Mittwoch: Die schönste Enttäuschung.
Reading edition

Da war nun der schon lange gefürchtete Mittwoch. Und endlich auch die dritte Stunde.
»O Gott, o Gott, o Gott!«
Jeder, der den dicken Puntz so jammern hörte, jammerte innerlich mit; er wußte auch ganz genau, was das bedeuten sollte.
»Mir ist ganz blümerant zumute!«
Fritze Köhn haspelte in seiner Brusttasche herum und zog schließlich mehrere kleine Figuren aus steifer Pappe daraus hervor.
»So« sagte er dabei, »seht mal her! Ick jloobe, ick hab’s verstan’n!«
Emsig versuchte er dabei, die Sachen zu einer größern Figur zusammenzuschieben.
So und so viele Blicke senkten sich auf die sonderbaren Figuren hinunter; einer der Jungen streckte sogar kühn seine Hand darnach aus, um zuzugreifen und selber die Lösung zu versuchen.
»Halt!« schob Fritze Köhn seinen Arm wie zum Schutze über all die Weisheit weg.
»Das Berühren der Fijüren mit de Foten is verboten!«
»Ach!« kam darauf verächtlich von der andern Seite. »Die Geschichte geht ja überhaupt auch gar nicht!« –
Die Unke hatte recht, und Fritze Köhn wurde noch obendrein tüchtig ausgelacht. Und doch klang das Lachen so gar nicht wie das frische, fröhliche Tertianerlachen sonst!
»Ich habe einen mächtigen Bammel!« brachte einer der Jungen wieder hervor. Und wieder hatte er allen aus der Seele gesprochen.
Hier steckte einer noch ängstlich die Nase ins Buch; dort mühten sich zweie um eine Figur, die aber leider das Schicksal der Köhnschen hatte: sie wollte nicht stimmen. Überall ein ander Bild, und überall doch gleichmäßig Angst und Sorge vor dieser Arbeit.
Dazwischen wieder die Anklage: »Der hätte ja die Sachen viel mehr mit uns üben müssen! Wer hat’s denn überhaupt verstanden? Keiner! Oder der Ehrenfried vielleicht!«
»Pfui Deibel! Die ganze schöne Woche wird uns dadurch verdorben und verekelt!«
Rrrrrrrrrrrr!
Die elektrische Glocke setzte ein. Wie eine Peitschenschnur flog der schnurrende Laut über die Klasse hin und drückte den Kopf der Jungen auf die Tischplatte hinunter. Jetzt mußte die Sache steigen! Na, das konnte ja gut werden!
»Un no’ een janzet Ende drieber!« meinte Fritze Köhn und tat dabei, als müßte er gerade jetzt einen Regenwurm verschlucken. – – –
Die Großen befehlen in der höchsten Not und im Augenblicke der Gefahr ihre Seele dem Schutze des Allerhöchsten. Ein Junge denkt nicht daran, so was zu tun. Er torkelt mit seinem ganzen Menschen in die Gefahr hinein.
Auch hier war es schließlich so. Die Jungen hatten sich Feder und Bleistift und Zirkelkasten und Heft parat gelegt. Im nächsten Augenblick konnte ja doch –
Hier und da klappte schon eine Tür auf dem langen Korridor zu. Der lange Sausig aber vorn an der Ecke hatte sich hoch aufgerichtet; er blickte unverwandt nach der Tür, als wenn er etwas ganz Besonderes darin erwartete. Plötzlich stand er sogar schnell und leise auf und machte ein paar große Schritte nach der Türöffnung zu. Storchenschritte! Vorsichtig lugte er dann nach dem anderen Ende des langen Flures herum.
Die andern Jungen waren ihm mit ihren Blicken gefolgt: alles hielt den Atem an. Der Frechdachs! Wenn jetzt der Professor Zirbel käme! Dem Sausig konnte es dann traurig gehen; denn gerade Zirbel, der verstand keinen Spaß! »Buah!« machte hier und da ein Junge, wenn er mit seinen Gedanken so weit gekommen war, und instinktiv und schaudernd fiel der entsetzte Blick wieder auf das geometrische Heft hinunter.
Aber – der Sausig stand immer noch da auf der Lauer! Zirbel kam doch sonst so pünktlich und beinahe mit dem Glockenzeichen! Sollte da doch etwas passiert sein? Vielleicht daß Zirbel –
Da fuhr Sausig wie ein Blitz in die Klasse zurück.
»Raff! Raff!«
»Wer?« – Die Jungen wußten nicht recht, was sie daraus machen sollten. – »Wer?«
»Raff! Raff!«
»Bei dem haben wir ja gar nicht!« –
Schnelle Schritte kommen draußen näher. Und immer näher. Und plötzlich erscheint wirklich der Professor Raff in der Tür. Die Jungen machen ein ganz erschrockenes, im nächsten Augenblicke aber schon freudig-verblüfftes Gesicht. Sie springen auf.
Der Professor Raff tritt gar nicht erst in die Klasse hinein. »Jungs,« sagt er gleich auf der Schwelle, »Herr Professor Zirbel ist erkrankt und fehlt heute. Nehmt eure Diarien und kommt schnell in die Unter-Sekunda O! – Na, macht schnell, Jungs!«
Der Herr tritt damit bis in die Mitte des Flures hin zurück. –
Der Bann, der bis zum letzten Augenblicke auf der Klasse gelegen, er ist gebrochen. Also kein Extemporale! Der Gefahr entronnen! Ein Alpdruck ist von jedem Herzen genommen. Wild schwirren die Ausrufe der Freude durcheinander.
»Ach ’ott! Ach ’ott! Jroßartig!«
»Hoffentlich kommt der vor den Ferien überhaupt nicht mehr!«
»Na, morgen haben wir doch wieder! Wenn er nun da schreiben läßt!«
»Ach, Unsinn! Jungs, morgen keiner Geometrie mitbringen!«
»Mein Diarium! Donnerwetter! Schnell doch! Ach, da liegt’s ja!«
Der Herr Professor Raff ist wieder in die Tür getreten und klopft mit dem Schlüssel ungeduldig an eine der eisernen Heizröhren. »Na, Jungs, mal ein bißchen dalli!«
Ja doch, die Jungen wollen ihm ja schnell folgen! Der schönste Lockruf hätte ihnen wirklich nicht flinkere Beine machen können! Im Nu ist auch die Klasse jetzt leer, und fröhlich lärmend ziehen die Tertianer der Unter-Sekunda zu. Die Jungen darin sind zusammengerückt und betrachten mit einem kleinen Unbehagen im Gesicht die Ankömmlinge aus der Tertia. Sie haben französische Lektüre. In der Sekunda, wie überall ja sonst auch, blamiert man sich nicht gern und noch dazu vor einer Klasse, die tiefer steht als man selber. –
»So! Nein, du dahin!« entscheidet Professor Raff schnell noch, als die beiden Busenfreunde, der Sausig und der dicke Puntz, absolut auf einer Bank zusammensitzen wollen.
»Alles in Ordnung? So, Jungs! Nun macht einmal in euer Diarium einen kleinen Aufsatz über die Parade oder über irgend etwas, was ihr am Paradetag erlebt habt. Aber ich bitte mir aus: jeder für sich!«
Die Tertianer machen das. Sie würden jetzt, da sie nicht Geometrie schreiben, alles machen, was man von ihnen verlangt. Aber immer schielt man doch etwas nach dem Betriebe der Sekunda hin. Es ist ja doch auch zu schön, so selber geborgen und fern von jeder Gefahr zuzuhören, wie eben da der große Lange gelappt wird. Mit »Sie« werden die angeredet und lassen sich so behandeln! Na, ungefähr so, wie sie selber unten in der Tertia bei Professor Zirbel! Und heute schreiben sie nun bei dem nicht Extemporale! Großartig wirklich! Ein feiner Tag! – – –
Kaum hatte nachher um elf Uhr der Doktor Fuchs, der Ordinarius, das Klassenzimmer betreten, da schossen die Hände der Jungen hoch.
»Herr Doktor! Bei wem haben wir nachher Vertretung? Für Herrn Professor Zirbel! Die Algebrastunde!«
»Ja, das ist eben die Sache, Jungs! Ihr seid wirklich die geborenen Schlemmer und Schulbarone! Diese Eckstunde nämlich von zwölf bis eins fällt aus! Ihr geht also um zwölf Uhr nach Hause.«
»Och!« – »Oh, das ist fein!«
Ein sinnverwirrender Jubel! Und Doktor Fuchs steht so ruhig da! Er blickt so zufrieden und lächelnd in die Klasse hinein! Der hat nie vergessen, daß er auch mal jung war und sich da gleichfalls über eine ausgefallene Stunde gefreut hat!
»So, Jungs!« sagt er aber dann doch endlich. »Habt ihr euch nun bald genug gefreut? Dafür aber kaufen wir unsere Stunde jetzt ordentlich aus!«
Das indessen tat den Jungen nicht viel. Kein Extemporale in Geometrie und die Algebrastunde nachher auch noch frei! Was konnte es denn überhaupt noch Besseres in der Welt geben!
Endlich ertönt wieder das Glockenzeichen. Als aber jetzt die Jungen eben ihre Mappen anrappen wollen, um stolz nach Hause zu ziehen, während die andern Klassen mit dem Buch vor der Nase und der Sorge vor der nächsten Stunde im Gesicht auf dem Hof herumschleichen würden, da erschallt auf einmal die Stimme des Ordinarius: »Ja, was denn, meine Herrn? Was ist denn los? Ih, nun erst mal Ruhe im Saal!«
»Nach Hause gehen!« – Die Gesichter werden länger. Was soll denn nun noch kommen?
»Ja« – Doktor Fuchs hat es wirklich heute raus, die Klasse zu quälen – »ja, Jungs, da muß ich euch erst noch einen großen Schmerz antun!« – Er wendet damit seine Augen zum Stundenplan an der Tür hin. – »Ihr habt doch morgen von acht bis neun Uhr wieder Geometrie!«
Jeder der Jungen weiß das natürlich. Nun schon seit Ostern. Aber keiner antwortet darauf.
Der Ordinarius quält sie dafür weiter. »Ja, da muß ich euch, Jungs, nun einen großen Schmerz antun!«
Die ganze Klasse ist unruhig geworden und hängt doch auch wieder wie erstarrt an den Lippen ihres Ordinarius.
»Der Herr Professor Zirbel wird nun morgen –. Ist dir was, Köckeritz?«
Der Kleine hatte ganz vernehmlich gestöhnt.
»Der wird vielleicht ohnmächtig!« flüsterte Fritze Köhn seinem Nebenmann zu.
Aber nein! Köckeritz wie jeder andre der Jungen dachte nur, daß nun der Professor Zirbel morgen sicher wiederkommen würde. Und dann doch das Extemporale! Noch vor Pfingsten! Die ganzen Pfingstferien sollte man sich dann womöglich mit der Angst um den Ausfall dieser dämlichen Arbeit herumschleppen!
Der kleine Köckeritz mit seinem Gestöhne, der hatte alle andern angesteckt. Wie mit dem Gähnen. Und der Doktor Fuchs schließlich mußte jetzt unbändig über all die Angstmeier da in seiner Klasse lachen.
»Ja, Jungs!« wurde er endlich wieder ernst. »Gerade den Schmerz muß ich euch noch antun! Herr Professor Zirbel wird nämlich morgen auch noch fehlen, und –«
Wie da der Jubel losbrach! Schon mehr ein Freudengeschrei! Ein wahres Freudengeheul! Daß der Doktor Fuchs erschrocken auffuhr: »Ja, Jungen, wenn ihr so ganz und gar verrückt seid, dann darf ich euch nicht sagen, was ich euch noch sagen wollte!«
Im Nu ist es wieder totenstill in der Klasse.
»Da also der Herr Professor Zirbel morgen auch noch fehlen wird, und da ihr doch die erste Stunde bei ihm hättet, so kommt ihr erst um neun Uhr!«
Erneuter Jubelausbruch.
»Na, wartet mal!« – Die Stimme des Ordinarius zwingt alle wieder zur Ruhe. – »Das dicke Ende kommt eben nach! Da ihr ferner so zwei Stunden frei habt – heute die letzte, morgen die erste! – so übersetzt ihr mir zu morgen extra zum Französischen: Plötz, Übungsbuch, das deutsche Stück Nr. 11 ins Diarium! Die Schlacht bei Poitiers!«
Die Jungen nehmen die Sache gleichgültig hin. »Wird gemacht!« denkt jeder. Und stolz ziehen sie jetzt zur Klasse hinaus; an den andern vorüber, die da, in der großen Pause um zwölf Uhr, auf dem Hofe herumlaufen und mit neidischen Blicken den davoneilenden Tertianern nachsehen.
»Ach, das ist aber wirklich eine feine Woche!« beteuert der dicke Puntz einmal um das andre. »Die kann so bleiben!«
»Jott Strambach!« – der »Ballina«, der Fritze Köhn, versichert das frohlockend. – »Als Raff sagte, wir sollten nach der Sekunda kommen, da habe ick mir ja eens jelacht! Mein janzer Bauch war eene eenzijste Falte!«
Die andern müssen darob auch lachen, als ob sie gleich mal probieren wollten, wie es tut, wenn der Bauch eine einzige Falte ist. Alle aber sind darin einig, daß das eine wirklich feine, sogar eine piekfeine Woche ist. – – –