Drittes Buch
Reading edition
1
Die Uhren im Haus gingen schreckhaft laut. Man hörte sie durch die Stille der Nacht wie mahnende Stimmen.
O, wie rasend schnell jagte die Zeit hin! Eben war es noch Abend gewesen – eben Mitternacht – und nun schlug die Pendüle auf dem Kaminsims schon ein kurzes, helles, hartes Eins!
Mit einem Zusammenschaudern hob die einsame Frau die Hände an die Schläfen und preßte sie fest dagegen. Ah, wie es dadrinnen hämmerte, und wie sich Gedanken – quälende Gedanken – jagten, rasend schnell und rastlos wie das hastige Ticken der Uhren!
Alle schliefen im Haus. Der Diener, die Mädchen; auch ihr Mann – längst! Nur sie, sie allein hatte noch keinen Schlaf gefunden.
Und draußen schlief auch alles. Die Kiefern standen ums Haus, regungslos, und ihre dunklen Silhouetten, steif wie aus Pappe geschnitten, hoben sich scharf ab vom silbrigen Nachthimmel.
Kein Ruf, kein Fußtritt, kein Räderrollen, kein Singen, kein Lachen, nicht einmal ein Hundegekläff stieg auf aus der schlafenden Grunewaldkolonie. Nur wie ein leises Seufzen ging’s um die weiße Villa mit dem roten Dach und den grünen Läden.
Die Mutter, die auf ihren Sohn wartete, horchte auf: war da jemand?! Nein, es war das Nachtlüftchen, das dort die Äste der alten verknorrten Kiefer zu bewegen versuchte.
Käte Schlieben stand jetzt am Fenster – vorhin hatte sie es ungeduldig aufgerissen – nun beugte sie sich hinaus. Soweit ihr Auge reichte, war niemand zu sehen – gar niemand. Er kam noch immer nicht!
Zwei schlug die Uhr. Mit einem fast verzweifelten Blick sah sich die Frau nach dem Kamin um: o, diese quälende, diese unerträgliche Uhr! Es konnte nicht sein, sie mußte falsch gehen, es konnte nicht sein, daß es schon so spät war!
Käte hatte schon manchen Abend aufgesessen und auf Wolfgang gewartet, aber so lange wie heute war er noch nie ausgeblieben. Paul hatte nichts dagegen, wenn der Junge seine eignen Wege ging. ›Liebes Kind,‹ hatte er ja gesprochen, ›das kannst du nicht ändern. Lege dich hin und schlafe, das ist viel vernünftiger. Der Junge hat den Schlüssel, er wird schon wohlbehalten ins Haus kommen. Einen jungen Menschen in seinem Alter kannst du nicht mehr gängeln. Laß ihn – du verleidest ihm ja sonst unser Haus – laß ihn doch ruhig gehen!‹
Was Paul sich dachte! Freilich, er hatte ganz recht, gängeln durfte sie ihn nicht mehr! Das konnte sie auch gar nicht mehr – hatte sie nie gekonnt. Aber wie konnte sie sich ruhig zu Bett legen?! Schlafen würde sie ja doch nicht. Wo blieb er?! –
Käte war grau geworden. In den drei Jahren, die verstrichen waren seit des Sohnes Einsegnung, hatte sie sich äußerlich sehr verändert. Während Wolfgang in die Höhe wuchs, stark und sich breitete wie ein junger Baum, hatte ihre Gestalt sich geneigt wie eine Blume, die regenbeschwert ist oder welken will. Ihre feinen Züge waren dieselben geblieben, aber ihre Haut, die so lange eine fast mädchenzarte Glätte bewahrt hatte, war schlaffer geworden; ihre Augen sahen aus, als hätten sie viel geweint. Die Bekannten fanden Frau Schlieben recht gealtert.
Wenn sich Käte jetzt in dem Spiegel sah, hatte sie nicht mehr das freudige Erröten über die eigne wohlkonservierte Erscheinung; sie sah sich nicht gern mehr an. Es hatte ihr irgend etwas innerlich und äußerlich einen Ruck gegeben. Was das gewesen war, ahnte niemand. Schlieben freilich wußte es, aber er sprach mit seiner Frau nicht darüber: warum sie von neuem aufregen, alte Wunden wieder aufreißen?!
Er hütete sich wohl, noch einmal wieder auf jenen Konfirmationstag zurückzukommen. Es war auch bequemer so. Den Jungen hatte er freilich damals noch ordentlich vorgenommen, ihm in strengen Worten sein undankbares Verhalten klar gemacht und ein rücksichtsvolleres und besonders gegen die Mutter liebevolleres Benehmen von ihm verlangt. Und der junge Mensch, den sein Betragen wohl längst reuen mochte, hatte dagestanden wie ein armer Sünder, nichts hatte er gesagt, den gesenkten Blick nicht gehoben. Und als der Vater ihn zuletzt zur Mutter geführt hatte, hatte er sich führen lassen und sich von der Mutter, die ihn mit beiden Armen umschlang, umschlingen lassen. Sie hatte über ihm geweint und ihn dann geküßt.
Und dann war nie, nie mehr darüber geredet worden. –
Das weiße Haus mit seinem heiteren Grün und Rot, an dem und in dem immer wieder neue Verschönerungen und Verbesserungen vorgenommen wurden, fiel allen, die vorübergingen, als besonders anheimelnd auf. Die Sonntagsausflügler blieben am schmiedeeisernen Gitter stehen und bewunderten die Blumenfülle; im Sommer die hängenden Geranien der Balkons und die Pracht der edlen Rosenstöcke, im Winter die Azaleen und Kamelien hinterm dicken Glas des Wintergartens und die farbigen Primelreihen zwischen den Doppelfenstern und die frühen Hyazinthen und Tulpen. Die Dame in dem weichen Tuchkleid mit dem welligen grauen Scheitel und dem sanften Gesicht, auf dem es wie ein leicht-wehmütiges Lächeln lag, paßte gut zu dem Haus und zu den Blumen, zu dem ganzen Frieden. ›Entzückend,‹ sagten die Leute.
Wenn Wolfgang früher, als Junge, so etwas gehört hatte, hatte er den Bewunderern ein Fratze geschnitten: was gingen die Haus und Garten an, da war doch nichts daran zu bewundern?! Nun schmeichelte es ihm, wenn sie stehen blieben, wenn sie’s gar beneidenswert fanden. O ja, es war recht nett hier! Er fühlte sich.
Schlieben und Käte hatten nie einen besonderen Wert auf Geld gelegt, sie hatten ja immer genug gehabt, das gute Auskommen war ihnen einfach selbstverständlich; sie ahnten es gar nicht, daß der Sohn Wert auf den Reichtum legte. Wenn Wolfgang daran dachte, daß er einst in knabenhaftem Ungestüm das alles nicht geachtet hatte, fortgelaufen war in die Irre, ohne Geld, ohne Brot, mußte er lächeln: wie kindisch! Und wenn er bedachte, daß er einmal, als er doch schon älter geworden war und überlegen konnte, mit Ungestüm etwas verlangt hatte, das gleichbedeutend gewesen wäre mit Aufgabe all dessen, was sein Leben so bequem gestaltete, dann schüttelte er jetzt den Kopf: zu einfältig!
Es gewährte ihm eine gewisse Genugtuung, sich mit andern zu vergleichen. Kesselborn schwitzte noch in Prima – der sollte durchaus studieren, Theologie, womöglich wegen seines Adels Hofprediger werden – Lehmann mußte seinem Vater bei der Spedition helfen, trotz des Einjährigen, mit dem er abgegangen war, Möbelwagen karren! Und Kullrich – ach, Kullrich erst, der hatte die Schwindsucht! Wie seine Mutter. Trauriges Erbe das!
Ein halb geringschätziges, halb mitleidiges Lächeln zog Wolfgangs Mundwinkel herab, wenn er der Schulkameraden gedachte. Hieß das leben?! Ah, und leben, leben war so wunderschön!
Wolfgang hatte das Bewußtsein seiner Kraft: er konnte Bäume entwurzeln, Mauern, die sich ihm entgegenstellten, umpusten, als seien es Kartenblätter.
Es war nicht länger mehr mit ihm auf der Schule gegangen, seine Glieder und seine Neigungen hatten nicht mehr in die Schulbank hineingepaßt. Er bekam ja auch schon einen Schnurrbart! Wie ein schwarzer Schatten war der schon lange auf der Oberlippe zu ahnen gewesen; nun war er da, er war da! So ein fertiger Mensch konnte doch nicht mehr in Sekunda sitzen? Wozu auch, er sollte ja kein Gelehrter werden?! Mit der Reife für Prima war Wolfgang abgegangen.
Schlieben hatte die Absicht, ihn gleich nach Absolvierung der Schule ins Ausland zu schicken, noch für ein Jahr aufgegeben; erst wollte er ihn doch noch etwas unter Augen behalten. Nicht, daß er ihn etwa so ängstlich wie Käte zu hüten bestrebt war, aber der alte Sanitätsrat, der gute Freund, auf den er so viel gab, hatte ihn in einer vertraulichen Stunde, in der sie ganz allein, von niemandem gehört, beim Glase Wein saßen, gemahnt: »Hören Sie, Schlieben, nehmen Sie den Jungen doch lieber in acht! Ich würde ihn noch nicht so weit weggeben – er ist so jung. Und er ist ein Unband und – wissen Sie, bei dem, was er als Kind durchgemacht hat – hm, man kann doch nicht sagen, ob das Herz so mit standhält!«
»Warum nicht?« hatte Schlieben da betroffen gefragt, »Sie halten ihn also für krank?!«
»Nein, durchaus nicht!« Der Arzt war ordentlich ärgerlich geworden: gleich diese Übertreibung! »Wer sagt denn was von ›krank‹?! Aber drauf losgehen darf der Bursche doch nicht so. Na, und Jugend hat doch keine Tugend! Das wissen wir doch auch noch von unsrer Zeit her!«
Und beide Männer hatten sich zugenickt, waren heiter geworden und hatten gelacht.
Wolfgang bekam ein Reitpferd, ritt erst in der Bahn und dann täglich seine paar Stunden draußen. Der Vater hielt darauf, daß er nicht zu viel im Kontor saß: was ihm zum kaufmännischen Beruf not tat, würde er schon lernen, rechnen konnte er ja!
Die beiden Sozien, alte Junggesellen, waren entzückt von dem frischen Jungen, der mit der Reitgerte ins Bureau kam und auf dem Kontorbock hockte, als säße er auf einem Gaul.
Schlieben hörte keine Klagen über den Sohn; das ganze Personal, Leute, die ihre zehn, zwanzig Jahre in der Firma waren, alle gut eingeölte, tadellos funktionierende Maschinen, schnurrten um den jungen Menschen herum: das war doch der künftige Chef! Es ging alles glatt.
Beide Eheleute bekamen Komplimente über den Sohn zu hören: ›Ein famoser Mensch! Welche Frische!‹ »Er soll ja erst werden,« sagte Schlieben dann wohl, aber man merkte ihm doch eine gewisse innere Befriedigung an. Er hatte nicht diese peinliche Seelenunruhe wie seine Frau. Käte zog nur die Augenbrauen ein wenig höher und lächelte ein leicht zustimmendes, etwas wehmütiges Lächeln.
Sie konnte sich nicht mehr über den großen Menschen freuen, wie sie sich einst über das kleine Jungchen auf ihrem Schoß gefreut hatte. Ihr war, als sei ihr überhaupt die Fähigkeit zur Freude abhanden gekommen, langsam zwar, ganz allmählich, aber doch stetig, bis der letzte Rest dieser Fähigkeit auf einmal ausgerissen ward, mit der Wurzel, an einem Tag, in einer Stunde, in jenem unglückseligen Augenblick – ›ich will gehen, ich will an meine Mutter denken, wo ist sie?!‹ – seitdem! Sie wünschte ihm noch alles Beste auf Erden, aber sie war gleichgültiger geworden; müde. Er hatte sie zu schwer aufs Herz getreten, schwerer, als einst seine kleinen urkräftigen Füße auf ihren Schoß gestampft hatten. –
Mit einem tiefen Seufzer lehnte sich die einsam Wartende weiter zum Fenster hinaus. War das nicht unerhört, unverzeihlich von ihm, so spät nach Hause zu kommen?! Wußte er denn nicht, daß sie auf ihn wartete?!
In der Anwandlung eines Zornes, der ihr sonst selten kam, ballte sich ihre Hand, die sich auf den Fenstersims stützte, zur Faust. Sie war eine Närrin, auf ihn zu warten! War er nicht alt genug – achtzehn Jahre – brauchte er noch erwartet zu werden wie ein Knabe, der zum ersten Mal allein von einer Kindergesellschaft heimkommt?! Er hatte sich mit andern jungen Leuten in Berlin verabredet – weiß Gott, in welchem Nachtcafé sie jetzt herumbummelten!
Sie stieß mit dem Fuß auf. Ihr heißer Atem stieg wie ein Rauch in die kalte klare Frühlingsnacht, es fröstelte sie vor Überwachtheit und Unbehagen. Und Stunden fielen ihr ein, alle Stunden, die sie schon um ihn verwacht hatte, und eine große Bitterkeit quoll in ihr auf. Selbst ihre Zunge kostete Bitternis – das war Galle. Nein, sie fühlte jetzt nicht mehr die Liebe früherer Jahre! Damals, ja damals war – selbst wenn sie um ihn litt – noch Wonne dabei gewesen; jetzt fühlte sie nur dumpfen Groll. Warum hatte er sich in ihr Leben gedrängt?! O, wie war das früher so glatt, so sorgenlos, so – ja, so viel glücklicher gewesen?! Wie hatte er sie zerbrochen – würde sie sich je wieder aufrichten können?!
Nein! Ein hartes kurzes Nein. Und dann dachte sie an ihren Mann. Auch den hatte er ihr geraubt. Waren sie zwei nicht früher eins gewesen, ganz eins? Nun hatte sich dieser dritte dazwischen gedrängt, sie beide immer weiter und weiter voneinander geschoben – bis daß er hier ging, und sie da!
Ein jäher Schmerz stieg in der Grübelnden auf, ein erbarmungsvolles Mitleid mit sich selber trieb ihr die Tränen in die Augen; heiß tropften sie nieder auf die Hände, die sich auf dem kalten Steinsims ballten. Wenn er, wenn er doch nie in ihr Leben –
Da schreckte sie eine Hand, die ihre Schulter berührte, auf. Blitzschnell wendete sie sich: »Bist du endlich da?!«
»Ich bin’s,« sagte Schlieben. Er war aufgewacht, hatte sie nicht neben sich atmen hören und sich dann geärgert: wahrhaftig, da saß sie nun wieder unten und wartete auf den Jungen! Solch ein Unverstand! Und als er noch ein Weilchen gelegen und auf sie gewartet und sich geärgert hatte, warf er notdürftige Kleidung über, schlüpfte in die Morgenschuhe und tappte durchs nächtliche Haus. Ihn fröstelte, und er war schlechter Laune. Nicht genug, daß er aus dem besten Schlaf gestört war und daß sie morgen Migräne haben würde, nein, was noch schlimmer war, Wolfgang mußte es ja geradezu unleidlich finden, so beobachtet zu werden!
Es war natürlich, daß er mit ihr schalt. »Was ist denn Schlimmes dabei, wenn er einmal ein bißchen länger ausbleibt, ich bitte dich, Käte! Das ist ja rein lächerlich von dir! Ein bißchen bummeln, das hab ich auch als junger Mensch getan, und meine Mutter war, Gott sei’s gedankt, verständig genug, sich nicht darum zu kümmern. Komm, Käte, komm jetzt zu Bett!«
Sie wich zurück. »Ja – du!« sagte sie langsam, und er wußte nicht, wie sie’s meinte. Sie drehte ihm den Rücken und lehnte sich wieder zum Fenster hinaus.
Er stand noch einige wenige Augenblicke und wartete, aber als sie nicht mitkam, sich nicht einmal umwandte nach ihm, schüttelte er den Kopf: man mußte sie lassen, sie wurde eben geradezu wunderlich!
Schlaftrunken stieg er wieder allein die Treppe hinauf; er taumelte fast vor Müdigkeit, und die Glieder waren ihm schwer, und trotzdem war sein Denken klarer, unerbittlicher als am Tage, an dem so vieles rund umher ablenkt und zerstreut. Eine Sehnsucht stieg in dieser Stunde in ihm auf nach einer Frau, die seine alten Tage in sanftem Geleise ruhig und freundlich führen würde, deren Lächeln nicht nur Schein war wie das Lächeln auf Kätes Gesicht. Eine Frau, die mit dem Herzen lächelt, ach, leider, so eine war seine Käte nicht!
Mit einem Seufzen der Enttäuschung legte sich Schlieben wieder nieder und zog frierend die Decke hoch hinauf. Aber es dauerte lange, bis er einschlafen konnte. Wenn der Junge doch nur endlich käme! Heute dauerte es wirklich etwas lange! Solche Bummelei ging denn doch zu weit! –
Der Morgen graute, als eine Droschke langsam die Straße herunter zockelte. Vor der weißen Villa hielt sie an, und zwei Herren halfen einem dritten heraus. Die beiden, die den dritten unter den Armen gefaßt hielten, lachten, und der Kutscher auf dem Bock, der interessiert herunterguckte, lachte auch verschmitzt: »Soll ick helfen, meine Herren? Na, jeht’s?!«
Sie lehnten ihn gegen das Gitter, das den Vorgarten verschloß, tippten auf die Klingel, sprangen dann eilig wieder in den Wagen und schlugen den Schlag zu: »Los Kutscher, zurück!«
Die Klingel hatte nur einen leisen vibrierenden Ton von sich gegeben – wie einen bangen Hauch – Käte hatte ihn gehört, obgleich sie im Sessel eingeschlafen war; nicht fest, es war mehr ein hindämmerndes Versinken gewesen. Nun sprang sie erschrocken auf, es gellte ihr in den Ohren. Rasch ans Fenster! Draußen am Gitter lehnte jemand. Wolfgang –?! Ja, ja, er war’s! Aber warum schloß er denn nicht auf und kam herein?!
Was war ihm denn passiert?! Es war ihr auf einmal, als müßte sie um Hilfe rufen: Friedrich! Paul! Paul! Nach den Mädchen klingeln. Es war ihm etwas geschehen, es mußte ihm etwas geschehen sein, – warum kam er denn nicht herein?!
Er lehnte da so schwer gegen das Gitter. Ganz seltsam! Der Kopf hing ihm auf der Brust, der Hut saß ihm im Nacken. War er krank?!
Oder hatten ihn Strolche angefallen?! Die abenteuerlichsten Ideen schossen ihr plötzlich durch den Kopf. War er verletzt? Herrgott, was war ihm denn widerfahren?!
Befürchtungen, über die sie sonst gelächelt haben würde, kamen ihr jetzt zu dieser Stunde, in der es nicht Nacht mehr war, und doch auch noch nicht Tag. Ihre Füße waren kalt und steif, wie erfroren, kaum kam sie bis zur Haustür; den Schlüssel konnte sie erst nicht finden, und als ihre zitternden Hände ihn ins Schloß stießen, brachten sie ihn nicht herum. Sie war so ungeschickt in ihrer Hast, so sinnlos in ihrer Angst: etwas Furchtbares mußte geschehen sein! Ein Unglück! Sie fühlte das.
Endlich, endlich! Der Schlüssel ließ sich endlich drehen. Und nun stürzte sie durch den Vorgarten ans Gittertürchen; eine eisige Morgenluft schlug ihr entgegen wie Winterhauch. Sie drückte das Gitter auf: »Wolfgang!«
Er gab keine Antwort. Sein Gesicht konnte sie so nicht recht sehen; er stand unbeweglich.
Sie faßte seine Hand: »Um Gottes willen, was ist dir denn?!«
Er rührte sich nicht.
»Wolfgang! Wolfgang!« Sie rüttelte ihn in höchster Angst; da fiel er so schwer gegen sie, daß er sie beinahe umgestoßen hätte und stammelte, lallte wie ein Blöder, dessen schwerer Zunge man etwas eingelernt hat: »Par–don!«
Sie mußte ihn führen. Sein Atem, ganz voll Alkoholdunst wehte sie an. Ein ungeheurer Ekel, schrecklicher noch als die Angst vorher, packte sie. Das war das Furchtbare, das sie erwartet hatte –, nein, das war noch furchtbarer, noch unerträglicher! Er war ja betrunken, betrunken! So mußte ›betrunken‹ sein!
In ihre Nähe war noch nie ein Betrunkener gekommen; nun hatte sie einen dicht bei sich. Ein Entsetzen schüttelte sie, daß ihr die Zähne aufeinander schlugen. O pfui, pfui, wie ekelhaft, wie gemein! Wie niedrig erschien er ihr, und sie selber wie miterniedrigt. Das war ihr Wolfgang nicht mehr, ihr Kind, das sie an Sohnes Statt angenommen hatte! Dies hier war ein ganz gewöhnlicher, ein ganz gemeiner Mensch von der Straße, mit dem sie nichts, aber auch gar nichts mehr zu schaffen hatte!
Hastig wollte sie ihn von sich schieben, ins Haus eilen, die Tür hinter sich schließen – mochte er sehen, was er machte! Aber er hielt sie fest. Seinen Arm hatte er schwer um ihren Nacken gelegt, er drückte sie fast nieder; so zwang er sie, ihn zu führen.
Und widerwillig, mit innerem verzweifeltem Aufbäumen und doch bezwungen, führte sie ihn. Sie konnte ihn doch nicht aufgeben, dem Gespött der Dienstboten preisgeben, dem Gelächter der Straße! Wenn ihn jemand so sähe?! Wie lange noch, und die ersten Menschen kamen vorüber, die Milchjungen, die Bäckermädchen, die Straßenarbeiter und die frühen Karlsbadtrinker. Um Gottes willen, wenn jemand eine Ahnung davon bekäme, wie tief er gesunken war!
»Stütze dich, stütze dich fest,« sagte sie mit zitternder Stimme. »Nimm dich zusammen – so!« Sie brach fast unter ihm zusammen, aber sie erhielt ihn auf den Füßen. Er war so betrunken, er wußte nicht, was er tat, er wollte sich durchaus vor der Schwelle niederlegen, platt auf die Steinstufen. Aber sie riß ihn auf.
»Du mußt – du mußt,« sagte sie, und er folgte ihr wie ein Kind. ›Wie ein Hund‹ dachte sie.
Nun hatte sie ihn in der Vorderhalle – die Haustür war wieder verschlossen – aber nun kam die Angst vor der Dienerschaft. Noch war diese nicht auf, aber nicht lange mehr, und Friedrich tappte auf Lederpantoffeln von der Gärtnerwohnung herüber, und die Mädchen kamen aus ihren Mansarden herunter, das Fegen und Aufräumen fing an, das Öffnen der Fenster, das Hochziehen der Jalousieen, daß Helle – grausame Helle – in jeden Winkel drang. Sie mußte ihn die Treppe hinauf bekommen, in sein Zimmer, ohne daß jemand etwas ahnte, ohne daß sie einen Menschen zu Hilfe rief!
Einen Augenblick hatte sie an ihren Mann gedacht –, aber nein, auch den nicht, kein Mensch durfte ihn so sehen! Mit einer Kraft, die sie sich selber nicht zugetraut hätte, half sie ihm hinauf; sie lud ihn sich förmlich auf. Und sie flehte ihn an dabei, immer flüsternd, aber mit hartnäckiger Eindringlichkeit: »Leise, leise!« Sie mußte ihm schmeicheln, sonst ging er nicht weiter: »Leise, Wölfchen! Geh, geh, Wölfchen – so ist’s schön, Wölfchen!«
Es war eine Höllenqual. Er stolperte und polterte; bei jedem Anstoßen seines Fußes an die Treppenstufen, bei jedem Knarren des Geländers unter seiner dagegensinkenden Hilflosigkeit, fuhr sie zusammen, und ein banger Schreck lähmte sie fast. Wenn jemand das hörte, wenn jemand das hörte! Aber weiter, voran!
»Leise, Wölfchen, ganz leise!« Es klang wie eine Bitte und war doch ein Befehl. Wie er sie vordem bezwungen hatte, mit seinem schweren Arm, so zwang sie ihn jetzt mit ihrem Willen.
Alle im Hause mußten taub sein, daß sie diesen Lärm nicht hörten! Der Frau klang jeder Tritt wie ein Donnergepolter, das sich im weiten Raum mit Rollen fortsetzt und bis in den fernsten Winkel hallt. Paul mußte auch taub sein! Sie kamen an seiner Tür vorüber; gerade am Schlafzimmer der Eltern blieb der Trunkene stehen, er wollte durchaus nicht weiter – da hinein – nicht einen Schritt mehr weiter! Sie mußte ihn locken, wie sie einst das Kindchen gelockt hatte, das süße Kindchen mit den blanken Beerenaugen, das vom Stühlchen aus noch weiter bis zum nächsten Halt laufen sollte. »Komm, Wölfchen, komm!« Und sie brachte ihn glücklich vorüber.
Nun waren sie endlich in seinem Zimmer. »Gott sei Dank, Gott sei Dank,« stammelte sie, als sie ihn auf dem Bett hatte. Sie war so blaß wie er, dessen blödes Gesicht immer fahler und fahler wurde im sich hellenden Morgengrau. Hier – hier – ach, das war derselbe Raum, in dem sie einst vor vielen Jahren – unendlich lange war’s her! – um des Kindes teures, geliebtes Leben mit Angst und Zittern gerungen hatte, vor der Allmacht Gottes gekrochen war wie ein Wurm: nur leben, Gott, laß ihn nur leben! Ach, wäre er damals lieber gestorben!
Wie ein Pfeil, aus allzu straffem Bogen geschnellt, blitzschnell dahinschwirrt, so durchschwirrte das ihren Sinn. Der Gedanke war ihr schrecklich, sie verzieh ihn sich nicht, aber sie konnte sich seiner nicht erwehren. Mit bebenden Knieen stand sie, entsetzt ob der eignen Herzlosigkeit, und dachte doch: wäre er damals lieber gestorben, besser wär’s gewesen! Hier – hier, das war dasselbe Zimmer noch, in dem sie dem Heranwachsenden die Einsegnungskleider anprobiert hatte! Nun zog sie dem Erwachsenen die Kleider aus; zerrte ihm den Smoking ab, die eleganten Beinkleider – so gut es eben ging bei seiner nun völligen Bewußtlosigkeit – und schnürte ihm die Lackschuhe auf.
Wo war er gewesen?! Ein Geruch von Zigaretten und Parfüm und Weinneigendunst strömte von ihm aus; es benahm ihr fast den Atem. Da hing derselbe Spiegel noch, in dem sie neben ihrem hellen weichen Frauengesicht das bräunliche Knabengesicht gesehen hatte, frisch und rundwangig, ein wenig derb, ein wenig trotzig, aber doch so hübsch in seiner Kernigkeit, so lieb in seiner Unschuld. Und jetzt –?!
Ihr Blick streifte das fahle Gesicht, aus dessem offenem Munde der dunstige Atem mit Schnarchen und Röcheln ging, und sah dann im Spiegel ihr eignes verängstetes, überwachtes Antlitz, in dem alle Weichheit sich verschärft hatte zu harten, vergrämten Linien. Ein Schauer durchrieselte sie; mit ihrer kalten Hand strich sie sich die grauen, verwirrten Strähnen aus der Stirn, ihre Augen zwinkerten, als wollte sie weinen. Aber sie zwang die Tränen nieder: nun durfte sie nicht mehr weinen, die Zeit war vorbei!
Sie stand noch eine Weile mitten im Zimmer, regungslos mit angehaltenem Atem, die überanstrengten Arme schlaff herunterhängen lassend; dann schlich sie auf Zehen zur Tür. Er schlief ganz fest. Von außen verschloß sie die Tür und steckte den Schlüssel in ihre Tasche – niemand durfte hinein!
Sollte sie sich nun noch zu Bette legen? Schlafen konnte sie ja doch nicht – o Gott, die innere Unrast war so groß, – aber sie mußte sich niederlegen, ja, sie mußte das, was sollten sonst die Mädchen denken und Paul?! Mußte dann aufstehen wie alle Tage, sich waschen, ankleiden, am Frühstückstisch sitzen, essen, sprechen, lächeln, wie alle Tage, als sei nichts, gar nichts geschehen. Und doch war ihr so viel geschehen!
Sie fühlte eine trostlose Vereinsamung, als sie neben ihrem Mann im Bette lag. Da war ja niemand, dem sie klagen konnte. Hatte Paul sie schon früher nicht verstanden, jetzt würde er sie erst recht nicht verstehen; er war ja so ganz anders geworden mit der Zeit. Und war er nicht jetzt noch dazu blind vernarrt in den Jungen? Merkwürdig, früher, als sie den Knaben so geliebt hatte, war’s immer zu viel der Liebe gewesen – wie oft hatte er ihr deswegen Vorwürfe gemacht – und jetzt, jetzt – nein, sie verstanden sich eben nicht mehr! Sie mußte allein durch, ganz allein!
Als Käte die ersten Geräusche im Hause hörte, wäre sie gerne aufgestanden, aber sie zwang sich noch, liegen zu bleiben: es würde den Leuten auffallen, sie so früh zu sehen. Aber eine furchtbare Angst quälte sie: wenn der Mensch – jener – dort drüben in seinem Rausch nun aufwachte, Lärm schlug, an die verschlossene Tür polterte?! Was sollte sie dann sagen, um ihn zu entschuldigen, was machen?! Fiebernd vor Unruhe lag sie im Bett. Endlich war es ihre gewohnte Aufstehenszeit.
»Der Junge ist wohl schrecklich spät nach Hause gekommen,« fragte Paul beim Frühstück. »Wohl vielmehr früh? Was?«
»O nein! Gleich nachdem du heraufgegangen warst!«
»So? Ich habe aber noch eine ganze Weile wach gelegen!«
Er hatte es leichthin gesagt, ohne jeden Argwohn, aber sie bekam doch einen Schrecken. »Wir – wir – er hat mir noch eine ganze Weile erzählt,« brachte sie stockend heraus.
»Töricht,« sagte er, weiter nichts und schüttelte den Kopf.
O, es war doch schwer, zu lügen! In welche Lage brachte Wolfgang sie!
Als Schlieben zur Stadt gefahren war, die Köchin unten im Souterrain wirtschaftete und Friedrich im Garten, belauerte Käte das Hausmädchen: wie lange brauchte das denn heute im Schlafzimmer? Scharf sagte sie: »Sie müssen rascher hier oben aufräumen, Sie sind ja über die Maßen langsam!«
Ganz verwundert über den ungewohnten Ton sah die Dienerin ihre Herrin an und sagte nachher unten zur Köchin: »Hu, ist die Gnäd’ge heute schlechter Laune, hat die mich gehetzt!«
Käte hatte dabei gestanden, bis das Aufräumen des Schlafzimmers beendet war, sie hatte das Mädchen förmlich gejagt. Nun war sie allein, ganz allein mit ihm hier oben, nun konnte sie sehen, was mit ihm war!
Würde er noch betrunken sein?! Als sie vor seiner Türe stand, hielt sie den Atem an; das Ohr geneigt, lauschte sie. Drinnen war nichts zu hören, nicht einmal ein Atemzug. Wie ein Dieb, sich scheu umblickend, schloß sie auf und schlich hinein, hinter sich wieder zuschließend. Vorsichtig, leise trat sie auf das Bett zu; doch so hastig fuhr sie zurück, daß der hochlehnige Stuhl, an den sie stieß, mit Gepolter umstürzte. Was war das – da – was?!
Ein ekler Dunst, der die geschlossene Stube erfüllte, reizte sie zur Übelkeit; zum Fenster taumelnd, riß sie es auf, stieß den Laden zurück – da sah sie. Da lag er wie ein Tier – er, der sorgsam Gewöhnte, er, der als Kind seine kleinen Hände ausgestreckt hatte, klebte nur ein Krümchen daran: ›Sauber putzen!‹ und geweint hatte dabei. Jetzt lag er da, als merkte er nichts, als ginge ihn das um ihn her nichts an, als ruhte er in lauter Reinheit; hielt die Augen, deren kohlschwarze Wimpern wie Schatten auf die bleichen Wangen fielen, fest geschlossen und schlief den Schlaf bleischwerer Müdigkeit.
Sie wußte nicht, was sie tat. Sie hob die Hand, um ihn ins Gesicht zu schlagen, ihm ein Wort zuzurufen, ein heftiges Wort des Ekels und Abscheus; sie fühlte, wie ihr der Speichel im Munde zusammenlief, wie es sie drängte, auszuspeien. Das war zu schrecklich, zu schmutzig, zu entsetzlich!
Durchs offene Fenster drang ein Strom von Licht herein, von Licht und Sonne; eine Amsel sang, voll und rein. Da war Sonne, da war Schönheit, aber hier, hier –?! Wimmernd hätte sie ihr Antlitz verhüllen mögen, davonlaufen und sich verbergen. Aber wer sollte dann hier tun, was zu tun nötig war, wer Ordnung schaffen und Reinlichkeit?! Der umgestürzte Stuhl, die hastig abgezogene Kleidung, der widrige Dunst – ach, all das mahnte nur zu deutlich an eine wüste Nacht. Das durfte nicht so bleiben. Und wenn sie ihn auch nicht mehr liebte – nein, nein, keine Stimme in ihrem Herzen sprach mehr von Liebe! – der Stolz gebot ihr, sich nicht vor den Dienstboten zu demütigen. Beiseite schaffen, niemanden etwas davon merken lassen, rasch, rasch!
Die Zähne zusammenbeißend, den Ekel zurückdrängend, der ihr immer wieder und wieder würgend aufstieg, fing Käte an, zu waschen, zu reiben, zu putzen, holte sich immer wieder Wasser, den Krug voll, einen ganzen Eimer voll. Heimlich mußte sie es tun, auf Zehen über den Gang schleichen. O weh, wie das plätscherte, mit welchem Geräusch das Wasser aus dem aufgedrehten Hahn in den untergehalten Eimer schoß! Daß nur niemand, niemand etwas merkte!
Sie hatte ein Scheuertuch gefunden, und, was sie in ihrem Leben noch nie getan hatte, nun tat sie’s: sie lag wie eine Magd auf den Knieen und wischte den Boden ab und rutschte vor dem Bett herum, bis unters Bett, und reckte die Arme lang und streckte und dehnte sich, um nur ja jeden Winkel zu erreichen. Nichts durfte vergessen werden, alles mußte überschwemmt werden mit frischem, reinem, erlösendem Wasser. Es kam ihr alles im Raum beschmutzt vor – wie beleidigt und erniedrigt – die Dielen, die Möbel, die Wände; am liebsten hätte sie auch die Tapeten abgewaschen oder sie ganz heruntergerissen, diese schönen, tieffarbenen Tapeten.
So hatte sie noch nie in ihrem Leben gearbeitet; der Schweiß der Anstrengung und der Angst klebte ihr das elegante Morgenkleid mit dem Seideneinsatz und den Spitzen an den Körper. An den Knieen zeigte der Rock dunkle Flecke vom Rutschen im Naß, der Saum der Schleppe war tief ins Wasser getunkt; unordentlich hingen ihre Haare, sie hatten sich gelöst und zausten um das erhitzte Gesicht. Kein Mensch hätte so Frau Schlieben erkannt.
Gott sei Dank, endlich! Mit einem Seufzer der Erleichterung sah Käte sich um; eine andre Luft herrschte nun im Zimmer. Der frische Wind, der hereinwehte, hatte alles geklärt. Nur er, er paßte noch nicht in die Reinheit! Seine Stirn war voll klebrigen Schweißes, seine Wangen erdfahl, seine Lippen geschwollen, geborsten, sein Haar borstig, sich sträubend in Büscheln. Da wusch sie auch ihn, kühlte seine Stirn und trocknete sie, rieb seine Wangen mit Seife und Schwamm, holte Bürste und Kamm, kämmte und glättete sein Haupt, lief hurtig hinüber in ihr Zimmer, brachte das Toilettenwasser von ihrem Tisch und ließ es über ihn hinsprühen. Nun noch die Decke frisch bezogen! Mehr konnte sie nicht tun, es ward ihr zu schwer, ihn zu heben. Denn er erwachte nicht. Wie ein gefällter Baum – tot, starr, unbeweglich – lag er da und merkte nichts von den zitternden Händen, die über ihn hinhuschten, zupften und glätteten, bald hier, bald da.
Wie lange sie um ihn geschafft hatte, wußte sie nicht; ein Klopfen an der Tür brachte sie in die Zeit zurück.
»Wer ist da?«
»Ich, der Friedrich!«
»Was wollen Sie?«
»Gnädige Frau, der Herr läßt zu Tisch bitten!«
»Zu Tisch – der Herr?!« Sie faßte sich an den Kopf: war’s möglich, Paul schon zurück – Mittagszeit? Das konnte nicht sein! »Wieviel Uhr?« schrie sie schrill. Selbst nach der Uhr zu sehen, die auf dem Nachttisch lag, fiel ihr nicht ein; sie hätte es ja auch nicht gekonnt, die kostbare goldene Uhr, das Geschenk zur Konfirmation, stand still, nicht aufgezogen zur Zeit.
»Gnädige Frau, es ist halb drei,« sagte Friedrich draußen. Und dann wagte es der langjährige Diener respektvoll zu fragen: »Ist der junge Herr nicht wohl, daß er noch nicht aufgestanden ist? Kann ich vielleicht was helfen, gnädige Frau?«
Einen Augenblick zauderte sie: sollte sie Friedrich einweihen? Es wäre dann leichter für sie! Aber die Scham schrie aus ihr: »Es ist nichts zu helfen, gehen Sie nur! Der junge Herr hat Migräne, er wird noch eine Stunde liegen bleiben. Ich komme gleich!«
Und sie stürzte hinüber in ihr Zimmer; das Kleid zu wechseln war keine Zeit mehr, aber wenigstens das heruntergefallene Haar mußte sie aufstecken, den Scheitel glattstreichen und ein Häubchen darauf stülpen mit zartem Band.
»Noch in Morgentoilette?« fragte verwundert Schlieben, als sie ins Eßzimmer trat. Etwas von Vorwurf war auch in der Frage; er mochte es nicht leiden, wenn man nicht korrekt zum Mittagstisch kam.
»Du kamst heute ausnahmsweise früh,« entschuldigte sie sich. Sie wagte nicht, frei aufzusehen, unendlich gedemütigt; essen konnte sie auch nicht, eine unleidliche Erinnerung verekelte ihr jeden Schluck und jeden Bissen.
»Wo ist denn Wolfgang?«
Da war die Frage, auf die sie eigentlich hätte vorbereitet sein müssen und die sie dennoch traf, gänzlich vernichtend. Sie hatte keine Abwehr. Was sollte sie antworten? Sollte sie sagen: er ist krank?! Dann ging der Vater hinauf und sah nach ihm. Sollte sie sagen: er ist betrunken und schläft?! O Gott, nein, es war nicht zu verheimlichen! Sie wurde blaß und rot, ihre Lippen zuckten und sagten nichts.
»Aha!« Schlieben lachte plötzlich auf – ein wenig gutmütig, ein wenig spöttisch – und dann streckte er ihr die Hand über den Tisch hin und sah sie ruhig an: »Du mußt dich nicht so aufregen, Käte, wenn der Junge mal einen kleinen Kater hat. So was kommt vor, das macht jede Mutter durch!«
»Aber nicht so schrecklich – nicht so schrecklich!« Sie schrie laut heraus, von Schmerz und Zorn überwältigt. Und dann packte sie die Hand ihres Mannes und klemmte sie zwischen ihre beiden feuchtkalten Hände und raunte ihm zu, halb erstickt: »Er war betrunken – ganz betrunken – sinnlos betrunken!«
»So –?!« Schlieben runzelte die Stirn, aber das Lächeln erstarb nicht ganz auf seinen Lippen. »Nun, ich werde mal mit dem Jungen, wenn er ausgeschlafen hat, ein Wörtchen reden. Sinnlos betrunken, sagst du?«
Sie nickte.
»Es wird wohl nur halb so schlimm gewesen sein! Aber überhaupt, betrunken, das darf nicht vorkommen! Angeheitert, du lieber Gott!« Er zuckte die Achseln, und wie eine sonnige Erinnerung glitt’s über sein Gesicht. »Angeheitert – wer wäre jung gewesen und nicht einmal angeheitert?! Ah, ich erinnere mich noch ganz deutlich an meinen ersten Schwips, der Kater nachher war fürchterlich, aber der Schwips selber schön, wunderbar schön! Ich möchte ihn nicht missen!«
»Du – du bist einmal angetrunken gewesen?!« Sie sah ihn starr an mit weiten Augen.
»Angetrunken – das nennt man doch nicht gleich angetrunken! Angeheitert,« verbesserte er. »Du mußt nicht so übertreiben, Käte!« Und dann aß er weiter, als wäre nichts geschehen, als hätte ihm diese Unterhaltung gar nicht den Appetit rauben können.
Sie fieberte: wann würde Wolfgang erwachen, und was würde dann sein?!
Gegen Abend hörte sie oben seinen Tritt, hörte ihn sein Fenster schließen und wieder öffnen und sein leises Pfeifen wie Vogelgezwitscher. Paul ging, seine Zigarre rauchend, im Garten auf und ab. Sie saß zum ersten Mal in diesem Frühjahr auf der Veranda und sah zu ihrem Mann hinunter in den Garten. Es war lind und warm. Jetzt fühlte sie, daß Wolfgang nahte; sie wollte den Kopf nicht wenden, so schämte sie sich, aber sie wendete ihn doch.
Da stand er in der Tür, die vom Eßzimmer hinaus in die Veranda führte; hinter ihm war das Dämmerlicht des Parterreraumes, vor ihm die flutende Helle der Abendsonne. Er blinzelte und kniff die Augen zusammen, rot war sein Gesicht bestrahlt – oder schämte er sich so? Was würde er nun sagen, wie beginnen? Ihr Herz klopfte; sie hätte kein Wort sprechen können, ihre Kehle war wie zugeschnürt.
»’n Abend,« sagte er laut und vergnügt. Und dann räusperte er sich, wie eine leichte Verlegenheit herunterschluckend, und sagte leise, der Mutter einen Schritt näher tretend: »Pardon, Mama, ich habe verschlafen, ich hatte keine Ahnung, wie spät es war – ich war todmüde!«
Sie sagte noch immer nichts.
Er wußte nicht, wie er mit ihr daran war. Sie war so still, das beirrte ihn ein wenig. »Ich bin gestern abend nämlich sehr spät nach Hause gekommen!«
»So – bist du?« Sie wendete den Kopf von ihm weg und sah wieder angelegentlich hinaus in den Garten, wo Paul jetzt gerade mit Friedrich sprach und mit dem Finger zu einem schon blühenden Zierkirschenbaum hinaufwies.
»Ich glaube wenigstens,« sagte er. Was sollte er sagen? War sie böse?! In der Tat, er mußte wohl sehr spät nach Hause gekommen sein, um wieviel Uhr konnte er sich nicht erinnern, er konnte sich überhaupt an nichts klar erinnern, es war ihm alles etwas dunkel. Er hatte auch einen bösen Traum gehabt, sich scheußlich gefühlt, aber jetzt war ihm wohl, so wohl! Nun, wenn sie was gegen ihn hatte, konnte er ihr auch nicht helfen!
Die Lippen wieder zu einem leisen Pfeifen, wie Vogelzwitschern spitzend, wollte er, die Hände in den Taschen seiner gutsitzenden modischen Hose, von der Veranda herab in den Garten schreiten, als sie ihn zurückrief.
»Du wünschest, Mama?«
»Du warst betrunken,« sagte sie leise und heftig.
»Ich –?! Oh!« Eine plötzliche Verlegenheit überkam ihn: war er wirklich betrunken gewesen? Er hatte keine Ahnung davon. Aber freilich, es konnte am Ende sein, er hatte ja auch gar keine Ahnung, wie er nach Hause gekommen war!
»Du hast wohl wieder aufgesessen und auf mich gewartet?!« Mißtrauisch sah er sie von der Seite an, seine breite Stirn zog sich über der Nasenwurzel in eine so tiefe Falte, daß die dunklen Brauen ganz zusammenstießen. »Du mußt nicht immer auf mich warten,« sagte er dann mit heimlicher Ungeduld, aber äußerlich im Ton der Besorgnis. »Das nimmt mir ja jede Lust, etwas mitzumachen, wenn ich denke, du opferst deine Nachtruhe. Bitte, Mama, tu das nicht mehr!«
»Ich werde es nicht mehr tun,« sagte sie und sah in ihren Schoß. Sie hätte ihn nicht ansehen können, so verachtete sie ihn. Wie hatte er dagestanden, so breit und groß und dreist und ganz vergnügt ›’n Abend‹ gesagt! Tat so, als ob er von nichts wüßte, nicht, daß er vor ein paar Stunden noch hatte kriechen wollen auf allen Vieren, sich strecken auf die Schwelle, als wäre da sein Bett oder er ein Hund! War so unbefangen, als hätte er nicht heute mittag noch da oben in seinem Zimmer gelegen, so – so – schmutzig! Als wenn sie ihn nicht gesehen hätte in seiner tiefsten Erniedrigung. Nein, nie, nie mehr würde sie ihn küssen können, ihn streicheln, die Arme um seinen Hals legen, wie sie’s dem Knaben so gern getan hatte! Er war ihr auf einmal ein ganz fremder Mensch geworden.
Sie sagte kein Wort mehr, machte ihm keinen Vorwurf. Teilnahmslos hörte sie das, was jetzt ihr Mann unten im Garten zu ihm sprach.
So milde wie Schlieben diesen Mittag seiner Frau gegenüber geschienen hatte, jetzt, dem Sohne gegenüber, war er es denn doch nicht. Ernsthaft sagte er: »Ich höre, du bist angetrunken nach Hause gekommen – was soll das heißen?! Schämst du dich nicht?«
»Wer hat das gesagt?«
»Das ist ja ganz gleichgültig, ich weiß es, und das genügt!«
»Sie natürlich,« sagte der Sohn bitter. »Mama übertreibt gleich alles so. Betrunken bin ich sicher nicht gewesen, nur ein bißchen im Schwum – das waren wir alle – Gott, Papa, man kann sich doch nicht ausschließen! Was soll man denn auch sonst machen an so ’nem langen Abend?! Aber schlimm war’s jedenfalls nicht. Ich bin ja jetzt so frisch!« Und er packte den Zierkirschenbaum, unter dem sie gerade standen, mit beiden Händen, als wolle er ihn ausreißen, und ein ganzer Schauer von weißen Blüten ging nieder über ihn und den Weg.
»Laß meinen Baum nur stehen,« sprach der Vater lächelnd.
Käte sah: Paul konnte lachen?! Also so ernst war’s ihm doch nicht! Aber sie erregte sich nicht mehr, wie sie sich wohl früher hierüber erregt haben würde, es war ihr, als sei alles in ihr kalt und tot. Sie hörte die beiden sprechen wie aus weiter, weiter Ferne, ganz schwach nur war der Stimmen Klang, und doch sprachen sie beide laut und auch lebhaft.
Die Unterhaltung war nicht so ganz freundschaftlich; wenn Schlieben dem Jungen auch nicht ernstlich zürnte, so hielt er es doch für Pflicht, ihm Vorhaltungen zu machen. Er schloß: »Ekelhaft sind solche Saufereien!« Im stillen dachte er freilich: ›so schlimm, wie Käte es macht, kann es unmöglich gewesen sein, man müßte doch sonst dem Jungen etwas anmerken!‹ Seine bräunlichen Wangen waren glatt und fest, so blank, so frisch gewaschen, seine nicht großen, aber durch ihre dunkle Tiefe auffallenden Augen hatten heute sogar einen besonderen Glanz.
Schlieben legte dem Sohne die Hand auf die Schulter: »Also, wenn wir gute Freunde bleiben sollen, nie mehr so etwas, Wolfgang!«
Sorglos zuckte dieser die Achseln: »Ich weiß wirklich nicht, Papa, was ich verbrochen habe. Es ist mir alles etwas schleierhaft. Aber es soll nicht mehr vorkommen, gewiß nicht!«
Und sie schüttelten sich die Hände.
Nun rührte sich doch etwas in Käte; sie hätte aufspringen mögen, schreien: ›Glaub ihm nicht, Paul, glaub ihm nicht! Er wird sich doch wieder betrinken, ich traue ihm nicht! Ich kann ihm ja nicht trauen! Hättest du ihn gesehen, wie ich ihn gesehen habe – o, er war ja so gemein!‹ Und wie eine Vision tauchte plötzlich eine Bauernschenke vor ihr auf, eine Schenke, die sie nicht gesehen hatte – rohe Kerle saßen um den Holztisch, die Ellbogen aufgestemmt, pafften stinkenden Tabak von sich, tranken wüst, gröhlten wüst – – ah, saßen da nicht sein Vater, sein Großvater auch darunter, alle die, von denen er abstammte?! Eine furchtbare Angst fiel über sie her: das konnte ja nie, nie gut enden!
»Du bist so bleich, Käte,« sagte Schlieben beim Abendbrot. »Du hast zu lange stillgesessen; es ist doch noch zu kalt draußen!«
»Ist dir nicht wohl, Mama?« fragte Wolfgang höflich-besorgt.
Käte antwortete dem Sohn nicht, sie sah nur zu ihrem Manne hin und schüttelte verneinend-abwehrend den Kopf: »Mir ist ganz wohl!«
Da gaben sie sich zufrieden.
Wolfgang aß mit gutem Appetit, mit besonders großem sogar; er war völlig ausgehungert. Es gab auch lauter gute Sachen, die er gern aß: warmes Hühnerfrikassee mit Kalbsmilch, Klößchen und Krebsschwänzen, und dann noch feinen Aufschnitt, Butter und Käse und junge Radieschen.
»Junge, trink nicht so viel,« sagte Schlieben, als Wolfgang schon wieder nach der Weinflasche griff.
»Ich habe Durst,« sagte der Sohn mit einem gewissen Trotz, schenkte sein Glas aufs neue voll bis an den Rand und goß es hinunter auf einen Zug.
»Das kommt vom Schwärmen!« Der Vater hob leicht drohend den Finger, lächelte aber dabei.
›Vom Saufen kommt’s‹ dachte Käte, und der Ekel schüttelte sie wieder; sie hatte sonst, selbst in Gedanken, nie einen solchen Ausdruck gebraucht, nun dünkte ihr keiner stark, schroff, verächtlich genug.
Es kam keine gemütliche Unterhaltung zustande, trotzdem das Zimmer so wohnlich war, der Tisch so reich besetzt, Blumen auf dem weißen Tuch, zierlich eingesteckt in eine kristallene Schale, und über dem allen mildes, gedämpftes Licht unter einem grünseidenen Schirm. Käte war so einsilbig, daß Paul bald nach der Zeitung griff, der Sohn verstohlen durch die Nase gähnte und endlich aufstand. Das war denn doch zu gräßlich öde, hierzusitzen! Ob er noch einmal nach Berlin hineinfuhr oder zu Bette ging?! Er wußte selbst nicht recht, was tun.
»Du gehst jetzt zu Bett?!« Es sollte wie eine Frage klingen, aber Käte hörte selber, daß es nicht wie eine Frage klang.
»Natürlich geht er jetzt zu Bett,« sagte der Vater, einen Augenblick den Kopf hinter seiner Zeitung hervorhebend. »Er ist müde. Gute Nacht, mein Junge!«
»Ich bin nicht müde!« Wolfgang wurde rot und heiß: was fiel ihnen denn ein, ihm einreden zu wollen, er sei müde?! Er war doch kein Kind mehr, das man zu Bette schickt! Besonders der Mutter Ton reizte ihn – ›du gehst jetzt zu Bett‹ – das war ja ein Befehl!
In seinen dunklen Augen wurde der Glanz zum Flackern; ein Zug von Trotz und Widersetzlichkeit machte sein Gesicht nicht angenehm. Man hätte wohl sehen können, wie es in ihm aufbrauste, aber der Vater sagte: »Gute Nacht,« und hielt ihm, mit seiner Zeitung vorm Gesicht, ohne aufzublicken, die Hand hin.
Die Mutter sagte auch: »Gute Nacht!«
Und der Sohn ergriff eine Hand nach der andern – auf der Mutter Hand drückte er den gewohnten Kuß – und sagte: »Gute Nacht!«
2
Schlieben saß in seinem Privatkontor in dem roten Lederstuhl, den er sich zur Bequemlichkeit hatte hier hineinstellen lassen, lehnte sich aber nicht an, sondern saß ungemütlich, gerade aufgerichtet, und sah aus wie einer, der eine unliebsame Entdeckung gemacht hat. Wie konnte das zugehen, daß der Junge Schulden gemacht hatte?! Bei so reichlichem Taschengeld?! Und dann, daß er nicht das Herz hatte, zu kommen und zu sprechen: ›Du, Vater, ich habe zu viel ausgegeben, hilf mir heraus –,‹ das war einfach unfaßlich! War er denn ein so strenger Vater, daß der Sohn sich vor ihm fürchten mußte? Trieb die Furcht die Liebe aus?! Er ging sein eigenes Verhalten durch; er konnte sich wirklich nicht den Vorwurf machen, zu streng gewesen zu sein. Wenn er auch nicht alle Zeit so nachgiebig gewesen war – zu nachgiebig – wie Käte, so hatte doch auch er dem Jungen immer und immer wieder zu zeigen geglaubt, daß er ihn lieb hatte. Und hatte er denn nicht auch – gerade in letzter Zeit – geglaubt, der Junge hätte auch ihn lieb? Lieber als früher?! Wolfgang war eben zu Verstand gekommen, hatte eingesehen, wie gut man’s mit ihm meinte, daß er seiner Eltern lieber Sohn war, ihre wachsende Freude, ihre Hoffnung – ja, nun, da man alt geworden war, die ganze Zukunft! Wie kam’s, daß er lieber zu andern ging, zu Leuten, die ihn gar nichts angingen, und sich von denen borgte, anstatt den Vater zu bitten?!
Mit Betrübnis nahm Schlieben einen Brief von seinem Schreibtisch, las ihn, den er doch schon drei-, viermal gelesen hatte, noch einmal durch und legte ihn dann mit einer ärgerlichen Gebärde wieder zurück. Da schrieb ihm Braumüller, der kürzlich aus der Firma ausgetreten war und sich zur Erholung und zum Vergnügen in der Schweiz befand, der Junge hätte ihn schon wieder mal angepumpt. Nicht, daß er’s ihm nicht gerne geben würde, es käme ihm ja gar nicht darauf an, aber er hielte es doch für seine Pflicht – und so weiter, und so weiter.
›Es kann nicht anders sein, lieber Schlieben, der Junge lumpt. Es ist mir höchst fatal, ihn zu verpetzen, aber ich kann doch nicht länger warten, denn so gut wie er zu mir kommt, geht er auch zu andern. Und es wäre doch höchst peinlich, wenn der Sohn der Firma Schlieben & Co., zu der ich mich immer noch in alter Anhänglichkeit rechne, etwa gar in der Leute Mäuler käme. Nimm’s nicht übel, alter Freund! Was der Junge mir schuldet, schenke ich ihm; ich mag ihn gern und bin auch mal jung gewesen. Im übrigen bin ich ganz froh, daß ich keine Kinder habe, es ist doch ein verdammt schweres Stück, eins zu erziehen. Leb wohl, grüße Deine Frau vielmals, es ist herrlich hier – – –‹
Mit gerunzelter Stirn starrte Schlieben über das Papier hinweg; dieser Brief, der so gut gemeint, so herzlich geschrieben war, tat ihm weh. Daß Wolfgang hierin so wenig Vertrauen zu ihm hatte! War er überhaupt nicht offen?! Schlieben erinnerte sich genau, daß Wolfgang als Kind immer wahr gewesen war, gerade heraus bis zur verletzenden Offenheit – ungezogen war er gewesen, aber nicht verlogen –, sollte er sich jetzt so verändert haben? Wie kam das, und woher?!
Der Vater beschloß, nichts von dem Brief zu erwähnen, wohl aber Wolfgang scheinbar gelegentlich – aber sobald als möglich – zu fragen, wie es denn eigentlich mit seinen Finanzen stünde? Da würde er ja hören!
Es drängte ihn förmlich zu dieser Frage, und doch brachte er sie nicht über die Lippen, als bald darauf Wolfgang ins Privatkontor trat, ohne vorher anzuklopfen, wie sie’s doch alle taten, mit der ganzen unbekümmerten Sicherheit des Sohnes. Er setzte sich rittlings auf das Schreibpult des Vaters, ganz achtlos, daß sein helles Beinkleid mit dem Tintenfaß in unliebsame Berührung kam. Draußen war helle Luft und eine höchst sommerliche Sonne; er brachte eine ganze Menge davon mit herein in den dunkel gehaltenen, kühlen und abgeschlossenen Raum.
»Ärger gehabt, Papa?!« Was der alte Herr wohl wieder für Grillen hatte? O, sicher nichts von Belang! Wie konnte man jetzt überhaupt Ärger haben in dieser köstlichen, wohligen Sommerzeit?!
Wolfgang liebte die Sonne; wie er sie als Kind angestaunt hatte in ihrem kleinen Abbild, der runden gelben Sonnenblume seines Gärtchens, so freute er sich noch jetzt an ihr. Perlte der Schweiß in Tropfen auf seiner braunen Haut, dann schob er wohl den weißen Panamahut ein wenig aus der Stirn zurück, aber nie ging sein Atem freier, leichter, unbeklemmter.
»Es war herrlich, Papa,« sagte er, und seine Augen leuchteten. »Erst geschwommen – was sagst du dazu, dreimal hintereinander die ganze Breite des Sees, ohne Pause hin und her, und wieder hin und her und wieder hin und her?!«
»Viel zu anstrengend, ganz unvernünftig!« Schlieben sagte es nicht ohne Besorgnis: Hofmann war eigentlich gar nicht sehr dafür, daß der Junge schwamm!
»Unvernünftig, anstrengend?! Haha!« Wolfgang amüsierte sich. »Das ist mir doch ’ne Kleinigkeit! Weißt du, eigentlich habe ich meinen Beruf verfehlt, du hättest mich nicht ins Kontor stecken sollen. Schwimmer, Reiter hätte ich werden sollen oder – na, so ’n Cowboy im wilden West!«
Er hatte es scherzend gesagt, ohne jede Absichtlichkeit, aber es wollte den Mann, der ihn mit plötzlich mißtrauisch gewordenen Augen ansah, bedünken, als berge sich hinter dem Scherz ein Ernst, eine Anklage. Was wollte er denn, wollte er wie ein zügelloser Knabe ins Leben hineingaloppieren?!
»Nun, deine sportlichen Fähigkeiten werden dir ja schon zustatten kommen, wenn du deine Militärzeit abmachst,« sagte er kühl. »Vorderhand ist das wichtiger, was du hier zu tun hast. Hast du den Lieferungsvertrag für Weiß Gebrüder entworfen? Zeig mal her!«
»Sofort!«
Wolfgang verschwand; aber es dauerte eine ganze Weile, bis er wiederkam. Hatte er jetzt erst rasch die ihm als dringend überwiesene und sorgfältig auszuführende Arbeit erledigt?! Die Tinte war noch ganz frisch, die Schrift, wenn auch leserlich, so doch sehr flüchtig; keine Kaufmannsschrift! Schlieben runzelte die Stirn, er war heute merkwürdig gereizt. Zu andrer Zeit hätte ihm die Geschwindigkeit, mit der der Junge die verabsäumte Arbeit nachgeholt hatte, gewissermaßen imponiert; aber heute ärgerte ihn die Flüchtigkeit der Schrift, die Tintenspritzer am Rand, die ganze Nachlässigkeit, die ihm gleichbedeutend schien mit Interesselosigkeit.
»So, hm« – er prüfte noch einmal kritisch –, »wann hast du denn das gemacht?«
»Als du mir’s auftrugst!« Wolfgang sagte das so unverfroren, daß man unmöglich daran zweifeln konnte.
Schlieben schämte sich ordentlich: wie doch so ein Körnchen Mißtrauen gleich aufgeht! Da hatte er dem Sohn wirklich unrecht getan! Aber das mit dem Gelde, das blieb doch nun einmal bestehen, darin war der Junge doch nicht offen und ehrlich gewesen! Es war dem Vater, als könne er dem Sohne von jetzt ab doch nicht mehr ganz trauen. –
Es war kaum Mittag, als Wolfgang schon wieder das Kontor verließ. Er hatte sich mit ein paar Bekannten verabredet, im Kaiserkeller unweit der Linden; ob er nun da frühstückte oder da, frühstücken mußte er doch; nur ein belegtes Brötchen, wie der Vater sich eins mitnahm, konnte ihm nach Schwimmen und Reiten nicht genügen.
Am Nachmittag zeigte er sich dann wieder eine Stunde im Bureau, aber schon im Tennisanzug, in den weißen Schuhen, den Schläger in der Hand.
Als Wolfgang heute den Sportplatz des Westens verließ, erhitzt und rot – sie hatten lange und hartnäckig gespielt –, um herüber nach dem Bahnhof ›Zoologischer Garten‹ zu gehen, stand er, schon im Eingang, zögernd. Es trieb ihn so gar nicht nach Hause. Sollte er nicht lieber noch einmal hinein in die Stadt fahren? Eigentlich lockte es ihn jetzt nicht in die Straßen, die die treibende Menge mit noch größerer Stickigkeit erfüllte, draußen war’s besser, da strich über die Villa wenigstens ein Hauch von Freiheit, aber er mußte dann mit den Eltern zusammensitzen! Na, wenn der Vater heute abend wieder so schlechter Laune war, wie heute morgen im Kontor, dann war’s gräßlich! Dann war es doch besser, sich in Berlin irgendwo Gesellschaft zu suchen. Wenn nur der Tennisanzug nicht wäre! Der hinderte. Unschlüssig stand er noch, da sah er im Gewühl der Menge, die jetzt nach Geschäftsschluß und Feierabend wie ein langer eilender Wurm sich durch den Bahnhofseingang schlängelte, und sich rechts und links die Treppen hinan spaltete, unter einem in die Stirn gerückten weißen Matrosenhütchen mit blauem Samtband ein blondes Haar aufleuchten, das ihm bekannt vorkam. Es war ein schönes, helles, seidiges Haar, glatt und glänzend; anscheinend lässig, aber doch mit vieler Sorgfalt in einen mächtigen Knoten gedreht. Und nun erkannte er unterm Strohhütchen die blauen Augen und das kecke Näschen. Frida Lämke! Ah, wie lange hatte er die nicht gesehen! Hundert Versäumnisse fielen ihm ein. Wie wenig mehr hatte er sich um die guten Leute gekümmert! Das war recht schlecht! Und auf einmal war ihm, als hätte er sie immer, alle die Zeit her vermißt. Mit einem Satz, wie ein ungestümer Junge, nicht achtend, daß er hier auf ein Kleid trat und da einen in die Seite rempelte, war er neben ihr.
»Frida!«
Sie fuhr ein wenig zusammen: wer redete sie denn so dreist an?!
»Tag, Frida! Wie geht’s dir?!«
Sie erkannte ihn erst nicht, aber dann errötete sie und spitzte den Mund. Was war der Wolfgang für ein Herr geworden! Und sie antwortete, ein bißchen schnippisch, ein bißchen geziert: »Jut! Jeht’s Ihnen auch jut?« lachte und warf den blonden Kopf in den Nacken.
Er wollte nichts davon hören, daß sie ›Sie‹ zu ihm sagte. »Unsinn, Frida, was fällt dir ein?!« Und war so herzlich, so ganz wieder der Wolfgang von früher, daß sie sich rasch in ihn hineinfand. Sie ließ ihre Ziererei ganz fahren. Als wäre nicht fast ein Jahr vergangen, seit sie zuletzt miteinander gesprochen hatten, so gingen sie vertraulich nebeneinander her.
›Ein junges Liebespärchen,‹ dachte manch einer, der sie streifte, als sie an den Büschen des Tiergartens entlang schlenderten. Sie hatten ihren Zug fahren lassen, er hatte so wie so keine Eile nach Hause, und so gingen sie immer tiefer hinein in das grüne, schon nächtliche Dunkel, in dem selbst sein heller Tennisanzug und ihre helle Bluse unkenntlich verschwammen. Die Nachtigallen waren längst verstummt; man hörte ab und zu nur leises Mädchenauflachen wie ein Girren und gedämpftes Flüstern von Pärchen, die man nicht sah. Auf den Bänken, die im Dunkel standen, raunte es, es raschelten Sommerkleider, es leuchteten wie Glühwürmchen brennende Zigarren auf, alle Sitze, auf die man zutappte, waren besetzt; es war unendlich schwül im Park.
Wolfgang und Frida sprachen von Frau Lämke. »Sie ist immer krank, hat schon so viel gedoktert,« sagte das Mädchen, und dabei bebte eine aufrichtige Betrübnis in seinem Ton. Es tat Wolfgang sehr leid. –
Als Frida heute abend ganz außergewöhnlich spät heimkehrte – das Haus war längst geschlossen, Frau Lämke hatte sich schon geängstigt und wußte nicht, wie sie die Bratkartoffeln warm halten sollte – fiel sie der Mutter um den Hals: »Mutter, Mutterken, zanke nicht!« Und dann sprudelte sie heraus, daß sie dem Wolfgang begegnet wäre: »Wolfjang Schlieben, du weißt doch! Der war so nett – nee, Mutter, du kannst dir jar nich denken, wie nett er war! Nich ’n bißchen stolz! Und er fragte jleich nach dir, und als ich ihm sagte, du hättest’s mit’n Magen und mit’n Nerven, da tat ihm das so leid. Und er sagte: Mutter muß mal ’raus in der schönen Sommerszeit, und jab mir den Schein, hier, siehste, ’nen grünen Schein – ich wollt ihn durchaus nich nehmen, was soll’n denn wohl die Leute von denken?! – aber er jing so mit Jewalt, er hatt’n mir in die Hand jestopft, ich hätte schreien können, so hat er mir die Finger auseinander jebogen – biste böse, Mutter, daß ich ihn jenommen habe? Ich wollte nich, ich wollte wahrhaftig nich! Aber er sagte: ›Es ist doch für deine Mutter!‹ Und, ›sei doch vernünftig, Frida!‹« Frida weinte fast vor dankbarer Rührung.
Frau Lämke nahm’s ruhiger: »Nu wer ich vielleicht nach Eberswalde fahren bei meinen Bruder oder an Ende bei meine Schwester ins Riesenjebirge! Un ich jebe für’n paar Wochen de Reinemachstellen uf, det wird mir riesig jut tun. Der jute Junge, das ’s scheen von ihn, daß er an seine alte Freundin denkt – na, er kann’s ja ooch, was sind fufzig Mark für so eenen?!« –
Wolfgang war, als er Frida bis an ihre Haustür gebracht hatte, langsam weitergeschlendert, den Tennisschläger unterm Arm, die Hände in den Taschen der weiten Hosen. Über ihm spannte sich ein reichgestirnter Nachthimmel, unendlich freundlich blinkten goldene Augen zu ihm nieder; alles Räderrollen war verstummt, keine Spaziergänger in großen Trupps wirbelten mehr den Staub der Straße auf. Was die hin und wieder rollenden Sprengwagen des Tages nicht vermocht hatten, das hatte jetzt der Tau der Nacht getan. Der lose Sand war gelöscht, eine kühlende Frische stieg vom Boden auf, Bäume und Büsche dufteten nach Grün; von Gartenbeeten, im Dunkel versunken, stiegen Blumengerüche auf. Wolfgang atmete mit Wohlgefühl, leise pfiff er; eine friedvolle Freudigkeit war in ihm: nun war es doch gut, daß er sich nicht mehr in Berlin umhertrieb! Es war so nett gewesen mit Frida, wie gut hatte er sich mit ihr unterhalten – und dann – es machte ihm wirklich ein riesiges Vergnügen, Mutter Lämke ein wenig unter die Arme greifen zu können!
So recht im Innersten vergnügt kam er zu Hause an.
»Die Herrschaften haben längst abgegessen,« erlaubte sich Friedrich mit einem gewissen Vorwurf zu bemerken – der junge Herr war denn doch gar zu unpünktlich!
»Na, wenn schon,« sagte Wolfgang. »Sagen Sie der Köchin, sie soll mir rasch noch was machen, ein Kotelett oder Beefsteak, oder was gab’s denn sonst heute abend? Ich habe ’nen Mordshunger!«
Friedrich sah ihn ganz verdutzt an: jetzt noch, um halb elf noch? Das war doch Herrn Schlieben oder der gnädigen Frau noch nie eingefallen, so etwas zu verlangen – warmes Abendbrot noch, um halb elf Uhr?! Er stand zögernd.
»Na, wird’s bald,« sagte der junge Herr über die Schulter weg und ging ins Eßzimmer hinein.
Da saßen die Eltern – beide lasen – noch am Tisch, aber der Tisch war leer.
»Guten Abend,« sagte der Sohn, »schon abgedeckt?!« Aus seinem Ton klang laut die Verwunderung.
»Na, da bist du ja!« Der Vater nickte ihm zu, aber sah dabei nicht auf, er schien von seiner Lektüre ganz in Anspruch genommen. Und die Mutter sprach: »Setzt du dich noch ein wenig zu uns?«
Dem jungen Menschen fröstelte auf einmal. Draußen war’s wohlig warm gewesen, hier innen kühl.
Und dann war es eine Weile ganz still, bis Friedrich mit einem Tablett hereinkam, auf dem, neben dem Gedeck, nur ein wenig kaltes Fleisch, Brot, Butter und Käse zu sehen waren. Es fiel Wolfgang auf, wie laut er klapperte; für gewöhnlich servierte das Hausmädchen. »Wo ist denn Marie?«
»Zu Bett!« sagte die Mutter kurz.
»Schon?!« Wolfgang wunderte sich im stillen darüber. Horch, da schlug eben drüben die Pendüle in Mutters Zimmer – elf?! Wirklich schon elf Uhr?! Da konnten sie aber machen, daß er etwas zu essen kriegte, der Magen schrumpfte ihm ja ordentlich zusammen vor Hunger! Er sah unverwandt nach der Tür, durch die Friedrich wieder verschwunden war: gab’s nun bald was?!
Er wartete.
»So iß doch!« Die Mutter rückte ihm das Schüsselchen mit kaltem Fleisch näher.
»Warum ißt du denn nicht?« fragte der Vater plötzlich.
»O, ich warte ja noch!«
»Es gibt nichts andres mehr,« sagte die Mutter, und ihr Gesicht, das unendlich abgespannt aussah, wie das eines Menschen, der lange und vergeblich gewartet hat, rötete sich schwach.
»Nichts andres – nichts mehr – wieso denn?!« Der Sohn sah außerordentlich enttäuscht drein, sah von der Mutter auf den Tisch, aufs Büfett und dann wie suchend im Zimmer umher.
»Habt ihr denn nichts andres gegessen?!«
»Ja, wir haben andres gegessen – aber wenn du nicht kommst!« Der Vater runzelte die Stirn, und nun sah er zum ersten Mal heute abend den Sohn voll an und maß ihn mit einem ernsthaften Blicke. »Du kannst doch unmöglich verlangen, wenn du so unpünktlich nach Hause kommst, noch warmes Abendbrot zu finden?«
»Aber ihr – ihr braucht ja doch deswegen nicht« – der junge Mensch verschluckte den Rest – es wäre ihm ja viel lieber, die Eltern säßen nicht da und warteten auf ihn, die Dienstboten würden schon ihre Schuldigkeit tun!
»Meinst du vielleicht, die Dienstboten brauchen keine Nachtruhe?« fragte der Vater, als hätte er diese Gedanken erraten. »Die Mädchen, die den ganzen Tag in der Küche gesteckt haben, wollen abends auch Schluß machen. Darum mußt du schon früher kommen, wenn du mit uns essen willst. Im übrigen wird es einem jungen Menschen wohl nichts schaden, wenn er abends mal mit einem Butterbrot vorlieb nimmt. Übrigens du, der du« – er hatte eigentlich sagen wollen: ›Du, der du so gut zum Mittag issest‹ –, aber nun reizte ihn die Miene des jungen Menschen, in der so viel maßloses Staunen lag, und er sprach laut, ganz gegen seine Gewohnheit heftig, heftiger, als er’s je im Sinn gehabt hatte: »Du – bist du etwa berechtigt, solche Ansprüche zu machen? Wie kommst du dazu, gerade du?!« Eine Bewegung Kätes, ein Rauschen ihres Kleides erinnerten ihn an ihre Gegenwart, und er fuhr gemäßigter fort, aber mit einem gewissen ärgerlichen Hohn: »Leistest du etwa so viel? Zwei Stunden vormittags im Kontor – knapp –, nachmittags eine Stunde – ja, das ist eine erstaunliche, eine kolossale Tätigkeit, die große Ansprüche an deine Kräfte stellt! Eine ganz besondere Verpflegung erheischt, in der Tat! Nun, was denn, was?!«
Wolfgang hatte etwas sagen wollen, aber der Vater ließ ihn nicht zu Worte kommen: »Setze erst eine bescheidene Miene auf, und dann rede! Junge, ich sage dir, wenn du Braumüller noch einmal um Geld angehst!«
Da, da war es heraus! All das diplomatische Fragen und Aushorchenwollen war im Ärger vergessen. Schlieben fühlte sich förmlich erleichtert, nun er sagen konnte: »Das ist ja eine unerhörte Sache! Es ist eine Schmach für dich und – für mich!« Die erregte Stimme war leiser geworden, bei den letzten Worten erstickte sie in einem Seufzer. Der Mann stützte den Arm auf den Tisch und den Kopf in die Hand; man sah es ihm an, wie nah es ihm ging.
Käte saß stumm und blaß. Ihre Augen öffneten sich schreckhaft weit – also das, das hatte er getan, sich Geld geborgt?! Auch das?! Nicht allein, daß er sich betrank, sinnlos betrank – auch das, auch das?! Es konnte ja gar nicht sein – nein! Flehend suchte ihr Blick Wolfgangs Gesicht: er mußte ja verneinen!
»Aber, Papa,« sagte Wolfgang und versuchte zu lächeln, »ich weiß wirklich nicht, wie du mir vorkommst! Ich habe deinen Sozius, der mir’s übrigens mal selber angeboten hat, der mir überhaupt sehr entgegengekommen ist, um ’ne kleine Gefälligkeit gebeten. Ich wollte es ihm gerade wieder schicken –,« er lugte von der Seite den Vater an: wußte der, wieviel? – »morgen schicke ich es ihm!«
»So, morgen!« Es lag Mißtrauen in Schliebens Ton, aber doch eine gewisse Beruhigung, er wollte ja so gern das Beste von seinem Jungen annehmen. »Was hast du noch für Schulden?« fragte er. Und dann kam plötzlich die Furcht über ihn, daß dieser junge Mensch da ihn hinterginge, und in der Angst vor einer Riesenverantwortlichkeit, die er sich auferlegt hatte, sagte er härter, als es eigentlich seine Absicht war, viel härter, als es sich mit seinem Herzen vertrug: »Ich würde dich züchtigen wie einen nichtsnutzigen Buben, wenn ich’s erführe! Meine Hand von dir abziehen – sieh, wie du fertig wirst! Pfui, Schulden, ein Schuldenmacher!«
Käte sah immerfort ihren Mann an, so hatte sie ihn noch nie gesehen. Sie wollte rufen, ihn unterbrechen: ›Du bist so streng, viel zu streng, so schneidest du ihm ja jedes Geständnis ab!‹ – aber sie brachte nichts heraus. Sie verstummte unter der Last der Befürchtungen, die über sie her stürzten. Voll verzehrender Unruhe hingen ihre Blicke an dem jungen Gesicht, das bleich geworden war.
Wolfgangs Lippen zuckten, es arbeitete in ihm. Er hatte sprechen wollen, schon angesetzt dazu, es eingestehen, daß er mehr verbraucht, als er gehabt hatte. Wäre der Vater nur nicht immer so riesig korrekt! Liebe Zeit, es ist eben nicht zu vermeiden, daß man die Hände voll Geld aus den Taschen zieht, wenn man’s dazu hat! Hier denen, denen sagte er nur zu ungern davon! Sie waren ja im Grunde gute Leute, aber sie hatten eben gar keine Ahnung! Gute Leute –? Nein, das waren sie denn doch nicht!
Nun kam die Empörung. Wie konnte der Vater sich’s einfallen lassen, ihn so anzufahren, ihn abzukanzeln in solchem Tone? Wie einen Verbrecher! Und sie, warum starrte sie ihn denn so an mit Blicken, in denen er etwas wie Verachtung zu lesen glaubte?! Nun, so wollte er sie denn doch noch mehr entsetzen, ihnen ins Gesicht schleudern: ›Natürlich hab ich Schulden, was ist denn dabei?!‹ Aber mitten in der Hitze kam ihm die kühle Berechnung: wie hatte der Vater gesagt? – ›ich würde die Hand von dir abziehen‹ –?!
Wolfgang bekam auf einmal einen großen Schrecken: den hier brauchte er, den hier konnte er doch nicht entbehren! Und so raffte er sich denn auf in schnellem Umschwung: nur nichts eingestehen, nur sich nicht verraten! Er sagte, vom trotzigen Aufbrausen hinübergleitend zur glatten Kühle: »Ich weiß nicht, warum du dich so aufregst, Papa! Ich habe ja keine!«
»Wirklich keine?« Ernst fragend sah ihn der Vater an, aber aus dem Ernst leuchtete schon die frohe Hoffnung.
Und als der Sohn erwiderte: »Nein!« da streckte er ihm die Hand über den Tisch hin: »Das freut mich!«
Sie waren diesen Abend sehr nett gegen ihn. Wolfgang empfand es mit Genugtuung: nun ja, sie hatten ihm ja auch was abzubitten! Er ließ sich verwöhnen.
Der Vater war froh, förmlich erleichtert, daß nicht noch andres, Schlimmeres zutage gekommen war, und die Mutter hatte, zum ersten Mal seit langen Wochen, die Empfindung, als könne sie den jungen Menschen da doch wieder lieb haben. Ihre Stimme hatte, wenn sie zum Sohne sprach, wieder etwas von dem alten Klang. Und sie sprach viel zu ihm, es war ihr ein Bedürfnis. In all den Wochen hatte sie nicht so viel mit ihm gesprochen. Jetzt war ihr, als wäre ein Quell in ihr zugemauert gewesen, als müsse sich der jetzt ergießen. Er hatte keine Schulden gemacht! Gott sei Dank, er war doch nicht ganz so schlimm! Jetzt tat es ihr leid, daß sie, verdrossen über sein zu spätes Nachhausekommen – Umhertreiben hatte sie’s bei sich genannt –, die Dienstmädchen zu Bett geschickt und kein ordentliches Abendbrot mehr für ihn hatte. Hätte sie sich nicht vor ihrem Mann gescheut, so wäre sie hinab in die Küche gegangen, hätte selber versucht, ihm noch etwas Besseres herzurichten.
»Bist du auch satt geworden?« fragte sie ihn leise.
»Na, es geht!« Er fühlte sein Übergewicht.
Schlieben legte heute seine Zeitung beiseite. Auf das höfliche »Willst du nicht lesen?« des Sohnes schüttelte er abwehrend den Kopf: »Nein, ich habe schon den ganzen Abend gelesen!« Auch er fühlte das Bedürfnis, ja, die lebhafte Verpflichtung, sich freundschaftlich mit dem Sohne zu unterhalten, wenn er auch fand, daß Käte wieder entschieden des Guten zuviel tat. So sich um den Jungen zu bemühen brauchte sie denn doch nicht, unrecht getan hat er auf alle Fälle, die Sache mit Braumüller war nicht zu vergessen, offen hatte er kommen müssen – aber freilich, freilich, es war im Grunde nur eine Dummheit, eine Sache, wie sie unter hundert Fällen neunzigmal vorkommen mochte!
Schlieben beschloß, vom nächsten Ersten ab das Monatsgeld des Sohnes um hundert Mark zu erhöhen. Dann war es doch gewiß reichlich bemessen, ein Nichtauskommen und Verheimlichen war dann ein für allemal ausgeschlossen!
Es war schon weit nach Mitternacht, als Eltern und Sohn sich endlich trennten. Mit einem lange nicht mehr gekannten Wohlgefühl streckte sich Käte in ihrem Bett: heute würde sie bald einschlafen, heute würde sie nicht mehr so lange liegen müssen und auf den Schlaf harren, heute war sie so befriedigt, so beruhigt, so still in sich. Es war ja alles nun auf besserem Wege, es würde am Ende doch noch alles gut werden! Und leise flüsterte sie zu ihrem Mann hinüber: »Du – Paul!« Er hörte sie nicht, er war schon im Einschlafen. Da raunte sie eindringlicher: »Du, Paul!« Und als er sich regte, sagte sie weich: »Paul, bist du mir böse?!«
»Böse? Aber warum denn?!«
»Ach, ich meinte nur!« Sie mochte es nicht erklären, es tat ja wohl auch nicht not, hatte sie doch das Gefühl, als empfände auch er’s, daß nun auch zwischen ihnen beiden alles wieder besser, schöner, inniger und einiger sich gestalten würde. Ach ja, wenn sie sich mit ihm – mit dem Sohn – besser fanden, dann fanden auch sie beide sich wieder!
Eine heiße Sehnsucht nach den Tagen der Liebe überkam die alternde Frau. Sie schämte sich vor sich selber, aber sie konnte es nicht lassen, sie langte nach dem Nebenbett: »Gib mir deine Hand, Paul!«
Und als sie im Dunklen tastete und suchte, begegnete sie seiner auch suchenden Hand. Ihre Hände legten sich ineinander.
»Gute Nacht, lieber Mann!«
»Gute Nacht, liebe Frau!«
So schliefen sie ein. – – –
Wolfgang stand am Fenster seiner Stube, sah hinaus ins Dunkel, das alle Sterne verhüllte, und hörte das Brausen eines fernen Windes. War die Nacht so beklommen, oder war nur ihm so unerträglich schwül? Ein Gewitter schien aufzuziehen. Oder war es nur eine innere Unruhe, die ihn so belästigte? Was war es denn, das ihn quälte?!
Er glaubte sich kaum je in einer unangenehmeren Stimmung befunden zu haben. Er ärgerte sich über den Vater, ärgerte sich über die Mutter – wenn sie nicht wären, wie sie eben waren, wenn nicht alles so wäre, wie es eben war, dann hätte er nicht zu lügen brauchen, nicht zu heucheln! Er ärgerte sich über sich selber. Ach, dann wäre ihm jetzt wohl leichter, viel freier! Im Unwillen zog er die Stirn zusammen; eine jähe Sehnsucht nach etwas, das er nicht zu benennen wußte, machte ihn erbeben. Was wollte er denn, nach was verlangte er denn? Ja, wenn er das selber wüßte!
Er seufzte laut auf und streckte die Arme mit den kräftigen Fäusten hinaus in die Nacht. So eng, so eng! Wenn er doch noch der Junge wäre, der hier einmal aus dem Fenster, ja, aus diesem Fenster – er beugte sich hinaus und maß die Höhe –, hinausgeklettert war, fortgerannt war, heidi, ohne Fragen wohin, immer zugerannt war, einfach ins Blaue, ins Weite hinein. Das war prachtvoll gewesen, ein seliges Laufen!
Und immer weiter beugte er sich hinaus; der Nachtwind raunte, das war wie eine lockende Melodie. Er zitterte vor Begier. Er konnte sich nicht losreißen, er mußte am Fenster stehen bleiben und lauschen. Das säuselte in der Nacht, das rauschte in den Bäumen, das schwoll und schwoll, wuchs und wuchs. Das Säuseln wurde zum Sausen.
Er vergaß, daß hier eine Stube war und hier ein Haus und hier Eltern, die gern schlafen wollten, er stieß einen Ton aus, einen lauten Ruf, halb ein Juchschrei: da draußen war’s gut, ha!
Sturm. Der plötzlich aufschnaubende Gewitterwind pustete ihm ins Haar und sträubte es ihm um die Schläfen. Ha, wie köstlich das kühlte! Es war drinnen nicht auszuhalten, da war eine Dumpfheit, eine Enge. Ihm wurde so ängstlich bang. Wie sein Herz hämmerte! Und die Unlust war groß: wie war das heute abend wieder unangenehm gewesen! Der Vater sagte, er hätte es ihm eingestehen müssen – natürlich, richtiger wäre es gewesen –, aber wenn der jetzt schon, nachdem die Sache doch eigentlich erledigt war, so drohte, was hätte er dann erst vorher gesagt?! Nicht zum Aushalten war’s, dies ewige Gegängeltwerden! War man etwa noch ein Kind? War man ein erwachsener Mensch, oder war man’s nicht? War man der Sohn aus reichem Hause oder war man’s nicht? – Nein, nicht! Man war’s eben nicht!
Fern im Dunklen grollte der Donner. Es zuckte plötzlich ein blendender Strahl – er war’s eben nicht, nicht der Sohn, nicht der Sohn hier vom Haus! Sonst wäre alles anders! Wie, wußte er nicht – aber anders, o, ganz anders!
Lange hatte Wolfgang nicht nachgedacht – die Tage waren zu reich an Zerstreuung –, aber nun, in dieser dunklen, gewitterigen Nacht, in der er doch nicht schlafen konnte, mußte er denken. Was er immer von sich geschoben hatte, weil’s ihm nicht angenehm war, was er ganz vergessen zu haben glaubte – vielleicht, weil er’s gern vergessen wollte – das mußte er jetzt bedenken. Das, was so lange zurückgedrängt gewesen war, das brach jetzt durch, mit Macht, wie der Sturmwind, der plötzlich daherfuhr und die Wipfel der Kiefern beugte, daß sie niederduckten vor Angst. In das Brausen des Sturmes hinein hätte Wolfgang seine Stimme ertönen lassen mögen, viel lauter als der.
Er war wütend, ganz unvernünftig wütend, ganz ohne Überlegung wütend. Hei, wie das blitzte, krachte, grollte, brauste und schnob! Das war ein Kampf – aber das war doch schön! Er hob sich auf den Zehen und gab die hämmernde Brust dem starken Wehen preis. Gleiche Lust hatte er kaum je empfunden, wie jetzt bei diesen Windstößen, die seine Brust wie mit Fauststößen trafen. Er warf sich ihnen entgegen, er fing sie förmlich auf mit seiner breiten Brust.
Und doch war bei der Lust eine Qual. Gegenüber diesem großen Gewitter, das ihm wurde wie ein Ereignis, dünkte ihn alles andere erbärmlich klein, und er selber mit. Da stand er nun, in Rock und Beinkleidern, die Hände in den Hosentaschen, klimperte mit dem losen Gelde, ärgerte sich darüber, daß er sich hatte abkanzeln lassen, und hatte doch nicht den Mut, alles von sich zu werfen, ganz zu tun, wie ihm beliebte.
Mit glühenden Augen folgte der junge Mensch dem gelben und blauen Zucken der Blitze, die den dunklen Wetterhimmel spalteten in schneidendem Zickzack und die Welt übergossen mit blendendem Zauberlicht. Wer doch hinfahren könnte wie dort der Blitz! Der fuhr aus den Wolken hinab zur Erde, riß ihr den Schoß auf und wühlte sich hinein!
Das junge Blut, dem die ungenützte Kraft in den Fäusten zuckte, die Kraft, die von keiner Arbeit verbraucht ward, ächzte laut auf. Wolfgang verwünschte auf einmal sein Leben. Ah, ganz wo anders müßte er sein, ganz wo anders leben, ganz wo anders! Und wenn er’s da auch nicht so bequem hätte, nur fort von hier, fort! Das langweilte ihn hier ja so unsäglich. Das ekelte ihn an. Er atmete tief auf: ha, hätte man doch eine Arbeit, die man gerne tun möchte! Die einen so müde machte, daß man keinen andern Wunsch mehr hätte, als essen und dann schlafen. Lieber Taglöhner als so einer, der auf dem Kontorstuhl hockt, Zahlen sieht, immer lauter Zahlen, und Konten und Hauptbücher und Kassabücher – nur nicht Kaufmann, nein, das war doch noch das allergräßlichste!
Wolfgang hatte bis dahin noch nie mit Bewußtsein empfunden, daß er nicht zum Kaufmann taugte; jetzt wußte er’s. Nein, er mochte das nicht, er konnte das nicht bleiben! Jeder muß doch das werden, wozu er geboren ist!
Morgen schon wollte er es sagen – nein, er machte nicht mehr mit, er tat’s nicht länger! Frei wollte er sein! Er bog sich wieder weit zum Fenster hinaus und witterte mit geblähten Nüstern wie ein dürstender Hirsch gierig-lechzend nach dem feuchten Wohlgeruch, der der getränkten Erde entstieg.
Nach Donner und Blitz war der Regen gekommen und tränkte den verlangenden Boden und drang in ihn ein, ihm alle Poren mit Fruchtbarkeit füllend. Es rauschte und rauschte ohne Unterlaß, ging nieder in Strömen, als nähme des Flutens kein Ende.
In Wolfgangs Seele löste sich etwas; sie wurde weich.
»Mutter,« flüsterte er verträumt und streckte die heißen Hände aus, daß der kühle Regen sie badete. Streckte auch den Kopf ganz weit hinaus, hob das Gesicht mit den geschlossenen Augen aufwärts, daß fallende Tropfen die brennenden Lider kühlten, und die durstigen Lippen, weit geöffnet, die Tränen des Himmels einsogen wie köstlichen Wein.
Aber am Morgen, als der Sand des Grunewalds all den Regen in sich geschluckt hatte, und vom befreienden Gewitter der Nacht nichts übrig war als ein etwas frischeres Grün des Rasens, ein stärkeres Duften der Kiefern, viel abgeschlagene Eicheln und Kastanien am Promenadenweg, dachte Wolfgang doch wieder anders. Der Tag war schön; er konnte schwimmen, reiten, ein bißchen ins Kontor gehen, essen, trinken, Tennis spielen, sich zum Abend irgendwohin verabreden – es gab ja so viele Orte, an denen man sich amüsieren konnte –, warum sollte er sich und am Ende dem Vater auch den schönen Tag verderben? Er schob jeden ernsteren Gedanken als lästig weit von sich. Aber in seiner Seele war doch eine Unruhe. Er suchte sich zu betäuben.
Heute abend schlief Käte nicht so rasch und sanft ein wie am gestrigen Abend; wenn sie sich’s auch selber geschworen hatte, nicht mehr aufzusitzen und auf ihn zu warten, schlafen konnte sie doch nicht, wenn er nicht zu Hause war. Wie damals hörte sie die Uhren gehen, schreckhaft laut; durch die Stille des Hauses drang jedes noch so leise Geräusch verstärkt an ihr lauschendes Ohr. Sie würde ihn hören, sie mußte ihn ja hören, sowie er nur den Schlüssel unten in die Haustür steckte!
Aber sie hörte nichts, solange sie auch wach lag und horchte. Die Stunden schlichen, der Tag graute, durch einen Spalt der geschlossenen Läden hindurch stahl sich ein daumbreiter falber Schein; sie sah ihn an der Wand, ihrem Bett gegenüber. Der Schein wurde tiefer nach und nach, bestimmter in der Farbe, bekam ein warm-leuchtendes, sonniges Rotgold. Es kündete kein Haushahn mit triumphierendem Schrei den neuen Tag, es lag das Haus so still, so stumm der Garten, aber jener Schein dort, der verriet den Morgen. – – –
Sie mußte doch geschlafen haben, ohne daß sie es wußte: wie, schon der Morgen da?! Nun war sie auch sicher, daß er längst zu Hause war, sie hatte sein Kommen eben überhört. Das beruhigte sie. Aber sie zog sich doch eilig an, flüchtiger als sonst, und sie konnte es doch nicht lassen, ehe sie zum Frühstück hinunterging, an seiner Türe stillzustehen und zu lauschen. Er war noch nicht auf – natürlich noch nicht, er war ja so spät nach Hause gekommen – noch schlief er! Sie konnte einmal heimlich nach ihm sehen. Sie trat ein, aber er schlief nicht.
Mit ganz wirren Augen blickte die Frau aufs Bett – da stand es, aufgeschlagen, einladend weiß und behaglich, aber er lag nicht darin. Das Bett war gar nicht berührt! Leer das Zimmer!
Da erstarrte ihr das Herz in eisigem Schreck: sie hatte doch nicht geschlafen, sie hatte sein Kommen doch nicht überhört! Dazumal war er gekommen – betrunken freilich, aber er war doch noch nach Hause gekommen –, dieses Mal nicht mehr!
3
»Wolfgang wieder nicht da?« sagte Schlieben, als er zu seiner Frau ins Zimmer trat. »Ins Geschäft kommt er auch so wenig; sie behaupten zwar immer, gerade wäre er dagewesen – warum hält er aber nicht dieselbe Geschäftszeit ein wie ich?! Wo ist er denn?!« Er sah seine Frau fragend und ungeduldig an.
Sie zuckte die Achseln, und das Abendrot, das im Scheiden noch einen letzten Schimmer durch das hohe Fenster warf, gab ihrer Wange ein überhuschendes Rot. »Ich weiß es nicht,« sagte sie leise. Und dann sah sie so verloren hinaus in den Herbstabend, daß der Mann fühlte, sie war mit ihren Gedanken ganz abwesend, die irrten draußen suchend umher.
»Käte,« sagte er ein wenig empfindlich, und der Ärger, den er über des Sohnes Abwesenheit empfand, mischte dem Ton noch eine besondere Schärfe bei, »ich bin eben aus der Stadt nach Hause gekommen – müde, hungrig, es ist ja schon acht Uhr – wir wollen essen. Und nicht mal ein freundliches Gesicht?!«
Sie stand rasch auf, um nach dem Abendbrot zu klingeln, und versuchte zu lächeln. Aber es wurde kein rechtes Lächeln.
Er sah’s, und das verstimmte ihn noch mehr. »Laß nur, laß! Tu dir keinen Zwang an!« Müde setzte er sich zu Tisch. Aber sein Hunger schien doch nicht so rege zu sein, denn als die Speisen aufgetragen waren und vor ihm dampften, langte er nur lässig zu und aß lässig, ohne zu wissen, was.
Das Eßzimmer war viel zu groß für die zwei einsamen Menschen; ungemütlich leer erschien heute an dem kühlen Herbstabend der schöne Raum. Fröstelnd schauerte die Frau zusammen.
»Wir müssen die Heizung in Gang bringen lassen,« sagte der Mann.
Das war das einzige, was während des Essens gesprochen wurde. Nachher stand Schlieben auf, um in sein Arbeitszimmer hinüberzugehen. Dort wollte er rauchen, dort war’s kleiner, gemütlicher; er bemerkte es nicht, daß seine Frau ihn förmlich mit den Blicken verfolgte.
Wenn Paul ihr doch nur sagen möchte, was er von Wolfgangs Ausbleiben dachte! Wo Wolfgang nur wieder sein mochte?! Sie vertiefte sich ganz in ihre suchenden, irrenden Gedanken und merkte es kaum, daß sie allein blieb in dem kalten, leeren Zimmer.
Sie hatte ein Buch vor sich liegen, ein Buch, das alle Welt interessant fand – eine Bekannte hatte ihr gesagt: ›Ich konnte gar nicht aufhören damit, ich hatte so viel im Kopf, aber ich habe alles drüber vergessen,‹ – sie vergaß nichts darüber. Wie in einem großen Kummer, der dumpf macht, fühlte sie sich. Noch stumpfer, abgestorbener gegen alles Äußere, wie damals nach dem Tode ihres Vaters und ihrer Mutter. Gerade in diesen Trauerjahren hatte sie so viel gelesen, so mit besonderem Interesse, als seien ihr alte Dichtwerke neu geschenkt und neue eine tröstende Offenbarung. Nun konnte sie nichts lesen, den Gedanken eines andern nicht folgen. Sie klebte an ihren eignen Gedanken; ihr Auge überflog wohl die Seite, aber wenn sie unten angelangt war, wußte sie nicht, was sie gelesen hatte. Es war ein unerträglicher Zustand. Ach, wie gern, wie gern wollte sie sich für etwas interessieren! Was gäbe sie darum, könnte sie doch einmal recht herzlich lachen; früher hatte sie nie die gleiche Sehnsucht gehabt nach Frohsinn, Heiterkeit und nach Humor. Ah, welche Erlösung wäre es für sie gewesen, hätte sie lachen und weinen können! Jetzt konnte sie nicht lachen, aber – ach! – auch nicht mehr weinen, und das war das schlimmste: ihre Augen blieben trocken. Jedoch innerlich brannten die ungeweinten Kummertränen und fraßen an ihrem Leben mit dem unvergossenen salzigen Naß.
Nein, der Tod war das schrecklichste nicht! Es gab Schrecklicheres. Es war schrecklich, wenn man sich sagen mußte: all dein Leid hast du dir selber heraufbeschworen. Warum ließest du dir nicht genügen, warum mußtest du erzwingen, was die Natur dir versagte?! Es war schrecklicher, wenn man fühlte, wie häusliches Glück, eheliches Glück, Liebe, Treue, Einigkeit, wie all das, was zwei Menschen innig zusammenhält, ins Wanken geriet – fühlte sie’s denn nicht alle Tage, wie ihr Mann kälter und kälter wurde, und wie auch sie gleichgültiger gegen ihn ward?! Ach, der Sohn, dieser Dritte, der brachte sie zwei auseinander! O, wie kläglich fielen alle ihre Theorieen von Erziehung, Beeinflussung, vom Geboren werden im Geiste über den Haufen! Wolfgang war doch nicht das Kind, in dem sie beide sich mit Leib und Seele einten – er war und blieb fremdes Blut. Und er hatte eine fremde Seele. Armer Sohn!
Im Herzen der Frau, die tage-, wochen-, monate-, die jahrelang nichts als Bitterkeit und Kränkung, sogar manchmal etwas wie Empörung gegen den empfunden hatte, der ihre Tage also verstörte, keimte plötzlich ein einsichtsvolles Mitleid. Wie konnte sie ihm, den es nicht mit hundert Banden ans Elternhaus fesselte, so sehr zürnen?! Es war eben nicht sein Elternhaus. Unbewußt mochte er es fühlen, daß der Boden hier für ihn nicht Heimatboden war – nun suchte er, nun irrte er!
Den Kopf schwer in die Hände stützend, grübelte Käte: was sollte sie beginnen? Sollte sie ihm gestehen, woher er kam? Ihm alles erzählen? Vielleicht daß es dann besser wurde! Ach, würde es besser, so würde sie gern alles tun! Aber ach, es war so schwer! Doch es mußte sein. Sie durfte nicht länger schweigen! Sie fühlte ihr zitterndes Herz erstarken in einem festen Entschluß: wenn er nach Hause kam, würde sie sprechen. Was sie gehütet hatte als größtes Geheimnis, über dem sie zitternd gewacht hatte, was ihr, wie sie glaubte, nichts hätte entreißen können, das war sie nun bereit, freiwillig zu offenbaren. Sie mußte. Wie konnte es sonst je besser werden, wie je zu gutem Ende kommen, überhaupt zu einem Ende?!
Mit inbrünstigem Suchen schauten ihre Augen um sich; es war ein angstvolles Blicken in ihnen. Aber da war kein andrer Ausweg. Mit einer Entschlossenheit, deren Käte Schlieben vor einem Jahr noch nicht fähig gewesen wäre, bereitete sie sich auf das Geständnis vor. Einen Augenblick kam ihr der Wunsch, sich Paul zu Hilfe zu rufen. Aber rasch verwarf sie den Gedanken – hatte er denn Wolfgang je so geliebt wie sie? Es würde ihm vielleicht gleichgültig sein. Oder nein, es würde ihm vielleicht ein Triumph sein, er war ja immer andrer Meinung als sie gewesen. Und dann, noch eins! Er könnte ihr dann vielleicht zuvorkommen, es selber Wolfgang sagen, und das durfte nicht sein. Sie, sie allein durfte das mit all der Liebe, deren sie noch fähig war, damit er’s weich hörte, schonend und zart!
Hastig lief sie hinüber in ihren Salon. Da bewahrte sie in ihrem Schreibtisch seinen Taufschein und die Abtretungsurkunde aus seinem Heimatdorf; diese Papiere hatte sie selbst ihrem Manne nicht anvertraut. Nun holte sie sie hervor und legte sie bereit. Sie würde ihm doch zeigen müssen, daß alles sich so verhielt, wie sie sagte!
Die Papiere knitterten unter ihren zitternden Händen, aber sie zwang ihre Aufregung nieder. Ruhig mußte sie sein, ganz ruhig und verständig; in vollem Bewußtsein dessen, was sie tat, das Luftschloß umstoßen, das sie sich erbaut hatte und das nicht so geworden war wie in ihren Träumen. Aber wenn auch dieses Luftschloß zusammenfiel, konnte nicht aus seinen Trümmern etwas gerettet werden, doch noch etwas Gutes erstehen?! Er würde ihr ja dankbar sein, er mußte ihr ja dankbar sein. Und das war das Gute!
Sie faltete die Hände über den Dokumenten aus grobem Papier, und aus ihrer Brust stiegen bebende Seufzer, die wie flehende Gebete waren. Gott hilf, Gott hilf!
Wenn er sie aber nun nicht richtig verstünde, wenn sie vielleicht nicht die Worte fand, die man finden mußte?! Wenn sie ihn dadurch verlieren würde?! Ein Schreck überfiel sie, sie erblaßte und griff tastend um sich, wie jemand, der eine Stütze braucht; aber sie hielt sich aufrecht: dann lieber ihn verlieren, als daß er sich verlor!
Denn – und Tränen, wie sie sie lange, lange nicht mehr hatte vergießen können, tropften ihr erlösend aus den Augen – denn sie liebte ihn doch noch, liebte ihn mehr, als sie es selber für möglich gehalten hätte.
So wartete sie auf ihn. Und wenn sie warten sollte bis morgen früh, und wenn er wieder betrunken nach Hause käme – betrunkener noch als das erste Mal – sie würde ihn doch erwarten. Heut noch mußte sie es ihm sagen! Es brannte förmlich in ihr.
Schlieben war längst zur Ruhe gegangen; er war ärgerlich auf seine Frau, hatte nur flüchtig den Kopf in ihr Zimmer gesteckt, hatte genickt: »Gute Nacht« und war hinaufgegangen. Sie aber ging mit langsamen Schritten unten im Zimmer auf und ab; das ermüdete sie körperlich, gab aber ihrem Geist Ruhe und dadurch Kraft. –
Als sei ihre zarte Gestalt gewachsen, so gerade und aufrecht trat sie in der Vorhalle Wolfgang entgegen, als sie ihn hatte die Haustür schließen hören. Das Haus schlief mit allen, die darinnen waren, nur er und sie waren noch wach; so allein, so ungestört waren sie sonst nie mehr auf der Welt. Jetzt galt’s!
Und sie gab ihm die Hand, wie sie es sonst nicht getan hätte, wäre er so spät gekommen – Gott sei Dank, er war nicht betrunken! – und näherte ihr Gesicht seinem Gesicht und küßte ihn auf die Wange: »Guten Abend, mein Sohn!«
Er war wohl etwas verdutzt über diesen Empfang, aber seine dunkelumrandeten und tiefliegenden Augen sahen gleichgültig an ihr vorbei.
Er war entsetzlich müde – man sah es ihm an – oder war er krank?! Aber das würde ja alles, alles nun bald besser werden! Mit erwachter Hoffnungsfreudigkeit ergriff Käte wiederum seine Hand und zog ihn hinter sich her in ihr Zimmer hinein.
Er ließ sich ziehen, ohne zu widerstreben, er fragte nur gähnend: »Was ist denn los?«
»Ich muß dir etwas sagen!« Und dann, rasch, als könne er ihr entgehen oder sie den Mut verlieren, setzte sie hinzu: »Etwas Wichtiges – was dich betrifft – deine – deine Herkunft betrifft!«
Was sagte er nun – unwillkürlich hatte sie innegehalten – was würde er nun sagen?! Seine Herkunft, um die er gerungen hatte, in Sehnsucht, in Kämpfen – ach, was waren das für Szenen gewesen! – nun wurde sie ihm offenbar.
Sie hatte sich unwillkürlich zu ihm geneigt, bereit, ihn zu stützen.
Da gähnte er wieder: »Muß es jetzt gerade sein, Mama? Morgen ist doch auch noch ein Tag. Ich bin nämlich todmüde. Gut Nacht!« Und er machte kehrt und ließ sie stehen und ging zum Zimmer hinaus und die Treppe hinauf und oben in seine Stube.
Sie stand ganz starr. Dann griff sie sich nach dem Kopf: was, was, sie hatte wohl nicht recht verstanden, war taub, blind, nicht ganz mehr bei sich?! Oder er war taub, blind, nicht ganz mehr bei sich! Sie war ihm entgegengetreten, das Herz auf den Lippen, sie hatte die Hand ausgestreckt, sie hatte ihm von seiner Herkunft sprechen wollen – und er?! Er hatte gegähnt – war gegangen, es interessierte ihn augenscheinlich gar nicht. Und hier, hier, in diesem selben Zimmer – noch nicht viere Jahre waren’s her – fast auf diesem selben Fleck, da hatte er doch gestanden im schwarzen Einsegnungsrock – fast so groß schon wie jetzt, nur runder, kindlicher von Gesicht – und hatte laut aufgeschrieen: ›Mutter, Mutter, wo ist meine Mutter?!‹ Und jetzt wollte er nichts mehr wissen –?!
Es konnte nicht sein, sie hatte ihn wohl nicht recht verstanden oder er sie nicht! Sie mußte ihm nach, gleich auf der Stelle! Ihr war, als dürfte sie keine Minute versäumen.
In ihrem grauen Kleid huschte sie lautlos die Treppe hinauf; im matten Licht, das die elektrische Birne an die Treppenwand warf, sah sie ihren gleitenden Schatten, aber sie lächelte: nein, sie war nicht die Sorge mehr, die da so gespenstisch glitt! In ihrem Herzen war lauter Freudigkeit, Hoffnung und Vertrauen: sie brachte ihm ja Gutes, nur Gutes!
Ohne anzuklopfen trat sie in seine Tür, in aller Eile, ohne Überlegung. Er lag schon in den Kissen, gerade hatte er das Licht auslöschen wollen. Nun setzte sie sich auf seinen Bettrand.
»Wolfgang,« sprach sie weich. Und als er sie verwundert, ein wenig befremdet, fast unfreundlich ansah, klang es noch weicher: »Mein Sohn!«
»Ja – was ist denn nun schon wieder?«
Er war wirklich ärgerlich, sie merkte es an seinem ungeduldigen Ton, und da sank ihr plötzlich der Mut: ach, wenn er sie so ansah, so kalt, und wenn sein Ton so abwehrend klang, wie war es da schwer, das richtige Wort zu finden! Aber es mußte sein, er sah ja so bleich aus, und so mager war er, sein rundes Gesicht war förmlich lang geworden! Was ihr vorhin schon aufgefallen war, fiel ihr jetzt doppelt auf, und sie bekam einen großen Schreck. »Wolfgang,« sagte sie hastig, fast mit Angst seinen Blick vermeidend – o, wie anklagend würde der sein, wie vorwurfsvoll, und berechtigt vorwurfsvoll! – »ich muß es dir endlich sagen – es ist besser – es wird dich ja auch weiter nicht verwundern – erinnerst du dich noch jenes Sonntags – es war der Tag deiner Konfirmation – da – da fragtest du uns –«
Ach, wieviel Vorreden mußte sie doch machen! Sie hieß sich selber feige; aber es war so schwer, so unsäglich schwer!
Mit keinem Laut unterbrach er sie, er fragte nicht, er seufzte nicht, er rührte sich nicht einmal.
Sie wagte nicht, ihren Blick, der, starr und geradeaus gerichtet, an einem Punkte hing, nach ihm zu wenden. Sein Schweigen war schrecklich, schrecklicher als sein Aufbrausen! Und sie schrie es laut heraus mit verzweifelter Entschlossenheit: »Du bist nicht unser Sohn, nicht unser eigner Sohn!«
Er sagte noch nichts; antwortete durch keinen Laut, durch kein Sichrühren. Da wendete sie den Blick nun doch nach ihm. Und sie sah, wie die Lider ihm über die müden, schon halb verglasten Augen fielen, wie er sie mühsam wieder aufriß und sie doch wieder herabsanken, kurz, wie er mit dem Schlaf rang.
Er konnte schlafen, während sie ihm dieses – dieses sagte?! Eine furchtbare Ernüchterung kam über sie, aber sie packte ihn doch am Arme und rüttelte ihn, während ihr die eignen Glieder wie in Fieberschauern bebten: »Hörst du – hörst du’s denn nicht?! Du bist nicht unser Sohn – nicht unser eigner Sohn!«
»Ja, ich weiß,« sagte er müde. »Laß, laß!« Abwehrend bewegte er die Hand.
»Und das –« eine völlige Fassungslosigkeit machte sie stammeln wie ein Kind – »das berührt dich nicht? Das – das läßt dich so kalt?!«
»Kalt?! Kalt?!« Er zuckte die Achseln, und in seinen müden, glanzlosen Augen fing es an ein wenig zu funkeln. »Kalt?! Wer sagt dir, daß es mich kalt läßt – kalt gelassen hat?« verbesserte er sich rasch. »Aber ihr habt ja nicht danach gefragt. Nun will ich nichts mehr davon hören. Nun bin ich müde. Ich will schlafen!« Er drehte ihr den Rücken, kehrte das Gesicht gegen die Wand und rührte sich nicht mehr.
Da stand sie – er schlief schon, oder wenigstens schien er zu schlafen. Ein paar Minuten noch verweilte sie bang – würde er, mußte er sich nicht wieder nach ihr wenden: ›erzähle, jetzt höre ich!‹ Aber er wendete sich nicht.
Da schlich sie aus dem Zimmer wie ein armer Sünder. Zu spät, zu spät! Sie hatte zu spät gesprochen, und nun wollte er nichts mehr hören, nun gar nichts mehr davon wissen!
In ihrer Seele schmerzten die Worte ›zu spät‹ in ihrer stumpfen Trostlosigkeit wie eingebrannt.
Käte hatte nicht mehr den Mut, auf das, was sie Wolfgang in dieser Nacht hatte gestehen wollen, noch einmal zurückzukommen. Wozu auch? Sie hatte das lebhafte Gefühl: ihm war nicht mehr beizukommen, nicht mehr zu helfen. Sie aber fühlte sich niedergedrückt wie durch eine unermeßliche Schuld. Und das Gefühl dieser schweren Schuld machte sie milder gegen ihn, als sie es sonst gewesen wäre; es hieß sie, sein Tun und Lassen zu beschönigen, vor sich selber und vor ihrem Manne.
Schlieben war sehr unzufrieden mit Wolfgang. »Wenn ich nur wüßte, wo er sich immer herumtreibt! Er ist doch nachts zu Hause – wie?!«
Ein unwillkürlicher Laut seiner Frau hatte ihn unterbrochen, nun sah er sie forschend an. Aber sie verzog keine Miene, nickte nur: »Ja!« Da verließ sich der Mann auf seine Frau. –
Nun waren die letzten Tage des scheidenden Herbstes da, die oft noch so warm sind und golden, goldener als der Sommer sie je gewährt. Um vor dem Winter sich noch einmal in Luft und Sonne zu baden, strömte alles hinaus in den Grunewald. Als sei alle Tage Sonntag, so drängten sich die Spaziergänger in Hundekehle und Paulsborn, bei Onkel Tom und in der Alten Fischerhütte. Überall Lachen, oft auch Musik, und Mädchen in hellen Kleidern, in letzten, noch nicht ganz vertragenen Sommertoiletten. Kinder lärmten jetzt weniger durch den Wald wie zur Sommerszeit, es dunkelte jetzt bereits zu früh; desto mehr Pärchen wandelten, denen der frühe und doch noch warme Dämmerschein köstliche Gelegenheit bot, ihre Zärtlichkeiten zu tauschen, und alte Leute, die noch einmal die Sonne genießen wollten, ehe vielleicht bald die Nacht für sie kam, der kein Morgen mehr folgt.
Schlieben hatte es in früheren Jahren immer verabscheut, an solchen Tagen, in denen es im Grunewald wimmelte, sein Haus und seinen Garten zu verlassen. Es war ihm unangenehm gewesen, den Staub des Gewühls zu schlucken. Jetzt war er weitherziger: warum sollten die Leute, die sonst immer in ihre engen Wohnungen gebannt waren, nicht auch einmal hier draußen sein und für Stunden wenigstens den Kiefernduft einatmen, den sie, die Bevorzugten, alle Tage genossen? Es war doch etwas Schönes darum, zu sehen, wie die Menschen sich freuen!
Sowohl aus eignem Antrieb, wie um Käte zu zerstreuen, die ihm in letzter Zeit noch ernster und merkwürdig in sich gekehrt vorkam, bestellte er einen Wagen, einen bequemen Landauer, und fuhr mit seiner Frau spazieren. Sie fuhren die bekannten Straßen, die den Grunewald durchziehen, stiegen auch zuweilen aus, wenn der Wagen langsamer durch den Sand mahlte, und gingen auf dem, durch gefallene Nadeln glatt gemachten und festgetretenen Fußpfad ein Stückchen nebenher.
Sie kamen nach Schildhorn. Über dem Wasser lag roter Abendschimmer; die Sonne war nicht mehr im vollen Glanz zu sehen, ein dämmernder, melancholischer Friede lag über der Havel und den Kiefern. So tief hatte Käte dieser Wald noch nie gedeucht. Es fröstelte sie plötzlich: ah, dort drüben lag ja auch der Friedhof der Selbstmörder! Sie mochte nicht hinsehen, nervös preßte sie die Augen zu. Vor ihren Blicken hatte plötzlich ein junger Bursch gestanden – jung und frisch und doch schon verdorben – mancher Mutter Sohn!