Zweites Buch (continued 2)
Reading edition
Und aus seinen Augen begann jetzt auch etwas zu rinnen, schwer und zäh tropfte es über seine Wangen – langsame, fast widerwillige Tränen. Aber doch heiße Tränen eines Vaters, der um sein Kind weint.
4
»Jotte, nee, was biste jroß jeworden,« sagte Frau Lämke, »nu wird man woll bald ›Sie‹ zu dich sagen müssen und ›junger Herr‹?!«
»Nie!« Wolfgang fiel ihr um den Hals.
Die Frau war ganz verdutzt: war das denn noch der Wolfgang? Der war ja kaum wiederzuerkennen seit der Krankheit – so umgänglich! Und war er auch immer ein guter Junge gewesen, so zärtlich war er früher doch nie gewesen?! Und wie lustig er war, er lachte, seine Augen blinkerten ordentlich wie geputzt!
Wolfgang war voll Lebenslust und einer immerwährenden unbändigen Freude. Er wußte gar nicht wohin damit. Keinen Augenblick konnte er stille sitzen, in seinen Armen zuckte es, seine Füße scharrten den Boden.
Er war der Schrecken des Lehrers. Die ganze, sonst immer so musterhafte Quarta brachte der Junge aus Rand und Band, der eine Junge! Und dabei konnte man ihm eigentlich nicht einmal so recht von Herzen böse sein. In die Rügen des müden Mannes, der alle Tage dieselben Stunden, jahraus jahrein, auf demselben Katheder sitzen, dieselben Diktate diktieren, dieselben Aufgaben aufgeben, dieselben Lesestücke lesen lassen, dieselben Wiederholungen wiederholen mußte, mischte sich etwas wie eine leise Wehmut, die den Tadel milderte: ja, das war Daseinsfreudigkeit, Gesundheit, Frische, unverbrauchte Kraft – das war Jugend!
Wolfgang kehrte sich nicht an die Vorwürfe, die man ihm machte, er hatte nicht den Ehrgeiz, unter den Ersten der Klasse zu sein. Er lachte den Lehrer aus und konnte sich nicht einmal zwingen, betrübt den Kopf zu senken, als ihm die Mutter, in nervöser Erregtheit, eine schlechte Zensur vorm Gesicht hin und her schwenkte: »Also dafür quält man sich so mit dir?!«
Wie ehrgeizig die Frauen sind! Schlieben lächelte; er nahm’s ruhiger. Nun, er hatte ja auch nicht die Plage davon gehabt wie Käte. Sie hatte sich, seitdem der Junge so viel durch seine Krankheit versäumt hatte, jeden Tag mit ihm hingesetzt und geschrieben und gelesen und gerechnet und Vokabeln gelernt und Regeln und unermüdlich wiederholt und, neben den Schulaufgaben, selber noch Übungsaufgaben gestellt, und es so fertig gebracht, daß Wolfgang, trotz der wochen- und wochenlangen Schulversäumnis, doch Ostern mit nach Quarta versetzt wurde. Erleichtert hatte sie aufgeatmet: ah, ein Berg war erklommen! Aber der Weg ging trotzdem jetzt nicht eben fort. Als die ersten Amseln im Garten sangen, war er als fünfzehnter versetzt worden – also ein Durchschnittsschüler –, als die erste Nachtigall schlug, war er nicht mehr in diesem Durchschnitt, und als der Sommer kam, gehörte er zu den Letzten der Klasse.
Es war zu verlockend, im Garten zu säen, zu pflanzen, zu gießen, auf dem Rasen zu liegen und sich den warmen Sonnenflimmer über den Leib rinnen zu lassen; besser noch, draußen umherzuschwärmen an den Waldrändern, oder im See zu baden, weit hinauszuschwimmen, so weit, daß ihm die andern Jungen zuschrieen: ›Komm zurück, Schlieben, du versäufst!‹
»Freu dich doch, daß er so munter ist,« sagte Paul zu Käte. »Denke doch dran, wer hätte, vor einem halben Jahr noch, gedacht, daß er sich so erholen würde?! Es ist ein Glück, daß er kein Stubenhocker ist. ›Viel frische Luft‹ hat Hofmann gesagt, ›viel freie Bewegung. Ohne Schädigungen der Konstitution geht eine so schwere Krankheit nicht ab!‹ Also wählen wir von zwei Übeln doch das kleinere – freilich, der Bengel muß wissen, daß er nebenbei doch seine Schuldigkeit zu tun hat!«
Das ließ sich schwer vereinen. Käte fühlte sich machtlos werden. Wenn des Knaben Augen, blank wie dunkle Beeren, begehrten: ›laß mich hinaus‹, wagte sie ihn nicht zurückzuhalten. Sie wußte, er hatte seine Arbeiten noch nicht fertig, vielleicht noch nicht einmal begonnen; aber hatte Paul nicht gesagt: ›man muß von zwei Übeln das kleinere wählen‹, und der Sanitätsrat: ›ohne Schädigungen geht eine so schwere Krankheit nicht ab; viel Freiheit‹ –?!
Eine jähe Angst erfaßte sie um sein Leben; noch waren die Schrecken der Krankheit nicht verwunden. Ach, diese Nächte! Diese letzten furchtbaren Stunden, in denen nach dem heißen Bad das Fieber höher und höher gestiegen war, der Puls gerast und das arme Herz gejagt hatte, bis endlich, endlich das Eis aus dem See Kühlung gebracht und ein Schlaf sich gesenkt hatte, der, als im Osten der Himmel rot zu werden begann und ein neuer Tag durchs Fenster hereinschaute, sich in einen wohltätigen, wunderwirkenden Schweiß löste.
Sie mußte den eben Genesenen laufen lassen.
Aber daß er sich Cilla an den Arm hing, wenn die abends noch einen Gang zu machen hatte, daß er ihr schleunigst nachlief, wenn sie nur einen Brief zum Kasten trug, oder daß er ihr einen Stuhl heranschleppte, wenn sie sich mit ihrem Flickkorb unter den Fliederbusch an der Küchentür setzen wollte, das war nicht zu dulden. Als Käte erfuhr, daß Cilla an ihrem Ausgangssonntag nicht weiter gegangen war als bis zu den nächsten Kiefern am Waldrand und dort mit dem Knaben stundenlang im Grase gesessen hatte, gab es eine Szene.
Cilla weinte bittere Tränen. Was hatte sie denn getan?! Sie hatte Wölfchen doch nur von ›zu Hause‹ erzählt!
»Was geht ihn Ihr ›zu Hause‹ an?! Er soll sich um seine Sachen kümmern, und Sie kümmern sich um die Ihren!« Käte war im Zuge, noch mehr herauszusprudeln, zu schreien: ›Lassen Sie solche Vertraulichkeiten, ich dulde sie nicht‹, aber sie bezwang sich, wenn auch nur mit Mühe. Sie hätte dieses rundwangige, helläugige Mädchen, das so dreist blickte, ins Gesicht schlagen mögen. Da war selbst Frida Lämke noch vorzuziehen!
Aber Frida ließ sich jetzt nicht mehr so oft sehen. Sie trug schon den Rock lang bis zum Knöchel und ging in den Freistunden, die ihr die Schule ließ, zum Nähkursus, und wenn sie eingesegnet war, Ostern übers Jahr, dann sollte sie, wie sie mit großer Wichtigkeit sagte, ›nach’s Jeschäft‹.
»Ich kündige ihr,« sagte Käte eines Abends, als Cilla eben den Tisch abgedeckt hatte und sie ganz allein mit ihrem Mann saß.
»So?« Er hatte gar nicht recht hingehört. »Warum denn?«
»Darum!« Ein unterdrückter Ärger vibrierte im Ton der Frau – mehr als das, eine leidenschaftliche Erregung. Ihre sonst goldbraunen, milden Augen wurden dunkel und blickten finster in sich hinein.
»Du zitterst ja förmlich! Was ist denn nun schon wieder?!« Verstimmt legte er die Zeitung hin, die er eben hatte lesen wollen. Da war wieder etwas mit dem Jungen los; nur dann erregte sie sich so!
»Es geht nicht länger!« Ihre Stimme war hart, hatte jeden Schmelz verloren. »Und ich dulde es nicht! Denke dir, als ich heute nach Hause komme – ich war gegen Abend eine Stunde fort, kaum eine Stunde –, Gott, Gott, man kann sich doch nicht immer zur Aufpasserin machen, man erniedrigt sich ja vor sich selber!« Leidenschaftlich verschlang sie die Hände, preßte sie so heftig ineinander, daß die Knöchel ganz weiß wurden. »Ich hatte ihn an seinem Pult gelassen, er hatte so viel auf, und als ich wiederkomme, war kein Strich gemacht! Aber unten, hinten vor der Küchentür, da – da höre ich sie!«
»Wen denn?«
»Nun, Wolfgang und die – die Cilla! Kaum bin ich fort!«
»Nun und?!«
Sie hatte geschwiegen, seufzend, in einem tiefen Kummergefühl, das den Zorn aus ihren Augen verjagte.
»Er legte ihr von hinten den Arm um den Hals! Und hat sie geküßt! ›Liebes Cillchen!‹ Und sie zog ihn an sich, nahm ihn fast auf den Schoß – dazu ist er viel, viel zu groß – – und redete immer in ihn hinein!«
»Hast du verstanden, was sie sagte?«
»Nein. Aber sie lachten. Und dann gab sie ihm einen Klaps gegen die Kehrseite – du hättest es nur sehen sollen! – und dann er ihr. Hin und her ging das. Ist das passend?!«
»Das geht zu weit, da hast du recht! Aber schlimm ist es nicht. Sie ist eine gute, noch ganz unverdorbene Person, er ein dummer Junge. Darum wirst du das Mädchen doch nicht entlassen? Ich bitte dich, Käte! Haben sie dich bemerkt?«
»Nein!«
»Nun, dann tu auch nicht desgleichen. Das ist viel klüger. Ich werde mir den Jungen schon mal bei Gelegenheit vornehmen!«
»Und du meinst, ich könnte – ich kann – ich muß sie nicht entlassen?« Käte war ganz kleinlaut geworden gegenüber seiner Ruhe.
»Dazu liegt gar kein Grund vor!« Er war völlig überzeugt von dem, was er sagte, und wollte wieder zu seiner Zeitung greifen. Da fing er ihren Blick auf und streckte ihr die Hand über den Tisch hin: »Liebes Herz, nimm nicht alles so schwer! Du verkümmerst dir ja das Dasein – dir – dem Jungen – und – ja, auch mir! Nimm’s leichter! – So, und nun will ich endlich mal zu meiner Zeitung kommen!«
Käte stand leise auf – er las ja! Sie hatte ihm ihre Hand nicht gelassen. Seine Ruhe verletzte sie. Das war schon mehr als Ruhe, das war Gleichgültigkeit, Lässigkeit! Aber sie wollte nicht lässig sein, nein, sie wollte nicht müde werden!
Und sie ging ihrem Knaben nach.
Wolfgang war schon oben in seinem Zimmer. Er war zwar noch an Cilla, die unten in der Küche das Geschirr abtrocknete, leise von hinten herangeschlichen, hatte sie gezwickt, sie dann mit beiden Armen umfangen und um eine Geschichte gebettelt: »Erzähl mir was!« – aber sie hatte nicht gewollt.
»Ich weiß nichts!«
»Och, erzähl mir doch! Von der Prozession! Oder wenn’s nur von eurer Sau ist! Wieviel hatte die doch ’s letzte Mal geworfen?«
»Dreizehn!« Der Frage war zwar nicht zu widerstehen, aber doch blieb Cilla wortkarg.
»Kalbt eure Kuh auch dieses Jahr? Wieviel Kühe hat denn der größte Bauer bei euch? Weißt du, der unten an der Warthe, der Hauländer! Sag doch?!« Er wußte ganz genau Bescheid, kannte alle Leute bei ihr zu Hause und alles Vieh. Er konnte nie genug davon erzählen hören und von dem Land, über das die Glöckchen bimmeln zur Frühmesse und zur Vesper oder tief und feierlich rufen am Sonntage um die Hochamtszeit. Vom Lande hörte er zu gern erzählen, von Ackerbreiten, auf denen blauer Flachs und goldner Roggen steht, von blauenden Waldstrichen am Horizont, von weiten, weiten Heidestrecken, auf denen die Bienen emsig über blühendem Kraut summen und abends an stillen Wassern, wenn Himmel und Sonne sich rot darin spiegeln, der Sumpfvogel schreit.
»Erzähl davon!« Er bettelte und drängte.
Aber sie blieb unlustig und schüttelte den Kopf: »Nee, geh schon, nee, ich will nich! Die Frau hat mer heute abend wieder so angesehn – ach, so – nee! Ich glaube, sie will mer wohl kündigen!«
Verdrießlich war er in sein Zimmer hinaufgeschlichen und hatte sich ausgekleidet. Er war so daran gewöhnt, er konnte gar nicht gut schlafen, wenn Cilla ihm nicht vorher etwas erzählt hatte. Dann schlief er so sanft ein und träumte so wunderschön von weiten Heidestrecken, die rot blühten, von stillen Wassern, an denen der Sumpfvogel schrie, den er jagen ging.
Ach, die Cilla, was die nur heut hatte! Wie dumm! ›Die Frau wird mer kündigen‹ – Unsinn, als ob er das litte! Und er ballte die Faust.
Da knarrte die Tür.
Er reckte den Hals: war sie’s, kam sie doch noch?! Die Mutter war’s. Geschwind schlüpfte er ins Bett und zog die Decke bis an die Stirn. Mochte sie denken, er schliefe schon!
Aber sie dachte das nicht, sondern sie sagte: »So, bist du noch wach?« und setzte sich auf den Stuhl beim Bett, auf dem seine Sachen lagen. Da saß auch sonst immer die Cilla. Er verglich im stillen die beiden Gesichter. Ah, die Cilla war doch viel hübscher, so weiß und rot, und hatte Grübchen in ihren dicken Backen, wenn sie lachte, und war so vergnügt! Häßlich war die Mutter zwar auch nicht!
Er hatte sie aufmerksam betrachtet; und da überkam es ihn plötzlich mit einem ihm sonst gänzlich unbekannten Gefühl: ach, sie hatte ja so schmale Bäckchen! Und an den Schläfen herunter das weiche Haar – das war ja – das –
»Du wirst ja grau,« sagte er auf einmal, förmlich erschrocken, und streckte den Finger aus: »Da, ganz grau!«
Sie nickte. Ein Zug des Unbehagens verlängerte ihr Gesicht und ließ es noch schmäler erscheinen.
»Du müßtest mehr lachen,« riet er. »Dann sähe man gar nicht, daß du Falten hast!«
Falten – ach ja, Falten! Mit einer nervösen Bewegung fuhr sie über die Stirn. Was Kinder für unbarmherzige Augen haben! Mit Jugend und Schönheit war’s wohl endgültig vorbei – den letzten Rest aber, den hatte der Knabe hier genommen! Und wie ein Vorwurf klang’s: »Das machen die Sorgen. Deine schwere Krankheit und – und –« sie stockte, sollte sie jetzt von dem anfangen, was sie so beunruhigte? »Und da ist noch manches andre,« schloß sie mit einem Seufzer.
»Das glaub ich wohl,« sagte er unbefangen. »Du bist ja auch schon alt!«
Nun, ehrlich war er, das mußte man gestehen; aber ohne eine Spur von Zartgefühl! Sie konnte eine leise Gereiztheit nicht unterdrücken; es war nicht angenehm, sich von seinem Kinde an sein Alter erinnern zu lassen. »So alt bin ich denn doch noch nicht,« sagte sie.
»Na, so alt meine ich ja auch gar nicht. Aber doch viel älter als ich oder die Cilla zum Beispiel!«
Sie zuckte zusammen – immer kam er mit dieser Person!
»Die Cilla ist ein hübsches Mädchen, findest du nicht, Mutter?«
Der Ärger überkam sie so heftig, daß sie sich nicht mehr in der Gewalt hatte. »So?« sagte sie kurz und stand auf. »Sie zieht zum ersten Oktober!«
»Sie zieht?! Och nee!« Er starrte sie ungläubig an.
»Doch, doch!« Sie kam sich grausam vor, aber konnte sie denn anders sein? Es lag ein so großes Erschrecken in seiner Ungläubigkeit. »Sie zieht; ich kündige ihr!«
»Och nee, das tust du ja nicht!« Er lachte. »Das tust du ja doch nicht!«
»Ja, das tue ich!« Auf jedes Wort legte sie einen besonderen Nachdruck; es klang unumstößlich.
Er schüttelte noch immer ungläubig den Kopf: das konnte ja gar nicht sein! Aber dann fiel ihm auf einmal Cillas gedrücktes Wesen wieder ein und ihre Worte am heutigen Abend – ›Sie will mer wohl kündigen!‹ »Nein, das tust du nicht!« Mit einem Ruck setzte er sich im Bette auf.
»Ich werde dich nicht fragen!«
»Nein, du tust es nicht, du tust es nicht,« schrie er. Cillas Gestalt stand auf einmal vor ihm, ihre treuherzigen Augen sahen ihn traurig an – sie gefiel ihm so wohl – und die sollte gehen?! Eine Wut kam über ihn.
»Sie soll nicht gehen, sie soll nicht gehen,« heulte er auf und schrie es laut und lauter: »Sie soll nicht gehen!« Er warf sich hintenüber, reckte sich lang, stieß in einem sinnlosen, nicht zu bezeichnenden Empfinden mit den Füßen gegen die Bettstatt, daß die in allen Fugen krachte.
Käte war erschrocken; so heftig hatte sie ihn nie gesehen. Aber wie recht hatte sie! Sein Benehmen zeigte ihr’s deutlich. Nein, sie durfte sich nicht grausam schelten, wenn auch seine Tränen flossen; es war notwendig, daß die Cilla ging! Aber er tat ihr leid.
»Wölfchen,« sagte sie überredend, »aber, Wölfchen!« Sie versuchte ihn zu besänftigen und zog ihm mit liebevoller Hand die heruntergefallene Decke wieder herauf. Aber sowie sie ihn berührte, stieß er sie von sich.
»Wölfchen – Wölfchen – du mit deinem Wölfchen! Als ob ich noch ein kleines Kind wäre! Ich heiße Wolfgang. Und du bist ungerecht! Neidisch! Du willst nur, daß sie geht, weil ich sie lieber habe, viel lieber als dich!«
Er schrie es ihr ins Gesicht, das tief erblaßte. Sie hatte das Gefühl, als müßte sie aufschreien vor Schmerz. Sie, die sie so viel um ihn gelitten hatte, setzte er hintenan?! Jetzt fielen ihr auf einmal, brennend und unaustilgbar, alle die Tränen ein, die sie schon um ihn vergossen hatte. Und von all den schweren Stunden der Krankheit war keine so schwer gewesen wie die jetzige.
Sie vergaß, daß er noch ein Kind war, ein ungezogener Junge. Hatte er es denn nicht selber gesagt: ›Ich bin kein Kind mehr –?!‹ Unverzeihlich erschien ihr sein Benehmen. Ohne Wort ging sie zur Tür hinaus.
Er sah ihr betroffen nach: hatte er sie gekränkt?! Plötzlich kam ihm das Bewußtsein davon – o nein, das wollte er nicht! Schon hob er die Füße aus dem Bett, um ihr auf sackten Sohlen nachzulaufen, sie am Kleide festzuhalten, zu sagen: ›Du, bist du böse?!‹ – da fiel ihm die Cilla wieder ein. Nein, das war doch zu schlecht von ihr, daß sie die gehen hieß!
Sich weinend unter die Decke verkriechend, faltete er die Hände. Cilla hatte ihm gesagt, daß man zur heiligen Jungfrau beten müsse, zu jener lächelnden Frau im blauen Sternenmantel, die, mit der Krone auf dem Haupt, über dem Altar thront. Die heilte alles. Und wenn die Gott im Himmel um etwas bat, so tat der’s. Zu ihr wollte er jetzt beten.
Cilla hatte ihn damals, als die Mutter im Bade und der Vater in Tirol war, einmal mitgenommen in ihre Kirche. Er hatte ihr versprechen müssen, niemandem etwas davon zu sagen, und der Reiz des Geheimnisvollen hatte den Reiz jener Kirche erhöht. Eine unbewußte Sehnsucht zog ihn nach jenen Altären, wo die Heiligen prangten und wo man Gott, den man doch bitten soll wie einen Vater, leibhaftig schauen konnte. In der Kirche, die die Mutter zuweilen besuchte und in der er auch schon gewesen war, hatte es ihm nie so gut gefallen.
Jene Sehnsucht, die ihm wie ein Märchen im Sinn schwebte, kam jetzt mit Gewalt und lebendig über ihn. Ja, so hinknieen können vor der lieben Frau, die reizender war als alle Frauen auf Erden sind, und kaum daß man seine Bitte vortrug, auch schon der Erfüllung gewiß sein, das war schön! Herrlich!
»Gegrüßet seist du, Maria!« So fing der Cilla Gebet an; weiter wußte er es nicht, aber er wiederholte das, viele Male. Und nun roch er wieder den Weihrauch, der die Kirche durchduftet hatte, hörte wieder das Schellchen der Wandlung, sah den Geweihten des Herrn, dem die prächtige Stola überm Meßgewand hing, sich verneigen, bald links am Altar, bald rechts. O, wie er es den Knaben in den weißen Chorhemden neidete, die neben ihm knieen durften! Seliger Wohlklang schwebte unterm hochgewölbten Kuppeldach:
›Procedenti ab utroque Compar sit laudatio –‹
so ähnlich hatten sie gesungen. Und dann hatte der Priester die strahlende Monstranz hoch erhoben, und alle Leute hatten sich tief gebeugt. ›Qui vivis et regnas in saecula saeculorum!‹ Ja, das Latein hatte er gut behalten! Das würde er auch sein Leben nicht vergessen!
Anstoßen hatte ihn die Cilla müssen und flüstern: ›Komm, wer gehn jetzt,‹ sonst wäre er damals noch lange knieen geblieben in der prächtigen und doch so heimeligen Kirche, in der nichts kalt war und fremd.
Wenn er doch wieder einmal hinkönnte! Cilla hatte es ihm freilich versprochen zu gelegener Zeit – aber sie sollte ja jetzt weg, und die gelegene Zeit würde nie kommen! Schade! Ein großes Bedauern erhob sich in ihm und zugleich ein Trotz: nein, in die Kirche, wohin die Mutter ging und wohin die aus seiner Schule gingen, dahin ging er nicht!
Und er flüsterte wieder: »Gegrüßet seist du, Maria,« und bei diesem Flüstern fingen die Tränen, die heiß und zornig über sein Gesicht gelaufen waren, an zu versiegen.
Er war aus dem Bett geklettert und hatte sich auf den Teppich davor niedergekniet, die zusammengelegten Hände in Anbetung erhoben, so wie er es bei den Engeln auf dem Altarbild gesehen hatte. Seine Augen waren glänzend und weit aufgeschlagen, sein Trotz zerfloß in Hingabe.
Als er endlich ins Bett zurückstieg und die übergroße Müdigkeit seine Aufregung niederschlug und er einschlief, träumte er von der reizenden Jungfrau Maria, die wohlbekannte Züge trug, und fühlte sein Herz zu ihr entbrennen.
Es war vierzehn Tage später, am 1. Oktober, daß Cilla den Dienst verließ. Frau Schlieben hatte ihr ein gutes Zeugnis geschrieben; warum sie eigentlich entlassen war, das war dem Mädchen noch nicht recht klar, selbst als es auf der Straße stand. Die Frau wollte ein älteres erfahrenes Mädchen haben – so hatte sie gesagt –, aber das glaubte Cilla doch nicht recht, sie fühlte unbestimmt einen andern Grund heraus: die mochte sie eben nicht leiden. Nun wollte sie erst einmal nach Hause fahren, ehe sie einen neuen Dienst annahm, sie fühlte Heimweh, und der Abschied hier aus der Stelle war ihr schwer geworden – des Jungen wegen. Wie hatte der geweint! Gestern abend noch. Er hatte sich an ihren Hals gehängt und sie vielmals geküßt, der große Junge, wie ein kleines Kind! Und so viel hatte er ihr noch sagen wollen. Oben auf dem dunklen Flur hatten sie gestanden miteinander gestern abend, da scheuchte sie der Tritt der Frau, die die Treppe heraufkam; gerade noch, daß er in seine Stube hatte entwischen können.
Und nicht einmal Adieu hatte sie ihm heute sagen können, dem guten Jungen! Denn als er kaum in der Schule war, hatte die Frau gesagt: »So, nun können Sie gehen!« Ganz verdutzt war sie gewesen, hatte sie doch darauf gerechnet, erst am Nachmittag fortzukommen. Aber nun war das neue Hausmädchen, eine Ältliche mit spitzem Gesicht, auch schon eher angezogen; was sollte sie da auch noch? So hatte sie nur noch rasch die Heiligenbildchen aus ihrem Gebetbuch alle in ein Papier gewickelt und in die Schublade von des Jungen Nachttisch gesteckt – da würde er sie gewiß finden – und ›Gruß von Cilla‹ darauf geschrieben. Dann war sie abgezogen.
Ihren Korb hatte Cilla als Frachtgut aufgegeben, nun hatte sie nichts zu tragen als ein kleines Ledertäschchen und einen Pappkarton mit Stricken verschnürt. So konnte sie rasch vorankommen. Aber als sie dem Stadtbahnhof zuging, blieb sie auf einmal stehen: um ein Uhr war die Schule aus, nun ging es gegen elf, es kam wirklich nicht darauf an, wenn sie etwas später abfuhr. Wie würde er sich freuen, wenn sie ihm noch Adieu sagte und: ›Vergiß mich auch nicht!‹
Sie drehte sich um. In der Nähe der Schule würde sich schon eine Bank finden, da wollte sie auf ihn warten.
Die Vorüberkommenden schauten neugierig nach der jungen Person, die wie ein Soldat, still und steif, in der Nähe des Gymnasiums auf Posten stand. Eine Bank hatte Cilla nicht gefunden; sie traute sich nicht weit vom Eingang fort, aus Angst, ihn zu verpassen. So stand sie denn, mit ihrem kleinen Täschchen am Arm, den Karton hatte sie zur Erde gesetzt. Ab und zu fragte sie jemanden, wieviel Uhr es sei. Die Zeit verging langsam; endlich war es bald eins. Da fühlte sie ihr Herz klopfen: der gute Junge! Schon sah sie seine dunklen Augen freundlich aufglänzen, hörte ein erstauntes: ›Cillchen, du?!‹
Ihren Hut zurechtrückend auf dem schönen blonden Haar, ein höheres Rot auf den roten Wangen, sah Cilla hin nach dem Schultor: gleich würde es klingeln – dann kam er angestürmt – da – auf einmal sah sie die Frau. Die –?! Mit schnellen Schritten kam Frau Schlieben aufs Schultor zu. O weh!
Mit ein paar raschen Sätzen sprang das Mädchen hinter ein Gebüsch: die holte heute selber ihren Wolfgang ab?! Ach, da mußte sie ja gehen! Und sehr betrübt schlich sie zum Bahnhof. All die Freude, in der ihr Herz geklopft hatte, war hin; aber einen Trost hatte sie doch: der Wolfgang würde sie nicht vergessen. Nein, nie! –
Wolfgang war sehr erstaunt, als er seine Mutter sah. Er brauchte doch nicht abgeholt zu werden?! Das hatte sie doch auch früher nicht selber getan?! Er war unangenehm berührt. War er denn ein kleines Kind? Die andern würden ihn auslachen! Ein Unmut brannte in ihm, aber der Mutter Güte entwaffnete ihn.
Sie war heute besonders weich und sehr gesprächig. Sie fragte ihn nach all dem, was sie heute in der Schule gehabt hatten, schalt auch nicht, als er gestand, er habe zehn Fehler im lateinischen Extemporale gemacht, im Gegenteil, sie verhieß ihm einen Ausflug nach Schildhorn am Nachmittag. Es war ja ein so schöner, sonnenheller, fast sommerlicher Herbsttag. Ganz vergnügt schlenderte der Knabe neben ihr her, seine Bücher am langen Riemen schlenkernd. Daß Cilla heute abgehen sollte, hatte er augenblicklich ganz vergessen.
Freilich, als sie nach Hause kamen und das fremde Mädchen ihnen öffnete, machte er große Augen, und als sie zu Tisch gingen und die neue mit dem spitzen Gesicht, die aussah wie ein Fräulein, die Speisen auftrug, hielt er sich nicht länger.
»Wo ist Cilla?« fragte er.
»Die ist fort – du weißt doch,« sagte die Mutter so nebenhin.
»Fort –?!« Er wurde blaß und dann glühend rot. Also gegangen, ohne ihm Adieu zu sagen?! Er hatte auf einmal keinen Appetit mehr, obgleich er vorher solchen Hunger gehabt hatte. Jeder Bissen würgte ihn; starr sah er auf seinen Teller, wagte nicht aufzublicken, denn er fürchtete, er könnte weinen.
Die Eltern sprachen über dieses und jenes – allerlei Gleichgültiges –, und in ihm schrie es: ›Warum ist sie gegangen, ohne mir Adieu zu sagen?!‹ Das kränkte ihn zu tief. Er konnte es gar nicht fassen – sie hatte ihn doch so lieb gehabt! Wie hatte sie’s nur übers Herz bringen können, fortzugehen, ohne ihn wissen zu lassen, wo er sie finden konnte?! Es konnte nicht sein, das hatte sie nicht aus freiem Willen getan – sein Cillchen so von ihm gehen?! O nein, nein! Und gerade während er in der Schule war?!
Ein plötzliches Mißtrauen befiel ihn: an so etwas hatte er bisher gar nicht gedacht, aber nun war’s ihm auf einmal klar – oho, dumm war er denn doch nicht! – eben weil er gerade in der Schule war, hatte sie fortgemußt! Die Mutter hatte die Cilla immer nicht leiden können, die hatte auch nicht gewollt, daß Cilla ihm Adieu sagte!
Unter gesenkten Wimpern hervor schoß der Knabe böse Blicke nach seiner Mutter: das war eine Schändlichkeit von ihr!
In verhaltenem Ingrimm murmelte er: »Gesegnete Mahlzeit« und schlorrte die Treppe hinauf in sein Zimmer. Im Schublädchen fand er sofort die versteckten Heiligenbildchen – ›Gruß von Cilla‹ – da brach seine Wut aus und sein Schmerz. Er stampfte mit den Füßen und küßte die bunten Bildchen, und seine Tränen gaben lauter dunkle Flecke darauf. Dann polterte er die Treppe hinab ins Eßzimmer, wo der Vater noch am Tische saß und die Mutter am Büfett Obst und Kuchen in ihren Pompadour packte. Aha, sie hatte ja mit ihm spazieren gehen wollen! Das sollte ihm gerade einfallen!
»Wo ist die Cilla hin? Warum hast du sie mir nicht Adieu sagen lassen?!«
Die Mutter sah ihn wie erstarrt an: woher erriet der Junge ihre allergeheimsten Gedanken? Sie brachte kein Wort heraus. Aber er ließ sie auch zu gar keiner Äußerung kommen, seine noch hohe Knabenstimme überschlug sich in der Erregung und wurde dann tief und rauh: »Ja, du – o, ich weiß es ganz genau – du wolltest es nicht haben, daß sie mir Adieu sagte! Du hast sie fortgeschickt, damit ich sie nicht mehr sehen sollte – du, du! Das ist schändlich von dir – das ist – das ist gemein!« Er ging gegen sie an.
Langsam wich sie zurück – seine Hände hoben sich, wollte er sie schlagen?!
»Bengel!« Des Vaters Faust packte ihn im Genick. »Was unterstehst du dich? Die Hand gegen deine Mutter zu heben?! Du – du!« Der empörte Mann rüttelte den Knaben, dem die Zähne zusammenschlugen, und schüttelte ihn wieder und wieder. »Du – du Rüpel, du Nichtsnutz!«
»Sie hat sie mir nicht Adieu sagen lassen,« schrie der Knabe dagegen, »sie hat sie weggeschickt, weil – weil –«
»Du willst dich noch erdreisten, ein Wort zu –«
»Doch! Warum hat sie die Cilla mir nicht Adieu sagen lassen, die hat ihr gar nichts getan, die hab ich lieb gehabt, aber darum, gerade darum –«
»Schweig!« Ein heftiger Schlag traf des Knaben Lippen. Schlieben kannte sich selber nicht mehr; seine Ruhe hatte ihn verlassen, des Knaben Widersetzlichkeit jagte ihn in die Hitze. Wie der sich gegen seine haltende Hand sträubte, ihm mit dreisten Augen ins Gesicht sah! Wie der es wagte, die Stimme gegen ihn zu erheben! »Du« – er schüttelte ihn – »also so frech?! So undankbar?! Was wäre aus dir geworden – im Elend wärst du verkommen – ja – sie hat dich erst zum Menschen gemacht – dich aufgelesen aus dem –«
»Paul!« Der Schrei seiner Frau unterbrach Schlieben. Wie eine Sinnlose fiel ihm Käte in den Arm: »Nein, nein, laß ihn! Du sollst nicht, – nein!« Sie hielt ihm den Mund zu. Und als er sie im Ärger von sich schob und den Knaben wieder fester packte, entriß sie diesen ihm und drückte wie schützend seinen Kopf in ihr Kleid. Sie hielt seine Ohren zu. Und angstvoll, die überweit geöffneten Augen im tief erbleichten Gesicht nach ihrem Manne kehrend, flehte sie: »Kein Wort! Ich bitte, ich bitte dich!«
Sein Zorn war noch nicht verraucht. Wahrhaftig, Käte mußte nicht ganz bei sich sein! Was entzog sie denn den Knaben der wohlverdienten Züchtigung?! Mit hartem: »Aber Käte – kein Pardon!« ging er von neuem auf den Knaben zu.
Da flüchtete sie diesen zur Tür hinaus, riegelte ab und stellte sich vor die Tür, wie um den Ausgang zu versperren.
Nun war Wolfgang fort. Nun waren sie beide allein, sie und ihr Mann, und mit dem vorwurfsvollen Ruf: »Du hättest es ihm beinah verraten,« wankte sie nach dem Sofa. Sie fiel mehr hin, als daß sie sich setzte, und brach in fassungsloses Weinen aus.
Mit großen Schritten ging Schlieben im Zimmer auf und ab. In der Tat, da hätte er sich von seiner Empörung beinahe hinreißen lassen! Aber wäre es denn ein Unglück gewesen, wenn er dem Jungen ein Licht aufgesteckt hätte?! Mochte der nur wissen, woher er stammte, und daß er nichts, eigentlich gar nichts hier zu suchen hatte! Daß er alles aus Gnade empfing! Es war durchaus nicht nötig, eher nachteilig als wünschenswert, ihm das zu verheimlichen. Aber wenn sie es denn durchaus nicht haben wollte!
Er unterbrach sein Hin- und Hergehen, blieb vor der in der Sofaecke Weinenden stehen und sah auf sie nieder. Sie tat ihm so unendlich leid. Das hatte sie nun für all ihre Güte, ihre Selbstlosigkeit, für all ihre Aufopferung! Sachte legte er ihr, ohne Wort, die Hand auf den tiefgesenkten Scheitel.
Da richtete sie sich jäh auf und haschte nach seiner Hand: »Und tu ihm nichts, ich bitte dich! Schlage ihn nicht! Ich bin schuld – er hat’s erraten. Ich konnte sie nicht leiden, ich habe ihr gekündigt, und dann habe ich sie heimlich fortgeschickt – nur, weil er sie lieb hatte, gerade darum! Ich fürchtete sie. Paul, Paul« – sie rang reuevoll die Hände – »o, Paul, ich schäme mich vor dem Kinde, ich schäme mich vor mir selber!« – –
Wolfgang hockte oben in seiner Stube und hielt die Heiligenbildchen in der Hand. Die waren nun sein köstlichster, sein einziger Besitz; ein teures Andenken. Wo sie jetzt wohl sein mochte? Noch hier im Grunewald? Schon in Berlin? Oder noch viel weiter? Ach, wie er sich nach ihr sehnte! Ihr freundliches, ihm heimlich-zulächelndes Gesicht fehlte ihm, und dies Vermissen steigerte sich bis zur Unerträglichkeit. Hier war ja keiner, der ihn so lieb hatte, wie sie ihn lieb gehabt – den er so lieb hatte, wie er sie lieb gehabt hatte!
Nun Cilla fort war, vergaß er, daß er sie doch auch oft ausgelacht und gehänselt, sich auch jungenhaft mit ihr gezankt hatte. Nun wuchs seine Sehnsucht ins Unbegrenzte, und ihre Gestalt wuchs mit. Wurde so groß und stark, so übermächtig, daß sie ihm den Blick benahm auf alles andre, was noch um ihn war. Er warf sich auf den Teppich und krallte die Hände hinein; so mußte er sich halten, sonst hätte er alles um sich zerschlagen, alles, kurz und klein.
Das war der Tritt des Vaters auf der Treppe! Es rüttelte an seiner Tür. Mochte er rütteln! Wolfgang hatte sich eingeschlossen.
»Mache sofort auf!«
Aha, nun gab’s Prügel! Hastig wischte sich Wolfgang die Tränen ab, biß die Zähne zusammen und kniff die Lippen aufeinander.
»Nun, wird’s bald?!« Immer stärker wurde das Rütteln.
Da ging er und schloß auf. Der Vater trat ein; nicht mit dem Stock, den der Knabe in seiner Hand vermutet hatte, aber mit Zorn und Kummer auf der Stirn.
»Komm sofort herunter! Du hast deine arme, gute – nur zu gute Mutter tief gekränkt. Komm jetzt zu ihr und bitte ab. Zeige ihr, daß dir’s leid tut – hörst du?! Komm!«
Der Knabe rührte sich nicht. Mit einem namenlos unglücklichen, zugleich aber auch verbissenen Ausdruck starrte er, am Vater vorbei, ins Leere.
»Du sollst kommen – hörst du nicht? Deine Mutter wartet!«
»Ich komm nicht!« Wolfgang murmelte es; kaum daß er die Zähne voneinander brachte.
»Was –?!« Sprachlos, ganz benommen von so viel Frechheit, starrte der Mann den Knaben an.
Dieser erwiderte seinen Blick, groß und starr. Das junge Gesicht war so blaß, daß die dunklen Augen noch dunkler erschienen; abgrundschwarz.
›Böse Augen,‹ sagte sich Schlieben. Und von einem alten, längst vergessenen, aber trotz allem und allem immer noch in der tiefsten Seele schlummernden, jetzt plötzlich lebendig gewordenen Argwohn jäh übermannt, faßte er den Knaben vorn bei der Brust und hielt ihn so mächtig, daß es keinen Widerstand mehr gab.
»Bengel! Bursche! Hast du denn gar kein Herz? Sie, die dir so viel Gutes getan hat, sie, sie wartet auf dich – und du, du willst nicht?! Auf die Kniee, sag ich! Voran – bitte ab! Sofort!« Und er faßte den keine Regung Zeigenden nun im Genick anstatt bei der Brust, und stieß ihn vor sich her, die Treppe hinunter, hinein ins Zimmer, wo Käte saß, versunken in ihren Kummer, die Augen rotgeweint.
»Hier kommt einer, der abbitten will,« sagte Schlieben und stieß ihr den Knaben vor die Füße.
Wolfgang hatte schreien wollen: ›nein, ich bitte nicht ab, nun erst recht nicht!‹ – da tat sie ihm auf einmal so leid. Ach, die war ja ebenso unglücklich wie er – sie paßten nun einmal nicht zueinander! Das war wie eine plötzliche Erkenntnis, die seinen Blick vertiefte, sein Kindergesicht so verschärfte in allen Linien, daß es alt wurde über seine Jahre.
Aufschluchzend stieß er heraus: »Verzeih!« Er hörte es selber nicht, wieviel Qual in seinem Ton lag, er fühlte auch kaum, daß ihre Arme ihn emporzogen, daß er für Augenblicke an ihrer Brust lag und sie ihm die Haare aus der glühenden Stirn strich. Er war wie halb bewußtlos; nur eine große Leere fühlte er und eine unklare Trostlosigkeit.
Wie im Traum hörte er den Vater sprechen: »So ist’s recht! So, nun geh und arbeite! Und bessere dich!« Und der Mutter sanfte Stimme: »Ja, er wird schon!« Wie ein Nachtwandelnder ging er die Treppe hinauf. Er sollte jetzt arbeiten – wozu, warum?! Es war ja alles so gleichgültig. Gleichgültig war es, ob die hier ihn lobten oder tadelten – was ging ihn alles hier an?! Er mochte hier überhaupt nicht mehr sein, nicht länger mehr bleiben – nein, nein! Wie im Abscheu schüttelte er sich.
Lange stand er dann auf einem Fleck, ins Leere stierend. Und vor seinen starrenden Blicken erstand allmählich eine große, eine unermeßliche Weite – Kornfelder und Heide, rote blühende Heide, in der die Sonne versinkt, stille Wasser, an denen ein einsamer Vogel lockt und über all dem feierlich-schönes Glockengeläut. Da mußte er hin! Verlangend streckte er die Arme aus, seine verweinten Augen glänzten auf.
Wenn sie ihn hier hielten, festhielten – nein, sie konnten ihn nicht halten! Dahin mußte er!
Wie gezogen näherte er sich dem Fenster. Tief war’s da hinunter, zu tief für einen Sprung, aber er würde doch hinabkommen. Über die Treppe ging es freilich nicht, da würden sie ihn hören, aber so – ja, so!
Sich auf das äußere Gesims des Fensters knieend, streckte er tastend die Füße nach der Wasserrinne aus, die, zur Seite des Fensters, die ganze Wand des Hauses hinablief. Ha, er fühlte sie! Da rutschte er vom Sims herab, hing nur noch mit den Fingerspitzen daran, baumelte für ein paar Momente in freier Luft, hatte dann die Wasserrinne zwischen den Knieen, ließ die Finger vollends vom Sims, umklammerte das Blechrohr und fuhr daran hinab, rasch und lautlos.
Scheu sah er sich um: es hatte ihn niemand gesehen! Niemand war auf der Straße, fern wanderten nur ein paar Spaziergänger. Geduckt schlich er unter den Parterrefenstern her – nun war er im Garten hinter den Bosketts – nun über den Zaun – seine Hose schlitzte, das machte nichts – nun sah er mit einem Gefühl wilden Triumphes nach dem Hause zurück. Er stand drüben auf dem öden Feld, das noch immer unbebaut lag; stand, gedeckt von einem wilden Holunderbusch, dessen ersten Sprößling er vor Jahren, als Kind, hier eingesenkt hatte. Keine Empfindung des Bedauerns regte sich in ihm. Flüchtig wie ein Wild, das Schüsse hört, jagte er davon, dem deckenden Walde zu.
Er rannte und rannte, lief noch, als längst kein Laufen mehr not tat. Erst eine völlige Erschöpfung zwang ihn, innezuhalten. Er war immer quer durchgelaufen, ohne jeglichen Weg; nun wußte er nicht mehr, wo er war. So viel war sicher, er war schon weit fort; so weit war er auf seinen Räuberzügen mit den Spielgefährten nicht gekommen, so tief in den Wald hinein nicht, auch nie auf Spaziergängen so gänzlich ins Pfadlose, ins ganz Einsame. Hier konnte er ruhig eine Weile rasten.
Er warf sich auf den Boden, dessen Sand nur feinfädiges Gras und in kleinen Senkungen einige Bestände von Adlerfarrn wies. Um ihn reckten sich stille Bäume wie schlanke Säulen, die den Himmel zu tragen schienen.
Hier lag er eine Weile auf dem Rücken und ließ das Blut ausrasen, das ihm wie toll durch die Adern schoß. Er glaubte das unerklärlich heftige Pochen seines Herzens laut zu hören – o, wie unangenehm es ihm da in der Brust hämmerte und stach, so hatte er noch nie sein Herz gespürt! Freilich, so war er auch noch nie gelaufen, wenigstens seit der Krankheit nicht. Er mußte nach Luft ringen, er glaubte zu ersticken. Endlich konnte er wieder bequemer atmen; jetzt brauchte er nicht mehr die Nasenflügel zu blähen und mit offenem Munde zu schnappen. Jetzt genoß er ein Wohlbehagen, das allmählich über ihn kam.
Es war noch nicht dämmerig, als er wieder weiterging, aber doch schon begann der Spätnachmittag zu zeigen, daß es Oktober war. Der Sonnenschein, der durch die roten Kiefernäste fiel, hatte etwas unendlich Mildverklärtes, eine süße Sanftheit, die auch den wilden Durchgänger sänftigte. Er ging in einem Traum – wohin? Das wußte er nicht, daran dachte er auch nicht, er ging eben, ging. Ging einer Sehnsucht nach, die ihn unwiderstehlich zog, die wie eine ihr Nest suchende Taube vor ihm herflatterte, girrte und lockte. Und die Taubenschwingen waren stärker denn Adlerfittiche.
Wo die Sehnsucht flog, da waren keine Menschen. Da war es so friedlich-still. Nicht einmal der Fuß, der in Moos und kurzem Gras versank, machte ein Geräusch. Dünnen Kerzen gleich, die oben brannten, so standen die Kiefern in sonnigen Abendgluten. Kein herbstliches Blatt, in dem ein Wind hätte rascheln können, lag am Boden; über die glatten Nadeln und die farblosen Zäpfchen, die von den Kronen herabgesunken waren, strich die Luft hin ohne Laut.
Daß es so schön hier war! Mit einem staunenden Entzücken sah Wolfgang sich um. So schön hatte es ihn früher doch nie gedeucht! Freilich, da wo die Villen stehen und die Wege führen, da war’s auch nicht so wie hier! Sein Blick glitt bald nach rechts, bald nach links, und mit Neugier voraus in den Dämmer des Waldes. Da, wo das letzte Sonnengold nicht wie rotes Blut an den rissigen Borken klebte, da, wo das Licht nicht mehr hin traf, war ein weiches, geheimnisvolles Dunkeln, in dem die moosigen Stämme mit ihrem tiefen Grün trotzdem leuchteten. Und ein Duften war hier, so feucht-kühl, herb und frisch, daß die Brust wie befreit aufatmete und eine neue Kraft durch die Glieder rann.
Wolfgang begann jetzt, hier in der großen Ruhe die Aufregungen des Tages zu empfinden. Er faßte sich nach der heißen Stirn – ah, jetzt merkte er, daß er nicht einmal eine Mütze hatte! Aber was machte das? Er war frei, frei! Mit einem Jauchzen schoß er dahin, und dann erschrak er über die eigne laute Stimme: st, still! Nur nicht wieder eingesperrt werden, frei sein, frei!
Nun fühlte er keine Sehnsucht mehr. Eine große Wonne durchrann ihn, eine schrankenlose Seligkeit. Die Augen strahlten ihm – er riß sie weit auf – er konnte gar nicht genug die Welt bestaunen, als sehe er sie heut zum ersten Mal. Er rannte gegen die himmeltragenden Stämme und umfing sie mit beiden Armen; er drückte sein Gesicht an die harzige Rinde. War diese Rinde nicht weich, schmiegte sie sich nicht an seine glühende Wange wie eine schmeichelnde Hand?!
Er warf sich aufs Moos und reckte sich lang und rekelte sich in höchstem Behagen und sprang dann wieder auf – es litt ihn doch nicht – er mußte sehen, genießen, seine Freiheit genießen.
Nur ein einziger roter Streif über dem blauenden Wald verriet noch, wo die Sonne gestanden hatte, als er sich erst bewußt wurde, wo er eigentlich war. Hier führte die ehemalige Heerstraße von Spandau nach Potsdam; rostbraune und gelbe Kastanien zogen eine Allee durch ödes Land. In selten mehr befahrenen Wegrinnen lag der Sand fußhoch. Aha, hier kam man also nach Potsdam oder nach Spandau, je nachdem! Jedenfalls zu Häusern und zu Menschen – o weh, hörte man da nicht schon Hahnenkrähen und ein Rattern wie von langsamen Rädern?!
Kurz entschlossen bog der Knabe links ab von der alten Fahrstraße, kroch durch einen verbogenen Stacheldrahtzaun, der ein Stück Rodung, das neu angeschont war, schützen sollte, sprang wie ein Hirsch in weiten Sätzen über die kaum handhohen Pflänzlinge dahin und suchte eine Deckung.
Er brauchte keine, hierher kam kein Mensch. Langsamer ging er zwischen den kleinen Bäumchen; er hütete sich wohl, sie zu treten, bückte sich und besah sie, schritt sie ab wie ein Ackerer seine Furchen.
Und auf einmal war es Abend. Über die Erde waren Nebel gekrochen, leicht und klein, waren dann aufgestanden und größer geworden, waren hingehuscht über die Rodung im sich erhebenden Nachtwind und hatten sich dort den einzelnen, stehengebliebenen Knorren wie der Gespenster winkende Schleier angehängt.
Aber Wolfgang fürchtete sich nicht; er empfand kein Grauen. Was konnte ihm hier geschehen, hier, wohin nur ab und zu der ferne Pfiff einer Eisenbahn tönte und der Wind ein wenig Rauch, der Lokomotive entrissen, wie ein leichtes, rasch sich lösendes Wölkchen trug?!
Als wäre man in der Prärie, in den Steppen, dachte sich der Junge, da, wo keine Hütten mehr sind, nur Lagerfeuer ihr bißchen Rauch zum Zeichen senden. In die Seligkeit seiner Freiheit mischte sich eine gewisse Abenteurerlust. Das hatte er sich immer einmal gewünscht, im Freien zu kampieren. Ein Feuer würde er freilich nicht anzünden können und daran kochen; er hatte nichts dazu. Aber Hunger empfand er auch nicht, nur jetzt das einzige Bedürfnis, recht tief und lange zu schlafen.
Ohne Bedenken streckte er sich hin; der Boden war schon kühl, aber sein Anzug war dick und ließ die Kälte nicht durch. Den Kopf ein wenig erhöht bettend, reckte er das Gesicht gegen den Nachthimmel. An dem zogen milde Sterne auf und lächelten zu ihm nieder.
Er hatte geglaubt, gleich einzuschlafen, überwältigt von Müdigkeit, aber nun lag er doch noch lange mit offenen Augen. Ein unerklärliches Empfinden hielt ihn wach: dies war zu schön, zu schön, dies war ja schon ein herrlicher Traum! Goldene Augen behüteten ihn, ein samtiger Mantel hüllte ihn ein, eine Mutter wiegte ihn weich.
Fort waren Sehnsucht, Trotz, Schmerz, Wut, alles, was weh tat. Nur ein Glück war geblieben im unendlichen Frieden.
5
Frida Lämke war nun eingesegnet, sie trug den Rock fast bis zur Erde, und als sie Wolfgang Schlieben nach langer Zeit wieder zum ersten Mal begegnete, war ihr Gruß nicht mehr das vertraulich-bekannte Nicken der Kindheit. Aber sie blieb bei dem früheren Spielgefährten stehen.
»Na, Wolfgang,« sagte sie lachend und zugleich ein bißchen von oben herab – sie kam sich so unendlich überlegen vor –, »na, was machste denn?«
»Gut!« Er setzte eine unternehmende Miene auf, die nicht ganz zu dem Blick seiner Augen paßte.
Sie musterte ihn: war der Wolfgang ein Kerl geworden! Aber er hielt sich so schlecht, so vornüber! »Halt dir doch jrade,« ermahnte sie und reckte ihre eigne binsengleiche Schlankheit. »Warum machste denn so ’n Buckel?! Und mit den Augen blinkerste, als wärste kurzsichtig. Na, warte man, du solltest mal bei meine Prinzipalin kommen – au weih, die würde dir schön zurechtstutzen!« Sie kicherte in sich hinein, ihre ganze schmale Figur schüttelte sich vor heimlicher Lachlust.
»Du bist so vergnügt,« sagte er langsam.
»Na, warum denn nich? Meinste, so’n oller Drache kann mir die Laune verderben? Na, so dumm! Wenn sie schimpft, duck ich mir, ich sage kein Wort, aber innerlich amüsiere ich mir! Haha!« Ihre helle Stimme klang unendlich heiter.
Wie hübsch sie war! Des Knaben dunkle Augen hefteten sich auf Frida Lämke, als hätte er sie noch nie gesehn. Auf ihrem blonden Haar, das sie nicht mehr in einem langen Zopf trug, sondern im Nacken in einem dicken Knoten, schimmerte die Sonne. Ihr Gesicht war so rund, so blühend!
»Du kommst nie mehr zu mir,« sagte er.
»Wie kann ich denn?!« Die Achsel zuckend, tat sie wichtig. »Was meinste wohl, was ich zu tun habe! Morgens schon vor achte ’rein mit die Stadtbahn, un denn nur zwei Stunden Tischzeit – immer ’rein, ’raus – un abends bin ich meist nie vor zehne zu Hause, oft auch noch später. Dann bin ich so müde, dann schlafe ich wie ’ne Ratze. Aber Sonntags, dann läßt mir die Mutter mal ausschlafen, und nachmittags jehe ich mit Arturn und Flebbe los, wir –«
»Wo geht ihr hin?« fragte er hastig. »Ich kann ja auch mal mitgehn!«
»Och du!« Sie lachte ihn aus. »Du darfst ja nich!«
»Nein!« Tief senkte er den Kopf.
»Na, sei man nich traurig,« ermunterte sie und fuhr ihm mit dem Zeigefinger, an dem der schäbige Glacéhandschuh an der Spitze aufgesprungen war, ums Kinn. »Dafor biste ja auch Schüler vons Gymnasium. Artur kommt nächsten Herbst auch in de Lehre. Mutter denkt, bei’n Friseur. Un Flebbe, der lernt ja schon Matrealist – sein Vater hat’s ja dazu – wer weiß, der kriegt an’n Ende noch mal ’n eijnes Jeschäft!«
»Ja,« sagte Wolfgang eintönig in ihr Plaudern hinein. Wie verloren stand er auf der Straße, seine Bücher unter den Arm gepreßt. Ach, wie weit, weit war die hier, waren die alle drei nun auf einmal von ihm gerückt! Die, mit denen er einst täglich gespielt hatte, deren Hauptmann er stets gewesen war, die waren nun schon so groß, und er, er war noch ein dummer Schuljunge!
»Verflixt!« Mit einer heftigen Gebärde schleuderte er seinen Bücherpacken von sich, daß der Riemen, der ihn zusammenhielt, sich löste. Alle Bücher und Hefte flogen auseinander und lagen voneinander gespreizt im Staub der Straße.
»Au weh, aber Wölfchen!« Frida bückte sich ganz erschrocken und las eifrig alles zusammen.
Er half ihr nicht aufsammeln. Mit einem bösen Ausdruck starrte er vor sich hin.
»Da – da haste se wieder,« sagte das vom emsigen Bücken ganz rot gewordene Mädchen, pustete die Bücher ab und zwängte sie ihm wieder unter den Arm.
»Ich mag nicht!« Er ließ sie wieder fallen.
»Na, du bist jut! Was fällt dir denn ein – die teuern Bücher!« Sie konnte sich ordentlich über ihn ärgern. »Weißte denn nich, daß die Jeld kosten?!«
»P–!« Er machte eine Handbewegung, wie: was macht das?! »Dann werden eben neue gekauft!«
»Wenn dein Vater auch Jeld genug hat,« ereiferte sie sich, »das ’s doch nicht recht von dir, so mit die juten Sachen umzujehn!«
Er sagte kein Wort hierauf, aber er hob nun die Bücher auf und schnallte sie wieder in den Riemen. Verlegen standen sie beide zusammen. Sie sah ihn verstohlen von der Seite an: hatte der sich aber verändert! Und er ärgerte sich über seine Heftigkeit: was sollte sie nun wohl von ihm denken?!
»Ich muß nu jehn,« sagte sie plötzlich, »sonst krieg ich nich mal mehr mein Mittagessen jejessen – au, hab ich ’n Hunger!« Sie legte die Hand auf den Magen: »Das wird schmecken! Mutter hat heute Pellkartoffeln un Hering!«
»Ich gehe mit!« Seinen Schritt dem ihrigen anpassend, trabte er neben der eilig Trippelnden her.
Sie war ganz rot geworden: was würde die Mutter sagen, wenn sie Wolfgang mitbrachte?! Nein, das ging wirklich nicht an, es war ja heute, gerade heute bei ihnen nicht aufgeräumt! Und gelogen hatte sie auch: es gab ja gar nicht Hering, nur Zwiebelsauce zu den Pellkartoffeln!
Sie genierte sich vor Wolfgang. »Nee, jeh du man nach Hause,« sagte sie und verschanzte sich hinter einem Schmollen, »biste so lange nich bei uns jewesen, brauchste auch heute nich. Ich bin dir böse!«
»Mir böse – mir?! Was hab ich denn getan? Ich sollte doch nicht zu euch kommen, ich durfte doch nicht – dafür kann ich doch nicht! Frida!«
Sie fing an zu rennen, blutrot im Gesicht; er rannte neben ihr her. »Frida! Frida, mir, mir kannst du doch nicht böse sein?! Och, Frida, sei doch nicht so! Frida, laß mich doch mitgehen! Nun bin ich dir endlich mal begegnet, und nun bist du so?!«
Es lag Trauer in seiner Stimme. Sie fühlte die wohl heraus, aber zugleich ärgerte sie sich: was brauchte er sich ihr so anzukleben! Flebbe würde das auch gar nicht recht sein! Und so sagte sie schnippisch: »Wir passen ja doch nich zusammen. Jeh du nur mit deinen Fräuleins. Zu denen jehörste nu mal!«
»Sag das noch mal – untersteh dich!« Grob schrie er’s und hob die Hand, als wollte er ihr einen Schlag geben. »Dumme Zieraffen, was gehen die mich an?!«
Er hatte recht – das mußte sie ihm innerlich zugestehen – nie hatte er sich an einen der Backfische herangemacht, die hier rund herum in den Villen wohnten. Sie wußte es wohl, daß er sie allen vorzog, und fühlte sich geschmeichelt in ihrer Eitelkeit; besänftigend sagte sie, aber zugleich ausweichend: »Nee, Wölfchen, du kannst aber doch nich mehr mit mir jehen, es paßt sich doch nu mal nich mehr!« Und sie bot ihm die Hand: »Adieu, Wolfgang!«
Sie waren gerade zwischen dem Buschwerk eines kleinen Schmuckplatzes mit Bänken, an dem die Villen, hinter Vorgärten ganz versteckt, weit zurücklagen. Kein Mensch war in Sicht im stillen Mittagssonnenglanz. Aber wären auch Leute gekommen, es hätte ihn nicht abgehalten; mit beiden Armen packte er sie wie in einer Art von Wut: »Ich gehe mit – ich laß dich nicht!«
Unsanft wehrte sie sich: was fiel dem dummen Jungen ein?! Der war wohl verrückt?! »Laß mich doch,« fauchte sie wie eine kleine Katze, »läßte mich jleich los?! Au! Warte man, ich sage es Flebben, der soll dir auf ’n Kopp kommen! Laß mich doch in Ruhe!«
Er ließ sie nicht los. Ohne Wort hielt er sie umklammert, seine Bücher lagen wieder im Staub.
Wollte er sie küssen oder schlagen?! Sie wußte es nicht; aber sie hatte Angst vor ihm und wehrte sich wie sie konnte. »Du Durchbrenner,« zischte sie ihn an, »na, du bist ’n Schöner! Rennt fort von Hause, verkriecht sich im Walde! Aber sie haben dir ja doch jekriegt – ätsch!«
Er hatte sie plötzlich losgelassen; sie stand vor ihm und höhnte ihn aus. Nun hätte sie gut fortlaufen können, aber nun reizte es sie, stehen zu bleiben und ihn herunterzumachen: »Durchbrenner! Auskneifer!«
Er war sehr rot geworden, den Kopf hielt er tief gesenkt.
»Wie konntste das bloß machen?« fuhr sie fort mit einer gewissen Grausamkeit. »Na, so dumm! Alle haben se dir ausjelacht! Wir wollten ’t absolut erst jar nich jlauben. Nee, ich sage, rennt der Bengel weg, ohne Jeld, ohne Mütze, ohne ’n Stück Brot in der Tasche! Du wollt’st wohl so nach Amerika, was?!« Sie musterte ihn von Kopf bis zu Füßen, und dann warf sie ihren Oberkörper ein wenig hintenüber und lachte laut: »Na, so was!«
Er hob den Kopf nicht, murmelte nur vor sich hin: »Lachen sollst du nicht drüber – nein, lachen nicht!«
»Na, was denn? Vielleicht weinen? Was jeht’s mich an! Deine Mutter hat jenug drüber jeweint, un dein Vater ist ’rumgerannt wie ’n Verrückter. Die janzen Beamten vons Revier waren auf ’n Beinen. Sag mal, du hast wohl ordentlich Dresche jekriegt, als sie dir nach Hause brachten am Schlafittchen?!«
»Nein!« Er hob plötzlich den Kopf und sah ihr starr in die ein wenig boshaft funkelnden Augen.
Es war etwas in diesem Blick – ein stummer Vorwurf – das zwang sie, ihre Lider zu senken.
»Geschlagen haben sie mich nicht – das hätte ich mir auch nicht gefallen lassen – nein, geschlagen nicht!«
»Eingesperrt?« fragte sie neugierig.
Er gab ihr keine Antwort; was sollte er sagen?! Nein, eingesperrt hatten sie ihn nicht, er durfte frei umhergehen in Haus und Garten, auf der Straße, in der Schule – und doch, er war doch nicht frei!
Tränen schossen ihm plötzlich in die Augen; stammelnd und stockend brachte er’s heraus: »Du – du solltest – mich – nicht – nicht höhnen – Frida! Ich bin so – so –«
Er wollte sagen ›unglücklich‹; aber das Wort kam ihm zu klein vor und auch wieder zu groß. Und er schämte sich, es laut auszusprechen. So stand er stumm, wie mit Blut übergossen; und nur Tränen, die er nicht mehr zurückhalten konnte, rollten über sein Gesicht und fielen in den Staub der Straße.
Es waren Tränen des Schmerzes und der Wut. Über ein halbes Jahr war’s nun schon her – ach, schon länger – aber es drückte ihn doch noch, als wäre es gestern gewesen. Keinen Augenblick noch hatte er’s vergessen, daß sie ihn eingefangen hatten mit solcher Leichtigkeit. So bald hatten sie ihn gefunden! Beim Morgengrauen schon, noch ehe die Sonne eines neuen Tages aufgegangen war. Und eingebracht hatten sie ihn im Triumph. Was ihm eine große Tat gewesen war, ein Heldenstück, das war ihnen ein Dummerjungenstreich. Die Mutter hatte wohl viel geweint, aber der Vater hatte ihn nur am Ohrläppchen gezogen: ›Einmal und nicht wieder, mein Sohn, das merke dir!‹
Wolfgang weinte still, aber heftig. Frida stand vor ihm und sah ihn weinen, und plötzlich schoß es auch ihr naß in die Augen – sie war doch immer seine gute Freundin gewesen. Nun weinte sie mit.
»Wölfchen,« schluchzte sie, »weine man nich! Es is ja nich so schlimm! Die Leute wissen schon nischt mehr davon – so was verjißt sich! Zu schämen brauchste dir noch lange nich – warum denn? Daß de denen bei dir zu Hause mal en bißchen bange jemacht hast, schad’t jar nischt! Nu sagste einfach, wenn se dir nich zu uns lassen: ›denn renne ich wieder weg!‹ Komm man nächsten Sonntag nachmittag, denn jehe ich nich mit Artur un Flebbe – nee, denn warte ich auf dich!«
Mit der einen Hand wischte sie sich die Tränen ab, mit der andern ihm.
So standen sie im hellen Sonnenglanz, inmitten von blühenden Büschen. Flieder duftete; ein Rotdornbaum und ein Goldregen streuten, geschüttelt vom leisen Maiwind, ihre schönfarbigen Blütenblättchen über sie. Der dunkle und der blonde Kopf neigten sich dicht zueinander.
»Frida,« sagte er und faßte ihre Hand so fest, als klammerte er sich daran, »Frida, bist du mir denn wenigstens noch gut?!«
»Na, natürlich!« Sie nickte und ließ, noch Tränenspuren im Gesicht, gleich wieder ihr helles, frohes Lachen ertönen. »Das wäre ’ne nette Freundschaft, wenn die so rasch in die Wicken jinge! Da –!« Sie spitzte den Mund und gab ihm einen Kuß.
Er wurde sehr verlegen, sie hatte ihm ja noch nie einen Kuß gegeben.
»Da!« Sie gab ihm noch einen. »Un nu sei man auch wieder verjnügt, mein Junge! Es is ja so ’n wunderschönes Wetter!«
* *
*
»Du kommst heute spät,« sagte die Mutter, als Wolfgang, statt um eins, erst um zwei aus der Schule kam. »Du hast doch nicht etwa nachbleiben müssen?«
Ein Gefühl des Unmuts stieg in ihm auf: wie kontrollierte sie ihn doch immer! Die frohe Stimmung, in die ihn seine Freundin Frida versetzt hatte, war hin; die Fesseln drückten wieder. Aber er dachte noch viel an Frida. Am Nachmittag, beim Arbeiten, tauchte ihr Kopf mit dem dicken Haarknoten immer hinter seinem Pult auf und reckte sich über sein Buch und störte ihn; aber es war eine angenehme Störung. Schade, daß Frida so wenig Zeit mehr hatte! Wie war das doch schön gewesen, als sie noch Kinder waren! Sie war ihm immer die Liebste gewesen, mit ihr hatte er noch besser spielen können als mit den beiden Jungen, sie hatte ihn immer verstanden und immer zu ihm gehalten – ach!
Es war ihm, als müßte er jetzt den Jungen, der damals Räuberhauptmann gespielt und sich Kartoffeln in der Asche gebraten hatte, als müßte er selbst den Jungen, der einmal so krank gewesen war, daß man ihn, als er zum ersten Mal an die freie Luft sollte, im Krankenstuhl fahren mußte, als müßte er diesen Jungen so recht aus tiefster Seele beneiden. Der, der jetzt hier am Pult saß und zerstreut über seine Hefte hinweg ins Leere blinzelte, der war dieser Junge nicht mehr. Der war kein Kind mehr! Es kam Wolfgang auf einmal vor, als läge eine goldene Zeit unwiederbringlich verloren und weit hinter ihm. Als hätte er gar keine Freuden mehr vor sich. Hatte der Prediger, zu dem er jetzt in die Konfirmandenstunde ging, nicht auch gesagt: ›Ihr seid nun nicht Kinder mehr?!‹ Und hatte der Prediger nicht weiter gesprochen: ›Der Ernst des Lebens tritt nun bald an euch heran?!‹ Ach, der war schon da!
Die Stirn gerunzelt, das zerkaute Ende des Federhalters zwischen den Zähnen, saß Wolfgang unlustig vor seiner Arbeit. Er brütete. Allerlei Gedanken kamen ihm, die er früher nie gehabt hatte; Worte fielen ihm auf einmal ein, die er noch nie so überlegt hatte. Was hatten eigentlich die in der Klasse dabei, daß sie ihn oft so sonderbar fragten?! Sie fragten nach seinen Eltern – na, was war denn an denen so Merkwürdiges?! – und wechselten dabei untereinander Blicke und sahen ihn so neugierig an! Was hatte er denn Komisches an sich?! Der Lehmann war am neugierigsten – und so unverschämt! Der hatte ihn neulich so verschmitzt angeplinkt von der Seite und die Backen aufgeblasen, als müßten die platzen beim Lachen über das besonders witzige: ›Du siehst deinem Alten aber mal verflucht wenig ähnlich!‹ Sah er wirklich weder Vater noch Mutter ähnlich – keinem von beiden?!
Als Wolfgang sich heute am Abend auskleidete, stand er lange vor dem Spiegel, der über seinem Waschtisch hing, ein Licht in der Hand, und hielt es bald rechts, bald links, bald höher, bald tiefer. Heller Schein fiel auf sein Gesicht. Der Spiegel war gut, gab jeden Zug treulich wieder in seinem klaren Glas – aber da war keine, auch gar keine Ähnlichkeit zwischen dieser derben Nase und dem feinen Näschen der Mutter! Auch des Vaters Nase war ganz anders. Und keiner von den Eltern hatte eine so breite Stirn mit tief hineingewachsenem Haar, und auch nicht so fast zusammenstoßende Brauen – dunkle Augen hatte der Vater zwar, aber sahen sie diesen hier, die so schwarz waren, daß selbst das ganz nahe gehaltene Kerzenlicht sie nicht erhellen konnte, eigentlich ähnlich?!
Mit einer Miene der Ungewißheit wendete sich der Knabe endlich ab. Und doch war in dem Seufzer, den er jetzt ausstieß, etwas von leiser Befreiung. Wenn er ihnen äußerlich denn so wenig ähnlich sah, brauchte er sich dann zu wundern, daß er oft auch so ganz, ganz anders dachte und fühlte als sie?!
Merkwürdig, wie die Jungen in der Schule ein Abklatsch von zu Hause waren! Und wie die großen Kerle noch ihren Müttern am Rockzipfel hingen! Da war der Kullrich, der hatte vierzehn Tage gefehlt, weil seine Mutter gestorben war, und als er zum ersten Mal nachdem wieder in die Schule gekommen war – eine schwarze Binde um den Jackenärmel –, war die ganze Klasse wie verdreht gewesen. Sie gingen mit ihm um, als wäre er ein rohes Ei, und sprachen ganz gedämpft, und kein Mensch machte einen Witz. Und als zufällig in der Konfirmandenstunde, in die Kullrich auch ging, der Spruch vorkam: ›So euch Vater und Mutter verlassen, der Herr nimmt euch auf,‹ guckten sie alle wie auf Kommando nach ihm hin, und der Kullrich legte den Kopf auf seine Bibel und hob ihn die ganze Stunde nicht mehr auf. Nachher ging der Lehrer zu ihm hin und sprach lange mit ihm und legte ihm die Hand auf den Kopf.
Das war schon eine ganze Weile her, aber vergnügt war der Kullrich noch immer nicht. In der Pause, wenn alle auf dem Hof promenierten und Butterbrot aßen, stand er fern und aß nicht. War es denn so schwer, die Mutter zu entbehren?! –
Es war heute eine wundervolle Mondscheinnacht über den schweigenden Kiefern; lange, lange noch lag der Knabe im Fenster. Die Augen brannten ihm; wie ein Mückenschwarm, der dicht wie eine Wolke in der Luft auf und nieder wirbelt, schwirrten ihm die Gedanken. Woher kamen sie, woher nur so auf einmal?!
Er gab die heiße Stirn, die Brust, auf der das Nachthemd auseinander geglitten war, dem kühlen Atem der Mainacht preis – ah, das tat gut! Das war das Beste, das Einzige, was sänftigte, was Ruhe gab! Ha, diese freie Luft, so rein, so frisch!
Wo jetzt wohl die Cilla sein mochte?! Er hatte nie mehr von ihr gehört. Die war jetzt da, wo er auch gerne hätte sein mögen – ach, so gern! Durch die stille Nacht kam’s wie schwebender Glockenklang, und er reckte die Arme und bog sich weit und weiter zum Fenster hinaus.
In dieser Nacht träumte Wolfgang so lebhaft von Cilla, daß er, als er erwachte, glaubte, sie stehe an seinem Bett, sie sei noch gar nicht fort von ihm. Aber dann sah er, als er sich die Augen gerieben hatte, daß der Platz, auf dem sie noch eben freundlich lächelnd gestanden hatte, leer war.
Nach den Schulstunden mußte er in die Konfirmandenstunde; nächste Ostern sollte er eingesegnet werden. Er war zwar noch etwas jung, aber Schlieben hatte zu Käte gesagt: ›Er ist körperlich so sehr entwickelt. Wir können ihn doch nicht als baumstarken, wenigstens äußerlich völlig erwachsenen Menschen einsegnen lassen. Sein Alter ist übrigens auch ganz das richtige. Es ist viel besser für ihn, wenn er nicht erst zu reflektieren anfängt!‹
Ob er nicht doch schon reflektierte?! Es war Käte oft, als wiche der Junge ihr aus, wenn sie ihn über die Religionsstunden befragte. Verstand der Lehrer es nicht, seine Seele zu fesseln? Doktor Baumann galt für einen ausgezeichneten Theologen, seine Predigten wurden gestürmt, es war eine besondere Vergünstigung, sich der überreichen Zahl seiner Konfirmanden anreihen zu dürfen; alle Schüler schwärmten für ihn, Leute, die er vor zehn, fünfzehn Jahren eingesegnet hatte, sprachen noch davon wie von einem Erlebnis.
Käte machte es sich zur Aufgabe, die Predigten des beliebten Geistlichen fleißig zu besuchen. Sonst war sie eigentlich nur Weihnachten und Karfreitag zur Kirche gegangen, jetzt ging sie fast alle Sonntag, ihrem Knaben zulieb, denn er mußte jetzt gehen. Sie gingen Sonntags gemeinsam aus dem Haus, fuhren gemeinsam zur Kirche, saßen nebeneinander; aber während sie dachte: ›Wie geistvoll, wie durchdacht, welch ein Schwung, muß der ein jugendliches Gemüt nicht mit sich fortreißen?!‹ – dachte Wolfgang: ›Wär’s doch nur schon aus!‹ Er langweilte sich. Und noch nie war seine Seele hier aufgeflogen so wie beim Klingeln des Glöckchens, wie beim Heben der Monstranz, wie beim Duften des Weihrauchs vor dämmernden Altären.
Es war etwas in ihm, das trieb ihn zu jener Kirche, die er einst mit Cilla besucht hatte. Wenn er zur Konfirmandenstunde ging, mußte er da unweit vorüber; aber wenn der Weg auch weiter gewesen wäre, er hätte es doch möglich gemacht, dort einzutreten. Nur ein paar Minuten, nur wenige Sekunden hier in einem Winkel stehen, nur ein paar Atemzüge tun in dieser süßen, ahnungsvollen, einlullenden Weihrauchluft! Allzeit fand er diese Kirche offen; und wenn er dann wieder hinaustrat in das Brausen Berlins, ging er durch die Straßen mit ihrem Rennen und Fahren wie einer, der aus einer andern Welt kommt. Dann achtete er nicht auf das, was man ihm vortrug an Kirchenlehre und Kirchengeschichte – was waren ihm Doktor Martin Luther, Calvin und andere Reformatoren?! – seine Seele war gefangen, sein Denken untergegangen in einem Gefühl dumpfer Gläubigkeit.
So gingen Sommer und Winter hin. Als die Tage längten und eine milde Sonnenwärme alle winterliche Feuchte bald zu trocknen versprach, ließ Schlieben seine Villa verputzen und neu streichen. Auch sie sollte ein festliches Kleid anziehen zu des Sohnes Festtag.
Wunderhübsch guckte das weiße Haus mit den roten Dächern und den grünen Läden hinter den Kiefern hervor; es hätte fast etwas Ländliches gehabt, wären die großen Spiegelscheiben nicht gewesen und der neu angebaute Wintergarten mit seinen Palmen und blühenden Azaleen. Im Garten säte Friedrich den Rasen neu ein, und ein Gehilfe stach die Rabatten sauber ab; überall wurde gegraben und gehackt. Dreist und froh zirpten Spatzen überlaut; aber Papierschnipsel, die, an langen Bindfäden über eingesäte Rasenflächen gespannt, im klärenden Wind flatterten, scheuchten die Frechen vom willkommenen Futter. Alle Gärten erwachten; die Rosenstämmchen waren zwar noch nicht von ihren Hüllen befreit, in denen sie aussahen wie Strohpuppen, aber an den Obstbäumen zeigten sich die knospenden Triebe, und der Seidelbast prangte in seinen pfirsichfarbenen Blüten. Kinderwagen in Weiß und Himmelblau fuhren die Straße auf und nieder, das Baby drinnen guckte schon hinterm Gardinchen vor, und kleine Füßchen trippelten noch nebenher. Aus allen Türen kamen Bonnen und Kinder, die Knaben mit Reifen, die Mädchen mit dem Ball in dem gestrickten Netz. Kichernde Backfische zogen zum Tennis, und junge Herrchen, vom Tertianer an, machten ihnen die Cour.
Überall Helle und Heiterkeit. In den Kiefernwipfeln freudig-erregtes Rauschen, in den Weiden am Seerand ein Auf und Ab von quellendem Saft. Ein Zug von Staren zog über die Grunewaldkolonie, und jeder Vogel äugelte nieder und suchte sich aus, in welchem Kästchen der hohen Stangenkiefern es ihn am meisten gelüstete zu nisten.
Oben auf Wolfgangs Bett lag der neue Anzug ausgebreitet – schwarze Hose und Rock – zur Konfirmation. Nun sollte er ihn einmal anprobieren.
Es war ein eigentümliches Gefühl in Käte, ein Herzzittern dabei, als sie ihm half, den ungewohnten Anzug anlegen. Bis jetzt war er immer wie ein Junge gekleidet gewesen, in Kniehose und Matrosenbluse, nun sollte er auf einmal wie ein Herr angezogen gehn. Der festlich-schwarze, feine Anzug kleidete ihn nicht; nun sah man erst, daß er derb war. Steif stand er da, die lange Hose zwängte ihn, der Rock war ihm ebenso unbequem; er machte ein unglückliches Gesicht.
»Sieh dich doch an, sieh dich doch mal an,« sagte Käte und schob ihn vor den Spiegel.
Er sah hinein; aber er sah den Anzug nicht, er sah nur das Gesicht der Mutter, die mit ihm zu gleicher Zeit ins Glas blickte, und sah, daß da auch nicht ein einziger Zug gemeinsam war zwischen ihm und ihr.
»Wir sehen uns kein bißchen ähnlich,« murmelte er.
»Wie – was sagst du?« Sie hatte nicht verstanden.
Er antwortete nicht.
»Gefällt dir der Anzug nicht?«
»Scheußlich!« Und dann starrte er zerstreut. Was hatten sie doch heute vormittag wiederum gesagt? Sie hatten gestichelt! Lehmann und von Kesselborn, die mit ihm eingesegnet wurden. War es darum, weil ihre Väter nicht so reich waren?! Kesselborns Vater war ein verabschiedeter Offizier, jetzt Standesbeamter, aber Kesselborn war schrecklich eingebildet auf sein ›von‹; und Lehmann war Kesselborns Intimus. Aber er hatte den beiden gesagt, daß er eine silberne Uhr schon seit dem achten Jahr hätte, und daß er zur Einsegnung eine echt goldene bekäme, die er dann immer, für alle Tage tragen würde – das hatte sie schmählich geärgert!
Vor Beginn der Konfirmandenstunde war’s gewesen – sie waren schon alle versammelt –, da hatte Kesselborn auf einmal gesagt: »Der Schlieben ist ein Protz,« und sich dann direkt zu ihm gewendet: »Hab dich nur nicht so!« Und Lehmann hatte noch zugefügt, auch recht laut, daß es alle hören mußten: »Tu dich man nicht so dicke, man weiß doch, was man weiß!«
»Was weißt du?!« Er hatte dem Lehmann anspringen wollen wie ein Tiger, aber da war der Geistliche eingetreten, und sie hatten gebetet. Und als der Unterricht, von dem er fast nichts gehört hatte – er hörte immerfort das andre –, aus gewesen war, wollte er sich über Kesselborn und Lehmann hermachen, aber die saßen nahe bei der Tür und waren schon weg, ehe er aus seiner Bank herauskonnte. Er sah sie nicht mehr. Aber er sah Blicke, in denen eine gewisse Neugier und Schadenfreude lauerte – oder war’s ihm nur so?! Er war sich darüber nicht klar geworden, er hatte auch nicht weiter mehr darüber nachgedacht. Aber wie er nun das Gesicht der Mutter so dicht neben dem seinen im Spiegel erblickte, fiel ihm auf einmal alles wieder ein. Und schwer fiel’s ihm ein, plumpte wie ein Stein in sein Denken.
»Ich sehe dir gar nicht ähnlich,« sagte er noch einmal. Und dann belauerte er sie: »Dem Vater auch nicht!«
»O doch,« sagte sie hastig, »dem Vater sehr!«
»Keine Spur!«
Sie war heftig errötet, und nun sah er, daß sie jäh blaß wurde. Jetzt lachte sie, aber es war etwas Gezwungenes in ihrem Lachen. »Es gibt doch viele Kinder, die ihren Eltern wenig ähnlich sehen – das macht’s doch nicht!«
»Nein, aber –!« Er hielt auf einmal inne und sprach nicht weiter und zog die Brauen finster zusammen, wie er immer tat, wenn er angestrengt nachdachte. Und unter diesen zusammengezogenen Brauen hervor schoß er so scharfe, so mißtrauische, so prüfende Blicke in den Spiegel, daß Käte unwillkürlich zur Seite wich und ihr Kopf nicht mehr neben dem seinen im Glas zu sehen war.
Es hatte sie durchfahren mit plötzlichem Schreck: was meinte er, war’s Absicht, daß er so sprach, oder sagte er’s völlig unbefangen?! Was ahnte er – oder ahnte er nichts?! Was hatte man ihm gesagt, was wußte er?!
Ihre Hände, die sich jetzt an seinem Anzug zu schaffen machten – sie war niedergekniet und zupfte seine Beinkleider länger herunter –, waren voll nervöser Hast, zupften hier, zupften da und zitterten.
Er sah jetzt nicht mehr in den Spiegel, er sah auf die Knieende herunter mit einer Miene, die sich nicht enträtseln ließ. Für gewöhnlich war sein Gesicht nicht ausdrucksvoll und weder schön, noch häßlich, weder bedeutend, noch unbedeutend – es war ein noch ungeprägtes, glattes, unausgereiftes Knabengesicht – aber nun war etwas darin, etwas Zweifelndes, Unruhevolles, was es älter erscheinen ließ, in die Stirn Furchen zog und um den Mund Linien. Hinter dieser gekrausten Stirn schienen Gedanken zu kreisen; die derben Nasenflügel bebten leise, die Lippen preßten sich in einem Zucken aufeinander.
In dem Zimmer ward es ganz still. Die Mutter sprach kein Wort, der Sohn auch nicht. Draußen zwitscherten Vögel, man hörte jedes leiseste Piepen und das heimliche Sumsen des Frühlingswindes in den Kiefernwipfeln.
Langsam erhob sich Käte von den Knieen. Es wurde ihr schwer, aufzustehen, wie eine Lähmung fühlte sie’s in allen Gliedern. Mit der Hand nach dem nächsten Möbel tastend, half sie sich auf.
»Zieh dich nun wieder aus,« sagte sie leise.
Er war schon dabei, sichtlich erleichtert, die ungewohnte Kleidung von sich streifen zu können.
Sie hätte so gern mit ihm gesprochen, irgend etwas ganz Gleichgültiges – nur sprechen, sprechen! – aber sie fühlte eine sonderbare Scheu vor ihm. Es war ihr, als könnte er zu ihr sagen: ›Weib, was habe ich mit dir zu schaffen?!‹ Und sie verstummte vor Angst.
Nun hatte er den neuen Anzug abgelegt und stand vor ihr mit der breiten Brust, die das nicht zugeknöpfte Hemd nackt ließ, mit den stämmigen Beinen, von denen die Strümpfe herabgerutscht waren, in seiner ganzen grobknochigen, nur halb bekleideten Derbheit. Sie wendete den Blick ab – war das schon ein großer Mensch! – und gleich darauf sah sie doch wieder hin: warum soll eine Mutter sich scheuen, ihr Kind zu betrachten?! Eine Mutter –?!
Vor ihren Blicken flimmerte es. Zur Tür schreitend, drehte sie nicht mehr den Kopf nach ihm, als sie sprach: »Ich gehe jetzt herunter. Du wirst wohl auch ohne mich fertig!«
Er murmelte etwas Unverständliches. Und dann stand er noch lange, halb bekleidet, und blickte so starr ins Spiegelglas, als könnten die Pupillen seiner Augen sich nicht bewegen. –
Immer näher rückte der Tag der Konfirmation; am Palmsonntag sollte sie stattfinden. Doktor Baumann hatte den jungen Menschen die Bedeutung des Schrittes, den sie zu tun im Begriff standen, sehr lebendig vor Augen gerückt. Nun fiel doch etwas vom Strahl der Feierlichkeit in Wolfgangs Gleichgültigkeit. In den letzten Stunden war er aufmerksamer; das kahle Konfirmandenzimmer mit den wenigen Bildern an den einförmigen Wänden dünkte ihn nicht ganz so kahl mehr. War’s nur, weil er sich daran gewöhnt hatte?! Gedämpfteres Licht fiel durch die sonst so tagesnüchternen Fenster und huschte verschönernd über die langweiligen Reihen der Bänke.
Selbst Lehmann und Kesselborn waren ihm in diesem Lichte nicht ganz so unsympathisch mehr. Es wurde alles milder, versöhnlicher. Die harte Knabenseele wurde weich. Wenn der Geistliche über die Gebote sprach und besonders das eine betonte: ›Ehre Vater und Mutter,‹ dann war es Wolfgang, als hätte er seinen Eltern vieles abzubitten: besonders der Mutter.
Aber kam er dann nach Hause, wollte ihr etwas Liebes sagen – ganz unvermittelt, so einfach aus seinen Gedanken heraus – dann war es ihm doch nicht möglich, denn sie fühlte ihm seine Absicht nicht an.
Manchen Tag ging Käte ihm zur Bahn entgegen – o, wie müde mußte der arme Junge heimkehren! Das war jetzt eine zu große Hetzerei, so oft in die Stadt hinein zum Unterricht, und in der Schule gab’s vorm Semesterschluß auch doppelt große Anstrengungen! Streicheln hätte sie ihn mögen, ihn hätscheln wie vormals das kleine Wölfchen. Aber wenn sie ihn dann daherschlendern sah, gar nicht ausschauend nach ihr, ohne Ahnung, daß sie da war, ihn zu erwarten, dann bog sie wohl rasch um die nächste Ecke oder blieb still stehen hinter einem Baum und ließ ihn vorüber. Er bemerkte sie gar nicht. – – –
Es waren ihrer viele, die der beliebte Geistliche zur Einsegnung vorzubereiten hatte, zu viele; er konnte sich nicht um jeden einzelnen kümmern, aber er glaubte doch der Mutter, die in einer gewissen Unruhe ihn aufsuchte, um ihn zu fragen, wie es denn um Wolfgang stehe, versichern zu können, daß er mit ihm zufrieden sei.
»Ich weiß, ich weiß, gnädige Frau! Ihr Herr Gemahl hat es für seine Pflicht gehalten, mich aufzuklären – ich habe ja auch den katholischen Taufschein des Knaben gesehen. Aber ich glaube Sie mit gutem Gewissen versichern zu können: der junge Mensch ist ein aufrichtig überzeugter evangelischer Christ! – Wie, Sie haben noch irgendwelches Bedenken hierüber?!« Ihre zweifelnde Miene, die fragende Ängstlichkeit ihres Blickes erstaunten ihn.
Sie nickte: ja, sie hatte ein Bedenken. Merkwürdig, wie ihr das in letzter Zeit so gekommen war! Aber ein Fremder, ein andrer würde es nicht verstehen, auch dieser Mann mit den klugen Augen und dem milden Lächeln nicht. Sie hätte dies Bedenken ja auch kaum in Worten zum Ausdruck bringen können. Und weit, weit hätte sie ausholen müssen, so weit, von damals an, wo sie das Kind seiner Mutter wegnahmen, es ganz in ihre eignen Hände nahmen, das ganze Kind mit Leib und Seele!
So sagte sie nur: »Also Sie glauben – Sie glauben wirklich – o, wie ich mich freue, Herr Doktor, daß Sie glauben, wir haben recht getan?!« Erwartungsvoll sah sie ihn an – ah, sie lechzte ja nach einer Bestätigung – und er neigte den Kopf:
»So weit unser Wissen und Verstehen geht – ja!« –
In der Nacht auf Palmsonntag schlief Wolfgang nicht. Es war ihm heute in der letzten Konfirmandenstunde gesagt worden, er solle sich innerlich vorbereiten. Und er fühlte es auch, daß morgen ein wichtiger Tag sei; ein Abschnitt. Er mühte sich, über all das zu denken, was ein Konfirmand bedenken soll. Er war sehr müde und konnte das Gähnen nicht unterdrücken, aber er riß krampfhaft immer wieder die Lider auf. Doch konnte er’s nicht hindern, daß seine Gedanken sich immer wieder verwirrten; er war nicht mehr ganz klar.
Was für einen Spruch er wohl bekommen würde morgen, zum Andenken an die Konfirmation?! Sie hatten in der Schule schon oft darüber hin und her geredet, jeder hatte seinen Lieblingsspruch, auf den er hoffte. Und ob er morgen früh vor der Kirche die goldene Uhr kriegen würde?! Selbstverständlich! Hei, wie würden sich dann Kesselborn und Lehmann bosen – – die Halunken! Unter die Augen halten würde er sie ihnen: da, seht mal! Grün sollten sie werden vor Neid – was brauchten sie über ihn zu tuscheln, sich um Sachen zu kümmern, die sie gar nichts angingen?! Pah, beunruhigen konnten sie ihn ja doch nicht, nicht mal ärgern!
Und doch sah er auf einmal sein eignes Gesicht so deutlich vor sich und das Gesicht der Mutter daneben, wie im Spiegelglas. Da war auch nicht ein Zug gemeinsam – nein, nicht einer!
Es war in der Tat doch merkwürdig, daß Mutter und Sohn sich so wenig glichen! Er war jetzt hell wach und fing an zu grübeln, die Stirn in Falten gezogen, die Hände zusammengeballt. Was meinten sie bloß mit ihren Anzüglichkeiten?! Wenn er das nur wüßte! Ganz zufrieden wollte er dann sein und ganz beruhigt. Aber so, im unklaren, konnte er an gar nichts andres denken. Immer wieder kreiste sein Sinnen um den einen Punkt. Das war ein scheußliches Gefühl, das ihn jetzt plagte, eine große Unsicherheit, in der er tappte wie im Stockfinstern. Licht, Licht! Er mußte Licht bekommen – ha, er würde schon welches bekommen!
Er wälzte sich unruhig, förmlich gequält, und überlegte und grübelte, wie er es herausbringen, wo er die Wahrheit erfahren sollte. Wer würde ihm bestimmt sagen, ob er der Eltern Kind war oder ob er’s nicht war? Warum sollte er denn eigentlich nicht ihr Kind sein?! Ja, er war’s – nein, er war’s nicht! Aber warum denn nicht?! Wenn er nicht ihr richtiges Kind wäre, würde ihm das sehr leid sein? Nein, nein – aber doch, es erschreckte so!
Schweiß lief dem aufgeregten Knaben über den Körper, und doch fror ihn. Fester zog er die Decke um sich und schüttelte sich wie im Fieber. Seltsam gebärdete sich dabei sein Herz, es flatterte ihm in der Brust wie mit unruhigem Flügelschlag. Ach, wenn er doch schlafen könnte und alles vergessen! Morgen wäre dann kein Gedanke mehr daran da und alles wie sonst!
Krampfhaft preßte er die Augen zu, aber der einmal gescheuchte Schlaf kam nicht mehr wieder. Er hörte die Uhren schlagen: unten vom Eßzimmer dröhnte die alte Standuhr herauf, und die bronzene Pendüle aus dem Zimmer der Mutter rief mit silberner Stimme. Die Stille der Nacht übertrieb die Geräusche; so laut hatte er die Uhren noch nie schlagen hören.
Kam der Morgen denn noch nicht, war das Licht denn noch nicht da?! Er sehnte den Tag herbei, und doch scheute er sich vor ihm. Eine unerklärliche Angst überfiel ihn plötzlich – ei, vor was fürchtete er sich denn so?
Wenn er doch schon in der Kirche wäre – nein, hätte er das doch schon hinter sich! Ein Widerstreben war in ihm, eine plötzliche Unlust. Rasend jagte immer derselbe Gedanke durch seinen Kopf, und sein Herz jagte mit; eine Sammlung war ihm nicht möglich. Seufzend drehte er sich in seinem Bette, fühlte sich unendlich vereinsamt, verängstigt, ja verfolgt.
›Führe ich gen Himmel, so bist du da. Bettete ich mir in die Hölle, siehe, so bist du auch da. Nähme ich Flügel der Morgenröte und bliebe am äußersten Meer‹ – ach, jenem einen Gedanken entfloh er nicht, überall war der und immer, immer da! – –
Als die Frühsonne des Palmsonntags sich zwischen den noch geschlossenen Läden durchstahl, in feinen goldenen Stäbchen in die Innenräume drang, kam Käte in das Zimmer ihres Sohnes. Sie war bleich, hatte sie doch die ganze Nacht mit sich gerungen: sollte sie ihm etwas sagen, jetzt an diesem Lebensabschnitt – sollte sie ihm nichts sagen?! Es war etwas, das in ihr flüsterte: ›der Tag ist da, sag’s ihm, du bist es ihm schuldig‹ – aber als die Morgensonne schien, hieß sie die Stimme der Nacht schweigen. Warum es ihm sagen, was kümmerte es ihn? Was er nicht wußte, konnte ihn nicht grämen; doch wenn er es wüßte, dann – vielleicht, daß er dann – o Gott, nur schweigen, nur nicht ihn verlieren!
Aber es drängte sie, ihn ihre Liebe fühlen zu lassen. Als sie hineinkam auf leisen Sohlen, war sie überrascht, denn er stand schon völlig angekleidet, im neuen schwarzen Rock, in den langen Hosen, am Fenster und sah unbeweglich hinaus auf das Stück Feld, auf dem man jetzt auch anfing, eine Villa zu bauen. Das Untergeschoß war schon fertig, hoch ragte ein Balkengerüst; es wurde ein gewaltiger Kasten.
»Guten Morgen, lieber Sohn!« sagte sie.
Er hörte sie nicht.
»Du! Wolfgang!«
Da fuhr er herum und sah sie an, erschrocken und als kenne er sie nicht.
»O, du bist schon ganz fertig!« Wie Enttäuschung lag’s in ihrem Ton; sie hätte ja so gern mit Hand angelegt, ihm geholfen, gerade an diesem Tage. In ihrem Herzen war ein wunderliches Gefühl; sie hatte nie geglaubt, daß dieser Tag sie so bewegen würde: war’s denn nicht ein Tag, wie andere Tage auch, ein Festtag natürlich, aber einer von vielen?! Und nun war’s ihr doch, als wäre dieser Tag einzig und als käme nie ein ähnlicher wieder.
Sie ging auf Wolfgang zu, legte die Arme um seinen Nacken und sah ihm tief in die Augen: »Mein Kind!« Und dann lächelte sie ihn an. »Nimm meinen Glückwunsch!«
»Wozu?« Er blickte so fremd über sie hin, daß all das, was sie ihm hatte Inniges sagen wollen, ungesagt blieb. Er war doch noch ganz Kind, trotzdem er sie fast überragte, noch viel zu sehr Kind, er verstand die Bedeutung dieses Tages noch gar nicht! So begnügte sie sich damit, nur noch an seinem Anzug zu bessern, ihm hier ein Fädchen abzunehmen, dort ein Stäubchen abzublasen und ihm den Schlips zurechtzuzupfen. Und dann mußte er den Kopf bücken: sie zog ihm den Scheitel noch einmal in dem sich ungern fügenden, immer wieder die Linie störenden, straffen Haar. Und dann konnte sie doch nicht an sich halten, nahm sein rundes Gesicht zwischen ihre beiden Hände und drückte ihm einen raschen Kuß auf die Stirn.
›Warum nicht auf den Mund?‹ dachte er. ›Eine Mutter hätte ihr Kind auf den Mund geküßt!‹
Sie gingen hinunter zum Frühstück. Blumen standen auf dem Tisch; der Vater saß schon da im schwarzen Gehrock, und auf Wolfgangs Teller lag die goldene Uhr. Eine kostbare Uhr. Er besah sie kritisch: ja, die gefiel ihm! ›Zur Erinnerung an den 1. April 1901‹ stand im Innern der goldenen Schale eingraviert. Weder Kesselborn noch Lehmann würden eine solche Uhr bekommen, keiner der Konfirmationsgenossen auch nur eine annähernd so kostbare! Furchtbar schwer war die Uhr – nun müßte er eigentlich auch noch eine goldene Kette dazu haben!
Die Eltern beobachteten Wolfgang, wie er dastand, die Uhr in der Hand, und darauf niedersah – ja, er freute sich! Und das erfreute sie wiederum, besonders Käte. Sie war dafür gewesen, ihm in den Deckel der Uhr auch noch einen Spruch eingravieren zu lassen, aber Paul hatte das nicht gewollt: nur keine Sentimentalitäten! Aber es war ja auch gut so, der Junge hatte seine Freude an dem Geschenk, also war der Zweck erreicht.
»Sie schlägt auch,« erklärte sie eifrig, »mitten im Dunklen kannst du wissen, welche Stunde es ist. Sieh mal, wenn du hier – siehst du? – wenn du hier drückst!«
»Ja! Gib mal – hier?!« Er war ganz bei der Sache.
Beinahe hätten sie sich verspätet; es war Zeit zum Aufbruch. Zwischen den Eltern ging Wolfgang zur Bahn. Als sie an dem Haus vorüberkamen, in dem Lämkes Portiers waren, stand Frida in der Tür. Sie mußte sich heute früher als sonst am Sonntag herausgemacht haben; sie war schon ganz im Staat, sah allerliebst aus, lächelte und nickte. Gleich darauf steckte Mutter Lämke den Kopf aus dem niedrigen Souterrainfenster und sah dem Knaben nach.
»Da jeht er nu hin,« philosophierte sie. »Wer weeß ooch, wie sich det noch im Leben für ihn jestaltet!« Sie war ganz gerührt.
Es war ein herrliches Wetter heute, ein wirklicher Frühlingstag. Eine festliche Helle glänzte über den geschmackvollen Villen; alle Sträucher trieben, Krokus, Tulpen, Primeln blühten freudig. Selbst Berlin mit seinen grauen Häusermassen und seinem lärmenden Verkehr zeigte ein sonntägliches Gesicht. Es war so viel stiller auf den Straßen; freilich sausten die elektrischen Bahnen dahin, und Droschken fuhren und Equipagen, aber keine Lastwagen rollten, keine Bier- und Schlächterkarren. Es ging alles so viel stiller zu, wie gedämpft, wie gesänftigt. Die Straßen erschienen noch breiter als sonst, weil sie leerer waren, und die Menschen, die auf ihnen gingen, zeigten andre Gesichter als sonst.
Zur Kirche strömten die Konfirmanden; es war ihrer eine große Zahl Knaben und Mädchen. Meist fuhren die Mädchen im Wagen vor, sie waren ja alle Töchter aus guten Häusern.
Ach, all diese Jugend! Käte konnte eine leis-sehnsüchtige, fast neidvolle Regung kaum unterdrücken: wer doch auch noch so jung wäre! Aber dann ging jeder selbstische Gedanke unter in dem einen Gefühl: der Junge, der Junge, der schritt nun heraus aus der Kindheit Land! Gott sei mit ihm!
Empfindungen, von denen sie lange nichts mehr gewußt hatte, kindlich gläubige, ganz naive Empfindungen durchwogten sie; alles, was die Jahre und das Leben in der Welt so mit sich gebracht hatten, fiel von ihr ab. Heute war sie wieder jung wie die da vorm Altar, vertrauensselig, hoffnungsfroh.
Doktor Baumann machte die Einsegnung sehr mahnend-ernst; viele der jungen Kinder schluchzten nicht minder als ihre Mütter. Ein Schauer wehte durch die gefüllte Kirche, tief senkten sich die jungen dunklen und blonden Köpfe. Käte sah nach Wolfgang hin: sein Kopf war der dunkelste von allen. Aber er hielt ihn nicht gesenkt, sondern aus unsteten Augen irrte sein Blick durch die Kirche, bis hin zu jenem Fenster; dort blieb er starr haften. Was suchte er da – an was dachte er?! Sie glaubte zu bemerken, daß er nicht bei der Sache war, und das schaffte ihr Unruhe. Näher zu ihrem Mann rückend, flüsterte sie: »Siehst du ihn?!«
Er nickte und flüsterte zurück: »Freilich! Er ist größer als alle andern!« Es lag etwas von Vaterstolz in Schliebens Flüstern. Ja, heute an diesem Tage fühlte er es: wenn man auch manche Sorge hatte, die man sonst nicht gehabt hätte, manche Unbequemlichkeit und Unannehmlichkeit, manche Freude hätte man doch auch nicht kennen gelernt! Trotz allem und allem: der Junge konnte gut werden! Wie jünglinghaft seine Erscheinung war! Einen fast männlichen Zug hatte er um den Mund! Sonst war dem Vater das noch nie aufgefallen – machte wohl der schwarze Anzug die Knabengestalt so ernsthaft?!
Wolfgangs Gedanken gingen eigne Wege; nicht die hier vorgeschriebenen. Viele Empfindungen kreisten in ihm, aber keine derselben konnte er festhalten; er war sehr zerstreut. Durchs Viereck in des Kirchenfensters Scheibe sah er leere Luft, und diese belebte sich ihm mit huschenden Gestalten: Vater, Mutter, Frida, Lehrer und Kameraden. Aber alle glitten sie vorüber, keine Erscheinung blieb. Er fühlte sich plötzlich ganz allein inmitten der Menge von Menschen.
Als die Reihe an ihn kam, trat er mechanisch zum Altar, neben sich Kullrich; vor sich Lehmann und Kesselborn. Wie er diese beiden jetzt auf einmal wieder haßte! Seine Uhr, seine goldene Uhr hätte er ihnen vor die Füße werfen mögen: da, nehmt sie! Aber nehmt zurück, was ihr gesagt habt, nehmt’s zurück! Pfui, was war das für eine gräßliche Nacht gewesen – ekelhaft! Die fühlte er noch in den Gliedern; schwer waren seine Füße, und als er jetzt auf dem Polster niederkniete, das auf der Altarstufe lag, waren seine Kniee steif. Kullrich neben ihm weinte in einem fort leise. Aha, der dachte wohl an seine Mutter, die nicht mehr bei ihm war! Armer Kerl! Und plötzlich fühlte Wolfgang, daß ihm etwas Feuchtheißes in die Augen drängte.
Oben summte die Orgel leise, und in das sanfte Tönen sprach die milde Stimme des Geistlichen die Sprüche hinein, die er seinen Konfirmanden ausgesucht hatte:
»Offenbarung Johannis, Kapitel 21, Vers 4. Und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen. Und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid, noch Geschrei, noch Schmerz wird mehr sein; denn das erste ist vergangen!«
Aha, das war was für Kullrich! Der hob das tränennasse Gesicht, das so rot und heiß war, zu der Tröstung empor. Aber nun, nun – Wolfgangs Atem stockte – jetzt, jetzt kam sein Spruch! Was würde er für einen Spruch bekommen, was würde man ihm sagen?!
»Ebräer 13 Vers 14. Denn wir haben hie keine bleibende Statt, sondern die zukünftige suchen wir!«
Das – das sollte für ihn sein?! Was hieß das?!
Eine ungeheure Enttäuschung kam über Wolfgang, denn – hatte er nicht auf den Spruch geharrt wie auf eine Offenbarung?! Der Spruch, der Spruch, der sollte ein Gottesurteil sein! Der wollte sagen: was wahr war – oder was nicht wahr war. Und nun –?!
›Wir haben hier keine bleibende Statt, die zukünftige suchen wir‹ –
nun sagte der gar nichts!
In allen Hoffnungen betrogen, erhob er sich mechanisch von der Altarstufe. Er sah nicht, daß der Blick der Mutter ihn heimlich grüßte, daß auch der Vater ihm verstohlen zunickte, Freundlichkeit im Gesicht; er war ganz verstört, ganz ernüchtert, ganz benommen von dieser Enttäuschung.
Wär’s nur schon zu Ende hier! Ach, wie ermüdend war dieses lange Stillesitzen! Wolfgang war blaß und gähnte verstohlen; die durchwachte Nacht machte sich geltend, kaum daß er sich des Einschlafens enthielt. Endlich, endlich erklang das Amen, endlich, endlich brauste von der Orgel der Schlußchoral!
Strömend, wie eine nicht endenwollende Flut, ergoß sich die übergroße Menge aus der Kirche. Jedes Kind gesellte sich zu seinen Eltern; zwischen Vater und Mutter traten die Eingesegneten aus dem Portal.
Auch Wolfgang ging so, wieder wie vordem. Vor sich sah er Kullrich – nur mit seinem Vater; beide trugen noch immer den breiten Trauerflor. Da machte er sich los von den Seinen und trabte rasch hinter Kullrich her. Er hatte dem nie besonders kameradschaftlich nahegestanden, aber nun faßte er ihn bei der Hand und drückte und schüttelte sie ihm, stumm, ohne Worte, und machte dann rasch wieder kehrt.
Die impulsive Teilnahme ihres Sohnes rührte Käte tief; sie war ohnehin heute unendlich weich. Als Wolfgang wieder neben ihr schritt, sah sie ihn von der Seite an mit tiefem Gefühl: ach, er war doch gut, so gut! Und heiße Hoffnungen und Wünsche stiegen aus ihrer Seele zum Himmel empor.
Licht war der Himmel, so blau, kein Wölkchen daran.
Sie nahmen einen Wagen, um nach Hause zu fahren, denn beiden Eltern widerstrebte es, sich mit so und so viel gleichgültigen, schwatzenden Menschen in der Bahn zu drängen; sie hatten das Verlangen, mit ihrem Sohne allein zu sein. Wolfgang war schweigsam; er saß der Mutter gegenüber, ließ seine Hand, die sie auf ihren Knieen hielt, wohl in ihrer Hand, aber seine Finger erwiderten nicht den zarten, warmen Druck. Er saß so still, als sei er gar nicht zugegen.
Wieder fuhren sie am Haus vorüber, in dem Lämkes Portiers waren; beim Rollen des Wagens auf der sonnentrocknen, harten Straße sprang Frida rasch ans Fenster, lächelte und nickte wieder. Aber von Mutter Lämke war jetzt nichts zu sehn, und Wolfgang vermißte das – nun, heute nachmittag, so wie er sich losmachen konnte, würde er zu Lämkes gehen!
In der Villa warteten schon Gäste. Ein großes äußeres Fest wollte man nicht aus der Konfirmation machen, aber den guten alten Sanitätsrat, dessen Frau, und die beiden Sozien hatte man doch einladen müssen. Alles ältere Leute; Wolfgang saß zwischen ihnen, ohne viel andres zu reden als ›Ja‹ und ›Nein‹, wenn er gefragt wurde. Aber er aß und trank tüchtig; das Essen war immer gut, aber Kaviar und Kibitzeier, wie heute, gab’s doch nicht alle Tage. Immer röter wurde sein Kopf und benommener; man hatte zuletzt in Sekt auf sein Wohl getrunken, und Braumüller, der älteste Sozius, ein sehr jovialer Mann, hatte sich einen Spaß daraus gemacht, dem Gefeierten immer wieder einzuschenken.
»Na, Wolfgang, wenn Sie erst ins Geschäft eintreten! Na denn, mein Junge, prost!«
Es war schon fast fünf Uhr, als man von Tische aufstand. Die Damen setzten sich in den Salon zum Kaffee, die Herren gingen ins Rauchzimmer. Wolfgang stahl sich fort, es zog ihn mächtig zu Lämkes. Erstens wollte er die goldene Uhr zeigen, und dann wollte er auch mal fragen, was für einen Spruch Frida eigentlich bei ihrer Einsegnung bekommen hatte, und dann, dann – was wohl Mutter Lämke zu ihm sagen würde?!
›Wir haben hier keine bleibende Statt, die zukünftige suchen wir‹ – das war doch wirklich ein dummer Spruch! Und doch wollte der ihm nicht aus dem Kopfe. Wie er jetzt so langsam dahinschlenderte durch die weiche, silbrige, ahnungsvolle Frühlingsluft, grübelte er in einem fort darüber. Nein, so ganz dumm war der Spruch denn doch nicht! Nachdenklich zog er die Brauen zusammen, sah empor nach den unbewegten Wipfeln der Kiefern und dann umher – ›wir haben hier keine bleibende Stätte‹ – konnte das nicht auch bedeuten: hier ist deine Heimat nicht?! Aber wo – wo?!
Ein seltsamer Glanz kam in das dunkle Auge, ein Suchen war darin. Und dann wurde das weinrote, vom Festmahl erhitzte Gesicht blaß. Wenn es wahr wäre, was die beiden sagten?! Ach, und noch so manches andre kam ihm jetzt auf einmal in die Erinnerung: da war doch die Lisbeth gewesen, das garstige Frauenzimmer, das vor der Cilla bei ihnen gedient hatte – was hatte die Lisbeth doch immer alles geplappert, wenn sie schlechter Laune war?! ›Du hast ja gar nichts zu suchen hier‹ – ›Gnade und Barmherzigkeit‹ – allerhand so was, er brachte es jetzt nur nicht mehr recht zusammen. Schade! Damals war er eben noch zu jung und harmlos gewesen, aber jetzt – jetzt?!
»Verdammte Person!« Er ballte die Faust. Aber, ach, wenn er sie jetzt nur hier hätte! Kein Schimpfwort wollte er ihr sagen, nein, es ihr herauslocken, ganz sanft und schmeichelnd, denn wissen, wissen mußte er’s jetzt!
Ein heftiges Verlangen, eine brennende Neugier waren plötzlich in ihm erwacht, die ließen sich nun nicht mehr zurückdrängen. Etwas Wahres mußte doch daran sein, wie kämen sie sonst dazu, so zu sticheln? Und das Wahre mußte er wissen; er hatte jetzt ein Recht darauf! Seine Gestalt reckte sich. Eigenwille und Trotz gruben feste Linien um seinen Mund. Und wenn es noch so schrecklich war, wissen mußte er’s! Aber war es denn überhaupt schrecklich?! Der Zug um seine Lippen wurde milder. ›Wir haben hier keine bleibende Statt, unsre Heimat suchen wir‹ – wohlan, er würde sie suchen!
Rascher fing er an, auszuschreiten, seinen bummligen Schlendergang aufgebend. Was würde Mutter Lämke sagen?! Und wenn er sie nun fragen würde – sie meinte es ja so gut mit ihm –, wenn er sie fragen würde, wie einer gefragt wird, der schwören soll, wenn er sie fragte, ob – ja, was wollte er sie denn eigentlich fragen?!
Sein Herz klopfte. Ah, das dumme Herz! Das tat manchmal gerade so, als wäre es ein wilder Vogel, den man in ein enges Bauer eingesperrt hat!
Er war wieder ins Laufen gekommen; nun mußte er den Schritt verlangsamen. Und doch war er noch ganz außer Atem, als er die Wohnung der Lämkes betrat. Vater und Sohn waren ausgegangen; aber Mutter und Tochter saßen da, als hätten sie auf ihn gewartet.
Frida sprang auf, daß die Küchenkante, an der sie gehäkelt hatte, zu Boden flog, faßte ihn bei beiden Händen, und aus ihren blauen Augen strahlte die Bewunderung. »Nee, was biste fein, Wolfjang! Wie ’n Herr – riesig nobel!«
Er lächelte: das war mal nett von ihr!
Aber als Frau Lämke gerührt sagte: »Nee, Wolfjang, nu sage ik aber ›Sie‹ ßu Ihnen – nee, Sie sind ßu jroß! – aber ik habe Ihnen drum nich weniger jerne, weeß Jott, man is kaum ärjer uf de eijnen Jöhren« – da fühlte er eine Freude, wie er sie heute noch nicht gefühlt hatte. Sein Gesicht wurde weich in einer warmen Empfindung, und die arbeitsharte Hand, die die seine kräftig schüttelte, drückte er fest.
Dann setzte er sich zu ihnen, sie wollten erzählt haben. Er zeigte ihnen seine goldene Uhr und ließ sie repetieren; aber sonst erzählte er nicht viel, die Atmosphäre der Stube lullte ihn in ein dämmerndes Behagen, und er saß ganz still. Wieder roch es hier wie einst nach frischgebrühtem Kaffee, und der Myrtenstock am Fenster und die blasse Monatsrose mischten ihren schwächeren Duft ein. Er hatte ganz vergessen, daß er schon lange hier saß; plötzlich fiel es ihm ein mit einem jähen Schrecken: er hatte ja was zu fragen!
Mit forschenden Blicken sah er der Frau ins Gesicht. Sie sagte gerade: »Nee, wie sich deine – Ihre Mutter freuen wird, det se nu so ’n jroßen Sohn hat« – da fuhr es ihm heraus: »Bin ich denn ihr Sohn?« Und als Frau Lämke nicht antwortete, nur mit erschrockenen Augen ihn unsicher ansah, schrie er’s fast: »Bin ich denn ihr Sohn?«