Die Schwägerinnen. (continued 2)
Reading edition
»Schwester Veronica,« sagte Fabia, indem sie die Hand der Nonne faßte, als wolle sie ihr mit dieser Bewegung Einhalt thun, »werden diese Erinnerungen Sie auch nicht allzusehr angreifen? ich dächte –« sie redete nicht aus. Vielleicht war dem Protestantismus Fabiens jene Schilderung noch ungleich aufregender, als dem stillbegeisterten Gemüth der klösterlichen Jungfrau. Diese schüttelte den Kopf und sprach: »nein, nein! lassen Sie mich nur ruhig auserzählen. Ich sah das Kleid von Goldbrocat fallen wie eine verachtete Zier – die blonden Haare – der Bischof schnitt mir in das Herz – und das Fräulein aller Eitelkeit baar, der Welt absterben. – Während dieser ergreifenden Ceremonie wurde eine Glocke geläutet. Mir summte es schwer vor den Ohren, ich war einige Secunden ohnmächtig. Wenn ich an den Blick dachte, den die junge Nonne, ehe sie, von dem Convent in die Mitte genommen, auf das gefüllte Schiff der Kirche warf, und dann durch die Thüre verschwand, welche nach dem Innern des Klosters führt; so schwamm ihr Bild vor meinen Augen. Als ich am Abend jenes denkwürdigen Tages mich allein befand, und meine Haare auflösete, bemerkte ich, daß sie genau von derselben Farbe wären, wie die des Fräuleins von Hardt, welches knieend vor dem Bischof das stolze Haupt in seinen Schoß beugte, daß es seines Schmuckes beraubt würde. Während sich diese Scene meinem Gedächtniß wiederholte, entflocht ich die langen Zöpfe, und ließ sie wellenartig durch meine Finger gleiten. Da fällt etwas mit leisem Geklingel zu meinen Füßen – es war eine silberne Scheere, die ich unversehends vom Tisch gestreift hatte. Eine innere Stimme raunte mir zu, daß dieser kleine Zufall vorbedeutend wäre, und unter einem Nervenfrösteln legte ich mich zur Ruhe. – Bei dieser Gelegenheit kann ich nicht umhin einzuschalten, wie es mir vorkommt, als ob in jedem öffentlichen Opfer eine geheimnißvoll anziehende Kraft zur Nachahmung läge, welche verschwistert ist mit dem Reiz der Traurigkeit und der Gefahr. Und wie verschieden es auch sey – mein Heiland bewahre mich vor dem Vergleich! ein reines Herz am Hochaltar den Lockungen der Welt zu entziehen – oder ein verbrecherisches Leben auf dem Hochgericht in die Hände seines Schöpfers zurückzugeben: eine ähnliche Tiefe der menschlichen Seele ist es gleichwohl, darin es liegt, daß Todesstrafen weniger abschrecken als sie sollten. – Bei meiner Nachhausekunft fand meine Mutter, daß eine Veränderung mit mir vorgegangen wäre. Sie suchte mich durch allerhand erheiternde Mittel zu zerstreuen. Am Andreas-Abend gossen wir üblicher Weise geschmolzenes Blei. Der Geist Gottes, den wir solchergestalt versuchten – schwebte über dieser kleinen Wasserfläche. Ich zeigte der Mutter die Form, welche sich meinem Guß gebildet hatte. Nun das ist ja ganz natürlich wie eine Abtei mit Thürmen und Kreuzen – sagte sie: Du wirst uns doch nicht ins Kloster gehen wollen, Kind? und da die gute Mutter hinsichtlich meiner Zukunft keines Scherzes fähig war, der nicht ein wenig bitteres Salz gehabt hätte, so setzte sie lächelnd hinzu: viel eher hätte ich gedacht, Du würdest kleine Tönnchen, worin man Sardellen und Kapern voraussetzte, oder ein kugelrundes Weinfaß fischen. – Ich betrachtete schweigend mein bleiernes Schicksal. Doch genug hiervon; meine Erzählung mögte sonst ihre Geduld ermüden. Das Jesuiter-Collegium besaß ein uraltes Gebäude vor dem Thore, welches, seiner schönen Lage wegen, theilweise in wohnlichen Stand gesetzt worden war. Der schöne Garten daran, mit tropischen Gewächsen bepflanzt, war zu einem wissenschaftlichen Zweck eingerichtet worden, und mein Vater, der die Botanik leidenschaftlich liebte, durfte ihn gewissermaßen als den seinigen betrachten. Hier verlebten einige Familien der Professoren die wärmere Jahreszeit, zumeist solche, die ein kränkliches Mitglied hatten. Auch uns waren des Anrechts wegen, welches sich mein Vater an dem Garten erworben, ein Paar der besten Zimmer eingeräumt, und ich freuete mich stets auf den Tag, wo wir unser Sommerlogis beziehen würden. Unter dem Dache dieses Hauses wohnte ein Sprachmeister, Namens Tamdio, hoch genug, daß die hectische Brust des ungesunden Mannes, hier Luft des Himmels trinken konnte. Mein Vater hatte dem armen Tamdio dies bescheidene Plätzchen ausgewirkt, wo er gleichsam einen Thurmwart vorstellte, der, ob auch mit kurzem Athem, gegen Jedermann das Lob seines Arztes und Wohlthäters ausposaunte. Dieser hatte ihm den Unterricht verbieten müssen, weil das viele Sprechen seine kranke Brust angriff; nur einige wenige Stunden setzte seine Tochter fort, die allgemein für ein wackeres Mädchen, und für eine nette Stickerinn galt. Er hätte sonst ohne diese Sprachfertigkeit seiner Tochter und den Fleiß ihrer kunstreichen Nadel, verhungern müssen. – Wie groß nun auch der Abscheu meiner Mutter gegen meine heranrückende Verbindung war: so vergaß sie doch nichtsdestoweniger alle die kleinen und größeren Besorgungen, welche ein Brautstand in optima forma erheischt. Zwar hatte Ludovico bis jetzt noch kein Wörtchen gegen mich fallen lassen; aber eine Heirath war damals nicht das Recht gegenseitiger Zuneigung, sondern lediglich die Angelegenheit elterlicher Autorität und eine Pflicht des kindlichen Gehorsams. Sie lachen, Frau Therese? ja, und doch gab es zu jener Zeit weniger unglückliche Ehen als jetzt. Eines Tages sprach meine Mutter mit mir über die Geschenke, welche dem künftigen Bräutigam zu machen wären, und führte unter ihnen auch eine Verlobungsweste auf. Ich dächte, wir nehmen paille Atlaß, sagte sie, und ließen die Klappen und Taschen mit einer Borde sticken, und zerstreute Blümchen in die Mitte. Was meinst Du? – Wir wollen des Sprachmeisters Tochter herunter bitten lassen. – Die junge Tamdio kam. Ihr Aeußeres war mir sonst nie aufgefallen; da sie nun jetzt vor uns stand, erschien sie mir sehr interressant – wie man heut zu Tage zu sagen pflegt. Man hätte sie nicht schön nennen können, vielleicht kaum hübsch; aber es lag ein Ausdruck in ihrem Gesichte, der unbeschreiblich rührte. Was sie sprach, klang wie traurige Musik, und wendete mir das Herz im Busen. Meine Mutter redete im Tone ruhigen Bestellens über diese Arbeit, welche sie der äußersten Mühsamkeit der Stickerinn dringend empfahl, weil es ein Brautgeschenk werden solle. Bei diesen Worten ward das Mädchen todtenblaß, und ihr Auge erlosch, wie ein Licht ausgeht. Sie sind wohl unpaß, armes Kind, vielleicht vom vielen Sitzen? fragte meine Mutter, unbekümmert, daß sie diese Anstrengungen vermehre. Wie geht es denn mit ihrem Vater? Er hustet stark, antwortete das Mädchen mit schwankender Stimme, und meine Hoffnung wird täglich schwächer. Diese Nacht hat er wieder ein wenig Blut ausgeworfen – meine Mutter versprach, den Vater hinauf zu schicken, sobald er käme. Sie verlangte nun, ich solle die Blumen und das Dessein bestimmen. Mir that das Mädchen sehr leid, und so äußerte ich: wir könnten es ja noch lassen. Nein, sagte meine Mutter, es stehet geschrieben: was du thun willst, das thue bald. Ich wählte also ein Muster von Vergißmeinnicht. In dem niedergeschlagenen Blicke des Mädchens ging ein Schein von Beifall auf, die Mutter aber tadelte mich und sprach: Vergißmeinnicht! das hätte wohl keine Art, und sähe aus wie ein Andenken. Du vergissest jedoch, daß Dich der Bewußte so gut wie in der Tasche hat – womit sie darauf anspielte, daß ich mich nach dem Willen des Vaters heimlich für ihn malen ließe, und mein Bild ihm in die Westentasche gesteckt werden sollte. Das Mädchen griff rasch in die ihrige, und zog ein Tüchelchen hervor, mit welchem sie sich die Stirn trocknete. Ich achtete dessen nicht, es war sehr warm an jenem Tage. Eine Woche mogte seitdem vergangen seyn,« fuhr Schwester Veronica tiefathmend fort, »als eines Abends ein schweres Wetter aufzog. Auch der Odem meiner Seele war schwül; Ludovico war mir seit einiger Zeit sehr trübe vorgekommen. Ich legte mich ans Fenster, um in den Kampf der Wolken zu schauen; meiner Mutter schwache Augen vertrugen den Blitz nicht. Sie setzte sich in ihr Schlafgemach hinter verschlossene Läden und betete. Grade unter meinem Fenster war eine Mauerblende mit einem eisernen Gitter und steinernen Sitzen nach Außen. Ein breiter Ahorn wölbte sich schirmend um diesen kühlen Versteck. Ich starrte in die Finsterniß hinaus, mit Gedanken an meine Zukunft, die nicht viel heller waren. Da war es mir, als sähe ich bei dem schwachen Leuchten der Blitze den Schatten eines Mannes um die Blende wanken, und alsbald vernehme ich ein klagendes Geflüster, wie von Innen. Es dauerte nicht lange, daß ich in der antwortenden Stimme die meines mir zugedachten Bräutigams erkannte. Er nannte Diejenige, mit der er zu dieser unheimlichen Stunde Zwiesprach hielt, seine Clara, und an dem Tone, womit er diesen meinen Namen aussprach, der zu jener Zeit so allgemein war, daß ihn die meisten Töchter unserer Stadt führten, an diesem Tone hörte ich, daß ich seine Clara nie gewesen, noch werden würde. Schrecken und Eifersucht bewaffneten mein Gehör, so daß mir keine Sylbe entging, obgleich jede mein Herz durchdrang. Ludovicos Gegenstand mogte ihn bitten, sich bei dem näher kommenden Sturm nicht zu verweilen, denn er sagte, die Gewitterwache stände am Thor, und dieses bliebe offen, bis sie abziehen könnte. Dann schien er sich gegen zärtliche Vorwürfe zu vertheidigen. Er nannte mich ein liebes gutes Mädchen, welches er aber nicht lieben könne, weil es ihm aufgedrungen werde, und nur nehmen müsse, gezwungen durch den Willen seines Vaters, der den meinigen für einen Crösus halte. Er sprach sein Sträuben gegen diese Heirath aus, und wie er den Tag der Verlobung so lange als möglich zu hintertreiben suchen werde. Er betheuerte: die Mutter Gottes solle ihn in Angst und Noth verlassen, so er jemals Der vergäße, die einzig und allein seine Liebe besitze. Ich bin unglücklich, so lange ich lebe, sagte er, doch ewig werde ich Dein gedenken. – Reiche mir Deine Hand aus dem Gitter, bat Ludovico, daß ich Dir diesen Ring an den Finger stecke, das Liebste, was ich habe. So sind wir verlobt für den Himmel, jenes Gelöbniß hat nur irdische Dauer. – Ach! der Mensch sollte nie weder so bestimmt, noch so vermessen reden! Gott ists allein, der da bindet und lös't. Ein fürchterlicher Donnerschlag schlug ein, ich wünschte, dieser Blitz mögte mich zum Tode getroffen haben. Meine Seele war zermalmt, und betäubt taumelte ich hinweg. Diese Nacht war die schrecklichste meines Lebens. Ich rang zu Gott, daß er mich stärken möge zu einem Entschluß; denn Ludovicos Frau konnte ich nun nicht werden.«
»Arme Veronica!« rief Therese mitleidig, »es ist entsetzlich, aus einer hoffnungsvollen Täuschung so zu erwachen! –«
»Und doch war es gut, daß es nicht später geschah,« sprach Frau Fabia mit prädominirender Vernunft und Erfahrung. Nur Josephine wagte leise zu sagen: »ach! und auch der Ludovico dauert mich. Er ist doch wohl am unglücklichsten daran.«
»Das dachte ich auch!« äußerte die Nonne, und fuhr mit bewegter Stimme fort: »wie nun der Morgen tagte, der schönste Frühlingsmorgen! da fühlte ich, daß meine Blüthen gefallen wären, für immer. Die Natur war erfrischt, die Vögel sangen lustig in den Zweigen – wie mir zu Muthe gewesen, ich mögte es nicht schildern können. Es war sehr zeitig, die Eltern schliefen noch – da ging ich nach der Stadt auf den Pfarrhof, um mit meinem Ohm zu sprechen. Die wenigen Leute, welche mir begegneten, strichen gespensterisch an mir vorüber, meine Schritte wankten, wie über einem Abgrunde; ich hatte kaum Kraft die Klingel zu ziehen, die in der nüchternen Stille so nächtlich laut hallte, daß mir ein Grauen ankam. Mein Fuß zögerte, über die Schwelle zu schreiten, als gäbe es kein Entrinnen mehr für mich. Der gute Erzpriester war schon auf und im Garten beschäftiget, Ranken und Reben anzubinden, die der Sturm der verwichenen Nacht wild auseinander gerissen hatte. Sein Gesicht war voll Sonnenglanz. – Dieser traute Anblick überwältigte mich – ich sank an seine Brust, und weinte laut. Er hielt mich bestürzt in seinen Armen; kein Unglück war so groß, daß er es nicht in meiner Verstörung, in der schmerzbewegten Fluth von Thränen gesucht hätte, die an den Blumen seines Schlafrocks niederfloß. – Ich sagte ihm nun, wie, nachdem ich lange mit mir gekämpft, ich nun gewiß wäre, daß ich den jungen Posca nicht heirathen könnte, indem ich eine unbezwingliche Neigung in mir fühlte, den Schleier zu nehmen, und nur fürchtete, die Eltern würden mir ihre Einwilligung versagen. So bäte ich ihn denn inständigst, meines Wunsches Wort bei der Mutter zu führen. Was den Vater anbeträfe, so wollte ich erst Vertrauen und Muth fassen, da ich von seiner Seite auf starken Widerstand gefaßt seyn müßte; weshalb ich denn auch so zaghaft wäre.« –
Mein Ohm schüttelte den Kopf und sprach: »wäre mir dies doch nicht im Traume eingefallen! ist es auch nicht etwa nur eine flüchtige Einbildung von Dir? besinne Dich, liebe Clara! Nonne werden, und allen Freuden des Lebens absterben, ist kein Kinderspiel, und ich mache mir einen Vorwurf daraus, daß ich Dir vielleicht mit jener Puppe die erste Idee dazu an die Hand gegeben habe. Ist es mir doch nie so vorgekommen, als ob Du Deinem Liebsten abgeneigt wärest! ich fürchte, Du verschweigst das Wichtigste hierbei! – Doch um keinen Preis hätte ich meinem Ohm die Wahrheit entdecken können. – Wenn Gottes Absichten vollführt werden sollen: so muß es sich wunderlich schicken. Wer meinen Vater gekannt hätte, seinen Haß, o, daß ich es sagen muß! gegen die Geistlichkeit im Allgemeinen und gegen die klösterliche insbesondere – seine Ueberschätzung alles Eitlen, sein Trotz, wie er den Glücklichen dieser Welt eigen ist, womit er einen einmal gefaßten Vorsatz fest hielt: Der würde es für ein Unmögliches gehalten haben, daß er meinem Wunsch sich nicht nur füge, sondern ein williges und willkommenes Sühnopfer für sich selbst darin sähe. Und dennoch mußte ein gewaltsamer Umstand mir dazu behülflich seyn.« Hier hielt Schwester Veronica lange inne, und ein tiefer Seufzer ihrer Brust säuselte durch die hochgespannte Stille. Dann fuhr sie mit unterdrückter Stimme fort: »die Heiligen segnen die Seele meines Vaters! ich weiß nicht, ob es mir als Tochter wie als Nonne ziemt, daß ich einer Geschichte erwähne, die einen Schatten auf sein Grab wirft, obgleich die Zeit von funfzig Jahren Gras darüber wachsen lassen! Wenn ich es thue, so geschieht es in dem Vertrauen, daß die Ruhe seiner Asche nicht dadurch gestört werde. Sie mögen sich selbst überzeugen, wie es möglich war, daß ein Mann von so sanguinischen Meinungen, wie mein Vater, plötzlich so erschüttert werden können, daß sein ganzes Wesen eine totale Umwandlung erlitt. – Mein Vater hatte sich der Wittwe eines Chirurgen thätig angenommen. Die Frau stand nicht im besten Rufe und mogte auch leichtsinnig genug seyn; ihr seliger Mann, dessen Geschäft sie fortsetzte, in seinen niedrigsten Functionen wenigstens – hatte sie barbieren gelehrt, auch über den Löffel – zur Ungebühr, wie mir däucht; denn sie verstand es sehr von selbst, den Männern um den Bart zu gehen. Die arge Welt legte der Betriebsamkeit meines Vaters für das Beste dieser Frau, der Pünctlichkeit, womit er sie besuchte, und dem weichen Polster ihres Wittwenstuhls, eben keine bewegende Feder unter, die von gediegenem Golde gewesen wäre. – Dies Verhältniß war der stille Schmerz meiner guten Mutter. Als mein Vater eines Abends wie gewöhnlich zu dieser Wittwe geht und in die unverschlossene Stube tritt, ist es dunkel darin, nur der Mond scheint auf die Gestalt der Frau, welche schweigend mit verhülltem Kopf hinter der Thüre lehnt. Mein Vater, der da glaubt, sie habe Versteckens mit ihm spielen wollen, eilt scherzend auf sie zu – doch welcher furchtbarer Ernst schreckt ihn zurück! seine Freundinn hängt an ihrem Schürzenbande, und mein Vater – er selbst! muß sie mit einem Rasirmesser losschneiden.«
Die Zuhörerinnen schauderten – Josephine legte beide Hände vor ihr unschuldiges Gesicht. Und Schwester Veronica sprach! »ja, mein Kind, wir müssen wohl den Blick schonend bedecken, der auf solch einen tiefen Fall trifft! nie ist der Grund aufgefunden worden, warum die Frau sich ein Leides gethan. Mein Vater mußte, da der Kreisphisikus erkrankt war, der gesetzlichen Section ihres Leichnams beiwohnen, und diese Amtspflicht, der er sich nicht entziehen wollen, um sich vor den Augen der Menschen keine Blöße zu geben, hatte seine innersten Lebenskräfte angegriffen. Dieses unglückselige Ereigniß hatte sich an jenem Abend begeben, wo ich auf andere Weise Todesweh empfand. – Auch mir war es aus reinerer Schaam Bedürfniß, mich in der Achtung des Einen herzustellen, der mich höchstens bemitleiden können. Die Geschichte machte ein ärgerliches Aufsehen, es war, als ob der böse Würgengel vor meinem Vater herginge, und, um sein Unglück zu vollenden, starben ihm damals mehrere seiner bedeutendsten Patienten. Meine Mutter hatte in eben der Stunde, wo ich vom Pfarrhof zurückkam, die erste Kunde von dem Geschehenen erhalten. Sie würde es daher kaum gemerkt haben, wenn ich als eine Gestorbene aus dem Grabe wiedergekehrt wäre, und so bleich ausgesehen hätte, wie ich nun wirklich vor ihr stand. Wir finden es daher gewiß ihrer Stimmung angemessen, und auch folgerichtig, wenn wir ihr eingewurzeltes Vorurtheil gegen die Heirath mit dem Italiener bedenken, daß sie, als ich nach einigen Tagen ihr im Beiseyn des Erzpriesters meinen Wunsch eröffnete, mir zur Antwort gab: ich segne Deinen Entschluß, meine Tochter. Viel lieber will ich Dich im Schoß der Kirche, oder auch in den Mauern der Gruft aufgehoben wissen, als in den Armen eines Mannes. Willig reiße ich die Blume meiner Freuden aus dem mütterlichen Herzen, wenn ich weiß, daß Dir die Dornen der Ehe erspart bleiben. – In dieser Aufregung meiner Eltern unterdrückte ich möglichst den Tumult meiner eigenen Gefühle, nur das Verlangen sprach laut in mir an, zu wissen: Wer das Mädchen sey, dem Ludovico seine Liebe geschenkt, ich meinte ruhiger zu seyn, wenn ich es wüßte. Wie aber sollte ich es erfahren?«
»Ja,« rief Therese, und rückte unruhig auf ihrem Stuhle hin und her, »diese Neugier hätte mich auch gemartert, und ich würde jedem Mädchen im Hause auf die Finger gesehen haben.«
»Das that ich auch,« erwiederte die Nonne lächelnd, »aber leider fand ich wenig Gelegenheit dazu. Zu jener Zeit herrschte auch unter Hausgenossen eine gewisse Zurückhaltung des Umgangs; die Töchter der Professoren hielten zusammen und mich für stolz, womit so oft der Sinn für Einsamkeit verwechselt wird, und die Fähigkeit, sein eigener Freund zu seyn. Indem ich nun Tag und Nacht darüber nachsann, Wen ich mir zum Fürsprecher bei meinem Vater erwählen könnte, und – da die Zeit drängte, ich mit unschlüssiger Angst bald an die Gräfinn Frankenstern dachte, bald in Ueberlegung nahm, ob ich mich an den alten Posca selbst wenden sollte, der als ein bigotter Mann Scheu getragen haben würde, die Rechte seines Sohnes gegen den Herrn Jesum Christum geltend zu machen, war mir der Ring, und wer ihn trüge, wirklich ein wenig ins Vergessen gekommen. Den Ludovico hatte ich seitdem nicht wieder gesehen. Nach einigen Tagen kommt des Sprachmeisters Tochter und bringt die fertige Weste. Das Muster blühete nur so, und war mit dem reizendsten Gusto ausgeführt. Meine Mutter breitete den Atlas vor mir aus, und als ich die Vergißmeinnicht sah, die ich ahnungsvoll gewählt: da schwellten meine Augen und ein großer Tropfen fiel auf die abgezeichnete Tasche, die mein Bildniß hatte bergen sollen. O weh! sagte meine Mutter betroffen, was hast Du da gemacht? – O das schadet nicht, versicherte das Mädchen, die Farbe ist ächt, Sie werden es sehen. Darauf nahm die junge Stickerinn den äußersten Zipfel des Seidenzeugs, und rieb damit fadengleich die feuchte Stelle. Auf dem reibenden Finger aber – erblickte ich Ludovicos Mater dolorosa, und fühlte ihre sieben kleinen Schwerter in meiner Brust. – Ich besann mich, daß Ludovico bei dem Sprachmeister Unterricht genommen, ich wußte auch, daß seine Clara italienisch spräche. Dies arme, geringgeachtete Mädchen mit der kummervollen Leidensmiene stand vor mir, so glückbegünstiget, als ob ein Königreich an ihrem Finger funkelte. – Ich weiß nicht, in welche Verbindung ich es setzen soll, daß mir bei dem Lichte, was mir nunmehr über den ganzen Zusammenhang der Dinge aufging, jeder Schatten von Furcht vor meinem Vater verschwand. Noch an demselben Tage redete ich mit ihm. Ich unterstützte die getroste Bitte durch Alles, was meiner Meinung nach wirksam auf ihn seyn könnte, als zum Beispiel: daß ich aus guten Gründen glauben müsse, Herr Peter Posca halte ihn für unermeßlich reich, und solch ein Rechnungsfehler bei einem Kaufmann, ergäbe kein verläßliches Facit. Dann würde er wohl als Arzt bemerkt haben, wie dessen Sohn zum Heimweh hinneige, und wenn der Alte einmal das Zeitliche gesegnet, könnte es kommen, daß ich mit Ludovico über Berg und Thal in ein fremdes Land werde ziehen müssen. – Daß mein Vater mit den Italienern seit einiger Zeit nicht mehr auf dem alten Fuße stand, daß ihm die Idee unserer Verbindung selbst leid geworden, davon wußte ich nichts, als ich mit dringender Beredsamkeit an dem verknüpften Bande lockerte, als ob ich es Wunder! wie unauflöslich hielte. Sieh da! der Faden war schon gelös't. – Mein Vater ließ mich ausreden, tödtlich stumm. Dann sagte er: thue, was Du nicht lassen kannst! ich will Dich weder hindern noch zwingen. Dieser leichte Sieg war über mein Erwarten. Ich schlang meine Arme um seinen Hals und rief: lieber Herr Vater! ist dies auch wahrhaftig wahr? – So will ich Gott mein Herz weihen, daß er Ihnen seinen Segen dafür gebe, lebenslang für Sie beten, und als Ihr treues Kind ersterben. – Diese Freude schien ihn zu erschüttern; thue es – sagte er mit erstickter Stimme; und zum erstenmale sah ich seine Augen benetzt. Mir aber hatte sich eine Compresse vom Herzen gelös't, und es blutete aus tiefen Wunden. Ich bat meinen Vater, daß er mir noch eine Bitte gewähre. Wenn der alte Tamdio ausgelitten haben würde, was nicht mehr lange dauern könne, dann mögte er die Clara an Kindesstatt aufnehmen, daß dies verlassene Mädchen elterlichen Schutz, und meine Mutter eine Tochter hätte, die ihres Alters Trost und Pflege würde. – Er versprach es mir. Nun übrigte mir noch das Schwerste. Kaum eine Stunde nachher kam mein zukünftiger oder gewesener Bräutigam, und warb in einer entschlossenen Rede um meine Hand. Ich bebte an allen Gliedern, da ich sprach: Herr Ludovico! ein langer Irrthum hat zwischen uns gewaltet: ich bin Willens, des Himmels Braut zu werden und keines Mannes. Hätte ich Einen gewählt, Sie würden es gewesen seyn, denn ich schätze Sie sehr hoch! – Hier ergriff er meine Hand – ich fühlte einen heftigen Druck, und mit gepreßtem Athem fuhr ich fort: ich habe meinen Eltern eine Nachfolgerinn gegeben, die an meine Stelle träte, Clara Tamdio – ein braves Mädchen, welches das beste Glück verdient. Wenn Sie künftig das freundschaftliche Verhältniß zu unserm Hause fortsetzen: so gedenken Sie auch meiner. – Ich wagte es, in sein Angesicht zu schauen; es sah aus wie von Marmor, sein Blick war gebrochen – und Freude war es nicht, was seine Züge versteinte. Clara, rief er, ist dies möglich? mein Name in seinem Munde, hatte bei dieser Frage einen andern Klang als sonst – dieser Augenblick war mein glücklichster.«
Die Nonne verstummte in bewegter Erinnerung. Alle schwiegen. Nach einer Pause fuhr Schwester Veronica fort: »an dem Tage, wo ich mein Noviziat antrat, begrub man den Sprachmeister. Seine Tochter zog in meiner Eltern Haus und in mein Zimmer. Sie trug meine Kleider mit Liebe, und die Schwächen meiner Mutter mit kindlicher Geduld. Die paille Atlaßweste mit Vergißmeinnicht aber hat der Ludovico an seinem Hochzeittage getragen. – Im Begriff, eine geistliche Jungfrau zu werden, war es mir gelungen, meine Eltern gleichsam noch einmal zu trauen. Ich genoß die unaussprechliche Beruhigung, daß sie die letzten Jahre ihrer Ehe einmüthig lebten. Mir aber war wohl – das mögen Sie mir aufrichtig glauben. Ich erkannte meine Bestimmung, und daß die Welt meiner Wünsche Ziel nicht gewesen wäre; in ihr würde meine Liebe mir verloren gegangen seyn, die ich mir nun wie ein werthes Kleinod gerettet hatte. Wenn ich den Ludovico heirathen müssen – und dem würde ich nicht haben entgehen können – ach! und eine ungeliebte Frau ist die unglücklichste von allen – dann würde ich in seinem Besitz zu beklagen gewesen seyn, und außer Stande, meine Pflichten mit Vertrauen zu erfüllen, nachdem ich wußte, Wem sein Herz gehöre, und daß ein armes verwaisetes Mädchen durch mein Glück leide. So dachte er gewiß mit Wohlwollen an die Clausur, welche ich gewählt, auf daß er frei wäre in seiner Wahl. Die Nothwendigkeit meiner Entschließung leuchtete mir also ein, wenn es doch dann und wann einen Augenblick für mich gab, wo ich meinte, es hätte vielleicht ein anderer Ausweg für mich ermöglicht werden können. Allmählig schloß ich die Augen meiner Seele für solche Rückblicke. Mir war wie Einem, Den mitten am hellen lichten Tage eine Sehnsucht nach Ruhe ergreift, der er nicht zu widerstehen vermag; der Sonnenschein da draußen blendet ihn nicht, und das Getümmel der Welt regt ihn nicht auf an der stillen Stelle, wo er Frieden träumt. – Gebet und Arbeit füllten meine Zeit, ich zog viel Blumen, welcher Neigung ich durch mein ganzes Leben treu geblieben bin. Mehrere botanische Werke aus der Bibliothek meines Vaters, waren mein fortgesetztes Studium. Auch lernte ich den Generalbaß und Latein – was – wie ein classischer Schriftsteller sagt: ein gutes Mittel gegen die Wollust seyn soll –« ein klares Lächeln, worin die Reinheit einer gottgeheiligten Seele schimmerte, ergoß sich über Veronicas Züge, da sie erläuternd hinzusetzte: »als worunter jener Autor vielleicht die Lust zum Wohlleben und schlaffe Unthätigkeit verstanden wissen will. Auch muß ich ihm gewissermaßen Recht geben, und es ist wirklich wahr, daß jene anstrengende Schule ein empfindsames Frauenzimmer sehr erkräftiget, und keinem weichlichen Versinken in sich selbst Raum giebt. Beide Kenntnisse, nachdem ich sie mit unsäglicher Mühe erworben, waren mir über die Maßen lieb. Ich konnte die Väter unserer römischen Kirche lesen, die heiligen Legenden – und der Generalbaß – der ist der Schlüssel zu aller Harmonie, und gleichsam das Thor zu der Welt der Töne. Man geht erst ein in das Geheimniß der Musik, wenn man ihn kennt. – So waren mir fünf Jahre still verrauscht. Als ich einst nach der Vesper vom Chore kam, die Violine im Arm, die ich zu einer Uebung mit auf meine Zelle nehmen wollte – ward mir gesagt, ein fremder Herr, der einen Auftrag an mich hätte, wünsche mich zu sprechen. Ein Herr! ein Fremder! dies sind Worte, welche ein Frauenkloster in Aufruhr bringen. Der ganze Convent sah mich mit Neid und Neugier an, und die Aebtissin bewilligte es, daß ich das verlangte Gehör gäbe. Es war im Herbst, zur Zeit des Zwielichts; der Mond schien schon blaß durch die hohen Fenster, die Reben daran wankten in der Abendluft, so daß sich Licht und Schatten zitternd in dem düstern Sprachzimmer mengten. Mein Blick fiel auf die Gestalt eines Mannes, der am Pfeiler lehnte, und dessen bleiches, verhärmtes Gesicht ich nicht sogleich erkannte. Um Gott! Ludovico! rief ich so erfreut als bestürzt, da ich ihn tieftrauernd sah; ich fühlte die Scheidewand zwischen uns – den Bogen ließ ich tönend auf die Saiten fallen und konnte mich des Instruments nicht geschwind genug entledigen. Sein Auge strich an meinem Ordensgewand und dann an der Violine herab, da er sprach: liebe Clara – nie werde ich Sie bei einem andern Namen nennen – und ich mißverstand ihn wohl, denn ich dachte, um seiner Gattinn willen – also setzte er hinzu: ich mußte Sie doch einmal wieder sehen. – Ich drückte ihm meine Freude darüber aus, und durfte ihm nun die Fülle der Liebe zeigen, die keinen Abbruch gelitten, als ich mir mit dem Grundstein seines Glückes eine Stufe in den Himmel bauete, denn er war ja einer Andern, und ich war Gottes. Das Herz war mir so voll – ich wußte nicht, wonach ich zuerst fragen sollte. Was mußte ich vernehmen! – Seine Frau war todt, in einem schweren Kindbett gestorben, und Ludovico Willens, mit seinen Kindern nach Italien zu gehen. So wollte ich denn Abschied nehmen, auch komme ich nicht mit leerer Hand – sagte er mit zermalmender Wehmuth, und bat, daß ich ihm die meinige reichen mögte. – Und durch das Gitter, wie es damals geschah – steckte er mir den Ring an meinen Finger, den er der Geliebten gegeben, den seine Ehefrau getragen, den Ring der Schmerzensmutter! – Empfangen Sie dies zum Andenken von mir und ihr! sagte er, dieses gottselige Bild darf eine Braut des Himmels tragen, ohne ihrem Gelübde treulos zu seyn. Und erinnern Sie Sich in frommer Fürbitte Eines, der mit einem Herzen, darin der Harm wühlt, und ein Wurm, der nicht stirbt, vergangener Tage gedenkt. – Ich weiß nicht, ob das meinige mehr leidvoll als entzückt war; ich hatte ein Gefühl von Verlöbniß, und doch nicht von irrdischer Art. Wir trennten uns auf immer – und doch nicht für ewig. Ich besaß ein Pfand, was den armen Leidenden an mich bände, und der Freund meiner Seele, mein Herr und Heiland! hatte nichts dagegen. Auch die Aebtissinn erlaubte, daß ich den Ring trüge. – Nach Jahresfrist erhielt ich eine Cremoneser Geige wohl verpackt, von Ludovico zugeschickt, die mir unbeschreibliches Vergnügen machte. Es war, als ob seine frühere Gewohnheit, mich zu beschenken, seit dem Tode der Frau wieder ihren alten Platz eingenommen hätte. Vor einigen Jahren,« so endigte Schwester Veronica ihre Geschichte, »zerbrach mir der Ring – ich konnte mich jedoch nicht entschließen, ihn einem Goldschmied zu geben. Wie bald – dachte ich, bricht nicht auch der Tod das Auge, das zu viel tausendmalen darauf geruhet! so möge er denn ruhen. Hier liegt er nun.« Bei diesen Worten zog die Nonne ein kleines Schubfach auf, nahm ein Döschen von Perlenmutter, in Form einer Muschel heraus, öffnete es, und drinnen schlief das Bild der allerseligsten Jungfrau auf ein wenig Watte. Die blanke Glätte des Goldes, und ein kleiner Bug am Ringe, zeigten, wie lange er getragen worden sey. Die Damen betrachteten ihn mit einem, obgleich verschiedenartigen, doch gemeinschaftlichem Interesse.
Frau Fabia hielt ihn lange vor ihr ernstes Auge, und seine Farben spielten unter mystischen Gedankenblitzen. Sie dachte an die geheimnißvolle Verkettung der menschlichen Schicksale, wovon dieser Ring als ein Glied anzusehen wäre – und daß selbst so winzige Steine reden müßten, als die, welche den kleinen Altar reinster Mütterlichkeit zusammenbauten, wenn es darauf ankäme, daß der Unerforschliche seinen Willen offenbare. Theresens Blick spiegelte sich leuchtend im hellen Golde dieser Fassung – unter Regungen des Flattersinns wie des Vergnügens, dachte sie: wie solch eine traurige Treue wohl möglich wäre? und nur ein leiser catholischer Schauer versenkte ihr Anschauen etwas tiefer in die durchbohrte Brust der kleinen Madonna. Josephine, als die jüngste, bekam den Ring zuletzt, und durfte ihn am längsten behalten; ihr war er eine Reliquie. Der todte Schmerz darin – das Leben und Leiden der Nonne – bewegte ihre junge Seele. Die Mutter Gottes, fest gefügt, schwankte, und ihr starrer Jammer lösete sich in der Thräne auf, die dem frömmsten Kinde der Christenheit in den klaren Augen funkelte. Josephine empfand, daß solch ein Ring den Schmuck der ganzen Erde aufwöge. Sie fühlte die Heiligkeit der Liebe, und den unvergänglichen Werth eines Herzens, das sich zu opfern vermag, auf daß die Welt selig würde, die es umfaßt.
Während dieser Theestunden war der Administrator bei dem Major Feldmeister gewesen, der ihm sagen lassen, es ginge schlimmer mit dem Bein, und er mögte ihm doch ein wenig Gesellschaft leisten auf seinem Zimmer.
Jener, der in der Abwesenheit der Frauen eine schwache Anwandlung von dem Unbehagen eines Ehemanns spürte, welcher den Zusammenkünften der Damen und ihrer gesetzgebenden Tyrannei nachstehen muß – hatte der Einladung augenblicklich Folge geleistet. Das Gespräch vom Morgen ward fortgesetzt, und der Major brachte die Frage wiederum in Anregung, wie der Erstere zu seiner zweiten Schwägerinn gekommen sey. Da es sich nun der Allgegenwärtige allein vorbehalten hat, aller Orten zugleich zu seyn, und, wie Einer sagt, der nach dem ersten Erschaffenen heißt: Adam im Dorfbarbier –, ein einzelner Mensch nicht an Alles denken kann, so müssen wir uns das Vergnügen versagen, unsere Leser als Zeugen dieser Unterhaltung einzuführen, weil und so lange wir in Veronicas Zelle verweilen. Indem wir nun den Inhalt derselben nachträglich mittheilen, ist uns der Vortheil gegönnt, auch das, was dem Erzähler selbst verschlossen geblieben, kraft des magischen Schlüssels, den wir dazu besitzen, unsern Lesern zu eröffnen. – Die Stiefmutter des Administrators hatte sich nach seines Vaters Tode mit ihrem Söhnlein in die Hauptstadt des Landes begeben, welches der Schauplatz dieser einfachen Geschichte ist. Die Dame mogte ihre guten Ursachen haben, so fern als möglich von ihrem ehemaligen Wohnorte zu leben, um persönlichen Vorwürfen zu entgehen, und die Früchte eines erlisteten Testaments unter dem Schutze der Unbemerktheit genießen zu können. Und wie es denn nun häufig geschieht, daß ein ungemeines Glück auf den Schmutz ungerechten Besitzes, und in befleckte Hände fällt, so waren ihrem Kinde seltene Gaben geworden. Der kleine Constanz war ein Ausbund in jedem Sinne, und unter keine Regel zu bringen. Er wuchs in genialer Wildheit auf, und seiner Mutter, wie Jedem, der an ihm erzog, über den Kopf. Seine Fähigkeiten überflügelten frühzeitig die Erwartungen der Lehrer, die nicht wußten, in welche Classe sie ihn setzen sollten. Seinen Mitschülern war er ein Abstractum – und mit einer wohlwollenden Seele sah Constanz sich nirgend verstanden, denn es fehlte selbst der Mutter an dem Maßstab der Liebe, den Geist ihres Kindes zu messen. Die Mutter befand sich nicht wohl, und zog, eine Frühlingscur zu gebrauchen, vor das Thor. Dicht neben dem Hause, darin sie wohnte, war das Hotel des ***schen Gesandten, mit einem prächtigen Garten. Der Knabe blickte zuweilen sehnsüchtig aus dem engen grünen Bezirk, den seine Eigenthümer ein Gärtchen nannten, und dessen Beete in seine strebsamen Wünsche hemmend einschnitten, in die freien Räume hinüber, wo die Söhne des Gesandten, etwas älter als er, unter hohen Schatten sich nach Willkür belustigten, und unter dem gesenkten Auge des Hofmeisters, der nicht weit davon in einem Buche las und mit vornehmer Ruhe seine Eleven gewähren ließ – ein wenig turnten. Es prickelte den Constanz oft in allen Gliedern, das Glück dieser Ungebundenheit zu theilen, denn die Mutter schrie schon ängstlich auf, wenn er einen Purzelbaum schoß, oder, die langsame Treppe zu umgehen, sich über das Geländer hinaufschwang. Jede solche Kraftübung ihres Söhnleins setzte ihren schwachen Kräften zu. Das Verlangen nach diesem Spielraum ward ihm denn nun auch erfüllt. Die Lebendigkeit des Kindes, was sich den stolzen Söhnen des Gesandten auf ihren Wunsch und Wink zugesellt, etwas Hinreißendes in seinem Wesen, die Art und Weise, wie der freundliche Knabe seinen Willen stets gegen den hochmüthigen Trotz der Andern durchsetzte, schienen dem Hofmeister bemerkenswerth. Er sagte dem Gesandten davon, und als dieser einst Gelegenheit hatte, den kleinen Constanz selbst zu beobachten, fand sein feiner diplomatischer Blick ein Talent an dem Knaben aus, was wohl der Mühe verlohnte, für seine Zwecke entwickelt zu werden. Der Gesandte ließ sofort die Wittwe artig ersuchen, ihren Sohn, der ihm lieb geworden sey, an dem Unterricht seiner Kinder Theil nehmen zu lassen. Es geschah, und mehr noch. Als der Sommer zu Ende ging, war auch die Mutter des kleinen Constanz an ihrem Ziele – und der Gesandte nahm den verwaiseten Knaben nun ganz zu sich. Die Söhne folgten ihrer Bestimmung, Constanz blieb das Kind des Hauses. Er ward Privat-Secretair des Gesandten. Diese Stellung machte ihn mit den geheimsten Staatsverhältnissen vertraut, er arrondirte die Rechte der Familie gegen einander, und ihr Oberhaupt setzte ein ungemessenes Vertrauen in die Klugheit seines Günstlings. Nur dessen Geschlechtsname war ihm zuwider, aus einem angestammten Vorurtheil gegen klösterliche Machthaber, und da nun Constanz von früher Kindheit an so und nicht anders genannt worden war, behielt er diese Benennung später und für immer bei, so daß man kaum mehr wußte, wie er eigentlich heiße. So ward es dem Constanz nicht schwer, die Prälation seines Namens gegen jenen aufzugeben, der im Hause mit französischem Accent ausgesprochen ward. Seine Persönlichkeit ging in der Bedeutung des Gönners unter, dem er Kopf und Feder lieh. Es war bekannt, daß der Secretair die rechte Hand des Gesandten wäre; doch die Frau desselben tadelte diesen Vorzug, wenn auch nicht laut. Sie liebte den Jüngling nicht gleicherweise, theils aus ein wenig Mutterneid, theils aus einem dunkeln Gefühl von Eifersucht auf die Gunst ihres Gemahls, endlich, weil er sehr verschwiegen war. Diese erforderliche Eigenschaft stand im Conflict zu einem Fehler der Dame: dem Mißtrauen. Sie argwöhnete, das Cabinet, dessen Geheimnissen der Secretair verpflichtet wäre, enthielte auch solche, welche nicht in anderer Herren Länder, sondern über die Grenzen des ehelichen Bereichs, in das Gebiet fremder Frauen, verhandelt würden. Und in wie weit dieser Verdacht begründet gewesen, wird die Folge lehren. So war das Verhältniß des begünstigten Constanz gegen die Dame des Hauses etwa das eines natürlichen Sohnes.
Wenn der Gesandte, was er oft zu thun pflegte – rühmte, wie expedit Constanz sey, wie er darin das Unmögliche leiste, dann bestrafte seine Gemahlinn ihn für den Aerger dieses Lobes, indem sie weniger mit einer Miene des Tadels, als übler Weissagung, entgegnete: »ich fürchte sehr, Constanz übertreibt Alles, und Sich zumeist. Solche Leute leben nicht lange. –« Dies Prognosticon, mit pflegmatischer Ruhe gesprochen, jagte den Gesandten in Furcht. Einst hörte er seine Frau zu dem Secretair sagen: »wenn Sie nur nicht immer so en carrière wären, Constanz! ich mag es nicht gern, wenn der Mensch weder Rast noch Ruhe hat. Denken Sie an mich, Sie werden einmal wie ein Wirbelwind heirathen, der den Leuten Staub in die Augen streut – und mit Extrapost gen Himmel fahren. –« Der Jüngling lächelte der Drohung, die ihn zügeln sollte, und sprach: nichts könnte ihm lieber seyn, denn alles Langsame wäre sein Tod. –
Der Gesandte dachte darauf, wie er den Constanz, ohne ihn zu verlieren, entfernen könnte, und alsbald traf dieser Wunsch mit den Interessen seiner Charge, wie mit denen seiner eigenen Angelegenheiten auf das Genaueste zusammen.
Es war um die Zeit der Aufstände in Polen, wo er den Secretair mit einem Auftrage von größter Wichtigkeit an einen entlegenen Hof sendete. Es war eine Courierreise. Doch zu Einem Auffenthalt erhielt der junge Mann geheime Instruction, und Constanz muthmaßte schlau, diese mache nicht den unbeträchtlichsten Theil seiner Sendung aus. An der polnischen Grenze lebte eine Freundinn des Gesandten, um die er in Sorgen war. Constanz sollte sich von der Lage dieser Dame und ihrer Tochter in Kenntniß setzen, und wie es Beiden in den kriegerischen Unruhen ergangen sey; dann ihnen Depeschen überreichen, welche der Gesandte ihm, unter dem Siegel der tiefsten Verschwiegenheit, übergab. Er versprach dagegen, wenn die Ausführung jenes Geschäfts – vielleicht meinte er auch dieses – den Beauftragten bewähre, so solle Constanz einer seinem Verdienst entsprechenden Versorgung im diplomatischen Corps gewiß seyn. – Es war, als ob der Landsturm jener Revolution eine alte Erinnerung in dem Herzen des Gesandten aufgestört, und seinen gleichmüthigen Bestand aufgelöset hätte. Dieser Protector, getäuscht von der innern Bewegung, wähnte, seinen äußern Zustand verändern zu müssen, und indem er die Anstrengung im Auge hatte, sich auf den Gipfelpunct seiner Wünsche zu schwingen, ging er von der Idee aus, den Protegé für diese Absicht zu nützen, bevor er ihn poussire.
Freudig, wie ein Vogel den goldenen Käfig hinter sich läßt, darin er eingeengt gewesen, flog Constanz durch die blauen Lüfte. Er war ganz in seinem Elemente; eine weite Aussicht that sich vor seinen Blicken auf. Er schwelgte gleichsam im Genuß einer pflichtmäßigen Eile. – Doch indem er der Ferne zustrebte, war er unversehends an die Marken seines Schicksals gekommen; und hier war es, wo der Horizont seiner Hoffnung Erde und Himmel für ihn abgrenzte.
Als Constanz sich den Wäldern Polens näherte, drängte sich ein düsterer Ernst ihm auf. Ueberall traf er auf Spuren wilden Kampfes und verzweiflungsvoller Schritte. Die Zerrissenheit dieses Volkes dauerte ihn, er sah betrübt zu Boden, den so viel edles Blut besprengt, und jeder Ton dieser sarmatischen Mundart schlug dumpf und traurig eine tiefe Saite seines Herzens an.
Constanz sprach sehr geläufig polnisch, was ihn jenen heimathlosen Flüchtlingen naturalisirte, in deren rauhen Mienen ein Strahl vaterländischen Sonnenscheins bei seiner Anrede aufging. Man wies ihn überall freundlich zurecht; doch nicht in einen erfreulichen Port. Der kleine Edelsitz, auf dem die Freundinn des Gesandten residiren sollte, war eine wüste Brandstätte, ein trauriges Bild gänzlicher Verödung. Es war um die Mittagsstunde, als Constanz auf dem weichen Estrich dieser polnischen Wirthschaft anhielt. Diese verkohlten Gebälke schienen noch zu dampfen; doch kein Rauch stieg aus der Esse des Gemäuers, des einzigen auf dem Höfchen, was den Anstrich hatte, bewohnt zu seyn. Ein alternder Mann, in der Livree der Armuth, welche ein lustiges Bunt giebt und freie Schnitte – doch besseren Ansehens als Die, welche sie gewöhnlich tragen – stand in der niedern Thür, und sah tiefsinnig auf das leere Häuschen einer Hundehütte nieder, deren Kette gelös't daneben lag, und den Wächter frei gegeben hatte. Der Mann schrak zusammen, als das leichte Fuhrwerk schnell wie ein Pfeil von der Senne, durch den offnen Thorweg prallte, und gleichsam sein Herz zu treffen schien. Der junge Reisende trat wohlwollend auf ihn zu, und fragte nach der Herrin des Ortes. »Meine Dame schläft –« sagte der vermuthliche Diener, indem ein Seufzer seiner Rede voranging, welcher sie der Theilnahme des Zuspruchs anempfahl, »und ungern mögte ich sie wecken. Auch würde es« – meinte der Getreue, »wenig nützen. Seit den erschrecklichen Vorfällen allhier,« fuhr der Alte fort, »hat meine Dame das Gedächtniß verlohren, und kann sich auf nichts mehr besinnen.«
»Nun, vielleicht doch! wir wollen sehen –« erwiederte Constanz lächelnd auf diesen Bescheid, der beinahe abweisend lautete.
»Sogleich!« sprach der Alte in der reizbaren Empfindlichkeit seiner Nation und eigenen Unglücks, von diesem Lächeln, diesem Zweifel beleidigt, und stieß leise ein zersprungenes Fenster nach Innen zu auf, was nur angelehnt war. Der junge Fremde sollte Einsicht in die Wahrheit seiner Aussage bekommen. Constanz trat vor die Oeffnung, und als Schatten vor die Sonne, welche wie zum Spott Verhältnisse beleuchtete, deren Glücksstern untergegangen war. Welch ein Anblick! das nackte Sparrwerk der Wände war mit Teppichen behangen, die augenscheinlich einer besseren Bestimmung angehörten. Auf einem verstümmelten Pfeilertisch von Marmor stand eine massive Eßschale, trübe verblindet, darin ein Rest ärmlicher Speise war. Tausend Kleinigkeiten, darunter die meisten vom Ueberfluß, lagen – ein Quodlibet – wirr durcheinander, und eine Anzahl kleiner abgetragener Schuhe, wie vertretne Kinderschuhe – nahm den Fußboden ein. Alles schien nur für den Nothbehelf zu seyn. In einem Großstuhle, der schräg gegen das Fenster gerückt, voraussetzen ließ, er stände nur derweilen da – lag eine ältliche Frau mit geschlossenen Augen. Ein echter Schawl, an den der matte Kopf sich schmiegte, hing nachlässig über die Lehne geschlagen, und der Chinese des Gewirks, hielt seinen Schirm über diese eingesunkene Wange. Vielleicht war dieser phantastische Schutz der einzige, dessen die schlummernde Dame genoß. – Um ihren feinen Mund schwebte ein Lächeln – das Todeslächeln unbewußter Beruhigung; ihre rechte Hand lag auf dem Arme des Sessels. Eine zartere Hand, gewebt aus der feinsten Seide des Müßiggangs, hatte Constanz nie gesehen; aber er gewahrte jenes Nervenhüpfen daran, welches auf krampfhafte Zustände, und nicht selten auf eine nahe Auflösung schließen läßt. Im lebendigsten Contrast dieses abgespannten und verblichnen Bildes, saß ein junges schlafendes Mädchen zu den Füßen der Dame. Diese Sieste war eine andere; dieser volle Athemzug war ein trunkenes träumerisches Schöpfen aus der Ruhe süßestem Quell. Constanz ward berauscht vom Zusehen. Für einen jungen Mann giebt es keine größere Gefahr, als die Schönheit, wenn sie schläft, und die gesenkten Waffen blinkender Augen. – Doch nach einigen Secunden, die sein Leben wendeten – es giebt Momente, welche alle Verhältnisse der Zeit aufheben – trat Constanz zurück, denn der Anzug des Mädchens däuchte ihm nicht für die Nähe eines Mannes berechnet. Er wollte warten; doch jetzt regte sich die Dame, und der alte Diener führte ihn an die Thüre. Constanz mußte sich bücken, und sein Herz beugte sich, als die Dame ihre Augen aufschlug, und erschrocken fragte: ob wieder Feinde da wären? – Constanz versicherte ehrerbietig: er käme als ein Bote der Freundschaft. Die Dame legte die schneeweiße Hand an ihre Stirne, wie Jemand, der sich besinnt, und sprach: »Freundschaft – –?« Es war, als wäre der Begriff dieses vielsagenden Wortes ihr tief entfallen.
Während dessen war das Mädchen auch erwacht. Angesichts des jungen Fremden trat es vor den alten Mann, und ließ sich ungenirt das Kleid von ihm zuhäkeln. Diese polnische Unschuld verwirrte den entzückten Constanz, dem der kleinste Dienst weiblicher Toilette bisher wie das Werk geheimnißvoller Verwandlungen gewesen – so daß er mit Mühe nur seinen Auftrag auszurichten vermogte.
Es war eine helle Stunde für die Mutter, in der sie die Depeschen des Gesandten las. Und während sie wie aus den Wolken fiel – sehr dunkle hatten den Lebenstag dieser unglücklichen Frau verfinstert – daß jener Freund sich ihrer jetzt, und auf diese Weise erinnere, fiel das Rosenlicht einer schöneren Vergangenheit auf jede Zeile. –
Das Lesen geschah indeß so langsam, daß Constanz unterdessen völlig Muße hatte, sich der Tochter zu befreunden. Er bat um die Vergünstigung, bis zum andern Morgen hier verweilen zu dürfen. Die Mutter war über jede Verlegenheit ihrer Lage hinaus – das Fräulein bewies sich nur in so fern gastfreundlich, indem es bei der Sorge für die Bewirthung dieses angenehmen Botschafters doch nicht das Vergnügen über seine längere Anwesenheit verleugnete.
»Bonaventura –« so hieß der alte Kämmerer – »wird schon Rath schaffen,« sagte Therese – unsere Leser wissen ihren Namen doch. »Wir wollen die Mutter nur ganz außer Acht lassen –« flüsterte Therese ihm traulich zu. »Sie lies't zwei Stunden an dem Briefe – ich kenne das. Wäre es Ihnen vielleicht gefällig, eine Parthie Schach mit mir zu spielen? Sie mögen Rußland seyn – ich bin Polen.«
Constanz erstaunte über die Vortheile, welche Therese sieggewiß ihm vorausgab; doch nicht minder, daß er fände, wie dieser harmlose Leichtsinn vermengt wäre, mit patriotischer Tücke. – Nach wenigen Zügen war seine Niederlage entschieden, und nebenbei verlor er sein Herz.
Nachdem Theresens Mutter gelesen, versank sie in eine Apathie, welche ihre Gegenwart den ganzen Abend hindurch unwirksam machte. Und dieser Abend, er reichte hin, die flatterhafte Neigung der beiden jungen Leute unauflöslich zu knüpfen. Auf Constanz Seite stand unsichtbar sein treibender Genius, der ihn immer und überall drängte. »Spute Dich!« raunte dieser beflügelte Geist ihm zu, »wir haben Eile, und die Zeit entflieht.« Wie verwirrend die zarten Seile nun auch waren, die sich leise um dieses flüchtige Naturell legten, wie verworren das Verhängniß dieses Hauses vielleicht: Constanz blieb zum Aufmerken frei, wie zu einer und der andern Frage, die ihm sein Gönner an das Herz gelegt, bevor er die an das Fräulein richtete, welche ihn selbst betraf. Es geschah dies gesprächsweise. Therese stand auf, rüttelte sacht an der schwachen Mutter, und weckte ihre schlafende Seele mit den Worten: »sage einmal, habe ich Verwandte?«
»So viel ich weiß: nicht;« antwortete die Dame mit Resignation, und bat, daß ihre Tochter sie in dieser traumhaften Stille lassen mögte. Ein kühner Wurf des Gesprächs brachte es auf Religion, und Constanz begehrte zu wissen: zu welcher das Fräulein sich bekenne? »Eigentlich zu keiner,« antwortete Therese mit liebenswürdiger Freigeisterei, »ich habe meinen Glauben gern für mich, und meine Liebe auch. Doch bin ich mit Salz getauft –« Constanz lächelte gelinde.
Therese, die es zweifelnd ansah, stand abermals auf, ging zu dem Großstuhl, neigte sich über die blasse Gestalt, und sprach: »Mütterchen, bin ich catholisch?«
»Etwas –« antwortete die Dame kaum hörbar, »Du frägst mich viel. –« Therese stand beschämt. »Die Mutter hat eigentlich Recht –« sagte sie und nickte dazu. »Fasttage halte ich gar nicht, und auf die Beichte nicht viel; sie müßte denn freiwillig seyn, wie zum Beispiel jetzt. Wenn ich es Ihnen ehrlich gestehen soll –« fuhr Therese fort: »die Religion ist mir ein bischen zuwider. Erstens: des vielen Krieges und Streites wegen, den sie verursacht hat, und ich liebe es sehr, daß man sich freundlich begegne; dann habe ich einige Fromme kennen gelernt, die mir außerordentlich gehässig waren. – So kann ich auch nicht anders, als mir unsern Herrgott unter dem Bilde eines wohlwollenden alten Mannes denken, der eine großmächtige Schlafmütze trägt – als Symbol der ewigen Ruhe. Und in dem Himmel stelle ich mir eine ehrsame, aber höchst langweilige Gesellschaft vor.«
Für Constanz waren diese Aeußerungen, um der Anmuth und anspruchslosen Offenheit ihres Vortrags willen, Bekenntnisse einer schönen Seele. Ein aufrichtiges Herz schätzte er über Alles, und er wünschte, sich dieses arglose zuzueignen.
Was Therese dem Gast im Laufe des Abends erzählte, dürfte ohngefähr folgendes Ergebniß seyn. Therese war, seit ihrer frühesten Kindheit von ihrer Mutter getrennt, in einem großen Hause erzogen worden, ziemlich sich selbst und ihrer natürlichen Gutartigkeit überlassen. Jene Familie aber lebte, verwandtschaftlicher Verhältnisse wegen, wenig daheim, und so konnte sich auch kein weibliches Gefühl der Stille und Stetigkeit in Therese entwickeln. Dieser auswärtige Aufenthalt entfremdete sie der Mutter wie der Muttersprache, und eine fanatisch protestantische Bonne vermischte den catholischen Geist des Fräuleins so lange mit dem Wasser der reinen Lehre, bis Theresen das religiöse Element der Seele vom Ueberfluß schien. – Als die Gährungen in Polen ausbrachen, lös'te jene Familie sich theilweise auf; eine heimathliche Sehnsucht erwachte zum erstenmale in Theresen. Sie verlangte nach ihrer Mutter, und man hielt das Mädchen in der waldigen Steppe des mütterlichen Witthums besser aufgehoben, als im Mittelpunct einer wildbewegten Stadt. –
»Aber es war nur um so schlimmer –« sagte der alte Bonaventura, als er am Abend spät Constanz in dem dürftigen Verschlage bediente, wo sein Nachtlager bereitet war, und auf die warmen Erkundigungen des Gastes mit traurigem Bericht Theresens Aussage vervollständigte: »die Ankunft des Fräuleins war entsetzlich. Die Mutter sah ihr schönes Kind bei dem Feuerscheine seiner Habe wieder, und die Kraft meiner Dame ward davon verzehrt, wie unser weniges Heu von der Flamme. Nur der Entschlossenheit eines jungen feindlichen Offiziers verdanken wir persönliche Berücksichtigung und das, was wir aus diesem Wirrsal retten konnten. Ein lieber Mensch! die Andern waren nur wie reißende Wölfe gegen ihn; aber Gott haucht Milde ein, da, wo sie Noth thut, und mäßiget den Wind für das Lamm einer geschorenen Heerde.«
Constanz hatte jenes Offiziers auch von Theresen erwähnen gehört, und mit einem so bedeutsamen Interesse, daß dieser Antheil eine eifersüchtige Regung in ihm erweckte. –
»Seit jenem Tage nun,« fuhr Bonaventura fort, »vergißt meine Dame Alles! wohl ihr! das Gedächtniß verlieren ist für den kein Unglück, der nichts als Kummer zu vergessen hat. Jeder Augenblick, wo sie nun schläft, erquickt mein eigenes Herz, was ihr die Ruhe gönnt, und mit Freude werde ich ihr die Augen zudrücken, welche nicht viel gute Tage gesehen haben.« Die des alten Mannes standen voller Thränen, als er dies sagte. Diese treuherzige Gesinnung rührte Constanz und flößte ihm Achtung für den Diener wie für die Herrin ein. Er fragte, er wollte vornehmlich wissen, warum Therese ihrer Mutter entrissen worden sey? –
Bonaventura zuckte die Achseln. Er erzählte eine Geschichte jugendlicher Verirrungen, welche seine arme Herrschaft unter die Despotie ehelicher Tyrannei gebracht hätten. Dabei gerieth er in ein Labyrinth der Darstellung, verlor den leitenden Faden – und wußte am Ende nicht, wo aus noch wo ein? da es ihm zur Unzeit einfiel, ob es nicht verrätherische Geschwätzigkeit sey, die zarten Leiden seiner Dame einem fremden Ohr Preis zu geben? – Jene Geschichte gehört nicht in unsern Plan. Wir lassen ihren Stoff daher unter der großen Masse menschlicher Schwachheit und menschlichen Unglücks auf sich beruhen. –
Constanz wußte die gewissenhafte Aengstlichkeit des redlichen Mannes zum Schweigen zu bringen. Er entdeckte sich ihm ganz, und Bonaventura nannte ihn einen Gesendeten Gottes, und nicht des Gesandten.
Am Morgen mußte Constanz fort. Die Werbung um die Braut war bald geschehen und mit Erfolg: die Mutter befand sich fähig, ihn anzuhören. Constanz legte ihr einfach seine Verhältnisse wie seine Wünsche dar. Er wollte Theresen bei seiner Retour mit sich nehmen, unterdessen den Consenz des väterlichen Gönners dazu nachsuchen, und daß dieser seine Anstellung beschleunige. Doch war er eines weigernden Grundes der Dame von Seiten ihrer Kränklichkeit gewärtig. Aber nichtsdestoweniger war die Mutter bereit, sich ihrer kindlichen Stütze zu begeben. Sie sagte mit einem gewissen Heroismus, der für eine rettende Idee froh, wenn auch einsam, sterben lehrt: »grüßen Sie den Gesandten tausendmal von mir – wenn Sie ihm Theresen bringen, wird Ihr Glück ihm bestens empfohlen seyn. – Ich verlasse das Leben gern, da ich meine Tochter unter dem Schutze ihres natürlichsten Freundes weiß. Der da –« (sie wies auf Bonaventura) »begräbt mich schon.« Therese weinte wohl, allein nicht allzusehr. »Dann bleibt Dir Alles, guter Bonaventura!« sagte sie, reich in Hoffnung.
»Alles!« wiederholte Bonaventura, und lächelte traurigbitter wie der Verlust zu der Erbschaft: dieses Alles war so viel als Nichts. – Der gute Alte wußte nicht, daß die Liebe jeden Strohhalm zu den Mitteln des Glückes zählt, wenn auch nur als Medium die bunten Seifenblasen der Täuschung in die leere Luft zu hauchen. –
Als Constanz, der Verlobte Theresens, nun mit aufgeregten Gefühlen den öden Ort verließ, wo unter Schutt und Trümmern seines Lebens schönste Blume blühete: da dachte er an die verheißenden Worte der Gesandtinn, er würde einmal im Fluge die Braut heimführen. –
Im höchsten Schwunge seiner geistigen Kräfte legte Constanz die weite Reise zurück, und erreichte mit dem Ziel auch die Absicht. Er erstaunte selbst, wie leicht ihm alle Schwierigkeiten zu beheben gewesen; ein Gott hatte ihm Flügel geliehen, und den Schlangenstab der Klugheit. Er glaubte die Zufriedenheit des Gesandten bestens verdient zu haben, und in diesem kühnen Vertrauen fügte er daher seiner Meldung dessen, was er ausgerichtet, die Bitte bei, daß der Gesandte seine Verbindung mit Theresen genehmigen und die schriftliche Zusicherung ihm ohne Säumen entgegen senden möge. In der gewissen Voraussetzung, daß dies unverweigerlich geschehen werde, kam Constanz nach Polen zurück. Er fand eine so leidenschaftliche Aufnahme bei seiner Braut, als wäre seine Wiederkehr ihr dennoch zweifelhaft gewesen. Mit Thränen sagte sie ihm, er komme zur rechten Zeit, denn seit dem vorigen Tage lag die Mutter im Sterben und konnte nicht enden.
Bonaventura hatte indessen mit treuer Umsichtigkeit alles vorbereitet. Ein Weltgeistlicher in der Nähe war durch seine einfache Ueberredung gewonnen, die jungen Leute zu copuliren. Er war eben anwesend, und vertrat die Stelle eines Arztes für Leib und Seele zugleich. »Mein werther Herr,« sagte der Priester höflich zu Constanz, »ich verstoße gegen ein Staatsgesetz, wenn ich Sie ohne vorhergegangene Proclamation traue; aber – inter arma silent leges – sagen wir Lateiner, und ich verhoffe, Sie werden mich in so fern gegen alle Verantwortung sichern, daß Sie mir einen Schein ausstellen, worin Sie Sich verpflichten, jeden Einwand vertreten zu wollen, welcher möglicher Weise dieser Heirath mit Fug und Recht gemacht werden könnte. – Unter dieser Bedingung will ich mein heiliges Amt zu Gunsten Ihres Wunsches üben.« –
Constanz, im Gefühl, von Seiten des Gewissens völlig frei zu seyn zu diesem Schritt, verstand sich gern dazu, und der Geistliche beschied sie für den nächsten Morgen in eine kleine Capelle auf der Hälfte des Weges. Bis dahin, meinte der todeskundige Mann, – würde die Mutter des Fräuleins ausgelitten haben.
Aber als der Morgen erwachte, lag die Hochzeitmutter noch in Agonie. Es war eine schauerliche Stunde, die der Einsegnung. Der Sturm sausete unheimlich durch den Wald, das morsche Kirchlein wankte, die Lichter wollten verwehen, der Regen rauschte herab, die Braut schwamm in Thränen –, kein Zeuge war zugegen, als der Meßner und Gott! –
Sie kamen nach Hause; kein fröhliches Mahl war ihnen bereitet. Constanz sah ängstlich nach der Uhr, deren Zeiger, gleichgültig gegen die bange und dringende Erwartung umher, unaufhaltsam weiter rückte, und fand, daß seine Zeit abgelaufen sey. Nur jene Körner wollten nicht ausrinnen. Da bat Bonaventura, daß man ihm eine Vorstellung erlauben möge. »Meine Dame,« sagte er, »kann nicht sterben, so lange Sie hier gleichsam auf dem Sprunge stehn. Ist es doch mit einer Frau in Kindesnöthen gerade so. Die kann auch nicht genesen, wenn darauf gewartet wird, und der Tod soll ja eine neue Geburt seyn. – Ueberlassen Sie die Verscheidende mir; ich bleibe bei ihr, ich! es ist mein letztes Geschäft auf Erden.« Der gute Alte legte das ganze Gewicht seiner treuen Gegenwart in einem zitternd aushaltenden Accent auf dieses Wörtchen.
Constanz fand, daß er Recht hätte. Er gab ihm eine volle Börse und unbedingte Vollmacht. Dann beugte er sich weich über das stille Lager der Mutter, die langsam zwischen schweren Pausen athmete, und keinen Blick des Segens für ihren Eidam hatte. Therese küßte schluchzend ihre schlaffe Hand, fühlte aber auch nicht den leisesten Druck der Liebe mehr – und nun rollte der Wagen vor und fort. Kaum waren sie an ein steinern Kreuz gekommen, eine Viertelstunde von dem Oertchen und so gelegen, daß es einen Rückblick darauf gewährte, so sahen sie ein weißes Tuch vom Giebel wehen. Constanz bemerkte es zuerst. Er sagte ernst: »Bonaventura giebt uns ein Zeichen, die Mutter wird verschieden seyn. – Denke nur, sie schläft etwas tiefer wie bisher, und hat alles Leid auf ewig vergessen.« Und Therese dachte wirklich so. Die junge Frau nahm also über die Grenze ihres zerrissenen Vaterlands, wenn auch grade kein zerrissenes Herz – dazu war der natürliche Verband mit ihrer Mutter nicht innig genug gewesen – doch ein völlig aufgelös'tes Familien-Verhältniß, und keine andere Mitgift, als frühe Gewöhnungen, wie sie den Damen dieser Abkunft eigen sind. Es war, als hätte ein günstiges Geschick dies harmlose Wesen in die Arme der Liebe vor den Schauern des Grabes und der Pflicht zu trauern, retten wollen.
Seltsam genug bemächtigte sich des jungen Ehemanns jetzt, in der gesicherten Erfüllung seiner leidenschaftlichen Wünsche, der Zweifel, was der Gesandte zu dieser Heirath sagen werde? Vorher war Constanz der Zustimmung, ja des Beifalls seines Gönners gewiß gewesen. So verändern sich unsere Ansichten Anderer mit jedem unserer eigenen Schritte. Es gereichte ihm wie zum Trost, daß die Macht der Umstände ihn zu diesem, den er rasch gethan, gedrängt hätte. Er fühlte sich in einer geheimnißvollen, aber um so bindenderen Verwandtschaft zu seinem väterlichen Freunde, und bedurfte nur – so däuchte es ihm – das Siegel der Bestätigung zu erblicken, um Theresen mit jedem Recht als Gattin an seine Brust zu drücken. Doch kein Brief gab Antwort auf diese Frage, und mit wachsender Unruhe eilte Constanz einer endlichen Entscheidung entgegen. Eine leichte Unpäßlichkeit Theresens hielt die Reise um ein paar Tage auf, und ihr Gemahl fühlte, daß eine Frau Rücksichten erfordere, welche den Mann nicht fördern.
So waren sie in das Städtchen Leidthal gekommen und hielten an der kleinen Posthalterei daselbst. Constanz hatte auf dem letzten großen Postamte abermals kein Schreiben angetroffen. Er war jetzt resignirt – es mußte etwas von besonderer Wichtigkeit vorgefallen seyn; nichts war ihm dringender, als nur so bald als möglich an Ort und Stelle zu gelangen. Therese theilte diese Ungeduld indeß nicht. Die reizende Lage der kleinen Expedition, eine vollblühende Jelängerjelieber-Laube, welche den ländlichen Vorplatz schmückte – eine Pilgerruhe der Passagiere – entlockte ihr den Wunsch, hier einige Stunden ausruhen zu können, und Constanz zeigte sich gefällig dafür. Er trat zu dem Postmeister, als dieser im Begriff stand, das Felleisen auszupacken. Da sprang die ersehnte Handschrift ihm in die Augen, ein Brief an ihn vom Gesandten. Constanz beglaubigte sich, als den Empfänger. Er riß hastig in das Papier – aber der Inhalt zerriß das Blatt seiner Hoffnung noch heftiger. Sein Gönner schrieb ihm: ein Ereigniß von größter Bedeutung habe ihn genöthiget, seinen Standpunkt zu verlassen und nach dem Süden zu gehen. Er werde die Tour über B. – nehmen, woselbst er seinen Secretair erwarte, der ihn auf dieser Reise begleiten müsse; die Dauer dieser Reise wäre vorläufig nicht zu bestimmen, und hinge von Umständen ab, welche schwebten. Constanz sollte daher sein Eintreffen dort, so viel als möglich beschleunigen, der Gesandte harre sein. Was die fragliche Parthie anbeträfe, so werde dieser Punct zu gelegener Zeit zwischen ihnen zur Sprache kommen. –
Dieser Brief war in dem Tone jener Superiorität abgefaßt, die stets ein Vorbehalt Derer bleibt, welche in ihrer Persönlichkeit die Freundschaft mit der Protection für uns verbinden. Constanz war durch die frühesten Eindrücke für diesen vornehmen Ausdruck empfänglich geworden. Er war dem Gesandten in den zartesten Beziehungen verpflichtet: denen der Dankbarkeit. Auch war gewissermaßen das Wohl des Staates diesem Zusammenhange verknüpft, so konnte er sich seiner Pflicht nicht entziehen. Theresen mitzunehmen, daran durfte ihr Gatte nicht denken, denn so wie er den Gesandten kannte, war der Anhang, die Heirath betreffend, als abweisend anzusehen. So mußte dieser erst durch die Ueberredungsgabe seines Lieblings für Etwas gewonnen werden, was bereits geschehen war.
Constanz stand äußerst betroffen. Er theilte Theresen mit, was sie so nahe anging, und erklärte ihr diesen Ruf des Schicksals als unabweislich. »Nur diese Reise noch,« tröstete er die bestürzte Frau, indem das Gefühl der Selbständigkeit in ihm ansprach, »dann trennt uns nichts mehr, Du Liebste! – Erfüllt der Gesandte sein Versprechen nicht, mich zu versorgen, so reicht mein Vermögen hin, ihn entbehren zu können. Doch jetzt darf ich ihn nicht im Stiche lassen; ich muß die Resultate meiner Sendung in seine Hände niederlegen. Wer konnte dies voraussehen? wüßte ich nur, wo ich Dich einstweilen aufhöbe!« Er starrte nachsinnend in die blaue Weite, als wolle er einen Ausweg erspähen. Da trug ein Hauch der Luft einen Glockenton von ferne über die Mittagsstille der Felder; und dieser leise silberne Laut schlug an sein Gehör und klopfte an sein Herz. – Seine Augen folgten der Richtung dieses Schalles, und sahen die Thürme von Sanct Capella im senkrechten Strahl der Sonne verblendend blinken. Constanz fragte nach jenem Ort. Der Postmeister nannte das Kloster, und erwähnte gesprächig der gegenwärtigen Verhältnisse des Stiftes. Aber Der, zu dem er redete, hatte nichts Weiteres davon vernommen, und war einer eigenen Gedankenreihe gefolgt.
»Schade!« sagte Constanz, »daß die Klöster aufgehoben sind. Was man auch dagegen sagen konnte, sie waren doch immer ein schicklicher Aufenthalt für unbeschützte Frauen. Und Du bist ja ein wenig catholisch.« Er blickte seine Frau mit einem schmerzlichen Lächeln an, welches sie ermuthigen sollte. Therese aber hatte jetzt keinen Sinn für tragikomische Reminiscenzen, und keinen Glauben als den, daß sie sehr unglücklich wäre. –
Wie aus einem Traume erwachend, und in großer Zerstreuung, fragte Constanz den Postmeister, der sich abseits gewendet hatte: ob er recht vernommen, daß der Prälat dieses Ordens noch dort wohne? Jener berichtigte das Mißverständniß, und was er von dem Administrator zu sagen wußte, ließ dem Secretair des Gesandten kaum einen Zweifel übrig, daß er sich in der Nähe seines Bruders befinde. Von einem raschen Entschluß durchblitzt, forderte er Feder und Dinte, und schrieb in Hast ein französisches Billet an ihn, des Inhalts: ein Fremder wünsche den Stiftsverweser von Sanct Capella so dringend als unverweilt im Posthause zu Leidthal zu sprechen. Die Chiffre des Namens Constanz war so charakteristisch verschlungen, daß sie schwerlich von Jemand, der sie nicht kannte, zu enträthseln gewesen wäre.
Nach anderthalb Stunden, in deren Verlaufe Constanz sein Weibchen zu beruhigen gesucht hatte, kam ein stattlicher junger Mann neben dem reitenden Boten daher gesprengt, und der Postmeister rief: »da ist er schon, der Herr Prälat!« Constanz sah unter einem Freudenschauer auf, und Therese zog sich in einer kindischen Furcht der Erwartung, in die Laube zurück, und einen Behang von Blüthen über ihr reizendes Gesicht.
Constanz gab sich seinem Bruder herzlich zu erkennen, und in dem Anmuthen, Theresen so lange unter seinen Schutz zu nehmen, bis er sie abholen würde, einen brüderlichen Beweis. Diese Minute drängte stark an das Herz des Administrators. In dem Wesen seines jüngern Bruders lag bei freundlicher Offenheit etwas ersichtlich Vornehmes, ein gewisser Succeß des Zutrauens, was Jenem imponirte, der mitunter zurückhaltend, ja sogar blöde war. Unwillkürlich stellte er die finstere verschlossene Strenge des älteren Bruders daneben; er dachte leise an Fabia – und mit dem beengten Gefühl eines Ehemanns, der da Scheu trägt, die häusliche Kette der Gewohnheit um ein Glied zu erweitern. Um seinen schweigenden Mund spielte ein Lächeln gutmüthiger Ironie, daß er bestimmt seyn sollte, die Frauen seiner Brüder zu beschützen. »Wenn es der jungen Dame nur bei uns gefällt –« sagte der Administrator bedingungsweise, »es geht still zu, im Stift. – Die Wittwe unseres ältesten Bruders, die ich sammt ihrer Pflegetochter bei mir habe – ist – unseres ältesten Bruders,« unterbrach er sich selbst –: »Der, Du weißt ja –« aber Constanz sah den Administrator an, als hätte dieser fremd und romantisch vom Bruder Graurock gesprochen.
»Ich weiß von nichts –« antwortete Constanz, entschlossen, sich mit keinem weitläuftigen Verhältniß zu befassen, und seine cosmopolitische Seele streifte das Band der Natur sogar im Begriffe ab: »als – wir Menschen sind hier alle Brüder –« ein rüstiges Mägdlein, das kleinste Kind der Postmeisterinn an die Brust gedrückt, welche ein knappes Mieder von Leinewand umschloß, strich bei diesen Worten hurtig an ihnen vorüber, und eine schnelle Association der Ideen, in richtiger Folge jener Strophe und dieses Blickes, ließ ihn an den Bruder mit dem Ordensband denken, der er einst so dankbar als einflußreich diesem schlichten Schutzfreund seyn werde, wenn die Zeit dazu gekommen. »Sieh meine Frau nur selbst!« sagte Constanz, indem er auf die Laube zuschritt. Er bog ihre Zweige auseinander, und die schönere Blüthe von Theresens Angesicht lächelte durch das weiche Grün, und ihre Augen funkelten in Thränen, wie die Sonne im Thau. – Die Schönheit hat das Eigenthümliche, daß sie jedem Manne Muth einflößt. Das Herz des Administrators öffnete sich den gastfreundlichsten Gefühlen. Zudem behandelte Constanz die Sache so ganz in seinem Geiste, das heißt, so flüchtig, daß Herr Prälat glauben mußte, mit dem Asyl zu Sanct Capella sey es nur durchaus precair gemeint, und auf ein längeres Bleiben nicht abgesehen. So bewilligte er daher die Bitte seines Bruders, wenn auch nur mit einer gewissen widerstandlosen Passivität. Er sah dies Ereigniß für ein Fatum an, dem auf keine Weise zu entgehen gewesen wäre. Das leichte Gepäck war bald getheilt, ein Postwagen, worin Therese nach dem Kloster fahren sollte, geschirrt. Der biegsame Leib der schönen Gestalt, schwankte von ihrem Manne umschlungen, im Sturm des Abschieds. Zwei Ströme flossen von ihren Wangen – zwei Wochen waren erst und wie auf Rosen verflossen, seit Constanz der Ihrige war. – Mit gemischten Empfindungen ritt der Administrator neben der Chaise her, darin die noch weinende junge Frau saß. Er warf zuweilen einen mitleidigen Blick auf Theresen; die Jugend dieser Ehe rührte ihn, ihre gegenwärtige Trennung und der Zukunft ungewisses Loos. Nebenbei gedachte er und eben nicht leichten Herzens an die nächste Stunde – und hätte gern ein wenig älter seyn mögen.
Frau Fabia hatte heute nicht den guten oder schönen Tag ihres Geschlechts. Eine Nachtigall, welche sie sehr liebte, und die in einem dunkeln Thurmhäuschen wohnte, das, nicht unähnlich einer kleinen Kirche, an ihrem Fenster empor hing, war an diesem Morgen ihrer Haft entschlüpft. Das arme kleine Nönnchen sang die Hora der Nacht und Natur im vergitterten Chor ihres Kerkers so himmlisch klagend, als seufze der Engel der Melodie aus dieser befiederten Brust. Josephine hörte es mit süßem Erbarmen. Frau Fabia aber, die sich selbst zu den Gefangenen Zion zählte, hatte nicht Lust, die klösterliche Philomele zu Gunsten irrdischer Liebe in Freiheit zu setzen. Nun war sie entflohen, und auf dem Mädchen ruhte ein scharfer Verdacht, daß es mit lindem Urtheil, wie diesem kleinen Gottesgeschöpf himmelschreiendes Unrecht geschähe, seine Erlöserinn geworden wäre. – Es gab einen Lärmen der Entdeckung, und Josephine, die sich nie gegen einen Vorwurf vertheidigte, schwieg auch diesmal, und die Schuld blieb auf ihr haften, so wie auf Fabien der Mißmuth über diesen Verlust, geschärft durch ein zweifelhaftes Gefühl der Versündigung an dem lieben Kinde. Dieser Stimmung sich erinnernd, hätte der Administrator gewünscht, seine Schwägerinn vorbereiten zu können – aber da stand Fabia ganz gegen ihre Gewohnheit schon an der Thür, und ihr Gesicht – eine totale Sonnenfinsterniß – warf keinen Schein festlicher Empfängniß nach dem anrollenden Wagen. Dem Reiter ward es schwarz vor den Augen. Er sprang vom Pferde, der jungen Dame beizustehen, welche den schönsten Fuß, der jemals über diese Erde gegangen, hell und seiden beschuht, auf den schmutzigen Tritt der Postchaise setzte. Theresen an seiner Hand, trat der Administrator vor die Domina seiner Häuslichkeit und sprach: »liebe Fabia! ich bringe Dir hier eine werthe Verwandte, die Frau meines Bruders Constanz, und also Deine Schwägerinn, so wie Du mir. Lasse die gute Therese Dir herzlich empfohlen seyn, da sie einige Zeit bei uns verweilen wird.«
Frau Fabia brachte mühsam ein fremdes Lächeln der Bewillkommung auf; der Administrator war desto freundlicher. Die eisige Kälte dieses Empfangs versetzte ihn durch die natürlichste Gegenwirkung in einen Wärmegrad, der unter allen Launen dieser christlichen Juno dem Quecksilber der zweiten Schwägerinn Stand und Stange hielt. – Am Abend spät versuchte der Stiftsverweser jenes üblen Eindrucks Herr zu werden. Er sagte daher in einem Tone, der scherzhaft seyn sollte, aber doch anzüglich war: »nun Fabia! Du warst heute absonderlich schweigsam – Du bist es noch. Ist es Verdruß, daß Dir das Vögelchen entgangen? o gönne ihm die Freiheit, das edelste Gut! oder zürnst Du, daß ich Dir ein anderes eingebracht? –«
»Wenn Dich nur nicht selbst ein loser Vogel etwa angeführt hätte –« antwortete Fabia mit furchtbarem Ernste, »woher weißt Du denn, daß jener Constanz Dein Bruder war? und diese Therese wirklich seine Frau?«
»Großer Gott!« rief ihr Schwager, »welch ein Gedanke! woher ich es weiß? dieselbe Stimme hat es mir versichert, die mir sagte, daß Dein seliger Mann mein Bruder sey, und mir Bürgschaft leistete für die Wahrheit seiner Aussage. Es giebt eine innerste Gewähr dafür, Fabia!«
»Nicht jeder Stimme muß man glauben –« erwiederte Fabia, indem sie sich entfärbte, und unwissend, daß sie eine classische Stelle recitire, »der Lügengeist kann alle nachahmen. – Und wäre denn solch ein Betrug etwa unerhört? könnte jener junge Mann nicht ein Abenteurer gewesen seyn, der seine sogenannte Frau gern los seyn wollen? – Wie manches Kind –« Fabia stockte, immer mehr verblassend – »wie manches Kind, wollte ich sagen – ist durch höllische Spiegelfechterei arglosen Menschen als eine lebenslängliche Last aufgebürdet worden? Denke nur an mich! wir werden die Dame sobald nicht wieder los werden, und jedes fremde Einschreiten sollte wohl bedacht seyn. –«
Herr Prälat sah seine Schwägerinn mit leiser Beängstigung an; es war, als ob ein dunkler Schatten von Furcht an ihm vorüberschwände. »Fabia!« entgegnete er um so heftiger, als er sich von ihrem Tone ergriffen fühlte, »welch ein Geist des Mißtrauens und übler Weissagung ist heute in Dich gefahren? Du wärest im Stande, mich zweifelhaft zu machen, Wer ich selber sey. – Dein Betragen war nicht schwesterlich, auch nicht gegen mich. Du bewirthetest die arme Therese, an deren Stelle mir der Appetit zu diesem Auffenthalt vergangen wäre, mit kurzen Redensarten, einer sauersüßen Sauce, wie man sie zu einem Kalbskopf giebt, für den Du mich hältst. – Was meinst Du denn, das ich hätte thun sollen? dem Bruder etwa meine Hand weigern, da er mir die seinige zum erstenmale entgegen reichte? seine Bitte abweisen, oder warten, bis er mir den Taufschein zeigen könne? – Fabia! Fabia! Gastfreundschaft ist eine Blume der Humanität, welche auch von Horden und Heiden gepflegt wird. Jüngst las ich – und es hat mich innigst gerührt – in den ungeheuern Flächen Nubiens sind kleine Zelte gesteckt, darunter die Einwohner des nächsten Ortes ein Gefäß mit Wasser füllen, daß die Reisenden nicht verschmachten dürfen im heißen Sande – und dieser Gebrauch wird heilig gehalten von jenen Negern. Sollte denn die goldne Kuppel des Klosters, was man ein Gotteshaus nannte, einem matten Blick der das Nächste nicht absieht, nur ein Blendwerk seyn, und weniger probehaltig, als das Dach von geflochtenem Bast, womit der Wind der Wüste spielt? – Du sprichst den Ruhm einer guten Christinn an – besinne Dich, wie oft die Apostel die geheiligte Pflicht einer gastfreien Aufnahme den Bekennern ihrer Lehre empfehlen. Herberget gerne! Seid gastfrei ohne Murren – doch Du kennst die Vorschriften der Bibel besser, als ich. So gleiche denn der Wittwe von Sarepta, deren gesegneter Oelkrug nie erschöpft wird. Sey gelinde, Fabia! doch gieße nicht Oel ins Feuer. Du schlägst mir die Hoffnung nieder, daß Therese eine Schwester an Dir finden würde – doch schlägst Du mich damit nur zu ihrem Ritter, und zwingst mich, sie gegen Dich zu vertheidigen.«
Diese letzteren Worte ihres Schwagers wirkten am schlagendsten auf die Zweiflerinn. Sie hoffte, der Bruder ihres Mannes, auf den Frau Fabia ein mütterlich-eifersüchtiges Auge hatte, werde sich in der Anfechtung behaupten – und der Friede ward zwischen ihnen geschlossen.– Dieser erste Abend gab den Ton an, der sich während der Anwesenheit Theresens im Stifte nie in Harmonie auflös'te. Unsere Leser finden ihn in der Dissonanz, womit die Geschichte dieses Buches anhebt. Seltsam war es jedoch, daß die Vorhersagung der Frau Fabia sich als richtig bewährte, es ist traurig – aber es ist in Wahrheit, daß der Erfolg das Mißtrauen öfterer rechtfertiget, als die Zuversicht. Constanz schrieb nach langer Zeit – es mußten Briefe verloren gegangen seyn – aus weiter Ferne. Er war dem Interesse des Gesandten verkettet, und konnte die Fessel nicht sprengen; doch vertröstete er sich und sie wie ein Liebender. So hatte zweimal schon die Laube der Posthalterei zu Leidthal geblüht, und Therese, die sich behaglich in Sanct Capella eingerichtet hatte, und deren Sinn in harmloser Lebensphilosophie der Gegenwart angehörte, dachte je länger, je leiser an jenen Tag des Abschieds. Nur in bösen Stunden wünschte ein banges Gedenken ihres Mannes ihn zurück, und ein Gefühl, daß sie hier nur gelitten sey, und deshalb leide – kam über sie. Therese hatte mehr ein Gemüth für die heitere Lust des Lebens, die jeden Augenblick genießt, als für der Liebe tiefe Sehnsucht. Das letztere Schreiben hatte eine nahe Rückkehr hoffen lassen, die nur noch von einigen Ausgleichungen abhänge. Seitdem aber bestätigte kein Weiteres diesen Abschluß und daß auf seine baldige Ankunft zu rechnen wäre. Dies Alles hatte, in eine präcise Mittheilung gedrängt, der Administrator, dem wir vielleicht die schweigende Kürze der Erzählung ablernen mögten – dem Major Feldmeister vertraut. Und dieser erwiederte jetzt: »ich sehe wohl, Freund! Sie konnten füglich nicht anders – Sie können weder dafür, noch etwas ändern, obzwar, ich behaupte es redlich, solch ein Zusammenleben nichts taugt. Verlangen soll es mich aber doch, ob der Herr Bruder kommen wird? ad vocem! kommen! es kommt noch Jemand, Freundchen! mit Ihrer Genehmigung, versteht sich. Diesen Morgen schon wollte ich es Ihnen sagen; aber die lieben Schwägerinnen hatten mich in Mitleidenschaft ganz confus gemacht, und das Bein hier hat mir das Gedächtniß abwärts gezogen.« –
Der Major fuhr mit der Hand sacht an dem gichtischem Knöchel nieder, streichelte den Faust und hob an: »es giebt eine Sympathie der Erfahrung. Gestern früh erhalte ich ein Billet vom Obrist Milch; ein Name für ein Wochenkind, und nicht für einen Soldaten, nicht wahr? dieser mein alter Freund sollte Feuer heißen, denn er hat den Teufel der Bravour im Leibe. Also: er thut mir schriftlich seinen Wunsch kund und zu wissen, mich in der Posthalterei in Leidthal zu sprechen, da die Zeit ihm nicht erlaube, den Umweg über Sanct Capella zu nehmen. Er kam mit seiner Frau von D–. und hatte den Reitknecht von der letzten Station aus zum Behuf der Eile voraus gesandt. Ich machte mich alsbald auf. Die Obristinn saß, weil es draußen so hübsch und drinnen dunstig heiß war, in derselben Laube, und, ich wollte wetten, nicht einen Zollbreit weiter auf der Bank, als Therese. Ihr Gesicht war hochroth von der Herbstluft, der Obrist aber fror ein wenig, und trank ein Glas Wein; die offne Flasche stand auf dem Tische. Wir waren die Alten. Der Obrist scherzte über die Glut seiner Frau, und sagte, sie hätte meinetwegen wie auf Kohlen gesessen. Du könntest von uns sagen, setzte er hinzu, wir sähen aus wie Milch und Blut – das giebt ein zartes Bouquet, Du darfst es nur binden. Und dabei umarmte er mich derb und herzlich. Er ist so dick geworden, daß man ihn wie ein Faß binden mögte – taugt nichts, solche Corpulenz. Unterdessen verduftet dies Bouquet hier – antwortete ich, und steckte den Stöpsel in die Flasche. Du bist recht hübsch geworden in der Carthause, spöttelte der Dicke, das wird deinem Neffen drollig vorkommen. Er empfiehlt sich, und will Winterquartier bei Dir machen. Ist der Junge toll? platzte ich heraus; doch es wird wohl nur Dein Spaß seyn. Die Obristin lachte wie Dame Kobold. Nein, nein! versicherte ihr Mann, es ist dem Lieutenant voller Ernst damit, und daß Du es nur weißt, er will einer hoffnungslosen Leidenschaft entfliehen. Der Obrist machte eine seriöse Miene. Ich gerieth in Harnisch und sprach: das wäre mir gemüthlich, daß ich ihm Zuflucht gäbe vor einer dummen Liebschaft, die nichts taugt. – Er hat sich um einer Dame willen geschossen – entgegnete mir Jener kleinlaut: gönne ihm daher die Hospitalität Deines Klosters, daß er in dieser Abgeschiedenheit Ruhe habe, und an Seel und Leib genese. – Mögte Einem nicht gleich der Schlag vor Aerger rühren! rief ich entrüstet, und der Schrecken war mir wirklich in alle Glieder geschlagen; ich hielt den Rudolph für vernünftig. Erzürne mir den Major nicht – sagte die Obristinn begütigend, und erzählte mir nun eine närrische Historie, die den Lieutnant forttreibt und Ursach seyn wird, daß er um Versetzung anhält. In seiner Garnison lebt eine alte adelige Dame von wunderlicher Art. Ihre Wohnung ist ein Antiquitäten-Cabinet, sie selbst geht schlumpig einher, und stets wie ein Kinderspott der Redoute. Man hält sie für reich, doch auch für geizig, denn außer der Fliege, der sie das Leben schenkt, kann sich kein lebendes Wesen einer Gabe von ihr rühmen. Ihr Anblick muß etwas Unheimliches haben. Wer sie sieht, weicht ihr aus –, die Fee Fanferlüsche, diesen Namen führt sie. Und doch ist dies verrufene Mütterchen ein alter Ueberall. Vor Kurzem ist zu Ehren einer städtischen Feier großer Ball, und alle Honoratioren sind geladen. Alles ist im höchsten Glanz, die Damen im allerschönsten Putz sitzen wie am Faden gereiht. Da tritt jene Alte in den erleuchteten Saal, wie eine gespenstische Mode des vorigen Jahrhunderts – sagte die Obristin. Es entsteht ein Aufsehen, die kleine Gnädige kommt ins Gedränge, wird abseits geschoben und verliert einen Schuh. Doch was für einen? Frau von Milch hatte die Güte mir das corpus delicti zu beschreiben. Ein Pantöffelchen von geblümten Silbermoor, mit einer Schleife vorn von gesponnenem Glase. Ist es nicht, sagen Sie Freund, als ob man in der blauen Bibliothek aller Nationen läse?« Der Administrator nickte lächelnd. »Ein allgemeines Gelächter!« fuhr Major Feldmeister fort, »die Offiziere zerren den Schuh hin und her – da schwankt die Alte, wird bleich wie Asche, als würde sie auf der Stelle zusammensinken. Mein Neffe – ein braver Junge ist der Rudolph doch! stürzt wie ein Satan herbei, spricht davon, wie wenig Ehre dabei sey, eine kindische Matrone bloßzustellen – reißt den Pantoffel von der Säbelspitze, womit ein Jäger-Offizier ihn aufgespießt hat, hebt die Alte in einen Sessel, und zieht ihr vor vielen hundert Augen ihren Schuh wieder an.« Der Major athmete tief.
»Dies ist ein hübscher Zug vom Lieutenant Feldmeister,« fiel hier der Freund seines Oheims ein, »der mir sehr gefällt. Es gehört meines Bedünkens ein größerer Muth dazu, diesen kleinen Pantoffel zu fangen, als einen feindlichen General; und es mag dem braven Artilleristen leichter geworden seyn, sich einer tüchtigen Salve auszusetzen, als dem Arsenal des Spottes. Das Gefühl, was einen jungen Mann seines Gepräges gegen die Schmach einer schutzlosen alten Frau bewehrt, ist wahrhaft gloriös.«
»Das meine ich auch –« sagte der Major, und seine Augen funkelten. »Mein Neffe,« fuhr er fort, »war der Held des Abends, tanzte aber keinen Schritt. Jener Offizier hatte sich für beleidigt gehalten, und den Rudolph auf Pistolen gefordert. Er ward in die Achsel verwundet, aber nicht schwer. Sein Gegner kam auch nicht ungehuscht davon. Man witzelte leise: des Lieutnants Dame hätte einen Schuß, und er nun auch einen; doch Niemand wagte mehr ein lautes Wort an ihn; denn wie verträglich der Junge auch ist, er hätte sich mit dem ganzen Offiziercorps gerauft. Die gnädige Alte rauft sich die eisgrauen Haare aus, als sie erfährt, der junge Mann hätte ihretwegen mit blauen Bohnen gespielt. Die Geschichte machte Furore. Wie nun der arme Rudolph des Abends allein liegt, meint er, das Wundfieber stelle sich ein, und glaubt ein Phantom zu sehen. Vor seinem Bette bewegt sich ein Quantli, die Kammerfrau der Dame Fanferlüsche, klein und krüppelhaft wie ein verdorrter Zwergbaum. Sie sagt: wie es der Gnädigen doch so jämmerlich leid thue, daß der Herr Lieutnant sich Unannehmlichkeiten zugezogen hätten. Sie bitte ihn durch den Mund ihrer Dienerinn, seines jungen Lebens zu schonen, und beifolgende Kleinigkeiten zur Linderung seiner Schmerzen von ihr anzunehmen. Dabei packt sie aus. Binden, fein wie Battist, Charpie, Eingemachtes in Tassen, vom Superlativ einer Porzellain-Fabrik, wie sie der Kaiser von China von seinem Ahnherrn geerbt haben mag, Tamarinden zum Beispiel, deren eingesottner Zucker versteinert war, und die, wie mir die Obristin sagte, eine wirksame Kraft haben sollen, das Fieber zu vertreiben. Zugleich schickt sich die uralte Zofe an, meinen Neffen zu pflegen und die Nacht über bei ihm zu bleiben, und thut wie zu Hause. Darüber wird nun der Rudolph beinahe grob. Er sagt, sein Bursche halte Wacht bei ihm und auf Ordnung: so bedürfe er Niemandes. Nichtsdestoweniger bleibt die Servante freundlich und höflich, und kommt von nun an alle Morgen, die Gott der Herr giebt, um sich nach dem Befinden meines Neffen zu erkundigen, und immer bringt sie etwas zugeschleppt, eine Nachtlampe sogar, einen kleinen Fußteppich vor das Bett, damit er nicht hart auftrete, und hundert Kleinigkeiten, auf die ein Garçon nichts giebt. Der Regiments-Chirurgus sieht es, lächelt und schweigt – und dieses Lächeln schneidet dem Patienten tiefer ein, als sein wundärztliches Messer. Einmal nur sagt Jener: Sie scheinen die Wunderlampe überkommen zu haben, die dem Aladin verloren ging – nehmen Sie nur Ihr Glück besser in Acht – lieber Feldmeister. Aber dem Rudolph ist der Gedanke unerträglich, daß auf der Kugel, auf die er sein Leben gesetzt, solch eine gräuliche Fortuna stände. – Und als nun die Geschäftsträgerinn kommt, und ihm, Namens ihrer Dame, ein schönes Logis im Hause derselben anbietet, auf daß die Gnädige ihm ihre Dankbarkeit nahe und anders noch beweisen könne – da schüttelt er sich, und dies überhäufte Vergelten eines kleinen Dienstes, den er am liebsten vergessen mögte, wird ihm über allen Ausdruck widrig. So trägt der arme Junge, dem es in seinen Verhältnissen so wohl gefiel, darauf an, daß er versetzt werde, und einstweilen will er hierher kommen. Was meinen Sie nun dazu?«
»Ich kann es dem Lieutnant Feldmeister nicht verdenken –« antwortete der Administrator, »und würde in seinem Falle vielleicht eben so denken und handeln. Diese Erfahrung liefert wieder einen Beweis, daß man Jemand durch die stärkste Nothhülfe nicht halb so sehr verpflichtet, als wenn man ihn einer kleinen Verlegenheit überhebt. Und dann auch, daß die Ritterlichkeit im Benehmen eines Mannes das Geheimniß jedes Sieges über eine Dame enthält, sie möge nun eine Methusala an Jahren, und so geizig und hartnäckig seyn, wie sie nur wolle. Solcher Courtoisie widersteht Keine. –«
»Der Rudolph würde,« sprach der Major, »dem Verdacht der Erbschleicherei, dem niedrigsten, der auf einem ehrenwerthen Menschen haften kann – auf keine Weise entgangen seyn. So ist es gut, daß er Reißaus nimmt. Diese Retirade lasse ich mir gefallen. Sie haben als Vorstand unseres Invaliden-Hauses also nichts dawider, daß der wackere Junge für einige Monate meine Wohnung theile? –«
»Es wird für ein apartes Zimmer gesorgt werden,« sagte Herr Prälat, »und daß ihr Neffe sich hier so gemächlich als möglich fühle. Ist doch Raum bei uns da – wie im Himmel; und sollten wir alle Diejenigen aufnehmen, welche ihrem Vortheile entfliehen, so würden wir noch Gelaß übrig behalten.«
Des Majors Gesicht verklärte sich. Er blickte in helle Abende und sprach: »Wir spielen das l'Hombre alsdann mit dem Moor – der Moorhausen scheint mir in Eine Ihrer Schwägerinnen verliebt, denn er quält mich beständig, ihm Entree bei den Damen zu verschaffen. Nun – mit Dem hat es keine Gefahr. Aber – Hm! wird auch der Rudolph Unheil anrichten im Stifte? Frau Therese ist ein entzündbarer Stoff, und die Kleine wahrhaftig hübsch genug.«
»Die bewacht Fabia –« versetzte der Administrator mit trüber Ruhe.
»Was das betrifft –« entgegnete der Major, »meine Frau sang ein altes Lied, was ich immer gern hörte; es hatte einen Refrain: denn wenn ich nicht selbst mein Herz bewache, o so hilft kein Argus und kein Drache. Mit allem Estime gegen die Frau Schwägerinn gesprochen. Josephine ist ein stilles Wässerchen –«
»Und tief!« fiel Herr Prälat ein, »aber im reinsten und höchsten Sinne. Sie gleicht einem jener lichtentfloßenen Ströme, die Swedenborg entzückten Geistes fließen sah.«
Der Major sah seinen Freund nachdenklich an und sprach: »auch wünsche ich von Herzen, daß dies Bächlein in das Bette eines Flußgottes geleitet werden möge, der es nie in Thränen fließen läßt, sie müßten denn vor Freude geweint seyn. –« Jener schwieg.
Einige Wochen waren seitdem den Bewohnern von Sanct Capella gleichförmig vergangen. Jetzt war der Christmonat da, und mit ihm jene winterheimliche Stille, selbst in der Natur, wie sie um das heilige Dunkel dieser Zeit webt, die häuslichen Verbindungen enger schlingt, und die kleinen Geheimnisse der Freude und Liebe an das große Geheimniß der Weltbeseligung knüpft. Die Frauen beschäftigten sich einsam, vergnügliche Ueberraschungen zu bereiten, sogar Schwester Veronica fertigte einige klosterkünstliche Gaben in verschlossener Zelle an, zu Weihnachtsgeschenken für ihre Freunde. Dessenungeachtet fehlte es an geselligem Verkehr nicht, und mancher lichterfreundliche Abend ward traulich plaudernd, hier oder da, hingebracht. Bei dem Gerichtshalter Gottschalk – einer liberalen Familie, welcher, wie unsere Leser sich erinnern wollen, zu Anfange dieser Erzählung erwähnt wird – und der nicht im Kloster, sondern in einem dazu gehörigen Gebäude wohnte, waren die Staabsoffiziere von Sanct Capella freundlich aufgenommen, und auch Fremde öfters da zu finden. Therese gefiel sich sehr dort. Ihr Schwager hingegen nahm selten Theil an diesen muntern Zusammenkünften, und Frau Fabia gar nicht. Der Administrator hatte es aus Neigung wie mit Absicht vermieden, um vornehmlich Fabiens strengen stillen Geist nicht zu beleidigen, sein Wohnzimmer zu einer militairischen Ressource zu machen. Major Feldmeister gehörte nicht in jene ausschließende Regel; doch dachte er zart genug, um nur bescheidenen Gebrauch von einem Gunstrecht zu machen, das ihm zu jeder Zeit und Stunde den Eintritt in den weiblichen Hauskreis seines Freundes gestattete. So geschah es auch nur ausnahmsweise, wenn Einer oder der Andere der Offiziere ihn dahin begleitete. Das l'Hombre, wovon der Major redete, ward zumeist auf seinem Zimmer gespielt, und Hauptmann Moorhausen, ein Mann von lebhafter Phantasie und kühner Darstellungsgabe, war der Dritte von dieser Parthie. Deshalb stand der Letztere zu dem Stiftsverweser in etwas näherer Beziehung als die Uebrigen. Auch fühlte Herr Prälat, oft abgespannt und ermüdet von Geschäften, es als eine gesunde Wohlthat, daß sein Zwergfell erschüttert werde. Man hatte jeden Gedanken an eine kleine gesellschaftliche Ueberraschung zu dem Geburtstage des Administrators fallen lassen. Von jenem Streit an, der die Schwägerinnen entzweite, schien die Stimmung der beiden Frauen ausgewechselt zu seyn. Fabia gab sich alles Ernstes Mühe, Theresen den kleinen Vorfall vergessen zu machen, und sich ihr freundlich zu erweisen; so wie Therese ihrerseits sich hütete, Fabien zu nahe zu treten. Wenn nun jedes Wohlwollen heiterer macht und auch liebenswürdiger, so gewann Frau Fabia am meisten bei diesem Bestreben, auch in den Augen ihres Schwagers, da hingegen Therese durch leisen Bedacht eines ihres natürlichsten Reizes beraubt ward, jener Hingebung an die Freude, an das Vertrauen, daß alle Menschen von ihrer guten Gesinnung überzeugt seyn müßten, weshalb sie sich denn auch ganz unbefangen gehen ließ. Jetzt war sie in sich gekehrt, eine sehnende Stille hatte dies regsame Wesen beschwichtiget. Sie sprach davon, wie ihr eine innere Stimme sage: Constanz werde nun nächstens kommen, und nur den Wunsch damit aus, daß es geschehe. So oft ein Wagen vor das Kloster rollte, fuhr Therese mit der Hand nach dem Herzen, weil es hochauf klopfte – und dem Munde des Majors entfuhr gleichzeitig ein gelinder Fluch, wo der Rudolph nur bleiben möge? denn Zögern und Zaudern, meinte sein Oheim –, dies tauge nichts. –
Schwester Veronica beschenkte den Administrator zu seinem Wiegenfeste mit einer Rose, die sie mit unsäglicher Sorgfalt für ihn gezogen hatte. Als er sich in das Anschauen der Blume versenkte, wehete ihn ein Hauch aller Frühlinge an, die er gelebt, ein Auferstehungs-Athem gestorbener Freuden – und er äußerte, wie es doch nur möglich gewesen, dem starren Winter dies weiche zarte Leben zu entlocken? –
Schwester Veronica lächelte und sprach: »der Liebe und Freundschaft ist alles möglich; und ein warmes Herz ist ein gutes Treibhaus für die Blumen jeder Zeit. Diese Rose ist gekommen, wie ich es wünschte, auch das Knöspchen daran war mir lieb. – Heute, gerade heute, hatte sie ihren Kelch erschlossen, es rührte mich, da ich es sah – wie man die Brust öffnet einem frohen Tage: trinken Sie den göttlichen Odem der Freude daraus!«
Der Administrator drückte gerührt die Hand der alten Nonne und dankte ihr; ein stilles Bedauern ging durch seine Seele, daß diese treue Hand nur Rosenkränze von schwarzen Perlen umschlungen hätten.
Schwester Veronica hatte auf dringendes Bitten versprechen müssen, den Abend bei ihren Freunden zuzubringen. Auch Major Feldmeister und Hauptmann Moorhausen waren eingeladen. Josephine deckte den großen runden Tisch; der Wirth desselben brauete eine Bowle. Therese kleidete sich an, die Männer zu berauschen, Fabia schaltete in der Küche. Er sah das Mädchen geräuschlos hin und her weben; alle Bewegungen Josephinens waren leise und harmonisch wie ihr Sprachton, so daß, als sie aus einem Körbchen Gläser und Teller nahm, und achtsam niedersetzte, nur ein sanftes Klingen, doch kein Klirren, das, was sie that, verrieth. Herr Prälat verlangte die Citronenpresse, Josephine reichte sie ihm. Er forderte darauf ein Messer, und nahm es aus ihrer Hand. Er sah mit heißem Blick in die schönen Augen des lieben Kindes, der Gedanke an den reinen Himmel, der darin schimmerte, war diesem Blicke nicht fern. Und er sprach: »weißt Du wohl, was Abraham a Sancta Clara sagt? Ein Mädchen soll seyn wie eine Citrone, und auch nicht wie eine Citrone, es soll einen Stern im Herzen tragen, und doch Niemandem das Leben sauer machen. Das thust Du nicht, mein süßes Kind! Du bist biegsam – voll Kern – ein Zuckerrohr –« der Administrator warf im Verhältniß zu diesem Lobe ein blitzendes Randstück feinster Raffinade in die starke Mischung. Josephine lächelte, als hätte sie den Geist derselben oben weg geschöpft getrunken. Sie antwortete: »ach Onkel! dieses Urtheil giebt nur die Güte ab. Die Mutter klagt doch manchmal über mich! und tadelt mein träumerisches Wesen; so sagt sie oft, ich ginge so zerstreut umher, als wisse ich vom hellen Tage nichts, und könne nicht bis auf Drei zählen.«
Herr Prälat hatte, während Josephine diese Worte sprach, einen Löffel vom Eßtisch gelangt, ein schwarzes Pünktchen, was in der goldenen Fläche schwamm, damit zu fischen. Sein Auge umzirkelte im Nu die gastliche Tafelrunde, und er antwortete im Tone schmeichelhafter Mißbilligung: »da thut sie Dir nicht Unrecht, meine Kleine. Du hast acht Couverts gelegt. Wie viel sind Unserer? auf Sieben wenigstens kannst Du nicht zählen. Doch das ist auch eine böse Zahl, – dieser Irrthum, diese Achte geht in der Achtung Deiner lieben Seele für das Gute auf.«
Josephine erröthete und nahm das Gedeck hinweg. Sie erwiederte: »es wird ein Gast kommen, auf den wir nicht gerechnet haben. So oft ich einen Stuhl zu viel setzte, geschah es.«
»Nun, so möge es denn Constanz seyn –« sagte sein Bruder, »denn es will mich bedünken, als sehne Therese sich nun fort.«
Eben trat sie ein. Auch die Andern kamen. Man aß, trank, und war vergnügt. Auf einmal stieß Therese einen hellen Schrei aus, und fuhr mit der Hand nach dem Munde. Alle schrieen erschrocken auf, so daß auch Faust mit Geheul empor sprang. Sie hatte sich an einem Rebhühnerbeinchen die Spitze eines Seitenzahns ausgebissen, und zeigte mit weinender Wehklage den kaum sichtbaren Makel und das abgesprengte Stückchen Emaille. Man tröstete und spöttelte wirr durch einander; aber Therese lamentirte dessenungeachtet, als wäre ihr eine unersetzliche Perle aus der Krone des Lebens gebrochen. »Man bemerkt es gar nicht, ich schwöre es Dir!« betheuerte ihr Schwager, als Therese gestand, ihr zitterten alle Glieder. »Es ist ein hübsches Zähnchen und mehr nicht,« sagte der Major, »lassen Sie es geknikst seyn. Wie wollten Sie thun, wenn Ihnen das Herz bricht? – Um das Bischen Glasur so zu verzweifeln! das Zerbrechliche allzusehr lieben –, taugt nichts.«
Und die Nonne versicherte in einer Theilnahme, welche allein in der Stimme des Trostes sprach, Therese wäre ja noch schön genug.
»Beruhigen Sie Sich, meine Gnädigste,« sagte Hauptmann Moorhausen, »ich wünsche, ich könnte Ihnen Ersatz geben, auf Ehre! und mithin ein wenig von meiner Constitution. Das Naturell meiner Landsleute ist so vegetativ, daß es gar nichts Seltenes ist, wenn gesunde Personen drei bis viermal Zähne bekommen. Wie Sie mich hier sehen, sind das meine fünften.«
Er fletschte das Gebiß, dies gab seiner Physiognomie einen so affenartigen Ausdruck, daß die Damen anstatt zu bewundern, sich davor entsetzten. Theresens Thränen standen still. Der Major rief: »Sechser, Moorhausen, Sechser!« Der Hauptmann stutzte einen Augenblick, ließ sich aber, einmal im Zuge, nicht stören und sprach: »ich bin überhaupt mit einer gewissen Unzerstörbarkeit geboren. Als die Schlacht bei *** vorüber war –« »nun sind wir geschlagen –« murmelte der Major seinem Nachbar zu, »er rückt ins Feld –« »wir hatten den ganzen Tag hindurch gemetzelt –« die Nonne faltete die frommen Hände, und über Josephinens Gesicht lief ein banger Schatten, das gute Kind vergaß, daß jene erschlagenen Feinde auch nur Schatten wären –, »fühlte ich mich der Ruhe bedürftig. Man wird vom Todtmachen zuletzt mit todt;« redete der Hauptmann weiter. »Ein Stündchen nur hätte ich schlafen mögen; ich streckte mich auf einen ländlichen Kirchhof hin, und dachte, ich hätte brav gethan, und könnte mir nunmehr auch eine Güte thun. Das Schießen dauerte fort – ich hörte es dumpf im Traume. Als ich am folgenden Morgen erwachte, meinte ich, der jüngste Tag wäre gekommen. Zerstreute Glieder lagen um mich her, hier war eine Granate zerplatzt, dorthin eine Bombe geflogen: in meiner offnen Hand hatte sich eine kleine Kugel gefangen, und nur einen rothen Fleck nachgelassen.«
»Das war doch Münze, Alterchen?« rief der Major.
»Wie meinst Du das, Herr Bruder?« fragte der Hauptmann verblüfft, »glaubst Du vielleicht, ich flunkere? auf meine Ehre! die Kugel war noch lau!«
»Jeder Achill hat seine Ferse –« fiel hier der Administrator ein, dem diese Versicherung zu warm war, und der da wußte, daß der Major auch hitzig werden konnte, »der Ihrigen, Herr Hauptmann, verdanken wir das Glück, Sie zu besitzen.«
Der martialische Moorhausen, seiner unempfindlichen Natur getreu, beachtete den empfangenen Stich nicht. Durch einen geschickten Wurf schleuderte der Major den tapfern Hauptmann vom Champ de Bataille auf den Boden seiner Heimath, dessen ungemeine Ergiebigkeit ein Lieblingsthema seiner Rede war. Er sprach: »die Seeluft Eurer Provinz stärkt die Natur dort so riesenhaft – ist's nicht so, Moorhausen? was Du mir davon erzählt, ist wirklich zum Erstaunen.«
Der Hauptmann lächelte wie ein schaffender Gott. »Ueberall hervorbringende und ergänzende Kraft –« sagte er, unendlich glücklich. »Nach einem fruchtbaren Gewitterregen war in einer Nacht auf meinem Gute das Getreide um ein und eine halbe Elle gewachsen – auf Ehre!«
»Das wissen sich die ältesten Leute keiner Zone zu erinnern –« sprach der Administrator mit duldsamer Ironie, und der Major konnte sich nicht enthalten, zu bemerken: »wenn das in der Progression so fortgegangen wäre, so hätten die Engel im Himmel die Früchte Deines Feldes einsammeln können, während die Bauern das Korn an der Wurzel schneiden dürfen.« Alle lachten.
Dieser beispiellos gesegnete Gutsherr fühlte, ungekränkt, auf welche Weise er zu einem erheiternden Mittel für die Gesellschaft würde. Angeregt durch ihren Beifall fuhr er fort: »ein andermal hätte der Schaden eben so groß seyn können. Bei einem ungeheuern Sturme entstand ein gläsernes Krachen in der Luft – als wenn die Giganten Zank bekommen hätten, und sich Gletscher an den Kopf würfen. Es hatte geschloßt – die Felder lagen voll Eisklumpen, wovon der kleinste im Unfang dieser crystallnen Butterglocke war. Ich ließ das Eis auf Wagen an das Seeufer schaffen. Alles, was Hände hatte, mußte dran; es war eine Lustparthie, wie in den Gefilden von Nova-Zembla. Ein armer Mensch erfror sich die rechte Hand dabei, sie mußte abgenommen werden, und er erhält noch jetzt eine kleine Pension von mir. Und grade in diesem Jahre war es, wo mein Weizen schöner blühete als je! – Ich stand mit Resignation an jener Eiswüste, und dachte es nicht. Die Sonne schien wie in einen zersprungenen Weltspiegel, ich trug eine Augenentzündung davon.«
Die Damen schlugen die Augen nieder, der Major blinzelte, als sähe er selbst in Sonne und Eis – es herrschte eine große Stille, als wäre ein Engel durch das Zimmer geflogen, der Engel der Wahrheit aber war es nicht. – Hauptmann Moorhausen empfand dies Schweigen. Er wollte einen mildernden Schatten auf jene glänzende Weizenbreite fallen lassen, und sagte nach einer kleinen Pause: »es däuchte mir selbst ein Wunder. Von Mißwachs wissen wir in meiner Provinz gar nichts; doch eben so unbekannt – und das wird Ihnen nicht weniger unglaublich vorkommen – ist dort die Christfeier und das Osterfest. An eine Bescheerung denkt Niemand; weder vom heiligen Abend, noch vom heiligen Grabe, nimmt eine Seele Notiz. So erinnere ich mich, am Charfreitage auf einem brillanten Ball en masque gewesen zu seyn.«