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Eine feine Woche!

Donnerstag: Ein recht bewegter Vormittag.

Reading edition

Sic me servavit Apollo.

Illustration from Eine feine Woche!

Um neun Uhr erst zur Schule! Aber dafür dann auch gleich Latein! Beim alten Bumsvallera! Unheimlich war ja das Lateinische immer! Aber heute gerade konnte es keinem recht geheuer sein; denn alle Akkusativregeln waren zu repetieren.

»Weiß der Teufel auch, wie das zugeht!« sagte der kleine Köckeritz schaudernd. »Aber beim alten Bumsvallera kann man noch so gut gelernt haben; wenn’s das Unglück und der alte Querkopf wollen, so fallen wir doch hinein!«

Der dicke Puntz schüttelte sich. »Und heute nun solche Regeln! Ganz geschaffen, einen anständigen Menschen damit bis über die Ohren hineinzulegen! – Ich habe so’n Animum als wenn!«

»Aber ich erst!« – Sausig klapperte ordentlich mit den Zähnen.

»Sein Gutes hat Bumsvallera aber doch auch!« meinte der Dicke nachdenklich und nach einem Augenblick des Schweigens. »Erstens lernen wir was bei ihm, und zweitens hört er mit dem Glockenschlag auf! Ich habe zwar das Glück noch nie gehabt, gerade so mal aus der Klemme zu kommen; aber ich bin immer froh, wenn es anfängt zu schlagen!« – – –

Mochte nun der alte Professor glauben, daß auch alle andern die Regeln so herbeten könnten, wie die, welche er zufällig zuerst aufgerufen hatte; oder wollte er wirklich noch recht viel Übungssätze dazu Übersetzen lassen: kurz, er ließ bald das Übungsbuch aufschlagen. Gemütlich war so was nun zwar erst recht nicht; aber man fiel dabei doch nicht mit Tadel oder Stunde hinein.

Heute aber sollte die Sache doch aus einem andern Loch pfeifen. Der Rippach, der Junge der dumme, übersetzte geradezu gottsjämmerlich schlecht; so schlecht, daß es wahrhaftig kein Wunder war, daß der alte Bumsvallera schließlich sein Buch hinlegte und den dummen Kerl anherrschte: »Siehst du! Siehst du! Du kannst die Regeln nicht! Nun sag’ sie auf!«

Der Junge fand sich nicht hinein.

»Na also! Du hast nicht gelernt! Sei ruhig! Nicht, wie du sollst! Du kriegst einen Tadel!« –

Dem Dicken und manchem andern noch wurde es schwül dabei. Hie und da schlug dieser Tadel wie ein Blitz in die Klasse ein; ein halbes Dutzend der Jungen stand schon mit dem Namen im Klassenbuch. Jeden Augenblick konnte der Dicke auch drankommen. Und konnte er dann diese verzwickten Regeln nicht anwenden, und konnte er sie dann nicht auch am Schnürchen und durcheinander herbeten, dann –! Er saß wie auf Kohlen! Kam er dran, dann fiel er unbarmherzig hinein, genau wie die andern. Und nachher kam dann der Doktor Fuchs in die Klasse, mit dem man doch morgen eine Landpartie machen wollte! Die Sache war –

»Na, nun mal – der – Puntz!«

Der Dicke pfiff von seinem Platze auf wie noch nie in seinem ganzen Schulleben. Jetzt sollte er übersetzen. Aber so sehr er sich auch zusammenriß, hier und da stockte er doch, und nun gebrauchte er sogar den Akkusativ, und die Tücke des Schicksals wollte noch, daß gerade hier der – Dativ stehen mußte.

»Ach!« fuhr der Alte da zusammen. »Na, ich glaube gar!« – Bumsvallera gebärdete sich ganz wild dabei. – »Kannst du denn überhaupt –«

Klirrr–r–r!

Der Alte hatte mit seinem Klemmer wütend vor sich hingehauen. Dabei war ihm das Buch mit seiner scharfen, harten Kante in die Quere gekommen, und – das ganze Pincenez war zum Teufel. Und doch tat der Alte auf einmal, als wäre gar nichts geschehen, oder als ärgere er sich nicht im geringsten darüber. Jeder aber sah ihm den Ärger an. Die Jungen wagten ja nun nicht, auch nur einen Mucks zu sagen; aber innerlich schrieen und jubilierten sie vor Schadenfreude. »Der alte Bumsvallera, der hat uns jenug jeschunden, dem gönne ick det!« – So dachte Fritze Köhn; so dachte mit ihm auch manch andrer. –

Währenddessen stand der Dicke da als das Opfer, auf das sich – nach seiner eigenen Meinung – die ganze Erregung des Lehrers entladen mußte.

Nichts von Erregung! »Na also, Puntz! Kannst du denn die Regel? Ja? Na gut! Sag’ sie mal auf!«

Der arme Junge hatte den Kopf gehoben; seine Nasenflügel vibrierten. Er wußte die Regel ganz bestimmt; und doch –.

»Na, los nur! Wenn du sie nicht kannst, dann –.«

Rrrrrrrrr–. Die elektrische Glocke war die Erlöserin.

»Na« – der Alte richtete sich im selben Augenblicke hoch – »na, Puntz, heute kannst du auch sagen: Sic me servavit Apollo!« –

Der Junge atmete tief auf. Er fühlte, wie ihm der Schweiß auf die Stirn getreten war. Die andern, die schon drangewesen und dabei reingefallen waren, die taten ihm ja leid; aber die würden jetzt sicher lachen, wenn er so kurz vor Toresschluß auch noch hineingeflogen wäre. Also Wurst wider Wurst! Er wollte sich freuen, daß er wenigstens so mit einem blauen Auge davongekommen war. – – –

Der alte Bumsvallera hatte seinen Vermerk über das durchgenommene Pensum ins Klassenbuch geschrieben. Als er am Dicken vorbeiging, drohte er ihm mit dem Zeigefinger: »Du, du, lernen!«

Beinahe hätte der Dicke gesagt: »Herr Professor, ich habe auch gelernt!« Doch er dachte noch rechtzeitig daran, daß es nicht wohl angebracht war, dem alten Herrn mit einem Widerspruch zu kommen. So zog der Junge lieber vor, nichts zu sagen. Er begnügte sich nur, hinter dem Alten herzugrienen, und kaum war der zur Tür hinaus, so seufzte Puntz noch einmal auf: »Gott sei Dank! Das ging noch mal so ab!«

»Und die letzte lateinsche Stunde!« gab auch Fritze Köhn seinen Senf dazu. »Verjiß det nicht!«

»Ja,« fiel der Dicke wieder fröhlich ein, »das ist doch eine feine Woche! Nun ist sie erst fein!«

»Ja, da hast du recht! Und jetzt Turnen bei Paperlink!« – – –

Strafe muß sein!

Ja, Turnen bei Paperlink! Wer konnte es den Jungen verdenken, daß sie zum Turnen liefen und stürzten? Ein Fach, das keins ist, weil’s nichts dafür aufgibt, und Paperlink aller Ränke voll! Und immer lustig und zu allen möglichen und unmöglichen Scherzen mit den Jungen aufgelegt! Ein Junger unter Jungen!

Auch heute rannten die Tertianer schnell zum Turnen hinunter. Aber – was hatte der kleine Turnwart, der Paperlink, nur heute? Während ihm sonst die Jungen die Hand geben durften und er diese »Patsche« auch wieder tüchtig schüttelte, heute lief er mit den Händen auf dem Rücken herum und tat, als sähe er die ihm treuherzig entgegengestreckten »Pfoten« nicht, als sähe er überhaupt durch die Jungen durch und durch.

»Der muß sich mächtig geärgert haben!« erklärte der kleine Köckeritz.

»Ja,« – Fritze Köhn hatte ja immer ein schlechtes Gewissen – »et’s bloß jut, det wir nich dran schuld sin! Oder sint wer?« – – –

Es sollte sich bald zeigen, wer daran schuld war. –

Kaum daß die elektrische Glocke im Schulgebäude oben losschnarrte, schritt auch schon der kleine Paperlink mit einer feierlichen und ihm doch sonst so ganz fremden Grandezza zur Turnglocke vor und läutete, daß es allen durch Mark und Bein ging.

»Brrr!« fuhr Fritze Köhn auf. »Det jeht einen ja durch Mark un Fennje!«[10]

»Na nu?« – Die Jungen sehen ganz erstaunt auf. Sie waren gewohnt, sonst immer noch etwas Kürturnen zu haben. – »Schon?« – »Was ist denn eigentlich heute mit dem los?«

Paperlink stand auf seinem Kommandokasten, mit dem er – wie er einmal selber verraten – seiner Länge eine Elle hatte zusetzen wollen. Er blickte starr auf den Fleck hin, auf dem die Klasse eigentlich nun bald stehen sollte.

Die Jungen wurden etwas ängstlich. Einer drängte den andern. »Dunnerwetter ja, was ist denn heute nur passiert? Man ’n bißken fix jetzt!«

Die Klasse stand in Rotten ausgerichtet da und hielt die Blicke erwartungsvoll auf Paperlink geheftet, der immer noch starr vor sich hinsah.

»Als ginge er hinter einem Leichenwagen her!« flüsterte der kleine Köckeritz, der Frechdachs.

Endlich, endlich hob der Herr Turnwart den Kopf und bewegte die Lippen.

»Ja, ich habe mit den Herren ein Wort deutsch zu reden.« (NB. wenn Paperlink feierlich werden wollte, dann redete er hochdeutsch.) »Ich habe zu meinem größten Bedauern gehört, was ihr alles für Hanaken – ich wollte sagen, was ihr alles für unpatriotische Jungen seid, die nicht wert sind, Deutsche zu heißen, weil sie sich zur Parade von Seiner Majestät frei geben lassen und doch nicht zur Parade gehen. Der Ordinarius hat mir erzählt, daß nur einundzwanzig Mann von der Unter-Tertia O zu diesem Fest gegangen sind und fünfzehn also nicht. Ich wenigstens finde, es wäre ganz gut, wenn ihr euch bei solcher Gelegenheit unsere feinen Soldaten mal ein bißchen genauer ansähet und euer deutsches Gefühl daran ein bißchen stramm aufrichten wolltet. Solch Gang am Montag durch die Belle-Alliance Straße hätte auf einen richtigen Jungen viel mehr wirken können als die gelehrtesten Reden über die Vaterlandsliebe. Das ist meine Meinung. Und deshalb werde ich die Herren, die am Montag nicht an der Parade teilgenommen haben, bestrafen.«

Der Redner schöpfte tief Atem, während die Jungen unten vor ihm zum Teil recht betroffen, zum Teil recht schadenfroh dreinsahen.

»Vortreten,« hob Paperlink wieder an, »wer sich die Parade nicht angesehen hat!«

Die fünfzehn Mann traten vor, ohne auch nur einen Augenblick zu zögern oder ohne auch nur mit der Wimper zu zucken. Auch von Schoener und Haeseler und Forster und Bonin, die nach dem Grunewald gegangen waren und so doch eigentlich den Paradetag auch redlich benutzt hatten. Sie wußten, bei Paperlink würde doch kein Widerspruch etwas helfen.

»Herr Turnwart!« – von Schoener ist damit einen Schritt weiter vorgetreten. – »Karnagel kann eigentlich nicht dafür, daß er nicht gegangen ist. Sein Vater ist dran schuld!«

»Ist gut! Seinen Vater habe ich nicht hier. Also muß er ran!«

von Schoener, der nette, mutige Junge, tritt wieder zurück. Ja, als Sohn eines Offiziers hat er Disziplin im Leibe.

»Drei … sechs …… fünfzehn! Stimmt! Erstens also zwiebele ich euch, die ihr euch nicht über unser schönes Militär freuen konntet, jetzt ein Viertelstündchen, und die andern sehen zu. Und zweitens dürfen die andern dann kürturnen, und ihr seht zu. Die Paradejungen aber dürfen sich beim Zusehen malerisch um euch herumgruppieren, wie es ihnen am bequemsten ist, und ihr, die Reichskrüppel, ihr, mit eurem Manko im vaterländischen Gefühl, ihr müßt nachher beim Zusehen in Reih und Glied stehen! Und stramm dabei! Das soll eure Strafe sein! – Die Parade austreten!«

»Die Parade austreten?« – Oh, die Jungen verstanden! Im Nu waren alle Barren, Matratzen und alles, was sonst einen Raum zum Liegen bot, »beflegelt«, während Paperlink von seinem Kommandokasten hinuntersprang und die »Reichskrüppel« zusammenrücken ließ. Und nun ging’s los. Nach links und nach rechts hin ließ er das kleine Häuflein marschieren und schwenken, die Turnhalle auf und die Turnhalle ab; er ließ sie an Ort treten und im Laufschritt dahinstürzen, auf die schadenfrohen Paradezuschauer zu und von ihnen weg, an ihnen vorbei und noch einmal vorbei und zum so und so vielten Male vorbei, daß die fünfzehn Mann schließlich rauchten und dampften. Und endlich, endlich kam dann das Kommando: »Halt!«

»Ausrichten! – Haeseler, man nich so schlapp dhun! – Bonin, an deinen Schuhen is ooch bloß die Ventilation jut! – Schoener, dhu man nich so! Willst woll Eindruck schinden? – So! Nun habt ihr noch lange nicht so geschwitzt wie wir andern bei der Parade! Aber ich will Gnade vor Recht ergehen lassen. Ganze Abteilung – kehrt! Vorwärts – marsch! … Ganze Abteilung – halt! Ganze Abteilung – kehrt! So! Hier bleibt ihr stehen und seht zu!« – Zu den andern gewendet: »Zur Belohnung Kürturnen!«

Na, war das nun bisher für die »Paradejungen« ein Vergnügen gewesen, jetzt ging’s erst recht an. Kürturnen eine ganze halbe Stunde lang! Wie es sonst nur in der allerletzten Stunde vor der großen Versetzung gewesen war! Und um so schöner, als andere dieses Vergnügen zu der gleichen Zeit nicht haben konnten! Die mußten nun so »duselig« zusehen! Und ausgenutzt wurde dieses Vergnügen!

Am Ende der Stunde ertönte wieder das Glockenzeichen.

»In Rotten antreten! Haltung!«

Paperlink stand auf seinem Kommando- oder Vergrößerungskasten.

»So!« – Der kleine Herr machte wieder sein gewöhnliches, sein gemütliches Gesicht. – »Jetzt sind die Sünder wieder so gute Menschen wie wir andern. Jetzt dürft ihr mir alle wieder zum Abschied vor den Pfingstferien die Hand geben!«

Es taten’s alle. Zu allererst und am allereifrigsten die fünfzehn, die Paperlink soeben so frisch und allerliebst und gründlich dabei »gezwiebelt« hatte. – – –

Zu langstilig und zu kurzstielig.

»Na, das läßt sich ja immer schöner an!«

Das Gefühl so ungefähr hatte die ganze Klasse, als man endlich wieder oben saß und auf Doktor Fuchs wartete. Was konnte denn überhaupt nun heute noch passieren? Jetzt im Französischen ein Lesestück! Und nachher Geschichte! Da mußte man ja schon veritable Kunststücke machen, um hineinzufallen. Man durfte natürlich keinen unnützen Jokus treiben; aber man riß sich eben auch kein Bein aus.

Und morgen dann die Klassenpartie! Und dann die Pfingstferien! Der dicke Puntz hätte bei diesem Gedanken beinahe Juchhe! geschrien.

Wo blieb aber nur Fuchs heute?

Da, ein Trappeln von vielen Schritten auf der Treppe! Eine der Quarten marschierte draußen andächtig auf. Schnell trat auch jetzt der Ordinarius in die Klasse und ließ seine Jungen so auseinanderrücken, daß sich neben jeden ein Quartaner setzen konnte.

Die ganze Sache fing also schon recht langstilig an, und langstiliger noch ging’s in der Stunde her; denn offenbar wollte Doktor Fuchs die Quartaner nicht ganz brach liegen lassen und seinen eigenen Tertianern das Quartanerpensum dabei in Erinnerung bringen.

Verlorene Liebesmüh! Der Tertianer hat bei solcher Gelegenheit oft ein dickes Fell: man ließ also auch in diesem Falle die ganze Geschichte ruhig an sich vorüberplätschern und schwamm nur mit, wenn man wirklich mal gezwungen wurde. Man war ja mit allem so weit weg vom Schuß!

Schließlich hatte man auch mal wieder das Gefühl: summa summarum eine feine Stunde!

»Ja,« beteuerte der kleine Köckeritz, der es verstand, sich zuweilen recht gewählt auszudrücken, »es war eine Stunde, die sich wunderbar in diese ganze, feine Woche hineinfügt! Auch die Geschichtsstunde werden wir mit Gottes Hilfe noch überstehen!«

Fritze Köhn aber sah dabei dem Kleinen so seltsam auf den Mund. »Fertig mit de Quasselstrippe?« fragte er schließlich.

»Ja!«

»Ick mach’s kirzer: Jetzt no’ Jeschichte! Un denn: Adjee Sie!«

Die andern Jungen mußten hell auslachen. Sie waren durchaus der Meinung von Fritze Köhn: so was konnte man eben gar nicht kurz genug sagen! – – –

Nun saß man schon mitten drin in der Geschichtsstunde! Griechenland war so weit weg und die Geschichte der alten Griechen noch viel weiter! Zudem war es auch wieder heiß geworden, wenn auch nicht so heiß, daß man auf Freigeben hätte hoffen können. Immerhin, mitten in der Stunde – die Schuluhr draußen über der Turnhalle hatte gerade halb geschlagen – mitten in der Stunde also meldete sich der Richter und sagte höflich: »Herr Doktor, können nicht die Fenster oben alle aufgemacht werden?«

Der Lehrer nickte: »Selbstverständlich! Hier sind ja wohl bestimmte Fensterwarte in dieser Klasse!«

Die vier Größten sprangen auf.

»Meins ist schon auf!« sagte Schützel gewichtig, während Schilter und Heinrichs vorliefen, um den Hebel an ihrem Fenster zu ergreifen und ihn langsam und vorsichtig zur Seite zu drücken. Die Fenster öffneten sich dann oben an der Decke, wie von einem geheimen Zauber bewegt.

»Na, und du?« fragte der Lehrer den Mucius.

»Ja, das da ist meins! Aber manchmal geht’s, und manchmal geht’s nicht! Herr Doktor Fuchs hat gesagt, am besten machen wir das vorläufig nicht auf!«

»Och! Hat er das wirklich so gemeint? Es ist nämlich bei euch hierdrin in der Tat etwas sehr schwül, Jungs! Geht’s wirklich nicht doch mal mit dem Fenster, Mucius?«

»Herr Oberlehrer!« – Der kleine Zittel ist immer einer der schnellsten auf dem Plan. – »Das Fenster ist unter Plombenverschluß gelegt!«

»Unter was?« fragt da der Lehrer aufhorchend und tritt zu dem besagten Fenster hinüber.

Da war eine rote, feine Schnur um den Hebel und die zum obersten Fensterflügel hinauflaufende Eisenstange gelegt; die beiden Enden dieser Schnur waren in einer kleinen Bleiplombe vereinigt. Und ein Zettel war weiter darangebunden. Auf dem stand:

»Vorsicht! Plombe! Oeffnen bei Strafe verboten!

Mucius, Fensterwart. Im Auftrage der Klasse, G. m. b. H.«

Der Lehrer mußte lachen. »Na,« meinte er schließlich, »dann müßte unten in meiner Quinta an jedem Fenster solche Warnung hängen! Es wird schon gehen!«

Vorsichtig fing also der Herr an, an dem Hebel zu drücken. Doch, die kleine Schnur, so dünn sie auch sein mochte, leistete einen gewissen Widerstand. Die Jungen sahen gespannten Blickes auf die ganze Manipulation hin. Mucius sogar etwas empört. Schließlich, er mußte doch sein Fenster auch besser kennen als jeder andere! Und wenn der andere auch sogar vielleicht Professor war. Passierte was dran, dann war er selber doch Fuchsen dafür verantwortlich, und es war doch eben sein Fenster! Aber er würde –

Knipps! – Da war die dünne Schnur gerissen. Rupps! fuhr das Fenster oben auf. Krach! sprang der Flügel aus den Angeln.

Alles am Fenster dort vorn prallte zur Seite; denn schon sauste der schwere Holzrahmen mit der Scheibe zu Boden, und klirr! klirr! klirr! zerschmetterte sich die Scheibe unten an den Dielen in tausend Stücke.

Ein Augenblick entsetzten Schweigens! Dann aber brach der Spektakel los. Ein Lachen! Ein Johlen! Ein Heulen! Dort vorn am Fenster bogen sich die nächsten mit schadenfrohem Gesicht zu der ganzen, zerbrochenen Herrlichkeit hinunter; hier sahen die ersten auf der Bank dem Lehrer in die erschrockenen Augen; hinten aber hatten sich ein paar direkt umarmt, und man hätte nur noch zweifelhaft sein können, ob sie lieber einen Schunkelwalzer oder einen Indianertanz aufführen wollten.

Es kam zu keinem von beiden; denn im selben Augenblick erschien auch schon der Direktor auf der Bildfläche.

»Na nu? Was ist denn hier los?«

Der Geschichtslehrer kam um die Bänke herum und erklärte die ganze Sache. Und verlegen lächelnd fügte er hinzu: »Ich werde natürlich für den Schaden aufkommen, Herr Direktor!«

»Ich weiß nun nicht mal, ob Sie das dürfen,« erwiderte indessen der Direktor ablehnend. »Die Fabrik, die diese Verschlüsse eingerichtet hat, ist der Stadt zu einer tadellosen Leistung verpflichtet, und doch ist beinahe in jeder Klasse etwas daran nicht in Ordnung. Sehen Sie, dieser Zapfen da oben! Ja, der! Der ist immer zu kurzstielig! Ich habe jetzt schon eine ganze Zeit lang eine wirkliche Angst gehabt, daß mit den Dingern was passieren könnte. Und als ich draußen gerade vorbeiging« – der Herr Direktor lachte wieder – »da dachte ich mir gleich, daß was mit diesen Fenstern los wäre. Es hörte sich ja ganz gefährlich an!«

»Na, hier noch mehr!« freute sich auch der Geschichtslehrer. »Es ist nur gut, daß kein Unglück sonst dabei vorgekommen ist!« – – –

Ach, Unglück oder nicht! Das war den Jungen schließlich ganz schnuppe. Aber der entsetzliche Krach, die Verlegenheit des Lehrers, die Angst und die Aufregung des Direktors, alles das zusammen machte ihnen ja einen Heidenspaß. Die Zeit NB. verging doch dabei auch; die Zeit, die kostbare Zeit, mit der sonst so gespart und gegeizt wurde. Na, kurz und gut, höchst willkommen die ganze Geschichte! Die alten Griechen waren dabei weit, weit weggeraten. Was hätten die auch hier gewollt, die dummen Kerle, die mit dem besten Willen von der Welt überhaupt keine Scheibe hätten zerschmeißen können! Eine feine Stunde wieder mal, fein, wie die ganze Woche! Beinahe war es sogar jammerschade, daß es jetzt schon läutete und man so nicht mehr weiter das Bewußtsein haben konnte, daß die ganze letzte halbe Stunde zum Teufel gegangen war – durch die Schuld des Lehrers. –

»Hast du übrigens gesehen, was für ein Gesicht er dabei machte?«

»Ja, als wenn er die ganze Scheibe auf den Kopf gekriegt hätte!«

»Ach, die hat er auf den Kopf gekriegt?«

»Ih wo!«

»Na, wer weiß?«

»Na freilich!«

»Quatsch nich, Krause!«

Fritze Köhn hat dieses gewichtige Wort gesprochen. Und mit listig und lustig blinkenden Äuglein fährt er fort: »Ob die Zappen an den an’nern Fenstern nich auch en bißken kleener jemacht werden könnten! So ’n bißken kurzstieliger, meen’ ick!«

Die Jungen stutzten wohl etwas, dann aber lachten sie doch nur Über den »verrückten« Einfall. »Ach nein! Aber eine feine Stunde war es doch wieder mal!«

»Ganz ausgezeichnet fein!« bestätigte Köckeritz. »Wie die ganze Woche!«

»Ja! Und morgen noch die Partie! Das wird das Allerfeinste!« – – –

Notes in this chapter

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