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Erzählungen aus dem Ries

Ludwig und Annemarie. (continued 2)

Reading edition

Das Essen, das Ludwig erhielt, stand mit den Arbeiten, die er verrichten mußte, nicht im Verhältniß, oder wenn man will, es stand damit im Verhältniß; denn in der Regel bekommt ja doch gerade der, welcher die sauersten Arbeiten thun muß, die magerste oder wenigstens die gröbste Kost. Im Hause des Schmiedbauern, der sich keineswegs durch Freigebigkeit auszeichnete, erhielten die Ehehalten Wassersuppe, sehr einfach bereitete Gemüse in möglichst geringer Abwechselung, grobe Mehlspeisen und allenfalls Speck und Salzfleisch, das vor Alter grün und gelb geworden. Die andern, die es nicht besser gewohnt waren, verschluckten solche Kostbarkeiten mit stets lebhaftem Appetit, der Bauernsohn mußte sich aber, wie man zu sagen pflegt, »einen Zorn einbilden,« um sie hinunter zu bringen. Da seine Mutter sich besonders als Köchin auszeichnete, so war er mehr verwöhnt als andere seines Gleichen: Fleischbrühsuppe, gutes Ochsenfleisch, schmackhafte Gemüse, Eierspeisen und an festlichen Tagen Braten, das war es, was er zu genießen pflegte. Nun mußte er die rohe Kost essen und dabei sehen, wie die Herrlichkeiten, die ihm die Mutter früher mit aufmunternden Worten vorgesetzt, von Madlene in's Kanzlei getragen und dort unter fröhlichem Diskurs verspeist wurden.

In der ersten Zeit erduldete er alle diese Unbilden mit großer Standhaftigkeit. Vor allem hielt ihn sein Trotz oben und er dachte wirklich mit jenem Jungen, der aus Mangel an Handschuhen die Finger erfror: es geschieht meinem Vater ganz recht, warum hat er mich aus dem Hause getrieben? Viel mehr aber stärkte und erhob ihn die Liebe und das Bewußtsein, wie mannhaft er seine Treue bewähre und wie viel er um der Geliebten willen ertrage. Wenn sie mich jetzt sähe, dachte er, wie viel ich mir gefallen lasse um ihretwillen, ein Mensch wie ich bin, es würde ihr gewiß an's Herz gehen! Wenige Tage nach Absendung seines Briefes war von Annemarie eine Antwort gekommen, ein liebliches Echo seiner Gedanken und Versicherungen. Das Vorgefallene beklagend, sprach sie dem, der ihr Muth zugesprochen, wieder Muth zu und schloß mit der sichern Hoffnung auf eine endliche glückliche Wiedervereinigung. Ludwig freute sich innig, von der Geliebten zu hören, was er ihr selber geschrieben hatte. Er malte sich aus, wie es ihnen wohl noch gehen und unter welchen glorreichen Umständen sie wieder zusammen kommen möchten; und solche Gedanken machten ihn allerdings hie und da bei der Arbeit etwas zerstreut und ließen ihn kleine Fehlgriffe begehen, auf welche sich seine Tadler mit einigem Recht berufen konnten.

Wenn Ludwig mehr innerlichen Lebens fähig war als viele seines Gleichen, so war er doch kein Mann der Einbildungskraft von Profession und keineswegs bestimmt, sich durch bloße Vorstellungen über den Verlust reeller Güter trösten zu lassen. Die Wirklichkeit riß ihn oft sehr grob aus seinen Träumen, diese verloren überhaupt nach und nach ihre Kraft, und er fühlte die Erniedrigung seiner Lage, so wie die Klemme, in der er steckte, doppelt und dreifach. Im Hause des Schmiedbauern und im Dorfe fand er keinen Trost. Seinen Mitehehalten blieb er fremd. Ein dritter Knecht und die Mägde hatten ihn zuerst mit einer gewissen Rücksicht behandelt, weil sie glaubten, sein Vater würde bald kommen und ihn abholen. Als das aber nicht geschah und Ludwig still fortarbeitete, verlor sich ihr Respekt; sie nahmen ihn für einen wirklichen verlorenen Sohn und für ihres Gleichen. Wenn er gewollt hätte, so würde ihm sein »feines Gesicht« bei den Mägden gutes Spiel bereitet haben. Die ältere, eine passabel hübsche Dirne, glaubte, so viel wie eine Zimmermannstochter könne sie auch noch vorstellen, und schickte dem Traurigen theilnehmend süße Blicke zu; da er aber nicht in der gewünschten Art darauf antwortete, so erklärte sie ihn für einen Hansnarren und wurde um so »schnötziger« gegen ihn. — Nicht viel besser erging es ihm mit den übrigen jungen Leuten des Dorfes. Es hätte sich unter ihnen wohl ein Kamerad gefunden, wenn er ihn gesucht hätte. Allein eine stolze Scheu hielt ihn zurück und man ließ ihn gehen. Zuerst hatte sein Auftreten als Knecht ein mächtiges Gerede veranlaßt; man begaffte ihn, schüttelte den Kopf und einzelne erlaubten sich mit ihm zu scherzen und ihm zuzurufen, daß sein Dienen nicht lange dauern werde. Nach und nach gewöhnte man sich an seine Stellung und es kam ihm endlich vor, als ob die Leute sie ganz im der Ordnung fänden. Das ärgerte und verletzte ihn noch am meisten. Durch die Tagesarbeit tüchtig ermüdet, suchte er früh das Bett, gegen dessen Reinlichkeit er sonst sehr viel einzuwenden gehabt hätte, und wenn er nicht süß träumte, so schlief er wenigstens.

Als er in der vierten Woche seinen Zustand und sich selber in's Auge faßte, fand er den Geldbeutel leer, den einzigen Anzug den er mitgenommen, abgerissen, seine Hände viel schwieliger und sein Gesicht viel verbrannter als vorher. Er mußte sich sagen, daß es doch seine großen Bedenken habe, mit seinen Eltern zu brechen und sich ohne ihre Hülfe von seiner Hände Arbeit zu ernähren. Es kam ihm vor, als ob er gegen den Vater vielleicht etwas weniger hitzig hätte sein können; allein diesen Gedanken verwarf er gleich wieder und sagte: »Nein, so hab' ich handeln müssen!«

Die Sehnsucht, die Geliebte zu sehen, war unterdessen höher und höher gewachsen. Er konnte ihr zuletzt nicht länger widerstehen und schrieb ein Briefchen, worin er Annemarie bat, am nächsten Sonntag Nachmittag um vier Uhr nach Nördlingen in einen vor dem Reimlinger Thor gelegenen Wirthsgarten zu kommen, er müsse sie wieder einmal sehen und mit ihr reden. Dann ging er zum Bauern und bat ihn um drei Gulden von seinem Lohn. Der Schmiedbauer benutzte die Gelegenheit, ihm zu bemerken, daß er sich doch besser gemacht habe, als er anfänglich geglaubt, und wenn er sich nur das viele Sinniren abgewöhnen könnte, so würde er mit der Zeit ein ganzer Knecht werden. Nach dieser Anerkennung schloß er ein Wandschränkchen auf, nahm eine wohlgetrocknete, mit Geld gefüllte Schweinsblase oder »Blotter« heraus und zählte dem Burschen im kleiner Münze drei Gulden vor, indem er ihn ermahnte, damit hauszuhalten, da er jetzt nicht gleich wieder mit Geld herausrücken würde. Ludwig, von dieser Rede hinwegsehend, empfand ein ungewohntes Vergnügen, als er das selbstverdiente Geld in der Hand hatte, und sein Muth stieg bedeutend. Er beschloß, einen Gulden auf Ausbesserung seiner Kleider zu verwenden, mit den beiden andern aber, wenn's nöthig wäre, seine Geliebte zu regaliren wie ehedem.

Im Hause des Angerbauers ging indeß das alte Leben ohne Ludwig still weiter. Das Geschwätz im Dorf, das Staunen, Vermuthen und Lügen über diesen Gegenstand hatte, wenn nicht aufgehört, doch nachgelassen, und schadenfrohe wie theilnehmende Freunde ließen die Familie mit ihren Fragen und den Versicherungen ihres Bedauerns so ziemlich in Ruhe. Der Angerbauer hatte dafür gesorgt, daß er für seine Person ganz unangefochten blieb, indem er ein paar vorwitzige Frager auf eine Weise abfertigte, daß sie ihm über die Grobheit ordentlich erstarrt nachschauten und ihren Bekannten den Rath ertheilten, ihn gehen zu lassen, sie wären verflucht heimgeschickt worden. Sonst hatte er die würdige Ruhe wieder angenommen, die ihn auszeichnete, und nur ein größerer Ernst und eine gewisse Freudlosigkeit in seinen Zügen deuteten auf den Vorfall. Die Arbeiten der Heuernte — des »Heuets« oder rieserisch »Häats« — zogen ihn von seinen Gedanken ab, und da es Heu in Fülle gab, wurde er sogar wieder ein wenig aufgeheitert. Es hatte den Anschein, als ob er das abgefallene Glied der Familie ohne Umstände liegen lassen und seinen Weg fortsetzen wollte, als hätte es nie existirt. Er verbot den Seinen, mit Einschluß des Schwiegersohns, auf's strengste, dem Ungerathenen Botschaft zu thun oder ihm gar Geld zu schicken, und da alle seinen Zorn fürchteten und dem Entlaufenen mehr oder weniger zürnten, so gehorchten sie ihm. Die Mutter wagte nur, sich durch eine Freundin nach ihrem Ludwig erkundigen zu lassen, wie's ihm gehe.

Ein Makel haftete indeß an der Familie des Bauers, wie er, so weit seine Kenntniß reichte, nie in derselben vorgekommen. Wenn er unter die Leute ging, so drohten ihm wenigstens Anspielungen, die ihn beschämten und quälten. Er mußte Gesichter sehen, die viel kränkender durch ein Lächeln ausdrückten, was der Mund nicht zu sagen wagte. Das stolze Dasein des reichen Mannes war ein gespanntes, verkümmertes geworden; seine Zufriedenheit, die so sehr auf der Geltung seiner Familie bei andern beruhte, war dahin. In der ruhigeren Zeit, die nach dem Heuet eintrat, stellte sich ihm wieder alles recht vor die Seele. Er bedachte, wie verständig sein Sohn sich immer aufgeführt, er konnte nicht begreifen, wie er es vermochte, eine solche Schande über die Familie zu bringen, und der Gedanke, daß Annemarie ihn in eigennütziger Absicht verführt, daß sie eine schlaue Dirne sei, die sich nur so brav anstellen könne und die Leute bisher getäuscht habe, drängte sich ihm in neuer Stärke auf. »Er kann sich nicht so mir nichts dir nichts geändert haben,« sagte er dann zu sich, »es muß etwas Besonderes dahinter stecken.« In einem frühern Jahrhundert hätte er das Mädchen vielleicht für eine Hexe ausgegeben und sie durch einen Proceß verfolgt; jetzt glaubte er wenigstens, daß sie alle natürlichen Mittel eines listigen, zu seinem Unglück schönen Weibsbildes angewendet hätte, um seinen gutmüthigen Ludwig zu bethören. Dafür schienen ihm namentlich auch die geheimen Zusammenkünfte zu sprechen, von denen ihm die Mutter gesagt hatte. Er dachte sich wie es gegangen sein könnte, und nachdem er sich's recht deutlich vorgestellt hatte, zweifelte er nicht länger, daß es wirklich so gewesen. Als er seine Gedanken der Ehehälfte mittheilte, trat diese — froh die eigentliche Schuld von ihrem Sohne genommen zu sehen — eifrig seiner Meinung bei. »Ja ja,« sagte sie, »so wird's sein. Sie macht zwar eine Miene, als ob sie die Beste und Frömmste im Dorf wäre; aber stille Wasser gründen tief. Solche Verführerinnen sind gerade die schlimmsten, und nur so eine konnte den Ludwig so weit bringen!« In der stillen Hoffnung, daß der Sohn nach kurzer Zeit doch wieder zu ihnen kommen würde, getäuscht und über seinen fortdauernden Trotz aufgebracht, entlud sich das Ehepaar nun seines Verdrusses und Zorns nach der Seite des Mädchens. Sie habe das Unglück angestiftet, das über die Familie gekommen; von ihr sei's ausgegangen, das wüßten sie nun gewiß, und was jetzt noch Schlimmes daraus entstehen würde, das hätte man ihr zu danken. Sie sei eine Scheinheilige, die's hinter den Ohren habe und vor der man jeden jungen Menschen von Vermögen warnen müsse. Solche Dinge sagte man zu den Vertrauten; diese sagten es hernach wieder ihren Vertrauten, und in zwei Tagen war das ganze Dorf davon erfüllt. Man erzählte sich, daß die Angerbäuerin ihrer Freundin im obern Dorf weinend geklagt habe, welcher Jammer durch dieses fremde Mädchen über sie gekommen und wie sie verzweifeln müsse, wenn sie ihren Ludwig nicht wieder sähe.

Annemarie hatte seit dem Tage, wo sie den Brief des Geliebten erhalten und beantwortet, entsagend weiter gelebt und die Geschäfte des Tages verrichtet. Man sah, daß etwas auf ihr lastete, aber auch, daß sie entschlossen war, die Last zu tragen. Der alte Bäcker hielt ihr einmal vor, welch schlimme Folgen ihre Bekanntschaft mit dem Ludwig gehabt habe, und wie grausam unlieb ihm diese Geschichte sei. »Vetter,« erwiederte das Mädchen mit bescheidenem, aber festem Ton, »ich weiß, was ich Euch schuldig bin, und ich vergeß' es nicht, darauf verlaßt Euch; aber in der Sache handle ich, wie ich's vor meinem Gewissen verantworten kann, und ich bitt' Euch, redet mir nicht weiter davon.« Der gutmüthige Vormund, von dem Ernst ihres Tones betroffen, versetzte: »Nun meinetwegen! Aber nimm dann auch die Folgen auf dich!« Seit dieser Zeit hatte sie Ruhe vor Einreden von dieser Seite, und sonstiges Geklatsch war ihr gleichgültig.

Als die Vorwürfe, welche die Familie des Angerbauers ihr machte, an sie kamen, wurde diese Festigkeit doch erschüttert. Eine Freundin sagte ihr, welch eine Traurigkeit in jenem Hause sei, nun man sehe, daß Ludwig es ernst gemeint habe mit seiner Rede vom Nichtwiederkommen. Regine erzählte nach gehöriger Einleitung, daß man sie eine Verführerin heiße, die nach einem reichen Manne gefischt habe und an allem Unglück Schuld sei. Bei dieser zweiten Meldung goß sich eine Röthe über das Gesicht des Mädchens und ihr Mund verzog sich zu dem Ausdruck stolzer Verachtung. Bald aber faßte sie sich wieder und sagte mit traurig ergebenem Ton: »Diese Leute dauern mich. Wenn sie solche Dinge über mich ausdenken, so wackre Leute wie sie sind, dann müssen sie wirklich unglücklich sein.« — Sie wurde durch diese neue Erfahrung in eine seltsame Aufregung versetzt. Es that ihr weh, daß sie eine Uneinigkeit zwischen Eltern und Sohn gestiftet haben solle, deren Ende nicht abzusehen war. Dann aber sagte sie sich: »Diese Leute sehen also die Heirath zwischen mir und Ludwig für eine solche Schande an, daß sie lieber unglücklich sein wollen, als sie zugeben! Sie heißen mich ein schlechtes Mädchen und sagen Lügen über mich; sie halten es also in gar keiner Art für mich möglich, daß ich einmal ihre Schwiegertochter werden könnte!« Ein Gedanke durchzuckte sie, sie stand auf und that einige Schritte. Plötzlich hielt sie an; eine Erwägung hatte sich dem Vorsatz entgegengestellt, sie ging still wieder zu einer Arbeit. — Ihre Seele war von da an eine Beute des Zweifels. Man sah sie in Unruhe umhergehen oder tief in Gedanken stehen. Regine überraschte sie einmal, wie sie bittere Thränen weinte.

Die einzige Person unserer Bekanntschaft, welche bei dieser Verwicklung ihre Ruhe behielt, war der Pfarrer. Diese Ruhe war jedoch gegründet auf wahre Theilnahme und auf den Entschluß, das zu unterstützen, was er für das Bessere hielt. Noch hatte er sich nicht entschieden, wie er eingreifen sollte. Aber er unterrichtete sich fortwährend über die Lage der Dinge und lebte des festen Glaubens, seine Pflicht werde sich ihm deutlich vor Augen stellen, so daß er über sie und über die Art ihrer Erfüllung nicht mehr in Zweifel sein könnte.

Eines Morgens überdachte er eben diese Dinge, als an die Thüre seines hellen, im obern Stocke gelegenen Studierzimmers geklopft wurde. Auf sein »Herein« erschien Annemarie. Sie sah angegriffen aus wie wenn sie wenig geschlafen und viel quälende Gedanken gehabt hätte; aber in ihrem ganzen Wesen drückte sich die Ruhe eines gefaßten Entschlusses aus. Nachdem sie mit ernster Anmuth einen Knix gemacht und den Morgengruß gesprochen hatte, sagte sie: »Ich hätt' was mit Ihnen zu reden, Herr Pfarrer, wenn ich Ihnen nicht ungelegen komme.« — Der alte Herr, innerlich erfreut, erwiederte freundlich: »Nein, mein Kind; sag mir, was du auf dem Herzen hast!«

Annemarie, durch ihren Vorsatz über die einem jungen Mädchen gewöhnliche Schüchternheit erhoben, begann mit nur leisem Erröthen: »Sie wissen, Herr Pfarrer, was es beim Angerbauer gegeben hat und wie ich dabei ins Geschrei gekommen bin. Ich will Ihnen die Geschichte nicht wieder erzählen; sie wird Ihnen bekannt sein — man hat ja so viel darüber gesprochen! Nun hab' ich aber dieser Tage gehört, sie sagen beim Angerbauer, ich allein sei an allem Schuld und ich habe den Ludwig verführt. — Her Pfarrer«, sagte sie, indem ihr Ton sich verstärkte und ihre Wangen sich höher rötheten, »ich kann Gott zum Zeugen anrufen, daß das nicht wahr ist! Wir haben uns eben beide von Anfang an gern gesehen, und — — Sie wissen ja, wie's geht, wenn man sich gern sieht und eine Person einem die liebste ist auf der Welt. Ich hab ihn halt liebhaben müssen, grad wie er mich, und so ist's gekommen, daß wir uns endlich gesagt haben, wir wollen nicht von einander lassen und uns treu bleiben, bis wir mit Gottes Hülfe endlich zusammenkommen. Wegen dieses Verspruchs ist Ludwig mit seinem Vater in Streit gerathen und dient jetzt als Knecht. Ich hab das nicht vorausgesehen, aber wenn ichs vorausgesehen, was hätt ich thun können? Ich will Ihnen blos sagen und wills vor Ihnen beschwören, daß ich ihn nicht verleitet habe. Er hat sich einmal seinen Eltern zu lieb fremd gegen mich gestellt und mich nicht mehr angesehen, und ich bin ihm zu dieser Zeit nicht nachgegangen, wie jeder weiß, sondern ich bin ihm ausgewichen. Ich hab ihn nicht wieder gesucht, er hat mich gesucht — und das ist die Wahrheit!«

Der Pfarrer betrachtete theilnehmend das Mädchen, dessen Augen in dem Feuer gerechter Selbstvertheidigung erglänzten, und sagte: »Ich glaube dir und weiß es, mein Kind.« Annemarie, ihn dankbar anschauend, fuhr fort: »Ich hab das nicht gesagt, als ob ich gar keine Schuld haben wollte. Ich hab jederzeit empfunden, daß es Verdruß geben würde, recht viel Verdruß, und daß die Angerbauersleute recht bös auf mich sein würden. Aber, Herr Pfarrer, wenn Sie gesehen hätten, wie gut der Ludwig gegen mich war und wie er mich ansah, — wenn Sie gehört hätten, was er noch auf der Nördlinger Messe zu mir gesagt hat, Sie würden mirs gewiß nicht so übelnehmen, daß ich ihm zur Antwort gegeben habe: »ich wolle ihm gehören und die Seinige bleiben, so lang ich lebe!« — »Es ist eben,« setzte sie mit einem Seufzer hinzu, »etwas in uns, das mehr Gewalt hat, als unser Wille und unsere Sorgen.«

Der Pfarrer nickte mit ernster Miene, die Thatsache zugebend. Dadurch ermuthigt, ging das Mädchen in ihrer Rede weiter und sagte mit liebenswürdigem Selbstgefühl: »Ich will's Ihnen aufrichtig bekennen, Herr Pfarrer: ich denke nicht so gering von mir, sondern halte auch etwas auf mich. Ich komme von braven Leuten her und glaube, daß ich keiner Familie Schande machen würde. Ich hab' etwas gelernt und bin ein ordentliches Mädchen gewesen mein Lebenlang. Da hab' ich nun gedacht, wenn ich auch keine Bauerntochter und nicht so reich bin, so bin ich doch diejenige, mit welcher der Ludwig am glücklichsten leben würde. Und ich hab' gedacht, sein Vater würde das am Ende einsehen und nachgeben. Aber« — fuhr sie nicht ohne eine gewisse Bitterkeit fort — »das ist eben der Gedanke, den ich mir nicht verzeihen kann. Ach, Herr Pfarrer, das Geld ist alles und der Stand ist alles, und die Tugend ist nichts! Man redet wohl so, als ob die Tugend und die Liebe auch etwas wären, aber wenn's drum und dran kommt, gelten sie doch nichts. Wenn ein Mädchen keinen Verstand und keine Art hat, aber Geld und Gut, dann ist sie die rechte. Wenn eine sich aber auf andere Dinge etwas zu Gute thun will und merken läßt, daß diese eben so viel werth sind als Gut und Geld, dann hält man sie für verrückt!« — Ueber ihren Eifer und den letzten starken Ausdruck erröthend, setzte sie hinzu: »Verzeihen Sie, Herr Pfarrer!«

Der alte Herr lächelte und sagte: »Du hast nicht ganz Unrecht, Annemarie. — Aber nun sage, was begehrst du von mir? Worin kann ich dir helfen?« — »Herr Pfarrer,« versetzte das Mädchen, indem sie sich augenscheinlich zusammennahm, »ich bin zu Ihnen gekommen, weil ich Ihnen sagen möcht', was ich bei mir ausgemacht habe. Der Ludwig hat mir Lieb und Treu versprochen für alle Zeit. Er hat's freiwillig gethan und mir's zugeschworen bei allem, was heilig ist. Ich könnte also ruhig sein und zusehen, wie der Streit ausginge. Ich hätte nur mein Versprechen zu halten, wie ich's ihm gegeben hab', und könnte das andere Gott überlassen. Aber«, fuhr sie bewegter fort, »ich will diese Leute nicht in's Unglück bringen, wenn sie's dafür nehmen, und ich bilde mir viel zu viel ein, als daß ich mich einer Familie aufnöthigen möchte, die mich nicht haben will. Ich kann's nicht ertragen, Herr Pfarrer, daß die mich verachten, die ich allzeit lieb und werth gehalten hab', und darum will ich jetzt thun, was ich mit gutem Gewissen thun kann.«

Sie hielt ein wenig inne, nahm sich nochmals mit offenbarer Anstrengung zusammen und sagte dann mit einem Tone, dem sie vergebens die erste Festigkeit zu verleihen suchte: »Ich will dem Ludwig sein Wort zurückgeben, er soll von mir aus frei sein und thun können, was er will. Er soll noch einmal die Wahl haben, ob er mich lassen und seinem Vater nachgeben will oder nicht. Ich will durchaus nichts dagegen thun und ihm in keiner Art hinderlich sein, wenn er glaubt, daß er mit einer andern sein Glück findet. Wenn das ist, dann will ich fortgehen von hier, daß ich ihn nicht mehr seh' und er mich nicht mehr. Ich hab' einen Vetter bei Stuttgart, der wird mich zu sich nehmen. Ich will nichts mehr von mir hören lassen, und es soll grad so sein, als ob ich nicht mehr auf der Welt wäre. Ich will für meinen Theil« — — Aber damit war die Kraft des guten Mädchens zu Ende. Ihr Mund zuckte, die Stimme versagte ihr, Thränen waren in ihre Augen gestürzt. Sie gab sich Mühe, das Weinen zu verhindern und kämpfte sichtlich dagegen an, aber doch rollten ein paar große Tropfen über ihre Wangen. Indem sie ausführte, was gekränkter Stolz und Großmuth sie thun hießen, glühte die heißeste Liebe zu ihrem Ludwig in ihr auf; indem sie den Geliebten frei geben wollte, klammerte sie sich an ihn an mit einem schmerzlich innigeren Gefühl als je vorher.

Der Pfarrer erkannte das und sah mit Rührung auf sie, wie sie dastand und ihre Thränen fließen ließ. Er wußte das Herkommen, den Brauch der Welt zu schätzen, denn er kannte die guten Gründe, auf denen er ruht. Er wußte, daß am besten sich Gleiches zu Gleichem gesellt, daß das gleiche Vermögen und die gleiche Stellung mit dem gleichen Gefühl davon sehr bedeutende Mittel zu einer guten Ehe sind. Aber er wußte auch, daß das Recht der äußern Ordnung seine Grenzen hat, und daß es Dinge giebt, vor welchen sie sich bescheiden zurückstellen muß. Er war nicht rasch gewesen, die Partei des Liebespaares zu nehmen, weil er Fälle kannte, wo das Kind reicher Leute den Eltern es später Dank wußte, daß sie dem ersten verliebten Drängen nicht nachgegeben. Allein wie er sah, daß er in Annemarie eine wahrhaft gute Natur vor sich hatte, wie ihr Gemüth sich vor ihm enthüllte in seiner ganzen Bravheit und Schönheit, da dachte er, erfreut und bewegt: »Die Sitte der Welt mag diesmal die Segel streichen! Hier ist mehr als sie und ihre Herrlichkeiten. Der Geist und das Gemüth, die sich so erproben, sind mir Bürgen für alles; und wenn ichs machen kann, sollen sie diesmal die Oberhand behalten.« Er stand auf, trat zu Annemarie und nahm sie väterlich bei der Hand, indem er sagte: »Fasse dich, gutes Mädchen, du hast recht gehandelt und der Lohn dafür wird nicht ausbleiben, in welcher Form er dir auch kommen mag. — Wirst du das alles auch Ludwig zu wissen thun?« — »Ja, Herr Pfarrer,« antwortete Annemarie, die sich wieder gefaßt hatte. »Ganz das Nämliche, was ich Ihnen gesagt habe, will ich ihm schreiben.«

Der alte Herr sah ihr forschend in's Auge und über sein gerührtes Gesicht verbreitete sich ein fast unmerkliches Lächeln. Er glaubte aus der Art, wie das Mädchen diese Antwort gab, schließen zu dürfen, daß der Schritt, den sie that, auch zugleich eine letzte Probe sein sollte für Ludwig, und daß sie die Hoffnung hegte, er werde sie bestehen. Er sagte: »Thu das, mein Kind, und erwarte das Uebrige in Geduld. Hast du sonst noch was auf dem Herzen?«

»Nein, Herr Pfarrer,« erwiederte Annemarie, indem sie sich die letzten stehen gebliebenen Thränen von den Wangen wischte. »Ich dank' Ihnen, daß Sie mich angehört haben, und bitte Sie nur noch darum, daß Sie dem Angerbauer, wenn Sie ihn treffen, sagen, ich sei nicht das Mädchen, für das er mich hält. Sie, Herr Pfarrer, kennen mich besser, und das ist mein Trost. Ich dank' Ihnen nochmals recht schön für Ihre Güte — ich werde sie immer im Gedächtniß behalten!« — Ihre weichen Züge verklärte, indem sie dies sagte, ein schönes Bewußtsein und Dankgefühl. Sie machte einen tiefen Knix und verließ die Stube, nachdem sie noch einen Blick inniger Verehrung auf den Pfarrer geworfen.

Dieser sah ihr mit wahrer Freude nach. »Ja, ja,« sagte er dann zu sich, »das ist eine bessere Schwiegertochter für den Angerbauer als Eva; und wenn er nicht ganz verhärtet ist, soll er sie bekommen.«

Die erste Sorge des alten Herrn war nun, es so einzurichten, daß der Angerbauer ihn ebenfalls zu seinem Vertrauten machte. Dieß mußte geschickt angefangen werden, wenn es gelingen sollte. Denn der Rieserbauer von der Art des unsrigen will sich nicht bevormunden lassen, er hält sich für gescheidt genug, sein eigener Rathgeber zu sein, und es verdrießt ihn über die Maßen, wenn man ihn über Dinge belehren will, die er selber am besten zu verstehen glaubt. Natürlich kann er auch geführt werden, aber nicht so geradezu wie dieser und jener. Wäre der Pfarrer zum Angerbauer in's Haus gegangen und hätte mit einer gewissen beichtväterlichen Miene gefragt, wie es sich denn mit dem Streit zwischen Vater und Sohn verhalte, was der Vater nun zu thun gedenke u. s. w., so wäre dieß das beste Mittel gewesen, ihn verstockt, wo nicht gar unhöflich zu machen. Aber zu dieser Art von Seelsorgern, die im Eifer ihres Herzens Gott mit Unverstand dienen, gehörte der erfahrene alte Herr nicht. Er konnte warten und seine Zeit ersehen. Dießmal erreichte er übrigens seinen Zweck leicht. Er hatte ein Stück Vieh zu verkaufen, und als er dem Angerbauer einmal begegnete, lud er den Sachverständigen ein, es anzusehen und zu taxiren. Der Bauer folgte ihm sehr bereitwillig, denn er wußte den »braven und gescheidten Herrn« sehr zu schätzen und hätte gerne schon einmal von seiner Noth mit ihm gesprochen, wenn es sich nur »gut geschickt hätte.«

In dem kleinen Stalle des Pfarrers angekommen, unterzog er sich dem Taxirungsgeschäft sehr ernsthaft. Er begriff das Stück an den geeigneten Stellen, betrachtete es von allen Seiten und sagte dann genau, wie viel der Pfarrer dafür fordern könne. Dieser dankte und rühmte seine Kenntniß. Er selber, obwohl er immer einige Stück Vieh haben müsse, sei doch unsicher, weil ihm die gerade üblichen Preise nicht recht bekannt wären. Der Bauer versetzte höflich: »Wenn Sie sich damit abgeben wollten, Herr Pfarrer, würden Sie's geschickter machen als unser Einer; aber Sie haben was Besseres zu thun.« Der alte Herr fragte hierauf mit unbefangener Freundlichkeit, was die Angerbäuerin mache und ob bei ihm zu Hause alles gesund sei. Der Bauer erwiederte mit einem Seufzer: »Gesund wären wir alle, Herr Pfarrer; aber Sie können sich denken, wie's uns zu Muth ist nach dem, was bei uns vorgefallen ist.« — »Ja, ja,« sagte der Pfarrer, »ich habe davon gehört und euch recht bedauert.«

Der Angerbauer, der sein Herz erleichtern wollte, sagte hierauf: »Ich kanns noch immer nicht begreifen, so viel ich auch darüber nachgedacht habe. Lustig und ein bischen auf's Vergnügen aus ist er immer gewesen, aber in der Art und mit seines Gleichen. Runtergegeben hat er sich niemals, was ich gehört hab'. Und nun ist er auf einmal ganz wie verhext und will ein Mädchen heirathen, die — nun, ich will mich nicht ausdrücken vor Ihnen, Herr Pfarrer. Wie ich nicht gleich Ja sage, lauft er davon und verdingt sich als Knecht. Und das thut er in dem Augenblick, wo er einen Hof und ein Weib haben könnte — ein Weib und ein Gut — ein anderer würde Gott auf den Knieen danken, wenn er's kriegte!«

Der alte Herr war versucht, über diesen starken Ausdruck zu lächeln, aber er hielt an sich und machte ein ernsthaftes Gesicht, das der Bauer für zustimmend halten konnte. Dieser, einmal im Zuge, bewies, daß er wohl auch reden konnte, wenn's ihn drückte. »Ach, Herr Pfarrer,« rief er aus, »die Welt muß anders geworden sein, als sie zu meiner Zeit gewesen ist. Ich bin auch jung gewesen und bei der Lustbarkeit grad nicht der Letzte; aber wie meine Zeit zum Heirathen gekommen ist, hab' ich mich unter rechten Mädchen umgesehen und gottlob ein Weib gefunden, mit der ich nun glücklich gehaust habe volle neunundzwanzig Jahr. Wenn ich nun verlange, daß meine Kinder mir nachschlagen und ihr Glück auf dem Weg suchen sollen, wo ich's gefunden hab', ist das nicht in der Ordnung? Muß ich als Vater nicht so handeln?« — »Ja,« sagte der Pfarrer mit nachdrücklicher Beistimmung, »das ist Eure Pflicht!«

Der Angerbauer, dem dieß wohl that, fuhr fort: »Sehen Sie, Herr Pfarrer, in der Familie muß ein Zusammenhalt sein, alle müssen helfen, wenn man weiter kommen soll. Ich hab' von meinem Vater einen schönen Hof bekommen und mein Weib hat mir Geld in's Haus gebracht; wir haben ordentlich gewirthschaftet und unser Vermögen vermehrt, daß wir nun wohlhabende, und ich darf wohl sagen angesehene Leute sind. Ich kann's meinen Kindern besser machen als es uns gemacht worden ist, und nun will ich auch haben, daß sie's noch weiter bringen als wir und daß sie für ihre Kinder noch mehr thun können. Sie müssen sorgen und immer darauf aus sein, in rechter Art etwas zu erwerben. Nur so kommt man empor, man findet ein sicheres Glück und Ehre in der Welt und kann sich im Wohlstand seines Lebens freuen.«

»Wohl,« sagte der Pfarrer, »und es ist nicht bloß der Besitz, der Einen erfreut, sondern das Streben und die Thätigkeit selber. Der Mensch muß sich ein Ziel stecken, das über den Platz, auf den man ihn gestellt hat, hinaus geht. Dann werden seine Tage ausgefüllt mit Arbeit, mit Dichten und Trachten, mit Hoffen und Erwarten, und Schritt für Schritt mit der Freude des Gelingens. Und indem er glücklich ist und sein Leben verschönert, trägt er bei zur Verschönerung und Verbesserung der Welt. Auf die Größe des Besitzes kommt es da nicht an. Der Kleine freut sich am kleinen Gewinn, der Größere am größeren; jeden erquickt das verhältnißmäßige Wachsen und Gedeihen, und so sind alle glücklich, die ein verständiges Ziel vor sich haben. Wer aber nicht vorwärts strebt, der kommt neben den Strebenden zurück und geht dem Mangel und der Unlust zu.«

Der Bauer war dieser Rede mit Aufmerksamkeit gefolgt und rief nun erfreut aus: »So ist's, Herr Pfarrer, grad so ist's, wie Sie sagen! Darum« — fuhr er mit Bedeutung fort — »soll eben jeder in seinem Stand bleiben, namentlich nicht unter seinem Stand und Vermögen heirathen, sondern gleich da so gut als möglich anzukommen suchen. Ich will gern zugeben, daß andere mit Wenigem auch glücklich sein können; aber wer von vermöglichen Leuten herkommt, braucht mehr, weil er's nicht anders gewohnt ist. Und, Herr Pfarrer, Sie wissen's ja selber, um ein rechtes Vermögen ist's halt eine schöne Sache! Wenn ich das habe, so kann ich mich sehen lassen, ich brauch mich nicht zu ducken und nicht um das und jenes zu betteln, und wenn gute Freunde in der Noth sind, kann ich ihnen helfen. In ein Gelump hineinkommen, wo ich nothig thun und knickern müßte, um nur zu bestehen, müßte unser einen desperat machen. — Und,« fuhr er nach kurzem Innehalten fort, indem seine Miene den Ausdruck erzürnter Bekümmerniß annahm, »dieser leichtsinnige, tollgewordene Mensch will sich schlechter stellen, als seine Geschwister, während er's viel besser haben könnte als sie! Er will eine Lumpenwirthschaft anfangen, wo er sich quälen müßte und wo doch nichts herauskommen würde, als ein Haufen von Bettlern!«

Der Geistliche hütete sich wohl, einzuwenden, daß im gegenwärtigen Falle, wenn nämlich der Vater dem Sohn seinen gebührenden Vermögenstheil zukommen ließe, von einer »Lumpenwirthschaft« doch nicht die Rede sein könnte. Er wußte, daß den Erzürnten nichts mehr verdrießt, als wenn man ihm den Grund seiner Klage verkümmern will, und schwieg daher nachdenklich stille. Endlich sagte er: »Vielleicht geht diese Sache doch noch besser aus, als Ihr denkt.« — »Wie so?« fragte der Angerbauer. — »Die Annemarie,« versetzte der Pfarrer, indem er den andern scharf ansah, »ist vor einigen Tagen bei mir gewesen, extra um mir zu sagen, daß sie nicht Schuld sein wolle an der Uneinigkeit einer solchen Familie, wie die Eurige, und daß sie zuviel auf sich selber halte, um sich da aufzudrängen, wo man sie nicht haben wolle. Sie habe sich entschlossen, dem Ludwig sein Versprechen zurückzugeben, und wolle sich in keiner Art dawidersetzen, wenn er sein Glück mit einer andern finde.«

Der Angerbauer horchte hoch auf und wußte nicht was er sagen sollte. Er fragte dann in zweifelndem Tone: »Hat sie das wirklich zu Ihnen gesagt?« — Der Pfarrer erwiederte mit einem Ernst und einem Nachdruck, der jeden Zweifel niederschlagen mußte: »Es sind ihre eigenen Worte, Angerbauer! Sie hat mir versprochen, das Nämliche Eurem Ludwig zu schreiben, und ich verbürge mich dafür, daß es geschehen wird.«

Der Bauer verstummte; er war in die Seele getroffen. Ein im Grunde seines Wesens ehrenwerther Mann, der in der That jedem das Seine gab, konnte ihn nur der Zorn und der tiefe Verdruß zu ungerechtem Absprechen hinreißen. Nun mußte er sehen, daß ein Mädchen, die er eine heuchlerische, gefährliche Person gescholten, brav und rechtschaffen, ja weit über alles Erwarten rechtschaffen gegen ihn handelte. Es zeugte für seine gute Natur, daß ihn diese Nachricht mehr rührte, als erfreute, daß er sogleich sein Unrecht fühlte und seiner stolzen Seele eine gewisse Achtung vor einem solchen Benehmen abgenöthigt wurde. Endlich sagte er mit sehr ernsthaftem Gesicht: »Wenn sie das gethan hat, dann ist sie besser, als ich gedacht habe. Sie mag ein ordentliches Mädchen sein, ich will's nicht bestreiten.«

»Man muß jedermann Gerechtigkeit widerfahren lassen,« versetzte der Geistliche. »Die Annemarie ist brav, geschickt, verständig, wohlerzogen, und würde jeden glücklich machen —« — »Von ihrem Stande!« fiel der Bauer ein. — »Das ist's, was ich sagen will,« erwiederte der Pfarrer: »wenn die äußern Verhältnisse zustimmen.« — »Gut,« sagte der Bauer. »Bei meinem Ludwig ist das aber nicht der Fall, drum kann hier von einer Heirath nie die Rede sein.«

Der alte Herr schwieg. Dann fragte er leichthin: »Wie soll's nun mit Ludwig werden? Was habt Ihr beschlossen?« — Der Bauer konnte sich nicht enthalten, ein wenig aufzufahren. »Beschlossen?« rief er. »Ich glaube, da ist nichts zu beschließen, Herr Pfarrer. Dieser Mensch mag bleiben, wo er will, und gehen, wohin er will! Soll ich ihm nachlaufen? Soll ich ihn vielleicht bitten, daß er wiederkommen und die Zimmermannstochter heirathen soll? Soll ich nachgeben, der Vater dem Sohn?«

»Nein,« erwiederte der Pfarrer mit Ernst, »das sollt Ihr nicht, Angerbauer! Er muß nachgeben, er muß wiederkommen und dem Vater das Recht lassen, das ihm gebührt!« — »Freut mich,« versetzte der Bauer, »daß Sie so denken, Herr Pfarrer. So ein neustudirter Herr hätte vielleicht gemeint, ich sollte meinem Buben seinen Willen lassen; warum? weil die Leute in einander verliebt sind und die Annemarie doch ein ordentliches Mädchen ist. Aber Sie kennen die Welt, Herr Pfarrer, Sie wissen, daß es beim Heirathen noch auf ganz andere Dinge ankommt, und daß der Vater für den Sohn denken und Verstand haben muß.« — Nach diesen Worten lüpfte er die Alltagskappe, an welcher der sonst werthvolle Pelz etwas röthlich geworden war, und fragte: »Kann ich Ihnen sonst noch was dienen?« — »Nein,« versetzte der alte Herr, »ich danke Euch für Eure Gefälligkeit.« — »So wünsch' ich Ihnen guten Nachmittag,« sagte der Bauer und entfernte sich mit langsam würdigen Schritten.

Das Gespräch hatte theils im Stalle, theils in dem heimlichen, mit einer Mauer umgebenen Pfarrhof stattgefunden. Der alte Herr ging in seine Studirstube zurück, mit der Unterredung sehr zufrieden. Er hatte des Bauers Vertrauen gewonnen und wußte, daß dieser nun unter schwierigen Umständen ihn von selber um Rath angehen würde. Dann hatte er mit der Nachricht über Annemarie einen Keim in seine Seele gesenkt, der wachsen und gute Früchte bringen konnte. Er sah voraus, daß der Angerbauer seinem Weib und seinen nächsten Verwandten davon sagen würde, und daß diese, die sich auf ihr Geld und ihr Ansehen allerdings etwas mehr einbildeten, als recht war, in Annemarie ein ihnen ebenbürtiges Gemüth erkennen mußten. Auf die wackeren Leute mußte die Rechtschaffenheit, auf die stolzen das Selbstgefühl des Mädchens einen günstigen Eindruck machen.

Als er, solchen Gedanken hingegeben, behaglich auf seinem Lederstuhl sich dehnte, stürmte plötzlich sein Neffe in die Studirstube. Dieser hatte schon erfahren, daß Annemarie bei seinem Großvater gewesen, aber nichts Bestimmtes über die Unterredung aus ihm herausbringen können. Nun sah er auf dem Heimweg von einem Spaziergang den Angerbauer aus dem Pfarrhofe kommen und glaubte aus seinen Mienen auf eine Entscheidung, ja auf eine glückliche Beilegung des Streites schließen zu können. Von Neugier und gutmüthiger Theilnahme getrieben, eilte er zu dem Großvater und rief aus: »Der Angerbauer ist bei dir gewesen und ganz zufrieden fortgegangen. Ich bin ihm begegnet. — Hast du ihn herumgebracht?« — »Wie so?« fragte der Alte. — »Will er den Ludwig zurückrufen und ihn die Annemarie heirathen lassen?« — »Ei, ei,« erwiederte der Alte heiter, »du hast dich also ganz auf diese Seite geschlagen und willst aus Ludwig und Annemarie durchaus ein Paar machen?« — »Ja,« versetzte der Jüngling bestimmt, »das will ich. Die zwei sind nicht nur die schönsten im Dorf, sondern auch die bravsten. Sie passen so zusammen, als ob sie extra für einander geschaffen wären, und es kann nicht sein, daß sie wegen einer so gemeinen Sache, als das Geld ist, nicht zusammen kommen sollen!« — »Du gehst rasch und machst die Sache kurz ab,« erwiederte der alte Herr. »Wenn aber der Angerbauer nicht will?« — »Der muß,« entschied der Jüngling. — »Wer wird ihn zwingen?« fragte der Alte. »Willst du vielleicht zum Gerichte gehen, einen Befehl auswirken, daß der Angerbauer sich fügen müsse, und die Sache mit Gendarmen abmachen?«

Theodor, der die heiter fragende Miene des Großvaters nicht aushalten konnte, sah zu Boden. »Ich habe gemeint,« sagte er dann, »du würdest einmal mit ihm reden, wie sich's gehört, würdest ihm klar machen, daß die geistigen Vorzüge viel höher stehen als die weltlichen, würdest ihn überzeugen und ihn zwingen durch deinen Zuspruch.« — »Der alte Angerbauer,« erwiederte der Pfarrer, »ist ein sprödes und zähes Metall; das bischen Feuer, das ich noch besitze, würde ihn nicht zum Schmelzen bringen. Du siehst ja, ich bin alt und theilnahmlos geworden und kann mich einer so schönen Glut, wie du sie hast, nicht mehr rühmen. Wie wär's« — fuhr er gemüthlich fort — »wenn du der Sache dich annähmest? Du willst ein Pfarrer werden und wirst als solcher gewiß gar vieles geschickter anfangen und besser hinausführen als ich. Wenn du beim Angerbauer dein erstes Probestück machtest? Wenn du hingingest, ihm und der Bäuerin eine Rede hieltest über das Verhältniß der ewigen und zeitlichen Güter und ihn durch begeisterte Worte dermaßen in's Feuer brächtest, daß er den Ludwig zurückriefe und ihm sein Liebchen zur Frau gäbe? — Wie?«

Theodor wurde roth und schwieg. Er hatte den Rieser Bauer vom Schlage des in Rede stehenden doch schon zu gut kennen gelernt, um nicht ihm gegenüber seine Unzulänglichkeit zu empfinden und sich zu sagen, daß ein solcher Versuch schmählich scheitern würde. Noch deutlicher erkannte er freilich, wie sein Großvater mit ihm spielte. Er sagte endlich mit gutmüthiger Empfindlichkeit: »Du hast mich zum Besten und behandelst mich wie ein Kind; und doch bin ich kein Kind mehr, sondern ein Mensch, der's gut meint und haben will, daß es andern wohl gehe, wenn sie's verdienen.« — Der Pfarrer sah ihn freundlich an, stand auf, zog ihn zu sich und schloß ihn mit zärtlicher Liebe in seine Arme. »Du bist ein Kind,« sagte er, »aber ein gutes Kind, und mit Gottes Hülfe wirst du auch ein guter Mann werden. Gieb dich zufrieden. Wenn es deinem alten Großvater möglich wird, sollst du deine Wünsche noch erfüllt sehen.«

Der Angerbauer hatte, bald nachdem er in sein Haus zurückgekehrt war, die Bäuerin in's Kanzlei gerufen und ihr von seiner Unterredung mit dem geistlichen Herrn erzählt. Die Nachricht über den Entschluß des Mädchens wirkte auf sie wie auf ihn. Sie sah ein wenig beschämt aus und sagte: »So hätten wir dem Mädchen also doch Unrecht gethan! Ich muß dir jetzt nur sagen: so ganz von Herzen hab' ich nie dran glauben können. Es ist mir immer wieder gewesen, als ob sie am Ende doch nicht so schlimm wäre.« — Das Muttergefühl wußte nun auch auf das umgekehrte Verhältniß eine Entschuldigung für Ludwig zu gründen. »Wenn die Annemarie,« bemerkte sie nach einigem Bedenken, »so gesinnt ist, dann begreif' ich freilich, warum der Ludwig so viel auf sie hält, daß er nicht mehr von ihr lassen will. Die Schönste im Dorf ist sie ohnehin, und wenn sie noch dazu so rechtschaffen ist und solche Gedanken im Kopf hat — das hat ihn eben verführt. — Was meint denn der Pfarrer, daß wir thun sollen?«

Der Angerbauer, dem diese Rede bedenklich mild vorkam, erwiederte streng: »Der Pfarrer ist ganz einverstanden mit mir. Gehen lassen sollen wir ihn, bis er von selber kommt, und nachgeben sollen wir ihm in keiner Art. Ich hab' den Herrn immer für gescheidt gehalten, aber das muß ich sagen, daß er in der Sach' ganz meiner Meinung ist, hat mich besonders gefreut.« — Die Bäuerin, an den Absagebrief des Mädchens und seine Wirkung auf Ludwig denkend, sagte: »Wir wollen das Beste hoffen.« — Dann setzte sie hinzu: »Die Annemarie dauert mich eigentlich. Wenn man nur einen passenden Mann für das Mädchen wüßte! Ich kann mir's aber schon denken, nach dem Ludwig wird ihr keiner gefallen.« — »Bah,« erwiederte der Angerbauer, »bild' dir nicht so viel auf deinen verrückten Buben ein. Es giebt noch Mannsbilder in der Welt, die so ein Mädchen trösten können!« — Nach diesen Worten verließ er die Stube.

Die Mutter hatte nichts Eiligeres zu thun, als zu ihrer Tochter, der Schmalzbäuerin, zu gehen und ihr das eben Erfahrene mitzutheilen. Beide rühmten Annemarie und bedauerten, daß sie keine Bauerntochter sei, indem sonst nichts an ihr auszusetzen wäre. Bald war die ganze Freundschaft in Kenntniß gesetzt und alle sangen das Lob des Mädchens, natürlich unter der Voraussetzung, daß sie's ganz ernstlich meine und jeden Anspruch auf Ludwig aufgebe.

In der Freundschaft war jedoch eine Person oder vielmehr ein Persönchen, das für die Familieninteressen wenig Sinn hatte, desto mehr für das Glück des Liebespaares. Dies war »Johannesle,« das älteste Kind der Schmalzbäuerin. Dem Ludwig gewogen von seinem ersten Denken an, weil er sich am schönsten mit ihm abzugeben wußte, hielt er auch besonders viel auf Annemarie. Bald nach ihrer Ankunft im Dorf hatte sich diese nämlich in ein Gespräch mit ihm eingelassen und ihn zum Lohn für seine hübschen Antworten so schön gestreichelt, daß er's ihr nicht vergessen konnte. Als das Verhältniß zwischen den beiden sich entspann, erhorchte und erfragte er so viel, daß er darüber so ziemlich unterrichtet war, und ärgerte sich dann in der letzten Zeit nicht wenig, daß man zwei so nette Leute nicht zusammenlassen wollte. Zu wiederholten Malen versicherte er seiner Mutter, die zwei müßten sich kriegen, und endlich trug er ihr auf, sie solle mit dem Großvater reden. Die Mutter antwortete, er möge es doch selber thun. Und Johannesle faßte sich ein Herz, trug dem Großvater die Bitte vor und schloß damit: es ginge nicht anders, die zwei müßten sich heirathen. Der Alte sah ihn verwundert an und fragte, wer ihm diese Dummheit in den Kopf gesetzt habe. Johannesle versetzte ernsthaft: »Ich selber, Aehle,« und wiederholte sein Gesuch. Der Angerbauer, um solche Gedanken im Keim zu ersticken, machte ein böses Gesicht und sagte in erzürntem Ton: »Du bist ein naseweiser Bursch! Diese Dinge gehen dich gar nichts an, und wenn ich dir gut zum Rath bin, so laß mich so was nicht wieder hören!« Eine gewisse Bewegung des Arms ergänzte den Sinn dieser Antwort. Der Knabe, den Großvater angaffend, ging einige Schritte rückwärts, murmelte dann aber, ein zweiter Galilei: »Sie kriegen sich doch!« — Von da an machte er verschiedene kindische Pläne, wie er den beiden helfen wollte. Auf dem Dorfe nämlich, wo man gar vieles offen verhandelt und auf etwa anwesende Kinder nicht immer Rücksicht nimmt, bekommen diese früh von menschlichen Verhältnissen eine Art von Begriff. Der Dorfbube lernt bald die erklärten Liebespaare in seinem Orte kennen, das natürliche Gemüth findet es in der Ordnung, daß der schönste Bursche auch den nettesten Schatz habe, und nimmt an ihrer endlichen Verbindung einen naiv poetischen Antheil; so wie ihm auch früh klar wird, daß zwei Verliebte sich treu bleiben müssen und nicht von einander lassen dürfen. Als Johannesle von seinem Oberknecht hörte, die Annemarie habe sich anders besonnen und dem Ludwig geschrieben, er könne eine andere nehmen, erwiederte er bestimmt: »Ich glaub's nicht!« Und als der Oberknecht bei seiner Behauptung blieb, wurde der kleine Mann ganz hitzig und rief: »Es ist nicht wahr!«

Nachdem der Entschluß des guten Mädchens so in den Häusern der Freundschaft besprochen war, kam er bald im ganzen Dorf herum. Der alte Bäcker, der ihn auch erst auf diesem Wege erfuhr, nahm sein Mündel bei der Hand, sah sie mit gerührtem Blicke an und sagte: »Du hast brav gehandelt, Annemarie! Laß dich's nicht reuen und bleib dabei. Man muß den eingebildeten Leuten zeigen, daß man auch seinen Stolz hat.«

Als Annemarie das Lob erhielt, das wir ihr gleicherweise von der Familie des Angerbauers und ihrem Vormund haben spenden sehen, hatte sie es noch nicht ganz verdient: der Brief an Ludwig war noch nicht geschrieben. Sie hatte mehrere Versuche gemacht, im Kopf und mit der Feder, aber sie konnte die Ausdrücke nicht finden, die ihr genug thaten. Sie wollte einen ehrlichen Brief schreiben, der aus dem Herzen kam; aber was sie zu sagen hatte, wollte dem Geliebten gegenüber nicht aus dem Herzen kommen. Durfte sie, nach allem, was geschehen, ihn nochmal fragen, ob er ihr wirklich treu bleiben wolle? Durfte sie sich den Schein geben, als halte sie es für möglich, daß er ihr Anerbieten annehmen und seinen Eltern folgen könnte? War das nicht eine unverdiente Kränkung für ihn? Wie sollte sie's nun anfangen, daß alles so gut und so schonend als möglich heraus kam? In Bedenken und Fehlversuchen verging eine ganze Woche. Endlich vernahm sie, daß ihre Unterredung mit dem Pfarrer bekannt geworden und wegen ihres Versprechens im Hause des Angerbauers große Freude sei. Dieses Bekanntwerden und diese Freude, sie »los zu werden,« brachte sie wieder in die rechte Stimmung. Sie setzte sich hin und schrieb, ohne abzusetzen, folgendes:

»Herzgeliebter Ludwig! Ich hätt' nicht gedacht, daß ich dir einen Brief schreiben würde, wie ich jetzt thun muß. Aber so geht es in dieser Welt. Man nimmt sich die besten Dinge vor, dann kommt etwas dazwischen und nöthigt uns, anders zu handeln, als wir gedacht haben. Seitdem ich an dich geschrieben hab', ist hier etwas geschehen — so lang ich lebe, hat mir nichts so weh gethan und mich so gekränkt wie das. Ich will dir's nur kurzweg sagen. Dein Vater und deine Mutter, wie sie gesehen haben, daß du wirklich nicht mehr kommst, haben ihren Zorn und ihren Verdruß an mir ausgelassen; sie haben herumgesagt, ich sei darauf ausgegangen, dich zu verführen, weil ich gern die Söhnerin eines reichen Bauern geworden wäre; ich hätte dich listig gelockt, und ihr gutmüthiger Ludwig hätte sich fangen lassen. Ich sei überhaupt eine rechte Duckmäuserin und eine gefährliche Person, vor der man sich hüten müsse. Diese Reden gingen durch's ganze Dorf und in allen Haushaltungen wurde davon gesprochen. Ludwig, du kennst mich, dir brauch' ich nicht zu sagen, wie mir bei diesen Lügen zu Muthe geworden ist. O die reichen Leute! Nimm mir's nicht übel, Ludwig, aber die sind überall die nämlichen. Sie glauben, es gäbe nichts Besseres als das viele Geld, das sie haben, und wenn die andern etwas thun, so thun sie's einzig und allein, um auch so viel Geld zu bekommen. Wenn nun erst ein armes Mädchen den Sohn reicher Leute lieb hat, dann ist natürlich gar kein Zweifel, daß sie nur eine reiche Frau werden will. Daß sie ihn lieb hat, weil er brav und gut ist, daß sie ihn, wenn er arm wäre, grad so lieb, ja vielleicht noch lieber haben würde — das ist natürlich ganz unmöglich!«

»Neben diesen Lügen über mich hab' ich auch noch hören müssen, daß deine Leute ganz unglücklich sind über diese Geschichte, die ich ihnen angerichtet haben sollte, daß Trauer und Kummer in deinem Hause sei. Das ist die Wahrheit, Ludwig! Ja, ja, unglücklich sind sie gewesen! Es ist aber auch gar zu arg! Eine Schwiegertochter zu bekommen wie ich bin, ist das nicht eine Schande und ein Elend, wie es kein zweites mehr gibt? Lieber eine Kröte in's Haus oder eine giftige Schlange! — Als ich das alles gehört hab' — denn es ist mir alles zugebracht worden — was sollt' ich thun? Im Zorn und in der Betrübniß meines Herzens hab' ich dieß und jenes gedacht und bin ganz verzweifelt herumgelaufen. Denn die Sach' ist so gewesen, daß ich nicht hab' ruhig sein können, weil ich ein gutes Gewissen hab'; nein, meine Ehr' hat's nicht gelitten, ich hab' etwas thun müssen. Endlich bin ich mit mir einig geworden. Ich bin zum Herrn Pfarrer gegangen, zu dem ich das rechte Vertrauen hab', und dem hab' ich gesagt: weil die Sachen so stehen, so soll's nun sein, als ob du mir das Versprechen, der Meinige zu sein, gar nicht gegeben hättest; du sollst ganz frei sein und nochmal überlegen, was du thun willst, die arme Annemarie oder die reiche Eva oder eine andere reiche Bauerntochter heirathen, und was du thust, soll mir recht sein. Der Herr ist über die Maßen gut gegen mich gewesen, er hat mir gesagt, ich hätte recht gehandelt, und alles das soll ich auch dir schreiben. Weil ich's ihm versprochen hab' und weil's überhaupt geschehen muß, drum thu' ich's jetzt.«

»Sieh, Ludwig, du hast mich recht lieb gehabt und hast für mich gethan, was wenige thun würden. Und ich hab' mich inniglich gefreut darüber und dir im Herzen tausendmal dafür gedankt. Aber wenn's dir nun doch zu hart ginge in deinem Dienst, wenn du's auf die Länge nicht aushalten könntest und wenn dir der Gedanke käme: es wäre doch besser, wenn du mit deinem Vater dich vertragen und ihm gefolgt hättest — um Gotteswillen, Ludwig! wenn du einen solchen Gedanken hättest, und wenn er wieder käme — schreib augenblicklich an deine Eltern, sag' ihnen, du wollest mich lassen und eine andere heirathen! Denn das kannst du thun, ich geb' dir das volle Recht dazu. Deßwegen, weil du mir das Versprechen gegeben hast, sollst du es nicht halten; ich verlang's von dir, daß du dich daran nicht kehren und handeln sollst, wie du es jetzt für gut findest.«

»Bedenk, wie deine Eltern gegen mich sind! Denn das muß ich dir noch sagen, seitdem dein Vater vom Herrn Pfarrer erfahren hat, was ich zu ihm gesagt hab', glauben sie bei dir, es werde nun bald aus sein zwischen uns, und sind vergnügt darüber, man kann gar nicht sagen wie! Bedenk das, Ludwig! Deine Eltern wollen mich nicht und verachten mich; mit ihrem guten Willen kommen wir nie zusammen, du kannst nie zu gleicher Zeit mit mir glücklich sein und mit ihnen. Du wirst mit mir auch keinen Hausstand bekommen, wie du ihn gewohnt bist, und vieles nicht haben, was du vielleicht nicht wohl entrathen kannst. Bedenk das alles! — Für mich brauchst du nicht zu sorgen. Ich hab' so viel, als ich bedarf, und kann arbeiten und mit Gottes Hülfe werde ich dazu auch gesund bleiben. Und wenn ich kein Glück mehr habe, so kann ich doch sagen, daß ich glücklich gewesen bin, wenn auch auf kurze Zeit, so glücklich, daß es mir immer die größte Seligkeit sein wird, nur daran zu denken. Ich hab' schon dem Herrn Pfarrer gesagt, ich wolle dann fortgehen in's Württembergische, so daß ich euch gar nicht mehr im Wege bin. Und wenn mir dann die Regine zu wissen thut, daß es dir gut geht, das soll meine Freude sein.«

»Lebwohl! Ich hab' mein Versprechen gehalten und gethan, was ich nicht lassen konnte. Ueberleg' nun alles, herzlieber Ludwig! Denk nicht schlimm von mir und glaub' nicht, daß ich anders gegen dich gesinnt bin als sonst! Ich hab' nur nicht anders gekonnt und ergebe mich jetzt in alles, was geschehen mag. Schreib mir ganz ohne Bedenken, was du thun willst, oder laß es mich auf andere Art wissen, wenn's dir lieber ist.«

Als sie diesen Brief — der hier freilich aus der eigenen Mischung von Dialekt und Hochdeutsch, in der er ursprünglich abgefaßt war, möglichst in die Form der Schriftsprache übertragen ist — geendet hatte, las sie ihn durch und empfand eine starke Versuchung, ihn wieder zu zerreißen. Es kam ihr vor, als ob zu viel Aerger darin wäre und zu wenig Liebe. Ihr Geliebter war ja ordentlich angetrieben, sie zu lassen; sie fürchtete, er könnte am Ende doch auf den Gedanken gerathen, sie wolle ihn aufgeben. Sie las wieder und stand im Zweifel da, was sie thun solle. In diesem Augenblick öffnete Regine die Thüre und brachte einen kleinen Brief: es war die Einladung nach Nördlingen. Da Ludwig alles, was er auf dem Herzen hatte, sich für die Zusammenkunft vorbehielt, so bestand die Einladung nur aus wenigen einfachen Worten. Annemarie fühlte, daß sie ein Ende machen müsse. Sie schrieb unter ihren Brief: »Wie ich so weit gekommen bin, bringt man mir deine Einladung auf morgen. Du siehst, daß ich jetzt nicht kommen kann. Lies erst meinen Brief und gib mir Antwort. Lebwohl, lebwohl!« Sie machte das Papier rasch zurecht, »pitschirte« es mit einem kleinen Geldstück und übergab es Regine, die auf den Markt nach Nördlingen ging, zur Besorgung.

Drei Tage vergingen. Ich will nicht schildern, welche Gedanken das gute Kind sich machte, welche Angst sie empfand und wie sie sich selber wieder tröstete und an die Stelle der Bangigkeit die Zuversicht redlicher Liebe trat. Sie war, wie überhaupt seit der Bekanntschaft mit Ludwig, etwas aus ihrem Charakter gegangen und bewegter und erregter geworden, als derjenige, der sie früher gekannt, ihr zugetraut hätte. Wer wird das aber verwunderlich finden? — Am Morgen des vierten Tages erhielt sie die Antwort von Ludwig, die er Sonntags geschrieben und die — in ähnlicher Uebertragung — hier folgt:

»Meine liebste Annemarie! Du hast mir einen Brief geschickt, über den ich mich recht gewundert hab'. Ich will dir aber keine Vorwürfe machen; ich hab' mich nach und nach doch hineingedacht, wie's dir zu Muth ist, ich hab' dich bedauert und schäme mich, daß meine Eltern so gegen dich gehandelt haben. Ja du hast Recht! So sind die reichen Leute, wenn sie auch sonst so gut und so brav sind wie mein Vater und meine Mutter! Ich begreif', wie dich diese Lügen kränken und erzürnen müssen. Ich begreif', was du gethan hast. — Aber nun sag' mir: hast du wirklich geglaubt, daß ich thun könnte, was du mir vorschlägst? Ich hoff's nicht; ich hoff', daß du mich besser kennst. Wie! nach allem, was zwischen uns vorgegangen ist, soll ich dich lassen? Und wenn ich wüßte, daß ich mich unglücklich machen würde für mein ganzes Leben, ich thät's nicht! Und wenn ich's vorher hätte thun können und eine andere nehmen, jetzt könnt' ich's schon gar nicht mehr. Wie viel meinst du denn, daß es Mädchen gibt, die so handeln, wie du gehandelt hast? Und glaubst du, daß ich kein Herz habe und keinen Verstand, das einzusehen? Ich weiß wohl, was ein Sohn seinen Eltern schuldig ist. Ich bin nie ein schlechter Sohn gewesen, wie mir alle bezeugen müssen, und wenn mein Vater verlangt, was er von Gott und Rechtswegen verlangen kann, so will ich's thun. Aber wenn ich, um mit meinem Vater wieder gut zu werden, ein Mädchen verlassen könnte wie du bist, so verdient' ich, daß man mich rädern thäte und meine Glieder auf's Rad flechten! Red' mir also nicht mehr von dieser Sache! Wenn dich dein Gewissen und dein Stolz getrieben haben, zum Pfarrer zu gehen und ihm ein solches Anerbieten zu machen, so begreif' ich das jetzt und schätz' dich um so höher. Aber das will ich nicht glauben, daß du mich wirklich für fähig gehalten hast, ein solches Anerbieten anzunehmen. Denn wenn das wäre, dann wär' deine Lieb' zu mir nicht so groß, wie meine zu dir, sondern viel kleiner! Ich hab' auch ein Gewissen und einen Stolz, und die sagen mir, daß ich dir treu bleiben soll gegen alle Welt. Ich hab' kein böses Gewissen, daß ich mein väterliches Haus verlassen hab', sondern ein gutes, denn ich hab' nicht darin bleiben und dir treu sein können. Und wenn ich wüßte, daß ich heute sterben und vor Gott treten müßte, ich wär' ruhig.«

»Ich seh' nun wohl, daß wir für die nächste Zeit nicht zusammen kommen werden, denn du hast deine Gedanken und bleibst dabei. Aber ich vertrau', wir haben nicht nöthig uns zu sehen, um uns grad so lieb zu haben. Ich hab' dich alleweil vor Augen; wohin ich geh', da gehst du mit mir. Wenn ich bei der harten Arbeit müde bin und denk' an dich, dann hab' ich wieder Kraft; es ist gerade, als hätt' ich einen frischen Trunk gethan. Und jetzt nach deinem Brief will ich wieder alles aushalten. Es ist freilich wahr, daß ich schwere Arbeit thun muß und mancherlei Verdrießlichkeiten hab'; aber wenn's mir hier nicht mehr gefällt, so kann ein Mensch, der gesund ist und sein Geschäft versteht, sich überall fortbringen. Ueberall, wo ich bin, werd' ich gegen dich der gleiche sein, und endlich, das weiß ich ganz bestimmt, werden wir zusammenkommen und glücklich sein. Adies, herzgeliebte Annemarie! Bleibe gesund und vertrau' auf Gott wie dein Ludwig!«

Als Annemarie in ihrer Kammer, wohin sie sich zitternd und bebend geflüchtet, diesen Brief las und zu den ersten Versicherungen der Treue kam, rief sie mit freudestrahlendem Gesicht: »Ich habs ja gewußt!« Beim Weiterlesen wurde der Glanz ihrer Blicke getrübt durch wonnige Thränen, die ihr bei den Ausdrücken herzinniger Liebe in die Augen traten, bis endlich die Flamme der Freude auch durch sie hindurch drang und ihr ganzes Wesen verklärte. Regine, von Theilnahme getrieben, erschien an der Schwelle der Kammer. Das überglückliche Kind eilte auf sie zu, fiel ihr um den Hals und rief mit holdseliger Gewißheit: »Nun gehört er mein, und kein Mensch in der Welt wird mir ihn nehmen!« Regine hatte das größte Verlangen, den Brief auch zu sehen; die Freundinnen setzten sich zusammen, Wange an Wange lasen sie und unterbrachen sich selbst durch entzückte und gerührte Ausrufungen. Regine sagte zuletzt: »Gewiß, liebes Mädchen, der gehört dir; den bringt sein Vater nicht mehr herum! Aber nun wirst du auch wissen, was du zu thun hast.« — »Ja,« rief Annemarie, »das weiß ich! Jetzt sind wir stärker als Vater und Mutter und die ganze Freundschaft! Mögen sie sagen und thun was sie wollen — nichts verdrießt mich mehr, ich verzeih ihnen alles im voraus!« Regine sagte: »Nun wird's auch gut gehen.« — »Und wenn's nicht gut ginge,« erwiederte Annemarie, »so wären wir doch glücklich. Jetzt darfs gar nicht schnell kommen, sonst wär's zu viel!«

Als sie noch manches so gesprochen, gingen sie die Stiege hinunter. »Im Tennen,« d. h. in der Hausflur, angekommen, sahen sie einen Buben zur Thür hereinkommen, der sich vorsichtig umsah. Es war der kleine Gönner des Liebespaars, Johannesle. Annemarie, die schon gehört hatte, wie sie bei dem Bürschchen in Gnaden stand, flog auf ihn zu, gab ihm die Hand und fragte, was er wünsche, ob sie vielleicht mit einer guten Birn aufwarten könne. Johannesle schüttelte ernsthaft den Kopf und betrachtete sie mit prüfendem Blick, so daß die Mädchen sich lächelnd ansahen, und Annemarie fragte, was denn sonst sein Begehr sei? Darauf sagte er endlich: »Ich hab' gehört, du willst den Ludwig lassen und einen andern heirathen. Ist das wahr?« — »Nein,« rief das Mädchen unbedacht, »das ist nicht wahr! Entweder den Ludwig oder keinen!« Der Kleine war sichtlich erfreut. »Ich hab's ja gesagt,« erwiederte er selbstzufrieden und wandte sich zum Abgehen, voll Begierde, seinen »Stangenreiter« (Oberknecht) zu beschämen. Annemarie rief: »Bleib doch, liebs Büble, und komm mit in den Garten!« Aber Johannesle rief: »Ich muß fort,« und eilte davon. Regine sagte mißbilligend: »Da hast du's! Der wird's unter die Leute bringen!« — »Es soll auch unter die Leute,« erwiederte Annemarie. »Das kann und darf nicht verschwiegen bleiben. Heute noch geh' ich zum Herrn Pfarrer und sag' ihm alles.«

Sie erfüllte dieses Wort Nachmittags. Der Geistliche las den Brief, den das Mädchen ihm übergab, mit ernster Aufmerksamkeit und mit einer innerlichen Freude, die beinahe durchgebrochen wäre und seine Parteinahme verrathen hätte. »Es ist gut!« rief es in ihm. Wie Annemarie sah, daß er mit dem Lesen fertig war, sagte sie: »Herr Pfarrer, Sie sehen, ich hab' mein Versprechen gehalten. Nun hab' ich in der Sache nur noch eine Pflicht und der will ich nachhandeln, ohne an etwas anderes zu denken.« — »Die Pflicht,« versetzte der Pfarrer, indem er sie lächelnd ansah, »in Geduld zu erwarten, was da kommen soll.«

Der alte Herr achtete es unter den gegenwärtigen Umständen für gerathen, den Angerbauer in seinem Hause aufzusuchen und ihm von dem Stand der Dinge Meldung zu thun. Als der Bauer den Kern der Neuigkeit und ein paar Ausdrücke aus Ludwigs Brief vernommen hatte, rief er aus: »O Unsinn! o Tollheit! o verkehrte Welt! Nehmen Sie mir's nicht übel, Herr Pfarrer, aber womit hab' ich' verschuldet, daß ich mit so einem Menschen gestraft bin? Wenn ich nur im Grab läge, dann könnten sie thun, was sie wollten!« Die Bäuerin ließ sich ähnlich vernehmen, aber in gedämpfteren Tönen. Ihr Schlußwort lautete: »Wer hätte das dem Menschen zugetraut! Man soll doch niemals sagen, daß man sich in Einem auskennt, sogar bei seinem eigenen Kind!« Der Pfarrer versetzte: »Es thut mir leid, daß euch meine Nachricht betrübt; aber da das Mädchen zu mir das Vertrauen hatte und mir den Brief zu lesen gab, so hab' ich's für meine Schuldigkeit gehalten, euch davon zu unterrichten, obwohl ich mich sonst in Familienangelegenheiten nicht gern mische.« Der Angerbauer sagte mit Würde: »Ich dank' Ihnen dafür, Herr Pfarrer. Wir müssens hoch aufnehmen, daß Sie sich selber herbemüht haben.« Nach einer Weile sagte die Mutter: »Was soll nun aber aus dem Ludwig werden, wenn er so gesinnt ist?« — »Was er selber will,« entgegnete der Vater barsch. Die Mutter seufzte und sagte: »Aber —« — »Nichts aber!« rief der Bauer dazwischen. »Willst du etwa haben, daß wir uns durch seinen Trotz einschüchtern lassen und nach ihm schicken sollen? Da, frag den Herrn Pfarrer! — Haben Sie,« fuhr er zu diesem gewandt fort, »nicht neulich zu mir gesagt, wir sollen nicht nachgeben, er müsse zu uns kommen?« — »Ja,« antwortete der Pfarrer, »und das ist noch jetzt meine Meinung.« Der Bauer sah sein Weib triumphirend an und sagte: »Siehst du?«

Nach einigen Worten des Trostes empfahl sich der Geistliche; die Eheleute begleiteten ihn bis zum Hofthor, von wo der Bauer düster, die Frau kopfschüttelnd zurückkehrte.

Seit dem Tage, wo Ludwig das väterliche Haus verließ, war der Angerbauer nicht nach Nördlingen gekommen. Er fürchtete zuerst überhaupt Bekannte aus der Stadt oder aus andern Dörfern zu treffen, deren Fragen er nicht so leicht mit einer Grobheit beantworten konnte. Später scheute er hauptsächlich ein Zusammentreffen mit dem Schmiedbauer, dessen Charakter und Manieren er kannte. Zuletzt konnte er doch eine Fahrt zur Schranne nicht länger vermeiden: er hatte noch altes Korn, der Preis war gut und nach seiner Ansicht keine Wahrscheinlichkeit vorhanden, daß er sich lange so halten werde. Er ließ mit einer Partie des Getreides einen Wagen laden und war bald an Ort und Stelle.

Das Gewühl in der Schranne war für diese Zeit groß. Es hatten sich württembergische Händler eingefunden, die bedeutende Einkäufe machten. Der Angerbauer wurde an einen derselben seinen ganzen Wagen Korn los; er war froh und hoffte an diesem Tag nichts Unangenehmes mehr zu befahren. Die Bekannten, die er getroffen, hatten ihn im Drang der Geschäfte nur flüchtig begrüßt und an seine Familienangelegenheit nicht gedacht, wenigstens nicht davon gesprochen. Den Schmiedbauer hatte er gar nicht gesehen. Als das Korn abgemessen war, hieß er den Oberknecht mit dem Wagen zu einem Wirthshause am Thor fahren, wo die Angerbäuerin aufsitzen würde. Diese hatte sich bei dem guten Wetter zu Fuß nach der Stadt begeben, um Einkäufe zu machen, wollte aber für den Nachhauseweg den Wagen benutzen. Der Bauer wollte den Nachmittag in der Stadt verbringen, um nach Bequemlichkeit heimzuwandern. Wie er unter einem Seitenthor der Schranne stehend den Knecht wegfahren sah, hörte er von der andern Seite her plötzlich den hellen Ruf: »Guten Tag, Vetter Angerbauer!« Er sah sich um und erkannte den Schmiedbauer, der ihm begierig zunickte. Augenblicklich ein »danke schön« brummend ging er rasch auf die Straße und verschwand im Gewühl der Menschen und Wagen.

Anfangs war seine Absicht gewesen, zum »Fadenherrn« in der Nähe der Schranne zu gehen, wo er gutes Essen und Bier zu finden gewohnt war. Nun aber hütete er sich wohl, in einem Hause einzukehren, wo er sicher mit dem »boshaften Kerl,« dem Schmiedbauer, zusammenkommen würde. Er vermied aus demselben Grund auch das Wirthshaus am Thor und suchte ein drittes auf, wo er sein spätes Mittagessen in Ruhe verzehren zu können hoffte. Darin täuschte er sich nicht. Er traf zwei Männer aus seinem Dorf, setzte sich zu ihnen und ließ sich Braten und Salat wohl schmecken, während der Schrannentag ergiebigen Stoff zur Unterhaltung bot.

Nach langer Zeit wurde es ihm wieder fast behaglich zu Muthe, wozu der um den Leib geschnallte, gefüllte Geldgurt das Seine beitragen mochte. Er trank nach Durst und übergab eben die blanke zinnerne Bierkanne der behenden Wirthstochter zur zweiten Füllung, als die Thüre aufging und der Schmiedbauer hereintrat. — Dieser hatte ihn in nicht weniger als drei Wirthshäusern vergebens gesucht. Sein Muth wurde dadurch nicht geschwächt, und er war eben im Begriff, in ein viertes zu gehen, als ihm von einem Bekannten das rechte verrathen wurde.

Der Angerbauer, als er den Gefürchteten erblickte, fuhr zurück, als wenn ihn eine Schlange gebissen hätte. Der Schmiedbauer ging auf ihn zu, das Gesicht von einem Vergnügen belebt, wie es Reineke der Fuchs empfunden haben mochte, als er den ehrlichen Lampe in seiner Höhle sah. Große, blanke Zähne weisend, die man ordentlich wässern sah, rief er seinem Opfer zu: »Guten Tag noch einmal! Du bist heute schwer zu finden, Vetter Angerbauer! Schon in drei Wirthshäusern hab' ich dich umsonst gesucht!«

Der Angerbauer hatte sich wieder etwas gefaßt. Er bot ihm nicht das eben ankommende Bier zum Trinken — eine Höflichkeit, die man eintretenden Bekannten sonst gewissenhaft zu erweisen pflegt, — sondern antwortete trocken und ein wenig den Mund verziehend: »Woher kommt dir denn auf einmal das große Verlangen nach mir?«

»Da haben wir's!« sagte der Schmiedbauer; »gleich wieder stolz!« — Und indem er die beiden andern listig anblinzelte, fuhr er fort: »Bist du denn gar nicht neugierig, etwas von deinem Ludwig zu hören?« — Der Angerbauer, sich bezwingend, erwiederte: »Nicht im Geringsten!« — »Nun, nun,« versetzte der andere, »stell dich nur nicht so an, ich weiß doch, daß du gern etwas von ihm hören möchtest. Du brauchst dich auch gar nicht zu fürchten: ich kann ihn nur loben. Er macht sich ganz vortrefflich, und ich muß dir nur sagen, ich hätt's dem Sohn eines so reichen Mannes nicht zugetraut, daß er einen so geschickten Handknecht abgäbe. Er sucht wahrhaftig seines Gleichen, namentlich im Futterschneiden und Misten.«

Bei diesen Worten konnten die beiden Unbetheiligten sich nicht enthalten zu lächeln; dem Angerbauer stieg das Blut in's Gesicht. Finster entgegnete er: »Mag er machen, was er will! Er ist mein Sohn nicht mehr und geht mich so wenig an, wie einen von euch!« — »Geh',« sagte der Schmiedbauer, »sei gescheidt! Unser Kind bleibt immer unser Kind.« — »Und ich sag' dir,« versetzte der Angerbauer mit zornigem Nachdruck, »daß ich nichts mehr von ihm wissen will, und bitt' mir's aus, daß du jetzt von ihm das Maul hältst!«

Auf diese verständliche Abweisung zuckte der Schmiedbauer die Achsel. »Mir auch recht,« sagte er. »Wenn du nichts mehr von ihm wissen willst, dann bleibt mir ein Handknecht, wie ich ihn brauche und wie man ihn heutzutage nicht mehr findet. Schaffen thut er für Zwei und gehorchen, als wenn er ein geborener Knecht wäre. Wenn ich, oder mein Sohn, oder meine Tochter, oder mein Oberknecht ihm etwas sagen, läuft er wie ein Wiesel. Wenn du ihn nicht mehr willst, gut! Ich hab' den Vortheil davon.«

Indem er bei den letzten Worten die Zielscheibe seiner Bosheit ansah, fühlte er, daß er für jetzt nicht weiter gehen dürfe. In dem Angerbauer kochte es gefährlich. Seinen Sohn vor den beiden Männern als gehorsamen Knecht loben zu hören, war für ihn schrecklich, und die Absicht des Schmiedbauern, ihn zu verhöhnen, machte ihn wüthend. Wäre er mit diesem allein gewesen, er hätte ihm eine Antwort mit der Kanne an den Kopf gegeben, auf welche kein weiterer Bericht mehr erfolgt wäre. In der vollen Wirthsstube mußte er an sich halten und schwieg daher grimmig still. Der andere fand für gut zu bemerken: »Nun, ich sehe, es ist dir wirklich unlieb, etwas weiter zu hören; lassen wir's also gehen!« Der Angerbauer nickte bedeutsam, als wollte er sagen: »Du thust sehr gescheidt daran!«

Von einem der beiden Bauern wurde das Gespräch wieder auf die Schranne zurückgelenkt und blieb dabei. Auf diese Weise kam jedoch der Angerbauer um eine Nachricht, die ihm lieb gewesen wäre, denn der Schmiedbauer war bekanntlich kein bloßer Bösewicht. Er wollte heute an dem Vetter sein Müthchen kühlen und an den »hoffährtigen Kameraden« ein wenig ärgern; dann aber wollte er ihm sagen, daß der junge Bursch in seinem Hause deßwegen kurz gehalten und tüchtig angespannt werde, damit er sich nach den Eltern sehne und endlich demüthig heimkehre, wie sich's gebühre. Er wollte sich dem Angerbauer von seiner ernsthaften Seite zeigen, ihm Vorschläge machen, seine Wünsche hören. Allein da dieser nach seiner Ansicht gar keinen Spaß verstand, so wollte er sich auch auf den Ernst nicht einlassen. Er dachte: »Es ist der Alte! immer gleich oben aus! Gut, für heute soll er nichts weiter hören!«

Als der Angerbauer die zweite Kanne noch nicht ganz geleert hatte, zahlte er und schickte sich an zu gehen, indem er sagte, er habe noch einen Gang zu machen. Den Schmiedbauern übermannte noch einmal der Muthwille und er fragte den Abgehenden in schelmisch gemüthlichem Ton: »Soll ich also wirklich deinem Ludwig keinen schönen Gruß von dir ausrichten?« Der Angerbauer gab ihm hierauf eine Antwort, die ihm der kindischen Bosheit der Frage allein entsprechend schien, und entfernte sich, indem er die Thüre stattlich zuschlug. Je mehr Zorn jene Antwort verrieth, desto vergnügter lachten die drei Zurückgebliebenen zusammen und schwatzten noch eine Weile über diesen Spaß.

Unser Mann ging geradeswegs nach Hause. Indem er mit wenig gemindertem Zorn in's Kanzlei eintrat, fand er dort sein Weib in einer ähnlichen Stimmung. Ohne vorläufig darauf zu achten, erzählte er, was ihm begegnet, und die Angerbäuerin stimmte in seine Ausrufungen über die Bosheit der Menschen treulich mit ein. Dann bekannte sie, ihr sei beinahe noch etwas Aergeres passirt. Neugierig drängte sie der Mann, zu erzählen. Die Bäuerin hub an: »Ich bin zuerst bei der Melbersbas gewesen und hab' mich etwas länger verweilt, als ich dachte. Dann bin ich zum »Canditor« gegangen und hab' Zucker, Kaffee und Gewürz gekauft. Wie ich aus dem Laden auf die Straße hinausgeh', wer kommt auf mich zu? Die Ev' mit ihrer alten Bas! Ich will dirs nur sagen, ich bin ein wenig verhofft gewesen und es ist mich ordentlich ein Zittern angekommen. Aber doch bin ich gleich auf sie zugegangen, hab' sie freundlich gegrüßt und »guten Tag« geboten. Die alte Bas hat gedankt; die Ev' hat aber nur ihr »Schnäuzle« naufgezogen.« Der Angerbauer, der aus allem abnahm, was kommen würde, bemerkte mit einem gewissen Humor: »Sag' Schnauz, das paßt besser!«

Die Mutter fuhr fort: »Weil ich sie nun seit dem Vorgang nicht wieder gesehen hab', so hab' ich nach etlichen Reden gesagt: »Uns hat halt seitdem ein rechtes Unglück getroffen!« Denn wenn man sich so gut kennt, dann kann man wohl vertraut mit einander reden.« »Ja, ja,« antwortete die alte Bas, »das ist eine böse Geschichte! Wer hätte dem Ludwig das zugetraut!« — »Ja freilich,« hab' ich wieder gesagt, »hätt' man ihm das nicht zugetraut; aber junge Leute machen eben manchmal tolle Streiche. Alles ist deßwegen nicht verloren, er kann sich wieder anders besinnen, kann heimkommen und alles kann noch gut werden.« Da hättest du die Ev' sehen sollen! Roth wie ein welscher Hahn tritt sie vor mich hin und sagt: »Ihr glaubet doch nicht, Frau Bas, daß es mit Eurem Ludwig und mir noch was werden kann? Wenn Ihr so was denkt, dann schlagt's Euch nur aus dem Sinn. Das wär' mir das Wahre! Ein Mensch, der sich so aufführt! Nein, Frau Bas, für so einen bedank' ich mich schön und bin froh, daß ich ihn los geworden bin.« Ich hab darauf gesagt: »Was willst du denn? — hab ich denn davon geredt?« Aber sie hat sich nicht irr machen lassen und höhnisch gesagt »Aufrichtig, Frau Bas, Ihr thätet am besten, wenn Ihr Eurem Sohn seinen feinen Schatz ließet. Sie ist ihm nun einmal die Liebste auf der Welt, und ein ordentliches Mädchen nimmt ihn ohnehin nicht mehr.«

»Was,« rief hier der Angerbauer auffahrend, »das hat sie dir gesagt?« »Ja,« erwiederte sein Weib, »das hat sie gesagt.« — »Gut!« versetzte der Mann, »ganz gut! Also so eine ist die? Ein großes Unglück scheint's nicht, wenn wir die nicht zur Söhnerin bekommen!« — »Das mein' ich auch,« bemerkte die Frau, »und das hab' ich ihr auch gesagt.« »So groß gefehlt wär's nicht,« hab' ich ihr gesagt, »wenn er das Mädchen bekäme. Denn wenn sie auch nicht reich ist, so ist sie doch brav und hat mehr Art als manche reiche Bauerntochter, die ich kenne.« Dabei hab' ich ihr steif in's Gesicht gesehen. Sie aber hat sich nichts daraus gemacht und gesagt: »Nun, da wünsch' ich recht viel Glück dazu! Machts nur bald richtig und vergeßt nicht mich auch auf die Hochzeit zu laden.« Damit hat sie »guten Tag« gesagt und sich umgedreht und die Alte, die den Kopf geschüttelt hat, mit sich fortgezogen.«

Der Angerbauer war ernsthaft geworden und brach nun in die Worte aus: »Eine saubere Person, das muß ich sagen! Da dürfen wir ja von Glück sagen, daß wir sie noch zu rechter Zeit kennen gelernt haben!« — »Sicherlich,« erwiederte die Mutter.

Nach einem längeren Schweigen, während dessen sie nachdenklich vor sich hingesehen hatte, begann sie wieder: »Vater, ich möchte dir etwas sagen, aber du mußt nicht bös werden.« — »Nun,« erwiederte der Bauer mit argwöhnischem Ausdruck, »du wirst hoffentlich nicht im Ernst verlangen, daß wir dem Burschen das Mädchen geben?« — »Behüte,« versetzte die Mutter, »das weiß ich schon, daß das nicht geht. Nein, ich hab' nur sagen wollen, daß mich der Ludwig »a'fanga« dauert (anfängt mich zu dauern). Ich glaub', er wär gern wieder bei uns, aber er hat deinen Kopf: er kommt nur nicht, weil er's einmal gesagt hat.« — »Soll ich ihn,« bemerkte der Bauer, »etwa selber holen, weil er meinen Kopf hat?« — »Auch nicht,« sagte die Mutter. »Ich meine nur, wir ließens ihm unter der Hand wissen, daß er kommen könnte; mit der Ev' wollten wir ihn nicht mehr plagen.« — Der Bauer versetzte: »Nein, das geschieht nicht! um keinen Preis der Welt! Wenn ich da nachgäb', müßt ich mehr nachgeben!« — »Aber deßwegen —« — »Das muß ich besser wissen. Ich thu's nicht, jetzt erst recht nicht, und damit Punktum!« — Wie gewöhnlich wenn er einen solchen Trumpf ausgespielt hatte, stand er auf und verließ die Stube.

Während dieser Erlebnisse der Seinen arbeitete Ludwig mit neuer Kraft und neuem Muthe weiter. Er hatte in Rücksicht auf sein Dienstverhältniß einer Anfeuerung bedurft; das Schreiben der Geliebten und die Abfassung seiner Antwort gewährten ihm diese aber in vollem Maße. Es war ihm ganz, wie er geschrieben. Sein Geist war aufgerichtet; das Bewußtsein, ein solches Herz gewonnen zu haben, das Gefühl, ihrer werth zu sein, und die Hoffnung, die aus diesem Gefühl emporkeimte, ließen ihn alle Mühen mit Freudigkeit ertragen. Er hatte nun auch eine Bekanntschaft gemacht, die ihm angenehm und tröstlich war. Von seinem Bauer zum Pfarrer des Ortes geschickt, antwortete er diesem auf seine Fragen so verständig und gutmüthig, daß der Geistliche das Gespräch verlängerte, so weit es anging, und den jungen Burschen aufforderte, ihn in freien Stunden zu besuchen. Es war dieß ein Mann in mittleren Jahren, der aber ähnliche Ansichten zu haben schien, wie der alte Herr, den wir kennen, da er an den entlaufenen Sohn keine Ermahnungen richtete, die er nicht hätte befolgen mögen, sondern sich unbefangen im Kreise allgemeiner Belehrung hielt.

Die Annehmlichkeiten, die er aus alledem schöpfte, waren Ludwig auch nöthig, um ein Uebel zu bestehen, das immer ärger zu werden schien. Dieß war der Uebermuth Michels, der nicht selten in wirkliche Bosheit ausartete. Verdroß es ihn, daß Ludwig bei seinen Neckereien nicht mehr empfindlich wurde, sondern ihn lächelnd oder mitleidig ansah; war er eifersüchtig auf die Seelenfreude, die verschönernd aus dem Gesichte des Knechts leuchtete, oder auf das Lob, das sein Vater diesem hie und da auf seine Unkosten ertheilte, genug, der junge Schmiedbauer ging in seiner herrischen Anmaßung gegen Ludwig weiter und weiter, so daß er alle die Seinen hinter sich ließ. Die schwache sinnliche Gutmüthigkeit, wie man dieß in der Welt öfter sehen kann, bestand die Probe nicht, die ihr auferlegt wurde, und verwandelte sich unter gewissen Anreizungen geradezu in Gemeinheit. Eine solche Anreizung mochte für den Burschen auch in der Nachricht seines Vaters liegen, daß der Angerbauer seinen Sohn verläugne und, wie es scheine, wirklich nichts mehr von ihm wissen wolle. Konnte man gegen einen Verstoßenen sich nicht gehen lassen nach Belieben?

Als die kleinen Mittel nichts mehr verfingen, wendete Michel die gröberen und plumperen an, und es gelang ihm nun allerdings wieder, den Untergebenen zu ärgern und zu erzürnen. Ungerechte Behandlung zu ertragen ist für gewisse Gemüther das Schwerste; und wenn sie sich's auch vornehmen, bei den Anmaßungen der Dummdreistigkeit ruhig zu bleiben, so glückt's ihnen doch nicht immer. Die Geduld Ludwigs wurde auf harte Proben gestellt; das Betragen Michels erschien ihm so kläglich, daß er den Ausbruch des Zorns und der Verachtung kaum mehr zurückhalten konnte. So sammelte sich nun aber ein Maß von Galle in ihm an, das nur noch berührt zu werden brauchte, um überzulaufen.

An einem Sonntag nach dem Essen kamen »Freunde« — wie, man weiß, Verwandte — des Schmiedbauern zum Besuch angefahren, Vater, Mutter und ein fünfzehnjähriger Sohn. Sie wurden mit Kaffee und »Goglopf« (Guglhupf) traktirt, welchen Madlene und die Magd am Vormittag zu diesem Zweck verfertigt hatten. Als endlich auch der »junge Vetter« dem Nöthigen zu einer neuen Schale nicht mehr Folge leisten konnte, führte man die Gäste im Hause herum und zeigte ihnen Küche und Keller, Kasten und Schreine und deren Inhalt zum Bewundern, welcher Absicht die Bauersleute höflich entgegenkamen. Michel empfand großes Verlangen, ihnen die Ställe zu zeigen, und freute sich namentlich, ihnen die Zierde derselben, einen schönen zweijährigen Braunen vorzuführen. Er eilte voraus in den Roßstall, fand den Oberknecht ausgegangen, Ludwig aber bei der Hand. Bei dem Anblick desselben fuhr der böse Feind in ihn und gab ihm den Gedanken ein, sich selbst in seiner Herrlichkeit und den Sohn des Angerbauern, der mit den Gästen ebenfalls einigermaßen verwandt war, in seiner Erniedrigung zu zeigen. Er rief in barschem Ton: »Ludwig, führ' den Braunen in den Hof!« Ludwig gehorchte und dankte den Verwandten auf den Gruß, den sie ihm boten, mit bescheidener Höflichkeit. Das junge Roß ward im Freien munter und fing an zu laufen. Michel rief ärgerlich: »Nicht so schnell!« Der Angefahrene hielt es zurück; Michel schrie nun: »Zu langsam! Marsch! Zu!« und vexirte den andern so, daß die Gäste bald sahen, worauf es hier angelegt war, den rothgewordenen Ludwig bedauerten und den Sohn des Hauses für einen dummen Prahler hielten. Endlich rief Michel: »Laß ihn laufen! Schnell! schneller!« Ludwig gehorchte; das Roß wurde im Trab übermüthig, sprang auf die Seite, traf mit den Hinterbeinen in eine kleine Kothlache, die vom gestrigen Regen herrührte, und bespritzte den schön gestreiften Rock der Bäuerin.

Auf so etwas hatte Michel gewartet. Den Umstand, daß dieser armselige Zufall nur in Folge seiner Befehle eingetreten war, natürlich außer Acht lassend, ergriff er mit Begierde die Gelegenheit, zugleich seine Machtvollkommenheit und seine Galanterie gegen die Base an den Tag zu legen; er schrie Ludwig zornig an: »Du bist ein Esel! Nicht einmal ein Roß kannst du führen, wie sich's gehört!« — Das war aber dem Burschen zuviel. Während die Gäste Ausrufe des Bedauerns hören ließen, übergab er dem kurz vorher angekommenen dritten Knecht das Roß, trat vor Michel hin und rief: »Du bist der jämmerlichste aller Menschen! Noch ein solches Wort gegen mich, und ich brech' dich zusammen!« Seine Augen funkelten, in seinem Gesicht brannte die Glut des Zorns und der Verachtung, seine Arme zuckten, als ob er seine Rede sogleich wahrmachen wollte. Michel erschrack und trat blaß geworden einen Schritt zurück. Der gemeinschaftliche Vetter stellte sich zwischen sie und ermahnte zur Ruhe. Unterdessen faßte sich Michel wieder, und indem er eine hochmüthige Miene anzunehmen suchte, sagte er zu Ludwig: »Mit dir wird man noch fertig werden, und das bald!« Dann sah er sich um, ob nicht sein Vater oder der Oberknecht in der Nähe wäre. Ludwig folgte dieser Bewegung, und seine Gedanken errathend, rief er: »Schrei keinem, ich rath es dir! Wenn ihr zusammen über mich herfallt, dann ist's Nothwehr, was ich thu', und« — setzte er hinzu, indem er die Hand an die Seitentasche legte — »ich schwör's bei Gott: den ersten der mich anrührt, stoß' ich nieder wie einen Hund!« Der Bauer, dem dieß zu stark war, sagte: »Führ keine solche Reden, das geziemt sich nicht für dich!« — »Für mich geziemt sich alles,« entgegnete der Gereizte, »was sich für einen freien Menschen geziemt! In dem Augenblick bin ich kein Knecht mehr, sondern der Sohn meines Vaters! Aus diesem Haus geh' ich fort, auf der Stelle — das versteht sich von selbst!« Er wandte sich zum Abgehen, drehte sich aber nochmal gegen Michel um und machte mit geballter Faust eine Bewegung, als ob er sagen wollte: Du weißt, was geschieht! Dann ging er in die Stallkammer zu seinem Lager und nahm aus dem daneben liegenden Schrein seine wenigen Habseligkeiten heraus, um sie zur Wanderung zusammenzubinden.

Unterdessen war der Schmiedbauer mit seiner Tochter aus dem Hause gekommen. Auf sein Befragen, welch ein Lärm das sei, erzählte der Vetter den Handel, war aber so gerecht zu sagen, daß Michel dem Ludwig es zu arg gemacht habe, was von der Base mit der Bemerkung bestätigt wurde, daß es wegen des »Spretzers« auf ihrer Schürze nicht der Mühe werth gewesen wäre. Der Schmiedbauer verwies dem Sohn sein Betragen und hieß ihn in die obere Stube gehen: die Sache wolle er nun allein ausmachen. Michel entgegnete, dem Kerl werde er nicht aus dem Wege gehen, entfernte sich aber doch.

Ludwig, sein Bündel unter dem Arm, kam herbei. »Schmiedbauer,« sagte er mit verhältnißmäßiger Ruhe, »Ihr habt wohl schon gehört, was geschehen ist, und werdet begreifen, daß ich in Eurem Hause nicht länger bleiben kann.« — »Das begreif ich,« sagte der Bauer. »Aber wo willst du hin?« Ludwig erwiederte: »Ich geh' nach Augsburg.« Der Bauer bemerkte: »Es wäre gescheidter, wenn du zu deinem Vater heimgingest. Die Gelegenheit wär' gut.« — Ludwig entgegnete unmuthig: »Behaltet Euren Rath für Euch,« und wollte gehen. — »Wie!« rief der Bauer, »ohne deinen Lohn? Du bekommst noch zwei Gulden.« — Ludwig erwiederte, er schenke ihm den Lohn, worauf der Bauer nicht ohne Würde ausrief, er wolle nichts geschenkt von ihm, was er verdient habe, müsse er nehmen. Ludwig ließ sich die zwei Gulden bezahlen, drückte sie dem dritten Knecht in die Hand, der ihn erstaunt ansah, wünschte den Umstehenden wohl zu leben und richtete seine Schritte dem Wirthshaus zu. Da der Abend herannahte, so wollte er hier übernachten und morgen mit dem Frühesten nach Augsburg wandern, wozu er noch beinahe zwei Gulden vom früher eingenommenen Lohn hatte. Sein Gedanke war, an diesem Ort, wie schon so Mancher vom Ries, sein Glück zu machen, Annemarie nachzuholen und sie in eine schöne Stadtwohnung als Frau einzuführen.

Als er in die stark besuchte, von Tabakrauch erfüllte Wirthsstube trat, wurde er von einem Tisch junger Burschen freundlich begrüßt und zwei davon streckten ihm mit der üblichen Frage: »Kann ich aufwarten?« ihre gefüllten Gläser entgegen. Der Streit mit dem jungen Schmiedbauer war von mehreren, die zufällig am Hofe vorübergingen, mit angehört worden, und diese hatten nichts Eiligeres zu thun, als die Geschichte durch's Dorf zu verbreiten. Kurz vorher war sie in der Wirthsstube erzählt worden, und die Zuvorkommenheit der jungen Leute hatte ihren Grund darin, daß Ludwig es dem eingebildeten Michel so hinausgegeben, und — daß er kein Knecht mehr war. Unser Bursche that mit ebenbürtiger Miene Bescheid, aß und trank, sagte dem Wirth, daß er über Nacht bleiben wolle, und ließ sich von ihm in die obere Stube führen. Hier begehrte er Schreibzeug und begann einen Brief an Annemarie, worin er ihr den heutigen Vorgang und seine Pläne mittheilte. Als er fertig war, klopfte es an die Thüre. Die Wirthsmagd brachte Licht mit einem Brief, der so eben unten für ihn abgegeben worden sei.

Ludwig betrachtete die Aufschrift, erbrach das Schreiben und las, zuerst mit allen Zeichen großer Ueberraschung; dann schüttelte er ernst den Kopf, als ob er mit dem Inhalt nicht einverstanden sein könnte. Er las weiter; eine eigenthümliche Empfindung spiegelte sich in seinen Zügen, er sah empor, wie bewegt von einem lockenden und drängenden Gedanken. Auf einmal stand er auf und rief entschlossen: »Ich thu's!« — Er setzte sich wieder, versank in Nachdenken, und sein Gesicht nahm einen wehmüthigen Ausdruck an, wie das eines Menschen, der weiß, daß sein Thun verdammende Urtheile erfahren wird. Er packte sein Bündel aus und ordnete seine Habseligkeiten geschickter, als es in der ersten Eile möglich gewesen. Was der Brief auch enthalten mochte, in dem Beschluß, die Wanderung anzutreten, schien er ihn nur bestärkt zu haben.

Nach einem in mäßiger Arbeit verbrachten Tage saß der Angerbauer bei seinem Weib im Kanzlei. Die Abendmahlzeit war vorüber, eben so das Läuten der Kirchenglocke, das die Familien zum Abendgebete ruft, und welches darum »Betläuten« genannt wird. Die Ehehalten waren zum größten Theil schon im Bette, weil sie morgen sehr früh wieder heraus mußten; nur der Oberknecht war noch im Roßstall und erzählte dem Andres Geschichten. In der Stube herrschte große Stille, in welcher nur das Ticken der Wanduhr — stärker, als man ihrs bei Tage zugetraut hätte — und das »Spinnen« der großen Hauskatze vernehmlich war. Der Angerbauer hörte nichts von beiden; er ruhte gedankenvoll in dem braunledernen Großvaterstuhl am Ofen. Die Bäuerin saß am Wandtisch, auf dem eine brennende Oelampel stand. Sie sah bekümmert aus und war offenbar mit einem bestimmten Gedanken beschäftigt. Diesen zu äußern brach sie das Stillschweigen, und zwar in einem Tone, als ob sie ein unterbrochenes Gespräch wieder aufnähme. »Was doch das Geld ist!« sagte sie mit einer Art Seufzer. »Wenn das Mädchen nur einen Hof hätte wie die andere, eine bessere Schwiegertochter könnten wir uns nicht wünschen!« — Der Bauer fuhr aus seinen Gedanken auf und erwiederte: »Was redest du da wieder! Sie hat ihn nun einmal nicht! Wenn! Als ob einem damit geholfen wäre!« — Die Bäuerin ließ sich nicht irre machen und fuhr fort: »Ich hab' sie heut' wieder an mir vorbeigehen sehen, und was mir besonders gefallen hat, ist ihre Sauberkeit, und daß ihr alles so wohl ansteht. Das würde eine Haushaltung werden wie unsere.«

Der Alte wurde ernstlich böse. »Ich möchte doch wissen,« rief er aus, »was das für ein Vergnügen ist, sich Dinge vorzustellen, die nicht sein können. Sei doch nicht kindisch!« — »Nun ja,« erwiederte die Frau, »ich weiß ja, daß es nicht sein kann; aber man darf doch wohl davon reden.« — Sie schwieg eine Weile still, konnte oder wollte sich aber noch nicht zufrieden geben, und begann daher: »Wer hätte gedacht, daß es uns so ganz unglücklich gehen würde! Statt einen Sohn gut zu versorgen, müssen wir ihn bei Leuten dienen lassen, die ihn schlecht behandeln, und vielleicht bald hören, daß er in die weite Welt gelaufen ist, wo wir ihn gar nicht mehr sehen!« — Der Vater erhob sich in großem Unmuth. »Ich seh,« rief er, »es ist die höchste Zeit, daß wir in's Bett gehen! Nimm die Ampel und zünde mir, ich geh!« — »Nun,« versetzte die Mutter, »thu' nur nicht gleich so wild!« Sie erhob sich und folgte dem Mann in die Stube.

Als sie eben der Thür sich näherten, hörten sie ein Gebell vom Hofhunde, das sich rasch in ein Freudengeheul verwandelte. Sie horchten. Ein froher Lärm erhob sich vom Stalle her und bald vernahmen sie den lauten Ruf von Andres: »Er ist da! Er ist da!« — Das Herz der Mutter klopfte, mit zitternder Hand öffnete sie die Thüre, sah umher und erblickte an dem Ende des Ganges, der vom Stall in den Tennen führte, den verloren geglaubten Ludwig, von Andres mit jubelndem Eifer vorwärts gezogen. Einen Freudenschrei ausstoßen, die Ampel auf die Ofenbank stellen, dem wiedergefundenen Sohn entgegeneilen, ihn fassen und mit liebenden Worten begrüßen, war bei der guten Frau Eins. Sie nahm ihn beim andern Arm und führte ihn vereint mit Andres der Stube zu.

Der Angerbauer war von dieser, im gegenwärtigen Moment durchaus unerwarteten Heimkehr in die innerste Seele getroffen. Seine Gemüthsbewegung äußerte sich in einer Blässe, die über sein Gesicht ging und eben so wie die Freudenröthe der Mutter das Gefühl für den Sohn verkündete. Damit hatte er aber den Zoll der väterlichen Liebe abgetragen; er faßte sich im Augenblick wieder, unterdrückte seine Bewegung und sah dem Ankommenden in der Würde des häuslichen Richters entgegen, da die Mutter nach seiner Ansicht in der Güte viel zu weit gegangen war. Ludwig stand mit blutrothem Gesicht auf der Schwelle. Er hatte der Mutter »guten Abend« gesagt; vor dem Vater zeigte sich aber die Natur unfähig, den Beschluß des Willens auszuführen; der Mund war ihm wie durch einen Zauber verschlossen. Eben so unfähig war der Vater, diesen Zauber zu lösen durch ein mildes, entgegenkommendes, wenn auch mit väterlicher Rüge entgegenkommendes Wort.

Allein ich darf in dieser Schilderung nicht weiter gehen. Ich kenne die Leser und auch die schönen Leserinnen. Ich weiß, daß namentlich die letzteren am Manne das Heroische, Durchgreifende, stolz Beharrende lieben, und muß nun fürchten, daß unser Freund wegen seiner plötzlichen Nachgiebigkeit in ihrer Achtung gar sehr gesunken ist und ihre theilnehmenden Seelen von dieser Wendung überhaupt unangenehm berührt worden sind. Da es mir nun doch hauptsächlich um ihre Gunst zu thun ist, für mich sowohl als für meinen ländlichen Liebhaber, so muß ich vor allem berichten, wie dieser dazu gebracht wurde, den unerwarteten Schritt zu thun.

Als Ludwig sich vom Schmiedbauer in's Wirthshaus begab und den Brief an Annemarie schrieb, war es bei ihm ausgemacht, am andern Morgen nach Augsburg zu wandern. Eine Aenderung seines Entschlusses wurde durch den Brief herbeigeführt, den er Nachts erhielt und der ihm ein anderes Ziel der Wanderung bezeichnete. Er war geschrieben von dem alten Pfarrer und ihm zugesandt aus dem Hause des jüngeren Amtsbruders, wo er für einen Fall dieser Art schon bereit lag. Ich lasse ihn wörtlich folgen und seine Sache selbst führen. Der alte Herr schrieb:

»Lieber Ludwig! Ich höre von meinem Freunde und Amtsbruder, daß du von dem Bauer, bei welchem du als Knecht dienst, und von seinen Kindern immer übler gehalten wirst, und da ich annehmen muß, du werdest dich über kurz oder lang mit ihm überwerfen, so schreibe ich dir diesen Brief, damit er im Augenblick der Entscheidung das Gewicht eines freundschaftlichen Rathes in die Wagschale werfe, die sich zur Versöhnung neigt. Du weißt selber, Ludwig, daß dein alter Freund nicht zu denen gehört, die mit ihren Ermahnungen lästig werden, wo kein Wille und keine Fähigkeit ist, sie zu befolgen; aber dir muth' ich jetzt etwas zu, weil ich dir die Kraft zutraue, es zu thun. Um es offen zu sagen: du mußt zu deinen Eltern zurückkehren! Du mußt es freiwillig und sobald als möglich thun!«

»Ueber den Streit mit deinem Vater will ich jetzt nicht urtheilen. Ihr seyd aneinander gerathen und du hast das väterliche Haus verlassen — es sind geschehene Dinge. Aber nehmen wir an, es sei an dem Bruche einer so gut Schuld wie der andere — wem steht es zu, die Hand zum Frieden zu bieten, dem Vater oder dem Sohn? Die Antwort hierauf wirst du dir, wenn du unbefangen urtheilen kannst, selber geben. Der Sohn, der nachgiebt, erfüllt die Pflichten kindlicher Liebe und kindlichen Gehorsams; der Vater, der nachgiebt, verletzt die Pflichten der Herrschaft in seinem Hause und gibt sich unmännlich in die Hand des Kindes.«

»Wüßten deine Eltern nicht, daß sie dich aus dieser Ursache nicht zurückrufen dürfen, sie hätten's wahrlich schon lange gethan. Denn sie kümmern und grämen sich, sie verzehren sich in Sorgen und Unruhe, wie wenig sie sich vor andern auch anmerken lassen. Die Freude und die schöne Zufriedenheit ist aus ihrem Hause gewichen. Darf nun der Sohn, der davon Kenntniß erhält, zaudern, seinen Eltern die verlorene Freude wieder zu geben? Darf er zaudern, auch wenn man ihm zeigt, daß es seine Pflicht ist und er allein es vermag? Wenn der natürliche Mensch in dir widerstrebt, wenn er sich dreht und windet und allerlei Ausflüchte macht — um so besser, Ludwig! denn dann hast du Gelegenheit, in Ueberwindung desselben zu beweisen, daß du ein Christ und ein braver, sittlicher Mensch bist.«

»Ich wende mich an den Ludwig, der mir im Unterricht gar oft durch verständige und feine Antworten Freude gemacht. — Wenn ein Sohn, der trotzig davongelaufen, in das Haus seiner Eltern zurückkehrt, weil es ihm draußen schlecht geht und er gern wieder besser essen und trinken möchte, so ist er ein armer Sünder, dem man allenfalls verzeihen, aber keine Achtung schenken kann. Wenn er aber heimkehrt aus Liebe zu den Seinen und in der großmüthigen Absicht, ihnen Freude zu bringen, wenn er heimkehrt, obwohl er sich sagen kann, daß er sich draußen selber zu helfen vermöchte, dann ist er ein braver, edler Mensch und handelt in dieser christlichen Selbstüberwindung viel männlicher, als wenn er trutzig weiter und weiter liefe; denn es gehört viel mehr Kraft dazu, seinen Willen zu brechen, als seiner Leidenschaft zu fröhnen. — Das Christenthum, Ludwig, das ich dich gelehrt, ist nicht einem Gefäße gleich, das man in einen Kasten stellt, um es hie und da seinen Freunden zu weisen; es ist eine Sache zum Brauchen. Und je mehr und je fleißiger man diese Sache braucht, desto besser und schöner wird sie.«

»Erwäge noch etwas anderes! Du strebst nach einem eigenen, in deinen Verhältnissen ungewöhnlichen Preis. Du begehrst ein Mädchen zur Frau, die durch ihr Vermögen und ihre Stellung im Leben nach der hergebrachten Ansicht nicht deines Gleichen ist. Du verlangst, daß deine Eltern ihre Pläne opfern und ihre gewohnten Begriffe aufgeben sollen um deiner Leidenschaft willen. Womit hast du denn das verdient? Was hast du denn dafür gethan? Du forderst dem Vater seine Einwilligung ab, und wie er sie verweigert, brichst du mit ihm und gehst davon. Heißt das von seinen Eltern eine Gunst verdienen? Und wenn du nun ganz fortwandertest in die Fremde, könntest du von dem völlig geflohenen, doppelt gekränkten Vater erwarten, daß er dich dafür durch Erfüllung deiner Wünsche belohne? — Wenn du aber selbst ein Opfer bringst, wenn du dich demüthigst und in freiem Entschluß als gehorsamer Sohn zurückkehrst, dann möchte das wohl die Herzen der Deinen rühren, sie möchten eine Anregung empfinden, nun ebenfalls ein Opfer zu bringen und da zu belohnen, wo ein Verdienst vorhanden ist.«

»Ich will dir keine Hoffnungen machen, denn ich habe kein Recht dazu; noch weniger kann ich für etwas der Art einstehen. Allein wenn du den Segen des Himmels haben willst, so mußt du durch edles Handeln dich seiner werth machen. Und wenn du bei deinem Vater etwas erreichen willst, so darfst du nicht auf eine Schwäche rechnen, die er nicht hat, sondern du mußt die Großmuth zu erwecken suchen, deren er fähig ist.«

»Und nun bedenke, was deine braven Eltern von jeher für dich gethan haben, und frage dich, ob die Aufrechthaltung eines im Zorn gesprochenen Wortes so schwer wiegen darf wie die Pflicht der Dankbarkeit für unberechenbare Wohlthaten. Denke an die Freude, welche du den Deinigen machen wirst — und daneben auch ein wenig an die, welche dein alter Freund haben wird, der dich gar gern wieder in seiner Nähe hätte!«

Ob dieser Brief einen andern umgestimmt hätte? Ich weiß es nicht. Bei Ludwig erfüllte er seinen Zweck, und der alte Herr bewies hier, daß er seinen Schüler kannte. Der Verstand des jungen Burschen konnte den Gründen des Geistlichen nicht Unrecht geben und sein gutmüthiges Herz war empfänglich für die edlen Mahnungen, die er an sich gerichtet sah. Er erkannte klar: geschehen muß etwas, mein Vater thut's nicht, darum muß ich's thun. Er fühlte sich bei diesem Gedanken nicht kleiner als vorher, sondern größer, und deutlich rief es in seinem Herzen, daß der Gang nach Hause der Weg zu seinem Glück seyn werde. Er faßte seinen Entschluß und blieb dabei.

Am andern Morgen zerriß er den Brief an Annemarie und schrieb einen andern, der kurz so lautete: »Liebe Annemarie! Ich bin im Streit vom Schmiedbauer geschieden und folge nun dem Rath unseres guten Pfarrers und kehre aus freien Stücken zu meinen Eltern heim. Er hat mir seine Meinung schriftlich zukommen lassen und du würdest ihm eben so recht geben müssen, wie ich es thue. Ich bleibe dir unabänderlich treu und thu' nur einen Schritt, der uns dem Ziel, das wir beide uns gesetzt haben, näher bringen muß. Und vertrau dem Herrn Pfarrer und mir nur ohne weiteres, wenn ich dich auch in der ersten Zeit nicht gleich besuchen könnte. Es geschieht alles zu unserem Besten. Ich bin dein ewig getreuer Ludwig.«

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