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Die Schwägerinnen. Erster Theil

Die Schwägerinnen. (continued 3)

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»Heiliger Gott!« seufzte Fabia; ein mitleidiges Lächeln umspielte die Lippen der Nonne. Sie hielt den Hauptmann für verrückt.

Major Feldmeister hob seinen Blick an die Decke, und hielt sich die Seite. Selbst Therese vergaß ihre Betrübniß und sprach: »da machten Sie wohl den armen Schächer, Herr von Moorhausen? oder den Kriegsknecht mit der Lanze etwa? der Major bekommt schon Seitenstechen von diesem Gedanken – oder den Pilatus mit einem Täfelchen auf der Brust, worauf die Frage stand: was ist Wahrheit?«

Der kühne Moorhausen war doch vor sich selbst erschrocken, und vor dem Tone tiefster Indignation in Fabiens Ausruf. Dieser Seufzer zu Gott galt nicht der Verleugnung Christi, sondern dem Glauben an den Frevel der Lüge, den der Hauptmann ihnen zumuthete. Er fuhr auf, als empöre ihn der Gedanke, etwas Unrichtiges gesagt zu haben, »nicht am Charfreitage – wie ist mir denn? ich bitte tausendmal um Verzeihung! nein – da hatten wir einen andern Spaß – am Tage Charitas, den achten October, zum Anbeginn der Wintervergnügungen, war jene glänzende Redoute.«

Schwester Veronica athmete bei diesen Worten so erleichtert auf, als hätte ihr Jemand das Kreuz des Herrn von Brust und Schulter genommen, auf der sie es getragen – und Jener fuhr fort: »doch um noch einmal auf das Vorige zu kommen, Sie könnten leicht durch meine Schilderung einen falschen Vorbegriff von den Bewohnern meiner Heimath fassen. Denken Sie Sich nicht etwa ein Völkchen von barbarischen Sitten, Gott bewahre! es sind so charmante, humane Leute, selbst unter der gemeinen Classe – die Oefen im Schlosse – es fehlt an Töpfern in der Gegend, und an feinem Thon – hat mir ein Freimaurer gesetzt.«

Hier gab Herr Prälat, um Fabiens und der Nonne willen, dem Gespräch eine Wendung. Man gerieth in das Gebiet der Geheimnisse, und kam auf Träume, Ahnungen und dergleichen. Allen war dieser Stoff anziehend, Jedes gab seinen Beitrag.

»Es ist ein schöner Glaube,« sagte die Nonne, »daß es Geister giebt, die auf eine gottmögliche Weise dem blöden Auge des Menschen sichtbar werden können. Schutzengel giebt es gewiß; ich weiß ein Beispiel. Schwester Hedwigis, eine geistliche Jungfrau unseres Stiftes – sie ruhet längst – besucht als ein lebenslustiges Fräulein eine verwandte Familie. Sie liegt im ersten Schlafe, und fest, wie die Jugend schläft, nach einem ermüdenden Tage. Da hört sie sich bei ihrem Namen rufen, ängstlich und dringend. Sie wacht auf, und Niemand ist zu sehen. Kaum wieder eingeschlummert, wird dieselbe Stimme laut, und flehentlicher als zuvor: sie solle das Lager sogleich verlassen. Dem Fräulein kommt ein Grauen an; es springt aus dem Bett, und sieht bei hellem Mondschein eine lichte Gestalt die Urne des Ofens umklammern. Oft hat mir Hedwigis versichert, und ihrem Munde entging gewiß kein unwahres Wort – die Flügel dieser Erscheinung hätten geschimmert. Das Haus erbebt in einem fürchterlichen Getöse. Ein Theil der Decke, und der altfränkische Ofen war eingestürzt, und Hedwigis wäre im Schlafe erschlagen worden, wenn jene Stimme ihres Schutzgeistes sie nicht gerettet hätte. Man fand das Fräulein ohnmächtig im Nachtgewande auf den Stufen; alle Bewohner verließen, erschüttert von diesem Vorfall, das Haus, welches überhaupt schon baufällig gewesen seyn mag. Durch Hedwigis Seele bebte diese Erinnerung fort und fort. Sie dachte, daß der Himmel ihr Leben sichtbar beschützt hätte, und weihete es ihm.«

Josephinens Blick schimmerte auch, und hing noch an den Lippen der Nonne, als diese sich schon wieder geschlossen hatten, um einem Andern das Wort zu vergönnen.

»Auch ich wüßte eine merkwürdige Vorbedeutung zu erzählen –« sagte Frau Fabia mit tiefgesenkten Augen, denn sie schauten in die Geheimnisse der Gräber –, »die mich überzeugt, daß wir mit seligen Geistern, mit den Todten in naher Verbindung stehen. –« Aller Blicke richteten sich auf Fabia, kein Athem ward laut, und diese horchende Stille schien um die Mittheilung zu bitten. Sie begann leisen und langsamen Tones: »ich war noch im Hause meines Vaters, der auch Beamter des Grafen Frankenstern war, als der Justitiarius desselben starb. Er hinterließ schönes Vermögen, und eine einzige Tochter, den Abgott der Mutter, die noch lebte. Wir waren ein Herz und eine Seele, und wenn Minna einige Jahre mehr als ich zählte, und mir an Geistesbildung wie an Talenten überlegen war, so hatte ich häusliche Kenntnisse und den Starkmuth voraus, den eine christliche Erziehung mir gegeben, und war sonach dem Leben, wie es nun einmal ist, voll Angst und Mühe – besser als meine Freundinn gewachsen. Minna konnte sich nicht fassen, da ihr Vater der Welt Valet gab. Sie bedeckte seinen Leichnam mit Küssen und Thränen, wie sehr wir sie auch baten, ihm die Ruhe zu gönnen; denn es ist nicht gut, wenn man über einen Todten weint. Er nimmt dann heißen Schmerz mit in die kühle Erde – und geht vom Himmel aus, ihn zu stillen. – Meine Minna hatte sich einige Zeit vorher einem jungen Edelmanne verlobt, zwar mit Genehmigung der Eltern, aber der Vater sah diese Verbindung doch nicht ganz gern. Nicht, daß er etwas Wesentliches gegen den künftigen Eidam gehabt hätte, sondern, weil er aus mehr als einem Grunde ein Mißverhältniß darin fand. So war der Geliebte Minnas fast in gleichem Alter mit ihr, und noch abhängig von seiner Mutter, die ein kleines Rittergut besaß: dann konnte kaum ein Brautpaar, seinem Aeußern nach, so ungleich wie dieses seyn. Er, ein baumlanger Mensch, eine wahre Athleten-Gestalt; sie, ein zartes Heimchen, eine kleine Psyche, die ihm kaum bis an die Rocktasche reichte. – Ein Spötter sagte: Minnas künftiger Gatte werde seine junge Frau, wenn sie einst guter Hoffnung sey – in einem Kästchen mit sich auf Reisen nehmen können – wie in einem hübschen Mährchen zu lesen. – Wie nun das Testament des Justitiars eröffnet wird, findet sich, daß er als unumstößliche Bedingung der väterlichen Erbnahme den Punct gestellt hat, die Heirath der Tochter solle erst nach dem Ablauf dreier voller Jahre – er bestimmt sogar den Tag, denn dieser Vater war ein sehr determinirter Mann – vollzogen werden. Hieran war nun kein Jota zu ändern, und Alles wohl verclausulirt. Der Braut war dies Gebot ihres Vaters heilig; die Wittwe aber, die es nicht erwarten konnte, ihre Tochter als gnädige Frau zu sehen, war damit sehr unzufrieden. Sie hatte Respect vor ihrem Manne bei seinen Lebzeiten gehabt; seinen letzten Willen scheute sie weniger. – Eine Pietät, bei der dies in umgekehrtem Verhältniß Statt gefunden hätte, legte dieser Frau zarte Pflichten auf. Sie dachte, wie sie den Verstorbenen und selbst den Gehorsam seines Kindes überlisten könnte – und zog die Mutter des Bräutigams in ihr Interesse, der damals auf Reisen war. Was aber ein rechter Mann ist, meine Herren –« hier lächelte die ernste Fabia, und das männliche Kleeblatt lächelte mit, »der drückt auch mit der todten Hand einer widerspenstigen Frau den Daumen auf's Auge, und der Wittwe des Rechtsgelehrten lief eine schmerzliche Zähre heraus. – Ein Jahr fehlte noch zum Ablauf der festgesetzten Frist, da wollte nach einem schriftlichen Uebereinkommen zwischen beiden Müttern die Edelfrau ihrem Sohne das Gut übergeben, die Acte war schon fertig – und den Bräutigam heimlich zurückrufen – Minna und ihre Mutter dahin einladen, und dort sollten die jungen Leute am Geburtstage der Braut mit der Trauung überrascht, und gleichsam zu ihrem Glücke gezwungen werden. Alles war dazu vorbereitet. Nun hören Sie, was geschah! – Der Justitiarius hatte ein eigenes Haus auf dem gräflichen Gute, was seiner Frau als Wittthum verblieben war. Eines Tages besucht mich Minna. Sie sah sehr blaß aus, und besorgt fragte ich um die Ursache. Du wirst mich ein Kind schelten, sagte sie, aber ich kann einen ergreifenden Traum nicht los werden. Ich brachte meinen Schreibtisch in Ordnung, verschloß alle Schübe – da trat mein Vater ein, mit raschem Schritt, wie er kam, wenn er sich eine Minute für mich abmüßigte, ganz in der Manier seiner lebendigen Eile. Ach Fabia! sagte sie, und Thränen flossen über ihre Wangen, ich habe ihn leibhaftig gesehen; aber seine Miene war bekümmert. Er sprach: daß er mich nun nächstens abholen werde. – All' meine Sehnsucht nach ihm ist mit mir erwacht. – Ich suchte es dem lieben Wesen auszureden. Einige Wochen waren seitdem vergangen, das Wetter fing an, frühlingsschön zu werden, und jener einladende Brief, der die ahnungslose Braut an den Altar lockte, war gekommen. Da kam Marie, und vertrauete mir, daß jener Traum sich seltsam wiederholt hätte. Sein Auge zürnte, so erzählte sie von der Erscheinung ihres Vaters, als er den Brief meiner Schwiegermutter liegen sah. Er verlangte, daß ich ihm sogleich folgen sollte. Ich entschuldigte mich, daß ich ja nicht angezogen wäre. Er erwiederte: frägt darnach ein Retter? und verschwand. Ich muß gestehen, daß mich diese Worte sehr ängsten; es ist mir, als werde ich von irgend einem Unglück bedroht, und als wolle mein treuer Vater mir von Jenseits herüber ein treuer Warner seyn. Wüßte ich nur, was ich zu thun, oder zu lassen hätte! – Mich selbst bestürzte diese Aussage, wenn ich es auch verbarg, da Minna ohnedies verstört war. Acht Tage waren wiederum verflossen, binnen deren Verlauf wir uns wenig gesehen hatten – da – ich weiß es wohl noch wie heute – räumte ich meine Bodenkammer auf, und die Sonne ging unter, als ich mit diesem ermüdenden Geschäfte im Reinen war. Ich komme eben aufgeschürzt die Treppe herab, da steht Minna, weiß wie eine Taube, und bittet mich mit kranker Stimme, ein wenig mit ihr spazieren zu gehen. Gern, meine Minna, wollte ich das, gab ich ihr zur Antwort; aber Du siehst selbst, wie eingestäubt ich bin. So muß ich zunächst an ein Waschfest gehen, und dann mögte wohl die Feierstunde ausgeläutet haben. Es dürfte auf lange das letztemal gewesen seyn – sagte sie: den Donnerstag geht es fort – lieber Gott! auf das Gut, meinte sie. Ich muß mich zerstreuen, Fabia, sagte Minna mit einem krampfhaften Lächeln; denke nur, diese Nacht hat mich mein Vater wirklich abgeholt. Er trat eilfertig, in einen Pelz gehüllt, in mein Stübchen, seine Taschenuhr in der aufgehobenen Hand. Nun ist es Zeit – sagte er, und hielt mir die Uhr vor die erschrockenen Augen: sie stand stille. Ich eilte im Schlafrock an seiner Seite von hinnen. Vor der Thüre stand ein Schlitten, der Schnee lag wie ein Leichentuch – als ich einsteigen wollte, verlor ich einen schwarzen Schuh – er sank tief ein. Den Führer sah ich nicht; aber der Schlitten sausete auf den Kirchhof zu. – Mich überlief es kalt,« fuhr Fabia fort, und auch ihre Zuhörer schien ein Frösteln zu durchrieseln. »Am folgenden Tage,« redete die Erzählerinn seufzend weiter, »kehrten wir erst spät von einer kleinen Ausflucht heim; ich schlief daher den nächsten Morgen etwas länger als gewöhnlich. Der Vater stand vor meinem Bette, im blendenden Schein der Frühsonne, und ich sah nicht bald, wie betrübt sein Auge war. Du hast sanft geschlafen, Fabia! sagte er, das hat Dich denn für eine traurige Nachricht gestärkt. – Minna ist recht krank – – ich blickte in sein Gesicht und rief: o Gott! sie ist schon todt! – Er nickte schmerzlich-still. – Sie war in der verwichenen Nacht an einem Scharlachfieber gestorben, was nicht zum Ausbruch kam, und unsere kleine Promenade war ihr letzter Gang gewesen; denselben Abend noch hatte Minna sich gelegt. – Den Donnerstag, der zu ihrer Abreise bestimmt gewesen, wurde meine Freundinn begraben. Als der Sarg, mit Kränzen behangen, die jungfräuliche Ehrenkrone von silbernen Zitterblumen zu seinen Häupten, aus dem Hause schwankt, kommt ein Reisewagen angefahren. Es war der unglückliche junge Edelmann, der seine Braut abholen wollen auf das Gut der Mutter. Er kam nur gerade zurecht, ihr das letzte Geleit zu geben. Mit welchem herzzerreißenden Schmerze – davon will ich schweigen. –«

Hier schwieg Fabia, und eine lange Pause feierte diese Erzählung, welche bei der einfachen Ruhe ihres Vortrags von um so größerer Wirkung gewesen war. Man wußte, und mit Achtung wußte man es – wie wahrhaft Frau Fabia sey, und mit gewissenhaftem Stolze sogar den Schmuck der kleinsten Zuthat verschmähe. Sie glaubte dessen nicht zu bedürfen, um das Interesse Anderer für jene wehmüthige Erinnerung in Anspruch zu nehmen.

Endlich unterbrach der Administrator die allgemeine Stille und sprach: »ich würde den Versuch bedauern, solch eine Thatsache natürlich erklären zu wollen; hier tritt das geistige Element hervor, und wir können nur verstummen. Was, in aller Welt, wäre denn nicht wunderbar, oder ahnungsvoll? – Nur unsere Sinne sind stumpf. Und ein Schutzfreund, wie er dort ein gefährdetes Leben aus dem Schlafe weckt, hier Eines in den längsten Schlaf lullt, wohnt gewiß in eines Jeden Brust, wenn dieser Engel nur nicht so oft irdisch verbaut wäre. In einer für das Höhere erweiterten Seele findet er gewiß Freiheit, zur rechten Zeit an das Herz zu pochen.«

Der Major, der vielleicht aus einem zu weichen Gefühl das Tragische nicht liebte, und als ein tüchtiger Mann auf ebenem Boden eine Scheu vor metaphysischen Dissertationen hatte, ging nicht auf die Aeußerung seines Freundes ein, und dachte vielmehr bei Minnas verlornem Schuh an den Pantoffel, der seinen Neffen aus dem Felde schlug. Er hatte die Gewohnheit laut zu denken, und so sagte er: »nun sollte eine Sandale an die Reihe kommen.«

»Meinst Du ein Fahrzeug, Herr Bruder?« fragte Hauptmann Moorhausen: »wohl ist dieser Stoff ein unerschöpfliches Meer.«

Und Josephine sagte: »die Sandalien der Jungfrau Maria in der Capelle sind wunderprächtig mit Gold und Perlen gestickt.« Die Kleine stockte beklommen; doch Frau Fabia gab heute Preßfreiheit für Lügen wie gedruckt, wie für die Legende des Hauses, und so entblätterte sich die Blume dieses Herzens, und Josephine sprach: »In dem blassen Mondschein, den die kleine Lampe wirft, schimmern die Sandalien so traurig und doch so heilig! daß man gläubig wird, dieser Fuß müsse den Thron des Himmels besteigen. Oft schon habe ich ihn geküßt – und dabei gedacht, wie manches bekümmerte Angesicht mag seine Thränen darauf geweint haben! die sind denn zu Perlen geworden. Sogar der Staub, der darauf ruht, hat mir etwas Rührendes, denn er erinnert mich, wie dieser beständige Fuß seine Stelle verlassen, und wandelbar geworden, das Liebste zu suchen.«

»Recht, mein Kind,« erwiederte die Nonne erregt, »unsere Jungfrau von der Capelle, von der das Kloster den Namen führt, gehört ganz eigentlich hierher, und es ließe sich Manches von dieser Wunderthäterinn erzählen, wenn auch keine Wallfahrt sie verehrt hat.«

»Das kenne ich ja nicht –« sagte Herr Prälat, erstaunt, sein Schutzkind so bewandert in der Geschichte der Patroninn dieses Hauses zu finden; und der Major fragte: »was ist's mit der Jungfrau?«

Die Nonne sprach: »nach den Urkunden des Stifts ist die kleine dunkle Capelle dahinten seine erste Gründung gewesen. Man sieht es auch an der Bauart, wie viel älter sie ist, als die des Klosters. Nun steht in der Nische des Altars eine Mutter Gottes mit dem Kindlein an ihrer Brust. – Das Bild ist nur von Wachs und nicht sonderlich schön, es hat aber einen zarten Ausdruck von Erbarmen in der Miene, daß man gleichsam Trost fühlt, wenn man es anblickt. Die rechte Hand hält es bedeutsam in die Höhe, mit aufgehobenem Zeigefinger, als ob warnend oder winkend. Die Sage erzählt: eines Schäfers Wittwe, der man aus Mitleid die Hut der Heerde gelassen, habe sich den Verlust ihres Mannes dermaßen zu Gemüth gezogen, daß alle Kraft ihr entschwunden sey, zumal das arme junge Weib einen Säugling stillen müssen, mit dem Grame ihrer Brust. – Da man die Schäferinn oftmals schlafend gefunden, am Berge unter einem Baum, so ist sie vom Orte aus bedroht worden, ihr, wenn sie nicht achtsamer seyn werde, den spärlichen Dienst zu entziehen. In dieser Bedrängniß hat die betrübte Wittwe ihre Zuflucht in die Capelle genommen und voll Einfalt und Inbrunst gefleht, die Heilige des Himmels mögte die ärmste Mutter der Erde vertreten in ihrer großen Schwachheit. Und als dennoch täglich um die Stunde der Vesper die stillende Mutter von einem Schlummer bezwungen wird, dem sie nicht widerstehen kann, wollen glaubhafte Leute jener Zeit die Jungfrau Maria gesehen haben, wie sie bleichen Angesichts die Lämmer gehütet, auf daß die Schäferinn der Ruhe pflegen möge. Sie ist erkannt worden an dem Kleide von perlfarbnem Moir, dessen schillerndes Gewässer nun wie mürber Zunder ist – an der aufgehobenen Hand, womit sie die Heerde stumm gelenkt – im andern Arme hat sie das göttliche Kind getragen, wie Jene das dürftige Kleine. In der Nähe des Baumes hat Maria ein leises Lied gesungen, ein Wiegenlied – so himmlisch! daß der Wind geschwiegen und die Vögel in den Zweigen gelauscht. Auf dem Heimwege hat das Geläut der Heerde geklungen, wie die Glöckchen beim Hochamt, und die Sandalien haben in der Abendsonne goldne Strahlen verbreitet über den grünen Klee. – Niemand wagte mehr, der Wittwe ein Wort zu Leide zu sagen. Kein Lamm geht verloren – aber eines Tages das Kind vom Schoße der Mutter, als sie auch einmal schläft. Ein Engel soll es ihr sacht und sanft entzogen haben, weil der Born der Nahrung nun versiegt gewesen, und das Würmchen am Verschmachten. Die Frau kommt wie von Sinnen. Sie rennt in der Irre umher, ihr Kind zu suchen, was sich nirgends findet. Man entbindet sie ihrer Pflicht, und fristet mit kärglichen Almosen ihr Leben, das der Jammer verzehrt. Sie ringt die Hände wund und fleht: die heilige Jungfrau mögte sie ihr Kind wiederfinden lassen, ohne das sie keines Bleibens habe auf der Welt. Aber Maria bleibt unbeweglich, und blickt traurig nieder, daß Der, welcher ihre himmlische Güte sich sichtbar angenommen – der Glaube fehlt. – Da nun die unglückliche Mutter nicht Zeichen noch Wunder sieht, wird sie eines Tages von verzweiflungsvollem Wahnsinn erfaßt. – Sie sagt: Du magst wohl schwerlich wissen, wie einer Mutter zu Muthe ist, die ihr Einziges eingebüßt; sonst würdest Du auf mein Herzeleid merken und Dich meiner erbarmen. Wer nicht hören will, muß fühlen! – Und damit hebt sie das Kind vom Arme der Madonna, und drückt es mütterlich an ihren Busen, als ob das kalte Wachs an dieser heißen Angst zerschmelzen müßte. Daheim legt sie es in eine kleine Lade, auf das weiche Vließ von einem ungeborenen Lämmlein. Sie selbst liegt im Fieber. Als nun der Morgen tagt, steht Maria vor dem Bette der Armen, rührt sie an, und fordert ihr Kind zurück. Da sagt die Kranke, wo sie es hingethan, und spricht: gieb mir nun auch das meine wieder und zeige mir, wo ich es finde. Maria hebt den Zeigefinger gen Himmel – – darauf ist die Mutter gestorben. – Seitdem nun,« schloß Schwester Veronica diese Tradition, »hat Mancher, der etwas vermißt – ach mein Heiland Du! Wessen Leben wäre ohne Verlust? Trost und Erstattung an dieser Stelle gesucht und – gefunden: denn die heilige Jungfrau giebt erhörend ein Zeichen mit dem Finger, was noch nie trüglich gewesen.«

»Es gehört ein starker Glaube dazu –« sagte Hauptmann Moorhausen, er, der den stärksten in Anspruch nahm –, »und eine deutsame Einbildungskraft, um die Weisung der Jungfrau Maria zu verstehen, denn sie kann doch nur Rechts, Links!« (diese Worte wurden im exercirenden Tone gesprochen) »nach Oben oder Unten zeigen, und das kommt mir ohngefähr so vor, wie jene Adresse: an meinen lieben Sohn in der Armee.«

»Dem Zweifler ist nichts beschieden –« antwortete Therese spottend, »wenn Sie einmal das Gedächtniß verlieren, mon Capitain, wird Sanct Maria es Ihnen nicht suchen helfen.«

»O! mein Gedächtniß ist gut!« erwiederte der Hauptmann prahlerisch sicher. »Das muß es auch –« versetzte die muthwillige Frau und lächelte ihn an, so daß ihm die kleine Bosheit ihrer Replik nur wie ein schalkhafter Liebesblick einleuchtete.

»Es ist doch viel,« fiel hier der Administrator ein, »daß bei der Aufhebung des Klosters die Capelle unangetastet geblieben.«

»Viel?« fragte die Nonne und ihre Wange röthete sich bei dieser aufregenden Erinnerung, »wenig war es, werthester Freund! sehr wenig. Was ist denn Kostbares darin? Ein paar arme Bilder – morsche Bänke – die Jungfrau selbst ist alles Schmuckes baar, die Fußbekleidung etwa ausgenommen, und für diese habe ich Alles hingegeben, was ich an Pretiosen noch besaß. Die goldne Taschenuhr meines Vaters – ein köstliches Werk! wog der Commissair in seiner Hand, die gerade keine Wagschale der Gerechtigkeit war – und dabei fiel der kleine Uhrschlüssel klingend auf die marmorne Schwelle, wo wir standen, und mir gleichsam auf das Herz, denn ich dachte, wie so tausendmal ich diesen Schlüssel in der Hand meines Vaters gesehen! ich sah die Miene, womit er ihn drehete – – ich mußte meine Augen abwenden. Da sagte der Commissair: wir wollten einen christlichen Tausch abschließen. Er zog den großen Schlüssel aus dem Schloß der Capelle, reichte mir ihn und sprach: diese solle fortan als mein Heiligthum zu betrachten seyn. Die Uhr mogte er dagegen als sein Eigenthum ansehen. Er steckte sie sich in die Tasche, nachdem er den kleinen Schlüssel fest gemacht. –«

Der Major murmelte ein vernichtendes Wort, und schluckte den Aerger in einer Neige Wein hinunter. Herr Prälat aber schlug in stillem Grimm das umgekehrte Ende des silbernen Messers auf den Tisch, als hätte er den Commissair damit auf die Finger schlagen mögen. – Aber friedlich sprach die Nonne: »dies Alles ist nun überwunden; ich wollte nur sagen: ich hätte mir gewissermaßen ein Anrecht an die Capelle erworben. Die schönsten Blumen fülle ich in die kleinen Krüge zu beiden Seiten des Altars; dort duften sie Weihrauch. Und das ewige Licht nähre ich aus meinen geringen Mitteln, und müßte der Winter meines Lebens finster für mich seyn, wie eine lange Sterbestunde.« Der Blick der Nonne leuchtete bei diesen Worten auf, wie ein Flämmchen vor dem Verlöschen. Alle waren gerührt.

»Und dieses liebe Geschäft,« sagte Josephine in holder Geschwätzigkeit, wie von einem Lieblings-Gegenstand hingerissen, »gönnt mir die gute Schwester Veronica bisweilen, wenn meine Zeit es erlaubt. Es ist für mich ein kleiner Tempeldienst, den ich nie ohne ein andächtiges Gefühl verrichte. Ich komme mir dann vor wie eine Vestalin, von denen Du neulich erzähltest, Onkelchen. Es ist wirklich etwas Heiliges um das Licht. Man denkt sich eines Sünders Seele dunkel. – Ich fürchte mich auch nicht ein Bischen allein, und sitze oft in der Dämmerung in dem verwitterten Beichtstuhl. Da flüstert es neben mir, die feuchten Wände wispern, ich höre den Holzwurm picken – und denke, es sey Veronicas Uhr, und wo dies Herz der Capelle wohl schlüge? – Und wenn ich sinnend in die wehende Lampe blicke, ist mir Manches schon hell geworden. Jüngst beschlich mich ein sehnsüchtiges Weh, ich mußte weinen und trüber Zeit gedenken. Da fragte ich laut, und erschrak vor meiner eigenen Stimme: wo ist – wo ist mein lieber Vater, den ich verloren? – – Ein Seufzer –« der Athem in Josephinens Brust stockte vor dem Blick, womit Frau Fabia sie ansah. Das Mädchen verstummte. Hauptmann Moorhausen haschte alsbald den letzten Laut von diesen Lippen und sprach cathegorisch: »Ahnungen giebts! ich selbst habe –« jetzt stieß der Major einen tiefen Seufzer aus, der die Gedankenreihe seines Cameraden auf einige Momente unterbrach. »Ja, das war ein Abenteuer,« setzte er seine Rede fort und festen Fuß in weichenden Boden –, »was Muth erforderte. Als wir im Jahr 18– an der Grenze standen, ward ich mit einem Commando nach dem Gebirge detachirt, wo eine aufrührerische Rotte zu bändigen und nach Umständen zu bestrafen war. Die Unruhen waren bald gehoben, die Empörer fest genommen, und wir beeilten uns, aus jenen unwirthbaren Hürden zu kommen. Es war tief im Herbst, der Paß verschneit – kein Wunder, daß wir uns verirrten. So gelangten wir bei Nacht und Nebel an ein adeliges Schloß, das Gott weiß! wie weit abseits von unserm Wege lag. Sie können wohl denken, meine Verehrtesten! daß wir als Gäste zu so später Zeit nicht gerade die willkommensten waren; aber man muß nur die Leute zu behandeln wissen. Nach einer Stunde saß ich mit dem Förster, der in Abwesenheit der Herrschaft den Wirth vorstellte, ganz cordial bei einer Flasche Wein. Ein Wort gab das andere, er erzählte von den Verhältnissen der Familie, die fast nie hier wohne, ohngeachtet die Gegend entzückend sey, und als ich nach der Ursache fragte, äußerte der Förster: es wäre nicht geheuer im Schlosse. Ich lachte und glaubte, der Schalk wolle mir das Nachtquartier verleiden – da versicherte er mich sehr ernsthaft, es wäre gar nicht zum Lachen. Der Erbe jenes Gutes, ein junger Graf – St – der Name ist mir entfallen – sey vor mehreren Jahren gestorben, an einer Erweiterung des Herzens, was nach seinem Tode ein Gewicht von zwanzig Pfund ergeben hat.«

Vor dieser Möglichkeit sanken alle Begriffe, die Damen faßten unwillkürlich an ihre linke Seite, und der Major sprach: »Potztausend! über den Zwanzigpfünder! – Dem ist das Herz schwer gewesen. –«

»Auch im moralischen Sinne –« antwortete Hauptmann Moorhausen: »ein Freund des Grafen, seine zweite Seele gleichsam – hatte einen wichtigen Auftrag, eine Geliebte betreffend, von ihm bekommen, und säumte zu erscheinen, und das ganze Haus sah diesem Zuspruch sehnlichst entgegen. – Der Kranke konnte nicht sterben und fristete sein Daseyn elendiglich. So genoß er nur täglich einen kleinen Apfel, und auch dieser machte ihm Wallungen. Er konnte kein geheiztes Zimmer vertragen, weshalb seine Pfleger zur kalten Jahreszeit in dem rauhen Klima jener Gegend häufig wechseln mußten. In der einen Nacht wacht der Jäger, der Graf liegt stille, da öffnet sich die Thüre und ein junger blasser Offizier tritt ohne Geräusch herein. Der Büchsenspanner erkennt den Freund des jungen Herrn und verhält sich ruhig. Der Offizier beugt sich über das Bette, flüstert tief in die Kissen hinein – da wird dem Jäger unheimlich, er ergreift die Kerze, wagt einige Schritte, obgleich sich sein Haar sträubt, und wie er hinzu leuchtet, ist der Offizier verschwunden, und der Graf verschieden. –«

Ein Schauer der Furchtsamkeit, der hörbar die kleine Gesellschaft durchfröstelte, befriedigte den Hauptmann. Dieser kühne Geisterseher lächelte kaltblütig, und schickte sich zum Verfolg der Geistergeschichte an. Herr Prälat aber war auffallend bleich, und Therese rückte sich ihrem Schwager noch näher und umschloß seinen Arm mit ihren beiden Händen. »Es taugt nichts,« sprach der Major, »daß wir uns jetzt zu nächtlicher Stunde mit solchen Geschichten den Kopf erhitzen; ich dächte, wir höben uns das Ergebniß für ein andermal auf.«

»Nein,« sagte Therese, »es fürchtet sich hübsch unter Mehreren und ich lasse es mir nicht nehmen, die Bravade des Hauptmanns zu bewundern; fahren Sie fort!«

Moorhausen gehorchte diesem Befehl und sprach: »den Freund des Grafen hatte ein plötzlicher Tod abgehalten zu kommen, aber ein treuer Freund hält sein Versprechen todt oder lebend, das ist Parthie egal. – So oft nun Jemand seit jener Zeit in dem Zimmer und Bette des seligen Grafen schläft, erscheint er und bringt die verspätete Kunde; aber einer Frage hielte dieser zuverlässige Schatten nicht Stich. – Er soll mir Stand halten auf meine Ehre! erwiederte ich dem Förster, und bat mir jenes gespenstische Zimmer aus. Er wollte mir nicht willfahren, ich setzte es aber durch. In besagtem Zimmer nun sah es ziemlich wüst und unheimlich aus. Der Förster versah mich mit dem Nöthigen, legte mir, wie ich gefordert, einen Hirschfänger, blank gezogen, und eine Pistole, scharf geladen, zur Seite und wünschte mir, grauenhaft lächelnd, eine geruhsame Nacht. Mit diesen Waffen und einer wahrhaft todesverachtenden Courage forderte ich den Geist nun heraus. – Als ich mich sterbensmüde in dem Himmelsbette des seligen Grafen ausstreckte – der Riese Goliath hätte Platz darin gefunden – dachte ich an das Riesenherz des armen Jünglings und sah in den gedrechselten Kugeln des Gestells die kleinen Aepfel seiner Mahlzeit. Mir war, als hätte ich die Weltkugel im Magen. Die compacte Kost des Försters hatte mir Congestionen erregt. Endlich überwältigte der Schlaf das empörte Blut – da klopft es dreimal deutlich – –«

Es klopfte jetzt wirklich an die Thüre des Klosters. Der Hauptmann verblich zum steinernen Gast, die Frauen sprangen auf, der Major in gleicher Hast, vielleicht glaubend, daß sein Neffe komme, wollte es ihnen gleichthun, bekam aber den Krampf in den Fuß und Herr Prälat leistete ihm Beistand. Man zog die Klingel, doch Niemand kam; und in dieser Verwirrung hatte Josephine ein übriges Licht ergriffen – den Tisch erhellte eine schöne Lampe – und war hinausgeeilt. Sie floh den Gang entlang, ihr Schatten wehete an den düstern Wänden hin – nun stand sie an der Pforte pochenden Herzens, und draußen schlug eine unbekannte Hand nahe ihrem Ohr den Klopfer noch einmal an, daß dieser Laut wie ein unendlicher Hall durch die Stille der klösterlichen Nacht tönte. – »Gleich! gleich!« sagte Josephine beklommen, schob die schweren Riegel zurück, und wich nun selbst einige Schritte, als ein Mann eintrat, von hoher Gestalt, umflossen von einem weißen weiten Mantel, dem eine schmale Reisetasche von rothem Saffian überhing, so daß sein Ansehen bei mäßiger Zuthat der Imagination das eines Kreuzritters hatte. Josephine, im flackernden Scheine die Kerze, die den lichten Umriß des Mädchens aus der finstern Umgebung hervortreten ließ, fühlte ein Beben bei dem Anblick dieser bedeutenden Erscheinung, und heftete einen furchtsamen Blick auf die bleichen Züge des Fremden, der mit einem Ausdruck von freudigem Staunen seine Pförtnerinn ins Auge faßte. »Wo ein Engel öffnet um diese Stunde –« sagte er, »da darf man über die Aufnahme nicht zweifelhaft seyn. – Mein holdes Kind! treffe ich den Administrator daheim? gleichviel, ob schlafend, ich muß ihn sprechen.«

»Er ist noch wach,« antwortete Josephine, »zur Feier seines Geburtstages, in Mitten seiner Freunde.« Und alsbald tadelte sich das Mädchen, daß es den fremden Mann in ein Familienfest einführe.

»Seiner Freunde –« wiederholte der Unbekannte mit zitterndem Accent, und ging raschen Schrittes voran. Herr Prälat kam ihnen schon entgegen, hinter ihm Frau Fabia, zu wissen, was es gäbe? Ein sprachloser Moment des Erkennens! dann rief Jener: »Sylvius!« wie ein Echo aus der Ferne der Erinnerung rief Fabia einen andern Namen nach – und nur unarticulirte erschütternde Töne entrangen sich der Brust des Fremden. Da breitete der Administrator die Arme so jählings aus, daß er in Josephinens Leuchte griff, sie erlöschte – und das Dunkel des Kreuzgangs umfloß ein Wiedersehen.

Unsere Leser wollen sich erinnern, daß, als Herr Prälat dem Major Feldmeister Einiges aus seinem Leben mitgetheilt, er eines Freundes erwähnt, ohne den Faden jenes Verhältnisses auszuspinnen –; wir aber knüpfen die neue Bekanntschaft, und was wir nachträglich davon zu sagen haben, an jenes Fragment.

Nachdem der Held unserer Erzählung seine cameralistischen Studien beendiget hatte, arbeitete er eine Zeitlang unter seiner Behörde in H–. Dann dachte Cölestin, wir wollen den Administrator der Kürze wegen so nennen – ehe er eine fixe Stellung annähme, eine große Reise anzutreten, welche der Zielpunct seiner jugendlichen Sehnsucht gewesen war. Es hatte Mühe gekostet, dem Vormund die Genehmigung dazu, wie die benöthigte Summe, abzugewinnen; und als es ihm endlich gelungen und alles festgesetzt war, fühlte er sich festgehalten durch die zartesten Bande, und der Wunsch, die Welt zu sehen, war ihm gleichgültig geworden.

Cölestin war in dem Falle, ein anderes Quartier zu bedürfen. Er fand die Anzeige in einem öffentlichen Blatte, daß eine Wohnung für einen ältlichen Herrn frei stehe, die ein Hausmiether von seinem Locale ablassen wolle. Er mußte des bedingenden Wortes lächeln, ließ sich aber dadurch nicht abhalten, das Quartier in Augenschein zu nehmen, und es war, wie er es suchte. Inhaber desselben waren ein Forstrath von Schütz, der ehemals Jagdjunker gewesen in jenen Gegenden, wo diese Charge üblich war, und gegenwärtig nur in seinen vier Pfählen herumförsterte, seine Schwester, Frau von Schütz, die Wittwe eines Vetters, und ein Fräulein von Schütz, ihre Nichte, die Waise des Bruders. Cölestin sagte: wenn sie unter einem ältlichen Herrn einen ruhigen verständen, so könnten sie ihn getrost einnehmen, und die fehlenden Jahre übersehen. Er dürfe von sich rühmen, ein stiller Miether zu seyn. So wurde der Contract abgeschlossen. Bei näherer Bekanntschaft mit dieser Familie bemerkte Cölestin, wie combinirt dies verwandtschaftliche Verhältniß sey, was ihm so einfach geschienen. Der Forstrath war der dringende Liebhaber seiner Nichte, die Tante dem Bruder wie seiner Neigung gram und der Jugend des Mädchens abhold, die schöne Tony ein verfolgter Gegenstand der Liebe wie des Hasses, und in meisterlicher Uebung beiden überlegen. Sie wollte die Tante beerben, den Onkel zwar nicht heirathen, aber bei Gutem erhalten, und einst goldne Früchte ernten, wenn dies lachende Auge doch zuweilen weinen mußte. Aber diese trübe Aussaat war selten, denn die Vorsehung hatte solch schweres Ertragen durch leichten Sinn aufgewogen. Cölestin sah mit Erstaunen in diesem Hause ein stehendes Theater für kleine Intriguen-Stücke, von schlauer Erfindung und wohlberechnetem Erfolg. – Es wollte ihm doch so vorkommen, als ob Tony der Leidenschaft des Onkels schmeichle, wie den gehässigen Fehlern der Tante, und Beide anzuführen wisse, wo es das Erreichen einer Absicht gelte. Dieser wahrhaften Bemerkung ungeachtet, hatte sich das reizende Geschöpf seines Interesses doch so sehr versichert, daß sie unwirksam auf seine beobachtende Ruhe blieb. Er war nicht lange aus dem Spiel gelassen – Tony theilte ihm die Rolle ihres Vertrauten zu, und bald hätte er ihr das ganze Glück seines Lebens anvertrauen mögen. Er hielt den Gebrauch listiger Waffen für Nothwehr, die fügsame Klugheit, welche ein wenig nach der Schlange schillerte, für Taubensinn, und den abgelegten Anzug der Tante, den die reizende Tony sich gefallen ließ, wie das Verheimlichen prächtiger Geschenke, die der Onkel ihr aufdrang, für gleich nachgebende bescheidene Gefälligkeit der Nichte. – Die Liebe war es, meine Leser, welche Engel schuf. Sie verschönt, vergiebt, vergöttlicht – und öffnet selbst den Geistern der Hölle ihren Himmel. – Tony gab bei schicklichem Anlaß dem Hausfreund zu verstehen, wie widrig der Onkel ihr sey, und welcher fortwährenden Anstrengungen sie bedürfe, sich ihn als eine Respectsperson drei Schritte entfernt zu halten. Sie führte ihm mit lachendem Munde kleine Züge der Bosheit und des Geizes ihrer Tante an, so daß Cölestin eben so viel Ekel als Mitleid empfand, und heftig wünschte, das schöne heimlich geliebte Mädchen aus dieser Höhle des Satans befreien zu können. Doch ein inneres Etwas, dem er keinen Namen zu geben wußte, hielt ihn zurück, so oft ein erklärendes Wort auf seine Lippe trat, und diese Gefahr trat ihm näher und näher. – Als jenes würdige Geschwisterpaar einmal in eine langweilige Gesellschaft geladen war, und Tony unter irgend einem Vorwande davon zu Hause bleiben dürfen, beschied sie den ihr begegnenden Cölestin rasch und flüsternd in den Garten, wo er ihrer harren möge. Cölestin wußte nicht, was er von diesem naiven Rendezvous denken solle – aber er folgte dem süßen Befehl. Sein Herz pochte, Tony blieb lange aus – endlich kam sie, im neuesten Geschmack und so reizend angezogen, daß er geblendet vor ihr stand. »Gefalle ich Ihnen so?« fragte sie lächelnd, »ich putze mich manchmal auf meine eigene Hand, um doch auch zu wissen, daß ich ein Mädchen bin. Da komme ich mir denn wie eine verwünschte Prinzessinn, und mein Schicksal mir wie ein Mährchen vor, darin sich ehestens mein alberner Plagegeist in einen schmucken Freier verwandeln würde, mit dem ich freudig zöge über Berg und Thal; die Linsen und Erbsen aber, die ich zählen müssen, in blankes Gold. Denn –« setzte Tony in liebenswürdigem Uebermuthe hinzu: »sollte ich die Tante nicht beerben, so wollte ich lieber heute sterben. – Sie hat mich eingesperrt und ihr Geld, und zu ihrer Verdammniß wollen wir künftig rollen in die weite Welt.«

Und trotz dieser leichtfertigen Sprache überredete Cölestin sich selbst, daß Tony, ihn als Gattinn zu beglücken, geeigneter als jede Andere sey. Kaum würde er einem übereilten Versprechen entgangen seyn, wenn nicht die Freundschaft seine Gefühle rettend getheilt hätte. –

Jenes geheimnißvolle Gesetz, nach welchem die Sterne der Menschen ihre Laufbahn durchkreuzen, und Seelen sich begegnen, bestimmt auf einander zu wirken, ließ Cölestin einen Freund an jenem Sylvius finden, sein Geschlechtsname möge einer späteren Mittheilung vorbehalten bleiben – den wir nach einer Reihe von Jahren an der Pforte von Sanct Capella treffen. Dieser junge Mann lebte ohne allen Umgang, in stiller schwermüthiger Weise, vertieft in mathematische Arbeiten, doch scheinbar ohne Zweck, als Cölestin ihn kennen lernte. Er fühlte sich wunderbar von jener Natur angezogen, und jede Anziehungskraft ist, oder wird zuletzt gegenseitig. Sie wurden herzliche Freunde, nur mit dem Unterschiede, daß Cölestin ihm seine ganze Seele offen gab, während Jener dieses Vertrauen nur leidend erwiederte, und die zarteste Theilnahme für die Geheimnisse des Freundes an den Tag legte, ohne irgend einen Antheil für die seinigen in Anspruch zu nehmen. Es lag ein Zug von Stolz in seinem Character, der Stolz des Grams, und eines edlen gedrückten Herzens. Er trug die Abzeichen eines gewissen Ranges an sich, ohne ihn geltend zu machen. Sein Anzug war die feine Interims-Kleidung eines Forstmanns, auch sein Bedienter hatte das Ansehen eines Jägers. Diese Außenfarbe der Hoffnung ließ jedoch wie Spott der düstern Resignation, womit Sylvius achtlos auf das Treiben der Menschen und das Interesse der Welt, kein anderes Glück zu wünschen schien, als was die Ruhe des Einsamen gewährt. Ueber seine angestammten Verhältnisse verbreitete er sich nie; dagegen gab er freundlich Allem Raum und Gehör, was Cölestin ihm von sich selbst sagen mogte. Dieser fand einst ein Portrait auf dem Schreibtische des Freundes liegen. Er fragte, ob es eine Copie wäre – und Sylvius sagte, indem ein flüchtiges Erröthen sein bleiches Gesicht überflog: es sey das Bild seiner Frau. »Seine Frau?« fragte Cölestin sich selbst, und hatte kaum Zeit, darüber zu staunen, oder die Schönheit der jungen Dame zu bewundern, so schnell verbarg Sylvius ihr Conterfei und sprach von etwas Anderm. Sylvius hatte oftmals das Töchterchen seines Wirthes bei sich und liebkosete ihm väterlichweich. Cölestin scherzte darüber. – »Die Kleine ist meinem Kinde auffallend ähnlich und in demselben Alter,« sprach Sylvius mit ungewöhnlicher Rührung. »Seinem Kinde?« fragte Cölestin abermals in sich hinein; Sylvius mußte als ein Jüngling geheirathet haben. – Aber wenn auch ein Ehemann und Vater, wie jung er immer sey, sein Urtheil über Angelegenheiten der Liebe von einem andern Standpuncte abzugeben pflegt, als Solche seines Alters und Geschlechts, die den Schritt zum Traualtare noch vor sich haben, so machte Cölestin seinen Freund doch nichtsdestoweniger mit der stillen Neigung vertraut, die er für Tony von Schütz gefaßt hatte, wie mit den quälenden Zweifeln über die eigentliche Gestalt dieses reizenden Chamäleons, und ob dieses Gemüth endlich Farbe halten werde? –

Sylvius schüttelte zu dem Allen den Kopf und sagte unumwunden: »das Mädchen, Lieber, gefällt mir nicht; mein Geschmack ist zu einfach für den Reiz der Schlauheit.«

Cölestin vertheidigte seine Liebe mit Hitze; aber er gab dabei in seiner eigentlichen innersten Meinung manche Blöße. Das üble Vorurtheil gegen Tony schmerzte ihn, da jedoch Sylvius vermöge seiner Zurückhaltung Superiorität über seinen Freund übte, so hatte dieser entschiedene Ausspruch doch trotz dem Drange seines Herzens – ein vorsichtiges Verfahren Cölestins zur Folge. Er war nun mit dem Abschluß seiner Geschäfte fertig, und an den Termin der Reise gekommen. Da kam er zu Sylvius und sprach: »eine Bitte, Freund! die letzte. Es fällt mir schwer zu scheiden, und am liebsten mögte ich dies Post- und Reisespiel, was meine Phantasie mit Lust gemalt, nun es in meine Willkür gegeben ist, verschenken, wie ich eines von Pappe abseits gethan, was ich besaß, als ich ein Knabe war. Und doch ist es vielleicht gut, daß ich fort muß. – Ich würde ruhiger reisen, wenn ich mit mir selber im Klaren wäre. Du Freund, Du allein könntest mir reinen Wein einschenken, und wäre es auch ein herber Kelch, ich glaubte Dir dennoch. Thue mir den Gefallen, und beziehe mein Quartier, da Du ohnehin wechseln willst; Du findest dann Gelegenheit, Tony kennen zu lernen. Thue es aber ohne Arg! und fändest Du ein wärmeres Herz als Du ihr zutraust, und ein Fünkchen Liebe für mich darin glimmen: o! so fache es an mit dem Athem eines freundlichen Mundes, wahre mir mein Glück, denn ich liebe das Mädchen sehr!« Cölestin legte dieses Bekenntniß mit wankender Stimme ab, und fiel seinem Freunde um den Hals.

Von der Zuversicht erschüttert, womit er das Wohl und Weh seiner Zukunft in diese Hand legte, versprach Sylvius, was Jener von ihm begehrte. Es war ein schönes Gefühl der Freundschaft, was ihn in dem Wunsche bewegte, er mögte Tony Unrecht gethan haben, und eine Stütze für die Ruhe, für die Hoffnung seines Freundes werden. Er sprach die Worte: »das größte Glück eines Mannes ist, seine Geliebte gut und würdig zu wissen.« Und Cölestin antwortete ihm: »das größte Glück ist ein treuer Freund!« Sie wollten einander nicht schreiben. Ein Jahr, meinte Cölestin, der mit dem Auge der Liebe sein Ziel schon absah, laufe schnell um, und nur in dem Falle, daß Sylvius seinen Aufenthalt verändern müsse, solle der Freund Nachricht von ihm erhalten, oder doch bei seiner Rückkehr vorfinden. – Da diese Nachricht durchweg ausgeblieben war, hoffte Cölestin um so sicherer, seinen Freund noch in H–. anzutreffen. Mit drängenden Empfindungen erreichte er die Stadt. Der Mond beschien den stillen Markt, sein Herz schwoll, da er den Brunnen rauschen hörte, dessen Wasser die Geliebte trank, und aus der tiefen Quelle, der die Gedanken entsteigen, tauchte ihm die Erinnerung an die Bitte auf: daß Sylvius ihm reinen Wein einschenken möge. Diese Stunde war nun gekommen. Er eilte nach seiner Wohnung. Bei Forstraths war es ungewöhnlich erleuchtet, die Fenster seines Zimmers standen offen, Blumen davor, und drinnen sang eine angenehme, weibliche Stimme ein Webersches Liedchen zum Flügel. Seine Pulse stockten – dieser fremde fröhliche Ton, der Anschein des Unbekannten ängstete ihn, er wendete sich seitwärts, wo auf einer Bank ein Mädchen dicht an ihren Liebsten geschmiegt saß, und fragte beklommen: ob der Forstrath Gäste bei sich habe? »Das kann wohl seyn –« antwortete die Dirne und lachte frech. »Ich meine Gesellschaft –« sprach Cölestin, von einer dunkeln Ahnung empört.

»Nein,« entgegnete das Mädchen, »Der ist zur Ruhe.«

»Zur Ruhe?« fragte Cölestin, »es ist kaum halb Neun.«

»Der ist ganz und gar gestorben –« war die fast höhnische Antwort.

»Und Frau von Schütz? –« »Die ist fortgezogen.«

»Und das Fräulein? –« Cölestins Athem stand stille, so auch der Schlag seines Herzens, nur die Uhr viertelte dazwischen, als das Mädchen gleichgültig erwiederte: »Fräulein Tony? hat den Herrn geheirathet, der hier wohnte. Er trug immer einen grünen Rock. –«

Der Mond trat hinter eine Wolke, und nahm seinen Schein von einem Gesichte, das bis zum Tode erblichen war. Cölestin stammelte mit leiser Lippe: »das ist nicht wahr!« dann dankte er für gegebenen Bericht, und seine Seele zerriß, da er die wüste Dirne hinter sich scherzen hörte. Sylvius ehemaliger Wirth, den Cölestin in seiner Betäubung aufsuchte, bestätigte, daß er die lautere Wahrheit vernommen.

»Nun, so ist die Wahrheit selbst eine Lüge!« sagte Cölestin verstärkt: »Er hatte ja eine Frau! –« Der Wirth lächelte. Sein Töchterchen sah mit unschuldigen Augen zu ihm auf. Er dachte an das Kind des Freundes, und die seinen füllten sich mit Thränen. Mit zerrüttetem Gemüth verließ er den Ort, alle Nachforschungen blieben fruchtlos, und Sylvius und Tony verschollen – bis wir den Schall seiner Ankunft hören, und das, was er zu seiner Vertheidigung zu sagen weiß.

Die beiden Freunde fanden sich auf einem Zimmer allein zusammen; die kleine Gesellschaft hatte sich bei der Dazwischenkunft des Fremden sogleich aufgelös't, Mitternacht war bereits vorüber und also der Geburtstag des Administrators, ein neues Leben schien für ihn anzubrechen, aber noch lagen tiefe Schatten auf der Gestalt, deren erster Anblick ihn überwältigt hatte. – »Jetzt –« sagte Cölestin, und sein Blick drang tief in die verfallnen Züge des Freundes ein, als suche er die ehemalige Wohnung seiner Zuversicht, »jetzt, wo ich den Ton Deiner Stimme höre, klingen Saiten in mir an, die lange unberührt geblieben, und was ich auch inzwischen von Dir vernommen, es ist mir, als wäre es eine Lüge gewesen. Du wirst mir die Wahrheit nicht vorenthalten. Man sagte, Du hättest Tony geheirathet – Tony von Schütz, die ich liebte, die ich Dir anvertraute.«

»Da hat man Dir ein Factum berichtet –« antwortete Jener, und lächelte kalt. »Sylvius!« rief Cölestin mit lodernden Augen, eine Flamme der Beleidigung schlug durch sein Herz.

Und Sylvius sprach: »ich war prädestinirt, Dein Retter zu werden – um jeden Preis! ich warf mich auf, Dich zu schützen; Wer ist der Mensch, der es wagen dürfte, sich der Täuschung für überlegen zu halten? so warf dieser Hochmuth mich nieder. Wer fallen soll, wird zuvor stolz.«

»Das Einzige bitte ich,« entgegnete der Administrator, »sage mir Alles unumwunden; es ist mir, als könnte ich dennoch nicht an Dir zweifeln.«

»Das darfst Du auch nicht,« erwiederte der Freund mit schmerzlicher Stimme. »Verrath war meiner Seele fern. Niemand haßt Falschheit, das Schnödeste was ich kenne – aufrichtiger als ich, und doch mußte ich diese Larve tragen. Eine eiserne Hand hat sie mir abgerissen; ich darf nun frei um mich blicken, und sehe, daß ich allein der Getäuschte war – daß ich allein bin.« Cölestin reichte ihm schweigend die Hand. »Ich will Dir meine ganze Seele enthüllen –« fuhr Sylvius fort, »wenn anders ein Mensch im Stande ist, das Gewebe seines Innern in all den feinen Fäden aufzufassen, aus denen sein Verhängniß besteht. – Du weißt, daß ich bald nach Deiner Abreise zu Forstraths zog, und mit ziemlich übler Vormeinung gegen das Fräulein; ich nahm mir vor, diese Tony, der ich Dich nicht gönnte, solle mich nicht bestechen noch verblenden, und wenn jeder Blick ihres schönen Auges ein Sonnenpfeil wäre. Diese feurigen Augen aber zogen Wasser – ich dachte Deinetwegen, und dieser Gedanke zog mich an, freundlicher als ich gewollt, hineinzublicken. Ich fand das Mädchen so einfach betrübt, so schweigsam und unabsichtlich, daß ich nicht begreifen konnte, wie Du Dich so gänzlich irren können. Das Betragen des Fräuleins sagte meiner Stimmung zu; daß mich Tony wenig oder gar nicht bemerkte, war mir lieb, der leiseste coquette Angriff würde selbst das kühle Interesse des Beobachters mit einer Art von Abscheu – der Ausdruck ist hart, aber wahr! – von sich abgewendet, und mein Urtheil vollends verhärtet haben. Ich trug einen Talismann in und auf meinem Herzen, gegen den Zauber der Schönheit, gegen buhlerische Künste. Du hast das Bild gesehen, was auf meiner Brust schläft – das Original, der Inbegriff meines Lebens schlief in fremder Erde, und all mein Glück war mit ihm eingesargt. Die früher empfangene Nachricht hatte sich mir damals bestätiget, daß die Seele meiner Seele, das Weib meines Herzens gestorben sey. Die Welt wußte nichts von diesem Verhältniß und daher auch nichts von meinem Schmerz; was weiß die Welt von den eigentlichen Beziehungen des Menschen? sie kennt nur den Schein der Dinge. So hatte mich der Gram in einen Zwinger eingeschlossen, worin ich unzugänglich für Alles war, nur nicht für das Unglück. Dich, Freund! hätte ich vor dem längsten wahren mögen – und Tony fand das kleine Pförtchen, und schlüpfte durch Mitleid in mein Herz. – Eines Morgens lese ich Briefe, in Wehmuth aufgelös't, daß dieser himmlische Geist, den ich im Ausdruck der Liebe in jeder Zeile finde, mir entrückt ist. Da klopft es an meine Thüre, so schnell! so heftigleise! wie der Vogel, gejagt vom Sturm, an ein Fenster pickt. Ich öffne, das Fräulein steht draußen. Dieser unweibliche Schritt macht mich stutzen. Doch Tony ist blaß, der scheue Blick niedergeschlagen – ich darf vermuthen, daß sie mir etwas Außerordentliches mitzutheilen hat. Ich leite sie herein, zum Sopha. Sie verneint zu sitzen und sagt: sie könne sich auf keine Ruhe einlassen, so lange sie in Furcht und Seelenängsten schwebe. Dies sagt sie mit gebrochner Stimme und bricht in heißes Weinen dabei aus. Ich bitte Tony, sich zu fassen, und fasse ihre Hand, indem ich mich zu Allem erbiete, was zur Erleichterung ihrer Lage dienen könne. Sie sah mich an mit thränendem Blick – dieser Blick rührte mich unbeschreiblich. Im Leiden ist Wahrheit – dachte ich, und wie Tony wirklich sehr schön wäre. Haben Sie doch Zutrauen zu mir, Fräulein! sagte ich, und meine Worte mogten vielleicht einen Anklang jener Regung haben. Dies führt mich zu Ihnen, antwortete Tony; drüben bin ich bewacht und darf mit keiner menschlichen Seele reden. Ich halte Sie für einen Ehrenmann – war es doch grade, als wollte ich sagen: Ehemann? – wenn das nicht, würde ich mich wohl über alle Sitte so weit hinwegsetzen, Sie in Ihrem Zimmer aufzusuchen? – Das Mädchen hielt mich also für verheirathet. Ich konnte kaum weniger thun, als mir selbst geloben, daß die Wahl ihres Schutzfreundes die arme Tony nicht gereuen solle. Sie entdeckte mir nun ihre Bedrängniß. Der Onkel war in einem Anfalle von Eifersucht plötzlich so dringend in seinem Werben geworden, daß die Nichte zagte, er mögte ihr im Umsehen den Brautkranz mit tölpischer Hand auf die weichen Locken stülpen. Dann hatte sich noch ein Freier gefunden, den die Tante begünstigte, und das war noch schlimmer. Frau von Schütz hatte gedroht, ihr Vermögen an Fremde zu vermachen, wenn Tony den Forstrath heirathe, und dieser einen Eidschwur darauf gesetzt, daß er seine Hand von ihr abziehen wolle, wenn sie die seinige nicht nähme, oder den ihm verhaßten Rival vorzöge, und die Tante hatte öfters Schlaganfälle. – So war Tony in der Lage eines Gegenstandes, den Zwei zankend hin und her zerren, er zerreißt. Abends vorher war eine Scene vorgefallen, der Forstrath hatte sich krank geärgert, und lag zu Bett. Tony, zum Aeußersten gebracht, war in einer schlaflosen Nacht zu dem Entschluß gekommen, zu entfliehen. Sie kam, mich um eine Männerkleidung, wie um meinen Rath für mögliche Fälle zu bitten. – Du kannst denken, Freund! daß ich über diesen kühnen Einfall erschrak, und ihn dem Mädchen auszureden suchte. Das schöne, blühende Geschöpf, landflüchtig! ich schilderte die Gefahr dieses Wagnisses so entsetzlich als möglich; doch Tony blieb hartnäckig dabei, sie könne es länger bei ihren Verwandten nicht aushalten. All meine Mittel sind erschöpft, sagte sie, auch bin ich wohl zu geängstet, zu längerem Widerstande; ich bin nichts, als ein armes, zitterndes Opfer, so oder so. Fräulein! sprach ich: Sie haben doch sonst die Fähigkeit entwickelt, Ihren Drängern die Spitze zu bieten. – Ach! versetzte Tony: Sie kennen die Gewaltsamkeit nicht, womit man seit einiger Zeit auf mich eindringt; hätte ich mich nur ein Jahr noch behaupten können – ich dachte, sie wolle damit sagen, dann würde ihr der Ersatz durch Dich gekommen seyn. Nimm einen Dritten, hatte die Tante gesagt, so mag es drum seyn und Keines von uns hat seinen Willen. Ach! seufzte Tony, ein anderer Name wäre mir ein anderes Schicksal; der kleine Schütz meines Wappens, der ohne Unterlaß auf mich anlegt, würde zum Schutz für mich, könnte ich ihn tauschen. – Selbst eine Scheinheirath würde ich als eine wahre Erlösung betrachten können. Das Frauenhäubchen wäre mir Fortunatus Wünschhütlein, und ich könnte mich versetzen, wohin ich wollte. Ein Mädchen ist gebannt in seinen Kreis, und wenn ihn die Hölle umschriebe. Freilich, auf jede Brücke mögte ich nicht treten. – Ein dunkler Gedanke schwebte mir vor, als Tony diese Worte sprach, es war mein Dämon, der mir die verfängliche Antwort eingab: Fräulein! wenn sich nun ein Mann fände, den Sie der Hoffnung würdigten, auf diese Weise Ihr Retter zu werden, was dann? – Dann, sagte Tony: verspräche ich, ihm das Leben so sauer zu machen, daß er froh und gewiß seyn sollte, mich nach sechs Wochen wieder los zu werden; wir würden uns einmüthig über die Scheidung bereden. Ich aber wäre selbständig, und dürfte mir keine Unbill mehr gefallen lassen. – Diese Idee faßte mich; lasse Dich aber den Teufel bei einem Haare fassen, und Du bist sein auf ewig! – Wisse, Freund! meine erste Heirath war eine heimliche, die Gattinn war nur vor Gottes Augen mein. Hier kam es darauf an, der Gemahl einer Fremden zu scheinen, und begierig haschte ich nach diesem waghaften Verhältniß, wie nach dem Schatten von meinem verschwundenen Glück. – Fräulein! sagte ich, Sie sprachen vorhin: auf jede Brücke mögten Sie nicht treten? die meinige ruht auf den festen Pfeilern der Ehre und der Freundschaft. Wollen Sie Sich mir anvertrauen? ich entdeckte ihr nun Deine Liebe, und wie Du an ihrem erwiedernden Gefühl gezweifelt, und weshalb Du geschwiegen. Tony schwieg auch. Sie lächelte, reichte mir die Hand, und sagte: ich überlasse mich Ihnen gänzlich. – Ich wußte nicht, wie mir geschehen, als ich, nachdem sie fort war, meine Briefe wieder aufnahm. Welche Reihenfolge von Gedanken schloß sich dem Fragezeichen an, bei dem ich aufgehört? O! warum beherzigte ich jenes warnende Zeichen nicht? – Ich weiß nicht, ob Du je zu der Erfahrung gelangt bist, daß Niemand größere Gewalt über uns übt, als Wer ein früheres Mißtrauen in uns überwunden? – Umsonst ward ich mir meines Verdachts gegen die listige Tücke dieses Mädchens bewußt, vergebens schreckte mich eine ahnungsvolle Scheu, ein unwürdiges Gaukelspiel zu treiben: hundert Sophismen bekämpften mein sträubendes Gefühl. Wie viele erbärmliche Motive schließen nicht täglich Ehen! dachte ich; mein rascher Entschluß entspränge mindestens dem redlichen Willen, Freiheit und Liebe, diese höchsten Güter Andern erwerben zu helfen. Ich wollte eine Sclavinn lösen und sie heilig halten, die Braut meines Freundes. Was nun folgt, kann ich nicht folgerichtig beschreiben. Es ist nur ein wüster Traum, den ich mir nicht deutlich machen darf, wenn ich nicht von Sinnen kommen will, daß ich es damals war. Ich warb um Tony; Frau von Schütz sagte mir ohne Weiteres ihre Nichte zu, ich fand nicht einmal die leise Zurückhaltung der Schicklichkeit. Man hielt mich für reich, um eine Bürgschaft für meinen Character, für alles Wesentliche kümmerte sich die Tante nicht, und mir blutete das Herz, daß die arme Tony so waisenhaft verlassen wäre von mütterlicher Fürsorge. Von einem Mitbewerber war die Rede auch nicht, es schien, als ob Frau von Schütz eine gegenseitige Neigung zwischen uns voraussetze. Der Forstrath lag ernstlich krank. Wenn er stürbe, Ihr Onkel, Fräulein, sagte ich, so wäre ein Grund gehoben – gereut es Sie schon? fragte mich Tony mit aufreizendem Spott, ich sage Ihnen, es ist nichtsdestoweniger nothwendig, daß Sie Sich meiner annehmen. Ich war bereits zu sehr von diesem in seiner Art einzigen Verhältniß befangen, um es noch durchaus beherrschen zu können. Noch benahm sich Tony mit jener Subtilität gegen mich, deren ich auch bedurfte. Sie hielt mich an der feinsten Kette. Wenn andere Brautleute von der Ewigkeit ihrer Liebe reden, so flüsterte Tony mir zu, in welcher Kürze unsere Trennung zu beschleunigen wäre. – Ich sollte sie unter dem Vorgeben einer Reise nach meiner Heimath in die Sch–. bringen, wo eine Gespielinn ihrer Kindheit glücklich verheirathet lebte; dort wären wir weit genug, meinte sie – um unser Scheiden in eine Nebelferne einschleiern zu können. Dies war wohl recht gut; aber ich athmete schwül, ich athmete Gift, der Keim einer Krankheit setzte in mir an. Ein ängstliches Schwanken, ein Schwindel von Unsicherheit hatte mich ergriffen, ein Zustand ängstlicher Betäubung ließ mich nicht mehr festen Fuß fassen auf irgend einem vernünftigen Grunde. Doch lasse mich kurz seyn – Lieber! mein Schmerz ist dennoch lang.«

»Ha! ich ahne –« sagte Cölestin, der bis dahin regungslos zugehört. »Nein, es kommt über Erwarten –« fuhr Sylvius fort, »höre nur weiter! Frau von Schütz machte mir die Proposition, mich je eher, je lieber trauen zu lassen, weil man nicht wissen könne, welchen Ausgang die Krankheit ihres Bruders nähme. Dann wolle sie, ginge er mit Tode ab, unverweilt diesen Ort verlassen, und Gott danken, den Leichtfuß, die Tony, wie schwer lasse ein Mädchen sich hüten – unter der Obhut eines Mannes zu wissen, eines Mannes, dem sie nun pöbelhaft die unverschämtesten Schmeicheleien sagte. – Tony hatte mir entdeckt, daß sie sich durch die Freigebigkeit des Onkels ein hübsches Capital gesammelt, wovon sie bequem ein paar Jährchen zu leben gedenke. Es war etwas in dieser Vorsichtigkeit, was mir mißfiel; doch auch dies Mißfallen an dem berechnenden Talent, einen verliebten Thoren zu bevortheilen, mußte Zeit haben, um nachzuwirken. – Auf Tonys Anstiften gab die Tante die Ausstattung der Nichte in Geld, weil wir ja reisen wollten, und zwar vom Hochzeittage aus; der Zustand des Forstraths, die Schonung für seine Schwachheit, diente zum Behuf dieser Wegeile. – Wir wurden im Armenhause copulirt, ich, der Bräutigam, der Aermste von Allen, die der Ceremonie zusahen. Ich leistete den falschen Schwur, innen verneinend, wie die Juden – ich gab Tony einen falschen Namen, denn auch Du, Lieber, kanntest meinen wahren nicht. Die warme Mondnacht wollten wir zum Fahren benutzen, und mit der Dämmerung abreisen. – Ich hatte mich schon seit einigen Tagen nicht ganz gut gefühlt; die Wiege des Wagens schaukelte den tobenden Kopfschmerz nicht zur Ruhe, ich lag zwischen Schlummer und Traum, und ein Cyclop arbeitete in meinem Gehirn. Ein Hauch von Feuer ging aus von meiner Stirne, mein Athem dampfte Gluth, zugleich schlich ein schauerndes Frösteln und Ziehen durch meine Glieder, und die Füße zitterten mir auf der weichen Decke. In welche phantastische Welt schien der schöne stille Mond! ich drückte die Augen zu, weil jeder Blick mich schreckte und schmerzte; die Braut schlief sanft an meiner Seite. – Als ich erwachte, fand ich mich mit dumpfem Bewußtseyn in fremden Umgebungen. Ich lag im Bett, unter dem Gebälke eines ländlichen Stübchens; ein starker, betäubender Geruch von Moschus wirkte auf mich ein. Tony saß auf einem roth und blaugemalten Schemel in meiner Nähe, ein dicker Mann stand vor ihr, und großäugig schauete sie zu ihm auf. Ich rief sie leise. Sie stieß einen Freudenschrei aus, und stürzte in froher Hast zu mir hin. Der Dicke, es war der Arzt – wünschte mir mit fetter Stimme Glück: ich hatte dreizehn Tage in einem Nervenfieber gelegen. – Der kleinen Frau nur, sagte der Licentiat bescheiden, als Tony sich auf einen Augenblick entfernte, verdanken Sie nächst Gott Ihr Leben. Sie ist nicht aus den Kleidern und von Ihnen weggekommen. Solch eine wackere Pflegerinn lobe ich mir. – Tony, sprach ich, als wir allein waren: der Arzt hat mir gesagt, wie viel Sie für mich gethan, es ist nun der Güte genug. Denken Sie an Sich, an das eigene Wohl – ich bin Ihr ewiger Schuldner. Lachend antwortete Tony: das wäre mir was! der Himmel selbst hat mich in mein Recht eingesetzt, daraus ich mich nun nicht mehr verdrängen lasse. Und wenn Du mich noch einmal Sie nennst, so sage ich dem Doctor, daß Du noch immer phantasirst, mich nicht erkennst für Deine Frau, und die Cur geht von Neuem an. So sprach sie mit reizender Gutherzigkeit; ich fühlte mich Tony nun wirklich verbunden. Lust des Lebens und der Liebe wallte wieder auf in meiner Brust, meine Seele strömte gegen die ihre. Sie setzte mich in tausend kleine Verlegenheiten vor dem Arzt, und zwang mir die Rolle eines Ehegatten auf. Sie überwältigte mich durch trautes zärtliches Zudringen an mein Herz, ich war ganz in ihren Fesseln.« – Der Administrator machte eine schmerzhafte Bewegung. Sylvius hielt einen Moment inne, dann fuhr er mit steigendem Tone fort: »Freund! spricht keine Entschuldigung für mich an? versetze Dich an meine Stelle. Ich dachte an Dich mit einer Wehmuth, die mir Dein Andenken trübte. Allmählig ging mir der Gedanke auf, daß eine geheime Leidenschaft meine Handlungsweise geleitet hätte, der ich willenlos nachgegeben, wo ich nur dem Drange der Umstände zu weichen glaubte. Jetzt mußte ich an meiner Liebe halten, sollte ich nicht in die tiefste Schaam versinken. Ich war mir selbst ein Räthsel geworden und wünschte aufrichtig, der Tod mögte es lösen. – Aber ich genas; nur ein krankes Gefühl innerster Schwäche vermogte ich nicht zu überwinden. Wie Alpen lastete es auf meiner Seele, Freiheit und Kraft lagen hinter mir – und ich meinte dieser Schwermuth zu erliegen. Ich dachte nunmehr ernstlich daran, wo meines Bleibens seyn würde? nirgend! sagte eine Stimme tief in der Brust. Mein Vater lebte noch; ich war sein Assistent gewesen, seine Stelle war mir bestimmt. Ein Sehnen wie Heimweh zog mich nach dem Orte, wo ich den väterlichen Greis einsam wußte. Ich wollte ihm Tony als Tochter zuführen und den Heerd meines Glückes häuslich bauen. Mein Arzt forderte, daß ich mich nicht übereilen sollte, auch meine Kräfte forderten das. – So verließen wir das Dorf, wo ich an einen denkwürdigen Abschnitt meines Lebens gekommen war, und zogen unsere Straße. Eines milden Abends im Frühherbst gelangten wir in ein paradiesisches Thal; durch eine Gebirgsschlucht sah man eine Stunde davon entfernt, einen berühmten Brunnenort liegen, und ein bläulicher Duft, wie von den Stahlkräften der Quelle aufsteigend, webte geheimnißvoll um die glänzenden Gebäude. Das nette neue Wirthshaus, woran wir hielten, war im Widerspruch zu seiner Bestimmung, in den Reiz der Ruhe eingehüllt. Eine junge Frau, blond wie ihr Flachs, saß und spann, eine Reihe steinerner Brunnenkrüge, in denen die Sonne funkelte, war aufgepflanzt. Gegenüber lag auf Felsen erhöht ein altes Schloß von gothischem Bau. Das Wasser, was ich trank, war köstlich, ich äußerte mich begeistert über diesen Aufenthalt, und Tony sprach: ei! so lasse uns hier rasten, und trinke Dich satt! – O! hätte ich Lethe getrunken! – – – Wir blieben da. Ich saß im Garten und starrte hinüber nach dem Schloß. Der linke Flügel nur schien bewohnt; ein Fenster stand offen, und der Wind blähte die weißen Gardienen. In diesem Spiel der Luft wehete mich der Odem eines befreundeten Geistes an, ich fühlte mich warm durchdrungen. Meine Gedanken schlüpften in die Falten des kleinen Segels, und schifften über das liebe stille Meer der Ahnung. Tony kam und sagte: ich säße gleich dem Ritter Toggenburg – und sähe so blaß aus wie eine Leiche. Sie war so zärtlich, wie noch nie. Ihr Eingehen in meinen Wunsch, ihr Anschmiegen an meine Stimmung that mir wohl. Die trauten Beziehungen eines innigen Zusammenlebens hatten zwischen mir und meiner ersten Frau nicht Statt gefunden. Diese war mir eine hohe Braut gewesen, zu der ich mich im Verhältniß der Leidenschaft befand, gedemüthiget, mein Recht verleugnen zu müssen vor den Menschen; in den Augenblicken, wo ich mein Eigenthum an mich riß, fühlte ich mich einen Gott. Wie anders mit Tony! hier verhindert mich der wunde Stolz des Gewissens, den Begriff der Ehe zu fassen; aber ich empfand mich geliebt. – Sie lehnte den Kopf an meine Schulter und flüsterte mir süße Worte der Besorgniß zu. Ich scherzte, sie würde sich zu trösten wissen, wenn ich auch stürbe. Ein weiblicher Character, wie der ihrige könne der Stütze entbehren, und ich sey doch nur ein wankender Stab. – Tony schmollte. Glaube nur, Geliebte, sagte ich mit verstärkter Stimme, indem ich sie an mich drückte: kein Mensch, wenn er hinweg ist, macht eine Lücke, die nicht irgend womit ausgefüllt würde; kein Gestorbener, käme er wieder, und wären tausend Thränen um ihn geflossen – fände mehr Raum in der Welt, die so drängend ist im Ersatz. Die Geschichte jener lebendigbegrabenen Frau, die da heimkehrt zu nächtlicher Stunde und vergebens an Haus und Herz der Ihrigen pocht, die sie nicht kennen wollen und für eine blasse gespenstische Lüge halten, so daß sie wieder zurück muß in die Wohnung der Todten, um dort Herberge zu suchen, ist von ergreifender Wahrheit. Das Grab ist zuverlässig, und nur der Lebende hat Recht. – Als ich dies sagte, überrieselte mich das leise Geräusch naher Schritte mit einem wundersamen Schauer. Eine weiße Gestalt geht, nein, schwebt hurtig an uns vorüber, so daß ihr langes Kleid die Grasspitzen hörbar tüpft. Sie wendet das Gesicht vom grünen Schirm des Hutes magisch entfärbt, nach unserer Gruppe – ich hielt Tony umfaßt. O! ich kannte dies bleiche, schöne, liebe Gesicht gar wohl. Mit einem Blick im Fliehen ward mir mein Urtheil zugeworfen; nur einen Moment sah ich in dies blaue Auge, in meinen verscherzten Himmel –: es war meine Frau.«

»Allgerechter Gott!« rief der Administrator, als gäbe ihm die Erscheinung einer Mitbetheiligten das Recht, laut zu werden, »und Du irrtest Dich nicht?«

Sylvius lächelte. Dies Lächeln, ein Schattenriß jener Vision, schnitt seinem Freunde in die Seele. Er sprach: »ich sage Dir, bei dem lebendigen Gott! Sie war es wirklich. Ein kleines blankes Schlüsselbund an ihrem Gürtel klirrte, da sie in achtloser Eile über eine Baumwurzel strauchelte. Sie trug einen Zweig Ebereschen in der weißen Hand, die lagen verstreut auf dieser Stelle, da ich sie suchte, wie Blutstropfen, die von meinem Herzen abgeträufelt wären. Frage nicht, wie mir gewesen; ich weiß nichts von jener Zeit. Tony glaubte, daß ich mir einen Paroxismus durch Erkältung zugezogen hätte. – Wer war die Dame? wo ist sie hin? fragte ich die Wirthinn, und meine Zähne schlugen an einander. Ich erhielt keine andere Auskunft, als den Bescheid: es wohnten ein paar Brunnengäste auf dem Schlosse, ein Herr und eine Dame, diese würde es wohl gewesen seyn; stille, vornehme, absonderliche Leute, sagte die Frau mit einem Fingerzeig gegen die Stirne, die das Geräusch nicht lieben, und Niemand etwas zu Leide thun. Sie mogte meine Geberde für Furcht halten. – Die Nacht kühlte mich nicht; ich lag in Angst gebadet. Noch war die Sonne nicht aus dem Morgenthor gegangen, da läutete ich schon an dem des Schlosses. Ein schlaftrunkener Wächter that mir auf und schnaubte Grimm; doch der wilde Mann auf dem Goldstücke, welches ich ihm vorhielt, machte ihn zahm. Er habe strengen Befehl, Niemand einzulassen, sagte er, seit gestern Abend. Auch sey die Gräfinn unpaß. Also krank! dachte ich. Wer krank ist, lebt doch! ich aber war gekränkt bis zum Tode. Und als die Thürflügel hinter mir zufielen, fühlte ich mich von jeder Hoffnung auf ewig ausgeschlossen. Willenlos ließ ich nun Tony über mich verfügen, die unsere Weiterreise beschleunigte. Sie weinte im Wagen – ich sprach kein Wort, ein Laut von meinem Schmerz hätte mir die Brust gesprengt. In der nächsten Stadt ging Tony aus und kam mit einem Doctor wieder, den sie selbst geholt hatte. Es war ein ehrwürdiger Mann, der mir Zutrauen einflößte. Er tadelte collegialischer Weise meinen vorigen Arzt, der mich so früh in der Reconvalescenz nicht hätte reisen lassen sollen, und meinte, nun müßte ich acht Tage Quarantaine halten: ich bedürfe Ruhe. O Gott! – Sein Auge schien mit Liebe auf Tony zu verweilen, die, wie er und seine Frau gefunden, ihrer einzigen Tochter sehr ähnlich sähe, welche ihnen vor zwei Jahren eine ansteckende Krankheit entrissen, wozu der Vater selbst den tödtlichen Stoff herzugetragen. Wie rührend schilderte der Mann mir diesen Schmerz! – Er bat mich, der armen Mutter den Trost dieses Anblicks zu gönnen, und während unseres Aufenthalts freundlich zu ihnen zu kommen. Diese herrlichen Menschen werde ich nicht vergessen. Mir kam der Gedanke, Tony, die ich besser nicht aufgehoben wüßte, bei ihnen zu lassen, allein in meine Heimath zu reisen, das Terrain zu recognosciren, und sie dann abzuholen. Tony schien dieses Vorschlags froh, der Doctor und seine Frau gingen mit Vergnügen darauf ein. Ich athmete freier und fühlte mich erlös't, da ich im Wagen saß. Der Unglückliche, allein neben Andern, findet Trost darin, einsam zu seyn, und der Gram ist ein unduldsamer Gefährte. Mein alter Vater empfing mich mit großer Rührung. Er kannte den Sohn kaum mehr, so hatte ich mich verändert. Ich wagte es, ihm mein Unglück zu bekennen. Es floß eine große Kraft von ihm aus – und sein sanftes Wort fiel wie Thau in meine brennende Seele. Sylvius, sagte er: Du hast ein gefährlich Spiel gespielt, und ich fürchte, Du hast es verloren – finde Dich nur darin; den Vater sollst Du stets in mir finden. Ein Zurückgehen in seine alten Verhältnisse ist dem Menschen immer unmöglich, jede Stunde reißt uns von der vorigen ab, und der zerrissene Faden einer Fügung läßt sich nicht haltbar wieder anknüpfen. Gott fügt zuletzt doch Alles wohl. Ermanne Dich, mein Sohn! der Muth hilft Berge tragen, und der Glaube versetzt sie. – Wie oft hatte ich dieses frommen Glaubens heimlich gespottet! jetzt neidete ich meinem Vater seine stille Gelassenheit. Er war es zufrieden, daß ich ihm Tony brächte. Wir wollen sehen – sagte er mit bekümmertem Blick. Ich will Tony also holen. Auf der Straße jener Stadt begegnet mir mein alter Doctor. Er erkennt mich bestürzt und ruft: nun, es ist doch kein Unglück vorgefallen? ich frage: wie so? – Tony war seit fünf Tagen fort, vorgebend, Nachricht von mir erhalten zu haben, daß ich mein Versprechen unmöglich erfüllen könne, und dringend nach ihr verlange. Die Frau des Doctors zitterte an allen Gliedern, ich sah, man verschwieg mir etwas. Auch liegt ein Brief an Sie da, sagte Jene, der den Tag nach der Abreise Ihrer Frau Gemahlinn ankam, mit dem Vermerk, daß wir ihn aufbewahren sollten, bis daß er abgeholt würde; dieser Umstand ist uns sehr aufgefallen. – Tony schrieb mir: von den letzteren Erfahrungen überzeugt, mit welcher Aufopferung ich mich ihrer angenommen, wolle sie mir nicht länger beschwerlich fallen, und ich dürfte sie um so ruhiger ihrem Schicksal überlassen, als sich ein Begleiter für sie gefunden, der die Pflicht, sie zu beschützen, für sein Glück halte, und mit Freuden jede Verantwortlichkeit auf sich nehme. Böslich habe sie mich nun zwar nicht verlassen, was uns sogleich scheiden werde – aber ich könne immerhin darauf klagen, und auf was ich immer wolle. Sie ertheile mir die unbedingteste Vollmacht für alle Fälle der Schuld, und wünsche mir, wohl zu leben. – Bei dem Tone leichtsinniger Indifferenz in diesem Schreiben, war es mir, als ob ein Fenster zerspränge; freie Luft strömte mich an, und ich sah Alles, Alles ein!«

»Sieh!« sagte Cölestin mit einem Klange der Rede, als hätte eine lange Dissonanz sich gelös't, »so hat auch Dich diese falsche Tony nicht geliebt. Sie ist eine Schauspielerinn, die heute im Fache der Intrigue siegt, und morgen als gedrückte Unschuld rührt. Du warst nur das Vehikel ihres Talents und ihrer Zwecke. Sie hat Dich zu der schwersten Rolle gezwungen. Armer Freund! ich muß Dich beklagen und mich dazu, daß ich Veranlassung dazu gegeben. Sprich mir nicht davon, daß sie Dich gepflegt, Dir Güte und Liebe bewiesen: auch eine Actrize fühlt, und vergießt natürliche Thränen; es liegt eine Fähigkeit in der Lüge, daß sie sich selbst für wahr hält. – Wer war denn aber das neue Opfer ihrer aimablen Kunst?«

»Ein junger Mediziner, ein Libertin, der Beschreibung nach,« antwortete Sylvius »der, zur Zeit Secondairarzt des alten Doctors, Gelegenheit gefunden, mit Tony schnell bekannt zu werden. Das Aehnliche findet sich bald aus. Er hatte einen Ruf nach Liefland erhalten – Tony war immer progressiv. Sie ging mit ihm, und die treue Aufsicht jenes würdigen Paares ward getäuscht.«

»Und Du?« fragte der Administrator. »Und ich?« fragte Sylvius mitleidig zurück und sprach: »es giebt Erfahrungen, welche durch ihre glühende Beize die ganze Ichheit in ein fremdes Gefühl verschmelzen. Ich hätte Gott danken mögen; aber ich konnte nur sein Wunder denken. Als jener reine Geist erschien, verschwand der Trug des Blendwerks: denn die Liebe ist Licht! ist Befreiung! – Unsere Ehe war null und nichtig. Ich eilte ohne Weilen zu meinem Vater, ihn der Sorge um mich zu entheben. Gern hätte ich ihn unterstützt mit meiner besten Kraft, diese war mir hin. Eine Zeitlang sah er meinen ohnmächtigen Versuchen zu, mich zurecht zu finden, dann sagte er: so geht es nicht, mein Sohn! gehe nur in die weite Welt, und wenn ich auch unterdessen in die Enge geriethe. Der gute Greis! ach! ich verstand ihn, obgleich ein väterliches Lächeln mich über den düstern Sinn dieses Ausdrucks täuschen sollte. Unsere Familie stammt ursprünglich aus Castilien. Dahin reise! sagte mein Vater, der es wußte, daß, dies Land zu sehen, ein früher Wunsch meines Lebens gewesen war. Die spanische Sprache, unser Muttertheil, hatte sich von Geschlecht zu Geschlecht vererbt; wenn auch das Wenige, was ich überkommen, nur ein Stammeln genannt werden konnte, deutlich machen, konnte ich mich doch. O mein Freund! diese Reise war mir wie eine Wallfahrt, und mit büßender Seele trat ich sie an; ich hoffte, mich müde zu träumen an der Wiege meiner Väter. Etwas Schöneres als die Einsiedeleien dieses Landes giebt es auf der ganzen Erde nicht. Wo die Natur eine stille Capelle gebaut, da finden sich auch Spuren öder Hausaltäre, und ein Hauch südlicher Glut webt unter diesen heiligen Schatten. Man sieht, der Mensch hat die Hand nur leise heben dürfen, um das Höchste in Besitz zu nehmen. Die reizende Ueppigkeit des Bodens ließ mein armes Herz freudeleer, der Glanz der Städte schimmerte mir kein Glück vor, die Verwickelungen der Politik zogen mich nicht an, nur die Poesie der Einsamkeit war es, was mich rührte. Ich zog hin, ich zog her – die Zeit zog auch vorüber; ich forschte nach der Quelle meiner Abkunft – der Ruhe Quell in meiner Brust war mir verschüttet. So hatte ich kaum gemerkt, daß meine Baarschaft zu Ende ging. Der Schmerz, welcher den Geist reift, ist in Betreff auf zeitlichen Vortheil ein Mündel unseres Herrgotts. An den Pyrenäen traf ich einen Deutschen. Ich fand Gelegenheit, ihm einen wichtigen Dienst zu leisten, dann fand ich etwas Seltenes: einen Dankbaren. Ich konnte seine großmüthige Erkenntlichkeit nicht ablehnen. Wir blieben eine Weile zusammen. Er entließ mich nicht, ohne mir das Versprechen abgedrungen zu haben, daß ich, wären meine Verhältnisse zu lösen, mich seinem Schicksal, seinem Glück auf immer anschließen wolle. Er war ein sehr bevorzugter Mann, unabhängig, und begünstiget zu der Freude, seinen Freunden nützen zu können. Mein Vater war todt, seinen Ehrenplatz nahm ein Anderer ein, Fremde schalteten und walteten an heimischer Stelle, überall vermißte ich das Geliebte. – Ich sehnte mich, ach Cölestin! ich sehnte mich unaussprechlich zu Dir! – Einmal nur wollte ich Dich wiedersehen und Dir sagen, wie Alles gekommen. Dann scheide ich für immer. Ich habe die Schuld bezahlt – wirst Du sie auslöschen in Deinem Herzen?«

Der Administrator heftete einen langen, feuchten Blick auf seinen Freund und sprach: »lasse es doch gut seyn. Dein Andenken war mir nie so verwischt, daß ich Dich nicht wieder erkennen sollte. Gott tilgt Alles! von den meisten Tugenden heißt es: sie werden einst nur vergeben. Du bist mein Freund und bleibst bei mir.«

Sie hielten sich schweigend umfaßt – ihre Herzen schlugen hoch aneinander, keine Liebe reicht an die verzeihende.

Am folgenden Morgen hatte Frau Fabia eine lange geheime Unterredung mit dem Freunde ihres Schwagers. Sie schien einen alten Bekannten in ihm wiedergefunden zu haben; ohne lebhaft laut über dies erneuerte Verhältniß zu werden. Und daß auch hierin die beiden Schwägerinnen zu gleichen Theilen gingen, geschah es, daß, ehe die Wintersonne desselben Tages sich neigte, Therese bei der unvermutheten Ankunft des Lieutnant Feldmeister in dem Neffen des Majors jenen Offizier erkannte, der mit entschlossenem Muthe ihr mütterliches Gut vor gänzlicher Einäscherung geschützt hatte.

Auch Rudolph stand betroffen, da er die schöne junge Frau erblickte. Eine Feuerröthe, der Widerschein jener Flammen, schlug in seinem Gesichte aus, und eine Wunde, die er im polnischen Kriege davon getragen, schmerzte ihn tiefer, als die erst geheilte. Er nannte die Gattinn des Constanz: »mein gnädiges Fräulein!« Therese hatte sich reizender noch entfaltet; ihre Augen leuchteten unstät und frühlingskräftig wie Sterne am Firmament einer warmen Mainacht, der Blick einer Frau ist ein sanftes, bestimmtes Licht am häuslichen Horizont. Sogar in dieser kalten Jahreszeit verschmähete Therese das Häubchen, und trug das braune Haar üppig frei, als könne ihr Flattersinn selbst einen Zwang von Flor und Band nicht dulden. Alle ihre Bewegungen hatten den tanzenden Rhythmus der Freude; der Gang einer Gattinn ist schwerfällige Prose und schreitet nur unter dem Klingklang eines Schlüsselbundes einher. Kein Gewicht dieser Art beschwerte den Gürtel dieser leichten schwebenden Gestalt. Zwar hing in ihrem rechten Ohr ein winziger Schlüssel von Gold und Demant, und in dem linken das dazu passende Schloß; doch ohne daß der erstere etwas Anderes eröffnet, als den Geschmack im Putz – das letztere ein volles Herz bewahrt hätte. –

Als Rudolph nun hörte, daß er eine Strohwittwe vor sich sähe, da meinte er, seine Hoffnung, daß der Zufall ihn wohl nicht umsonst mit diesem anziehenden Wesen zusammenführe, wäre auf eine taube Aehre gefallen.

Auch Therese fühlte sich durch den Anblick des Lieutnants in die Vergangenheit entrückt. Sie hörte im Geiste das Schießen der Feinde – Thränen schossen in ihre Augen und schleierten das Bild der blassen Mutter ein.

Als der Major seinem Neffen die Verhältnisse des Hauses auseinander setzte, konnte Rudolph vor Allem die seltsame Ehe Theresens nicht fassen. Er schüttelte den Kopf und sprach: »Sie kann nur an den Mann im Monde verheirathet seyn. Nur diese Entfernung, und die Kälte des Planets macht es denkbar, solch ein himmlisches Weib Jahrelang missen zu können. Und welche Gleichgültigkeit liegt darin, eine Frau, wie diese, dem Bruder zu überlassen, der doch ziemlich jung und ein sehr hübscher Mann ist! – Die vertraulichen Beziehungen ihres Zusammenlebens –« »sind eine Höllenplage für ihn, der gern friedlich wäre,« unterbrach der Major seinen Neffen, indem ein sarcastisches Lächeln des Oheims dem Lieutnant zu denken gab. »Es ist sehr möglich,« fuhr Jener fort, »daß dieser ärmste Prälat ein Cölibateur bleibt, wie seine geistlichen Namensbrüder, bloß weil er das Glück genießt, der Schutzherr zweier Frauen zu seyn. Wer mit der Schönsten familiair umzugehen ein Recht hat, verliebt sich selten in sie. Du, mein Junge, sprichst wie der Blinde von der Farbe.«

Die Schwägerschaft nahm plötzlich wandelnd eine hellere in den Augen des Neffen an.

Das Leben der Hausgenossen im Stifte gestaltete sich nun um vieles anders. Der Administrator war sichtlich erheitert, seit er den Freund zur Seite hatte, und seine Gesundheit kräftigte sich zusehends. Sie ritten täglich zusammen aus, Pläne zu Verbesserungen der Güter beschäftigten sie daheim. Ein gemeinnütziger Ernst, der sich gegenseitig mittheilte, ließ sie Bedacht auf Alles nehmen, was dem Wohl der äußern Angelegenheiten förderlich werden könnte. Sie tauschten ihre Ansichten aus – und ein solcher Freund hatte dem Verweser nur gefehlt, daß er seine Stellung sich mit Lust und Liebe aneigne. – Der Oberförster war ein bejahrter Mann; Cölestin dachte, seinem Freunde zu diesem Posten helfen zu können, so würde die Zukunft sie nicht mehr trennen. Auch gab es für einen so fähigen Kopf auf jeder Stelle Beschäftigung, und Sylvius nützte den Renten des Klosters, während er der Gast des Hauses war und blieb. Andererseits war dem Administrator nicht minder geholfen. Er schloß sich lediglich an den Gefährten an, und vergaß über ihrem männlichen Thun, was er längst lassen sollen, sich der Zufriedenheit seiner Damen anzunehmen. Ob die Frauen sich vertrügen oder nicht, es kümmerte ihn kaum noch, und Sylvius überzeugte ihn vollends, daß die Weisheit und Gerechtigkeit in höchster Person weibliche Ansprüche nicht auszugleichen vermöge. – Seit die Schwägerinnen keinen Schiedsrichter mehr hatten, brauchten sie auch keinen mehr. Frau Fabia war aus ihrem frommen Hinbrüten aufgescheucht worden. Sie ging gesellig in manche ihrem Wesen fremdartige Idee ein, und war nicht so finster als sonst. Die tiefe Fuge ihrer Tonart hatte sich in Harmonie gelös't, und ein besserer Einklang zwischen ihr und Theresen niemals Statt gefunden. Fabiens Sorge um den Schwager wendete sich, da er gesund geworden war, mehr seinem Freunde zu, der an einer unheilbaren Krankheit des Gemüths zu leiden schien. Sie achtete selbst weniger auf Josephine. Diese brachte jeden Augenblick, der zu erübrigen war, bei der Nonne hin, da Schwester Veronica sich der fremden Männer wegen zurückgezogen hatte.

Therese war liebenswürdiger als je. Sie machte tausend kleine liebreizende Gefälligkeiten geltend, die ihr zu Gebot standen, und selbst Fabia mußte sich gestehen, daß, wenn sie wolle, ihr nicht zu widerstehen sey. Sie entschuldigte heimlich den Administrator, daß er parteiisch gewesen. – Und seltsam! gerade jetzt zeigte sich Cölestin so kühl und selbständig, als hätte dieser Zauber seine Kraft an ihm verloren. –

»Der alte Feldmeister ist aus dem Felde geschlagen –« sagte der Major zu dem jungen, und leise sprach in seinem Tone eine krankhafte Empfindlichkeit an. »Dieser Freund, dieser Fremde, der mir nicht sonderlich behagt, füllt die Zeit und das Herz des Administrators aus. Ein Glück, daß ich Dich hier habe, Rudolph.« Faust knurrte eifersüchtig, als der Oheim bei diesen Worten dem Neffen die Hand reichte.

In der That würde die Freundschaft des Majors kaum einem Gefühl der Zurücksetzung entgangen seyn, wie wenig Cölestin sich auch derselben bewußt gewesen, wären häufige Anfälle der Gicht, die den Ersteren an sein Zimmer fesselten und die Anwesenheit des Lieutenants nicht zur Entschuldigung für den Administrator geworden. So oft das Befinden des Majors leidlich war, vereinigte sich die kleine Gesellschaft. Dann spielte Rudolph mit Theresen Schach, und immer ward sie eine Siegerinn. Es gelang ihm nie, den Ruhm seines Namens gegen ihre kleinen Finessen zu behaupten. »Einmal gewinne ich doch!« schwor er bei jeder Niederlage. Therese lächelte nur.

Wenn der Hauptmann erzählte, der ganz Europa durchreis't seyn wollte, dann sah Rudolph zu Boden auf die Spitze von Theresens Fuß, und mit so tiefsinnigem Blick, als gälte es, die Pointe seines Lebens ins Auge zu fassen. Der Oheim drohete ihm einst mit dem Finger. »Du denkst gewiß an die Geschichte vom Pantoffel –« sprach er neckend, »höre doch unserm Moorhausen zu, der eine lebendige blaue Bibliothek aller Nationen ist.« Er klopfte den Hauptmann auf die Uniform – dieser, unwissend über jene Sammlung Mährchen, machte eine geschmeichelte Miene. –

Frau Fabia sah es gern, daß Josephine so wenig Interesse an der Nähe des jungen Offiziers nähme; für Sylvius hingegen äußerte das Mädchen eine stille innige Theilnahme, welche ihre Pflegemutter vollkommen zu billigen schien. Er ertheilte auf den Wunsch derselben Josephinen wissenschaftlichen Unterricht, und ein zartes geistiges Band hielt den Lehrer und die Schülerinn zusammen, oft lange über die gegebene Stunde, und auch außer der Zeit, welche diesem Zwecke gewidmet war. Und Fabia zürnte nie, wenn Josephine lernend oder liebend nach ihrer Weise einen Auftrag versäumte. Genug, aller Kampf, sogar der Streit der Pflichten schien zu Ende, seit das Opferfest zum Geburtstag des Administrators unterbrochen worden war, und die Weihnachtsglocken hatten längst ausgeklungen, als unsichtbare Engel noch immer über der Klosterflur von Sanct Capella schwebten, welche sangen: »Friede auf Erden! und dem Menschen ein Wohlgefallen.«

Das neue Jahr war schon um einen guten Schritt vorgerückt, und der Tag verlängerte sich merklich, da kam die Nachricht, daß der Lieutnant Feldmeister versetzt sey in eine ferne Garnison, und schleunigst fort müsse. Das Invalidencorps fühlte sich durch diese Ordre wie auf Feldetat gesetzt, es gab Allarm, der junge Offizier war Allen lieb und werth geworden. Auch der Familienkreis des Administrators empfand die Lücke, die nun bald entstehen würde. Therese ging umher, als hätte sie ihr ganzes Glück, ihr Glück auf immer verloren – und der Major sagte zu sich selbst: »Therese ist schachmatt – es ist Zeit, daß das Spiel aufhört.«

Am Abend vor dem Tage, wo der Lieutnant Feldmeister das Stift verlassen sollte, saß Schwester Veronica allein in ihrem Stübchen und blätterte in dem Herbarium ihres Vaters. Tiefe Stille war um sie her, ein heiterer Winterfriede durchathmete die Zelle. Des Lichtes Flamme brannte wie gemalt, der warme Glanz des weißen Oefchens spiegelte sie in blendenden Funken zurück, und das Knistern der innen glimmenden Kohlen störten feuerheimlich diese lautlose Ruhe nicht. Das große Lebensbuch der Pflanzen lag vor der Nonne aufgeschlagen; ihr Auge leuchtete in sanftem Vergnügen. Sie suchte: die Liebe im Nebel – eine Gattung der Passionsblume. Und wie sie Blatt um Blatt wendete, gingen alle Frühlinge, die sie gelebt, an ihr vorüber, und der botanische Garten, darin sie gewohnt, blühete mit den Freuden ihrer Jugend auf. Sie sah den Vater heiß vor Lust, unter dem glühenden Strahl der Mittagssonne, weil keine andere Zeit ihm blieb, betrachtend stehen, die Mutter, wie sie in der Mondkühle einsam unter den Gängen des verlornen Paradieses auf und nieder wandelte, mit traurigen Gedanken, die auf der verbotenen Frucht verweilten, welche eine verführerische Schlange dem Gatten reichte. Sie hörte den Baum rauschen, unter dem der geliebte Bräutigam einer Andern Treue versprach, und mit dem Regen jener Stunde, dem so viele Thränen nachgeflossen, rieselten leise Schauer der Erinnerung über das Herz der guten Nonne. Da naheten eilende Schritte, die Thüre ging auf, ohne daß Jemand angeklopft hätte, und Josephine trat herein, scheu und hastig. Schwester Veronica hob den Blick auf, der ängstlich auf dem lieben Kinde haftete, und sprach: »was ist Dir, Mädchen? Dein Gesicht brennt, Du siehst aus, als hättest Du geweint, oder als würde es eben geschehen, und der große Schlüssel zittert in Deiner Hand?«

Josephine antwortete mit erstickter Stimme: »mir hat Niemand etwas zu Leide gethan, und doch fühle ich so. Ach liebe Veronica! ich habe etwas Entsetzliches erfahren – das lege ich nieder in Ihre tiefste Brust.«

»Es bleibt darin begraben –« versicherte die Nonne feierlich leise und mit der Kraft des Schweigens, »sprich ruhig, mein Kind.«

Mit gebundenem Athem begann Josephine: »ich ging, wie Sie wissen, in die Capelle, die Lampe mit Oel zu versehen. Immer freue ich mich auf dies kleine Geschäft bei dem ich länger verweile, als nöthig wäre. Dort stört mich nichts in meinen stillen Träumen. Das Herz ist mir jetzt zuweilen so gedrückt, so enge – als fände ich nirgend Raum für Wünsche, die ich nicht zu nennen weiß, den ausgenommen, daß ich einst in dieser Capelle ruhen mögte. So ist die Maria wie meine gute Freundinn, die es versteht, was ich keinem klagen kann. Als der Docht der Lampe aufglomm, nachdem ich sie getränkt, und dieser Schimmer an das Gewand schien, wie wenn der Mond über dem Wasser schillert, da war es mir, als würde ihr todtes Auge hell, und sie spräche: gieb Dich zufrieden! wir wollen sehen! –«

»Die Liebe, meine gute Josephine,« schaltete Schwester Veronica ein, »gewinnt Allem Leben ab, wie der Glaube eine Seele des Trostes. Das ist der wahre lebendige Hauch aus Gott, und ein ewiges: es werde Licht! – Die Welt wandelt in Schatten des Todes und ihre Werke sind finster. Die Heiligen sehen das Werk an und vergelten auch den kleinsten Dienst. Es wird Dir gewiß wohl gehen auf Erden. Du wirst lange leben, und so betrübt es mich, daß Du in so jungen schönen Jahren schon an Dein Begräbniß denkst.«

Josephine sah die Nonne mit bangem Lächeln an. »Und was geschah denn nun, mein liebes Kind?« fragte diese, »fasse Dich, mir es sagen zu können. Ich will Dich zu trösten suchen, mit Gottes Hülfe.«

Das Mädchen schüttelte leise den Kopf und sprach: »als ich noch sinnend stehe, vernehme ich ein schnelles Kommen und Flüstern. Nun ist es recht besonders, Schwester Veronica, mit den Geistern halte ich Zwiesprach, als wären sie meine Geschwister, und vor Menschen fürchte ich mich? – Ich schlüpfte in den Beichtstuhl und duckte unter – es war nur ein Augenblick, ich wußte selbst nicht, was ich that. Da erkannte ich Theresens Stimme im Gespräch mit einem Manne, und ich merkte sogleich, daß es der Lieutnant Feldmeister wäre. Sie redeten höchst vertraut. Hier sind wir allein – sagte er, als sie in die Capelle traten, hier sucht uns Niemand. Vergessen Sie nicht, antwortete ihm Therese, daß die wächserne Mutter Gottes das Verlorene sucht, und verloren wäre ich, wenn man uns hier zusammenfände. – Sie machte ihm hierauf zärtliche Vorwürfe über seine verfolgende Leidenschaft. Einige Minuten müssen Sie mich hören! betheuerte er, und – o Veronica! was läßt sich in ein paar Minuten sagen! ich meine, Therese hätte ihr Lebelang darüber zu denken. Sie lieben sich – sie lieben sich schon lange. Und Therese ist die Frau eines andern Mannes! – Wenn das der redliche Major wüßte! und – und – der Unglückliche schwor, wenn er sie zum drittenmale finden sollte, dann müsse sie sein werden, und wäre sie mit Ketten an dem Himmel geschlossen. Ich habe nicht gedacht, daß ein Mensch so reden könnte – jedes Wort war ein Funken, der zündete.«

Schwester Veronica sah mit bekümmertem Blick die brennenden Wangen des Mädchens, und seufzte tief, daß diese fromme Unschuld Zeuginn solch einer leidenschaftlichen Scene gewesen. »Den armen Constanz verurtheilte er –« fuhr Josephine mit einer ihrem Wesen fremden, feindlichen Regung fort: »und seine Gattin duldete es. Dem Onkel gönnte er das Glück ihrer Nähe nicht, ihm, der die Frau seines Bruders in freundlichen Schutz genommen, und gar manche Unbill wegen ihr ertragen hat! ich weiß das am besten. Dann sank er ihr zu Füßen – dann küßte er sie – o Gott!« »Er küßte sie!« wiederholte die Nonne leise, auf deren keuscher Lippe nie der Kuß eines Mannes geblüht. »Du armes Kind! ja, das mag eine Angst gewesen seyn. Angesichts der heiligen Jungfrau entblödeten sie sich dieser Sünde nicht! – Und der junge Mann scheint sonst ein liebenswürdiger Mensch.«

»Ach! ich bin dem Lieutnant böse –« sagte Josephine, »das ist nicht edel von ihm gehandelt; ich denke, ein Mann muß seine Leidenschaft bezwingen können. Es hatte mir so gut von ihm gefallen, wie er sich jener alten Dame angenommen – Sie kennen die Geschichte –! nun aber verfällt er selbst in ärgeren Wahnsinn, verliert den Kopf, und Der sich so tapfer schlug, daß die Schwäche des Alters in Ehren gehalten würde, kann sich einen Gedanken nicht aus dem Sinne schlagen, der die Würde einer jungen Frau beleidiget, die wohl noch schwächer ist. – O! das ist nicht löblich! das ist eine Verletzung des Gastrechts.«

»Du hast ganz Recht, mein Töchterchen,« antwortete die Nonne, »und Gott behüte mich, daß ich beschönigen wolle, was sich nicht billigen läßt; nur meine ich, der junge Feldmeister sey bethört, sich selbst entfremdet, und Therese mag ihm wohl reichlich Gelegenheit gegeben haben. Diese scheint mir in sofern zu entschuldigen, daß sie gleichsam nur ein kurzes Achtel verheirathet war, und eine lange Pause ist für dies lebendige Allegro nicht. Wie endete sich denn nun diese Zusammenkunft?«

»Ich seufzte zu Gott,« sprach Josephine, »daß ich erlöset werden mögte, und kaum war dieser flehende Gedanke aufgeflogen, da flatterte eine Motte aus dem Busen der Maria, und schwirrte mit singendem Geräusch um das Flämmchen. Dieser kleine Zufall scheuchte die Liebenden hinweg. Ich zitterte an allen Gliedern und mußte mich erst erholen. Wer aber hatte mir denn was gethan? Was geht es mich an, Wen Therese liebt? Und doch war es mir, als hätte man ein tiefes Gefühl in mir verletzt.«

»Wo die Tugend leidet,« versetzte Schwester Veronica, »da leidet eine reine Seele mit, und der Schmerz dieser Erfahrung ist groß. O mein Kind! Treue ist unser einzig Glück auf Erden! selbst den Nichtliebenden rührt sie mit einem zärtlichdauernden Gefühl, was sich erwerben läßt. – Treue ringt den Himmel nieder in Deinen Besitz – sie ist ein Strahl der ewigen Liebe. Ein wankendes Herz findet nirgend Ruhe. Wir wollen Theresen bedauern. Sie macht Keinen glücklich, und sich am wenigsten. Wenn ihr Gemahl nun heute oder morgen kommt, mit welchem Blicke soll seine Frau vor ihm stehen?«

Josephine sah mit einem flammenden der Nonne in das Gesicht, und diese mogte vielleicht an den Engel des Gerichts denken. Sanften, entwaffnenden Tones setzte sie hinzu: »Gott senke Kraft in Deine junge Seele, an der Liebe des Nächsten zu halten, denn nur, Wer beharret, merke Dir es, mein Mädchen – der wird selig! –«

Josephine schmiegte sich an die Brust der Nonne und fühlte das treueste Herz schlagen. Sie schämte sich, entrüstet gewesen zu seyn, vielleicht zum erstenmale in ihrem Leben – und aus der tiefsten Quelle des weiblichen Gemüths drangen Thränen, herbe und doch hoffnungsvoll, in ihre milden Augen.

Ein paar Monate waren seitdem vergangen. Sanct Capella, von der höher steigenden Sonne bestrahlt, glänzte wie eine weiße Glockenblume mit goldnem Kelche zwischen dem aufgrünenden Frühling. Im Stifte selbst sah man den schönen Tagen, die nun kommen würden, mit drängender Erwartung entgegen. Man nahm sie gleichsam voraus. Frau Fabia ordnete diesmal das große jährliche Waschfest zeitiger als sonst an, und als der April sein Wechselrecht geltend machte, und einen hurtigen Regen über das sonniggetrocknete Linnen ausgoß, behielt ihr Gesicht seine Heiterkeit, der beste Beweis von dem beständigen Wetter in der Laune der guten Hausfrau.

Schwester Veronica, bedrängt von jener heiligen und tiefen Wehmuth, die sich ihrer sanften Schmerzen schämt, schlich jetzt manchmal im Mondschein auf den Kirchhof des Klosters und mit schwellendem Herzen die Mauer entlang, woran der Flieder knospete. Wenn sie in ihrem weißen Gewande zwischen den Gräbern wandelte, im geistigen Verkehr mit den Schatten der schlafenden Schwestern, glaubte man Libitina, die stille Göttin der Todten zu sehen.

Die Offiziere suchten mit frischangeregter Lebenslust das Freie. Major Feldmeister warf den Pelzstiefel zusammt dem Podagra abseits, und rief: »da liege, daß du berstest! ich habe es nun satt, und will gesund sein!« Er schritt herzhaft einher. Die großen Fenster waren geöffnet, die Thüren standen weit offen, als solle der Winter ausziehen. Herr Prälat, empfindlich gegen den Zug, ging als der Zeus des Hauses mit einer Donnerstirn von einem Flügel zum andern, und blitzte hier und da heftig zu. Ein thatenlustiger, rühriger Geist war in den Administrator gefahren. Er sträubte sich beinahe ungebehrdig gegen die krankhafte Ruhe, die seine Kräfte bisher unterdrückt hatte, gegen die Pflege der Weiber. Fabia schalt ihn undankbar, wenn er eine Maßregel ihrer Vorsicht für unnütz erklärte. Sie meinte nach Art einer erzürnten Prophetinn: dieser Uebermuth werde ihm schlimm bekommen. Doch Josephine freuete sich und sagte leise: »Er ist jetzt um Vieles besser.«

Therese ließ ihren Schwager gewähren. Sie ging spazieren früh und spät auf geheimnißvollen Wegen, und nicht selten brachte ein Führer die Verirrte zurück. Frau Fabia sagte kein entscheidendes Wörtchen über diesen entschiedenen Müssiggang. Sie wärmte geduldig das Essen, wenn Therese die Stunde der Mahlzeit versäumte, doch keine begangenen Fehler mehr auf. Fabia wußte vielleicht, daß Theresens Seele unter einer größeren Last arbeitete, als früherhin ihr Leichtsinn und ihre Lässigkeit Andern aufgelegt hatte. –

Als einstmals Therese von einem weiten einsamen Ausflug spät nach Hause kam, die Hände voll selbstgepflückten Veilchen, sah sie einen ausgespannten Reisewagen vor dem Stifte stehen, dessen helles Gelb wie eine große Mondscheibe durch das Dämmern des Frühlingsabends leuchtete. Sie stieß einen kurzen Schrei aus, und ihr war in diesem Augenblicke, als stieße er ihr das Herz ab. Sie floh dem Kloster zu, und stürzte außer Athem in das Wohnzimmer. Constanz war vor einer Stunde angekommen. Seine Frau zu suchen, hatte man Boten nach allen Richtungen ausgesendet. Sie rang die Hände um seinen Nacken; diese Gebehrde sah aus wie Liebe, wie Jammer, und konnte beides seyn. Der Diplomat stand mit Veilchen beschüttet und zitterte sichtbar. Therese verbarg ihr Gesicht, ohne in das seine zu sehen, an der Brust ihres Mannes. Er hob es empor und drückte heiße, langentbehrte Küsse auf ihren krampfhaft lächelnden Mund. Die Familie war versammelt, auch – der Zufall hatte es gefügt – Major Feldmeister und Schwester Veronica, als sollte Niemand fehlen, der näheren Theil an diesem Ereigniß nähme.

Constanz hatte sich nach dem stillen Bemerken seines Bruders auffallend verändert. Die Sonne seiner Reisen hatte ihn gebräunt, seine scharfausgeprägten Züge hatten den Schmelz der Jugend, und den liebenswürdigen Ausdruck unbewußter Herzlichkeit verloren. Staatsmännisches Interesse war dem Ernst der sinnenden Miene tief eingedrückt, und über seine Stirne eilte ein Gewölk von Sorgen, wie getrieben von einem innern Sturm.

»Meine Therese! mein einziges Weib!« sagte Constanz mit einer Rührung, die ihm schön stand: »Du bist bleich und ein wenig abgekommen – Du hast Dich wohl um mich geängstet? Du bist mir nicht böse? Du machst mir keine Vorwürfe? diesen gütigen Empfang habe ich nicht verdient.«

»Ich mache Dir keine Vorwürfe –« antwortete Therese mit gepreßter Stimme, und lauter sagte ihr Gewissen, Wer von ihnen eigentlich so fragen müßte. Aber nun brach Therese in ein convulsivisches Weinen aus. Constanz schien über diese äußerste Wirkung der Freude betroffen. Er hielt seine Frau für krank.

Josephine stand mit der Nonne an einem Fenster. Sie wendete sich ab, und sprach leise zu Schwester Veronica: »wie ist dies möglich, so falsch zu seyn gegen die redlichste Liebe? – Wenn ich Theresen in den Armen ihres Mannes sehe und daran denke, daß vor kurzer Zeit –« Josephine schauderte in sich hinein.

»Das mußt Du zu vergessen suchen –« flüsterte die Nonne, »mir kommt diese wunderliche Freude wie Seelenangst vor. Ach! Therese könnte jetzt getreu und getrost in das Auge blicken, was sie so entzückt betrachtet! und sähe es tiefer auf den Grund ihrer Thränen, es würde sich wohl lieber schließen für immer.«

Constanz war nach seinem Wunsch versorgt; schon in der nächsten Frühe ging er nach dem Orte seiner Bestimmung ab, und Therese mußte bereit seyn, ihn zu begleiten. Sie erschrak doch über diese Kürze. Fabia erbot sich dienstfertig, ihr das Einpacken zu besorgen. Sie solle sich um nichts kümmern, und ihr Glück genießen. –

Der Administrator lächelte. Er wollte den Worten seiner Schwägerinn eine leise Ironie abgemerkt haben. Aber Therese ließ sich zum erstenmale nicht von der thätigen Fabia übertragen. Sie rüstete Alles selbst zur Abreise. So verging dieser Abend drangselig. Man kam zu keinem ruhigen Genuß des Beieinanderseyns. Constanz schien sehr ermüdet, und der ältere Bruder machte ihm freundliche Vorwürfe, sich und den Seinen mindestens nicht einen Tag der Rast gegönnt zu haben. Und Jener sprach: »ich bin an diese erschöpfende Eile gewöhnt, und daran, die Erfüllung meiner Wünsche, und Alles, was ich liebe, nur im Fluge zu berühren.« Endlich zog die Nacht mit einer kurzen beschwichtigenden Pause vorüber. Noch blickte der Morgenstern am Himmel, da kamen die vier Pferde Extrapost schon von Leidthal, welche dem Constanz bewilliget worden. Das ganze Stift war in Allarm. Die alten Offiziere standen in Parade, der jungen schönen Frau die Honneurs zum Abschied nicht zu versäumen.

Therese schien verweint, ehe sie noch Jemand Lebewohl gesagt hatte. Lange hing sie am Halse des Schwagers und konnte sich nicht losreißen. Dann küßte Schwester Veronica ihr einen leisen Segenswunsch auf die bethränten Lippen. Nun umarmten sich die Schwägerinnen und Therese sprach: »denke meiner nicht in Groll – ich habe Dich oft gekränkt, Fabia!« die Stimme erstarb in Schluchzen.

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