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Eine feine Woche!

Freitag: Die Klassenpartie. (continued 2)

Reading edition

Da lachen die Jungen laut auf.

»Ja, ja, wirklich melken! Die Ameisen klopfen und streicheln nämlich so lange mit ihren Fühlern an den Tierchen herum, bis die Blattläuse ihren Enddarm entleeren!«

Aber nun das Lachen der Jungen erst! »So eine Schlauheit! – Die Ameisen denken dann doch genau so wie die Menschen.«

»Ja, das sollte man meinen! Einmal hatte jemand in seinem Garten um einen Baumstamm einen Teerring gezogen. Auf dem Baume saßen aber bei den Blattläusen noch Ameisen genug. Als die nun den Stamm hinuntergeklettert kamen, um in ihr Nest zu gelangen, da fanden sie den Teerring, über den sie natürlich nicht hinwegkonnten. Was machten sie da nun? Was meint ihr, Jungs?«

»Vielleicht opferten sich die ersten und bildeten so eine Brücke, daß die andern drüberkonnten!«

»Nein, opfern tun sie sich nur in Gefahr oder beim Angriff!«

»Vielleicht haben sie Blätter oder sonst was auf den Teerring geschleppt!«

»Ja, das haben sie getan. Aber dieses ›sonst was‹ waren eben die armen Blattläuse. Die Ameisen kriegten sie zu packen und klebten sie auf den Teerring, bis sie selber da gefahrlos hinüberkonnten. Also man sieht, schlau sind die Ameisen, aber dankbar gegen andere Lebewesen kann man sie nicht nennen; sogar nicht gegen die, die ihnen nützen.« – – –

»Dieser Stein vom Seinestrande.«

Da schwenkte man eben rechts weg und hinunter; denn hier fallen die Havelberge zu einem Gesenke ab. Lange, lange bevor noch ein Germane mit Albrecht dem Bären wieder in diese Gegend kam, hatte der Regen, wenn er von jenen Höhen herunterströmte, hier ein flaches Sandland geschaffen und dadurch die Havel zurückgedrängt. Da schneidet die Chaussee gerade den letzten Zipfel der hier niedriger auslaufenden Havelberge durch und wendet sich dann von dem Wasser weg in den Wald hinein, um so später rechtwinklig auf die alte Berlin–Potsdamer Landstraße zu stoßen.

Durch das Gesenke selbst läuft die Chaussee auf einem aufgeschütteten Damm, der von weißgetünchten, aufrechtstehenden Steinen eingefaßt ist. Zwischen diesen Steinen muß man jetzt ein kleines Stückchen hinwandern.

»Warum stehen denn die Steine hier?« fragt da einer.

»Frage do’ nich so dumm!« – Fritze Köhn ist eben ein zappeliger und schnell denkender Berliner. – »Damit keener runtersaust, wenn er ’n Schwips hat.«[11]

»Aber,« hat der Frager wieder zu sagen, »wenn nun im Winter Schnee liegt? Dann sieht man doch die weißen Steine nicht!«

Ja, nun horchen mehr her. »Wenn nun im Winter Schnee liegt?«

»Schafsneese!«[12] wirft Fritze Köhn wieder mit größter Gemütsruhe ein. »Dann werden die Steine schwarz anjepinselt!«

Das bezweifelt aber der dicke Puntz. »Na, ich weiß nicht! Ich würde sie weiß lassen. Wenn wirklich jemand da hinunterschlittert, dann fällt er bei so viel Schnee doch weich genug.«

»Ja,« meint der kleine Achim Köckeritz schnell, »besonders, wenn man eine Fettschicht auf den Rippen hat.«

»Na, du Dürrländer,« repliziert der Dicke ganz gut, »das ist ja bei dir der bloße Neid! Wenn du man –«

»Ding, Ding, Ding!« schallt da hell und warnend die Glocke eines Fahrrades von hinten, und sofort brüllt einer: »Hurra!« Denn die beiden Männer, die mit ihrem Fahrrad herankommen, sind Offiziere. Jetzt bricht es geradezu betäubend los: »Hurra! Hurra!« Und so sehr erregen und begeistern sich diese dummen Tertianer, daß die Hälfte sich in Trab setzt, gleichsam um den beiden Offizieren das Geleit zu geben. Aber die sind ja schon durch die kleine Schar durchgeflitzt. Als indessen das Hurra kein Ende nehmen will, da springt der letzte der beiden so stürmisch Gefeierten vom Fahrrade herunter. Er legt die Hand leicht an die Mütze. Der Jubel nun erst! Das hätte sicher zwischen dem militärischen und dem unmilitärischen Deutschland hier gleich auf der Landstraße das schönste Verbrüderungsfest gegeben, und die ganze Menschheit hätte neue Bahnen einschlagen müssen, wenn nicht gerade hier und in diesem Augenblicke der Weg Jung-Deutschlands von der Chaussee weg hinuntergeführt hätte auf jene Sandfläche, welche die alte Havelbucht füllt. Hier steuern die Jungen dem hohen Kiefernhang zu, den die Grunewaldwanderer das »Große Fenster« nennen.

Gerade mitten in ihren Weg indessen hat vor vielen Jahrhunderten die Natur eine Eiche gepflanzt. Die steht da, von der Winterkälte in Eis geschlagen, von der Sommerhitze gedörrt, vom Sturme gepeitscht und gekappt, vom Blitz zerschlissen und doch immer weiter grünend und gedeihend und wachsend, bis sie der stärkste Baum des ganzen, weit ausgedehnten Grunewaldes geworden ist. Vor diesem Riesenstamme stehen die Jungen staunend und bewundernd still; sie wandern herum und betrachten ihn mit stiller Ehrfurcht. Endlich treten sie auch näher hinzu. Vier Mann fassen sich an und wollen den Stamm umklaftern; aber der erste und der vierte können sich nicht die Hand reichen, so daß sich noch der dicke Puntz als Bindeglied zwischen die beiden freien Hände stellen muß. Das ist ein Baum! Der ist wert, daß man hinauswandert und bei seinem Anblicke begreifen lernt, daß der magere Boden der sandigen Mark viel mehr zähe Kraft erzeugt und großzieht, als man glauben sollte und als viele es jemals glauben möchten. –

Doch, ein Tertianer ist nicht dazu veranlagt, lange in schweigender Betrachtung zu verweilen, besonders wenn hundert Schritte davon durch das spärliche, lispelnde Schilf das Wasser leise plätschernd an den flachen Strand heranzieht, und wenn dort drüben die Höhen des »Großen Fensters« winken, die wie Schanzen aussehen und in der Brust der Jungen Gedanken erwecken an Klettern und Stürmen. So zieht denn jetzt die fröhliche Jungenschar hinter dem leichtfüßigen Schrittmacher, dem Esch, her. Je weiter der aber vorwärtskommt, desto länger wird die Linie seiner Gefolgsmannen; denn da liegen Muscheln und die allerkommunsten, aber für den unbefangenen Jungen doch seltsamsten Schneckengehäuse in reichlichster Fülle und verführerisch umhergestreut. Und die trockenen Rohrstengel müssen es sich gefallen lassen, geschwippt zu werden wie Weidengerten. Dabei brechen sie natürlich wie Glas weg und werden wieder fortgeworfen. Der und jener versucht auch einmal, wie weit man durch den schwammigen, wassergetränkten Ufersaum an die Havel selbst hinankommen kann. Dann steht er auf einmal auf den Zehen und dreht sich elegant um wie eine Tänzerin und versucht, mit eiligen Schritten und mit hängenden Ohren den festen Sandboden wiederzugewinnen. Unterwegs macht er vielleicht noch einen Extrasprung; denn er wollte gerade in einen Kuhfladen treten und wollte es doch eigentlich auch wieder nicht.

Fritze Köhn, vom sichern Port aus, konstatiert das alles laut und mit tertianerhaft-erlaubter Schadenfreude; schließlich kommt er sogar zu der Behauptung: »Dunnerschock ja! Ick hätte nie jedacht, det de so fein walzen kannst!«

Als er aber von dem also Verhöhnten dafür einen Klaps kriegen soll, da wendet er sich blitzschnell und – rennt mit der Nase gegen einen aufgehobenen Arm.

»Na, da schlag aber eener lang hin un steh wieder kurz uff!« muß er schon wieder schimpfen. »Wat machst de denn mit de Vorderflosse hoch?«

»Na, ich will die Enten zählen!« – Ein ganzes Heer von Kriekenten tummelt sich draußen auf dem Wasser.

»Ach, Kohl! Du bist eben mal dümmer, als de aussiehst! Det kann keener! Zähle die Kühe da! Bis zehn kommst de noch! Det macht Effekt un kost nischt!«

Dem Fritze Köhn aber kann keiner böse sein. So ziehen also auch schon im nächsten Augenblick wieder die Jungen friedlich ihrem Ordinarius nach, der gleich am Eingang des Cladower Sandwerders etwas nach rechts abbiegt. Hundert Schritte weiter nämlich ist – ein Stück von Paris erstanden. Ein kunstsinniger Kämpfer hat im Jahre 1871 bei dem Brande der Tuilerien in Paris dieses Säulenpaar gerettet und zur Erinnerung in dieser weltverlorenen, aber wundersam schönen Ecke des kieferndurchdufteten Havellandes wieder erstehen lassen. Märkischer Efeu ist an dem Säulenpaar langsam herumgekrochen und hat sich daran hochgerankt und festgekrallt, als wollte er – ein echter Brandenburger! – damit ausdrücken, daß er zähe festhalte, was er einmal in Besitz genommen. Auf der Wasserseite jedoch läßt er eine in das Mauerwerk eingelassene Tafel frei. Auf der liest Doktor Fuchs:

»Dieser Stein vom Seinestrande, hergepflanzt in deutsche Lande, ruft, o Wanderer, dir zu: Glück, wie wandelbar bist du!«

Das finden die Jungen sehr nett. Einer aber fragt nun doch noch: »Ist das alles?«

»Ach,« lacht der kleine Köckeritz laut auf, »du willst wohl noch eine Tasse Schokolade zu haben?«

Keiner freut sich mehr darüber als der Fritze Köhn. »Die nimmt der!« erklärt er laut. »Vielleicht wird er denn so sachteken schläuer davon!«

Blattlaushumor.

Die paar Schritte über den kleinen Verbindungsdamm zwischen Werder und Festland geht’s jetzt zurück und dann rechts ab auf ödem Sandwege zwischen Brombeergebüsch dahin. Vor den Jungen leuchten und blitzen die kurzen Wellen des immer schönen Wannsees auf. Da fühlen sie keine Müdigkeit, sondern schleppen die Beine mutig durch den Brandenburger Schnee, den rieselnden Gelbsand, in den sie einsinken bis an die Knöchel. Immer zwischen Wald und Wasser hin, bis auf einmal scharf links die Pumpstation emportaucht und das bunte Gewimmel der Tische und Stühle in den neuen Lokalen, die am See entstanden sind. Da schlägt der dicke Puntz vor: »Herr Doktor, kehren wir da ein?«

»Nein, Dicker, da würdest du dann doch Bier trinken wollen! Das aber macht beim Marsche nur müde und matt. Hat einer noch etwas für den Dicken zum Trinken?«

Von allen Seiten wird ihm da angeboten: Wasser, kalter Kaffee, Tee.

»Na, am liebsten,« vermutet Fritze Köhn, »wäre ihm Wasser mit ’nem Schuß was drin.«

»Aber,« – Doktor Fuchs sieht nach der Uhr – »wenn ihr wollt, Jungs, dann können wir hier noch fünf bis zehn Minuten lagern. So viel Zeit können wir dransetzen.«

»Nein, gleich weiter, Herr Doktor! Der Dicke ist bloß faul!«

»Wir wollen abstimmen!«

Der dicke Puntz aber hat die ganze Sache schon entschieden: er hat sich eben, ohne ein Wort zu sagen, hingesetzt. Und als die andern nur die Miene machen, auch einen Augenblick zu rasten, da legt er sich einfach ganz lang hin und dreht sich schließlich recht behaglich herum, so daß er jetzt bauchlings auf dem warmen, weichen Sandboden liegt. Seine dicken Hängebacken, die »Jewitterbacken« vom Paradetage, hat er in die aufgestützten Hände gelegt und blinzelt aus seinen kleinen Schweinsäuglein zufrieden auf den Wannsee hinaus. Sogleich hat sich eine kleine Schar, bestochen durch diese genußreiche Behaglichkeit, um ihn herumgelagert. Doktor Fuchs sieht sich dieses Bild vergnüglich an.

»Wirklich zum Malen!« denkt er. Laut fügt er hinzu: »Wie ist denn das, Gebhardt, kannst du uns hier nicht photographieren?«

Der Gebhardt ist immer ein kleiner, überängstlicher Peter. »Jetzt ist zu viel Sonne! Vielleicht am Nachmittag wieder!«

»Ja, sonnig genug ist es jetzt!« – Doktor Fuchs schaut umher. – »Da unter dem Baum liegen wir im Schatten!«

So zieht er mit der Hälfte der Jungen noch einige dreißig Schritte weiter; da lagern sie sich.

»Na, Jungs, ist der Grunewald nicht wirklich schön?«

»O ja, aber hier hinten kommt man ja auch sonst gar nicht her! Oder nur zum Baden!«

»Dürfen wir hier baden, Herr Doktor?«

»Warte mal!« sagt der ausweichend. »Wir werden noch manches Schöne heute sehen! Was denn? Das glaubst du wohl nicht, Rogall?«

»Doch!«

»Na, warum lachst du denn?«

Statt aller Antwort lacht der Rogall wieder und erklärt dann: »Der Sausig hat hier solchen faulen Witz gemacht.«

»Na, den müssen wir doch alle hören! Nu schieß mal los, Sausig!«

Der läßt sich auch gar nicht nötigen. »Ach, ich habe den Rogall bloß gefragt, ob er den größten Automaten kennt!«

»Na, den kennen wir auch nicht! Nicht wahr, Jungs?«

»Nein, nein! Kennen wir nicht!«

»Das ist das Polizei-Präsidium in Berlin. Wenn man oben eine Scheibe einwirft, kommt unten ein Schutzmann raus!«

Schallender Beifall belohnt den Erzähler. Während aber alle noch lachen, meldet sich schon der Doef krampfhaft: »Herr Doktor, ich weiß auch was!«

»Na, dann gib’s zum besten!«

»Bei uns im Norden, da steht früh um achte ein kleiner Junge mit der Mappe auf dem Rücken an der Bordschwelle. Und der Junge heult! Da kommt eine Frau und fragt ihn: ›Junge, warum heulst du denn?‹ – ›Ja,‹ sagt er da, ›meine Mutter hat gesagt, wenn ich über den Damm gehen will, soll ich erst die Wagen vorbeilassen. Und nun kommt gar keiner!‹«

Der Doef hat kein Erzählertalent; aber die Sache, die sich der Berliner ja immer plastisch vorstellt, ist an sich spaßig genug. Und das Lachen sitzt heute so locker!

Mitten drin in diesem Lachen gibt’s einen Ruck, so daß alle erschrocken aufspringen: der kleine Heerhaufen nebenan ist mit lautem Aufschrei auseinandergeflogen. Die einen, welche sich nicht früh genug aufgerafft haben, kriechen blitzschnell auf allen vieren fort, und dann erst richten sie sich auf und fangen an zu lachen. Aber auch so zu lachen! Und die andern, die schon stehen, fallen wieder lang hin und wälzen sich auch vor Lachen und können da gar kein Ende finden. In der Mitte dieses soeben noch so idyllischen Schäferbildes aber, das jetzt freilich einer Szene aus dem Tollhause gleicht, da liegt ruhig der dicke Puntz und blinzelt aus seinen kleinen Schweinsäugelein ganz erschrocken um sich. In seiner Verlegenheit – denn er ist in großer Verlegenheit! Man sieht es ihm an! – in seiner Verlegenheit glotzt er dann auf die weißblinkende Fläche des Wannsees hinaus, wo doch gar nichts zu sehen ist. Und trotzdem er – nun schon eine geschlagene Minute lang – noch kein Wort gesprochen, ist er dennoch der Urheber des ganzen Aufstandes.

Da kommen die andern von drüben herübergesprungen: »Was ist denn los?« – »Warum lachst du denn so, Köckeritz?« – »Warum lacht ihr denn? Mensch antworte doch!« – »Lache doch nicht so!« – »Warum lachst du denn?«

So geht es durcheinander; eine vernünftige Antwort jedoch ist aus keinem herauszubekommen, bis sich schließlich Doktor Fuchs an den Dicken wendet. Der tut ja zwar auch ganz sonderbar, aber immerhin scheint er noch der einzig ruhige und vernünftige Mensch in der ganzen Gesellschaft zu sein.

»Na, Dicker, du bist doch bei klarem Verstande! Was habt ihr denn da alle miteinander?«

Langsam und schwerfällig richtet sich der Dicke auf, und dabei sagt er bedächtig und mit beinahe weinerlichem Gesicht: »Ja, ich bitte um Entschuldigung, Herr Doktor! Aber die fingen auf einmal alle an, an mir herumzustreicheln und herumzuklopfen, und dann kitzelten sie mich alle und sagten immer, sie wären die Ameisen und ich eine Blattlaus. Und da – habe ich – da bin ich –«

Der Dicke hat das Gesicht wie mit Blut übergossen. Er kann gar nicht mehr weitersprechen und stottert jetzt nur noch einmal ums andere: »Ich – ich – ich –«

»Ja« – jetzt hat sich der kleine Köckeritz so weit erholt – »Herr Doktor, es ist ja gar nicht so schlimm!« Aber er muß doch wieder lachen und prustet plötzlich heraus: »Dem ist nur ein bißchen das Fell geplatzt!«

Auch Sausig hat zur Partei der Lacher gehört; der findet jetzt das richtige Wort: »Herr Doktor, der Dicke hat die Blattlaus beinahe zu natürlich gespielt! Aber er war nicht dran schuld! Wir haben ihn zu sehr gekitzelt!«

Nun verstehen alle, und nun geht das unbändigste Lachen noch einmal los.

Auch Doktor Fuchs faßt die Sache von der guten und spaßigen Seite auf. »Ist recht, Dicker,« sagt er, »gib’s ihnen man ordentlich! Das ist durchaus menschlich! Komm! Da laß dir also keine grauen Haare drum wachsen!«

Das war für den armen Dicken ein erlösendes Wort. Jetzt lachte er sogar selber wieder mit.

Ein Gutes hat der unfreiwillige Humor des Dicken noch außerdem gehabt: jetzt fühlt sich keiner mehr müde; das herzhafte Lachen, das allen das Zwerchfell wirklich einmal nach allen Seiten ausgeschüttelt und ausgeschüttert hatte, war gegen Müdigkeit ebenso gut gewesen wie ein Stündchen Schlaf und wirksamer als der stärkste Wille. – – –

Vom Wannsee nach der Pfaueninsel.

So ziehen jetzt die Jungen noch einmal so munter weiter, an Belitzhof vorbei und nun ein Stückchen die Chaussee hin, vorüber an dem niedrig angelegten Mauerwerk der Pumpstation mit den kleinen Luftlöchern von Fensterchen, so daß die Anlage ganz unnahbar aussieht.

Hier drängt sich der Achim Köckeritz an Doktor Fuchs hinan. »Herr Doktor, einmal war ein Pariser Geschäftsfreund meines Vaters bei uns. Da sind wir mit ihm hier nach Belitzhof und nach Wannsee und nach dem Schwedischen Pavillon gefahren. Als wir nun hier vorbeikamen, da sprang der Herr plötzlich im Wagen auf, und dabei schrie er wie besessen: ›Ah, Sie saggen, daß Berlin ist nicht Festung! Voilà des fortifications! Un fort! Un fort!‹ Nachher wollte er auch gar nicht glauben, daß das nur die Wasserwerke sind.«

»Ja« – Doktor Fuchs bleibt einen Augenblick stehen, und auch die Jungen schauen jetzt neugierig auf den niedrigen, roten Ziegelbau hinüber, der mit Erde bedeckt ist, so daß er in der Tat von der Bahn aus kaum zu sehen sein wird – »ja, das Ding sieht allerdings Kasematten nicht ganz unähnlich.«

Schon dieses kriegerische Wort interessiert drei Dutzend wirklicher, frischer Jungen mehr, als dreißig Dutzend Mummelgreise glauben könnten. Während man also über das Sandfeld halb rechts wegschreitet und an den ersten Villen von Wannsee vorüberzieht, schwirren alle möglichen Erzählungen von Festungen und Forts und Kasematten um die kleine Schar herum, und wenig Sinn haben jetzt die Klugsnaks von Tertianern für die Schönheit dieser Villen und Gärten aus Tausend und eine Nacht. Nein, im Handumdrehen gleichsam hat man den Bahnhof Wannsee vor sich und folgt Doktor Fuchs, der jetzt rechts um die scharfe Ecke schwenkt und seine Klasse auf ein kleines Plateau hinausführt.

Da steht auf hohem Sockel und in einer kreisförmigen Nische von üppigem Grün die Kolossalbüste des Eisernen Kanzlers, und über die vorn abschließende Hecke weg schweift der Blick auf des Wannsees lichthelle Fläche hinunter, die drüben in ihrer klaren Flut die Zinnen hochragender Villen spiegelt. Leise und träumerisch schaukeln weiße Boote vor ihren Ankern; ein kleiner Dampfer zieht eine silberne Furche von dem Landungssteg unten hinüber nach dem Paradies des Schwedischen Pavillons. Majestätisch strebt soeben ein stattlich großes Dampfboot wie ein mächtiger, weißer Schwan rechts hinaus, der offenen Havel zu, die drüben von den steil aufsteigenden Hügellehnen bei Cladow begrenzt wird. Von Süden her aber schimmert die weiße Fläche des »Kleinen Wannsees« herüber, und das staunende Auge kann es kaum fassen, dieses lieblichste aller lieblichen Havelbilder. Es ist ein wundersames Gemälde, hineingezaubert in die karge und herbe Schönheit des sonst so verrufenen Brandenburger Landes. –

»Wo essen wir denn Mittag, Herr Doktor?« – Dem Dicken wird es so eigen im Magen, als man das schöngelegene Restaurant am Knie der Chaussee links liegen läßt und stramm weiterzieht. Da gibt’s noch manchen schönen Blick nach rechts hinaus auf den Wannsee; aber man hat schon so viel des Schönen gehabt, daß man vieles jetzt achtlos vor den Augen vorübergleiten läßt.

Erst vor dem Flensburger Löwen, oben auf der geräumigen Schanze, macht man wieder Halt. Da stehen unsre Jungen und lassen sich erzählen, wie die Dänen das Original, das jetzt im Hofe des Lichterfelder Kadettenhauses steht, einst Deutschland zum Hohne in Schleswig aufgerichtet hatten; wie aber dann Schleswig wieder deutsch wurde und der dänische Leu dem preußischen Adler nach der Mark folgen mußte. Während das starre Eisenauge früher nach Süden – nach Deutschland herüber – schaute, jetzt ist es nach Spandau hinauf und viel weiter hinaus gerichtet, nach Norden hin, der alten Heimat zu. –

Im engen Kreise zieht man um die Wasserlöcher tief unten herum und an den Grotten des Aussichtsturmes hoch oben vorbei. Dann geht es flott weiter hinaus, hinten am Kirchlein vorüber und geraden Wegs durch mageren Kiefernbestand und über einen echt kurmärkisch-sandigen Waldweg weg zur großen und wunderbar gepflegten Chaussee. Die steigt allmählich erst sanft an, führt aber dann wieder hinab zur Havel. An lauschigen Buchten eilt man so vorüber, und bis auf Steinwurfsweite schiebt sich drüben endlich die von der Geschichte verklärte Pfaueninsel heran.

Ja, die Pfaueninsel, die wollen die Jungen besuchen. Aber erst will man im Restaurant diesseits des Wassers, beim Vater Ehrecke, zu Mittag essen. Dieses Mittagessen ist ja zu zwei Uhr bestellt, und nur noch zehn Minuten fehlen an dieser Zeit; gerade genug, um sich von dem langen Marsch zu neuer Arbeit etwas auszuruhen und den Magen in die beste Stimmung zu versetzen.

Man sucht sich ein Plätzchen in dem sauber gepflegten Garten aus. Das ist ja für einen Jungen immer schon eine wichtige Sache. Man legt dabei das Ränzel ab; man kramt darin herum und – läßt auf einmal alles stehen und liegen und guckt und sieht und sucht und lockt, die Hühner nämlich.

»Put! Put! Put!«

Da kommen denn einige eiligst und langbeinig angewackelt, während die ruhigeren Hühnernaturen ein Bein in die Luft heben und langhalsig erst einmal zusehen, ob denn die übereifrigen Freundinnen wirklich etwas ergattern können. Aber die Jungen wollen gerade alle Hühner haben; denn sie haben an diesen Hühnern etwas ganz Sonderbares entdeckt: alle nämlich tragen Ringe wie die Menschen; freilich nicht an einem Finger, sondern am Bein, einige am linken und einige am rechten. Das, ja das ist nun eben den Jungen ein Rätsel. Fritze Köhn meint, die mit dem Ring am linken Bein, die wären verlobt und die andern verheiratet. Da nun sein Urteil immer so etwas Salomonisches an sich hat, so glaubt das auch schon die gute Hälfte der Jungen, und dem Doktor Fuchs blitzt dabei der Schalk etwas aus den Augen; aber er sagt nichts.

Der Vater Ehrecke indes geht auf den Scherz ein. »Ja, der Hahn da,« meint er bedächtig, »der ist auch noch verlobt! – Aber das ist doch ein windiger Bruder!«

»Wie kriegen sie denn die Ringe aber auf die Beine drauf?«

Der Vater Ehrecke verzieht keine Miene. »Das haben schon verschiedne Herrschaften gefragt. Aber es ist sehr einfach. Jeden ersten im Monat lege ich einige Ringe da neben den Futternapf, und alle die Hühner, die sich verloben wollen, kriechen mit der linken Pfote durch den Ring durch.«

Die Jungen lachen darüber unbändig; manche wissen nicht recht, sollen sie es glauben oder nicht. Der dicke Puntz aber forscht jetzt weiter: »Na, wenn sie sich aber nun verheiraten? Wie kriegen sie denn dann den Ring auf die rechte Pfote?«

»Das ist noch einfacher! Da tauschen sie das rechte Bein gegen das linke aus!«

Da muß aber auch Doktor Fuchs lachen. »Ehrecke,« ruft er, »Sie lügen uns aber heute ganz fürchterlich die Hucke voll!«

»Na« – jetzt bekennt der Vater Ehrecke Farbe – »nein, Jungens, nun seht mal her!« – Dabei holt er verschiedene Ringe aus der Tasche heraus. – »Solch Ring kann auf- und zugeknipst werden! So! Hier seht ihr auch eine Jahreszahl drin. Das ist zum Beispiel einer für dieses Jahr. – Seht ihr? – Solchen kriegt also ein Huhn, das von diesem Jahr ist!«

Nun ist ja alles klar, und weil es nun klar ist, interessiert es auch die Jungen nicht mehr, besonders da der Kellner jetzt auch etwas zu schnabulieren bringt. Da ist sogar einer sehr fix bei der Hand, der sich sonst Ruhe und Zeit gelassen hat. Das ist natürlich der dicke Puntz, und die Begründung, die er dafür gibt, sieht ihm ähnlich: »Je früher wir fertig sind, desto eher haben wir nachher wieder Appetit!«

Exest colloquium. Es war doch wohl ein strammer Marsch von den Havelbergen her; dem Vater Ehrecke leuchtet die Freude aus dem gutmütigen Gesicht, als er sieht, mit welchem Appetit man hier arbeitet. Das gefällt ihm, und so erzählt er beim Essen dem Doktor Fuchs und den Jungen noch manche Schnurre. –

Endlich denkt man auch ans Berappen. Aller Mammon sammelt sich erst vor Doktor Fuchs, der dann die Summe an den Kellner abführt. – – –

Aufregung von Anfang bis zu Ende.

Es ist die höchste Zeit; denn die Jungen sind schon ungeduldig geworden, und doch dürfen sie keinen Fuß aus dem Lokal hinaussetzen. Doktor Fuchs will der erste sein. Er weiß wohl warum; man will sich jetzt zur Pfaueninsel übersetzen lassen. Da heißt es, auf die Jungen scharf achtgeben. Einige sind immer dabei, die am Wasser so ungeschickt und taprig sind wie die jungen Puten.

An der Tür also warten die Jungen, ungeduldig zwar, aber sie warten doch. Dann jedoch stürzen sie hinaus, daß Doktor Fuchs seine ganze Lungenkraft gebrauchen muß, um die ungeduldigsten Stürmer vom Wasser zurückzuhalten. Es hat ja zudem auch alles keine Eile; denn das Fährboot ist gerade drüben, und mit dem elenden Kahn da links, nein, da könnten kaum fünf Mann auf einmal hinüber.

Als aber die Fähre jetzt langsam herüberkommt, da drängen die Jungen vor, und – wie kam das? – auf einmal gibt’s einen Plumps, und Doktor Fuchs sieht gerade noch, wie das Wasser über dem Achim Köckeritz zusammenschlägt. Im selben Augenblick springt ein anderer Junge nach. Doktor Fuchs weiß nicht, wer es ist; er selber reißt sich die Stiefel von den Beinen und den Rock vom Leibe. Jetzt steht er auch schon im Wasser und hat den Ernst Ehrenfried gepackt. Der wieder hält den Achim Köckeritz.

Die andern Jungen sind starr vor Schrecken. Es ist aber auch alles so schnell gegangen; man weiß gar nicht wie. Ernst Ehrenfried sitzt auf den Steinen; neben ihm liegt der kleine Achim Köckeritz. Der kann ja gar nicht von dem Augenblick da im Wasser ertrunken sein! Vielleicht Herzschlag? –

Doktor Fuchs hat sich über Köckeritz gebeugt, selbst bleich wie der Tod. Das Gefühl, in letzter Linie doch verantwortlich zu sein für seine Jungen, das preßt ihm die Brust zusammen und rüttelt und schüttelt an ihm herum, während er den Kopf des Kleinen geradelegt und die schlaffen, kleinen Arme dann unaufhörlich auf- und niederbewegt. Die Todesangst auf den Gesichtern der andern Jungen ist entsetzlich; jede Muskel ist gelähmt.

Schon aber schlägt der Achim die Augen auf. Nachdem er einen Moment erst starr in den Himmel hineingesehen, richtet er sich plötzlich auf und ruft empört aus: »Der Sausig, der hat mir einen Schubs gegeben!«

»Ich? Ich habe ja überhaupt da drüben gestanden!«

»Dann war’s ein andrer! Aber einen Schubs habe ich gekriegt!«

»Schön!« kommt Doktor Fuchs dazwischen. »Ob Schubs oder nicht! Du hast im Wasser gelegen, und nun heißt’s hübsch folgen! Dicker und Sausig, nehmt mal den Achim unter den Arm und führt ihn hinüber zu Vater Ehrecke! Na, Ernst, geht’s allein? Du bist ein braver Junge! Der allerbravste von allen! – So, und nun, meine Herrschaften, alle noch mal zurück! Kein Mensch soll es wagen, auch nur einen Fuß aus dem Lokal hinauszusetzen!«

So geht’s wieder hinüber zu Vater Ehrecke; Doktor Fuchs dabei auf den Strümpfen und ohne Rock. Die Jungen haben sich der Sachen erbarmt und bringen sie mit. Vater Ehrecke sieht das; er ahnt gleich die ganze Geschichte; er weiß auch Rat. »Kinder in dem Alter haben wir ja nicht mehr,« sagt er dienstfertig, »aber wir stecken die beiden so lange ins Bett, bis ihre Sachen trocken sind. Na, und Sie, Herr Doktor, kriegen ein Paar Hosen von mir!« – – –

Die Hosen waren für Doktor Fuchs freilich recht reichlich, besonders in der Gegend, wo beim älteren Menschen sonst der Bauch zu sitzen pflegt. Als er damit wieder auf der Bildfläche erscheint, kichern die Jungen erst leise und lachen ihn schließlich sogar kräftig aus. Der dicke Puntz kommt sogar auf die Idee: »Herr Doktor, am Nachmittag sollte Gebhardt uns doch photographieren!«

»Soll ja auch kommen!« lacht der Gefragte leise vor sich hin. »Oben im Portal der Kirche! Jetzt, Jungen, wollen wir mal zur Pfaueninsel hinüber. Da ihr aber gesehen habt, was alles vorkommen kann, so bitte ich mir jetzt die größte Ruhe und Ordnung aus!«

Natürlich; jetzt geht alles glatt von statten. Man bummelt so über die Pfaueninsel weg, und alles Historische aus dem Leben des alten Kaisers erzählt da Doktor Fuchs.

Manch schöner Punkt geht vor den Augen der Jungen vorüber; im großen und ganzen indessen scheint ihnen doch die Pfaueninsel zu ausgedehnt. Wer hätte denn auch gedacht, daß sich dieses scheinbar ganz kleine Fleckchen Erde so weit in die hier freilich gewaltig breite Havel hinziehen würde! Schließlich wird die ganze Sache sogar etwas langstilig, und nur die russische Rutschbahn der Kaisertochter belebt auf einen Augenblick wieder das Interesse.

Als man am Landungssteg steht, packt Doktor Fuchs seine Jungen wieder dicht zusammen.

»Also, Jungs,« predigt er eindringlich, »erstens bitte ich mir wieder Vorsicht aus. Zweitens aber ändre ich meinen Plan etwas. Ich wollte eigentlich mit euch oben auf Nikolskoi Kaffee trinken. Da wir aber dem Herrn Ehrecke durch Köckeritzens Kopfschuß so viel Schererei machen mußten, möchte ich dem Mann auch entgegenkommen. Wir werden also auch drüben unsern Kaffee trinken, aber wohlverstanden nicht gleich, sondern nachdem wir noch die kleine Tour nach Nikolskoi hinauf gemacht haben!« – – –

Nach zwei Minuten ist man drüben, und Doktor Fuchs springt schnell einmal ins Haus hinein, um nach den beiden Patienten zu sehen. Die sind unter der Obhut der wackern Hausfrau gut aufgehoben; sie sind dabei fröhlich und guter Dinge. Ihren Kaffee haben sie sich sogar schon schmecken lassen.

So geht Doktor Fuchs schleunigst wieder hinunter, daß seine Jungen nicht unnütz warten müssen und etwa Allotria treiben. Als er eben um die Ecke biegt, ruft der Herr Ehrecke hinter ihm her: »Herr Doktor, Herr Doktor! Ich habe noch eine Hose; die ist ein bißchen enger.«

»Nein, nein, lassen Sie nur jetzt! Meine Jungen haben sich so sehr über mein Kostüm gefreut, daß ich ihnen auch eine Photographie davon gönne!«

So zieht man denn hinter dem Haus vorüber schräg links hinauf, den Erdbuckel hinan, durch gemischten Wald hin. Es ist ein wundersam lauschiger Weg. Plötzlich hebt sich die Peter-Pauls Kirche von Nikolskoi, wo die Gebeine Prinz Friedrich Karls ruhen, schlank empor.

Das ist nun etwas ganz andres und dabei so Eigenartiges und Neues dazu. Einige der Jungen stürmen die Treppe hinauf und sehen sich oben zu ihrer Überraschung auf einem kleinen Steinplateau. Während sie aber zur halbkreisförmig gehaltenen Brustwehr vorspringen, sehen sie unten andre Kameraden um diese bastionsartige Brustwehr herumlaufen. Großes Hallo darob! Sogleich stürmen diese andern auf der entgegengesetzten Treppe herauf, während die oben Stehenden natürlich hinunterwollen.

Doktor Fuchs ist jetzt auch oben und bedeutet dem Gebhardt ruhig, er möchte seinen Apparat zurechtmachen. Hier soll photographiert werden. Das zieht die Jungen wieder an wie der Magnet das Eisen. Immer mehr sammeln sie sich, und jeder glaubt sich berufen, ein Wort mitreden zu dürfen. Ganz dumm könnte es Doktor Fuchs und dem kleinen Gebhardt im Kopf davon werden; nur den Jungen nicht; denn wer den Lärm macht, der hört ihn gewöhnlich gar nicht.

»Aber,« sagt der dicke Puntz auf einmal, »hat auch Drewians Nase auf der Platte Platz? Wo stecken wir denn die sonst hin?«

Das ist etwas für den Fritze Köhn. »Unsinn!« erklärt er mit trocknem Humor. »Die is janz jut! Damit wird er nachher oben von Nikolskoi aus ’n bißken in der Havel angeln!«

Jeder weiß, daß der lange Drewian der erste gewesen ist, als um die Nasen gelaufen wurde. Während er aber immer sonst ein ruhiger Junge ist, der wenig sagt, jetzt hat er im nächsten Augenblick schon die richtige Antwort gefunden: »Die halte ich neben deine Hängebacken, Dicker! Da sieht man sie nicht! Und dein Maul ist so groß, Köhn, daß du dir bald selber was ins Ohr sagen kannst!«

Die andern lachen darob unbändig. »Der hat recht, Dicker! Dein kleiner Nasenproppen paßt nicht zu den Backen!«

»Du, halt die Luft an!«

Aber der Dicke hat kein Glück. »Das kannst du mit deinem Stups viel besser!« fliegt ihm von anderer Seite zu.

»Und Fritze Köhn kann sich –«

»So, Jungs!« kommt Doktor Fuchs in dieses Wortgefecht hinein, dem er Übrigens ganz belustigt gelauscht hat. »Nun verfügt euch mal in die Türnische da! Nein, nein! So nicht! Die Kleinen vorn!«

»Wo kommen Sie denn hin, Herr Doktor? – Ich will neben Sie!« –

»Du!« – Die Rauferei soll wieder losgehen. – »Du läufst schon die ganze Zeit neben ihm. Ich –«

»Nun haltet mal endlich den Mund, Jungs!« fährt der Ordinarius kräftig dazwischen.

Das wirkt, und endlich kann der Hofphotograph sagen: »Einen Augenblick! – Danke! Herr Doktor, darf ich schnell noch eine Aufnahme machen?«

Das ist im Handumdrehen geschehen.

Aber für die paar Augenblicke des Ruhigstehens entschädigen sich jetzt die Jungen. Hier führen einige wie wild einen Indianertanz auf; dort fangen zwei an, sich zu raufen, und wieder andre sind an die Steinrampe der Rotunde vorgesprungen und möchten einmal versuchen, die Bewohner jenseits der Havel, die doch hier eine gute halbe Stunde breit ist, zu errufen. Doktor Fuchs fährt entsetzt herum. »Donnerwetter, Jungs! Seid ihr verrückt? Hier stehen wir an einer Kirche!« – – –

So zieht man endlich in Ruhe die paar Schritte hinauf nach dem Blockhaus von Nikolskoi. Und dann auf dem kiefernbestandenen Sandbuckel noch zwanzig Minuten weiter bis Moorlake, wo man auf der Chaussee unten an der Havel Kehrt macht, um zu Vater Ehrecke zum Kaffeetrinken zurückzukehren. – – –

Beim Kaffeetrinken.

Da sitzt man nun endlich wirklich wieder beim Vater Ehrecke. Man sitzt in der Tat; denn die Beine haben heute doch schon so manches leisten müssen.

Plötzlich aber schreit einer: »Hurra!« und der dicke Puntz springt auf und ruft allen andern zu: »Die Klasse erhebt sich zum Zeichen der Hochachtung!«

Das sind die Worte des Doktor Fuchs sonst in der Klasse gewesen, wenn jemand einmal etwas ganz Besondres geleistet hatte. Grade deshalb auch lachen jetzt alle wieder so herzlich; sogar der Ordinarius, der nämlich eben mit Achim Köckeritz und Ernst Ehrenfried aus der Haustür herausgetreten ist. Und alle möchten den beiden, die bis jetzt hatten im Bett liegen müssen, ein gutes Wort sagen. Fritze Köhn befühlt eben den Achim Köckeritz: »Biste denn schon trocken?«

»Na,« erklärt der entrüstet, »siehst du ja!«

Das aber ist dem »Urballina« gegenüber der falsche Ton gewesen. »Ja, seh ick ooch!« antwortet er schnell. »Brauchst nich jleich so zu schreien! Ick meente man bloß: hinter de Ohren!« –

Der kleine Köckeritz ist schon von andern mit Beschlag belegt worden. Gegen den Fritze Köhn, na, gegen den zöge er doch den kürzern. – – –

»So, Jungs!« hört man jetzt den Doktor Fuchs. »Nun wieder setzen! Stoß du da nicht an!« – Der Kellner geht mit einer großmächtigen Kanne herum und gießt den Kaffee ein. – »Wo ist der Napfkuchen, Pelz?«

Pelz’ Vater ist ein ehrsamer Bäckermeister; er hat einen Riesennapfkuchen gebacken und der Klasse »zu Händen des Dr. Herrn Fuchs« zur Partie mitgeschickt. Und jeder hat diesen Napfkuchen ein Stück Wegs tragen müssen; nur Pelz selber wollte nicht, bis ihm der Fritze Köhn auf die Jacke gefahren war: »Du, Pelz, den Nappkuchen mißtest de eijentlich alleene dragen, weil den dein Vater jestiftet hat! Na, ran also! Denkst de denn, weil de Pelz heeßt, ha’m mer dich nur mitjenommen, daß de zu Hause nich de Motten krist?[13]«

Das hatte den Ausschlag gegeben. Pelz hatte sich auslachen lassen müssen; er hatte zwar noch was vor sich hingebrummt, aber den Napfkuchen, den hatte er doch dann seine zehn Minuten getragen. –

Jetzt wurde dieser Napfkuchen also geteilt. Mit argwöhnischem Auge wachten dabei die Jungen darüber, daß ja auch die Teile gleich werden möchten. Da freilich Doktor Fuchs selbst diese Teilung vornahm, so wagte ja kein Mensch, etwas zu sagen; aber jeder suchte sich doch immer schon im voraus ein Stückchen aus, um nachher schnell zufassen zu können.

»Halt!« erklärte indessen Doktor Fuchs schließlich. »Sind alle gleich! Nicht aussuchen! Wie sie ablaufen!« –

So saß man denn und trank und aß. Aber dabei hatte man immer noch Zeit, Gedanken und Zunge etwas spazieren gehen zu lassen.

»Du,« fing Fritze Köhn zuerst zu seinem Nachbar wieder an, »den Kaffee, den trink mit Verstand! Det ’s ’n ordentlich vierstrehniger!«[14]

»Hab keene Angst! Ick wer’ mich nich dran verjiften!«

»Denk ick ooch nich! Aber er könnte dir zu Koppe steijen. Mancher wird furchtbar leicht brejenklietrig!«[15] –

Auch nebenan und gegenüber wird harmloser Blödsinn geschwatzt.

»Schmeckt sehr schön, Pelz! Wenn dein Vater man halb soviel Kourage zum Schenken hätte, wie wir zum Essen, dann würde er dir jeden Tag ’n Nappkuchen mit zur Schule geben!«

»Au ja! Zum Extemporaleschreiben! Wer die meisten Fehler macht, kriegt zum Trost das größte Stück!«

Doktor Fuchs muß lachen. »Na, Jungs, dann lieber nicht! Sonst muß ich mich sicher totkorrigieren!«

Ein Schlaukopf spinnt den Gedanken weiter: »Da wollen wir lieber gar kein Extemporale mehr schreiben, Herr Doktor!«

»Das wäre das beste!« entscheidet der dicke Puntz. »Kuchen vertragen wir schließlich auch so!«

Pelz nickt dazu und sagt dann orakelhaft: »Ja, wenn wir kein Extemporale mehr schreiben!« –

»Nu kannst du ihn trinken!« springt der Hagen am Ende der Tafel empört auf. »Herr Doktor! Der Köckeritz hat mir eine Fliege in den Kaffee ge–ge–geschmissen!«

»Ich? Ich bin ganz unschuldig! Der Köhn –«

»Schon wieder der Köhn!« denkt Doktor Fuchs.

Fritze Köhn selber aber ist mit seinen Worten ebenso schnell: »Na, so wat lebt nich und zappelt noch!«

»Ja, eben!« lachen einige andere dazwischen. »Sie zappelt noch!«

»Köhn ist an allem schuld!« wehrt sich Köckeritz wieder. »Der hat die Fliege angesungen!«

»Icke? Herr Doktor, ich habe nur ein bißchen gebrummt! Wahrhaftig!«

»Na ja,« – der kleine Köckeritz kann den Schalk im Nacken haben – »da ist ihr eben schlimm davon geworden, und da ist sie Hagen in den Kaffee gefallen!«

Jetzt haben die andern Jungen alle neugierig aufgesehen. »Was hat er denn gebrummt?« fragt man. »Sage doch mal!«

Der Achim Köckeritz lacht wieder: »Was er gebrummt hat? Er hat die kleine Fischerin gesungen:

›Flieje du, du jroße! Fall nich in de Sooße! Fall nich in den Kaffeetopp, sonst krist du ’n Katzenkopp!‹«

Die Jungen müssen alle lachen und reden jetzt dem Fritze Köhn zu wie einem kranken Schimmel: »Fritze, mach mal weiter!«

Der aber sitzt da wie ein Gletscher. »Is nich! Ick bin do’ keen Quasselfritze!« –

Auch am andern Ende des Tisches hat sich ein freundnachbarlicher Disput entsponnen, dem Doktor Fuchs unauffällig, aber mit großer Aufmerksamkeit lauscht.

»Mensch, schlinge doch nicht so! Es bekommt dir ja nicht!«

»Bekommt mir immer! Du denkst wohl, weil dein Papa Doktor ist! Ich habe noch nie ’n Arzt gebraucht!«

»Na, Gott sei Dank!, gibt’s andere, die einen brauchen!«

»Mancher auch nicht! Bei uns hinten im Hause hat seine Frau gewohnt – jetzt ist sie tot! – die hat auch nie ’n Arzt gehabt. Die ist so gestorben!« – – –

Doktor Fuchs hat schon vorher erklärt: »Einen kleinen Schluck läßt jeder in seiner Tasse noch übrig!« Jetzt steht er auf und spricht: »Obgleich es der dicke Puntz schon vor mir getan hat, muß ich die Herren doch noch einmal bemühen. Wir erheben uns alle zum Zeichen der Dankbarkeit und trinken unsere Tassen bis auf die Neige leer auf das Wohl des Herrn Pelz, der uns den schönen Napfkuchen spendiert hat!«

Jubelnd folgen die Jungen den Worten und dem Beispiel. Nur Hagen fragt noch nachher: »Muß man denn sowas nicht eigentlich mit Bier tun?«

»Keene blasse Ahnung!« antwortet da aber der Fritze Köhn mit richtigem Gefühl. »Du hast do’ den Nappkuchen ooch in Kaffee injestippt und nich in Bier!« – – –

Lachend und plaudernd sitzt man noch ein Weilchen da, bis es etwa sechs Uhr geworden ist und man sich endlich zur Rückkehr nach dem Bahnhof Wannsee rüsten muß.

Heimkehr.

Alles verläuft jetzt planmäßig. Um sieben ein viertel Uhr ist man auf Bahnhof Wannsee; fünf Minuten später haben alle ihre Fahrkarte.

Doktor Fuchs hat sich mit Doef an der Treppe aufgestellt, die zum Tunnel hinunterführt.

»Hier bleiben wir erst noch einen Augenblick!« müssen sich die ersten sagen lassen, die mit dem Billet »anjepeest kommen«. So drückt sich Fritze Köhn aus. »So! Tretet nur da rechts hin!«

Die Nachkommenden haben das nicht gehört, und so kommt immer wieder die ganz erstaunte Frage: »Gehen wir denn nicht auf den Bahnsteig?«

»Noch nicht! Abwarten!« –

Drüben, an der andern Seite der breiten Treppe, die zum Durchgangstunnel hinunterführt, steht der wackere Doef. Jetzt eben will der letzte mit seiner Fahrkarte an ihm vorüberstürzen.

»Nee! Noch nich!«

»Warum denn nicht?«

»Weiß ich nicht! Ich soll keinen hinunterlassen!«

»Die Leute gehen aber alle hinunter! Sieh doch! Da kommt der Zug!«

»Halt!« – Doef hat den Jungen mit eisernem Griff gepackt. – »Wir stehen doch alle noch da drüben!«

»Au, Mensch, bist du verrückt?«

»Ich nicht!« Und der Junge kriegt einen Stoß, daß er zurückfliegt und sich auf seinen tiefsten Körperteil setzt, zum unendlichen Gaudium aller derer, die das mit angesehen haben.

»Ja, aber – aber –« – damit rappelt sich der dumme Peter wieder auf – »warum fahren wir denn nicht mit dem Zug?« – Er sieht die andern Jungen und tritt schnell zu ihnen hinüber.

»Jetzt will ich’s dir sagen!« erklärt ihm Doktor Fuchs bedächtig. »Siehst du, der Zug da kommt von Potsdam und ist jedenfalls schon leidlich voll. Eigentlich aber müßte ich jeden von euch in einen Wagen besonders stecken; da das nicht geht, so wollen wir versuchen, alle zusammen in einen Wagen allein zu kommen. Solltet ihr aber doch mit andern Personen zusammenfahren müssen, Jungs, so bitte ich mir aus, daß ihr euch anständig haltet und nicht unnütz Radau macht. Kommt’s zum Streit und zur Beschwerde, so habt ihr immer unrecht, und das Publikum kriegt Recht! Merkt euch das!«

»Herr Doktor, jetzt fährt der Zug!«

»Gut, dann los! Bis zum zweiten Bahnsteig!« –

Dort rückt der Zug bald vor, und Doktor Fuchs hat Zeit, seine Jungen unterzubringen. Aber diese Jungen, die eben noch sanft wie die Lämmer auf dem Bahnsteig standen, die sind auf einmal wie die Wilden, als sich die Wagentür vor ihnen öffnet. Und als sie erst drin sind, da hebt ein Konzert an!

Draußen gehen einige andere Passagiere verwundert und schaudernd an dem Wagen vorüber.

»Immer feste Radau machen!« fährt Hagen im vordersten Abteil wie ein Rasender herum. »Immer feste! Dann kommt keiner mehr rein!«

Nur Doktor Fuchs segelt auf einmal von hinten her vor. »Donnerwetter, Jungs! Jetzt haltet mal gefälligst den Mund! Wenn keiner mehr einsteigt und wir sind in Fahrt, dann dürft ihr singen und schreien, so viel ihr wollt. Wo ist unser Feldwebel?«

»Hier!« – Aus der einen Ecke taucht Doef empor.

»Also, Doef, nicht wahr, alles mit Maßen!«

Der wackre Kerl scheint mit sich selber zu kämpfen. Schließlich aber sagt er doch: »Ja!« Und wenn Doef »ja« sagt, dann – weiß Doktor Fuchs – kann er sich auf ihn verlassen; denn schon muß er wieder fort, da eben hinten der Spektakel von neuem angeht. –

»Du, Doofkopp!«[16] nimmt Fritze Köhn jetzt schnell das Wort. »Haste’t jehört? Alles mit Maßen! Du sollst uns also ruhig ’n bißken Radau machen lassen!«

Doef aber macht ein trauriges Gesicht und sagt endlich schweren Herzens: »Nee! So hat’s Fuchs nich jemeint!«

Da haben die andern erkannt, worauf es ankommt. Und als jetzt einer vorschlägt: »Dann drängeln wir lieber den Doef raus!« da sind alle dabei und fassen zu.

Ja wohl aber! Proste Mahlzeit! Sie haben die Kraft ihres Feldwebels ganz elend unterschätzt. Im nächsten Augenblick sind die neun Jungen, die doch eben noch vor ihrem Ordinarius friedlich zusammenstanden, ein unentwirrbarer Knäuel von Armen und Beinen, ein Knäuel, in dem es stöhnt und ächzt, brandet und wogt, stürmt und braust, bis auf einmal diese lebendige Kugel aufbricht und mit Bumsen und Dröhnen ein paar Tertianer an die Seitenwände und auf die Bänke fliegen. Doef aber hebt sich aus der Flut empor wie ein Herkules und immer noch felsenfest auf seinen Beinen.

Da drängen auch schon die andern aus dem Nebenabteil heran. »Gott im Himmel! Hier ist wohl Mord und Totschlag? Was ist denn los?«

Fritze Köhn steht tief aufatmend und mürrisch dem Fenster zunächst. »Wat hier los is? Meine Hosendräjer sint los! Weiter nischt!«

Auch den Doktor Fuchs hat der Lärm angezogen. »Donnerwetter, Jungs, was macht ihr denn nun schon wieder?«

Der dicke Puntz rappelt sich eben erst noch hoch. »Der – der – Doef, der macht ’n wilden Mann!«

Der also Angeschuldigte hat sich jetzt auch so weit erholt. »Ja,« verteidigt er sich, »ich – ich wollte es mit Maßen und die nicht!«

Da muß Doktor Fuchs doch auch lachen. Dann aber entscheidet er kurz: »Wir wollen mal den Ring hier sprengen. Fritze Köhn und du, ihr geht ganz nach hinten! Puntz und Zeidler in den Abteil zu Ehrenfried! Du und du nebenan! Doef bleibt mit euch beiden hier!«

Andere Gäste ziehen für die Ausgewiesenen ein; als sich aber jetzt der Zug in Bewegung setzt, geht der Krawall von neuem los. Doktor Fuchs indessen sagt vorläufig nichts dazu, bis sich nach wenigen Minuten die Fahrgeschwindigkeit wieder verlangsamt. Da erst schreitet er die ganze Länge des Wagens ab und bedeutet den Jungen: »Nikolassee jetzt! Also Ruhe im Saal!«

»Jroßmutter will danzen!« flüstert Fritze Köhn dazu.

Ja, schön! Man hält sich ruhig! Aber dafür fängt man an zu kichern und zu lachen. Weshalb? Warum? Worüber? Wenn die Jungen das sagen könnten! Man legt sich zurück; man legt sich vor; man fällt auf den Nachbar nach links oder rechts; man quetscht sich schnell mal unter die kleine Reihe auf der andern Bank, trotzdem die gegenüberliegende ganz leer ist. Und dabei lacht man und lacht und lacht wieder, bis sich der Zug von neuem in Bewegung setzt und man zu denen ans Fenster stürzt, die da inzwischen Schmiere gestanden hatten, daß keiner mehr hereinkam. –

Am schlimmsten dran war jetzt Fritze Köhn, den Doktor Fuchs selber zu sich genommen hatte. Der Junge saß da wie versteinert; er sah zum Fenster hinaus und tat, als wenn er gar nicht hörte, daß der kleine Achim Köckeritz von seinem Hund zu Hause erzählte, wie der einmal ein ganzes Pfund Butter aufgefressen hatte.

»Na, Fritze,« wendet sich da der Achim an seinen schweigsamen Nachbar, »du hast wohl gar nicht gehört, was ich erzählt habe?«

»Doch,« wendet sich der Fritze Köhn zu ihm um und antwortet mit dem ernsthaftesten und bärbeißigsten Gesicht, »lange nich so jelacht! Weißt du aber auch, wie Lack dekliniert wird?«

»Na freilich!« sagt der kleine Köckeritz schnell und doch etwas schwankend, da er dem Spaßvogel nicht recht traut.

»Na, mache mal!«

»Der Lack, des Lacks, dem Lack –«

»Na, siehste woll! Demlack![17] Det stimmt janz jenau!«

Da müssen die andern alle mächtig losprusten; auch Doktor Fuchs lacht den reingefallenen kleinen Köckeritz aus. Er sogar nicht zum wenigsten. – – –

Der dicke Puntz in seinem Abteil hatte sich schließlich in einer Ecke recht häuslich eingerichtet; ja, er tat sogar so, als wollte er ein Schläfchen riskieren. Er hätte auch gar nicht nötig gehabt, zu seinem Nachbar zu sagen: »Du, höre mal, du kannst mich auf Bahnhof Friedrich Straße wecken!« Die andern besorgten das gründlich genug und nicht erst auf Bahnhof Friedrich Straße, sondern auf jeder Station vorher. Und deren Reihe war lang. –

Als dann der Dicke zu Hause so ungefähr seinen Appetit gestillt und sich auf das Sofa hatte fallen lassen, um seine Erlebnisse bequemer zu erzählen, da schlief er doch immer schon halb dabei ein.

»Es war sehr fein!« lallte er. »Dieses Quecksilber, den Köckeritz, den hat Fuchs aus dem Wasser geholt! – Aber eigentlich war’s Ehrenfried!«

»Was?« – Vater und Mutter rücken dem Jungen näher. – »Wen hat er aus dem Wasser geholt?«

»Ja, die dachten vielleicht – ich war – eine Blattlaus! Aber – ich –«

»Wie? – Was? – Junge, du schläfst ja schon!«

»Ja! Seine Hosen – waren auf – Vater Ehreckes – Schmerbauch – eingerichtet, und den haben – sie dann in die Brennesseln – gesetzt – und –«

»Wen? Was?« – Alles um den Jungen herum lacht laut auf. – »Den Schmerbauch?«

Der Dicke antwortet nicht mehr: er ist in die Ecke des Sofas zurückgesunken und – schläft. – – –

Doktor Fuchs war mit bis zum Lehrter Bahnhof gefahren, um erst den Achim Köckeritz und dann den Ernst Ehrenfried persönlich abzuliefern. Dem letzteren öffnete seine mutige Tat draußen an der Fähre zur Pfaueninsel bald das Haus des Herrn Köckeritz. Glück auf, du wackerer Ernst Ehrenfried! Jetzt ist für dich die Bahn frei, dein Leben zu bauen und deinen Verwandten, die sich deiner in der höchsten Not so edel angenommen haben, einst mehr zu helfen, als nur mit »2 m Schottisch!« –

Einen aber gab es, der sagte aus vollstem Herzen: »Gott sei Dank!« als er endlich wieder in seinen vier Pfählen war und nach diesem anstrengenden Tage gleichfalls sein Haupt zur Ruhe legen konnte. – – –

Notes in this chapter

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