Dienstag: Nachmittag frei.
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»Ach!« seufzte der Dicke noch einmal am andern Morgen. »Gestern war’s doch großartig! Aber heute nun Schule! Ach, wenn es doch so heiß würde, daß wir –«
Der Gedanke war zu bildschön; der Junge konnte ihn gar nicht ausdenken. Und dann noch eins: wie war’s doch gleich? Hatten sie denn nicht noch was Besonderes für Dienstag aufgehabt? Gestern hatte doch Fuchs gar nicht die Aufgaben vorgelesen! Und – ach Gott ja, das lateinische Heft! Für den alten Bumsvallera!
»Na, Junge, es ist schon spät!« – Die Mama war immer etwas ängstlich und drängte jetzt zur Eile. – »Nu mach schon, daß du fortkommst!«
Jetzt stand der Dicke wirklich auf der Straße. Aber wie war das doch gleich mit Französisch? Es war doch was!
Der große Hund vom Schlächter an der Ecke kam mit dem Schwanze wedelnd freudig auf ihn zu. Die beiden waren gut Freund miteinander, wie denn der Dicke überhaupt alle Hunde der nächsten Straßen kannte.
»Na, Cäsar, wie geht’s dir?«
Der Hund sprang jetzt laut bellend an dem Jungen empor.
»Strolch! Cäsar! Sei nicht so glubsch! Sei froh, du! Du brauchst nicht zur Schule! Strolch! Biste verrückt? Du hast wohl heute schon in Tran getreten?«
Auch der Dicke ist ja mit Spreewasser getauft. – – –
Da sitzt er nun in der Klasse und liegt wirklich im Französischen – drin im Wurstkessel.
»Warum nicht gelernt, Dicker?« fragt soeben der Doktor Fuchs.
Der Junge hat ein wahrhaft jämmerliches Gesicht aufgesetzt und sieht seinen Ordinarius an, als hätte er – der Dicke natürlich! – einen moralischen Katzenjammer. Endlich ermannt er sich aber und bringt halb stotternd hervor: »Gestern morgen war doch Parade! Und am Nachmittag mußte ich für meine Mama zur Stadt!«
»Ja aber! Dann am Nachmittag, gegen Abend meine ich!«
»Ich kam erst sehr spät wieder nach Hause! Und dann bin ich –«
»N – a?«
Die andern Jungen heben neugierig die Brauen und ziehen ganz merklich die Ohren straff.
»Da bin ich – eingeschlafen!«
»Sehr denkbar!« – Doktor Fuchs zuckt mit den Schultern. – »Und was nachher?«
»Da habe ich gar nicht mehr daran gedacht! Und dann war’s ja auch Abend! Ich hatte auch meine Mappe nicht! Die hat unser Mädchen dann erst von Zeidler geholt!« – – –
Die andern Jungen haben sehr verständnisinnig zugehört und ab und zu sogar genickt. Übrigens sind die Arbeiten auch durchgehends äußerst nachlässig gemacht, so daß Doktor Fuchs endlich kurzerhand das Buch auf die Nase legt und erklärt: »Na, meinetwegen! Die Parade! Aber nun, Jungs, möchte ich doch auch mal fragen: Wer von euch hat sich überhaupt die Parade oder den Aus- oder Einmarsch der Truppen angesehen? Hand hoch!«
Er hat wohl gedacht, die Hände werden nur alle so hochschießen! Weit gefehlt! Er zählt und zählt, und er zählt nur einundzwanzig Mann. Einundzwanzig von sechsunddreißig! Also eine Kleinigkeit über die Hälfte der Jungen hat was von der Parade gesehen!
»Na, Ernst?« – Ernst Ehrenfried, das ist der Primus. – »Warum bist du denn nicht zur Parade gegangen?«
»Ich – hatte – keine – Zeit!«
»Ach, Zeit!«
»Ja, meine Tante war nicht da!« – Es kommt das alles recht verlegen und ungeschickt heraus. – »Ich mußte da zu Hause bleiben!«
Der Ordinarius scheint mehr von Ehrenfrieds Verhältnissen zu wissen als alle die andern Jungen zusammen; er läßt den Primus jetzt ruhig laufen und wendet sich an den Sekundus, den Tauscher.
Der druckst auch so herum. Schließlich aber bequemt er sich doch zu der Antwort: »Ich durfte nicht. Meine Eltern sagten, es wäre zu viel Gedränge!«
Auch diese Erklärung scheint der Ordinarius ganz plausibel zu finden. Er wendet sich einfach wieder zu der ganzen Klasse: »Wer hat denselben Grund? Aber ehrlich!«
Langsam und zögernd kommen die Jungen hoch und tun etwas verschämt dabei: es sind außer dem Sekundus noch acht. Hier und da wird wie zur Entschuldigung gesagt: »Nach der Belle-Alliance Straße zu war es ganz schwarz von Menschen!«
»Na, wer bleibt denn nun noch übrig?«
Fünf Mann erheben sich, langsam oder schnell, je nach dem Temperament der Jungen. Einer davon meldet sich krampfhaft, sieht aber dabei immer noch fragend nach den andern zurück: »Herr Doktor! Herr Doktor!«
»Also?«
»Ich habe mit Haeseler und Forster und Bonin eine Partie durch den Grunewald gemacht. Mein Papa hat gesagt, wir sollen uns recht gesund machen; da täten wir dem Kaiser einen größeren Gefallen, als wenn wir ihm auf dem Tempelhofer Feld Staub schlucken helfen.«
Der Ordinarius darf sich nicht merken lassen, daß das hier etwas sonderbar und doch auch wieder drollig genug klingt. Der Vater, der dieses Kraftwort gesprochen, gehört selber dem Wehrstande an, und der Junge – das weiß ja jeder in der Klasse – der will auch einmal Offizier werden. Zur Parade aber ist er doch nicht gegangen.
»Also setzen! – Ja! Was? Wo? Da war ja noch einer! – Karnagel!«
Der Junge ist recht bedrückt wieder aufgestanden und sieht seinen Ordinarius scheu und von unten herauf an, wie ein geprügeltes Hündlein: »Ich habe auch nicht gedurft!«
»Na, warum denn nicht, Otto?«
Im nächsten Augenblick tut es dem Doktor Fuchs schon wieder leid, daß er den kleinen Karnagel nicht einfach übersehen hat; er erinnert sich, daß der Vater des Jungen oft seltsamen Erziehungsprinzipien huldigt. Aber es ist zu spät; denn ein anderer Junge ist schon aufgesprungen und platzt los: »Herr Doktor! Karnagel darf jetzt nicht raus, weil er das letzte lateinische Extemporale mangelhaft geschrieben hat!«
»Herr Doktor! Herr Doktor!« will jetzt auch noch ein anderer seine Weisheit an den Mann bringen. – Grausame Kreatur doch, solch Tertianer! Es wird ihm niemals beikommen, daß er mit dem, was er sagen will, einem andern wehe, sogar sehr wehe tun kann! – »Herr Doktor! Karnagel kriegt jetzt auch keinen Belag auf die Stulle! – Doch! Ich weiß es!«
Der Lehrer ist taktvoller als die Jungen: er hört diese Worte gar nicht und sucht den kleinen Kerl, dem jetzt die Tränen in die Augen schießen, zu beruhigen. »Na, laß nur, Otto,« sagt er, »solche Parade, die kannst du noch öfter sehen! Paß mal auf, die mußt du später sogar selber mitmachen! Na, und unsere Partie am nächsten Freitag! Da seid ihr ja alle dabei! Die ist auch was wert!«
Da meldet sich der kleine Köckeritz ganz krampfhaft. Doktor Fuchs aber hat offenbar keine Lust mehr, noch etwas über diese Sache zu hören. »Genug!« entscheidet er kurz.
»Nein, nein, was anderes!«
»Na, schnell!«
»Können die mittlern Fenster nicht auch aufgemacht werden?«
Die Jungen richten sich alle bei dieser Frage verständnisinnig hoch und tun, als wenn ihnen die Sachen auf der Haut klebten, und als müßten sie nun diese Sachen vom Körper abheben und abschieben. Mehrere beteuern sogar ehrlich: »Ja, es ist wirklich furchtbar heiß! Noch heißer als gestern!«
»Die obern Fensterflügel sind offen!« entscheidet Doktor Fuchs. »Die mittlern Fenster aufzumachen, hat der Herr Direktor verboten! Neulich ist dabei ein Junge in der Sexta vom Fensterbrett gefallen und hat sich den Arm gebrochen! Los!«
Und jetzt schlaucht und schleift Doktor Fuchs die Klasse, als ob er die verlorene Zeit und sogar den gestrigen Paradetag nachholen müßte. Immer schwüler aber wird es in der Klasse. Noch dazu bei der mangelhaften Ventilation! Dem Lehrer selbst stehen die hellen Schweißtropfen auf der Stirn.
Der dicke Puntz ist an solchen Tagen immer mit am schlimmsten dran. Dabei gehen dann natürlich auch seine Gedanken noch leichter spazieren als sonst schon. Er stellt sich zum Beispiel jetzt vor, wie schön es sein müßte, wenn er baden gehen könnte und nicht –
»Dicker!«
Da hat er sich wieder ertappen lassen und muß nun herhalten und kriegt jede zweite Frage, daß er schließlich ganz schachmatt ist, als es zu seiner Erlösung endlich läutet. Das war doch wahrhaftig gestern ein schönrer Tag! Na, aber vielleicht –
Ein anderer kommt ihm zuvor: »Ob’s heute nachmittag denn gar nicht mal frei gibt?«
»Eben wollte ich dasselbe fragen! Das wird ja heute eine Bombenhitze!«
»Och!« – Ein ganzer Hümpel steht schon vor dem Thermometer, das in die Wand eingelassen ist und die Temperatur in der Klasse selbst anzeigt. – »Och! Schon 30 Grad!«
»Réaumur?«
»Celsius! Ist ja aber janz gleich! 30 Grad! Nein! Das geht nicht mehr!«
»Wieviel sind denn das Réaumur?« fragt der Dicke zweifelnd und wie für sich. »Ach, 24! Och! Wir wollen mal schnell auf den Hof hinunter!« –
Da hat der Schuldiener während der ersten Stunde fleißig gesprengt. Eine wohltuende Kühle weht den Jungen entgegen, als sie aus der untern Tür auf den Hof hinaustreten. Das ist ihnen aber gar nicht recht. »Blödsinniger Kerl!« schimpfen sie. »Der weiß gerade, was gut ist!« –
Eben springt Fritze Köhn aus dem Haufen der Jungen zurück, die sich vor dem Thermometer auf dem Hof aufgepflanzt hatten. –
»19! Wenn bloß det olle Krokodil den Hof nich jesprengt hätte!« –
Fritze Köhn ist der Urberliner in der Klasse. Er berlinert immer; nur dann nicht, wenn er vor dem Lehrer steht. –
»Na, dann sind aber um zehn Uhr sicher 20 Grad, und dann müssen wir frei kriegen!«
»Na, von müssen ist nun keine Rede!«
»Doch! Ich weiß es ganz genau!«
»Ja, aber der Direx richtet sich doch nach seinem Thermometer da hinten. Guck doch, da kommt nie die Sonne hin!« –
Wenig tröstlich das alles für die Jungen! Sie müssen wieder hinein in den »Schwitzkasten«.
»Was haben wir denn jetzt?«
»Erdkunde! Die Voralpen!«
»Ach, Voralpen oder Nachalpen! Ich verschlafe die Alpen!« –
So ungefähr wurde es auch. Nur mit dem Unterschiede, daß nicht nur der eine vor sich hindöste, sondern alle miteinander, wie sie da gebacken waren.
Und wieder kommt aus der Klasse heraus die Frage: »Können nicht die mittlern Fenster auch aufgemacht werden?«
»Nein!« antwortet der Herr, der vor der Karte steht. »Ist verboten! Aber die Tür können wir aufmachen!« – Er gibt dem Jungen, welcher der Tür zunächst sitzt, das Zeichen, sie zu öffnen. Kaum aber öffnet sich diese Tür, da tönt ganz klar die Stimme des alten Bumsvallera aus der Nebenklasse her, die offenbar schon früher auf die feine Idee der Öffentlichkeit des Unterrichts gekommen ist: »Na, na! Hier nicht einschlafen, du!«
Das Gaudium der Jungen hüben und drüben bricht los.
»Also! Tür wieder zu!« befiehlt der geographische Herr ruhig. »Dann schwitzen wir eben ein bißchen!«
Ein bißchen! Nein, Ströme Schweißes fließen und verpesten geradezu die Luft. Auch die Sonne kommt jetzt so langsam herum und sieht neugierig in die Klasse hinein. Sonderbar auch! Der Dicke hat so seine Betrachtung darüber: sie bescheint zuerst den Westen von Deutschland und kriecht dann langsam nach Osten hinüber. Und da sagt man immer, die Sonne geht im Osten auf und –
»Puntz! Donnerwetter, Junge, du schläfst ja!« fährt ihm der Professor auf den Pelz.
Der Dicke reißt die Augen auf. »Nein – nein – ich dachte – ich dachte –«
»Na, siehst du, das kommt davon, wenn mal solch Esel, wie du, denkt! Nun passe mal gefälligst auf!« –
Ach, allen andern müßte das auch gesagt werden. Es ist zu schwül in der Klasse. Bleischwer liegt es auf allen, und nur ein Gedanke läßt hier und da ein Gesicht aufleuchten: es muß ja heute frei geben! Und – Gott sei Dank! – heute ist Dienstag! Dann fällt ja gerade der eklige Nachmittag aus! – – –
Auf den Gedanken haben sich – während der zweiten Pause unten auf dem Hofe – alle Jungen zusammengefunden. Aber scheinbar auch eben nur die Jungen; denn der inspizierende Herr hüllt sich in Schweigen, wenn einer der Jungen ihn fragt. Und der Direx? Der ist überhaupt nicht zu sehen!
Aber, was ist denn da los? – Da vorne! – Eben bildet sich da eine Korona. Um den Schnorzel nämlich, den sonderbaren Jungen aus der Quinta, der, wie alle die andern behaupten, »ein bißchen mit dem Dämelsack geschlagen ist«. Der Junge steht mitten drin in dem Haufen; alles redet auf ihn ein.
»Was ist denn los?« fragen die Neuhinzutretenden, die Tertianer.
»Ach,« erklärt einer der Quintaner lachend, »wir haben Schnorzeln zum Direktor geschickt, ob’s nachmittag frei gibt.«
»Na, und?«
»Ja, guck doch! Er kann sich noch gar nicht recht erholen!«
Da hat sich der Schnorzel aber doch endlich erholt. Als ihm jetzt wieder einer aufs Fell schreit: »Na, was hat denn nun der Direktor gesagt?« da sieht er den Fragenden groß und glotzend an. Dann bückt er sich plötzlich vor und beschreibt mit seinem rechten Zeigefinger immer einen Kreis um den andern vor seiner Stirn und schreit dabei klagend: »’nen Vogel hat er mir gemacht! Ja! ’nen Vogel!«
Alle brechen in ein helles Gelächter aus; die Tertianer aber wenden sich ab, und der dicke Puntz meint – immer noch lachend –: »Dem hätte ich ooch ’n Vogel gemacht! Aber noch ’n ganz andern!«
Das ist ja die Meinung der andern im Grunde genommen auch; aber wenn der Direx den Schnorzel so angeschnauzt hat, dann will er doch sicher nicht frei geben! Gerade der Gedanke ist den Jungen allen furchtbar unbehaglich.
»Es muß einer einfach mal ohnmächtig werden!« schlägt der kleine Köckeritz vor.
»Ja,« pflichtet ihm ein anderer bei. »Dann werden die schon vernünftig werden!«
Wer wohl »die« sein mögen? Kein Mensch verzieht das Gesicht dabei! Aber es hilft eben alles nichts: man muß wieder hinauf in die Klasse.
Es ist nur gut dabei, daß es immer noch Jungen gibt, die den Humor nicht ganz verloren haben. Neben dem Brunnen steht ein Quartaner und ladet mit schallender Stimme ein: »Immer hierher! Immer ran, meine Herrschaften! Zur Durschtstillation!« Und oben neben der Klassentür hat sich der Fritze Köhn, der »Urballina« aufgepflanzt und katzbuckelt da allen freundlich entgegen:
»Immer rin, immer rin ins Schwitzkabiné! Macht vil Spaß un dhut nich weh!«
Die Jungen folgen freilich dieser freundlichen Einladung. Aber sofort sind sie auch um die Tür herumgeschwenkt und zum Klassenthermometer hingetreten. »Was?« ruft einer da hastig. »Nur noch 29 Grad? Na, das geht doch nicht mit rechten Dingen zu! Wer hat denn hier gemogelt?«
Der Fritze Köhn hat das gehört und ist auch um die Ecke herumgesprungen: »Wat, na Donnerwetter, da denk ick ja, der Affe soll mir frisieren! Det jibt’s nu nich! Jeh mal weck! Ick will mal dran pusten!«
Gesagt, getan! 30 Grad, 31, 32, 33, 34.
»So! Det jeniejt vorläufig!«
Es genügte aber doch nicht; denn die dritte Stunde beginnt. Und eine Gluthitze dabei! Das Atmen wird Lehrer und Jungen schwer, und die Arbeit schleicht müde und trübselig dahin. Am Ende der Stunde steht es mehr als je bei jedem einzelnen fest: »Nachmittag müssen wir doch frei kriegen!«
Die Pause ist kurz.
»Hast du schon zu Nachmittag Geschichte gelernt?« fragt der Bonin den Dicken.
»Ih wo! Nich in de la main! Wollen doch erst mal abwarten!«
»Na, Köckeritz will ja ohnmächtig werden!«
»Der? Das Quecksilber! Wenn der wirklich mal ohnmächtig wird, dann ist er es immer noch nicht ganz und noch lange nicht!« – – –
In der vierten Stunde hat man wieder bei Doktor Fuchs, dem Ordinarius.
»Na, wenigstens nicht so langweilig! Aber der Kerl, der triezt uns dafür wieder so!«
»Ach ja! Und bei der Hitze!« –
Auch dasmal half es alles nichts. Mit dem Triezen, das war schon in Ordnung; aber weniger heiß war es natürlich trotz alledem nicht.
Ab und zu freilich gab es heute eine Kunstpause. Da sagte dann Doktor Fuchs: »So, Jungs, nun könnt ihr euch mal ein bißchen verschnaufen! Anlehnen! Wollt ihr euch die Jacke ausziehen?«
Einige setzten lächelnd an; es tat’s aber schließlich doch keiner.
Gerade in solcher Pause aber meldete sich der Bonin: »Herr Doktor! Ich muß nachher zum Prediger!«
»Schön! Freut mich!«
Der Junge lächelt darauf etwas verlegen und meint zögernd: »Ja, ich weiß aber nicht! Wir gehen doch früher weg! Wir wissen nicht, ob wir nachmittag dann wieder hermüssen!«
Jetzt scheint der Ordinarius zu verstehen. »Ach so!« sagt er ganz gewichtig. »Na, selbstverständlich! Das möchtest du nun wissen! Na, dann komm mal vor! Dann werde ich’s dir ins Ohr sagen!«
Ei, wie der Junge da vorsprang und sein Ohr hinhielt! Und Doktor Fuchs, der selber ja nur so groß ist, wie Bonin, der beugt sich ganz geheimnisvoll zu ihm vor, als wenn er ihm das wirklich auch nur ganz leise zuflüstern wollte. Die andern Jungen aber, die spannen die Ohren und recken den Kopf hoch und möchten doch auch etwas aufschnappen.
Ja, aufgepaßt! Jetzt öffnet Dr. Fuchs den Mund, und – während die ganze Klasse den Atem anhält – brüllt er dem Bonin entgegen: »Wenn ich dir das sage, dann wissen das zweie!«
Der Junge ist ganz erschrocken zurückgeprallt und will sich eben wieder aufrichten, während im selben Augenblicke die Klasse in lauten Jubel ausbricht. Da aber öffnet sich auch plötzlich die Tür. Der Schuldiener erscheint auf der Schwelle. Er und der Direktor, sie klopfen beide nicht an, wenn sie in die Klasse kommen. Die Jungen sind also darauf geeicht, in solchem Falle auch den Direktor erscheinen zu sehen. Sie warten gewöhnlich auch erst einen kleinen Moment ab und richten sich mit dem Gesicht und mit dem ganzen Menschen darnach. Heute aber sind sie ungewöhnlich schnell dahintergekommen, wer sich da durch die Tür in die Klasse geschoben hat. Der Jubel über den übertölpelten Bonin geht sofort in den andern über, in den Jubel nämlich über den Zettel, den der Schuldiener in der Hand hält und eben, süßsauer lächelnd, dem Ordinarius präsentiert.
Der nickt nur und verkündet dann: »Also, Jungs, um 1 Uhr wird heute der Unterricht geschlossen! Ihr habt ja schon um 12 Uhr Schluß! Nachmittag ist natürlich frei!«
Den Schuldiener sieht man heute gnädig an. »Na kann det olle Krokodil sprengen, so ville et will.« So hat Fritze Köhn leise gesagt, und so denken mit ihm alle die, die das gehört haben. Nicht lange dauert es auch, da läutet es. Ein kurzes Gebet, und draußen sind die Jungen, frisch und munter, als lockte das schönste Frühlingswetter und nicht die Dunst- und Gluthitze der Berliner Asphaltstraßen. –
Als die Jungen die Treppe hinunterstürmen wollen, steht der Schuldiener breitspurig im Wege wie ein zürnender Gott. Er wenigstens scheint den Jungen den Schulausfall doch nicht zu gönnen. Der Fritze Köhn kann es sich deshalb auch nicht verkneifen, im Vorbeigehen einen alten Berliner Gassenhauer zu trällern; er als »Urballina« ist ja ganz besonders groß in so etwas:
»Mitten auf der Elbe schwimmt ein Krokodil, wackelt mit dem Schwanze, weiß nicht, was es will. Bitte, jehn Se rechts un bitte, jehn Se links! Denn so’n Krokodil is een jefährlich Dings!«
Die Kameraden lohnen dem Fritze Köhn dieses Lied und diesen Mut mit lautem Jubel. Aber wie erschrocken darüber trollt man sich dann schleunigst hinaus. In aller Munde aber liegt ein Wort: »Au wei! Das ist ’ne feine Woche! Und am Freitag die Partie! Was wird nun vielleicht noch morgen sein?«
Da ist’s vorbei mit der Freude. »Aecks! Morgen Klassenarbeit in Geometrie! Junge! Junge! Junge! Die Arbeit verhaue ich ganz sicher!«
»Ach ja! Die ganze feine Woche wird dadurch ruiniert!«
»Wahrhaftig! Wenn doch bis morgen die Schule abbrennte!«
»Und der Kerl mit!« – – –
Immer offen und ehrlich! Aber die beiden Tage war die Woche nun schon fein gewesen! – – –