Ende gut, Alles gut. Der Michel und die Gret. (continued 2)
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Kasper hatte Recht gehabt. Das in dem Felsenkeller gelagerte Bier war heute ganz besonders wohlschmeckend und der Trinkplatz, der die Aussicht in den nordöstlichen Theil des Rieses darbot, vollständig besetzt. Wallersteiner Herren — fürstliche Beamte und Bürger — etwelche Nördlinger, »kadollische« und »luttrische« Bauern saßen größtentheils standesmäßig vereinigt, hie und da aber auch zufällig gemischt um die hölzernen Tische, die heute für die »Herrn« durch einige hübschere aus der Zechstube vermehrt waren. Das schöne Geschlecht war nicht zahlreich vertreten; doch sah man außer der französischen auch noch katholische und protestantische Rieser Tracht nicht ganz unwürdigen Inhalt umschließend. Alles war vergnügt. Die Hauptsache war unerschöpflich vorhanden, und wer Appetit nach etwas Eßbarem hatte, für den war nicht nur durch die Wirthschaft, sondern auch durch Wallersteiner Buben gesorgt, die Rettiche und »Würst' siedhoeße« ausriefen und die letztern auch dann noch mit dem lockenden Prädikat schmückten, wenn sie schon zwei Stunden hin und hergetragen waren.
Unsre Kameraden tranken sich nach und nach in jenen angenehmen Dusel hinein, in welchem die jetzigen Sterblichen eine Ahnung von dem Gefühl erhalten, durch das die Menschen des goldenen Zeitalters beglückt worden sein mögen. Michel hatte einen Blick auf das Dorf Birkhausen und auf das Fasanenwäldchen geworfen, das ihm so hübsch gegenüber lag; er hatte die Gäste gemustert und nach flüchtiger Betrachtung der anwesenden Bauernmädchen die Ueberzeugung gewonnen, daß Kasper in dieser Beziehung nicht gut prophezeiht habe! Jetzt ließ er die Augen ruhen und verharrte im Gegensatz zu dem Kameraden, der sich von Zeit zu Zeit umsah, in unveränderter Stellung, sichtlich in Nachdenken versinkend. Ohne aufzusehen, murmelte er endlich: »Wann e's nor gwihß wihßt'!« — Kasper sah ihn an und sagte lächelnd: »Bist scho' widder doh mit deina' Gedanka'?« — »Hol's der Deufel,« rief Michel, »i ka' net dervo' loaskomma'! Wann's ietz doch nex wär'? Wann's doch da' Schneider lieber hätt'? Gestert ist der Kerl a'mer verbeiganga', als ob's scho' sei' wär'! I hätt 'm glei oena' stecka' könna', so hoaffärteng hot 'r ausgseha', der Grippel!« — »Da' Schneider, glob' e, host net z'färchta',« erwiederte Kasper. — »I sott's oh net moena,« sagte Michel; und mit großartiger Verachtung setzte er hinzu: »So a Krack — so a Stump von 'm Menscha'! — net gröaßer als a Säustallthürle! I schmieß 'n über a Haus nüber, wann's sei' müeßt'! — 'S ka' net sei'!« — »Sie müeßt se ja schäma', wann's mit 'm geang (ginge),« setzte Kasper hinzu. »D'Leut dätet lacha 'n über so a Baar!« — »'S ist wohr,« sagte Michel. »Aber auf der andera' Seit; reda' ka'n er, schwätza' ka'n er, ond d'Mädla' send Mädla'. Wer'n (ihnen) flattirt, der hot scho' halb gwonna'.« — »Des ist freile oh widder wohr,« bemerkte Kasper. »Ond a'n Ohs ist der Schneider! Allweil woeß er ebbes Nuis. Ond manch's Mädle hot scho' so'n Kerl gnomma', weil's geara' d'Hosa'n a'ghett hätt! Vielleicht daß d'Great« — — Aber eine solche Zustimmung war es nicht, was unser Bursche jetzt wünschte. Seine Züge hatten sich verdüstert und unmuthig fiel er ein: »Schwätz net so domm! I glob's mei' Lebteng net! A Mädle wie d'Great will'n rechta' Ma'! Ond i woeß net, was grad do' (gethan) hot, daß d' so elend von 'r denkst!« — Kasper schwieg. Er wußte wohl, daß er nichts profitirte, wenn er nachwies, daß er nur Michels eigne Meinung wiederholt hatte! — Der Gewaltige ertränkte den unliebsamen Gedanken durch einen tüchtigen Zug aus der Bitsch und beide sahen stumm vor sich hin. Auf einmal erhellte sich das Gesicht Kaspers — man hätte sagen mögen schadenfroh — und Michel rief: »Aber kommt denn doh net — hol me der Deufel, sie send's!«
Sie waren's in der That, nämlich die Gret und ihr Vater. Sie kamen von der Westseite, denn sie waren auf Besuch bei der Schwester gewesen, die in dem nächsten württembergischen Dorfe verheirathet war, und fanden sich darum auch erst zu einer Zeit ein, wo der Nachmittag in den Abend überging. Als sie den Kameraden sich näherten, rief Kasper: »Godda'n Ohbed, Maurer!« und hielt ihm die Bitsch entgegen. Man wechselte Grüße und der Maurer that Bescheid. »Doh ist no' Plahtz,« sagte Kasper auf die Bank deutend. Der Maurer besorgte sich auch eine Bitsch, und man setzte sich zusammen.
Michel war überrascht gewesen und hatte die mit langsamen Schritten herbeikommende Gret sonderbar angestarrt. Sie war eben wieder sehr schön in ihrem Sonntagsstaat und namentlich in einem neuen seidnen, prächtig glänzenden Halstuch feinster Qualität! Der Gang in der Sonne hatte ihr Gesicht höher gefärbt, und ein guter Beobachter hätte bemerken können, daß ihre Augen, sobald Michel sich ihnen darbot, durch ein reizendes Funkeln belebt wurden. — Zu anderer Zeit hätte sich der erste Eindruck in dem Burschen vielleicht länger erhalten und eine verhängnißvolle Confusion der Gedanken zur Folge gehabt; allein zwei Maaß Lagerbier trinkt man nicht ohne Wirkung! Michel saß bald mit ruhiger Würde neben dem Maurer und nahm gemüthlich an dem Gespräche Theil, das sich entspann.
Kasper hatte gefragt, wo sie herkämen — nicht um es erst zu erfahren, sondern um vor ihnen und Michel zu verbergen, daß er es schon wußte. Nach der Antwort des Alten fragte Michel, wie's den Eheleuten ginge und wie der jungen Frau die Haushaltung anschlüge! Hierauf gab die Gret erfreulichen Bescheid: sie kämen gut fort und hausten recht gut zusammen. Anknüpfend an dieses gute Zusammenhausen nahm der Diskurs eine heitere Wendung. Kasper ging voran, und Michel bewies, daß er auch einen Spaß machen konnte, wenn's drauf ankam. In dem Behagen, das er empfand, war es ihm geradezu unbegreiflich, wie ihm vor der Gret jemals das Reden hatte schwer werden können! Beim Teufel! Heut konnte er schwätzen mit ihr wie mit seiner Mutter! Fragen — Antwort geben — Alles dünkte ihn ein Spaß! — was war das doch für ein Unsinn früher? — Der Umstand, daß er sich endlich in der Stimmung fühlte, nach der er getrachtet hatte und die er allein seiner würdig hielt, erfüllte ihn jetzt mit einem gewissen Stolz und einer eigenthümlichen Sicherheit. Die Gret war auch so vergnügt, daß ein Blinder hätte sehen müssen, wie sie sich freute, bei ihm zu sitzen! Die Furcht, als könnte sie den Schneider gern haben, war eine Dummheit, die größte, die ihm jemals vorgekommen! Den Schneider! So ein Mädchen! — Nein! Er — er selbst war der Glückliche! — Das war klar, daran konnte nur ein Narr zweifeln! — — Aber heute wollte er auch sein Wort anbringen! heut auf dem Heimweg wollte er sich an sie machen, Alles frisch weg heraussagen — das stand fest — und — auf den Herbst sollte die Hochzeit sein! —
Unterdessen hatte man das Bier nicht warm werden lassen. Auch die Gret, die sich durstig gelaufen, that aus der Bitsch, wo man's nicht sah, etwas bessere Züge, als sie's aus einem Glase gewagt hätte. Sie war in der That von ganzer Seele vergnügt. Michel in seiner Unbefangenheit, seiner guten Laune, gefiel ihr ausnehmend. Er war schöner als er ihr sonst vorgekommen, und offenbar auch viel gescheidter! Die Neigung, die sie immer für ihn gehegt hatte, steigerte sich diesen Abend zu dem ernstlichsten Wohlgefallen, und sie empfand das lebhafteste Verlangen, ihn endlich zur Erklärung zu bringen. Daß sie ihm gleichfalls heute nicht weniger gefiel, als früher, davon erlangte sie gewisse Ueberzeugung, und in der Hoffnung, einen solchen Prachtburschen zum Mann zu bekommen, wuchs ihr Vergnügen zu einer Art von Uebermuth. Sie neckte den Glücklichen von wegen weil er auf die Mädchen nichts gebe, was ein Unglück und eine schlechte Ehre sei für alle. Michel erwiederte: auf ihn käme nichts an, da gebe es andere, z. B. den jungen Schneider, der in der Fremd' gewesen sei und draußen Dinge gelernt habe, wo sie im Dorf nichts davon wüßten. Das wäre ein Kerl, der könne den Mädchen sagen, was sie gern hörten! Worauf die Gret versetzte: Der Schneider sei allerdings »a gallants Bürschtle,« an dem könnte sich mancher ein Exempel nehmen; aber es gebe eben so vornehme Bursche, die der Meinung seien, für sie wäre keine gut genug etc. etc. — Diesem kleinen Gefecht hörte Kasper mit Vergnügen zu, weil er seinen Plan dem Gelingen zureifen sah; der Maurer ergötzte sich daran, ohne den Ernst hinter dem Spaß gewahr zu werden. Zuletzt, nachdem sie einen Moment vor sich hingesehen, sagte das Mädchen: »Wie wär's, wammer (wenn wir) auf da' Felsa' naufgeanget, so lang d'Sonn no' schei't? Mir isch, als ob's ha'et bsonders schöa' sei' müeßt do droba'!« — Der Maurer wand ein, es möchte doch zu spät sein; sie müßten heim. Allein die Gret bat, die Kameraden traten dem Vorschlag bei und der Alte fügte sich.
Der nächste Weg vom Keller zum Felsen geht hinter dem Brauhause vorbei. Man gelangt, wenn man eine Treppe emporsteigt, auf einen grasigen Platz, der meist eben um den Felsen herumläuft — ehemals der innerste Hof des Schlosses.[4] Als unsre kleine Gesellschaft auf ihm der südwestlichen Seite zuging, neigte sich die Sonne schon den fernen Anhöhen zu. Vom Keller an hatte sich Michel zu dem Maurer gesellt. Wir wissen, daß er den Entschluß gefaßt, seine Wünsche auf dem Heimweg anzubringen; er folgte daher um so eher einem instinktmäßigen Trieb, nach der geschehenen Annäherung sich wieder ein Bischen zurückzuziehen, die Gret dem Kasper zu überlassen und zur Hauptaction neue Kräfte zu sammeln. Das war aber nicht die Rechnung des Mädchens, die das Besteigen des Felsen eben vorgeschlagen hatte, um dem Michel zu weiterer Annäherung Gelegenheit zu bieten, in der Hoffnung, einen Moment herbeiführen zu können, wo ihm, der einmal im Zuge war, das Schloß vom Munde fallen sollte. Wie sie nun, am Felsen angekommen, ihn ernsthaft mit dem Vater diskuriren und zurückbleiben sah, warf sie einen Blick des Bedauerns auf den Liebhaber, der die gute Gelegenheit versäumte, mit ihr aufzusteigen und ihr allenfalls dabei zu helfen. Damals war der Weg (er befindet sich auf der Südwestseite) noch nicht so bequem wie jetzt, wo neue Treppen in den Felsen gehauen sind. Kasper, der mit der Gret hinan stieg, kam einmal im den Fall, ihr die Hand reichen zu müssen, um sie einige Schritte zu führen; und es ist zu vermuthen, daß sich diese Nothwendigkeit für Michel öfter ergeben hätte. »'S ist doch a'n o'gschickter Mensch«, sagte sie sich. Aber ein Gedanke beruhigte sie wieder: »Vielleicht will er se bei mei'm Vader wohl dra' macha', des ghöart oh zor Sach, obwohl der nex dagega' haba' wurd — o conträr!« —
Alle waren endlich auf dem Gipfel angekommen. Man ging hin und her und schaute. »Ei wie schön!« rief die Gret und hing mit freudigem Blick an der Landschaft. »Du host Rehcht,« setzte der Maurer hinzu. »'S ist wärle der Müh wearth gwesa', daß mer (wir) raufganga' sind.«
Der Bauer ist kein schwärmerischer Bewunderer der schönen Natur. Zunächst weil er überhaupt nicht so leicht schwärmt; dann aber weil er gewissermaßen selber zur Natur, zur Landschaft gehört und mit ihr auf zu vertrautem Fuße lebt, um über ihre Erscheinungen außer sich zu kommen. Ein recht schöner Anblick verfehlt aber auch auf ihn seine Wirkung nicht; er freut sich darüber herzlich und kindlich — und das Ries im Schein der Abendsonne ist ein Bild, dessen Reiz auch die substantiellere Natur eines eingebornen Dorfbewohners zu ergreifen vermag.
Die Luft war klar, auf der nordwestlichen Seite kein Wölkchen am Himmel. Die gelben oder noch grünlichen Getreidefelder — die schon »geschnittenen« Aecker, zum Theil noch mit »Sammelten« bedeckt — die lichtgrünen Wiesen, die Brachfelder mit verschiedenen Abstufungen von hellerem und dunklerem Grün — die zahlreichen Orte in der Nähe und in der Ferne — Alles das stand vor den Augen in deutlichen Umrissen und durch den zarten sommerlichen Duft gleichwohl zu einem schönen landschaftlichen Ganzen verbunden. Unter ihnen lag der Markt Wallerstein mit den beiden fürstlichen Schlössern und den Parkanlagen; am nordwestlichen Horizont ragte das hochgelegene Schloß Baldern über Hügel ins Ries herein; nach Westen zu erhob sich das ehemalige Lanenkloster Kirchheim auf mäßiger Höhe, und weiterhin stieg der Langenberg und der Nipf bei Bopfingen empor. Eine halbe Meile entfernt, gegen die südlichen Hügel hin, war die Stadt Nördlingen gelagert mit ihren vielen ansehnlichen Gebäuden, Zwingern, Gärten und Alleen — und rechts und links wohlhäbige Dörfer über die Ebene hingesät. Die Ruine Hochhaus schimmerte aus Wäldern hervor; auf den südöstlichen Höhen prangten das Schloß Reimlingen und die ehemalige Benedictiner-Abtei Deggingen, weiter nach Osten die Schlösser Harburg und Lierheim und die Reste von Allerheim. Kehrte man sich nach der nördlichen und nordöstlichen Seite, so erblickte man die stattliche Kirche von Zipplingen, das Kloster Maihingen und den langen Hesselberg — die Schlösser Hochaltingen und Spielberg, den uralten Thurm von Hohentrüdingen, die Städte Oettingen und Wemdingen. Die nordwestlichen Anhöhen standen in grünlichem Duft, unter der Sonne golden überhaucht; die südwestlichen erquickten das Auge mit wenig gedämpftem Waldesgrün; die entfernteren südlichen und östlichen glänzten in wundervollem Blau, hie und da von helleren Partien der Getreidefelder durchzogen. Eben die Anhöhen, welche die Ebene rings umgeben, erwecken in dem Eingebornen das Gefühl, daß er in einem Paradiese lebt — in dem landschaftlich eingeschlossenen und abgeschlossenen, fruchtreichen, schönen Ries!
Unsere Leute genossen das Malerische des Anblicks auf ihre Weise, in großen Linien, und verwendeten deshalb weniger Zeit darauf als wir auf die Beschreibung. Sie gingen zu einer sachlichen Unterhaltung — zur Hervorhebung einzelner Gegenstände über. Sie zeigten sich Orte, die das Merkwürdige hatten, daß darin Freunde von ihnen hausten; sie machten Anhöhen namhaft, die sich dadurch auszeichneten, daß sie von ihnen schon bestiegen worden waren. Die Gret deutete das Haus ihrer Schwester an, welches leider von einem großen Bauernhaus verdeckt sei; und zuletzt concentrirte sich die Aufmerksamkeit auf dem interessantesten Dorf — auf dem eigenen. Man zeigte sich seine Häuser, Wiesen und Aecker, und Anblick und Besprechung dieser traulichen Objekte versetzten die Landleute wieder in eine muntere und fröhliche Stimmung.
Michel hatte sich hie und da an die Seite der Gret gestellt, allein nach seinem Plane sich nicht mehr mit ihr abgegeben, als mit den Andern, obwohl der Kamerad den Maurer ein paarmal abseits geführt hatte, ihm Gelegenheit zu verschaffen. Die Gret, dadurch gereizt und in der erhöhten Laune des Tages, beschloß ihm einen Schreck einzujagen und — ihm entgegen zu kommen. Als die Andern in die östlich gelegene Spalte hinabgestiegen waren und Michel schweigend neben ihr stand, that sie einen Schritt gegen den Rand des Gipfels, von dem es hier schroff abwärts ging, zuckte und »grillte« (kreischte), daß es eine Art hatte. Michel erschrak in der That und versäumte, rasch zuzugreifen; als er sah, daß sie selber feststand, hielt er es nicht mehr für nöthig und schaute sie beruhigt an. Die Gret verzog den Mund. »Du bist a schöaner Nochber,« sagte sie; »du ließest me nonterfalla' ond sächtest (sähest) ganz ruheng zua'!« — Der Ehrliche war etwas beschämt, weil er selbst fühlte, daß er zu langsam gewesen; aber eben darum wollte er den Vorwurf zurückweisen. »No, no,« erwiederte er, »du host de ja selber ghalta'. — I hab' eba' denkt, du wurscht Versta'd gmuag haba' ond net z'weit nausganga!« — Für einen Liebhaber keine galante Rede! Die Actien des Burschen, insbesondere seiner Gescheidtheit, sanken wieder, und das Mädchen, etwas empfindlich geworden, suchte die Andern auf.
Die Sonne zerschmolz eben am Horizont — der Alte mahnte zum Aufbruch. Die Gret, um den Michel für sein Ungeschick zu strafen, ging zuerst hinunter und that, als ob er gar nicht mehr da wäre. Natürlicherweise fühlte nun er, dem es doch schwante, daß er sie »geärgert« habe, einen Trieb, ihr nachzugehen und sie wieder gut zu machen. Nachdem sie alle auf dem schon thauigen Rasen angekommen waren, führte Kasper, der des Kameraden Absicht merkte, den Alten im Gespräch links um den Felsen. Unser Paar sah sich allein. Der Bursche sagte ihr etwas Schönes wegen der Geschwindigkeit, womit sie den Felsen herabgestiegen war. Sie, noch ein wenig schmollend, aber seines guten Willens halber schon wieder auf dem Weg zur Güte, entgegnete: »Ja, a bisle gschwender ben e freile als du! Bei dir hoeßt's eba': komm' e ha'et net, komm' e morga'. I sorg', du wurscht überal z'spät komma'!« — »Oho,« erwiederte Michel und lächelte, denn das Gesicht, womit ihm dieser Vorwurf gemacht worden, hatte nichts Beleidigendes. Das Mädchen sah ihn an — und nochmal fühlte sie eine Regung, für ihn etwas zu thun. Sie sagte: »Globsch (glaubst du), du ka'st me net fanga', wann e spreng (springe, laufe)?« — »Ih dih?« versetzte Michel und konnte nicht umhin, über so eine Behauptung die Achseln zu zucken. — »Ja, du mih,« erwiederte die Gret mit Nachdruck. Das hieß den Michel bei der Ehre angreifen; und im Gefühl seiner langen Beine rief er mit stolzer Sicherheit: »Loß de net auslacha'!« — »Ja,« sagte das Mädchen, »pranga' ka'n a'n ieder; aber i glob's net!« — »Du bist net gscheidt!« entgegnete Michel. »No, so zoeg's,« fuhr die Gret fort, »ond fang me, wann d' ka'st!« — Sie faßte ihren Rock auf beiden Seiten, hob ihn ein wenig in die Höhe, um den Beinen mehr Freiheit zu gewähren, und lief — aber nicht links, den Andern nach, sondern rechts um den Felsen, einer Grube zu, die sich auf der nördlichen Seite des Felsens befindet. Michel, so herausgefordert, hatte sich bereit gemacht; er ließ ihr einen Vorsprung, dann fing er an auszugreifen, daß er sie schon im Eingang der Grube erreichte. Aber der Triumph, sie nun zu fassen und zu halten, war ihm ein viel zu geringer — er lief einige Schritte über sie hinaus, bis sie schnaufend zurückblieb, drehte sich um und rief siegesfreudig: »No, was hab e gsakt? Ka'n e's oder ka'n e's net?« — Die Gret sah ihn mit einem fast wehmüthigen Blick an, und mit dem Doppelsinn, den ihr die Situation aufdrängte, versetzte sie: »Ja, ja, i hab' me g'irrt en dir — ond mueß me schäma'!« — Michel, weit entfernt zu begreifen, trat näher und sagte mit dem Tone wohlwollender Ueberlegenheit: »No, no, z'schäma brauchst de grad net, wann ih über de nausloff!«
Der absolute Mangel an Verständniß machte die Gret lächeln und die grundehrliche Meinung des Burschen versöhnte sie wieder. In der Grube war es schon dämmerig; der Spaziergang, auf den sie so viele Hoffnung gesetzt, nahte sich seinem Ende, und daß die beiden Burschen mit ihr heimgehen würden, konnte sie nicht als gewiß annehmen. Wer wird es ihr nun verdenken, wenn sie bei der Redlichkeit ihrer Absichten die Gelegenheit ergriff, mit dem Burschen noch einen Versuch zu machen? Am Ende — sie that damit ihre Schuldigkeit, und wenn gleichwohl an ihm nichts half, so brauchte sie sich wenigstens keinen Vorwurf zu machen.
Sie hatte gemerkt, daß sie beim Laufen die Glufe, womit das Halstuch des Rieser Bauernmädchens auf dem Rücken angeheftet wird, um daselbst ein regelrechtes Dreieck zu bilden — verloren und ihr schönes seidenes Halstuch sich verschoben hatte. Indem sie eine Glufe von der Brust auszog, wo sie minder nöthig war, sagte sie zu Michel: »Ietz muß e de no' om a Gfälligkeit bitta'! I spür, daß mei' Gluf rausgfalla'n ist aus mei'm Halstuch, ond's wär mer lieb, wann d' mers widder nei'stecka' möchtst, vor mer zrückgont (zurückgehen).« Während sie dieses sagte, hatte die Phantasie ihr vorgezaubert, was ihr Herz wünschte. Michel fand während dieser Beschäftigung den Muth der Liebe, folgte ihm freudig und hielt jene Anrede an sie, die wenn auch noch so kurz, doch vom Munde des Mannes gehen muß, um von dem Mädchen bejaht den Bund der Herzen thatsächlich zu knüpfen.
In diese Seelenmusik ertönte plötzlich die Antwort des wirklichen Michel: »I will's versuacha'! Muß d'r aber scho' saga', daß e mit deana (diesen) Sacha' net recht omganga' ka'!« — wodurch die Gret belehrt wurde, daß es noch nicht an dem sei. Der Bursche nahm die Gluf und stellte sich hinter sie; er wollte ihr nun auch wirklich gefällig sein und genau thun, was sie haben wollte. Als er anfing, das Halstuch zurechtzurücken, wurde ihm doch sehr curios. Sein Herz fing an zu schlagen, vor seinen Augen begann es zu schwimmen; er fühlte ein außerordentliches Verlangen, just das zu thun, was sie wünschte und ihr Phantasiebild wortwörtlich zu erfüllen. Allein zu rechter Zeit noch mahnte ihn die Pflicht und sein Vorsatz. Ihr die Gluf anzustecken, das hatte sie verlangt, darum war es ihr zu thun, und darin mußte er ihr zu Willen sein. In der Verwirrung seiner Lebensgeister zog er das Tuch rechts und links, ohne ihm die gehörige Lage geben zu können. Die Gret rief: »Daß 's fei' recht en d' Mitt nei' kommt!« Denn grad in der Mitte des Rückens muß die Spitze befestigt werden, wenn das schöne Dreieck herauskommen soll. Dieser Zuruf des offenbar etwas ungeduldigen Mädchens traf den Burschen. Das Tuch hing eben zu weit rechts. In seiner Confusion that er instinktmäßig einen Riß gegen die Mitte, wobei er die Kraft seiner Finger nicht erwog, und — ein Fetzen des Halstuchs blieb in seiner Hand.
Nun riß aber auch die Geduld der guten Margret! Nachdem sie so weit gegangen — nachdem sie ihm auf eine Art entgegen gekommen war, daß der Einfältigste hätte begreifen müssen — ihr, anstatt ihren Wunsch zu erfüllen und ihr um den Hals zu fallen, das schöne neue Halstuch zu zerreißen — das war denn doch in Wahrheit »dümmer, als verlobbt ist.« So einen Menschen zum Mann zu kriegen, ist am End auch kein großes Glück, und — — sie hatte sich umgedreht, sah den Fetzen in seiner Hand, sah das Gesicht halb verlegen, halb lächelnd gegen sie gewendet, und rief erzürnt: »Du bist aber doch o'gschickter als der Deufel! So a Mannsbild! Gang nor glei (gleich) morga' zom Schulmoester ond loß d'r dei' Schuelgeld widder rausgeba'; denn des ist net verdeat (verdient) woara!« — Das war auch nicht höflich, und so etwas hatte Michel noch nie gehört. Er wurde seinerseits ärgerlich und entgegnete: »I hab d'r ja gsakt, daß e mit deam Zuig (Zeug) net omganga ka' — w'rom trägst mer's auf?« Und mit stolzem Selbstgefühl setzte er hinzu: »I hab ebbes anderst's z'doa' en der Welt, als da' Mädla' d'Halstüacher na'zmacha!« — Die Gret sah ihn achselzuckend an und sagte: »Ja, des glob' e!« — Der Bursche fühlte einen Drang, sich von jedem Vorwurf rein zu waschen; deswegen, den Fetzen emporhaltend, bemerkte er: »Des Tuech doh, nemm mers net übel, ist aber oh nex nutz gwesa'! 'S ist eba' widder so a nuimodischer Lompazuig (Lumpenzeug), so dent (dünn) wie Spennawett (Spinnweb)! Mei'r Mueter ihr Halstuch wär' m'r net in der Ha'd blieba'.« —
Das Mädchen wußte nicht, sollte sie lachen oder weinen. Sie hielt an sich und erwiederte: »Du host natürlich Rehcht! Ma' woeß ja, doß d'r Gscheidtst bist en der ganza' Gmoed (Gemeinde). — So, ietz ka'n e mit 'm verrissenga' Halstuech hoemganga'!« — Michel, der einmal in den Schuß der Dummheit gekommen war, verstand die letzte Rede wieder falsch. Er trat mit ritterlicher Intention einen Schritt näher und sagte tröstend: »Doh brauchst de net z'kränka'! — ih ka' d'r scho' a nuis kohfa!« — Das gab ihm bei dem Mädchen den Rest. Wahrhaft beleidigt, riß sie ihm den Fetzen aus der Hand und rief; »So viel Geld hab' e no' übreng, um m'r a nuis Halstuch z'kohfa! I brauch nex von dir, du oefältenger Mensch!« — Sie wandte sich rasch ab und ging fort.
Michel stand verdutzt. Er hatte eine dumpfe Ahnung, daß er doch nicht ganz richtig gehandelt haben könnte. Ein Aerger erhob sich in seiner Brust — über sein Unglück, über die Hitze der Gret, über das Mißgeschick, das ihn überall verfolgte. Indem er nachdenken wollte, fühlte er, daß ihm heute auch das Denken nicht mehr geriethe. Er spürte eine ziemliche Mattigkeit in seinen Gliedern, setzte sich auf ein Felsstück und überließ sich der formlosen Bewegung seiner unmuthvollen Seele. Endlich erhob er sich rasch und trat den Rückweg an; er wollte doch sehen, wie's stehe und was zu thun sei!
Als er an seinen Tisch trat, waren der Maurer und die Gret schon fort; Kaspar erwartete ihn, unwissend, was er denken sollte, und höchst neugierig was denn passirt sei. Die Gret sei zurückgekommen, sehr ernsthaft und ärgerlich, und habe erzählt: sie hätte ihren Fürwitz gebüßt, sie wäre in einer Grub am Felsen hingegangen und ein spitziger Stein hätte ihr das Halstuch zerrissen. Er, Kasper, habe nicht begreifen können, wie das zugegangen sei, und nach ihm, dem Michel, gefragt; worauf sie zur Antwort gegeben, sie wisse nicht wo er hingelaufen sei. Dann habe sie an ihrem Vater getrieben, sie müßten nach Hause, sie habe noch etwas herzurichten auf morgen früh — und der Maurer sei mit ihr fortgegangen. »Was hot's denn geba'?« rief der gute Bursche zuletzt mit dem Antheil eines Freundes, der das Seine gethan. »Send'r (seid ihr) oeneng woara'n oder« — »Jo«, rief Michel mit dem Humor der Verzweiflung, »oeneng! — Aus isch!« — Kaspar fuhr empor. »Was! — aus?« — »Aus«, erwiederte Michel, »wie'n e der sag!« — »Aber wie hot's denn ganga'? So verzähl m'r doch!«
Unser Bursche war gedrückt von dem Unstern, den er gehabt, von dem Unwillen, der in seiner Seele emporschwoll — er mußte sein Herz erleichtern, und er wollte dem treuen Kameraden Alles vertrauen. Wie er erzählte, daß er in der Grube über die Gret hinausgelaufen sei, machte Kaspar Bewegungen, als ob er das Gliederreißen hätte. »Nausgloffa?« wiederholte er mit unwilligem Staunen; und den Zorn des Gewaltigen riskirend, setzte er entrüstet hinzu: »O du dommer Kerl! Host denn net gseha', wos die gwöllt hot?« — »No, was denn?« fragte Michel. Und Kaspar fuhr fort: »Fanga' hättsch (hättest du sie) solla' — ond d's Maul hättst aufdoa' solla, wann's ghett hättst! Desdawega' hot's de rausgfoadert!« — Michel war betroffen; die Sache leuchtete ihm ein, und nur kleinlaut sagte er: »Moest?« — »Ach, i bitt' de!« rief der Kamerad höchst verdrießlich. — »No, verzähl weiter!«
Michel erzählte das Uebrige. Kaspar sah ihn an, wie einen, bei dem's nicht recht richtig ist, und brach in ein lautes Gelächter aus. »Lieber Michel«, sagte er endlich, »nemm mer's net übel, aber dir muß ma' da' Dippel boara' (der Düppel bohren)! Was! doh host no' nex gmerkt?« — Unser Bursche, einmal auf dem Wege der Selbsterkenntniß, begriff — und ein dumpfes Schamgefühl begann in ihm aufzuquellen. Allein seine Handlungsweise hatte doch auch ihre Gründe, und zu seiner Rechtfertigung mußte er sie geltend machen. »Aber i sag d'r«, entgegnete er etwas verlegen — »ihr Halstuech ist wärle verschoba' gwesa'! Ond i hab gmoet« — — »Ietz höar auf«, rief Kaspar »ond ärger' me net! Die hot se ebbes om ihr Halstuech kümmert! Des ist 'r aufglega'! — no' derzue bei der Nahcht, wo's koe Mensch sicht!«
Bei dieser Hinweisung auf die Nacht ward es Tag in unserm Burschen. Er schämte sich in den Tiefen seiner Seele, und ein großer Verdruß über sich selbst erhob sich in ihm. Indessen wenn man angegriffen ist, muß man sich doch vertheidigen, und darum sagte er: »'Smag sei'! Aber 'sist vielleicht besser, daß's so komma'n ist! Mit dem Mädle hab e amol nex acks (als) O'glück — und wear woeß« — Kasper fiel ihm in die Rede: »O'glück haba' nennt 'r des! Ietz wurd's mer zviel! Glück host tausedmol meaner (mehr) as der Brauch ist — — aber (auf die Stirn deutend) doh fehlt's!« — Nach kurzem Schweigen setzte er hinzu: »Ietz bitt' e de nor om oes! Verzähl m'r koem Menscha' nex dervo'! Ih as dei' Kamrad mueß me schäma' für di! Du host de benomma, daß a wahra' Schand ist! Wie a Dommkopf, wie a Sempel, wie a — —«
Der gute Kaspar wollte die Gelegenheit der Vernichtung Michels benutzen und sich für die Grobheiten, die er von ihm schon anzuhören gehabt hatte, entschädigen. Aber nun wurde es dem Enakssohn zu bunt. Er richtete sich empor in seiner ganzen Macht und rief mit dunkelbraunem Gesicht: »Ietz sei mer still, oder i schmeiß de onter da' Dihsch (Tisch) nonter, doß d's Aufstanda' vergischt! Kott's Höllablitz! — Willst me du oh no' verzürna'? — I hab mei' Lebteng mit deana Lueders-Weibsbilder nex z'doa ghett — wie sollt' ih ihr' Ränk ond Schwänk kenna'?« — Kasper, zur Mäßigung gemahnt, versetzte mit Humor: »So got's eba'! Wer nex lernt, der ka' nex!« — »Was doh«, rief Michel unmuthig. »Falsche Ohser sends alle mit anander! I ben froa', daß so ganga'n ist, ond meiner Lebteng loss' e me ietz mit koer mea' ei'! Aus isch!« — Er ergriff die Bitsch, leerte sie auf einen Zug, stand auf und rief mit dem alten Herrscherton: »Ietz komm!« — Er ging. Kasper folgte.
Auf dem Heimweg schüttelte der Erfahrene noch zu wiederholtenmalen den Kopf. Es war freilich beinahe nicht zu glauben, wie der Kamerad sich benommen hatte. Aber abgesehen von den Gründen, die er selber angab, war er ein Deutscher und hieß Michel. Er war ein Schwabe und erst sechsundzwanzig Jahre alt.
Beim Tanze.
Als die Gret am andern Morgen in ihrem Bett erwachte, überlegte sie bei dem heitern Schein der eben aufgegangenen Sonne die Vorfälle des gestrigen Abends in ihrem Zusammenhang und ihrer Steigerung — und brach in ein helles Gelächter aus. Nichts in der Welt kam ihr so närrisch vor wie der gute Michel in seiner Einfalt. Was sie gestern erzürnt hatte, das erschien ihr heute unendlich lustig, und um keinen Preis hätte sie sich ihr zerrissenes Halstuch abkaufen lassen. »O ist des a gueter Kerl!« rief sie, Lachthränen in den Augen. »Ist des a dommer Mensch!«
Mit dem Unmuth war aber auch die Geringschätzung, die sie gegen ihn empfunden hatte, völlig aus ihr gewichen. Die Heiterkeit stimmte sie zur Milde, zur Gerechtigkeit. Sie fühlte, wie gut ers eigentlich meinte, wie durch und durch ehrlich er war, und wie ihm nur die rechte Art fehlte. Ihre Seele hing an seinem Bilde, wie das Aug einer Mutter an ihrem Kind, mit liebend mitleidigem Antheil. »G'scheidt ist er freile net,« sagte sie endlich, »ond wie ma' mit da' Mädla'n omgot, des woeß er gar net. Aber was schadt's? 'S ist am End besser, er lernt's von mir, als wann ers scho' von 'r andra' glernt hätt!«
Da sie die Schwäche des Burschen von der schönern Seite betrachtete, so leuchtet ein, zu welchem Schlusse sie kam. Sie wollte ihn durchaus nicht aufgeben, ihm vielmehr Alles verzeihen und bei der nächsten guten Gelegenheit sich alle Mühe geben mit einem neuen Versuch. »'S ist freile net en der Oarneng (Ordnung),« sagte sie mit etwas bedenklichem Gesicht, »daß d's Mädle widder a'fangt. Aber was ka'n e macha'? 'S got amol net anderst, ond a jeds mueß doa', was eba' ka'! — So o'stearisch (unsternisch, unglücklich), wie desmol,« setzte sie erheitert hinzu, »wurds ja doch net allmol ganga'!«
Es hatte einen ganz absonderlichen Reiz für die muntere Gret, den dummen prächtigen Michel zu gewinnen. Sie lächelte holdselig für sich bei diesem Gedanken, ihre Augen glänzten und schelmisch verlangend rundeten sich die schönen rothen Lippen.
Vergnügt kam sie in die Stube. Als sie nach der Begrüßung des Alten wieder an Michel und sein Benehmen dachte, konnte sie sich nicht enthalten, für sich hinzulachen. Ihr Vater sah sie verwundert an und sagte: »Was host denn? Du bist ja gwihß net gscheidt?« — Die Gret erwiederte: »'S ist m'r grad ebbes ei'gfalla'!« — »Gang weiter,« sagte der Maurer, der nicht zu den scharfsichtigsten Menschen gehörte, »du bist a verruckts Mädle! Mach lieber, daß mer a Supp krieget ond zom Schneida' kommet!«
Anders war die Nachwirkung des gestrigen Abends bei dem Burschen. Auch er sah klar an dem hellen Morgen, aber bei ihm erzeugte die Klarheit nicht Heiterkeit und Milde, sondern grimmigen Verdruß und Wuth über sich selbst. Schon Göthe hat hervorgehoben, wie der arme Mensch, des Morgens im Bette erwachend, in der Passivität des Daliegens den Pfeilen der Selbstanklage und der Reue wehrlos preisgegeben ist. Michel, in dem Nachtheil seiner Lage, erkannte aufs deutlichste, wie dumm er sich gestern benommen; Scham färbte sein Gesicht, er strampfte mit dem Bein, daß die Bettstatt krachte. »O du Ochs«, rief er aus und gab sich einen Schlag vor die Stirn, der einer minder harten gefährlich werden konnte. »So domm sei'! — net seha', was d's Ohs will, ond globa', sie will des, was sie sakt! Als ob's net grad allmol ebbes andersts wölla' dätet, die — —! — Ietz kenn e's (ich sie) auf oemol — ietz, wo's nex mea' hilft!«
Michel, wie der Leser schon gesehen, war hinterdrein immer um ein Gutes klüger als vorher; er machte sich seine Erfahrungen in Wahrheit zu nutze, er ging vorwärts, und es war darum keineswegs an der Durchbildung seines Verstandes zu verzweifeln, wenn man ihm nur Zeit gab, die hiezu nöthige Zahl von Erfahrungen zu machen. Das ist aber eben das Schlimme bei dieser gründlichen Art der Entwicklung, daß man oft gewisse Einsichten erst zehn Jahre später erlangt, als wo man sie brauchte, und unter solchen Verhältnissen gar vieles unwiederbringlich verloren bleibt.
»So a Glegenheit«, murmelte der Bursche für sich hin. »Moets so guet mit m'r, richt't mers na' — a'n oezengs Wöartle, ond mei' wär's! — Ond ih ben so hihra'dippleng und verreiß 'r d's Halstuech! Noe (und er brach selber in ein Lachen aus) so 'n oefältenga' Menscha' gibts en der Welt nemmer! Des ist gar net möglich! — Natürlich isch wüadeng woara', des begreift se — über so'n Esel! Die möcht' i oh seha', die doh d'Geduld net verliera' dät!« —
Er versank in tiefes Nachdenken. »'Sist verloara'«, begann er aufs neue, »ganz ond gar verloara'! So'n domma' Menscha muß ma verachta', 's got net anderst; ond wo amol koe Respekt mea' ist, doh hot's mit d'r Liab a'n End! — O, i wott glei« — —
Er sprang auf, zog sich an, und murrte dabei fortwährend über sich selbst. — Als er in die Stube trat und der Mutter guten Morgen bot, sah ihn diese an und sagte: »Wie sikscht denn du ha'et aus? — Du host g'wiß gestert z'tief en d'Bitsch nei'guckt!« — Michel war froh, die Alte auf dieser Fährte zu sehen, und dichtete sich einen Katzenjammer an, obwohl mindestens das doppelte Quantum des gestern Getrunkenen erforderlich gewesen wäre, ihm eine Andeutung davon zu geben. »Ja«, erwiederte er, »i ben a bisle z'weit ganga'! Aber (setzte er mit saurem Gesicht hinzu) i hab a Lear (Lehre) kriegt, ond wear me a'nandersmol hüeta'!«
Als er nach dem Frühstück auf's Feld hinausging, dachte er: »Ietz nor Alles ha'et, als dem Mädle net begegna'!« Er empfand eine grausame Scheu, das Gesicht zu sehen, das er sich nicht anders als höhnisch denken konnte und dessen bloße Vorstellung ihm schon einen Stich ins Herz gab. Unbehelligt kam er an seinen Acker, und froh über dieses Glück schnitt er rüstig in Gesellschaft seiner Mutter und einer Taglöhnerin die zeitgemäße Gerste. Aber seine Furcht war doch eine Ahnung dessen, was kommen sollte! Da sie den Acker noch fertig schneiden wollten, so gingen sie erst spät zum Mittagessen heim. Michel blieb in Gedanken zurück, und wie er in die Gasse einlenkte, kam ihm die Gret entgegen. Er erschrak, und sein Gesicht zeigte eine so komische Mischung von Verlegenheit, Verdruß und Empfindlichkeit, daß das Mädchen, als er ohne zu grüßen an ihr vorüberschritt, sich nicht anders helfen konnte — sie mußte grad hinaus lachen.
Es that ihr unendlich leid, sobald es geschehen war. Sie fühlte, daß es jetzt zu Ende sei mit ihm, und daß ein Wunder geschehen müßte, wenn er ihr dieses Lachen verzeihen sollte! — Sie schalt sich selbst, wurde sehr ernsthaft und beruhigte sich endlich nur in dem Vorsatz: für jetzt sich zurückzuhalten und Alles in Geduld zu erwarten.
Ihr Gefühl hatte sie nicht getäuscht. Michel war im Tiefsten beleidigt. »I habs ja gwißt«, sagte er schamerglühend zu sich selbst, — auslacha' wurd's me! — No, ietz isch aber verbei, — ietz sig e's nemmer a' meiner Lebtag! I ben a'n Esel gwesa', daß e denkt hab', sie hält doch ebbes auf mi! Wean ma' so auslacht, auf dean hält ma'n ebbes, ja wohl! — Nia hot ma'n ebbes auf 'n ghalta'!«
In seiner gerechten Entrüstung ging er zu dem Kameraden und erzählte ihm, was ihm passirt sei und was er nun denken müsse. Kasper wollte die Schlußfolge Michels nicht gelten lassen; aber dieser machte ein Gesicht, daß er seine Einwendung gern fallen ließ und meinte: es könnte doch so sein! — Gewisse Leute finden immer Beistimmung.
Michel faßte den Entschluß, die Gret nicht nur ihres Weges gehen zu lassen, sondern gar nicht mehr an sie zu denken. Zunächst wurde er aber doch noch an sie erinnert. Seine Mutter erfuhr nämlich im Lauf der Woche von einem Nachbar, Michel sei am Sonntag beim Maurer und seiner Tochter gesessen, er sei recht »lebendeng« gewesen, und es habe just so ausgesehen, als ob ihm die Gret gefiele. — »Des gäb' a rechts Baar«, hatte der Wohlwollende hinzugesetzt, — »doh müsset 'r a Bisle helfa'!« — Die Alte war sehr erfreut über diese Nachricht und nahm sich gleich vor, bei guter Gelegenheit auf den Busch zu klopfen und zum Zwecke zu reden.
Als sie einen Tag darauf nach dem Essen allein in der Stube waren, begann sie mit jenem Lächeln, das nur Müttern eigen ist, wenn sie auf eine ihnen genehme Liebschaft des Sohnes anspielen: »Des mueß ma' doch saga', d's Maurers Margret ist doch ietz d's erst' Mädle em ganza' Doraf! Wie die so gschickt ist ond wie der Alles aus der Ha'd got! 'Sist wärle zum Verwondra'!« — Michel blieb stumm. — »No, isch net wohr?« fuhr die Alte fort und sah ihn an. — »'S ka' sei'«, entgegnete Michel. — »Die Gschwendne (Geschwindigkeit)«, begann die Mutter wieder, »hab' e no' net leicht gseha' bei 'm Mädle! Sie schafft für zwua (zwo, zwei).« — »Mei'daweg für drei!« versetzte der Bursche. Die Alte wollte aus dieser Antwort entnehmen, Michel schäme sich zu bekennen, und fuhr fort: »Wer die zom Weib kriegt, deam isch net gfehlt — der hots troffa' — noch mei'r Moeneng!« — »I wensch 'm Glück derzue«, bemerkte der Sohn ohne aufzusehen und mit einem Ton, der der Alten doch befremdlich klang. »No, was host denn ietz?« rief sie; und lächelnd setzte sie hinzu: »bist net amol aufrichteng mit dei'r Mueter? I will der's nor saga': die Great wär a Mädle für dih, ond wann de a Bisle om se rommacha' dätst« — —
Michel sah auf mit unmuthigem Gesicht. »Die Great«, erwiederte er kurz, »wär die Letscht (Letzte), die i näam (nähme)!« — »Aber worom denn?« rief die erstaunte Alte. — »Weil's a'n Ohs ist«, war die Antwort, »ond weil e's net leida' ka'!«
Die Mutter wollte ihren Ohren nicht trauen. »Aber du sollst de ja beim brauna' Bier recht guet mit 'r onderhalta' haba'!« — »Descht (das ist) a domma' Schwätzerei — weiter nex!« entgegnete Michel. Und indem alle Schmach, die er erfahren, in seiner Seele brannte, rief er mit Nachdruck: »Von deam Mädle red m'r nex mea' — i will nex von 'r höara'!« — Die Alte war bestürzt und schwieg einen Moment still. Dann sagte sie mit einem Klageton, der aus der Seele kam: »Aber sag m'r nor, willst denn ietz barduh (partout) net heiricha'? Magst denn gar koena'? Soll e meiner Lebteng koe Söhnere mea' ens Haus kriega'?« — Dieser Ton traf den Burschen; — und da es die Mutter doch so gut meinte und vielleicht die einzige Person in der Welt war, die es gut meinte mit ihm, so ging er auf sie zu, nahm sie bei der Hand und sagte von Herzen: »Mueß denn aber grad gheiricht sei'? I hab ja a brava' Mueter, die m'r nex ahganga' (abgehen) loßt and bei ders m'r wöller ist, als bei so 'r jonga Butzdock (Putzdocke)!« — »Ach«, erwiederte die Alte, die sich doch etwas geschmeichelt fühlte, »wann e aber stirb, was nocht?« — »Du lebst länger als ih«, rief Michel, nickte versichernd — und suchte das Weite.
Wie vorsichtig die gute Frau war, und wie sehr sie eine Scheu empfand, über ihren Michel ein Gerede zu veranlassen, das ihn erzürnen würde — den Widerspruch zwischen der Erzählung des Nachbars und dem Benehmen des Burschen konnte sie doch nicht verwinden. Sie erkundigte sich gelegentlich bei dem Kameraden. Dieser spürte kein Verlangen, die Wahrheit zu sagen und unter Umständen die Kraft der Michelschen Fäuste zu empfinden; er erwiederte, sie hätten allerdings eine Ansprache mit dem Maurer und seiner Tochter gehabt, aber diese hätte dem Michel ein paar spöttische Reden hinausgegeben, das habe ihn geärgert und nun sei sie ihm zuwider. — Die Mutter seufzte und resignirte noch einmal. Zum Nachbar sagte sie: »Desmol hont 'r falsch gseha'!« Der Alte meinte: »Nocht wurd's halt d's brau' Bier gwesst sei', was 'n so monter gmacht hot!« — »Des glob' e ehr«, entgegnete die Mutter — und die Frage war abgemacht für sie.
Die Erndte ging ihren Gang. Das letzte Fuder Hafer war ins Dorf gefahren, und das Verhältniß zwischen Michel und der Gret noch das alte. Mit dem Maurer wechselte der Bursche die gewöhnlichen Grußformeln. Begegnete er dem Mädchen, so spielte er mit Erfolg einen Menschen, der ganz in seine Gedanken verloren hinwandelt, und sie ging mit dem Ernst der Ergebung an ihm vorüber, mit wiederholtem innigem Bedauern über ihr unglückseliges Lachen und mit erneuertem Vorsatz, bei der nächsten Gelegenheit, wenn ihr ja das Glück noch einmal wollen sollte, sich so gut, so klug und so lieb als möglich gegen ihn zu benehmen.
Der Schneider hatte unterdessen seine Besuche und Huldigungen nicht ausgesetzt, obwohl die Erntezeit, die ihn in einen Schnitter verwandelte, sie nicht in solcher Häufigkeit zuließ wie früher. Er sah zu seiner Verwunderung, daß sein Bäschen mehr und mehr ihre Munterkeit verlor, sich hie und da in einem sonderbaren traurigen Nachdenken, zuweilen auch in einer sehr ärgerlichen Stimmung betreffen ließ. Dieß erschien ihm nicht wohl begreiflich, da sie doch nach seiner Ansicht Alles hatte, was sie wünschen konnte, namentlich einen Liebhaber, der deutlich genug zu verstehen gegeben, daß er sich, wenn es sein mußte, in einen Ehemann verwandeln könnte. Er setzte ihr Betragen indeß auf Rechnung der bekannten weiblichen Launen und tröstete sich, daß sie gehen würden, wie sie gekommen.
Auf den ersten Dienstag nach der Ernte fiel eine Hochzeit, die, zum Vergnügen der jungen Leute des Dorfes, im Wirthshaus gefeiert wurde. Unsre Leser haben schon aus den frühern Erzählungen gesehen, welche Rolle in der Sphäre ländlicher Ergötzungen die Hochzeiten spielen. Die Dorfjugend mitten im Ries hat im ganzen Jahre nur zwei regelmäßig wiederkehrende Tanzgelegenheiten: die Ortskirchweih und die Nördlinger Messe. Zur Ergänzung der eignen Kirchweih machten ehedem Solche, die Belieben darnach trugen oder von Verwandten eingeladen waren, die eines und des anderen Nachbardorfes mit, was vorläufig durch die büreaukratisch angeordnete Verlegung sämmtlicher Kirchweihtänze auf Einen Tag, ins Reich der Unmöglichkeit verwiesen ist. Da ein paar Tanztage im ganzen Jahr einer lebenslustigen Jugend nicht genügen können, so werden natürlich die wirthshäuslichen Hochzeitsfeste mit Freuden begrüßt und als ein Gnadengeschenk der Verhältnisse um so dankbarer hingenommen, als auch sie schon seltener zu werden anfangen.
Bei dieser Gelegenheit müssen wir bemerken, daß eben diese Festlichkeiten für das gesellige Leben des Rieser Landvolks eine Bedeutung haben, die wir gehörigen Ortes anerkannt zu sehen wünschten. Es sind Mittelpunkte, wo sich Gäste aus den verschiedenen Dörfern treffen, in fröhlichem Verkehr einander ihr Herz aufschließen und neue Verhältnisse sich entspinnen, die auseinander wohnende Familien wieder mit einem Bande der Verwandtschaft umschlingen können. Die Thatsache, daß das Rieser Landvolk derselben Confession gewissermaßen eine große Familie bildet, wird hier anschaulich gemacht und zu ihrer Erhaltung immer wieder beigetragen. Wer dieß zu schätzen und die guten Folgen solcher Mischung sich vorzustellen weiß, der wird um einiger Rohheiten willen, die dabei vorfallen können, die aber meist nur dem verzärtelten Geschmack als solche erscheinen, nicht die Axt an eine Sitte gelegt zu sehen wünschen, die so viel Gutes mit sich bringt — von der Rekreation, welche der Bauer in Folge seiner ununterbrochenen Thätigkeit doch ebensosehr bedarf als verdient, ganz abgesehen. Es ist immer nur Schwäche, die, um den Mißbrauch zu verhüten, den Gebrauch aufheben will; Schwäche und Unfähigkeit, die sich bewußt ist, auf positive Weise nicht helfen zu können, wo zu helfen wäre. Durch die Vernichtung der überlieferten Sitte würde das Landvolk zur Charakterlosigkeit, zur socialen Nullität gebracht werden — und mehr werth als diese, sollte man glauben, wäre ein selbstständig ausgeprägtes Leben doch bei weitem, auch mit etwelcher Rohheit, die ohnehin der fortschreitenden Cultur schon vielfach gewichen ist und immer mehr wird weichen müssen. Wolle man doch ja sociale Zahmheit und Dürre nicht gewaltsam herbeiführen! Es ist möglich, daß sie von selber kommt, früher und vollständiger kommt, als es sogar ihren jetzigen Liebhabern lieb sein wird! —
Die Hochzeit war die eines wohlhabenden jungen Söldners mit der Tochter eines kleinen Bauern. Die Familie Schwab gehörte zur »Freundschaft« des letztern — es war daher unumgänglich nöthig, daß ein Glied derselben als Gast an der Feier theilnahm, um so mehr, als der Bauer vor Zeiten auch den Ehrentag der Wittib mitgefeiert hatte und die Schicklichkeit eines Ersatzes in die Wagschale fiel. Wenn der Brauch will, daß ein Geladener dem Freund oder guten Bekannten »auf die Hochzeit gehe« und »auf die Hochzeit schenke«, d. h. einen verhältnißmäßigen Geldbeitrag zum Beginn der Wirthschaft liefere, so will er nicht minder, daß dem Gaste bei Gelegenheit seiner eigenen Verbindung oder der eines Blutsverwandten die Ehre und das Geschenk wieder zurückgegeben werden. Der Brauch übt einen sanften Zwang zur Wiedervergeltung und fördert so den Austausch reeller Höflichkeiten, indem er jedem abwechselnd das Wohlgefühl des Empfangens und Gebens verschafft. Denn es bleibt natürlich dem Rieser unbenommen, das, was die Sitte gebietet, aus freien Stücken zu thun und in der Wiedervergeltung nicht eine bloße Pflichterfüllung, sondern einen natürlichen Erweis der Großmuth zu sehen, deren Freude es ist zu schenken und glücklich zu machen! —
Schon acht Tage vor diesem Fest hatte zwischen Michel und seiner Mutter ein kleiner Kampf über die Frage begonnen, wer es mitmachen solle. Michel wollte die Last der Mutter aufbürden, die Mutter wollte die Lust dem Sohne gönnen. Die gute Frau kam eben, wenn auch nur im Stillen, immer wieder auf den Wunsch und die Hoffnung zurück: es möchte ihm Eine gefallen! Da nun im Dorfe selbst offenbar Keine so glücklich war, so wünschte sie um so lebhafter, der Sohn möchte auf dieser Hochzeit Jungfrauen aus andern Orten sehen, die nicht fehlen konnten. — Das Bewußtsein, als Mutter für sein Bestes sorgen zu müssen, gab ihr diesmal in der That die Kraft zu widerstehen und seine Einwendungen zu entkräften. Wie oft er auch wiederholen mochte: es mache ihm keine Freude, er habe gar »keinen Luhst« dazu, es sei ihm grausam zuwider! — am Ende mußte er sich den Ermahnungen, womit die Alte ihm zuzusetzen nicht müde wurde, dennoch fügen und in den sauern Apfel beißen. Zur Verzweiflung gebracht rief er endlich: »No mei'daweg, i will ganga'! Aber du wurscht seha', 's gibt widder ebbes. Denn der Deufel ist loas ond loßt m'r koe Rua'!« — Die Mutter war zu vergnügt über seinen Entschluß, als daß sie dieser Rede weiter nachgedacht hätte.
Ob Michel sich deswegen so lange sträubte, weil er erfahren hatte, daß auch die Gret auf die Hochzeit kommen würde — oder ob er deswegen endlich nachgab — wer konnte es wissen? — Der Kamerad, den er von dem Streit mit der Mutter in Kenntniß gesetzt, machte ihm gelegentlich und vorsichtig jene Mittheilung, indem er hinzufügte, nun würde er gerade auch darauf gehen und dem Mädchen zum »Tort« sich um eine andere herummachen, was sie gewiß recht ärgern würde. Michel hatte indessen geantwortet, er kümmere sich um das Mädchen überhaupt gar nichts mehr, und später diesen Gegenstand nicht wieder berührt. — Sei dem, wie ihm wolle — er folgte der Alten, und mußte sich am Hochzeitsmorgen mit dem Gedanken der Nöthigung doch schon einigermaßen versöhnt haben, denn er wusch und putzte sich nach Kräften und zog sich so stattlich an, als es der Kleiderkasten zuließ. Wie er endlich vor seine Mutter trat in schwarzen Hosen von Hirschleder, die kein Fältchen warfen und fast bis eine Spanne über das Knie von den Stiefeln bedeckt waren, — in manschesternem Leibchen mit versilberten Knöpfen, im neuen, schwarzen, baumwollbehaarten Barchentkittel mit flachen, thalergroßen Knöpfen — über das wohlgebundene dunkle Halstuch den feinsten Hemdkragen gezogen und den Kopf mit dem landesüblichen Schaufelhut bedeckt — da ging der guten Frau das Herz auf und undenkbar schien es ihr, daß so ein Mannsbild sollte durchs Leben gehen können, ohne ein braves Weib glücklich zu machen und ohne eine würdige Nachkommenschaft zu hinterlassen. — Sie hatte eben in das Papierkäpselchen des Gesangbuchs, das ihm auf dem Weg zur Kirche übergeben werden mußte, einen großen Kupferzweier gesteckt, den er als »Opfer« in den Klingelbeutel werfen sollte; nun wünschte sie ihm von Herzen gute Unterhaltung und gab ihm geschwind noch ein paar Schicklichkeitsregeln mit, ihn besonders ermahnend, daß er zu den Brautleuten sagen sollte: »Ich gratuliere«, nicht: »Ich condoliere,« wie es einmal einem zu seiner großen Schande passirt sei. Michel zuckte die Achseln und ging, da es eben zehn Uhr schlug, in langsamen Schritten dem Wirthshaus zu.
Eine Rieser Hochzeitsfeier hatte in jenen Tagen einen andern Verlauf als jetzt, wo dem Geiste der Zeit verschiedene Glieder der alten Ordnung zum Opfer gefallen sind. Wir müssen unsre Leser schon ersuchen, zunächst eine Schilderung und Charakteristik derselben freundlich aufzunehmen, da wir ohne eine solche in der Erzählung nicht so verständlich sein könnten, als wir gerne wären. Abgesehen davon möchte es den künftigen Riesern von Interesse sein, das, was die Alten fromm und fröhlich getrieben, wenigstens aus einem Buch kennen zu lernen. — —
Wenn das »Ander gelitten«, d. h. wenn mit Einer Glocke das zweite Mal vor dem Beginn der kirchlichen Handlung geläutet wurde, begaben sich Bräutigam und Braut, Hochzeitknecht und Hochzeitmagd und die nächsten Verwandten ins Wirthshaus. Der Hochzeitknecht trug einen Säbel mit breitem farbigem Seidenband; er ist der Beschützer der Braut — eine Sitte, die aus Zeiten datirt, wo thatsächlicher Schutz noch erfordert werden konnte. In der obern Stube angekommen nahmen sie Platz am Bräuteltisch zunächst der Thüre und erwarteten die nach und nach anlangenden Gäste, deren jeder zum Brautpaar trat und in würdigem Ernste »zum Ehrentag und zum fröhlichen Kirchgang« gratulirte. Hatten sich die Gäste eingefunden, so beschenkte die Hochzeitmagd sie mit Rosmarin, und das Frühmahl wurde aufgetragen: Suppe, Rindfleisch und ein Viertellaib des schmackhaften »Hochzeitbrodes.« Weißbier und Branntwein (und zwar jenes den ganzen Tag durch) gehörten zum »Mohl« (Mahl); Wein und braunes Bier wurden gegen Bezahlung gereicht. Den behaglichen Genuß des Frühstücks erhöhten die Musikanten — deren es bei kleinen Hochzeiten viere, bei größeren sechse gab — durch Aufspielen ihrer schönsten Arien. Endlich wurde »zusammengeschlagen,« d. h. mit zwei Glocken zum Kirchgang geläutet, Pfarrer und Schullehrer kamen im Ornat zum Wirthshause und empfingen je eine Citrone und einen Rosmarinstrauch, die männlichen und weiblichen Gäste, mit Rosmarin schon geputzt, sonderten sich, und unter dem Vortritt der Musikanten, die einen Marsch bliesen, begann der Zug vom Hofe des Wirthshauses in die Kirche; die Männer mit Pfarrer und Schullehrer voran, die Braut an der Spitze der Weiber vom Hochzeitknecht mit blankem Säbel geleitet. Am Thore des Kirchhofs machten die Musikanten Halt, die weltliche Musik verstummte, und der Zug ging über den breiten Weg des Kirchhofs, wo die Gäste durch die Ihrigen mit Gesangbüchern versehen und von Verwandten und Bekannten mit leckereigefüllten »Guckern« beschenkt wurden, in das Gotteshaus. Bei der Trauung hatte der Hochzeitknecht seinen Stand zur Seite des Paares, um die Braut nach Beendigung der kirchlichen Feier sogleich wieder in Empfang zu nehmen. In derselben Ordnung, wie er angekommen, ging der Zug zurück und vor dem Kirchthor stellten sich die Musikanten, stattlich blasend, wieder an die Spitze. Im Hofe des Wirthshauses bildete man einen Kreis, der Pfarrer nahm Glück wünschend Abschied, und nun trat der Schullehrer in die Mitte, um seinerseits in feierlichem Ton eine gereimte Anrede zu halten, worin er nach der kirchlichen Ermahnung als Repräsentant des praktisch-moralischen Sinnes die Bedeutung des Tages beleuchtete und mäßigen Genuß und ehrbare Fröhlichkeit empfahl.
In jeder Beziehung geistig versehen, begaben sich die Gäste in's Haus, der Hochzeiter nahm die Hochzeiterin bei der Hand, führte sie auf den Tanzboden und tanzte mit ihr drei Reihen allein, worauf der Hochzeitknecht mit der Hochzeitmagd, und die übrigen schon bereitstehenden Paare sich anschlossen. Wenn der Aufwärter zum Mittagessen rief, setzte man sich in bunter Reihe an die Tafeln. Jeder Gast fand bei seinem Gedeck einen »Hochzeitlaib« vor, und nach einander wurde aufgetragen: Suppe mit weißen Semmel- und braunen schmalzgebackenen »Knöpfen«, Rindfleisch mit Reis, Blut- und Leberwurst, Leberkuchen und Bratwurst, endlich Braten. Nach dem Mahl begann der Tanz wieder und dauerte bis zum Abendessen. Die ältern Leute unterhielten sich trinkend und diskurirend oder zuschauend; die Braut — oder wenn sie tanzte, eines der ihrigen — nahm Hochzeitsgeschenke in Empfang, die ihr von Dorfbewohnern gebracht wurden, und wartete ihnen mit Schnaps oder Wein auf. Die Dorfbewohner nämlich — so verlangte es die schöne Sitte — waren alle geladen, auch den ärmsten nicht ausgenommen, und wenn so einer nicht als Gast erscheinen konnte, so schenkte er wenigstens nach Verhältniß seines Vermögens.
Das Abendessen vereinigte Alle wieder in der Stube. Es gab zum drittenmal Suppe — Rindfleisch mit süßer Rosinenbrühe, Braten und für jede Person ein Viertel Torte. Das »Mohl« war damit vollendet; und jetzt nahm der Schullehrer die Aufmerksamkeit der Versammlung noch einmal in Anspruch. Er hielt eine Rede, worin er (der gleich dem Geistlichen seinen Antheil vom Bräutigam in's Haus gesendet erhalten hatte) Gott pries, der sie so reichlich gespeist habe, die Summe namhaft machte, die je ein Gast zu entrichten hatte, und den Brautleuten mit einer feinen Anspielung auf das Läuten der Taufglocke alles Glück und allen Segen wünschte. Während dieser Rede hatten sich die ältern Schulbuben um ihren Meister gesammelt, die Musikanten in der Nähe sich aufgestellt, und es ertönte zum Beschluß mit Instrumentalbegleitung der Choral: »Nun danket Alle Gott!«
In der feierlichen Stimmung, welche dieses Lied erweckte, sammelte der Schullehrer mit einem Blutsverwandten des Brautpaars die »Hochzeitschenk« ein, die von jedem erhaltene Summe genau notirend; und der einmal geöffnete Geldbeutel durfte sobald nicht wieder geschlossen werden. Zunächst folgte der Wirth, um die Bezahlung für das Mahl (damals anderthalb Gulden und etwas darüber, jetzt über zwei!) in Empfang zu nehmen. Dann erschienen nach einander der Aufwärter, die Köchin, die Magd und das Mädchen, um die Gäste zu brandschatzen, die aber ihrerseits auch zu immer kleinerer Münze griffen, bis zuletzt in das Pfännchen des Mädchens Kreuzer und nur ausnahmsweise Groschen geworfen wurden. Während diese Schaar sich entfernte, um schnell die Beute zu überzählen und sich nach Verhältniß entweder zu freuen oder zu ärgern, hielten die Musikanten ihren Umgang bei den Tischen, spielten, was ihnen vorgesungen wurde, und zogen das Honorar ein, das in jener Zeit um ein Ziemliches bedeutender ausfiel, als heutzutage. Die Hochzeitgäste, vor allen die aus andern Dörfern, nahmen Abschied. Die Brautleute begaben sich mit befreundeten Paaren in den Haustennen, wo unter Absingung bezüglicher Liedchen nochmal getanzt und Wein gezecht wurde. Der Bauer liebt die Gründlichkeit auch in der Ergötzung — wenn er sich einmal darauf einläßt — und das Austrinken des Vergnügens bis zum letzten Tropfen. Darum ließ sich nun der Bräutigam von den Musikanten auch noch »heimmachen«, und in seiner Stube erst wurde der Kehraus getanzt. Dehnte sich dieser zu lang, dann konnte Murren unter den jungen Leuten des Dorfes entstehen, die sich zum »Ansing« versammelt hatten. In der Regel aber hatte man diesen schon früher ein paar Musici überlassen, und während in der Wohnung des Bräutigams die Hochzeit endigte, war auf dem Tanzboden die freie Lustbarkeit der Ledigen schon in vollem Gange, die früher erlaubtermaßen bis zum Morgen dauerte.
In der Ordnung des eigentlichen Festes, wie man sieht, waren Geistliches und Weltliches verbunden wie zwei Elemente, die sich zur Bildung eines Ehren- und Freudentages wechselseitig ergänzen sollen. Jeder Moment war ausgefüllt mit dem, was den Bauer ergreift und über die Prosa des Daseins erhebt. Nach der Weihe der kirchlichen Handlung leitete ihn Musik zu dem Orte, wo er fröhlich den Tag verbrachte, der Schullehrer, als Mittelsmann zwischen Geistlichem und Weltlichem, sorgte für den Uebergang und lenkte nach der letzten Mahlzeit die Herzen noch einmal zu einer ernsten Betrachtung des Tages zurück. Die Naivität und, um es nur zu sagen, die geistige und gemüthliche Gesundheit früherer Zeiten nahm an dieser Verflechtung der beiden Elemente kein Aergerniß, und Schreiber dieses erinnert sich noch wohl der ernsten, ja feierlichen Gesichter der Hochzeitgäste beim Absingen des Kirchenliedes. Man muß die Natur des Bauers, die Derbheit seiner Empfindungsorgane, die Hingebung an die Gegenwart — und auf der andern Seite die Einfachheit seines geistigen Lebens im Auge behalten, wenn man über eine solche Ordnung gerecht urtheilen will. Der Bauer quält sich nicht mit dem Gedanken, ob er nicht vielleicht Gott beleidige, wenn er sich nach der kirchlichen Handlung dem Vergnügen überläßt; er tanzt ohne Arg, dem Gebrauch und seinem Drange folgend. Und wenn er nach der Lustbarkeit den Choral singen hört, so stört ihn nicht die Frage, ob dies wohl auch in's Wirthshaus gehöre; er läßt, die Lustbarkeit vergessend, den Gesang auf sich wirken, nimmt sich's dann aber auch in keiner Weise übel, wenn die ernste Stimmung, in die er versetzt war, nach dem Schlusse des Liedes selbst wieder ein Ende nimmt und erneuter Fröhlichkeit Platz macht. Für ihn ist die sittegeregelte Fröhlichkeit eben selbst eine Erhebung! Was ihm ein solcher Tag bietet, ist ihm Kunst und Poesie; und so wenig man diese der gebildeten Menschheit rauben darf, so wenig darf man dem Bauer nehmen, was sie ihm ersetzt.
In den letzten Jahrzehnten hat das Ganze dieser ländlichen Hochzeitsfeier die Begleitung des Zuges durch die Musikanten — die förmlichen Reden des Schullehrers und das Absingen des Chorals nach der Abendmahlzeit — endlich das Tanzen im Haustennen und den Heimgang der Brautleute mit Musik — verloren. Das erste hat die Geistlichkeit anstößig gefunden, das zweite scheint den jungen Lehrern, die das Seminar gebildet hatte, nicht mehr gepaßt zu haben, das letzte untersagte die Polizei. Das besondere Tanzen nach dem Abendessen hat sich der Bauer indeß nicht nehmen lassen. Die Brautleute tanzen jetzt in der untern Wirthsstube und lassen sich beim Abschied wenigstens zum Hause hinaus blasen!
Die Sitte des Volks ist ein natürliches Gewächs; wenn ihre Zeit vorüber ist, läßt sie sich durch Befehle nicht mehr erhalten, und kein Vernünftiger wird darüber klagen, daß das, was kein inneres Leben mehr hat, dem Untergang verfällt. Was aber an überlieferten Gebräuchen vom Volke selbst erhalten, mit Lust und Liebe erhalten wird, das sollte weder von der geistlichen noch von der weltlichen Macht angetastet werden, sofern es nicht einer männlichen, über Nervenschwachheit und Pedanterei erhabenen Sittlichkeit widerspricht. Wollte man dem Bauer die öffentliche Hochzeitsfeier mit Musik und Tanz verbieten, in der Meinung etwa, daß ein solcher Tag in ernster Stille begangen werden müsse, so würde das, außer dem schon erwähnten Uebelstand, für das Rieser Landvolk insbesondere noch die Folge haben, daß die bäurische Natur an Essen und Trinken Ersatz nähme und sich den Magen überladend in dumpfer Gedankenlosigkeit hinbrütete, was nach der Angabe eines glaubenswerthen Mannes in Tyrol geschehen soll, wo die geistlichen Väter das Landvolk auch dem höhern Leben zu gewinnen glauben, wenn sie ihm das Tanzen ausreden. — Man veredle und bereichere den Geist der Landleute, man befähige sie durch Bildung zu höheren und feineren Genüssen, namentlich zu jenen würdigen und tiefsinnigen Gesprächen, wie sie die Gebildeten bei ihren Diners zu führen pflegen — dann werden sie auf ihre Gebräuche und ihre noch immer beliebten Vergnügungen von selber verzichten. Bis dahin aber lasse man ihnen ihre Sitten, ihre Freuden und, was auch eine gar schöne Sache ist — ihren Humor!
Als Michel in die obere Wirthsstube kam, waren außer dem Brautpaar und seinen Angehörigen nur erst wenige Gäste dort. Er trat stattlich zu den beiden Glücklichen und sagte die Gratulation ohne Anstoß, worauf der Dank mit einem gewissen ernsten Lächeln ausgesprochen wurde, welches namentlich auf dem Gesicht der Braut zu bedeuten schien: Nimm dir ein Exempel dran! An einem benachbarten Tisch hatten schon ein paar ältere Männer aus dem Dorfe und eine Matrone von auswärts Posto gefaßt; er setzte sich zu ihnen, um, da er nicht tanzte, wenigstens eine vernünftige Ansprache zu haben.
Die Gäste mehrten sich. Auf einmal trat auch die Gret ein, die in der schwarzen Spitzenhaube und in dem dunkeln Anzug, wie ihn das protestantische Landvolk bei ernsten Gelegenheiten zu tragen pflegt, ein eignes feierliches Aussehen hatte. Allein nachdem das Auge rasch die Tische überflogen, stimmte das helle Antlitz nicht mehr zu dem ernsten Gewand; es glänzte froh dem Brautpaar entgegen und wünschte schon Glück, ehe die Lippen sich öffneten.
Michel hatte bei ihrem Eintritt in seinem Herzen einen kleinen Ruck empfunden und konnte sich nicht enthalten, sie in der Stellung des Gratulirens anzusehen — und sie wieder schöner zu finden als alle andern Mädchen und Weiber! — Plötzlich verdunkelten sich seine Züge; der Schneider war angekommen in funkelnagelneuem Tuchrock und sehr vergnügten Gesichts. Er sprach einen Glückwunsch, der nur den Sinn der alten Bauernformel enthielt, und setzte sich an die Tafel, an welcher die Gret Platz genommen hatte, um sofort mit ihr einen Diskurs zu beginnen.
Das Fest begann und verlief nach der Regel, und die Gäste fühlten sich bald wohl und wohler — mit Ausnahme eines Einzigen.
Michel hatte den Entschluß, die Gret nicht mehr anzusehen, während ihrer vergnügten Unterhaltung mit dem Schneider erneuert. Beim Aufstellen des Zugs ging er an ihr vorbei, ohne irgend von ihr Notiz zu nehmen. In der Kirche sah er sich aber unwillkürlich zur Uebertretung des von ihm aufgestellten Gesetzes verlockt. Der Pfarrer hob in seiner Predigt die Bedeutung des Ehestandes so schön hervor; er sprach über den Segen, der an diesen Bund geknüpft sei, mit solcher Weihe, daß Michel instinktmäßig den Kopf nach der Gegend hinkehrte, wo die Gret saß. Diese hatte den ihrigen just in entgegengesetzter Art gewendet — die Blicke trafen aufeinander. Obwohl er nun sein Haupt rasch wieder in die alte Stellung zurückdrehte und eine Miene annahm, als ob nichts geschehen wäre, so fühlte er sich doch ertappt, die Gret konnte von ihm denken, Gott weiß was, ihn auslachen und ihn verspotten. — Er war sehr ärgerlich.
Von da an war unser Bursche kein aufmerksamer Hörer der Predigt mehr, und auch die Rede des Schullehrers ging ungewürdigt an ihm vorüber. Es begann ihn zu reuen, daß er der Mutter nachgegeben; und nur mechanisch ging er mit andern Zuschauern auf den Tanzboden. Was er da sah, war gleichfalls nicht geeignet, ihn aufzuheitern.
Als das Brautpaar die drei Reihen getanzt hatte, wirbelten bald zwölf Paare herum — und unter diesen der Schneider mit der Gret. — — Alles was recht ist: der Schneider tanzte vortrefflich. Er kam dabei sogar ein bischen größer heraus, sintemal er städtisch hüpfte; er hatte die Gret fest am Kittel gefaßt und drehte sie kräftiger herum, als man's ihm zugetraut hätte. Dabei schimmerte sein glattes Gesicht in dem Vergnügen seines Herzens und in anmuthiger Selbstgefälligkeit, so daß er allgemein gefiel. Nur unserm Burschen mißfiel er. Namentlich war diesem das selbstgefällige Lächeln des kleinen Kerls in einer Art zuwider, daß er's ihm gerne durch eine Ohrfeige vertrieben hätte, wobei ihm Hören und Sehen vergangen wäre. Allein das ging nicht an, er mußte seinen Verdruß hinunterschlucken. Er wäre in die Stube zurückgegangen, wenn er nicht der Gret hätte zeigen wollen, daß ihn diese Tanzerei durchaus nicht schenire! Das schien ihm aber seiner Würde gemäß. Indem er ein gleichgültiges Gesicht zu machen suchte, gelang es ihm wenigstens ein freudloses hervorzubringen, das an ihm Niemand auffiel.
Eine Tänzerin wie die Gret ließ man dem Schneider nicht allein. Ein andrer Lediger nahm sie ihm ab und drehte sich, wenn auch mehr auf dem Boden, ebenso lustig mit ihr im Reihen. Michel hatte wenigstens die Genugthuung zu sehen, daß das Mädchen mit diesem just so vergnügt, ja fast noch vergnügter aussah, wie mit dem Nebenbuhler. Es kam ihm der Gedanke, sie könnte den Schneider auch nur für'n Narren halten; und das war ihm ergötzlich und erheiterte seine Züge. Ein Schmunzeln der Schadenfreude umspielte seine Lippen, als er das Bürschchen aus einer Ecke, und zwar mit einem gewissen Ernst im Gesicht, auf das Paar schauen sah. Er verzieh ihm und konnte nicht umhin, die Tänzerin wohlwollender und unbefangener zu betrachten.
Die Gret, obwohl sie ihm nicht ins Gesicht sah, mußte doch etwas gemerkt haben. Als sie wieder im Reihen an ihm vorüberging, glänzte ein Lächeln auf ihrem Gesicht, das ihm galt — ein Lächeln, wie es gefallen muß, kein falsches, sondern ein gutes Lächeln. Das Herz unsers Burschen begann aufzuthauen. Aber es sollte noch besser kommen. Das Wirthsmädchen hatte wiederholt zum Essen gerufen, die Musik verstummte, mit einer Art von Gedränge gings der Thüre zu. Die Gret kam in die Nähe des Burschen, sie schaute ihm ins Gesicht und sagte mit einem Tone, aus welchem die Seele klang, zugleich heiter, weich und süß: »Godden Dag, Michel! Bist oh auf d'r Hoaxet?« Michel konnte in der Ueberraschung allerdings kein ebenso freundliches Gesicht machen — gewissermaßen brummte er nur sein Ja. Allein die Gret schien das nicht schlimm zu deuten; vielmehr sagte sie: »No, mach de nor recht lusteng«, nickte ihm aufmunternd zu und setzte sich an ihren Tisch.
Das war denn doch freundlich! Da gebe sich einer nicht erneuerter Hoffnung und glücklichen Empfindungen hin! — Michel setzte sich an seinen Tisch, und da er dem Frühmahl wenig Theilnahme geschenkt hatte, so aß er jetzt im Verhältniß zu seiner Statur — so ziemlich mit dem Appetit eines Herkules. Ländlich, sittlich. Ein romantisch Gebildeter hätte vielleicht nach einem so holdseligen Gruße der Geliebten lange nichts gegessen und nur von dem geistigen Leben seines Herzens gezehrt; — unsern Burschen trieb eben die Seelenfreude auch zur Erfreuung des Leibes. Das Mahl war vortrefflich — die Schöpfung einer Wirthin, die mehr nach Lob als nach Gewinn trachtete — und er ließ es sich schmecken, so lange der Appetit seine Kraft behauptete. Dies war lange, da das braune Bier, das er sich geben ließ, sie wiederholt erneuerte. Er fügte auch noch dem Braten eine ziemlich bedeutende Wunde zu und konnte nur wenig »einwickeln« lassen, um es der Mutter heimzubringen.
Die Genüsse des Mahles und das Glück der Liebe und der Hoffnung harmonirten in ihm durchaus. Die Blicke, die er zu dem Tisch hinüber warf, an dem die Gret saß, wurden immer herzhafter, und er fühlte sich so wohl wie seit langer Zeit nicht. In seinem Behagen erfüllte er sogar die Unterhaltungspflicht an seinem Tisch und sprach über die Preise, die das Korn, der Roggen und die Gerste im Herbst haben und im Winter behaupten würden, Gedanken aus, die, wenn sie nicht unfehlbar waren, doch mit einer Miene gegeben wurden, als ob sie es wären, und bei den ältern Männern lächelnde Zustimmung fanden.
Der Tanz begann wieder. Michel hatte sich erhoben, und als die Gret von einem dritten Burschen an ihm vorbeigeführt wurde, hatte er schon den Muth, ihr mit einem gewissen väterlichen Wohlwollen zuzurufen: »Scho' widder auf da' Da'zboda'! O uir (ihr) Weibsbilder!« — »Was will e doa'?« erwiederte die Gret. »Wer a'fangt, mueß furtmacha'!« Und nach einem freundlichen Blick auf ihn ließ sie sich hinausführen.
Michel ging nach Hause. Die Mutter sah ihn an und sagte: »No, es schei't doch, 'sgfällt d'r!« — »No ja,« erwiederte der Sohn, »'s ist am End doch a Vergnüaga! — Aber,« setzte er, das Eingewickelte auf den Tisch legend, hinzu, »i hab' en Gedanka' verfluecht zuag'langt ond breng d'r weng mit!« — »Wann's d'r nor gschmeckt hot!« rief die gute Alte; und heiter sagte sie: »Du host de am End gar oh scho' recht lusteng gmacht (d. h. getanzt)?« Michel erwiederte: »Bis ietz no' net. Aber wer woeß? Der Letscht hot no' net gschossa'!« — Die Mutter bemerkte: »Wie d'r (ihr) en d'Kirch ganga' send, hab e a baar Mädala' gseha', die wära' wohl wearth, daß ma's romdreha' dät!« — »I wills net verreda',« erwiederte Michel. »Aber z'erst muß e no' a weng zecha'.«
Als er wieder dem Wirthshause zuging, begegnete ihm Kasper vor einem ochsenbespannten Pflug, durch dessen Lenkung er sich heute das Vergnügen des Ansings verdienen wollte. Die Ochsen wurden zum Stehen gebracht, der Kamerad fragte, wie sich die Hochzeit anlasse. Michel, in der frohen Aufregung seines Herzens, erzählte, wie die Gret sich gegen ihn benommen. Kaspers Gesicht erhellte sich. »Willst ietz no' allweil zweifla',« rief er aus, »daß des Mädle a'n Og (Aug) auf di hot? O wann e an dei'r Stell wär!« — »Was soll e doa'?« fragte Michel. — »Danza' muest mit'r, wanns oh nor a baar Roea' wära't! Schwätza' muest — en d'Stub muasch (mußt du sie) füara', a Bodell (Bouteille) Wei' muest komma' lossa — Kott's Heidablitz! Wann's doh net got, nocht got's sei' Lebtag nemmer!«
Unser Bursche war bedenklich geworden. »I ka' d's Danza' net rehcht«, entgegnete er, »ond du woescht, i hab' O'glück!« — »O'glück!« versetzte der Kamerad etwas ärgerlich. »Ietz kommt 'r widder mit dear Ei'bildeng!« — »Ja, ja,« sagte der gute Bursche, »'s ist doch so. Mir got nex naus!« — »Gang weiter! A Kerl, dem d'Mädla' nochloffet!« — Michel, obwohl von dieser Vorstellung erheitert, erwiederte: »Du wurscht seha', 's wurd nex!« — »Ja freile«, rief Kasper, »wann's widder so machst, wie d's Wallerstoe!« — »Ietz doh hab koe Sorg«, versetzte der Bursche mit einem gewissen Selbstgefühl. »Des passiert m'r nemmer!« — Kasper knallte den Ochsen und rief im Abgehen: »Ha'et Ohbed, hoff' e, ka'st m'r ebbes Nuis verzähla'!« — »'S ka' sei'«, erwiederte Michel und folgte den Tönen der Clarinette, die vom Tanzboden herunter in die Gasse drangen.
Michel fühlte, daß er nach dem offenbaren Entgegenkommen der Gret einen Versuch machen und als tüchtiger Bursch handeln müsse. Bei der Vorstellung indeß, wie er nun zu ihr gehen und sie zum Tanz auffordern sollte, spürte er doch wieder eine eigenthümliche Bewegung in seinem Herzen. Es fiel ihm ein, daß er beschlossen hatte, fürs erste zu trinken und zu rauchen; er trat in die Stube, setzte sich, zündete seine Pfeife an, und führte seinen Vorsatz männlich aus. Nachdem er schweigend und diskurirend zwei fernere Maaß Braunes in sich aufgenommen hatte, fühlte er sich gekräftigt — muthig, lustig und in einer Stimmung, wo er glaubte, daß ihm nichts fehlen könne. — Der Wirth und Bräuer war ein solider Mann und die Gerste seit einem Jahr billig.
Er ging auf den Tanzboden. Da er die Gret, die sich nicht in der Stube befand, auch hier nicht erblickte, so war sie offenbar nach Hause gegangen. Die Vertagung seines Unternehmens, welche dieser Umstand nothwendig machte, war ihm nicht unlieb. Er sah den Paaren zu, die es am besten konnten, und überzeugte sich, daß dieses Tanzen am Ende auch kein Hexenwerk sei. Nachdem er genug gesehen, wollte er in die Stube zurück; im Vorbeigehen warf er einen Blick auf die Stiege — und siehe, an der Seite einer auswärtigen Freundin stieg die Gret herauf.
Bei diesem Anblick fühlte er sich etwas überrascht. Auch sie erröthete lieblich; aber in ihrem Herzen regierte der Muth der Liebe und der Wille, einen begangenen Fehler wieder gut zu machen. Sie ging auf ihn zu und sagte gutmüthig fröhlich: »No, Michel, host no' net danzt?« Der Bursche, der zu seiner Verwunderung fühlte, daß ihm wieder etwas von seinem Unternehmungsgeist abhanden gekommen war, versetzte: »Allweil no' net!« — Er spürte einen gewissen Trieb, wieder in die Stube zu kommen, und hatte schon seinen Fuß auf die Schwelle gesetzt; aber das Schicksal hatte es anders beschlossen. Die Gret fuhr fort: »Willst denn aber gar net a'fanga'? Willst da' ganza' Dag dohsitza', ond romstanda' auf 'r Hoaxet?« — »Wie soll i danza'«, entgegnete Michel; »d's ganz Doraf woeß ond du wursch (wirst es) oh wissa, daß e's net ka'!« — »I hab de aber doch früher scho' amol danza' seha'!« bemerkte die Gret. — »Ja wohl,« versetzte der Bursche mit einer gewissen Laune, — »aber wia?« — »Auf oemol got nex en der Welt«, erwiederte das Mädchen tröstend und ermuthigend. »Wamma'n ebbes lerna' will, mueß ma's öfter probiera'!« — Michel, dem in Abwehrungsfällen die Gründe nicht so leicht ausgingen, versetzte: »Manch Sacha' ka' ma'n oh ganz bleiba lossa, wamma' z'alt derzue ist!« — »Kott's Blitz«, rief die Gret, »wann e nor so ebbes höar! Z'alt zom Danza! A jonger Burscht wie du! Schäm de doch!« — Und indem sie ein wenig näher trat, sagte sie mit aller Güte und Liebe — mit einer Stimme, welcher der Durchbruch ihrer Empfindung eine honigsüße Weichheit verlieh: »Komm Michel! — probiers mit mir!« Dem Burschen war es seltsam durch's Herz gegangen, er wußte nichts zu entgegnen. »Komm!« rief das Mädchen heiter und zärtlich, indem sie ihn bei der Hand faßte. Michel begriff, daß es im höchsten Grade feig und in jeder Beziehung unschicklich gewesen wäre, jetzt nicht zu folgen. Er wollte handeln wie ein Mann, er wollte sein Bestes leisten — und entschlossen führte er sie in den Reihen.
Unser Bursche gehörte vermöge seiner Größe, seiner Stärke und seines besonderen Wesens noch immer zu den ausgezeichnetsten Persönlichkeiten des Dorfs. Dergleichen in eigenthümlichen Situationen zu sehen, ist interessant, besonders wenn man hoffen kann, daß die Schadenfreude ihre Rechnung dabei findet. Wie nun einer in die Stube kam und sagte, der »Schwoba-Michel« tanze mit des Maurers Gret, da verfügten sich schnell noch etliche zu den auf dem Tanzboden schon befindlichen Zuschauern — begierig der Dinge, die da kommen sollten.
Der Gang im Reihen war vollendet, das Tanzen begann. Die Gret wußte sehr gut, welcher Aufgabe sie sich unterzogen hatte, und war nun darauf bedacht, alle Kraft und Geschicklichkeit anzuwenden, um das Wagniß gut hinauszuführen. Den Tänzer festhaltend leitete und drehte sie ihn, so viel sie konnte. Daß ihre Arbeit nicht gering war, merkte sie freilich bald. Micheln wohnte nur eine sehr schwache Ahnung vom Takte bei und zu gleicher Zeit wirkte in ihm eine gewisse Centrifugalkraft, die ihn immer der Wand zutrieb, so daß ihn die Gute nur mit Mühe im Reihen halten konnte. Trotz alledem — es ging. Die Kunst und die Liebe des Mädchens triumphirten, und sie war sich dessen nach Beendigung des Reihens mit Freude bewußt.
Michel war sehr vergnügt. Jeder Spur von Furcht entledigt blickte er frisch umher — er begriff gar nicht, wie er diese Lumperei für so schwer hatte halten können! »Siksch, es got!« rief die Gret, indem sie ihn freundlich ansah; und er erwiederte allerdings: »Ja freile, wamma' so a Dänzere hot!« — aber er war doch überzeugt, daß er's konnte, und sein Gesicht schrieb einen guten Theil des Erfolgs auf seine Rechnung.
In dieser Stimmung wollte er's das zweite Mal noch besser machen. Er wollte sich Mühe geben und alle die Kraft und Stärke anwenden, die er in seinen Gliedern fühlte; denn das erstemal hatte er eigentlich nur gespielt! — Er arbeitete nun wie an einer Schanze und machte Bewegungen, als ob er Centnersteine vom Boden lupfen wollte. — Der Gret wurde es saurer als das erstemal, ihn im Geleise zu erhalten, und die Schadenfreude, die aus den Ecken lugte, fand eine reichere Ausbeute. Man lächelte sich an und zuckte die Achseln. »Descht a Mannsbild!« rief eine Bäuerin mit gedämpfter Stimme einem Nachbar zu, — »der macht widder a'n Arbet (Arbeit)!« Und der Andere versetzte: »Er schafft, als ob er mit 'm Danza' sei' Brod verdiena' müßt! Gommer (gehen wir) a bisle z'ruck, daß 'r es (uns) net doat (todt) tritt!« —
Der Bursche merkte davon nichts. In dem Bewußtsein der Mühe, die er sich gegeben, meinte er seine Sache vorzüglich gemacht zu haben. Er lächelte mit Stolz und erkannte in dem satyrischen Zuschmunzeln einiger Kameraden nichts als den verdienten Beifall. Da die Gret diesmal schwieg, um auszuschnaufen, so sagte er selbst zu ihr: »'S got doch besser, als e gmoet hab!« — Die Gret dachte in ihrem Herzen: »daß Gott erbarm'!« — behielt aber diese Meinung wohlweislich für sich und erwiederte: »W'rom sott's net ganga'? Was ander' Leut könnet, wäara' mer doch oh könna?«
Gern hätte sie ihn gebeten, sich dessen ungeachtet etwas weniger anzustrengen, die Sache sich leichter zu machen; aber sie wußte, daß er nicht in der Stimmung war, diesen Rath gut aufzunehmen — und für den Moment wär's ohnehin zu spät gewesen. In dem Vergnügen, das ihn belebte, in der Kühnheit, die sein Herz rasch emporwachsend erfüllte, hatte er ein Lied begonnen. Ein Andrer war ihm zuvorgekommen; aber dieser, ein kleiner Kerl, schwieg auf der Stelle, als er die Stimme des Gewaltigen vernahm, und Michel sang das seine zu Ende, mehr kräftig als schön, aber für seinen Zweck immer passirbar. Dann nahm er die Gret bei der Hand, strampfte, daß der Tanzboden zitterte, »juxte«, daß seine Nachbarn an die Ohren langten, faßte die Tänzerin und drehte sich mit ihr »was host, was geift« (was hast du, was gibst du, so schnell etc. als möglich). — Und besser gings als das letzte Mal — nach seiner Meinung. Die Bethätigung des Kraftüberschusses, der in ihm wogte — die Freude, die Herzallerliebste herumzudrehen und es zu können — durchgoß ihn mit einem Wohlgefühl, wie er es nie empfunden. Herrlich wars und prächtig gings — bei weitem besser, als er sich's zugetraut hätte! — Jedenfalls hatte die Gret dafür gesorgt, daß er einmal die Wand, an die er streifte, nicht einstieß und dann ein Paar, das vor ihm den gewöhnlichen Bauernschritt einhielt, nicht über den Haufen tanzte.
Die Heiterkeit der Zuschauer war bei dieser neuen Leistung nicht geringer geworden. Ein sonnverbrannter Alter nickte ihm seine Anerkennung mit gemüthlichem Faungesicht zu und rief: »Kreuzschwernoth, Michel! du bist ja der erst' Dänzer em ganza' Land!« — Michel, in der Freude seines Herzens, entgegnete: »Net wohr, des hättet 'r m'r doch net zuatraut!« — »Wärle net«, versetzte der Alte. »So ebbes mueß ma' seha, wamma's globa' soll!« — Die gute Gret begann es zu reuen, daß sie den Geliebten auf eine Bahn gelenkt hatte, wo er so schlechte Ehre gewann. Aber vielleicht schlug er nun selber eine andere ein, wo er Aussicht hatte, besser zu bestehen. Schon hatte die ungewohnte Anstrengung seine Lungenflügel in Bewegung gesetzt und der Schweiß rann von seiner Stirn. Vielleicht hörte er auf, nahm sie in die Stube — setzte sich zu ihr — und es ereignete sich, was ihr alle Mühen und Leiden tausendfach vergütete.
Fürs erste ging diese Hoffnung nicht in Erfüllung. Michel tanzte aufs neue; und der Umstand, daß es wieder ohne Unglück ablief, steigerte seine Lust und Sicherheit. Sein Hintermann, ein begüterter junger Bauer, klopfte ihn auf die Schulter und rief: »Aber Michel, sag m'r doch, wo host denn d's Danza' so glearnt?« — »Was woeß ih«, erwiederte der Bursche mit stolzem Behagen — »auf oemal got's halt! — Aber Sapperment«, setzte er, die Augen sich wischend, hinzu, »doh stobbt's (staubt's) ja, daß ma' kamm (kaum) sei' Dänzere sicht! — ond des ist doppelt schad', wamma' so a schöana' hot, wie'nih! — He, Mädle!« — Er schaute sich nach dem Wirthsmädchen um, die den Staub mit Wasser zu löschen pflegt; und da er sie nicht gleich erblickte, schrie er aus Leibeskräften und jede Silbe breit ausdehnend: »Mädleh! Auf da' Da'zbodah'! Spretzah'!« — Unter allgemeiner Heiterkeit erschien die Herbeigerufene, ein schnippisches Ding von sechzehn Jahren, mit einem Kübel Wasser, und die Tanzenden traten auf die Seite. »So«, rief Michel ihr zu, »spretz (spritz, sprenge) nor rehcht! D'r Deufel mag doh danza'!« — Das Mädchen sah ihn von der Seite an, murmelte was von einem »Drieschlag«, langte mit der Rechten in den Kübel und schleuderte herumgehend das Wasser auf den Boden. »Meaner, meaner (mehr)«, schrie unser Bursche, der als ächter Bauer alles gründlich haben wollte. Das Mädchen, durch den herrischen Ton gereizt, spritzte wahre Lachen. »So, ietz isch gmua!« rief Michel, stellte sich fest hin, sang ein Lied und tanzte auf dem erfrischten Boden mit erhöhter Lust, in einer wahren Trunkenheit des Eifers und der Liebe zur Sache. Es ging besser und immer besser. In dem Jubel seines Herzens, unwillkürlich sich selber bewundernd, rief er mit strahlendem Gesicht: »Hopp hopp! hopp hopp! Juhu!« — — Plautsch lag er da. Auf der nassesten Stelle war er ausgeglitscht, in dem Schwunge des Tanzens war es auch der Gret unmöglich gewesen, ihn zu halten; sie mußte ihn fahren lassen, um nicht mitzufallen — und der riesige Bursche »schlug hin« (wie der Rieser in solchem Falle treffend sagt), daß der Boden krachte und ein Zuschauer nur durch einen raschen Seitensprung sich vor Zerquetschung rettete. Nach dem triumphirenden Hopphopp dieser Sturz, der Länge nach, auf die Hinterseite des Leibes — es war unmöglich, das Lachen zurückzuhalten. Von allen Seiten des Tanzbodens, aus allen Winkeln, sogar von der Treppe herauf (wo sich ebenfalls Zuschauer befanden) erschallte es laut und selig; und nicht wurde es beschwichtigt, als Michel nach einem grimmigen Fluch mit der Physiognomie der Wuth und der Scham aufstand, wozu die Gret ihm behülflich war. Diese hatte mit etwas erschreckter Miene einen Augenblick auf den Liegenden geschaut; jetzt, als sie ihn wieder strack dastehen sah, wandelte sie das Lachen hinterdrein an, und nur den eigentlichen Ausbruch zurückhaltend rief sie: »Komm, des macht nex«, und wollte zum Weitertanzen seine Hand fassen. Aber Michel zog sie heftig zurück.
Der Bursche hatte die Empfindlichkeit des Sonderlings und Anfängers. Ein flotter Tänzer wäre aufgesprungen, hätte mitgelacht und weiter getanzt. Aber den Schüler dünkte der Sturz unauslöschliche Schande — das Selbstbewußtsein des Gewaltigen hatte einen Schlag erlitten, der ihm schrecklich vorkam. Hinzufallen — ausgelacht zu werden von »einfältigen Weibsbildern, alten Eseln und elenden Buben«, und nicht dreinschlagen zu dürfen — das nehme ein Michel von der lustigen Seite! — Er trat in eine Ecke, seiner Ansicht nach für sein ganzes Leben beschimpft. Und als die Gret ihm nachging und ihn aufs neue ermahnte, doch fortzutanzen, entgegnete er hochverdrießlich: »Gang weiter! I hab' d'r ja gsakt, daß e net danza' ka'! Du hätt'st me en Rua' (Ruhe) lossa solla'!« — Die Gret erwiederte begütigend: »'S ist ja ganz guet ganga'! Für d's Falla' ka' ma' nex, des ka' n'm G'schicktsta' passiera'! Komm! Wer net omwirft, der lernt net fahra'!«
Bei ihrem heitern Wesen hatte das Mädchen nicht umhin gekonnt, ihm diese Ermahnung mit einem Lächeln zu ertheilen, in welchem die Schelmerei über die Gutherzigkeit den Sieg davon trug. Michel, dies gewahrend, fühlte den schlimmsten Argwohn, den er haben konnte; und im Unmuth desselben rief er: »Höar amol? — suach d'r 'n andera' Narra' — ih mach d'r 'n net zom zwoetamol! — Moest, i ben doh, daß e me auslacha' ond da' Spoht auf m'r haba' loß?« — Das Mädchen, durch diese unerwartete Sprache betroffen und ihrerseits verletzt, erwiederte mit vorwurfsvollem Ausdruck: »Wer hot denn da' Spoht auf d'r?« — »Du!« rief Michel, für den sein Argwohn schon eine bewiesene Sache war, mit erzürntem Ton. »Falsch send 'r all mita'nander — ond du bist die fälscht (falscheste)!« — Das war zuviel! Das Mädchen trat zurück und sagte mit Verdruß: »Du bist halt a grober Kerl! Gang he' wo d' willst — ih mueß de wärle net haba' — ih krieg scho' n andera' Dänzer!« — »Mei'thalb danz mit 'm Deufel«, rief Michel und ging mit starken Schritte in die Stube.
Die Gret war ernstlich böse. »So a'n o'gschickter Mensch — ond so grob ond so hochmütheng! Noe mit deam ist nex a'zfanga' — i mueß 'n aufgeba'!« — Während sie diese Gedanken hatte, machte sie mit weiblicher Geistesgegenwart gleich wieder gute Miene. In die Heiterkeit, welche die letzten Worte Michels und sein wüthender Abgang erregten, hatte sie halb mit eingestimmt. Nun zeigte sie ein Gesicht, daß es schien, als ob sie ihn mit ihrem Tanzen wirklich nur zum Besten gehabt hätte; und als eben der Schneider von Hause zurückkam, reichte sie ihm, der sie schnell aufzog, ihre Hand und tanzte so gut und so schön, als ob sie heute noch an nichts Anderes gedacht hätte. Als der Zierliche von der Affaire des Michel hörte, rief er in seinem Mischmasch von Dialekt und Hochdeutsch: »'S ist nicht z'globa', daß es so ongschickt Menschen geba' ka'« — lächelte selbstzufriedener als je, begann noch flotter den neuen Reihen, rief ebenfalls Hopphopp und Juhu, fiel aber nicht, sondern machte es so gut, daß ihm alle mit Vergnügen zusahen.
Das Gelächter, das unserm Burschen vom Tanzboden nachgeschickt worden war, hatte nicht besänftigend auf ihn gewirkt. Tief ergrimmt setzte er sich an seinen Tisch und patschte gewaltig mit seinem Bierkrug wegen erneuter Füllung. Der Aufwärter eilte, ihn zu befriedigen. Einer der beiden Alten, die in gemüthlichem Diskurs dagesessen hatten, schaute zu ihm auf und rief: »No, Michel, w'rom machst denn du so a Gsicht auf oemol?« — Der Bursche, statt aller Antwort, that einen tiefen Zug aus dem Maaßkrug. Ein dritter Alter, der mit dem Faungesicht, war von dem Tanzboden hereingekommen und begann lächelnd: »Du host a kloes O'glück ghett, Michel? — No, no, desdawega' brauchst de net z'kränka'! 'S ist scho' oft oer g'falla' beim Danza'!« — »So so?« versetzte der erste mit schlauem Gesicht, »des ist 'm passiert?« Und mit der Bosheit, die sich ein alter Bursch gegen einen jungen wohl erlauben kann, setzte er hinzu: »W'rom host denn aber dei' Dänzere net mit rei'brocht? Die hot gwihß 'n rechta' Schrecka' ghett und hätt oh 'n Tro'k (Trunk) zor Stärkeng braucha' könna', so guet wie Du!« — »Oh«, antwortete der dritte für Michel, der in stiller Wuth vor sich hinsah, — »die g'fohrts net (achtets nicht)! Sie danzt scho' widder!« — »Welle isch denn?« — »Welle wurds sei'!«, erwiederte der dritte, »d's Maurers Great!« — »So!« bemerkte der erste mit einer Miene, als ob ihm ein Licht aufgegangen wäre. Und kopfschüttelnd setzte er hinzu: »Ietz gfällt m'r die Gschicht nor halb! — Die hätt' de zor Noath halta' könna', Michel, — wann's gwöllt hätt'!«
Durch diese Bemerkung sah der Bursche seinen Argwohn bestätigt, er fühlte sich verkauft und verrathen und ließ eine »Schluap« herunterhängen, daß es die Alten Mühe kostete, ihm nicht geradezu ins Gesicht zu lachen. Nach einem Moment sagte der dritte mit ironischer Tröstung: »Was doh! Gspäß müssa' trieba' sei'! Sott jong Mädla' sticht manchmol der Uebermuth ond doh macha's eba' Norrheita'! A rechts Mannsbild verzürnt se desdawega net — er kriegt's oh widder amol derfür!« — »Ih« rief Michel in stolzem Unwillen, »ben d's erstmol ond d's letztmol von 'r a'gführt — dohfür stand e guet!« — Der erste bemerkte: »Ma' mueß nex verreda'!« Und vergnügt setzte er hinzu: »Wann ih no' mein Zwanzger hätt' (noch in den Zwanzigen wäre), nocht wißt' e, was e dät!« — Michel versetzte: »I woeß oh, was e dua'!« — Und mit einem scharfen Blick und entsprechender Kopfbewegung setzte er hinzu: »Globet 'r mers?« — Der Alte lachte und sagte zu seinem Kameraden: »Was send des für jong Leut ietz! Glei da Kohpf verliera'! Doh hont se o's (haben wir uns) anderst gholfa' zu o'srer Zeit — net wohr?« — Er stieß mit ihm an; der Andre brachte eine Geschichte in Erinnerung, die dies bestätigen sollte — Michel, dem das Vergnügen der »alten Narren« höchlich zuwider war, trat zu einem jungen Burschen, der ihn respektirte, und fühlte sich nach einem Gespräch mit ihm wieder etwas beruhigt.
Der Abend kam heran — man setzte sich an die Tafeln, um das letzte Mahl einzunehmen, das Interesse der Gäste wurde auf andre, wichtigere Dinge gelenkt, und nach dem feierlichen Schluß des eigentlichen Festes dachte mit Ausnahme der Nächstbetheiligten Niemand mehr an das Zwischenspiel auf dem Tanzboden.
Michel hatte wenig gegessen und demgemäß viel eingewickelt. Er blieb in dumpfer Stimmung sitzen und handhabte nur von Zeit zu Zeit den Bierkrug. Auf einmal erblickte er den Kasper an der Thür; er erhob sich, nahm sein Eingewickeltes und ging auf ihn zu. »No?« fragte Kasper, den die Neugier so früh zum Ansing geführt hatte, »wie stot's?« — »Nor still!« versetzte Michel, »i will d'rs glei verzähla'!« — Er führte ihn in ein gästeleeres Seitenstübchen, theilte ihm seine Erlebnisse mit und fragte mit der Miene der Unfehlbarkeit: »No, was sakst ietz? Hab' e Rehcht ghett — hab' e O'glück mit deam Mädle?« — Kasper hatte große Mühe gehabt, bei der Erzählung ruhig zu bleiben; aber auf diese Frage konnte er seine Meinung nicht zurück halten. »Brueder«, rief er, »bedenk doch —« — »Still!« fiel Michel, der seine Absicht errieth, erzürnt ein, — »red m'r nex zom Guata', oder du machst me böas! — Mei' Lebteng sig' es nemmer a' — ond mei' Lebteng gang e auf koe Hoaxet mea'!« — »No, no«, erwiederte Kasper, der wohl sah, daß ihm heute mit Ernst und Vernunft nicht beizukommen war, lächelnd, »du wurscht doch auf dei' oegana' (eigene) ganga'?« — »Halt's Maul« rief Michel in Verachtung solcher Späße und stand auf, um heimzugehen. Kasper fühlte die Pflicht, ihn zu begleiten.
Unterdessen hatte das Tanzen wieder begonnen. Der Schneider ging im Reihen, die Gret an der Hand, und sang ein lustiges Stückchen. Wie er den Michel mit seinem Päckchen an der Stiege sah, war er nicht sowohl schadenfroh als schadenselig, — vom Siegesjubel hingerissen juxte er und tanzte er fortjuxend, bis ihm der Athem ausging. »Doh siksch!« bemerkte unser Bursche zu Kasper, während sie die Stiege hinuntergingen — »so a miserabler Schneider, dear gar net he'falla' ka', weil 'r fliegt wie a Bettfeder — des ist der recht Ma' für dia! — No so mei'tweg — dean soll's oh haba'.«
Ende gut, Alles gut.
Es ist eine eigenthümliche Sache um das Schicksal! — — Der Mensch will an einem schönen, glückverheißenden Ziel anlangen, aber der Weg, den er einschlägt, führt ihn nur weiter ab davon. Er nimmt die Lehre der Erfahrung an, er geht, die täuschende Bahn vorsichtig meidend, eine andere. Da gewahrt er, daß man durch Schaden immer nur sehr verhältnißmäßig klug wird: der erprobten Falle entgehend, stürzt er in eine andere. Er sieht den Zweck verloren. Wie sollte er ihn noch erreichen? So und so hat er ihn verfehlt. — Auf einmal bringt ihn sein guter Genius in eine Situation, wo die Anwendung der ihm vorzugsweise verliehenen Gaben zum Siege führt! Und nun kann er sein Schicksal schmieden — wenn er entschlossen ist, den Hammer zu schwingen und die von ihm geforderten Schläge zu führen.
Unser Bursche hatte ein Mädchen, die er liebte, foppen wollen — und war von ihr gefoppt worden. Er hatte sie durch Ausführung ihrer Befehle erfreuen wollen — und hatte sie durch Nichterfüllung ihrer Wünsche böse gemacht. Er hatte sich vor ihr und mit ihr auszeichnen wollen und hatte sich vor ihr und vor dem ganzen Dorfe mit Schande bedeckt. — Was konnte für ihn das Schicksal noch bereit haben?
Zunächst stand seine Sache bei dem Mädchen so schlecht als möglich. Die Gret hatte in der That beschlossen, ihn aufzugeben, und der Unwille, der diesen Entschluß geboren, hatte ihn auch den Rest des Hochzeitabends aufrecht erhalten. Als sie am andern Morgen früh erwachte, war es ihr Erstes, das Geschehene zu überdenken. Und diesmal kam sie kein Lachen an — ein tiefer Ernst nahm ihr Herz ein und blieb darin. »Es soll net sei'« — das war das Ergebniß ihres Nachdenkens. »Er hot ebbes auf me ghalta', des will e net läugna'; aber er ist stolz wie a Reichsgrof, empfindlich wie a kloes Ke'd (Kind), grob wie Säuboanastroa' — ond a Narr, wo ma'n a'sicht! — Noe, noe!« rief sie. »Wann e sei' Weib wearat, hätt e me nex as z'schäma', ond wann e'm d'Worat saga' dät, wuhr'r (würde er) wüadeng ond —« — Die Gret sah unwillkürlich die Arme Michels in einer gewissen Bewegung — sie zuckte in ihrem Bette und sah mit weiblichem Stolz vor sich hin. »Des wurd m'r net passiera'«, rief sie zuletzt, — »doh ben i guet derfür!«
Sie faßte mit Ernst und Ruhe den Entschluß, zu thun, als ob Michel nicht mehr auf der Welt wäre — ihn nicht mehr anzusehen — — und zu überlegen, was sich für sie Anderes und Besseres schicken möchte.
Der Vorfall zwischen ihr und dem Burschen war gestern Abend noch in der untern Wirthsstube erzählt worden, und Niemand zweifelte daran, daß die Gret sich mit dem Ungeschickten einen Spaß gemacht habe. Als sie nun zu ihrem Vater hinunterging, stellte sie der Wackre ernstlich zur Rede und sagte zum Schluß: »Des loß nor onterwegs kenfteng, so'st dischgerier ih a Wöartle mit d'r! Der Michel ist a braver ond a fleißenger Mensch; ond wann 'r net danza' ka', so braucht m'n desdawega' net für da' Narra' zhalta'! — I hoff«, setzte er mit aller Strenge hinzu, deren er fähig war, — »i hoff, daß so ebbes nemmer fürkommt!« — Das Mädchen, die ihrem Vater kein Bekenntniß ablegen wollte, begnügte sich zu erwiedern: »Doh hab koe Sorg! D' Schand ist für mi so groaß gwesa' wie für ihn — i hab bodagmuag (bodengenug, genug bis auf den Boden) an dem oezengamol!«
Bald darauf kam der Schneider — »em Vorbeiganga'«, wie er sagte. Er war vergnügt und sprach gemüthlich, indem er gewandt einige seiner städtischen Redensarten anbrachte. Das Mädchen sah ihn freundlich an und der Ernst wich im Geplauder mit ihm wenigstens aus ihrem Gesicht. — Der Maurer schaute mit zufriedenen Blicken auf das Paar. Vetter Jakob hatte eine bessere Sölde als er, und mit der Nadel war's eine gute Mannsnahrung. Die jungen Leute gefielen sich und hatten ihre Freude an einander — die Sache machte sich von selber. — Als der Schneider wieder fort war, zeigte der Alte das Gesicht eines Vaters, der Aussicht hat, seine letzte Tochter nach Wunsch zu versorgen, und sagte: »Der Vetter ist a gueter ond a'n aufklärter Mensch! 'S hot doch ebbes Guet's, wamma'n a bisle en der Fremd gwesa'n ist! Dean hält gwihß koe Mädle für da' Narra'!« — Die Gret sah für sich hin und ein leises Lächeln ging über ihr Gesicht. — —
Wie das Mädchen, so war auch ihr bisheriger Liebhaber weiter als jemals von dem Punkte entfernt, den er so lang erstrebt hatte.
Michel war nach kurzem Abschied von Kaspar, der zum Ansing zurückverlangte, geräuschlos in sein Haus getreten und hatte der Mutter das Eingewickelte mit dem Bemerken übergeben: er sei müde und wolle gleich ins Bett gehen. Die Mutter wußte nicht, was sie aus dem ruhigen, aber durchaus unvergnügten Gesicht machen sollte, und fragte: ob er nicht getanzt habe! »Ond wia!« versetzte der Bursche mit einer Art von Humor, »daß se alle Leut' drüber gwondert hont! — Aber ha'et ka'n e nemmer viel verzehla' — morga' früa' ist oh no' Zeit! Guetnahcht!« — Er ging in seine Kammer.
Vor Tagesanbruch erwachend hatte er das dumpfe Gefühl einer höchst widerwärtigen Geschichte. Als er sich das Vorgefallene deutlicher machte, verlor sich seine fatale Eigenschaft nicht — es grinste ihn widerlich und peinlich und immer peinlicher an. Er seufzte tief auf — und wollte davon wegsehen; aber das ging nicht. Seine Seele kam immer wieder darauf zurück, seine Gedanken liefen sonderbar hin und her. Einmal klagte er sich selbst an und wollte die Hauptschuld haben. Dann erinnerte er sich ihres »boshaften Lachens« und ihres Tanzens mit dem Schneider, und es schien ihm unzweifelhaft, daß die Gret falsch und er der Angeführte, der mit Fleiß Verhöhnte sei. Zuletzt rief er: »Was plog e me viel! — 'S ist aus — hab' Schuld dra' wer will!« —
Er stand auf und zog sich an. Der Mutter sein Versprechen wegen der Erzählung zu halten, fühlte er sich durchaus nicht in der Stimmung; deßwegen ging er sachte in die Stube, schnitt von dem Brotlaib in der Schublade des Tisches ein tüchtiges Stück ab, nahm eine Schaufel und ging auf's Feld, um an einem Graben weiter zu schaffen, den er herzustellen unternommen hatte. Er arbeitete »wie wild«. In körperlicher Anstrengung suchte er seinen Unstern mit Gewalt zu vergessen.
Als er um zehn Uhr heimwanderte, begegnete ihm in der Gasse — die Gret. Hätte er beschlossen gehabt, sie zu grüßen, so würde er's nach einem Blick auf sie doch unterlassen haben. Seine scharfen Augen gewahrten in ihrem gespannten Gesicht einen Ernst und einen Trutz, der ihm auf's Deutlichste sagte, sie wolle ihn nicht ansehen, nichts mehr von ihm wissen. Er machte ein Gesicht, dem ihrigen ähnlich, und stumm gingen sie aneinander vorüber. — Sollte er jetzt noch zweifeln, daß er der Genarrte war und der Schneider der Vorgezogene?
Als er — man sagt sich, in welcher Laune — nach Hause kam, war die Mutter von dem Ereigniß auf dem Tanzboden schon unterrichtet. Durch das Betragen des Burschen stutzig gemacht, war sie bald nach dem einsamen Frühstück zu einer Nachbarin gegangen, die auf der Hochzeit gewesen, und hatte Alles erfahren. Sehr unangenehm berührt von der Niederlage des Sohnes, urtheilte sie doch über die Gret anders als die Leute, und am fatalsten war ihr daher zuletzt Michels Grobheit gegen das Mädchen. Sie nahm sich vor, ihm tüchtig ihre Meinung zu sagen.