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Einer Mutter Sohn

Drittes Buch (continued 2)

Reading edition

Schaudernd wollte sie rasch vorüber, und doch zog es ihren Fuß unwiderstehlich hin zu dem im Wehsand eingehegten Fleck. Sie konnte nicht anders, sie mußte stehen bleiben. Sinnend ruhte ihr Blick auf den so wenig schönen, ungepflegten Gräbern: ob sie denn Frieden gefunden hatten, die hier ruhten?! Ein paar grüne Zweige und ein paar Blümchen, die sie unterwegs gepflückt hatte, entsanken ihrer Hand. Der abendliche Wind wehte sie aufs nächste Grab; da ließ sie sie liegen. Ihr war unendlich weh ums Herz.

Paul rief: »Käte, so komm doch! Der Wagen wartet ja längst auf uns!«

Bis tief ins Innerste war sie verstimmt. Befürchtungen und Ahnungen, von denen sie niemand sagen konnte, drangen auf sie ein. Wolfgang war leichtsinnig – aber schlecht?! Nein, schlecht war er nicht – noch nicht! O Gott, nein, das wollte sie doch nicht denken, schlecht nicht! Aber wie sollte es werden? Wie enden?! Gut konnte es nicht mehr werden, nie – wie sollte es auch?! Da müßten ja Wunder geschehen, und Wunder geschehen nicht mehr zu diesen Zeiten!

Helles Lachen schreckte sie auf. Im Restaurationsgarten waren alle Tische besetzt; hier war so viel Jugend, und so viel leichter Sinn, und hier waren so viele Liebespaare. Sie waren wieder in ihren Wagen gestiegen und fuhren jetzt langsam am Restaurationsgarten vorüber und sahen so all die hellen Blusen und die bunten Blumenhüte, all den Putz des kleinen Bürgerstandes.

Horch, wieder das helle Lachen! Ein lautes Mädchenlachen, so recht frei heraus, und nun ein: ›Oho, fangt sie, kß, kß‹ – bei dem Käte wie erstarrt den Atem anhielt. Sie wurde ganz schwach, alles Blut wich ihr vom Herzen fort: das war ja Wolfgang! Ihr Wolfgang!

Da sprang er in großen Sätzen hinter einem Mädchen her, das, aufjuchzend, vor ihm über den Weg floh und jenseits hinein in den Wald lief zwischen die Stämme. Er jagte hinter ihr drein. Einen Augenblick noch sah man das helle Mädchenkleid und Wolfgangs fliegenden Schatten um die Kiefern wischen, dann erblickte man nichts mehr von ihnen. Aber er mußte sie erreicht haben, man hörte jetzt ihr gellendes Aufkreischen und sein Lachen; beides trieb Käte das Blut in die Wangen. Das klang ihr beleidigend, klang ihr gemein. Also so, so weit war er gekommen, trieb sich hier mit solchen, solchen – Personen umher?! Aha, da kamen ja noch ein paar andre nach, die gehörten auch zur Gesellschaft! Ein vierschrötiger Mensch mit rotem, pausbackigem, sehr erhitztem Gesicht lärmte mit Hallo hinter dem verschwundenen Paar drein, und ein schmächtiger Schlingel, der zuletzt kam, lachte so recht verschmitzt-spitzbübisch.

›Paul, Paul,‹ wollte Käte aufschreien, ›Paul, sieh nur, sieh!‹ Aber dann schrie sie doch nicht und rührte sich nicht. Da war ja nichts mehr zu ändern! Ganz stumm lehnte sie in ihrer Wagenecke: das hatte sie ja gewollt, sie durfte nicht klagen. Ach, hätte sie ihn doch gelassen, wo er war! Jetzt mußte sie schweigen, beide Augen zudrücken, tun, als hätte sie nichts gesehen!

Aber alles war ihr verleidet. Und als ihr Mann ihr in einer Lücke der Kiefernwipfel den schwimmenden Mond im lichtgrauen Äther wies und rechts dabei den freundlichen, ruhig leuchtenden Stern, hatte sie auf sein entzücktes: »Ist das nicht schön?« nur ein kühl-zustimmendes: »O ja!«

Das verstimmte ihn. Welche Freude hatte sie sonst an der Natur gehabt, die größte und reinste Freude, nun auch das nicht einmal mehr! Auch dieses hin?! Alles hin! Er seufzte.

Und jedes von ihnen, in eine Ecke des Wagens gelehnt, verharrte in Schweigen. Mit trüben Augen schauten sie beide in die tiefer und tiefer sinkende Dämmerung. Es wollte Abend werden, der Tag – auch ihr Tag – hatte sich geneiget. –

* *

*

Wolfgang hatte mit Frida Lämke, deren Bruder und Hans Flebbe eine längst geplante Landpartie unternommen. Frida hatte sich für den Nachmittag im Geschäft freigemacht; ausnahmsweise, und weil sie etwas unabweisbar Dringendes vorschützte, gelang es ihr, abzukommen. Nun war sie aber auch wie losgelassen, voller Übermut: ha, war das fein, ha, wollten sie sich mal amüsieren! Wolfgang hatte eine Droschke spendiert; er und Frida im Fond, die beiden andern ihnen gegenüber auf dem Rücksitz, so hatten sie eine Rundfahrt durch den grünen, grünen Wald gemacht, hatten dieses Lokal besucht und jenes, waren Karussell gefahren und Boot und hatten in der Würfelbude gewürfelt. Wolfgang war sehr galant, Frida durfte immer noch mal; eine Butterdose von blauem Glas, eine Glanzpapierdüte mit Pfeffernüssen, vor allem aber ein kleiner Piepmatz in einem winzigen Holzgitterkästchen machten sie selig. Alles das durfte Hans nun tragen, während sie auf dem Nachhauseweg, den sie von Schildhorn zu Fuß antraten, sich mit Wolfgang jagte und neckte. Der Bräutigam störte weiter nicht. Hans hatte von Anfang an darauf verzichtet, seine Frida am Arm zu führen; man hätte sie dreist für das Verhältnis des eleganten jungen Herrn halten können. Aber als sie nun ganz außer Atem, rot und zerzaust war und die Dämmerung des Abends, der hier innen zwischen den dichten Stämmen schon eher dunkelte als draußen, ihr ein kleines Gruseln und ein wonniges Sich-erschrecken einjagte, hing sie sich doch wie selbstverständlich an den Arm ihres Hans. Sie blieben ein wenig zurück.

Nun war Wolfgang allein, denn Artur rechnete er nicht, obgleich der neben ihm her über die Wurzeln stolperte und schrill pfiff. Und Wolfgang beneidete den dicken Hans, über den sie heute, seine Braut am meisten, so viel gelacht hatten; auch er hatte das Bedürfnis, jetzt ein Mädchen am Arm hängen zu haben. Das brauchte nicht einmal so niedlich wie Frida zu sein – wenn’s nur ein Mädel war! Die Dämmerung des Waldes, die so wohlig war und verschwiegen, lud förmlich ein. Und vom Boden, der so mager war, lauter Sand, stieg heute abend doch ein sattes Duften auf, ein reichliches Gewähren. Wolfgang fühlte sich lebens- und liebeshungrig, gierig nach Freude, nach Genuß. Hätte er jetzt Frida neben sich gehabt, bei beiden Armen hätte er sie gepackt, sie an sich gerissen, blitzschnell ihr den Mund mit Küssen verschlossen und sie nicht mehr losgelassen.

Er konnte nicht mehr an sich halten, er mußte wenigstens Artur packen und mit ihm dahinwalzen durch den sandigen Waldboden, daß dem aufgeschossenen Jungen, der heute schon zu so und soviel Kunden gelaufen war, um sie zu rasieren, Hören und Sehen verging. Die übrigen Spaziergänger blieben stehen: das war ihnen nichts Neues auf Landpartieen, wenn’s nicht größeren Unfug gab! Sie amüsierten sich, und als Wolfgang zum Schluß den Partner mit einem lauten Juchhe in die Höhe hob und ihn ein paar Mal um sich herumschwenkte, klatschten sie Beifall.

Wolfgang war nun doch sehr außer Atem. Als sie zum Walde hinaus waren, mußten sie langsamer gehen; jetzt, in bewohnteren Regionen – schon tauchten die eleganten Landhäuser auf – hätte man Menschen tottreten können. Das war eine Fülle! An der Abfahrtstelle der elektrischen Bahn drängte und drückte es sich. Sie stellten sich auch auf: das war ein Spaß, zu sehen, wie die Leute, die gerne mitkommen wollten, sich pufften. Es war noch leidlich hell und warm wie im Sommer, aber rasch würde es ganz dunkel sein, und je später, desto größer der Ansturm. Lachend standen die beiden und sahen dem Drängen gelassen zu: was machte es ihnen aus, wenn sie nicht mitkamen, sie liefen eben das Stückchen zu Fuß weiter bis nach Hause.

Wolfgang fühlte sein Herz heftig pochen – es hatte ihm doch zu viel Spaß gemacht, mit Frida zu tanzen! In einem Lokal, in dem im angebauten Brettersaal ein Klavierspieler aufs Klavier paukte, hatte er Frida ein paar Mal ordentlich herumgeschwenkt, und auch noch ein paar andre Mädchen, die verlangend nach dem stürmischen Tänzer gesehen hatten. Es war eine Lust gewesen. Noch fühlte er den Nachhall davon in sich zittern, seine Brust hob und senkte sich unruhig – hei, so ein Mädchen im Arm sich herumschwenken, lustig sein! Wundervoll, es war alles so wundervoll!

Die Zähne zusammenbeißend, um nicht durch einen lauten, jubelnden Aufschrei die Blicke auf sich zu lenken, bebte Wolfgang innerlich vor ungebändigter Lebenslust. Ha, das wäre fein, ha, das wäre eine Wohltat, jetzt irgendeine Dummheit begehen zu können! Er überlegte: was gab man jetzt nur an?!

Da störte ihn ein Husten. Wie hohl das klang, als sei inwendig alles lose! Der junge Mann, der hinter seinem breiten Rücken stand, mochte wohl eine Weile so gehustet haben – er hatte es nur nicht beachtet – nun ekelte ihn vor dessen Auswurf. Unwillkürlich wich er zur Seite: pfui, wie hustete dieser Mensch!

»Ach,« hörte Wolfgang jetzt den älteren Mann sagen, auf dessen Arm der Hustende sich stützte, »ich bin ganz außer mir, daß keine Droschke zu bekommen ist! Bist du sehr kaputt? Geht’s noch?« Es lag so viel Angst in diesem ›Geht’s noch?‹

»O, ganz gut!« Der junge Mensch antwortete mit heiserer Stimme. Wolfgang merkte auf: diese Stimme war ihm doch bekannt? Und nun erkannte er auch das Gesicht. War das nicht Kullrich? Donnerwetter, wie der sich aber verändert hatte! Unwillkürlich lüftete er den Hut: »’n Abend, Kullrich!«

Jetzt erkannte dieser auch ihn. »Schlieben!« Kullrich lächelte, daß man all seine Zähne, lang und weiß, hinter den blutlosen Lippen sah. Und dann reichte er dem früheren Schulkameraden die Hand: »Du bist auch nicht mehr auf der Schule? Ich auch nicht mehr. Wir haben uns lange nicht mehr gesehen!«

Wolfgang fühlte die Hand unangenehm feuchtkalt in der seinen, und es durchrieselte ihn. Daß er einmal gehört hatte, Kullrich hätte die Schwindsucht, hatte er längst vergessen; nun fiel’s ihm auf einmal wieder ein. Aber das konnte ja gar nicht sein, so jung stirbt man doch nicht?! Alles in ihm sträubte sich dagegen.

»Bist du krank gewesen,« fragte er rasch. »Aber jetzt geht’s dir doch wieder ganz gut?« Es wurde ihm ordentlich schwer, das alte ›du‹ zu gebrauchen, der Kullrich hier war ihm so fremd.

»O ja, es geht,« sagte Kullrich und lächelte wieder. Ein ganz merkwürdiges Lächeln, das selbst dem achtlosen jungen Mann auffiel. Kullrich war nie hübsch gewesen, er hatte eine Kartoffelnase; jetzt mußte Wolfgang ihn immer ansehen: wieviel feiner war das Gesicht geworden und so – er konnte nicht an sich halten, er sagte es plötzlich gerade heraus: »Wie siehst du jetzt aus?! Ich hätte dich beinahe nicht erkannt!«

»Mein Sohn wird jetzt bald verreisen,« sagte der Vater rasch, und dabei zog er den Arm seines Jungen fester in den seinen. »Dann kommt er hoffentlich ganz gesund wieder. Es war so schönes Wetter – viel Luft und Kiefernduft, sagt der Arzt – wir sind zu lange draußen geblieben. Es wird dir doch nichts schaden?!« Wieder so viel Angst im Ton. »Ist dir auch nicht kalt? Willst du dich nicht so lange setzen?« Der Vater stellte ein Feldstühlchen zur Erde, das er unterm Arm getragen hatte und klappte es auseinander: »Setz dich doch ’n bißchen, Fritz!«

Der arme Kerl! Der Ton des Vaters, in dem die liebende Angst zitterte, berührte Wolfgang eigentümlich. Der arme Kerl, der war wahrhaftig doch sehr krank! Wie schrecklich! Ein Grauen kam ihn an, unwillkürlich zog er sich zurück, daß ihn der Atem des Kranken nicht treffe; der ganze Egoismus der Jugend und der Gesundheit war in ihm: wie fatal, daß er heute, gerade heute dem hier begegnen mußte!

»Kann ich Ihnen vielleicht einen Wagen besorgen?« fragte er rasch – daß der Kullrich nur fortkam, das Husten war ja gräßlich anzuhören – »ich weiß hier Bescheid, ich bekomme schon einen!«

Der Vater Kullrich, wie aus einer großen Angst erlöst, sagte aufatmend: »Ach ja, ach ja! ’ne Droschke, ’ne geschlossene womöglich! Mit der Bahn kommen wir ja doch nicht mit! Und es wird so spät! Ist dir auch wirklich nicht kalt, Fritz?!« Ein kühler Wind hatte sich plötzlich erhoben und der alte Mann zog seinen Überzieher aus und hängte ihn dem Sohn noch um die Schultern.

Mußte dem scheußlich zumute sein, seinen Jungen so zu sehen, dachte Wolfgang. Sterben überhaupt, sterben, wie schrecklich! Und wie der Mann seinen Sohn liebte! Das hörte man am Ton, sah man an den Blicken!

Wolfgang war froh, nach der Droschke umherrennen zu können. Es war jetzt schwer, eine zu bekommen, er rannte sich völlig außer Atem. Endlich hatte er einen Wagen. Wie er am Halteplatz der elektrischen Bahn anlangte, war Herr Kullrich bereits völlig verzweifelt. Er hatte die Hoffnung schon aufgegeben gehabt, und der Sohn hatte sehr viel gehustet.

Jetzt löste er sich fast auf in Dankbarkeit. Der einfache Mann – er war ein Subalternbeamter und hatte es gewiß nicht dazu – versprach dem Kutscher ein reiches Trinkgeld, wenn er sie nur rasch nach Halensee, Ringbahnstraße 111, fahren wollte. Er hüllte den Sohn in die Decke, die auf dem Rücksitz lag; der Kutscher gab noch eine Pferdedecke zu, Wolfgang wickelte dem Schulkameraden die Beine ein.

»Danke, danke,« sagte Fritz Kullrich matt; er war jetzt ganz abgefallen.

»Besuchen Sie uns doch mal, Herr Schlieben,« sagte der Vater und drückte dem Retter die Hand. »Fritz würde sich freuen. Und ich bin Ihnen ja so dankbar!«

»Aber komm bald,« sprach der Sohn und lächelte wieder sein seltsames Lächeln. »Adieu!«

»Adieu!« Wolfgang stand und starrte hinter dem rasch davonrollenden Wagen drein – da fuhr der Kullrich! Seiner Mutter nach.

Die frohe Laune Wolfgangs war verflogen. Als die Genossen des Nachmittags mit Hallo nach ihm suchten – Hans mußte seine Frida ordentlich abgeküßt haben, das Hütchen saß ihr schief, ihre Augen glänzten verliebt –, machte er sich rasch von ihnen frei. Er sagte ihnen kurz Adieu und ging allein. Der Tod hatte ihn gestreift. Und ein altes Lied, das er, unter so vielen anderen, einst mit Cilla, dem Mädchen seiner Kindheit, gesungen hatte, schoß ihm urplötzlich durch den Sinn. Jetzt verstand er zum ersten Mal die tiefere Bedeutung:

›Prahlst du gleich mit deinen Wangen, Die wie Milch und Purpur prangen, Ach, die Rosen welken bald!‹

Er ging gleich nach Hause, er hatte heute nicht Lust mehr, draußen herumzubummeln. Und als er so ging mit wiegendem, schlenderndem Gang, entlegene Wege, in denen es still war, richtete sich etwas auf vor ihm in der dunklen Färbung des Herbstabends und stellte sich in seinen Weg – das war eine Frage:

›Und du –?! Wohin du –?!‹

In einer Stimmung, die seltsam weich und versöhnlich war, betrat er das Elternhaus. Aber als er ins Zimmer trat, saßen die Eltern da wie zu Gericht.

Käte hatte es nun doch nicht verheimlichen können, es hätte ihr das Herz abgepreßt, sie hatte jemandem erzählen müssen, was sie beobachtet hatte. Und Schlieben hatte sich mehr darüber aufgeregt, als seine Frau erwartet hatte: also in solche Gesellschaft war der Junge geraten?!

»Wo treibst du dich herum?« fuhr er den Sohn an.

Der Eintretende stutzte: was war das für ein Ton, es war doch heute nicht so spät?! Im Gefühl des Unrechts, das ihm geschah, hob er den Kopf.

»Sieh mich nicht so unverschämt an!« Den Vater verließ die Beherrschung. »Wer ist das Frauenzimmer, mit dem du dich herumtreibst?«

Herumtreibst – Frauenzimmer?! Dem jungen Menschen schoß das Blut heiß zu Kopf. Frida Lämke ein Frauenzimmer – das war toll! »Sie ist kein Frauenzimmer!« brauste er auf. Und dann: »Ich habe mich nicht herumgetrieben!«

»Nun, nun, ich habe –« Schlieben verbesserte sich rasch, er konnte doch nicht sagen: ›ich habe dich gesehen‹ – so sagte er: »Wir haben dich gesehen!«

Wolfgang wurde sehr rot. Aha – sie hatten ihn belauert – heute wohl – waren ihm nachgeschlichen?! Nicht einmal weit draußen war man sicher vor ihren Späherblicken! Er war empört. »Wie kannst du sagen ›Frauenzimmer‹! Sie ist kein Frauenzimmer!«

»So – was ist sie denn, wenn ich fragen darf?«

»Meine Freundin!«

»Deine Freundin?!« Der Vater lachte ein kurzes zorniges Lachen. »Freundin – nun ja, aber für dich ist das denn doch noch ein wenig früh! Ich verbiete dir solche Freundinnen zweifelhaften, mehr als zweifelhaften Genres!«

»Sie ist nicht zweifelhaft!« Wolfgangs Augen funkelten. Wie recht hatte Frau Lämke, die neulich, als er sie wiederum besuchte, gesagt hatte: »So sehr ick mir ooch freue, kommen Se doch nich zu oft, Wolfjang. Frida is man ’n armes Mädchen, un bei so einer wird gleich was gered’t!«

Nein, hier gab’s nichts anzuzweifeln! Bleich vor Wut starrte der Sohn dem Vater in die Augen. »Sie ist ein so anständiges Mädchen, wie es nur eines gibt! Wie darfst du so von ihr sprechen?! Wie darfst du dich unter –« Er stockte, er war zu wütend, die Stimme versagte ihm.

»›Unterstehen‹ – sag’s nur heraus, ›unterstehen‹!« Schlieben beherrschte sich jetzt mehr, er war etwas ruhiger geworden, denn was er auf seines Jungen Gesicht sah, dünkte ihn ehrliche Entrüstung. Nein, ganz verdorben war der doch noch nicht, der war wohl nur verführt, solche Frauenzimmer hängen sich ja mit Vorliebe an noch sehr junge Leute! Und er sagte mit einer gutgemeinten Überredung: »Mache dich los von der Geschichte, so bald als möglich. Du ersparst dir viel Unangenehmes. Ich will dir wohl helfen dabei!«

»Danke!« Der junge Mensch steckte die Hände in die Hosentaschen und stellte sich breitbeinig auf.

Die weiche Stimmung war längst verflogen, die hatte Wolfgang sofort verloren beim ersten Schritt ins Zimmer; nun war er recht in der Laune, sich nichts, aber auch gar nichts gefallen zu lassen. Sie hatten Frida beschimpft!

»Wo wohnt sie?« fragte der Vater.

»Ja, das möchtest du wohl wissen!« Der Sohn lachte höhnisch auf; er empfand eine gewisse Genugtuung, ihrer Neugier das vorzuenthalten. Das würden sie nie erfahren! Das hatte er ja gar nicht nötig, sie wissen zu lassen! Protzig warf er den Kopf in den Nacken und antwortete nicht.

O Gott, was war aus dem Jungen geworden! Ganz entsetzt starrte Käte drein: er hatte sich ja völlig gewandelt, war ein ganz, ganz andrer geworden! Aber dann kam die Erinnerung – sie hatte ihn doch einmal so sehr geliebt – und der Schmerz, ihn gänzlich und auf immer verloren zu haben. »Wolfgang, sei doch nicht so, ich bitte dich! Wolfgang, wir meinen es doch so gut mit dir!«

Er maß sie mit einem unerklärlichen Blick. Und dann sah er an ihr vorbei ins Leere hinaus.

»Es wäre besser, ich wäre gar nicht da!« stieß er plötzlich hervor, ganz unvermittelt. Es wollte trotzig klingen, aber der Trotz erstickte im jähen Ausbruch einer schmerzlichen Erkenntnis.

4

Sie waren übereingekommen, daß Wolfgang nun nicht mehr draußen bei ihnen in der Villa wohnen sollte. Er war zwar noch sehr jung, aber die Zeit zur Selbständigkeit war da, das sahen die Eltern ein. Zwei hübsch möblierte Zimmer wurden gemietet in der Nähe des Geschäfts – Wolfgang sollte jetzt entschieden fleißiger heran – sonst mochte er unbehelligt sein. Dies späte Nachhausekommen, diese verantwortliche Kontrolle – nein, es ging nicht an, daß Käte sich völlig aufrieb! In tiefer Resignation hatte Schlieben diesen Schritt getan.

Und es schien, als sollten wirklich jetzt ruhigere, friedlichere Tage über die Villa Schlieben kommen. Der Winter war da, und der Schnee war eine so weiche, deckende Hülle für manche begrabene Hoffnung.

Wolfgang kam zu Besuch heraus; nicht zu oft, den Vater sah er ja ohnehin täglich im Kontor. Daß es die Mutter doch verlangte, ihn öfter zu sehen, schien er nicht zu ahnen. Sie ließ es ihn auch nicht merken. Sollte sie etwa betteln: ›Komm öfter?!‹ Nein, sie hatte schon allzuviel gebettelt – Jahre, fast achtzehn Jahre lang –, und mit Bitterkeit sagte sie sich: ›Verlorene Müh!‹

Wenn er herauskam, waren sie freundlich miteinander; die Mutter sorgte nach wie vor für tadellose Anzüge, für die bestgeplätteten Oberhemden, für die feinen Batistnachthemden und die hohen Kragen. Daß er oft nicht so aussah, wie er hätte aussehen müssen, war nicht ihre Schuld. Es lag auch vielleicht nicht an seiner Kleidung, es lag vielmehr an seiner abgespannten Miene, seinen müden Augen, an seiner ganzen nachlässigen Haltung; er ließ sich hängen, verbummelt sah er aus.

Die Eheleute sprachen aber nicht miteinander darüber. ›Wenn er nur erst zum Militär käme,‹ dachte Schlieben. Von dem Muß, von der strengen Regelung im Dienst erhoffte er eine Regelung des ganzen Lebens; was sie, die Eltern, mit aller Sorgfalt nicht zuwege gebracht hatten, würde der Drill schon fertig bringen! Zum April sollte sich Wolfgang stellen. Jetzt, zur Winterszeit, hielt er zwar regelmäßiger und gewissenhafter die Kontorstunden ein, aber, aber wie sah er oft morgens aus! Entsetzlich blaß, förmlich fahl. ›Verkatert!‹ Mit einem Kopfschütteln stellte das der Vater fest, aber er sagte nichts zum Sohn darüber; wozu auch, es würde nur eine unangenehme Szene geben, die nichts mehr nutzte, die höchstens nur noch mehr verdarb. Sie standen eben nicht mehr auf gemeinsamem Boden.

Und so ging es weiter, ohne sonderliche Erregung, aber sie litten doch alle drei; auch der Sohn.

Frida glaubte Wolfgang oft eine Verstimmung anzumerken. Zuweilen ging er mit ihr ins Theater, ›was zu lachen‹ mochte sie so gern; aber er lachte nicht mit, lachte selbst dann nicht, wenn ihr die Lachtränen über die Wangen liefen. Sie konnte sich ordentlich darüber ärgern, daß er so wenig Sinn für was Lustiges hatte.

»Amüsierst du dich denn nich?«

»Na, mäßig!«

»Bist du denn krank?« fragte sie ganz erschrocken.

»Nein!«

»Na, was haste denn?«

Dann zuckte er die Achseln, war so abweisend, daß sie ihn nicht weiter ausforschte, ihm nur die Hand drückte und ihm versicherte, sie amüsiere sich köstlich.

Nach und nach versiegten diese Theatereinladungen, die meist so hübsch mit einem Plauderstündchen in irgend einem Bier- oder Weinlokal geendet hatten. Frida sah den Freund überhaupt jetzt selten, nie mehr holte er sie an ihrem Geschäft ab, und in der Wohnung der Mutter ließ er sich auch nicht mehr sehen.

»Wer weeß ooch,« sagte Mutter Lämke, »ob er sich nich bald verloben tut. Er hat gewiß eene uf ’n Kieker!«

Frida warf die Lippen auf, sie schmollte, daß Wolfgang sich gar nicht sehen ließ. Was hatte er bloß?! Sie fing an, ihm nachzuspionieren; aber nicht nur aus Neugier.

Und noch eine andre forschte seinen Wegen nach – das war die Mutter. Wenigstens versuchte sie, ihm nachzuforschen. Aber nur das brachte sie in Erfahrung, daß man ihn einmal in einem der kleinen Theater mit einer hübschen Person gesehen hatte, einer Blondine, die recht auffallend frisiert gewesen war. Ah, das war dieselbe von Schildhorn! Noch immer sah sie das blonde Haar im scheidenden Abendlicht glänzen – die war sein Unheil!

Mit einem Spürsinn, der einem Polizisten Ehre gemacht hätte, forschte die Mutter dem Sohne nach. Hätte Schlieben eine Ahnung davon gehabt, wie oft, zu allen Tages- und Abendzeiten, seine Frau um Wolfgangs Wohnung strich, er wäre dem auf das entschiedenste entgegengetreten. Der brennende Drang, von Wolfgang zu hören, von ihm zu wissen, ließ Käte die eigene Würde vergessen; mehr als einmal ging sie, während sie ihn abwesend wußte, hinauf in seine Wohnung, angeblich, um ihm dieses oder jenes zu bringen. Aber war sie dann allein – die schwatzhafte Wirtin wußte sie sich vom Halse zu halten –, so fuhr sie mit forschenden Augen in beiden Zimmern umher, spähte auf seinen Schreibtisch, wendete sogar jedes Blättchen Papier. Sie kam hier oben gar nicht zur Besinnung ihres Tuns, ging sie aber wieder die Treppe hinab, dann kam ihr das Gefühl eigner Erniedrigung; sie wurde rot und schämte sich vor sich selber und schwor sich’s zu mit hundert Eiden, dies nie, nie wieder zu tun. Und tat es doch wieder. Es war ihr eine Qual, und sie konnte es doch nicht lassen.

An einem kalten Wintertag war es – schon Abend, nicht spät für Berliner Begriffe, aber doch immerhin schon Ladenschluß, und Theater und Konzerte hatten längst begonnen – als Frau Schlieben noch in der Wohnung ihres Sohnes saß. Acht Tage war er nicht draußen bei ihr gewesen – warum nicht?! Eine große Unruhe hatte sie heute plötzlich gepackt, sie hatte hin zu ihm müssen. Ihr Mann wähnte sie in der Hauptmann-Premiere – dahin konnte sie ja auch noch später gehen – Wolfgang mußte jetzt doch gleich nach Hause kommen! Auf ihr fragendes Briefchen hatte er geantwortet: er sei erkältet und halte sich abends zu Hause. Nun, sie wollte es ja auch gar nicht, daß er zu ihr hinauskam und sich noch erkältete, aber es war wohl natürlich, daß sie nun einmal nach ihm sah! Sie machte sich selber etwas vor.

Und so wartete sie und wartete. Die Zeit verstrich sehr langsam. Gegen sieben Uhr war sie gekommen, jetzt war es bereits neun. Zum so und sovielten Male hatte sie die beiden Zimmer durchmustert, am Fenster gestanden, zerstreut auf das Straßengewühl hinabgeblickt, sich hingesetzt, sich wieder erhoben und wieder hingesetzt. Jetzt ging sie in rastloser Unruhe auf und nieder. Die Wirtin war schon ein paar Mal hereingekommen und hatte sich drinnen zu schaffen gemacht; die neugierig-forschenden Blicke wären Käte sonst lästig gewesen, jetzt achtete sie gar nicht auf diese. Noch konnte sie sich nicht entschließen, fortzugehen – wenn er krank war, warum kam er dann nicht nach Hause?! Ihre Unruhe wuchs. Es lastete auf ihr wie die Vorahnung eines nahenden Unheils. Nun mußte sie aber wirklich die Wirtin fragen – schon zehn Uhr –, kam er denn immer so spät, trotz seiner Erkältung?! Sie klingelte nach der Frau.

Diese kam, innerlich sehr gereizt: warum hatte Frau Schlieben sie denn nicht längst ins Vertrauen gezogen?! Ei, nun konnte die lange warten, die hochmütige Liese!

»Mein Sohn kommt wohl immer spät?« fragte Käte. Ihre Stimme klang gemacht ruhig: sie durfte doch solch eine Frau nicht merken lassen, wie unruhig sie eigentlich war.

»Na,« sagte die Wirtin, »mal so, mal so!«

»Ich wundere mich nur, daß er heute so spät kommt bei seiner Erkältung!«

»So – ist der junge Herr erkältet?«

Wie, die Frau, bei der Wolfgang nun schon fast ein Vierteljahr wohnte, wußte so wenig von ihm?! Und sie hatte doch versprochen, besonders gut für ihn zu sorgen! »Sie müssen ihm abends eine Wärmflasche machen. Es ist kalt hier im Zimmer.« Fröstelnd rieb sich Käte die Hände. »Und bringen Sie ihm morgens vor dem Aufstehen ein Glas Emser mit heißer Milch!«

Die Wirtin hörte sofort den gar nicht ausgesprochenen Vorwurf heraus und wurde noch gereizter. »Na, wenn er überhaupt nich nach Hause kommt, kann ich ihm doch abends keine Wärmkruke machen und morgens keine heiße Milch!«

Wie – gar nicht nach Hause kommt?! Käte glaubte nicht recht verstanden zu haben. Sie sah die Frau mit großen Augen an. »Überhaupt nicht nach Hause kommt!«

Die Frau nickte: »Ich sage Ihnen, werte Dame, möbliert vermieten ist kein Spaß, da muß man vieles mit in Kauf nehmen. So ’ne junge Herren – na, ich sage schon!« Sie lachte, halb ärgerlich, halb belustigt auf. »Da hatte ich mal einen, der blieb gleich ganze acht Tage weg – der erste war vor der Tür, ich hatte Angst um meine Miete – ich mußte nach der Polizei gehen!«

»Wo war er denn – wo war er denn?!« Kätes Stimme schwankte.

Die Frau lachte: »Na, da fand er sich denn wieder an!« Sie sah die Angst der Mutter, und ihre Gutmütigkeit siegte über ihre Schadenfreude. »Der kommt schon wieder, gnä’ Frau,« sagte sie beruhigend. »Sie kommen alle wieder. Haben Sie man keine Angst. Und Herr Schlieben ist ja auch erst zwei Tage weg!«

Zwei Tage weg – zwei Tage?! Zwei Tage war’s her, daß er auf ihr Briefchen geantwortet hatte: er sei erkältet und müsse sich zu Hause halten! Wie eine Irre sah Käte um sich, ganz verstörten Blickes. Wo war er denn gewesen, diese ganzen zwei Tage? Nicht hier und nicht bei ihr – o, bei ihr schon seit acht Tagen nicht! Im Geschäft mußte er aber noch gewesen sein, sonst hätte Paul doch darüber gesprochen. Aber wo war er die ganze übrige Zeit? Das waren doch immer nur ein paar Stunden. Und ein Tag ist lang. Und die Nächte, die Nächte! Herrgott, die Nächte, wo war er die Nächte?!

Käte hätte laut herausschreien mögen, aber die Wirtin sah sie an mit so neugierigen, harten Augen, daß sie, die Nägel der einen Hand in die Innenfläche der andern grabend, sich bezwang. Aber ihr Sprechen war nur ein Flüstern mehr: »Ist er denn seit zwei Tagen gar nicht zu Hause gewesen?«

»Nee, gar nich! Aber warten Sie mal!« Die Lust am Schwatzen machte alle vorgenommene Zurückhaltung der Wirtin zuschanden. Der auf einen Stuhl Hingesunkenen nähertretend und sich einen Stuhl heranziehend, schwatzte sie umständlich: »Sonntag war’s – nee, Sonnabend merkt ich schon: der hat was. Ja, das ist einer, ein ganz forscher! Rein verrückt war er!«

»Wieso denn?! ›Verrückt‹, sagen Sie?!«

Die Vermieterin lachte. »Ach, so mein ich ja gar nich, das müssen Sie nich gleich so wörtlich nehmen, gnä’ Frau! Na, ebent so – na, wie soll ich denn schon sagen? – na, so wie sie dann alle sind! Na, und abends ging er dann wie gewöhnlich weg – na, und dann kam er ebent nich mehr zu Hause!«

»Und wie – wie war er –?!« Ruckweise nur stieß die Mutter die Worte hervor, sie konnte gar nicht zusammenhängend mehr sprechen, ein sie plötzlich überfallender Schreck lahmte fast ihre Zunge. »War er – etwa verstört?!« Wie eine Vision tauchte sein fahles Gesicht vor ihr auf, und da bei Schildhorn der verwehte Platz im Sand – mancher Mutter Sohn, mancher Mutter Sohn – Gott, Gott, wenn er sich ein Leides getan hätte! Sie zitterte wie Laub im Sturm und sank ganz in sich zusammen.

Die Wirtin erriet instinktiv der Mutter Gedanken; gutmütig-beruhigend versicherte sie: »Nee, gar nich an zu denken! Der war nich traurig – auch nich grade vergnügt – na, so – so – na, grade so in der richtigen Stimmung!«

»Und Sie – ach, können Sie mir nicht einen – einen Wink geben – wo – wo er hin – sein könnte?«

Die Frau wiegte zweifelnd den Kopf: »Wer kann das wissen! Sehen Sie, gnä’ Frau, der Versuchungen gibt’s gar viele. Aber, warten Sie mal!« Sie kniff die Augen zu und dachte nach. »Da kam mal vor einiger Zeit immer so’n hübsches Mädchen her, sie holte ihn immer ab, sie sagte ›zum Theater‹ – na, es kann ja auch wahr gewesen sein! Oft kam sie, sehr oft – mindestens einmal die Woche! Blond war sie, wirklich ’n hübsches Mädchen!«

»Blond – ganz hellblond – viel Haar, wellig über den Ohren?!«

»Ja ja, so war sie frisiert, über die Ohren gekämmt, hinten ’nen mächtigen Knoten – so recht auffallend hellblond! Und sie duzten sich!«

Blondes Haar – auffallend blond! Ah, das hatte sie damals gleich gewußt, als sie ihn in Schildhorn sah mit der Blonden! Wie eine Erleuchtung kam es über Käte. »Sie – wissen wohl nicht – ach, wissen Sie vielleicht, wie sie heißt?«

»Er sagte ›Frida‹ zu ihr!«

»Frida?!«

»Ja, Frida! Das weiß ich bestimmt. Nu kommt sie aber nich mehr. Vielleicht aber, daß er ’nen Brief von ihr gekriegt hat. Ich will mal nachsehen, warten Sie mal!« Und die Frau bückte sich, zog unterm Schreibtisch den Papierkorb vor und fing an darin zu wühlen.

»Er schmeißt nämlich allens in den Papierkorb,« sagte sie erklärend.

Freilich, da hatte sie noch nicht gesucht! Mit starren Augen sah Käte zu, wie die Frau mit geübten Fingern alle Papierblätter wendete. Plötzlich schrie die auf: »Na, sehen Sie, da haben wir’s!« Und vor die Mutter legte sie triumphierend ein paar Papierfetzen auf den Tisch: »Da is ’n Brief von ihr. Sehen Sie! Ich kenne die Schrift. Woll’n mal sehen!«

Beide Frauen, die Köpfe zusammensteckend, versuchten, die einzelnen Stücke des zerrissenen Briefes zusammenzufügen; es gelang aber nicht, es fehlte zu viel, nur ein paar Sätze waren halb zusammen zu bringen.

›nicht mehr kommst –

böse mit dir –

nächstens zu dir abends ’rauf –

immer deine‹

Doch da, halt, da war die Unterschrift! Die war nicht durchrissen, groß und zusammenhängend stand sie unten auf dem Briefbogen:

immer

Deine Frida Lämke!

»Frida Lämke –?!« Käte schrie laut auf vor Überraschung. Frida Lämke – nein, das hätte sie nie gedacht – oder gab es vielleicht zwei gleichen Namens? Dieses blonde Kind, das einst bei ihr im Garten gespielt hatte?! Aber ja, ja, dreiste Augen hatte die immer gehabt!

»Sie kennen die wohl?« fragte die Wirtin, und die Augen funkelten ihr vor Neugier.

Käte gab keine Antwort. Vor sich hinbrütend stierte sie auf den Teppich: war das nun schlimmer – oder war das weniger schlimm? Konnte es nun nicht noch verhindert werden, nun, da sie die Fährte hatte, oder war alles verloren?! Sie wußte es nicht; verständig überlegen konnte sie überhaupt nicht mehr, nicht einmal mehr denken. Sie hatte nur den Trieb: hin, hin zu den Lämkes! Nur hin, so rasch wie möglich hin! Aufspringend sagte sie hastig: »Schon gut, schon gut – danke! Ah, es ist alles in Ordnung!« Und an der verdutzten Frau vorübereilend, hastete sie zur Tür und die Treppe hinunter. Gerade öffnete unten jemand von außen die verschlossene Haustür; so kam sie hinaus.

Nun war sie auf der Straße. So ganz allein hatte sie um diese Zeit noch nie auf der Friedrichstraße gestanden; ihr Mann hatte sie immer begleitet, und war sie einmal allein ins Theater oder Konzert gegangen, hatte er sie immer selber abgeholt oder mindestens von Friedrich abholen lassen. Nun kam sie’s plötzlich wie eine Furcht an, trotzdem die schöne Straße taghell erleuchtet war.

So viele Männer, so viele Frauen! Wie ein Strom flutete es an Käte vorüber, sie wurde mitgerissen. Gleich Wellen umwogten sie Gestalten – raschelnde Frauenröcke, die stark nach Parfüm dufteten, und Herren, Männer, junge und alte, Greise und Jünglinge und kaum dem Knabenalter Entwachsene. Das war ja hier wie ein Korso – was suchten die hier alle?! Das war also das vielgerühmte und amüsante Nachtleben Berlins? Schrecklich war es, o, über alle Maßen abscheulich!

Alles sah Käte auf einmal nur aus dem einen Gesichtspunkt. Bisher war sie ja blind gewesen, ahnungslos wie ein Kind. Der Helm eines Schutzmanns tauchte auf. Sie floh dahin wie eine Gejagte: der konnte ja nicht sehen, daß sie graue Haare hatte, und daß sie eine Dame war! Der hielt sie vielleicht auch für eine solche, für eine von denen hier! Nur fort, fort!

Sie stürzte sich in eine Droschke, sie fiel mehr in den aufgerissenen Schlag, als daß sie hineinstieg. Mit zitternder Stimme nannte sie dem Kutscher ihre Adresse. Eine glühende Sehnsucht überkam sie plötzlich: nach Haus, nur nach Haus! Heim in ihr reinliches, geordnetes Haus, in die Mauern, die wie ein Schutz sie umgaben! Nein, er durfte nicht mehr hinein in ihr reines Haus, seinen Schmutz nicht mit in dessen Räume tragen!

Ganz in eine Ecke geschmiegt, die zuckenden Lider krampfhaft zugepreßt, machte sie die weite Fahrt; heute kam ihr die schier endlos vor. Wie langsam fuhr die Droschke! Ach, was würde Paul sagen, er würde sich ängstigen, daß sie so spät kam!

Und Käte wünschte plötzlich, sich in die Arme ihres Mannes zu flüchten, Schutz zu suchen an seiner Brust. Daß sie gleich hatte zu Lämkes hingehen wollen, hatte sie ganz vergessen. Wie konnte sie auch, es war ja bald Mitternacht, und wer weiß, vielleicht traf sie da auch nur eine Mutter, ebenso unglücklich wie sie selber es war?! Verlorene Kinder – ach, man weiß nicht, was schrecklicher ist: verlorener Sohn – verlorene Tochter?!

Käte weinte bitterlich. Aber als die Tränen unter ihren geschlossenen Lidern sich vorstahlen und über ihre Wangen rannen, wurde sie ruhiger. Nun, da sie den großen Zug der Straße nicht mehr sah, ihr nächtliches Wehen nicht mehr spürte, schwand ihre Furcht. Der Mut wuchs ihr wieder; und mit dem gestärkten Mut wuchs ihr eine Erkenntnis: sie war eben nur eine schwache und ängstliche Frau, er aber war doch ein rüstiger Junge, der ein Mann werden sollte, ein starker Schwimmer. Noch brauchte man nicht ganz zu verzweifeln!

Als die ersten Kiefern der stillen Kolonie rechts und links an ihr vorbeiglitten und der Mondschein ihr auf den Ästen ein reines Weiß zeigte, hatte Käte ihren Entschluß gefaßt: morgen würde sie zu Lämkes gehen und würde mit der Mutter sprechen, und ihrem Manne würde sie vorderhand noch nichts sagen. Dieselbe Scheu, die sie jetzt so oft verstummen ließ vor ihm, kam sie wieder an: er würde ja doch nicht so empfinden, wie sie empfand. Mit rauher Hand vielleicht würde er den Sohn anfassen, und das durfte nicht sein; noch war sie da und berufen, mit linder Hand dem Strauchelnden zu helfen!

Ganz ruhig schritt Käte ihrem Manne entgegen, so gelassen, daß er ihr nichts anmerkte. Aber als sie am nächsten Tag den Weg zu Lämkes antrat, klopfte ihr das Herz doch wieder so zitternd-unruhig wie vordem. Den ganzen Morgen hatte sie gegen Scheu und Kleinmut gerungen; nun war es darüber fast Mittag geworden. Paul hatte ihr beim Frühstück erzählt, daß Wolfgang gestern gar nicht ins Geschäft gekommen, nachdem er den Tag vorher auch nur ganz kurz dagewesen sei. »Ich weiß nicht, was mit dem Jungen los ist,« hatte er gesagt. »Ich bin zu ärgerlich auf ihn. Aber man müßte sich doch wohl mal um ihn kümmern!«

»Das werde ich auch,« hatte sie darauf geantwortet.

Die Füße trugen sie kaum, als sie langsam ihren Weg schlich, zuletzt aber lief sie fast: er war doch ihr Kind lange, lange Jahre gewesen, und sie hatte einen Teil der Verantwortung! Sie fragte sich jetzt nicht mehr, wie sie eigentlich bei Frau Lämke die Unterredung beginnen sollte, sie hoffte, daß der Augenblick ihr das rechte Wort geben werde.

So tappte sie die dunklen Stufen zu Lämkes Portierwohnung hinab und klopfte und trat zugleich ein, ohne das Herein abgewartet zu haben.

Frau Lämke wischte gerade den Boden auf, der Schrubber entfiel ihrer Hand, geschwind ließ sie ihr rundum hochgenommenes Kleid herab: die gnädige Frau, die Frau Schlieben?! Was wollte die denn bei ihr?! Das blasse, mager gewordene Gesicht mit den harmlosen Augen blickte die Eintretende völlig verdutzt an.

»Guten Tag, Frau Lämke,« sagte Käte ganz freundlich. »Ist Ihre Tochter Frida zu Haus? Ich muß sie sprechen!«

»Nee, Frida is nich zu Hause!« Die Lämke blickte noch verdutzter: was wollte die gnädige Frau denn von Frida? Um die hatte sie sich noch nie gekümmert! »Frida is ins Jeschäft!«

»So? Wissen Sie das ganz genau?«

Es lag etwas Anzügliches in dieser Art des Fragens, aber Frau Lämke merkte nichts in ihrer Harmlosigkeit. »Frida is immer noch nich aus’s Jeschäft ßurück um die Zeit, aber in ’ne kleine halbe Stunde kann se woll hier sein. Se hat zwei Stunden Mittag; Abend kommt se erst jejen zehne, denn um neune machen se man erst ßu. Aber wenn se nach Tische mal bei die gnädige Frau vorkommen soll,« – Frau Lämke war zu neugierig: was wollte die bloß von Frida? – »recht jerne!«

»Sie kommt in einer halben Stunde, sagen Sie?«

»Jawoll! Es pressiert ihr immer sehr, daß se bei Muttern kommt – un denn der Hunger!«

»Wenn Sie gestatten, werde ich auf sie warten,« sagte Käte.

»Bitte, nehmen Sie jefälligst Platz!« Eilfertig wischte Frau Lämke mit ihrer Schürze über einen Stuhl: das war doch immerhin eine Ehre, daß Wolfgangs Mutter zu Frida hier in den Keller kam! Und mit einer Stimme, der man den herzlichen Anteil anmerkte, fragte sie: »Wie jeht’s denn dem jungen Herrn, wenn ich fragen darf, is er denn recht munter?«

Käte blieb die Antwort schuldig: das war denn doch eine zu große Frechheit, eine ganz unglaubliche Frechheit! Wie konnte die nur so unverfroren fragen?! Aber dann kam ihr auf einmal ein Zweifel: wußte die denn überhaupt etwas? Sie sah in die harmlosen Augen. Diese hier war wohl auch hintergangen, wie sie hintergangen worden war! Sie hatte nicht das Herz, ein aufklärendes Wort zu sprechen – arme Mutter! So nickte sie nur und sagte ausweichend: »Danke!«

Sie schwiegen, beide in einer gewissen Verlegenheit. Frau Lämke schälte Kartoffeln zum Mittag und setzte sie auf und warf ab und zu einen verstohlenen Blick auf die wartende Dame. Käte war blaß und gähnte verstohlen, ihrer Aufregung war eine ungeheure Abspannung gefolgt. Sie wartete ja vergeblich! Und diese Mutter hier würde heute auch vergeblich warten! Das Mädchen, diese heuchlerische Kreatur, kam ja nicht! Wie Wut packte es Käte, wenn sie an des Mädchens blondes Haar dachte. Das hatte ihren Jungen verführt, ihn umstrickt – nun kam er vielleicht nicht mehr los! ›Immer deine – deine Frida Lämke‹ – ein Schmollen war in dem Brief gewesen, wahrscheinlich hat er sich zurückziehen wollen, aber – ›wenn du nicht kommst, komme ich zu dir‹ – o, die würde sich wohl hüten, ihn loszulassen, die hielt fest!

Käte glaubte nicht mehr daran, daß Frida Lämke nach Hause kommen würde. Es ging schon auf zwei Uhr: die Mutter log, die steckte vielleicht doch mit unter der Decke!

Aber jetzt fuhr Käte zusammen, ein Tritt ließ sich auf der Kellertreppe vernehmen, bei dem die Mutter erfreut sagte: »Das ’s Frida!«

Draußen trällerte ein Liedchen – nun ging die Tür auf.

Frida Lämke trug jetzt statt des kleinen Matrosenstrohhutes ein dunkles Pelzbarett auf den blonden Haaren; der Pelz war unecht, aber sie hatte ein paar Taubenflügel an der Seite stecken, und das Mützchen saß ihr schick über dem kecken Gesicht.

In höchster Erregung stand Käte; sie war aufgesprungen und sah das Mädchen an mit brennenden Augen. Da war sie – wahrhaftig – doch gekommen! Die war hier – aber Wolfgang, wo war der?! Sie schrie förmlich das Mädchen an: »Wissen Sie, wo mein Sohn ist – Wolfgang – Wolfgang Schlieben?!«

Der überraschten Frida rosiges Gesicht wurde blaß. Sie wollte etwas sagen, stotterte, stockte, biß sich dann auf die Lippen und wurde dunkelrot. »Woher soll ich das wissen? Ich weiß doch nicht!«

»Sie wissen es wohl! Lügen Sie doch nicht!« Mit Heftigkeit faßte die Frau Frida bei beiden Armen. Ins blonde Haar hätte sie ihr greifen mögen und beim Dranreißen laut schreien: ›Mein Junge! Gib mir meinen Jungen wieder!‹ Aber sie fand nicht die Kraft, diese schlanken Mädchenarme so lange zu schütteln und zu rütteln, bis ein Bekenntnis herausgezwungen war.

Die blauen Augen Fridas hatten sie ganz offen angesehen, vollständig freimütig, wenn auch eine leise Unruhe in dem Blicke lag. »Ich habe ihn lange nicht jesehen, jnädige Frau,« sagte Frida ehrlich. Und dann ward ihr Ton leiser, eine gewisse Besorgnis lag darin: »Sonst kam er wohl, aber jetzt kommt er jar nich mehr – nich wahr, Mutter?!«

Frau Lämke schüttelte den Kopf: »Nee, jar nich mehr!« Ihr war gar nicht recht wohl zumute, das kam ihr alles so seltsam vor: Frau Schlieben hier im Keller, und was wollte die denn von Frida?! Da ging was vor, da war was nicht richtig! Aber was auch immer sein mochte, ihre Frida war unschuldig, das mußte Frau Schlieben wissen! Und so faßte sie sich denn ein Herz: »Wenn Sie etwa jlauben, jnädige Frau, daß da meine Frida mittenmank is, da irren Se sich aber! Meine Frida jeht schonst lange mit dem Flebbe – Hans Flebbe, dem Sohn vom Kutscher, er is nu Matrialist – un überhaupt, Frida is ’n anständijet Mächen – was denken Sie wohl von meiner Tochter? Herrje, det ’s aber immer so, ’n Mächen aus unserm Stande, die kann ja nich anständig sein, nee!« Die gekränkte Mutter wurde jetzt geradezu ausfallend. »Meine Frida war ’ne sehr jute Freundin von Ihren Wolfjang, un ich bin ihn ja ooch janz jut – als ich in ’n Sommer so elend war, hat er mir doch fufzig Mark geschickt, daß ich konnte nach Fangschleuse ßiehn, drei Wochen, un mir erholen – aber nu soll er mir mal wieder kommen, ’raus schmeiß ich ihn, den Bengel!« In ihrer unbestimmten Angst, daß man ihrer Frida etwas nachsagen könnte, wurde ihr blasses Gesicht heiß und rot.

Frida flog auf sie zu und faßte sie mit einem Arm um die Schultern: »Ärjere dich doch nich, Mutter! Du sollst dich doch nich aufregen, sonst schlägt’s dir wieder auf ’n Magen!«

Frida wurde jetzt ganz energisch; ihre Mutter noch immer um die Schultern gefaßt haltend, drehte sie den blonden Kopf nach Frau Schlieben: »Jnädige Frau, da müssen Sie sich schon an ’ne andre Adresse wenden. Ich kann Ihnen nichts über Ihren Herrn Sohn sagen. Mutter un ich haben noch neulich drüber jesprochen, daß er nu jar nich mehr kommt. Un ich habe ihm noch jerade ’n Briefchen jeschrieben, er soll uns doch mal besuchen – weil ich ihn doch ewig nich jesehen hatte und – und – na, weil er doch sonst jerne mit mir zusammen war! Aber er hat mir jar nich drauf jeantwortet. Ich habe ihm doch nischt jetan! Er hat sich aber ebent sehr verändert!« Sie setzte eine altkluge Miene auf: »Jnädige Frau, ich jlaube, es wäre doch besser, wenn er noch bei Ihnen wohnte!«

Käte sah sie starr an: was ahnte die – was wußte die – wußte die überhaupt etwas?! Zweifel stiegen in ihr auf, und dann kam ihr die Gewißheit: dieses Mädchen hier war harmlos, sonst hätte es so nicht sprechen können! Die Abgefeimteste konnte so treuherzig nicht dreinblicken! Und sie gestand es ja auch ganz von selber offen ein, daß sie neulich an Wolfgang geschrieben hatte – nein, so schlecht war die hier nicht, eine andere mit blondem Haar mußte es sein! Aber wo war die zu suchen – wo, wo Wolfgang zu finden?!

Und die Hände wie abbittend gegen das Mädchen hebend, sagte sie in einem jammervollen Ton: »Aber wissen Sie denn gar nicht, haben Sie denn gar keine Ahnung, wo er hin sein könnte? Gestern waren es zwei Tage, daß er fort ist – verschwunden – ganz verschwunden, seine Wirtin weiß nicht, wohin!«

»Ganz fort – seit zwei Tagen schon?!« Frida riß die Augen weit auf.

»Ich sagte es Ihnen ja schon – darum frage ich Sie ja – er ist fort, ganz fort!«

Eine wilde Ungeduld kam über die Mutter, und zugleich die ganze Erkenntnis ihrer peinvollen Lage, sie schlug die Hände vors Gesicht und stöhnte laut auf.

Mutter und Tochter Lämke wechselten mitleidsvolle Blicke. Frida wurde blaß und rot, es war, als ob sich ihr etwas auf die Lippen drängen wollte, aber sie schwieg doch.

»Schlecht is er aber doch nich, nee, schlecht is er nich,« flüsterte Frau Lämke.

»Wer sagt, daß er schlecht ist?!« Käte fuhr auf, ließ die Hände vom Gesicht sinken; der ganze Gram langer Jahre und die ganze Hoffnungslosigkeit lag in ihrem Ton: »Verführt ist er, verirrt, – verloren, verloren!«

Frida weinte laut heraus: »Ach, sagen Sie das nich! Er findet sich schon wieder an, findet sich jewiß wieder an! Wenn ich nur –« sie stockte und zog die Stirn zusammen im Nachdenken – »sicher wüßte!«

»Helfen Sie mir! Ach, können Sie mir nicht helfen?!«

Frau Lämke schlug bei diesem ›Helfen Sie mir‹ der armen Frau die Hände zusammen und zitterte vor Erregtheit: wenn eine das an ihrem Kind erleben muß, an einem Kinde, das sie mit Schmerzen geboren hat! Allen Respekt außer acht lassend, wankte sie auf Käte zu und faßte deren kalte, schlaff herunterhängende Hand: »Jotte doch, es tut mir so leid, so schrecklich leid! Aber trösten Se sich man! Wissen Se, ’ne Mutter hat doch so ’ne Kraft, so was ganz Besonderes, ’n Kind verjißt ihr doch nie janz!« Und sie lächelte in einer gewissen Sicherheit.

»Er ist ja nicht mein Sohn – mein eigner Sohn nicht – ich bin ja gar nicht seine wirkliche Mutter!« Was Käte noch nie eingestanden hatte, jetzt gestand sie es ein. Die Angst preßte ihr’s heraus und die Hoffnung, daß diese Frau hier sagen würde: ›Auch solch eine Mutter wird nicht vergessen, sicher nicht!‹

Aber Frau Lämke sagte das nicht. Zweifelnd sah sie drein und schüttelte den Kopf: daran hatte sie eben für einen Augenblick gar nicht gedacht, daß die ja Wolfgangs richtige Mutter gar nicht war!

Trübes Schweigen war im Raum. Nur ein zitterndes Atmen war vernehmbar, bis endlich Frida, mit ihrer hellen Stimme die lähmende Stille durchbrechend, fragte: »Sind Sie denn heute auch schon bei der Wirtin jewesen?! Nee?!« Käte hatte stumm verneint. »Na, denn, jnädige Frau – gestern waren’s zwei Tage, sagen Sie? – denn kann er aber doch heute wieder jekommen sein! Man muß doch mal wieder nachfragen! Soll ich mal rasch hinjehn?!«

Und schon war sie an der Türe, hörte gar nicht, daß die Mutter ihr nachrief: »Frida, Frida, doch man erst ’n Happen essen, du hast ja noch jar nich Mittag jejessen!« sondern lief die Kellerstufen hinan in gutmütiger Hast und mitleidsvoller Teilnahme.

Käte lief hinter ihr drein. –

Aber sie erhielten in der Friedrichstraße keine andre Auskunft. Die Zimmer waren zwar geheizt, Staub gewischt, sogar der Frühstückstisch gedeckt, als sollte der junge Herr jeden Augenblick eintreten – die Wirtin erhoffte ein besonderes Lob ihrer Fürsorge –, aber der junge Herr war wieder nicht erschienen.

* *

*

Käte Schlieben war krank. Der Sanitätsrat zuckte die Achseln: da war nicht viel zu machen, es war eine vollständige Apathie. Wenn nur etwas käme und sie aufrüttelte, etwas, für das es ihr verlohnen würde, sich aufzuraffen, dann würde es schon wieder werden! Vorderhand verordnete er Kräftigungsmittel – der Puls war ja so schlecht – alle Stunden einen Teelöffel Puro, Fleischgelee, Eier, Milch, Austern und dergleichen.

Am Bett seiner Frau saß Schlieben, er war eben aus der Stadt nach Hause gekommen. Nun saß er da, den Kopf gesenkt, die Stirn in Falten gezogen.

»Noch immer nichts von ihm – was sagte die Frau – gar nichts von ihm?« hatte Käte eben mit verlöschender Stimme geflüstert.

Er sagte nur: »Wir werden uns nun doch an die Polizei wenden müssen!«

»Nein, nein, nicht an die Polizei! Ihn suchen lassen, wie einen Verbrecher?! Du bist schrecklich, Paul! Schweig doch, Paul!« Ihre anfänglich so schwache Stimme war fast schreiend geworden.

Er zuckte die Achseln: »Es wird uns nichts übrig bleiben,« und blickte bekümmert sie an und dann stumm vor sich nieder.

Ihm war, als könne er sein Unglück nicht übersehen, als sei das ganz unüberblickbar. Acht Tage waren es nun her, daß Wolfgang fort war – schrecklich, schrecklich, was dieser Mensch ihnen für Sorgen machte! Aber größere Sorgen machte ihm seine Frau. Wie sollte das enden?! Diese gesteigerte Nervosität war gefährlich; und dabei auch dieser Kräfteverfall! Käte war nie eine Riesin gewesen, aber nun wurde sie so dünn, so mager; in den acht Tagen war ihre Hand, die da so matt auf der Decke lag, geradezu durchsichtig geworden. Ach, und ihr Haar so grau!

Mit traurigen Blicken suchte der Ehemann im Gesicht seiner Frau die einstige Schönheit: zu viel Falten, zu viel eingegrabene Linien, Furchen, die der Pflug des Grams gezogen hatte! Er mußte weinen; das kam ihm doch zu hart an, sie so zu sehen. Den Kopf von ihr abwendend, beschattete er die Augen mit der Hand.

So saß er stumm und rührte sich nicht, und sie rührte sich auch nicht, lag, als ob sie schliefe.

Da klopfte es. Erschrocken sah Schlieben nach der Kranken hin: war sie nun gestört worden? Aber sie hob die Lider nicht.

Auf den Zehen ging er zur Tür und öffnete. Friedrich brachte die Post, allerhand Briefe und Zeitungen. Nur aus Gewohnheit griff Schlieben danach, es interessierte ihn jetzt alles so wenig. Die ersten paar Tage nach Wolfgangs Verschwinden hatte Käte immer gezittert, es möchte etwas von ihm in der Zeitung stehen, die schrecklichsten Befürchtungen hatten sie gequält; jetzt fragte sie nicht mehr. Aber nun zitterte der Mann tief im Innern, obgleich er sich selber hart zu machen strebte: was würde man noch erleben müssen?! Keine Zeitung faßte er an, ohne eine gewisse Scheu.

»Knittere doch nicht so unerträglich,« sagte die schwache Frau gereizt. Da erhob er sich, um aus dem Zimmer zu schleichen – es war besser, er ging, sie mochte seine Nähe nicht! Doch sein Blick fiel auf einen der Briefe. Was war denn das für eine unausgeschriebene, noch schulmäßige Handschrift? Wohl ein Bettelbrief? Er war an seine Frau gerichtet, aber sie machte ja jetzt keine Briefe auf; dazu drängte es ihn förmlich, diesen, gerade diesen Brief zu öffnen. Es war nicht Neugier, ihm war, als müsse er es tun.

Er öffnete den Brief, rascher, als es sonst seine Art war. Das hatte eine Frau geschrieben, ein Mädchen sicherlich – es waren ganz unausgeprägte, finzlige Buchstaben. Und das Bestreben war auffällig, die Handschrift zu verstellen.

›Wenn Sie was über Ihren Sohn erfahren wollen, müssen Sie Puttkammerstraße gehn, 140, und aufpassen, drei Treppen hoch im Hof, Seitenflügel links, wo Knappe an der Klingel steht. Da wohnt sie!‹

Eine Namensunterschrift war nicht vorhanden, nur: ›Eine gute Freundin‹ – stand darunter.

Schlieben hatte das Gefühl, als brenne ihm das Papier die Finger – geringes Papier, aber zartrosa und nach parfümierter, billiger Seife riechend – ein anonymer Brief, pfui! Was sollte ihnen der Wisch?! Schon wollte er ihn zusammenknittern, da rief Kätes Stimme vom Bett her: »Was hast du da, Paul? Einen Brief? Zeig mal her!«

Und als er sich ihr nur langsam, zögernd näherte, richtete sie sich auf und riß ihm den Brief aus der Hand. Sie las und schrie laut auf: »Den hat die Lämke geschrieben! Ich bin sicher, er ist von ihr. Sie wollte ihn ja suchen – und ihr Bruder, ihr Bräutigam – sie werden ihn gefunden haben! Puttkammerstraße – wo ist die? 140, da müssen wir hin! Gleich, sofort! Klingle dem Mädchen! Meine Schuhe, meine Sachen – ach, ich kann ja gar nichts finden! So klingle doch! Sie soll mich frisieren – ach, laß nur, ich kann ja schon alles allein!«

Sie war aus dem Bett gesprungen in zitternder Hast; nun saß sie schon vor dem Toilettentisch und kämmte selber ihr langes Haar. Es war verwirrt vom Bettliegen, aber sie riß den Kamm hindurch mit unbarmherziger Eile.

»Daß wir nicht zu spät kommen! Wir müssen uns eilen. Da ist er sicher, da ist er ganz sicher! Was stehst du noch und siehst mich so an? Mach dich doch fertig! Ich bin gleich fertig, wir können gleich gehen. Paul, lieber Paul, wir werden ihn da gewiß finden – o Gott!« Sie faßte um sich, von einem Schwindel der Schwäche ergriffen, aber ihr Wille überwand die Schwäche. Nun stand sie ganz fest auf den Füßen.

Niemand würde es glauben, daß sie eben noch wie eine ganz Hilflose dagelegen hatte! Schlieben wagte es nicht, ihr zu widerstreben: was sollte auch noch Schlimmeres kommen?! Schlimmer, als es jetzt gewesen war, konnte es nicht mehr werden, und wenigstens konnte sie ihm dann nicht mehr vorwerfen, er hätte den Jungen nicht lieb gehabt!

Als sie nach kaum einer halben Stunde den Wagen bestiegen, den Friedrich herbeitelephoniert hatte, war sie weniger blaß und sah weniger alt aus, als er.

5

Wenn Frida Lämke jetzt Wolfgang Schlieben begegnete, schlug sie die Augen nieder, und er tat, als sähe er sie nicht. Er war böse auf sie: verdammte kleine Krabbe, die ihn verraten hatte! Nur sie, sie allein konnte die Eltern auf seine Spur gehetzt haben! Wie hätten die sonst eine Ahnung gehabt? Er hätte sich prügeln mögen, daß er dieser Schlange einmal Andeutungen über seine Bekanntschaft in der Puttkammerstraße gemacht hatte. Die Frida mit ihrer Freundschaft, die sollte ihm noch mal von Freundschaft reden! Pah, Weiber überhaupt, die waren alle nichts wert!

Eine grimmige Weiberverachtung hatte den jungen Menschen gepackt. Er hätte ihnen allen am liebsten ins Gesicht gespieen – alles feile Kreaturen –, er kannte sie jetzt zur Genüge, ja bis zum Ekel!

Der noch nicht Neunzehnjährige fühlte sich müde und alt; seltsam müde. Wenn Wolfgang an die letztvergangene Zeit zurückdachte, kam sie ihm vor wie ein Traum; jetzt, da die Zimmer in der Friedrichstraße aufgegeben waren und er wieder bei den Eltern wohnte, jetzt sogar wie ein böser Traum. Und wenn er dann Frida Lämke begegnete – das ließ sich nicht vermeiden, nun er regelmäßig herein- und herausfuhr zu den Bureaustunden –, gab es ihm jedesmal einen Stich durchs Herz. Er grüßte sie nicht einmal, selbst dazu konnte er sich nicht überwinden.

Wenn er doch nur den Druck abschütteln könnte, den er auf sich fühlte! Sie taten ihm doch nichts – nein, sie waren sogar sehr gut –, aber er hatte doch immer das Gefühl, nur gelitten zu sein. Das reizte ihn und machte ihn zugleich traurig. Vorwürfe hatten sie ihm nicht gemacht, würden sie ihm wohl auch nicht machen, aber der Vater war stets ernst, zurückhaltend, und der Mutter Blick hatte geradezu etwas Quälendes. Ein krankhaftes Mißtrauen erfüllte ihn: warum sagten sie ihm nicht lieber, daß sie ihn verachteten?!

In Nächten, in denen Wolfgang nicht schlafen konnte, plagte ihn etwas, das fast Reue war. Dann klopfte sein Herz heftig, flatterte förmlich, er mußte sich im Bett aufsetzen – das Liegen konnte er nicht ertragen – und nach Atem ringen. Mit ängstlich aufgerissenen Augen stierte er dann ins Dunkel: ach, was war das für ein scheußlicher Zustand! Am Morgen, wenn der Anfall vorüber war – dieser ›moralische Kater‹, wie er ihn spöttisch benannte – ärgerte er sich über seine Sentimentalität. Was hatte er denn Schlimmes getan? Nichts andres, als was hundert andere junge Leute auch tun, nur daß die nicht so dumm waren wie er! Diese Frida, diese verwünschte Klätscherin! Er hätte sie erwürgen können.

Nach den schlechten Nächten war Wolfgang dann noch unliebenswürdiger, noch wortkarger, noch verdrossener, noch in sich verschlossener. Und noch elender sah er aus.

›Er ist reduziert!‹ sagte sich Schlieben. Er sagte es nicht zu seiner Frau – wozu die noch mehr aufregen? – denn daß sie sich beunruhigte, das zeigte ihm die Art, wie sie Wolfgang umsorgte. Nicht mit Worten, nicht mit Liebkosungen, die Zeiten waren vorbei; aber eine besondere Sorgfalt legte sie auf seine Ernährung, er wurde förmlich gepäppelt. Ein Mensch in seinen Jahren müßte doch ganz anders bei Kräften sein! Der Rücken schien nicht mehr so breit, die Brust nicht mehr so gewölbt, die schwarzen Augen lagen dunkel umrandet in ihren Höhlen. Die Haltung war schlecht, die Stimmung noch schlechter. Die Stimmung, ja die Stimmung! Die war die Wurzel alles Übels, aber da konnte keine Pflege helfen und auch kein Medikament. Der junge Mensch war eben unzufrieden mit sich, war’s ein Wunder?! Er schämte sich!

Und vor Schliebens Augen stand die Situation grausam deutlich, in der er ihn gefunden hatte.

Er hatte Käte unten warten lassen – sie hatte zwar durchaus mit hinaufgewollt, aber er hatte darauf bestanden, sie mußte unten auf dem Hof, auf diesem engen, dunklen Hof, der nach Moder und Müllstaub roch, stehen bleiben – war allein hinaufgegangen. Drei Treppen. Sie waren ihm unendlich steil vorgekommen, noch nie hatte ihm Treppensteigen so die Kniee angestrengt. Da stand ›Knappe‹. Er hatte an die Klingel gerührt – hei, wie fuhr er zusammen, als sie so schrillte. Was wollte er denn eigentlich hier?! Auf einen anonymen Brief hin drang er zu fremden Leuten ein, in eine fremde Wohnung, er, Paul Schlieben?! Das Blut stieg ihm zu Kopf – da hatte schon die Person geöffnet, in einem hellblauen Schlafrock, gar nicht mehr jung, aber üppig, mit gutmütigen Augen. Und er hatte einen eleganten Überzieher und einen feinen Filzhut im Entree hängen sehen beim Schein des erbärmlichen Küchenlämpchens, das den selbst am Mittag stockdunklen Flur erhellte, und erkannte in ihnen Wolfgangs Sachen. Also wirklich, er war hier?! Hier?! Der anonyme Brief log also doch nicht?!

Was er dann getan hatte, wußte er selber nicht mehr genau; er wußte nur, er war Geld losgeworden. Und dann hatte er den jungen Menschen beim Arm die Treppe hinuntergeführt, das heißt, mehr geschleppt als geführt. In halber Höhe schon war ihnen Käte entgegengekommen, es hatte ihr da unten zu lange gedauert, Kinder mit offenen Mäulern hatten sich um sie versammelt, und aus den Fenstern hatten Weiber auf sie herabgespäht. Sie war fast verzweifelt: warum blieb Paul denn so entsetzlich lange?! Sie hatte ja keine Ahnung, daß er den Sohn erst aus einem bleiernen Schlaf in einem unordentlichen Bett erwecken mußte. Das durfte sie auch nie, nie erfahren!

Nun hatten sie ihn wieder zu Hause, aber war’s eine Freude? Darauf mußte Schlieben sich, und wäre er noch so versöhnlich gestimmt gewesen, noch so vergebungsbereit, mit einem schroffen ›Nein‹ antworten. Hier erblühte ihnen keine Freude mehr. Vielleicht, daß sie später, ganz später, noch einmal welche an ihm erlebten! Vorerst war es das beste, daß der junge Mensch zum Militär kam!

Zum ersten April sollte Wolfgang eintreten, darauf setzte Schlieben die letzte Hoffnung.

Wolfgang hatte immer gewünscht, bei den Rathenower Husaren zu dienen, aber nach den letzten Erfahrungen hielt Schlieben es für angemessener, ihn ganz solide bei der Infanterie eintreten zu lassen.

Früher würde der Sohn heftigen Widerspruch erhoben haben – Kavallerie mußte es sein, auf jeden Fall – jetzt fiel ihm das gar nicht mehr ein. Wenn denn gedient sein mußte, war es ganz gleichgültig wo; er war todmüde. Er hatte nur den Wunsch, sich einmal ganz ausschlafen zu können. Kullrich war tot – gegen Weihnachten hatte der trauernde Vater ihm aus Görbersdorf die Anzeige geschickt – und er? Er hatte zu viele Nächte verbummelt. –

Es war ein Schlag für Schlieben, daß Wolfgang nicht zum Militär genommen wurde. ›Untauglich‹ – ein hartes Wort – und warum untauglich?!

›Schwerer Herzfehler –‹ die Eltern lasen’s mit Augen, die falsch zu lesen glaubten und es doch richtig lasen.

Wolfgang war sehr abgespannt von der Untersuchung nach Hause gekommen, aber er zeigte sich nun weiter nicht aufgeregt über seine Untauglichkeit. Er zeigte es nicht – aber ob er es nicht doch war?!

Der Sanitätsrat zwar, nachdem auch er ihn untersucht hatte, versuchte alles so tröstlich als möglich hinzustellen: »Herzfehler, lieber Gott, Herzfehler! Es gibt ja gar keinen Menschen, der ein ganz normales Herz hat! Wenn Sie sich ein bißchen danach halten, Wolfgang, und solide leben, können Sie steinalt werden!«

Der junge Mensch sagte kein Wort hierauf.

Schliebens überschütteten ihren Arzt mit Vorwürfen: warum hatte er ihnen das nicht längst gesagt? Er mußte das doch wissen! Warum hatte er sie so im unklaren gelassen?!

Hofmann verteidigte sich: hatte er denn nicht immer und immer wieder zur Vorsicht gemahnt?! Seit dem Scharlach damals hatte er für des Jungen Herz gefürchtet und das auch nicht verhehlt. Aber freilich, daß sich die Sache so schnell verschlimmern würde, hatte auch er nicht gedacht. Der Junge hatte eben zu sehr drauf los gelebt!

›Schwerer Herzfehler‹ – das war wie ein Todesurteil. Wolfgang streckte die Waffen. Auf einmal fühlte er nicht mehr die Kraft in sich, gegen diese nächtlichen Anfälle anzukämpfen. Was er früher, ehe er das wußte, ganz für sich allein in seinem Bett, selbst ohne Licht anzuzünden, abgemacht hatte, das trieb ihn jetzt auf die Füße. Es trieb ihn ans Fenster – er riß es auf – trieb ihn in der Stube umher, bis er endlich, völlig ermattet, im Lehnstuhl Ruhe fand. Das trieb ihn sogar, bei den Eltern anzuklopfen: »Schlaft ihr? Ich habe solche Angst! Wacht doch mit mir!«

Wochenlang waren es böse Nächte gewesen. Wolfgang hatte gelitten, und die Mutter mit ihm. Wie konnte sie schlafen, wenn sie wußte, daß nebenan jemand sich quälte?!

Nun ging es wieder besser. Die Medikamente des alten Freundes hatten gewirkt, und Wolfgang hatte eine regelrechte Kur durchgemacht: Bäder, Abreibungen, Massage, besondere Diät. Nun konnte man ganz zufrieden mit dem Erfolge sein. Besonders das streng geregelte Leben hatte ihm gut getan; das Körpergewicht hatte wieder zugenommen, sein Auge war glanzvoller, seine Gesichtsfarbe frischer. Sie hatten alle die größte Zuversicht – nur einer nicht. Dieser eine hatte eben keinen Willen zum Leben mehr. –

Der April war rauh und stürmisch, ganz außergewöhnlich kalt; es war nicht möglich, daß der Rekonvaleszent so viel im Freien sein konnte wie wünschenswert war, besonders da warmmachende Bewegungen, wie Tennis, Radfahren, Reiten, für ihn noch zu ermüdend waren. Der Arzt schlug vor, Wolfgang nach der Riviera zu schicken. Wenn auch dort nur noch ein paar Wochen blieben, bis es zu heiß wurde, die würden schon genügen.

Schlieben war sofort bereit, den jungen Mann reisen zu lassen: wenn’s ihm gut tat, nun natürlich! Käte erbot sich, mitzureisen.

»Aber warum denn, liebste Frau? Der Junge kann ganz gut allein reisen,« versicherte der Sanitätsrat.

Aber sie bestand darauf, sie wollte ihn begleiten. Jetzt war’s nicht mehr die Besorgnis, er könne ihr verloren gehen: es war ihre Pflicht so, sie mußte ihn begleiten, selbst wenn sie es nicht gern getan hätte. Und ein wenig eigne Lust, sich ganz heimlich, ihr selber unbewußt, in ihr regend, kam auch noch dazu. Sie wußte ja so gut Bescheid im Süden – wenn sie zum Beispiel nach Sestri gingen? Fragend sah sie ihren Mann an. Hatten sie nicht dort an der Riviera Levante einst wahrhaft glückliche Tage verlebt? Dort am blauen Meer, wo die breiten Pinien grüner und schattender stehen, als tiefer im Süden die Palmen, wo die Luft bei aller Milde etwas Herbes und Erfrischendes hat, wo nichts Schlaffes ist, lauter Belebung!

Er lächelte: gewiß, sie konnten ja dahin reisen! Ach, er freute sich ja so über den doch noch nicht gänzlich verlöschten Enthusiasmus seiner Frau.

Am Nachmittag seiner Abreise kramte Wolfgang lange in seinem Zimmer. Käte, die besorgt war, daß er sich beim Packen zu sehr anstrengen könnte, hatte ihm Friedrich zu Hilfe geschickt. Aber dieser kam bald wieder herunter: »Der junge Herr will’s alleine machen!«

Als Wolfgang das Letzte in seinen Koffer gelegt hatte, sah er sich nachdenklich im Zimmer um. Hier war er nun aufgewachsen, hier dieses Zimmer hatte er oft als einen Käfig betrachtet – ob er nun wieder in diesen zurückkehrte?!

– – Wir haben hie keine bleibende Statt, die zukünftige suchen wir – –

Drüben hing, schön gerahmt, sein Konfirmationsspruch an der Wand. Lange nicht gelesen. Jetzt las er ihn wieder; leicht lächelnd, ein bißchen spöttisch, und ein bißchen wehmütig. Ja, er würde wieder hier hinein zurückflattern, er war eben an den Käfig gewöhnt!

Und nun beschloß er, als allerletztes, noch etwas Übriges zu tun, und – zu Frida zu gehen. –

Frau Lämke war sprachlos vor Staunen, fast erschrocken, als sie gegen die Zeit, in der ihre Frida gewöhnlich nach Hause zu kommen pflegte, den jungen Herrn Schlieben bei sich eintreten sah. Sie stotterte vor Verlegenheit: »Nee, Frida is noch nich zu Hause – un Artur is auch nich hier – un Vater is oben in die Loge – aber wenn Sie so lange – so lange – bei mir vorlieb nehmen wollen!« Sie schob ihm mit großem Gerappel einen Stuhl hin.

Er rückte sich den Stuhl dicht an den Tisch heran, an dem sie genäht hatte. Nun saß er wieder hier wie einst. Und er entsann sich ganz deutlich jener ersten Einladung zu Lämkes – Fridas zehnter Geburtstag war’s gewesen –, da hatte er hier gesessen mit den Kindern, und der Kaffee und die Kuchenschnecken hatten ihm so köstlich geschmeckt.

Und eine Menge von Erinnerungen kamen ihm noch – lauter nette Erinnerungen – aber doch wollte kein rechtes Gespräch mehr zwischen ihm und Frau Lämke zustande kommen. Fühlte er eine Beklemmung vor dem Wiedersehen mit Frida? Oder was machte ihn so unruhig hier?! Ja, es war so, auch hier war er nicht mehr am Platze!

Es lag wie eine Trauer in seiner Stimme, als er, Mutter Lämke die Hand zum Abschied reichend, sagte: »Nun denn – adieu!«

»Na, verjniegte Erholung – auf Wiedersehen!«

Daraufhin nickte er und schüttelte ihr noch einmal die Hand, und dann ging er; er wollte lieber Frida entgegen gehen, das war besser als hier innen zu sitzen. Er hatte Herzklopfen. Da sah er sie schon auf sich zukommen.

Obgleich es dunkel war, die Beleuchtung nicht so taghell wie drinnen in der Stadt, erkannte er sie schon von weitem. Sie trug das gleiche Matrosenhütchen mit blauem Band wie im vorigen Sommer; das war zwar noch etwas verfrüht, aber es paßte zu ihr. So frühlingsfrisch!

Ein Gefühl quoll in Wolfgang auf, als sie vor ihm stand, das er sonst Frauenzimmern gegenüber nicht gekannt hatte: ein brüderliches Gefühl inniger Zärtlichkeit. Ach, sie hatte es doch wohl nur gut gemeint!

Stumm grüßte er, sie aber sagte froh: »Ach du, Wolfjang?!« und streckte ihm die Hand hin.

Wie früher schlenderte er neben ihr her; sie hatte unwillkürlich ihren Schritt verlangsamt. Sie wußte nicht recht, wie sie wieder mit ihm anfangen sollte, aber das glaubte sie zu fühlen: böse war er nicht mehr.

»Wir reisen morgen,« sagte er.

»Nanu, wohin denn?«

Und er erzählte ihr’s.

Mitten darin unterbrach sie ihn. »Bist du mir böse?« fragte sie ganz leise.

Er schüttelte verneinend den Kopf, aber weiter ging er nicht darauf ein.

Alles, was sie ihm sagen wollte, daß sie nicht anders gekonnt hätte, daß Hans ihn ›ausbaldowert‹, daß sie’s doch seiner Mutter versprochen und daß sie selber so große Angst um ihn gehabt hätte, unterblieb. Es war nicht nötig. Es war, als sei das Vergangene nun tot für ihn, als hätte er es ganz vergessen.

Als er dem interessiert zuhörenden Mädchen von der Riviera, wohin er nun reisen würde, erzählte, beschlich es ihn leise doch wieder wie neue Lebensfreudigkeit. Ah, nur heraus hier, heraus! Wenn er erst dort war, würde alles besser werden! Er machte sich noch kein rechtes Bild, wie es eigentlich dort sein würde; mit halbem Ohr nur, nein, gar nicht hatte er zugehört, wenn die Mutter ihm vom Süden gesprochen hatte, es war ihm ja alles ganz gleichgültig gewesen. Nun empfand er es selber wie eine Wohltat, daß er wieder Teilnahme hatte. Er atmete tief auf.

»Schickst du mir auch ’ne schöne Ansichtskarte von da?« bat sie.

»Natürlich, viele!« Und dann legte er den Arm um ihre schmalen Schultern und zog sie an sich.

Und sie ließ sich ziehen.

Auf offener Straße, an deren Rändern die Büsche schon knospten und der Flieder im ersten Safte schwoll, standen sie und hielten sich umfaßt.

»Komm jesund wieder,« schluchzte sie.

Und er küßte sie zart auf die Wange: »Frida, ich muß mich wirklich noch bei dir bedanken!« – – – – – – –

Als Frida am andern Morgen ins Geschäft ging – die Uhr war halb acht – sagte sie zur Mutter: »Nu is er fort,« und blieb nachdenklich den ganzen Tag. Lange Wochen hatte sie nicht mit Wolfgang gesprochen gehabt – da war es ihr auch ganz gleichgültig gewesen – aber seit gestern abend war ihr weh ums Herz. Sie dachte viel an ihn, sie konnte ihn gar nicht vergessen.

6

Käte war nun mit dem Sohn allein. Nun hatte sie ihn ganz für sich. Das, was sie früher in eifersüchtigem Ringen erstrebt hatte, nun war es ihr gegeben. Nicht einmal die Natur draußen, die mit so lockenden Augen in die Fenster sah, konnte ihn an sich ziehen. Es erstaunte sie – ja, nun verstimmte es sie fast – daß er nicht mehr Anteil zeigte. Sie fuhren durch die Schweiz – er sah sie zum ersten Mal – aber das, was sie beim ersten Anblick zu Tränen anbetender Bewunderung gerührt hatte, diese hohen Berge, deren Gipfel sich in Schnee und Wolken verloren, zwangen ihm kaum einen Blick ab. Dann und wann sah er wohl einmal zum Coupéfenster hinaus, aber meist lehnte er in seiner Ecke, las oder träumte mit offenen Augen vor sich hin.

»Bist du müde?«

»Nein,« sagte er; bloß ›nein‹, aber ohne die schroffe Kürze, die ihm sonst eigen gewesen war. Es war keine unliebenswürdige Ablehnung mehr in seinem Ton.

Mit besorgten Augen sah Käte den Sohn an: die Reise griff ihn doch wohl an? Es war gut, daß sie mit ihm war! Sie kam sich unentbehrlich vor, und das Gefühl innerer Genugtuung ließ die Anstrengungen der weiten Reise gar nicht empfinden.

In Mailand, wo sie einen Tag rasteten, wollte Wolfgang nicht viel vom Dom wissen. »Ja, großartig,« sagte er, als sie sich am Wunderbau begeisterte. Aber auf die Plattform, von der man heute bei dem hellen Wetter eine kolossale Rundsicht haben würde bis hin zu den fernen Alpen, wollte er nicht mit ihr hinauf. »Geh du allein, laß mich hier!«

Es kam ihr anfänglich komisch vor, daß sie, die alte Frau, hinaufsteigen sollte, während er, der junge Mann, unten blieb. Zuletzt konnte sie der Lust, die sie drängte, das früher schon einmal Genossene, Herrliche wieder neu aufleben zu sehen, doch nicht widerstehen. Sie löste sich die Karte zum Hinaufsteigen, und er klappte sich einen der Feldstühle auseinander, die zum Gebrauch in der weiten Leere des Riesendomes stehen, und ließ sich, den Rücken an eine Marmorsäule gelehnt, nieder.

Ah, hier ruhte sich’s gut! Nach dem Markt draußen mit seinem Gelärm und dem Geschwirr von Tönen und bunten Farben, umfing ihn hier die weihrauchdurchwürzte Dämmerung. Es störte ihn nicht, daß Türen auf- und zuklappten, daß Leute aus- und einzogen in Scharen. Daß hier ein Fremdenführer mit blecherner Stimme seinen Fremden die eingelernte Belehrung herleierte, ganz laut, nicht achtend, daß er dabei fast über die Füße derer stolperte, die auf niedrigen Bänkchen vor einem sitzenden Priester, flüsternd ihre Sünden bekannten. Daß dort einer die Messe zelebrierte – die Meßner knicksten und klingelten – während hier eine Köchin, das an den Beinen zusammengebundene Geflügel neben sich, mit einer Gevatterin schwatzte.

Das alles störte ihn nicht, er bemerkte es gar nicht. Die köstliche Dämmerung umfing seine Sinne, er wurde so schläfrig, so selig müde. Vor seinen verschwimmenden Blicken lächelten alle Heiligen, süße Marien und pausbackige Engelchen, die Amoretten glichen. Es wurde ihm wohlig hier. Der Mailänder Dom, dies Wunder der Welt, verlor seine befremdende Großartigkeit; die weiten Mauern rückten zusammen, wurden eng und traulich und umfaßten doch die Welt. Eine friedvolle Welt, in der Sünder niederknieen und als Reine auferstehen. Eine ungeheure Sehnsucht erfaßte Wolfgang, auch hier niederzuknieen. Ah, da war sie wieder, die Sehnsucht seiner Knabenjahre! Wie hatte er dazumal die Kirche, in die ihn das Mädchen Cilla geführt hatte, geliebt! Er liebte sie noch, er liebte sie wieder, er liebte sie heute mit noch sehnsüchtigerer Liebe als dazumal. Hier war er zu Haus, hier hatte er das warme Gefühl der Zugehörigkeit.

– ›Qui vivis et regnas in saecula saeculorum‹ – – hocherhoben strahlte die goldene Monstranz, tief neigten sich die Beter, seliger Wohlklang schwebte unterm hochgewölbten Kuppeldach, immer schöner, schöner – leise, leiser. Die Lider fielen ihm zu.

Und er sah Cilla. So frisch, so schön wie das Leben selber. O, wie wunderschön! So hatte sie sonst doch nicht ausgesehen?! Er war sich bewußt, daß er träumte, aber er war nicht imstande, den Traum abzuschütteln. Und sie kam ihm ganz nah – o, so nah! Und sie machte das Zeichen des Kreuzes über ihm – leise tönte Orgelmusik – horch, was sprach sie, was flüsterte sie über ihm?! Er wollte nach ihrer Hand greifen, sie befragen, da hörte er eine andre Stimme:

»Wolfgang, schläfst du?«

Kätes Hand hatte sich leise auf seine Hände gelegt, die er gefaltet auf den Knieen hielt. »Ich bin wohl lange oben geblieben? Du hast dich gelangweilt?«

»O nein, nein!« Er sagte es mit Enthusiasmus.

Sie gingen zusammen zum Dom hinaus, aus dem die Orgel hinter ihnen hertönte bis auf den Markt. Käte war ganz begeistert von der genossenen Fernsicht und merkte darüber nicht den heimlichen Glanz, der in Wolfgangs Augen war. Er war still und schien mit allem einverstanden.

Seine Art fing die Mutter fast an zu beängstigen. Das, was sie früher beglückt haben würde – ach, wie hatte sie sich in früheren Jahren nach einem gefügigeren Kinde gesehnt! – stimmte sie jetzt wehmütig. War er am Ende doch kränker, als sie alle ahnten?

Sie waren jetzt an der Küste angelangt, in Sestri. Das waren noch dieselben Pinien, unter denen sie vor achtzehn Jahren als jüngere Frau gesessen und gemalt hatte. Aber ein andres Hotel war seitdem entstanden, ein ganz deutsches: deutscher Wirt, deutsche Bedienung, deutsche Küche, deutsche Gesellschaft, aller Komfort, so, wie Deutsche ihn lieben. Käte hatte sich ganz zurückhalten wollen, nur für Wolfgang leben; nun war es ihr aber doch Bedürfnis, dann und wann mit diesem oder jenem zu plaudern, denn wenn sie auch mit Wolfgang zusammen war, allein fühlte sie sich doch. Was dachte er? Daß er etwas dachte, zeigten ihr seine Stirn und seine Augen; aber er sprach seine Gedanken nicht aus. War er verstimmt – heiter? Fröhlich – traurig? Reute ihn manches und grübelte er darüber nach – oder langweilte er sich hier?! Das alles wußte sie nicht.

Mit einem gewissen Eigensinn zog er sich von allen übrigen zurück. Vergebens ermunterte Käte ihn, mit jungen Mädchen, die einen Partner suchten, Tennis zu spielen; wenn er’s nicht übertrieb, durfte er das immerhin schon wagen. Auch zu Segelfahrten wurde er aufgefordert, aber der Sport schien ihm gleichgültig geworden zu sein.

Meist lag Wolfgang vorn auf der Mole, an deren felsiger Spitze sich das blaue Meer rastlos zu weißem Schaum zerpeitscht, sah hinüber nach der Küste der Ponente, die in rotviolettem Dufte schwimmt, oder blickte zurück nach den nackten Gipfeln der Apenninen, in deren Halbkreis sich die weißen und roten Häuser von Sestri schmiegen.

Wenn die Fischerboote mit schlaffen Segeln wie müde Vögel in den Hafen glitten, stand er auf und schlenderte langsam zum Anlegeplatz ihnen entgegen. Die Hände in den Hosentaschen stand er dann dabei und sah zu, was sie an Fischen ausluden. Viel Beute war es nicht. Dann zog er die Hände aus den Hosentaschen und gab den Fischern, was er an Geld bei sich hatte.

Wenn die Mutter gewußt hätte, was der Sohn dachte! Wenn sie geahnt hätte, daß seine Seele dahinflog mit müden Flügeln wie eine treibende Möwe über uferlosem Meer!

Wolfgang hatte Heimweh. Hier gefiel es ihm nicht. Hier war es viel zu weich, viel zu schön; das langweilte ihn. Nur die Pinien, die streng duftenden, gefielen ihm; die waren doch besser als die Kiefern im Grunewald. Aber Heimweh nach dem Grunewald hatte er eigentlich auch nicht. Es war eben immer dasselbe, ob hier, ob da, ihn quälte immer die Sehnsucht. Wonach – wohin?! Darüber grübelte er. Aber der Mutter hätte er es nicht sagen mögen, denn jetzt sah er’s, daß sie sich um ihn mühte. Und öfters, als er es sonst je in seinem Leben getan hatte, fand er jetzt ein herzliches Wort.

Also endlich, endlich doch! Käte sah ihn oft verstohlen von der Seite an: war das noch derselbe, der sich als Knabe trotzig gegen sie gestemmt, ihre Liebe abgewehrt hatte, all ihre große Liebe?! Dieser hier, dessen Anblick im Mailänder Dom sie so seltsam gerührt hatte, war das noch derselbe, der auf der Schwelle gelegen hatte, betrunken – pfui, so betrunken! Derselbe noch, der so gesunken war, so tief, daß er – ach, gar nicht mehr daran denken!

Käte wollte vergessen; ehrlich mühte sie sich darum. Neulich, als sie ihn im Dom gefunden hatte, an einer Säule sitzend, die Hände gefaltet, die Lider träumerisch geschlossen, da war er ihr so jung vorgekommen, noch rührend jung; seine Stirn war glatt gewesen, alles darauf wie weggewischt. Und sie mußte denken: ob man nicht doch zuviel von ihm verlangt hatte? War man ihm auch immer ganz gerecht geworden? Hatte man ihn so verstanden, wie man ihn hätte verstehen müssen?! In ihrer Seele stiegen Zweifel auf. Sie hatte sich immer für eine gute Mutter gehalten; seit jenem Tag im Dom war es ihr, als hätte sie etwas verfehlt. Was, konnte sie selber nicht sagen. Aber in die Genugtuung, daß der Sohn nun doch zu ihr kam, mischte sich Wehmut und ein reichlich Teil selbstquälerischen Schmerzes. Ah, nun war er ja gut, nun war er wenigstens annähernd so, wie sie sich ihn gewünscht hatte – weicher, lenksamer – aber nun – ach, was hatte sie nun?!

›Wolfgang macht mir doch Sorge,‹ schrieb sie an ihren Mann. ›Es ist so schön hier, aber er sieht es nicht. Mir ist oft bange!‹

Als Schlieben ihr angeboten hatte, auch mitzureisen – er hatte das getan, weil er wünschte, seiner Frau manches abzunehmen – hatte Käte fast ängstlich abgewehrt: nein, nein, es war durchaus nicht nötig! Sie wollte viel lieber mit Wolfgang allein sein, sie hielt es für ihn und für sich so viel ersprießlicher. Nun dachte sie doch viel an ihren Mann und schrieb ihm fast alle Tage. Und wenn es auch nur ein paar Zeilen auf einer Postkarte waren, sie fühlte das Bedürfnis, ein Wort mit ihm zu tauschen. Er, ja er würde es hier so schön finden, wie sie es schön fand! Wie sie es einst vereint schön gefunden hatten! Hier diesen Pfad über die Klippen waren sie einst zusammen geklettert, er hatte ihr die Hand gereicht, sie geführt, damit ihr nicht schwindelte, und mit einem Gefühl wonnigen Grausens hatte sie tief unter sich das blaue gläserne Meer gesehen und hoch über sich den grauen Felsenfirst mit den tiefgrünen Pinien, die das Blau des Himmels küßten. War sie denn in diesen achtzehn Jahren so alt geworden, daß sie sich diesen Pfad nicht mehr getraute zu gehen? Sie hatte es versucht, aber vergeblich, ein jäher Schwindel hatte sie erfaßt. Die Hand war eben nicht da, die sie so fest, so sicher gestützt hatte. Ach ja, damals waren es bessere Zeiten gewesen, glücklichere!

Käte vergaß ganz, daß sie damals etwas so heiß begehrt hatte, daß sie dadurch sich und ihm manche Stunde getrübt, jeden Genuß vergällt hatte. Jetzt sah sie über den Sohn weg, der neben ihr schlenderte, sah mit weichem Blick, in dem noch ein Strahl verlorener Jugend aufglänzte, in die Ferne – ihr guter Mann, er war so allein! Ob er an sie dachte, wie sie an ihn?!

Am Abend, als Wolfgang sich in sein Zimmer zurückgezogen hatte – was er da trieb, ob er noch aufsaß, las, schrieb oder sich schon niedergelegt hatte, wußte sie nicht – schrieb sie ihrem Mann.

Es war nicht die Länge und Ausführlichkeit des Briefes, die Schlieben so erfreuten – damals aus Franzensbad hatte sie ihm auch lange und ausführliche Briefe geschrieben – er las etwas zwischen den Zeilen. Das war ein unausgesprochener Wunsch, ein Verlangen, eine Sehnsucht nach ihm. Und er beschloß, nun doch noch nach dem Süden zu reisen: man hatte am Ende so lange Jahre miteinander gelebt, daß es wohl zu verstehen war, fühlte der eine Teil ohne den andern sich vereinsamt!

Mit tatkräftigem Eifer wickelte Schlieben seine laufenden Geschäfte ab. In acht Tagen spätestens hoffte er reisefertig zu sein. Aber nichts schreiben, ja nichts vorher schreiben, das sollte einmal eine Überraschung werden!

Die Mittagssonne in Sestri brannte heiß, aber die Zeit gegen Sonnenuntergang war noch, trotz aller leuchtenden Kraft, angenehm und erquickend. Da strömte jedes Kräutchen Wohlgeruch aus. So viel Balsam, so viel Köstlichkeit in dieser strömenden Duftfülle! Käte fühlte ihr Herz überfließen: Gott sei Dank, noch war sie nicht ganz zermürbt, noch nicht ganz verbraucht, noch besaß sie die Fähigkeit, Schönes zu empfinden! Wenn Paul jetzt hier wäre!

Ganz vorn, hoch oben am äußersten Vorsprung der Küste, umbrandet vom weißen Schaum des sehnsüchtigen Meeres, das gern hinauf möchte zu den Zypressen und Pinien, zu den Steineichen und Erdbeerbäumen, zu den vielen duftenden Rosen liegt der Garten eines reichen Marchese. Hier saßen Mutter und Sohn. Stumm sahen sie nach der Riesensonne, die rot, tief purpurn, dicht über dem Meere hing, das da strahlte in glanzvollem Widerschein, still-andächtig, erwartungsfeierlich in der heiligen Empfängnis des Lichts. Es war eine jener Stunden, jener wunderbaren seltenen Stunden, in denen auch das Stumme beredt wird, das Verschwiegene sich offenbart, in der die Steine schreien.

Käte schrak förmlich zusammen, als sie schaute und schaute: o, da war sie ja, dieselbe riesige rote Sonne, die sie einst hatte versinken sehen in den Wellen des wilden Venns!

Ach, daß ihr dieser Gedanke auch jetzt kommen mußte und sie quälen! Mit scheuer Besorgnis wendete sie rasch ihre Augen zu Wolfgang – wenn der’s ahnte?! Aber er saß ganz gleichgültig auf einem Stein, hatte die Beine übereinandergeschlagen, die Augen halb geschlossen. Von was träumte er?! Sie mußte ihn aufstören.

»Ist das nicht herrlich, großartig, erhaben?!«

»O ja!«

»Sie sinkt – sieh, wie sie sinkt!« Käte war aufgesprungen vom efeuumrankten Pinienstumpf, sie streckte den Finger aus, warm angestrahlt, ganz Begeisterung für dieses purpurne Meer, dieses glanzvolle Licht, das da in solcher Schönheit zu sterben ging. Die Augen wurden ihr naß; sie waren geblendet. Als sie wieder sah, fiel es ihr auf, daß Wolfgang sehr blaß war.

»Frierst du?« Eine plötzliche Kühle wehte vom Meer herauf.

»Nein! Aber ich –« er blickte sie, die dunklen Augen plötzlich groß aufmachend, fest an – »ich möchte was von meiner Mutter wissen. Jetzt kannst du reden – ich höre!«

»Von deiner – deiner –« sie stotterte, das kam ihr zu unerwartet. O weh, die Sonne, die Sonne des Venns! Jetzt hätte sie lieber geschwiegen, sie hatte auf einmal den früheren Mut nicht mehr.

Aber er drängte sie. »Erzähle!« Es lag etwas Gebieterisches in seinem Ton. »Wie heißt sie – wo wohnt sie – lebt sie noch?!«

Mit angstvollen Blicken sah Käte um sich. ›Lebt sie noch?‹ – darauf konnte sie nicht einmal antworten! Aber ja, ja, sicherlich – gewiß – die lebte ja ewig!

Und sie erzählte ihm alles. Erzählte ihm, wie sie ihn aus dem Venn fortgeschafft hatten, mit ihm geflohen waren wie mit einem Raub.

Sie wurde blaß und rot dabei und wieder blaß – o, wie würde er aufbrausen, sich leidenschaftlich erregen! Und ihr zürnen. Hatten sie sich doch nie mehr um seine Mutter gekümmert, seit sie das Venn verlassen hatten, nie mehr! Sie wußte ihm nichts weiter mehr zu erzählen.

Er fragte auch nicht mehr. Er brauste aber auch nicht auf, wie sie gefürchtet hatte; sie hätte es nicht nötig gehabt, sich, als er nun eine Weile stumm blieb, zu verteidigen, sich förmlich zu entschuldigen. Er sah sie freundlich an und sagte nur: »Du hast es gut gemeint, das glaube ich wohl!« –

Als sie vom Park die Treppenstufen zum Ort hinunterstiegen, bot er ihr den Arm. Scheinbar führte er sie, aber sie hatte doch die Empfindung, als sei er es, der der Stütze bedürfe; er ging schwankend. –

Hinter dem Garten des Marchese liegt der Kirchhof von Sestri. Die weißen Marmormonumente leuchteten durch das Abendgrau; gerade über die Parkmauer weg ragten noch die weißen Flügel eines Riesenengels. Käte blickte zurück: wehte es ihnen nicht von dorther nach wie eine Ahnung – oder war es eine Hoffnung?! Sie wußte nicht, ob Wolfgang so empfand wie sie, ob er überhaupt etwas empfand, aber sie drückte seinen Arm fester, und er erwiderte leise diesen Druck. –

In der Nacht nach jenem Abend im Garten der Villa Piuma hörte sie ihn unruhig in seinem Zimmer auf und nieder gehen. Eigentlich hatte sie sich vorgenommen, ihn sich selber zu überlassen – hatte sie sich doch früher allzuviel um ihn gekümmert – aber sie bedachte, daß er noch Patient sei und daß die innere Erregung, in die ihn ihre Erzählung versetzt haben mochte, ihm schaden könnte. Sie wollte bei ihm eintreten, aber seine Tür war verschlossen. Erst auf wiederholtes Klopfen, und als sie ihn inständig bat, ihr zu öffnen, schloß er auf.

»Was willst du?« Es war wieder etwas von dem alten abweisenden Klang in seiner Stimme.

Aber sie ließ sich nicht abschrecken. »Ich dachte, es wäre dir doch vielleicht lieb, noch – nun, noch darüber zu reden,« sagte sie weich.

»Was soll ich tun?!« Er rief’s, rang die Hände und ging wieder mit großen Schritten rastlos im Zimmer auf und ab. »Wenn mir nur einer sagen wollte, was ich jetzt tun soll! Aber das weiß ja keiner! Kann ja auch keiner wissen! Was soll ich tun – was soll ich tun?!«

Bestürzt stand Käte: ach, nun machte er sich solche Gedanken! Sie sah es, er hatte geweint. In sorgendem Mitgefühl hing sie sich an ihn. Was sie lange, ewig lange nicht getan hatte, sie küßte ihn. Und von seinem ›Was soll ich tun?‹ wie von einem gerechten Vorwurf im innersten Herzen erschüttert, bat sie zerknirscht: »Quäle dich nicht! Gräme dich nicht! Wenn du willst, reisen wir hin – wir suchen sie – wir finden sie gewiß!«

Aber er schüttelte den Kopf in heftiger Verneinung und stöhnte: »Das ist ja nun zu spät – viel zu spät! Was soll ich jetzt noch da? Dafür und hierfür« – er machte eine ablehnende Handbewegung – »für alles untauglich! Mutter, Mutter!« Käte mit beiden Armen umschlingend, fiel er schwer vor ihr nieder und preßte das Gesicht in ihr Kleid.

Sie fühlte sein Schluchzen am Zucken seines Körpers, am Krampfen seiner heißen Hände, die ihre Taille umklammerten.

»Wenn ich nur wüßte – meine Mutter – Mutter – ach, Mutter, was soll ich tun?!«

Jetzt weinte er laut heraus, und sie weinte mit ihm in mitleidsvoller Teilnahme. Wenn doch nur Paul hier wäre! Sie selber fand kein tröstendes Wort, sie fühlte sich selber so getroffen, sie glaubte an keine Tröstung mehr. Vor ihr stand eingegraben in großen Lettern, wie Inschriften stehen über Kirchhofstüren, die eine peinvolle, qualvolle Frage: ›Wie soll das enden?!‹

* *

*

Käte überlegte sich: sollte sie an ihren Mann schreiben: ›Komm!‹ –? Wolfgang war entschieden wieder nicht wohl. Er klagte nicht, er sagte nur, er könne nachts nicht schlafen, und das mache ihn so müde. Nun wußte sie nicht, war es seelisches Leiden, das ihm den Schlaf nahm, oder körperliches. Sie war in einer großen inneren Unruhe, aber sie verschob das Schreiben an ihren Mann doch noch. Warum sollte sie ihn herjagen, ihn die weite Reise machen lassen? Hier war doch nichts zu helfen! Daß sie ihn für sich, für sich selber herwünschte, das war ihr noch nicht klar. Sie unterließ sogar ein paar Tage das Schreiben an ihn ganz.

Wolfgang lag viel auf dem Ruhebett in seinem Zimmer, bei geschlossenen Läden; er las nicht einmal. Sie kam oft zu ihm herein, um ihm Gesellschaft zu leisten – er durfte sich nicht vereinsamt fühlen! – aber es schien ihr fast so, als bliebe er ebensogern allein.

Wenn sie nun über ihr Buch hinweg im Halbdunkel des Zimmers verstohlen nach ihm schaute, konnte sie doch wiederum gar nicht denken, daß er so krank sei. Es war wohl mehr die Unlust an sich selber, eine Schlaffheit des Wollens, die ihn auch körperlich so apathisch machte. Wenn sie ihn nur aufrütteln könnte! Sie schlug ihm alles mögliche vor: Wagenfahrten die Küste entlang, zu all den herrlich gelegenen Nachbarorten; Touren hinauf ins Gebirge – es war ja unbegreiflich schön, den höchsten Gipfeln der Apenninen so nah, hinabzublicken in die gesegneten Weintäler der cinque terre – Fahrten auf dem Golf, bei denen unterm regelmäßigen Ruderschlag geübter Schiffer das Schiffchen so sanft trägt, daß man kaum die Entfernung vom Lande merkt und doch bald weit draußen auf hoher See schwimmt, auf diesem himmlisch-blauen klaren Meer, dessen Hauch die Seele befreit. Wollte er nicht fischen – es gab ja so entzückende bunte Fischchen hier, die Signorinen und Trillien, die dumm-gefräßig auf jeden Köder beißen –, wollte er nicht auf Fischadler schießen? Sie quälte ihn förmlich.

Aber er wich ihr immer aus; er wollte nicht. »Ich bin heute wirklich zu müde!«

Da ließ sie den italienischen Arzt holen. Aber Wolfgang war ungehalten: was sollte ihm der Quacksalber? Er war so unliebenswürdig gegen den alten Mann, daß Käte sich förmlich schämte. Nun ließ sie ihn gewähren. Was sollte sie ihm denn Liebes tun, wenn er sich nicht Liebes tun lassen wollte?! Sie verzweifelte an ihm. Es drückte sie unsagbar nieder, daß auch die Reise hierher verfehlt schien – ja, sie war es, mit jedem Tage sah sie das mehr ein. Der Reiz der Neuheit, der ihn während der ersten Tage angeregt hatte, war verflogen; nun war’s wieder wie vordem. Noch schlimmer.

Denn nun schien ihm die Luft nicht mehr zu bekommen. Wenn sie zusammen spazierten, stand er oft still und schöpfte Atem, wie einer, dem das Atmen sauer wird. Es wurde ihr oft ganz ängstlich dabei: »Laß uns umkehren, dir ist wohl nicht gut?!« Aber diese Atembeschwerden gingen doch immer wieder so rasch vorüber, daß sie sich ihrer übertriebenen Fürsorge wegen, mit der sie sich viele Jahre vergällt hatte, schalt.

Aber in einer Nacht bekam er einen neuen Anfall, schlimmer als die andern Anfälle, die er schon zu Hause gehabt hatte.

Es mochte gegen Mitternacht sein, als Käte, die sanft schlief, eingewiegt vom steten Rauschen des Meeres, durch ein Pochen an der Tür, die ihre beiden Zimmer verband, aufgeschreckt wurde. Und durch ein Rufen: »Mutter, ach Mutter!« Jammerte da nicht ein Kind?! Schlaftrunken richtete sie sich auf – da erkannte sie seine Stimme.

»Wolfgang, ja, was ist dir?« Erschrocken warf sie ihren Morgenrock über, schlüpfte in die Samtschuhe, öffnete – da stand er vor ihrer Tür, im Hemde, auf bloßen Füßen, zitterte und stammelte: »Mir ist – so schlecht!« Sah sie mit angstvollen Augen flehend an und fiel, ehe sie noch zufassen konnte, ihn zu halten, schon um.

In ihrer Angst riß Käte fast die Klingel ab. Portier und Zimmermädchen kamen. »An meinen Mann, an meinen Mann depeschieren: ›Komm!‹ Rasch, sofort!«

Als der erschrockene Wirt auch erschien, legten sie den Kranken wieder auf sein zerwühltes Bett; der Portier stürmte zu Telegraphenamt und Arzt, das Zimmermädchen schluchzte. Der Hotelier eilte selber in seinen Keller, um vom ältesten Kognak, vom besten Champagner zu holen. Der junge Mensch tat ihnen allen so unbeschreiblich leid; er schien in einer tiefen Ohnmacht zu liegen.

Käte weinte nicht, wie die gutmütige Person, das Zimmermädchen, dem in einem fort die Tränen über die Backen liefen. Sie hatte zu vieles zu beachten, sie hatte ihre Pflicht zu tun bis zum Schluß. Zum Schluß – jetzt wußte sie’s. Es bedurfte nicht des Kopfschüttelns des Arztes, nicht seines geheimnisvollen Flüsterns mit dem Hotelier. Medikamente wurden aus der Apotheke gebracht; man bettete den Kopf des Erkrankten tiefer, die Füße höher, man machte Kampfereinspritzungen – das Herz ließ sich nicht mehr anpeitschen.

Käte verließ ihn nicht; sie stand dicht an seinem Bett. Glorreich hob sich eben draußen das goldene, unbesiegliche, ewige Licht aus den Wellen, da lallte er noch einmal etwas. Sie beugte sich dicht über ihn, so dicht, wie sie es einstmals über den schlafenden Knaben getan, da es sie gedrängt hatte, ihm Odem von ihrem Odem einzuhauchen, ihn für sich umzubilden, Leben aus ihrem Leben. Nun hatte sie diesen Wunsch nicht mehr. Nun gab sie ihn frei. Und wenn sie sich jetzt so nah zu ihm neigte, so hingebend an seinen Lippen hing, so war es nur, um seinen letzten Wunsch zu vernehmen.

»Mut–ter?!« Es klang so fragend. Weiter sagte er nichts mehr. Er öffnete nur noch einmal die Augen, sah suchend um sich, seufzte und verschied.

Von außen lachte die Sonne herein. Und die Frau, die jetzt am Fenster stand und mit trockenen Augen hinaus in den Glanz sah, in den erquickenden, herrlichen Morgen, der leuchtender war als einer je zuvor, fühlte sich bezwungen von der Kraft der Natur. Die war so groß, so erhaben, so unwiderstehlich – vor der Natur mußte sie sich bewundernd beugen, so umflort auch ihr Blick war. Lange, lange stand Käte sinnend: draußen war das Leben, hier innen war der Tod. Der Tod aber ist der Übel größtes nicht! Mit einem zitternden Aufseufzen wandte sie sich und trat zurück ans Bett: »Gott sei Dank!«

Nun sank sie vor dem Toten in die Kniee, faltete seine kalten Hände und küßte sie.

Sie hörte es nicht, daß leise angepocht wurde.

»Madame!« Das Zimmermädchen steckte den Kopf herein. Und hinter dem Zimmermädchen reckte sich ein Männerkopf.

»Madame!«

Käte hörte nicht.

»Hier ist jemand – der Herr – der Herr ist angekommen!«

»Mein Mann?!«

Schlieben hatte das Mädchen beiseite geschoben und war eingetreten, blaß, hastig, in höchster Erregung: seine Frau, seine arme Frau! Was hatte sie allein durchmachen müssen! Der Junge tot! Man hatte ihn unten damit empfangen, als er ahnungslos ankam, sie beim Morgenkaffee zu überraschen.

»Paul!« Es war ein Aufschrei seligster Überraschung, wahrer Erlösung. Von dem kalten Toten weg flüchtete sie in seine warmen Arme. »Paul, Paul – Wolfgang ist tot!« Nun fand sie Tränen. Nicht endenwollende, strömende und doch so wohltuende Tränen.

All die Bitterkeit schwamm mit ihnen weg, die sie gegen den Sohn in sich getragen hatte, als er noch lebend war. »Armer Junge – unser armer, lieber Junge!« Diese Tränen wuschen ihn rein, so rein, daß er wieder das kleine, unschuldige Jungchen wurde, das im blühenden Heidekraut gelegen und mit blanken Augen in die helle Sonne gelacht hatte. O, hätte sie ihn dagelassen! Diesen Vorwurf, den sie sich selber machen mußte, den wurde sie ja nie wieder los!

»Paul, Paul,« schluchzte sie auf. »Gott sei Dank, daß du da bist! Hast du’s geahnt? Ja, du hast es geahnt! Du weißt, wie schrecklich, wie furchtbar mir zumute ist!« Die gealterte Frau umschlang den gealterten Mann mit noch fast jugendlicher Inbrunst: »Wenn ich dich nicht hätte – ach, das Kind, das arme Kind!«

»Weine nicht so sehr!« Er wollte sie trösten, aber auch ihm liefen die Tränen über das gefurchte Gesicht. Da war er nun hergereist in fliegender Hast, von einer jähen Unruhe getrieben – ihre Briefe waren ja ausgeblieben! – er war gekommen, freudig, um sie zu überraschen, und nun fand er’s so hier?! Er rang nach Fassung.

»Hätt ich ihn dort gelassen – ach, hätt ich ihn dort gelassen!«

Schlieben fühlte seiner Käte die Qual, den Selbstvorwurf nach, aber er wies auf den Toten, dessen Gesicht über dem weißen Hemd seltsam verfeinert, fast edelschön, jung und glatt war und ganz friedvoll, und zog sie mit der andern Hand fester an sich. »Weine nicht! Du hast ihn doch eigentlich erst zum Menschen gemacht – das vergiß nicht!«

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