Zweites Buch
Reading edition
1
Frida Lämke feierte ihren zehnten Geburtstag. »Därfst du kommen, kriegen wer Kuchenschnecken mit Rosinen, aber därfst du nich kommen, jibt’s nur Schrippen wie alle Tage,« sagte sie zu ihrem Freund Wolfgang. »Sieh man zu, det se dir lassen!« Es lag ihr am meisten daran, daß Wolfgang kam; wegen Flebbe wurden keine Unterschiede gemacht, obgleich der immer sagte, sie wäre seine Braut.
Und Wolfgang quälte seine Mutter. »Laß mich doch hingehen – warum denn nicht? Ich möchte doch so gern – warum denn nicht?!«
Ja, warum denn nicht?! Mit diesem Warum lag er ihr seit vierundzwanzig Stunden in den Ohren; es zermürbte sie ganz. Was sollte sie ihm sagen – daß ihr Frida mißfiel? Aber was hatte das Mädchen denn eigentlich getan, daß es ihr mißfiel? Nichts! Es knickste immer höflich, war stets ordentlich gekleidet, hatte sogar das blaue Band mit einer gewissen Anmut in den blonden Zopf geflochten. Die Eltern waren auch ganz respektable Leute, und doch – immer trieben sich diese Kinder auf der Straße herum, jederzeit, sommers und winters! Man mochte vorbeikommen, wann man wollte, immer waren die Lämkes vor der Tür! War es die Straße selber, die sie aus diesem stupsnasigen, für sein Alter sehr entwickelten Mädchen ansah? Nein, zu diesen Leuten hingehen, ins Haus, hinuntersteigen in diese Atmosphäre der Portierstube, nein, das durfte er nicht!
»Ich möchte nicht, daß du hingehst,« sagte sie. Sie hatte doch nicht das Herz, diesen bittenden Augen gegenüber zu sagen: ›Ich will es nicht!‹
Und das Kind ersah seinen Vorteil. Es fühlte deutlich: ›sie kämpft mit sich‹, und mit einer grausamen Hartnäckigkeit verfolgte es seinen Wunsch.
»Laß mich doch – ach, laß mich doch! Ich bin aber sehr traurig, wenn ich nicht darf. Dann hab ich zu nichts mehr Lust. Warum soll ich denn nicht? Mutti, ich will dich auch so liebhaben, wenn du mich gehen läßt – laß mich – ja? Ich will aber doch!«
Sie konnte sich nicht mehr retten vor ihm, er ging ihr nach auf Schritt und Tritt, er faßte ihr Kleid, und – wenn sie’s ihm auch verwies, die Bitte noch öfter zu wiederholen –, sie fühlte es, er dachte doch unablässig das eine. So zwang er sie.
Schlieben verhielt sich weit weniger ablehnend gegen diese Einladung von Lämkes. »Warum nicht? Es sind ja ganz anständige Leute. Das schadet dem Jungen nichts, wenn er auch mal in die Kreise hineinguckt. Ich bin auch als Junge zu unsern Leuten in die Wohnung gekommen. Und warum denn nicht?!«
Sie wollte sagen, ›Das war auch etwas ganz andres, bei dir hatte es keine Gefahr‹ – aber dann besann sie sich und sagte es nicht. Sie wollte ihm nicht schon wieder mit ihren Befürchtungen, ihren Zweifeln, ihrer geheimen nagenden Angst kommen, die keinen greifbaren Grund hatte, sich nicht deutlich machen ließ, wie man am Ende jede andre Empfindung erklären kann. Wie ein sinkender Nebel schwebte stets etwas über ihr. Aber warum es ihm sagen?! Sie wollte sich weder darüber schelten noch darüber auslachen lassen; beides würde ihr gleich empfindlich sein. Er war ja nicht mehr so wie früher! O – sie empfand es mit einer leisen Bitterkeit – hatte er sie doch vormals verstanden! Jede Regung, jede Schwingung ihrer Seele hatte er mitgefühlt. Dieses ahnende Verstehen war ihm abhanden gekommen – oder verstand sie ihn vielleicht nicht mehr?!
Aber er war doch noch ihr lieber Mann, ihr guter, getreuer, den sie liebte wie sonst auf der Welt nichts mehr – nein, den sie so liebte, wie sie Wölfchen liebte! Das Kind, ach, das Kind, das war die Sonne, um die sich ihr Leben drehte!
Wenn Paul doch noch so wäre, wie er früher gewesen war! Sie mußte ihn jetzt so oft heimlich ansehen und sich mit einer gewissen Verwunderung auch in seine äußere Persönlichkeit hineinfinden. Nicht daß ihm das Breiterwerden schlecht stand; die Fülle, die seine schlanke Gestalt mit der einst etwas steifen, immer korrekten Haltung angenommen hatte, paßte zu seinen Jahren, zu den silbrigen Fäden, die im Bart und an den Schläfen zu schimmern begannen. Paßte zu der bequemen Samtjoppe, die er jetzt immer anzog, sowie er nach Hause kam, paßte zu seinem ganzen Wesen. Merkwürdig, daß jemand ein so praktischer Mensch werden konnte, dem früher alles Geschäftliche lästig, ja, höchst zuwider war! Jetzt würde er nicht mehr das fremde Kind aus dem Venn auflesen, und – einen langen Blick heftete Käte auf den Gatten –, jetzt würde er’s nicht mehr bei sich aufnehmen wie eine Gabe aus Märchenland!
Ob die Jahre auch sie so verändert hatten?! Ihr Spiegel zeigte ihr keine zu große Veränderung. Da war noch ganz dieselbe mädchenhafte Figur, die doppelt zart erschien neben der Behäbigkeit des Gatten. Noch war ihr Haar blond, und sie errötete noch wie ein junges Mädchen, dem schon ein streifender Blick das leicht bewegliche Blut unter die zarte Haut treibt. Ja, äußerlich war sie noch jung geblieben! Aber innerlich überkam sie doch oft eine Müdigkeit. Wolf machte ihr den Kopf gar so warm. Eine Mutter, die zehn, fünfzehn Jahre jünger war als sie, die würde es vielleicht nicht gleich ihr empfinden, wieviel Kräfte solch ein Kind kostet! Würde die nicht noch lachen, wenn es ihr schon zum Weinen war?
O Gott, welch ungestüme, unerschöpfliche Lebenskraft war in diesem Jungen! Sie war erstaunt, verwirrt, erschöpft davon. Wurde er denn nicht müde? Immer auf den Beinen, um sechs schon auf, immer heraus, heraus! Schon um Tagesgrauen hörte sie ihn sich rastlos werfen. Er schlief neben ihnen, die Verbindungstür nach seinem Zimmer blieb immer auf, obgleich ihr Mann darüber schalt: der Junge wäre groß genug, brauchte die Aufsicht nicht. Nachts wenigstens könnte man sich die Störung ersparen!
Aber sie wollte, sie mußte auch seinen Schlaf bewachen. Oft hörte sie ihn sprechen im Traum, so tief Atem holen, als beenge ihn etwas. Dann schlüpfte sie aus dem Bett, leise, leise, damit ihr Mann sie nicht hörte, zündete kein Licht an, suchte sich tastend, auf bloßen Füßen, den Weg ins Nebenzimmer. Und dann stand sie an seinem Bett. Noch hatte er das hübsche Gitterbett seiner ersten Knabenjahre – aber wie lange noch, und dies Bett war zu klein?! Wie er wuchs, so unheimlich schnell! Vorsichtig, mit leichter Hand, fuhr sie über seine Decke und fühlte darunter den langgestreckten Knabenleib. Jetzt warf er sich, stöhnte, bäumte sich auf wie einer, der gegen etwas anringt. Was hatte er nur? Jetzt sprach er undeutlich. Von was träumte er denn so lebendig? Er schwitzte über und über.
Wenn sie ihn nur sehen könnte! Aber sie traute sich nicht, Licht zu machen. Was sollte sie ihrem Mann sagen, wenn er, vom Lichtschein geweckt, sie fragen würde: ›Was machst du denn da –?‹ Und Wölfchen würde auch aufwachen und fragen: ›Was willst du denn?‹
Ja, was wollte sie denn eigentlich?! Darauf wußte sie sich keine bestimmte Antwort. Wissen hätte sie nur mögen, was seine Seele im Traum so beschäftigte, daß er seufzte und rang. Von was träumte er? Von wem?! Wo war er im Traum?!
Zitternd stand sie auf ihren bloßen Füßen an seinem Bett und lauschte. Und dann beugte sie sich über ihn, so dicht, daß sein Atem, unruhig und heiß, ihr Gesicht anwehte, und hauchte wiederum ihn an – mengten sie nicht so ihre Atemzüge, gab sie ihm nicht so Odem von ihrem Odem? – und flüsterte leise und doch so eindringlich, bittend und beschwörend zugleich: »Die Mutter ist hier, die Mutter ist bei dir!«
Aber mit einem Ruck warf er sich auf die andre Seite, drehte ihr den Rücken zu und murmelte. Lauter Unverständliches, selten ward ein Wort deutlich, aber es war genug auch so; sie fühlte: er war nicht hier, nicht bei ihr – weit fort! Suchte seine Seele im Traum die Heimat, die er nicht kannte, die er nicht einmal ahnen konnte und die doch so mächtig war, daß sie ihn, auch unbewußt, an sich zog?!
Von einer Unruhe ohnegleichen gepeinigt, stand Käte an Wolfgangs Bett: eine Mutter und doch keine Mutter! Ach, sie war ja nur eine fremde Frau am Bett eines fremden Kindes!
Und sie schlich sich zurück auf ihr Lager und vergrub ihre hämmernde Stirn tief in die Kissen. Heftig fühlte sie ihr Herz pochen, und sie schalt sich selber darüber, daß sie sich so unnütze Gedanken machte. Sie änderte ja nichts dadurch, ward nur müde und traurig.
Wenn Käte nach solchen Nächten aufstand, fühlte sie den besorgten Blick ihres Mannes, und ihre Hände, die das reiche Haar aufsteckten, zitterten. Gut, daß ihr eine Nadel entfiel, da konnte sie sich doch rasch bücken und ihr überwachtes Gesicht mit den umschatteten Augen seinen forschenden Augen entziehen. –
»Ich bin wieder gar nicht mit dem Befinden meiner Frau zufrieden,« klagte Schlieben dem Arzt. »Sie ist wieder schrecklich nervös!«
»So?!« Geheimrat Hofmanns freundliches Gesicht wurde energisch. »Ich will Ihnen was sagen, lieber Freund, da gehn Sie nur gleich dagegen an!«
»Das nützt nichts!« Schlieben schüttelte den Kopf. »Ich kenne doch meine Frau. Der Junge macht’s, der verdammte Junge!«
Und er nahm sich Wolfgang vor. »Hör mal, du mußt die Mutter nicht immer so quälen! Merke ich noch einmal, daß sie sich über dich kränkt, weil du ungezogen bist, so sollst du mich kennen lernen!«
Quälte er denn die Mutter?! Wolfgang machte ein verdutztes Gesicht. Und ungezogen war’s doch auch nicht, wenn er gern zu Lämkes wollte! Das quält, wenn man innen sitzen muß, während draußen der Wind pfeift und einem so lustig das Haar zerwühlt! Und das quälte ihn auch, daß er heute nicht zu Lämkes sollte.
»So geh nur hin,« sagte Käte. Sie fuhr sogar noch vor Tisch nach Berlin hinein und kaufte eine Puppe, eine hübsche Puppe mit blonden Locken, mit Augen, die sich schlossen und öffneten, und mit einem rosa Kleid. »Die bringe Frida zum Geburtstag mit,« sagte sie am Nachmittag und händigte sie dem Knaben ein. »Halt! Vorsicht!«
Er hatte ungestüm zugepackt, es freute ihn doch zu sehr, daß er der Frida was bringen konnte. Und in einer seltenen Regung – er war kein Freund von Zärtlichkeiten – reckte er der Mutter das Gesicht hin und empfing, in einer Aufwallung von Dankbarkeit, ihren Kuß. Er ließ ihn sich mehr gefallen, als daß er nach ihm verlangte, sie fühlte das wohl, aber sie war doch froh darüber, und mit einem Lächeln, das ihr ganzes Gesicht erhellte, sah sie ihm dann nach.
»Aber vor Dunkelwerden bist du wieder zu Hause,« hatte sie ihm noch zugerufen. Ob er sie gehört hatte?
Wie er lief, davonjagte, leichtfüßig wie ein Hirsch! Noch nie hatte sie ein Kind so rasch laufen sehen. Er warf die strammen Beine, daß die Hacken hinten gegen die Schenkel schlugen; der Wind blies ihm den breitkrempigen Matrosenhut in den Nacken, da riß er ihn ganz ab und rannte barhäuptig weiter, so eilig hatte er’s.
Was zog ihn nur so mächtig zu diesen Leuten?!
Von Kätes Gesicht verschwand das Lächeln, sie trat vom Fenster zurück. –
Wolfgang war glücklich. Er saß bei Lämkes in der Stube, in der zur kälteren Jahreszeit auch gekocht wurde. Die Schlafstätte der Eltern war durch einen Vorhang abgegrenzt; Frida schlief auf dem Sofa und Artur nebenan in dem Kämmerchen, das auch die Schippen und Besen, die Vater Lämke zur Haus- und Straßenreinigung brauchte, beherbergte.
Noch war es nicht Winter, noch freundlicher Herbst, aber doch roch es schon in der Stube hübsch warm und mollig. Mit dem zarten Duft der blassen Monatsrose und des Nelkenstocks, der Myrte und des Geraniums, die, dicht an das fast ebenerdige Fenster gerückt, alle blühten, mischte sich der strengere Geruch des Kaffees, den Frau Lämke in der großen Emaillekanne brühte. Zu Hause bekam Wolfgang nie Kaffee, hier bekam er welchen; und er schlürfte ihn, wie er die andern ihn schlürfen sah, nur empfand er ein noch größeres Behagen dabei. Und nie hatte ihm ein Stück Torte so gut geschmeckt wie diese einfache Schnecke, die eher Semmel als Kuchen war; er kaute mit offenem Mund, und als Frau Lämke ihm, dem geehrtesten Gast, noch eine zweite Schnecke zuschob, nahm er sie mit strahlendem Gesicht.
Frau Lämke fühlte sich sehr geschmeichelt durch seinen Besuch. Aus der Puppe aber hatte sie sich nicht viel gemacht; die hatte sie Frida gleich weggenommen und in den Schrank geschlossen: »Det de ihr nich jleich verknutschst! Un iebrigens biste doch keen Herrschaftskind, det uff alle Dage mit Puppens spielt. Schade um det Jeld!« Aber nachher, als Vater Lämke aus der Portierloge, wo er in seinen Mußestunden saß und Stiefel flickte, herunterkam, um auch eine Tasse Geburtstagskaffee zu trinken und eine Schnecke zu essen, wurde die Puppe doch wieder vorgeholt und ihm gezeigt.
»Fein, was? Hat sie von Wolfjangen seine Mama. Sieh mal, Lämke« – die Frau hob der Puppe das rosa Kleidchen auf und zeigte darunter das weiße, mit einer kleinen Spitze besetzte Volantröckchen – »so ’ne Frisur, janz jenau so ’ne hatte ik Frida’n um ’t Taufkleidchen jenäht. Jotte doch, sie war doch det erste, da denkt man, et is noch wat Besondret! Ach ja,« – sie seufzte und legte die Puppe wieder in den Schrank zurück, in dem allerlei Krimskram, die reinen Bettbezüge und ihr und Fridas Sonntagshut lagen – »wie de Zeit verjeht! Nu is se schonst neune!«
»Zehne,« verbesserte Frida. »Ich bin doch heute zehne jeworden, Mutter!«
»Richtig – nee, schonst zehne!« Die Frau lachte und schüttelte den Kopf, über diese Vergeßlichkeit verwundert. Und dann nickte sie ihrem Manne zu: »Weeßte noch, Lämke, wie se jeboren wurde?«
»Un ob,« sagte er und schenkte sich nochmals aus der unerschöpflichen Kanne ein. »Det war ’ne schöne Tur, wie se jeboren wurde – na, ich danke! Die Jöhre hat dir scheene zujesetzt! Un mir mit, ich kriegte ordentlich Manschetten. Aber nu, Alte – ä, zehn Jahre her, nu is et ja bald nich mehr wahr!«
»Un wenn et hundert her wäre, det verjäße ik nich, o nee!« Die Frau hob abwehrend die Hand. »Ik wollte mir jrade wie heute, so um viere ’rum, Kaffee kochen, ik hatte so ’n Jieper drauf, da jing ’t los. Jrade noch, daß ik bis iebern Flur kam – weeßte, du warst damals noch in de Werkstelle bei Stiller, un wir wohnten in de Alte-Jakob, fünf Treppen links – un ik kloppte bei den Krawattenfritze drieben an un sagte: ›Ach, sein Se doch so jut,‹ sagte ik, ›schicken Se man fix Ihre Kleene bei die Wadlern, Spittelmarcht zehne, die weeß schon‹ – au weih, war mich schlecht! Un ik fiel uf’n nächsten Stuhl; se hatten alle Mühe, det se mir noch ’rieber kriegten. Un nu jing det los, ik konnte nich an mir halten, bei’n besten Willen nich; ik jloobe, se haben mir drei Häuser weit schreien jehört. Un det dauerte, det dauerte – et wurde Abend – du kamst zu Hause – et wurde Mitternacht – morjens fünfe, sechse, sieben – da endlich um neune sagte de Wadlern: ›det Kind, det is an’n Ende –‹«
»Mutter,« unterbrach sie der Mann und zwinkerte nach den Kindern hin, die ganz still am Tisch saßen und mit weitgeöffneten, neugierigen Augen lauschten, »nu laß’t man jut sind! Det is ja nu allens lange vorbei, de Jöhre is da, un is dich ja soweit janz jut jeraten!«
»Punkt elfe wurde se jeboren,« sagte Frau Lämke träumerisch und nickte ernsthaft dabei und atmete dann so tief auf, als hätte sie einen hohen Berg überklettert. Und dann rief sie ihre Tochter zu sich heran, heute, am zehnten Geburtstag ihrer Erstgeborenen, von Leid und Freude einer nach zehn Jahren noch so unendlich lebendigen Erinnerung überflutet.
»Komm man, Frida!« Und sie gab ihr einen Kuß.
Frida, ganz verdutzt durch diese unvermittelte Zärtlichkeit, lachte ihren Bruder Artur und die beiden andern Knaben dumm an, und dann entschlüpfte sie zur Türe: »Können wer jetzt spielen jehn?«
»Macht, det ihr ’rauskommt!«
Da stürzten sie voller Fröhlichkeit aus der dunklen Portierwohnung, die unten im Souterrain lag, hinauf.
So hell war’s auf der Straße, so heiter schien die Sonne, Wind wehte frisch, fern flog ein Drache übers Feld. Wenige Fußgänger, keine Wagen. Die Straße gehörte ihnen, und mit Hallo stürmten sie dahin: wer zuerst am Laternenpfahl an der Ecke war, der war Hauptmann!
Wolfgang hätte sich diese Ehre sonst nie nehmen lassen, aber heute mußte er Gendarm sein, er war der letzte gewesen. Langsam und stumm war er den andern gefolgt. Etwas saß ihm im Kopfe fest, das machte ihn schwerfällig und hemmte seinen Lauf; er mußte darüber denken, denken. Das wurde er nicht los, selbst als er mitten drin war im Lieblingsspiel; erst dann vergaß er’s, als er mit Hans Flebbe eine große Balgerei hatte. Dieser hatte ihn ins Gesicht gekratzt, darum riß er ihm jetzt ein Büschel Haare aus. Am nächsten Gartengitter hielten sie sich gepackt.
Artur, ein kleiner Schwächling, hatte sich nicht am Streite beteiligt, aber er schrie, die Hände in den Hosentaschen, mit kreischender Stimme hinein in den Kampf, den die beiden wortlos miteinander ausfochten.
»Flebbe, hau ihm! Mit de Faust unter de Neese – tüchtig!«
»Wolfjang, man zu! Zeig ihm, was ’ne Harke is, immer ruff uf ihn!«
Frida hüpfte lachend von einem Bein aufs andere, der blonde Zopf tanzte auf ihrem Rücken. Aber dann wurde ihr Lachen auf einmal ein wenig verlegen-bang: der mehrere Jahre ältere Hans hatte Wolfgang untergekriegt und hämmerte ihm nun mit der Faust ins Gesicht.
»Flebbe, du!« Sie zerrte ihn an der Bluse, und als das nichts half, stellte sie ihm flink ein Bein. Da stolperte er darüber, und Wolfgang, gewandt den Augenblick nutzend, schwang sich nach oben und besorgte es nun dem Feind grimmig.
Das war kein Spiel mehr, keine gewöhnliche Jungensbalgerei. Wolfgang fühlte sein Gesicht wie Feuer brennen, ein Kratz lief ihm die Wange herab bis zum Kinn, vor seinen Augen tanzten Funken. Jetzt hatte er alles vergessen, was ihn vorher so stumm gemacht, er fühlte eine wilde Lust, laut brüllte er auf.
»Du, Wolfjang! Wolfjang, nee, det jilt nich,« schrie der Unparteiische. »Det is doch keen Spaß nich mehr!« Artur schickte sich an, Wolf, der auf des Gegners Brust kniete, die Beine festzuhalten.
Ein Ruck, und er flog zur Seite. Zitternd vor Wut kehrte sich Wolf nun auch gegen ihn; seine schwarzen Augen funkelten. Das war kein wohlgezogenes, wohlgekleidetes, herrschaftliches Kind mehr, das war eine ganz elementare, ungezügelte, unbezwungene Kraft. Er schnaufte, er keuchte – da, ein Ruf!
»Wolfjang, Wolfjang!«
»Du,« mahnte Frida, »Mutter ruft! Un euer Mädchen steht bei un winkt!«
Von der Haustür her tönte wiederum Frau Lämkes Stimme: »Wolfjang, Wolfjang!« Und nun ließ sich auch Lisbeth spitzen Tones vernehmen: »Na, wird’s bald? Sollst zu Hause kommen!«
Frau Lämke lachte. »Na, lassen Se man, se waren so verjniegt!« Aber dann bekam sie doch einen Schreck, als sie des Knaben beschmutzten Anzug sah, und fing an, daran herumzuwischen. »Jotte, wie sieht de scheene Bluse aus – un de Hosen!« Sie bekam einen roten Kopf und wurde noch röter, als sie den feurigen Kratz bemerkte, der über des jungen Herrn Backe lief. »Dir haben se ja scheene zujericht – Jöhren, verdammte! Na, wartet ihr man!« Sie drohte Hans Flebbe und den eigenen Kindern, aber es war doch kein wirklicher Ernst in ihrer Drohung. Halblaut, mit einem schmunzelnden Zucken um die Mundwinkel, sagte sie zu Lisbeth, die in starrer Entrüstung dastand: »Dolle Jöhren, was? Na, det is nu ebent nich anders, so waren wer alle auch, als wer noch jung waren!« Und sich wieder zu Wolfgang wendend, fuhr sie ihm gutmütig mit der arbeitsrauhen Hand über den feurigen Kratz: »Det war doch ’n Hauptspaß, was, Wolfjang?«
»Ja,« sagte er aus tiefster Seele. Und dann, als er ihr Auge so freundlich-verständnisvoll auf sich gerichtet sah, war es ihm, als wäre er dieser Frau sehr gut. –
Es war ein herrlicher Nachmittag gewesen. Aber als er nun neben Lisbeth nach Hause ging, sprach er nicht davon; sie hätte ja doch die Nase gerümpft.
»Na, gnäd’ge Frau is schön böse,« sagte Lisbeth – sie sprach mit dem Knaben nie anders als von der ›gnädigen Frau‹ – »was bleibste denn auch so ewig lange?! Hast du nicht gehört, daß gnäd’ge Frau gesagt hat, du sollst vor Dunkelwerden zu Hause kommen?«
Er blieb stumm. Mochte die nur schwatzen, das war ja gar nicht wahr! An ihr vorbeisehend, starrte er in die Dämmerung. Aber als er zu Hause ins Zimmer trat, merkte er doch, daß die Mutter auf ihn gewartet hatte. Böse war sie freilich nicht, aber sein Abendbrot: ein Ei, ein Schinkenbrötchen, die Milch im silbernen Becher, alles zierlich zurechtgemacht, stand schon da, und sie saß gegenüber seinem Platz, hatte die gefalteten Hände auf das weiße Tischtuch gelegt und die Brauen ungeduldig-finster zusammengezogen.
Die große Hängelampe, deren Gaslicht hell über den Tisch leuchtete und den gesenkten Frauenscheitel goldig flimmern ließ, machte das Gesicht nicht heller.
Die Mutter war in Seide, in heller Seide, in einem Kleid mit Spitzen, das über Hals und Arme nur etwas wie einen ganz dünnen Schleier hatte. Aha – nun fiel’s ihm ein – sie sollte ja um acht Uhr den Vater, der heute zu Mittag gar nicht nach Hause gekommen war, in der Stadt treffen und mit ihm in eine Gesellschaft gehen! Aha, darum hatte er so früh nach Hause kommen müssen?! Als ob er nicht allein ins Bett finden könnte!
»Du kommst ja so spät,« sagte sie.
»Du hättst ja schon gehen können,« sagte er.
»Du weißt, mein Kind, daß ich nicht ruhig bin, wenn ich dich nicht hier zu Hause weiß!« Sie seufzte: »Wie könnte ich das auch!«
Erstaunt sah er sie an: warum sagte sie das? Hatte ihn etwa wieder jemand verpetzt? Warum war sie so komisch?!
Mit großen Blicken, als sei sie ihm ganz fremd in diesem Kleide, das so nackt an Hals und Armen ließ, betrachtete er sie. Nachdenklich schob er die Bissen seines Abendbrotes in den Mund und kaute langsam. Er mußte auf einmal wieder so sehr an das denken, was er Frau Lämke hatte erzählen hören. Wie er geboren wurde, davon hatten sich Vater und Mutter nie etwas erzählt!
Und er hielt plötzlich inne mit Kauen und fragte in die Stille des Zimmers, in die Stille, die zwischen ihm und ihr war, ganz unvermittelt hinein: »Wie ich geboren wurde, hat’s da auch so sehr lange gedauert?«
»Wie – was – wer – du?!« Sie sah ihn starr an.
Sie schien ihn nicht verstanden zu haben! Darum schluckte er rasch den Bissen, den er noch im Munde hatte, herunter und sagte recht laut und deutlich: »Ob’s auch so lange gedauert hat, wie ich geboren wurde? Bei Frida hat’s sehr lange gedauert. Hast du auch so geschrieen wie Frau Lämke?«
»Ich–?! Wer –ich?!« Sie wurde glühend rot und dann sehr blaß. Für einen Moment schloß sie die Augen, ihr schwindelte; es sauste ihr vor den Ohren, sie sprang vom Stuhl auf, hatte das Gefühl, fortlaufen zu müssen und konnte doch nicht. Mit bebenden Händen hielt sie sich am Tisch, aber die feste Eichenplatte war etwas Unsicher-wackelndes, Wogendes, Gleitendes geworden. Was – was sprach der Junge da? O Gott!
Sie biß sich auf die Lippen, holte tief Atem, wollte sagen: ›Laß doch solch dumme Fragen,‹ und konnte das doch nicht. Sie rang mit sich. Endlich stieß sie heraus: »Unsinn! Mach rasch, iß auf! Dann gleich zu Bett!« Ihre Stimme klang ganz rauh.
Wieder traf sie des Knaben verwunderter Blick. »Warum bist du auf einmal so – so – so eklig? Wenn man nicht mal was fragen darf!« Und verdrossen schob er den Teller zurück und hörte auf zu essen.
Warum antwortete sie ihm nicht? Warum erzählte sie ihm nicht so etwas, wie Frau Lämke ihrer Frida erzählt hatte? War er denn nicht auch geboren? Und hatte sich denn die Mutter nicht auch gefreut, wie er dann geboren war? Es war recht häßlich von ihr, daß sie ihm nichts davon sagte! Merkte sie denn nicht, wie gern, wie schrecklich gern er etwas davon wissen wollte?!
Eine brennende Neugier war auf einmal in dem Kinde erwacht. Die quälte ihn, fraß förmlich an ihm. Die ganze Nacht würde er nicht schlafen können, immer, immerfort darüber denken müssen! Und er wollte doch gern schlafen, es war langweilig, wach zu liegen – er wollte, er mußte es wissen!
Käte sah, wie sich des Knaben Antlitz verfinsterte. Ach, der arme, arme Junge! Hätte sie ihn doch nur nicht zu jenen Leuten gehen lassen! Was hatte er dort erfahren, was wußte er? Hatten sie ihn mißtrauisch gemacht? Was wußten diese Leute? O, die hatten ihm Mißtrauen eingeflößt, wie würde er sie denn sonst mit solchen Fragen quälen?!
Heiße Angst schoß in ihr auf, und doch fühlte sie ihre Hände und Füße kalt werden wie Eis. Aber stärker noch als ihre Angst war ihr Mitleid – da saß er, ach, so traurig, und hatte Tränen in den Augen! Das arme Kind, das von seiner Geburt zu wissen verlangte und dem sie nichts sagen konnte, sagen wollte, sagen durfte! O, jetzt nur einen guten Gedanken, das richtige Wort!
»Wölfchen,« sagte sie sanft, »du bist noch zu jung dazu – jetzt noch nicht! Ein andermal! Du verstehst das ja noch gar nicht! Wenn du erst älter bist – ein andermal erzähle ich dir!«
»Nein, jetzt!« Sie hatte sich ihm genähert, er faßte sie am Kleid, hielt sie fest; mit der ihm eigenen, etwas schwerfälligen Hartnäckigkeit beharrte er: »Jetzt! Ich will es wissen – ich muß es wissen!«
»Aber, Wölfchen, ich – ich habe jetzt keine Zeit! Ich muß fort – ja, ich muß wirklich fort, es ist höchste Zeit!« Sie blickte im Zimmer herum und war ganz verwirrt: »Ich – nein, ich kann dir nichts erzählen!«
»Du willst nicht,« sagte er. »Und Frau Lämke hat es doch ihrer Frida erzählt!« Der Ausdruck mauliger Verdrossenheit schwand aus dem dunklen Knabengesicht und machte dem einer wirklichen Betrübnis Platz: »Du hast mich lange nicht so lieb, gar nicht so richtig lieb, wie Frau Lämke ihre Frida hat!«
Sie ihn nicht lieb haben –?! Sie ihn nicht lieb haben –?! Und das glaubte er?! Käte hätte aufschreien mögen. Wenn eine ihr Kind lieb hatte, so war sie’s gewiß, und doch fühlte dieses Kind instinktiv: hier fehlt etwas! Fehlte dann nicht jenes rätselhafte Band, das eine wirkliche Mutter und ihr wirkliches Kind so unlösbar-geheimnisvoll, so tief innen verbindet?
»Wölfchen,« sagte sie zitternd-weich, »mein liebes Wölfchen,« und strich ihm mit der eiskalten Hand über die heiße Stirn. »Das glaubst du doch selber nicht, was du da sagst! Wir haben uns doch so lieb, nicht wahr?! Mein Kind – mein geliebtes Kind, sag?!«
Sie suchte seinen Blick, sie klammerte sich an seine Antwort.
Aber die Antwort, die sie ersehnte, kam nicht. Er sah an ihr vorbei. »Du erzählst mir ja doch nichts!«
Das kam nicht aus ihm! Jetzt auf einmal dies brennende Verlangen! Das hatte ihm jemand eingeflößt, es konnte nicht anders sein! »Wer –« fragte sie stockend – »wer hat dir gesagt – du sollst mich so fragen? Wer?!«
Sie hatte ihn bei den Schultern gefaßt, er machte sich frei. »Och, was bist du so komisch! Nee – niemand! Aber ich möcht’s doch wissen. Ich sag dir doch, ich möcht’s wissen! Es quält mich so – ich weiß nicht warum – es quält mich eben!«
Es quälte ihn – jetzt schon, so früh?! O, dann war’s eine Ahnung, eine Ahnung – wer wußte woher? – eine unbewußte Ahnung aus allerersten Kindheitstagen! – Wie sollte das werden?! ›Gott, Gott, hilf mir!‹ schrieen ihre Gedanken. Jetzt galt es zu erfinden, zu erdichten, auszudenken! Diese quälenden Fragen durften niemals, nie mehr wiederkommen!
Und sie zwang sich, zu lächeln, und als sie fühlte, daß dies Lächeln kein Lächeln war, legte sie, hinter seinen Stuhl tretend, ihre Wange auf seinen Scheitel und ihre beiden Hände um seinen Hals. So konnte er nicht nach ihr umblicken. Und mit gedämpfter Stimme, wie man Kindern ein Märchen erzählt, sprach sie:
»Väterchen und ich waren schon lange verheiratet – denk mal an, fast fünfzehn Jahre schon! – und Väterchen und ich wünschten uns so sehr einen lieben Jungen oder ein liebes Mädchen, damit wir nicht so allein wären. Mal war ich eines Tages sehr traurig, denn alle andern Frauen hatten schon ein liebes Kind, nur ich nicht, und ich ging draußen umher und weinte, da hörte ich auf einmal eine Stimme – vom Himmel kam die – nein, ein Stimmchen – ein Stimmchen, das – und – und –« Sie verwirrte sich, stotterte und stockte: was sollte sie jetzt weiter sagen?!
»Hm,« machte er ungeduldig. »Und –?! Erzähl doch weiter! Und –?!«
»Und am andern Tag lagst du in unsrer Wiege,« schloß sie, ungeschickt-hastig, mit fast ersticktem Ton.
»Und –« er hatte sich von ihren Händen befreit, sich umgedreht und sah ihr nun ins Gesicht – »das ist alles?!«
»Nun – und wir – wir freuten uns sehr!«
»Wie dumm!« sagte er gekränkt. »So ist doch nicht ›Geboren-werden‹?! Frau Lämke erzählt es ganz anders. Du weißt es ja gar nicht!« Zweifelnd sah er sie an.
Sie wich seinem Blick aus, aber der seine ließ sie nicht los. Ihr war, als blickten diese forschenden Augen ihr bis auf den Grund der Seele. Da stand sie wie eine Lügnerin und wußte nichts mehr zu sagen.
»Du weißt es ja gar nicht,« wiederholte er noch einmal bitter enttäuscht. »Gute Nacht!« Und schlorrte zur Tür.
Sie ließ ihn gehen, rief ihn nicht zurück zum Gutenachtkuß. Starr blieb sie sitzen.
Oben, im Zimmer über sich, hörte sie seine Tritte. Jetzt schleuderte er seine Stiefelchen aus, jetzt polterten sie in die Ecke – jetzt ward es still.
O, was sollte sie ihm dereinst sagen, wenn er mit vollem Bewußtsein Fragen an sie richtete, ein zu Fragen berechtigter, Antwort heischender Mensch?! Sie ließ sich auf den Stuhl fallen, auf dem er gesessen hatte, und stützte den Kopf in beide Hände.
2
Die Freundschaft mit Lämkes wurde eingeschränkt. Nie mehr sollte ihr Kind dorthin gehen! Eine Art von Eifersucht war in Käte aufgequollen gegen diese gewöhnliche Frau, die so unpassende Sachen sprach, die vor Kinderohren sich so gar keinen Zwang antat.
Frau Lämke konnte sich jetzt nicht mehr des freundlichen Grußes der feinen Dame rühmen; diese ging jetzt am Hause vorüber und sah sie nicht mehr an, schien es nicht zu hören, daß sie respektvoll grüßte: ›juden Tag, jnäd’ge Frau!‹
»Du, wat habe ick denn eijentlich deine Mama jetan?« fragte sie eines Tages Wolfgang, als sie, vom Einholen zurückkehrend, ihn nach langer Zeit einmal wieder sah. Er lehnte am Gitter des schrägüberliegenden Grundstücks und starrte sehnsüchtigen Blickes nach ihrer Haustür.
Er fuhr zusammen; er hatte sie gar nicht kommen hören. Und dann tat er, als bemerke er sie nicht und schnippte mit der Gerte, die seine Hand hielt, in die Luft.
»Kommste denn jar nich mehr bei uns?« fragte sie weiter. »Haste dir mit Artur’n jehauen oder mit Frida’n jezankt? Nee, wat denn, det kann ja nich sind, die hat ja schonst so sehr uf dir jelauert! Die Jnädige läßt dir woll nich, was?! Nanu, wir sind woll nich mehr jut jenug? Nee freilich, wir sind nur Portjehs und unsre Kinder Portjehskinder!«
In ihrem gutmütigen Ton mischte sich die Gereiztheit der Kränkung, und der Knabe horchte auf. Er wurde glühend rot.
»Na ja, ick sehe schon, du därfst nich! Na meintwejen, denn nich!« Erbittert wendete sie sich zum Gehen.
»Na, was ’s denn noch?!« Er hatte sie durch einen Laut zurückgehalten; sie blieb stehen – wider Willen. Es war etwas in dem Blick der Knabenaugen, die sie jetzt voll ansahen, das sie festhielt. »Nee, nee, mein Sohn,« sagte sie gutmütig, »du kannst ja nich dafor, ick weeß ja!«
»Sie läßt mich nicht,« murrte er zwischen den Zähnen und hieb mit der Gerte durch die Luft, daß es sauste.
»Warum denn nich?« forschte die Frau. »Hat se nich jesagt, warum de nich mit Artur’n und Frida’n mehr spielen sollst? Artur hat jetzt ’nen neuen Triesel – ei weih, der tanzt! Un Frida von die Dame oben bei uns ’nen wunderscheenen Ball!«
Des Knaben Augen flammten. Er holte mit dem Fuß aus und stieß ein Steinchen, das vor ihm lag, so heftig von sich, daß es im Schwung hinüberflog bis zur andern Seite der Straße. »Und ich spiele doch mit ihnen!«
»Na, na, man nich so trotzig,« ermahnte jetzt die Frau. »Et kann ja sind, vielleicht waren die Jöhren unjezogen – lieber Jott, man kann doch nich for allens ufkommen, wat se treiben – weeßte, Wolfjangchen, Mama’n mußte doch jehorchen, wenn se ’t nu mal durchaus nich will!« Sie seufzte. »Wir haben dir sehr lieb jehabt, mein Sohn! Aber det is immer so: erst is de Freundschaft jroß, aber denn besinnen sich die Reichen uf eenmal? Du bist ja ooch jetzt eijentlich schonst zu jroß, um in’n Keller bei uns zu sitzen –«
Sie wollte noch weiter schwatzen, da fühlte sie sich an der Hand gefaßt. Es war ein sehr fester Griff, mit dem die Knabenhand die ihre hielt. Sich zu ihm herunterneigend, denn sie war groß und hager und ihr Auge vom ewigen Halbdunkel der Portierwohnung nicht mehr scharf, sah sie, daß er Tränen in den Augen hatte. Sie hatte ihn noch nie weinen sehen und bekam förmlich einen Schrecken.
»Laß man jut sind, laß man, Wölfchen! Nee aber, so weene doch nich, um Jottes willen nich, det wär’t noch jrade wert!« Den Zipfel ihrer groben blauen Arbeitsschürze nehmend – sie war nur eben mal vom Waschfaß fortgelaufen –, wischte sie ihm die Augen, und dann die Backen herunter, und dann strich sie ihm übers Haar, das so straff und dicht auf dem runden Kopfe lag.
Er stand still, wie angewurzelt, auf der schon frühlingslichten, sonnenhellen Straße; er, der so scheu vor Zärtlichkeiten war, ließ sich also streicheln und scheute es auf einmal nicht, wenn dies auch andre Leute sahen.
»Ich komme doch wieder in den Keller, Frau Lämke! Da kann sie sagen, was sie will. Ich komme doch zu Ihnen!«
Als er nun davonging, nicht trabend, wie es sonst seine Art war, sondern langsam, mit einem bedächtigen Tritt, wunderte sich die Frau, die ihm nachsah, wie groß er schon war. –
Frau Käte hatte einen schweren Stand. Wie sie sich auch wehrte, förmlich dagegen stemmte, daß der Verkehr mit Lämkes wieder aufgenommen wurde, der Knabe war stärker als sie. Er setzte es durch, daß die Kinder, wenn er denn nicht zu ihnen hin sollte, wenigstens zu ihm kommen durften. In den Garten wenigstens – das hatte er der Mutter abgerungen.
Es war wie ein Kampf gewesen zwischen ihm und ihr, zwar ohne laute Worte und heftige Szenen, ohne direkte Verbote von ihrer Seite, ohne Bitten von der seinen; es war ein weit ernsteres, stummes Ringen. Sie hatte den Trotz in ihm gefühlt, der sich gegen sie bäumte, den Widerstand in ihm, der immer weiter und weiter sich erhob bis zur Abneigung – ja, Abneigung gegen sie! Oder bildete sie sich das etwa nur ein?!
Gern hätte sie sich mit ihrem Manne darüber ausgesprochen – ach, es war ihr ein solches Bedürfnis! – aber sie fürchtete dessen Lächeln. Oder dessen indirekten Vorwurf. Er hatte erst neulich einmal gesagt: ›Es ist keine Kleinigkeit, ein Kind zu erziehen. Schon ein eignes ist schwer, wie viel schwerer noch ein‹ – nein, ein ›fremdes‹ sollte er nicht wieder sagen, nein, dies nicht noch einmal! Dieses Kind war ihr kein fremdes, es war ihr eignes! Ihr geliebtes Kind!
Sie gab Wolfgang nach. Es war ja auch nicht gefährlich, wenn die Kinder hierher zu ihm kamen in den Garten, da hatte sie sie ja immer unter den Augen und Ohren. Und gut wollte sie zu ihnen sein, das nahm sie sich vor, es die Kinder nicht entgelten lassen, daß sie ihrer Freundschaft wegen schon manch heimliche Träne hatte am Abend in ihr Kissen weinen müssen. Lieb wollte sie ihrem Knaben den Garten machen, so lieb, daß er nie mehr hinaus verlangte auf die Straße!
Aber als sie am Ostertag, an dem sie Wolfgang erlaubt hatte, seine Freunde, die Lämkes und auch den Kutschersohn, in den Garten zu laden, die bunten Eier versteckte, die Nestchen und Häschen und Küken in den treibenden Buchsbaum bettete und zwischen die ersten blühenden Büschelchen der blauen Scylla, erhob sich in ihrem Herzen etwas wie Zorn. Nun würden diese Kinder mit ihren schlechten Manieren und ihren trappsigen Schuhen kommen und ihr die Beete vertreten, diese sorgsam gepflegten Rabatten, auf denen unter deckendem Reisig schon die Hyazinthen Knospen trieben und die Tulpen sich reckten. Schade darum! Und daß man diesen ersten wirklichen Frühlingstag nicht still genießen konnte, ungestört dem flötenden Amsellied lauschen! Und gesperrt hatten sie sich noch! Hans Flebbe freilich hatte ohne Empfindlichkeit zugesagt – der Kutscher wenigstens wußte, was sich schickte –, aber die Lämkes hatten durchaus nicht kommen wollen; das heißt, ihre Mutter hatte es nicht gewollt. Zweimal hatte man Lisbeth hinschicken müssen; das zweite Mal war die ganz empört zurückgekommen: ›ne, was solch ein Volk sich einbildet!‹ »Lieber Junge, ich kann dir nicht helfen, sie wollen doch nicht,« hatte Käte sagen müssen, aber da hatte sie’s ihm angemerkt, wie niedergeschlagen er war, und in der Nacht hörte sie ihn seufzen und sich rastlos werfen. Nein, das durfte nicht sein! Seinen Arm, der sich so stürmisch um ihre Taille geschlungen hatte, als sie ihm die Erlaubnis gegeben hatte, die Kinder zu laden, wollte sie auch um ihren Nacken fühlen. Und so hatte sie sich denn hingesetzt und geschrieben – an diese ungebildete Frau geschrieben: ›Geehrte Frau Lämke,‹ und sie gebeten, den Kindern doch das Eiersuchen zu erlauben, Wolfgang zur Freude.
Nun waren sie da. Angetan mit ihren besten Sachen, standen sie steif und still auf dem Gartenweg und sahen nicht einmal nach den Rabatten hin. Käte hatte sich immer eingebildet, es besonders gut zu verstehen, Kinder aus sich herauszulocken. Hier verstand sie es nicht. Sie hatte Fridas ganz neues, buntkariertes Kleid gelobt und ihr den blonden Zopf, an dem die blaue Schleife baumelte, in die Höhe gehoben: »Ei, wie dick!« – auch Arturs blanke Stiefel hatte sie beachtet und Flebbes pomadisiertes Haar, das er, mit einem Scheitel in der Mitte, wie angeklebt über seinem blühenden Lakaiengesicht trug. Auch nach den Osterzensuren hatte sie gefragt, ohne doch längere Antworten herauszubekommen, als ›ja‹ und ›nein‹.
Die Kinder waren befangen. Besonders Frida; sie war die Älteste, und sie fühlte heraus, was da Gezwungenes in den freundlichen Fragen war. Sie machte ihren Knicks wie immer, schnell und schnippisch wie eine Bachstelze, die eilig auf und nieder wippt, aber ihre hohe Mädchenstimme klang heute nicht so hell; sie sprach gedämpfter, fast bedrückt. Und sie lachte nicht. Artur richtete sich nach der Schwester, und auch Hans Flebbe nach dem Mädchen, an dem er ohnehin alles nachahmenswert fand. Wie die armen Schlucker standen die beiden Jungen da, guckten unverwandt auf ihre Stiefelspitzen und schnüffelten, da sie es nicht wagten, ihre Taschentücher herauszuziehen und zu benutzen.
Käte verzweifelte. Sie konnte es nicht begreifen, daß ihr Wolfgang an solchen Gespielen ein Gefallen fand; heute war er übrigens genau so wie die andern, wortkarg und ungeschickt. Selbst als das Eiersuchen anhub, stellten sich die Kinder dumm an; man mußte sie förmlich auf den Versteck stoßen.
Müde, fast gereizt wandte sich Käte endlich dem Hause zu; nur ein Weilchen wollte sie drinnen bleiben. Nein, das hier war auf die Dauer nicht auszuhalten, immer in die Kinder hineinzureden und ihnen doch keine Gegenäußerung zu entlocken!
Aber sie hatte kaum ihr Zimmer betreten, so horchte sie auf: von außen drang ein Schrei zu ihr, so hell, so jauchzend-schrill, wie segelnder Schwalben Schrei. So schrieen Kinder in höchster Lust – o, sie kannte das von früher her, von ganz früher, ehe noch Wölfchen gekommen war! Da hatte sie solchen Schreien oft sehnsüchtig gelauscht. Aha – ein bitteres Gefühl regte sich in ihr –, nur sie mußte gehen, dann waren die Kinder lustig, dann war Wolfgang lustig!
Sie trat ans Fenster und sah, die Stirn an die Scheibe gelehnt, hinaus in den Garten. Wie sie rannten, sprangen, hüpften, lachten! Wie losgelassen! Sie spielten Nachlaufen. Gleich einem Wiesel schoß Frida hinter die Büsche, um dann mit spitzem, durchdringendem Gelächter wieder aufzutauchen und, kreischend, aufs neue zu verschwinden. Wild setzte Wolfgang hinter ihr drein. Er achtete nicht auf die Rabatten mit den treibenden Blumen, der Mutter Freude; mitten hinein tappte er, unbekümmert, ob er die Hyazinthen knickte oder die Tulpen, einzig nur bedacht, der flinken Frida den Weg abzuschneiden.
Und die beiden andern machten es ihm nach. O, wie wurden jetzt die Beete zertrampelt! Alle drei Jungen waren hinter dem Mädchen her. Der blonde Zopf flog wie eine goldene Schnur im Sonnenschein – jetzt flog er hier, jetzt flog er da – nun hatte Wolfgang ihn erhascht und stieß ein Triumphgeschrei aus. Frida versuchte ihn loszureißen, der Knabe hielt fest. Da drehte sie sich blitzgeschwind um, und, übers ganze Gesicht lachend, faßte sie ihn mit beiden Armen um den Leib.
Es war eine harmlos lustige Umschlingung, ein Trick des Spiels – nicht zur Gefangenen wollte das Mädchen gemacht sein, es wollte so tun, als sei es selber die Fangende –, es war eine ganz kindlich-unbefangene Berührung, aber Käte wurde rot. Ihre Stirn zog sich in Falten: aha, das Mädchen von der Straße zeigte sich! Kaum daß man den Rücken gewendet hatte!
Und mit einem Gefühl des Hasses gegen dieses Mädchen, das, so jung es auch noch war, doch schon versuchte, ihren Knaben an sich zu locken, ging die Mutter wieder in den Garten. –
Wenn Käte gedacht hatte, heute abend, nachdem die Kinder, beladen mit Ostereiern und vollgesättigt, nach Hause gegangen waren, einen stürmischen Dank von ihrem Jungen zu ernten, so hatte sie sich getäuscht. Wolfgang sagte kein Wort.
Sie mußte ihn fragen: »Nun, war’s denn schön?«
»Hm!«
Das konnte ebensogut ›ja‹ als ›nein‹ bedeuten. Aber daß es ›nein‹ bedeutet hatte, erfuhr sie, als er ihr gute Nacht sagte. Auf Wunsch des Vaters mußte er ihr immer die Hand küssen; er tat das auch heute mit der unfreien, schon so echt jungenhaften, etwas täppischen Bewegung. Sein dunkler glatter Kopf bückte sich einen Augenblick vor ihr – nur einen kurzen Augenblick – seine Lippen streiften flüchtig ihre Hand. Es war kein Druck in diesem Kuß, keine Wärme.
»Hast du dich denn gar nicht amüsiert?« Sie konnte es nicht unterlassen, sie mußte doch noch einmal fragen. Und er, der aufrichtig war, sagte geradezu:
»Immer, wenn’s gerade hübsch wurde, kamst du!«
»Nun, dann werde ich euch künftig nicht mehr stören!« Sie versuchte zu lächeln. »Schlaf wohl, mein Sohn!« Sie küßte ihn, aber als er gegangen, war neben dem Gefühl einer gewissen Eifersucht, überflüssig zu sein, von andern völlig ersetzt zu werden, eine große Angst in ihr: wenn er jetzt schon so war, o, wie würde er erst später sein?! –
Wolfgang konnte sich nicht beklagen, die Mutter ließ die Kinder so oft zu ihm in den Garten kommen, wie er sie haben wollte – und er wollte sie fast alle Tage. Die Freundschaft, die im Winter brach gelegen hatte, blühte im Sommer doppelt auf.
»Laß sie doch nur,« hatte Paul zu seiner Frau gesagt, als sie ihn mit gespannt gehobenen Augenbrauen ansah: was würde er sagen, würde er’s wirklich gern sehen, daß Wolfgang mit diesen Kindern in seinem Garten tobte?! »Ich finde es nett, wie der Junge mit den Kindern ist,« sagte er. »Ich hätte nie gedacht, daß er sich so anschließen könnte!«
»Du findest es nicht nachteilig, daß er immer nur mit diesen – diesen – nun, mit diesen Kindern umgeht, die doch einer ganz andern Sphäre angehören?«
»Ach was! Nachteilig?!« Er lachte. »Das hört später schon ganz von selber auf. Es ist mir bedeutend lieber, er hält sich an solcher Leute Kinder als an die von Protzen. Er bleibt so eben viel länger ein einfaches Kind!«
»Meinst du?!« Nun ja, in gewisser Beziehung mochte Paul recht haben! Wölfchen war anspruchslos, ein Apfel, eine einfache Brotschnitte waren ihm ebenso lieb wie Torte. Aber es wäre doch besser und ihr lieber gewesen, er hätte sich wählerischer gezeigt – hierin wie auch in anderm. Sie gab sich alle Mühe, ihm eine feinere Zunge anzuerziehen.
Als die Köchin eines Tages ganz empört kam: »Gnädige Frau, nu will der Wolfgang schon nich mehr von der guten Zervelatwurst, un Braten von Mittag will er auch nich mehr auf die Stulle – ›immer dasselbe‹, räsoniert er – was denn nu?« – da freute sie sich. Endlich war es ihr gelungen, ihm beizubringen, daß man nicht sinnlos in sich hinein ißt, ohne jede Wahl, nur um des Essens willen!
Hätte sie gesehen, wie er bei Frau Lämke Schmalzbrot mit Zwiebelleberwurst stopfte, oder Kartoffelkuchen in Öl gebacken heiß aus der Pfanne hinunterschlang, sie hätte sich nicht mehr gefreut. Aber so war sie dankbar für jede noch so kleine, feinere Regung, die sie an ihm zu beobachten glaubte. Sie merkte gar nicht, wie sehr sie sich selber quälte.
Ach, warum unterstützte sie ihr Mann nicht in der Erziehung?! Wenn er’s doch täte! Aber er verstand sie eben nicht mehr!
Schlieben hatte es aufgegeben, seiner Frau hineinzureden. Ein paar Mal hatte er’s versucht, aber seine Einwendungen waren gescheitert an der Hartnäckigkeit, mit der sie an ihren Prinzipien festhielt. Warum sollte er sich mit ihr entzweien?! So viele Jahre hatten sie glücklich miteinander gelebt – bald waren sie ein Silberpaar –, und nun sollte dieses Kind, dieses Bürschchen, das noch kaum orthographisch schreiben konnte, dem der Lehrer eben die ersten lateinischen Regeln eindrillte – dieses Kind, das im Grunde weder sie noch ihn etwas anging – dieses fremde Wesen sollte sie beiden alten Eheleute auseinander bringen?! Da ließ man eben viel lieber manches geschehen, was Käte vielleicht besser anders gemacht hätte. Mochte sie sehen, wie sie auf ihre Weise mit dem Jungen fertig wurde – sie hatte ihn ja so unendlich lieb! Und wenn er dann einst, nicht mehr das Spielzeug, ihren zarten Händen entwachsen war, dann war er, der Mann, ja noch immer da, um ihn die kräftigere Hand fühlen zu lassen. In dem Jungen war ja zum Glück kein Falsch!
Schlieben war nicht unzufrieden mit Wolfgang. Ein Überflieger war der freilich nicht in der Schule, gehörte durchaus nicht zu den ersten, hielt sich aber immerhin doch noch in einer anständigen Mitte. Nun, ein Gelehrter brauchte er ja auch nicht zu werden!
Von all dem, was Paul Schlieben einst in jüngeren Jahren nur einzig erwägenswert gefunden hatte – Wissenschaft, Kunst und deren Studium –, hielt er jetzt nicht mehr das gleiche wie früher. Jetzt war er zufrieden in seinem Kaufmannsberuf. Und da dieses Kind nun einmal in sein Leben hineingeraten war, ohne eignes Zutun in solche Verhältnisse gekommen war, war es auch die Pflicht dessen, der sich ›Vater‹ von ihm nennen ließ, ihm eine Zukunft zu gestalten. Und so machte sich Schlieben einen festen Plan. Wenn der Junge so weit war, daß er das Einjährigenzeugnis hatte, nahm er ihn aus der Schule, schickte ihn ein Jahr nach Frankreich, nach England, eventuell nach Amerika, immer in große Häuser, und wenn er dann vom untersten Lehrling angefangen und was gelernt hatte, dann nahm er ihn zu sich in die Firma. Er dachte es sich schön, manches dann auf jüngere Schultern wälzen zu können. Und verläßlich würde der Junge wohl sein, das merkte man ihm ja jetzt schon an!
Wenn Käte nur nicht so übertriebene Anforderungen stellen wollte! Immer war sie hinter dem Jungen her – wenn nicht in Person, so doch in ihren Gedanken. Sie quälte ihn – er war eben nun mal kein anschmiegendes Kind – und machte es sie denn selber glücklich?!
Manchmal, wenn des Knaben Blick, so über den Tisch weg, wie hilfesuchend zu dem Manne flog, nickte ihm dieser unmerklich, besänftigend zu. Ja, mit Käte war es wirklich je länger, desto weniger leicht auszukommen!
Schliebens verreisten. Der Gatte hatte seiner Frau wegen den Sanitätsrat konsultiert, und dieser hatte Franzensbad verordnet. Nun, dahin konnte er sie beim besten Willen nicht begleiten! Er würde die Zeit benutzen, und, da er auch lange nicht ausgespannt hatte, einige Fußwanderungen in Tirol unternehmen. Ein paar Pfund Gewichtsabnahme konnten nicht schaden.
Aber wo sollte währenddessen Wolfgang bleiben?!
»Nun, zu Hause,« sagte der Vater. »Er ist ja alt genug; elf Jahre. Die Vormittage ist er in der Schule, die Nachmittage im Garten, und alle paar Tage mag Hofmann nach ihm sehen – dir zur Beruhigung!«
Es war der Mutter ein unerträglicher Gedanke, das Kind allein zurückzulassen. Am liebsten hätte sie es mit sich genommen. Aber Paul war ärgerlich geworden: »Das fehlte noch!« Und der Arzt hatte gesagt: »Durchaus nicht!«
Käte hatte dann ihren Mann veranlassen wollen, den Knaben mitzunehmen: »Wie gesund würde es ihm sein, sich mal so recht auszulaufen!«
»Nun, ich denke, das besorgt er schon gründlich hier. Ich bitte dich, Käte, der Junge ist kerngesund, gib doch nicht immer so an mit ihm! Und ich werde ihn doch auch nicht ganz unnützerweise aus der Schule nehmen!«
Freilich, zurückkommen, womöglich zu den Letzten gehören, durfte er nicht! Käte war ja so ehrgeizig für ihren Sohn. So würde sie eben, da die Juliferien schon beinahe verstrichen waren und sie in dieser passenderen Zeit nicht mit ihm gereist waren, nun auch zu Hause bleiben! Sie erklärte, nicht fort zu können.
Aber Arzt und Mann bestimmten über sie weg; je nervös-ängstlicher sie sich weigerte, desto dringender erschien ihnen eine ernstliche Kur. Der Tag der Abreise wurde schon in Aussicht genommen.
Vorher kündigte aber noch Lisbeth: nein, wenn die gnädige Frau auf so lange fortging und der Herr auch, nein, dann ging sie auch! Mit Wolfgang, mit dem Jungen allein bleiben?! Nein, das tat sie nicht!
Sie mußte sich in den nahezu zehn Jahren, die sie im Hause gewesen war, ganz gut gespart haben, denn auch die Versicherung einer Lohnzulage konnte sie nicht halten. Sie beharrte bei ihrer Kündigung und warf einen bösen Blick nach dem Knaben, der eben von draußen übers Fensterbrett sein lachendes Gesicht hereinhob.
Käte war außer sich. Nicht nur, weil sie ungern die langbewährte Dienerin entbehrte, sie hatte auch so bestimmt darauf gerechnet, Lisbeth würde während ihrer Abwesenheit ein wachsames Auge auf den Knaben haben. Und es schmerzte sie, daß diese in einem so gehässigen Tone von Wolfgang sprach. Was hatte ihr das Kind denn getan?!
Aber Lisbeth zuckte nur wortlos die Achseln und setzte eine verdrossen-beleidigte Miene auf.
Der Hausherr nahm sich den Knaben vor: »Sage mal, Junge, was hast du eigentlich mit der Lisbeth gehabt? Sie hat gekündigt, und, wie mir scheint, geht sie deinetwegen. Hör mal« – er sah ihn scharf an – »du bist wohl frech gegen das Mädchen gewesen?«
Des Knaben Gesicht wurde ganz hell: »O, das ist gut, das ist gut, daß die geht!« Er beantwortete gar nicht die an ihn gestellte Frage.
Schlieben zog ihn am Ohrläppchen: »Antworte, bist du frech gegen sie gewesen?«
»Hm!« Wolfgang nickte und lachte den Vater an. Und dann sagte er, noch triumphierend in der Erinnerung: »Gestern erst! Da hab ich ihr eine ins Gesicht gegeben. Warum sagt sie denn immer, ich hätte hier nichts zu suchen?!«
Schlieben erzählte seiner Frau nichts hiervon; sie würde sich ja nur wieder neue grüblerische Gedanken machen. Dem Jungen hatte er auch keinen Klaps gegeben, ihm nur ein wenig mit dem Finger gedroht. –
Lisbeth zog ab. Wie eine beleidigte Königin verließ sie das Haus, dem sie so lange treu gedient hatte und in dem sie sich so viel hatte gefallen lassen müssen, wie sie beim Abschied weinend ihrer ebenfalls ergriffenen Herrin versicherte.
Ein andres Mädchen war gemietet worden, freilich eins, auf das Käte von vornherein keine besondere Zuversicht setzte – Lisbeth hatte gleich einen ganz anders intelligenten Eindruck gemacht –, aber es blieb keine Wahl, da keine Ziehzeit war; und sie sollte doch so rasch als möglich ins Bad.
So kam Cilla Pioschek aus der Warthegegend in die Villa Schlieben.
Sie war ein großes, starkes Mädchen mit einem Gesicht, rund und gesund, weiß und rot. Sie war erst achtzehn, aber sie hatte schon lange gedient, schon als sie noch in die Schule ging drei Jahre als Kindermädchen beim Gutsinspektor. Der Hausherr amüsierte sich über sie – sie verstand keinen Witz, nahm alles für wahr und sagte alles grade heraus, wie sie’s dachte –, aber die Hausfrau nannte das ›dummdreist‹. Mit der alten Köchin und dem Diener stand die Neue dagegen auf besserem Fuß als Lisbeth, denn sie ließ sich vieles gefallen.
»Du kannst ganz beruhigt abreisen,« sagte Paul. »Tu mir den Gefallen, Käte, sperre dich nicht länger. In sechs Wochen, so Gott will, bist du mir ganz gesund wieder da, und ich sehe hier« – leicht tupfte sein Finger – »hier nicht mehr die kleinen Fältchen an den Augenwinkeln!« Er küßte sie.
Und sie erwiderte seinen Kuß, nun, da sie sich von ihm trennen sollte, zum ersten Mal in ihrer Ehe auf so lange Zeit; denn früher waren sie immer, immer zusammengereist, und seit Wölfchen ins Haus gekommen war, hatte er auch nur auf höchstens vierzehn Tage einmal Urlaub von ihr erbeten. Sie hatte das Kind nie allein gelassen. Und nun sollte sie auf ganze sechs Wochen von den Ihren gehen?! Sie hing sich an ihn. Es drängte sich ihr förmlich auf die Lippen, zu fragen: ›Warum gehst du nicht mit mir wie früher? Franzensbad und Spaa – das ist ein so großer Unterschied nicht!‹ Aber wozu das sagen, wenn er nicht einmal mit dem leisesten Gedanken daran gedacht hatte?! Jahre waren hingegangen, von der Innigkeit, die sie einstmals so verbunden hatte, daß sie nur gemeinsam genießen konnten und sich nie getrennt hatten, war eben doch manches abgebröckelt unterm Flügelschlag der Zeit!
Sie seufzte und entzog sich sacht seinem Arm, der sie umschlang. »Wenn jemand hereinkommt, uns so miteinander sieht! So alte Eheleute!« sagte sie mit dem Versuch zu scherzen. Und er lachte, wie es sie dünkte, ein bißchen verlegen und machte nicht den Versuch, sie zu halten.
Aber als nun eines frühen Morgens der Wagen vor der Türe stand, der sie nach dem Berliner Abfahrtsbahnhof bringen sollte, als die zwei großen Koffer aufgeladen waren und das Handgepäck, als er ihr jetzt die Hand reichte zum Einsteigen und dann neben ihr Platz nahm, konnte sie doch nicht an sich halten: »Ach, wenn du doch mitführest! Ich mag nicht allein reisen!«
»Hättest du mir’s doch ein bißchen eher gesagt!« Er war ganz betroffen; es tat ihm aufrichtig leid. »Wie gut hätte ich dich den einen Tag hinbringen, dort installieren, und den andern Tag wieder zurück sein können!«
O, er verstand es eben nicht, dieses: ›wenn du doch mitführest‹! Mit ihr auch dableiben – das hatte sie gemeint.
Schmerzlich suchte ihr Blick das Fenster oben im Hause, hinter dem Wölfchen noch schlief. Schon gestern abend hatte sie ihm Adieu sagen müssen, da die Abreise so sehr früh war. Vorhin hatte sie nur noch einmal mit einem stummen Lebewohl an seinem Bett gestanden, und vorsichtig, um ihn nicht zu wecken, war ihr Handschuh über seinen schwer auf dem Kissen ruhenden Kopf gefahren. Ach, wie gerne hätte sie jetzt noch ein liebes Wort mit ihm gesprochen!
»Grüßen Sie den Jungen, grüßen Sie den Jungen,« sagte sie ganz rasch, hastig mehrmals hintereinander zu der Köchin und zu Friedrich, die am Wagen standen. »Und sorgen Sie gut für ihn! Hören Sie?! Grüßen Sie den Jungen, grüßen Sie den Jungen!« Andres konnte sie nicht mehr sagen, auch nichts andres mehr denken. »Grüßen Sie den –«
Da klirrte oben das Fenster! Beide Arme ausstreckend hob sie sich halb vom Sitz.
Oben reckte der Junge den dunklen Kopf heraus. Seine Wangen blühten, heiß vom Schlaf, über dem weißen Nachthemd.
»Adieu! Adieu! Komm gesund wieder! Und schreib mir auch mal!«
Er rief es sehr vergnügt und nickte herunter; und hinter ihm hob sich, freundlich lachend, das runde, gesund-weiß und rote Gesicht der Cilla.
3
Käte wußte selber nicht, wie sie so über die Wochen der Trennung hinwegkommen konnte. So schlimm, wie sie sich’s vorgestellt hatte, war es nicht. Sie fühlte, daß eine größere Ruhe über sie kam, eine Ruhe, die sie zu Hause nie finden konnte; und diese Ruhe tat ihr wohl. Sie schrieb ganz zufriedene Briefe, und die heiteren Berichte ihres Mannes von ›herrlichen Bergen‹ und ›herrlichem Wetter‹ freuten sie. Auch von Hofmann, der ihr, wie er’s versprochen hatte, treulich Kunde gab, hörte sie Gutes.
›Der Junge ist prächtig auf dem Zeuge,‹ schrieb er, ›um den brauchen Sie sich keine Sorge zu machen, liebe Frau! Er muß jetzt freilich seine Gespielen entbehren – ein Junge und ein Mädel sind krank –, denn mit dem dicken Stöpsel, der noch übrig ist, langweilt er sich allein. Er ist meist für sich im Garten; Friedrich hat ihm Salatpflanzen gegeben, auch Radieschen hat er sich gesät. Bei der Schularbeit habe ich ihn übrigens auch schon getroffen.‹
Gott sei Dank! Es war der Frau, als könne sie nun, wie einer Last ledig, frei atmen. Den Brief des alten Freundes trug sie lange in der Tasche mit sich herum, las ihn beim Spazierengehen, im Sitzen auf einer Bank und abends, wenn sie im Bette lag. ›Ein Junge und ein Mädchen sind krank –‹ o, die armen Kinder! Was mochte ihnen fehlen? Aber, Gott sei Dank, er war nur meist für sich im Garten allein! Das war das Beste!
Sie schrieb an ihren Jungen einen Brief, so recht vergnügt, und er antwortete ihr, und auch vergnügt. Der Brief an sich war freilich ein wenig drollig. ›Teure Mutter –‹ wie komisch! Und der ganze Stil – wie aus einem Briefsteller abgeschrieben! Sie nahm sich vor, diesen Brief in ihren nächsten an Paul einzulegen – was der wohl dazu sagen würde?! ›Teure Mutter!‹ – aber das freute sie doch, und auch das ›Dein gehorsamer Sohn‹, das darunter stand. Sonst enthielt der Brief eigentlich nichts, nichts von dem, was er trieb, nicht einmal etwas von den Lämkes, auch kein sehnsüchtiges ›Komm bald wieder‹; aber er war doch mit Sorgfalt geschrieben, sauber und deutlich, nicht so hingekritzelt, wie er sonst zu kritzeln pflegte. Und daraus ersah sie seine Liebe.
Auch ein Bildchen hatte er ihr beigelegt: ein kleines Viereck mit Spitzenpapierrand, darauf ein schneeweißes Lämmchen ein rosenrotes Fähnchen hielt; darunter stand in goldiger Schrift: »Agnus Dei, miserere nobis.«
Wo hatte er nur das her?! Gleichviel woher, er hatte ihr etwas schenken wollen! Und das kleine geschmacklose Bildchen rührte sie tief. Der gute Junge!
Sie legte das Bildchen mit dem Gotteslamm sorgfältig zu ihren Wertsachen; da sollte es immer bleiben. Eine zärtliche Sehnsucht überkam sie nach dem Knaben, und sie begriff nicht, wie sie so lange schon hatte ohne ihn aushalten können.
Der August war vorüber, der September schon fast halb vergangen, als Käte nach Hause zurückkehrte. Ihr Mann, der vor ihr eingetroffen war, kam ihr entgegengereist; in Dresden trafen sie sich, und ihr Wiedersehen war ein sehr herzliches. Er konnte sich gar nicht genug freuen über ihre klaren Farben, ihren klaren Blick; und sie wiederum fand ihn prächtig gebräunt, jugendlicher, fast so schlank wie einst.
Hand in Hand saßen sie in dem Coupé, das er sich hatte reservieren lassen; ganz allein, wie junge Liebesleute. Sie hatten sich unendlich vieles zu sagen – da war nichts, gar nichts, was sie störte. Mit großer Innigkeit sahen sie sich in die Augen.
»Wie freu ich mich, dich wiederzuhaben,« sagte sie, als er lange und lebhaft von seiner Reise erzählt hatte.
»Und ich erst dich!« Er nickte ihr zu und drückte ihre Hand. Ja, es war ihnen wirklich beiden, als wären sie eine Ewigkeit getrennt gewesen! Er zog sie noch näher an sich, hielt sie so fest, als wäre sie ein ihm schon halb entrissen gewesenes, teures Gut, und sie schmiegte sich an ihn, lehnte den Kopf an seine Schulter und lächelte verträumt.
Vor ihren halb geschlossenen Augen tanzten auf einem schwertbreiten, schrägen Sonnenstrahl unzählige goldne Stäubchen; das gleichmäßige Rasseln der Fahrt und das stille Gefühl Deiner großen Freude im Herzen lullte sie ein.
Plötzlich fuhr sie auf – war’s ein Ruck, ein Stoß?! Wie ein Schreck hatte sie’s durchfahren: sie hatte ja noch gar nicht nach dem Kinde gefragt!
»Wölfchen – was macht Wölfchen?!«
»O, dem geht’s sehr gut! Aber nun erzähle du mal, mein Herz, wie hast du denn die langen Tage dort hingebracht? Wie war der Tag eingeteilt? Also morgens zum Brunnen – erst mal einen Becher, dann den zweiten – und dann? Nun?!«
Sie erzählte nicht. »Wölfchen ist doch gesund?« fragte sie hastig. »Es stimmt gewiß nicht ganz – du erzählst ja so wenig von ihm?! Ich habe immer schon solche Ahnung gehabt! Ach Gott, so sage doch!« Fast gereizt klang ihr Ton – wie konnte Paul nur so gleichgültig sein! »Was fehlt Wölfchen?«
»Fehlt?!« Er sah sie ganz verwundert an. »Aber ich bitte dich, Käte, warum soll ihm denn durchaus etwas fehlen?! Er ist kerngesund!«
»Wirklich –?! Aber so erzähle doch, erzähle!«
Er lachte über ihre Ungeduld. »Was läßt sich von so einem Jungen erzählen?! Er schläft, ißt, trinkt, geht in die Schule, kommt nach Hause, läuft in den Garten, schläft, ißt, trinkt wieder und so fort, vegetiert wie die Pflanze im Sonnenschein. Erzähle du lieber, wie’s dir geht!«
»O, mir – mir« – das kam ihr auf einmal so überflüssig vor – »mir, ganz gut, du siehst es ja!« Welch eine Gleichgültigkeit hatte er gegen das Kind! Und sie – die Mutter –, hatte es auch so lange vergessen können?! Eine solche Beschämung kam über sie, daß sie hastig den Kopf von ihres Mannes Schulter hob und sich gerade aufsetzte. Nun waren sie keine Liebesleute mehr, nur Eltern, die sich um ihr Kind zu kümmern hatten!
Und sie sprach nur von ihm.
Paul fühlte den plötzlichen Umschwung in der Stimmung seiner Frau. Eine Verstimmung beschlich ihn: waren sie doch wieder auf dem alten Fleck?! Hatte sie schon wieder für nichts andres Interesse mehr als für den Jungen?! Er empfand keine Neigung weiter, von seiner Reise zu erzählen.
Immer einsilbiger wurde die Unterhaltung; an der nächsten Station kaufte er sich eine Zeitung, und sie lehnte sich in die Ecke und versuchte zu schlafen. Aber so abgespannt sie auch war, es gelang ihr nicht; ihre Gedanken streiften unruhig in allen möglichen Wendungen immer um den einen Punkt: also ihm fehlte nichts! Gott sei Dank! – Wie gleichgültig Paul doch war –, aber ob Wölfchen sich sehr freuen würde, daß sie wieder kam? Der liebe Junge – der geliebte Junge!
Zuletzt mußte sie doch ein wenig geschlummert haben, denn auf einmal hörte sie, wie von ganz weit her, die Stimme ihres Mannes: »Mach dich fertig, mein Herz! Berlin!« – und fuhr auf.
Schon waren sie im Gewirr zahllos sich kreuzender Gleise. Jetzt rauschte der Zug unter die Glashalle.
»So weit wären wir!« Er half ihr hinaus, und sie fing an vor Ungeduld zu zittern. Das war ja endlos, dieses Treppab- und Treppauflaufen, dieses Hinübergehen auf den andern Bahnsteig und dann das Warten und Lauern auf den Vorortzug! Ob Wölfchen auch noch nicht schlief? Es würde dunkel sein, bis sie draußen waren!
»Kommt der Zug bald? Wieviel Uhr ist es? Mein Gott, wie lange das dauert!«
»Beruhige dich, der Junge wartet auf dich! Was denkst du wohl, der sitzt jetzt abends noch immer lange bei der Cilla; am Tage hat sie nicht so viel Zeit für ihn. Ein nettes Mädchen! Du hast einen guten Griff getan!«
Sie überhörte das ganz, dachte sie doch immerwährend daran, wie sie ihn finden würde. Ob er sehr gewachsen war?! Sich verändert hatte?! Kinder in seinem Alter sollen sich ja immerfort ändern – ob er sich verhäßlicht hatte oder ob er noch so hübsch war? Gleichviel – früher hatte sie mehr auf das Äußere gegeben – wenn er jetzt nur lieb, recht lieb war! Schon hörte sie seinen Jubelschrei, schon fühlte sie seine Arme um ihren Nacken, seinen Kuß auf ihrem Mund.
Der Wind, der angenehm abendlich geworden war, nach dem immerhin noch heißen Herbsttag, fächelte ihr Gesicht, ohne die von innen heraus glühenden Wangen kühler machen zu können. Als sie vorm Hause anhielten, das, anmutig versteckt, mit seinen Balkonen voll leuchtend roter Geranien hinter den immergrünen Kiefern unterm reichgestirnten Septemberhimmel lag, klopfte ihr das Herz, als wäre sie viel zu weit und zu rasch gelaufen. Endlich! Sie atmete tief auf: nun war sie wieder bei ihm!
Aber er kam ihr nicht entgegengelaufen. Daß er auch gar nicht aufgepaßt hatte!
»Sie werden auf der Veranda, hinten heraus, sitzen,« sagte Schlieben. »Da sitzen sie immer des Abends!« Er blieb ein wenig zurück. Mochte Käte den Jungen nur erst mal für sich allein begrüßen!
Und sie eilte durch die Halle, an dem freundlich strahlenden Gesicht der Köchin vorüber, sah nicht den Friedrich, der jetzt die Dienerlivree angelegt hatte, nachdem er vorher noch alles mit seinen selbstgezogenen Blumen dekoriert hatte; sie bewunderte weder seine gärtnerischen Erfolge, noch die selbstgebackene Torte, die die Köchin auf den festlichen Tisch gestellt hatte. Aus der Halle war sie in ihren kleinen Salon und von da durchs Eßzimmer gelaufen, dessen Tür auf die Veranda führte. Die Tür war geöffnet – nun stand sie auf der Schwelle – die draußen gewahrten sie nicht.
Von den Windlichtern auf dem Verandatisch brannte nur eins, leidlich hell, um nahebei zu leuchten. Aber Cilla tat nichts. Den Strumpf, den sie stopfen sollte, hatte sie im Schoß; ihre rechte Hand, in der sie die lange Stopfnadel hielt, ruhte lässig auf dem Tischrand. Sie hatte sich ein wenig hintenüber gelehnt; ihr Gesicht, in diesem Zwielicht feiner und schöner, war emporgehoben; sie schien nachzudenken, den Mund halbgeöffnet.
Von Wolfgang sah man nichts. Aber jetzt hörte die Mutter ihn sprechen im Ton des Bedauerns: »Weißt du nicht weiter?! O!« Und dann drängend: »Weiter, Cilla, weiter, es war ja so schön!«
Aha, nun sah sie auch ihn! Er saß dem Mädchen zu Füßen, auf einem ganz niedrigen Schemel, dicht an dessen Knie gedrückt. Und er wendete das Gesicht jetzt zu dem Mädchen auf – bittend, begehrend – sah es an mit Augen, die wie polierter dunkler Achat glänzten, und sprach in einem Tone, wie die Mutter noch nie von ihm gehört zu haben glaubte: »Singe, Cillchen! Liebes Cillchen singe!«
Die Magd stimmte an:
»›Bebe nicht, sprach sie mit leiser Stimme‹ –
Ach nee!
›Ich erscheine nicht vor dir im Grimme‹ –
Nee, auch nich!
›Warum glaubt’ ich Schwache deinen Schwüren,‹ –
Nee, ich weiß nich weiter. Nu sag einer! Un ich hab’s bei mir zu Hause doch so ofte gesungen. Bei uns im Dorfe, wenn wer abends gingen, mein Schatz un ich. I,« – sie stampfte ärgerlich auf – »daß mer so was auch vergessen tut!«
»Ärger dich nicht, Cillchen! Du mußt dich nicht ärgern. Fang doch noch mal von vorne an, das macht ja nichts. Ich, hör’s gern noch mal, immer noch mal! Fein ist das!«
›Cillchen – Cillchen‹ – wie spielerig das klang, ordentlich zärtlich! Und wie er an ihren Lippen hing!
Käte streckte den Kopf weit vor; sie stand schon auf der Veranda, und die beiden bemerkten sie noch immer nicht.
Die Magd sang, leierig und zeternd, wie sie daheim auf der Dorfstraße gesungen hatte, aber des Knaben Augen glitzerten und wurden groß dabei. Seine Lippen bewegten sich, als ob er’s mitsänge:
»Heinrich lag bei seiner Neuvermählten, Einer reichen Erbin von dem Rhein, Schlangenbisse, die den Falschen quälten, Ließen ihn nicht süßen Schlafs sich freun. Zwölfe schlug’s, es drang durch die Gardine Plötzlich eine kleine weiße Hand, Was erblickt er? Seine –«
Die Sängerin stockte – ein tiefer Atemzug zitterte plötzlich über die Veranda. Der Knabe schrie erschrocken laut auf – da stand sie, da stand sie!
»Aber Wolfgang – Wölfchen!« Die Mutter streckte ihm die Arme entgegen, doch er verbarg den Kopf in dem Schoße der Magd.
Kätes finsterer Blick streifte das Mädchen: was war das für ein Unsinn, ihm solche Lieder vorzusingen!
»Och, die Frau – die gnädige Frau!« Rot werdend schnellte Cilla auf und ließ alles, was sie auf dem Schoß hatte – Strumpf, Stopfei, Wollknäuel und Schere – zu Boden gleiten; auch den Jungen.
Warum waren die beiden so erschrocken?! Als sei sie ein Gespenst, so starrte Wolfgang sie ja an!
Er war jetzt aufgestanden, hatte die Mutter begrüßt, mechanisch das Gesicht zu ihr aufgehoben, um ihren Kuß zu empfangen; aber sie merkte ihm keine Freude an. Oder war es Befangenheit, eine knabenhafte Scham, weil sie ihn belauscht hatte? Seine Augen sahen sie gar nicht voll an, streiften sie aber immerfort von der Seite. War sie ihm denn fremd geworden – so fremd?!
Eine unsägliche Enttäuschung durchzog der Heimkehrenden Herz, und ohne daß sie es beabsichtigte, klang der Ton schroff, in dem sie das Mädchen jetzt hinausgehen hieß. Sie setzte sich auf den eben verlassenen Platz am Tisch und zog ihren Knaben an sich.
»Wie ist dir’s denn gegangen, Wölfchen? Nun sage doch – gut?!«
Er nickte.
»Hast du denn auch Mutterchen ein bißchen vermißt?!«
Er nickte wieder.
»Ich habe dir auch so viele schöne Sachen mitgebracht!«
Da wurde er lebhaft. »Hast du auch für Cilla was mitgebracht? Einen Nähkasten mit allerlei drin könnte die gut gebrauchen; weißt du, sie hat nur so ’nen alten von der Schule her. Och, die kann mal fein erzählen – so gruselig! Und singen! Laß dir das mal vorsingen:
›Ein niedliches Mädchen, ein junges Blut, Erkor sich ein Landmann zur Frau, Doch sie war einem Soldaten so gut Und bat ihren Alten ganz schlau –‹
Ich sag dir, zum Schießen ist das!«
Und lachend begann er weiterzuträllern:
»Er möchte doch fahren ins Heu, juchhei, Ins Heu, juchhei –«
»St – – –!« Sie legte ihm die Hand auf den Mund.
»Das ist gar kein schönes Lied – ein garstiges Lied! Das wirst du nie mehr singen!«
»Aber warum denn nicht?« Er sah sie mit runden Augen erstaunt an.
»Weil ich es nicht wünsche,« sagte sie kurz. Sie war empört: morgen, ja morgen, da würde sie dem Mädchen aber ihre Meinung nicht vorenthalten!
Jetzt waren ihre Wangen nicht mehr heiß; eine empfindliche Kühle schauerte über die Veranda, die ihr eisig bis ans Herz griff. Als Paul rief: »Aber, Käte, wo steckst du denn? Lege doch erst ab!« folgte sie rasch seinem Ruf.
Der Knabe blieb allein stehen und sah mit blinzelnden, träumerischen Augen in die milde, jetzt ganz dunkle Nacht. Ha, das war doch so schön, wie die Cilla gesungen hatte! Morgen mußte Cilla wieder singen und erzählen! Wenn sie nun auch wieder da war! Ein ungestörtes Plätzchen würde doch noch zu finden sein! –
Käte schlief gar nicht in dieser ersten Nacht, obgleich sie todmüde war. Vielleicht zu müde. Sie hatte noch eine lange Auseinandersetzung mit Paul gehabt, als sie schon zu Bette lagen. Er hatte ihr recht gegeben, daß weder das eine noch das andre Lied sehr passend war, aber – »Du lieber Gott,« hatte er gesagt, »was hört man als Kind nicht alles, und es geht spurlos an einem vorbei!«
»An dem nicht!« Und dann klagte sie: »Ich habe so oft versucht, ihm wirklich Schönes vorzulesen, das Beste unserer Dichter – aber gar kein Interesse, noch gar kein Verständnis! Und für solche – solche« – sie suchte einen Ausdruck und fand ihn nicht – »für so etwas begeistert er sich! Aber ich leide es nicht, ich dulde es nicht! Dergleichen darf nicht in seine Nähe!«
»Dann entlasse die Dienstboten,« hatte er ärgerlich gesagt. Er war eben im Einschlafen und wollte nicht mehr gestört sein. »Gute Nacht, mein Herz, schlaf dich aus! Übrigens bist du ja nun wieder da und wirst schon das Deine tun!«
Ja, das würde sie auch! –
Sie ließ den Knaben von nun ab nicht mehr aus den Augen. Und ihre Ohren waren überall. Es lag kein Grund vor, das Mädchen zu entlassen – es war ehrlich und sauber, tat seine Schuldigkeit – nur mit Wölfchen durfte es nicht mehr allein sein. Wolfgang ging ins zwölfte Jahr, eine Überwachung durch eine Dienerin war überhaupt nicht mehr möglich.
Aber es war schwer für Käte, ihren Vorsätzen treu zu bleiben. Ihr Mann machte doch auch seine Ansprüche, und ihr Haus, ihre Geselligkeit; es war nicht möglich, alles andre abzuschütteln, aufzugeben, zu verabsäumen, nur um des einen: um des Kindes willen. Und sie durfte Paul doch auch nicht anhaltend verstimmen, ihn womöglich ernstlich gegen das Kind erzürnen; davor zitterte sie. Sie mußte zuweilen mit ihrem Mann in Gesellschaft gehen, er freute sich, wenn sie – gut angezogen – als liebenswürdige Frau gesucht ward. Er ging gerne – ach, und viel, viel zu oft! Gerade diesen Winter hatte sie geglaubt, doppelt auf der Hut sein zu müssen. Und sie instruierte die Köchin und den Diener, ersuchte beide dringend, aufzupassen. Die waren ganz verwundert: wenn die gnädige Frau so wenig zufrieden war, sollte die gnädige Frau doch der Cilla kündigen, zum ersten Januar gab’s ja Mädchen genug!
Unwillig wendete sich Käte ab: wie häßlich von den Dienstboten, die andre herausbeißen zu wollen! Ungerecht durfte sie gegen das Mädchen denn doch nicht handeln. Und wenn ein andres ins Haus kam, konnte es da nicht ebenso sein?! Dienstboten sind immer eine Gefahr für Kinder. –
Wolfgang entwickelte sich sonst sehr gut, besonders körperlich. Nicht, daß er gerade so sehr in die Höhe schoß; er ging mehr in die Breite, wurde stämmig, mit einem festen Nacken. Wenn er mit den Lämkes vor der Tür Schneeballen warf, sah er älter aus als der gleichaltrige Artur, sogar älter als Frida. Er wurde eben anders genährt als diese Kinder. Mit Wohlgefallen sah die Mutter seine reine, frische Haut, die gepflegt war durch warme Bäder und die tägliche kalte Abreibung am Morgen. Und zum Friseur mußte er alle vierzehn Tage, da wurde der dichte, glatte, dunkle Haarschopf, der aber trotz aller Sorgfalt etwas Grobfädiges behielt, verschnitten, gewaschen und mit stärkender Essenz eingerieben. Beinahe verkümmert sahen die Lämkes aus gegen ihn; sie hatten ja auch vor nicht zu langer Zeit erst die Nachwehen des Scharlach überstanden. Wenn nur Wölfchen das nicht auch bekam. Käte hatte große Angst davor. Bis vor kurzem hatte sie ihn von den Lämkes ferngehalten; aber freilich in der Schule war stete Ansteckungsgefahr. Ach Gott, man kam wegen des Kindes eben nie zur Ruhe! –
* *
*
Sie hatten sich recht munter draußen getummelt. Der See, der unterhalb der Villen, wie ein stilles Auge zwischen den dunklen Waldrändern liegt, war zugefroren; Wolfgang und die halbe Klasse liefen dort Schlittschuh. Käte war nach Tisch auch eine Weile am Ufer auf und ab gewandert und hatte ihren Jungen beobachtet. Wie nett er schon lief! Sicherer und besser als mancher der Jünglinge, die da Achter zogen und Kreise beschrieben, holländerten und mit ihren Damen tanzten. Er versuchte auch schon allerlei Kunststücke, er hatte wirklich Courage. Daß er nur nicht hinfiel oder einbrach! Und immer lief er der tiefen Mitte des Sees zu, wo noch Strohwische steckten! Der Mutter war, als könnte ihm nichts geschehen, wenn sie hier am Ufer stand und ihn unablässig mit den Augen verfolgte. Endlich aber erstarrten ihre Füße gänzlich, und sie mußte heimgehen.
Als er gegen Dunkelwerden nach Hause kam, war er unendlich frisch. Mit Freudigkeit sprach er vom Eislauf. »Ha, das war mal fein! Ich möchte immer so laufen – morgen, übermorgen – alle Tage – und immer weiter, weiter! Der See ist viel zu klein!«
»Bist du denn gar nicht müde?« fragte die Mutter und lächelte ihn an; sie konnte sich nicht satt an ihm sehen, er sah so strahlend aus.
»Müde?« Ein fast geringschätziges Lächeln zog seine Mundwinkel herab. »Ich werde nie müde. Von so was nicht! Die Cilla hat gesagt, sie möchte auch gern mal mit mir laufen!«
»Ach, warum nicht gar?!« Schlieben, der mit beim Kaffeetisch saß, lächelte gutgelaunt; es machte ihm Spaß, den frischen Jungen ein wenig zu necken. »Dann wird sich die Mutter eben während der Eiszeit ein zweites Hausmädchen engagieren müssen!«
Wolfgang verstand den leisen Spott nicht. Ganz glücklich rief er: »Ja, das soll sie tun!« Aber dann wurde sein Gesicht lang: »Aber sie hätte keine Schlittschuhe, sagt sie. Vater, du mußt ihr welche kaufen!«
»Den Kuckuck werd ich – na, das fehlte noch!« Der Hausherr lachte laut auf. »Nein, mein Junge, die Cilla in Ehren, aber sie Schlittschuh laufen zu lassen, das wäre denn doch ein bißchen übertrieben! Nicht wahr?«
Er sah zu seiner Frau hin, die ganz gegen ihre Gewohnheit laut mit den Tassen klapperte. Sie sagte nichts, sie nickte nur stumm mit gänzlich veränderter, kühler Miene.
Der Knabe begriff das nicht: warum sollte die Cilla nicht Schlittschuh laufen?! Hatte die Mutter was gegen sie? Komisch! Immer, wenn ihm was so recht, recht gefiel, gefiel’s ihr nicht!
Er stützte, an seinem Arbeitspult sitzend, den Kopf in beide Hände; der war ihm schwer. Die Augen brannten ihm und tränten, wenn er sie fest aufs Heft richtete – er mußte doch wohl müde geworden sein. Das wurde keine gute lateinische Arbeit! Im Geist sah er schon, wie der Lehrer die Achseln zuckte und ihm, über so und so viel Köpfe weg, das Heft auf die Bank feuerte: ›Schlieben, zehn Fehler! Junge, Mensch, zehn Fehler! Wenn du dich nicht zusammennimmst, kommst du Ostern nicht mit nach Quarta herüber?!‹
Pah, das war ihm ja ziemlich egal – nein, eigentlich ganz egal. Es war ihm überhaupt jetzt alles egal, schrecklich egal. Er fühlte sich auf einmal todmüde. Warum sie nur der Cilla nichts gönnen wollte? Die erzählte doch so fein! Was hatte die doch gestern abend, als die Eltern aus waren und sie sich an sein Bett geschlichen hatte, erzählt? Von – von –?! Er konnte nichts mehr zusammenbringen, seine Gedanken verwirrten sich.
Der Kopf sank vornüber aufs Pult; die Arme lang vor sich über seine Bücher gestreckt, schlief er ein.
Als er erwachte, mochte wohl eine Stunde vergangen sein, aber er fühlte sich doch nicht ausgeruht. Fröstelnd, mit starren Augen sah er sich im Zimmer um. Alle Glieder taten ihm weh.
Und sie taten ihm auch die Nacht durch noch weh, er konnte nicht schlafen; mit schweren Füßen schleppte er sich am anderen Nachmittag auf die Eisbahn.
Viel früher als sonst kam er vom Schlittschuhlaufen wieder nach Hause. Er mochte nichts essen und nichts trinken, immer kam ihn eine Übelkeit an. »Sieht der Junge heute grün aus,« sagte der Vater. Die Mutter strich ihm besorgt die Haare aus der Stirn: »Fehlt dir was, Wölfchen?« Er verneinte.
Aber als wieder der Abend gekommen war und der Wind draußen in den Kiefern flüsterte und eine gespenstische Hand an die Fenster rührte – huh, eine kleine weiße Hand wie in Cillas Lied –, lag er im Bett, schüttelte sich vor Frost, trotz der weichen warmen Decke, fühlte, daß ihm der Hals weh tat und daß es in seinen Ohren stach und brannte.
»Er ist krank,« sagte Käte sehr besorgt am Morgen. »Wir wollen doch gleich Hofmann kommen lassen!«
»Ach, es wird schon nicht so schlimm sein,« beruhigte der Mann. »Laß ihn im Bette, gib ihm Zitronenlimonade zum Schwitzen und auch was zum Abführen. Er hat sich den Magen verdorben oder ist erkältet!«
Aber schon am Mittag mußte der Arzt herbeitelephoniert werden. Der Knabe lag, nicht mehr klar, in hohem Fieber.
»Scharlach!« Prüfend besah der Sanitätsrat die entblößte Brust und zog dann sorgfältig die Decke wieder höher. »Aber der Ausschlag ist noch nicht recht heraus!«
»Scharlach –?!« Käte glaubte in die Knie sinken zu müssen – o, davor hatte sie sich immer so sehr gefürchtet!
* *
*
Das frische Frostwetter mit dem blanken Sonnenschein und dem fast sommerblauen Himmel hatte aufgehört. Graue Tage mit schwerer Luft hingen über dem Villendach; Käte, die am Fenster des Krankenzimmers stand und mit überwachten Augen hinausstarrte in die schwarzen Kiefernwipfel, die da trauerten in der Nebeltrübe, glaubte nie grauere gesehen zu haben.
Die Krankheit hatte den Knaben mit Macht gepackt; als sei sein vollsaftiger, wohlgenährter Körper so recht ein Herd, in dem die Flammen des Fiebers wüteten. Hofmann schüttelte den Kopf: überall war der Scharlach so gutartig aufgetreten, nur hier nicht! Und er warnte vor Erkältung, verordnete dies und das, tat sein Bestes – nicht bloß aus Pflicht, nein, aus tiefstem, herzlichstem Anteilgefühl heraus – er war dem strammen Jungen immer so gut gewesen. Sie taten alle ihr Bestes. Jede Vorsicht wurde angewendet, jede Rücksicht – es sollte ja alles, alles für ihn geschehen!
Käte war unermüdlich. Die Hilfe einer Krankenschwester hatte sie abgelehnt; mit Heftigkeit wehrte sie sich gegen ihren Mann, gegen den alten Freund: nein, sie wollte ihr Kind allein pflegen! Eine Mutter wird nicht müde, o nein!
Paul hatte nie geglaubt, daß seine Frau so viel leisten und dabei so geduldig sein könnte – sie, die Nervöse, so unermüdlich, so unverzagt! Wohl hatte sie immer einen leisen Tritt gehabt, nun hörte man ihn gar nicht mehr, wenn sie durch die Krankenstube glitt; bald war sie an der linken Seite des Bettes, bald an der rechten. Sie, deren Kräfte so leicht versagten, wenn auch der Wille gut war, war immer, immer auf dem Platz. Es gab viele Nächte, in denen sie keine Stunde Schlaf fand; wie ein Schatten saß sie dann am Morgen in dem großen Lehnstuhl am Bett, aber sie war doch voller Freudigkeit: Wölfchen hatte ja fast zwei Stunden geschlafen!
»Tu dir nicht zu viel, tu dir nicht zu viel,« bat der Mann.
Sie wies ihn ab: »Ich fühl’s nicht! Ich tu es ja so gerne!«
Wie lange sollte das so gehen? Würden, konnten diese Kräfte anhalten?! »Laß doch wenigstens das Mädchen eine Nacht bei dem Jungen wachen! Sie will dich ja so gerne ablösen!«
»Die Cilla–?! Nein!«
Cilla hatte sich immer und immer wieder angeboten: o, sie wollte wohl gut aufpassen, sie verstand’s, war doch auch ein kleiner Bruder von ihr am Scharlach gestorben! »Lassen Sie mir,« bat sie, »ich schlafe nich, ich passe so gut auf!«
Aber Käte wies sie zurück. Es war ihr jedesmal wie ein Stich, wenn sie in den Nächten, die so schwarz und lang waren, ihren Knaben im Fiebertraum sprechen hörte: »Cillchen – wir wollen doch fahren ins Heu – juchhei – Cillchen!«
O, wie sie dieses rundwangige Mädchen mit den hellen Augen haßte! Aber mehr als sie es haßte, fürchtete sie es. In den Stunden der Finsternis, in jenen Stunden, in denen sie nichts hörte als das Stöhnen des Kranken und das rastlose Pochen des eignen Herzens, wandelte sich ihr das Mädchen in eine andre Gewalt. Groß und breit tauchte die auf aus der Nacht, stellte sich dreist ans Bett des Kindes, und in ihrem Blick, der stumpf war und ohne Intelligenz, flammte doch etwas auf vom Triumph der Macht.
Dann faßte die überwachte Frau sich wohl an die Schläfen, in denen es hämmerte, und streckte die Arme aus, wie abwehrend: nein, nein, du da, geh fort! Aber das Phantom blieb stehen am Bett des Kindes. Wer war es: die Mutter – das Venn – die Dienstmagd – Frau Lämke?! Ach, alle waren eins!
Über Kätes Gesicht liefen qualvolle Tränen. Wie der Junge jetzt lachte! Sie beugte sich über ihn, so dicht, daß ihrer beider Atemzüge sich mengten und, wie sie es früher schon getan hatte, flüsterte sie ihm auch jetzt zu: »Mutterchen ist hier, Mutterchen ist bei dir!«
Aber er gab kein Zeichen des Erkennens. – – – – –
Cilla hatte ein dick verweintes Gesicht, als sie die Küchentür im Souterrain, an der leise geklopft wurde, öffnete. Flüsternd sagte Frau Lämke guten Tag; sie hatte bis jetzt immer die Kinder herangeschickt, aber gestern waren die mit einem so verwirrenden Bericht nach Hause gekommen, daß die Unruhe sie nun selber hertrieb. Sie wollte sich erkundigen. Draußen vor dem Gitter hielten zwei Doktorwagen, das hatte sie aufs neue erschreckt.
»Wie jeht’s denn, wie jeht’s denn heute?«
Das Mädchen brach in Tränen aus. Es zog stumm die Frau in die Küche, wo die Köchin, ohne in irgend einer Kasserolle zu rühren, am Herd lehnte, während Friedrich eben, auf einen Druck der elektrischen Klingel von oben, wie ein Gehetzter hinausschoß.
»Nee, ich sage schon!« Die Lämke schlug die Hände zusammen. »Is ’s denn schlimm, wirklich so schlimm mit den Jungen?«
Cilla nickte nur, ihre überströmenden Augen in der Schürze verbergend, aber die Köchin sagte dumpf: »Es jeht zu Ende!«
»Zu Ende – stirbt er wirklich – der Wolfjang, der Junge?!« Die Frau starrte ungläubig: das konnte ja nicht sein! Aber sie war schreckensbleich geworden.
Die Köchin lenkte ein: »Nu, schlimm jenug is ’s! Unser Doktor hat noch ’nen andern Professor zugezogen, ’nen janz berühmten – jestern war der schonst hier – aber sie jlauben nich, daß se noch was machen können. Die Krankheit is auf die Nieren jeschlagen und aufs Herz. Er kennt einen ja jar nich mehr! Heut morgen war ich drinne, ich wollt ihn doch jerne noch mal sehn – da lag er janz steif und still, wie aus Wachs. Ich jlaube, das wird nischt mehr!« Die gutmütige Person weinte.
Sie weinten alle drei, um den Küchentisch sitzend. Frau Lämke vergaß ganz, daß sie diese Küche nie mehr hatte betreten wollen, und daß ihr Kohl, den sie daheim zum Mittagessen aufgesetzt hatte, nun wohl verbrannte. »Jotte doch, Jotte doch,« sagte sie ein über das andre Mal, »wie wird sie da über wegkommen, so ’n Kind – so ’n einzig liebet Kind!«
Oben standen die Ärzte am Krankenbett, der alte Hausarzt und die noch junge Autorität. Sie standen zur Rechten und zur Linken.
Der Ausschlag war ganz zurückgetreten; keine Spur von Röte war mehr auf dem Gesicht des Knaben, der die Augen mit den erschreckend dunklen Wimpern beharrlich geschlossen hielt. Die Lippen waren blau. Die breite, aber jetzt förmlich eingesunkene Brust zitterte und arbeitete.
Bei jedem mühsamen Atemzug atmete Käte mühsam mit. Sie saß im Sessel zu Füßen des Bettes, steil aufrecht; so hatte sie die ganze Nacht gesessen. Ihr angstvoll-bohrender Blick flog über die bedenklichen Gesichter der Ärzte und stierte dann an ihnen vorbei ins Leere. Da standen sie, zur Rechten und zur Linken – aber da, da – sahen sie’s denn nicht?! – da zu Häupten stand der Tod!
Mit einem unartikulierten Laut bäumte sie sich auf, dann sank sie, wie geknickt, in sich zusammen.
Die Ärzte hatten dem todkranken Kinde eine Injektion gemacht; die Herzschwäche war sehr groß und ließ das Schlimmste befürchten. Dann empfahl sich die Autorität: »Auf morgen!« – aber es lag ein Achselzucken und ein ›Wer weiß?!‹ in diesem ›Auf morgen‹.
Der Hausarzt war noch geblieben; er konnte als Freund nicht gehen. Käte hatte sich an ihn geklammert: »Helfen Sie! Helfen Sie doch meinem Kinde!« Nun saß er mit Schlieben unten in dessen Arbeitszimmer; Käte hatte allein bei dem Kranken bleiben wollen, nur in der Nähe wissen wollte sie ihn.
Stumm saßen die beiden Männer bei einem starken Wein. »Trinken Sie, trinken Sie doch, lieber Freund,« sagte wohl der Hausherr; aber er selber trank auch nicht. Wie wird sie’s ertragen, wie wird sie’s ertragen?! Das surrte beständig durch seinen Kopf. Die Stirn in tiefe Falten gezogen, versank er in ein Brüten. Und der Arzt störte ihn nicht.
Droben lag Käte auf den Knieen. Vor dem Sessel, im dem sie all die bangen Nächte durchwacht hatte, war sie niedergesunken und hielt die Hände gegen ihre emporgehobene Stirn gedrückt. Jetzt suchte sie da oben, jetzt suchte sie den Gott, der ihr das Kind, das er ihr einst gütig in den Weg gelegt hatte, nun wieder grausam entreißen wollte. Sie schrie zu Gott in ihrem Herzen:
›Gott, Gott! Nimm ihn mir nicht! Du darfst ihn mir nicht nehmen! Ich habe sonst nichts mehr auf der Welt! Gott, Gott!‹
Alles, was sie um sich hatte, was sie sonst noch besaß, – auch ihr Mann – war vergessen. Sie hatte jetzt nur dieses Kind. Dieses einzige Kind, das so lieb, so gut, so klug, so brav, so folgsam, so schön, so reizvoll, so über alle Maßen liebenswert war, das ihr Leben so hoch beglückt, so reich gemacht hatte, daß sie arm, bettelarm wurde, wenn es von ihr ging.
»Wölfchen, mein Wölfchen!«
Wie war er immer, immer lieb gewesen, so ganz ihr Kind. Jetzt wußte sie nichts mehr von Tränen, die sie seinetwegen vergossen hatte; hatte sie je welche geweint, so waren es Freudentränen, ja, nur Freudentränen gewesen. Nein, sie konnte ihn nicht missen!
Aus ihrer betenden Stellung auffahrend, rutschte sie näher an sein Bett. Seinen erkaltenden Körper nahm sie in ihre Arme, bettete ihn in Verzweiflung an ihre Brust und hauchte ihren glühenden Atem über ihn hin. All ihre Wärme wollte sie ausströmen lassen in ihn, mit der Kraft ihres Wollens ihn festhalten auf dieser Erde. Wenn seine Brust nach Luft rang, so rang auch ihre Brust, wenn sein Herzschlag stockte, stockte auch der ihre. Sie fühlte sich kalt werden durch seine Kälte, ihre Arme erlahmen. Aber sie ließ ihn nicht. Sie rang mit dem Tode, der zu Häupten stand – wer war stärker, der Tod oder ihre, der Mutter, Liebe?!
Niemand konnte sie von des Knaben Bette verdrängen, auch nicht die Krankenschwester, die Hofmann, als er endlich am Nachmittag in die Stadt zurück mußte, herausgesandt hatte. Mit sanfter Gewalt versuchten die Pflegerin und Schlieben sie emporzuziehen: »Nur eine Stunde Ruhe, nur eine halbe! Nebenan oder auch hier auf dem Sofa!«
Aber sie schüttelte den Kopf und blieb auf den Knieen: »Ich halte ihn, ich halte ihn!« –
Es wurde Abend. Es wurde Mitternacht. Es hatte vordem stark geweht draußen, nun war es sehr still geworden. Totenstill. Kein Wind rüttelte mehr an den Kiefern, die ums Haus standen; kerzengerade gereckt standen sie gegen den hellen Frosthimmel, ihre Kronen waren steif wie aus unbiegsamer Pappe geschnitten. Unbarmherzig flinzelten die Sterne; in der schimmernden Silberplatte des gefrorenen Sees, den das starke Wehen reingefegt hatte vom feuchten Schnee der vorhergehenden Tage, spiegelte sich der Vollmond. Eine grimmige Kälte war urplötzlich gekommen, die alles einzufangen schien mit ihrem Todeshauch.
Fröstelnd schauerten die Wachenden zusammen. Als Schlieben auf den Thermometer sah, war er erschrocken, wie wenig der selbst hier im Zimmer zeigte. Versagte die Heizung? Man sah ja den eignen Atem. Hatten die Leute nicht neue Kohlen aufgeschippt?
Er ging selber hinab ins Souterrain, er hätte klingeln können, aber es war ihm ein Bedürfnis, etwas zu tun. O, wie war man doch so schrecklich tatenlos! Stumm kauerte seine Frau jetzt im Lehnstuhl, mit großen starren Augen; die Pflegerin schlief halb, nichts regte sich im Zimmer. Auch das Kind lag so still, als wäre es schon tot.
Eine große Bangigkeit befiel den Mann, der jetzt durch das nächtliche Haus tappte. Es war etwas so Lähmendes in dieser Stille; alles – die Zimmer, die Treppe, die Halle – alles kam ihm auf einmal so fremd vor. Fremd und leer. Wie waren sie doch vordem belebt gewesen vom Hauch der Jugend, erfüllt von der ganzen unbändigen Unbekümmertheit eines wilden Knaben!
Schwer stützte er sich aufs Treppengeländer, unsicher tastete er sich hinab. Ob die Leute unten noch auf waren?!
Er fand sie noch alle. Um den Tisch in der Küche, die jetzt so kalt war, als hätte nicht den ganzen Tag ein hellloderndes Feuer im Herd gebrannt, saßen sie frierend beisammen. Die Köchin hatte einen starken Kaffee gekocht, aber auch der hatte ihnen nicht wärmer gemacht. Durchs ganze Haus schlich eine Todeskälte; es war, als seien Eis und Schnee von draußen hereingekommen, als fege der Todeshauch der erstarrten Natur auch hierinnen vom Giebel bis zum Keller.
Es nützte nichts, daß noch mehr Kohlen dem großen Ofen in den Rachen geschüttet wurden, nichts, daß das Wasser heißer durch alle Röhren strömte. Kein Mensch bekam wärmere Füße, wärmere Hände.
»Wir wollen es bei dem Patienten mit einem sehr heißen Bad versuchen,« sagte die Pflegerin. Sie hatte schon oft in ähnlichen Fällen dieses letzte Mittel von Erfolg gekrönt gesehen.
Alle Hände rührten sich. Die Köchin feuerte, die beiden andern schleppten das kochende Wasser hinauf; aber Cilla trug mehr und rascher als der Friedrich. Sie fühlte ihre ganze unerschöpfliche, schaffensfreudige Jugendkraft. Wie gern tat sie das für den guten Jungen! Und bei jedem Eimer, den sie in die vors Bett gestellte Wanne schüttete, murmelte sie leise ein Stoßgebet; sie konnte sich nicht bekreuzen, sie hatte keine Hand frei, konnte auch nicht niederknieen, aber sie war gewiß, die Heiligen würden sie doch erhören.
»Heilige Maria! Heiliger Joseph! Heilige Barbara! Heiliger Schutzengel! Heiliger Michael, streite für ihn!«
Unten hatte sich die Köchin ihr Gesangbuch vorgesucht; sie war eine Protestantin und brauchte es nicht alle Tage. Nun schlug sie es auf, aufs Geratewohl: wie es traf, so traf’s! O weh! Zitternd zeigte sie es dem Friedrich. Da stand:
›Wenn ich einmal soll scheiden, So scheide nicht von mir –‹
O weh, der Junge muß sterben! Sie waren beide wie gelähmt vor Schreck.
Derweilen flog die flinke Cilla treppauf, treppab. Ihr war nicht mehr so bange. Er würde nicht sterben, des war sie jetzt sicher.
Als sie ihn drinnen in die Wanne hoben, Schlieben und die Pflegerin, und die Mutter die schwachen Hände unterhielt wie zur Unterstützung, stand Cilla draußen vor der Tür und rief wieder ihre Heiligen an. Gern hätte sie ihr Andachtsbüchlein, ihr ›Brot der Engel‹, zur Hand gehabt, aber es fehlte an Zeit, es zu holen. So sammelte sie nur ihr ›Hilf‹ und ›Erbarme dich‹, ihr ›Gegrüßet‹ und ›Streite für ihn‹ mit der ganzen Hingabe ihrer Gläubigkeit.
Und drinnen begannen sich die Wangen des todbleichen Knaben zu röten. Die Lippen, die sich so lange zu keinem Laut geöffnet hatten, stießen jetzt einen Seufzer aus. Er war warm, als sie ihn ins Bett zurücklegten. Bald war er heiß;, das Fieber setzte wieder ein.
Die Schwester blickte besorgt: »Jetzt Eis! Wir müßten es mit Eisblasen versuchen!«
Eis! Eis!
»Ist Eis im Hause?« Hastig kam Schlieben aus der Krankenstube heraus, er stieß fast die Tür gegen die Stirn des betenden Mädchens.
Eis! Eis! Sie waren beide miteinander hinuntergelaufen. Aber auch die Köchin wußte keinen Rat: nein, Eis war nicht da, man hatte nicht geglaubt, welches nötig zu haben.
»Schnell, zur Apotheke!«
Der Diener stob davon, aber – großer Gott – ehe der zur Apotheke gelangte, jemanden weckte und wieder zurück war, konnte die Flamme da oben so hoch aufgeflammt sein, daß die arme kleine Kerze schon aufgezehrt war! Ganz wirr vor Angst blickte der Mann umher, da sah er, wie Cilla mit Fleischbeil und Wassereimer zur Hintertür lief.
»Ich hole Eis!«
»Wo denn?!«
»Da!« Sie lachte und hob den bewehrten Arm, daß das Beil blitzte. »Unten im See ist ja Eis genug. Ich geh, welches hacken!«
Schon war sie hinaus; er lief hinter ihr drein, ohne Hut, ohne Mütze, nur mit dem leichten Hausrock bekleidet, den er im Zimmer trug.
Vor der aufglimmenden Hoffnung wichen die Schrecken der Nacht, er fühlte augenblicklich die Kälte nicht. Aber als nun die Villen so ganz verschwunden waren hinter den Kiefern, als er nun so einsam am Rande der eisigen Seefläche stand, die wie ein hartes Metallschild glänzte, von schwarzen, schweigsamen Riesen drohend umgeben, da fror ihn doch, daß er glaubte, erfrieren zu müssen. Und er fühlte eine Bangigkeit, wie er sie noch nie gefühlt hatte. Eine tödliche Angst.
Kam nicht eine Stimme zu ihm? He! Dort aus dem Walde, der wie ein Dickicht erschien im blauen, verwirrenden Schimmer des Mondlichts?! Und höhnte und foppte, lachte halb, klagte halb! Schrecklich – wer schrie so?!
»Der Kauz schreit,« sagte Cilla jetzt, hob mit beiden Händen das Beil rücklings über die Schulter und ließ es niedersausen mit Kraft. Das Eis am Rande splitterte. Es knackte und krachte; bis weit in den See hinaus ging der Ton: ein Murren, ein Grollen, eine Stimme aus der Tiefe.
Würde der Knabe sterben – würde er leben?!
Verstört sah Schlieben sich um. O Gott ja, auch das war umsonst! Würde umsonst sein! Trotz all seiner Mannhaftigkeit empfand er eine Schwäche – heute, hier war er schwach. Hier war die Nacht und die Einsamkeit und der Wald und das Wasser – all das hatte er schon oft gesehen, es war ihm vertraut gewesen –, aber so war es noch nie gewesen, so still und doch so schreckhaft belebt. So hoch waren die Bäume noch nie gewesen, so groß noch nie der See, so fern noch nie die bewohnte Welt!
Es schien ihm etwas zu lauern hinter jener dicken Kiefer – stand da nicht ein Jäger und legte an, bereit, ihm einen Pfeil durchs Herz zu schießen?! Das Schweigen beängstigte ihn. Dieses große Schweigen war furchtbar. Dröhnend zwar hallten die Hiebe der Axt und lockten drüben über dem See ein Echo, unbeirrt zwar tat Cilla ihr Werk – er bewunderte die Kaltblütigkeit des Mädchens –, aber die Drohung, die in diesem Schweigen lag, minderte sich nicht.
Schauer auf Schauer durchrann den verstörten Mann: nein, jetzt wußte er’s, – ach, wie fühlte er’s deutlich – gegen diese unsichtbare Gewalt kam niemand an. Hier war alles vergebens!
Ein großer Schmerz überkam ihn. Mit beiden Händen packte er in die eiskalten Schollen, die das Mädchen losgehackt hatte, und sammelte sie in den Eimer; er riß sich, er schnitt sich an den zackigen Rändern, die scharf waren wie Glas, aber er fühlte den körperlichen Schmerz nicht. Das Blut rann ihm in Tropfen über die Finger.