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Die Juden von Zirndorf

Die Juden von Zirndorf

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Erstes Kapitel

Im Jahre 1885 fing es in den Ebenen der Rednitz und Pegnitz einige Tage nach Maria Himmelfahrt an zu regnen, und es regnete unaufhörlich bis über die Mitte des August hinaus. Die Saaten gingen völlig zu Grund dabei, und zu Ende des August war alles Land, das durch den Ring der Dörfer Poppenreuth, Kalkreuth, Buch, Altenberg, Kadolzburg, Zirndorf, Bach und Unterfarrnbach eingeschlossen ist, ein einziger See. Sogar noch weiter, bis ins Thal der Zenn hinein erstreckte sich die Überflutung und nach Norden in die Erlanger und Bayersdorfer Gegend. Graugelb und gurgelnd schlug das Wasser gegen den Eisenbahndamm in Fürth, als ob er zornig wäre, daß es so hoch nicht reichen konnte. Der Frohnmüllers-Steg war weggerissen, ja sogar die stärkere Brücke, die nach dem Weiler Dambach führt; die Badeanstalt war gänzlich zerstört; tagelang sah man die Bretter und Balken und die kleinen Schindeldächer der zerrissenen Hütten die Strömung hinuntertreiben. In der Fischergasse und in der Pegnitzgasse und am Schießanger und in all den kleinen Winkeln beleckte das Wasser die Häuser, füllte die Keller, und schlug drohend an die Schwelle mancher kleinen Krämerei oder Metzgerei, oder an die niederen Simse der Goldschlägerwohnungen, deren Gehämmer sonst lustig und mit anziehender Taktmäßigkeit den ganzen Tag erschallte. Wenn die Weiber des morgens zum grünen Markt wollten, mußten sie in Booten fahren fast bis zur Stadtwage hin, und sie standen dabei viel Angst aus.

Wie eine große, gebirgige und geheimnisvolle Insel sah der Vestnerwald mit seinem viereckigen Turm in das überschwemmte Land. Wenn man von dort aus gegen Zirndorf hinunterblickte, sah es aus wie der Ozean selbst; nur ein paar Pappelbäume oder die Bäume einer Obstanpflanzung oder weit in der Ferne quer durcheinander geschichtete Hopfenstangen, oder der hohe Pfahl, worauf bei Schützenfesten der bemalte Adler befestigt wird, ragten aus dem Wasser hervor, das gelbschimmernd dalag, ohne sonderliche Bewegung wie ein matter Spiegel. Das Dorf selbst war zum größten Teil verschont geblieben, weil es etwas höher lag. Kein Rauch stieg aus den Schloten der Ziegelei am Eingang der Hauptstraße. All die roten Dächer sahen gleichsam ergeben in das helle Grau des Himmels, und die Raben, die hoch in der Luft mit unruhigerem Flügelschlag als sonst dahinzogen, hatten etwas Schmerzliches, ja vielleicht Verzweifeltes in ihren plötzlichen gellenden Schreien.

Den Wirten im Dorf ging es schlecht bei diesen feuchten Zeiten, besonders zweien: Sürich Sperling, dem St. Sebalderwirt und Martin Ambrunn, der die „gläserne Burg“ innehatte. Auch das Turnerfest war auf den nächsten Sommer verschoben worden und die Fürther Kirchweih stand vor der Thür; da würde ohnehin wieder alles Geld in die Stadt wandern. Als der Burgwirt keinen Ausweg mehr sah, schickte er bei allen Juden herum und ließ sagen, daß er von nun ab auch koscheres Fleisch zum Aushacken bringen werde und daß der Schochat die üblichen Formalitäten vornehmen werde. Auch der Bauer litt schwer unter der Wassersflut und mancher, dem bislang eine selige Thalerfülle im Beutel geklappert, schlich nunmehr gebückt und finster ins Wirtshaus, um daselbst seinen ganzen Groll gegen die Zechbrüder auszuleeren. Zwischen den Dörfern Altenberg und Zirndorf, die sehr nahe beieinanderlagen, wurde der Verkehr durch Boote vermittelt, und an einem Donnerstag war es, die Wolken hingen niedrig, waren zerzaust und regenschwer, fuhren zwei Kähne ungefähr gleichzeitig, der eine von Zirndorf, der andere von Altenberg ab und befanden sich einander in Sehweite, noch ehe jeder hundert Meter zurückgelegt hatte. Der Wind strich übers Wasser und warf kurze, lautlose Wellen auf, so daß ein nervöses Leben in die starre Fläche geriet. In kleinen Entfernungen erhoben sich die Chausseebäume aus der Flut, und das dünne Zweigwerk hing wie trauernd nieder und wurde vom Wasser bespült. Die Bäume zeichneten den Weg vor und die Boote näherten sich rasch; aber das von Zirndorf kommende, in dem Sürich Sperling, seine zwei Knechte, der Milchmeier von Altenberg, der Metzger Frühwald von Fürth und ein ganz fremder, vornehm aussehender junger Mann saßen, glitt viel schneller dahin als das andere. Sie waren sich auf zehn Schritte nahe gekommen, und Sürich Sperling schrie eine Warnung hinüber; doch es lag etwas Gehässiges in seiner Stimme, und es hatte den Anschein, als suchte er das kleinere Boot zu kentern. Die Bedrohten wichen furchtsam aus, aber Sürich Sperling, der das aus einer alten Kohlenschaufel verfertigte Steuer handhabte, richtete die Spitze des Kahns gegen die Breitseite des andern Fahrzeugs, und dieses stieß dadurch ziemlich heftig an einen Baumstamm. Gleichzeitig ertönte ein entsetzlicher Schrei aus fünf oder sechs Kehlen, und ein junger Mensch von etwa siebzehn Jahren stürzte kopfüber ins Wasser. „Laßt das Judenpack versaufen,“ krächzte Sürich Sperling, und die zwei Knechte und Herr Frühwald begannen zu lachen, während sie hastig davonruderten. Selbst der schwarzbärtige junge Mann grinste, offenbar nur um seinen Reisegefährten gefällig zu sein. Dann warf er stirnrunzelnd den Stumpf der Zigarette ins Wasser und sah mit angestrengten Blicken nach der Stelle des Unglücks hinüber. Etwas Düsteres und Drohendes glomm in seinen Augen, doch war es kaum klar, gegen wen sich solche Gefühle kehrten. Sürich Sperlings Boot fuhr erbarmungslos davon, und sie überließen es den jüdischen Männern, den Verunglückten aus dem Wasser zu ziehen.

Dort herrschte große Ratlosigkeit, der leichte Kahn wurde vom anschwellenden Wind und von einer leichten Strömung fortgetragen, und die Köpfe waren so verwirrt, daß der eine Ruderer das Fahrzeug dahin und der andere es dorthin lenkte. Keiner konnte schwimmen. Wasser war ihnen das unfehlbar totbringende Element; und als Elkan Geyer in heller Angst um seinen Sohn doch den Rock von sich warf, um in die Flut zu springen, hielten ihn sechs Arme zurück, wobei das Boot fast zum Kippen gekommen wäre. Plötzlich stieß Bärman Schrot einen Freudenschrei aus. Agathon tauchte aus dem Wasser empor, erfaßte den weit überhängenden Ast eines Birnbaumes, und mit bewundernswerter Kraft hatte er auch die andere Hand an den Ast geklammert. Dann schnellte er aus dem Wasser und kletterte mit der Behendigkeit eines Affen ins dichtere Gezweig des Baumes. Als er droben saß, streckte er seinen Kopf wie aus einem Korbgeflecht heraus und sah hämisch ins Boot. „Komm, komm, Agathon!“ rief Elkan Geyer mit der schüchternen Zärtlichkeit eines Schuldbewußten.

„Mag nicht!“ schallte es kurz zurück.

„Aber Aga, so komm doch!“ bat Elkan erschrocken. Er kannte den wunderlichen Starrsinn seines Sohnes.

„Ich will aber nicht. Ich will nicht mehr in euer Boot.“

„Aber Aga, deine Kleider sind naß, und du wirst totkrank werden.“

„Gut, dann will ich totkrank werden.“

„Lieber Junge, jetzt hopp!“ rief Isidor Rosenau entschlossen und befehlend.

„Ich will euch etwas sagen,“ erwiderte Agathon sehr ernst. „Ich werde warten, bis Sürich Sperling zurückkommt und wenn es Nacht wird, und wenn es morgen wird. Ich will ihm sagen, daß er ein Hund ist, ich will ihm sagen, daß er es büßen muß. Ihr, ihr laßt euch ja alles gefallen. Euch dürfen sie die Ohren abreißen, dann küßt ihr ihnen noch die Hand. Bloß daheim könnt ihr schimpfen.“

„Aber Aga, so komm doch,“ flehte Elkan Geyer. „Du kannst doch nicht da droben sitzen bleiben bis in die Nacht, chaas we Scholam, Gott behüte.“

„Ja, ich bleibe sitzen,“ beharrte Agathon und seine Augen funkelten.

„So a Meschuggas!“ rief Isidor Rosenau entrüstet. Und er packte sein Ruder und stieß den Kahn vom Baum. Elkan Geyer schlug jammernd die Hände zusammen und bat, man solle doch zurückfahren und einer solle den Baum erklimmen. Aber die andern lachten ihn aus. „A Chutzpa von dein Jung, wahrhaftig a Gemeinheit,“ sagte Bärman Schrot. „Was haste dei Jeleth nit besser gezogn? Meins thät so was nicht. Cholilah, ich schlagets tot.“

Der Kahn flog rasch gegen das Dorf und Elkan Geyer wartete ungeduldig auf die Landung, um allein wieder zurückfahren zu können. Er saß da, den Kopf in die Hand gestützt, und sah verträumt hinaus gegen den Horizont, wo ein leises, trübes Roth die Wolken zu säumen begann, das sich auch im Wasser spiegelte mit einem seltsam schwanken Schein. Es war überhaupt etwas Verträumtes in seinem ganzen Wesen; in seinem Blick lag eine flehende Hilflosigkeit; sein frühergrautes Haar mochte Zeuge davon sein, wie er alles zu Herzen nahm, woran andere nicht lange tragen. Ja, wenn es andere fortwarfen, hob es Elkan Geyer erst auf, und er wußte seine Angelegenheiten immer von einer Seite anzugreifen, von wo sie mißlingen mußten.

Agathon fror auf seinem Baum erbärmlich. Aber er verzog keine Miene, wenn er auch schauderte in den nassen Kleidern; er machte ein Gesicht, als gälte es, sich vor den eigenen Leiden zu verstecken. Unten gluckste das Wasser; wenn man lange hinlauschte, war es, als plauderte es immer in demselben müden Rhythmus mit hellen, wiederkommenden Lauten.

In diesem Augenblick hatte er eine seltsame Erscheinung. Aus dem Wasser hob sich ein Körper, die Arme breit in die Luft gestreckt, das Gesicht fast sehnsüchtig nach oben gerichtet. Lautlos wuchs die Gestalt herauf und die Arme Muskeln schwollen wie unter einer gewaltigen Anstrengung. Und daneben zeigte sich ein kleines Männchen, spitz, winzig, mit einem gefälligen Grinsen auf den Zügen, in beständigen Verbeugungen begriffen, und er reichte der großen Gestalt die Hand. Aber wie diese die Hand nahm, sank sie tief und tiefer ins Wasser, wich angstvoll zurück, strauchelte und verflüchtigte sich im Dunst, der in der Ferne über dem Wasserspiegel lag. Mit vorgestrecktem Hals starrte Agathon hin und atmete tief auf, als er dann nichts weiter sah als die glatte Fläche, und kein Geräusch weiter vernahm als das klagende Glucksen des Wassers.

Als es zu dämmern anfing, wurde ein klatschender Ruderschlag hörbar. Elkan Geyer kam. Agathon zögerte nicht (umsoweniger, als sein Vater allein war) und ließ sich, nachdem er flüchtig den Horizont abgeguckt, ins Boot hinab. Sie fuhren heim auf der stillen Fläche, über die es langsam hindunkelte, und sie sprachen kein Wort miteinander. Die Krähen flogen ums Boot, lautlos und geängstigt, und bisweilen war das Wasser von einer Schicht gelber Blätter bedeckt. Die Röte am westlichen Himmel glich einer schmalen Schleife und wurde zusehends trüber und einige Wolken lagerten dort, die großen, sensenschwingenden Männern glichen. Am Kirchhof landeten die beiden, schritten die kotige Straße des Dorfes hinauf und waren bald daheim: in diesem kleinen, grüngestrichenen Häuschen, das dem Verfall keinen Widerstand mehr bot und in jedem Augenblick zusammenzubrechen schien. Das Dach drückte schwer auf Giebel und Mauern, und die Fenster waren so unregelmäßig gebaut, daß sie leicht den schielenden Augen eines Menschen zu vergleichen waren. Elkan Geyer schritt durch den langen, finstern Gang mit den brüchigen Ziegelsteinfließen, an vielen Thüren vorbei in die Kammer, wo die Obstvorräte und Spezereien für den kleinen Kramladen aufgestapelt lagen. Eine sonderbare Mischung von Gerüchen herrschte da: es roch nach frischen Äpfeln und nach alten Stoffen, nach schlechter Schokolade, nach eingemachten Früchten, nach Essig und nach Konserven, nach geräuchertem Fleisch und nach Kaffee. Dazu lag feiner Mehlstaub in der Luft, und düster-grünes Tuch war über große Kasten gebreitet.

Agathon war seinem Vater gefolgt, der den Kerzenstumpf anzündete und dann bekümmert in das dürftige Flämmchen schaute. Mit seiner müden Stimme begann er zu reden, daß ihm wohl sein Ältester das Leben leichter machen könne, als er es thäte, und wie er, Agathon, sich eigentlich die Zukunft vorstelle? Daran läge jetzt alles, mehr als alles; das sei bitter ernst und er, Elkan, werde ja jetzt alt und es werde ihm schon schwer, das viele Schulgeld aufzubringen. Auch dürfe er sich ja nicht schlecht benehmen gegen Sürich Sperling, denn er, Elkan, sei tief verschuldet bei diesem Mann, so daß er sich keinen Rat in der Welt mehr wisse. Niemand wolle helfen, auch der Großvater nicht, Enoch Karkau, der es doch sicherlich vermöchte. Elkan Geyer sagte gewiß mehr, als er beabsichtigte; er bemerkte endlich, wie Agathons Glieder zitterten, vielleicht nicht nur der nassen Kleider wegen. Schnell gebot er ihm, sich umzukleiden, aber er solle es so anstellen, daß die Mutter nichts merke.

Gedankenvoll ging Elkan Geyer hinaus in den kleinen Hof, der zwischen Haus und Gemüsegarten lag, und trotzdem es schon ziemlich dunkel war, traf er seinen alten Schwiegervater noch bei der Arbeit. Enoch Karkau war zweiundachtzig Jahre alt, aber er übte noch immer sein Handwerk als Seiler aus. Er wanderte noch täglich den langen Weg nach Fürth, war schweigsam und mürrisch, und niemand konnte ihn auf mehr als sechzig schätzen. Zu keiner Zeit hatte er eine Nacht unter fremdem Dach geschlafen, niemals hatte er für länger als zehn Stunden das Dorf verlassen. Hier war ihm jeder Stein bekannt und die ganze übrige Welt war für ihn ein Gleichnis. Er kannte keine Sehnsucht als die nach dem Gold, und Gefühlen anderer Art war er gänzlich verschlossen. Die Welt, in der er lebte, veraltete ihm nicht, und er dachte auch nicht an den Tod. Er war fromm, d. h. er ging allmorgendlich zum Gottesdienst, sowie jeden Abend, um den Tallis, den er seit neunundsechzig Jahren um die Schultern legte, von neuem zu küssen und das halbzerfetzte Gebetbuch mit den braungewordenen Blättern von neuem aufzuschlagen. Das war für ihn eine tote Pflicht geworden, über die man nicht nachdenkt. Der Lauf der Welt war ihm gleichgültig. Die Stürme, die um die Mitte des Jahrhunderts die Völker hatten erbeben lassen, der Bürgerkrieg im Innern achtzehn Jahre später, er hatte kaum danach gefragt; der Kampf der siebziger Jahre, obwohl er einen Sohn dabei verloren hatte, war für ihn ein „Muschikaam“ gewesen, eine Narretei. So hatte er sein langes Leben gelebt und war alt geworden.

Einige Sterne zuckten unter schnellen Wolken auf. Die Luft war satt von Feuchtigkeit und hatte etwas Durchdringendes. Das Laub des wilden Weins war blutrot und leuchtete selbst durch die Dunkelheit. Von der „gläsernen Burg“ her erschallte das Geschrei der Zecher, und einer war es, der mit simpler Geduld und in flennenden Tönen immerfort dieselbe Melodie sang: spinn’ spinne Töchterlein. Die Abendglocken begannen zu läuten; bald klang es fern, bald klang es nah, und jeder, der auf der Straße ging, klaubte sich unwillkürlich seine eigene Weise zusammen aus den abgehackten Tönen.

Enoch Karkau hatte eine kleine, verrostete und verbogene Laterne angezündet, holte eine Wanne herbei, die mit Schafsdärmen angefüllt war, und bedeckte sie mit einem runden, tellerartigen Holzsturz, den er zur Beendigung seines Tagewerks mit Fugen für die Henkel des Bottichs versehen hatte.

„Nun, Vater“, flüsterte Elkan Geyer und sah ängstlich auf die Hände des Alten, die mit großen, braunen Flecken und langen Haaren bedeckt waren.

Enoch schwieg.

„Und wenn’s Jette erfährt?“ murmelte Elkan. „Schließlich ist sie doch dein Kind.“

„Sie waaß ja nix,“ erwiderte Enoch mürrisch.

„Sie wird’s bald wissen. Sürich Sperling ist ein Halsabschneider.“

„Wärst nit leichtsinnig gewesen. Mer hätten kei Scheuer zu bauen gebraucht. Was haste nu? Ich kann der nit helfen. Ich ha ka Geld.“

Elkan rang stumm die Hände. Dann sagte er: „Du hast so vielen das Messer an die Gurgel gesetzt, Vater. Da kann ich’s begreifen, daß du gegen deine Kinder so bist.“

Enoch richtete sich langsam auf und machte eine abwehrende Armbewegung. Gleich darauf ging er ins Haus. Die Laterne zitterte in seiner Hand und sein Schatten schwankte hinter ihm auf dem schwarzen Erdreich.

Im Zimmer vorn rauchten die Kartoffeln auf dem Tisch, und zwei Heringe lagen in gelber Sauce in einer großen Schüssel. Die Kinder hatten Teller von Blech vor sich, die alt waren und unappetitlich aussahen. Nur die Magd und Frau Jette hatten Porzellanteller. In der großen Ofennische brodelte singend der Kaffee, und sein Geruch vermischte sich mit dem übergelaufener und verbrannter Milch. Das Zimmer war niedrig und schwül, und eine von Tagen aufgehäufte Unordnung herrschte. Die Möbel schienen schief zu stehen, die Dielen waren rissig, und zu den gardinenlosen Fenstern schaute unbehindert die schwarze Nacht oder wer sonst noch wollte herein. Und doch zeugte alles von der Hand einer unermüdlich scheuernden Hausfrau, die nur zu schwach war, das Reich, das man ihr gegeben, völlig zu regieren. Sie beherrschte auch ihre Kinder nicht, das sah man schon an den Gesichtern der Kinder, die so unbekümmert dasaßen, als ob sie niemandem zu gehorchen brauchten. Sie nahmen sich selbst Kartoffeln so viel sie wollten und Butter und Brot, und wenn eines ein größeres Stück Häring erwischte, erhob das andere ein neidisches Zetergeschrei. Eine Katze schlich unter dem Tisch herum, rieb sich an den Stuhlbeinen und stieß bisweilen ein leises und begehrliches Miauen aus, wozu die Kinder und die dicke Bauernmagd schadenfroh kicherten. „Wo ist Aga, Mama?“ fragte der Knabe, ein lockiger Pausback von fünf Jahren. Frau Jettes Mund verzog sich zu einem ärgerlichen Grinsen. „Red nicht, wenn du’s Mund voll hast!“ schrie sie und schlug mit der Faust auf den Tisch. Wie alle Frauen, die von ihren Kindern tyrannisiert werden, suchte sie durch grundlose Heftigkeit ihre Schwäche zu bemänteln. Enoch Karkau kam mit müden, tappenden Schritten herein, pustete sein Laternchen aus und stellte es in einen dreieckigen Eckschrank, der zugleich als Waschbehälter diente, wusch sich die Hände und sprach das übliche Gebet. Niemand beachtete ihn. Da er den Tisch besetzt fand, ließ er sich schwer in die Ecke des Ledersofas fallen, seufzte und sah mit glanzlosen Augen in das Ofenloch, aus dem der purpurne Feuerschein zitterte. „Warum singt denn der Mann immer, Großpapa?“ fragte der Pausbäckige. Enoch grunzte und schüttelte den Kopf. „Was singt er denn, Großpapa?“ – „Sei still!“ schrie Frau Jette heiser und erregt und klopfte mit zwei Fäusten auf den Tisch, daß alles klapperte. „Spinn’ spinne Töchterlein, singt er,“ flüsterte dem Pausbäckigen schüchtern die ältere Schwester zu, Mirjam, ein Kind von wunderbarer Schönheit. Plötzlich sprang Enoch auf, ergriff mit einem Satz das Kätzchen bei seinem aufgerichteten Schwanz, öffnete die Thüre und warf das quietschende Tierchen heftig an die gegenüberliegende Flurwand. Gerade trat Elkan Geyer auf die Schwelle, warf dem Alten einen schmerzlichen Blick zu und nickte.

Eine Fensterscheibe erbebte und klirrte leise. Aller Blicke wandten sich dorthin. Mirjam stieß einen Schrei aus und legte die Händchen vor die Augen. Frau Jette blieb der Bissen im Mund stecken. „Sürich Sperling“, murmelte Enoch. In der Tat war es das rote Gesicht des Wirts, das zu einer breiten, gräßlichen Fratze verzerrt, augenlos und mit plattgedrückter Nase hereinstierte. Elkan Geyer wurde totenbleich und machte einen Schritt gegen das Fenster. Da war Sürich Sperling schon wieder verschwunden. Jubelnd sprang Mirjam, die alle Leiden schnell vergaß, dem Vater in die Arme, der das Kind aufhob und es leidenschaftlich küßte. Die Magd kicherte ohne Grund in sich hinein, und Enoch schlich wieder in seinen Sofawinkel, um geduldig zu warten, bis die Zeit für ihn kam, um zu essen.

„Wo ist Aga?“ fragte jetzt auch Frau Jette und blickte ihren Mann forschend an. Elkan Geyer sah sich erstaunt um, stellte das Kind auf die Erde, und ein Schatten rätselhafter Besorgnis ging über seine Stirn. Er öffnete die Thür und rief in den Flur: „Agathon! Agathon!“ Nichts antwortete dem Ruf, und die Stille im Haus erschien groß und drückend. Die Kinder schwiegen am Tisch, selbst die dicke Magd hatte aufgehört zu kichern und Elkan lauschte und lauschte und hörte nur das Ticken der Pendeluhr im Zimmer. Er hatte eine unbestimmte Angst und dachte nicht weiter, als wie seltsam dieser Name sei, wenn man ihn laut rufe: Agathon. Frau Jette wollte hinausgehen, um zu suchen. Aber Elkan hielt sie zurück, schlug murrend die Thür zu und setzte sich an den Tisch, um zu essen.

Nach einer halben Stunde stürzten die Rosenaus Mädchen herein: mit fliegenden Haaren, überreizt lachend, atemlos. Sie waren immer aus irgend einem Grunde atemlos. Ihnen folgte ihr Bruder Isidor: würdig, ernst, gemessen. Die Mädchen sprachen den Bauerndialekt der Gegend, was von den wilden und südlichen Zügen ihres Gesichts wunderlich abstach. Sie ließen sich in allen Dingen völlig gehen, während Isidor sich einen städtischen Anstrich zu geben bemüht war. Er trug einen steifen, englischen Hut, Kravatten nach der neuesten Mode, umgestülpte Hosen und hellgelbe, obwohl kotbedeckte Schuhe. Seine Finger waren von Ringen jeglicher Façon bevölkert, und seine Uhrkette war schwer von goldenem Behängsel. Er hatte etwas Impertinentes in seinem Wesen wie ein Mensch, dem nichts in der Welt mehr neu sein kann; er ging in der Stadt am liebsten dorthin, wo man ihn nicht kannte, denn nichts beglückte ihn mehr, als wenn man ihn für keinen Juden ansah. Die Mädchen küßten die Kinder der Reihe nach ab, und Isidor machte einen Witz und sah sich um, ob niemand lache. Klara Rosenau berichtete hastig die neueste Neuigkeit: ein junger Mann sei seit gestern im Dorf, dessen Verwandter die Ziegelei kaufen werde. Er sei sehr schön und heiße Stefan Gudstikker, doch niemand wisse, was er sei, noch was er wolle. Bei der Nennung des Namens begann Frau Jette zu zittern, lehnte sich kraftlos zurück und schloß die Augen. Die Mädchen sahen es nicht; sie bemerkten nichts in der Welt, was nicht sie selbst betraf.

Elkan Geyer und Isidor standen beim Ofen und flüsterten miteinander. Der schwächliche und furchtsame Elkan schien von einer wilden Beredsamkeit ergriffen, aber Isidor zuckte fortwährend die Achseln, und sein Gesicht wurde grausam und kalt. „E betuchter Mann, dei Schwiegervater, boruch ha schem,“ bemerkte er höhnisch.

„Und wenn er mir das Haus weg nimmt und das letzte Stück Brot, zuletzt findet sich immer noch ein Ausweg. Gott wird helfen.“

Isidor lächelte kühl und flüchtig und klimperte mit den Thalern in seiner Tasche. Und Elkan Geyer fuhr fort: „Der Sürich ist nicht wie Gläubiger sonst, das muß man nicht glauben. Es ist ein eigner Geist in ihm. Rastlos kommt er herein und in seinen Augen funkelt’s vor Haß. Er kommt herein, streckt seinen Hals, lacht oder knipst mit den Fingern. Ich weiß nicht was es ist, er ist unheimlich, jawohl, aber er hat etwas Edles an sich.“

Die Frauen und die Kinder unterhielten sich abseits. Nur Enoch blickte starr auf die beiden Männer und sein gelbes Gesicht mit dem struppigen Bartrand schien ganz versteinert zu sein. Er grämte sich auch darüber, daß man ihm nichts zu essen gab und weil alle seiner vergaßen wie eines abgebrauchten Hausrats. Sie lauern auf meinen Tod, dachte er, aber den Gefallen will ich ihnen nicht thun. Das Kätzchen miaute vor der Thür. Er hörte es nicht; in dunklen Bildern stieg Vergangenes herauf und mischte sich sonderbar fremd mit Bildern des Tages.

„Ach ja, euern Aga habe ich gesehen!“ rief plötzlich Helene Rosenau ganz laut. Auf einmal schilderte sie da ein ganzes Drama, und alle lauschten erregt. Sie suchte sich durch das Feuer ihrer Rede gleichsam für den Leichtsinn zu entschuldigen, der sie den Vorfall so lang hatte verschweigen lassen.

Sürich Sperling stand an seinem Haus am Kirchenplatz. Das Haus war beleuchtet vom hellen Feuer der Schmiede gegenüber. Das kleine Lämelche Erdmann ging vorüber, das schon seit dreißig Jahren die Gebete in der Spitalschule las. Es schlenkerte so daher, und das Köpfchen wackelte hin und wackelte her, und Sürich Sperling rief, es solle zu ihm kommen. Und als das Lämelche sich furchtsam aus dem Staub machen wollte, ging Sürich hin und zog es bei den Ohren zu seiner Treppe. Er stierte dem Kleinen lange in die Augen, und sein rotes Gesicht wurde blaß, ja es erhielt für diesen Augenblick etwas Hoheitsvolles; sein Mund begann zu lächeln, – schmerzlich. „Hin ist hin,“ sagte er und machte mit dem Arm eine unbestimmte weite Gebärde. „Ich bin ein Mann, mit dem’s die Welt verdorben hat. Wenn ich einen Juden seh’, kocht mein Blut, das muß ich noch büßen. Ich kann die Juden riechen, wie der Hund das Wild. Schmied komm mal rüber, leg’ den Kerl da unter deinen Amboß.“ Der Schmied trat heraus ins Freie und nickte Sürich freundlich zu, der den Kopf des Lämelche niederzog, daß das Männchen zu schreien anfing. Jetzt kam Agathon Geyer aus dem Schatten des Brunnens, stürzte auf den Wirt zu und spie ihm ins Gesicht. Sürich Sperling ließ sein Opfer los, packte Agathon, nahm ihn wie ein Paket und verschwand mit ihm im Haus. Der Schmied lachte, die Mägde am Brunnen lachten auch; stets fanden sie den Sebalderwirt überaus spaßhaft.

Aber er war in Wahrheit ein prächtiger Mensch. Er war gebaut wie ein Steinbild. „Er ist ein Germane, das Urbild des Germanen,“ sagte Professor Brünotte in Fürth. In ihm schien sich alles Glänzende und Rohe, alles Kraftvolle und Plumpe der Rasse vereinigt zu haben. Er liebte und haßte ohne Rechenschaft und Künstelei, ohne Berechnung und Überlegung. Er haßte die Juden unbeschreiblich; jede Gebärde, jeder Ton der Stimme, jede Handlung regte ihn auf wie Wein. Es war unerhört und wunderlich; keines Menschen Erfahrung wies einen ähnlichen Fall auf. Er war ein Tier: wild, stolz, unbezähmbar, keinem Vernunftgrund der Welt zugänglich. Niemals hatte er vor einem Herrn den Nacken gebeugt; nie war er wie andere junge Leute seiner Abkunft Knecht gewesen. Es gab Leute, die sich fürchteten, wenn irgend einer von der Regierung ins Dorf kam; sie fürchteten ein Unglück für den Regierungsmann und für den Wirt. Denn Sürich Sperling verachtete den Adel und verachtete das Gesetz und verachtete den Pfaffen, und die am Ruder sitzen verachtete er. Er war ein Sohn dieser großen Natur rings umher, dieser breiten Ebene, die sich ausstreckt und ausstreckt, riesenleibig. Wenn er einen Soldaten sah, spuckte er kurz auflachend in eine Ecke. Ja, er bewirtete gar keinen Soldaten; sie bekamen einfach kein Bier bei ihm. Und doch war sein Gemüt kindlich, und er war leicht zu lenken. Oft war er rätselhaft in seinem Wesen, schrie und tobte und war innerlich traurig. Sein Vater soll ein Riese gewesen sein, und von seiner Mutter erzählt man sich seltsame Dinge, die an die Berichte über die Kleopatra erinnern. Sürich Sperling paßte nicht herein in diese Welt. „Das Urbild des Germanen“ fand kein Bett, worin es bequem ruhen konnte.

Zweites Kapitel

Kaum hatte die schwarze Helene gesagt, was sie gesehen, als Elkan Geyer mit einem schwachen Aufschrei seinen Hut vom Nagel riß und hinausrannte. Die Kinder begriffen nicht, worum es sich handelte und blickten scheu und fragend umher. Isidor stand leise und verlegen trällernd am heißen Ofen und tippte mit den Fingern an die Kacheln. Der alte Enoch war still; sein Blick hatte sich umschleiert; es war, als ob die beängstigende Stimmung von ihm ausflösse.

Elkan Geyer eilte die Gasse hinunter. Am Brunnen standen noch immer schwatzende Jungfern. Das Wasser lief plätschernd in den Trog, und der dünne Strahl war blutrot im Widerschein des Schmiedefeuers. Sürich Sperling hockte vor seinem Haus auf den Steinfließen, hatte das Gesicht zwischen die Hände geklemmt und starrte unverwandt hinüber in die Esse, vor deren Glut die Gesellen silhouettenhaft hin und hereilten. Elkan Geyer ging hin zu ihm und fragte: „Was haben Sie mit meinem Sohn gemacht? Reden Sie!“ Sürich Sperling schwieg, ja, er erhob nicht einmal die Augen. Mechanisch wiederholte Elkan seine Frage, aber der Andere öffnete den Mund nicht, machte keine Bewegung, blieb starr wie im Schlaf. Sein Gesicht hatte den Ausdruck wie bei einem Menschen, der über das Tiefste und Geheimnisvollste des Lebens nachdenkt, oder wie bei einem Kranken, dem man den Tag seines Todes vorhergesagt hat. Was ist mit ihm vorgegangen? dachte Elkan und er wagte es, diesen Feind an der Schulter zu rütteln. Er hätte nicht den Mut dazu gehabt, wenn ihn nicht Furcht und Verzweiflung getrieben hätten. Da richtete sich Sürich Sperling auf und ging schweigend ins Haus. Elkan, der sich nicht getraute, ihm zu folgen, zitterte vor Besorgnis. Er ging hinüber zu den Mägden. Ja, sagten sie, sie hätten Agathon gesehen. Mit dem Arm wiesen sie gegen die Richtung von Elkans Haus. Er schloß sekundenlang die Augen, – erleichtert, und kehrte dann seufzend den finsteren und schmutzigen Weg zurück.

Frau Jette kam ihm im Flur entgegen, und ihr Gesicht, das auch sonst von einem kranken, bräunlichen Gelb war, sah ganz erschreckend aus. Ihre Augen fragten, ihr Mund nicht. Wenn es auch fast stockfinster war, Elkan sah es doch; er bemerkte diesen irren Glanz, in dem alles Durchwühlte der Frauenseele lag. Die Rosenaus hatten sich mit banalen Trostsprüchen entfernt; wenn es wo nicht mehr munter und witzig herging, wurde es ihnen unbehaglich. „Er ist nicht da?“ stieß Elkan heftig hervor, indem er in die Stube trat und sich unruhig umsah. Niemand antwortete. Aber kaum hatte Frau Jette die Thür hinter sich geschlossen, als sie leise wieder aufging und Agathon hereintrat. Sofort gewahrten alle, selbst das kleinste der Kinder, daß in seinem Gesicht etwas war, das sie vorher nicht darin gesehen hatten. Er schlich mehr, als daß er ging, sagte weder guten Abend, noch sonst irgend eine Silbe, setzte sich auf einen der Holzstühle neben seine Schwester Mirjam, der er flüchtig schmeichelnd übers Haar strich, nahm einen der erkalteten Erdäpfel von der Platte, schälte ihn und begann zu essen. Aller Augen waren auf ihn gerichtet, aber er schien nichts davon zu bemerken. Mit bleiernem und glanzlosem Blick guckte er auf seinen Teller und aß anscheinend mit Ekel und Überwindung. An seinem Hals war eine blutige Schramme.

„Wo warst denn du?“ fragte Elkan Geyer mit richterlicher Würde und trat an den Tisch. Seine Stimme bebte. Agathon sah seinen Vater ausdruckslos an und fuhr fort zu kauen. Frau Jette hatte sich, den Kopf auf den Arm gestützt, weit über den Tisch gelegt und sah ihren Sohn durchdringend an.

„Woher hast du die Schramme?“ fragte Elkan Geyer weiter und stützte beide Fäuste auf den Tisch. Seine weichen, guten Augen begannen zu funkeln. Auch Enoch trat jetzt herzu, schob den Kopf Agathons mit der Hand so weit zurück, daß ihm das Gesicht aufwärts zugewandt war und sah ihn finster an. Agathon schlug die Augen nieder. „Woher hast du die Schramme?“ brach Frau Jette mit ihrer kreischenden Stimme aus. – „Vom Baum“ murmelte Agathon. Elkan Geyer verfärbte sich, und fing an zum Erstaunen aller andern von den Erfolgen seiner Fahrt nach Altenberg zu berichten.

Agathon erhob sich und verließ das Zimmer. „Sag’ mir nur um Gotteswillen, was der Jung’ hat! Er is meschugge, rein meschugge!“ klagte Frau Jette. Elkan stand am Fenster, wo man die Straße entlang sehen konnte. Ihm war, als sähe er den Wasserspiegel im Fernen oder spüre den feuchten, kühlen Hauch der Flut. Sein Herz wurde eng. In ihm lebte jenes hinreißende Vertrauen auf ihren Gott und auf den Kommenden, den Messias, das in allen frommen Juden schlummert, und das ihn selten verließ, – wie jetzt.

Er ging, um nach Agathon zu sehen, denn der Gedanke an ihn bedrückte seine Sinne. Er öffnete eine Thür des finstern Flurs und kam in eine kalte, kahle Kammer, wo auf einem elenden, hochbeinigen Holztisch eine Kerze stand. Agathon war über ein dickes Buch gekrümmt, die Finger in den Haaren verwühlt. Es war das Neue Testament. Kaum hatte Elkan das Buch angesehen, als er es mit einer wütenden Bewegung packte, es unter dem Ellbogen Agathons hervorzerrte, die einzelnen Blätter zerfetzte und den Band in eine Ecke warf. „Das thust du! Das thust du mir!“ flüsterte er atemlos. Agathon schwieg und wandte die Augen von denen seines Vaters nicht und veränderte nicht seine seltsam kauernde Stellung. Elkan empfand plötzlich eine unerklärliche Furcht vor ihm, setzte sich auf den Bettrand und fragte schüchtern: „Was hat er mit dir gemacht, der Sürich?“

Agathons Augen funkelten katzenhaft. Er schüttelte den Kopf und sah begierig in den schmalen Spiegel an der grünen Wand, als ob er jede Veränderung seines Gesichts studieren müsse.

„Kannst du’s nicht sagen? Deinem Vater?“

„Nein.“

„Ja, aber –!“

„Nein. – Warum hast du denn das Buch zerrissen?“

„Weil es Sünde ist, es zu lesen, Sünde gegen den Gott Israels. Woher hast du’s?“

„Sünde? Das kann ich mir nicht denken. Du sagst, Israel ist Gottes Lieblingsvolk? Er beschützt es vor allen andern?“

„Ja.“

„Das ist Unsinn, wirklicher Unsinn.“

„Agathon!“

„Ja! Das ist ja dumm. Ist es wahr, daß wir das Blut aller Völker vergiften?“

„Was für Reden!“

„Wir haben Jesus gekreuzigt und –“

„Wir –! nicht wir, Aga.“

„– aber ohne das wäre er nicht Jesus. Sie haben uns also Jesus zu verdanken.“

„Natürlich.“

„Aber das ist es,“ fuhr Agathon in einem seltsamen Gedankensprung fort, „wir haben kein Vaterland.“

„Warum nicht? Hier ist unser Vaterland! Deutschland! Uns beschützt der Kaiser und das Gesetz.“

„Aber Kaiser und Gesetz sind nicht Deutschland, Vater. Und wo man beschützt werden muß, ist man auch nicht daheim.“

„Du bist ein Talmudist. Du willst zu klug sein. Das Leben ist viel einfacher, als die Klugheit eines Knaben.“

„Ich bin kein Knabe mehr, Vater. Wenn uns das Volk lieb hätte, warum könnten wir dann nicht Offiziere sein? Aber wir sind Unebenbürtige in diesem Land und wir sind doch mehr als alle, stärker als alle!“ Wieder funkelten seine Augen und plötzlich lief ein heftiges Zittern durch seinen Körper; er stand da, sein schmales Gesicht war verzerrt, seine Hände waren ineinander gekrampft, und er stieß einen Laut des Grauens aus. Elkan blickte verstört umher, aber er gewahrte nichts. Er packte Agathon bei den Armen, schüttelte ihn und begegnete seinem ausdruckslosen, leeren, starrenden Blick.

Die Thüre knarrte, und Frau Jette kam herein. Sie sagte, ein armer Gast sei gekommen und wolle für die Nacht Unterkunft. Fast mechanisch verließ Elkan das Zimmer. Als er wiederum den Flur entlang schritt, überfiel ihn beklemmend das Gefühl seiner Not. Morgen würde ihn Sürich Sperling pfänden lassen, und selbst die kleine Krämerei, die den Bedarf für den Tag deckte, würde zu Grunde gehen. Hätte er nur seiner Kinder Geld bei Löwengard bekommen können! Doch daran war nicht zu denken.

Der Fremde, Joelsohn mit Namen, stand während der nächsten halben Stunde und murmelte Gebete; er verneigte sich mehr als hundertmal; seine Augen flogen gierig über die schmutzigen Blätter des Buches und sein Gesicht hatte einen theatralisch-inbrünstigen Ausdruck. Als er mit dem Beten fertig war, wurden seine Mienen finster und feindselig; er beantwortete alle Fragen so kurz als möglich, schaute keinem ins Gesicht und als die Magd mit den aufgewärmten Kartoffeln kam und sie kichernd vor ihn hinsetzte, wandte er sich ab und bedeckte das Gesicht mit den Händen, um nicht durch den Anblick einer Christin verunreinigt zu werden. Sein Hut, den er während des Essens aufbehielt, mochte schon ein greisenhaftes Alter erreicht haben.

Alle gingen zur Ruhe, auch der Fremde, dem man in der obern Kammer am Giebel eine Bettstätte gab. Immer klang es wie Wasserrauschen und Wellengeplätscher herein ins Dorf, überall schienen Schatten zu huschen. Der Regen strömte herab, dann war es wieder still, dann kam ein summender Wind, dann trat wieder der Mond aus den Wolken, und seine Strahlen legten sich scheu auf die Dächer und auf die Flut. Frau Jette sagte am Morgen, sie habe zweimal das Hauptthor knarren hören, aber alle lachten sie aus, besonders Isidor Rosenau, der auch schon wieder da war, „auf einen Sprung“, wie er sagte, und der Veranlassung nahm, die Existenz von „Geistern“ ernstlich zu bezweifeln. Frisches, warmes Brot stand auf dem Tisch und der Kaffee brodelte schon wieder in der Nische. Draußen lag der Herbst, jetzt schon offenbar und unverhüllt, mit bleiernem Himmel und stoßweisen Winden. Die Männer kamen herein mit den Gebetsriemen, um das Morgengebet zu verrichten, denn sie konnten nicht zur Synagoge gehen, weil der alte Vorbeter durch häßliche Zwistigkeiten und Scheelsucht, wie sie stets unter den Juden des Dorfes herrschte, daran verhindert wurde, sein Amt auszuüben.

Die Kinder kamen lachend und schwatzend, wenig eingeschüchtert durch die finstere und asketische Miene des Joelsohn. Es war noch lange Zeit bis zum Schulbeginn; nur Agathon rüstete sich zum Aufbruch; er mußte um acht Uhr in Fürth sein, und das war eine Stunde Wegs, die er täglich zweimal zurücklegen mußte. Mittags hatte er Freitische bei reichen Juden in der Stadt. Er steckte die Bücher, die er heut brauchen würde, in seinen Träger und war dabei weniger entschlossen und überlegt als sonst. Oft besann er sich lange, drückte die Augen zusammen, schaute fremd auf alle, die im Zimmer waren, auf seine Geschwister und auf seine Mutter. Er spielte im Dorf als Schüler der obersten Klasse in Fürth eine gewisse Rolle, aber es ist sicher, daß ihn das nie eitel gemacht hatte. Elkan Geyer war schon aufgebrochen, er ging über Land; wie er sagte wegen der Geschäfte, in Wahrheit nur aus Angst vor Sürich Sperling.

Während Frau Jette einen Scherz erzählte, den man dem Muhl der Gemeinde gespielt und Enoch mit großem Geräusch seinen Kaffee schlürfte, erschallte auf der Straße ein gellender, durchdringender Schrei, wie wenn einer, die Finger zwischen den Zähnen, in der Art des Metzgerpfiffs aus aller Kraft pfiffe. Dann lief der Bauer Jochen Wässerlein vorbei, d. h. er überstürzte sich fast vor Eile. Dann kam Pavlowsky, der Gendarm; er lief zwar nicht, aber er ging so schnell, wie noch niemand im Dorf ihn hatte gehen sehen. Sein Körper wurde bei jedem Schritt förmlich durchschüttelt. Isidor riß das Fenster auf und schaute hinaus; dann verließ er den Platz am Fenster, ergriff seinen steifen Hut und rannte hinaus. Agathon stand mitten im Zimmer, weiß wie ein Hemd, und ein irrsinniges oder triumphierendes Lächeln spielte um seine Lippen. Frau Jette, die sich weit hinausgebeugt, sah am Kirchenplatz viele Menschen stehen; auch vor Martin Ambrunns Wirtschaft standen sie und starrten hinunter. Der kleine Pausbäckige heulte, Mirjam lächelte verwundert und Joelsohn lächelte verächtlich.

Die Magd Kathrin stürzte herein. Der Ausdruck ihres Gesichts war nicht mehr Schrecken zu nennen; es war ein Krampf. Sie ließ die Unterkiefer herabhängen, daß der Mund weit offen stand und machte bloß Versuche, den Arm zu heben. „Was ist denn?“ fragte Frau Jette mit starrendem Herzen. Kathrin brachte kein Wort hervor. Alle umstanden sie und endlich flüsterte das Mädchen: „Sie hom en – sie hom en – erstochen!“ – „Elkan!“ schrie Frau Jette mit aufgehobenen Händen. Die Magd schüttelte den Kopf. „Naa, naa,“ brachte sie atemlos hervor, „’n Sürich Sperling heit Nacht!“ Alle schwiegen. Joelsohn und Enoch Karkau beteten. Die Kinder eilten auf die Straße, standen aber vor der Thür furchtsam still.

Agathon verließ bald das Dorf, um nach Fürth zu gehen. Er verfolgte zuerst den aufsteigenden Weg nach der Veste, und von dort aus ging er den Kamm der Hügel entlang über Dambach und die äußere Schlachthausbrücke. Er wanderte im Halbkreis um das überflutete Gelände; überall rauschte und brandete das Wasser, und wenn sich die fernen Morgen-Nebel hoben, entstanden phantastische Städtebilder. Am Schlachthaus war der Anprall der Wogen gewaltig; das Gerassel der Wagen auf der Brücke wurde verschlungen vom Dröhnen der Brandung.

Hier traf Agathon seit den acht Tagen, da er diesen Weg gehen mußte, jeden Tag um dieselbe Minute und an derselben Stelle eine Frau, die leise murmelnd daherkam, und überhaupt mehr kroch, als sie ging. Sie hatte leicht gerötete Wangen, vielleicht war sie einmal sehr schön gewesen, auch war sie nicht arm gekleidet. Erst hatte sie Agathon wenig beachtet, dann war sie ihm aufgefallen durch den hartnäckigen, bösen und trotzigen Ausdruck, mit dem sie ihren Korb schleppte. Dann begann er sie aus einem geheimnisvollen Grund zu hassen; immer wenn sie seinen Weg kreuzte, funkelten seine Augen; als er ihr einmal ausweichen wollte, begann sein Herz zu klopfen und trieb ihn förmlich ihr entgegen. Wenn er sie sah, war ihm, als müsse alles, was er an diesem Tag unternahm, zerbrechen und fehlschlagen.

Heute kam sie nicht. Er blieb am ersten Brückenpfeiler stehen und sah sich um. Sie kam nicht. Er selbst, der den ganzen Weg wie im Traum zurückgelegt, begann dadurch gleichsam aufzuwachen und fuhr sich mit der Hand über die Augen. Sein Blick ging forschend durch die aufsteigenden Gassen des Uferviertels.

Sonst wenig geneigt zu Gesprächen, redete er am Obstmarkt einen Schulkameraden an, einen kleinen, unbeholfenen Jungen, der sehr jüdisch aussah. Die beiden gingen eine zeitlang wortlos, endlich sagte der Kleine, gedrückt von dem schweigenden Wesen Agathons: „Wie sonderbar es hier riecht? Nicht? So frisch.“

„Nach Kohl,“ entgegnete Agathon sarkastisch.

„Au!“ schrie der Kleine enthusiastisch. Er war wie erlöst durch diesen anscheinenden Witz. „Hast du die salischen Kaiser gelernt?“ fragte er dann.

„Ich lerne nicht. Ich kann nicht lernen,“ murmelte Agathon. „Ich kann nicht Zahlen einpauken und Namen und Regeln, was weiß ich. Das quält mich. Wenn Bojesen nicht wäre, ich könnte nichts arbeiten, nichts denken in allen den Stunden. Das ist alles tot.“

Der Kleine schien sehr erstaunt und betreten und jammerte dann, ziemlich unmotiviert anknüpfend, daß ihm sein Bein weh thäte. Agathon wurde immer bleicher, je näher sie dem Schulhaus kamen. In allen Gassen wurden die Laden geöffnet und die Kaufleute und Commis, meist Juden, standen frisiert und frisch gewaschen vor den Thüren und Auslagefenstern, die Hände tief in die Hosentaschen vergraben. Die Commis machten jetzt sehr verdrießliche Gesichter; sie zeichneten sich alle durch energisch aufgedrehte Schnurrbärte aus und benahmen sich im ganzen, als die wichtigen Personen, die sie waren, sehr formvollendet.

Schon von weitem sah man die Schar der Schüler vor dem Schulgebäude, eine schwarze, undurchdringliche Masse. Viele standen um eine Litfaßsäule, wo eine Göttin der Vernunft auf einem grünen Plakat ein gelbes Stück Seife emporhielt, als wäre es eine Brandfackel. Die Schüler machten ihre unangenehmen Zoten über die Nacktheit der Seifengöttin. Kaum war Agathon und sein Begleiter, der jetzt seinerseits in ein philosophisches Schweigen versunken war und nur bisweilen einen schelen Seitenblick auf den Mitschüler warf, am Eck der Mathildenstraße angekommen, als eine ganze Anzahl von Klassenkameraden Agathons auf ihn zustürzte, ihn an Schultern und Armen packte und in ihn hineinschrieen: es sei doch einer ermordet worden in Zirndorf, ob er ihn gesehen habe, er solle erzählen, wie und warum es denn zugegangen sei u. s. w. Die Schüler der niederen Klassen machten respektvoll Platz und wagten am Rande des Kreises kaum ihre Ohren zu spitzen, um etwas zu erlauschen. Agathon sah sich dicht umstellt, und der Kleine sah voll naiver Furcht zu ihm auf und fragte: „Warum hast du denn das mir nicht gesagt?“

Herr Pedell Dunkelschott erschien pustend auf der Schwelle des Schulhauses, und die Schar strömte unaufhaltsam und laut lärmend in die hallenden Korridore. Der Mord beschäftigte die jugendlichen Köpfe; sie sahen die finstere Nacht des Dorfes und hörten den letzten, erstickten Schrei des Opfers. Agathon saß bald auf dem kleinen Klappstuhl, steif und still – und hörte nichts von dem Toben um sich. Ein feines, süßes Wohlbehagen kam über ihn; der Ofen summte an seiner Seite, und draußen lag durchsichtig der lichte Herbstnebel. Er sah die Landkarten und sah damit die fernen Länder, den Globus und er fühlte sich weit über der Erde. Er fühlte sich edler und älter, wie ein Mensch, der seine tiefst schlummernden Leidenschaften kennen gelernt hat.

Der Unterricht begann. Herr „Professor“ Schachno spazierte mit seinen kurzen, dicken Beinchen geziert umher und schien bisweilen im Gehen zu schlummern. Oder er summte behäbig eine stille Weise vor sich, gleichsam ein Hymnus an jene sanfte Milde, mit der er die Welt betrachtete. Seine Hauptthätigkeit bestand im Zudiktieren von Strafarbeiten. Das schien ihm das Ideal aller Pädagogik zu sein. Ein vergessenes Heft, ein schlecht gelernter Vers, ein Tintenfleck, ein unzeitgemäßes Lachen, ein unanständiges Rülpsen, das alles waren Fehler, einzig und allein ausrottbar durch das Universal Strafarbeit. Er dozierte deutsche Litteratur und sprach über Goethe so, als ob Goethe froh sein müßte, einen Sigismund Schachno als Nachgeborenen gefunden zu haben. Er summte gerade wieder und schlummerte auch ein wenig dabei, als sich Agathon Geyer schwankend erhob und mit erloschenem Blick gerade vor sich hindeutete. In seinem Gesicht lag ein tierisches Entsetzen. Alle Schüler erhoben sich bang und flüsternd. Agathon stürzte zum Podium, fiel in die Kniee, machte eine Armbewegung, als ob er die Füße eines Menschen umklammerte und sah mit brechenden Augen hinauf in das Gesicht dieser unsichtbaren Gestalt, Sürich Sperlings.

Drittes Kapitel

Niemals sinkt der Abend so still herab und so unbemerkbar, als wenn die Kirchenglocken anfangen zu läuten, fern oder nah; der Nebel sinkt wie ein haltloses Gespinst über die Dächer, gleitet an den Häuserwänden herab und umhüllt flatternd die Laternenlichter. Starr und grau liegt er in den Gärten und giebt ihnen das Ansehen eines Sees. Die Schritte scheinen leiser zu werden wie auf Teppichen.

Agathon stand auf dem nebelnassen Pflaster und schaute in eine glänzend erleuchtete Etage hinauf. Er dachte etwas verwundert nach über die Pracht und den Reichtum dieses Judenhauses, – denn in dieser Stadt gab es mehr Judenpaläste als Christenhütten, und ging dann weiter und begegnete den Juden, die aus dem Abendgottesdienst kommend, die Gebetbücher trugen und laut feilschten und handelten. Als er sie sah, fühlte Agathon, daß diese alte Religion der Juden etwas totes sein müsse, etwas nicht mehr zu Erweckendes, Steinernes, Gespensterhaftes. Er wandte seine Augen ab von diesen häßlichen Gesichtern voll Schacher-Eifers und Glaubensheuchelei.

Die Kirchweihbuden füllten den Kohlmarkt, die Königsstraße bis zur protestantischen Kirche und zum grünen Markt. Eine festestrunkene Menge wogte dort. Die Ausrufer der Schaubuden schrieen sich heiser und verdrehten den Körper, als ob sie Leibschmerzen hätten; mit gesträubten Haaren schrieen sie die Vorzüge ihrer Sehenswürdigkeiten aus. Wirr und schrill klangen die Orgeln, Pfeifen und Trompeten und das Gebrüll der Tiere drang aus der Menagerie. Kindertrompeten, Pfeifen und Ratschen erschallten, ein wüstes Summen, Surren und Johlen. Kinder mit vor Neugier bleichen Gesichtern machten sich keuchend Bahn. In den Wirtschaften gröhlten die Zecher. Aus dem Gäßchen hinterm Königsplatz drangen Fischgerüche; Heringsbratereien verbreiteten ihren Gestank. An der Glückshalle stand Kopf an Kopf in bewegungslosem Gedränge. Daneben lief ein großes Caroussel auf Schienen; es wurde durch einen sinnreichen Mechanismus in rasende Schnelligkeit versetzt. Man sah dann nur schattenhafte Gestalten, verzerrte Gesichter und hörte bacchantische Schreie. Unter den Leinwanddecken des Zeltes brannten Pechfackeln; es sah aus wie eine Höhle, die von schwarzem, schwälendem Rauch durchzogen war wie von mattglänzenden Schleiern.

Agathon schob sich durch die Massen, während seine Seele wunderbar warm und gerührt wurde. Ein heißes und ziehendes Heimatsgefühl erfaßte ihn; alle Farben empfand er doppelt intensiv. Er hatte freudige Augen für das, was rings um ihn her geschah und sah die vielen Gegenstände, die allenthalben zur Schau geboten wurden, mit zärtlichen Blicken an, als könne jene Linie in ihrer Form die Wärme seines Innern steigern. Er sah viele bekannte Gesichter, ohne sich bewußt zu werden, daß er sie irgendwo gesehen. Er stand am Kasperl-Theater und schaute den belanglosen Rüpelstücken der Holzpuppe zu; ein alter Arbeiter mit grauem Lockenhaar und fast antikem Profil, offenbar ein Italiener, stand neben ihm und wollte schier sterben vor Lachen. Die Kirchenglocke begann wieder zu läuten. Bestürzt blickte Agathon an dem hohen Turm empor.

Der Ausrufer des Wachsfiguren-Kabinets strengte sich vielleicht mehr an, als all seine Kameraden. Mit krebsrotem Gesicht schrie er, verdrehte die Augen und warf hin und wieder seinem Gegenüber, dem Ausrufer des Flohtheaters wütende Blicke zu. Dann läutete er, gab der Orgel einen Wink, sich bemerkbar zu machen und die korpulente Dame am Kassatisch stützte schwermütig das dunkle Haupt in die Hand. „Hier kann man sehen die Passion Christi, unseres Heilands, in siebzehn Stationen, – großartig, meine Damen und Herren, großartig!“ schrie der Krebsköpfige, der sich nur noch in bellenden Lauten vernehmlich machen konnte.

Wie von einer Faust gestoßen, bestieg Agathon das Podium; zahlte zwanzig Pfennig, das einzige Geldstück, das er besaß, und verschwand hastig hinter der braunen Portiere.

Tiefaufatmend stand er in der dumpfen Luft des Innenraumes. Nur wenig Leute gingen mit scheuen Schritten umher. Gegen eine scharlachrote Wand hoben sich sanft die Gruppen der Leidensstationen ab. Das gleichmäßige und beruhigende Licht milderte das Starre der Wachsgebilde. Es war etwas Stilles, Erhabenes, Heiliges über den Gestalten, etwas das zur Anbetung drängte. Ferne Zeiten stiegen langsam herauf, und es war, als ob die Schicksalsgöttin träumend die Augen aufschlüge, um den Beschauer bestürzt und versonnen zu machen. Das ist der Heiland, dachte Agathon befremdet, als er vor dem Bild der Kreuzabnahme stand. Er preßte die Hände zusammen und dachte nach. Freunde und Eltern kamen wie eine Reihe vorbereiteter Wandelfiguren an ihm vorbei und die toten Gebilde vor ihm wurden lebendig. Er lächelte traurig und begriff, daß er um etwas betrogen worden war, ohne daß er es hatte hindern können.

Draußen war der Nebel dichter geworden. Viele Buden wurden geschlossen. Agathon ließ sich stoßen und schieben, bis er in dunkle, unbelebte Gassen kam. Immer eiliger ging er, und seine Gedanken wurden immer quälender. Unversehens stand er vor der Claußschule, wo sich nur die frömmsten Juden zum Abendgebet versammelten. Ein Lächeln, dessen Bedeutung er selbst nicht begriff, glitt über seine Züge, und er trat in das dunkle, düstere und niedrige Gemach. Der Vorbeter an seinem kleinen Pult lallte mit zitterigem Stimmchen das Schlußgebet. Es lag etwas Gläubiges in der Art des Chassans; sonst waren nur verbissene, steinerne Gesichter hier, voll von einer jahrhundertalten Grausamkeit, voll Haß, Erbitterung und zelotischem Glaubenseifer. Agathon sah es. Zum erstenmal in seinem Leben wurde ihm klar, daß Jude sein eine Ausnahme sein heiße; zum erstenmal hörte er diese hebräischen Formeln mit Unsicherheit und Groll und er glaubte sich in einer Art von Zelle, wo man verderbliche Verschwörungen anstiftet.

Der Schweiß perlte auf seiner Stirn, als er die Stube verließ. Als er auf die Straße trat, prallte er erschrocken zurück. Stefan Gudstikker stand dicht vor ihm und schaute angestrengt gegen ein erleuchtetes Fenster hinauf. Die Gasse war sehr eng, daher mußte er den Kopf weit zurückbiegen. Indem er noch gegen die Mauer nach rückwärts schritt, stieß er plötzlich an den regungslos dastehenden Agathon, bat um Verzeihung und griff geschmeidig an den Hutrand.

„Ach, Sie sind ja der junge Mann da, – Sie sind es doch? Sie sind doch neulich bei der Bootfahrt –“ Die schwarzen Augen hinter den Gläsern leuchteten flüchtig, fast drohend auf. „Sagen Sie mal junger Mann, haben Sie vielleicht ein Streichholz bei sich?“

In diesem Augenblick kam raschen Schrittes ein Arbeiter mit brennender Cigarre aus dem Thor. Gudstikker bat ihn mit etwas übertriebener Höflichkeit um Feuer. Dann ging er an Agathons Seite weiter. „Was meinen Sie denn zu der geheimnisvollen Geschichte da mit dem Mord?“ sagte er, den Rauch mit geblähten Nasenflügeln in die nebelerfüllte Luft blasend.

„Ich?“

„Ja, – natürlich.“

„Ich weiß nicht.“

„Es interessiert Sie wohl gar nicht? Sie thun wenigstens so. Wo gehn Sie denn hin?“

„Zu Baron Löwengard.“

„So? Was wollen Sie denn dort?“

„Ich darf dort zu abend essen!“ erwiderte Agathon bissig.

Gudstikker lachte laut.

„Ja, Dienstag und Freitag. Da übernacht’ ich auch dort, weil Mittwoch und Samstag die Schule schon um sieben beginnt.“

„Das alles dürfen Sie? Sogar übernachten? Komisch. Ist das ein Jude, dieser – Baron? Natürlich. Sagen Sie mal, – Ihre Eltern sind wohl sehr arm?“

„Ja.“

„Auch der Alte, der Seiler, Karkau oder wie er heißt –?“

„Ja.“

„Wie alt sind Sie denn? Sechzehn?“

„Siebzehn.“

„Na, um so besser. So kennen wir uns also. Ich heiße Gudstikker. Rufname: Stefan. Geboren 12. Mai 1859. Sonntag Nachmittag. Verrichtung unbekannt. Der Mord interessiert Sie also nicht?“

Agathon blieb stehen und lehnte sich an die Mauer.

„Ich weiß Einiges und möchte gern mehr erfahren. Sie sind ein stolzer, junger Mann, das ist mir klar. Aber nun erzählen Sie einmal, was hat Sürich Sperling damals getrieben? Er nahm Sie unter den Arm und ging mit Ihnen ins Haus. Sie rührten sich nicht. Andere hätten gezappelt wie ein Fisch, jawohl, wie ein Fisch. Ich habe ja alles gesehen vom oberen Stock. Ich wohnte ja in St. Sebald.“

Schweigend gingen beide weiter.

„Nun reden Sie doch,“ begann Gudstikker wieder und stellte den Kragen seines Mantels in die Höhe. „Ich würde ja schweigen. Ich kannte den Sürich Sperling schon lange. Wer ihn umgebracht hat, muß ein Vogel oder ein Genie von Verbrecher sein. Ein Genie, jawohl. Er hatte einen Stich in der Brust, nicht größer wie ein Schlangenbiß. Der Thäter ist am Weinlaub heraufgeklettert wie ein Mondsüchtiger, – Thatsache! hat sich durch ein schmales Fenstergitter gezwängt und hat nichts geraubt, absolut nichts. Fatale Sache. Mir wär’ es ja gleichgültig, aber Sürich Sperling war kein gewöhnliches Exemplar der Species Mensch. Er konnte lumpen durch sieben Nächte, ohne Schlaf zu fühlen. Wenn er müde wurde, setzte er sich einfach in einen Stuhl, schloß für zwanzig Minuten die Augen und dann wußte er von sich und der Welt nichts mehr. Erhob er sich wieder, so war er so frisch wie vor den sieben Tagen. Einmal, als er melancholisch geworden war, ging er auf seinen Speicher und zertrümmerte mit der nackten Faust Kisten und Kasten und Bretter um sich her. Seinen Hund, wenn er unfolgsam war, schlug er halbtot, und danach konnte er sich hinsetzen und heulen wie ein kleines Mädchen. Bis vor sechs Jahren hatte er überhaupt keine Frau berührt und als es kam, wäre das arme Weib ihm fast in den Armen gestorben. Das war ein Mensch!“

Wieder entstand ein langes Schweigen. Agathon wurde durch das ganze Wesen Gudstikkers förmlich verwundet. Seine Geschwätzigkeit beunruhigte und jede Geste erschreckte ihn.

„Wie heißen Sie denn eigentlich?“ fragte Gudstikker.

„Agathon.“

„A – ga – thon –? Agathon Geyer?“

„Ja.“

„Seltsam. Wie kommen Sie zu dem Namen. Agathon ... So hieß mein Vater. Sonst weiß ich keinen im ganzen Kreis und ich bin doch bekannt wie ein bunter Hund. Na gleichviel.“ Wieder eine Pause. Dann wurde Gudstikkers Stimme gütig und mütterlich. „Sehen Sie, Sie gefallen mir. Ich weiß kaum warum, aber vielleicht steckt etwas in Ihnen, was in mir nicht steckt. Sie sind ein Jude. Bei den Leuten giebt es manchmal Individuen von wunderlicher Kraft. Besonders in Ihrem Alter. Daran mag es liegen. Wenn sie so jung sind, ist ihre Seele von einem reinlichen, unbeschmutzten Feuer erfüllt. Sie sind starke Träumer, möchten die Welt aus den Angeln heben und wissen doch nichts von der Welt. Wenn sie es nur wüßten! Gehen Sie hin, Agathon, wecken Sie Ihr Volk auf. Sagen Sie, wach auf mein Volk, wie der Prophet in der Bibel. Dann werden auch die Deutschen erwachen, besonders da oben im Norden, – wach auf Norden! Eins oder das andere wird dann totgeschlagen. Na gleichviel, was scheren mich die Philosophen. Glauben Sie, daß es heut’ nacht regnen wird?“

„Ich weiß nicht. Vielleicht doch. Vielleicht schneit es. Vielleicht auch nicht.“

„Ah, Sie sind boshaft. Na gleichviel. Ich muß Ihnen sagen, es ist nicht Neugierde, wenn ich Sie vorhin fragte, was Sürich Sperling mit Ihnen gemacht hat. Auch nicht Teilnahme. Nun, werden Sie nur nicht wieder ungeduldig. Stellen Sie sich die Nacht vor, die laue Herbstnacht und die Situation! Später kam Sürich in mein Zimmer, bleich, erregt, und sprach von gleichgültigen Sachen. Er erzählte von der Ziegelei, die der Vater meiner Braut jetzt gekauft, und plötzlich legte er sich auf mein Bett und sagte keine Silbe mehr.“

„Keine Silbe?“ fragte Agathon mechanisch.

„Ganz so. Nach fünf Minuten stand er auf, ging vors Haus und dort saß er dann wieder zwei geschlagene Stunden, ohne sich zu rühren. Um neun Uhr ging der Schmied heim und rief ihn an. Wer aber nicht antwortete, war Sürich. Und wer um zehn Uhr in sein Zimmer stolperte, ohne sich um die Wirtschaft zu kümmern, war Sürich. Nun, am Morgen war das „personifizierte Germanentum“ tot und das Rätsel ist, wer es umgebracht hat. Wenn nicht die Eisenstäbe am Fenster verbogen wären und das Weinholz demoliert, ich würde glauben, er selbst – nun, nun, was ist denn los?“

Agathon hatte mit den Händen Gudstikkers Arm umklammert und schwankte, als ob er zu Boden sinken wolle. Gudstikker schüttelte den Kopf und warf den Cigarettenstumpf weit über die Gasse. Agathon blickte ihn gespannt an beim matten Schein des Straßenlichts, als ob er sein Gesicht nie wieder vergessen wollte und ging dann weg, ohne ein Wort zu sagen, dem Löwengard’schen Palast an der nächsten Ecke zu. Scheu betrat er das breite, lichtgebadete, mit schweren Teppichen belegte Vestibül. Der Plafond und die Wände waren von Künstlerhand mit Darstellungen aus der antiken Mythologie geschmückt. Vor ihm stand wie eine lebende Gestalt Kassandra, den Arm gegen das brennende Troja erhoben. Sie war fast nackt, die Brüste waren geschwellt von Haß. Stets mußte Agathon die Augen vor dem Bild niederschlagen. Die dem Juden angeborene Scham vor dem Nackten ging bei ihm bis zu physischem Schmerz. Auch wurden seine Sinne oft wild erregt, wenn er in der Nacht sich des Bildes erinnerte.

Stefan Gudstikker hörte fast nicht auf, den Kopf zu schütteln. Dann wandte er sich nach der Friedrichstraße, lauschte mit gesenktem Kopf auf das Stimmengewirr aus den Gasthäusern, das mit dem Wimmern der Geigen und dem Fistelgesang der Harfendamen vermischt war. Schweigend zogen Musikanten an ihm vorbei und der Älteste zählte immer die Tageseinnahme. Gudstikker sah das alles mit den Augen des Beobachters, der sich freut, daß ihm nichts von den kleinsten Dingen des Lebens entgeht und den die Gewohnheit des Scharfsehens dazu verführt hat, den ganzen reichen, vielgestaltigen Bau der Wesen in einige Weisheitssprüche zu schachteln.

Der kalte Glanz des Mondes brach hervor. Gudstikker ging am Rand der Anlage auf und ab, rauchte unablässig und spähte gegen die Straßenflüchte. Die Turmuhren schlugen acht, kreischend fielen die Rollläden herab, die kleinen Ladnerinnen eilten kichernd von dannen, und die Commis drehten die gesunkenen Schnurrbartspitzen wieder empor.

Endlich kam sie, Käthe Estrich. Mit schwachem Lächeln hing sie sich an den Arm ihres Verlobten und schmiegte sich an ihn. „Denk, ich konnte kaum kommen. Der Vater hat so geschimpft über dich. Du seiest zu nichts gut in der Welt. Sie plagen mich immer mit dir und quälen mich. Ach, wenn du doch berühmt würdest, Stefan. Bist du bös? Bitte, nicht bös sein! Ich hab’ ja nur dich, nur dich allein.“

„Ich bin nicht bös, aber du darfst nicht so dumm reden. Wie geht’s dir?“

„Schlecht.“

„Warst du beim Arzt?“

„Nein.“

„Nein! – Wenn dein Herr Vater sich besser um dich gekümmert hätte, das wäre eine größere Heldenthat, als über mich schimpfen. Aber unser ganzes Bürgertum ist borniert darin. Von hundert Mädchen sind neunzig bleichsüchtig und lebensmüd.“

„Ach, Stefan, ich möchte sterben, – mit dir.“

„Sterben! ja, wenn es sonst nichts wäre, als eben sterben. Mein Gott!“

„Du bist so kalt mit mir!“ flüsterte Käthe und schauerte zusammen, als ob diese Kälte sie frösteln mache. „Ich muß wieder heim,“ fuhr sie mit derselben leisen Stimme fort; „ich wollte dich nur sehen.“ Gudstikker mußte sie fast tragen. Als sie am Ziel waren, küßte er sie flüchtig auf die Wange und ließ sie allein.

Am jüdischen Waisenhaus, wo er vorbeikam, waren alle Fenster schon dunkel. Unter dem Portal stand ein Knabe in Lumpen, kotbedeckt, verwahrlost. Doch zwei klare Augen blickten mit seltsamer Treuherzigkeit empor in das erleuchtete Treppenhaus. „Wie heißt du?“ fragte Gudstikker und beugte sich herab zu dem Kind, das seine Finger in den Mund steckte und verlegen zu Boden sah. „Wie heißt du?“ wiederholte er fast streng.

„Weiß nicht.“

„Wem gehörst du denn?“

„Weiß nicht.“

„Wo ist denn deine Mutter?“

„Tot.“

„Aber dein Vater?“

„Auch tot,“ sagte der Knabe und machte eine Handbewegung, die das größte Erstaunen ausdrücken sollte.

„Aber was thust du da?“

Der Knabe drückte sich scheu an ihn und fragte bang: „Gell du bist der Herr Jesus?“

Da erschallte ein herzzerreißendes Schreien im Innern des Waisenhauses. „Hörst? Hörst?“ machte der Knabe, streckte die Arme von sich und begann leise zu schluchzen.

Gudstikker nahm das Kind bei der Hand und stieg mit ihm die Treppen hinan.

Viertes Kapitel

Wie in einem wirklichen Traum gefangen, ging Agathon in die Küche, wo es von köstlichen Speisen duftete, und aß, was man ihm an Überbleibseln und für die Tafel Unbrauchbarem gab. Dann ging er in die Bodenkammer hinauf, wo er die Nacht verbringen durfte. Von unten klang Musik herauf, Gläserklingen, dumpfe Rufe der Fröhlichkeit, das Schlürfen des Tanzschrittes, und das lange, wogende Murmeln der Gespräche. Etwas Neues und Feierliches war heute über ihn gekommen, das ihm die Welt in anderem Licht zeigte als bisher, doch war alles noch verhüllt.

Er wälzte sich lange Zeit schlaflos auf dem Strohlager und sah in die dunkle, schwere Nacht hinaus. Zuweilen erfüllte ein bitteres Gefühl sein Herz, daß er im Haus des reichen Verwandten auf Stroh unter dem Dach schlafen mußte. Denn daß der Baron ein Vetter seiner Mutter war, hatte er Stefan Gudstikker stolz verschwiegen. Er witterte in diesem Menschen einen Feind, der zugleich etwas seltsam Anziehendes besaß. Er brachte gleichsam den fremden Laut aus diesem fremden Land. Man lehrte ihn in der Schule die Liebe zum deutschen Vaterland. Da brannte ein geheimes Feuer in seinen Augen, das zu reden schien, oder doch nach einem Vaterland für ihn zu suchen schien. Oder war es dies Deutschland? Was sagte dann das stumme Abweisen in den Gesichtern der Mitschüler, oder der kühle Blick der Lehrer, wenn er Agathon streifte? Und Deutschland bemühte sich auch gar nicht so sehr, sich ihm als Vaterland angenehm zu machen. Deutschland war eben so freundlich, ihn zu dulden und er durfte dafür die große Hymne mitsingen. Aber wo war es denn, dies Vaterland, dies geheimnisvolle, liebevolle?

Er konnte nicht schlafen. Sein geschärftes Ohr vernahm durchdringender noch den Lärm des Festes und es war, als ob ihn eine Stimme riefe. Eine dunkle Sehnsucht ließ ihn zittern vor Ungeduld; er sprang aus dem Bett, warf sich wieder in die Kleider und, die Augen noch umschleiert von der Finsternis, stieg er die Treppe hinab mit dem Bewußtsein einer Schuld. Es war ihm gleich, wohin er kam; daher öffnete er im zweiten Stock eine Thüre (viel deutlicher hörte er Musik und Tanz von unten) und befand sich nun in einem großen Salon, der noch warm war von einem lang erloschenen Kaminfeuer und trotz des Dunkels glaubte er, daß Möbel und Tapeten um ihn her grün sein müßten. Er lächelte, setzte sich in einen weichen Fauteuil am Kamin und versank darin wie in einem Lager von Flaumfedern. Er harrte jetzt förmlich auf die Veranlassung, die ihn hierhergerufen. Die Musik unter ihm machte die Dunkelheit rings eigentümlich zittern.

Da hörte er vom Nebenzimmer ein Geräusch, wie wenn jemand weint und er will es nicht hören lassen. Agathon ging hin, öffnete die Thüre und stand nun verlegen, bestürzt vor seiner Base, die die glückliche Braut war und der man heute das große Verlobungsfest gab. Sie saß vor einer Kerze und schluchzte in ihr Taschentuch.

Jeanette blickte auf, und vor Erstaunen brachte sie kein Wort hervor. Endlich murmelte sie heiser eine Frage: was er hier zu suchen habe.

Agathon zuckte die Achseln. „Ich – nichts. Ich habe dich nur so weinen hören.“

„Von oben? Von deiner Kammer?“

„Ja, von meiner Kammer.“ Agathon wurde bleich und ließ den Blick verächtlich in dem königlich geschmückten Boudoir umherschweifen. „Nein,“ sagte er plötzlich entschlossen, „nicht von meiner Kammer.“

„Nun?“

Agathon schwieg. Die großen, durchdringenden, von Thränen nassen Augen des Mädchens erweckten ein Gefühl von Niedrigkeit in ihm. Jeanette nahm ihn rasch bei der Hand. „Nun gestehe. Weshalb bist du gekommen? Hast du Hunger? Dann soll dir Babette geben, was du willst. Auch Wein sollst du haben. Ich will es ihr gleich sagen. Oder willst du Geld? Hier ist meine ganze Börse.“ Sie lächelte bitter und wollte aufstehen. Doch Agathon, der immer bleicher geworden war, nahm ihre Hand und drückte sie mit großer Kraft fest zusammen, so daß das Mädchen schmerzlich seufzend und überrascht zurücksank. „Ich bin nicht das, was du meinst,“ sagte Agathon.

„So?“ Ein flüchtiger und unsicherer Spott trat auf Jeanettens Gesicht.

„Ich bin nicht hungrig,“ sagte Agathon leise.

„Das mußt du allerdings wissen.“

„Ich brauche auch kein Geld. Also nimm dein Geld hier weg, sonst muß ich es nehmen und zum Fenster hinauswerfen.“

Jeanette streckte zögernd ihre Hand nach dem Geld aus und nahm es langsam an sich. Sie sah lange in Agathons erregtes Gesicht, dann faßte sie ihn plötzlich an beiden Händen, zog ihn zu sich und sagte herzlich: „Nun sprich!“

Agathon schüttelte den Kopf. „Ich glaubte, du hast etwas zu sagen. Ich habe nicht geweint. Freilich woher sollst du Vertrauen haben, bei meinen schlechten Kleidern.“ Er lächelte wieder, wandte das Gesicht ab und starrte ins Dunkle. Die Wände schienen sich aufzuthun vor seinen Blicken, und aus zahllosen Augen schauten ihn die Sorgen an, unter denen die Menschen Schätze zusammentragen, um sie wieder von Sorgen bewachen zu lassen.

„Gerade du!“ flüsterte Jeanette jetzt erregt. Sie ließ seine Hand nicht mehr los, und er fühlte, wie heiß ihre Hand war. „Ich habe dich stets übersehen wie einen Schatten. Du hast dich auch so schmal gemacht wie ein Schatten, du wunderlicher Agathon. Aber du hast komische Augen, sehr!“

Agathon antwortete nicht.

„Rede, Agathon, hast du eigentlich schon sehr viel Böses gethan? Warum zitterst du nun? Ach, was hast du?“

„Böses, fragst du? Warum fragst du es. Was ich gethan hab’, war nicht böse. Es war auch nicht gut. Nein, es ist etwas anderes als das. Es wäre schlechter gewesen, wenn ich einem Vogel die Flügel genommen hätte. Oder kann es böse sein, wenn es dich erhebt, glücklich macht? Oder gut, wenn es das ganze finstere Leben erkennen läßt und was man versäumt hat und was andere versäumt haben –?“

Jeanette, ganz erregt über das Wesen des jungen Menschen, flüsterte stockend: „Setz dich doch zu mir. So. Später einmal mußt du öfter kommen. Bloß zu mir allein. Siehst du, sie wollen mich einem alten, wackeligen, zahnlosen, gichtigen Menschen verloben und das der Geschäftsverbindung wegen. Ich werde verkauft und soll mich ruhig verkaufen lassen in das Bett dieses Schweins. Erröte nicht, Agathon, das ist nicht die Stunde zum Erröten, freilich ist es nichts Neues, denn bei uns werden ja alle Mädchen verschachert wie Häuser und Grundstücke, aber du wirst doch zugeben, daß man bisweilen auch aus anderen Gründen heiraten kann. Wie? Aus Liebe zum Beispiel, wie?“

„Aus Liebe, ja,“ wiederholte Agathon und zuckte zusammen.

„Sieh her, sieh her,“ sagte das Mädchen und ihre roten Haare fielen wild und ordnungslos in die Stirn, und sie zog Agathon dichter neben sich. „Hab ich nicht die weichste Haut, die du dir denken kannst? Rühr mich nur an! Hab ich nicht einen weichen Mund? siehst du, ich küsse dich damit, und ein klopfendes Herz? und mag ich nicht alles, was schön ist, z. B. deine Augen? Und wenn du mich liebst, siehst du, da darf auf der einen Seite eine Kirche voll Geld und Ehren sein, und auf der andern Seite ich: verstoßen, verachtet, oder ein Frauenzimmer, das sich verkauft oder verkaufen läßt für Geld, dann nimmst du mich, wenn du mich liebst, verstehst du? Ja du freust dich sogar, wenn du mir zeigen kannst, wie viel du für mich giebst und lachst ihnen allen ins Gesicht. Und doch giebt es einen Mann, an den ich geglaubt hatte, und der anders gehandelt hat wie ich dir sage, – nicht für Kirchen voll Geld und Ehren, sondern bloß weil er leiden wollte um mich. Ist das nicht närrisch? Ich sitze da mit meinem Herzen voll Leben, daß es nur so brennt und soll das Schwein heiraten und habe Ja gesagt nur aus Rache gegen den Leidenssüchtigen dort. Triffst du ihn einmal, Agathon, so gieb ihm dies Haar da von mir, sag ihm, wie schön meine Haare sind, wie sie fluten und wallen wie bei einer Fee, und sag ihm, wie meine Augen leuchten in diesem Reichtum um mich, und wie ich ihn verachte, den Anstand und die Bürgerlichkeit und so weiter. Pfui!“

Agathon starrte fassungslos in diese wilden, zigeunerhaften, leidenschaftlichen Züge. Jeanette sprang auf und klatschte in die Hände. „Ich weiß es,“ rief sie und lachte schrill. „Ich will etwas Göttliches aushecken. Du mußt dabei sein! Du mußt alles thun, was ich will und nicht widersprechen. Nur heute thu’, was ich will, und ich will immer deine Magd sein. Ein Lieutenant ist dabei, was sagst du dazu! Ein Adler im Taubennest. Donnerwetter nochmal!“

Sie lachte nervös und fuhr fort, Agathon zu putzen. Sie legte ihm eine weiße Stickerei um den Hals, gab ihm rote Saffianschuhe, in die er kaum hineinkam, weiße Handschuhe, eine rote Schärpe und eine Art Soldatenmütze. Dann nahm sie eine Puppe aus ihrem Schrank, wickelte sie in Seidenpapier, nahm Agathon bei der Hand und zog den Erstaunten und Willenlosen, der nicht begriff, was mit ihm vorging, durch das dunkle Zimmer zur Treppe, über die Stufen hinab, bis sie mit ihm unter der Saalthür stand, die der Lakai mit einem Gemisch von Respekt und Verdutztheit eifrig aufstieß. Mit blitzenden Augen sah Jeanette in das bunte Treiben der Gäste. Nicht einmal die Haare hatte sie geordnet. Sie hingen ebenso wild und ordnungslos um die Stirn wie vorher.

Der Baron kam rasch und fragte mit einem finstern Blick auf Agathon, wo sie so lang bleibe und was der Unfug bedeute. Alle hätten schon nach ihr gefragt. Jeanette zuckte die Achseln, sah ihn gar nicht an, ging in die Mitte des Saales, wo die Herren sie mit leisem Händeklatschen und mit gedämpften, gleichsam kosenden Beifallrufen empfingen. Die Damen zogen sich naserümpfend zurück. „Also meine Herren,“ begann Jeanette, „hier ist der General und Preisrichter. Er hat zu dem Zweck eine rote Schärpe. Er ist mein Freund. Ich habe für jeden von euch eine Aufgabe. Wer sie löst, darf mich küssen!“

„Bravo!“ rief der Chorus schmeichelnd.

„Ich hoffe, mein Bräutigam giebt mir die Erlaubnis –?“

„Wird nicht gefragt,“ murmelte der Chorus ergeben.

„Der Preisrichter soll meinen Bräutigam kennen lernen. Salomon! – Sa–lo–moon!“

Ein alter, grinsender, gebückt gehender Mensch mit brauner Perücke und gefärbtem Bart schob sich einher. Er hatte ein süßliches Lächeln, das bald wohlwollend, bald neckisch, bald traurig wurde, ohne den Ausdruck des Süßlichen zu verlieren. Mit einem tiefen, ironischen Bückling stellte Jeanette den Greis vor. „Salomon Hecht, Witwer.“ Ihrem Vater, der sie beiseite ziehen wollte, warf sie einen langen, drohenden Blick zu, so daß er kopfschüttelnd abließ und ängstlich harrte, was kommen sollte.

Herren und Damen standen lauernd im Halbkreis um das junge Mädchen. Es war eine ziemlich ungemischte Gesellschaft: jüdische Kaufleute mit den üblichen Formen der Bärte und den glatten, pomadisierten Haaren. Juden von der Presse mit dem spitzfindigen, alles hinnehmenden, alles entschuldigenden Lächeln, der schmalen Tournüre und den tänzelnden Schritten. Juden vom niederen Beamtendienst mit dieser überhobenen Wichtigkeit und dem unerschütterlichen Ernst. Jüdische Ärzte und Advokaten mit gleichsam stechenden Manieren, voll Höflichkeit und Gesuchtheit. Alle Gesichter verrieten Intelligenz, aber nur jene Intelligenz des Augenblicks, die von den verborgenen Werten der Dinge nichts weiß, die an der Stunde festklebt, mit der Stunde rechnet und die Augen schließt, wenn die Nacht kommt. Alle Gesichter hatten etwas Überlebtes, etwas von dem Abgeglühtsein, wie es das gemeine Leben mit sich bringt; das Edlere war verwischt von der Freude an flüchtigen Genüssen, von der Verachtung des wahren Ernstes, von Frivolität und der Sucht, den Tag leicht zu nehmen. Sie alle trugen Fräcke und tadellose Wäsche, aber darin lag etwas seltsam Anachronistisches, das sich in Worte nicht fassen läßt. Die Geschäftsleute hatten das Übergewicht, das ist klar. Sie fühlten das Geld in ihrer Tasche klimpern und waren überzeugt von den höchsten Eigenschaften dieser Macht: wie Sklaven, die heuchlerisch ihre Gewalt verstecken und sich auf die Stunde freuen, wo sie die Krallen zeigen dürfen.

Jeanette nahm ihre Puppe und ein langes Stück Bindfaden, dessen eines Ende sie um den Porzellanhals der Puppe schnürte; dann stellte sie sich auf einen Stuhl, und mit erstaunlicher Geschicklichkeit warf sie das leichte Spielzeug so gegen die Decke, daß die Schnur in einem stählernen Haken im Plafond hängen blieb. Dann zog sie unten, so daß die Puppe etwa drei Meter vom Boden entfernt, schweben blieb. „So meine Herren!“ rief Jeanette und zog die Brauen bald hoch, bald auseinander wie eine Katze. „Jetzt müssen Sie springen! Anlauf ist die Schwelle des Salons. Absprung vom Rand des Teppichs. Wer die Puppe mit den Fingern erreicht und herabziehen kann, ist Sieger. Wenn mehr als einer siegt, müssen die Betreffenden noch einmal springen. Niemand darf sich ausschließen, das ist die einzige Bedingung.“ Und sie warf stolz den Kopf zurück und verschränkte wartend die Arme.

Alle traten zurück und sahen sich ratlos an. Viele lächelten schwerfällig, einige wandten sich vorsichtig zur Thür. „Die Lakaien schließen die Thüren!“ gellte Jeanette erregt. Unwilliges Murmeln ward laut. Der Baron ging energischen Schritts zu seiner Tochter und wollte reden. Sie schnitt ihm das Wort ab. „Eine Silbe, Vater, und ich erkläre meine Weigerung, mich mit dem Schwein zu verloben,“ flüsterte sie ihm zu. Der Baron setzte sich an den Tisch und bohrte wütend in seiner Nase. Die Damen gingen bleich, mit halbgeschlossenen Augen und sozusagen mit gerümpften Schultern in den Nebenraum. Einige jüngere Herren begannen die Sache heiter zu nehmen, vielleicht um nicht für feig zu gelten, vielleicht aus Furcht vor Jeanettens spöttischer Zunge. Der Lieutenant, nach dem alle mit den Blicken suchten, war spurlos verschwunden. Endlich begann Elias Heumann, das „Tuchgeschäft“ mit einer möglichst harmlosen Miene zu springen; er suchte sich den Anschein zu geben, als springe er eben probeweise, um die Sache in einem um so scherzhafteren Licht erscheinen zu lassen. Aber nicht nur, daß das Tuchgeschäft sich kaum einen Zoll vom Boden erhob, nein es fiel auch noch am Rand des Teppichs hin und humpelte keuchend in eine Ecke, um sich während einer Viertelstunde der Betrachtung des sanften Sternenhimmels zu widmen. Agathon lachte; aber das Lachen starb auf seinen Lippen, als er in die Augen des Barons sah, in denen ein unheimliches Feuer glühte; er biß die Zähne zusammen, und plötzlich mußte er an die arme, niedere Stube zu Haus denken, und das gelbe Gesicht seiner Mutter stieg wie aus einem Schattengewühle auf. Und er verlor sich selbst: aus diesen Schatten erhoben sich Generationen, Greise und Greisinnen, die mit müdem Kopfschütteln vorbeigingen.

Jeanette klatschte und nun sprang Nathan Kirschbaum, das Bankgeschäft, rot im Gesicht, mit unterlaufenen Augen und plumpste wie ein junger Hund auf das glatte Parkett. Dann sprang die Hopfenhandlung Alois Cohn nebst Theilhaber, das Viehgeschäft Eduard Steinam, die Kurzwarenfabrik René Reinemann, der Feuilletonist Moritz Goldbach. Es war grotesk, wenn sie in der Luft den Arm ausstreckten, die Beine anzogen, den Kopf zwischen den Schultern versteckten, und dann gänzlich zerschmettert, gleichsam platzend vor Scham und Menschenhaß wieder an der Erde anlangten. Dazu wurde nun sehr wenig gelacht, die Gesichter wurden immer finsterer und endlich als schon niemand mehr springen wollte, trat der Baron mit einem heiseren „Jetzt ist es genug!“ dazwischen. Da setzte sich Jeanette, die bis dahin ernst geblieben war, in einen Sessel und fing an zu lachen, daß alle sich bestürzt umblickten. Es war etwas Hysterisches, etwas Bitteres und Tragisches in diesem Lachen. Dann hörte sie ebenso plötzlich auf, ging zu Agathon, riß ihm die Lappen ab, mit denen sie ihn geputzt und rief ihm herrisch zu: „Springen Sie!“ Agathon, überrascht durch das plötzliche Sie, rührte sich erst nicht. Doch nahm er schließlich gar keinen Anlauf, sondern schnellte sich gewandt von den Fußballen in die Höhe, ergriff die Puppe und riß sie herab.

„Gott sei Dank! Endlich ein Mann!“ rief Jeanette, nahm seinen Kopf zwischen ihre Hände und küßte ihn auf den Mund mit einer geheimnisvollen und durchdringenden Glut. Ihre Lippen waren feucht, ihre Haare waren feucht und knisterten dennoch und ihr Atem war heiß wie ihre Hände.

Ein eisiges Schweigen war entstanden. Agathon schauderte bis ins Herz bei ihrem Kuß. Dann wurde Jeanette heftig zurückgerissen und der Baron, in maßloser Wut, stand mit geballten Fäusten hinter ihr, während der Bräutigam daneben furchtsam lächelte. „Was willst du?“ flüsterte Jeanette.

Der Baron wurde schneebleich. „Ich will dich aus dem Haus peitschen lassen,“ sagte er bebend.

„Ich will auch, daß du mich peitschen läßt, hörst du? Das kannst du nur einmal, aber wenn ich das Schwein da heirate, bin ich für immer gepeitscht. Ich will einen Mann haben und keinen Getreidesack und keinen Geldschrank und keine zehnprozentigen Aktien. Verstehst du das nicht? Verstehst du nicht, daß ich nicht unter diesen abgegriffenen Papierseelen da verkehren mag? Seid ihr denn Menschen, was? Sagt doch selbst! Was soll ich denn anfangen mit diesem Schwein in der Nacht, wenn ich von Männern träume, die nicht ein paar matte Nachtlichter im Kopf haben, sondern Augen, Augen, Augen –? Wenn ihr nur das wollt, was ihr wollt, dann handelt! Verhandelt euern letzten Flederwisch im letzten Kehrichtfaß, und für das andere geb’ ich mich nicht her wie eure hochmütigen Weiber, die mich jetzt anglotzen wie eine Hexe. Da! da habt ihr und mich laßt zufrieden! da! da! da!“ Und sie ging hin, weiß wie Kalk, warf die kostbare Broche ins Kaminfeuer, die Armreife, die Ringe an den Fingern, riß die Spitzen über der Brust entzwei und öffnete mit einem Ruck die Knöpfe der Taille. Da stürzte Löwengard mit unartikuliertem Schreien auf seine Tochter, nahm sie in die Arme und wollte sie forttragen, hinaustragen. Sie wehrte sich wild, und in dem Kampf fiel sie hart zu Boden. Die Damen eilten herbei, – jammernd, scheltend, der Bräutigam suchte aus dem Kaminfeuer erst mit entblößtem Arm, dann mit der Schaufel die Kostbarkeiten herauszuholen, viele wandten sich feig und finster nach der Thüre, der Lakai sah mit eigentümlichem Lächeln in den von schwüler Luft erfüllten Raum, und auf einmal blieben alle regungslos stehen.

Der jetzt hereintrat, ohne daß der Lakai auch nur versucht hätte, ihn abzuhalten, war ein Greis von mehr als neunzig Jahren. Er hatte etwas wie eine große, seltsame Ruine; etwas in seinem Gesicht, das man unvergänglich nennen möchte: so einen Schimmer von wandelloser Milde und Güte. An Gliedern riesenhaft, in den Augen jenes Funkeln, das man zuweilen bei alten Männern sieht, die die Jugend müde hinwanken sehen und selber niemals müd zu werden scheinen, so kam er herein und Agathon lächelte auf seine stille Weise, wie ein Kind, das an den Wendepunkt eines Märchens gelangt ist, wo die wohlbekannte gute Fee kommt, um die Verwicklung zu lösen. Jedermann auf den Dörfern kannte den Gedalja Löwengard von Roth in seinen ärmlichen Lumpen.

Der Alte ging also ohne weiteres auf seinen Sohn zu, stutzte aber, als er dessen Gesicht sah, das von verräterischer Scham erfüllt war, ließ die halbausgestreckte Hand wieder sinken und nahm ruhig Platz. Da er nun sah, daß der Sohn sich seiner schämte, sagte er nichts, sondern sah lächelnd und nickend vor sich hin. Dann nahm er die Hand des „Barons“, zog ihn zu sich nieder, deutete ein paarmal auf das Kaminfeuer und sagte nach jedem Wort pausierend: „So hat’s Gott gewollt.“ Der Baron machte sich verlegen los, warf dem Lakaien einen zornigen Blick zu, den dieser achselzuckend hinnahm und trat mit einem betretenen Lachen zu seinen Gästen, die sich wie eine Phalanx vor ihm aufgepflanzt hatten. Jeanette kroch auf den Knieen zu dem Greis hin, streichelte seine großen Hände und sagte: „Großvater, was hast du denn? Warum kommst du denn so spät noch zu uns?“ Mit einer scheuen und beschwichtigenden Geste wandte sie sich nun zu den andern und sagte: „Er weint.“

Der alte Gedalja packte schnell ihre Hand und lispelte ihr zu: „Sag’s ihnen nicht. Sie wollen nicht sein gestört. Und mein Sohn hat vergessen, daß ich nicht habe zu kaufen einen Frack. Hat er vergessen, daß ich bin arm. Heut abend ist abgebrannt ganz Roth. Der Herr hat mich wollen gedenken lassen, daß es mir gegangen is zu gut im Leben. Sei ruhig, sei ruhig, ich sag’s bloß dir. Mei Haus, mei Hof, mei bisla Vieh, nebbich, alles is hin.“

Bald wußten es alle im Saal. Der Feuilletonist schlug mit einem boshaften Seitenblick auf den Baron vor, man solle sammeln. Übrigens brach die Gesellschaft rasch auf, und der Baron, verstört, verzweifelt, verfluchte sich und seine Tochter und vermochte kaum einen oberflächlichen Anteil an dem Unglück seines Vaters zu nehmen, dem er ein Zimmer zum Schlafen anweisen ließ. Dann forderte er Jeanette auf, mit ihm zu kommen. Agathon hörte ihn schreien; er wurde immer heiserer, schien um sich zu schlagen ... Der Lakai suchte ein vertrauliches Gespräch mit Agathon anzuknüpfen; seine Worte klangen widerlich zurück von den Wänden des verödeten Saales. Agathon schlich beschämt in seine Kammer, warf sich angekleidet aufs Lager und fiel sofort in einen schweren Schlaf.

Am Morgen hörte er vom Hausgesinde, daß Fräulein Jeanette verschwunden sei. Agathon fühlte sich darüber glücklich, ohne zu wissen warum. Die Luft war kühl, scharf und gleichsam gereinigt, als er zur Schule ging. Die Welt schien neu. Am Morgen hat alles nur ein Auge nach dem Licht hin; alles hat Zweck, Bedeutung, Form und Rundung. Besonders an diesen neblichen Oktobermorgen; alles ist mit Frieden gesättigt, die Dächer glänzen, die Sonne taucht langsam auf mit kupferigem Glanz, der Rauch erhebt sich kerzengerade, jeder Schornstein scheint sich zu brüsten im Gefühl seiner Pflichterfüllung. Die Mägde haben weiße Schürzen, und das knattert ordentlich, wenn sie zum Markt gehen. Die Bäckerbuben pfeifen Lieder, die man nirgends sonst gehört hat; sie halten jeden Ton lang aus, besonders in der Höhe. Über die große Brücke rauscht und rollt der Schnellzug, aus dem rätselhafte, übernächtige Gesichter in die weite, überschwemmte Ebene schauen. Dann saust der Zug herein, die Schranke am Dambacher Weg ist geschlossen, ganze Reihen von Ochsen stehen da und warten gutmütig. Und zwischen den Häusern verschwindet der Zug, rasselnd, polternd, pustend, und Agathon hört, wie er mit schrillem Pfiff am Bahnhof hält, und seine Sehnsucht eilt hin und steigt ein, um in ihr geheimnisvolles Vaterland zu fahren. Er geht gerade am Haus des Abraham Porkes vorbei, der Millionen besitzt und der als edler Menschenfreund bekannt ist; über eine halbe Million hat er für das Waisenhaus vermacht. Es giebt viele Dinge, die Agathon bewundert, und er liebt die Menschen. Die Wandlung, die er seit kurzem durchgemacht, kommt ihm merkwürdig vor. Er weiß, daß es neu ist, was er fühlt, aber er will sich nicht durchforschen. Es ist, als ob man in seinem Herzen etwas baue, und er will warten bis es fertig ist. Er denkt an jenes erste Bild der Stationen, wo der nackte Jüngling mit einer Zange dem Heiland die Dornen von der Dornenkrone nimmt. Und wie er daran denkt, erschrickt er, bleibt stehen und lauscht. Aber es pfeifen nur die Bäckerjungen in ihrem monotonen Diskant.

In der Schule hörte er nichts von dem was gelehrt wurde, hatte nichts gelernt, eine wichtige Lektion nicht geschrieben, wurde in den Strafbogen eingeschrieben, ohne daß er sich einen Gedanken darüber gemacht hätte. Er begriff nicht, warum er tote Wissenschaft in sich hineinstopfen solle, da es doch des frischen Lebens genug gab. Aber er begriff die Verachtung, in der die meisten Lehrer bei den Schülern stehen; es gilt nicht der Person, sondern dem Amt. Draußen war die Freiheit, der Wald, unbegrenzt, dunkel, voll von Erlösungen für den, der sie sucht; aber die Schule wollte, daß man nichts anderes wolle als die Schule. Das ließ ihn den Lehrer verachten und seine Handwerkerart, die großen, feierlichen Dinge der Geschichte so hinzusagen, als ob es nichts wäre, Mythologie zu lehren, als ob es gälte, ein Adreßbuch durchzulesen. An diesem Morgen begann Agathon plötzlich durch ein wunderbares Spiel seiner Seele zu sehen, wie wenn ein Brett von den Augen seiner Seele genommen wäre. Und diese große Umwälzung beschäftigte ihn sehr, so daß seine Wangen ab und zu erbleichten. Nur ein Lehrer war es, an dem er mit abgöttischer Verehrung hing, an den er mit keinem Hauch von Kritik zu rühren wagte. Es war nichts an ihm als das, wie er die Wissenschaft der Chemie vor den Schülern zerlegte, so daß auch der Blöde und der Boshafte aufmerksam wurden. Er griff gleichsam mit seinem Arm hinein in die Nacht der Natur, oder in die Feuer der Natur und holte ihre Rätsel hervor, die er trotz aller Erläuterungen Rätsel und Wunder sein ließ vor den Augen seiner Zuhörer. Er that nicht wichtig mit der Wissenschaft und spielte nie mit ihr, machte auch nichts „Interessantes“ daraus, sondern eher etwas Heiliges. Da stand er hinter seinen Retorten und Röhren wie einer, der im Tempel steht und im Begriff ist, einen Gott zu predigen, dessen ganze Schönheit und Größe nur er selbst kennt. Nie ging er auf die tote Formel ein, wie ein junger Priester, der die gedruckten Gebetbücher verachtet und sein eigenes Gebet haben will und hat. So war Erich Bojesen.

Da Agathon Geyer nun nicht um die Welt aufmerksam werden wollte, nahm „Professor“ Schachno die Gelegenheit wahr, ihn die „Braut von Korinth“ fünfmal abschreiben zu lassen. Agathon lächelte.

Fünftes Kapitel

Als Stefan Gudstikker mit dem kleinen Knaben, der immer still vor sich hinschluchzte, das Innere des großen, hallenden Gebäudes betreten hatte, hörte das Schreien wieder auf. Doch in einem jener Energieanfälle, die oft über ihn kamen und durch die er in seiner Achtung gewann, beschloß er, der Sache auf den Grund zu gehen. Und er stieg die Treppe hinan, wurde nachdenklich gestimmt durch den feierlichen, ja düsteren Stil des Hauses, schüttelte den Kopf über die mangelhafte Beleuchtung, machte seine Glossen zu dem großen, bemalten Glasfenster, das den Propheten Japhta mit seiner Tochter zeigte, in einer naiven und herzlichen Darstellung, die an Cranach und seine Schule mahnte. Auf dem großen Korridor war es still und öde. Er öffnete die nächste Thüre, wobei sich das Bürschchen ungeduldig zwischen seine Beine drängte, um auch etwas zu sehen, und hatte einen großen, weißgetünchten, fast finsteren Saal vor sich, in welchem Bett an Bett stand, wohl dreißig oder vierzig wie in einer Kaserne, und über jedem der weißen Tücher schaute ein kaum weniger weißes Knabengesicht hervor, mit geschlossenen Augen, geschlossenen Lippen, angestrengten Lippen, die sich zu bemühen schienen, Seufzer zurückzuhalten. Eine dumpfe Luft schlug heraus wie aus einer Katakombe und Gudstikker schloß schnell die Thüre, stand ratlos da und sah die Augen des zerlumpten Knaben verehrungsvoll und flehend auf sich ruhen. Da ertönte wieder das Schreien: lauter, klarer und eindringlicher. Der Kleine rang stumm die Hände und das Eckige und Verzweifelte in der Gebärde trieb Gudstikker mehr an als Worte.

In einem schmalen, matt erhellten Raum saß der Schammes mit einer blauen Brille, riesenhaften Filzschuhen, einer dicken Uhrkette und einer Art Kaftan und nickte schläfrig; und wenn ihn sein Gegenüber, der Wohlthäter Abraham Porkes anredete, fuhr er auf, machte ein devotes Gesicht und kehrte dann wieder an die Grenze des Schlummers zurück. In der Mitte des Raumes war ein Knabe von vielleicht dreizehn Jahren auf ein Brett mit Riemen festgeschnallt, und wenn der Schammes, das Rohr in der Hand, mit seinem devoten Gesicht emporschnellte, schlug er zugleich mit dem Rohr klatschend auf den Rücken des Knaben. Dieser öffnete dann den Mund zu einem Schrei, der lang hinhallte und langsam erstarb, worauf er in eine schmerzliche Starrheit verfiel. Dies alles hatte etwas Gespensterhaftes und Stefan Gudstikker hätte lachen müssen, wenn er nicht sofort das Gesicht dieses Knaben gesehen hätte, das sich mühsam emporhob: ein feines, reines Gesicht, mit einer Lieblichkeit, die nur den frühen Schmerzen zukommt, mit einer unerfahrenen Gläubigkeit. Schwarze Locken fielen in die Stirn, auf die deutlichen Brauen, unter denen hilflos fragende Augen hervorschimmerten mit jenem Knabenblick, der manchem erfahrenen Mann etwas zu denken giebt. Kaum sah der kleine Bursche an Stefans Seite das Unglück seines Freundes, als er auf ihn zustürzte und, da er mit den Ärmchen nicht hinaufreichte, bitterlich zu weinen anfing.

„Ruhig! was ist hier los?“ sagte der Wohlthäter in sanftem Baß.

„Ruhig, was ist hier los?“ wiederholte getreulich der Schammes und zeigte einen wahren Schwertfischzahn, der wie eine Schaufel aus der Unterlippe hervorragte.

„Wo kommt ihr her?“ fragte der Wohlthäter und schaute seine dicken Finger an, als wären sie durch die Erscheinung der Fremden beschmutzt.

„Wo kommt ihr her?“ fragte der Schammes und versteckte seinen Zahn, so gut es ging.

Stefan Gudstikker erwiderte nichts, nahm sein Messer, durchschnitt die Riemen und hob den Knaben herab. „Ignazle, guts Ignazle“, flüsterte der Kleine mit der Betonung einer Mutter. „Siehst mich nit? Thut’s weh?“

„Ruhig!“ donnerte Abraham Porkes. „Was erlauben Sie sich, junger Mann!“

„Ja, was erlauben Sie sich!“ sagte der Schammes mit einer unbeschreiblichen Stimme und schneuzte sich in ein blaues Tuch mit thalergroßen, roten Flecken.

„Was hat der Junge gethan?“ fragte Gudstikker mit einer Hoheit, die ihn selbst überraschte und sehr befriedigte.

„Er huldigt der Unzucht, verstehen Sie, und das muß bestraft werden. Da alle andern Mittel vergebens sind, muß er bestraft werden. Seine Mutter selbst hat ihn hergebracht, – kurz und gut, was haben Sie hier zu suchen und dieser nichtsnutzige Bengel da?“

„Ja!“ machte der Schammes und sah streng aus.

Gudstikker lachte. „Wollen Sie mir das Kind überlassen?“ fragte er dann. „Ich werde ihn heilen. Er interessiert mich.“

„Sind Sie Jude?“

„Nein.“

„Dann bedaure ich. Bedaure lebhaft.“

„Aber Herr Kommerzienrat! Sie, bei Ihrer Vernunft und Bildung! Sie kennen ja auch meine Mutter, Elise Gudstikker. Es kann Ihnen ja gleich sein. Und wenn Sie ihn wieder verlangen, können Sie ihn haben.“

„Ja, wenn Sie glauben,“ meinte Porges unentschieden. „Gut“, sagte er dann, „auf acht Tage; vorausgesetzt, daß nichts geschieht, was unsere Religion – na, also gut, der Junge weiß das schon selbst. Adieu junger Mann, machen Sie’s gut, grüßen Sie Ihre Mutter. Sie gefallen mir!“

Gudstikker ging heim mit den zwei Knaben. Der Zerlumpte konnte sich nicht trennen und überhäufte das Judenkind mit Liebkosungen. Gudstikker zog die Schultern hinauf und lachte in sich hinein. Er wußte, daß die beiden froh waren, den Knaben los zu sein.

Zu Hause angelangt, fand er seine Mutter unpäßlich. Sie lag auf dem Sofa, sah etwas kummervoll aus, forderte ihn aber gar nicht auf, zu erklären, wie er zu den Kindern komme. Sie kannte seine Art, eigenwillig und schnell zu handeln, gut genug. Sie kannte auch seine redselige und mitteilsüchtige Natur zu sehr, um sich neugierig zu zeigen. Ihrer apathischen und lebensweisen Art war das fremd. Ihr Leben bewegte sich hin und her zwischen Seufzen und gleichgültig gewährendem Lächeln, dabei hatte sie jene eigentümliche Strenge, die dem Blick etwas Unwiderstehliches giebt, einen Blick, von dem man glaubt, daß er den Körper wie Glas durchdringe. Den jüdischen Knaben sah sie an, lachte leise und hart, betrachtete seine langen, feinen, dünnen Finger, das abgesetzte Handgelenk, nickte Stefan zu, legte sich ruhig wieder hin und sah mit spöttischem Lächeln in die Lampe.

„Können sie hier schlafen, Mutter? Oder in der Kammer?“

Der Judenknabe, den sein kleiner Kamerad aus Gott weiß welchem Grund Ignazle nannte, während er Sema Hellmut hieß, sprach kein Wort. Aber er schien alles tief in sich aufzunehmen, was er sah und hörte, dem träumerischen Spiel seiner Augen nach zu schließen. Diese einfache und gemütliche Stube mit dem weißen Kachelofen, der fortwährend leise in sich hineinbrummte, die Nacht draußen mit dem einförmigen Flußgerausche, die stille Lampe, die alten Bilder an den Wänden, er besah es mit scheinbar verächtlicher Gelassenheit, doch mit einer gewissen inneren Unruhe. Er schien gar nicht empfänglich zu sein für die unaufhörlichen Liebkosungen seines Freundes, doch tauchte bisweilen sein Blick angstvoll in den des kleinen Zerlumpten.

„Nun, das ist doch jüdische Degeneration, wie sie im Buch steht,“ sagte Gudstikker zu seiner Mutter.

„Ich weiß nicht, was im Buch steht,“ entgegnete sie lakonisch. „Ich will dir sagen, die Juden sind viel bessere Menschen als wir, edlere Menschen. Sie trinken nicht, sie betrinken sich nicht, sie sind eigentlich viel fremder in der Welt als wir. Wenn bei uns nicht alles aus dem Leim geht, haben wir es bloß den Juden zu danken.“

„Meinst du? Das hat zwei Seiten. Es giebt solche Juden und solche. Die einen scheinen auserlesen für alles, was gut, groß, prophetisch ist. Die andern, die meisten, sind Würmer, Schlangen, Mistzeug. Ich bin der Ansicht, es läßt sich auch gar nicht leugnen, daß unsere ganze Kulturkrankheit Judentum heißt.“

„Wer weiß, vielleicht heißt sie auch anders,“ entgegnete Frau Gudstikker mit seltsamem Lächeln und spielte mit einem elfenbeinernen Kruzifix an der Wand. „Das sind so Worte, mein Lieber. Aber ich kann darüber nicht reden. Ich bin zu dumm. Alle Frauen sind ja dumm.“ (Wieder dies feine Lächeln.)

Gudstikker schwieg und verfolgte ein eigentümliches Schauspiel zu seinen Füßen. Der große Bernhardinerhund, Faust, ein energisches, edles und kühnes Tier, erhob sich aus seiner Ofenecke, tappte zu den zwei Kindern, beschnüffelte den drolligen Zerlumpten, brummte, (er war kein Freund der Kinder), beschnüffelte Sema, und statt wieder zu brummen, leckte er die Hand des Knaben, freudig und förmlich demütig, dann ließ er sich neben Sema nieder und hörte nicht auf, ihn gespannt anzublicken, als ob er einen Befehl erwarte. Es war wie ein Bild aus einem alten und vergessenen Buch.

Da gewahrte Sema eine Geige an der Wand über der Kommode; seine Augen wurden groß und begehrlich. Er stand auf, machte eine bittende Gebärde, wobei er auf das Instrument deutete und kaum das erstaunte Nicken Frau Gudstikkers abwartete; dann stellte er sich auf die Zehen und nahm die Violine herab, kehrte auf seinen Platz zurück und begann vorsichtig lauschend zu stimmen. Hierauf nahm er den Bogen und spielte. Aber wenn man sagt, er spielte, dann ist es zu wenig. Es war nicht mehr der kleine Knabe mit dem bisweilen aufstrahlenden Blick und der müden Blässe der Wangen; es war irgend eine verstorbene wundervolle Künstlerseele, die mit fleischgewordener fester Hand den ärmlichen Bogen führte. Es waren solche Töne, die gleichsam den Himmel durchsichtig machen, ohne daß man Gott selber findet, ein schwermütiger Hymnus an alles Liebliche des Frühlings und des Sommers, das unbeklagt hingegangen ist, um nicht mehr zu erscheinen, oder es war die Trauer um die Jugend, die zu leiden hatte, oder ein Märchen selbst ersonnen in einer einsamen Nacht, – unaussprechlich.

Als Sema die Arme sinken ließ, lauschte er selbst noch den Tönen nach. Er schien nicht zu ahnen, was er mit seinem Spiel gethan; er blickte nur bewegt auf den still vor sich hin heulenden Wendelin, seinen kleinen Freund, auf die regungslos hingestreckte Frau Gudstikker, auf den verloren träumenden jungen Mann. Er schüttelte fast unmerklich den Kopf, stand auf, legte die Geige auf die Kommode, ging zum Ofen, rieb seine Hände an den Kacheln, legte die Stirn an den Messingring der Nische, und bei alledem folgte ihm der große Hund Faust, und ließ nicht ab, ihn mit seinen feuchten, treuen, glänzenden Augen anzustarren.

Am andern Tag gegen Mittag, kurz nachdem er aufgestanden war, bat Gudstikker seine Mutter um Geld. Er habe keines mehr und bekomme erst morgen wieder. Sie habe kein Geld für ihn, erwiderte sie. Er solle seine Uhr versetzen.

„Mutter,“ erwiderte er ernst, „du weißt, daß ich nichts versetze. Es geht gegen meine Natur. Willst du, oder willst du nicht?“

Sie gab, was sie entbehren konnte. „Wie lange wird es noch dauern mit deinen großen Ideen,“ seufzte sie. „Wir alle haben zu leiden gehabt unter deinen großen Ideen.“

Gudstikker lachte verächtlich und ging. Nach dem Essen begab er sich ins Caféhaus, vergrub sich in Zeitungen, saugte alle belletristischen, politischen und vermischten Neuigkeiten in sich auf wie ein trockener Schwamm das Wasser, zahlte erst als es dämmerte, dann ging er zu einem Trödler, versetzte seine Uhr und machte sich auf den Weg nach Zirndorf, um die Nacht im Ziegeleigebäude zu verbringen.

Das Wasser war nun so weit zurückgetreten, daß die gewöhnlichen Wege gangbar waren: den Damm entlang zur äußeren Turnhalle, dann tiefer ins Thal hinab, durch Äcker und Wiesen. Bei Dambach war ein Notsteg errichtet und schwankte hin und her wie eine Schaukel. Der Abenddunst huschte schattenhaft über das Wasser, das rauschend und grollend dahinschoß. Dann trat der Mond heraus, kalt, klar, eine halbe Scheibe. Aus der öden Ebene wurde ein Nebel- und Elfenreich, die ferne Stadt schien eine alte Festung, aus Rauch und Staub erbaut, der Wald schien zu hüpfen, oder sich zu verschieben wie eine Coulisse. Der Mond war tausendmal in tausend Wellen zu sehen, auch in dem ruhigen breiten Wasser, womit die Wiesen überschwemmt waren. Quä, machten die Raben, schienen sich zu besinnen, wohin sie fliegen sollten. Lichter schauten aus einem Weiler, flimmerlos, matte Punkte, wie Leuchtkäfer; ein Bauer schrie, ein Hund bellte, dann fingen plötzlich die Glocken in der Stadt an herüberzuläuten; es war wie das Gerippe zu einer Melodie, die lang und feierlich hinströmen muß, wie dunkler Wein aus grünem Glas.

Gudstikker sah eine Gestalt vor sich. Sie schwankte beinahe müßig dahin, griff nach Stauden am Weg, nach Halmen, warf Steine ins Wasser. Es war Agathon. Gudstikker griff aus und wünschte guten Abend. Agathon erschrak.

„Was denken Sie so den langen Weg ins Dorf?“ fragte Gudstikker.

„An Vieles. Oder an nichts.“

„Wissen Sie, wie Sie mir vorkommen? Sie sind ein Träumer, aber ein aufgeregter. Sie machen sicherlich noch mal irgend welchen Tumult in der Welt. Sie sind so ein versteckt kochendes Wasser. Niemand ahnt, daß es kocht, auf einmal fliegt der Deckel herunter –!“

Agathon lächelte überlegen. „Was denken Sie sich eigentlich dabei? Sie kennen mich doch gar nicht. Sie wollen mir nur imponieren.“

Gudstikker schüttelte melancholisch den Kopf. Dann rauchte er sehr nachdenklich weiter, bis er die Stille unterbrach. „Was sagen Sie nun zu dem Abend? Da könnt ich nun einfach sterben. Aber dafür haben Sie ja gar keinen Sinn. Juden haben keinen Natursinn. Ach, ich muß Ihnen etwas erzählen. Ich hatte gestern ein merkwürdiges Abenteuer. Ein Romanstoff. Es ist sehr fein, rätselhaft, metaphysisch sozusagen. Als ich an eurem Waisenhaus vorbeiging, hörte ich furchtbares Schreien. Die Straße menschenleer, nur ein kleiner Junge stürzt auf mich zu, nennt mich Herr Jesus, zerrt mich die Stiege hinauf, durch drei, vier Schlafsäle, durch ein ödes Schulzimmer, durch eine Art Karzer oder Betsaal und auf einmal hör’ ich wieder schreien.“

„Im Haus?“

„Im Haus. Ich öffne eine Thür, zwei große Kerle in schwarzem Talar stehen da, der eine betet und der andere sticht mit seinen Nadeln in den Körper eines Knaben, der, merken Sie auf, der an der Decke hängt, mit den Füßen nach oben. Ich bin wie toll, schlage den einen zu Boden, drücke den anderen an die Wand, schneide den Knaben ab und gehe mit ihm fort. Zuhause sieht der Junge meine Geige und fängt nun an zu spielen, – ich habe nie im Leben dergleichen gehört. Ich heule, meine Mutter heult, die Leute auf der Gasse bleiben stehn, der kleine Bengel, der mitgelaufen ist, wird ohnmächtig ...“ Gudstikker schwieg erschöpft. Es war, als sähe er jetzt alles viel deutlicher, als zur Zeit der Ereignisse selbst.

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