Die Schwägerinnen.
Reading edition
Roman von Henriette Hanke geborne Arndt.
Erster Theil.
Ein hohes Wort! wenn uns die Schickung werth hält, nicht für uns, für Andere zu seyn. ... Es wendet sich der Zeiten Blatt. Laßt uns fröhlich sä'n, im Nebel auch: die Ernte kommt gewiß. Herder.
Hannover, 1835. Im Verlage der Hahn'schen Hofbuchhandlung.
Wir versetzen unsere Leser bei dem Anbeginn dieser Geschichte in ein weites Gemach des aufgehobenen Stiftes der Cisterzienserinnen zu Sanct Capella, nahe dem Städtchen Leidthal. Dieses Zimmer, viel zu colossal in seinen Verhältnissen um wohnlich zu seyn, bietet eine himmlische Aussicht dar, und zeigt noch die Spuren klösterlicher Pracht. Seltsam vereint werden hier die religiösen Begriffe aller Zeiten anschaulich; doch mit gemischtem Gefühl siehet man: die Gegenwart herrscht vor. An dem Plafond rollet der feurige Wagen des Elias. Wie zu vielen tausendmalen mogten seit dieser Himmelfahrt die Sonnenrosse ihren Lauf vollendet haben! aber jene Flammen sind erloschen, und der Prophet erscheint nur noch als ein grauer Schattenriß seiner Zeit. Scenen des römischen Cultus geben den leeren Wänden ein sinnvolles Interesse, und über erblaßten Martern der eifrigsten Bekenner ihres Glaubens hängt Doctor Martin Luthers Bildniß gloriös in einem Rahmen von echter Bronze. Die erhabene Arbeit über dem Kamin von schwarzem Marmor versinnlicht ein Autodafé, und die darunter lodernde Glut, welche die Jahreszeit und der Raum des Zimmers erfordert, dient dazu, dies Relief zu beleuchten, mit einem Schauer für die Phantasie, der fast die Wohlthat der empfundenen Wärme vernichtet. Die Möbeln sind theils veraltet und doch pomphaft, theils von neuer Brauchbarkeit und Simplicität. Das hochlehnige Canapee, welches gradauf strebend und in der Mitte altarförmig zugespitzt, sich gegen die Wellenlinien einer modernen Bergère etwa verhält, wie die feierliche Anständigkeit der Etiquette zu der nachlässigen Ruhe der Schönheit – nimmt sich in dem überladenen Zierrath geflügelter Kinderköpfe sogar kirchlich aus. Ueber den Häuptern der Cherubim prangt der Erzengel Michael in goldnen Waffen, und der gerissene Sammet auf dem Sitze dieser kleinen Engelsburg erinnert mit leiser Beziehung in der Farbe verblühter Violen an den Purpur der Eminenz. – Der venetianische Spiegel erreicht seine ungemeine Breite und Höhe durch eine Einfassung von Tritonen und Delphinen, welche in kunstreichen Verschlingungen um die glänzende Fläche spielen, worin mancher geistliche Vollmond aufgegangen war. – Oben thronen die Meergötter ersten Ranges, und im Frontispice – so zu sagen – steigt Anadyomene aus der klaren Masse an den silbernen Bord. Das Auge des Reformators grade auf diesen Punkt gerichtet, scheint finster an dem heidnischen Unwesen zu haften, indeß ein kaum merklicher Zug frommer Ironie den Ernst des Mundes mildert, der wohl stärkere Pfeiler erschütterte als den, der die reizende Gestalt der Liebe in den Mauern der Entsagung trägt. Die Morgensonne des eilften Novembers ging eben auf, und bestrahlte mit blendendem Licht die Abtei, welche ihren majestätischen Schatten über die öden Felder ausbreitete. Der Reif der kalten Nacht schimmerte wie Candis an den falben Resten der Weide, und die herbe Miene des heiligen Bernhard von Clairvaux, dessen Statue am Rande einer dunkeln Cisterne stand und tiefsinnig hinab schauete, war wie mit Zucker bestreut. – An einem Fenster des beschriebenen Zimmers saß eine Frau, von der wir sagen müssen, daß sie über die Jugend hinaus und weit entfernt von jener gefälligen Anmuth sey, die unter keinem Gesetz der Zeit steht, ohne sie deshalb dem achtsamen Interesse unserer Leser entrücken zu wollen. Der häusliche Anzug, beinahe matronenhaft bescheiden, paßte den Formen einer Figur nett an, die in ihrer Haltung Charakter verrieth. Das Häubchen, ohne die mindeste Genialität dieses Putzartikels, der einen guten weiblichen Kopf seltner beschattet, als in das vortheilhafteste Licht setzt, und sich oft in dem kleinsten Kniff sichtbar macht – schloß sich dicht an ein Oval von regelmäßigem Schnitt. Die Beschäftigung dieser Frau schien mit der bewußten Strenge, welche sich in ihrem Aeußern offenbarte, in keiner Verbindung zu stehen. Sie wand eine Guirlande von Immortellen, die aufgehäuft in einem flachen Körbchen, in bunter Menge und Mannigfaltigkeit zur Auswahl vor ihr lagen. Sie schien so ganz in sich und in diese feiernde Früharbeit versenkt zu seyn, daß selbst der Sinn des Gehörs ihre Seele nicht auf das lenkte, was ein junges Mädchen an ihrer Seite aus der Bibel vorlas. »Wirst Du dafür die Schmerzen eines Betrübten haben –«: diese verkündenden Worte des Jesaia sprach die klare süße Stimme mit einem schüchternen Beben der Ahnung, und hielt inne. Die Sonne blitzte herein und warf lange herbstliche Strahlen durch die Scheiben. Der blonde Scheitel des Mädchens erglänzte, die metallne Brüstung am Fenster funkelte wie gediegenes Gold, und die trocknen Blümchen der Dauer badeten sich in diesem ewigen Glanze.
Das Mädchen erhob das Auge blau und tief wie der Himmel, um einen Blick in die Perspective zu richten, welche in der schönsten Morgenbeleuchtung im melancholischen Reiz der sterbenden Natur sich in das Unabsehliche verlor; und der Mund, auf dem noch die traurige Voraussagung des israelitischen Sehers schwebte, lächelte so entzückt, als sähe dieser Blick in eine verklärte Welt.
Da öffnete sich die Thüre, und ein feines jugendliches Gesicht, dem ein schlanker Körper folgte, schauete mit hellen braunen Augen herein. Ein leichtes Abschrecken bei dem Hinblick auf die schweigsame Gruppe am Fenster, und die spöttische Unlust, an dieser stillen Betrachtung und an dem Winden todter Kränze Theil zu nehmen, sprach sich in diesen beweglichen Zügen aus.
Wie leise dies Geräusch nun auch gewesen war: die ältere Frau hatte es dennoch vernommen. Sie wendete das Auge, und ein flüchtiges Roth überlief ihre Wange; zweifelhaft, ob als Wiederschein der Lohe des Kamins, oder durch die Erscheinung in der Thüre erregt. Diese huschte mit zarten Füßen über das Getäfel der Diele, blinzelte hinter dem Rücken des Mädchens in das heilige Buch und sprach zwischen Schalkheit und Pathos: »hebet Eure Häupter auf – thut Euer böses Wesen von Euch – o! ich weiß auch, was hierin steht.« Dabei legte sie eine seidenweiche Hand, der man keine Distellese im Garten der Ehe ansah, obwohl ein Trauring an ihrem Goldfinger blinkte – unter das gesenkte Kinn der Aelteren und sprach: »bist Du mir noch böse, Fabia? Sey gut! ich kann Dich nicht schmollend wissen, und so lasse ich meine Idee fallen.« Bei diesen nähernden Worten beugte die hübsche junge Frau sich mit versöhnender Anmuth herab, so daß ihr warmer Athem wie ein schmeichelndes Lüftchen Diejenige anwehete, welche sie frostig aufnahm.
Fabia hob den Kopf ein wenig und erwiederte: »ich dachte es wohl, daß Du zur Vernunft kommen würdest –« und indem ihr Auge die weiblich-optische Kunst übte, die da scheel sieht, ohne einen offnen Blick zu gönnen – setzte sie hinzu: »daß Du Dich nicht erkältest, Therese! Du gehest so bloß. –« Sie reichte ihr eine Nadel, zugleich stach der Blick, doch nicht in das kleine Schalytuch, welches den wunderschönen Hals und Busen lose umflatterte, sondern in diese Blöße selbst. –
Therese steckte die Nadel verloren ein, aber nicht diese Antwort, welche sie sichtlich zu verdrießen schien, und nun auch die Stimmung ihrer gutmüthigen Abbitte um einen tiefen Grad fallen machte. Erglühend sprach sie: »es ist schon geschehen. Du irrest, Fabia, Du irrest, sage ich Dir, wenn Du Deine hartnäckige Weigerung, in einen harmlosen Scherz einzugehen, für vernünftig hältst. Und wenn ich es zu vergessen suche, daß Du mir und dem Bruder eine Freude verdirbst: so geschiehet es nur, weil ich Dich dieses abtödtenden Eigensinnes wegen am meisten bedauere.« Fabia erröthete sehr. Sie lös'te schnell ein kleines Schlüsselbund von ihrem Gürtel, und gab dem Mädchen einen entfernenden Auftrag. Dann sprach sie, und ein krampfhaftes Zucken unterdrückten Zornes flog um ihre Lippen: »diese Aeußerung ist ganz in Deinem Geiste. Spare Dein Mitleid für Dich selbst, Therese, Du wirst es einst brauchen. Herr der Güte! muß ich mich so behandeln lassen in Gegenwart des Kindes? hast Du keine Achtung für mich und meine Sinnesart, so solltest Du doch Josephinens Jugend schonen. Willst Du das Mädchen auch verderben?«
Theresens Stirn flammte. In größter Aufregung entgegnete sie: »verderben? auch? Wer ist verdorben? ich muß bitten, daß Du Dich in Deinen Ausdrücken mäßigest. Ein verderbtes Herz trachtet nach Schaden, ist feindselig und mißgünstig; ich aber gönne der ganzen Welt ihr Vergnügen, wenn sie mir nur das meine läßt.«
Fabia stand auf. Mit einem gewissen Hervortreten ihrer Meinung, doch das innerste Gefühl noch immer bezwingend, sagte sie: »ich hasse nun einmal jede Falschheit, und halte Verstellung, von welcher Art sie auch sey, für Sünde. Und Comödie spielen ist eine solche.«
»O! die schlimmste ist es nicht –« entgegnete Therese: »es ist nur eine kleine ergötzliche Lust.« Und indem dieser verwehrte Genuß in allem Schimmer der Einbildungskraft vor ihrer Seele stand, so daß es ihr vor den Augen flimmerte, in welche Thränen des Verdrusses drangen, rief sie verblendet von Schmerz und dem Reiz jener zerrinnenden Illusion aus: »der arme Cölestin! es würde ihm ein köstlicher Spaß gewesen seyn! Du aber wirst ihm mit tiefsinnigem Ernste einen Kuchen backen, und ein Capitel aus der Bibel lesen.«
Fabia erbleichte. Sie sagte schneidend: »dies dürfte ihm heilsam seyn, wie Dir. So höre nun dies: Die Du in Wollust lebest und so sicher sitzest, und sprichst in Deinem Herzen: ich bin's, und Keine mehr. Ich werde keine Wittwe werden –« die Hand, welche Fabia auf diese Stelle legte, zitterte stark, und ihre Stimme wankte, als sie das Wort: »Wittwe« aussprach, als läge in diesem Verhältniß jene erschütternde Beseitigung, die dem Unglimpf freies Spiel erlaubt.
Aber mit einem Lächeln unsterblichen Leichtsinns wies Therese den Vorwurf der biblischen Prophezeihung von sich ab. Sie kannte die Selbständigkeit der frommen Fabia und ließ sich nicht irren. Statt des unnützen Gezänks um eine bereits aufgegebene Sache, warf sie die Last dieser Scene über die Seite, und sprach: »genug des Aergers. Nochmals, ich verzeihe Dir, was Du auch gegen mich denken mögest. Du thust mir leid: denn Du kannst nicht anders.«
Dieser Ton der Ueberlegenheit eines Gemüths, welches die schroffe Fabia so tief unter sich glaubte, steigerte ihre Erbitterung aufs Aeußerste. Sie wollte sprechen – aber Therese wendete den Fuß, und prallte an einen jungen Mann, der unbemerkt von den streitenden Parteien eingetreten war, und nun als Schiedsrichter vor ihnen stand. – Es war Herr Prälat, der Administrator des Stiftes, dessen Schwägerinnen wir in den beiden Damen vorläufig kennen gelernt haben. Der Zufall hatte es seltsam gefügt, daß ein Mann, der so hieß, Vorsteher dieses weiland geistlichen Hauses würde; allein ein Blick auf seine Persönlichkeit reichte hin, ihn selbst von dem Begriff seines Namens zu unterscheiden. Diese Gestalt, der eines Großwürdenträgers der Kirche durchaus nicht ähnlich, ragte über das gewöhnliche Maß hinaus, und schien von innerer Thätigkeit zu sehr angeregt, um völlig zu seyn; das schmale etwas blasse Gesicht hatte mehr den Anschein einer kränklichen und deshalb enthaltsamen Constitution, als den eines klosterherrlichen Lebens in bona pace, und dieses gebietende Auge, obgleich getrübt – war voll Feuergeist einer andern Tiefe, als des kühlen dunkeln Lagers, wo die Sonnenkräfte alter Jahre verschlossen glühen.
Er schlang seinen Arm mit brüderlicher Traulichkeit um Theresens schlanken Leib, sie aufzuhalten, und sprach: »wohin so eilig? Was ist's? Du schweigst, Fabia? und Dein Auge verbirgt Thränen? ich will nicht fürchten, daß ein Zwist – stehe Du mir doch Rede, Therese!« Mit diesen dringenden Fragen flog der betroffene Blick des Administrators von einer Schwägerinn zur andern.
Therese aber strebte fort. Als wünschte sie der weitern Verantwortung nun los und ledig zu seyn, entwand sie sich ihm und sprach flüchtig: »es war so wichtig nicht – lasse es Dir nur von Fabia erzählen.« Vielleicht war es eine kleine Rache, daß Therese im sichern Gefühl, für Wessen Sache der Schwager sich entscheiden würde, den Vortheil des Vortrags Jener überließ.
»Nein, bleib!« forderte der Administrator: »so sprich doch, Fabia! ich will es wissen! werde ich es nicht erfahren?«
Mit niedergeschlagenen Augen und gekränkter Stimme sprach Frau Fabia: »ich muß Dich ersuchen, mein Bruder, daß Du mich in Zukunft vor Beleidigungen schützest, die ich länger weder ertragen kann noch darf. Meine stille Weise will ich immerhin verspotten lassen; aber das Heiligste soll man mir nicht antasten. Das greift mich an die Seele.« Sie brach in heißes Weinen aus, und Fabia weinte selten oder nie. Des Schwagers Auge traf Theresen. Diese aber hielt den zürnenden Blitz aus, der nicht zündete, zuckte vornehm mit den runden Achseln als beklage sie die Erbärmlichkeit der Anklage, hob den Blick zu den Wolken der Decke und sprach: »welch ein Aufheben um Nichts! ich will es Dir in Kürze sagen. Wir waren am Sonntag Abend bei Gottschalks drüben fröhlich, führten Sprichwörter, Charaden auf –« »Erlaube!« fiel hier Fabia ein, mit einem Tone, der nicht im Klange einer abhängigen Bitte an die Wortführerinn erging, »das ganze Gebiet üblicher Gemeinplätze reichte nicht aus für dieses muthwillige Treiben – denn Narrenspiel will Raum haben – man suchte ihn auf kirchlichem Boden. Die reiche Sprache mußte, schnöde genug, eine Benennung hergeben, um die geistig Armen lächerlich zu machen. Sie spielten: Wiedertäufer, und das heilige Sacrament ward an dem Töchterchen der Gerichtshalterinn verhöhnt.«
»Ich sehe nichts Uebles dabei,« sagte der Administrator begütigend nach einer kleinen Pause, »jene rasende Rotte hat die Taufe auf eine frevle Art gemißbraucht.«
»Ach!« sagte Therese lachend, »von irgend einem Frevel konnte ja überhaupt die Rede gar nicht seyn. Wir waren nur lustig, ich versichere Dich, lieber Cölestin, und der alte Halderich brachte jenes Wort in Vorschlag. Bei den Sylben: Täufer, sah Gottschalk als Vierfürst so fürchterlich possirlich aus, daß wir Alle vor Lachen sterben zu müssen glaubten. Ich, die Tochter der Herodias, tanzte kosackisch vor ihm – der starke Punsch war mir ein wenig in den Kopf gestiegen. Dann costümirten wir uns schweizerisch, die Gerichtshalterinn brachte eine zinnerne Barbierflasche, ein Urerbstück – zur Taufkruke herbei, und an Helene trieb ihr Vater den Teufel der Widerspenstigkeit und des Muckerns aus, der die Kleine bisweilen plagen soll. – Wem, ich frage Dich, geschah nun hierbei ein Leides?«
»Fabia!« sprach ihr Schwager sanften, tiefen Tones; er hätte die höchste Vernunft, den Gott des Friedens selbst mit keiner andern Stimme anrufen können. Doch Fabia antwortete mit erzwungener Ruhe: »höre nur weiter! es kommt noch besser.«
»Ja,« rief Therese leidenschaftlich, »höre nur weiter! es kommt noch schlimmer. Es ward immer hübscher, bei Gottschalks nämlich. Wir kamen mehr und mehr in den Zug, und endlich auf den Einfall, Dir zu Deinem Geburtstage künftigen Monat, ein kleines Schauspiel zu veranstalten. Dieser Plan, einstimmig aufgenommen, machte uns unsägliches Vergnügen in der Idee. Doch Fabia, als Schlüsseldame des Hauses, verweigerte uns zur Ausführung das Local und ihre Theilnahme. Wir wünschten das grüne Bogenzimmer für diesen Zweck, und baten, daß sie eine kleine alte anspruchslose Rolle übernähme.«
Ein Schatten jugendlicher Prätension veränderte hier die Züge der ernsten Fabia, welche kalt und schweigend wie eine Büste zuvor gewesen. Sie warf einen Blick unaussprechlicher Verachtung auf ihre Schwägerinn und sprach: »freilich, mit einer Inamorata warst Du so gütig, mich zu verschonen – die spielst Du selbst.«
Therese hielt es vermuthlich nicht für nöthig, darauf zu antworten. Sie wendete sich zu dem Schwager, und sagte wie zum Schluß: »Du weißt nun, worüber wir in Streit geriethen – mir war er abgemacht.«
»Und warum warst Du dagegen?« fragte der Administrator beklommen die Unversöhnte, und abermals nach einer kleinen peinlichen Pause.
»Es läuft wider meine Grundsätze,« erwiederte Fabia finster, und trocknete die Thränen, welche in einzelnen Tropfen, wie nachfallend einem schweren Wetter, über ihr Gesicht flossen.
»O, gute Fabia! Deine Grundsätze sind sehr streng!« sagte Herr Prälat mit bitterm Lächeln, »wenn wir solch einen Maßstab an die kleinen Freuden des Lebens legen wollen, so wird der arme Mensch zu kurz kommen. Ich sehe nichts Verwerfliches in der ganzen Sache, wohl aber ein gestörtes Vergnügen, für dessen Absicht ich dankbar seyn muß. Der Geschmack am Schauspiel ist ziemlich so alt wie die Welt, und der Trieb, sich anders zu zeigen, wie er ist, dem Menschen angeboren.«
»Leider!« sprach Fabia, »deshalb ist es nothwendig, daß man ihn bekämpfe. Wir sollen wahrhaft seyn in Wort und That.«
»Dies dürfte doch tiefer gemeint seyn, liebe Schwägerinn –« versetzte der Administrator etwas leise, wie wenn er die Wirkung dieses Widerspruchs mildern wolle, »als was man unter der Mummerei einer kleinen Posse, ja selbst unter dem Versuch begreift, die Geheimnisse der Schmerzen, die Blöße der Leidenschaften und der Wunden, die das Schicksal schlägt, in dem Gewande dramatischer Poesie darzustellen. Der wahre Gott hüllt sich in die Natur, und wir erkennen ihn im Innersten unseres Gemüths.«
»Ja,« fügte Therese mit einem leichten Uebermuthe hinzu, der wie Champagnerkork auf dem Oberwasser schwamm, welches sie durch den Beistand ihres Schwagers gewonnen, »Jesus Christus selbst, ich wette! würde nichts Arges an unserm Scherz gefunden haben; die Scheinheiligkeit nur war ihm verhaßt.« »Und ich erkenne nun,« sagte Fabia, während sie mit bebenden Fingern eine Immortelle zerpflückte, »daß es an der Zeit für mich sey, ein Haus zu verlassen, dessen Freuden ich verkürzte, und dem ich nur in seinen Vergnügungen störend bin. Ich tauge zu weiter nichts, als einen einfältigen Kuchen mit Bedacht zu backen, wie Therese mir vorwarf, und ein Capitel aus der Bibel zu lesen, deren Sinn ich nicht einmal verstehe, wie mir so eben bewiesen worden. Ein armseliges Talent, das meine, gegen die Vorzüge Anderer! – So will ich denn gehen. Es wird doch irgendwo ein stilles Plätzchen für mich geben, wo man mit Arbeit und Gebet Ruhe finden kann für seine Seele.«
»Gott des Lebens!« rief der Administrator außer Fassung, »muß es dahin kommen? Wer ist's, der unter diesem Zwiespalt leidet, als ich? Fabia! hättest Du Dich jemals über mich beklagen können? – ich achte jede Individualität, und ehre die Deinige nach Verdienst. Therese! biete die Hand zuerst, Dir kommt es zu, Du bist die Jüngere.« »Ich habe es gethan,« sagte Therese etwas eingeschüchtert von diesem Ausgange, »ich kam mit gutem Herzen hierher; der Himmel und Josephine ist mein Zeuge!«
Der Administrator schien dieser identischen Berufung Glauben zu schenken. Er sprach: »Du hast Fabia gewiß nicht kränken wollen. Auf die Comödie verzichte ich gern; aber liebe Schwestern, laßt das Band der Eintracht mein Angebinde seyn, so werde ich mich heute schon wie neugeboren fühlen.« »Es würde doch nur ein kleines Schauspiel werden,« antwortete Fabia mit entschlossnem Lächeln, »und Du weißt, mein Bruder, ich bin ungefügig dazu.«
»Gehe, Therese!« sagte Herr Prälat, und es schien, als ob nur größere Zutraulichkeit zu dieser Schwägerinn sie verweise, »lasse mich mit Fabia allein.« Therese ging. Alsbald faßte der junge Mann die runden Arme Fabiens so fest, daß sie an diesem Drucke die innere Bewegung empfand, in der er sprach. »Fabia! das konntest Du mir thun? muß ich Dich an Deine zärtliche Sorge für mich erinnern?– Sieh! wolltest Du mich verlassen, ich könnte Dich nicht halten; genug, daß ich mich an das Bewußtseyn hielte, ich hätte es nicht um Dich verdient.« Fabia war ergriffen, dennoch sagte sie: »Du behältst ja Theresen –«
»Ja,« antwortete ihr Schwager, »und ich werde, was auch geschehe, mein Wort nicht brechen, welches ich dem Bruder gegeben.«
Die Entschiedenheit eines Mannes verfehlt nie ihrer Wirkung auf die Frau, selbst wenn sie verschroben, oder in minderem Grade weiblich wäre. Die Erklärung des Schwagers hatte das Eis von Fabiens starrem Sinne gebrochen. Sie zerschmolz in Thränen, und sprach: »muß es mich nicht schmerzen, daß Du ihr alles gut heißest, selbst das, was mich empört? vergeht wohl ein Tag, ohne daß ich über sie seufzen müßte? kommt je ein gottesfürchtiger Gedanke in ihre Seele? kannst Du mir den geringsten reellen Nutzen nennen, den ihr Daseyn hier hat?«
»Sie giebt Dir Gelegenheit,« antwortete Herr Prälat wie mit düsterm Spotte auf die vorwurfsvollen Fragen seiner Schwägerinn, »Dich in einer der schönsten christlichen Tugenden zu üben: der Duldung. Gönne ihr die Luft dieses abgeschiedenen Aufenthaltes; betrachte sie wie eine Blume, die für kurze Zeit zwischen diese Mauern verpflanzt ist, und von der man nichts verlangt, als daß sie ihre Stelle einnimmt.«
»Man wird keine Trauben lesen von den Dornen –« entgegnete Fabia tiefathmend. »O! diese Blume ist giftig –«
»Nein, gute Fabia! höchstens nur ein wenig betäubend –« sprach der Administrator und lächelte zerstreut. »Sey doch nur billig!« fuhr er in ernsterem Tone fort, »und überlege, wie verschieden von Dir, Therese ihrem Naturell, ihrer früheren Lebensweise nach, denken muß, und ungerecht wäre es von Dir, wenn Du deshalb mit ihr rechten wolltest. Im Geräusch der Welt erzogen, entbehrt sie hier alle Freuden, an welche ihre Jugend gewöhnt war. Sie ist nicht geeignet, sich an irgend eine Pflicht zu binden, und unter so precairen Umständen erst gar nicht. Dies hat der Himmel wohl gewußt, und so ist ihre Ehe seltsam genug ohne Zusammenhang dieses Verhältnisses. – Ihren kleinen Speculationen stehet landwirthschaftliche Industrie entgegen; vor den Maschinen, die den öden Raum von Sanct Capella füllen, kommen die Neigungen einer jungen lebendigen Frau nicht an das Brett – und wollte Therese auf Eroberungen ausgehen: so sähe sie sich von einem invaliden Kreise umschlossen, der in der schläfrigen Ruhe des Klosters von seinen Siegen träumt.«
Fabia antwortete: »o! Therese besiegt auch wachsame Leute – und übt ihre coquetten Künste vor sehenden Augen.«
Ein wundes Lächeln zuckte über das Angesicht Dessen, welcher der Gegenstand jener feindseligen Bemerkung war. Er seufzte, legte wie unbewußt die Hand auf seine linke Seite, als fühle er dort Schmerz, und sprach: »Fabia! laß uns dies Gespräch enden; doch vernimm zuvor meine Bitte: mache Theresen Deine Frömmigkeit liebenswürdig! versuche es einmal mit freundlicher Güte. Ist nicht Friede mit sich und Andern die weiche Blüthe der Religiosität? – Denkst Du nicht, daß es mich betrübe, wenn Jemand gezwungen wäre, Deinen Werth zu verkennen und Deinen Glauben dazu, dessen Früchte für ihn zeugen sollen? flöße Theresen, diesem Kinde an Vernunft – sanftmüthigen Geistes, die Milch einer besseren Liebe ein, als welche vielleicht die Nahrung ihrer eitlen Wünsche gewesen, und stärke sie für das Leben der Seele. Dann stärkst Du auch mich – und wahrlich, Fabia! ich bedarf es. Als ich krank war – diese Zeit, deren ich mich nicht gern erinnern mag, weil mich mein Befinden noch täglich daran mahnt – hat mich Dir auf ewig verpflichtet. Du lauschtest, mir alles an den Augen abzusehen, was mich laben könnte – willst Du, da ich kaum – kaum genesen bin, härter gegen mich seyn? erquicke mich durch Eure Verträglichkeit! ich wollte sonst, ich läge im Grabe.«
Diese Worte, in überwallendem Unmuth gesprochen, waren von zureichendem Einfluß. Fabia reichte dem brüderlichen Schutzherrn die Hand, und sah ihn mit bangen Mienen an. Sie sagte besänftiget: »mißkenne auch Du mich nicht, mein lieber Bruder. Es ist wohl schwer, in nächster Gemeinschaft auszukommen mit Dem, der das grade Gegentheil von uns ist, wie Therese von mir. Was hilft ihr sogenanntes gutes Herz? es ist nur Temperament. Sie denkt an nichts Ernstes und Edles; ihre Zeit, dies Capital, was uns der Herr der Ewigkeit geliehen, wird in Tand verschwendet. Sie wuchert nur mit ihren Reizen. Am häuslichen Heerde brennen ihr die Sohlen. Sie fängt – was ich nun vor den Tod nicht leiden kann – hundert Arbeiten an, ohne eine zu vollenden. Der Fleiß erscheint ihr wie eine Frohne, gegen die sie einen Freibrief zu haben meint. Alle Ordnung ist ihr lächerliche Pedanterie – jüngst hat in einer kostbaren Wollestickerei, die sie in den Winkel geworfen, die Katze Junge gehabt.« Den Administrator wandelte das Lachen an, aber sein Blick grollte in Wehmuth, die den Komus dieser Anschuldigung entkräftete. Er hatte, während ihm Fabia Theresens Fehler aufzählte, ein paarmal schwer geseufzt, über die Unart der Frauen, nachdem ein vernünftiger Mann sie überzeugt zu haben glaubt, ihre Beschwerde immer wieder zu erneuen. Diese Verdammniß manch häuslicher Hölle ist gleich der Strafe des Sisyphus. –
»Und was mir am meisten Kummer verursacht,« fuhr Fabia fort: »ist, daß ihr Beispiel endlich dem Kinde, der Josephine, nachtheilig werde, um so mehr, da es ihr nicht an verführerischen Gaben fehlt. Josephine spricht ihr, wie wenig sie redet, beständig das Wort; das ist schon ein übles Zeichen.«
»O Fabia!« sagte ihr Schwager mit innigem Tone: »es ist das Zeichen eines heiligen Gemüths, in dessen Reinheit alle Flecken des Nächsten verschwinden, einer himmlischen Demuth, die nur an die eigene Fehle denkt. Die Unschuld beschützt sich selbst. Und sollte ja durch den nahen Umgang Theresens eine schädliche Einwirkung auf Josephine zu befürchten seyn: so wird Deine Strenge« – Herr Prälat betonte, was er sagte, und es lag ein leiser Vorwurf in seiner Accentuation –: »dieser möglichen Gefahr schon zu begegnen wissen.«
Fabia erwiederte hierauf: »man kann nicht strenge genug seyn in Sachen des Gewissens, und das Bewahren dieses Mädchens ist eine Gewissenssache für mich.«
Der Administrator wollte sprechen, da kam ein Bote, der ihn abrief. Er zögerte zu gehen. Noch einmal faßte er ihre Hand, sah ihr freundlich ins Gesicht und sprach: »Du bist also wieder gut? wir scheiden als Freunde, oder vielmehr wir scheiden nun nicht? Und Therese?«
Fabia lächelte. »Ich werde sie versöhnen –« sagte sie versichernd. Da zog er ihre Hand an seine Brust, drückte mit heißen Lippen einen Kuß darauf, und enteilte auf den Ruf seiner Pflicht.
»Wie stark sein Herz klopfte!« sagte Fabia leise und ängstlich zu sich selbst, und diese Besorgniß galt mehr der fieberhaften Wallung des erhitzten Blutes, als der nervösen Störung, welche diesen Umlauf beschleunigte. Fabia hatte den zartesten Sinn für den krankhaften Zustand ihres Schwagers, und zugleich eine stumpfe Härte in Betreff alles dessen, was seiner Seele wohl thun könnte. Das kleinste körperliche Uebel regte ihre wohlwollenden Kräfte ihm abzuhelfen auf, während sie in kalter Gleichgültigkeit verharrte, wo sein Inneres litt, wenn es auch in ihrer Macht gestanden hätte, dieses tiefere Weh zu lindern. Sie erschöpfte sich in dienstlicher Beflissenheit, indeß es ihr ein Leichtes gewesen wäre, die bittere Quelle zu verstopfen. – In diesem Widerspruch lag all der Egoismus, durch welchen Frauen solcher Art die Wirkung einer pietistischen Moral verkümmern, wogegen die Liebe in ihren Fehlern sogar – heilbringend wird.
Es klopfte sacht an die Thüre, und als Frau Fabia: »herein!« gesagt, erschien eine ehrwürdige Gestalt, die einzige noch übrig gebliebene Nonne von der Gesammtschaft des aufgelös'ten Ordens, welche die Vergünstigung nachgesucht und empfangen hatte, in Sanct Capella den Rest ihrer Tage beschließen zu dürfen. Das fromme Stillleben der Nonne hatte sich wenig geändert, seit jener Catastrophe, welches die Verfassung des reich fundirten Klosters stürzte, und in dem Muth, womit sie als eine einsame Ruine unter den geweihten Trümmern ihrer Welt begraben zu werden wünschte, bewährte sich eine wahrhaft hohe Seele. Schwester Veronica verzehrte hier ihre Pension, in wunderlicher Zusammenstellung mit einer Anzahl Offiziere, die eben so die Mittel zu ihrer Subsistenz in einem Gnadengehalt aus der Staatscasse erhielten. Der Administrator, ein guter Cameralist, hatte die glückliche Idee gehabt, einen Theil dieser Zuflüsse in die Einkünfte des Stiftes zu leiten, worin die kleineren Wohnzimmer und größeren Säle des weitläuftigen Gebäudes für solch einen Zweck zu benutzen wären, und seit Herr Prälat mit Genehmigung der Behörde dies in öffentlichen Vorschlag gebracht, hatten sich zwölf ausgediente Krieger gefunden, welche alle unter einander bekannt, dies Anerbieten mit Freuden ergriffen, und den politischen Streit weltlicher Interessen gegen die friedliche Geselligkeit eines Invalidenhauses aufgaben, das ihnen kaum reizender gelegen seyn konnte. So mischte sich denn das Geräusch manch welken Lorbeers mit den stillen Schatten der klösterlichen Palme von Sanct Capella. – Dieser militairische Club bestand nun neben dem Familienleben des Administrators, neben der Clausur der geistlichen Jungfrau, ohne daß diese verschiedenartigen Verhältnisse durchaus umgänglich geworden wären. Zwar hatte der junge Prälat unter den alten Offizieren Einige, die seine Achtung von den Uebrigen sonderte, auch einen Freund –; aber diese Auszeichnung that weder dem guten Vernehmen mit Allen, noch der Zurückhaltung Eintrag, die er im Ganzen beobachtete. Auch war sein Wirkungskreis sehr groß und forderte all seine Zeit, und für die wenigen Stunden der Muße, welche ihm vergönnt waren, sprach das Bedürfniß mächtig in ihm an, sich wissenschaftlich zu beschäftigen. Und mitten unter diesem invaliden Ruhestande, der doch zuweilen, alter Gewohnheit nach, ein lärmender Aufstand wurde, wenn auch der renommirende Säbel in friedsamer Scheide stack – mitten unter der rastlosen Geschäftslosigkeit des Administrators und seiner Leute – war die Wohnung der Schwester Veronica, gleich einer Einsiedelei zu betrachten, worin sie, wie die Schutzheilige des Hauses, Segen durch ihre fromme, lautlose Gegenwart verbreitete. Sie hatte sich den Schwägerinnen des Herrn Prälaten herzlich befreundet, wie dem Stiftsverweser selbst, Josephine war ihr Liebling – dennoch geschah es nur selten, daß ihr Besuch in dem Flügel gesehen wurde, den der Administrator mit den Seinen bewohnte. Doch so oft Jemand in dieser Familie krank war, ob am Leibe, oder an der Seele – und es war, als ob die Nonne es durch Inspiration erführe, wo ihr Rath, ihr Trost nöthig sey – kam sie ungerufen, und man war daran gewöhnt, das milde Gefühl der Theilnahme an ihr Erscheinen zu knüpfen. Dazu trug selbst ihr Aeußeres bei. Schwester Veronica hatte mit Ergebung die ihr liebgewordene Tracht der Ordensregel aufgegeben; aber ihr einfacher Anzug näherte sich derselben so sehr als möglich. Ein Schleier der Weltentsagung wallte unsichtbar nieder an dieser Gestalt, welche, trotz der Bürde von siebenzig Jahren und mancher beugenden Erfahrung, sich vollkommen aufrecht erhalten hatte. Ihre Stimme tönte rein und sanft, wie in leisen Nachklängen der Hora – und in dem Tiefblick ihrer Augen glomm noch ein schwacher schwärmerischer Funken jener ewigen Lampe, womit sie einst in nächtlicher Stunde dem himmlischen Bräutigam entgegen gegangen war. Lichtvolle Klarheit war über die Züge der Nonne ausgegossen, wie wenn blasser Mondschein einen stillen Abend erhellt. Und wie die Zeit dieses langen Lebens in gleichförmiger Ruhe vergangen war: so hatte sie auch nur unmerkliche Spuren nachgelassen. Zwei Reihen wohlerhaltener Zähne stützten wie eine elfenbeinerne Doppelmauer den Mund, dem nie ein liebloses Wort entschlüpfte, und der noch eines heitern Lächelns fähig war, gegen den Einfall des Alters. Wenn Schwester Veronica mit sachtgewöhntem Fuß durch die wüsten Gänge schlich, und ein bestiefelter Schritt ihr dröhnend begegnete: dann salutirte der Offizier in kirchlicher Ehrerbietung, und wechselte gewiß ein paar Worte, welche die Nonne immer freundselig, ja oftmals scherzend erwiederte.
Wir wenden uns nun wieder zu dem Eintritt der Nonne. »Guten Morgen, Frau Fabia!« sagte die Conventualinn, und es bleibt zu errathen, ob sie die trauliche Benennung des Vornamens in klösterlicher Sitte beibehalten, oder als Vorrecht der Freundschaft für die beiden jüngeren Frauen angenommen hatte. – Ueber Fabiens verdüsterte Züge flog ein bewillkommendes Lächeln. Sie nahm den guten Geist mit Freuden auf; nur der Blick, der noch naß glänzte, ward dem Gruße vorenthalten, daß Schwester Veronica die thränengeschwollenen Augen nicht sähe.
»Ein goldener Tag!« sagte die Nonne, und ihre feine Wange brannte wie glimmende Kohlen, »die Sonne scheint so schön und blaß wie eine Braut. Man fühlt sein Herz ordentlich erwärmt. Doch – sehe ich recht? warum denn so betrübt, Frau Fabia? ich will nicht fürchten, daß ein Unglück – –.«
Bei diesen antheilvollen Worten schüttelte Fabia leise mit dem Kopfe. Sie antwortete mit wehmuthzitternden Lippen: »es giebt zuweilen etwas; kein Himmel ist so hell, daß er nicht einmal weinte – und den Himmel auf Erden – glauben Sie es mir, Schwester Veronica! den habe ich grade nicht.«
»Wer hätte den!« erwiederte die Nonne mit aufwärts gehobenem Blicke, der in die Tiefe menschlicher Erfahrungen schauen ließ. »Wir können nur darnach ringen. Und diese Kraft kommt auch von Gott. Thränen fallen wie Thau in der Nacht: sie erfrischen. Der Kummer, auch der längste, gehet endlich vorüber – Ich kenne nur ein Elend, welches bis in Ewigkeit dauert, und das ist der Unfriede.«
Fabia nickte; erschauernd wie im Frösteln eines verweinten Gefühls und dieser Vorstellung sprach sie: »warum sollte ich es Ihnen nicht sagen? ich hatte mich mit Theresen verzürnt, der Bruder ward in den Streit gezogen, er war wie gewöhnlich auf ihrer Seite. Das kränkte mich. Wer ist's, der für ihn sorgt? ihn pflegt und sein Bestes wahrnimmt? – Therese nimmt keine Notiz von diesen Pflichten einer rechtschaffenen Schwägerinn und ihn nur durch flatterhaften Leichtsinn für sich ein. Ich wollte fort – man säet ja doch nur auf den Wind.«
»Der Dank, Frau Fabia,« entgegnete die Nonne, »ist eine Ernte, die man unbewußt ausstreut, ein Lohn, auf den man nie rechnen darf, eine überraschende Freude, wie eine Blume auf dem Felsen: denn sie wurzelt nur in starken Herzen. Der wackere Administrator scheint mir jedoch sehr wohl zu erkennen, was er an Ihnen hat, wenn er sich auch der jungen Frau seines Bruders gleichfalls zuneigt. Bin ich doch selbst der lieben Therese herzlich gut. Ach! ich betrachte sie nie ohne Mitleid.«
»Mitleid?« fragte Frau Fabia mehr mit einem Anfluge von Kälte, als der Verwunderung: »und worin wäre Therese zu bedauern?«
»Solch glücklichem Leichtsinn,« versetzte die Nonne mit weicher Stimme, »ist häufig ein schweres Schicksal zu tragen beschieden. Sie thut mir leid, die holde, hübsche Frau! es ist keine böse Ader in ihr, wenn auch die Pulse hüpfen.«
Fabia schwieg, und Schwester Veronica, als ob sie mit sich selbst redete, fuhr fort: »es ist seltsam, Jeder wünscht sich etwas Anderes, als was er besitzt, tadelt nebenher fremde Eigenthümlichkeit: und wir Alle haben, was wir brauchen. Ausgerüstet für unsere Bestimmung, treten wir in den Kampf der Welt, und an dem Keime unserer Neigungen und wie sich diese entwickeln: daran wäre die Frucht unseres Lebens, ach, die bittere oft! zu erkennen, wenn wir fleißiger nach Innen blickten. Die beschauliche Stille des Klosters führt auf solche Betrachtungen.«
»Der Klosterzwang hatte auch sein Gutes,« sagte Fabia mit einem Seufzer über die Willkür, unter der sie zu leiden wähnte, »und was man immer davon sagen mag, bis auf einen gewissen Punkt hält er doch zusammen. Wo aber die Meinungen so durchaus verschieden sind in Sachen der Seele und Seligkeit, auf der Höhe der wahre Gott angebetet wird, unten aber dem Baal geopfert –« Fabia stockte und sprach nicht vollends aus.
Wie lächelte die Nonne bei dieser Rede! Sie antwortete mit verhaltenem Tone: »unser Kloster ist nicht mehr – sein Altar steht nur noch in meinem Herzen; dennoch Frau Fabia, wenn ich der Wahrheit die Ehre geben will: so muß ich bekennen, der Friede ward hier nicht gefunden, sondern nur gesucht, und höchstens gelernt. Wir Alle müssen Geduld mit einander haben. Und wie von den tausendmal tausend Ehen, die auf Erden geschlossen werden, jedes Mägdlein sich den Verlobten aus eigener Liebe oder besondern Gründen nimmt: so ist auch der Herr jedweder Seele, die sich ihm weihet, ein Anderer. Der Schleier hüllt nicht immer das Heil derselben ein – viel öfterer ein Herz voll Wunden – und die einsame Zelle verbirgt zuweilen einen Stachel, der sich selbst zu Tode trifft. Wenn die Menschen große Prüfungen herbei ziehen wollen: so dürfen sie nur Zank und Zwistigkeit über ein Geringes erheben. Manchmal dachte ich: es muß ein Unglück kommen, und es kam. Da fühlten wir das Band unserer Verbindung, und der Riß ging durch das Leben.«
Während Schwester Veronica also sprach, hatte Frau Fabia sich mit der nun fertigen Guirlande, die sie wie ein Feston schwebend trug, dem Bilde Martin Luthers genähert, um diesen Schmuck daran zu befestigen. Das Blumengewinde, von seiner eigenen Wucht niedergezogen, glitt abwärts, ehe Fabia es dem Rahmen anpassen konnte, und die Nonne daneben leistete ihr mit freundlicher Toleranz Beistand, den Mönch von Wittenberg zu bekränzen. Diese Huldigung ward von Seiten Fabiens emsig, doch schweigend dargebracht. Auch Schwester Veronica verstummte, und richtete den Blick starr auf das Portrait, welches einer andern Erinnerung aufhalf, als der, die sie großmüthig zu vergessen schien.
»Warum ich eigentlich gekommen bin –« sagte sie mit einem gastlichen Geheimniß in der Miene: »man geräth ins Plaudern und ein altes Gedächtniß wird schwach. Sie haben mir versprochen, mich zu besuchen, Frau Fabia, mit Josephine – und Theresen! So lade ich Sie hiermit ein, auf eine Schale Thee, um fünf Uhr, wenn Sie so gütig seyn wollen. Ich bin am Feuer gewesen, Sie sehen es mir noch an. Meine lieben Gäste, auf die ich hoffe, zu bewirthen, habe ich Olyppen gerollt und mürbe Schneetörtchen ausgesetzt, mit Kirschmuß gefüllt, weil ich weiß, Sie mögen dies Gebäck gern.«
»Kirschmuß?« fragte Fabia zerstreut doch dankbar, und der schwarze Groll in ihrem Herzen war unterdessen in Süßigkeit zergangen. Der Gedanke rührte sie, die Nonne wolle ihr, ob auch verschwiegenermaßen, doch nach echtcatholischer Weise, den Namenstag des Reformators feiern – eine Selbstverleugnung, der die lutherische Fabia schwerlich fähig gewesen wäre. Sie antwortete demnach: »Ihre Güte beschämt mich, Schwester Veronica; ich nehme, was mich betrifft, die Einladung mit Vergnügen an, doch würde ich auch zu jeder andern Zeit – – –.«
»Nein,« erwiederte die Nonne sanft beharrend: »warum also nicht heute? Sanct Martin will auch sein Recht haben. Es hat große Männer dieses Namens gegeben. Papst Martin der Fünfte ritt ein weißes Roß – daher vielleicht das volksthümliche Sprüchwort: Sanct Martin kommt auf dem Schimmel; was so viel sagen will, als: daß oftmals zu Martin der erste Schnee fällt. Von meiner Kindheit her war dieser Tag mir immer eine kleine winterliche Vorfeier des heiligen Abends; ich jauchzte, wenn die ersten Flocken die stille Luft einschleierten; dann ward es mir so traut und heimlich düster im Zimmer, ich schmiegte mich in meinen Winkel, spielte Kloster und betete das Christkind an, vor dem ein Paar kleine Lichter brannten. Die Mutter schenkte mir deshalb stets den angemalten Wachsstock voraus.«
Bei dieser Rückerinnerung lächelte die alte Nonne fast kindlich. Sie glich in diesem Augenblicke einem Wachsbilde.
Frau Fabia aber fragte nachdenklich: »war jener Papst, dessen sie erwähnen, mit dem heiligen Martin, den Ihre Kirche verehrt, Eine Person?«
Schwester Veronica verneinte es und sprach: »der sogenannte heilige Martin war ein Muster aller Tugend, ob zwar ein geborner Heide. Er schenkte einst einem Armen, der ihm in erbarmungswürdiger Blöße unter den Thoren von Amiens begegnete, die Hälfte seines eigenen dürftigen Kleides. In der folgenden Nacht erschien ihm der Heiland, und der göttliche Leib war bedeckt mit diesem halben Gewande. Doch dieses dünne düstere Grau hing in den schönsten Farben zusammen geflossen über der Schulter des Gekreuzigten, wie ein Regenbogen am Himmel; Glanz erfüllte das Gemach –« die Augen der Nonne schimmerten.
»Der mildthätige Mann,« entgegnete Frau Fabia, »wird an die Worte der Verheißung gedacht haben: was dem Geringsten meiner Brüder geschieht, soll mir gethan seyn.«
»Noch war er nicht getauft; aber es geschah alsbald,« antwortete die Conventualinn, welche ihren frommen Wunderglauben durch diese biblische Erklärung angegriffen sah. Der Gedanke an den Unterschied ihrer religiösen Meinungen drängte sich in die Lücke des Gesprächs, dann fügte Schwester Veronica hinzu: »auch Martin von Amboise war ein berühmter Mann –.«
Frau Fabia erstaunte nicht wenig, diesen Namen, der in den tiefsten Saiten ihres Herzens Anklang fand, aus diesem Munde zu hören.
Die Nonne war im Begriff zu gehen, vielleicht fürchtete sie auch nur abzuhalten. Personen, welche die meiste Zeit haben, machen in der Regel die kürzesten Besuche und sind überall eilfertig. »Um fünf Uhr, Frau Fabia, ich bitte!« sagte sie, bereits an der Schwelle, »und Therese?«
Mit dieser Frage schien sich heute jede Unterredung für Fabia zu schließen. Sie sprach: »ich werde ihr die Einladung mittheilen und meinen Wunsch, daß wir als gute Freunde zu Ihnen kommen.«
Schwester Veronica lächelte friedselig zu diesem Versprechen. Sie nickte noch einmal und verschwand.
Während dieser Unterhaltung war der Administrator, sobald das Geschäft welches seine Gegenwart erfordert fordert hatte, beseitiget worden, mit starken Schritten allein in seinem Zimmer auf und nieder gegangen. Da trat Major Feldmeister bei ihm ein, Einer der pensionirten Offiziere, ein Hausgenosse des Stiftsverwesers, und diesem der liebste. Nicht der Krieg hatte den wackern Ingenieur zum Invaliden gemacht, oder die höhern Jahre, in denen er stand; er war bei einer Uebung der Artillerie gelähmt worden.
»Bon jour, Freundchen! störe ich?« rief der alte Feldmeister, indem er sich langsam durch die Thür schob; dicht neben ihm drängte sich sein großer Pudel von infernalischer Schwärze, heran: gleichsam der Dritte in diesem Bunde.
Der Administrator begrüßte den Besuch wie einen gern gesehenen, und streichelte den Faust, so hieß der Hund – der Täufling eines Kraftgenies, das weder an Göthe noch Klingemann, oder irgend einer Klinge Anstand genommen hätte, den Schwarzkünstler in seiner Art, also zu benennen. »Schön, aber verteufelt kalt heute!« bemerkte der Major, und glitt ein wenig wankend und mit einem Zuge von Schmerz um den eingekniffenen Mund in einen nahen Sessel.
»Ich wollte nur –« sagte er tiefathmend, »ich hatte mit Ihnen zu sprechen, ehe ich am Ende sitzen bleibe im Winterquartier: denn seit gestern, wo ich, wie Sie wissen, noch in Leidthal war, verspüre ich Gichter im Knöchel.« Der Pudel entzog sich der Liebkosung des Administrators, und lagerte sich zu den Füßen seines Herrn, den zottigen Umhang des Ohres an die kranke Stelle geschmiegt, als wolle er das leiseste Necken heraus hören, und mit einem drohenden Blicke höllischer Melancholie in den röthlichumzogenen Augen knurrte er vor sich hin, als wolle er dem Weh, welches der Major männlich verbiß, rathen, nicht allzu nahe zu kommen: denn ein Funken himmlischer Treue belebte diese hündische Seele.
»Es wird hoffentlich nur ein wenig Rheuma seyn,« erwiederte der Administrator tröstend auf jene Klage, »ein gelinder Schweiß hilft es heben,« dabei trocknete er sich die Stirne, und verbarg eine verstörte Miene in dem feinen Tuche.
»Wie es scheint, Freundchen,« sagte der Major und lächelte: »sind Sie selbst in Transpiration – oder in Angst? das verhüte Gott!«
»Die Weiber haben mir den Kopf warm gemacht« – sprach Jener heftig: »es kostet Kampf, mit ihnen fertig zu werden.« Bei diesen Worten rückte er ein Kästchen mit Cigarren dem Gast zur Hand, und drehete den Hahn an der Maschine von Wasserstoffgas wie mit zürnender Vollkraft, daß der Strahl erschrocken heraus sprang. Es geschah dies mit unbewußtem Nachdruck des Gedankens, er sehe sich genöthiget, ihnen den Daumen aufs Auge zu drücken.
»Glaub's gern,« antwortete der Major gleichmüthig, und schickte sich ohne Umstände zum Rauchen an. »Man hat mit Einer zu thun. Sie stecken mir da wahrhaftig in jedem Sinne ein Licht auf. Oft schon habe ich gedacht, wie Sie nur Friede erhalten mögen unter den Frauen? Feuer und Wasser sind nicht so verschieden wie diese Beiden, und Josephine« – der Blick des Majors streifte den gläsernen Globen – »ist ein Kind des Lichts, eine Tochter der Lust, so zu sagen: denn man weiß nicht, woher? von wannen? genug, die Kleine ist Gott Vaters Ebenbild – und die Frau Schwägerinn eine wackere Stiefmutter.«
Herr Prälat schien das Letztgesagte nicht vernommen zu haben. Er starrte vor sich hin, als dächte er diesem zweideutigen Lobe nach. Der Major fuhr fort: »wenn es denn irrdischen Eigenschaften nachgeht: so muß Frau Fabia einst Schaffnerinn im Himmel werden. Sie ist eine treffliche Wirthinn, das muß wahr seyn. Und diese Ordnung, diese Stille – aber Freundchen, der Mensch lebt nicht von Brod allein. Wenn Sie nun heirathen? wird eine Frau sich dies Regime gefallen lassen? und eine so hübsche Mitregentinn wie Therese dazu? schwerlich. Sie dächte wohl, Jene führte den Scepter im Hause, Diese trüge die Reichs-Insignien im Herzen des Mannes, und so wäre sie nur gleichsam eine Schattenköniginn.«
»Es wird nicht geschehen,« versetzte der Administrator halblaut, ohne sich deutlicher zu erklären, ob er das Heirathen, oder diese Vertragsamkeit meine.
»Es taugt nicht,« fuhr, nun im Zuge, der alte Feldmeister fort: »sich vor der Zeit mit Familien-Verhältnissen zu befassen. Frei muß der Mann seyn, ehe er freit! eine ganze Sippschaft Vettern und Basen rückt ihm mit dem Hochzeittage auf den Hals. Meine selige Frau hatte keine Geschwister, und kaum war ich ein Jahr mit ihr verheirathet: so däuchte es mir, ich hätte das leibliche Kind der Mutter Eva zum Weibe genommen: denn das Menschengeschlecht kam, und wollte mit mir verwandt seyn.«
»Mein Schicksal ist ein Schlangenknoten, schon um meine Wiege geschürzt,« entgegnete der Administrator düster: »und wenn ich den Lauf meines Lebens überdenke: so scheint es mir, ich sey bestimmt, unter falschen Maximen zu leiden. Urtheilen Sie selbst!«
Herr Prälat war in einer jener Stimmungen, welche dem nächsten Zufall den Schlüssel giebt, auch ein verschlossenes Herz zu öffnen. Zumal war dies Herz gepresst wie noch nie; er kannte den Major als einen wackern Mann, und so genügte er dem Bedürfniß des Vertrauens. Indem er eine Tabackpfeife ergriff und lächelnd den Kopf des Mustapha, genannt der Fahnenträger, betrachtete, sagte er: »kein Unterschied des Glaubens, kein religiöses Vorurtheil, und was aus dieser oder jener Gattung für das Leben hervorgeht, ist mir fremd geblieben, den Islam ausgenommen –« hier knurrte Faust, und schnappte wie nach dem Schall dieses Wortes.
Der Administrator setzte sich dicht an die Seite des Majors und sprach: »Mein Vater soll ein Freigeist gewesen seyn – ich will es nicht bezweifeln: denn der Gott in meiner Brust war kein kindliches Erbe, sondern der Segen der Natur. Ziemlich jung noch hatte er eine Wittwe geheirathet, die bedeutend älter war.«
»Taugt nicht, Freundchen,« schaltete der Major ein, und Jener fuhr fort: »diesmal taugte es wirklich nicht, obwohl ich sonst schon gesehen habe, daß dessenungeachtet das Glück einer Verbindung bestehen kann. Ein wesentliches Mißverhältniß entgegengesetzter Art machte diese Ehe unglücklich. Die Frau war coquett und lebenslustig für ihre Jahre, mein Vater weltsatt und ungesellig für die seinigen. So gab es keinen Einklang zwischen ihren Meinungen, und endlich nur den einer Scheidestunde. Sie trennten ein Band gesetzlich, was bereits unauflöslich war: denn meines Vaters Frau sollte nach längerer Zeit ihrer Verheirathung jetzt Mutter werden. Der Verdacht der Untreue, der meinen Vater bestimmte, sich unter diesen Umständen von seiner Gattinn loszusagen, muß durch dringende Beweismittel unterstützt worden seyn: denn er ward von Seiten der Behörden nicht verpflichtet, sich ihrer weiter anzunehmen, oder für das Kind zu sorgen. In öder Vereinzelung ging ihm nun ein langer Zeitraum hin. Er war ein ältlicher Mann geworden, da kam ihm der Gedanke, sich wieder zu verehlichen, und er wählte ein blutjunges Mädchen, meine liebe Mutter.«
Der Administrator hielt inne und seufzte tief.
»Taugt wieder nichts,« brummte der Major sich in den Bart: »hätte ihn nicht nehmen sollen, die arme Kleine.«
»Mein Vater war wohlhabend – und meine Mutter eine abhängige Waise,« versetzte ihr Sohn mit gebundenem Athem: »Gott trat in's Mittel – meine Geburt gab ihr den Tod.«
»Armer Freund!« sagte der Major weich: »so haben Sie das Treueste auf Erden nicht gekannt.«
Der Administrator schwieg einen langen Moment und fuhr dann fort: »mit einer wahren Todesverachtung wiederholter Trennungen heirathete mein Vater alsbald zum drittenmal. Ich war als ein schwächliches Kind, was mühsam behandelt werden mußte, zu der Schwester meines Vaters gekommen, der Frau eines Predigers auf dem Lande. Einst ward ich aus einem harmlosen Spiel empor gerissen, es hieß: der alte Schreiber meines Vaters wäre da, mich zu holen; mein Vater läge im Sterben, und wolle mich noch einmal sehen. Lieber Gott! er hatte mich noch niemals gesehen, seit ich denken konnte. Man kleidete mich an, ein ärmlicher Flechtenwagen hielt vor der Pfarre; ich ward hinein geworfen. Die verschrumpfte Gestalt des Schreibers saß neben mir, oder lag vielmehr wie eine faule Birne auf dem Stroh. Er schlief den ganzen Weg, ich wachte mit regen Sinnen, Bäume und Berge flogen an mir vorüber – die Reise war mir wie ein wüster Traum. – Die Scene meines Empfangs schwebt auf jede Weise dunkel vor meinem Gedächtniß. Das Krankenzimmer öffnete sich mir. Eine spanische Wand verbarg das Bett, worin der Vater lag, und dem Sterbenden einen bittern Anblick. Eine hochbusige Frau probirte eine schwarze Florhaube vor dem Spiegel, der dieses eitle Bild der Trauer verdoppelte. Ein schöner etwa dreijähriger Knabe saß auf dem Boden und stieß, als ich eintrat, in eine kleine Trompete von Blech, als wolle er der Herold meiner Ankunft werden, und als fände nicht die geringste Berücksichtigung Statt, welche die Achtung der Stille erheischte. Welche Macht über die Erinnerung üben Kleinigkeiten aus! glauben Sie es wohl, Major? vor jenem gellenden, schrillenden Hall sinken, wie einst zu Jericho – noch heut die Mauern meiner Seele ein, und ein Gedanke dieses Augenblicks voll Grauen, voll Schmerz, durchdringt mich.«
Der Major nickte zweimal, als kenne er das und Aehnliches.
»Ich trat verdutzt« erzählte Herr Prälat weiter: »an das Lager meines Vaters, mit einer dumpfen Empfindung von Mitleid, Angst und Ehrfurcht, nicht unähnlich der, womit man sich zum erstenmal dem sogenannten heiligen Grabe nähert. Er lag wie ein Ecce homo darin. Seine Augen waren umflort, und ruhten schon in der tiefen Höhle des Todes, seine Glieder ohne Leben wie von bleichem Holz. Er reichte mir mit letzter Anstrengung die feuchte schwere Hand. Am andern Morgen sagte man, mein Vater wäre gestorben. Es war ein großes Begräbniß, ich ging unbetrübt hinter seinem Sarge, kindlich stolz, das erstemal öffentlich aufzuziehen. Meine Verwandten waren auch gekommen; des andern Tages war ein großer Zank; ich erinnre mich, daß meine Tante ein niederschlagendes Pulver nahm. Sie war eine robuste Frau und stets gesund, nie kam ein Arzt über die Schwelle des Pfarrhauses: so gab dies unschuldige Präservativ mir den Begriff einer ungeheuern Alteration. Mein Oheim besaß mit seiner Pfarrstelle eine Widmut, auf der ich mir die ersten Kenntnisse der Oekonomie spielend erworben habe. Meine Tante war mit Leib und Seele Landwirthinn; das liebe Vieh gehörte gleichsam zu unserer Familie. Sie hatte ein eigenes Idiom, sich jedem Geschlecht ihrer Hofhaltung verständlich zu machen. Es heißt gewiß ihrer Sorgfalt für mich den größten Ruhm beilegen, wenn ich sage: sie habe mich mit diesen Pfleglingen in eine Cathegorie gestellt. Das ist deine Amme gewesen, Cölestin! sagte sie und deutete auf eine schwarz und weiß gefleckte Kuh, die vergessend ihrer Segnung, an mir vorüber schwenkte. Ein ägyptischer Schauer rieselte dann durch meine junge Seele; die Tante, obgleich sie eine wackere Christinn war, hätte es, glaube ich, gutgeheißen, wenn man den Sultan Wampum der Heerde auf Knieen verehrt hätte. Standen wir an lauen Sommerabenden am Wasser, und eine Henne lief mit dem Glucken der Angst vor Gefahr am Ufer hin und her, weil die zarten Entlein, die sie ausgebrütet, ihre ersten Schwimmversuche machten – so sagte die Tante: das ist eine bessere Stiefmutter als Deine, armer Junge! – Dann ward mir so sonderbar weh zu Muthe, und ich wünschte mich hinab in den dunkeln Teich, wo er am tiefsten ist. Mit welcher Empfindung belauschte ich, ein Knabe noch! die geheimnißvolle Zärtlichkeit in einem Schwalbenneste! das Zwitschern des mütterlichen Vogels war mir wie der magische Laut einer Welt, aus der ich verstoßen wäre; das geringste Geschöpf schien mir neidenswerth, welches mir Kunde geben könnte von jener Heimath, nach der ich mich sehnte, ohne sie zu kennen. Das Gefühl schützender Liebe, wie die Natur sie lehrt, wurde zu einer Grundidee in mir, zu einem Princip, welches später meine Handlungen leitete.«
»Armer Freund!« sagte der Major abermals mit Blicken voll rauhen Mitleids, und ein leiser Ingrimm zuckte in seinen Mundwinkeln, als er eine neue Cigarre abknirschte, »so hatte die Tante kein Herz für Sie?«
»Ein Herz wohl,« antwortete Jener, »aber nur für meinen Leib, nicht für meine Seele. Der äußere Bedarf galt ihr alles, wie das häufig bei Frauen dieser Art der Fall ist. Sie hatte eigene Kinder gehabt; vielleicht war die Stelle dieses Verlustes zu lange schon vernarbt – und Narben werden Härten.«
»Nun, und der Oheim?« fragte der Major theilnehmend weiter.
»Mein Oheim,« erwiederte der Administrator mit sinnendem Auge, »war ein liebenswürdiger Greis von einer wahrhaft patriarchalischen Einfalt der Sitten. Seltsam! wie ein so schlichter charakterfester Mann sich in die künstlichen Folgerungen eines Systems verwickeln können, so daß er mit sich selbst im Kampfe lag. Er war ein geheimer Anhänger Mesmers, und ging im Forschen der wunderreichen Kräfte, welche dieser Producent zum Wohl der Menschheit darthat, weit genug, um bis an die Quellen der christlichen Offenbarung zu dringen. So hielt er den Messias für einen außerordentlichen Magnetiseur, den Tod am Kreuze für Somnambulismus, die Jünger für Hülfsärzte pro Secundo – und jede That des Heils für eine Wirkung dieser mysteriösen Kraft. – Wohin verirrt sich oftmals ein reger, nicht genugsam beschäftigter Geist! Das Consistorium mogte schwerlich eine Ahnung davon haben: denn mein Oheim galt für ein Muster lutherischer Seelsorge und des unverfälschten Glaubens. Doch um die Göttlichkeit seiner Lehre war es gethan. Der Schmerz des Wissens, der Durst nach Wahrheit gab seinen Vorträgen eine Inbrunst, die sich seinen Zuhörern mittheilte. Das Zutrauen, dessen er genoß, grenzte an Wundergläubigkeit und erstreckte sich weit über die Feldmarken seiner Diöcese hinaus. Er ward verfolgt vom Neide seiner Amtsbrüder. Nach seinem Tode fanden wir ganze Bündel Schmähschriften der benachbarten Geistlichen an ihn, die er mit ordnender Ruhe unter Rubriken der Gehässigkeit gebracht hatte. Ein kleiner Auftritt ist mir eingedenk geblieben. Eines Sonntags nach dem Gottesdienst kam eine Fischersfrau, die zwei Meilen von unserm Dorfe am Ufer des Flusses wohnte, weinend zu meiner Tante. Der Mann wartete draußen. Diese Leute scheueten den langen Weg nicht, um eine Predigt in der hiesigen Kirche zu hören, wo sie ermüdet oftmals nur mit knapper Noth ein Plätzchen zum Sitzen fanden. So wären sie auch, erzählte die Frau, seit geraumer Zeit hierher zur Communion gegangen, und mein Oheim hätte die fremden Gäste am Tische des Herrn geduldet. Nun aber habe der Pastor des Ortes, wohin das Ufer eingepfarrt sey, sie kommen lassen, mit Vorwürfen empfangen, und hart bedroht, daß sie ihm den Beichtgroschen entzögen. Er wolle eine grobe Epistel an meinen Oheim schreiben und sich dies in Zukunft verbitten. Was sagen Sie zu diesem Hirtenbriefe? jener Geistliche war ein communer Neidhammel. Die Fischerinn schluchzte und sagte: nun habe der Herr Pastor, (mein Oheim nämlich) sie heute freundlich ermahnt, ihm fürder keinen Verdruß zu machen; dann setzte sie entschlossen hinzu: ehe ich aber das heilige Abendmahl wo anders halte, so lasse ich es ganz und gar, es muß ja nicht seyn.«
»Blitz! da schlage doch das Wetter drein!« rief der Major mit Indignation: »über die Pfaffen! die lutherischen auch – es ist all Eins. Einer armen Seele den Trost Gottes vorzuenthalten, weil sie ihn, wie billig, nicht aus einer schnöden habsüchtigen Hand empfangen will! – Da wird ja der protestantische Altar zu einer Tetzelsbude, einer Kleinkrämerei von Nichtswürdigkeiten. Unter uns gesagt, Freundchen! ich kann die Schwarzröcke nicht leiden. Der Teufel hole den geistlichen Hochmuth!«
Der Administrator lächelte still. Er sah ein stummes Weilchen mit seitwärts gesenktem Kopfe auf den Turban des Muselmannes nieder, der umwunden von dem Dampfe seiner Pfeife nur bläulich schillerte, wie eine gestorbene Perle. Dann fuhr er in seiner Erzählung fort: »solchergestalt ward mir die Theologie verleidet, die ich nach dem Wunsche meiner Verwandten studiren sollte. Es mischte sich mir ein fixer Gedanke von Haß, Hader und ekler Widersacherei in diesen Stand des Friedens. Die Widmut theilte anderer Seits mein Interesse für den geistlichen Beruf, und schadete demselben in gleichem Grade, worin sie nützte. Wo blühet auf solchem Mistbeet die Lilie des ungefärbten Glaubens? die Rose zu Saron stehet nur im tiefen Thale des Gemüths, einsam und heilig. Den Haushalter über die Geheimnisse Gottes dachte sich meine scheue Hochachtung abgesondert in Gedankenstille von der gemeinen Menschenclasse und ihrem niedrigen Bedarf. – Meine Meinung entschied sich für den Landbau. Die Gleichnisse und Parabeln der Schrift, in deren Worten ich von frühester Kindheit an geathmet, waren wie ein Element religiöser Poesie für jene natürliche Beschäftigung geworden. Die Bilder vom Sämann, vom Waizenkorn, das in die Erde gelegt wird – von der Ernte, den Garben und Schnittern, vom guten Hirten, der das verlorene Schäflein unablässig sucht: faßte ich im Geiste der Natur. Diese fromme Weihe, wenn ich so sagen dürfte – mein christliches Gedächtniß bewahrte mich vor jener Rohheit, die man oft bei dem Betrieb der Oekonomie findet, und welche ein wilder Sproß unveredelter Kraft ist. – Ein blöder Schüler der Welt, kannte ich nichts Süßeres, als frei wie der Vogel in blauer Luft nach meiner Weise zu leben. – Mein Oheim starb – und mit diesen zwei Augen schloß sich der erste Act meiner Jugend.«
»Es ist mir lieb, daß sich das Blatt nun wenden wird, wie?« sagte der Major mit voraussetzender Frage und rauchte stärker: »die Erziehung in den Pfarrhäusern taugt nichts.«
Der Administrator hatte keinen Widerspruch für das Sprüchwort seines alten Freundes; vielleicht gab er ihm schweigend die Ehre der richtigen Anwendung. Nach einer kleinen Erholungspause fuhr er fort: »ich kam nun zu einem Verwandten mütterlicher Seite, der mein Vormund war: dem Stiftscanzler von Sanct Capella, der als practicirender Jurist in M–. wohnte. Im Actenstaube grau geworden, war jeder Lebenstrieb in ihm vertrocknet – er war ein Hagestolz. Die Gesetze standen leserlich auf dem brüchigen Pergament seiner Stirne geschrieben, der Blick seines kleinen Auges, dessen Pupille wie in einem galligten Gelbei ruhete, hatte eine Profundität, die ihm oftmals den Vortrag seiner Clienten ersparte – seine Miene drückte stets auch in ihren wohlwollendsten Modificationen eine Sentenz zu gemäßigtem Zuchthaus aus, und auf den geklemmten Lippen wechselte das Urtheil zu Einbuße oder Leibesstrafe; sie öffneten sich fast nie ohne einen Verlust anzukünden, selbst der Glückwunsch zu einem gewonnenen Prozesse ward durch den Grimm seines juridischen Dämons zu einer Drohung. Und dennoch war dieser wunderliche Mann nicht böse. Er hatte einen ausgebreiteten Ruf, seine Rechtlichkeit war gefürchtet. Die Beamten auf den Klostergütern zitterten vor ihm, die guten Nonnen liebten ihn mit Furcht und schmiegten sich in seinen weltlichen Arm – er war der Donnergott der Abtei. – Ein Geschwisterkind von meinem Vormund und somit auch mir verwandt – führte ihm daheim die Wirthschaft; ein liebes altes blasses Mädchen, an das ich nur mit dankbarer Rührung denken kann. Die gute Beatrix hatte eine kleine heimliche Hauscanzlei, wo stille Gesetze ausgeschrieben wurden, und mein Vormund stand unter diesem Kammergericht, ohne daß er ein stummes Wörtchen davon wußte. – Beatrix, trotz ihrer subalternen Anspruchslosigkeit, war die Justitia des Canzlers. Sie that so simpel, daß man ihr die Gerechtigkeitspflege eines so rabiaten Juristen nimmermehr zugetraut hätte. Sie konnte nicht anders mit Federn umgehen, als daß sie beständig welche rupfte oder schließ – als gälte es das ewige Brautbett des alten Junggesellen. –
Mein Vormund empfing mich mit logischer Kürze, und wies, weil er eben dringend beschäftiget war, mich an die Muhme. Sey mir nicht bange, lieber Cölestin! sagte Beatrix so lind und leidsam, daß ich die künftige Angst wie im Voraus vergütet fühlte: wenn es Dir auch Anfangs nicht bei uns gefällt. Der Herr Vetter ist nicht gar so schlimm. Man muß ihn nur kennen. Einiges will ich Dir aber doch zur Warnung sagen: widersprich ihm nicht! Du kannst Dir ja Einwand und Rechtsmittel vorbehalten. Ich mußte lächeln, so jung ich war, über diese Brocken von der Brodwissenschaft des Vetters, welche die haushälterische Muhme gesammelt. Dann, sprach sie weiter: hüte Dich, mit dem Stuhle zu wackeln, wenn Du bei ihm sitzest! ein Erdbeben würde wohl weniger beachtet, als dies. Endlich lasse nie die Putzscheere unvorsichtig vom Leuchter gleiten. Ich sage Dir: der liebe Gott läßt eher die Sonne aus seiner allmächtigen Hand fallen, und schaut großmüthig drein, ehe der Herr Vetter diesen Fehler vergiebt. – Ich bebte; welch ein Wütherich mußte mein Vormund seyn! – Wir aßen ein kleines vortreffliches Abendbrod zu Dreien, der Canzler schenkte mir liberal Wein ein, um mir Muth einzuflößen. Ich saß unbeweglich auf meinem Stuhle und sah ängstlich hin, so oft Beatrix das Licht putzte. Sie that es jedoch mit fester Hand und winkte mir zuweilen mit den Augen, wenn ich ein Wort sagte, was ihr unpassend schien. Nun, Du willst ein Bauer werden, wie ich höre? fragte der Herr Vetter zwischen dem Essen, und die Frage klang wie Spott. Beatrix zwinkerte schon wieder verneinend. Du hast dreschen sehen, da ist Dir die Lust dazu angekommen, mein Junge. Diese Analogie mit dem Flegel versetzte meiner ökonomischen Liebhaberei einen tüchtigen Schlag. Studiere nur fleißig! sprach er dictatorisch: es wird sich alsdann schon finden, was aus Dir werden soll. Nur kein Jurist! dagegen protestire ich. Bei der Rechtspflege bliebe auch ein Eisenfresser nicht gesund. Man ärgert sich tagtäglich und lebenslang ex officio. Ich warf einen mitleidigen Blick auf die hagere gekrümmte Gestalt des Vetters, und glaubte ihm. – Zu meinem Erstaunen sah ich, daß dieser unwirsche Mann auch jovial seyn konnte, und dies besonders im Umgange mit seinen Collegen. Es fand das beste Vernehmen zwischen ihnen Statt, und nie ward ihm eine Streitsache zu persönlichem Groll. Ich konnte nicht umhin, dies sehr achtungswerth zu finden und dabei an die unaufhörlichen Zänkereien der theologischen Herrn Brüder zu denken.«
»Ja, die Juristen sind cordial!« fiel der Major ein, »aber die beste Cammeradschaft bestehet doch unter dem Militair. Da, wo der Tod Hauptmann ist, schließen sich die Glieder eng zusammen – und Gewalt geht vor Recht.«
»Ich fragte mein Mühmchen einst,« setzte Herr Prälat fort, »warum der Vetter denn nicht geheirathet hätte? – Das sey Gott zu danken – meinte Beatrix und lächelte mit Gleichmuth. Sie ertrug schon ein halbes Säculum seine hypochondrischen Launen. Er habe so viele Ehescheidungen amtlich behandeln müssen, daß ihm ein Abschmack – Abscheu wollte sie vermuthlich sagen – vor dem Ehestand angekommen sey.«
»Taugt nichts,« unterbrach hier der Major seinen Freund, »mit einer Sache zu genau bekannt seyn, die Illusion fordert. Köche haben in der Regel den wenigsten Appetit. Jeder prüfe sein Selbstwerk! – die Unerfahrenheit ist auch manchmal gut.«
Ohne sich durch diese eingestreueten Bemerkungen aufhalten zu lassen, fuhr der Erzähler fort: »wirklich überzeugte ich mich, welche üble Meinung der Canzler von dem weiblichen Geschlecht hätte. Er nahm mich zuweilen mit nach Sanct Capella – die Aebtissinn vergünstigte es. Als wir einst ein wenig illuminirt das Kloster verließen, der ganze versammelte Convent Kopf an Kopf gedrängt uns nachsah, mein Vetter noch einmal zurück grüßte, wendete er sich von dieser Verbeugung zu mir, und sprach listig: gut für manchen wackern Mann, daß Ihr hier aufgehoben seyd im christlichen Harem, Ihr verschleierten Engel! das Stift, glaube es mir, Cölestin! ist eine wahre Büchse der Pandora. Sollten sich diese goldnen Thüren einmal öffnen: Hu! welch ein Heer von Plagen würde da in die weite Welt herausstürzen! – Ich habe dieser Worte später gedacht. Es war ein Seherblick gewesen, den der Canzler damals auf die verschlossenen Pforten warf. Auch war jene kleine frivole Tücke gegen die gutherzigen Cisterzienserinn nicht etwa der Ausdruck eines Spötters in Glaubenssachen. Die Religiosität meines Vetters – er war Catholik – war der geheimnißvolle Respect vor einer himmlischen Gerichtsbarkeit, an die er in terriblen Augenblicken appellirte und: gerechter Gott! sein höchster Ausruf.
Ich lebte eine Reihe Jahre in der That glücklich im Hause meines Vormunds, und danke ihm viel. Dieser strenge Geschäftsmann gab mir privatim ein Beispiel der Toleranz, was mir damals eben nöthig war. Er haßte alles Absprechen nicht nur an Andern, er vermied es auch an sich selbst. Ich äußerte ihm einmal ehrerbietiges Bewundern und ein Wörtchen mit Bezug auf meine früheren Erfahrungen entschlüpfte mir. Er lächelte und sprach: Du mußt wissen, mein Söhnchen, daß diese Eigenschaft einen wesentlichen Unterschied zwischen den Facultäten bemerklich macht, und unsern Beruf gewissermaßen austauscht. Die Theologen sind in der Regel Richter, was sie nicht sollten; – wir dagegen vertreten nach Christenpflicht und von Amtswegen die Fehler und Fährlichkeiten des Nächsten. Sie lassen ihr Licht leuchten vor den Leuten – wir gebrauchen es nur, um auch dem finstersten Falle eine Seite der Entschuldigung abzusehen.«
»Wahrhaftig in Gott! da hat er Recht!« rief der Major aus überzeugtem Drang des Herzens.
Der Administrator schwieg, als wäre diese Mittheilung nun abgebrochen, und sah lange weitschauenden Blickes vor sich hin. Dann hob er mit verändertem Tone an: »ich studirte Cameralia – ging auf Reisen – welch eine Welt liegt zwischen diesen schmalen Grenzen auf der Charte meines Lebens! – Ich hatte einen Freund – –« ein tiefer, schwerer Odemzug, wie wenn dies Wort sich nur mit Ketten aus dem Born der Seele wände.
Der Major besaß bei einer rauhen Außenseite den zartesten Sinn der Freundschaft. Er sagte: »falscher Conjunctiv, Freundchen! Sie haben einen, der nicht alles zu wissen braucht. Lassen Sie ruhen, was sich nur mit Seufzern heben läßt. Taugt nichts, erschöpftes Vertrauen. Ich wünsche nur noch zu erfahren, wie Sie eigentlich zu der weiblichen Drei-Uneinigkeit gekommen sind? Josephine, das friedsame Täubchen! ist nicht in diesem Zwiespalt begriffen. Sie ist auch hier als der heilige Geist die schwächste Person dieser Trinität und eine wahre Vergebung der Sünden. Wie?« fuhr der Major abstrahirend fort: »ists nicht so? werden nicht dem heiligen Geist selbst im Glauben nur flüchtige Honneurs gemacht?«
Der Administrator lächelte wie ein Leidtragender, dem ein zerstreuender Tröster von den Verhältnissen des Himmelreichs vorspricht. Er antwortete: »ich habe meine Geschichte so weit angelegt, daß ich schwerlich damit an das Ziel gelange. – Meine hiesige Umstellung knüpfte sich an Fäden, welche noch mit der vormaligen Einwirkung meines Vetters, des Exkanzlers, zusammenhingen. Er starb bald darauf. Die gute Beatrix war längst todt. Man fand sie eines Morgens entseelt, mit dem Angesicht in eine Wolke von Flaum gesunken. An den starren Wimpern hingen die zarten Federn; aber sie bewegten sich nicht mehr vor dem verschlossenen Munde: es schien, als ob sie ohne einen Hauch der Todesangst verschieden sey. Dieses sanfte plötzliche Sterben in weicher Pflicht, wie wenn der Schlaf einen Müden überrascht, war die schönste Gabe ihres armen harten Lebens. So oft mein Vetter mir das erzählte, und des Anblicks jener befiederten gestorbenen Augen gedachte, die so treu auf seinen Vortheil gesehen, gingen ihm die seinigen über. – Meine Lage als Administrator gefiel mir wohl; sie war gewissermaßen das Resultat der Ergebnisse meiner früheren Jugend. Hier konnte ich ein Landwirth seyn im weiten Felde der Industrie, nicht beschränkt auf die Hufe eines engen Besitzthums, und zugleich ein Diener des Staats, dem ich mit all meinen Kräften zu nützen wünschte. Meine Vorliebe für diesen Ort war sich gleich geblieben. Wie oft hatte der catholische Gesang von Sanct Capella, die heilige Nonnenstille, der Weiheduft andächtiger Mysterien, den lutherischen Jüngling in mittelalterliche Träume gewiegt! ich war nun erwacht, und Alles war anders und wirklich. Doch noch jetzt schlägt die große Glocke mit jenem romantischen Klange tiefe Saiten in mir an, und wenn Fabia mit dem großen Schlüsselbunde durch den Kreuzgang geht, muß ich der Pförtnerinn gedenken und jenes kleinen klingelnden Geläuts in ihrer Hand, welches, meinem Gefühl nach, den Chor seliger Geister in einem Himmel öffnete, den die Welt fälschlich für ein Grab der Lebendigen hielte. – Wie öde reformirt war nun das schöne Stift, wie profan geworden! – ich schützte mit Pietät, was noch aus dem Umsturz jener Verhältnisse zu erhalten war. Die Hand, welche leise und achtsam an das heilige, das genommene Recht rührte, war desto eifriger, wo es den Ertrag der Grundstücke galt. Man sprach davon: es sey im Werke, das pompöse Gebäude zu einer Strafanstalt, einem Spinnhause, herabzuwürdigen; diese Möglichkeit empörte mich. Dann sollte es zu einer Seidenfabrik benutzt werden, endlich wolle man, hieß es, eine chirurgische Pepiniére daraus machen. Ich kam den Behörden mit einer Proposition von meiner eigenen Idee zuvor. Solle es denn nun einmal hier gesponnen oder geschnitten seyn: wohl! so gebe man den Parzen Wohnung, und lasse verdiente Offiziere hier leben und sterben. Dann zieht die Ehre ein und nicht die Schmach, und statt Mühe, Plage und Schmerz webt in diesen Mauern das Seidenleben der Ruhe. – Es wurde provisorisch zugestanden.«
Major Feldmeister reichte dem Administrator mit einem gerührten Blicke die Hand und sagte kein Wort. Er dampfte nur einen unendlichen Qualm aus, als wollte er sagen: »bis an meinen letzten Athem werde ich Dir dies danken.«
Und der bürgerliche Prälat der einst gefürsteten Abtei sprach: »ich orientirte mich nunmehr. Das Drängen der ersten Einrichtung ließ mich wenig zu mir selbst kommen. Es waren Rückstände zu bearbeiten, mein Vorgänger hatte lange darnieder gelegen – auf den versäumten Gütern lag mehr als ein Feld der Nutzung brach. An geselliges Bekanntwerden in der Nachbarschaft zu denken, hatte mir noch keine Zeit geübrigt. Es war in einer Geldangelegenheit von Belang, wo ich gesprächsweise den Oberförster zu Rathe zog. Das wird Ihnen ihr Vetter, der Rentmeister in Bühle, am besten sagen können – meinte er. Mein Vetter? fragte ich befremdet; ich wußte von keinem. Nun ich dachte nur, antwortete Jener, weil er eben so heißt, Sie wären mit einander verwandt. – Dies gab mir ein Interesse mehr, dieser Weisung zu folgen, und den Mann meines Namens kennen zu lernen. Ich ritt desselben Tages noch hinüber. Es war im Mai. Ein Gewitter schauerte über die quellenden Saaten; doch sah ich wohl, es würde vor der Nacht nicht kommen. Ein eigenes Gefühl von Schwermuth oder Ahnung preßte mir die Brust, als laste ein nie getragenes Gewicht mir auf der Seele. So kam ich an den englischen Garten von Bühle. Die Sonne schoß eben einen goldrothen Pfeil auf das steinerne Windspiel, welches am untern Ende des Parks auf einem Postamente ruht. Es blickte mit todten Augen in den flammenden Köcher – ich weilte einen Moment an dieser Stelle und dachte: da liegt der Hund begraben! Gott weiß, durch welche Association der Ideen mich der Gedanke geisterhaft ergriff: es läge unter den dunkeln Schatten dieses Ortes irgend ein Geheimniß verborgen, was meiner Theilnahme angehöre! – Das große gothische Schloß, die Colonnade vor den Wohnungen der Beamten, schien mir schön aber düster, und ich gab dies Clair-obscure meiner innersten Auffassung der frühlingstrüben Atmosphäre Schuld. Innerhalb der Gehöfte war es auf die bängste Weise still, nur der Brunnen machte ein kühles Geräusch und die Wasserkufe schäumte über. Ich sah Niemand, den ich nach dem Rentmeister fragen konnte. Da öffnet sich leise eine Thüre hinter der Colonnade, ein Mädchen, kaum jungfräulich erwachsen, tritt hervor, ein feines Glas in der zarten weißen Hand, und wirft einen schüchternen Blick auf mich, den Mann zu Pferde. Es liegt etwas Poetisches, Major, in dem Anblick eines schönen Kindes am Brunnen; der Durst des Herzens, worin er auch bestehe, wird dadurch gelöscht. – Ich fragte höflich, ob ich den Rentmeister zu Hause anträfe? die Kleine nickte – es war Josephine.« Jetzt nickte auch der Major.
»Ich band mein Pferd an eine Säule und folgte ihr. Sie bat, daß ich einen Augenblick verziehen mögte, denn der Vater wäre krank, und sie müsse es ihm erst sagen, daß ihn Jemand zu sprechen wünsche. Ich wartete vor der Thüre zu ebener Erde; drinnen entstand ein ungastfreundliches Gemurmel, dazwischen hörte ich Josephinens Stimme wie vorbittend. Endlich winkte sie mir. Ich trat in ein tristes Zimmer. Grüne wollene Vorhänge verdunkelten es, und warfen noch bleichere Schatten auf einen kranken Mann, der bei diesen schwülen Wärmegraden in Betten eingehüllt auf dem Sopha saß. Eine Frau rückte ihm die Kissen zurecht, und schien, mit Sorgfalt um ihn beschäftigt, sich nicht um den Eintritt eines Fremden zu kümmern. Der Anblick dieses Kranken erschütterte mich. Ich stellte mich ihm vor, und fragte beklommen: ob unser Gleichname vielleicht Grund in einer entfernten Verwandschaft hätte! – Der Rentmeister lächelte – o! furchtbar lächelte er. Seine Antwort lautete: verwandt? nein, Herr Administrator, wir sind nur Brüder. – Mein Blick sah ihn mit – Entsetzen, mögte ich es nennen, auf die Wahrheit dieser Aussage an; dunkel hatte es mir vorgeschwebt, dieser Mann könnte der Sohn meines Vaters seyn. Er war gegen mich ein Greis, eine ganze Lebenslänge schien sich zwischen uns hinzuziehen; doch der verknüpfende Faden blieb und zerriß in jener Minute mein Herz. Jetzt wußte ich, warum mir so ahnungsvoll zu Muthe gewesen, was dieser Weg mir aufgebürdet hatte. Meines Vaters Freiheit hemmte mich wie eine Kette, deren tausendstes Glied noch getragen werden muß. Mein Bruder! und mir so todesfremd! – Getrennte Ehen sind es, welche eine Weltverbrüderung unmöglich machen, und das Band der Menschheit auflösen. Mit diesem stillen Bekenntniß legte ich mir selbst das Gelübde ab: scheiden lasse ich mich nimmer! – Ich wagte ein brüderliches Wort an den Rentmeister. Er nahm es nicht auf, und nannte mich Sie. Ihr Vater, Herr Prälat, sagte er, als ginge ihn dieser Name gar nichts an, verstieß mich im Mutterleibe, und wer einmal unter der Bank geboren ist, kommt nie auf. – Diese Worte deuteten mir langes Unglück an und einen zerbrochenen Geist. Eine Thräne schlich über die Wange seiner Gattin, welche sie verstohlen abwischte; Josephine schlich leise hinaus. Ich hatte nicht den Muth, nach seinen früheren Verhältnissen zu fragen. Spät ritt ich nach Hause. Der Donner rollte krachend, die Wolken waren Feuerschlünde, es regnete wie mit Giesbächen. Ich empfand wenig von der empörten Natur. Meine Seele bebte noch unter stärkeren Schlägen, und die einzige Thräne meiner Schwägerinn hatte mich mehr erweicht, als dieses Sturzbad. Sie werden leicht denken, daß ich nicht säumte wieder nach Bühle zu kommen; doch nur langsam gelang es mir, mich meinem Bruder zu nähern und Eingang in sein Vertrauen zu finden. Seine Frau, ob zwar auch zurückhaltend, war dennoch freundlicher mit mir. Ich merkte bald, daß sie zu den Stillen im Lande gehöre, und eben so, wie oft der Unmuth ihres Mannes über eine Frömmigkeit laut werde, die ihm doch in der Geduld, womit sie seine Leiden ertrug, zum Seegen gereichte. Aber mein Bruder war menschlichen Ansehens nach ein Mann des Todes, und sein Gemüth schien mir noch kränker. Wie viel die Frau für seine Pflege that: eine größere Kraftanstrengung entwickelte sie, seine Seele zu retten. Sie ließ seinen Eigensinn und die Natur gewähren, wenn er den Arzt nicht wollte; aber sie quälte ihn partout mit dem lieben Heiland.«
Der Major schüttelte den Kopf und sprach: »taugt nichts, daß solch heilige Liebschaft aufdringlich werde; der Mann muß dem besten Freunde die Thür des Hauses und Herzens selbst aufmachen.«
»Einst kam ich dazu,« fuhr der Administrator fort, »als Beide in streitendem Gespräch über die verstörende Ursache seiner jetzigen Leiden waren. Mein Bruder schwieg sogleich; aber Fabia, gestützt auf die Autorität ihrer Gottseligkeit, konnte nicht abbrechen, ohne weiblich das letzte Wort zu behaupten. Sie sprach: Sey nur getrost! es wird uns im Himmel wohl belohnet werden, so man uns um Gerechtigkeit willen verfolgen sollte. Da fuhr mein Bruder heftig auf. Um Gerechtigkeit willen? Frau, Du faselst! eine Schändlichkeit ist es, die ich werde verantworten müssen; ich sage Dir: es ist kein größerer Betrug erfunden worden. Der Glaube an eines Menschen Wort ist mein Unglück gewesen und mein Elend geworden – ich will Gott nun nicht mehr versuchen. Es lag eine Resignation darin, die mich mit kalter Hand durchgriff. Fabia entfernte sich; ihr Mann fiel erschöpft in einen fieberhaften Schlummer, ich ging seiner Frau nach. Sie stand im Gärtchen, begoß ein Blumenbeet mit ihren Thränen und rang in christlicher Verzweiflung die Hände über den weißen Lilien. Ich redete ihr zu. Fabia verklagte den unbeugsamen Sinn ihres Mannes, der jedem Gnadenmittel widerstände und nicht arbeiten möge an seinem Heil. Ein Luftzug führte die leise ängstliche Frage von ihren Lippen: ob er nur selig werden wird? Die Lilien nickten. Ich sagte, was ich dachte: daß diese Kinder ihres Schöpfers auch nicht arbeiteten im reinen Glanz ihrer Heiligkeit, und dennoch erständen zur Frühlingsfreude der verjüngten Erde. –
Fabia schien nicht einzugehen in diesen natürlichen Trost. Sie sagte: seine Mutter ist lediglich Schuld daran. Diese war ungewiß über den Vater – seinen Vater – darum zweifelt nun der Sohn an Gott! – So schob meine Schwägerinn ihren Scrupel, ob ihr Mann das ewige Leben haben werde, Denen zur Last, die ihm das irdische gegeben. Bald darauf ward es schlechter mit dem Bruder. Kurz vor seinem Tode übergab er mir die Sorge für seine Witwe, für sein Pflegekind, legte den Schlüssel zu einem wichtigen Geheimniß in meine Hände – dann drückte ich ihm die Augen zu. Das Recht eines Gestorbenen zu vertreten, darf ich keinen eigenmächtigen Schritt thun noch gestatten, eine schwere Verpflichtung hält mich an Fabia fest. Sie sehen also, wie viel mir daran gelegen seyn muß, Einigkeit unter den beiden Frauen zu erhalten: denn auch Therese – –« hier summte die elfte Stunde vom Klosterthurme. Der Major fuhr elektrisch zusammen, wie von diesem Schlage gerührt. »Elf! ich muß nun fort, und es wird mir den ganzen Tag seyn, als stäcke ich mit einem Arme nur im Aermel des Rockes. Ich habe dem Hauptmann Moorhausen eine Parthie Piquet vor dem Essen versprochen, und halte Wort, wenn auch ihm kein wahres Wort aus dem Munde geht. Das Genie dieser Art muß in den Endsylben dieses Namens wohnen: Moorhausen! Münchhausen! – Wie hat er uns vorgestern wieder belogen! er sprach von seinem Gute in P. – Wir lachten unvernünftig. Er nahm es nicht übel – das war honett. Aber – Ihre Geschichte, Freundchen ist mir in Wahrheit interessant; der Schutz, den Sie der Frau Fabia angedeihen lassen, hat seinen gediegenen Grund, ich bin nur curios, welcher Wind Ihnen die flatterhafte Therese zugewehet haben mag? – allzugroßmüthig seyn, taugt nichts.«
Das Reitpferd, worauf der Administrator täglich um diese Zeit die Ronde zu machen pflegte, ward vorgeführt. Der Major erhob sich mit steifem Gelenk, Faust schüttelte den schwarzen Mantel. Im Begriff zu gehen, sagte der Major: »da fällt mir ein, ich habe ganz vergessen, weshalb ich eigentlich gekommen bin. Ich wollte ihnen auch ein Geschichtchen erzählen, was fabelhaft klingt: das Mährchen vom gläsernen Pantoffel. Mein Neffe – doch jetzt ist's zu spät; wo werden wir nur all' die Zeit zu den vielen Reden hernehmen?«
»Wir sprechen uns bald wieder –« vertröstete Herr Prälat, und griff nach seinem Hute. Er hatte sich die Brust doch etwas freier gesprochen. Es ist gut, wenn sich die Menschen zuweilen des Warums ihrer Bürden bewußt werden; die Nothwendigkeit, sie zu ertragen, wird ihnen alsdann klar und leichter.
Sanct Martin war und blieb gegen seine Gewohnheit hell und schön. Sonst hat an diesem Tage der Himmel Baumwolle feil, und die Luftgeister sind geschäftig, der Natur eine weiße warme Schlafmütze daraus zu weben. Doch heute schritt der Herbstheilige, der sonst winterrüstig erscheint, in heiterer Luftigkeit einher, und grüßte mit dem gelben Sommerhute so herablassend freundlich, daß die schläfrige Welt munter aufwachte und träumerisch hoffte, der Sommer wolle noch einmal wieder kommen. Hier und da zwitscherte ein schlaftrunkener Vogel, robuste Bäuerinnen verbauten die kleinen Fenster mit Moos, um im Grünen zu arbeiten – der klösterliche Invalidenstamm rückte lustig ins Feld.
Schwerlich dürfte der glänzendste Thé dansant im schönsten Salon der Residenz eine wichtigere, wenn auch andere, Beklommenheit der Erwartung erregen, als bei den Damen des Stiftes der simple Nonnenthee in Veronicas kleiner Zelle, wohin sie geladen waren. So sind die Vergnügungen der Geselligkeit, wie verschieden auch gestaltet und bedingt, sich doch in ihrer Wirkung überall gleich. Zudem machte der seltene Schritt aus dem engen Kreise heiliger Regel diese Einladung zu etwas Außerordentlichem, und die stille Geschäftigkeit der priesterlichen Jungfrau, der Opferrauch ihrer Küche oder Küchel, wie Veronica sie nannte – legten einen unbewußten und geheimnißvollen Altarwerth auf den kleinen Theetisch der Nonne.
Als es nun in den gewölbten Räumen des Klosterhauses zu düstern begann, die Schatten des Abends längs den kalten Wänden hinschlichen, flimmerte es schon lichterhell in Veronicas Stübchen. Mit dem Glockenschlage Fünf standen die Schwägerinnen und Josephine an dieser geweihten Thür, hier wußte man nichts davon, oder wollte nichts davon wissen – daß ein verspätetes Erscheinen für bedeutend gelte. Schwester Veronica empfing ihren Besuch erhitzten Angesichts und mit einer gewissen gastlichen Feierlichkeit. Die Zelle, noch immer ein geistliches Betstübchen, hatte nur einen Anstrich von Häuslichkeit bekommen, die jedoch in ihrer einfachen Beschränkung dem religiösen Charakter der Einrichtung nicht zu nahe trat. In einer Nische sah seit manchem Jahr die Mutter Gottes mit dem Kinde auf das jungfräuliche Bett herab; das Waschbecken und die Wasserflasche von englischem Zinn blinkten in Formen wie Geräthe der Sacristei, in die blendende Serviette über dem aufgeklappten Tisch war das Lämmlein mit der Kreuzesfahne gewebt, die Lichter von gelblichem Wachs warfen kirchlichen Schein, und bei jeder der drei Tassen lag ein kleiner Blumenstrauß, bei Josephinens aber der schönste. –
Therese, durch den gehabten Zwist und die spät erfolgte Versöhnung empfänglich gestimmt für den Eindruck solch einer Umgebung, sagte: »wie heimlich ists hier! wie hübsch! ich könnte gern hier wohnen, einzig und allein.« Josephine wußte hier Bescheid. Wie mit dem Vorrecht eines Kindes zog sie die grünen Bettvorhänge auseinander, schmiegte die warme Mädchenwange an die gesteppte Decke, schlug das blaue Auge gegen die dunkle Madonna auf – in diesem Wechselblicke lag eine Welt der Ahnung – und flüsterte: »wie traut! wie lieb! ich mögte ewig hier schlafen! –«
Frau Fabia sagte nichts der Art. Sie bewunderte das Compendiöse dieses Locals, lobte die Nützlichkeit des kleinen Sparofens, und sah dieser frommen Clause die häusliche Seite ab. Die Bouquets gaben dieser Winterstunde einen schwachen Hauch von Sommerduft, und die Damen freuten sich daran. Man wunderte sich, wie Veronica diese Blümchen so spät noch erhalten könne.
»Ich war von Kindheit an eine glückliche Gärtnerinn,« erwiederte die Nonne hierauf, »und schleppte mich mit Pflanzen hin und her, woraus mein Vater die Folgerung zog, ich würde eine treufleißige Mutter werden, die da Segen mit der Erziehung ihrer Kinder hätte.« Sie lächelte wundersam, wie über einen zerronnenen Traum.
»Schade!« sagte Fabia leise. Veronica hatte dies Wörtchen nicht gehört. Sie machte mit sichtlich gutem Willen, wenn auch nicht mit der Uebung einer Weltdame, die Wirthinn, schenkte Thee ein, warf Zucker in die Tassen, und besann sich alsbald, daß sich das nicht schicke, und das Maß der Süßigkeit dem Geschmack eines Jeden selbst überlassen bleiben müsse. – Dann präsentirte sie das lockende Backwerk, von den Schwägerinnen als trefflich gerühmt. Man bat um die Recepte, inzwischen las Josephine schon Eines. Sie hatte dies Papier an dem für sie bestimmten Platze unter dem Sträuschen liegend gefunden; es lautete: »nimm fünf Loth Ernst, zehn Loth Geduld, zwanzig Loth Sanftmuth, und hundert fünf Loth Demuth, dieses alles stoße wohl unter einander im Mörser des Glaubens, mit dem Stempel der Stärke, rühre ein Viertelpfund Hoffnung dazu, schütte es in die Pfanne der Gerechtigkeit, und lasse es bei dem Feuer der christlichen Liebe gar kochen. Alsdann bewahre es wohl, damit der Schimmel der Eitelkeit nicht ansetze. Mit dieser Salbe streiche Dich des Morgens und des Abends: es ist ein Mittel gegen die Hölle.«
Therese seufzte, als wäre der Athem ihres Busens mit all diesen Gewichten beladen. Die Nonne aber sprach: »ein Arcanum, der künftigen Hausfrau zu Nutz und Frommen! meine Mutter hielt es für probat.«
»Sagen Sie, Schwester Veronica,« fiel hier Therese ein: »sind Sie wirklich aus wahrem Klosterberuf Cisterzienserinn geworden? ich wüßte kaum, wie ich mir dies als möglich denken sollte.« Ihre Miene zweifelte. Die Nonne sah die lebenslustige junge Frau mit einem Blicke an, worin sich die schweigende Entgegnung aussprach: »Christum lieb haben, ist besser, denn alles Wissen –« und nach einem kleinen Besinnen antwortete sie: »die innersten Triebfedern kennt nur Gott allein, und das Herz mag sich zu tausendmalen eine sich der Welt entschwingende Seele bewegt haben; doch – wenn ich einen Rückblick auf mein langes Leben werfe, und auf den Gang meines Schicksals, der sich in diesen stillen Mauern endet, so mögte ich doch glauben, es sey des Himmels Wille gewesen, daß ich mich ihm weihe, und die frühesten Eindrücke des Gemüths, alle Umstände meiner Jugendzeit hätten dazu dienen müssen, daß meine Bestimmung erfüllt werde. – Im Keim der Zukunft ist die verhängnißvolle Blume eingeschlossen, und der Mensch entwickelt sich mit ihr. Unserer heiligen Märtyrer Einige, die in den Flammen gestorben, fingen damit an, den Finger in das brennende Licht zu halten, um zu versuchen, wie lange sie Feuerschmerz aushalten könnten. – Warum sollte ich es ihnen nicht erzählen? ist doch nun Alles überwunden.« Die beiden Frauen bezeigten ein neugieriges Interesse an dem, was ihnen Schwester Veronica mitzutheilen hätte, und setzten sich zum Hören zurecht; nur über Josephinens Gesicht glitt ein Schatten zarter Furchtsamkeit, als scheue sie es, daß ihre ehrwürdige Freundinn zur bloßen Unterhaltung Narben enthülle, die einst vielleicht schmerzlich geblutet hätten. Sie zog die schneebleiche Hand, welche keinem Mann angehört, sacht und seitwärts an ihre Lippen und küßte sie mit Ehrfurcht.
»Mein Vater,« begann die Nonne, »war ein gelehrter Mediziner und Arzt am Jesuiter-Collegio in B–. Sein einnehmendes Betragen, äußerst verbindliche Manieren, so weit ich mich deren erinnern kann – seine stattliche Gestalt und großen Kenntnisse, gewannen ihm aller Menschen Gunst und Zutrauen, weshalb er denn eine verbreitete Praxis besaß. So dächte man nun, meine Mutter müßte eine glückliche Frau gewesen seyn. Doch nicht also. Sie weinte oft still und bitterlich. Ich schmiegte mich dann als ein kleines Kind in die nassen Falten ihres Kleides, ohne zu verstehen, was sie so betrübe – späterhin ist mir die Quelle ihrer Thränen wohl klar geworden. Manche Zähre aus dem Auge der Gattin, was nicht blind war für die Abwege des Mannes, ist damals auf mein Haupt gefallen –: dies war die erste Salbung zur Klosterfrau. – Meine Mutter,« fuhr Schwester Veronica fort, »soll in ihrer Blüthe ausnehmend hübsch gewesen seyn.«
Die drei Zuhörerinnen sahen die Nonne auf den kindlichen Ruhm jener Schönheit an, die längst schon Staub war, im Einverständniß der Meinung, daß dies glaubhaft sey, und noch aus den dunkeln Umrissen des Alters ihrer Tochter erhelle.
»Mein Vater,« so war der weitere Verlauf der Erzählung, »hatte sie aus heftiger Zuneigung geheirathet, er scherzte zuweilen im Beiseyn der Freunde meiner Eltern oder Fremder über seine Bräutigams-Thorheiten – wie er sie nannte – die Mutter aber ging nie in diesen Ton ein. Sie blickte ernst und bekümmert dazu. Ich entsinne mich genau, daß dies eine Empfindung in meine Seele legte, als wäre die Liebe eines Mannes kein Glück, mindestens kein dauerndes Glück. Das Einkommen meines Vaters setzte sein Haus in Wohlstand. Wir sahen oft Gäste bei uns. Die elterliche Güte für mich, das einzige Kind, überschüttete mich mit kleinen Schätzen, ein unerfüllter Wunsch fand nicht Raum unter den angehäuften Spielsachen; dankbare Kunden meines Vaters beschenkten mich kostbar, und dieser Ueberfluß machte mich gleichgültig gegen den Besitz. – Meine Mutter hatte einen ältern Bruder, der war ihr Beichtvater und Erzpriester an der Stadtkirche. Niemand sah ich so gern kommen, als ihn, den freundseligen lieben Mann, dem der Trost unsichtbar zur Seite ging. Stets brachte er mir Etwas mit, woran ich besondern Gefallen fand, und immer war die Mutter ruhiger, wenn er einmal da gewesen. Diese Freude, dieser Frieden mischte sich in meine dämmernden Begriffe vom geistlichen Stande. Der Vater mogte ihn nicht leiden, und dies kränkte meine Mutter sehr. Einst zog mein Ohm, nachdem er mich lange hatte rathen lassen, was er in der weiten Tasche seines Rockes trüge, eine Puppe hervor, eine allerliebste Nonne von unserm Orden, und mein Entzücken darüber war unbeschreiblich. Ich küßte die Farben von dem kleinen Gesicht, daß es todtenweiß ward, und drückte die wächserne Brust mit solcher Innbrunst an die meine, daß sie zerspringen mußte. Am liebsten spielte ich Kloster, sang tiefe Weisen wie Choräle, was der Vater manchmal mit einem Fluche untersagte, indem er glaubte, ich spiele Begraben. – Er war, beiläufig gesagt, nicht von allem Aberglauben frei, hinsichtlich auf seinen Beruf.«
Therese unterbrach die Geschichte der Nonne mit den Worten: »man sagt, es soll von wesentlichem Einflusse auf das Geschick der Kinder seyn, an welchen Gegenständen sich ihr Liebessinn übe. Sie selbst, Schwester Veronica, liefern einen Belag zu dieser Erfahrung. Hätte ich einst ein Püppchen, ich ließe es nur mit Engeln spielen.«
Frau Fabia konnte nicht umhin zu erwiedern: »dann würde es nicht lernen, Menschen zu ertragen.«
Wir lassen es, der Wahrheit dieser Bemerkung unbeschadet, dahin gestellt, ob weiblicher Neid gegen das ihr versagte Mutterglück, oder verletzte Verehrung für die höhern Kinder Gottes, sie in Anregung gebracht habe.
»Die gute Mutter,« nahm die Erzählerinn den abgerissenen Faden wieder auf, »ließ mir ein kleines Sprachgitter machen, und lehrte mich in ahnungsloser Zärtlichkeit, wie ich mich dabei benehmen sollte. Gewiß ist es, daß diese kindische Spielerei mein Sinnen und Trachten richtete. – Doch hören Sie nur weiter. Zuvor aber noch eine Tasse Thee, ich bitte! er ist nicht stark.« Zeitweiliges Nöthigen. Das Geklirr der Tassen, der leise Guß des goldgelben Wassers, das Geprassel der mürben Brezeln und Mandelplätzchen, ein dankendes oder ablehnendes Wort, füllte die Pause der Geschichte, bis Veronica sie fortsetzte. »Das Haus meiner Eltern, worin meine Mutter geboren wurde, stand am Marktplatze, dicht neben dem sogenannten Rathskeller, den die Gebrüder Posca, ein paar Italiener, in Pacht hatten. Dort fanden sich die Patrizier der Stadt ein, und mein Vater ging jeden Abend – kaum machte der heilige Abend eine Ausnahme von dieser leidenschaftlichen Gewohnheit – in diese Tabagie, ein Gläschen Montefiascone zu trinken. Nur Geschäfte hielten ihn ab, doch nie Liebe für die Seinigen. Meine Mutter saß wie eine verwittwete früh und spät mit mir allein; es war dann so traurig und waisenhaft still um uns her, und die Uhr schlug manchmal schauerlich die zwölfte Stunde, ehe der Vater heimkehrte. –
Die Mutter ertrug zwar duldsam, was sie nicht ändern konnte, ich habe nie gehört, daß sie dem Vater deshalb Vorwürfe machte; dagegen nährte sie einen seltsamen Groll gegen die Menschen, die ihrer Meinung nach daran Schuld wären, daß sie so hintangesetzt würde, und ihr Haß erstreckte sich über ganz Welschland. Von einem italienischen Salat hätte sie nimmer einen Bissen angerührt; ich würde nur Gift und Galle essen – sagte sie einmal zu mir, als ich sie in Gesellschaft bat, von solch einer Schüssel ein wenig zu nehmen. – Mir war diese Nachbarschaft unbeschreiblich anziehend. So oft ich mit meiner Mutter im Dunkeln von einem Gange nach Hause kam, bat ich sie, vor den geöffneten Thüren dieser Unterwelt einen Augenblick stehen zu bleiben. Die Lampe, welche die feuchten Stufen erleuchtete, hatte einen zauberischen Schein, es zog mein Herz hinab – ich wußte nicht, wie? das fremdartige Rufen der dienstbaren Geister, die Glocke, welche geläutet wurde, wenn Einer der Weingäste etwas begehrte, brachte meine junge Seele in eine ganz eigene Schwingung. Die Mutter mußte mich mit Gewalt fortziehen, und ich erinnre mich, daß sie einst seufzend sagte: der Rathskeller hat Dir's angethan, wie Deinem Vater. – Einer der Brüder Posca hatte seine Familie noch in Verona, und nie ist dies sonderbare Verhältniß mir deutlich geworden. So war ich herangewachsen. Einst kam mein Vater in nächtlicher Zeit etwas benebelt heim – dies war sonst sein Fehler nicht. Ich lag zwischen Schlafen und Wachen mit dem Kopfe auf meiner Mutter Schoße und hörte das Gespräch der Eltern. Mein Vater erzählte, wie er diesen Abend dem Peter Posca die Hand darauf gegeben habe, daß, wenn sein Sohn, der das Geschäft fortführen sollte, nun käme, was zu erwarten, und hätte seinen Beifall: so solle er auch die einzige Tochter haben und sein Eidam werden. – Ich fühlte, wie meine Mutter erschrak, und elektrisch zuckte der Schlag dieser Worte durch meine Glieder. Du wirst doch unsere Clara – so hieß ich in der Welt – nicht einem Weinwirth geben? fragte sie mit bebender Stimme; solch ein Italiener, wenn er noch nicht gebleicht ist und kaum ein Wort Deutsch versteht, kommt mir vor wie ein Bandit. – Es gab eine feine Linie für meinen Vater, wo seine angetrunkene gute Laune in Jähzorn überging; auf dieser Linie schwankte sein Ton, womit er erwiederte: verlaß Dich darauf, mein Schatz! Clara wird den jungen Posca heirathen, und weder an seinem Kauderwelsch, noch an der schwarzbraunen Farbe seines Angesichts sterben. Wir haben mancher Flasche den Hals gebrochen, um dies Verlöbniß zu besiegeln. – Meiner armen Mutter mogte wohl das Herz dabei brechen. Es war mir, als hätte ich dies zu hören nur geträumt. Als ein Mägdlein von funfzehn Jahren, wußte ich mich die Braut eines Unbekannten, und dachte ich an die Vorstellung meiner Mutter, so durchbohrte ein ahnungsvoller Schmerz mir die Brust. Ich verlautete aber in jungfräulicher Schüchternheit nie eine Sylbe, daß ich davon Wissen hätte. Das Geheimniß, welches ich bewahrte, war jedoch nicht darnach, meine Aufmerksamkeit für die Nachbarschaft zu schwächen. Ein Geräusch am Rathskeller bewegte mich wie das Blatt der Espe, jede brünette Mannsperson brachte mich in Schrecken. Doch ging eine Zeit still hin. Ich hatte es von jeher geliebt, wenn die Frachtwagen mit den welschen Waaren kamen, dem Auspacken der Früchte und Delikatessen zuzusehen. Es geschah dies gewöhnlich in einem Hofraume, den das Fenster einer Hinterstube unsers Hauses bestrich. Die Atmosphäre vom Dunst feuriger Weine, die sich hier niemals verzog, betäubte mich angenehm, während sie meiner Mutter Kopfweh verursachte. Wenn ich die Citronen, sinesischen Aepfel, Datteln und Limonien aus Blätterschichten hervor nehmen sah und der südliche Duft herüber wehete: so war mir so sehnsüchtig zu Muthe, als wären diese Früchte vom Baum des Paradieses gepflückt; aber immer stand etwas Trauriges wie eine dunkle Gestalt mir vor der Seele. Beinahe war meiner Mutter so wie mir eine vergessene Sache, was ihr der Vater gesagt, als er eines Tages in das Zimmer trat, einen jungen Mann an seiner Hand, den er uns als den Sohn des Herrn Peter Posca vorstellte. Meine Mutter ward bleich wie der Tod, ich aber erröthete, daß mir die Stirn flammte. Der sah nicht aus, als könnte er Menschen berauben oder ermorden! ein wenig bräunlich nur war seine Gesichtsfarbe, wie ein schönes Oelgemälde, dem man es bewundernd verzeiht, daß der Künstler sich in etwas starken Schatten gefiel. Seine glänzend schwarzen Augen ruhten wie der höchste Gewinn eines Würfels auf mir – und der Wurf meines Schicksals schien mir ein erstaunenswerthes Glück.«
Bei dieser begeisterten Schilderung einer männlichen Persönlichkeit, im Munde einer alten Nonne, hustete die kühle Fabia, und sah bedenklich nach Josephinen hin, die gesenkten Blickes an ihrem Strickzeug eine Masche aufhob, welche ihr tief entfallen war. Therese aber rief erregt: »o das ist prächtig! der Gedanke des Vaters war so übel nicht. Mir däucht, die Frau eines Mannes, der offne Tafel hält, ohne daß sie sich mit Kochen und Backen plagen darf, und ein Lager für Gäste: müßte es gut mit haben und eine immer fröhliche Ehewirthinn seyn. Ich brenne vor Begierde zu erfahren, ob Sie den hübschen Jüngling noch genommen haben.«
Der schwache Schein einer längst gedämpften Flamme, wie wenn Asche ausglimmt, röthete Veronicas Wangen, als sie sprach: »was Sie äußern, schmeichelt dem Interesse meiner einfachen Erzählung. Sie vergessen jedoch, Frau Therese, daß ich eine Braut Christi geworden bin. – Ueberdies theilte meine Mutter Ihre Meinung nicht. Als der Besuch fort war und ich schweigend blieb, redete sie mich mit händeringender Geberde an: so ist es doch wahr! ich dachte schon, jener mir verhaßte Gedanke wäre mit deines Vaters Rausch verflogen, und hütete mich wohl, ihn daran zu erinnern. Mein armes Kind! jammerte sie, eine Kellerspinne sollst du werden, die hurtig hin und her läuft und darauf lauert, eine lose Fliege in das Netz zu bringen. Maria und Joseph! soll ich meine Tochter in den Keller betten? – Obgleich das mütterliche Herzeleid mich rührte und jenes Bild mir widrig war: so mußte ich doch lächeln, wie meine Mutter ein Sprüchwort anwendete, worin ihre tiefste Abneigung sich ausdrückte. – Von dieser Zeit an, besuchte uns der junge Nachbar zuweilen. Nie blieb er einen Tag länger aus, oder verweilte eine Minute über die gewöhnliche Frist. Diese Regelmäßigkeit ängstete mich heimlich; ich wußte selbst nicht warum? überhaupt war etwas in diesem Verhältniß, was mich wie ein leiser Zwang drückte. Von einer Heirath zwischen uns war die Rede nicht, und daß wir Brautleute wären, hätte uns Niemand angesehen. Ich leugne nicht, daß ich meinem Zukünftigen sehr gut war, und mir mit Vergnügen bewußt, wie ich zu ihm stände, wenn ich auch das Vorurtheil meiner Mutter schonte. Ludovico sollte sich erst in seine Lage eingewöhnen – hatte sein Vater gesagt. So saßen wir einander blöde gegenüber; ich fühlte ein ängstliches Bedürfniß, ihn zu unterhalten, als ob ich seine Langeweile empfände. Hatte ich auf sein Kommen gehofft: so sah ich nicht minder gern dem Augenblick entgegen, wo er aufbrechen würde – wußte ich ihn doch voraus. Manchmal preßte mir der Druck einer innerlichen Beklommenheit Thränen aus, die dann flossen, wenn er fort war. Dabei tröstete ich mich, daß er nicht recht fort könnte mit der Sprache – ich hoffte ohne Hoffnung –« die Nonne lächelte trübe: »die Liebe hilft auch einem Stummen aus.«
Eine Solche ward jetzt redend. »Aber liebe Veronica,« sprach Josephine, die ihren Mund noch nicht aufgethan, »was man am tiefsten fühlt, läßt sich oft am wenigsten sagen – der junge Herr kann auch aus Liebe geschwiegen haben.«
»Schweige Du, voreiliges Kind!« herrschte Fabia mit leiser Strenge ihrer Pflegetochter zu: »Du kannst hierüber noch gar nicht urtheilen.«
»Ich dächte doch!« meinte Therese, und ihr Lächeln nahm Partei für diese.
Veronica blickte das verschüchterte Mädchen zärtlich dankbar an. Sie wußte wohl, welchen Glauben Josephinens Worte ansprächen.
»Oft ist es so, mein bestes Kind,« sagte die Nonne zu dem Liebling ihres Herzens: »allein hier war es nicht der Fall. So oft Ludovico kam, beschenkte er mich mit einer artigen Kleinigkeit. Ich durfte nur etwas lobend erwähnen, so dauerte es nicht lange, es war mein Eigenthum. Dieser aufmerksame Sinn, mir eine Freude zu machen, täuschte mich in dem Gedanken, er wolle mein Glück. Ludovico trug einen Ring an seinem Finger, der mir in die Augen stach; er war vom feinsten Golde, mit dem Bildniß einer Mater dolorosa in Mosaik ungemein künstlich gearbeitet. Dieser Ring war das Einzige, was er meinem sichtlichen Wunsche vorenthielt, und zufällig sagte er einst, daß es ein Andenken von seiner verstorbenen Mutter wäre. – So war länger als ein Jahr vergangen, und jetzt äußerte mein Vater, daß unsere Verlobung in einiger Zeit vollzogen werden würde. Doch ehe ich mich meinem Ziel nähere, muß ich zuvor noch etlicher bedeutsamen Umstände erwähnen. Vielleicht war es in Folge der Unruhe meines Gemüths, daß ich mich damals etwas kränklich befand. Mein Vater glaubte nicht recht daran, wie denn Aerzte in der Regel Uebel, woran die Ihrigen leiden, für unerheblich halten. Die hochselige Gräfinn Frankenstern beehrte meinen Vater mit ihrem Zutrauen. Wenn sie mit ihrem Gemahl auf den hiesigen Gütern war, bediente sie sich seines Rathes, eines Schadens wegen, der, wie mein Vater meinte, leicht in ein Krebsgeschwür hätte ausarten können. Auch in jenem Herbste kam sie nach B–. Sie fand mein Aussehen verändert, und erkenntlich für geleistete Hülfe, forderte sie meinen Vater auf, mich ihr auf ein paar Wochen mit nach Bühle zu geben, zur Zerstreuung, wie die Gräfinn sagte. Mein Vater war zu höflich, um der vornehmen Dame diese gnädige Bitte abzuschlagen, meiner Mutter flehender Widerstand, mein eigenes Wollen oder Weigern kam dabei nicht in Betracht. Indessen gefiel es mir doch ganz wohl in Bühle. Die Gräfinn war die Leutseligkeit und Liebe selbst, eine wahre Seele von einer Frau! – Morgen, mein Clärchen, sagte sie am zweiten Abend, wird eine Novize in Sanct Capella eingekleidet; hast Du das schon gesehen? Wir werden hinüber fahren. Ich verneinte; es war mir unbeschreiblich lieb, daß es sich so träfe, und ich konnte den folgenden Tag kaum erwarten. Die geistliche Hochzeit wurde mit größter Pracht vollzogen. Die Nonne, welche Profeß that, war eine reiche Erbinn von Hardt. Die Sage ging, sie hätte sich die Untreue eines Geliebten zu Gemüth gezogen. Das wunderschöne Frauenbild von edlem Wuchs, im vollen Brautschmuck, flimmernd von Geschmeide, darin die Kerzen der Altäre widerstrahlten, die Gestalt des hochwürdigen Bischofs –: alles, was ich sah und hörte, machte einen mächtigen Eindruck auf mich. Wie nun die Orgel erbraus'te und bebte, lös'te sich mein Wesen in erschütternden Gefühlen auf. Ich wurde hingerissen von dem heiligen Strom. Alles Irdische versank, ich sah in den offnen Himmel der Kirche und in meiner Brust rief es: De profundis!«