Freitag: Die Klassenpartie.
Reading edition
Der alte Caesar und eine moderne Landpartie.

Ja, das Allerfeinste! Der eigentliche Lichtpunkt in der Mühsal des Klassen- und besonders des Tertianerlebens, das ist die Partie, die Klassenpartie! Und als ein wirklich großes Ereignis, das sie in der Tat ja ist, wirft sie natürlich auch ihren Schatten voraus! Wochenlang!
So ist es auch dieses Mal hier in der Unter-Tertia gewesen, und vielerlei ist darüber zu berichten, bevor noch dieser Freitag der feinsten Woche überhaupt herangekommen war. –
Langsam hatte sich eines Nachmittags – noch im Mai war das gewesen! – die Unter-Tertia in dem großen Klassenzimmer zusammengefunden. Müde und mißmutig. Der ganze Nachmittagsunterricht kann den Jungen gestohlen bleiben. Zweimal am Tage hermüssen bei den weiten Schulwegen! Schauderhaft! Und noch dazu nun Latein! Und bei Bumsvallera!
Da tritt eben der dicke Puntz herein. Er hat die grüne Mütze etwas verwegen ins Genick gerückt und zieht unter der Weste das Bellum Gallicum hervor. Er wirft das braun gebundene Büchlein vor sich auf den Tisch, daß es kracht.
»Der Caesar! Da liegt der Kerl! Der Hund von unserm Schlächter heißt auch Caesar! Der ist mir lieber!«
Am andern Ende der Bank lacht der kleine, lustige Köckeritz laut auf. Er ist kein schlechter Schüler, aber doch ein leichter Bruder, dem der Reichtum des Vaters nicht gerade förderlich ist; denn er strengt sich nicht halb so an, wie er es wohl könnte. Und der etwas ängstliche Papa hält ihm nun stets und ständig Hauslehrer, die aber mit dem kleinen Windbeutel auch nicht viel anfangen können.
»U–ah!« – Man denkt gar nicht, daß der kleine Kerl seine Arme so weit in die Welt hinausstrecken kann. – »U–ah! Dicker, nicht wahr, du hast auch keine Lust!«
»Nee, nich die geringste! Sage mal, kannst du fein übersetzen?«
»Natürlich! Denkst du, ich soll noch mal reinfallen?«
»Du, dann übersetze mal schnell!« –
Die grüne Mütze fliegt im selben Augenblick an den nächsten Haken und schwankt da ein ganzes Weilchen hin und her, ganz nachdenklich, ob sie sich bei solcher niederträchtigen Behandlung nicht lieber platt auf den Boden legen soll. Aber sie bleibt doch oben hängen; denn sie muß zu ihrem Schrecken sehen: gerade der, den sie immer so nett bedeckt und beschirmt hat, der hätte jetzt weder Lust noch Zeit, sie aufzuheben.
Wirklich! Der Dicke sitzt schon neben dem kleinen Köckeritz. Sie versuchen emsig, mit den Belgiern Bibrax zu stürmen. Und auch andere scheint das noch außerordentlich zu interessieren; denn bald hat sich um Köckeritz ein kleines Häuflein gebildet, und die Jungen hocken da so dicht zusammen, daß sie von weitem aussehen, als wollten sie einen Trichter im lebenden Bilde darstellen. Während aber doch sonst alles in den Trichter hinunter und zu Tal läuft, so strömt hier scheinbar alles von unten nach oben. Unten im Loch nämlich sitzt der kleine Köckeritz. Und je weiter seine Worte zu dem weiten Trichterrand empordringen, desto andächtiger werden sie auch aufgenommen; denn da oben am Trichterrand sitzen in diesem Falle naturgemäß die meisten Ohren.
Ab und zu wird der Trichterrand oben sogar noch höher, weil noch jemand anders wissen möchte, was nun eigentlich aus Bibrax werden soll. Alles drängt sich heutzutage zur Wissenschaft. Das tun auch gerade die Jungen da oben, die zuletzt dazugekommen sind. Und wenn auch unten im Trichter dafür eine Beule entsteht, die sogar, wider alle Naturgesetze, ein kräftiges Wort gegen die unverschämte Drängelei von oben zutage fördert, so hat doch jetzt keiner recht Zeit, auf so etwas achtzugeben: sie stehen alle in der Furcht des Herrn Professor Bumsvallera!
Da stürzt auf einmal der tolle Hagen in die Klasse herein: »Jungs! Partie, Partie! Vor den großen Ferien noch! Eine Klassenpar–!«
Ha! Wenn der alte Caesar das jetzt hätte sehen können! Bei seinen Lebzeiten war er ja auch oft genug in der Klemme gewesen; aber so schnell war er wirklich nie aus solcher Klemme herausgekommen wie in diesem Augenblicke, als alle diese Tertianer, die ihm eben noch ganz nahe auf den Leib gerückt waren, aus dem Trichter herauspurzelten. Plötzlich saß der kleine Köckeritz ganz allein da, und sein rundes Köpfchen ragte hoch über die zerflossene Trichterflut weg. Er hatte natürlich unten in dem Loch nichts von der sieghaften Ankündigung Hagens gehört; er glaubte vielmehr scheinbar, daß der Professor Bumsvallera ganz überraschend den Einwohnern von Bibrax zu Hilfe gekommen wäre. Da sah er nun Hagens freudig gerötetes Gesicht vor sich und war so erstaunt darüber und machte selber ein so dummes Gesicht dabei, daß Hagen ganz erschrocken tat und mitten in seinem letzten Wort, in der »Klassenpartie« nämlich, stecken blieb.
Aber er hatte keine Zeit, noch länger erstaunt zu sein; denn um ihn fluteten jetzt die Kameraden alle herum und bestürmten ihn, wie just eben noch die Belgier die Stadt Bibrax.
»Wieso?« – »Wer hat das gesagt?« – So ruft alles durcheinander. – »Woher weißt du das?« – »Erzähle mal!« – »Mit Fuchs allein? Oder eine Schulpartie?«
Indes, Hagen ist jetzt wieder Herr der Situation. Er hat seine Bücher schnell hingelegt und hebt jetzt eben ruhig seine Hände, wie um die aufgeregten Wellen zu beschwichtigen. Und dann sagt er ebenso gemessen wie gewichtig: »Erst – mal – Ruhe – im – Saal! Großmutter will tanzen!«
»Unsinn! Sage mal schnell!« – Wie konnte der dicke Puntz bloß so rapide den Professor Bumsvallera und den alten Caesar vergessen! –
»Also, Jungs!« – Hagen bleibt in dem Schneckenton. – »Der – Direx – hat – in – der – Sekunda – gesagt: in der nächsten Woche sollen alle Klassen einen Ausflug machen. Na, und Ausflug heißt doch auf gut deutsch Partie!«
Dabei hat Hagen seine Daumen in die Ärmellöcher seiner Weste gehängt und sieht triumphierend im Kreise herum. Er schmunzelt dabei noch ganz urgemütlich und macht ein eckig-ehrpuseliges Gesicht, wie ein leibhaftiger Großpapa, so daß der dicke Puntz ungeduldig losplatzt: »Na, du warst doch nicht dabei, als der Direx das gesagt hat!«
»Nee, aber der dicke Vietz hat mir’s gesagt. Der ist übrigens noch dicker als du!«
»Vietz? Der hat sicher geflunkert!«
»Du meinst, die Dicken flunkern alle!«
»Ich werde dir gleich –«
»Bumsvallera! Bums!«
Da zerstieben die Tertianer wie einst die Belgier vor dem großen Caesar.
Aber der hatte doch den rechten Zeitpunkt immer weit besser abgepaßt als der alte Professor jetzt; denn Bumsvallera, ja, der war entschieden zu früh gekommen. Der hätte wirklich noch warten sollen, bis man dem Hagen ein klein wenig wegen seiner Leichtgläubigkeit den Kopf gewaschen hatte. So behielt jeder der Jungen noch etwas auf der Zunge sitzen. Wie hätte da nun noch eine schöne Caesarübersetzung darauf Platz gehabt? Nein, nein! Das ging heute eben schauderhaft trotz der Trichterarbeit des kleinen Köckeritz. Und in seiner heiligen Erregung, in seinem Eifer, aus diesen heute so vernagelten Jungen doch die beste Übersetzung herauszuholen, bumste und ballerte Bumsvallera drauf los, daß die Jungen jetzt begriffen, warum schon frühere Generationen dem Professor Ketzel eben den Spitznamen Bumsvallera gegeben hatten. Aber je schlimmer es jetzt kam, desto mehr klammerten sich die Gedanken der Jungen an der Partie fest. So fest, daß am Ende der Stunde kein einziger mehr daran zweifelte, daß solche Partie gemacht werden müßte. Kaum hatte man also um 4 Uhr die Klassentür hinter sich, so wurde auch sofort auf dem Flur schon, auf der Treppe, auf dem Hofe verhandelt, wie man Doktor Fuchs, den Ordinarius, zu einer recht feinen, echten Klassenpartie kriegen könnte. Mit der Klasse allein natürlich! Nicht in der Herde mit der ganzen Schule. – – –
Vorfreuden.
Was tun? Als man nach der Pause wieder in die Klasse hinauf muß, entscheidet der dicke Puntz: »Der Primus muß es Fuchsen sagen!«
Hagen indessen hat mehr Menschenkenntnis: »Ehrenfried? Der Mummelgreis!«
Da erbietet sich der kleine, flotte Köckeritz: »Ich werde Fuchsen einfach mal fragen.«
Sausig aber weiß es noch besser; er schießt den Vogel damit ab. »Wir schreiben es an die Tafel!«
Und der Klassenbarde, der Schmuck, ist gnädig genug und erbietet sich: »Ich werde die Verse dazu machen!«
»Schmuck soll leben! Los, Schmuck!«
»Jetzt nicht! Morgen!«
»Unsinn!« – Der Fritze Köhn greift immer feste zu. – »Jetzt haben wir bei Fuchsen! Also los! Dir wer’n wer sonst ’n Schnörgel nach links drehn!«
Da steht auch schon alles um Schmuck herum und schiebt ihn auf das Katheder. »Los doch, Schmuck, los doch!«
Von hinten wird a tempo vorgeschlagen:
»Sechs mal sechs ist sechsunddreißig, und die Klasse war so fleißig!«
Sausig ist in dem Augenblick an die Tafel gesprungen und schreibt auch schon diese beiden Musterverse an. Und um seinen Dichterruhm nicht unrettbar zu verlieren, hat jetzt auch Schmuck nach der Kreide gegriffen:
»Ruhig mal! Also gefällt euch das? Hier steht schon:
»Sechs mal sechs ist sechsunddreißig, und die Klasse war so fleißig.« –
»So!« –
»Will auch noch sehr fleißig sein!«
»Na,« wirft da der dicke Puntz ein, »wollen lieber nischt versprechen!«
Aber schon hat Schmuck weitergeschrieben:
»Denkt indes, es wäre fein, nicht zu schwitzen in dieser Pein.«
»Ja, allens wat recht is!« gibt hier Fritze Köhn wieder sein gewichtiges Urteil ab.
»Sondern zu wandern weit hinaus und möglichst spät zu kommen nach Haus.«
Dem einen gefällt’s, dem andern nicht; aber es steht nun einmal da, und – plötzlich tritt auch der Ordinarius in die Klasse.
Da steht alles stramm und mäuschenstill. Als aber Doktor Fuchs die erhobene Hand schnell und mit einem kleinen Knall des Daumens und des Mittelfingers senkt, da setzen sich die Jungen, daß es nur so ruckt und zuckt.
Und dann kommt der große Moment! Doktor Fuchs dreht sich herum, um auf das Katheder zu steigen, und – er sieht die voll beschriebene Tafel, die doch sonst in ihrer unbefleckten Schwärze blitzsauber sein muß. Er liest jetzt die Verse halblaut und recht bedächtig.
Als er aber bis zu Ende gekommen ist, da dreht er sich schaudernd um und sagt: »Brr! Da korrigiere ich ja lieber den größten Stoß Hefte!«
O weh! Das sieht nun zwar wie ein frühzeitiges Ende aller Partiegelüste aus; aber die Klasse freut sich doch stürmisch über das »Brr!« und über den »größten Stoß Hefte«.
Endlich kommt auch Doktor Fuchs wieder zu Worte. »Na, also Jungs, über die Sache läßt sich reden, aber erst müßt ihr mal bessere Verse machen!«
Na, freilich! Jetzt weiß es auf einmal jeder. Das sind furchtbar schlechte Verse. Der dicke Puntz hatte ja auch gleich gewichtige Bedenken gehabt, und Fritze Köhn plädiert am Ende der Stunde dafür: »Schmuck muß zu morjen anständije Verse machen, oder wir hau’n uff’n Kopp, det er Plattbeene kricht!«
Damit hat der Fritze Köhn auch die Meinung der andern durchaus zutreffend und richtig ausgesprochen. »Oder er wird verhauen!« So denkt und sagt jetzt jeder, und das glaubt schließlich auch Schmuck. Und weil er nicht verhauen werden will, so will er auch anständige Verse machen. – – –
Aus Abend und Morgen wird wieder ein Tag. Und alles stürmt am nächsten Morgen auf den Klassenbarden ein. Jeder will die Verse sehen. Aber Schmuck bleibt fest: »Ich schreibe sie nachher an; da könnt ihr sie dann alle lesen!«
In der Pause vor Doktor Fuchs’ Stunde bleibt also der Pegasusreiter oben, mit Erlaubnis des inspizierenden Herrn draußen auf dem Flur. Und nachher prangen denn auch die erhofften Verse in Schmucks schönster Schrift an der Tafel.
»Fein, Schmuck!« – »Ach, der Vers taugt nichts!« – »Da muß noch hinein, wohin wir wollen!«
Aus dem Durcheinander von Lob und Tadel aber erhebt sich Puntz und findet: »Das ist sehr fein! Ick hätte es nicht so gekonnt! Und ein anderer auch nicht!«
Puntz nicht und ein anderer auch nicht! Das galt. –
Auch der Ordinarius kam dann und las wieder die Verse ebenso bedächtig wie gestern.
»Fröhlich lacht uns entgegen die Sonne, Jugend tummelt sich draußen mit Wonne; sämtliche Schulen fliegen schon aus, nur unsere Klasse darf nicht hinaus! Lehrer gehen doch auch gern ins Freie, besonders im wunderschönen Maie! Und wenn’s nicht mehr kann sein im Mai, der Juni ist auch noch nicht vorbei! Die Pfingsten sind ja nun heran, die schönste Jahreszeit bricht an. Gewähren Sie uns doch die eine Bitte, beim Ausflug zu thronen in unserer Mitte!
Die Unter-Tertia O.«
Als der Ordinarius geendet hat, da wartet er noch einen Augenblick, als müßte er sich erst von seinem Staunen über solche Leistung erholen. Dann sagt er aber: »Schön! Wer ist der Poeta?«
»Schmuck! Schmuck! Schmuck!«
»Das ist ganz nett! Aber deshalb darf er mir nun noch kein Trauerspiel schreiben!«
Schmuck freut sich mehr, als je ein poeta laureatus sich gefreut hat. Und die Klasse freut sich mit ihm, besonders da nun Doktor Fuchs fortfährt: »So, Jungs! Morgen bringt jeder einen Zettel mit. Darauf steht neben eurem Namen der Ort wohin der Träger dieses Namens die Partie machen will.«
Da ist nun die Begeisterung kolossal. Alle reiben sich die Hände vor Vergnügen; man lacht sich fröhlich an, und schon schwirrt es durcheinander: »Märkische Schweiz!« – »Potsdam!« – »Königswusterhausen!« – »Zwei Tage, Herr Doktor! Ach ja, zwei Tage, Herr Doktor!«
Der aber winkt ruhig ab. »Morgen Zettel! Notabene: hoffentlich beteiligen sich alle an der Partie!« – – –
Ein armer Junge.
Der Primus, der Ernst Ehrenfried, ist aufgestanden. »Ich weiß es noch nicht!«
Die ganze Klasse lauscht mäuschenstill; im selben Augenblick aber lispelt auch der kleine Köckeritz seinem Nachbar, dem Hänsel, empört zu: »Der ist immer der Spielverderber!«
Das ist zwar leise, doch immerhin noch so deutlich gesagt, daß es die ganze Klasse gehört haben muß. Auch Dr. Fuchs hat es sicherlich gehört; indes, er will es offenbar nicht gehört haben; denn er sagt nur in scheinbar zürnendem, dabei aber auch lustig schmollendem Tone zu Ehrenfried hin: »Was! Unser Primus will uns im Stich lassen! Ih, das wäre noch schöner! Da muß ich schon unsern Primus nachher mal extra bearbeiten!«
Der Ernst Ehrenfried kriegt einen roten Kopf, und ganz verwirrt setzt er sich nieder. Zugleich aber hat auch ein Blick des Ordinarius den kleinen, impulsiven Köckeritz gestreift. Der versteht den Blick; denn er sagt nichts mehr, sondern richtet sich gerade auf und verläßt jetzt den Ordinarius mit keinem Auge. Dann macht sich Doktor Fuchs an sein Pensum, und vierzig Minuten lang hat kein Junge Zeit, an die Partie zu denken.
Nach der Stunde aber tut Doktor Fuchs gar nicht, als ob er den Ehrenfried »extra bearbeiten« wolle. Er hat es offenbar vergessen; er geht auch schnurstracks auf den Hof, wo er allerdings in dieser Pause die Aufsicht zu führen hat.
Dabei läuft ihm der kleine, lustige Köckeritz über den Weg, und Doktor Fuchs winkt ihn zu sich hinan.
»Sage mal, Achim, was hast du denn immer mit Ehrenfried vor?«
»Ach, gar nichts, Herr Doktor! Ich uze ihn nur immer ein bißchen!«
»Warum?«
»Er ist immer so still und so steif. Das kann ich nicht ausstehen!«
»Wenn er dich aber nun mal verhaut! Er ist ja doch viel älter und viel größer als du!«
»Ja, das wohl! Aber das tut er nicht. Wir sind sonst ja die besten Freunde!«
Einen Augenblick geht Doktor Fuchs neben dem kleinen Köckeritz her, so daß der Zeit hat, so fröhlich und schelmisch mit den Augen nach links und nach rechts zu blinzeln, um seine Bekannten zu suchen. Endlich aber sagt Doktor Fuchs: »Nun, höre mal, Achim! Du bist ja sonst ein ganz vernünftiger Junge. Ja, Ehrenfried ist etwas steif und schwerfällig; aber das kommt doch von den Verhältnissen her, in denen er lebt. Du weißt doch, daß er keinen Vater und keine Mutter mehr hat?«
»Das habe ich gehört; er selbst hat’s noch keinem von uns gesagt!«
»So? Er ist aber doch nun schon über ein Jahr auf unserer Schule!«
»Ja, er trat hier in die Quarta ein; aber er hat noch keinem was über sein Leben erzählt. Ich weiß nur, daß er draußen in Moabit wohnt, bei seinem Onkel. Der ist gewöhnlicher Fabrikarbeiter!«
»Siehst du, Junge, Fabrikarbeiter! Gewöhnlicher Fabrikarbeiter, mein Junge! Das sagt noch gar nichts; aber er ist sicher ein sehr ehrlicher und fleißiger Mann, und das sagt viel! Und nun – jetzt halt mal die Ohren steif! – gefällt es mir gar nicht, daß du immer so an Ehrenfried herumhakst. Er schleppt das Bewußtsein mit sich herum, eine Waise zu sein und seinem Onkel zur Last zu liegen; vielleicht verstehst du das noch nicht recht, mein Junge; aber du mußt es mir glauben, daß das auf den armen Ernst Ehrenfried drückt. Na also, Achim, von jetzt ab läßt du mir unsern Primus etwas in Ruhe!«
»Herr Doktor!« – Dem kleinen Köckeritz ist jetzt das Weinen näher als das Lachen. – »Wir sind ja sonst die besten Freunde. So hatte ich es ja auch gar nicht gemeint!«
»Es ist gut! Lauf jetzt! Dahinten balgen sich zweie.«
Mit großen Schritten geht Doktor Fuchs auch schon auf die beiden Kampfhähne los, die freilich bei seiner Annäherung schnell Frieden schließen und versuchen, sich in dem Kreis der Jungen, der sich im Handumdrehen um sie herum gebildet hat, zu verlieren. Aber Doktor Fuchs hat schon seine Pappenheimer erkannt; er winkt die beiden zu sich hinan. Dann nimmt er sie beim Kopf und reibt, ohne noch ein Wort zu sagen, die beiden Dickschädel aneinander. Das tut, auch ohne Worte, den beiden sehr gut und freut alle andern riesig. Und da sich kein Junge gern auslachen läßt, so merken sich das die beiden und noch mancher andere dazu, so daß in der Inspektion des Doktor Fuchs recht wenig Ungehöriges vorkommt; er kann also ruhig einmal bei seiner Inspektion mit einem Jungen sprechen, wie er es eben mit dem kleinen Köckeritz getan hat.
Auf den aber waren schon längst die andern zugestürzt: »Was wollte denn Fuchs von dir?«
Der kleine Köckeritz wehrt ab: »Halt doch mal das Maul jetzt! Das sieht doch Fuchs! Nachher!«
Nachher aber meinte er nur zu den Neugierigen: »Ach, er hat gehört, daß ich zu Hänsel gesagt habe: ›Ehrenfried ist immer der Spielverderber!‹ Da hat er mir eine Standpauke gehalten, daß sich das nicht gehörte!« – – –
Der »Spielverderber« war so erledigt; für die Klasse wenigstens, doch nicht für Doktor Fuchs. Er dachte daran, dem Ehrenfried aus eigener Tasche das Geld zur Partie zu geben; aber er wußte, wie feinfühlig der Ernst Ehrenfried trotz seiner Armut war. Um ihn also nicht noch erst recht kopfscheu zu machen, ließ er den Jungen an diesem Nachmittag noch laufen.
»So eilt die Sache nicht,« sagt er zu sich selber, »und über Nacht kommt Rat!« – – –
Und der kam. Am nächsten Vormittag hatte Doktor Fuchs nur bis 11 Uhr Unterricht, während doch seine Klasse erst um 1 Uhr herauskam. So suchte er denn um 11 Uhr schnell das Nationale seiner Jungen hervor und las daraus vor sich hin: »Ernst Ehrenfried. Geboren am 1. Mai 1890 in Schöneberg bei Berlin. Klassenalter I. Semester. Schulalter 1 Jahr. Wohnung des Vaters: Vater und Mutter verstorben. Stand des Vaters: war Gärtner. Wohnung des Schülers: Aha! NW, Havelberger Straße 250. Aufsicht: Ehrenfried, Onkel, Arbeiter. Vormund: Silber, Schutzmann, Schöneberg, Torgauer Straße 105.«
Da stand nun Doktor Fuchs. Zum Vormund gehen? Nach Schöneberg und nach der Torgauer Straße? »Die weiß ich ja gar nicht mal! Nein, ich möchte dabei doch auch gleich die Pflegeeltern meines Primus kennen lernen. Also aus nach Moabit! Das ist bekanntes Gebiet. Wie war es doch gleich? Havelberger Straße 250! Leicht zu merken! Genau ein Vierteltausend!«
Schnell steckt Doktor Fuchs das Nationale wieder weg und wickelt sich noch ein Paketchen Hefte zusammen. Und nach einem guten halben Stündchen steht er draußen vor der Mietskaserne Havelberger Straße 250. Der stille Portier, wie der Berliner das Verzeichnis der Bewohner des Hauses nennt, sagt ihm: Ehrenfried, Arbeiter, rechter Seitenflügel, 3 Treppen links. – – –
Auf sein Klingeln oben macht ihm ein kleines Mädchen von etwa fünf Jahren auf. Das hat den Zeigefinger der linken Hand in den Mund gesteckt und sieht den vornehmen Besucher staunend an.
»Mein Kind, ist vielleicht Papa oder Mama da?«
Die Kleine läßt die Tür offen stehen, läuft in die Küche zurück und ruft leise: »Mutti! Mutti! Ein Mann ist da!«
In dem Augenblick kommt auch schon die Mutter aus der Küche heraus. Sie war gerade beim Kartoffelschälen und hat die Schalen noch in der Schürze; die Schürze aber hat sie zusammengenommen und die Zipfel über den linken Arm geschlagen. Da sieht noch die Hand hervor, die jetzt das Messer hält, während die Frau die rechte Hand schnell an der Schürze abwischt. An dieser Schürze hängt noch ein kleines Mädchen von vielleicht drei Jahren, während ein noch kleinerer, pausbäckiger Junge eben aus der Küchentür hinter der Mutter her heraustorkelt.
»Guten Tag, mein Herr!«
Doktor Fuchs grüßt freundlich: »Guten Tag! Ich bin der Ordinarius des Ernst Ehrenfried. Sie sind wohl seine Tante?«
Die Frau, an der jetzt die drei Kinder hängen, nickt: »Ja, ja!« so daß Doktor Fuchs fortfährt: »Da kann ich Sie vielleicht einmal auf einen Augenblick sprechen.«
»Ja, bitte sehr, wollen Sie nähertreten?«
Sie schiebt sanft die Kinder zur Seite und öffnet die Tür eines Zimmerchens, das neben der Küche liegt. »Wollen Sie einen Augenblick eintreten, Herr Lehrer?«
So hat Doktor Fuchs Zeit, sich in dem Zimmerchen umzusehen. Es ist offenbar das Arbeits-, Wohn- und Schlafzimmer des Ernst Ehrenfried; denn da, auf dem kleinen, saubern Regal, stehen seine Schulbücher, und auf dem kleinen Tischchen liegt eine kleine Wachstuchdecke, auf der ein Tintenfläschchen steht mit sonstigem Schreibmaterial. Alles ist sauber zusammengelegt, und auch das ganze Zimmerchen macht einen höchst reinlichen, wenn auch sehr einfachen und ärmlichen Eindruck.
Da tritt auch die junge Frau schon wieder herein. Sie hat sich statt der blauen Arbeitsschürze eine weiße, saubere Schürze vorgebunden; den pausbäckigen Kleinen hat sie auf dem Arm, während die beiden Mädchen sich wie kleine Wächterinnen neben ihr halten.
»Sie entschuldigen wohl, Herr Lehrer, daß ich die Kinder mit hereinbringe. Man kann sie in der Küche keinen Augenblick allein lassen. Wenn Sie meinen Mann sprechen wollen, so kann ich ihn wecken. Er hat nämlich Nachtarbeit gehabt, und dann muß er immer am Vormittag etwas schlafen.«
Jetzt weiß Doktor Fuchs, warum hier alle so gedämpft sprechen, und warum auch die Kinder zwar lebhaft in ihren Bewegungen, doch recht ruhig mit dem Munde sind. So spricht er also auch nur halblaut, als er sagt: »Nein, nein, lassen Sie ruhig Ihren Mann schlafen! Wir beide können das ebenso gut allein abmachen. Sehen Sie, Frau Ehrenfried, meine Klasse macht in der nächsten Woche einen Ausflug, und da will sich der Ernst ausschließen. Ich glaube aber den Grund dazu erraten zu haben, und nun möchte ich Sie bitten, ihm doch diese« – Doktor Fuchs hat das Geld schon in der Hand – »ihm doch diese Mark und fünfzig Pfennig dafür zu geben. Aber natürlich müssen Sie nicht verraten, daß ich sie Ihnen gebracht habe. Vielleicht sagen Sie ihm, es wäre das vom Vormund für unvorhergesehene Fälle.«
Die Frau ist recht verlegen geworden. »Herr Lehrer,« antwortet sie, »ich weiß nicht, ob ich das tun kann. Mit dem Vormund, das glaubt der Ernst doch nicht! Der kann ja eigentlich auch nichts für unnütze Sachen hergeben. Sehen Sie, Ernsts Eltern sind ja beide tot. Der Tisch da ist noch von ihnen und das Bett; aber das bißchen, was noch da war, als mein Schwager starb, ist alles verkauft, und nun reicht das Geld gerade noch, daß der Ernst ein paar Jahre auf die Schule gehen kann. Er hat ja das Schulgeld frei; aber er braucht doch auch Sachen und sonst manches!«
»Hm! Das täte mir aber leid! Ja, und ich weiß nicht, ob ich Sie bitten darf, ihm zu sagen, Sie selber wollen es ihm geben.«
Da wehrt die Frau Ehrenfried ab: »Nein, das würde er gar nicht nehmen. Er weiß ganz genau, Herr Lehrer, daß ich so viel Geld nicht abstoßen kann, und da ist der Ernst sehr eigen drin. Er ist ja doch nur eine Waise, und wir haben ihn natürlich sofort und gern genommen; aber der Junge ist sehr verständig, Herr Lehrer, sehr verständig, und wenn er es auch nicht sagt, aber es tut ihm doch immer sehr leid, daß er uns zur Last fällt!«
»Sie haben den Ernst ohne irgendwelches Entgelt in Ihre Familie aufgenommen?«
Die Frau nickt: »Freilich, freilich! Der Vormund wollte ja das so ordnen, daß wir jede Woche was für den Ernst bekämen. Aber der Junge lernt doch nun mal so gut, und als sein Vater starb, da war es sein letzter Wunsch, daß der Junge mal etwas Schule genießen sollte. Sehen Sie, Herr Lehrer, mein Mann sagte: ›Mit Gottes Hilfe werden wir ja durchkommen, auch wenn einer mehr mit am Tisch sitzt!‹ Es ist ja auch bis jetzt gegangen!«
»Nun, der Ernst ist ein ehrlicher, ernst veranlagter Junge. Der wird es Ihnen einmal danken!«
»Oh, das tut er jetzt schon! Er tut alles, was er uns an den Augen absehen kann. Und die Kinder hängen an ihm wie an einem älteren Bruder. Mir hilft er auch, wo er kann. Er ist immer unverdrossen; ich kann ihn schicken wohin ich will. Nur,« – die Frau lächelt dabei, als hätte das schon recht spaßige Szenen gegeben – »er kann nicht ›danke!‹ sagen; das wird ihm doch nun einmal zu schwer!«
»Na, besser kommen die ja im Leben fort, die so was sagen können. Aber ist denn der Ernst immer so still und ernst gewesen?«
»Nein, nein, früher war er ein ganz aufgeräumtes Kind. Aber seit auch sein Vater gestorben ist, da kann er nicht mehr lachen. Er spielt ja mit den Kindern hier sehr nett; aber er kann nicht mehr lachen!«
Doktor Fuchs hört es der Frau an, wie weh ihr das tut, daß der Ernst scheinbar so alle Lebensfreude verloren hat.
»Nun,« setzt er also hier wieder ein, »deshalb möchte ich gern, daß er die Partie mitmacht. Es tut sicherlich gut, daß er auch einmal auf andere Gedanken kommt. Darf ich Ihnen denn nicht das Geld hierlassen? Dann braucht er doch nicht ›danke!‹ zu sagen.«
Doktor Fuchs muß dabei lächeln.
»Na, ich will es versuchen. Dann muß ich sagen: ein Herr, dem ich erzählt habe, daß er die Partie nicht mitmachen will, weil er nicht die Mittel dazu hat, der hat mir das Geld für ihn gegeben.«
»Gut, gut, tun Sie das, liebe Frau!« – Dabei steht Doktor Fuchs auf. – »Ich habe Sie nun wohl auch schon etwas lange von Ihrer Arbeit abgehalten!«
»Ich bitte sehr. Na, ich danke Ihnen, Herr Lehrer, für das Geld, da es der Ernst ja nicht selber tun kann.« –
Die Tür schließt sich leise hinter Doktor Fuchs. Der aber geht sinnend nach dem Restaurant, wo er – als Junggeselle – täglich ißt. Er kann alle die Gedanken und Bilder nicht loswerden, die soeben in sein Empfinden eingetreten sind. Das ist doch noch Barmherzigkeit und Liebe, welche der arme Fabrikarbeiter und seine Frau da draußen in der Hofwohnung der Havelberger Straße auch ohne viele Worte üben! »Mein Mann sagt, mit Gottes Hilfe werden wir ja noch durchkommen, auch wenn einer mehr mit am Tisch sitzt!« – Aber noch viel mehr beschäftigt seine Gedanken der Ernst Ehrenfried, der das drückende Gefühl durch sein Leben schleppt, den armen Verwandten eine Last zu sein, und der nicht mehr lachen kann, nachdem auch sein Vater gestorben ist. – – –
2 m Schottisch.
Als die Tante um ¾2 Uhr dem Ernst die Tür öffnet, da ruft sie ihm auch schon entgegen: »Ernst, Ernst, denke mal, ich habe heute früh einem Herrn erzählt, daß du die Schulpartie nicht mitmachen willst. Da hat er mir eine Mark und fünfzig Pfennig für dich gegeben. – Na, freust du dich nicht?«
Der Ernst hat schon den Milchtopf in der Hand; denn er holt jeden Mittag für die Kinder etwas Milch aus dem Kuhstall nebenan herauf, und mit ernstem Gesicht sagt er: »Das kann ich doch nicht nehmen! Wer ist denn der Herr?«
»Das kannst du ruhig nehmen, Ernst! Der Herr meinte auch, du brauchtest seinen Namen nicht zu wissen; er würde sich aber freuen, wenn du nun mitmachtest!«
Der Ernst sagt kein Wort mehr. Er hat den Milchtopf genommen und geht still und ruhig zur Tür hinaus.
Als er wieder in die Küche tritt, sagt er ebenso ruhig: »Tante, ich werde das Geld nehmen! Wo ist es denn?«
»Hier, hier, Ernst; da wird sich aber der Herr freuen! Das machst du recht!«
Ohne noch ein Wort zu äußern, nimmt der Ernst die beiden Geldstücke. Er wickelt sie sauber und sicher in ein Stückchen Zeitungspapier und schlägt dann das Paketchen zur Sicherheit auch noch in das Taschentuch ein.
Die Tante wundert sich höchlichst über die Bereitwilligkeit des sonst so spröden Ernst; sie hütet sich indessen, etwas zu sagen.
Ernst aber nimmt, wie sonst am Nachmittag, wenn er seine Schularbeiten gemacht hat, die drei Kinder und geht mit ihnen hinunter. Dieses Mal freilich nicht nach dem Spielplatz hinüber, sondern nach der Wilsnacker Straße. Da steht er lange vor dem großen Schaufenster eines Schnittwarengeschäftes, so daß die Kinder schon ungeduldig werden wollen. Er hat sogar den Mut, in den Laden einzutreten. Die Verkäuferin macht ein erstauntes Gesicht.
»Kann ich Stoff kriegen zu einem Kleidchen für das Marthchen? Das ist die Kleine hier!«
»Was soll es denn für Stoff sein?«
»Ich weiß nicht, aber meine Tante – solches hier! Bunt kariert!«
»Da sind zwei Meter nötig. Das macht sechs Mark!«
Der Ernst bekommt einen heillosen Schreck. »Meine – meine –« stottert er, »meine Tante sagt, das kostet eine Mark fünfzig bis zwei Mark!«
»Ach so!« sagt die Verkäuferin nachlässig. »Das ist Schottisch! Solches hier!« –
Nicht immer hat das Volk mit dem Volke Mitleid. Die Verkäuferin sieht jetzt die Kinder kaum noch. Sie wirft das Paketchen Zeug auf den Ladentisch. »Hier kostet das Meter 90 Pfennig. Soll ich zwei Meter abschneiden?«
»Ja, ja,« antwortet der Ernst freudig. »2 m Schottisch!« – Er hat außer der Mark fünfzig Pfennig noch vierzig Pfennig, die er einst dadurch gespart hat, daß er sich den Caesar alt kaufte. Die brauchte er dem Vormund nicht zurückzubringen. Davon opfert er nun freudig dreißig Pfennige. Dem Marthchen legt er dann das Röllchen in die Arme, und freudig gehen sie nach Hause.
»Mutti, Mutti, das hat Ernst gekauft!«
Statt sich aber zu freuen, erschrickt da die arme Frau. »Aber, Ernst,« ruft sie, »das Geld durftest du nicht so ausgeben! Das war für die Partie!«
»Nein, nein, Tante, die Partie brauche ich nicht mitzumachen. Du hast doch neulich auch zu Onkel gesagt, daß Marthchen so notwendig ein Kleidchen braucht. Und könntest du nur einige Groschen abstoßen, dann würdest du schottischen Stoff kaufen und ein Kleidchen machen. Ich freue mich jetzt schon, daß Marthchen ein Kleid kriegt!«
»Ach, Ernst; du hast es ja wieder sehr gut gemeint; aber das geht doch nicht! Nein, das geht wirklich nicht!«
»Was soll ich denn auch bei der Partie, Tante? Die andern Jungen sind da immer so wild. Das Geld haben wir nun besser angewendet.«
Aber wenn auch die Tante jetzt nichts mehr sagt – denn sie muß in der Küche noch waschen – sie wälzt doch immer den Gedanken im Kopfe herum: »Aber nun wird sich doch der Lehrer wundern, wenn der Ernst nicht mitmacht! Er denkt vielleicht, ich habe dem das Geld gar nicht gegeben! Herr Gott! Herr Jeses, Herr Jeses! Wie mache ich denn das nur? Wie mache ich denn das nur? Das Zeug wieder hintragen ins Geschäft? Die nehmen es sicher nicht wieder, wenn’s doch nun einmal vom Stück abgeschnitten ist!« –
Schließlich kommt sie darauf, das ihrem Manne zu sagen, wenn er am Abend nach Hause kommt. Der würde ja schon einen Ausweg finden. – – –
Den Ausweg aber, den die Mutter nicht finden konnte, den fand jetzt eben das kleine, fünfjährige Töchterchen, das Lenchen. Und das sogar ganz ungezwungen und ganz leicht; ganz ohne es zu wollen.
Sie spielt nämlich gerade an Paulchen, dem kleinen Brüderchen herum. Sie legt ihm dabei ein Tüchelchen über die Schultern und sagt ganz traumverloren: »Nun sieht Paulchen aus wie der Herr Lehrer! Ja, wie der Herr Lehrer!«
Der Herr Lehrer? Das Wort trifft das Ohr Ernsts, der am Tische sitzt und da etwas liest. Der Herr Lehrer? Er legt das Buch hin und fragt das Lenchen: »Was für ein Herr Lehrer denn?«
Aber das Kind hat gar nicht auf die Frage geachtet; es hat sie im Spiel einfach überhört. »So! Und dann schenkst du Mutti auch Geld! Viel Geld! So! Und –«
»Du, Lenchen,« – Ernst ist jetzt ganz aufgeregt zu dem kleinen Plappermäulchen hingetreten – »was für ein Lehrer denn? Lenchen! Hörst du denn nicht? Was für ein Lehrer denn?«
Da sieht das Lenchen auf. »Der Mann, der Mutti das Geld gegeben hat. Du sollst doch mitmachen!«
»Das war ein Lehrer?«
»Der Herr Lehrer!« lallt das Kind, und es spielt weiter mit dem Tüchelchen am kleinen Bruder herum.
»Wie sah denn der Herr Lehrer aus, Lenchen?«
Ja, die Frage versteht das Lenchen wohl, aber sie weiß doch nicht, was sie darauf antworten soll: »Ganz anders als Vati! Und der hat Mutti das Geld für dich gegeben!«
Da springt der Ernst mit hochrotem Kopf schnell die paar Schritte in die Küche hinaus: »Tante, Tante, Lenchen sagt, der Herr Lehrer hat dir das Geld für mich gegeben. War das vielleicht Herr Doktor Fuchs?«
Die Tante richtet sich am Waschfaß auf: »Ach, Ernst, da du nun ja selber darauf kommst, ja, der war hier und hat mir das Geld für dich gegeben! Was machen wir denn nun?«
Dem Ernst zittern die Beine. Er hat sich auf den Küchenstuhl setzen müssen, und auch das Lenchen kommt jetzt in die Küche herein und sieht ihm ängstlich ins Gesicht. »Nicht wahr, Mutti,« der Herr Lehrer hat dir das Geld gegeben!«
»Ja doch! Nun geh nur! Ich müßte es dir von meinem Wirtschaftsgeld geben, Ernst. Aber …«
»Nein, Tante! Ich werde morgen Doktor Fuchs sagen, warum ich die Partie nicht mitmachen kann. Laß nur! Das ist gar nicht schlimm!« Dabei geht der Junge auch schon wieder aus der Küche hinaus.
Aber nur äußerlich ist Ernst ruhig geworden. In seinem Innern zuckt und reißt es an ihm herum. Wie soll er das bloß anstellen? Und was wird Doktor Fuchs denken? Und was wird er sagen? Oh, der Ernst hätte bei diesem Gedanken laut aufstöhnen können. Er kam sich wie ein ganz gemeiner Verbrecher vor. Nun sollte er das auch noch alles selber gestehen! Ihm wurde es schon sowieso schwer, überhaupt zu jemand etwas zu sagen! Und nun gar unter vier Augen zu Doktor Fuchs! Ach, ganz elend wurde ihm dabei zu Mute. Aber es mußte ja wohl sein. Die arme Tante ängstigte sich nun auch. Auf keinen Fall aber konnte sie etwas von den paar Pfennigen abgeben, mit denen sie für Essen und Trinken der Familie sorgen sollte. Nein, nein, es mußte eben sein! Er mußte es Doktor Fuchs sagen! Gleich am andern Morgen auf dem Flur! Ganz allein!
Ernst nahm das Buch recht zittrig wieder in die Hand. In der Nacht wurde er durch schreckliche Träume gequält, und er schlief recht schlecht. – – –
Edler Wettstreit.
Als Doktor Fuchs am andern Morgen als Inspizient den Mittelflur des weiten Schulgebäudes langsam hinabschritt, sprang der kleine Köckeritz die Treppe herauf. Der sprang sie überhaupt immer herauf, trotzdem seine Beine nicht allzu lang waren und dabei auch so dünn, daß Doktor Fuchs auf dem Hof schon einmal scherzhaft zu ihm gesagt hatte: »Na, Achim, wenn mal die Sperlinge Stiftungsfest haben, mußt du die Fahne tragen!«
Der Achim springt also jetzt die Treppe herauf und direkt vor seinen Ordinarius hin: »Herr Doktor, wir machen doch die Partie und –«
»Gut, gut! Ad Partie nachher in der Klasse!«
Da der kleine Köckeritz Doktor Fuchs die Hand gegeben, so zieht der ihn dabei zugleich an sich vorüber und zeigt ihm so den Weg zu seiner Klasse, die noch ein paar Schritte weiter den Flur hinunter liegt.
Aber der Achim Köckeritz tanzt im nächsten Augenblick schon wieder vor Doktor Fuchs einher: »Nein, nein, Herr Doktor, wir machen doch die Partie, aber …«
»Na freilich! Und nun drückt er sich!«
»Nein, nein, Herr Doktor, das gehört ja zur Partie, aber es ist doch was ganz andres!«
Da bleibt Doktor Fuchs stehen. »Du meinst, es gehört zur Partie und gehört doch auch nicht zur Partie!«
»Ja! Nein, nein! Ja!«
»Na nun, Achim! Was ist also los? Aber mach’ schnell!«
»Ja, Herr Doktor! Ich habe das von Ehrenfried zu Hause erzählt. Der kann doch die Partie nicht mitmachen, weil er – weil er –«
»Na gut; ich weiß schon! Weil er kein Krösus ist!«
»Ja! Und da läßt mein Papa Sie bitten, Herr Doktor, dem Ernst Ehrenfried die zwei Mark hier zu geben, damit er mitmachen kann!« Dabei will der Achim dem Doktor Fuchs das Geld hinreichen, das der Vater ihm in ein weißes Blättlein eingewickelt hat.
»Achim,« sagt da Doktor Fuchs, »Junge, du bist ein Prachtkerl! Und deinem Herrn Vater sage, daß ich ihm als Ordinarius des armen Ernst Ehrenfried für dieses Anerbieten herzlich danke. Aber es wäre schon alles erledigt. Der Ernst Ehrenfried macht die Partie auch mit. Also, Achim, stecke das Geld wieder ein! Empfiehl mich deinem Herrn Vater, und vergiß nicht, ihm zu sagen, wie sehr ich mich über sein Anerbieten gefreut hätte.«
»Jawohl!« erwiderte der Achim und zog ab. Er zog auch nicht gerade sehr betrübt ab; im Gegenteil, immer lustig und fidel. Er dachte sich sicherlich auch nicht allzuviel bei der Sache.
An der Tür aber rannte er beinahe den Tauscher, den würdigen Sekundus der Klasse, über den Haufen. Der trug als Sekundus neben dem Primus auch die Last einiger Ämter. So war er besonders der Kassenwart; denn wenn auch der Ordinarius offiziell nichts von solcher Kasse wissen durfte, so wußte er doch inoffiziell sehr wohl, daß immer einige Pfennige da waren. Wovon sollte sich denn auch sonst die Klasse zu Neujahr einen neuen Wandkalender kaufen oder eine zerbrochene Scheibe bezahlen, die natürlich keiner oder noch öfter auch zu viele auf einmal zerschmissen hatten? Es kann eben so mancherlei in einer Tertia vorkommen und Geld kosten! Und der Kassenwart also, der stand jetzt an der Tür und hatte schon ein kleines Weilchen darauf gewartet, daß der kleine Köckeritz da vor Doktor Fuchs fertig werden sollte. Jetzt schoß er nun hinter Doktor Fuchs her, der eben aus der Tür der Schlußklasse wieder auf den Flur heraustrat und sonderbarerweise vor der Treppe Posto gefaßt hatte, als müßte er hier auch inspizieren. Da nickte er recht herzlich einem Jungen zu, der offenbar die Treppe heraufkam und jetzt gerade mit dem Kopf hochtauchte.
Das war – der Ernst Ehrenfried.
»So’n Pech!« sagte Tauscher und drehte sich einmal um sich selber.
Offenbar hatte der Ernst Ehrenfried dem Doktor Fuchs auch etwas zu sagen; denn er hatte die Mütze wieder abgenommen und trug sie in der Hand, und einen puterroten Kopf bekam er auch eben, wie immer, wenn er mit einem seiner Lehrer sprechen wollte.
Aber Tauscher war doch flinker als der Ernst Ehrenfried, und schon stand er jetzt neben seinem Ordinarius und meldete sich krampfhaft: »Herr Doktor! Herr Doktor!«
»Na, wo brennt’s denn, Junge?«
Da druckst und würgt der Tauscher und dreht sich so sonderbar hin und her. »Herr Doktor!«
»Na ja doch, schieß nur los!«
Jetzt ist der Primus, der Ehrenfried, vorbei und weit genug weg!
»Herr Doktor! Der Ernst Ehrenfried wollte doch die Partie nicht mitmachen. Können wir da nicht aus der Klassenkasse etwas Geld nehmen, daß er auch mitkann?«
»Na, wieviel hast du denn drin?«
»2 Mark 57 Pfennig, und dann haben wir noch fünf Hefte. Die werden doch mit 15 Pfennigen das Stück verkauft. Das sind noch 75 Pfennige!«
»Ja, du allein darfst aber doch nicht über das Geld verfügen!«
»Ich habe aber schon die meisten gefragt; es sind alle dafür, daß Ehrenfried auch mitkommt.«
Tauscher ist früher in Sexta, Quinta und Quarta immer der Beste und der Primus der Klasse gewesen; seit aber der Ernst Ehrenfried da ist, hat er von diesem Ehrenposten zurücktreten müssen. Einer solchen Konkurrenz war Tauscher doch nicht gewachsen. Aber neidlos hatte er sich unter den klügern und fleißigern, freilich auch ältern Mitschüler gestellt, und jetzt möchte er den Ernst Ehrenfried auch bei der Partie haben.
Alles das schießt Doktor Fuchs durch den Kopf; er schätzt es hoch, sogar sehr hoch ein, daß Tauscher so neidlos ist und jetzt so selbstlos handelt. So sagt er denn mit inniger Wärme zu dem Jungen: »Tauscher, das ist wirklich nett von dir, daß du so an Ehrenfried denkst. Ich freue mich, daß ihr beide so gute Freunde geworden seid. Komm her, mein Junge, gib mir die Hand! Das will ich dir nie vergessen!«
Tauscher macht ein ganz seliges Gesicht.
»Aber,« fährt Doktor Fuchs fort, »du kannst für dieses Mal der Klassenkasse das Geld erhalten; die Sache ist schon erledigt: der Ernst Ehrenfried kommt auch so mit!«
Da legt sich das helle Staunen in die Augen des kleinen Kassenwarts; er dreht sich dann, ohne noch ein Wort zu sagen, um und geht der Klasse zu. –
Der Ernst Ehrenfried indessen hat eben um die Ecke des Türpfostens geguckt. Als er den Tauscher der Klasse näher kommen sieht, faßt er sich ein Herz und geht Doktor Fuchs entgegen, der ja den Flur jetzt auch langsam herunterschreitet.
»Ach, das ist ja heute ein schneidiger Betrieb! Da kommt ja auch mein Primus an! Na, was gibt’s Neues, Ernst?«
»Herr Doktor!« – Der Ernst kann nicht weiter. Die Tränen treten ihm in die Augen; es zuckt so eigentümlich über sein Gesicht hin, als ob er weinen wollte.
Aber Doktor Fuchs ist auch schon schnell bei der Hand: »Also, du willst die Partie mitmachen! Das freut mich, Ernst! Man muß sich mit seinen Kameraden auch einmal freuen können!«
Nun laufen dem armen Jungen aber wirklich die hellen Tränen über die Backen. »Nein, Herr Doktor,« sagt er mit zitternder Stimme, »ich kann doch nicht mitkommen. Ich wußte nicht, daß – daß – dieses Geld – das Geld –« Jetzt schluchzt der Ernst Ehrenfried so herzzerbrechend, daß ihn der Doktor Fuchs schnell in das Sprechzimmer zieht, das in der Flucht der Klassen in der Mitte des Flures liegt.
»Na, also, Ernst, nun beruhige dich erst mal! Die ganze Sache ist doch nicht zum Weinen!«
»Doch! Ich habe das Geld schon verbraucht. Ich wußte nicht, daß – daß – Sie es gebracht hatten!«
»Du hast das Geld schon verbraucht?« – Es klingt beinahe aus dem Tonfall heraus, als ob Doktor Fuchs etwas enttäuscht wäre.
Das scheint der Ernst Ehrenfried auch zu fühlen. Er glaubt, jetzt muß er den Doktor Fuchs schleunigst aufklären, damit dieser nicht noch schlechter von ihm denkt. So trocknet er hastig seine Tränen: »Darf ich einmal alles schnell erzählen, Herr Doktor?«
»Nun, Ernst, ich bin überzeugt, daß du die paar Pfennige zu einem guten Zweck ausgegeben hast!«
»Herr Doktor, meine Verwandten sind sehr arm; das kleine Marthchen brauchte schon lange ein Kleid. Da habe ich für das Geld den Stoff zu diesem Kleide gekauft. Meine Tante wollte mir ja das Geld für Sie wiedergeben; aber das wollte ich nicht. Ich werde heute zu meinem Vormund gehen und Ihnen morgen das Geld bringen.« –
Der Ernst ist ganz erschöpft. Er hat diese Worte hervorgestoßen, atemlos, vor Aufregung zitternd. Aber Doktor Fuchs sieht jetzt in den Seelenadel seines Primus hinein, der auf ein Vergnügen verzichtet, um den armen Verwandten ihre Liebe zu vergelten. Er ist selber gerührt und muß einen kleinen Augenblick warten, um diese Rührung nicht aufkommen zu lassen. Dann aber legt er die Hand dem armen Jungen auf die Schulter und sagt: »Mein lieber Ernst! Du hast so gehandelt, wie man es nicht anders von dir erwarten kann. Gott erhalte dir diesen reinen und dankbaren Sinn! Dein Onkel und deine Tante sind einfache und schlichte, aber edeldenkende Menschen. Sie haben deine Dankbarkeit verdient!«
Das hat nun der Ernst nicht erwartet. Er weiß nicht, was er sagen soll. Er fühlt nur, wie ihm eine Blutwelle über die andere über das Gesicht jagt. Und doch ist ihm jetzt so wohl, daß er dieses schwere, schwere Geständnis vom Herzen hat. Da setzt auch Doktor Fuchs den Hebel ein, und er trifft den richtigen Ton: »Nun, Ernst, mußt du mir aber auch eine Freude machen und doch mitkommen. Und da wir beide ja nun ganz offen miteinander stehen, so machen wir beide auch keine Umstände mehr miteinander.«
Damit zieht Doktor Fuchs das Portemonnaie.
»So, Ernst, du kriegst jetzt wieder 1 Mark 50 Pfennig, und kein Mensch, außer deiner vortrefflichen Tante selbstverständlich, braucht etwas davon zu erfahren! – Na, aber Ernst, du willst mir doch nicht die Freude verderben! Nein, nein, ich möchte aber wirklich, daß du das nimmst! Nun geh, mein Junge, und tu, als wenn gar nichts gewesen wäre!«
Da zögert der Ernst noch einen Augenblick; dann aber gibt er Doktor Fuchs die Hand und sagt ein leises »Danke schön, Herr Doktor!« – – –
Zwei glückliche Menschen traten aus dem kleinen Sprechzimmer auf den Flur hinaus: der eine ging schnell und leichten Schrittes der Unter-Tertia O zu, der andere aber wandte sich den Flur weiter hinauf zur Quarta hin, wo soeben jemand quiekte, als ob eine halbe Klasse an ihm herumwürgte und ihm an der Kehle säße. – – –
Würden und Ämter.
Wie Doktor Fuchs nach dem Läuten in seine Klasse tritt, sind die partiewütigen Tertianer gewappnet. Er hat ja gesagt, sie sollen heute einen Zettel mitbringen mit dem Ziel der Partie. Und den Zettel, den haben nun alle da, viel vollzähliger und gewissenhafter als sonst irgend ein Exerzitium. Da nun Doktor Fuchs auch ganz genau weiß, was solche flotten Jungen freut, so setzt er eine sehr wichtige Miene auf und nimmt die bewußten Zettel in alphabetischer Reihenfolge ab. Die Jungen finden das durchaus richtig, während Doktor Fuchs seinerseits findet, daß eigentlich keiner unter vier Meilen von Berlin weg landen will. Potsdam, Werder, Bernau, das ist überhaupt das nächste.
So fängt denn Doktor Fuchs an: »Na, Jungs, man kann nicht gerade sagen, daß ihr bescheiden gewesen seid. Es wundert mich nur, daß ihr alle noch in Europa bleiben wollt. Na also, da wird’s wohl nicht anders werden. Da werde ich also als Klassenpapa umso bescheidner sein müssen, und« – dabei dreht sich Doktor Fuchs auf dem Katheder um – »und da möchte ich nur auch schnell meinen Wunschzettel an die Tafel schreiben. – Grunewald!« –
Ein lautes und sehr geringschätziges »Aaach!« und »Der Katzensprung!« vom dicken Puntz.
Doktor Fuchs hat sich herumgedreht und macht dieses »Aaach,« »der Katzensprung!« in demselben Tone nach, so daß einige schon anfangen zu lachen. Die sind schon wieder halb und halb mit dem Grunewald ausgesöhnt.
»Na, Dicker, wann hast du denn das letzte Mal den Grunewald gesehen?«
»Am letzten Sonntag!« sagt der da so recht mißmutig und gedehnt und verächtlich.
»Am letzten Sonntag! I Gott bewahre, Dicker, was denkst du denn? Seit dem letzten Sonntag, ach! seit dem letzten Sonntag, da ist der Grunewald ganz anders geworden! Ich sage dir bloß, ganz anders! Den kennst du gar nicht wieder! Das glaubt ihr wohl nicht, Jungs?«
Da lachen schon wieder alle und beteuern laut und überzeugungstreu: »Nein!«
»Dann werde ich es euch beweisen! Ihr werdet erstaunt sein! Also es geht in den Grunewald!«
Der dicke Puntz sagt nichts mehr; aber nach der Stunde erklärt er: »Fuchs ist ein guter Kerl! Der bedenkt dabei eben die armen Deibel. Für die würde es bis Bernau doch zu teuer sein!«
Das sieht schließlich auch jeder ein, und so hat man sich denn auch schon am nächsten Tage mit dem Grunewald ausgesöhnt. Nur will man noch fragen, wohin es im Grunewald selbst gehen soll.
Aber Doktor Fuchs kommt am nächsten Tage – nun ist’s inzwischen schon Freitag geworden – selber wieder auf die Partie, als er von der Inspektion draußen auf dem Mittelflur in die Klasse kommt.
»Also, Jungs, es geht nach dem Grunewald! Wer kennt denn den König Wilhelms Turm auf dem Karlsberg?«
Alle, bis auf zwei Vorörtler aus dem Norden.
»Wer Wannsee?«
Ein paar weniger.
»Wer Nikolskoi?«
Nur vier; der fünfte weiß es nicht genau. Wenigstens ist es schon sehr lange her, daß er da war.
»Wer Sakrow?«
Einer.
»Wer die Römerschanze?«
Keiner.
Da lacht Doktor Fuchs so lustig. »Na, ihr seid eine Gesellschaft! Und einige wollten da gleich nach Werder und wer weiß wohin. Na also!«
»Ja, Herr Doktor, wollen wir denn nun nach der Römerschanze?«
»Ja, Hagen, wollen mal sehen, ob ihr nicht schon vorher die Beine schleppt! Unsere Losung wenigstens soll sein: ›So weit wie möglich!‹«
Damit sind nun alle zufrieden, so daß Doktor Fuchs fortfahren kann: »Ich brauche einen Vergnügungsausschuß.«
»Ich, ich, Herr Doktor! Herr Doktor!«
»Ruhig Blut, Jungs! Den wählt ihr euch selbst! Morgen wird mir der Ehrenfried vier Mann dafür vorschlagen. – Zweitens: Ich brauche zwei Schrittmacher. Das ist der Windhund, der Hobein, und der dicke Puntz!«
»Herr Doktor,« remonstriert aber der Dicke da, »ich werde lieber die Musik liefern.«
»Kannst du das?«
»Ja, mit der Mundharmonika!«
»Gut! Also der wackere Puntz ist unsere dicke Hauskapelle! Wollte sagen, der dicke Puntz ist unsre wackre Hauskapelle!«
Der kleine Gebhardt hat sich währenddessen schon gemeldet: »Darf ich meinen photographischen Apparat mitbringen?«
»Selbstverständlich! Dich erhebe ich zum Schönheitsrat!«
»Kann ich auch was sein? Herr Doktor?«
»Wollen mal sehen! Ich brauche noch den Herrn Feldwebel oder die Kompagniemutter. Das muß der Doef werden!«
Der hebt sich, als ob er Bergeslast auf dem Rücken trüge. Er scheint sich aber die Sache erst überlegen zu müssen. Endlich fragt er: »Was habe ich denn da zu tun?«
»Oh, du hast das wichtigste Amt. Du mußt darauf sehen, daß uns keiner abhandenkommt. Wir müssen also immer volle Zahl haben!«
Verträumt scheint Doef nachzudenken; aber er ist Praktikus und verhandelt ganz ruhig mit Doktor Fuchs: »Wenn nun einer doch fortläuft?«
»Darf nicht vorkommen!«
»Aber wenn er fortlaufen will?«
Doktor Fuchs tut, als wenn er in die Hand spuckt, und er macht die Geste des Hauens.
Doef sieht seine eigene, große Tatze an und sagt tonlos, aber sicher: »Ja!«
»Dürfen wir spielen, Herr Doktor?« – Die Frage hat den Leverenz schon halb zu Tode gequält.
»Na, so en passant! So viel uns Zeit bleibt.«
»Ich werde einen Ball mitbringen.«
»Meinetwegen! Aber kaum nötig!«
»Können wir sackhüpfen?«
»Halt mal, du! Dazu kriegen wir eben einen Vergnügungsausschuß!«
»Essen wir zu Mittag?«
»Ja, unten an der Pfaueninsel, beim alten Ehrecke. Preis etwa 75 Pfennig. Wer essen will, muß es mir morgen sagen. Ihr könnt euch aber auch selbst was mitbringen!«
Nach jeder Stunde, die Doktor Fuchs als Ordinarius in der Klasse hat, werden noch zwei oder drei Minuten der Pause auf dem Altar der bevorstehenden Partie geopfert. Am nächsten Montag steht der Primus auf und erklärt: »Herr Doktor, die meisten Stimmen für den Vergnügungsausschuß haben Greff, Hagen, Sausig und Woller!«
»Also noch einmal langsam! Greff – Hagen – Sausig und Woller. Gut! Nehmen die Herrn die Wahl an?«
Die vier lächeln vielsagend und zufrieden und nicken mit dem Kopfe.
»Kennt ihr auch den Grunewald genau?«
»Wir sind beinahe jeden Sonntag drin.«
»Gut, dann bleibt ihr heute um 1 Uhr noch einen Augenblick hier. Ich werde in die Klasse kommen. Und nun wieder für alle! Wir machen die Partie noch nicht am nächsten Mittwoch, wie es ursprünglich geplant war, sondern erst in der nächsten Woche. Und zwar am Freitag, am letzten Tage also vor den Pfingstferien. Ein Abwaschen!«
»A–a–ch? Am Freitag? Dann fällt doch am Nachmittag aus!«
»Selbstverständlich! Nun weiter! Wer sich draußen gar nichts kaufen will, der muß sich Essen und Trinken mitbringen. Der würde nur das Fahrgeld bis zur Station Grunewald und zurück von Wannsee oder höchstens von Potsdam gebrauchen. Wer sich gar nichts zum Essen mitbringt, muß Geld dafür ausgeben. Über zwei Mark aber darf keiner bei sich haben.«
»Herr Doktor! Wenn es nun aber regnet?«
»Wir kriegen genau das Wetter, das der liebe Gott für den Freitag vor Pfingsten angesetzt hat. Dich aber, Hänsel, ernenne ich zur Partie-Unke.«
Und während da natürlich alle den Hänsel vergnügt auslachen, erklärt Doktor Fuchs kurz: »Fertig jetzt! Nur noch eins will ich sagen: je fleißiger man vorher arbeitet, desto größer ist nachher das Vergnügen!« –
Der Überfall am Pechsee.
Wie wenig man auch in der letzten Woche vor Pfingsten von der Partie hatte sprechen können, da ja an jedem Tage dieser »feinen Woche« etwas unregelmäßig war und vom Stundenplan abgeknapst wurde, vergessen hatte drum doch keiner die Partie.
So war auch endlich der Freitag vor Pfingsten, der heiß ersehnte Freitag, angebrochen. Ein herrlicher Tag! Vom hellen Osten her strahlte die Sonne, als freue sie sich über all die fröhlichen Jungengesichter, die schon um sechs Uhr und noch früher oder gar noch viel früher nach ihr ausgeschaut und sie jubelnd begrüßt hatten. Die Mutter mußte noch einmal soviel Frühstück schneiden, als sonst und das Portemonnaie wurde zur Vorsicht wieder und immer wieder hervorgeholt und ein Blick auf den Mammon geworfen, der darin ruhte. Dann zog ein jeder zum Bahnhof. Die von der Friedrich Straße sammelten Station für Station ein paar neu auf, auf dem Lehrter Bahnhof, auf Bellevue, auf Tiergarten, auf Zoologischer Garten, sogar auf Savigny Platz und Charlottenburg. Auf Station Zoologischer Garten hatte man Doktor Fuchs mit polizeiwidrigem Hallo und Freudengeheul empfangen. Schon in Charlottenburg aber war die Kompagniemutter bei ihrer ruhigen Besonnenheit zu dem sicheren Ergebnis gekommen, daß zwölf Mann fehlten.
»Wer sind denn die?«
»Hagen – Sausig – Boenick – Schulz – Woller –«
»Das ist ja gerade der Vergnügungsausschuß, Herr Doktor!«
»Wahrhaftig! Na, was machen wir nun da, Doef?«
»Wir warten, und sie kriegen gleich was!«
»Na, wir wollen mal sehen!« –
Da läuft auch der Zug schon in Station Grunewald ein. Alles springt aus den Wagen; eiligst geht man hinunter, und ohne Aufenthalt schreitet auch Doktor Fuchs mit seinen lustig umherspringenden Schutzbefohlenen schnell weiter.
Wo der Weg sanft rechts ab nach der Saubucht hinüberbiegen will, da ist auf einmal der Doef wieder neben Doktor Fuchs.
»Ja,« sagt er bedächtig, »wollen wir denn nicht auf die zwölf warten, Herr Doktor?«
»Ach,« bleibt der mit einem Ruck stehen, »Herr Feldwebel! Ja doch! Das hatte ich ja ganz vergessen! Also der Vergnügungsausschuß wollte mit ein paar andern was ganz für sich unternehmen. Aber in Saubucht spätestens sollen sie wieder bei uns sein. Wollen mal sehen, wer zuerst da ist, die oder wir.«
»Au ja!« begeistern sich da einige andere. »Ein bißchen dalli jetzt! Wir müssen die ersten sein!«
»Ja, aber Dicker, höre mal! Ich sehe schon, du bummelst gern. Das gibt’s nicht! Immer hier bei der Masse bleiben! Und dann noch eins, Jungs! Lest mal feste Kienäpfel auf! Wenn die andern oben in Saubucht nach uns ankommen sollten, dann dürft ihr sie ordentlich bombardieren!« –
Im übrigen aber bummelt nun alles gemütlich neben- und hintereinander hin. Friedlich und wohl auch einmal nicht friedlich; denn hier und da puffen sich auch zwei etwas freundschaftlich ab, und hin und wieder fliegt sogar ein Kienapfel jemand an den Kopf, der ihn nicht erwartet hat und darum nun etwas grob und »jiftig« wird, wie Fritze Köhn da sagt. Doktor Fuchs muß sogar manchmal ein begütigendes und doch streng klingendes »Na, na!« dazwischenwerfen.
»Wohin jetzt, Herr Doktor? Rechts oder links?«
Vorn ist die Spitze an der Ecke eines niedrigen, rechtwinklig an den Weg vorstoßenden Waldbestandes stehen geblieben.
»Rechts ab und nach 150 Schritten links hinein!«
Doktor Fuchs hat dabei spähend vorausgeblickt und lächelt auf einmal so vergnügt: »Alles in Ordnung!«
»Was ist denn in Ordnung, Herr Doktor?« fragt da Posener, der immer neben Doktor Fuchs geht und ihn offenbar angenehm unterhalten will.
»Er schmeißt sich ran!« sagt der dicke Puntz mit einem so verächtlichen Tonfall, daß auch alle das glauben, die es hören.
»Ja, ja, ist alles in Ordnung!« wiederholt Doktor Fuchs kurz, geht aber nicht weiter auf Poseners Fragen ein.
Man tritt nach einem Viertelstündchen wieder aus dem Wäldchen heraus.
»Wo nun hin, Herr Doktor?« kommt es von vorn.
»Schräg rechts immer der Nase nach! Der Weg ist ja breit genug!«
»Hier ganz rechts geht’s nach Spandau!« wissen da einige.
»Dort, den Berg hinunter, nach Schildhorn!« wissen andere.
Nach zehn Minuten biegt eben die Spitze nach dem Pechsee ab, als ein lautes, stürmendes Hallo von vorn erschallt. Und Kienäpfel fliegen, – und Hagen – wo kommt der auf einmal her? – hat den dicken Puntz über den Haufen gerannt und gibt ihm einen kräftigen Klaps auf den Südpol, bevor er zu weiteren Heldentaten schreitet. Sausig und Woller und Schulz und die andern, die noch fehlten, die sind auf einmal auch da und stürmen mit Hurra auf Doktor Fuchs und seine Schar ein. Kienäpfel surren durch die Luft; ein Hallo und Hurra donnert nach dem andern; die Jungen werden ganz wild.
»Die haben uns überfallen!« schreit Posener und will davonlaufen. Aber Doktor Fuchs gibt ihm einen Stoß. »Du da drüben! Und du und du und du! Und wir andern hier drüben! Ausschwenken! Kienäpfel raus! Die Bande nehmen wir in die Mitte!«
Neues Leben kommt in die Jungen, und eine regelrechte Kienäpfelschlacht hebt an. Herüber und hinüber fliegt es. Je mehr die Wurfgeschosse auf die Neige gehen, desto näher rückt man sich auf den Leib, bis man endlich handgemein wird. Und schon ringen die verschiedenen Paare und legen sich – les uns les autres – mehr oder weniger sanft auf die Erde. Da pfeift Doktor Fuchs »Das Ganze halt!« Aber er muß doch noch einige kräftige Wörtlein dazu reden, bis er die eifrigsten Kampfhähne wieder auseinanderhat.
Der ganze Überfall hat nur eine Minute gedauert; aber das Spiel ist von den Jungen doch ziemlich ernst genommen worden. Überall steht man da und schöpft tief Atem und sieht sich wohl auch nicht wenig erbittert an.
»Da hört sich denn doch Verschiedenes uff!« erklärt Fritze Köhn. »Jotte doch! War det ’n Klumpatsch!«
»Warum habt ihr nicht aufgepaßt?«
»Wir haben ja gar nichts gewußt!« kommt ein andrer noch dazwischen.
»Es sollte ja auch ein Überfall sein!«
»Wo ist meine Mütze?« sucht Richter herum.
»Wer hat mich denn hier gekratzt?«
»Hab’ dich doch nicht! Hier ist Heftpflaster!«
»Das bißchen? Und noch so dreckig! Nee, danke für Backobst!« –
So geht es weiter, und alle stehen noch mit hochrotem Schopfe da, als der Dicke auf einmal vorwurfsvoll sagt: »Sehen Sie, Herr Doktor!« – Er klopft sich dabei die Nadeln und den Sand ab. – »Wenn ich hinten gegangen wäre, dann hätte ich zusehen können! Der eine ist wie ein Wilder auf mich zugesprungen!«
Doktor Fuchs aber muß lachen. »Das war gerade ganz nett, Dicker! Was denkst du wohl, wie gut das einem wohlbeleibten Menschen tut!«
Da muß der Dicke auch mitlachen. Er ist auch schon wieder ganz zufrieden und blickt eben belustigt auf den Leverenz hin, der wie ein Harlekin vor seinem Ordinarius hin- und hertanzt und einmal ums andere ruft: »Ich war die erste Stafette, Herr Doktor!«
»Ja,« kommt Hagen dazu, »ich habe hier noch seine Meldung! Sehen Sie mal, Herr Doktor! ›Der Feind kommt auf Bahnhof Grunewald an um 8 Uhr 4 Minuten!‹«
Schulz hält währenddessen seinen Kopf auch heran. »Ich habe Sie beobachtet, wie Sie in das Wäldchen kamen, Herr Doktor!«
»Hier!« macht sich Hagen wichtig. »Die Meldung der zweiten Stafette: ›Der Feind tritt um 8 Uhr 32 Minuten in das Wäldchen ein!‹«
Da staunen die Jungen, die mit Doktor Fuchs gekommen sind: »Das war aber alles fein abgepaßt!«
Hagen geht auf wie ein Pfannkuchen. »Das kenne ich von meinem Vater! Hier ist die Meldung der dritten Stafette: ›Der Feind verläßt das Wäldchen um 8 Uhr 46 Minuten. Er schlägt den direkten Weg nach der Saubucht ein!‹«
»Ach, schenke mir den Zettel, Hagen!« kommt der kleine Köckeritz dazwischen.
»Du bist wohl ver–!« wehrt Hagen in aller Ruhe und freundschaftlichst ab. »Die hebe ich mir zum Andenken auf!«
»Ach so?« höhnt jetzt der Kleine. »Die willst du dir wohl einrahmen lassen?«
»Ruhe jetzt!« befiehlt auf einmal Doktor Fuchs. »Ich konstatiere, daß der Überfall des Feindes als wohl gelungen bezeichnet werden muß. Ich konstatiere aber auch, daß meine Truppe sich schnell in die Situation hineingefunden und den Überfall kräftig und mit ziemlichem Erfolge abgewehrt hat!«
Ein fröhliches Lächeln allerseits.
»Aber wir haben doch gewonnen!« meint Hagen.
»Beide Teile haben ihre Sache gut gemacht!« erklärt Doktor Fuchs. »Wir scheiden mit einem Hurra von dieser glorreichen Stätte. Hipp, hipp, Hurra!«
»Hurra!« fallen die Jungen lustig ein. Und alle sind jetzt zufrieden und wieder gut Freund. Aber während man hurtig durch die Senke am Pechsee und dann weiter hinaufschreitet, immer am Zaune der Saubucht entlang, lösen sich die Jungen in Grüppchen auf, und lebhaft und mit für und wider wird die soeben gelieferte Schlacht weiter besprochen. Die homerischen Heroen mit ihrem Geflunker und mit ihren Renommistereien sind nur Waisenknaben gewesen im Vergleiche zu diesen Jungen, die schon nach fünf Minuten die Wahrheit zur Dichtung und die Dichtung wieder zur Wahrheit gemacht haben. – – –
Endlich sitzt man oben auf den hölzernen Bänken vor dem lieben, kleinen Restaurant Saubucht und verträgt sich wieder bei etwas gräulicher, sterilisierter Milch und schäumendem Selterwasser.
»Bier gibt’s hier nich!« brummt der Dicke. –
Auf hoher Warte.
»Zum Karlsberg!« heißt es endlich.
Einträchtiglich zieht Freund und Feind in die Senke hinunter. Den gegenüberliegenden Abhang hinauf. An einer Schonung vorbei und dann einen breiten Weg hinan. Als man da halbwegs hoch ist, ragt zur Rechten, etwas nach dem Rücken zu gewendet, der rote, wuchtige Schlot der Pumpstation am Teufelssee über die schwanken Gipfel und Wipfel hinweg, und nach vorn, durch den breiten Einschnitt gesehen, verdämmern drei Hügelzüge, einer hinter den andern gelegt und vom leicht aufsteigenden Dunst der tief unten liegenden Havel mit sanft bläulichem Hauche verbrämt.
So tritt man endlich nach einem langen Viertelstündchen hinaus auf die Chaussee, die sich von rechts her heraufzieht und sich so jetzt quer vor den Weg der Jungenschar legt. Gewaltig ragt drüben aus reinlichem, rötlichem Mauerstein, wie ihn der felsarme Märker brennt, der König Wilhelms Turm auf. Majestätisch breit legt sich die geräumige Rampe um den Fuß des Turmes.
Schon sind diese nimmermüden Tertianer des Doktor Fuchs weg über die große, steinerne Freitreppe. Sie stehen jetzt an dem schwarzgrauen Stein, der so sicher um die Plattform herumläuft, und bewundernd taucht der Blick hinab in die Tiefen des herrlichen Landschafts- und Seenbildes, das die gütige Natur hier mit Wunderhand in Urzeiten geschaffen. Hier steht man auf hoher Warte. Im Rücken rauscht und raunt so geheimnisvoll der Kiefernwald. Rechts und links steigt er hinab zum Saume des Wasserspiegels, der sich glitzernd und blitzend und vom Morgenwehen leicht gekräuselt hindehnt. Nach Norden hinauf verliert sich der Blick in die verschwimmende Ferne, wo Spandaus Mauern und hochragende Häuser wie eine verblassende Fata Morgana auf leicht wallendem Erdennebel thronen. Vorüber an den eckig-hochragenden Sandwällen, von deren einem einst Jazko sich auf seinem Wendenroß in die Havelflut stürzte, findet sich der Blick zurück und bleibt haften auf dem lieblichen Gatow, das sich verschämt tief unten dem jenseitigen Ufer der breitströmenden Havel anschmiegt und sich einhüllt in das lauschige, weiche Gewand schattender Laubbäume. Lichter wird dann drüben die Gegend und lockt den Blick die grünen Ackerlehnen hinauf, hinweg über die hochragenden Pappeln der städteverbindenden Straßen in die gesegneten Fluren des Ost-Havellandes hinein.
Doch, was schwebt da von Süden heran und fesselt den Blick? Auf der sonnenbeglänzten Fläche der weitauslagernden Havel ziehen sie langsam herauf, und merklich kaum kommen sie näher: fünf, sechs, sieben der Schiffe mit weißlich schimmernden Segeln! Schwänen vergleichbar, aus einer weit größeren Welt, so stehen sie auf der lichten Fläche des spiegelnden Wassers. Daneben liegen verträumt und breit hingelagert die grünbewaldeten Höhen der Havelberge und umrahmen mit sattgrünem, dunklem Bande lieblich dieses Bild, das im Hintergrunde durch den sanft verdämmernden Nikolskoier Höhenrücken und durch die ganz in die Ferne gerückten Türme von Potsdam zu einem wunderbaren und wundervollen Stimmungsgemälde abgeschlossen und abgerundet wird.
Hier auf dem König Wilhelms Turm, im Mittelpunkte des herrlichen Panoramas, steht nun Doktor Fuchs mit seinen Tertianern, versunken in diese Waldes-, Seen- und Flurenpracht. Als da Hagen von der andern Seite herumgesprungen kommt: »Was ist das, Herr Doktor? Und was ist das?« da fährt es Doktor Fuchs heraus: »Junge, laß es heißen, wie es will! Bewundere nur diese Natur! Kapsele dir das Bild im Auge ein, Hagen! So was Schönes siehst du so bald nicht wieder!«
Damit will der Lehrer seine Schar zusammentrommeln. Aber – wo sind denn die Jungen alle? Einige sind ja zum eigentlichen Turm zurückgetreten und schauen da auf das Standbild des Königs Wilhelm; aber die andern? Etwa – gegen seinen Befehl – doch auf dem Turm? Nein! In dem Augenblicke rast Hagen an ihm vorbei, die Freitreppe wieder hinunter. »Wasser!« ruft er dabei mit wilder Freude.
Aha! Jetzt weiß es Doktor Fuchs: die Jungen sind bei dem kleinen Brunnen unten vor der breiten Rampe. Aber da ja keiner mehr erhitzt ist, so gönnt er jedem gern den kühlen Trunk. Einige wollen sogar schon wieder essen. Aber nein! Es soll doch lieber gleich weitergehen! –
Brennesseln und Regenwürmer.
Den breiten Kiesweg ziehen sie alle hinab und auf der Chaussee weiter, die nun hinunterführt an die Havel, um dort unten am steilen Abfall der Havelberge hinzulaufen. An der scharfen Ecke vorn indessen geht’s mit Hurra den Berg links hinauf und oben noch einige Schritte weiter wieder an den Rand der kiefernbestandenen Höhe vor.
Bergauf und bergab etwa noch ein Viertelstündchen dahin, bis man einen freien Durchblick durch die hochstrebenden Kiefernstämme auf den klaren Spiegel der Havel unten hat. Da setzt sich schließlich Doktor Fuchs nieder; um ihn herum lagert sich seine kleine Schar.
»So, Jungs, hier machen wir halt! Hier könnt ihr meinetwegen weiterfrühstücken!«
Die Lagerdisziplin aber liegt den Jungen noch nicht im Leibe; nur der dicke Puntz ist schon so müde, daß er sich ohne viele Umstände und mit steifen Beinen auf den Teil des Körpers fallen läßt, der nun einmal von der Natur zum Sitzen bestimmt ist. Der kleine Achim Köckeritz dagegen macht erst noch ein paar Luftsprünge und setzt sich dann sehr sorgfältig neben Doktor Fuchs nieder. Er schlägt die Beine zusammen wie ein Schneider und fängt an, sein Frühstück auszuwickeln. Ein paar Schritte weiter aber sind im Nu zwei zum Balgen gekommen, weil jeder von ihnen gerade dieses Plätzchen haben will. Doktor Fuchs muß sich sogar herumdrehen: »Donnerwetter, Jungs! Sieh mal, Schreier, das feine Plätzchen hier! Na, wird’s bald? – So!«
Wie sich aber Doktor Fuchs wieder nach vorn wendet, da hat eben, unehrerbietig genug, der tolle Hagen seinen Primus, den Ernst Ehrenfried, bei den Beinen gepackt und zieht ihn ohne viele Worte von seinem Platze weg. Den will er haben. Doktor Fuchs hat nicht einmal Zeit, etwas dazu zu sagen; denn hinter ihm quiekt es auf einmal fürchterlich los. Als er sich umdreht, sieht er, wie zwei Mann den Drewian gefaßt haben und ihn mit kolossalem Biereifer zwingen wollen, sich auf eine stattliche Brennessel zu setzen. Doktor Fuchs will aufspringen; da lassen die beiden los. Drewian macht gerade noch einen Luftsprung zur Seite und versucht dabei, sich am Stengel der Brennessel festzuhalten. Worauf er sich zum Gaudium aller andern noch ein halbes Dutzend mal um seine eigene Achse dreht; denn die Brennessel hat dieses Zufassen übel genommen. Selbstverständlich schimpft nun der Drewian, freilich nicht auf die Brennessel, sondern auf die beiden Missetäter, bis der eine von denen ganz trocken meint: »Der Drewian ist ja dumm, Herr Doktor! Hätte er nicht so geschrieen, dann hätten wir ihn ganz sanft auf die Sache drauf gesetzt; da hätte er gar nichts gefühlt!«
»Meinst du?«
»Ja! Ganz sicher!«
»Drewian, lotse mal die Brennessel hier neben mich her! – So! – Na, also Dittmer, nun los! Setze dich drauf!«
Dittmer macht ein ganz gutmütig-dummes Gesicht: »Ich muß erst mal fühlen, ob meine Hosen nicht kaput sind. Na, denn man tau!« Und unter der schallenden Heiterkeit der andern sitzt er auch schon auf der unschuldigen Brennessel, die auf diese Weise arg ins Gedränge kommt.
So geht die Sache noch ein Weilchen weiter. Endlich aber sitzen doch alle, und das Frühstücken ist in vollem Gange. Was haben die fürsorglichen Mütter da nicht alles eingepackt! Und wie gut müssen die Stullen belegt sein, da das alles so mundet!
Soeben packt Greff aus seinem kleinen Rucksack ein zweites Paar Stullen aus. Dabei tut er so vorsichtig, als hätte er die feinsten und zerbrechlichsten Glassachen zwischen seinen Stullen liegen. Und der Hagen sagt da sogleich: »Na du, dein Regenwurm zerbricht nicht; da kannst du schon fester zufassen!«
Sofort stecken die nächsten den Kopf her: »Was hast du da, Greff? Zeige mal!«
»Nicht doch! Ihr werdet doch wohl schon einen Regenwurm gesehen haben!«
»Wozu nimmst du denn den mit?«
»Nicht doch, du! – Für unser Rotkehlchen!«
»Pfui Deibel! Laß doch das Ding kriechen!« Und richtig, da windet sich der Regenwurm schon zwischen den mageren Grasstengeln des Waldbodens. Aber Greff hat ihn auch schon wieder an dem einen Ende gefaßt, so daß er ihm jetzt ganz lang aus der Hand heraushängt.
»Äcks! Ich trete jeden Regenwurm tot!« sagt der lange Fendel.
»Warum?« fragt da sofort Doktor Fuchs.
»Na, sie sind doch schädlich!«
»Schädlich? Wieso denn?«
»Na, sie fressen doch die feinen Wurzeln der Pflanzen!«
»Die Regenwürmer, Junge? Wenn sie nichts anderes haben, ja! Aber sonst sind für uns die Regenwürmer die nützlichsten Tiere mit auf Gottes Erdboden! Weißt du das noch nicht?«
Die Jungen rücken näher: »Die Regenwürmer nützlich?«
»Doch!« sagt der Ernst Ehrenfried ruhig. »Ich weiß, Herr Doktor, die fressen nicht die Wurzeln, die fressen die angefaulten Blätter. Die holen sie sich in der Nacht in ihre Röhren hinein. Das ist sehr drollig; die Blätter fassen sie immer so an, daß sie das spitzeste Ende zuerst ins Loch ziehen!«
Da lachen nun alle so herzhaft los, und der dicke Puntz fragt etwas zweifelnd: »Die scheinen ja in der Nacht fein zu sehen!«
»Nein, Dicker,« wendet sich da Doktor Fuchs zu dem Zweifler um, »nein, denke mal, Dicker, die können ja überhaupt nicht sehen, und doch wissen sie ganz genau, wo das spitze Ende ist. Da hat der Ernst Ehrenfried recht.«
»Na, sieh doch, Dicker,« kommt da Hagen, der jetzt neben Puntz kniet, »ich mache doch auch die Augen zu und fühle, wo deine dicke Nase sitzt.«
Er hat die Augen zugemacht und fährt jetzt mit den Händen dem Puntz tastend über Kopf und Gesicht. Der hält auch merkwürdigerweise so still! Aber eben als Hagen die Nase fassen will, da schnappt Puntz zu und beißt ihm in die unverschämten Finger. Dann sagt er ganz trocken: »Du bist eben kein Regenwurm und ich kein verfaultes Blatt. Aber, Herr Doktor,« – der Dicke kann eben auch sehr wißbegierig sein – »warum sollen denn die Regenwürmer mit die nützlichsten Tiere sein?«
»Weil sie den Humusboden immer wieder von unten nach oben an die Erdoberfläche schaffen und so ständig für die Menschen den Boden verbessern. Kein Mensch kann sagen, wie oft die Regenwürmer unsern Acker- und Gartenboden im Laufe der Zeit schon aufgefressen und, fein gedüngt, wieder von sich gegeben haben!«
Da sind nun die Jungen alle noch mehr zusammengerückt. Das klingt wahrhaftig auch so spaßig, daß sie Doktor Fuchs veritabel auslachen.
Der aber denkt: »Lacht nur! Jetzt sind wir im Zuge!«
Bald hat auch Puntz wieder das Wort: »Herr Doktor, das verstehe ich nicht. Fressen denn die Regenwürmer Erde?«
»Na freilich, Dicker! Wie würden sie sich denn sonst ihre Gänge graben können! Oben an der lockeren Erdoberfläche, da drängen sie wohl mit ihrer Kopfspitze die Erdschollen und Krümelstückchen auseinander; aber unten müssen sie sich durch die Erde durchfressen. Und dann kommen sie hervor und verrichten hier oben« – dabei beugt sich Doktor Fuchs zu Puntz hin und sagt nur halblaut – »ihr Geschäftchen. Wer hat denn schon mal so was gesehen? Solche kleine, ringelförmig geordnete Kotballen, meine ich.«
Oh, das waren doch mehrere, die das schon bemerkt hatten. »Ich! ich! Herr Doktor!«
»Na, also Jungs! Einen guten Meter tief ist unser ganzer Ackerboden der Dünger der Regenwürmer. Der geht im Laufe der Jahrhunderte sogar immer wieder durch den Körper dieser nützlichen Tiere hindurch.«
Da lächelt der Dicke so vor sich hin: »Nein, das glaube ich nicht, Herr Doktor! Die glauben’s auch alle nicht! Die sagen’s bloß nicht!«
Und wirklich! Die andern wissen nicht recht, wie sie sich dazu stellen sollen.
»Na, Jungs, dann rückt mal noch ein bißchen enger zusammen! Dann müssen wir nämlich erst ein kleines Rechenexempel anstellen. – Also! Genaue Untersuchungen haben gezeigt, daß rund 10 Regenwürmer unter einer Fläche von 1 Quadratmeter leben. Was macht das nun auf 1 Quadratkilometer?«
»1000 × 1000 × 10.«
»Das sind also doch 10 000 000 Regenwürmer auf 1 Quadratkilometer. Wieviel Milliarden haben wir also da auf unserer Erde? – Dann hat sich Darwin –. Übrigens, wißt ihr denn auch, Jungs, wer Darwin war?«
»Ja,« sagt da der Ernst Ehrenfried, »das war ein englischer Gelehrter im vorigen Jahrhundert. Der hat gesagt, daß alles, was heute besteht, Tiere und Pflanzen, nicht immer so gewesen ist, sondern daß alles erst so geworden ist im Kampfe ums Dasein. Und alles ändert sich noch immer weiter.«
Der kleine Köckeritz möchte auch seine Weisheit los werden: »Herr Doktor, das ist der mit der Vererbungstheorie. Der hat doch auch gesagt, daß der Mensch von den Affen abstammt.«
Der dicke Puntz erweist sich auch hier als ein zielbewußter Zweifler. »Von den Affen?« nimmt er auf. »Na du vielleicht, Achim! Ich nicht!«
»Na, früher mal! Dicker, du zum Beispiel bist doch dem Orang-Utan noch viel näher als ich!«
Den Spaß aber will der Dicke nicht verstehen. Er greift sans façon nach dem giftigen, kleinen Köckeritz hinüber, gleich hinter Doktor Fuchs weg. Der hat nun zwar ziemlich belustigt diesem Zwiegespräch zugehört; jetzt aber faßt er mit festem Griff die Hand des Dicken. »Nicht, Dicker! Immer Spaß verstehen! Also Darwin hat sich auch hinter die Regenwürmer hergemacht. Und er hat lange und sehr sorgfältig den Kot der Regenwürmer eingesammelt. Auf diese Weise stellte er fest, wieviel Erde von den Würmern an die Oberfläche heraufgeschafft wird. Da fand er, daß alljährlich auf einen Quadratmeter 2½ Kilo kamen oder auf einen Quadratkilometer 2 500 000 Kilogramm oder 5 000 000 Pfund oder 50 000 Zentner. Könnte man diese Massen auf die betreffenden Flächen ausstreuen, so würde das eine Erdschicht von 3 mm geben. Na, Dicker, bist du nun bekehrt?«
»Na ja, ich glaube es ja; aber verstehen kann ich es immer noch nicht.«
»Na, dann passe auf! Derselbe Darwin hat auf ein Feld – damals war er noch jung – Kreidestückchen streuen lassen. Das Feld aber ließ er dann unberührt und brach liegen und untersuchte die Sache nach einem Menschenalter wieder – ich glaube, genauer waren es 29 Jahre. Da fand er die Kreideschicht 16 oder 17 cm unter der Oberfläche. Macht aufs Jahr als Wühlarbeit der Regenwürmer ½ cm, auf 100 Jahre ½ m, auf 200 Jahre 1 m. Item, wie oft mag wohl unser Erdboden schon durch den Magen der Millionen und Milliarden von Regenwürmern gegangen sein, die auf unsrer Erde leben!«
Das interessiert die Jungen; sie hängen jetzt an Doktor Fuchs’ Munde; keiner spricht ein Wort, als erwarte eben jeder noch mehr.
Nein doch! Einer der Jungen, der lange Giesel, der knurrt etwas vor sich hin, als wäre er mit der Sache nicht so ganz zufrieden und einverstanden. Der Ordinarius kennt ihn schon darin; aber er weiß, wenn er jetzt den Langen fragt, dann zuckt der in sich zusammen und sagt nichts. So ist er vorläufig ruhig. Und wirklich, nach einer halben Minute etwa, als alle andern schon ungeduldig werden wollen, da ist der Giesel fertig.
»Herr Doktor,« sagt er, »das mit den Kreidestückchen kann Zufall sein. Ja!«
»Wieso denn, Giesel?« blitzt es um ihn herum auf.
»Ja, wenn Steine auf der Erde liegen und es regnet zum Beispiel, dann sinken doch die Steine ganz alleine in die Erde ein und immer tiefer! Mit der Kreide kann’s doch auch so gewesen sein!«
Das macht die Jungen stutzig.
»Aber ist nicht Kreide sehr leicht? Vielleicht sinkt die nicht ein!«
Der den Einwurf macht, das ist der Giesel selber. Er reflektiert schon weiter: »Aber die müßten die Regenwürmer doch schließlich auch aufgefressen haben. Und dann müßte diese Kreide doch gerade wieder oben liegen!«
Doktor Fuchs sitzt sinnend unter der Schar der Jungen.
»Ja,« gibt er schließlich zu, »das läßt sich alles hören. So können wir also keinen Zweifler überzeugen. Aber man hat auch noch einen direkten Beweis dafür erbracht, daß die Regenwürmer dem Landmann nützen; denn man hat ein Feld einmal ganz wurmfrei gehalten, das nächste Jahr es mit Würmern durchsetzt. Und im letzteren Falle war der Ertrag des Feldes genau noch einmal so reichlich.«
Der Ernst Ehrenfried ist von den Jungen entschieden der beste Kenner der Regenwürmer. Er meldet sich jetzt schüchtern, genau wie in der Klasse: »Herr Doktor, nicht wahr? Wenn man einen Regenwurm durchschneidet, so wird jede Hälfte wieder ein ganzer Wurm!«
»Ganz richtig! Und man war dann etwas neugierig und hat einmal zwei Kopfstücke und zwei Schwanzstücke für sich allein auch zusammengenäht. Dann wuchsen die einzelnen Stücke nicht mehr größer, sie wuchsen aber zusammen. Indes, trotzdem war das zusammengenähte Doppelpaar doch nicht lebensfähig.«
»Na,« sagt da einer, »das ist aber auch eine ganz verrückte Idee!«
»Möglich!« meint Doktor Fuchs. »Es muß eben alles untersucht werden! Na, Jungs, wollen wir weiter?«
»Ist nichts mehr von den Regenwürmern zu erzählen?« fragt der dicke Puntz.
»Oh, noch ein ganzer Sack voll! Nur, uns würde es jetzt zu spät! Also en avant, messieurs!« –
Da sprang nun alles auf; hier und da packte auch schnell noch einer etwas ein oder schnürte an seinem Paketchen herum. Doktor Fuchs wendet sich inzwischen an den großen Doef: »Na, Herr Feldwebel, haben wir noch alle?«
Doef zählt noch einmal schnell und nickt dann: »Alle, Herr Doktor!«
»Dittmer! Dittmer! Du hast deine Brennesseln vergessen. Hahaha! Wie sehen denn die aus?«
»Ach, das sind nun gar keine Brennesseln mehr!«
»Na,« meint Doktor Fuchs, »gebrannt haben sie dich freilich nicht!«
»Nein, die brennen ja nur auf der bloßen Haut!«
»Warum, Dicker? Warum, Jungs?«
Da wissen mehrere Bescheid. Der kleine Hempel darf es sagen: »Ja, auf den Blättern stehen solche steifen Haare; aber das sind eigentlich Röhrchen, die mit einer flüssigen Giftsäure gefüllt sind. Wenn man nun die Pflanze anfaßt, dann splittern die kleinen Härchen ab, der Stumpf sticht sich dabei in unsere Haut, und aus dem Röhrchen fließt dann das Gift in die Wunde und zieht Blasen.«
»Das war ganz vernünftig! Aber nun schnell, da stehen welche unter der Eiche! Die wollen wir uns einmal ansehen!«
Na, jetzt sehen auch alle die Härchen; man probiert sogar und bricht die kleinen Haarstangen ab, indem man mit einem Grashalm oder sonst etwas über die Blätter streift.
Da fährt Doktor Fuchs fort: »Ja, Jungs, warum haben aber die Nesseln diese Härchen?«
Die Gesellschaft lacht so lustig darüber; das wissen nämlich alle. »Zum Schutze!«
»Ja, Jungs, da lacht ihr! Bei der Brennessel versteht ihr das; aber könnt ihr mir noch eine Pflanze nennen, die Schutzvorrichtungen hat? – Na, seht ihr? Und der Hagen könnte sie mit der Hand greifen, so nahe steht sie ihm!«
»Ach, vielleicht die rote Pechnelke da?«
»Na, freilich! Warum heißt sie denn überhaupt Pechnelke?« – Doktor Fuchs hat sich zu der Pechnelke hinabgebeugt. – »Nun, seht mal her, Jungs!« Als aber alle Köpfe zusammenschießen und eine tüchtige Drängelei entstehen will, da meint Doktor Fuchs gelassen: »Na, dann helpt det nich! Dann muß sich die Pechnelke opfern!«
Er pflückt sie ab und hebt sie hoch: »Hier, Jungs, seht mal die Gelenke des Stieles an! Unter diesen Gelenken ist die Pflanze so klebrig, daß sie sich da gleichsam einen leimigen Ring umgelegt hat. Auf dem bleibt, wie auf Pech, das ganze Ungeziefer kleben, wenn es der schönen roten Blüte zu Leibe gehen will.«
»Aber!« sagt da einer der Jungen zögernd. Er denkt vielleicht, er wird für seinen Einwurf ausgelacht. »Ist das nicht recht komisch? Die Pflanze kann sich doch nicht selber solchen Ring umlegen!«
Doktor Fuchs hat solchen Einwurf nicht erwartet. Er gibt schnell zu, daß das eine sehr schwierige Frage ist. Zu ihrer Erklärung müsse man auf viel frühere Perioden zurückgehen. Immer nur diejenigen der Pflanzen hätten sich erhalten, die zufällig die besten Schutzvorrichtungen gehabt hätten, und die hätten sich auch fortgepflanzt, bis nun heute die Pechnelken alle so wären. »Wißt ihr, wie man das nennt, Jungs?«
»Zuchtwahl!« – Einige hatten das Wort bereits auf der Zunge.
Da kommt aber auch schon ein anderer Junge dazwischengefahren. »Ja, Herr Doktor, warum stehen denn die Brennesseln immer unter den Eichen?«
Mit einem Ruck bleibt der Gefragte stehen. »Ach, die Brennessel noch einmal? Ja, Jungs, warum stehen die immer unten den Eichen? Manchmal auch in Gräben und hinter Hecken?«
Die Jungen schauen alle erwartungsvoll auf. Ja, warum stehen die hier immer unter den Eichen?
Da ist der Primus auf dem Plan mit einer ganz vernünftigen Erklärung: »Die werden wohl Schatten und Feuchtigkeit brauchen.«
»Ja, aber warum wächst denn sonst gar nichts unter den Eichen? Das sieht ja gerade so aus, als ob die Brennesseln allein von allen Waldpflanzen Feuchtigkeit haben wollten!«
Nun muß Ernst Ehrenfried doch die Antwort schuldig bleiben; Doktor Fuchs wird also schon helfen müssen. Aber er meint: »Jungs, das könnt und das sollt ihr allein finden! Freilich, dazu müssen wir uns erst mal solche Nesselkolonie unter einer Eiche ansehen!« –
Man war inzwischen ganz auf der Höhe der Havelberge angelangt; da oben aber ist weit und breit keine Eiche zu sehen. Nein, wirklich nicht, so weit die Jungen auch um sich gucken.
»Doch, Herr Doktor! Da unten! Da! Sehen Sie doch! Da! So schräg durch!«
»Da müssen wir ja hinunter und wieder hinauf!«
»Ach, Herr Doktor, das ist ja gerade fein!«
»Na, denn los! Sanfter Galopp!«
Unter schallendem Juchhe geht’s den kleinen Abhang hinunter. Atemlos kommt man im Grunde des Tales an. Richtig! Da steht eine prachtvolle, starke Eiche, die schon manchen Sturm über sich hat dahinbrausen lassen. In ihrem Schutz und Schatten wimmelt es von den stattlichsten Brennesseln. Aber sonst findet sich kaum ein Grashälmchen unter all dem Lumpengesindel der Nesseln.
»Na, Jungs,« sagt da Doktor Fuchs, nachdem er sich etwas verschnauft hat. – Ihm wird das Laufen offenbar schwerer als den Jungen. – »Na, wer kann mir nun sagen, warum nur Brennesseln hier wachsen?«
Jetzt haben das mehrere gefunden. »Die Nesseln brauchen Schatten. Aber im Schatten wachsen sie dann zu schnell hoch und nehmen den andern Pflanzen, die nicht so schnell wachsen und groß werden können, die Nahrung und das Licht weg!«
»Bravo die Herrn! Sieht das ein jeder ein?«
Ja, das haben alle eingesehen; sie setzen schon nach dieser halben Minute Pause da unten an, wieder den Berg hochzuklettern. Als indessen Doktor Fuchs und der dicke Puntz noch nicht zur Hälfte hinauf sind, da schallt von oben ein fröhliches Jauchzen und ein kräftig schmetterndes Hurra herab. Ach, was für Herz, was für Lunge haben doch diese schmächtigen Großstadtjungen noch! Und die sind doch oft so schlank und dünn wie Weidengerten!
»Na, Dicker,« meint da Doktor Fuchs, »du bist wieder mit der letzte. Es wird dir mal schlecht beim Militär gehen!«
»Ach, mir nimmt’s keiner übel, Herr Doktor! Die würden sich alle wundern, wenn ich der erste wäre! So ist’s ganz gut! Die ersten haben’s manchmal nicht zu best.« –
Die dicke Hauskapelle und die Ameisen.
Der Dicke ist ein guter Prophet; denn da oben bricht soeben ein mordsmäßiger Lärm los. Alles drängt sich um Dittmer herum und scheint auf ihn loszugehen; jetzt schlagen sie sogar auf ihn ein, und dazwischen schallt es drohend: »Feste! Immer feste! Totschlagen!«
Doktor Fuchs stürmt in aller Eile die Höhe hinauf. Schon von weitem schreit er: »Was ist denn los? Was ist denn los?«
Rohloff kommt ihm entgegen: »Herr Doktor! Herr Doktor! Der Dittmer hat sich in einen Ameisenhaufen gesetzt!«
Da ist Doktor Fuchs beruhigt. Er steht jetzt erst einen Augenblick still und schnappt nach Luft. »Na, der Schaden läßt sich ja kurieren!«
Nun ist er oben, wo sich der Dittmer immer noch wie wild gebärdet. »So, Dittmer,« befiehlt Doktor Fuchs, »nun zieh erst mal die Jacke aus! – Und nun die Weste!«
»Au! Das juckt, Herr Doktor!«
»Ja, ja, glaube ich dir; aber es muß eben dann alles aus. Wir wollen dir die Biester schon absuchen!«
»Aber, Herr Doktor!«
»Na, dann lauf mit dem Insektenzeug den ganzen Tag umher! Das Hemde kannst du ja anbehalten. Ganz als Naturgriechen wollen wir dich ja nicht gleich sehen!« –
Gesagt, getan! Der Dittmer wird ordentlich abge–ameist, und gute und schlechte Witze muß er dabei noch über sich ergehen lassen.
»Herr Doktor,« sagt da zum Beispiel der Fritze Köhn, »es gibt also auch springende Ameisen!«
»So viel ich weiß, nicht!«
»Na frag’ ich aber bloß eenen Menschen! Eben sprang so ein kleines, schwarzes Tierchen hier herunter.«
»Unsinn!« ist der dicke Puntz schnell auf dem Plan. »Springende Ameisen heißen eben Flöhe! Der Dittmer wird wohl nebenbei auch solche Tiere haben!«
Dittmer aber versteht jetzt gar keinen Spaß.
»Rede keenen Stuß,« sagt er sehr gereizt, »sonst kriegst du ein paar! Hier kriecht noch eine. Fasse mal schnell zu!«
»Halt! Hier auch noch eine!« Damit sengt der dicke Puntz dem Ameisenmenschen eins auf, daß der gleich in seinem Hemde einen kolossalen Luftsprung macht. Zum Trost und zum Spott aber beruhigt ihn der Dicke: »Du, die ist wirklich tot!«
Schließlich ist der Dittmer ameisenrein und auch wieder in seinen Sachen. Aber es ist ihm doch noch den ganzen Tag, als ob es hier und da juckt, und er vermißt sich jetzt hoch und heilig, er würde jede Ameise tottreten, die er fände, und jeden Ameisenhaufen auseinanderstökern.
»Na schön, Dittmer!« unterbricht Doktor Fuchs diese Beteuerungen. »Aber, bitte, nur heute noch nicht! Laß uns erst mal über den Buckel hinaufsein; auf dem schönen, breiten, ebenen Weg können wir dann alle mehr zusammengehen. Da werde ich euch etwas über die Ameisen erzählen.«
So steigt man wieder lustig bergan, immer an einem großen Zaun entlang. Über den froh dahinziehenden Jungen rauschen die Wipfel der hochstämmigen Kiefern; leise ächzen die knorrigen Äste. Lichte Wölkchen schwimmen im blauen Äther, und alles spricht so zum frischen Sinn und zum fröhlichen Herzen, daß der Puntz auf einmal seine Mundharmonika hervorzieht, und dünn, aber doch auch scharf genug fällt es ins Ohr, das immer schöne, immer frische
»Muß i denn, muß i denn zum Städtele hinaus, Städtele hinaus!«
Ach, da zuckt es den Jungen in den Beinen. Einige fangen an zu singen, und oben ist man auch schon auf den Havelbergen. Lang dehnt sich ein schöner, breiter Weg zwischen den Bäumen, ein sogenannter Jagenweg, vor dem sich weitenden Blick dahin. Soeben erklärt Doktor Fuchs: »Da ganz hinter müssen wir! Dann schwenken wir rechts ab und kommen wieder zur Havel hinunter. Nun flott vorwärts! Die Hauskapelle voran!«
»Was soll ich denn spielen, Herr Doktor?«
»Na, Dicker, nicht gebieten werd’ ich dem Sänger! Du scheinst ja auch ein ganzes Repertoire zu haben!«
»Herr Doktor! Herr Doktor! Der kann alles!«
»Na also, Dicker! Die Wahl überlassen wir dir selber!«
Die Hauskapelle zaudert jetzt keinen Augenblick mehr.
»Der Mai ist gekommen, die Bäume schlagen aus, da bleibe, wer Lust hat, mit Sorgen zu Haus!«
»Ach!« entscheidet aber der Drewian, als das zu Ende ist, und das ist sehr bezeichnend für diese Großstadtjungen. »Du mußt mal etwas spielen, was alle können!«
Sofort ertönt weiter:
»Anne Marie, mein Engel dich verehr’ ich, Anne Marie, mein Engel, dich begehr’ ich, Anne Marie, o gib mir einen Kuß! Küsse mich, küsse mich, das ist Genuß!«
So geht es weiter, Ernstes und Heiteres durcheinander, ab und zu wohl auch mit einem Gassenhauer, der oft gerade mit der schönsten Melodie in unser Ohr hineinhüpft, bis allen den lustigen Brüdern von wanderfreudigen Tertianern das Herz im Leibe lacht und springt und der Doktor Fuchs ausruft: »Dicker! Junge! Du bist ja ein reiner Künstler! Du mußt einmal Musik studieren!«
»Jawohl,« setzt Puntz seine melodienreiche Harmonika ab, »Musik studieren! Hinten bei den Stampfmaschinen in unserer Fabrik! Damit dürfte ich meinem Vater gerade kommen!«
Die andern quälen und wollen noch mehr haben; der Dicke aber behauptet, er hätte keine Puste mehr im Leibe; jetzt wäre auch der Herr Doktor Fuchs wieder an der Reihe; der hätte noch was von den Ameisen erzählen wollen.
»Richtig!« sagt da Doktor Fuchs auch. »Aber da muß ich erst den Dittmer fragen, ob er weiß, woher bei der Ameisengeschichte der brennende Schmerz gekommen ist, den er empfunden hat.«
»Na, freilich,« sagt der knurrig, »die Bande hat mich gezwickt.«
»Ja, und in die Wunde bringt die Ameise dann noch eine Säure, die nach ihr Ameisensäure genannt wird. Ähnlich wie bei der Brennessel. Diese Säure ist schon stark genug, daß sie auch sowieso auf der Haut einen brennenden Schmerz verursacht. Diesen Saft kann das kleine Vieh in der Wut oder in der Angst etwa einen halben Meter weit wegspritzen.«
»Aber, Herr Doktor!« – Nun hagelt’s geradezu Fragen. – »Ist denn die Ameise wirklich das klügste Tier?«
»Nun, zweckdienlich handelt ja wohl jedes Tier; aber sicher ist es, daß die Ameisen unter allen Insekten die größten geistigen Fähigkeiten zeigen.«
Von den Ameisen weiß Übrigens jeder der Jungen etwas; jeder will auch etwas dazu sagen. Da indes bleibt Doktor Fuchs wieder stehen, und er setzt ein hochwichtiges Gesicht auf. »Jungs,« sagt er, »jetzt müssen wir auf diesem graden Wege noch ein ganzes Ende laufen. Rechts und links ist da wenig zu sehen. Da kann ja jeder, der etwas gut und genau über die Ameisen weiß, einen kleinen Vortrag halten. Ich werde einmal die Themata für unsere jetzund errichtete Rednerschule verteilen.«
»Ich!« – »Ich!« – »Ich!« – »Herr Doktor!« – »Herr Doktor!«
»Immer ruhig Blut! Wer übernimmt die Staatenbildung der Ameisen?«
»Die Staatenbildung? Das ist schwer!«
Schon meldet sich ganz ruhig Ernst Ehrenfried.
»Gut! Der Primus muß immer voran! – Wer redet aber dann über die Ameisenarbeiter im besonderen? – – Zum ersten! Zum zweiten! Zum –. Also Manning! – Wer über die Wohnung der Ameisen? Möglichst natürlich aus eigener Anschauung! Also ganz einfach! – Na?«
Rohloff hält die Hand hoch.
»Wer über die Nahrung der Ameisen? – Körer? Gut! Na, das ist aber dann auch genug. Na, nun los, Ernst Ehrenfried!«
Vom Mitschüler scheint ein Junge immer noch so was am liebsten zu hören. Alle drängen sich heran und lauschen andächtig.
»Nicht so wild zulaufen, Ernst,« mahnt Doktor Fuchs. »Etwas langsam sprechen und laut genug! Na, nun schieß mal los!« –
»Ein Ameisenweibchen,« fängt Ernst Ehrenfried an, »legt in die Erde oder in einen Baumstumpf oder unter einen Stein etwa ein Dutzend Eier, die sich zu Larven entwickeln, bei der mangelhaften Nahrung aber, die ihnen die Mutter nur verschaffen kann, zu Arbeitern werden, das heißt: zu geschlechtslosen Tieren. Sie helfen der Mutter bei der Ernährung der nachkommenden Brut; denn die Mutterameise tut nun in ihrem ganzen Leben nichts weiter als Eier legen. Aus diesen Eiern schlüpfen schon nach einigen Tagen kleine, weiße Larven aus, die von den alten Arbeitern fleißig gefüttert werden. Nach – ich weiß nun nicht mehr genau, Herr Doktor, nach wieviel Tagen diese Larven sich einspinnen –«
»Nach vierzehn Tagen etwa.«
»Nach vierzehn Tagen spinnen sich diese Larven ein; das sind dann die sogenannten Ameiseneier. Nach abermals vierzehn Tagen aber zerbeißen die Arbeiter die Puppen, und die junge Brut kriecht heraus; sie muß aber noch von den Ältern gefüttert werden. Alle diese neuen Ameisen sind Arbeitsameisen; denn Männchen und Weibchen entstehen erst aus den Eiern, die im Spätsommer gelegt werden. Die Männchen und Weibchen haben überhaupt weiter nichts zu tun, als für die Erhaltung der Art zu sorgen, sie allein sind geflügelt. Manchmal findet sich unter den Ameisen noch eine vierte Art: das sind auch geschlechtslose Tiere; aber sie haben einen viel größern Kopf als die gewöhnlichen Arbeiter und einen furchtbar starken Oberkiefer. Das sind die Soldaten, die auf Ordnung sehen und bei den Streifzügen die Führer bilden. Alle zusammen machen den Ameisenstaat aus.«
»Das war sehr klar und sehr schön!« sagt da Doktor Fuchs. »Das verdient eine Nummer 1. Hat einer von der geehrten Festversammlung was dagegen?«
»Nein! Nein! Nummer 1!«
»Welcher der Herren hat jetzt das Wort?«
»Ich,« sagt Manning.
»Richtig! Über die Arbeiter! Nicht wahr?«
»Ja!« – Der Junge räuspert sich noch einmal. – »Also, der Ehrenfried hat schon gesagt, daß die Arbeiter eben nur arbeiten. Sie haben den Arbeitstrieb, den wir Menschen wohl nie verstehen werden, weil wir ihn nicht haben.« – Dem kleinen Manning sitzt eben manchmal der Schalk im Nacken. – »Also, die Arbeitsameisen haben den Arbeitstrieb, und so arbeiten sie von morgens um 6 Uhr bis abends um 10 Uhr. Und zwar besteht ihre Arbeit darin, die Männchen und die Weibchen und die Larven zu füttern, den Baustoff für das Nest herbeizuschaffen und das Nest zu bauen, das oft einen Meter hoch ist. Manchmal legen sie auch Straßen an, die von dem Neste aus strahlenförmig weggehen, und die immer nur der Ameisenkolonie gehören, die sie angelegt hat. Wenn sich irgend eine andere Ameise oder sonst ein Tierchen – auch der Mensch gehört zu diesen Tierchen – auf diesen Wegen betreffen läßt, so wird es unbarmherzig erwürgt. Die zu großen Tierchen freilich nicht; der Mensch auch nicht. Dann müssen die Ameisen am Abend noch den Bau verrammeln und verschließen und am Morgen wieder aufschließen. Das ist doch alles!«
»Hier sage ich auch wieder: Bravo!« ist Doktor Fuchs schnell bei der Hand. »Welche Nummer wollen wir ihm geben, Jungs?«
»Nummer 1!« schreien da natürlich alle.
»Na, freilich Nummer 1! Aber der Ernst Ehrenfried hat doch gesagt, daß solche Ameisenmutter ihr Nest unter der Erde oder in einem Baumstamm oder unter einem Stein anlegt, und Manning hat behauptet, daß dieses Nest oft einen Meter hoch wird. Stimmt denn das zusammen?«
Manning fühlt sich sofort berufen, sich zu verteidigen: »Ja, die Kolonie wird doch immer größer, und was man so vom Ameisennest sieht, das sind immer so Nadeln und Holzsplitterchen und Pflanzenteile. Die sind so draufgeschleppt zum Schutze gegen den Regen und die Kälte.«
»Ganz richtig! Das ist also auch in Ordnung. – Na, wer ist jetzt dran?«
»Ich!« meldet sich Rohloff. »Aber der Manning hat ja nun schon alles über die Wohnung der Ameisen erzählt.«
»Herr Gott, ja! Da muß sich Rohloff beleidigt fühlen! Na warte nur, für dich findet sich schon wieder etwas anderes! Aber, Körer ist uns noch was schuldig. Nicht wahr? Was war es denn?«
»Was die Ameisen fressen! Die Ameisen fressen alles, was ihnen vor den Schnabel kommt. Sie fressen eben alle andern Insekten. Besonders gerne fressen sie auch die Larven von andern Insekten. Außerdem noch Raupen, Käfer, Frösche und Mäuse. Sie knabbern auch das Fleisch von den Knochen ab. Wir haben einmal in unserm Garten einen Gänsekopf in einen Ameisenhaufen gepackt; den hatten sie nach vierzehn Tagen ganz kahl gefressen. Schließlich sind sie sogar bis in unsere Küche gekommen. Ach, das war eine Geschichte! Meine Mama hat manchmal darüber geweint. Wir konnten die Spinden noch so fest verschließen, sie kamen doch hinein.«
Ein anderer fällt da schnell ein: »Meine Tante wohnte in Friedenau in einer Parterrewohnung. Da waren die Ameisen so arg, daß meine Tante ausziehen mußte.«
»Ach,« ist Körer bei der Hand, »da hätte sie alles mit Tran und Teer beschmieren müssen. So haben wir sie weggekriegt.«
»Ja,« sagt Doktor Fuchs, »damit kann man sie sich vom Leibe halten. Auch den Geruch von Petersilie mögen sie nicht. Aber etwas hat Körer doch noch vergessen, oder er hat sogar zu viel gesagt. Nämlich, sie fressen nicht alles, was ihnen vor den Schnabel kommt, sondern sie hegen und pflegen sogar eine Sorte von Tieren. Na, Jungs, das ist eine kolossal interessante Geschichte! Jeder hat doch schon einmal einen Holunderbaum gesehen. Na, und die Holunderblätter sind doch manchmal auf der Oberseite so klebrig. Dieses Klebrige nun, das mögen die Ameisen gern; das schmeckt ihnen offenbar honigsüß.«
»Ja, ja, Herr Doktor,« drängt sich der kleine Achim Köckeritz neben Doktor Fuchs her, »ich weiß! Wir haben einen Holunderbaum im Garten. Ich habe erst gestern abend an solchem Blatt geleckt. Das schmeckt wirklich wie Honig!«
»Ganz recht, Achim! Weißt du denn aber auch, was das ist?«
»Sie sagen ja selbst, Herr Doktor, das ist Honig!«
»Na, ich sagte wohl nur, daß es honigsüß ist; denn in Wirklichkeit ist es etwas ganz anderes. Die Blattläuse haben nämlich solch Blatt einfach als ihren Appartement betrachtet, und, was der Achim Köckeritz da abgeleckt hat, das war einfach die Ausleerung der Schild- oder Blattläuse.«
Der Achim wird ganz bleich. Er würgt an etwas herum; aber er meistert sich noch einmal und sagt bloß entsetzt: »Äcks! Pfui Deibel!«
Einige andere schreien gleich aus Sympathie mit.
»Oh, das ist nicht so schlimm, Jungs!« wehrt Doktor Fuchs. »Ganz und gar ungefährlich! Na also, zu unserer Sache zurück! Um diese Blattlausausleerung immer zu haben, postieren sich einige von den Ameisen neben die Tierchen und schützen sie vor ihren Feinden. Damit aber der schöne, süße Kot der Blattläuse nicht vom Regen fortgewaschen wird, bauen die Ameisen ihren Freundinnen sogar ordentliche Ställe. Sie leimen nämlich ein loses Blatt oder sonst etwas über ihnen fest, und nun kann’s regnen, so viel es will, die Blattläuse sitzen eben dann im Trocknen. Man hat deshalb diese Blattläuse auch die Kühe der Ameisen genannt, weil sie diese – man möchte geradezu sagen – melken.«