugend anrechnete, konnten die beiden Liebenden nur mit Mühe den Ausdruck ihres Vergnügens zurückhalten. Hans nahm sich indessen zusammen und sagte: »Ich dank' Euch auch, Holzbauer, von Herzen.« — »Und ich desgleichen,« setzte Christine hinzu, »bei Euch hab' ich grade gelernt, was mir fehlte, und ohne Euch wär' ich meiner Lebtag nicht glücklich geworden.«

Der Holzbauer, wie alle Großen, war darum, weil er Schmeichelworte als etwas ihm Zukommendes betrachtete, für ihre Süßigkeit keineswegs unempfindlich. »Freut mich,« erwiederte er, »daß ihr das einseht.« Und in dem Gefühl seiner unleugbaren Güte setzte er hinzu: »Da sagt man immer, ich sei bös und schimpfe die Leute. Dummköpfe, Ochsen, alberne Weibsbilder sind's, die so was sagen. Ich schimpfen! Einfältiges Lumpenpack verfluchtes! — Ich verlang' was recht ist, und wenn etwas Dummes geschieht, laß' ich's nicht durchgehen; und so muß man's auch machen, sonst wird nie etwas aus den Leuten. Da hat man nun das Beispiel! — Und's freut mich doch, daß ihr das einseht und daß man auch einmal seinen Dank bekommt in der Welt.« Im vollen Genusse des Selbstgefühls hielt er ein bischen inne, ließ seinen Blick auf dem Mädchen ruhen und sagte dann zu Hans: »Noch ein Jährle, wenn ich sie hätt' — dann solltest du sehen!« — »Nein, nein,« versetzte Hans lachend, »man muß nicht zu viel verlangen. Von jetzt an will ich sie schon selber ziehen.« — Der Bauer sah ihn an, wie etwa ein Kaiser einen jungen Grafen ansieht, der sich auch fühlen zu können glaubt. Durch seinen guten Leumund, der auch zu ihm gedrungen war, schon für ihn eingenommen, fühlte er sich von seinem Wesen angesprochen und sagte daher mit der Miene huldvoller Approbation: »Nun, die Postur hast du dazu.« — Hans bemerkte: »Vor der Hand, nämlich bis wir uns zusammengeben lassen, bleibt die Christine ohnehin noch bei euch, wenn Ihr nichts dagegen habt. Heute freilich möcht ich bitten, daß Ihr sie mit mir zu ihrer Mutter fahren lasset.« — »Alles was Recht ist,« versetzte der Bauer mit Würde. Und mit der Freundlichkeit, deren sein Gesicht überhaupt fähig war, fügte er hinzu: »Seid vergnügt mit einander und macht bald Hochzeit und ladet mich auch darauf. Ich komm', ich versprech's euch, und wär's nur, um die dummen Weiber zu ärgern. Dann sollen sie mir nochmal sagen, keine Magd könnt's aushalten bei mir und jede käm' in Unfrieden von mir weg! — Aber Sapperment!« rief er, sich plötzlich unterbrechend, »jetzt müssen wir in die Küche!« Und zu Christine gewandt, setzte er hinzu: »Klaub das Zeug da zusammen und schneid' noch ein wenig ab. Ich will indeß zur Bäuerin gehen und dich entschuldigen; denn die könnt' am End' nicht so Spaß verstehen wie ich!« Und in einer Laune, wie man ihn seit langer Zeit nicht gesehen, schritt er hinweg.

Als das Mädchen zur Bäuerin kam, erhielt sie für die Scheltworte, die sie sonst zu erwarten hatte, einen freundlichen Glückwunsch.

Eine halbe Stunde später trat unser Paar in die Stube der Hubel, die natürlich augenblicklich wußte, woran sie war. Christine rief: »Ihr habt nicht Wort gehalten — Ihr habt mich verrathen!« — »Sei still, du dummes Ding,« entgegnete die Base. »Wo wärt Ihr jetzt, wenn ich das Maul nicht aufgethan hätt'?« — »Ihr habt Recht gehabt,« erwiederte die Glückliche und drückte ihr die Hand. Hans sah die Base heiter an und sagte dankbar: »Mir habt Ihr Wort gehalten.« — Die Hubel versetzte würdig: »Wo ich reden muß, da red' ich, und wo das Schweigen nothwendig ist, da kann ich auch schweigen.«

Man giebt mir zu, daß ich im Verlauf dieser Erzählung den Leser nicht mit der bekannten Versicherung behelligt habe, dieses oder jenes könne nicht geschildert werden, der Autor müsse die Ohnmacht der Darstellung bekennen, müsse es der Einbildungskraft der Leser überlassen, sich die Dinge auszumalen u. s. w. Eigentlich ist ja doch alles zu schildern, was lebt und sich offenbart und angeschaut werden kann, und jene Versicherung bedeutet darum auch in der Regel nur so viel als: ich bin nicht im Stande meine Schuldigkeit zu thun. — Zuweilen dürfte der Autor aber doch befugt sein, an die Phantasie des Lesers zu appelliren — der Kürze halber. Ich möchte darum jetzt die Freunde unseres Paares ersuchen, sich vorzustellen, mit welchen Gefühlen sie, nachdem sie im Wirthshaus die von Hans bestellte Mahlzeit eingenommen hatten, auf dem Wägelchen der Heimath zufuhren. — Es giebt Momente, wo sich eine solche Fülle von Glück zusammendrängt, daß wir ein ganzes Leben voll Schmerzen dadurch aufgewogen sehen, Momente, wo in überschwänglicher Liebe zu Gott und zu der Welt der letzte Hauch von Leid, der letzte Hauch von Schuld hinweggetilgt, in Seligkeit verschlungen ist.

Im Schwunge der Freude geberdet sich der natürliche Mensch frisch und lustig. In's Dorf einlenkend knallte unser zum Hochzeiter gediehene Freund, daß es eine Art hatte, und ließ das wohlgefütterte Roß traben, daß die Leute ihnen nur nachsehen und ein paar am Wege stehende Freunde nur die einfachsten Laute des Staunens ausrufen konnten. — Der Gute eilte der Mutter zu, die trotz alledem und alledem nun auch wieder einmal eine Freude haben sollte.

Als er am Fenster des Hauses vorbei fuhr, erkannte die Glauning nur ihn, der Kopf der Christine war verdeckt. Der Wagen rollte in den Hof. »Da haben wir's!« rief die Wittwe, in's Herz getroffen; »nun bringt er sie mir gar in's Haus.« Allein es galt ihre Ehre, sie drückte die Betrübniß in's Innerste ihres Herzens zurück und hatte eine würdig freundliche Miene zu Stande gebracht, als sie zur Begrüßung heraustrat. »Da ist nun die Hochzeiterin,« rief Hans, »das heißt, wenn Ihr nichts dagegen habt!« Die Mutter, Christine erkennend, stieß einen Schrei aus und fing das vom Wagen steigende Kind in ihren Armen auf. »Gott sei Dank!« rief sie, und Thränen der Freude stürzten aus ihren Augen.

Bei dem besten Kaffee, den man jemals in diesem Hause trank, wurde die Mutter in das Geheimniß der letzten Vorgänge eingeweiht. Wenn ein moralisch ästhetischer Knauser vielleicht denken sollte, die Wittwe hätte das Glück, solche Kinder zu besitzen, eigentlich nicht verdient, so beschämen wir ihn mit der Thatsache, daß sie bei Erwähnung der abschlägigen Antwort, die Christine dem reichen Bauernsohn gegeben, nur ein Augenblickchen eine curiose Empfindung hatte, sich aber durchaus nichts ansehen ließ und aufrichtigst ihren Dank gegen Gott wiederholte für den glücklichen Ausgang, und den Kindern gerührt ihren Segen gab.

Im Dorfe freilich wurde über Hans zunächst gar manches Näschen und manches Mäulchen gerümpft, wovon eigentlich nicht jedes die zierliche Benennung verdiente. In Kurzem war aber auch hier von dem wahren Sachverhalt Einiges durchgesickert, wir wollen ununtersucht lassen, durch wessen Vermittlung. Ein Name zwar wurde nicht genannt, bald aber sagte eines dem andern: die Christine hätte gar einen Reichen und Großen haben können, wenn sie gewollt hätte, aber sie hat ihn ausgeschlagen, weil ihr der Hans lieber ist als Alle. Man begriff endlich das Paar, und an die Stelle der Kritik, die nicht mehr sachgemäß war, trat allgemein freundliche und achtungsvolle Theilnahme.

Hans hatte die Braut an jenem Sonntag wieder zum Holzbauern zurückgeführt. Hier, wo sie nun mit auffallender Rücksicht behandelt wurde, schrieb sie an die gute Base Kahl und meldete ihr Glück und den wunderbaren Weg dazu, und ließ an alle ihre Bekannten in der Stadt, an den Herrn Vetter, an Mamsell Adelheid und Susanne die schönsten Grüße ausrichten. Nach einer Woche lief die Antwort ein. Die Schreiberin freute sich unendlich, daß ihre Prophezeihung so schnell eingetroffen sei, und konnte die Theilnahme der Bekannten nicht warm und lebhaft genug schildern; ihr sei's gewesen, als ob eine Tochter, der Adelheid und Susanne, als ob eine Schwester das Glück gehabt hätte. Jetzt könne sie übrigens ihrem lieben Bäschen auch melden, was sie bisher sich nicht zu schreiben getraut, daß Herr Forstner schon seit drei Wochen mit der Wilhelmine verheirathet sei. Diesen könne sie aber, nach Allem was sie höre, keinen glücklichen Ehestand prophezeihen. Die Wilhelmine habe ihren jetzigen Mann schon ganz unter dem Pantoffel; außerdem sei sie eifersüchtig und hüte ihn wie ein Drache. Wenn das schon in der ersten Zeit geschehe, was würde der Mann erst später zu erdulden haben! Im Uebrigen müsse sie sagen, was wahr sei: vorgestern habe in der »Erheiterung« ein Concert stattgefunden und Herr Forstner habe auf der Violine gespielt, daß Alles Bravo gerufen und Beifall geklatscht habe.

Bei dem letzten Satz lächelte Christine; es schien, als ob sie sich nicht unglücklich fühle, daß ihr künftiger Mann dieser Qualität entbehrte. Die Vorhersagung eines unglücklichen Ehestandes anlangend, dachte sie: die Base wird wohl übertrieben haben und meint mir vielleicht einen Gefallen damit zu thun; aber da kennt sie mich schlecht. Ich habe nicht das Geringste gegen diese Leute und gönne ihnen von Herzen alles Glück, das sie sich verschaffen können.

Aus der Zeit ihres Dienstes beim Holzbauer haben wir nur noch weniges zu berichten. Eines Abends, als sie eben vom Felde heimging, begegnete ihr vor dem Dorf jener Alte, der ihr die ehrenvolle Stelle einer Söhnerin zugedacht hatte. Dem Mädchen klopfte das Herz in Dank und Achtung, und als sie ihm nahe kam, grüßte sie ihn mit einem Blick der liebevollsten Erkenntlichkeit und — Abbitte. Der Bauer lächelte und sagte, indem er ihr freundlich wie einem Kinde zunickte: »Ich gratulire, Christine!« Das vollendet heitere Aussehen des Alten hatte, wie wir gestehen wollen, noch einen andern Grund als seine Gutmüthigkeit. Christine war ersetzt. Der Hubel, der ihre Niederlage gegenüber den guten Leuten keine Ruhe gelassen, war eine große That gelungen; sie hatte für den Sohn eine ausgemittelt, ihm an Stand und Vermögen völlig gleich und in jeder Hinsicht wundersam passend für ihn, und die Unterhandlungen waren bereits dahin gediehen, daß der Heirathstag in naher Aussicht stand. Christine erfuhr es etliche Tage später, und diese Ausgleichung trug dazu bei, ihr die letzte Zeit bei dem Holzbauern zu der angenehmsten zu machen.

Im Oktober lud Hans mit seinem Bruder, dem Schmied, und mit dem jetzigen Dorflehrer Freunde und Bekannte im Ries herum zu seiner Hochzeit ein. Er lernte den letzteren, den die Vereinigung der Seminarbildung mit einem wackern, schlichten, zufriedenen Sinn für eine Schulstelle auf dem Lande ganz besonders qualificirte, bei dieser Gelegenheit näher kennen und freute sich, an ihm künftig einen guten Freund zu haben und an der braven, muntern Frau desselben eine richtige, nützliche Bekanntschaft für Christine.

Mit der Erwähnung der feierlichen Einladung haben wir schon gesagt, daß die Hochzeit im Wirthshause gehalten wurde. So hatte es Hans gewollt. Alle Welt sollte die Christine sehen im bräutlichen »Horbet,« dem jungfräulichen Kopfputz: alle Welt sollte ihn an ihrer Seite erblicken, stolz und glücklich. — Es war eine große Hochzeit für ein solches Brautpaar, die meisten Geladenen, die zugesagt hatten, waren auch gekommen, und richtig befand sich unter ihnen auch der Holzbauer. Derselbe trank sich nach und nach in eine ausnehmend gute Laune hinein, die sich übrigens, bei gelegentlich an ihn gerichteten Fragen, mehr in ergötzlichen als höflichen Antworten kundgab. Nachdem er einige wirksame Trümpfe ausgespielt und namentlich auch seine Güte und Verträglichkeit in so kräftigen Ausdrücken vertheidigt hatte, daß ihm niemand zu widersprechen wagte, schöpfte die glückliche Christine aus seinem vergnügten Aussehen den Muth, einem neckischen Verlangen nachzugeben und den Wunsch laut werden zu lassen, er möchte doch auch ein paar Reihen mit ihr tanzen. Der Hochzeiterin dies abzuschlagen, ging nicht wohl an, und außerdem konnte er durch Erfüllung des Wunsches am besten beweisen, wie gut man es bei ihm habe und wie vortrefflich sie mit einander ausgekommen seien. Deshalb unterdrückte er die bereits auf seiner Zunge befindliche Frage: ob sie toll geworden sei? führte sie unter allgemeiner Aufmerksamkeit auf den Tanzboden und drehte sich so stattlich herum, als es seine Leibesbeschaffenheit irgend zuließ. Nach den schicklichen drei Reihen wollte er aufhören; Christine, der es Vergnügen machte, den »Wilden« so zahm an der Hand zu haben, bat ihn noch um einen. Aber nun war seine Geduld zu Ende. »Geh zum — es geht nicht, Mädle! — Jungfer Braut, wollt' ich sagen!« — Hans, der heiter zugeschaut hatte, nahm ihm die Tänzerin ab, und statt ihrer trat die Mutter zu ihm und rühmte ihn, wie »feindle« (feindlich) schön er's noch könne und was für eine »grausame Ehr'« er ihnen angethan habe, daß er auf die Hochzeit gekommen sei. Zufrieden setzte er sich zur Kanne, und während er auf den Tanzlorbeeren ruhte, sammelte er sich neue als Zecher und Redner.

Das Fest ging seinen fröhlichen Gang, der Abend kam heran. Die Ehrentänze, die bei solchen Gelegenheiten für das Brautpaar eine Pflicht der Höflichkeit werden können, waren getanzt, der Hochzeiter und die Hochzeiterin setzten sich an den »Bräuteltisch,« an welchem sich dermalen nur die Mutter befand. Die Gäste waren zum größten Theil auf dem Tanzboden, wo der junge, lustige Hochzeitknecht berufsmäßig eine nach der andern in den Reihen geführt hatte und sich eben nach geheim erhaltenem Auftrag mit der Base Hubel herumdrehte, zum Lohn für ihre Verdienste. In der Stube waren nur zwei entferntere Tische mit Zechenden besetzt, die in lebhaften Diskurs gerathen waren und nur Aug' und Ohr für sich selber hatten. Gewissermaßen allein gelassen und von der Festesfreude schon etwas ermüdet, saßen unsere drei Personen stille da und gaben sich ihren Gedanken hin. Die Musik draußen störte sie nicht, die bekannten Töne klangen freundlich in ihre Vorstellungen ein. Das Vergnügen, das Nachmittags hell auf ihren Gesichtern geleuchtet hatte, nahm nach und nach einen ernsteren Charakter an und ihre Mienen wurden feierlich, fast so wie sie in der Kirche gewesen. — Die Mutter sah zuerst aus ihren Träumen empor; sie ließ ihren Blick liebevoll auf den Beiden ruhen, die so ganz und gar zusammengehörig ihr gegenüber saßen, und sagte dann bedeutsam: »Wie lang hat's dazu gebraucht! Es ist doch wahrlich gerade, als ob's früher nicht hätte sein sollen!« — Hans erwiederte auf diesen unwillkürlichen Ausruf in dem milden Tone, wie er tieferen Menschen in ernster Empfindung eigen ist: »Es hat auch wirklich nicht sein sollen, Schwieger! In der Welt ist's nicht jedesmal gut, wenn man ohne weiteres bekommt, was man gern möchte: man muß zum rechten Glück erst fertig gemacht werden. Ich hab' die Christine besser bekommen, als es früher möglich gewesen ist, und sie mich. Glücklich wären wir auch früher mit einander geworden, aber wir hätten nicht gewußt, was wir aneinander haben, und jetzt wissen wir's.« Christine sah ihn bei diesen Worten mit feucht glänzenden Augen an und drückte ihm zärtlich die Hand.

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