NEUNTER THEIL BUCH DER KÖNIGE (continued 2)
Karl Eugen Neumann translation
»Freilich, o Herr!«
»Und warum das?«
{442} »Jenes Holzscheit, o Herr, ist ja trocken und ausgedörrt und liegt fern vom Wasser am Lande.«
»Ebenso nun auch, Königsohn, steht es mit jenen Asketen oder Priestern, die des Körpers, die auch der Wünsche entwöhnt sind, die was bei ihren Wünschen Wunscheswille, Wunschesleim, Wunschestaumel, Wunschesdurst, Wunschesfieber ist, die das innerlich ausgetrieben, ausgeglüht haben: wenn da jene lieben Asketen und Priester herantretende schmerzliche, brennende, bittere Gefühle erfahren, so sind sie fähig zum Wissen, zur Klarsicht, zur unvergleichlichen Erwachung; und auch wenn jene lieben Asketen und Priester keine herantretenden schmerzlichen, brennenden, bitteren Gefühle erfahren, so sind sie auch dann fähig zum Wissen, zur Klarsicht, zur unvergleichlichen Erwachung. Dieses Gleichniss nun, Königsohn, war das dritte mir aufleuchtende, das naturgemäße, nie zuvor gehörte.
»Diese drei Gleichnisse, Königsohn, sind mir aufgeleuchtet, naturgemäße, nie zuvor gehörte.
»Da kam mir, Königsohn, der Gedanke: ›Wie, wenn ich nun mit aufeinandergepressten Zähnen und an den Gaumen gehefteter Zunge durch den Willen das Gemüth niederzwänge, niederdrückte, niederquälte?‹ Und ich zwang nun, Königsohn, mit aufeinandergepressten Zähnen und an den Gaumen gehefteter Zunge durch den Willen das Gemüth nieder, drückte es nieder, quälte es nieder. Und indem ich also, Königsohn, mit aufeinandergepressten Zähnen und an den Gaumen gehefteter Zunge durch den Willen das Gemüth niederzwang, niederdrückte, niederquälte, {443} rieselte mir der Schweiß aus den Achselhöhlen. Gleichwie etwa, Königsohn, wenn ein starker Mann einen schwächeren, beim Kopf oder bei der Schulter ergreifend, niederzwingt, niederdrückt, niederquält, ebenso rieselte mir da, Königsohn, indem ich also mit aufeinandergepressten Zähnen und an den Gaumen gehefteter Zunge durch den Willen das Gemüth niederzwang, niederdrückte, niederquälte, der Schweiß aus den Achselhöhlen. Gestählt war zwar, Königsohn, meine Kraft, unbeugsam, gewärtig die Einsicht, unverrückbar, aber regsam war da mein Körper, nicht ruhig geworden durch diese so schmerzliche Askese, die mich antrieb.
»Da kam mir, Königsohn, der Gedanke: ›Wie, wenn ich mich nun in athemlose Selbstverlierung verlöre?‹ Und ich hielt nun, Königsohn, die Ein- und Ausathmungen von Mund und Nase an. Und indem ich also, Königsohn, die Ein- und Ausathmungen von Mund und Nase anhielt, wurde mir das überlaute Geräusch der Blutströmungen im Ohre vernehmbar. Gleichwie etwa, Königsohn, der geblähte Blasebalg einer Schmiede überlautes Geräusch erzeugt, ebenso wurde mir da, Königsohn, indem ich also die Ein- und Ausathmungen von Mund und Nase anhielt, das überlaute Geräusch der Blutströmungen im Ohre vernehmbar. Gestählt war zwar, Königsohn, meine Kraft, unbeugsam, gewärtig die Einsicht, unverrückbar, aber regsam war da mein Körper, nicht ruhig geworden durch diese so schmerzliche Askese, die mich antrieb.
{444} »Da kam mir, Königsohn, der Gedanke: ›Wie, wenn ich mich nun noch weiter in athemlose Selbstverlierung verlöre?‹ Und ich hielt nun, Königsohn, die Ein- und Ausathmungen von Mund, Nase und Ohr an. Und indem ich also, Königsohn, die Ein- und Ausathmungen von Mund, Nase und Ohr anhielt, schlugen mir überheftige Strömungen auf die Schädeldecke auf. Gleichwie etwa, Königsohn, wenn ein starker Mann mit scharfer Dolchspitze die Schädeldecke zerhämmerte, ebenso schlugen mir da, Königsohn, indem ich also die Ein- und Ausathmungen von Mund, Nase und Ohr anhielt, überheftige Strömungen auf die Schädeldecke auf. Gestählt war zwar, Königsohn, meine Kraft, unbeugsam, gewärtig die Einsicht, unverrückbar, aber regsam war da mein Körper, nicht ruhig geworden durch diese so schmerzliche Askese, die mich antrieb.
»Da kam mir, Königsohn, der Gedanke: ›Wie, wenn ich mich nun noch weiter in athemlose Selbstverlierung verlöre?‹ Und ich hielt nun, Königsohn, die Ein- und Ausathmungen von Mund, Nase und Ohr an. Und indem ich also, Königsohn, die Ein- und Ausathmungen von Mund, Nase und Ohr anhielt, hatte ich im Kopfe betäubende Kopfgefühle. Gleichwie etwa, Königsohn, wenn ein starker Mann feste Riemenstränge auf dem Kopfe peitschend tanzen ließe, ebenso hatte ich da, Königsohn, indem ich also die Ein- und Ausathmungen von Mund, Nase und Ohr anhielt, {445} im Kopfe betäubende Kopfgefühle. Gestählt war zwar, Königsohn, meine Kraft, unbeugsam, gewärtig die Einsicht, unverrückbar, aber regsam war da mein Körper, nicht ruhig geworden durch diese so schmerzliche Askese, die mich antrieb.
»Da kam mir, Königsohn, der Gedanke: ›Wie, wenn ich mich nun noch weiter in athemlose Selbstverlierung verlöre?‹ Und ich hielt nun, Königsohn, die Ein- und Ausathmungen von Mund, Nase und Ohr an. Und indem ich also, Königsohn, die Ein- und Ausathmungen von Mund, Nase und Ohr anhielt, schnitten mir überheftige Strömungen durch den Bauch. Gleichwie etwa, Königsohn, wenn ein geschickter Schlächter oder Schlächtergeselle mit scharfem Schlachtmesser den Bauch durchschlitzte, ebenso schnitten mir da, Königsohn, indem ich also die Ein- und Ausathmungen von Mund, Nase und Ohr anhielt, überheftige Strömungen durch den Bauch. Gestählt war zwar, Königsohn, meine Kraft, unbeugsam, gewärtig die Einsicht, unverrückbar, aber regsam war da mein Körper, nicht ruhig geworden durch diese so schmerzliche Askese, die mich antrieb.
»Da kam mir, Königsohn, der Gedanke: ›Wie, wenn ich mich nun noch weiter in athemlose Selbstverlierung verlöre?‹ Und ich hielt nun, Königsohn, die Ein- und Ausathmungen von Mund, Nase und Ohr an. Und indem ich also, Königsohn, die Ein- und Ausathmungen von Mund, Nase und Ohr anhielt, hatte ich im Körper überheftig glühende Quaal. Gleichwie etwa, Königsohn, {446} wenn zwei starke Männer einen schwächeren Mann an beiden Armen ergriffen und in eine Grube voll glühender Kohlen hineinquälten, hineinrollten, ebenso hatte ich da, Königsohn, indem ich also die Ein- und Ausathmungen von Mund, Nase und Ohr anhielt, im Körper überheftig glühende Quaal. Gestählt war zwar, Königsohn, meine Kraft, unbeugsam, gewärtig die Einsicht, unverrückbar, aber regsam war da mein Körper, nicht ruhig geworden durch diese so schmerzliche Askese, die mich antrieb.
»Da sahn mich nun, Königsohn, Gottheiten und sagten: Gestorben ist der Asket Gotamo.‹ Andere Gottheiten sagten: ›Nicht gestorben ist der Asket Gotamo, aber er stirbt.‹ Und andere Gottheiten sagten: ›Nicht gestorben ist der Asket Gotamo und nicht stirbt er, heilig ist der Asket Gotamo, ein Zustand ist es nur des Heiligen, von solcher Art.‹
»Da kam mir, Königsohn, der Gedanke: ›Wie, wenn ich mich nun gänzlich der Nahrung enthielte?‹ Da traten, Königsohn, Gottheiten zu mir heran und sprachen: ›Wolle nicht, Würdiger, dich gänzlich der Nahrung enthalten! Wenn du dich, Würdiger, gänzlich der Nahrung enthalten willst, so werden wir dir himmlischen Thau durch die Poren einflößen: dadurch wirst du am Leben bleiben.‹[171] Da kam mir, Königsohn, der Gedanke: ›Wenn ich nun auch gänzliches Fasten hielte, diese Gottheiten mir aber himmlischen Thau durch die Poren einflößten und ich also gefristet würde, so wär’ es bloßer Schein.‹ {447} Und ich wies, Königsohn, die Gottheiten zurück und sagte: ›Schon gut!‹
»Da kam mir, Königsohn, der Gedanke: ›Wie, wenn ich nun wenig, wenig Nahrung zu mir nähme, eine hohle Hand voll und noch eine, als wie Bohnenbrühe oder Erbsenbrühe oder Linsenbrühe?‹ Und ich nahm, Königsohn, wenig, wenig Nahrung zu mir, eine hohle Hand voll und noch eine, als wie Bohnenbrühe oder Erbsenbrühe oder Linsenbrühe. Und indem ich also, Königsohn, wenig, wenig Nahrung zu mir nahm, eine hohle Hand voll und noch eine, als wie Bohnenbrühe oder Erbsenbrühe oder Linsenbrühe, wurde mein Körper außerordentlich mager. Wie dürres, welkes Rohr wurden da meine Arme und Beine durch diese äußerst geringe Nahrungaufnahme, wie ein Kameelhuf wurde da mein Gesäß durch diese äußerst geringe Nahrungaufnahme, wie eine Kugelkette wurde da mein Rückgrat mit den hervor- und zurücktretenden Wirbeln durch diese äußerst geringe Nahrungaufnahme[172], wie sich die Dachsparren eines alten Hauses queerkantig abheben, hoben sich da meine Rippen queerkantig ab durch diese äußerst geringe Nahrungaufnahme, wie in einem tiefen Brunnen die unten liegenden Wasserspiegel verschwindend klein erscheinen, so erschienen da in meinen Augenhöhlen die tiefliegenden Augensterne verschwindend klein durch diese äußerst geringe Nahrungaufnahme, wie ein Bitterkürbiss, {448} frisch angeschnitten, in heißer Sonne hohl und schrumpf wird, so wurde da meine Kopfhaut hohl und schrumpf durch diese äußerst geringe Nahrungaufnahme. Und indem ich, Königsohn, die Bauchdecke befühlen wollte traf ich auf das Rückgrat, und indem ich das Rückgrat befühlen wollte traf ich wieder auf die Bauchdecke. So nahe war mir, Königsohn, die Bauchdecke ans Rückgrat gekommen durch diese äußerst geringe Nahrungaufnahme. Und ich wollte, Königsohn, Koth und Harn entleeren, da fiel ich vornüber hin durch diese äußerst geringe Nahrungaufnahme. Um nun diesen Körper da zu stärken, Königsohn, rieb ich mit der Hand die Glieder. Und indem ich also, Königsohn, mit der Hand die Glieder rieb, fielen die wurzelfaulen Körperhaare aus durch die äußerst geringe Nahrungaufnahme.
»Da sahn mich nun, Königsohn, Menschen und sagten: ›Blau ist der Asket Gotamo!‹ Andere Menschen sagten: ›Nicht blau ist der Asket Gotamo, braun ist der Asket Gotamo!‹ Und andere Menschen sagten: ›Nicht blau ist der Asket Gotamo und nicht braun ist der Asket Gotamo, gelbhäutig ist der Asket Gotamo!‹ So sehr war nun, Königsohn, meine helle, reine Hautfarbe angegriffen worden durch diese äußerst geringe Nahrungaufnahme.
»Da kam mir, Königsohn, der Gedanke: ›Was für Asketen oder Priester auch je in der Vergangenheit herangetretene schmerzliche, brennende, bittere Gefühle erfahren haben: das ist das höchste, weiter geht es nicht. Was für Asketen oder Priester auch je in der Zukunft herantretende schmerzliche, brennende, bittere Gefühle erfahren werden: das ist das höchste, weiter geht es nicht. {449} Was für Asketen oder Priester auch jetzt in der Gegenwart herantretende schmerzliche, brennende, bittere Gefühle erfahren: das ist das höchste, weiter geht es nicht. Und doch erreiche ich durch diese bittere Schmerzensaskese kein überirdisches, reiches Heilthum der Wissensklarheit! Es giebt wohl einen anderen Weg zur Erwachung.‹
»Da kam mir, Königsohn, der Gedanke: ›Ich erinnere mich, einst, während der Feldarbeiten bei meinem Vater Sakko, im kühlen Schatten eines Rosenapfelbaumes sitzend, den Wünschen erstorben, dem Unheil entronnen, in sinnend gedenkender ruhegeborener säliger Heiterkeit die Weihe der ersten Schauung errungen zu haben: das mag wohl der Weg sein zur Erwachung.‹
»Da kam mir, Königsohn, das einsichtgemäße Bewusstsein: ›Das ist der Weg zur Erwachung.‹
»Da kam mir, Königsohn, der Gedanke: ›Wie, sollt’ ich etwa jenes Glück fürchten, jenes Glück jenseit der Wünsche, jenseit des Schlechten?‹
»Da kam mir, Königsohn, der Gedanke: ›Nein, ich fürchte jenes Glück nicht, jenes Glück jenseit der Wünsche, jenseit des Schlechten.‹
»Da kam mir, Königsohn, der Gedanke: ›Nicht leicht kann wohl jenes Glück erreicht werden mit so außerordentlich entkräftetem Körper; wie, wenn ich nun feste Nahrung zu mir nähme, gekochten Reisbrei?‹ Und ich nahm, Königsohn, feste Nahrung zu mir, gekochten Reisbrei.
{450} »Zu jener Zeit aber, Königsohn, lebten fünf verbündete Mönche um mich herum: ›Wenn uns der Asket Gotamo die Wahrheit erkämpft haben wird, wird er sie uns mittheilen!‹ Als ich nun, Königsohn, feste Nahrung zu mir nahm, gekochten Reisbrei, da wandten sich jene fünf verbündeten Mönche von mir ab und gingen fort: ›Ueppig wird der Asket Gotamo, der Askese untreu, geneigt der Ueppigkeit.‹
»Und ich nahm nun, Königsohn, feste Nahrung zu mir, gewann Kraft und erwirkte, gar fern von Begierden, fern von unheilsamen Dingen, in sinnend gedenkender ruhegeborener säliger Heiterkeit die Weihe der ersten Schauung.
»Nach Vollendung des Sinnens und Gedenkens, Königsohn, erwirkte ich die innere Meeresstille, die Einheit des Gemüthes, die von sinnen, von gedenken freie, in der Einigung geborene sälige Heiterkeit, die Weihe der zweiten Schauung.
»In heiterer Ruhe, Königsohn, weilte ich gleichmüthig, einsichtig, klar bewusst, ein Glück empfand ich im Körper, von dem die Heiligen sagen: ›Der gleichmüthig Einsichtige lebt beglückt‹; so erwirkte ich die Weihe der dritten Schauung.
»Nach Verwerfung der Freuden und Leiden, Königsohn, nach Vernichtung des einstigen Frohsinns und Trübsinns erwirkte ich die Weihe der leidlosen, freudlosen, gleichmüthig einsichtigen vollkommenen Reine, die vierte Schauung.
»Solchen Gemüthes, innig, geläutert, gesäubert, gediegen, schlackengeklärt, geschmeidig, biegsam, fest, unversehrbar, richtete ich das Gemüth auf die erinnernde Erkenntniss früherer Daseinsformen. Ich erinnerte mich an manche verschiedene frühere Daseinsform, als wie an ein Leben, dann an zwei Leben, dann an drei Leben, dann an vier Leben, dann an fünf Leben, dann an zehn Leben, dann an zwanzig Leben, dann an dreißig Leben, dann an vierzig Leben, dann an fünfzig Leben, dann an hundert Leben, dann an tausend Leben, dann an hunderttausend Leben, dann an die Zeiten während mancher Weltenentstehungen, dann an die Zeiten während mancher Weltenvergehungen, dann an die Zeiten während mancher Weltenentstehungen-Weltenvergehungen. ›Dort war ich, jenen Namen hatte ich, jener Familie gehörte ich an, das war mein Stand, das mein Beruf, solches Wohl und Wehe habe ich erfahren, so war mein Lebensende; dort verschieden trat ich anderswo wieder ins Dasein: da war ich nun, diesen Namen hatte ich, dieser Familie gehört ich an, dies war mein Stand, dies mein Beruf, solches Wohl und Wehe habe ich erfahren, so war mein Lebensende; da verschieden trat ich hier wieder ins Dasein.‹ So erinnerte ich mich mancher verschiedenen früheren Daseinsform, mit je den eigenthümlichen Merkmalen, mit je den eigenartigen Beziehungen. Dieses Wissen, Königsohn, hatte ich nun in den ersten Stunden der Nacht als erstes errungen, das Nichtwissen zertheilt, das Wissen gewonnen, das Dunkel zertheilt, das Licht gewonnen, wie ich da ernsten Sinnes, eifrig, unermüdlich verweilte.
»Solchen Gemüthes, innig, geläutert, gesäubert, gediegen, schlackengeklärt, geschmeidig, biegsam, fest, unversehrbar, richtete ich das Gemüth auf die Erkenntniss des Verschwindens-Erscheinens der Wesen. {451} Mit dem himmlischen Auge, dem geläuterten, über menschliche Gränzen hinausreichenden, sah ich die Wesen dahinschwinden und wiedererscheinen, gemeine und edle, schöne und unschöne, glückliche und unglückliche, ich erkannte wie die Wesen je nach den Thaten wiederkehren. ›Diese lieben Wesen sind freilich in Thaten dem Schlechten zugethan, in Worten dem Schlechten zugethan, in Gedanken dem Schlechten zugethan, tadeln Heiliges, achten Verkehrtes, thun Verkehrtes; bei der Auflösung des Leibes, nach dem Tode, gelangen sie auf den Abweg, auf schlechte Fährte, zur Tiefe hinab, in untere Welt. Jene lieben Wesen sind aber in Thaten dem Guten zugethan, in Worten dem Guten zugethan, in Gedanken dem Guten zugethan, tadeln nicht Heiliges, achten Rechtes, thun Rechtes; bei der Auflösung des Leibes, nach dem Tode, gelangen sie auf gute Fährte, in sälige Welt.‹ So sah ich mit dem himmlischen Auge, dem geläuterten, über menschliche Gränzen hinausreichenden, die Wesen dahinschwinden und wiedererscheinen, gemeine und edle, schöne und unschöne, glückliche und unglückliche, ich erkannte wie die Wesen je nach den Thaten wiederkehren. Dieses Wissen, Königsohn, hatte ich nun in den mittleren Stunden der Nacht als zweites errungen, das Nichtwissen zertheilt, das Wissen gewonnen, das Dunkel zertheilt, das Licht gewonnen, wie ich da ernsten Sinnes, eifrig, unermüdlich verweilte.
»Solchen Gemüthes, innig, geläutert, gesäubert, gediegen, schlackengeklärt, geschmeidig, biegsam, fest, unversehrbar, richtete ich das Gemüth auf die Erkenntniss der Wahnversiegung. ›Das ist das Leiden‹ verstand ich der Wahrheit gemäß. ›Das ist die Leidensentwicklung‹ verstand ich der Wahrheit gemäß. ›Das ist die Leidensauflösung‹ verstand ich der Wahrheit gemäß. ›Das ist der zur Leidensauflösung führende Pfad‹ verstand ich der Wahrheit gemäß. ›Das ist der Wahn‹ verstand ich der Wahrheit gemäß. ›Das ist die Wahnentwicklung‹ verstand ich der Wahrheit gemäß. ›Das ist die Wahnauflösung‹ verstand ich der Wahrheit gemäß. ›Das ist der zur Wahnauflösung führende Pfad‹ verstand ich der Wahrheit gemäß. Also erkennend, also sehend ward da mein Gemüth erlöst vom Wunscheswahn, erlöst vom Daseinswahn, erlöst vom Nichtwissenswahn. ›Im Erlösten ist die Erlösung‹, diese Erkenntniss ging auf. ›Versiegt ist die Geburt, vollendet das Asketenthum, gewirkt das Werk, nicht mehr ist diese Welt‹, verstand ich da. Dieses Wissen, Königsohn, hatte ich nun in den letzten Stunden der Nacht als drittes errungen, das Nichtwissen zertheilt, das Wissen gewonnen, das Dunkel zertheilt, das Licht gewonnen, wie ich da ernsten Sinnes, eifrig, unermüdlich verweilte.
{452} »Da kam mir, Königsohn, der Gedanke: ›Entdeckt hab’ ich diese tiefe Satzung, die schwer zu gewahren, schwer zu erkunden ist, die stille, erlesene, unbekrittelbare, feine, Weisen erfindliche.[173] Vergnügen aber sucht ja dieses Geschlecht, Vergnügen liebt es, Vergnügen schätzt es. Dem Vergnügen suchenden Geschlechte nun aber, Vergnügen liebenden, Vergnügen schätzenden ist ein solches Ding kaum verständlich: als wie das auf gewisse Weise bedingt sein, die bedingte Entstehung; und auch ein solches Ding wird es kaum verstehn: eben dieses Aufgehn aller Unterscheidung, die Abwehr aller Anhaftung, das Versiegen des Durstes, die Wendung, Auflösung, Erlöschung. Wenn ich also die Satzung darlege und die anderen mich doch nicht begreifen, so ist mir Plage gewiss und Anstoß.‹ Und es sind mir, Königsohn, diese naturgemäßen Sprüche aufgeleuchtet, die vorher nie gehörten:
›Mit heißer Mühe was ich fand Nun offenbaren wär’ umsonst: Das gier- und hassverzehrte Volk ist solcher Satzung nicht geneigt. ›Die stromentgegen gehende Tief innig zart verborgene Bleibt Gierergetzten unsichtbar In dichter Finsterniss verhüllt.‹
»Also erwägend, Königsohn, neigte sich mein Gemüth zur Verschlossenheit, nicht zur Darlegung der Lehre. Da nun gewahrte, Königsohn, Brahmā Sahampati[174] meines Herzens Bedenken und klagte: ›Verderben, ach, wird ja die Welt, elend verderben, wenn des Vollendeten, Heiligen, vollkommen Erwachten Gemüth sich zur Verschlossenheit neigt und nicht zur Darlegung der Lehre!‹ Da verschwand nun, Königsohn, Brahmā Sahampati, so schnell wie etwa ein kräftiger Mann den eingezogenen Arm ausstrecken {453} oder den ausgestreckten Arm einziehn mag, aus der Brahmawelt und erschien vor mir. Da nun entblößte, Königsohn, Brahmā Sahampati eine Schulter, faltete die Hände zu mir und sprach hierauf also:
»‚O dass doch der Erhabene, o Herr, die Lehre darlege, o dass doch der Willkommene die Lehre darlege! Es giebt Wesen edlerer Art: ohne Gehör der Lehre verlieren sie sich, sie werden die Lehre verstehn.‘
»Das sagte, Königsohn, Brahmā Sahampati; und hierauf sprach er fernerhin also:
›Verkündet ward in Magadhā Verkehrtes, Vertrübte Lehre von Unreinen ausgedacht: Eröffne du jetzt dieses Thor des Lebens, Der Reine weise zur entdeckten Wahrheit uns. ›Wie einer, der am Gipfel hoher Berge steht Und in die Lande blickt nach allen Seiten hin, So blick’, Allauge du, vom Thurm der Wahrheit in dieses Schmerzenreich, du Schmerzenlöser! Sieh’ hin, o Weiser, auf das Sein: Entstehn-Vergehn ist seine Pein. ›Wohlan, o Helde, siegreicher Kampfesherr, Geh’ hin zur Welt, entsühnt, o Meisterführer du! Die Lehre mögest, Herr, verkünden: Es werden sich Verständige finden.‹
»Auf das Anliegen Brahmās nun, Königsohn, und aus Erbarmen zu den Wesen blickte ich mit dem erwachten Auge in die Welt. Und ich sah, Königsohn, mit dem erwachten Auge in die Welt blickend, Wesen edlerer Art und gemeinerer Art, scharfsinnige und stumpfsinnige, gut begabte und schlecht begabte, leicht begreifende und schwer begreifende und manche, die das Anpreisen einer anderen Welt für arg erachten. Gleichwie etwa, Königsohn, {454} in einem Lotusweiher einzelne blaue oder rothe oder weiße Lotusrosen im Wasser entstehn, im Wasser sich entwickeln, unter dem Wasserspiegel bleiben, aus der Wassertiefe Nahrung aufsaugen; einzelne blaue oder rothe oder weiße Lotusrose im Wasser entstehn, im Wasser sich entwickeln, bis zum Wasserspiegel dringen; einzelne blaue oder rothe oder weiße Lotusrosen im Wasser entstehn, im Wasser sich entwickeln, über das Wasser emporsteigen und dastehn unbenetzt von Wasser[175]: ebenso nun auch, Königsohn, sah ich, mit dem erwachten Auge in die Welt blickend, Wesen edlerer Art und gemeinerer Art, scharfsinnige und stumpfsinnige, gut begabte und schlecht begabte, leicht begreifende und schwer begreifende und manche, die das Anpreisen einer anderen Welt für arg erachten.
»Und ich erwiderte nun, Königsohn, Brahmā Sahampati mit dem Spruche:
»Erschlossen sind zur Ewigkeit die Thore: Wer Ohren hat zu hören komm’ und höre. Den Anstoß ahnend wahrt’ ich unberedsam Das köstlich Edle vor den Menschen, Brahmā.«
»Da nun, Königsohn, sagte Brahmā Sahampati: ›Gewährung hat mir der Erhabene verheißen, die Lehre darzulegen‹, begrüßte mich ehrerbietig, ging rechts herum und war alsbald verschwunden.
»Da kam mir, Königsohn, der Gedanke: ›Wem könnt’ ich nun wohl zuerst die Lehre darlegen, wer wird diese Lehre gar bald begreifen?‹ Da kam mir, Königsohn, der Gedanke: ›Jener Āḷāro Kālāmo ist weise, entfremdet, tiefsinnig, lebt seit langer Zeit der Entsagung; wenn ich nun ihm zuerst die Lehre darlege, wird er diese Lehre gar bald begreifen.‹ {455} Da nun kamen, Königsohn, Gottheiten zu mir und sagten: ›Vor sieben Tagen, o Herr, ist Āḷāro Kālāmo gestorben.‹ Die klare Gewissheit ging mir nun auf: ›Vor sieben Tagen ist Āḷāro Kālāmo gestorben.‹ Da kam mir, Königsohn, der Gedanke: ›Ein großer Geist war Āḷāro Kālāmo: hätte er diese Lehre vernommen, er hätte sie gar bald begriffen.‹ Da kam mir, Königsohn, der Gedanke: ›Wem könnt’ ich nun wohl zuerst die Lehre darlegen, wer wird diese Lehre gar bald begreifen?‹ Da kam mir, Königsohn, der Gedanke: ›Jener Uddako Rāmaputto ist weise, entfremdet, tiefsinnig, lebt seit langer Zeit der Entsagung; wenn ich nun ihm zuerst die Lehre darlege, wird er diese Lehre gar bald begreifen.‹ Da nun kamen, Königsohn, Gottheiten zu mir und sagten: ›Am Abend, o Herr, ist Uddako Rāmaputto gestorben.‹ Die klare Gewissheit ging mir nun auf: ›Am Abend ist Uddako Rāmaputto gestorben.‹ Da kam mir, Königsohn, der Gedanke: ›Ein großer Geist war Uddako Rāmaputto: hätte er diese Lehre vernommen, er hätte sie gar bald begriffen.‹ Da kam mir, Königsohn, der Gedanke: ›Wem könnt’ ich nun wohl zuerst die Lehre darlegen, wer wird diese Lehre gar bald begreifen?‹ Da kam mir, Königsohn, der Gedanke: ›Zugethan sind mir ja die Fünf verbündeten Mönche, die meiner warteten, als ich mich der Askese hingab; wie, wenn ich nun zuerst den Fünf verbündeten Mönchen die Lehre darlegen möchte?‹ {456} Da kam mir, Königsohn, der Gedanke: ›Wo weilen wohl jetzt die Fünf verbündeten Mönche?‹ Und ich sah, Königsohn, mit dem himmlischen Auge, dem geläuterten, über menschliche Gränzen hinausreichenden, den Aufenthalt der Fünf verbündeten Mönche bei Benāres, am Sehersteine, im Wildparke.[176] Und ich begab mich nun, Königsohn, da ich in Uruvelā nach Belieben geweilt hatte, auf die Wanderung nach Benāres.
»Da begegnete mir, Königsohn, Upako, ein Nackter Büßer, auf dem Wege vom Baum der Erwachung nach Gayā, und als er mich gesehn hatte sprach er also zu mir:
»‚Heiter, o Bruder, ist dein Angesicht, hell die Hautfarbe und rein! Um wessen willen, o Bruder, bist du hinausgezogen? Wer ist wohl dein Meister? Oder zu wessen Lehre bekennst du dich?‘
»Auf diese Worte, Königsohn, sprach ich zu Upako dem Nackten Büßer die Sprüche:
»Allüberwinder, Allerkenner bin ich, Von allen Dingen ewig abgeschieden, Verlassend alles, lebenswahngeläutert, Durch mich allein belehrt, wen kann ich nennen? »Kein Lehrer hat mich aufgeklärt, Kein Wesen giebt es, das mir gleicht, Die Welt mit ihren Göttern hat Nicht Einen Ebenbürtigen. »Denn ich bin ja der Herr der Welt, Der höchste Meister, der bin ich, Ein einzig Allvollendeter, Vollkommen Wahnerloschener. »Der Wahrheit Reich erricht’ ich nun Und wandre zur Benāresstadt: Erdröhnen soll in finstrer Welt Die Trommel der Unsterblichkeit.«
›So glaubst du also, Bruder, dass du der Heilige bist, der Unumschränkte Sieger?‹
{457} »Mir gleich, ja, werden Siegende, Ist Wahnvertilgung ausgeübt: Besiegt hab’ ich das Sündige, Bin darum Sieger, Upako.«
»Auf diese Worte, Königsohn, erwiderte Upako der Nackte Büßer: ›Wenn’s nur wäre, Bruder!‹, schüttelte das Haupt, schlug einen Seitenweg ein und entfernte sich.
»Und ich zog nun, Königsohn, von Ort zu Ort nach Benāres, kam zum Seherstein, in den Wildpark, wo die Fünf verbündeten Mönche weilten. Da erblickten mich, Königsohn, die Fünf verbündeten Mönche von ferne herankommen, und als sie mich gesehn bestärkte einer den anderen: ›Da kommt, Bruder, jener Asket Gotamo heran, der Ueppige, der von der Askese abgefallen ist und sich der Ueppigkeit ergeben hat: wir wollen ihn weder begrüßen, noch uns erheben um ihm Mantel und Schaale abzunehmen, aber ein Sitz sei zugewiesen; wenn er will, mag er sich setzen.‹ Je mehr ich mich aber, Königsohn, näherte, desto weniger vermochten die Fünf verbündeten Mönche bei ihrem Entschluss zu verharren: einige kamen entgegen und nahmen mir Mantel und Schaale ab, einige baten mich Platz zu nehmen, einige machten ein Fußbad zurecht, und sie gingen mich mit dem Namen und dem Bruderworte an. Da sagte ich, Königsohn, zu den Fünf verbündeten Mönchen:
{458} ›Nicht gehet, ihr Mönche, den Vollendeten mit dem Namen und dem Bruderworte an: heilig, ihr Mönche, ist der Vollendete, der vollkommen Erwachte. Leihet Gehör, ihr Mönche, die Unsterblichkeit ist gefunden. Ich führe ein, ich lege die Lehre dar. Der Führung folgend werdet ihr in gar kurzer Zeit jenes Ziel, um dessen willen edle Söhne gänzlich vom Hause fort in die Hauslosigkeit ziehn, die höchste Vollendung der Heiligkeit noch bei Lebzeiten euch offenbar machen, verwirklichen und erringen.‹
»Auf diese Worte, Königsohn, erwiderten mir die Fünf verbündeten Mönche: ›Selbst durch deine so harte Buße, o Bruder Gotamo, durch deine Kasteiung, durch deine Schmerzensaskese hast du das überirdische, reiche Heilthum der Wissensklarheit nicht errungen: wie magst du nun jetzt, wo du üppig geworden, von der Askese abgefallen bist, der Ueppigkeit dich ergeben hast, das überirdische, reiche Heilthum der Wissensklarheit besitzen?‹ Auf diese Worte, Königsohn, erwiderte ich den Fünf verbündeten Mönchen:
›Nicht ist, ihr Mönche, der Vollendete üppig geworden, von der Askese abgefallen, der Ueppigkeit ergeben: heilig, ihr Mönche, ist der Vollendete, der vollkommen Erwachte. Leihet Gehör, ihr Mönche, die Unsterblichkeit ist gefunden. Ich führe ein, ich lege die Lehre dar. Der Führung folgend werdet ihr in gar kurzer Zeit jenes Ziel, um dessen willen edle Söhne gänzlich vom Hause fort in die Hauslosigkeit ziehn, die höchste Vollendung der Heiligkeit noch bei Lebzeiten euch offenbar machen, verwirklichen und erringen.‹
»Und zum zweiten Mal nun, Königsohn, erwiderten mir die Fünf verbündeten Mönche: ›Selbst durch deine so harte Buße, o Bruder Gotamo, durch deine Kasteiung, durch deine Schmerzensaskese hast du das überirdische, reiche Heilthum der Wissensklarheit nicht errungen: wie magst du nun jetzt, {459} wo du üppig geworden, von der Askese abgefallen bist, der Ueppigkeit dich ergeben hast, das überirdische, reiche Heilthum der Wissensklarheit besitzen?‹ Und zum zweiten Mal nun, Königsohn, erwiderte ich den Fünf verbündeten Mönchen:
›Nicht ist, ihr Mönche, der Vollendete üppig geworden, von der Askese abgefallen, der Ueppigkeit ergeben: heilig, ihr Mönche, ist der Vollendete, der vollkommen Erwachte. Leihet Gehör, ihr Mönche, die Unsterblichkeit ist gefunden. Ich führe ein, ich lege die Lehre dar. Der Führung folgend werdet ihr in gar kurzer Zeit jenes Ziel, um dessen willen edle Söhne gänzlich vom Hause fort in die Hauslosigkeit ziehn, die höchste Vollendung der Heiligkeit noch bei Lebzeiten euch offenbar machen, verwirklichen und erringen.‹
»Und zum dritten Mal nun, Königsohn, erwiderten mir die Fünf verbündeten Mönche: ›Selbst durch deine so harte Buße, o Bruder Gotamo, durch deine Kasteiung, durch deine Schmerzensaskese hast du das überirdische, reiche Heilthum der Wissensklarheit nicht errungen: wie magst du nun jetzt, wo du üppig geworden, von der Askese abgefallen bist, der Ueppigkeit dich ergeben hast, das überirdische, reiche Heilthum der Wissensklarheit besitzen?‹ Auf diese Worte, Königsohn, sagte ich zu den Fünf verbündeten Mönchen:
›Entsinnet ihr euch, ihr Mönche, dass ich je zuvor also gesprochen hätte?‹
›Nein, o Herr!‹
›Heilig, ihr Mönche, ist der Vollendete, der vollkommen Erwachte. Leihet Gehör, ihr Mönche, die Unsterblichkeit ist gefunden. Ich führe ein, ich lege die Lehre dar. Der Führung folgend werdet ihr in gar kurzer Zeit jenes Ziel, um dessen willen edle Söhne gänzlich vom Hause fort in die Hauslosigkeit ziehn, die höchste Vollendung der Heiligkeit {460} noch bei Lebzeiten euch offenbar machen, verwirklichen und erringen.‹
»Und es gelang mir, Königsohn, den Fünf verbündeten Mönchen meine Erkenntniss mitzutheilen. Erst trug ich, Königsohn, zweien Mönchen die Lehre vor, drei Mönche gingen um Almosenspeise, und was die drei Mönche an Almosenspeise brachten, das theilten wir in sechs Theile und lebten davon. Dann trug ich, Königsohn, dreien Mönchen die Lehre vor, zwei Mönche gingen um Almosenspeise, und was die zwei Mönche an Almosenspeise brachten, das theilten wir in sechs Theile und lebten davon.
»Und die Fünf verbündeten Mönche, Königsohn, von mir also belehrt, also eingeführt, hatten sich da gar bald jenes Ziel, um dessen willen edle Söhne gänzlich vom Hause fort in die Hauslosigkeit ziehn, die höchste Vollendung der Heiligkeit noch bei Lebzeiten offenbar gemacht, verwirklicht und errungen.«
Nach dieser Rede wandte sich Bodhi der Königsohn also an den Erhabenen:
»Wie lange braucht wohl, o Herr, ein Mönch, der den Vollendeten zum Lenker hat, um jenes Ziel, warum edle Söhne gänzlich vom Hause fort in die Hauslosigkeit ziehn, die höchste Vollendung der Heiligkeit noch bei Lebzeiten sich offenbar zu machen, zu verwirklichen und zu erringen?«
»Da will ich dir nun, Königsohn, eben hierüber eine Frage stellen: wie es dir gutdünkt magst du sie beantworten. Was meinst du wohl, Königsohn: ist dir die Kunst Elephanten zu besteigen und zu lenken genau bekannt?«
»Gewiss, o Herr, genau ist mir die Kunst Elephanten zu besteigen und zu lenken bekannt.«
»Was meinst du wohl, Königsohn: da käme ein Mann herbei: ›Bodhi der Königsohn versteht die Kunst Elephanten zu besteigen und zu lenken; bei ihm will ich diese Kunst erlernen.‹ {461} Aber er hätte kein Zutrauen, was man durch Zutrauen erreichen kann, das erreichte er nicht. Aber er wäre kränklich, was man durch Rüstigkeit erreichen kann, das erreichte er nicht. Aber er wäre listig und gleißnerisch, was man durch Ehrlichkeit und Offenheit erreichen kann, das erreichte er nicht. Aber er wäre feig, was man durch Tapferkeit erreichen kann, das erreichte er nicht. Aber er wäre blöde, was man durch Witz erreichen kann, das erreichte er nicht. Was meinst du wohl, Königsohn: könnte da nun dieser Mann die Kunst Elephanten zu besteigen und zu lenken bei dir erlernen?«
»Und hätte, o Herr, dieser Mann auch nur eine solche Eigenschaft, so könnt’ er die Kunst Elephanten zu besteigen und zu lenken bei mir nicht erlernen, geschweige mit fünf solchen Eigenschaften!«
»Was meinst du wohl, Königsohn: da käme ein Mann herbei: ›Bodhi der Königsohn versteht die Kunst Elephanten zu besteigen und zu lenken; bei ihm will ich diese Kunst erlernen.‹ Aber er hätte Zutrauen, was man durch Zutrauen erreichen kann, das erreichte er. Aber er wäre rüstig, was man durch Rüstigkeit erreichen kann, das erreichte er. Aber er wäre ehrlich und offen, was man durch Ehrlichkeit und Offenheit erreichen kann, das erreichte er. Aber er wäre tapfer, was man durch Tapferkeit erreichen kann, das erreichte er. Aber er wäre witzig, was man durch Witz erreichen kann, das erreichte er. Was meinst du wohl, Königsohn; könnte da nun dieser Mann die Kunst Elephanten zu besteigen und {462} zu lenken bei dir erlernen?«
»Und hätte, o Herr, dieser Mann auch nur eine solche Eigenschaft, so könnt’ er die Kunst Elephanten zu besteigen und zu lenken bei mir erlernen, geschweige mit fünf solchen Eigenschaften!«
»Ebenso nun, Königsohn, giebt es auch hier fünf Kampfeseigenschaften: welche fünf? Da hat, Königsohn, der Mönch Zutrauen, er traut der Wachheit des Vollendeten, so zwar: ›Das ist der Erhabene, der Heilige, vollkommen Erwachte, der Wissens- und Wandelsbewährte, der Willkommene, der Welt Kenner, der unvergleichliche Leiter der Männerheerde, der Meister der Götter und Menschen, der Erwachte, der Erhabene.‹ Rüstig ist er und munter, seine Kräfte sind gleichmäßig gemischt, weder zu kühl noch zu heiß, den mittleren Kampf zu bestehn. Ehrlich ist er und offen und giebt sich der Wahrheit gemäß dem Meister oder erfahrenen Ordensbrüdern zu erkennen. Muth hat er und Kraft unheilsame Dinge zu verleugnen und heilsame Dinge zu erringen, er dauert stark und standhaft aus, giebt den heilsamen Kampf nicht auf. Witzig ist er, mit der Weisheit begabt, die Aufgang und Untergang sieht, mit der heiligen, durchdringenden, die zur völligen Leidensversiegung führt. Das sind, Königsohn, die fünf Kampfeseigenschaften. Mit diesen fünf Kampfeseigenschaften begabt, Königsohn, mag ein Mönch, der den Vollendeten zum Lenker hat, um jenes Ziel, warum edle Söhne gänzlich vom Hause fort in die Hauslosigkeit ziehn, die höchste Vollendung der Heiligkeit noch bei Lebzeiten sich offenbar zu machen, zu verwirklichen und zu erringen, sieben Jahre brauchen.
»Sei es, Königsohn, um die sieben Jahre: mit diesen fünf Kampfeseigenschaften begabt mag ein Mönch, der den Vollendeten zum Lenker hat, {463} um jenes Ziel, warum edle Söhne gänzlich vom Hause fort in die Hauslosigkeit ziehn, die höchste Vollendung der Heiligkeit noch bei Lebzeiten sich offenbar zu machen, zu verwirklichen und zu erringen, sechs Jahre, fünf Jahre, vier Jahre, drei Jahre, zwei Jahre, ein Jahr brauchen.
»Sei es, Königsohn, um das Jahr: mit diesen fünf Kampfeseigenschaften begabt mag ein Mönch, der den Vollendeten zum Lenker hat, um jenes Ziel, warum edle Söhne gänzlich vom Hause fort in die Hauslosigkeit ziehn, die höchste Vollendung der Heiligkeit noch bei Lebzeiten sich offenbar zu machen, zu verwirklichen und zu erringen, sieben Monate, sechs Monate, fünf Monate, vier Monate, drei Monate, zwei Monate, einen Monat brauchen.
»Sei es, Königsohn, um den Monat, sei es um den halben Monat, {464} sei es um sieben Tage, um sechs Tage, um fünf Tage, um vier Tage, um drei Tage, sei es, Königsohn, um zwei Tage: mit diesen fünf Kampfeseigenschaften begabt mag ein Mönch, der den Vollendeten zum Lenker hat, um jenes Ziel, warum edle Söhne gänzlich vom Hause fort in die Hauslosigkeit ziehn, die höchste Vollendung der Heiligkeit noch bei Lebzeiten sich offenbar zu machen, zu verwirklichen und zu erringen, einen Tag brauchen.
»Sei es, Königsohn, um einen Tag: mit diesen fünf Kampfeseigenschaften begabt kann ein Mönch, der den Vollendeten zum Lenker hat, am Abend eingeführt am Morgen den Ausgang finden, am Morgen eingeführt am Abend den Ausgang finden.«
Auf diese Worte wandte sich Bodhi der Königsohn also an den Erhabenen:
»O herrlich Erwachter, o herrliche Wahrheit, o herrlich verkündete Wahrheit, wo da einer am Abend eingeführt am Morgen den Ausgang finden kann, am Morgen eingeführt am Abend den Ausgang finden kann!«
Da meinte Sañjikāputto, der es gehört, der junge Brāhmane, sich an Bodhi den Königsohn wendend:
»So hat eben hier Herr Bodhi nur gesagt ›O herrlich Erwachter, o herrliche Wahrheit, o herrlich verkündete Wahrheit‹, aber nicht gesagt, dass er bei Ihm, dem Herrn Gotamo Zuflucht nehme, bei der Lehre und bei der Jüngerschaft.«
»Nicht also rede, bester Sañjikāputto, nicht also rede, bester Sañjikāputto! Von meinem Mütterchen selber, bester Sañjikāputto, hab’ ich Folgendes erfahren, aus ihrem Munde vernommen. Es war einmal, bester Sañjikāputto, da weilte der Erhabene zu Kosambī, im Stiftungsgarten. Und das Mütterchen, schwanger mit mir, begab sich dorthin wo der Erhabene weilte, begrüßte den Erhabenen ehrerbietig und setzte sich seitwärts nieder. {465} Seitwärts sitzend sprach nun mein Mütterchen also zum Erhabenen: ›Was ich da, o Herr, im Leibe trage, das Knäblein oder das Mägdlein, das nimmt beim Erhabenen Zuflucht, bei der Lehre und bei der Jüngerschaft: als Anhänger mög’ es der Erhabene betrachten, von heute an zeitlebens getreu.‹ Es war einmal, bester Sañjikāputto, da weilte der Erhabene eben hier, im Bhagger-Lande, bei Suṃsumāragiram, im Forste des Bhesakaḷā-Waldes. Und meine Amme nahm mich zu Hüften[177], und begab sich dorthin wo der Erhabene weilte, begrüßte den Erhabenen ehrerbietig und stellte sich seitwärts hin. Seitwärts stehend sprach nun meine Amme also zum Erhabenen: ›Dieser Bodhi, o Herr, der Königsohn, nimmt beim Erhabenen Zuflucht, bei der Lehre und bei den Jüngern: als Anhänger möge ihn der Erhabene betrachten, von heute an zeitlebens getreu.‹ Und so nehm’ ich denn, bester Sañjikāputto, zum dritten Mal beim Erhabenen Zuflucht, bei der Lehre und bei der Jüngerschaft: als Anhänger möge mich der Erhabene betrachten, von heute an zeitlebens getreu.«[178]
86.
Neunter Theil
Sechste Rede
AṈGULIMĀLO
Erstes Bruchstück
Das hab’ ich gehört. Zu einer Zeit weilte der Erhabene bei Sāvatthī, im Siegerwalde, im Garten Anāthapiṇḍikos.
Und der Erhabene, zeitig gerüstet, nahm Mantel und Schaale und begab sich nach Sāvatthī um Almosenspeise. Und als der Erhabene, von Haus zu Haus tretend, Almosen erhalten, kehrte er zurück und nahm das Mahl ein; dann brach er das Lager ab und ging, mit Mantel und Schaale versehn, des Weges hin, nach der Gegend wo Aṉgulimālo der Räuber hauste.
Es sahn aber Hirten und Landleute den Erhabenen des Weges hingehn, nach der Gegend wo Aṉgulimālo der Räuber hauste; und als sie den Erhabenen gesehn sprachen sie also zu ihm:
»Nicht dahin, Asket, wolle gehn! In jener Gegend, Asket, haust ein Räuber, Aṉgulimālo genannt, grausam und blutgierig, an Mord und Todtschlag gewohnt, ohne Mitleid gegen Mensch und Thier. Der macht die Dörfer undörflich, die Städte unstädtlich, die Länder unländlich. Er bringt die Leute um und hängt sich die Fingerlein um den Hals. Nach jener Gegend, Asket, sind ja zehn Mann, und zwanzig Mann, und dreißig Mann, und vierzig Mann vereint ausgezogen, sind aber alle in die Gewalt Aṉgulimālo des Räubers gerathen!«
Also angeredet schritt der Erhabene schweigend weiter.
{467} Und ein zweites Mal, und ein drittes Mal sprachen Hirten und Landleute den Erhabenen also an: aber schweigend schritt der Erhabene weiter.
Und Aṉgulimālo der Räuber sah den Erhabenen von ferne herankommen, und als er ihn gesehn gedacht’ er bei sich: ›Wunderbar, wahrlich, außerordentlich ist es! Auf diesem Wege sind ja zehn Mann, und zwanzig Mann, und dreißig Mann, {468} und vierzig Mann vereint ausgezogen und sind alle in meine Gewalt gerathen: und dieser Asket da kommt einzeln, allein, wie ein Eroberer heran! Wie, wenn ich nun diesem Asketen den Garaus machte?‹
Und Aṉgulimālo der Räuber nahm Schwerdt und Schild, hing Bogen und Köcher um und ging dem Erhabenen Schritt um Schritt nach.
Da ließ nun der Erhabene eine magische Erscheinung von solcher Art erscheinen, dass Aṉgulimālo der Räuber den Erhabenen, der gelassen dahinschritt, mit aller Macht laufend nicht einholen konnte. Und Aṉgulimālo der Räuber gedachte bei sich: ›Wunderbar, wahrlich, außerordentlich ist es! ich habe ja früher einen flüchtigen Elephanten überrascht und erreicht, ein flüchtiges Ross überrascht und erreicht, einen flüchtigen Wagen überrascht und erreicht, ein flüchtiges Reh überrascht und erreicht: aber diesen Asketen da, der gelassen dahingeht, kann ich mit aller Macht laufend nicht einholen!‹ Und er blieb stehn und rief dem Erhabenen zu:
»Stehe, Asket! Stehe, Asket!«
»Ich stehe, Aṉgulimālo: steh’ auch du.«
Da kam nun Aṉgulimālo dem Räuber der Gedanke: ›Diese Asketen des Sakyersohnes reden die Wahrheit, bekennen die Wahrheit: gleichwohl aber sagt dieser Asket, der da wandelt, ‚Ich stehe, Aṉgulimālo: steh’ auch du.‘ Wie, wenn ich nun diesen Asketen fragte?‹ Und Aṉgulimālo der Räuber sprach den Erhabenen mit dem Spruche an:
»Du wandelst, Büßer, wähnst dich aber stetig, Und mich, der stetig ist, mich wähnst du wandelnd; Ich frage dich, o Büßer, gieb mir Kunde: Wie bist du stetig denn, wie bin ich unstet?«
Der Herr:
{469} »Beständig immerdar, Aṉgulimālo. Bin ich, der keinem Wesen Leides anthut; Doch du hast wild gewüthet gegen Wesen: So bin ich stetig denn, so bist du unstet.«
Zweites Bruchstück
Aṉgulimālo:
Schon lang ist’s her, als einst der hohe Meister, Der Mönch erschienen mir in Waldes Mitte: Da rief ich aus: »Entsagen tausend Sünden Will ich um eines Wortes deiner Wahrheit!« Ein Räuber war ich, ja, war Mord und Marter, War grausam, grässlich wie die Höllengründe: Zu Füßen lag der Räuber dem Willkommnen, Den Auferwachten fleht’ er an um Weihe. Und Er, der auferwacht ist, mild und heilig, Der Herr der Welt mit allen ihren Göttern, »So komm’, o Jünger!« sprach zu mir der Meister, Nahm also auf mich in den Jüngerorden.
Drittes Bruchstück
Und der Erhabene begab sich nun, gefolgt vom ehrwürdigen Aṉgulimālo, auf die Wanderung nach Sāvatthī, von Ort zu Ort wandernd näherte er sich der Stadt.
Zu Sāvatthī weilte nun der Erhabene, im Siegerwalde, im Garten Anāthapiṇḍikos.
Um diese Zeit nun hatte sich vor dem Palaste König Pasenadis von Kosalo eine große Menschenmenge angesammelt, die laut lärmte und schrie:
»Ein Räuber, o König, lebt in deinem Lande, Aṉgulimālo genannt, grausam und blutgierig, an Mord und Todtschlag gewohnt, ohne Mitleid gegen Mensch und Thier. Der macht die Dörfer undörflich, die Städte unstädtlich, die Länder unländlich. Er bringt die Leute um und hängt sich die Fingerlein um den Hals. Den soll der König unschädlich machen!«
Da brach denn König Pasenadi von Kosalo mit fünfhundert Reitern von Sāvatthī auf {470} und kam noch am Nachmittag bis an den Garten hin. So weit gefahren als man fahren konnte, stieg er vom Wagen ab und ging dann zu Fuße dorthin wo der Erhabene weilte, bot ehrerbietigen Gruß dar und setzte sich seitwärts nieder. Und an König Pasenadi von Kosalo, der da zur Seite saß, wandte sich nun der Erhabene also:
»Was ist dir, großer König: hat etwa Magadhās König, Seniyo Bimbisāro, gedroht, oder Vesālīs Licchavier-Fürsten, oder andere deiner Mitherrscher?«
»Nicht hat mir, o Herr, Magadhās König, Seniyo Bimbisāro, gedroht, noch auch Vesālīs Licchavier-Fürsten oder andere meiner Mitherrscher: ein Räuber, o Herr, lebt in meinem Lande, Aṉgulimālo genannt, grausam und blutgierig, an Mord und Todtschlag gewohnt, ohne Mitleid gegen Mensch und Thier. Der macht die Dörfer undörflich, die Städte unstädtlich, die Länder unländlich. Er bringt die Leute um und hängt sich die Fingerlein um den Hals. Den will ich, o Herr, unschädlich machen.«
»Wenn du aber, großer König, Aṉgulimālo sähest, mit geschorenem Haar und Barte, mit fahlem Gewande bekleidet, aus dem Hause in die Hauslosigkeit gezogen, dem Tödten entfremdet, dem Stehlen entfremdet, dem Lügen entfremdet, zufrieden mit einer Mahlzeit, keusch wandelnd, tugendrein, edelgeartet; was würdest du da mit ihm machen?«
»Wir würden ihn, o Herr, ehrerbietig begrüßen, uns vor ihm erheben und ihn zu sitzen einladen, ihn bitten Kleidung, Speise, Lager und Arzenei für den Fall einer Krankheit anzunehmen, würden ihm wie sich’s gebührt Schutz und Schirm und Obhut angedeihen lassen: wie aber sollte, o Herr, ein so arger, bösartiger Mensch eine {471}solche Tugendläuterung erfahren?«
Nun saß eben damals der ehrwürdige Aṉgulimālo nicht fern vom Erhabenen. Und der Erhabene wies mit dem rechten Arme hin und sprach also zu König Pasenadi von Kosalo:
»Der ist, großer König, Aṉgulimālo.«
Da kam nun den König Pasenadi von Kosalo Furcht an, Entsetzen an, seine Haare sträubten sich. Und der Erhabene sah den König Pasenadi von Kosalo erschreckt und erschüttert, mit gesträubtem Haar, und sprach also zu ihm:
»Sei unbesorgt, großer König, sei unbesorgt, großer König: da droht dir keine Gefahr.«
Und König Pasenadi von Kosalo wurde wieder beruhigt und beschwichtigt; und er trat an den ehrwürdigen Aṉgulimālo heran und sprach also zu ihm:
»Ist es denn, Herr, Aṉgulimālo?«
»Ja, großer König.«
»Welchem Stamme, Herr, gehörte des Ehrwürdigen Vater, welchem die Mutter an?«
»Gaggo war, großer König, mein Vater, Mantāṇī meine Mutter.«
»Mög’ es, Herr, der ehrwürdige Gaggo, der Sohn der Mantāṇī, zufrieden sein: ich will dafür Sorge tragen, dass der ehrwürdige Gaggo, der Sohn der Mantāṇī, mit Kleidung und Speise, Lager und Arzenei für den Fall einer Krankheit versehn sei.«
Aber jetzt war der ehrwürdige Aṉgulimālo Waldeinsiedler geworden, Brockenbettler, Fetzenträger, hatte drei Kleidungstücke. Und der ehrwürdige Aṉgulimālo sprach also zu König Pasenadi von Kosalo:
»Genug, großer König, schon hab’ ich mein Dreiwams.«
Da ging denn König Pasenadi von Kosalo wieder zum Erhabenen hin, {472} bot ehrerbietigen Gruß dar und setzte sich seitwärts nieder. Seitwärts sitzend sprach nun König Pasenadi von Kosalo zum Erhabenen also:
»Wunderbar, o Herr, außerordentlich, o Herr, ist es, wie da, o Herr, der Erhabene Unbändige bändigt, Unstillbare stillt, Unaussöhnliche aussöhnt! Denn ihn, o Herr, den wir weder mit Strafe noch Schwerdt bezwingen konnten, den hat der Erhabene ohne Strafe und Schwerdt bezwungen. — Wohlan, o Herr, jetzt wollen wir aufbrechen: manche Pflicht wartet unser, manche Obliegenheit.«
»Wie es dir nun, großer König, belieben mag.«
Und König Pasenadi von Kosalo stand von seinem Sitze auf, begrüßte den Erhabenen ehrerbietig, ging rechts herum und entfernte sich.
Viertes Bruchstück
Und der ehrwürdige Aṉgulimālo, zeitig gerüstet, nahm Mantel und Schaale und ging nach Sāvatthī um Almosenspeise. Da sah der ehrwürdige Aṉgulimālo, als er auf der Straße von Haus zu Haus um Almosen stand, irgend ein Weib: die hatte eine Frühgeburt, eine Fehlgeburt gethan. Als er das gesehn gedacht’ er bei sich: ›Uebel steht es, wahrlich, um die Wesen, übel steht es, wahrlich, um die Wesen!‹ — Und als der ehrwürdige Aṉgulimālo, von Haus zu Haus tretend, Almosen erhalten, kehrte er zurück, nahm das Mahl ein und begab sich dann dorthin wo der Erhabene weilte. Dort angelangt begrüßte er den Erhabenen ehrerbietig und setzte sich seitwärts nieder. Seitwärts sitzend sprach nun der ehrwürdige Aṉgulimālo zum Erhabenen also:
»Ich war da, o Herr, zeitig gerüstet, mit Mantel und Schaale versehn, nach der Stadt gegangen, um Almosenspeise. Da hab’ ich, auf der Straße von Haus zu Haus um Almosen stehend, irgend ein Weib gesehn, die eine Frühgeburt, eine Fehlgeburt gethan: {473} und als ich es sah gedacht’ ich bei mir: ›Uebel steht es, wahrlich, um die Wesen, übel steht es, wahrlich, um die Wesen!‹«
»So gehe denn, Aṉgulimālo, zu jenem Weibe hin und sprich also zu ihr: ›Seitdem ich, o Schwester, geboren bin weiß ich nicht, dass ich mit Absicht ein Wesen des Lebens beraubt hätte: so wahr ich sage, sei genesen du, genesen deine Frucht!‹«
»Würd’ ich da nicht, o Herr, bewusste Lüge reden: hab’ ich doch, o Herr, mit Absicht vielen Wesen das Leben geraubt!«
»So gehe denn, Aṉgulimālo, zu jenem Weibe hin und sprich also zu ihr: ›Seitdem ich, o Schwester, in heiliger Geburt geboren bin weiß ich nicht, dass ich mit Absicht ein Wesen des Lebens beraubt hätte: so wahr ich sage, sei genesen du, genesen deine Frucht!‹«
»Wohl, o Herr!« erwiderte da der ehrwürdige Aṉgulimālo, dem Erhabenen gehorchend. Und er begab sich zu jenem Weibe hin und sprach also zu ihr:
»Seitdem ich, o Schwester, in heiliger Geburt geboren bin weiß ich nicht, dass ich mit Absicht ein Wesen des Lebens beraubt hätte: so wahr ich sage, sei genesen du, genesen deine Frucht!«
Und das Weib war genesen, genesen ihre Frucht.
Und der ehrwürdige Aṉgulimālo, einsam, abgesondert, unermüdlich, in heißem, innigem Ernste verweilend, hatte gar bald was edle Söhne gänzlich vom Hause fort in die Hauslosigkeit lockt, jenes höchste Ziel des Asketenthums noch bei Lebzeiten sich offenbar gemacht, verwirklicht und errungen. ›Versiegt ist die Geburt, vollendet das Asketenthum, {474} gewirkt das Werk, nicht mehr ist diese Welt‹ verstand er da. Auch einer war nun der ehrwürdige Aṉgulimālo der Heiligen geworden.
Fünftes Bruchstück
Und der ehrwürdige Aṉgulimālo, zeitig gerüstet, nahm Mantel und Schaale und ging nach Sāvatthī um Almosenspeise. Um diese Zeit nun flog ein Stein, den einer geworfen, dem ehrwürdigen Aṉgulimālo an den Leib, flog ein Stock, den einer geworfen, dem ehrwürdigen Aṉgulimālo an den Leib, flog ein Scherben, den einer geworfen, dem ehrwürdigen Aṉgulimālo an den Leib. Da kam nun der ehrwürdige Aṉgulimālo mit zerschnittenem Kopfe und strömendem Blute, mit zerbrochener Schaale und zerrissenem Mantel zum Erhabenen hin. Und es sah der Erhabene den ehrwürdigen Aṉgulimālo von ferne herankommen, und als er ihn gesehn sprach er also zu ihm:
»Dulde nur, Heiliger, dulde nur, Heiliger! Um welcher That Vergeltung du viele Jahre, viele Jahrhunderte, viele Jahrtausende Höllenquaal erlittest, dieser That Vergeltung, Heiliger, findest du noch bei Lebzeiten.«
Sechstes Bruchstück
Da ließ der ehrwürdige Aṉgulimālo, während er einsam zurückgezogen sann, das Heil der Erlösung erfahrend, um diese Zeit folgende Weise vernehmen:
»Wer früher thörig sorglos war, Doch endlich seine Schuld erkennt, Der leuchtet durch die finstre Welt Gleichwie der Mond aus Wolkennacht. »Wer einst begangne böse That {475} In wahrer Buße tief bereut, Der leuchtet durch die finstre Welt Gleichwie der Mond aus Wolkennacht. »Wer noch in holder Jugendkraft Als Jünger hier dem Sieger folgt, Der leuchtet durch die finstre Welt Gleichwie der Mond aus Wolkennacht. »Die Lüfte sollen lauschen meinem Sange Und lieblich wehen um den Auferwachten, Die Lüfte sollen grüßen mir die Menschen, Die Großen, die sich nach der Wahrheit sehnen. »Den Lüften thu’ mein Lied ich kund, Das Lob der Liebe, der Geduld: O wehet nieder, neigt euch her Und tragt die Wahrheit weiter dann! »O sei mir jeder wohlgesinnt Und allem andern was er sieht: Den höchsten Frieden findet froh Wer schützt was athmet, schützt was lebt.[181] »Kanäle schlichten Bauern durch das Feld, Die Bogner schlichten spitze Pfeile zu, Die Zimmrer schlichten schlanke Balken ab, Sich selber, wahrlich, machen Weise schlicht. »Geschlichtet wird gar mancher Streit Mit Stock und Stachel, Peitsche, Strick: Doch ohne Stock, doch ohne Stahl Hat mich der Meister schlicht gemacht. »Einst hat man Friedrich[182] mich genannt, Und Friedensmörder war ich nur: Den ächten Namen führ’ ich heut, Genesen froh als Friedenswalt. »Berüchtigt war das Räuberhaupt, Aṉgulimālo war der Mord: Da brach der Strom die Bresche durch Und trieb mich hin zum wachen Herrn! »Mit Blut befleckt’ ich meine Hand, Aṉgulimālo war der Mord: Gerettet sieh’ mich rasten hier, Die Daseinsader ist verdarrt. »Der solche Thaten ich gethan, Von Unheil schwer, von Unheil schwül, {476} Genieße reichlich reifen Lohn, Entsündigt nehm’ ich Atzung ein. »Dem leichten Sinn ergeben sich Erlahmte Männer, ohne Muth; Den Ernst bewahrt der weise Mann Als köstlich besten Schatzeshort. »Ergebt euch nicht dem leichten Sinn, O folget nicht der Liebeslust! Der ernst in sich gekehrte Mönch Ist höchstem Heile sälig nah.[182] »Gefunden hab’ ich’s, nicht verfehlt, Kein übel Ding bedünkt es mich, Von allem was die Welt gewährt Hab’ ich das Beste auserwählt. »Gefunden hab’ ich’s, nicht verfehlt, Kein übel Ding bedünkt es mich, Drei Wissenschaften kenn’ ich gut, Erfüllt ist was der Meister will.«[183]
87.
Neunter Theil
Siebente Rede
WAS EINEM LIEB IST
Das hab’ ich gehört. Zu einer Zeit weilte der Erhabene bei Sāvatthī, im Siegerwalde, im Garten Anāthapiṇḍikos.
Um diese Zeit nun war irgend einem Hausvater sein einziges, vielgeliebtes Büblein gestorben. Und wie es nun todt war, mocht’ er sich weder um Arbeit noch Essen kümmern. Er ging immer wieder zur Leichenstätte und jammerte: ›Wo bist du, einziges Büblein, wo bist du, einziges Büblein?‹
Da nun begab sich jener Hausvater dorthin wo der Erhabene weilte, begrüßte den Erhabenen ehrerbietig und setzte sich seitwärts hin. Und zu jenem Hausvater, der da seitwärts saß, wandte sich nun der Erhabene also:
»Nicht zeigst du, Hausvater, die Züge des geistig Gefassten: es sind deine Züge verstört.«
{477} »Wie sollten auch, o Herr, meine Züge nicht verstört sein: ist mir doch, o Herr, das einzige, vielgeliebte Büblein gestorben! Und da es nun todt ist, mag ich mich weder um Arbeit noch Essen kümmern. Ich geh’ immer wieder zur Leichenstätte und jammere: ›Wo bist du, einziges Büblein, wo bist du, einziges Büblein?‹«
»So ist es, Hausvater, so ist es, Hausvater. Was einem lieb ist, Hausvater, giebt ja Wehe und Jammer, Leiden, Gram und Verzweiflung, was von Liebem kommt.«[184]
»Wer wird da nur, o Herr, also denken: ›Was einem lieb ist giebt Wehe und Jammer, Leiden, Gram und Verzweiflung, was von Liebem kommt‹: was einem lieb ist, o Herr, giebt ja Freude und Befriedigung, was von Liebem kommt.«
Und jener Hausvater, ungehalten und verstimmt über das Wort des Erhabenen, stand von seinem Sitze auf und ging fort.
Nun waren gerade damals, nicht gar fern vom Erhabenen, viele Würfelspieler beisammen, die Würfel spielten. Da begab sich denn jener Hausvater zu ihnen hin und sprach also:
»Ich war da, ihr Herren, zum Asketen Gotamo gegangen, hatte ehrerbietigen Gruß dargeboten und mich seitwärts hingesetzt. Und als ich da saß, ihr Herren, wandte sich der Asket Gotamo also an mich: ›Nicht zeigst du, Hausvater, die Züge des geistig Gefassten: es sind deine Züge verstört.‹ Also angeredet, ihr Herren, entgegnete ich dem Asketen Gotamo: ›Wie sollten auch, o Herr, meine Züge nicht verstört sein: ist mir doch, o Herr, das einzige, vielgeliebte Büblein gestorben! Und da es nun todt ist, mag ich mich weder um Arbeit noch Essen kümmern. {478} Ich geh’ immer wieder zur Leichenstätte und jammere: ‚Wo bist du, einziges Büblein, wo bist du, einziges Büblein?‘‹ — ›So ist es, Hausvater, so ist es, Hausvater. Was einem lieb ist, Hausvater, giebt ja Wehe und Jammer, Leiden, Gram und Verzweiflung, was von Liebem kommt.‹ — ›Wer wird da nur, o Herr, also denken: ‚Was einem lieb ist giebt Wehe und Jammer, Leiden, Gram und Verzweiflung, was von Liebem kommt‘; was einem lieb ist, o Herr, giebt ja Freude und Befriedigung, was von Liebem kommt.‹ So sprach ich, ihr Herren, ungehalten und verstimmt über das Wort des Asketen Gotamo, stand von meinem Sitze auf und ging fort.«
»So ist es, Hausvater, so ist es, Hausvater! Was einem lieb ist, Hausvater, giebt ja Freude und Befriedigung, was von Liebem kommt.«
Da sagte jener Hausvater: »So hab’ ich recht, mit den Würfelspielern!«; und er ging fort.
Aber dieses Gespräch verbreitete sich allmälig bis an den Hof des Königs. Und König Pasenadi von Kosalo wandte sich an seine Gemahlin Mallikā:
»Höre, Mallikā, dein Asket Gotamo hat gesagt: ›Was einem lieb ist giebt Wehe und Jammer, Leiden, Gram und Verzweiflung, was von Liebem kommt.‹«
»Wenn das, großer König, der Erhabene gesagt hat, dann ist es also.«
»Immer doch also giebt diese Mallikā, was auch da der Asket Gotamo sagen mag, eben aber auch alles zu: ›Wenn das, großer König, der Erhabene gesagt hat, dann ist es also.‹ Gleichwie etwa der Lehrer dem Schüler was immer auch sagen mag, und ihm der Schüler eben auf alles zustimmt, ›So ist es, Meister, so ist es, Meister‹, ebenso auch giebst du, Mallikā, was auch immer da der Asket Gotamo sagen mag, eben aber auch alles zu: ›Wenn das, großer König, der Erhabene gesagt hat, dann ist es also.‹ {479} Lass’ es gut sein, Mallikā, hör’ auf!«
Da wandte sich Königin Mallikā an den Brāhmanen Nāḷijaṉgho[185] und bat ihn:
»Begieb dich, Brāhmane, zum Erhabenen hin und bring’ dem Erhabenen zu Füßen meinen Gruß dar und wünsche Gesundheit und Frische, Munterkeit, Stärke und Wohlsein: ›Mallikā‹, sage, ›o Herr, die Königin, bringt dem Erhabenen zu Füßen Gruß dar und wünscht Gesundheit und Frische, Munterkeit, Stärke und Wohlsein;‹ und füge hinzu: ›hat wohl, o Herr, der Erhabene dieses Wort gesprochen: ‚Was einem lieb ist giebt Wehe und Jammer, Leiden, Gram und Verzweiflung, was von Liebem kommt‘?‹ Und wie dir der Erhabene antworten wird, das merke dir gut und melde mir. Denn die Vollendeten reden nicht unvollkommen.«
»Schön, Herrin!« entgegnete da gehorsam Nāḷijaṉgho der Brāhmane Mallikā der Königin. Und er begab sich dorthin wo der Erhabene weilte, tauschte höflichen Gruß und freundliche, denkwürdige Worte mit dem Erhabenen und setzte sich seitwärts nieder. Seitwärts sitzend sprach nun Nāḷijaṉgho der Brāhmane zum Erhabenen also:
»Mallikā, o Gotamo, die Königin, bringt Herrn Gotamo zu Füßen Gruß dar und wünscht Gesundheit und Frische, Munterkeit, Stärke und Wohlsein; und sie fügte hinzu: hat wohl, o Herr, der Erhabene dieses Wort gesprochen: ›Was einem lieb ist giebt Wehe und Jammer, Leiden, Gram und Verzweiflung, was von Liebem kommt‹?«
»So ist es, Brāhmane, so ist es, Brāhmane. Was einem lieb ist, Brāhmane, giebt ja Wehe und Jammer, Leiden, Gram und Verzweiflung, was von Liebem kommt. Darum muss man es eben, Brāhmane, je nach dem Umstand beurtheilen, wie da was einem lieb ist Wehe und Jammer giebt, Leiden, Gram und Verzweiflung, was von Liebem kommt. {480} Eines Tages, Brāhmane, war eben hier zu Sāvatthī irgend einem Weibe die Mutter gestorben. Durch deren Tod irrsinnig, geistesverstört geworden lief sie von Straße zu Straße, von Markt zu Markt und schrie: ›Habt ihr nicht meine Mutter gesehn, habt ihr nicht meine Mutter gesehn?‹ Darum soll man es eben, Brāhmane, je nach dem Umstand beurtheilen, wie da was einem lieb ist Wehe und Jammer giebt, Leiden, Gram und Verzweiflung, was von Liebem kommt.
»Eines Tages, Brāhmane, war eben hier zu Sāvatthī irgend einem Weibe der Vater gestorben — war der Bruder, die Schwester gestorben — war der Sohn, war die Tochter gestorben — war der Gatte gestorben. Durch dessen Tod irrsinnig, geistesverstört geworden lief sie von Straße zu Straße, von Markt zu Markt und schrie: ›Habt ihr nicht meinen Gatten gesehn, habt ihr nicht meinen Gatten gesehn?‹ Darum soll man es eben, Brāhmane, je nach dem Umstand beurtheilen, wie da was einem lieb ist Wehe und Jammer giebt, Leiden, Gram und Verzweiflung, was von Liebem kommt.
»Eines Tages, Brāhmane, war eben hier zu Sāvatthī irgend einem Manne die Mutter gestorben — war der Vater gestorben {481} — war der Bruder, die Schwester gestorben — war der Sohn, war die Tochter gestorben — war die Frau gestorben. Durch deren Tod irrsinnig, geistesverstört geworden lief er von Straße zu Straße, von Markt zu Markt und schrie: ›Habt ihr nicht meine Frau gesehn, habt ihr nicht meine Frau gesehn?‹ Darum soll man es eben, Brāhmane, je nach dem Umstand beurtheilen, wie da was einem lieb ist Wehe und Jammer giebt, Leiden, Gram und Verzweiflung, was von Liebem kommt.
»Eines Tages, Brāhmane, war eben hier zu Sāvatthī irgend ein Weib zu Verwandten ins Haus gekommen. Und die Verwandten verboten dieser, mit ihrem Gatten zu leben, wollten sie einem anderen vermählen: sie aber mochte den nicht. Und sie beschwor ihren Mann: ›Diese Verwandten, o Gemahl, reißen mich von dir und wollen mich einem anderen vermählen: ich aber mag den nicht!‹ Und der Mann gab seinem Weibe den Tod und entleibte sich selbst: ›Gestorben werden wir beisammen sein!‹ Darum soll man es eben, Brāhmane, je nach dem Umstand beurtheilen, wie da was einem lieb ist Wehe und Jammer giebt, Leiden, Gram und Verzweiflung, was von Liebem kommt.«
Und Nāḷijaṉgho der Brāhmane, durch des Erhabenen Rede erfreut und befriedigt, stand auf und begab sich zu Mallikā der Königin zurück und berichtete Wort für Wort das ganze Gespräch, das der Erhabene mit ihm gepflogen. Und Königin Mallikā ging nun zu König {482} Pasenadi von Kosalo hin und sprach also:
»Was meinst du wohl, großer König: hast du deine Tochter Vajīrī lieb?«
»Gewiss, Mallikā, hab’ ich meine Tochter Vajīrī lieb.«
»Was meinst du wohl, großer König: wenn deiner Tochter Vajīrī etwas verschlüge, etwas geschähe, würdest du da Wehe und Jammer, Leiden, Gram und Verzweiflung empfinden?«
»Wenn, Mallikā, meiner Tochter Vajīrī etwas verschlüge, etwas geschähe, könnt’ es auch um mein Leben geschehn sein: wie sollt’ ich da etwa nicht Wehe und Jammer, Leiden, Gram und Verzweiflung empfinden!«
»Daran aber, großer König, hat Er gedacht, der Erhabene, der Kenner, der Seher, der Heilige, vollkommen Erwachte, als er gesagt hat: ›Was einem lieb ist giebt Wehe und Jammer, Leiden, Gram und Verzweiflung, was von Liebem kommt.‹ — Was meinst du wohl, großer König: hast du die Fürstin Vāsabhā lieb?«
»Gewiss, Mallikā, hab’ ich die Fürstin Vāsabhā lieb.«
»Was meinst du wohl, großer König: wenn der Fürstin Vāsabhā etwas verschlüge, etwas geschähe, würdest du da Wehe und Jammer, Leiden, Gram und Verzweiflung empfinden?«
»Wenn, Mallikā, der Fürstin Vāsabhā etwas verschlüge, etwas geschähe, könnt’ es auch um mein Leben geschehn sein: wie sollt’ ich da etwa nicht Wehe und Jammer, Leiden, Gram und Verzweiflung empfinden!«
»Daran aber, großer König, hat Er gedacht, der Erhabene, der Kenner, der Seher, der Heilige, vollkommen Erwachte, als er gesagt hat: ›Was einem lieb ist giebt Wehe und Jammer, Leiden, Gram und Verzweiflung, was von Liebem kommt.‹ — Was meinst du wohl, großer König: hast du den Feldherrn Viḍūḍabho lieb?«
»Freilich, Mallikā, hab’ ich den Feldherrn Viḍūḍabho lieb.«
{483} »Was meinst du wohl, großer König: wenn dem Feldherrn Viḍūḍabho etwas verschlüge, etwas geschähe, würdest du da Wehe und Jammer, {484}Leiden, Gram und Verzweiflung empfinden?«
»Wenn, Mallikā, dem Feldherrn Viḍūḍabho etwas verschlüge, etwas geschähe, könnt’ es auch um mein Leben geschehn sein: wie sollt’ ich da etwa nicht Wehe und Jammer, Leiden, Gram und Verzweiflung empfinden!«
»Daran aber, großer König, hat Er gedacht, der Erhabene, der Kenner, der Seher, der Heilige, vollkommen Erwachte, als er gesagt hat: ›Was einem lieb ist giebt Wehe und Jammer, Leiden, Gram und Verzweiflung, was von Liebem kommt.‹ — Was meinst du wohl, großer König: hast du mich lieb?«
»Gewiss, Mallikā, hab’ ich dich lieb.«
»Was meinst du wohl, großer König: wenn mir etwas verschlüge, etwas geschähe, würdest du da Wehe und Jammer, Leiden, Gram und Verzweiflung empfinden?«
»Wenn, Mallikā, dir etwas verschlüge, etwas geschähe, könnt’ es auch um mein Leben geschehn sein: wie sollt’ ich da etwa nicht Wehe und Jammer, Leiden, Gram und Verzweiflung empfinden!«
»Daran aber, großer König, hat Er gedacht, der Erhabene, der Kenner, der Seher, der Heilige, vollkommen Erwachte, als er gesagt hat: ›Was einem lieb ist giebt Wehe und Jammer, Leiden, Gram und Verzweiflung, was von Liebem kommt.‹ — Was meinst du wohl, großer König: hast du dein Reich Benāres und Kosalo lieb?«
»Sicherlich, Mallikā, hab’ ich mein Reich Benāres und Kosalo lieb: durch die Macht meines Reiches Benāres und Kosalo besitzen wir Seide und Sandel, haben Schmuck und duftende Salben.«
»Was meinst du wohl, großer König: wenn deinem Reiche Benāres und Kosalo etwas verschlüge, etwas geschähe, würdest du da Wehe und Jammer, Leiden, Gram und Verzweiflung empfinden?«
»Wenn, Mallikā, meinem Reiche Benāres und Kosalo etwas verschlüge, etwas geschähe, könnt’ es auch um mein Leben geschehn sein: wie sollt’ ich da etwa nicht Wehe und Jammer, Leiden, Gram und Verzweiflung empfinden!«
»Daran aber, großer König, hat Er gedacht, der Erhabene, der Kenner, der Seher, der Heilige, vollkommen Erwachte, als er gesagt hat: ›Was einem lieb ist giebt Wehe und Jammer, Leiden, Gram und Verzweiflung, was von Liebem kommt.‹«
»Wunderbar, Mallikā, außerordentlich, Mallikā, ist es, wie da Er, der Erhabene, weise durchdringend, weise blickt! Wohl denn, Mallikā: rühme weiter!«[186]
Und König Pasenadi von Kosalo stand auf von seinem Sitze, entblößte eine Schulter, verneigte sich ehrerbietig nach der Richtung wo der Erhabene weilte, und ließ dann dreimal den Gruß ertönen:
»Verehrung dem Erhabenen, Dem heilig auferwachten Herrn! »Verehrung dem Erhabenen, Dem heilig auferwachten Herrn! »Verehrung dem Erhabenen, Dem heilig auferwachten Herrn!«
88.
Neunter Theil
Achte Rede
DER UEBERWURF
Das hab’ ich gehört. Zu einer Zeit weilte der Erhabene bei Sāvatthī, im Siegerwalde, im Garten Anāthapiṇḍikos.
Da nun begab sich der ehrwürdige Ānando, zeitig gerüstet, mit Mantel und Schaale versehn, auf den Almosengang nach der Stadt. Als er, von Haus zu Haus tretend, Almosenspeise erhalten, kehrte er zurück, nahm das Mahl ein und machte sich dann auf den Weg nach dem Osthain, zu Mutter Migāros Terrasse, tagüber da zu bleiben.
Um diese Zeit aber zog, früh am Nachmittage, König Pasenadi von Kosalo auf seinem Elephanten Weißer Lotusfürst aus Sāvatthī hinaus. Da sah denn der König den ehrwürdigen Ānando von weitem dahinschreiten, {485} und als er ihn gesehn wandte er sich an seinen Marschall Sirivaḍḍho:
»Ist das nicht, bester Sirivaḍḍho, der ehrwürdige Ānando?«
»Ja, großer König, das ist der ehrwürdige Ānando.«
Da befahl denn der König einem seiner Leute:
»Geh’ hin, lieber Mann, zum ehrwürdigen Ānando und bring’ ihm zu Füßen meinen Gruß dar: ›Der König‹, sage, ›o Herr, Pasenadi von Kosalo, bringt dem ehrwürdigen Ānando zu Füßen Gruß dar‹; und füge hinzu: ›wenn, o Herr‹, lässt er sagen, ›der ehrwürdige Ānando nicht dringend zu thun hat, möge doch, o Herr, der ehrwürdige Ānando auf eine Weile nähertreten, von Mitleid bewogen.‹«
»Wohl, o König!« entgegnete da gehorsam jener Mann dem Herrscher. Und er eilte zum ehrwürdigen Ānando hin, bot ehrerbietigen Gruß dar und stand zur Seite. Zur Seite stehend sprach er dann also zum ehrwürdigen Ānando:
»Der König, o Herr, Pasenadi von Kosalo, bringt dem ehrwürdigen Ānando zu Füßen Gruß dar; und er lässt sagen: wenn, o Herr, der ehrwürdige Ānando nicht dringend zu thun hat, möge doch, o Herr, der ehrwürdige Ānando auf eine Weile nähertreten, von Mitleid bewogen.«
Schweigend gewährte der ehrwürdige Ānando die Bitte.
Und König Pasenadi von Kosalo zog nun, so weit man auf Elephanten reiten kann, heran; dann stieg er ab und ging zu Fuße dem ehrwürdigen Ānando entgegen, begrüßte ihn ehrerbietig und stellte sich seitwärts. {486} Seitwärts stehend sprach nun König Pasenadi von Kosalo also zum ehrwürdigen Ānando:
»Wenn, o Herr, der ehrwürdige Ānando nicht dringend zu thun hat, wär’ es schön, o Herr, wenn sich der ehrwürdige Ānando an das Gestade der Aciravatī begeben wollte, von Mitleid bewogen.«
Schweigend gewährte der ehrwürdige Ānando die Bitte.
Und der ehrwürdige Ānando begab sich an das Gestade der Aciravatī und nahm unter einem Baume, auf einem tauglichen Sitze, Platz. Und König Pasenadi von Kosalo zog auf seinem Elephanten heran, so weit man reiten kann; dann stieg er ab und ging zu Fuße zum ehrwürdigen Ānando hin, bot ehrerbietigen Gruß dar und stand seitwärts. Seitwärts stehend sprach nun König Pasenadi von Kosalo also zum ehrwürdigen Ānando:
»Hier, o Herr, möge sich der ehrwürdige Ānando auf die Schabracke hinsetzen!«
»Schon gut, großer König: du setze dich hin; ich bleibe auf meinem Platze.«
Da setzte sich König Pasenadi von Kosalo auf den dargebotenen Sitz. Und er sprach also zum ehrwürdigen Ānando:
»Sagt mir, Herr Ānando: mag wohl Er, der Erhabene, einen Wandel in Werken führen, der ein Aergerniss wäre für Asketen und Priester, verständige Leute?«
»Nicht mag Er, großer König, der Erhabene, einen Wandel in Werken führen, der ein Aergerniss wäre für Asketen und Priester, verständige Leute.«
»Und ferner, Herr Ānando: mag wohl Er, der Erhabene, einen Wandel in Worten, einen Wandel in Gedanken führen, {487} der ein Aergerniss wäre für Asketen und Priester, verständige Leute?«
»Nicht mag Er, großer König, der Erhabene, einen Wandel in Worten, einen Wandel in Gedanken führen, der ein Aergerniss wäre für Asketen und Priester, verständige Leute.«
»Wunderbar, o Herr, außerordentlich, o Herr! Denn was wir, o Herr, durch die Frage nicht auszudrücken vermochten, das hat, o Herr, der ehrwürdige Ānando durch der Frage Beantwortung ausgedrückt. Die da, o Herr, thörig, unbesonnen, ohne Ueberlegung, ohne gründliche Prüfung andere loben und andere tadeln, die können wir nicht ernst nehmen: die aber da, o Herr, weise, besonnen, tiefsinnig, nach Ueberlegung, nach gründlicher Prüfung andere loben und andere tadeln, die können wir ernst nehmen. Was ist das aber, Herr Ānando, für ein Wandel in Werken, der ein Aergerniss ist für Asketen und Priester, verständige Leute?«
»Ein Wandel in Werken, großer König, der unheilsam ist.«
»Was ist aber, o Herr, unheilsamer Wandel in Werken?«
»Ein Wandel in Werken, großer König, der unrecht ist.«
»Was ist aber, o Herr, unrechter Wandel in Werken?«
»Ein Wandel in Werken, großer König, der beschwerhaft ist.«
»Was ist aber, o Herr, beschwerhafter Wandel in Werken?«
»Ein Wandel in Werken, großer König, der Leiden züchtet.«
»Was ist aber, o Herr, ein Wandel in Werken, der Leiden züchtet?«
»Ein Wandel in Werken, großer König, der zu eigener Beschwer, oder zu anderer Beschwer, oder zu beider Beschwer führt, wo da die unheilsamen Dinge sich mehren und die heilsamen Dinge sich mindern: ein Wandel in Werken, großer König, {488} von solcher Art, der ist ein Aergerniss für Asketen und Priester, verständige Leute.«
»Und was ist es, Herr Ānando, für ein Wandel in Worten, Wandel in Gedanken, der ein Aergerniss ist für Asketen und Priester, verständige Leute?«
»Ein Wandel in Worten, in Gedanken, großer König, der unheilsam ist.«
»Was ist aber, o Herr, unheilsamer Wandel in Worten, in Gedanken?«
»Ein Wandel in Worten, in Gedanken, großer König, der unrecht ist.«
»Was ist aber, o Herr, unrechter Wandel in Worten, in Gedanken?«
»Ein Wandel in Worten, in Gedanken, großer König, der beschwerhaft ist.«
»Was ist aber, o Herr, beschwerhafter Wandel in Worten, in Gedanken?«
»Ein Wandel in Worten, in Gedanken, großer König der Leiden züchtet.«
»Was ist aber, o Herr, ein Wandel in Worten, in Gedanken, der Leiden züchtet?«
»Ein Wandel in Worten, in Gedanken, großer König, der zu eigener Beschwer, oder zu anderer Beschwer, oder zu beider Beschwer führt, wo da die unheilsamen Dinge sich mehren und die heilsamen Dinge sich mindern: ein Wandel in Worten, in Gedanken, großer König, von solcher Art, der ist ein Aergerniss für Asketen und Priester, verständige Leute.«
»Und sagt mir, Herr Ānando: hat Er, der Erhabene, die Verleugnung eben aller unheilsamen Dinge empfohlen?«
»Alle unheilsamen Dinge verleugnet hat, großer König, der Vollendete, die heilsamen Dinge erlangt.«
»Und was ist das, Herr Ānando, für ein Wandel in Werken, der kein Aergerniss ist für Asketen und Priester, verständige Leute?«
»Ein Wandel in Werken, großer König, der heilsam ist.«
»Was ist aber, o Herr, heilsamer Wandel in Werken?«
»Ein Wandel in Werken, großer König, der nicht unrecht ist.«
»Was ist aber, o Herr, nicht unrechter Wandel in Werken?«
»Ein Wandel in Werken, großer König, der beschwerlos ist.«
{489} »Was ist aber, o Herr, beschwerloser Wandel in Werken?«
»Ein Wandel in Werken, großer König, der Wohl züchtet.«
»Was ist aber, o Herr, ein Wandel in Werken, der Wohl züchtet?«
»Ein Wandel in Werken, großer König, der weder zu eigener Beschwer, noch zu anderer Beschwer, noch zu beider Beschwer führt, wo da die unheilsamen Dinge sich mindern und die heilsamen Dinge sich mehren: ein Wandel in Werken, großer König, von solcher Art, der ist ein Aergerniss für Asketen und Priester, verständige Leute.«
»Und was ist es, Herr Ānando, für ein Wandel in Worten, Wandel in Gedanken, der kein Aergerniss ist für Asketen und Priester, verständige Leute?«
»Ein Wandel in Worten, in Gedanken, großer König, der heilsam ist.«
»Was ist aber, o Herr, heilsamer Wandel in Worten, in Gedanken?«
»Ein Wandel in Worten, in Gedanken, großer König, der nicht unrecht ist.«
»Was ist aber, o Herr, nicht unrechter Wandel in Worten, in Gedanken?«
»Ein Wandel in Worten, in Gedanken, großer König, der beschwerlos ist.«
»Was ist aber, o Herr, beschwerloser Wandel in Worten, in Gedanken?«
»Ein Wandel in Worten, in Gedanken, großer König, der Wohl züchtet.«
»Was ist aber, o Herr, ein Wandel in Worten, in Gedanken, der Wohl züchtet?«
»Ein Wandel in Worten, in Gedanken, großer König, der weder zu eigener Beschwer, noch zu anderer Beschwer, noch zu beider Beschwer führt, wo da die unheilsamen Dinge sich mindern und die heilsamen Dinge sich mehren: ein Wandel in Worten, in Gedanken, großer König, von solcher Art, der ist kein Aergerniss für Asketen und Priester, verständige Leute.«
»Und sagt mir noch, Herr Ānando: hat Er, der Erhabene, die Erlangung eben aller heilsamen Dinge {490} empfohlen?«
»Alle unheilsamen Dinge verleugnet hat, großer König, der Vollendete, die heilsamen Dinge erlangt.«
»Wunderbar, o Herr, außerordentlich ist es, wie da, o Herr, der ehrwürdige Ānando so wohl gesprochen hat: diese treffliche Rede, o Herr, des ehrwürdigen Ānando hat uns wirklich erfreut und befriedigt. So erfreut und befriedigt, o Herr, hat uns des ehrwürdigen Ānando treffliche Rede, dass wir, o Herr, wenn dem ehrwürdigen Ānando der beste Elephant genehm wäre, eben den besten Elephanten dem ehrwürdigen Ānando geben möchten; dass wir, o Herr, wenn dem ehrwürdigen Ānando das beste Ross genehm wäre, eben das beste Ross dem ehrwürdigen Ānando geben möchten; dass wir, o Herr, wenn dem ehrwürdigen Ānando das reichste Dorf genehm wäre, eben das reichste Dorf dem ehrwürdigen Ānando geben möchten. Aber, o Herr, wir wissen es ja: das ist dem ehrwürdigen Ānando nicht genehm. Da ist mir, o Herr, ein Ueberwurf von Māgadhās König Ajātasattu, dem Sohne der Videherin, in eine Truhe verpackt, zugesandt worden, sechzehn Ellen lang, acht Ellen breit: den möge, o Herr, der ehrwürdige Ānando annehmen, von Mitleid bewogen!«
»Genug, großer König, schon hab’ ich mein Dreiwams.«
»Diese Aciravatī, o Herr, liegt dem ehrwürdigen Ānando und uns vor Augen; und wir wissen, wann es oben im Gebirge gewaltig gewittert hat, dann fließt diese Aciravatī über beide Ufer aus: ebenso nun auch, o Herr, wird sich der ehrwürdige Ānando aus diesem Ueberwurfe ein Dreiwams fertigen, sein bisheriges Dreiwams aber den Ordensbrüdern zuwenden; {491} so wird diese unsere Ehrung gleichsam ein Ueberfließen sein. Möge, o Herr, der ehrwürdige Ānando den Ueberwurf annehmen!«
Da nahm der ehrwürdige Ānando den Ueberwurf an. Und nun wandte sich König Pasenadi von Kosalo also an den ehrwürdigen Ānando:
»Wohl denn, Herr Ānando, jetzt wollen wir aufbrechen: manche Pflicht wartet unser, manche Obliegenheit.«
»Wie es dir nun, großer König, belieben mag.«
Und König Pasenadi von Kosalo, erfreut und befriedigt durch des ehrwürdigen Ānando Rede, stand von seinem Sitze auf, bot ehrerbietigen Gruß dar, ging rechts herum und entfernte sich.
Da begab sich denn der ehrwürdige Ānando, bald nachdem König Pasenadi von Kosalo gegangen, zum Erhabenen hin, begrüßte den Erhabenen ehrerbietig und setzte sich seitwärts nieder. Seitwärts sitzend erzählte nun der ehrwürdige Ānando das ganze Gespräch mit König Pasenadi von Kosalo Wort für Wort dem Erhabenen; und er reichte den Ueberwurf dem Erhabenen dar. Und der Erhabene wandte sich an die Mönche:
»Gesegnet, ihr Mönche, ist König Pasenadi von Kosalo, hochgesegnet, ihr Mönche, ist König Pasenadi von Kosalo, dem der Anblick Ānandos gegönnt war und seine Gesellschaft.«
Also sprach der Erhabene. Zufrieden freuten sich jene Mönche über das Wort des Erhabenen.[187]
89.
Neunter Theil
Neunte Rede
WAHRE DENKMALE
Das hab’ ich gehört. Zu einer Zeit weilte der Erhabene im Lande der Sakyer, bei Metāḷumpam, einer Burg im Sakyergebiete.
{492} Um diese Zeit nun war König Pasenadi von Kosalo nach Nagarakam gekommen, irgend ein Geschäft zu erledigen.
Und König Pasenadi von Kosalo befahl Dīgho dem Kanzler:
»Wohl, o König!« entgegnete da gehorsam Dīgho der Kanzler dem Herrscher. Und er ließ prächtige Wagen bespannen und dann melden: ›Bereit stehn, o König, die prächtigen Wagen: wie es dir nun belieben mag.‹
Und König Pasenadi von Kosalo bestieg einen prächtigen Wagen und fuhr, gefolgt von manchen anderen, mit überaus reichem königlichen Gepränge aus der Stadt hinaus, nach einem Garten hin. So weit gefahren als man fahren konnte, stieg er vom Wagen ab und begab sich zu Fuß in den Garten. Da sah denn der König, als er im Garten lustwandelnd umherging, mächtige Bäume, erhebend, erheiternd, lärmentrückt, lärmverloren, von den Leuten gemieden, wo Menschen einsam sitzen und nachdenken können. Und es kam ihm bei diesem Anblick eben der Erhabene in den Sinn: ›Diese mächtigen Bäume erheben und erheitern mich, die lärmentrückten, lärmverlorenen, die von den Leuten gemieden werden, wo Menschen einsam sitzen und nachdenken können, wo wir da einst Ihn, den Erhabenen, aufgesucht haben, den Heiligen, vollkommen Erwachten.‹[188] Und König Pasenadi von Kosalo wandte sich also an Dīgho den Kanzler:
{493} »Diese mächtigen Bäume, bester Kanzler, erheben und erheitern mich, die lärmentrückt, lärmverloren von den Leuten gemieden werden, wo Menschen einsam sitzen und nachdenken können, wo wir da einst Ihn, den Erhabenen, aufgesucht haben, den Heiligen, vollkommen Erwachten: wo mag Er doch, bester Kanzler, jetzt weilen, der Erhabene, der Heilige, vollkommen Erwachte?«
»Es giebt, großer König, eine Burg im Sakyergebiete, Metāḷumpam genannt: dort weilt Er jetzt, der Erhabene, der Heilige, vollkommen Erwachte.«
»Wie weit ist es wohl, bester Kanzler, von Nagarakam nach Metāḷumpam, der Sakyerburg?«
»Nicht weit, großer König, neun Meilen: man kann noch vor Abend hingelangen.«
»So lasse denn, bester Kanzler, wieder anspannen: wir wollen ihn, den Erhabenen, besuchen, den Heiligen, vollkommen Erwachten.«
»Wohl, o König!« entgegnete da gehorsam Dīgho der Kanzler dem Herrscher. Und er ließ wieder anspannen und dann melden: ›Bereit stehn, o König, deine Wagen: wie es dir nun belieben mag.‹
Und König Pasenadi von Kosalo bestieg seinen prächtigen Wagen und fuhr, gefolgt von den anderen, von Nagarakam nach Metāḷumpam der Sakyerburg; und er kam noch vor Abend an und ließ sich zum Garten geleiten. So weit gefahren als man fahren konnte, stieg er vom Wagen ab und begab sich zu Fuß in den Garten. Um {494} diese Zeit nun erging sich eine Schaar Mönche im Freien. Da trat König Pasenadi von Kosalo zu den Mönchen heran und sprach also zu ihnen:
»Sagt mir, Verehrte, wo weilt Er, der Erhabene, jetzt, der Heilige, vollkommen Erwachte: denn wir möchten Ihn, den Erhabenen, besuchen, den Heiligen, vollkommen Erwachten.«
»Das Wohnhaus dort, großer König, ist geschlossen; aber geh’ leise, ohne zu eilen, die Freitreppe hinauf, räuspere dich und klopfe an: öffnen wird dir der Erhabene das Thor.«
Da gab König Pasenadi von Kosalo Schwerdt und Krone erst Dīgho dem Kanzler über. Und Dīgho der Kanzler wusste nun: ›Allein will der König jetzt bleiben, ich aber muss hier warten.‹ Und König Pasenadi von Kosalo stieg leise, ohne zu eilen, die Freitreppe zum geschlossenen Wohnhaus empor, räusperte sich und klopfte an. Es öffnete der Erhabene das Thor. Und König Pasenadi von Kosalo trat in das Wohnhaus ein. Und er fiel dem Erhabenen zu Füßen und bedeckte des Erhabenen Füße mit Küssen und umschlang sie mit den Händen. Und er gab sich zu erkennen:
»Pasenadi bin ich, o Herr, der König von Kosalo, Pasenadi bin ich, o Herr, der König von Kosalo.«
»Was hast du, großer König, für eine Veranlassung diesem Körper da so hohe Huldigung darzubringen, Liebesbeweise zu bezeigen?«
»Es ist mir, o Herr, beim Erhabenen diese Ahnung der Wahrheit aufgegangen[189]: ›Vollkommen erwacht ist der Erhabene, wohlkundgethan vom Erhabenen die Satzung, wohlvertraut des Erhabenen Jüngerschaft.‹ Da hab’ ich, o Herr, {495} manche Asketen und Priester gesehn, die eine Zeit lang das Asketenleben führen, zehn Jahre, oder zwanzig Jahre oder dreißig Jahre, oder vierzig Jahre. Später dann leben sie wohlgebadet, wohlgesalbt, mit gepflegtem Haar und Barte, haben sich mit dem Besitz und Genuss der fünf Begehrungen umgeben.[190] Und wiederum hab’ ich, o Herr, Mönche gesehn, die zeitlebens, bis zum letzten Athemzug das vollkommene, vollendete Asketenleben führen: und nicht hab’ ich, o Herr, noch anderswo als hier ein also vollkommenes, vollendetes Asketenleben kennen lernen. Da ist mir denn, o Herr, beim Erhabenen diese Ahnung der Wahrheit aufgegangen: ›Vollkommen erwacht ist der Erhabene, wohlkundgethan vom Erhabenen die Satzung, wohlvertraut des Erhabenen Jüngerschaft.‹
»Weiter sodann, o Herr: es streiten Könige mit Königen, Fürsten mit Fürsten, Priester mit Priestern, Bürger mit Bürgern, streitet die Mutter mit dem Sohne, der Sohn mit der Mutter, der Vater mit dem Sohne, der Sohn mit dem Vater, streitet Bruder mit Bruder, Bruder mit Schwester, Schwester mit Bruder, Freund mit Freund. Hier aber, o Herr, seh’ ich die Mönche einträchtig, einig, ohne Zwist, mild geworden, wie sie einander sanften Auges betrachten: und nicht hab’ ich, o Herr, noch anderswo als hier eine also einträchtige Versammlung kennen lernen. Da ist mir denn, o Herr, beim Erhabenen diese Ahnung der Wahrheit aufgegangen: ›Vollkommen erwacht ist der Erhabene, wohlkundgethan vom Erhabenen die Satzung, {496} wohlvertraut des Erhabenen Jüngerschaft.‹
»Weiter sodann, o Herr: ich habe manchen Hain, manchen Garten betreten, besucht. Und ich habe da oft Asketen und Priester bemerkt, elend, abgezehrt, übel anzuschauen, mit gelblichen Flecken auf der Haut, sehnigen, knorrigen Gliedern, die wohl kein Auge, mein’ ich, fesselten, sie anzusehn. Da ist mir, o Herr, der Gedanke gekommen: ›Gewiss führen diese Ehrwürdigen das Asketenleben ungern; oder aber sie haben irgend eine böse That begangen, die verborgen ist; darum sind sie elend, abgezehrt, übel anzuschauen, mit gelblichen Flecken auf der Haut, sehnigen, knorrigen Gliedern, und wollen kein Auge fesseln, sie anzusehn.‹ Und ich trat an sie heran und sprach also: ›Warum doch seid ihr, Ehrwürdige, elend, abgezehrt, übel anzuschauen, mit gelblichen Flecken auf der Haut, sehnigen, knorrigen Gliedern, so dass ihr wohl kein Auge fesseln mögt, euch anzusehn?‹ Und sie gaben mir zur Antwort: ›Fesseln fehlen uns, großer König.‹ Hier aber, o Herr, seh’ ich die Mönche innig angeregt, hoch erheitert, sie scheinen zufrieden, sind frohsinnig, genügsam, nachgiebig, dehmüthig, mild geworden im Herzen. Da ist mir, o Herr, der Gedanke gekommen: ›Gewiss haben diese Ehrwürdigen, vom Erhabenen gewiesen, ein großes, allmälig gemerktes Ergebniss gefunden; darum sind sie innig angeregt, hoch erheitert, scheinen zufrieden, sind frohsinnig, genugsam, nachgiebig, dehmüthig, mild geworden im Herzen.‹ Da ist mir denn, o Herr, {497} beim Erhabenen diese Ahnung der Wahrheit aufgegangen: ›Vollkommen erwacht ist der Erhabene, wohlkundgethan vom Erhabenen die Satzung, wohlvertraut des Erhabenen Jüngerschaft.‹
»Weiter sodann, o Herr: ich kann als König, als Herrscher, dessen Scheitel gesalbt ist, einen zum Tode Verurtheilten hinrichten, oder einen in die Acht zu Erklärenden ächten, oder einen Bannwürdigen bannen lassen. Und während ich, o Herr, zu Gericht sitze kommt es vor, dass Zwischenrede laut wird. Da bitt’ ich vergebens: ›Wollet, ihr Herren, während ich zu Gericht sitze keine Zwischenrede verlauten lassen: die Berathung, meine Herren, sei geschlossen.‹ Aber man lässt mich, o Herr, Zwischenrede vernehmen. Hier aber, o Herr, seh’ ich die Mönche zu einer Zeit wo der Erhabene einer vielhundertköpfigen Schaar die Lehre darlegt; und zu einer solchen Zeit hört man eben bei des Erhabenen Jüngern nicht einmal das Geräusch des Nießens oder Sichräusperns. Eines Tages, o Herr, trug der Erhabene einer vielhundertköpfigen Schaar die Lehre vor. Da ließ einer von des Erhabenen Jüngern ein Räuspern hören. Und einer der Ordensbrüder streifte ihn mit dem Knie an: ›Nicht so laut, Ehrwürdiger, bitte! Möge der Ehrwürdige sich leise verhalten: unser Meister, der Erhabene legt die Lehre dar.‹ Da hab’ ich, o Herr, bei mir gedacht: ›Wunderbar, wahrlich, außerordentlich ist es, dass man da wirklich ohne Zwang, ohne Gewalt eine Versammlung derart wohlgefügig machen kann!‹ Und nicht hab’ ich, o Herr, noch anderswo als hier eine also wohlgefügige Versammlung kennen lernen. {498} Da ist mir denn, o Herr, beim Erhabenen diese Ahnung der Wahrheit aufgegangen: ›Vollkommen erwacht ist der Erhabene, wohlkundgethan vom Erhabenen die Satzung, wohlvertraut des Erhabenen Jüngerschaft.‹
»Weiter sodann, o Herr: ich habe da manche gelehrte Adelige gesehn, feine, erprobte Gegenredner, die Haare zu spalten schienen, die mit ihrem Scharfsinn die schönsten Ansichten, so zu sagen, entzweischnitten. Denen war zu Ohren gekommen: ›Der Asket, wahrlich, Herr Gotamo wird auf der Wanderung dieses Dorf oder jene Stadt besuchen!‹ Da stellten sie eine Frage zusammen: ›Diese Frage wollen wir dem Asketen Gotamo vorlegen; giebt er uns auf diese Frage diese Antwort, so werden wir ihm auf diese Weise das Wort verdrehn: giebt er uns aber auf diese Frage jene Antwort, so werden wir ihm auf jene Weise das Wort verdrehn.‹ Und sie hörten: ›Der Asket, wahrlich, Herr Gotamo ist auf der Wanderung in diesem Dorfe oder in jener Stadt angekommen!‹ Und sie begaben sich hin. Und der Erhabene ermunterte, ermuthigte, erregte und erheiterte sie in lehrreichem Gespräche. Und vom Erhabenen in lehrreichem Gespräche ermuntert, ermuthigt, erregt und erheitert stellten sie dem Erhabenen weder eine Frage, geschweige dass sie ihm das Wort verdrehn wollten, wurden vielmehr des Erhabenen Anhänger. Da ist mir denn, o Herr, beim Erhabenen diese Ahnung der Wahrheit aufgegangen: ›Vollkommen erwacht ist der Erhabene, wohlkundgethan vom Erhabenen die Satzung, wohlvertraut des Erhabenen Jüngerschaft.‹
»Weiter sodann, o Herr: ich habe da manche gelehrte Priester, gelehrte Bürger, gelehrte Asketen gesehn, feine, erprobte Gegenredner, die Haare zu spalten schienen, die mit ihrem Scharfsinn die schönsten Ansichten, so zu sagen, entzweischnitten. {499} Denen war zu Ohren gekommen: ›Der Asket, wahrlich, Herr Gotamo wird auf der Wanderung dieses Dorf oder jene Stadt besuchen!‹ Da stellten sie eine Frage zusammen: ›Diese Frage wollen wir dem Asketen Gotamo vorlegen; giebt er uns auf diese Frage diese Antwort, so werden wir ihm auf diese Weise das Wort verdrehn; giebt er uns aber auf diese Frage jene Antwort, so werden wir ihm auf jene Weise das Wort verdrehn.‹ Und sie hörten: ›Der Asket, wahrlich, Herr Gotamo ist auf der Wanderung in diesem Dorfe oder in jener Stadt angekommen!‹ Und sie begaben sich hin. Und der Erhabene ermunterte, ermuthigte, erregte und erheiterte sie in lehrreichem Gespräche. Und vom Erhabenen in lehrreichem Gespräche ermuntert, ermuthigt, erregt und erheitert stellten sie dem Erhabenen weder eine Frage, geschweige dass sie ihm das Wort verdrehn wollten, flehten vielmehr den Erhabenen an, sie in den Orden aufzunehmen. Und der Erhabene nahm sie auf. Und in diesen Orden aufgenommen lebten sie einzeln, abgesondert, ernsten Sinnes, eifrig, unermüdlich. Und in gar kurzer Zeit hatten sie jenes Ziel, um dessen willen edle Söhne gänzlich vom Hause fort in die Hauslosigkeit ziehn, die höchste Vollendung der Heiligkeit noch bei Lebzeiten sich offenbar gemacht, verwirklicht und errungen. Und sie sprachen: ›Den Verstand mussten wir verloren haben, den Verstand müssen wir wiedergefunden haben![191] Die wir früher nichts weniger als Asketen waren glaubten ›Wir sind Asketen‹, die wir nichts weniger als Heilige waren glaubten ›Wir sind Heilige‹, die wir nichts weniger als Sieger waren glaubten {500} ›Wir sind Sieger‹: jetzt sind wir Asketen, jetzt sind wir Heilige, jetzt sind wir Sieger.‹ Da ist mir denn, o Herr, beim Erhabenen diese Ahnung der Wahrheit aufgegangen: ›Vollkommen erwacht ist der Erhabene, wohlkundgethan vom Erhabenen die Satzung, wohlvertraut des Erhabenen Jüngerschaft.‹
»Weiter sodann, o Herr: Isidatto und Purāṇo, die Kammerherren, die sind meine Diener, meine Werkzeuge: ich geb’ ihnen den Unterhalt, ich fördere ihren Ruhm.[192] Gleichwohl aber bringen sie mir keine solche Huldigung dar wie dem Erhabenen. Eines Tages, o Herr, als ich mit dem Heere ausgezogen war, schlug ich mein Lager mit Isidatto und Purāṇo den Kammerherren in einem kleinen Gehöfte auf, um sie zu erforschen. Und sie brachten, o Herr, einen großen Theil der Nacht in lehrreichem Gespräche zu; dann legten sie sich nieder, das Haupt dorthin gewandt wo sie wußten dass der Erhabene sei, gegen mich die Füße gewandt. Da hab’ ich, o Herr, bei mir gedacht: ›Wunderbar, wahrlich, außerordentlich ist es! Isidatto und Purāṇo die Kammerherren, die sind meine Diener, meine Werkzeuge: ich geb’ ihnen den Unterhalt, ich fördere ihren Ruhm. Gleichwohl aber bringen sie mir keine solche Huldigung dar wie dem Erhabenen. Gewiss haben diese Ehrwürdigen, vom Erhabenen gewiesen, ein großes, allmälig gemerktes Ergebniss gefunden.‹ Da ist mir denn, o Herr, beim Erhabenen diese Ahnung der Wahrheit aufgegangen: ›Vollkommen erwacht ist der Erhabene, wohlkundgethan vom Erhabenen die Satzung, {501} wohlvertraut des Erhabenen Jüngerschaft.‹
»Weiter sodann, o Herr: der Erhabene ist adelig und auch ich bin adelig, der Erhabene ist ein Kosaler und auch ich bin ein Kosaler, der Erhabene ist achtzig Jahre alt und auch ich bin achtzig Jahre alt. Und weil nun[193], o Herr, der Erhabene adelig ist und auch ich adelig bin, der Erhabene ein Kosaler ist und auch ich ein Kosaler bin, der Erhabene achtzig Jahre alt ist und auch ich achtzig Jahre alt bin, darum steht es mir eben an, o Herr, dem Erhabenen so hohe Huldigung darzubringen, Liebesbeweise zu bezeigen. — Wohlan denn, o Herr, jetzt wollen wir gehn: manche Pflicht wartet unser, manche Obliegenheit.«
»Wie es dir nun, großer König, belieben mag.«
Und König Pasenadi von Kosalo stand auf von seinem Sitze, begrüßte den Erhabenen ehrerbietig, ging rechts herum und entfernte sich.
Da wandte sich denn der Erhabene, bald nachdem König Pasenadi von Kosalo gegangen, also an die Mönche:
»Dieser König, ihr Mönche, Pasenadi von Kosalo, hat wahre Denkmale gesprochen. Dann ist er aufgestanden und heimgekehrt. Merkt euch, ihr Mönche, die wahren Denkmale, eignet euch, ihr Mönche, die wahren Denkmale an, hütet, ihr Mönche, die wahren Denkmale: heilsam sind, ihr Mönche, die wahren Denkmale, urasketenthümlich.«
Also sprach der Erhabene. Zufrieden freuten sich jene Mönche über das Wort des Erhabenen.
90.
Neunter Theil
Zehnte Rede
AM ZWIESELSTEIN
Das hab’ ich gehört. Zu einer Zeit weilte der Erhabene bei Uruññā, am Zwieselstein, im Wildgarten.
{502} Um diese Zeit nun war König Pasenadi von Kosalo nach Uruññā gekommen, irgend ein Geschäft zu erledigen.
Und König Pasenadi von Kosalo befahl einem seiner Leute:
»Begieb dich, lieber Mann, zum Erhabenen hin und bring’ dem Erhabenen zu Füßen meinen Gruß dar und wünsche Gesundheit und Frische, Munterkeit, Stärke und Wohlsein: ›Der König‹, sage, ›o Herr, Pasenadi von Kosalo, bringt dem Erhabenen zu Füßen Gruß dar und wünscht Gesundheit und Frische, Munterkeit, Stärke und Wohlsein;‹ und füge hinzu: ›heute, o Herr‹, lässt er sagen, ›wird sich der König nach der Mahlzeit, wann er den Morgenimbiss eingenommen, hierher begeben, den Erhabenen zu besuchen.‹«
»Wohl, o König!« entgegnete da gehorsam jener Mann dem Herrscher. Und er begab sich dorthin wo der Erhabene weilte, bot ehrerbietigen Gruß dar und setzte sich seitwärts nieder. Seitwärts sitzend sprach er dann also zum Erhabenen:
»Der König, o Herr, Pasenadi von Kosalo, bringt dem Erhabenen zu Füßen Gruß dar und wünscht Gesundheit und Frische, Munterkeit, Stärke und Wohlsein; und er lässt sagen: heute, o Herr, wird sich der König nach der Mahlzeit, wann er den Morgenimbiss eingenommen, hierher begeben, den Erhabenen zu besuchen.«
Es hatten aber die Schwestern Somā und Sakulā reden hören: ›Heute wird, heißt es, König Pasenadi von Kosalo nach der Mahlzeit, wann er den Morgenimbiss eingenommen, sich hinbegeben, den Erhabenen zu besuchen.‹ Und Somā und Sakulā, die Schwestern, gingen zum König, als er bei Tische war, und sprachen also zu ihm:
{503} »Mögest du, großer König, doch auch unseren Gruß dem Erhabenen zu Füßen darbringen, mit dem Wunsche von Gesundheit und Frische, Munterkeit, Stärke und Wohlsein: ›Somā‹, sage, ›o Herr, und Sakulā, die Schwestern, bringen dem Erhabenen zu Füßen Gruß dar und wünschen Gesundheit und Frische, Munterkeit, Stärke und Wohlsein.‹«
Da begab sich denn König Pasenadi von Kosalo nach der Mahlzeit, als er den Morgenimbiss eingenommen, zum Erhabenen hin, begrüßte den Erhabenen ehrerbietig und setzte sich seitwärts nieder. Seitwärts sitzend sprach nun König Pasenadi von Kosalo zum Erhabenen also:
»Somā, o Herr, und Sakulā, die Schwestern, bringen dem Erhabenen zu Füßen Gruß dar und wünschen Gesundheit und Frische, Munterkeit, Stärke und Wohlsein.«
»Aber sage mir, großer König: haben die Schwestern Somā und Sakulā keinen anderen Boten gefunden?«
»Es hatten, o Herr, die Schwestern Somā und Sakulā reden hören: ›Heute wird, heißt es, König Pasenadi von Kosalo nach der Mahlzeit, wann er den Morgenimbiss eingenommen, sich hinbegeben, den Erhabenen zu besuchen.‹ Und Somā, o Herr, und Sakulā, die Schwestern, kamen zu mir, als ich bei Tische war, und sprachen also zu mir: ›Mögest du, großer König, doch auch unseren Gruß dem Erhabenen zu Füßen darbringen, mit dem Wunsche von Gesundheit und Frische, Munterkeit, Stärke und Wohlsein: ›Somā‹, sage, ›o Herr, und Sakulā, die Schwestern, bringen dem Erhabenen zu Füßen Gruß dar und wünschen Gesundheit und Frische, Munterkeit, Stärke und Wohlsein.‹«
{504} »Wohlergehn, großer König, soll es Somā und Sakulā den Schwestern!«
Nun wandte sich König Pasenadi von Kosalo also an den Erhabenen:
»Gehört hab’ ich solches, o Herr: ›Der Asket Gotamo behauptet: ‚Es giebt keinen Asketen oder Priester, der alles weiß, alles versteht, unbeschränkte Wissensklarheit bekennen kann: das ist unmöglich.‘‹ Die da solches, o Herr, gesagt haben, haben die wirklich, o Herr, des Erhabenen Worte gebraucht und den Erhabenen nicht mit Unrecht angeführt und der Lehre gemäß geredet, so dass sich kein entsprechender Folgesatz als ungehörig erweisen kann?«
»Die da, großer König, solches gesagt haben: ›Der Asket Gotamo behauptet: ‚Es giebt keinen Asketen oder Priester, der alles weiß, alles versteht, unbeschränkte Wissensklarheit bekennen kann: das ist unmöglich‘‹, die haben nicht meine Worte gebraucht und haben mich ohne Grund und mit Unrecht angeführt.«
Auf diesen Bescheid wandte sich König Pasenadi von Kosalo nach Viḍūḍabho, dem Feldherrn, um und fragte ihn:
»Wer hat denn wohl, Feldherr, dieses Gerede bei Hof in Umlauf gebracht?«
»Sañjayo, großer König, der Brāhmane, der Ākāser.«[194]
Da befahl König Pasenadi von Kosalo einem seiner Leute:
{505} »Geh’, lieber Mann, und rufe mir Sañjayo den Brāhmanen, den Ākāser, her: ›Der König‹, sage, ›o Herr, Pasenadi von Kosalo, lässt dich rufen.‹«
»Wohl, o König!« entgegnete da gehorsam jener Mann dem Herrscher. Und er begab sich dorthin wo Sañjayo der Brāhmane, der Ākāser, weilte; und er sprach also zu ihm:
»Der König, o Herr, Pasenadi von Kosalo, lässt dich rufen.«
Nun wandte sich König Pasenadi von Kosalo also an den Erhabenen:
»Vielleicht hat es, o Herr, der Erhabene auf irgend eine andere Weise gemeint, und die Leute haben es wiederum anders aufgenommen. In welchem Sinne gesteht wohl, o Herr, der Erhabene zu, den Ausspruch gethan zu haben?«
»Also gesteh’ ich, großer König, zu, den Ausspruch gethan zu haben: ›Es giebt keinen Asketen oder Priester, der auf einmal alles wissen, alles verstehn kann: das ist unmöglich.‹«
»Begründet ist, o Herr, was der Erhabene gesagt hat, wohlbegründet ist, o Herr, was der Erhabene gesagt hat: ›Es giebt keinen Asketen oder Priester, der auf einmal alles wissen, alles verstehn kann: das ist unmöglich.‹ — Vier giebt es, o Herr, der Kasten: Krieger, Priester, Bürger und Diener. Kann man da nun, o Herr, bei diesen vier Kasten eine Besonderheit, einen Unterschied aufstellen?«
»Vier giebt es, großer König, der Kasten: Krieger, Priester, Bürger und Diener. Da sind, großer König, von diesen vier Kasten zwei als die oberen anerkannt, Krieger und Priester, was Begrüßung, Aufmerksamkeit, Ehrfurcht und Achtung angeht.«
{506} »Nicht frag’ ich, o Herr, den Erhabenen um das äußere Verhältnis: um das innere, o Herr, frag’ ich den Erhabenen. Vier giebt es, o Herr, der Kasten: Krieger, Priester, Bürger und Diener. Kann man da nun, o Herr, bei diesen vier Kasten eine Besonderheit, einen Unterschied aufstellen?«
»Fünf giebt es, großer König, der Kampfeseigenschaften: welche fünf? Da hat, großer König, ein Mönch Zutrauen, er traut der Wachheit des Vollendeten, so zwar: ›Das ist der Erhabene, der Heilige, vollkommen Erwachte, der Wissens- und Wandelsbewährte, der Willkommene, der Welt Kenner, der unvergleichliche Leiter der Männerheerde, der Meister der Götter und Menschen, der Erwachte, der Erhabene.‹ Rüstig ist er und munter, seine Kräfte sind gleichmäßig gemischt, weder zu kühl noch zu heiß, den mittleren Kampf zu bestehn. Ehrlich ist er und offen und giebt sich der Wahrheit gemäß dem Meister oder erfahrenen Ordensbrüdern zu erkennen. Muth hat er und Kraft unheilsame Dinge zu verleugnen und heilsame Dinge zu erringen, er dauert stark und standhaft aus, giebt den heilsamen Kampf nicht auf. Witzig ist er, mit der Weisheit begabt, die Aufgang und Untergang sieht, mit der heiligen, durchdringenden, die zur völligen Leidensversiegung führt. Das sind, großer König, die fünf Kampfeseigenschaften. Vier giebt es, großer König, der Kasten: Krieger, Priester, Bürger und Diener. Und sind sie, großer König, mit diesen fünf Kampfeseigenschaften begabt, so gereicht es ihnen lange zum Wohle, zum Heile.«
»Vier giebt es, o Herr, der Kasten: Krieger, Priester, Bürger und Diener. Und sind sie, o Herr, mit diesen fünf Kampfeseigenschaften begabt, kann man da noch bei ihnen, o Herr, von einer Besonderheit, von einem Unterschied reden?«
»Das kommt, sag’ ich, großer König, auf die Art und Weise an, wie sie kämpfen. {507} Gleichwie etwa, großer König, wenn da zwei Reitelephanten oder Wagenrosse oder Zugstiere wären, wohlgebändigt, wohlabgerichtet, und zwei Reitelephanten oder Wagenrosse oder Zugstiere, ungebändigt, unabgerichtet; was bedünkt dich, großer König: jene zwei Reitelephanten oder Wagenrosse oder Zugstiere, die wohlgebändigten, wohlabgerichteten, würden nun diese als Gebändigte thun was Gebändigten taugt, als Gebändigte ausführen was Gebändigten obliegt?«
»Freilich, o Herr!«
»Aber die anderen beiden Reitelephanten oder Wagenrosse oder Zugstiere, die nicht gebändigt, nicht abgerichtet sind, würden etwa diese als Ungebändigte thun was Gebändigten taugt, als Ungebändigte ausführen was Gebändigten obliegt, gleichwie jene beiden Reitelephanten oder Wagenrosse oder Zugstiere, die wohlgebändigt, wohlabgerichtet sind?«
»Das nicht, o Herr!«
»Ebenso nun auch, großer König, etwa vermeinen, was da einer durch Zutrauen, Rüstigkeit, ehrliche Offenheit, Tapferkeit, Weisheit erreichen kann, kann ein anderer auch ohne Zutrauen, kränklich, listig, gleißnerisch, feig, ungewitzigt erreichen: das ist unmöglich.«
»Begründet ist, o Herr, was der Erhabene gesagt hat, wohlbegründet ist, o Herr, was der Erhabene gesagt hat. — Vier giebt es, o Herr, der Kasten: Krieger, Priester, Bürger und Diener. Und sind sie, o Herr, mit den fünf Kampfeseigenschaften begabt, und bestehn sie die gewaltigen Kämpfe, kann man da noch bei diesen, o Herr, von einer Besonderheit, von einem Unterschied reden?«
»Da kann, sag’ ich, großer König, bei ihnen von einem Unterschied nicht mehr die Rede sein, Erlösung gegenüber Erlösung. Gleichwie etwa, großer König, wenn ein Mann trockenes Eichenholz nähme, {508} Feuer erweckte, Licht hervorbrächte; und ein anderer Mann trockenes Sālholz nähme, Feuer erweckte, Licht hervorbrächte; und ein anderer Mann trockenes Mangoholz nähme, Feuer erweckte, Licht hervorbrächte; und ein anderer Mann trockenes Feigenholz nähme, Feuer erweckte, Licht hervorbrächte; was bedünkt dich, großer König: bestände da wohl unter diesen Feuern, aus verschiedenem Holze erweckt, irgend ein Unterschied zwischen Flamme und Flamme, Glanz und Glanz, Schein und Schein?«
»Das nicht, o Herr!«
»Ebenso nun auch, großer König, wie das Licht durch Kraft entzündet, im Kampfe erzeugt wird, sag’ ich, giebt es da keinen Unterschied mehr, Erlösung Erlösung gegenüber.«
»Begründet ist, o Herr, was der Erhabene gesagt hat, wohlbegründet ist, o Herr, was der Erhabene gesagt hat. — Wie aber, o Herr: giebt es Götter?«
»Warum denn, großer König, sprichst du also: ›Wie aber, o Herr: giebt es Götter?‹«
»Ich frage, ob die Götter, o Herr, wiederkehren zu dieser Welt, oder ob sie nicht mehr wiederkehren.«
»Götter, großer König, die zugewandt sind, kehren wieder zu dieser Welt: Götter, die abgewandt sind, kehren nicht mehr wieder.«[195]
Auf diese Worte wandte sich Viḍūḍabho der Feldherr also an den Erhabenen:
»Und können, o Herr, die Götter, die zugewandt zu dieser Welt wiederkehren, jene abgewandten Götter, die nicht mehr wiederkehren, von ihrem Orte verjagen und verbannen?«
Da kam nun dem ehrwürdigen Ānando der Gedanke in den Sinn: ›Dieser Feldherr Viḍūḍabho ist der Sohn König Pasenadis von Kosalo, {509} und ich bin der Sohn des Erhabenen: jetzt schickt es sich, dass der Sohn den Sohn belehre.‹ Und der ehrwürdige Ānando wandte sich also an Viḍūḍabho den Feldherrn:
»Da will ich dir nun, Feldherr, eben hierüber eine Frage stellen: wie’s dir gutdünkt magst du sie beantworten. Was meinst du wohl, Feldherr: soweit das Gebiet König Pasenadis von Kosalo reicht, wo König Pasenadi von Kosalo die Herrschaft und Obermacht königlich ausübt, vermag da der König einen Asketen oder einen Priester, einen guten oder einen schlechten, einen ächten oder einen unächten, aus diesem Gebiete zu verjagen, zu verbannen?«
»Soweit, Herr, das Gebiet König Pasenadis von Kosalo reicht, wo König Pasenadi von Kosalo die Herrschaft und Obermacht königlich ausübt, da vermag der König einen Asketen oder einen Priester, einen guten oder einen schlechten, einen ächten oder einen unächten, aus diesem Gebiete zu verjagen, zu verbannen.«
»Was meinst du wohl, Feldherr: wo das Gebiet König Pasenadis von Kosalo aufhört, wo König Pasenadi von Kosalo keine Herrschaft und Obermacht königlich ausübt, vermag da der König einen Asketen oder einen Priester, einen guten oder einen schlechten, einen ächten oder einen unächten, aus diesem Gebiete zu verjagen, zu verbannen?«
»Wo, Herr, das Gebiet König Pasenadis von Kosalo aufhört, wo König Pasenadi von Kosalo keine Herrschaft und Obermacht königlich ausübt, nicht vermag da der König einen Asketen oder einen Priester, {510} einen guten oder einen schlechten, einen ächten oder einen unächten, aus diesem Gebiete zu verjagen, zu verbannen.«
»Was meinst du wohl, Feldherr: hast du von den Dreiunddreißig Göttern gehört?«
»Gewiss, Herr, ich habe von den Dreiunddreißig Göttern gehört: und auch Herr Pasenadi hier, der König von Kosalo, hat von ihnen gehört.«
»Was meinst du wohl, Feldherr: vermag der König die Dreiunddreißig Götter von ihrem Orte zu verjagen, zu verbannen?«
»Nicht einmal sehn, Herr, kann der König die Dreiunddreißig Götter, geschweige denn dass er vermöchte, sie von ihrem Orte zu verjagen, zu verbannen!«
»Ebenso nun auch, Feldherr, können die Götter, die zugewandt zu dieser Welt wiederkehren, jene abgewandten Götter, die nicht mehr wiederkehren, nicht einmal sehn, geschweige denn dass sie vermöchten, sie von ihrem Orte zu verjagen, zu verbannen.«
Da wandte sich nun König Pasenadi von Kosalo an den Erhabenen und sprach:
»Wie heißt, o Herr, dieser Mönch?«
»Ānando heißt er, großer König.«
»Ānando also: wahrlich, wie Ānando sieht er aus![196] Begründet ist, o Herr, was der ehrwürdige Ānando gesagt hat, wohlbegründet ist, o Herr, was der ehrwürdige Ānando gesagt hat. — Wie aber, o Herr: giebt es einen Brahmā?«