Die Juden von Zirndorf (continued 2)
Reading edition
Agathon sah seinen Begleiter mit leisem Mißtrauen von der Seite an. „Weshalb hatten sie ihn denn so gezüchtigt?“ fragte er.
„O, das ist sehr einfach!“ Gudstikker sagte etwas, wobei Agathon die Hände zusammenschlug.
„Ja, es ist eine schmutzige Welt, in der wir leben,“ seufzte der andere. „Wir waten durch den Kot, in dem sich die Sterne spiegeln. Exempla odiosa sunt. Ich will Ihnen sagen, wir sind zu gebildet, um noch brauchbare Menschen zu sein. Sürich Sperling war kein Gebildeter, aber ein Mensch.“
„Warum reden Sie stets davon!“ sagte Agathon unwillig.
Gudstikker blieb stehen und heftete seine Augen durchdringend auf den Gefährten; und seine Augen sahen groß und feurig aus im Licht des Mondes. Sie waren auf dem Hügelkamm angelangt. Zu den Seiten blickte die Waldnacht sie an, in der Tiefe schimmerten die Lichter von Zirndorf. Agathon lehnte sich an einen Baumstamm; sein Gesicht hatte einen visionären Ausdruck. „Ich sehe ihn,“ sagte er. „Er nickt.“
Gudstikker wich scheu zurück.
„Hören Sie,“ fuhr Agathon fort, „mir ist, als könnte ich die Zukunft genau sehen. Einer hat mich hinaufgehoben, daß ich es sehen kann: Sürich Sperling. Nicht weil er gelebt hat, sondern weil er tot ist. Aber fragen Sie mich nichts.“
Sie gingen weiter. Gudstikker kaute an seiner erloschenen Cigarette. Über den Mond zogen flaumige Wolken, ohne daß sie seinen Glanz merklich zu mindern vermochten.
„Was ist eigentlich Ihr Beruf?“ fragte Agathon.
Gudstikker errötete. „Ich schreibe,“ sagte er, bemüht, sich selbst zu verspotten. „Ich mache in Kunst. Ja, man wird bald von mir hören.“
„Aber nicht lange,“ fügte Agathon versunken hinzu. „Sie haben bloß Funken, keine Flamme.“ Er brach erschrocken ab, als er Gudstikkers verzerrtes Gesicht gewahrte.
An der Ziegelei trennten sie sich. Agathon ging heim. Es war der Vorabend der letzten Tage des Laubhüttenfestes. Zum erstenmal hatte Elkan Geyer keine Hütte gebaut. Doch trotzdem war es sehr festlich. Die fromme Liebe, mit der man die Feier begann, übergoldete gleichsam die Ärmlichkeit. Aus nichtigen Dingen entstand unter den Händen einer einfachen Frau Poesie: Äpfel, Nüsse, Trauben, schwer gelagert auf blendend weißen Decken, gescheuerte Dielen und Fenster, die Festtagslampe, eine kupferne Ampel, dampfende Speisen, frischgewaschene Kinder, die froh sind, daß alles anders ist, als am Werktag.
Enoch Karkau starrte im Sofawinkel. Der Fremde, Joelsohn, war wieder da und las Gebete. Elkan Geyer sah Keinen an; sein Gesicht war wie durchpflügt von Unglück. So ging er seit dem Mord herum, und nichts war aus ihm herauszubringen. Die verschuldete Summe hatte er im letzten Augenblick noch aufgetrieben und dem Bruder des Toten eingehändigt. Frau Jette siechte nur so hin. Es war oft, als ringe sie mit einer unsichtbaren Macht und sei nicht stark genug, die Arme frei zu bekommen. Daher leuchtete es bisweilen dämonisch auf in ihren Augen, wie von der Gewißheit der Niederlage erfüllt und doch voll trotziger Widerstandslust. Die Sorge um die Kinder beschäftigte sie am meisten, und sie glaubte Ruhe zu haben, wenn nur Elkan endlich einmal die streitige Chassanstelle erhielte.
Um neun Uhr wurden die Kleinen ins Bett geschickt. Alles war still. Joelsohn las den Israelit, die Zeitung für das Judentum, und sah plötzlich empor.
„Es steht schlimm mit Jisroel,“ sagte er. „Habt’r gelesen von Rußland? Habt’r gelesen von Wien? Is der Jüd a Verbrecher, daß er sich soll steinigen lassen von die Gojim? Es wird e böses End nehmen, en End mit Schrecken.“
Sie sprachen dann vom Brand in Roth, und vom Bankrott einiger Nürnberger Bankfirmen. Frau Jette sagte, daß Isidor Rosenau entschlossen sei, sein Geld beim Baron Löwengard zu erheben. Das sei lächerlich, warf Enoch Karkau hin; Löwengard sei sicher wie Rothschild. Joelsohn hörte dies alles nicht; er redete sich in eine flammende Hitze gegen die Christen und wurde schließlich ganz fantastisch in seinen Anklagen. Er ist um ein paar Jahrhunderte verspätet, dachte Agathon. Es gab viele solcher Juden, besonders in der Stadt; es waren Zeloten. Das Gebet ging ihnen über alles, über Gott selbst und wer nicht betete, war der Feind und der Christ; etwas Unreines, Fettiges, Übelriechendes lag über diesen Eiferern wie über abgestandenen Speisen.
„Ja“, sagte Elkan Geyer müde, „das ist ja ganz recht, aber schließlich sind wir doch nur Geduldete. Wir speisen an einer fremden Tafel, bei einem fremden Volk. Was können wir fordern? Nichts. Erobert, genommen haben wir ja genug, das muß wahr sein, die einen viel, die andern wenig.“
„Und wenn der Messias kommt?“ murmelte Joelsohn fanatisch.
Elkan bog den Kopf leicht vor und seine beiden Mundwinkel zuckten gleichzeitig. Darin lag etwas schmerzlich Zweifelndes. Agathon liebte in diesem Augenblick seinen Vater sehr.
Bald sagte er gute Nacht. Ihm war wunderlich zu Mut. Er hatte ein Gefühl von Macht und Freiheit; ihm war, als könne er all diese bunten Verwicklungen des Lebens lösen, wenn er nur die Hand erhob. Er wollte noch nicht schlafen, darum ging er in den Hof und schlürfte gleichsam die Nacht in sich ein, die so still war, spätsommerlich lau, trotzdem der Oktober schon weit vorgerückt war. Der zerbrochene Zaun, der verwilderte Gemüsegarten, in der Ferne die Felder, die niederen Häuser: alles in der sanften Bronzierung des sinkenden Mondes. Er hörte etwas murmeln, ging ohne Furcht den Lauten nach, öffnete das Scheunenthor und wurde ganz bleich vor Bestürzung, als er auf einem Strohlager den alten Gedalja gewahrte, der in einen mattleuchtenden Kerzenstumpf hineinstarrte und Agathon eifrig zu sich herwinkte, als er ihn erblickte.
„Psch! nix reden!“ rief er mit unterdrückter Stimme. „Mausstill sein, sonst schneid’ ich d’r ab die Ohren. Setz’ dich her zu mir, und ich will d’r sagen was Guts fors ganze Leben. So. Ob de bist reich, ob de bist arm, ’s is ganz egal; ob de bist gottesfürchtig, ob de bist nit gottesfürchtig, ’s is aach egal. Müßt ich sonst sitzen auf Stroh in der Scheune wie Hiob, und unterm Gras wie Nebukodnezor? Ich will dir geben en guten Rat un sollst’n nit vergessen fors ganze Leben. Sag’ niemals, un wenn de wirst siebzig Jahr, sag’ niemals, daß de hast einen Menschen, wozu de haben kannst Vertrauen. Gott im Himmel, bin ich geworden neunzig Jahr, un meine Kinder schämen sich meiner. Hab’ ich gehabt e Gut, e Haus, un e Viech, un e Fraa, un es Unglück is gekommen un hat aufgesperrt sein Rachen, daß ich jetzt sein muß heimlich in der Scheune meines Vetters, bis er wird sein willig, mir zu geben e Kammer für die Nacht. Glauben is kaaner mehr in der Welt, ich spür’s am eignen Fleisch, Gott hat die Zeit verloren, sie is ihm gefallen aus der Hand, nebbich. Du hörst se schreien von Juden un Christen, aber was se meinen is das Geld un was se nicht meinen, is die Frommheit. Was is Gott? Is das Gott, wenn ich mach e Kreuz, wenn ich bet in der Thora? Is das Papier Gott? Is das Holz Gott? Is Gott der Himmel, is Gott der Mond? Nix is Gott; Gott is meine Gutwilligkeit un mein Armsein. Ich bin Gott, du bist Gott, e Gespenst is Gott, e Stück Armut un Elend.“
Er hatte die Hände erhoben und seine Augen standen voll Thränen. Zerrissen mit sich und der Welt lag er da. Und Agathon war wie versteinert. Dann begann der Alte wieder, leiser und ruhiger: „Jetzt gehste wieder hin, wo de bist hergekommen, legst dich schlafen un bist still. Du bist e Chuchem und wirst thun wollen e Mitzwe bei en alten Mann. Ich muß sein allein. Ich kann nit sehn vor mir e menschliches Gesicht.“
Agathon wandte sich, verschloß die Thür, ging ins Haus, in sein Zimmer, kleidete sich aus, – alles mechanisch. Dann legte er sich ins Bett und dachte nach, weit über Mitternacht hinaus.
Sechstes Kapitel
Er stand auf, fühlte förmlich die Nacht um sich her mit den Fingern, kleidete sich an, ging hinab, und obwohl er sich gar nicht bemühte, leise zu gehen, schwebte er doch nur so hin über die Treppe und den Flur. Auf der Straße war es zauberhaft still: die Häuser, die Gärten, die Brunnen, alles gefroren in Ruhe. Er schlich um das Wirtshaus St. Sebald herum, erkletterte das Weinlaubgerüst, stand oben vor einem vergitterten Fenster, preßte sich mit seltsamer Geschicklichkeit durch und hüpfte durch die geöffneten Fenster in Sürich Sperlings Schlafgemach. Es war vollkommen finster, doch sah er jeden Gegenstand, auch den verstecktesten, mit brennender Deutlichkeit. Sürich Sperling lag nicht im Bett, sondern saß auf einem Stuhl, starrte in den leeren Ofen und sagte: „Ja, mein Junge, in der Hölle haben sie auch nicht immer Vorrat an Feuer; mich friert.“ – „Soll ich einschüren?“ fragte Agathon sanft. – „Ja, ja, aber findest du nicht, daß es hier nach angebranntem Kaffee riecht?“ Agathon kniete hin und heizte. Das Material, das er dazu gebrauchte, fühlte sich an wie Wolle, und schließlich wurde es naß und er sah, daß er mit Blut geheizt hatte. Dann öffnete sich die Thür und von den flackernden Flammen beleuchtet, kam Stefan Gudstikker herein. Er führte an einer Leine zwei Hunde, zwei Katzen und zwei weiße Mäuse, die alle gehorsam hinter ihm her schritten. Er ging auf Agathon zu und reichte ihm einen Brief, über den Agathon in große Bestürzung geriet und dann sah er plötzlich seine Mutter, die mit rollenden Augen irgend etwas Unverständliches sagte. Jetzt stand Sürich Sperling auf und sagte: „Es lebe das Kapital. Es lebe die Schnaps- und Fuselbrennerei. Es lebe der Bankrott. Es lebe die Bürgerschaft, die überm Pulverfaß schnarcht. Es lebe die Revolution. Ich bin Robespierre. Ich bin der ewige Jude. Es lebe der Tod.“ Plötzlich wurde es hell im Zimmer, Agathon wußte nicht, ob durch die Flammen im Zimmer oder durch ein Feuer, das draußen war. Da begann das Kruzifix an der Wand lebendig zu werden, und Agathon sah nichts mehr, als ein Männergesicht von erhabener Schönheit und kniete nieder. Doch als er wieder aufschaute, sah er statt dessen eine nackte Frau. Es war Jeanette. Sein Herz klopfte zum Zerspringen. Sie nahm ihn bei der Hand und führte ihn fort, durch das leere Dorf, durch die Stadt, durch Wiesen und Wälder und Felder, dann kam eine öde Strecke, dann eine Brücke, die über einen grauenhaften Schlund hinweg führte, und endlich kam ein Garten auf einem Hügel, und in der Tiefe erwachte der Morgen, die Sonne: rot, schwer und langsam. Alles war zerstoben, glänzend kam der Tag. –
Frau Jette blieb, als die Männer morgens zur Schul gingen, im Bett liegen. Die Morgenzeitung brachte die Nachricht von dem Bankrott von Wassertrüdinger & Co. in Nürnberg. Darüber war alles erregt im Dorf. Aber der Putz, in dem die Weiber zur Synagoge eilten, war darum um nichts weniger prächtig. In Sammt und Seite rauschten sie einher, mit kostbaren Hüten und gelben Schuhen, was im Rahmen des schmutzigen Dorfes mit seinen Düngerhaufen ziemlich komisch war. Hinter den Frauen schritten ernster und stiller die jungen Mädchen. Es waren Mädchen mit schönen zarten Gesichtern dabei, voll von jener grundlosen Schwermut, die nur den Juden eigen ist, mit jenen schwarzen Augen, die keine Tiefe haben, mit jenen breiten Hüften, die später Geist und Feinheit gänzlich verdrängen müssen.
Die Männer schalten und disputierten lauter als je. Sie gingen in Haufen und kamen kaum vorwärts. Isidor Rosenau, Samuel Bergmann, Max Lippmann, David Krailsheimer, alle redeten mit den Händen, fochten mit den Armen in der Luft umher: man danke für die „Kovet“ einen halben Goij zum Chassan zu haben; man wisse wohl nicht, daß Elkan Geyer kein geborener Zirndorfer sei –? So? das sei gleichgültig? wenn er nur ein guter Jüd sei –? Er sei aber kein guter Jüd. Schicke er nicht seinen Sohn in die Christenschule nach „Ferth“ –? Das thaten andere auch –? Gut, dann seien andere auch Chasserem, Schweine, Goijem, Schabbesgoijem. Kämme er sich nicht am heiligen Schabbes mit einem Kamm? Sogar rasieren habe er sich früher einmal lassen.
Die schwarzen Cylinder fuhren ruh- und ratlos hin und her.
Weit hinter ihnen schritt Agathon, unschlüssig, ob er dem Gottesdienst beiwohnen solle. Da gesellte sich ein junges Mädchen von vielleicht sechzehn Jahren zu ihm. Es war Monika Olifat, die Tochter einer jüngst aus Polen eingewanderten Frau. Sie kam ganz aus freien Stücken zu ihm, der vor ihrer Schönheit errötete, vor ihrer Unbefangenheit.
„Sie sind Agathon Geyer?“ redete sie ihn in einem reinen Deutsch an, mit einer glockenhellen, melodischen Stimme.
Er nickte langsam.
„Ich habe viel von Ihnen gehört. Ihr Vater will Vorbeter werden?“
Er nickte wieder.
„Aber warum wollen das die Leute da nicht?“
„Ich weiß es nicht. Sie sind neidische, erbärmliche Menschen.“
„Braucht ihr es denn so nötig?“
„Ja, meine Eltern sind sehr arm. Wenn sie nicht die Zinsen von dem Geld hätten, das für uns Kinder bei Baron Löwengard deponiert ist, hätten sie gar nichts.“ Er sprach etwas wirr und stockend und war ärgerlich über seine ungewohnte Mitteilfreude.
„Wissen Sie was,“ sagte Monika Olifat, „wir wollen Freunde werden. Vorausgesetzt, daß Sie es wollen.“ Agathon sah sie an und jetzt errötete sie. „Ich suche einen Freund,“ fuhr sie etwas verwirrt und wie entschuldigend fort. „Also wollen Sie?“ Sie hielt ihm schüchtern die Hand entgegen und schüchtern legte er die seine hinein.
„Freunde sind Verbündete,“ sagte Monika Olifat. „Sie dürfen nichts voneinander verraten und nichts voreinander verschweigen. Und jetzt sagen wir uns Du.“ Sie nickte ihm vertraulich zu und verschwand in dem für die Frauen bestimmten Aufgang der Synagoge.
Der Tempel war ein kalter, kahler Raum mit hohen, farblosen Fenstern, alten Gebetspulten, moderiger Luft, einem Balkon für die Frauen und dem Altar. Während des ganzen Gottesdienstes herrschte derselbe Lärm wie vorher auf der Straße. Erst als ein Rabbiner aus Fürth die Kanzel betrat, um zu predigen, wurde es ruhig. Diese Predigt war anfangs reichlich mit gelehrten und biblischen Citaten geschmückt, erging sich dann in pathetischen Äußerungen über die Heiden, befaßte sich des Weiteren mit der Untersuchung eines spitzfindigen Satzes aus der Mischna, empfahl „die Fahne des Glaubens hochzuhalten“ und schloß mit einem Preis des Vaterlandes und des Kaisers. Da erschallte ein grelles, erschreckendes Gelächter im Hintergrund, gerade als der Gottesdienst mit dem Kaddisch endigen sollte. Alles wandte sich mit aufgerissenen Augen um, und man sah einen alten Mann sich krümmen und verbeugen wie eine Katze und einem unsichtbaren Etwas in der Luft zugrinsen. Es war Gedalja; Enoch Karkau ging hin, um ihn hinauszuführen. Tuschelnd verließ die Gemeinde das Haus.
Als Agathon nach Haus kam, saß Gedalja fröstelnd am Ofen, und neben ihm stand Enoch in finsterem Schweigen. Elkan Geyer hockte auf der Bank am Tisch und hatte das Gesicht mit den Händen bedeckt. Der Pausbäckige trippelte auf dem Polster eines Stuhls herum und leckte behaglich summend an der Zinneinfassung der Fensterscheibe. Der Himmel war grau und regnerisch.
„Es nützt nix, Enoch,“ sagte Gedalja. „Ich waaß, daß de hast vergraben dein Geld im Garten oder im Hof, viel Geld. Aber mir brauchste ja nix zu geben dervon.“
„Schweig still, du versündigst dich,“ erwiderte Enoch durch die Zähne.
Der andere Greis schien es nicht zu hören. „Es nützt nix,“ sagte er eintönig und bekümmert. „Wucher treibste aach und ich seh dich noch kommen ins Zuchthaus mit aller deiner Frommheit. Ich seh dich noch kommen ins Zuchthaus, so wahr ich leb un so wahr ich da sitz.“
„Gedalja!“ murmelte Elkan Geyer gequält.
„Was soll ich thun? Kann ich mer helfen? Er kann helfen. Wenn er ausleiht Geld zu fufzig Prozent, soll ich halten mei Maul? Ich habs gehört von en redlichen Mann, von en bedauernswerten Mann, Enoch, den de hast gericht zu Grund. Soll kommen sein Wohlstand über dich. Soll kommen sein Ansehn über dich. Aber haste zu Grund gericht den Bäcker, wirste aach zu Grund richten den Schuster. Un endlich wird kommen der Zugrundrichter über dich un werd haben kein Erbarmen, wie du hast gehabt kein Erbarmen, Enoch. Dann is geschändet dein Name un deine Familie un is geschändet der Jud. Haste nicht mir geliehen dreißig Thaler, Enoch, voriges Jahr Pesach zu gutem un ich hab d’r zurückgegeben fufzig Thaler um Schues? Die Welt is groß und dreht sich, ich waaß und mancher verschlupft in en Winkel vor der Vergeltung, aber manchen packts aach und er muß lassen Ruh un Frieden for sein Alter. Ich hab gesprochen und bin stumm.“
Isidor Rosenau kam „auf einen Sprung“ und wurde sehr lau begrüßt. Er, der bisweilen kleine, atheistische Anwandlungen verspürte, begann einen etwas gedehnten Vortrag über Widersprüche in der Bibel zu halten. Er hatte da irgend etwas irgendwo aufgeschnappt und glaubte damit die ganze Schöpfungsgeschichte um ihre Vernunft gebracht zu haben. „Wenn Adam und Eva und Kain und Abel allein in der Welt waren und Abel ging hin und nahm sich ein Weib aus der Fremde, so waren sie doch nicht allein!“ So rief er begeistert und brachte noch ein Vierteldutzend ähnlicher Dinge aus der Tiefe seiner Erkenntnis ans Licht.
Erst antwortete ihm niemand, dann sagte Gedalja mit einer Geste, deren Stolz und Vornehmheit Agathon unvergleichlich schienen: „Junger Mann, die Schrift is nit geschrieben, daß se wird gelesen mit die leiblichen Augen, sondern mit die geistigen. Sie soll nicht werden studiert, sondern sie soll werden getrunken wie Wein. Sie hat Symbole, daß wir können messen daran unser eigenes Leben. Un wir sollen nicht messen daran mit der Schneiderelle, sondern mit unserm Gewissen.“
Agathon fühlte seine Augen feucht werden. Er erhob sich, ging zu dem Greis und küßte ihm rasch und errötend die Hand.
Doktor Schreigemut kam, den man für Frau Jette bestellt hatte. Er war gewiß eine merkwürdige Art Doktor. Er brachte eine Gemütlichkeit zum Krankenlager mit, als sei der Tod eine eitle Illusion, eine Schrulle, und sein weinrotes Gesicht glänzte, als ob Kranksein den erstrebenswertesten Zustand bedeute. Er sagte, daß „so weit“ alles in Ordnung wäre, nur dürfe man nichts „übertreiben“, müsse fleißig lüften, Fleischsuppe kochen und hier sei eine harmlose „Pillule“. Darauf verbreitete sich der Mann eingehend über die politische Lage, über den neuen Besitzer der Ziegelei, kniff Mirjam in die Wange und schob befriedigt ab, um sich zu dem unterbrochnen Tarock in die gläserne Burg zu begeben. Darauf gab Isidor Rosenau noch einige sehr fascinierende Witze über das Wetter im allgemeinen zum besten; es lachte aber außer ihm selbst nur der kleine Pausback am Fenster, der damit Isidor einen unermeßlichen Dienst zu erweisen glaubte. Es läutete draußen und ein Bauer verlangte Tabak zu kaufen. Elkan Geyer rief ziemlich energisch hinaus, heute sei Feiertag und der Laden geschlossen. Er schlug die Thüre zu, gleich darauf ging er aber hinaus. Agathon wußte, daß er in die Küche ging, um Kathrin zu bitten, daß sie den Tabak verkaufe.
Der Tag ging hin. Aber diese Herbsttage sind gar nicht; sie sterben langsam, sind bloß ein Vergehen. Sie fallen kraftlos in die Arme der heraufsteigenden Nacht, und die Nacht nimmt sie dann auf den starken Arm wie die Mutter ein Kind nimmt und es einlullt mit hingesummten Liedern. Am Nachmittag half Agathon ein Zimmer für Gedalja in stand setzen; für die nächsten Wochen war ihm eine elende Kammer zwischen Hof und Hühnerstall überlassen worden. Dann ging er spazieren. Über seinem Thun und Denken war eine leidenschaftliche Unruhe gebreitet. Sein Weg führte ihn an das Haus, wo Monika Olifat wohnte. Sie sah aus dem Fenster und winkte ihn freudig hinauf. Sie war allein; die Mutter und die kleinere Schwester machten Besuche. Es war ein hübsches Zimmer, in das Agathon trat. Das Haus lag etwas außerhalb des Dorfes und hatte einen villenartigen Charakter.
„Ich freue mich, daß du gekommen bist,“ sagte Monika sanft; sie hatte eine Puppe in der Hand, die sie schon seit zehn Jahren besaß, wie sie sagte. „Aber das ist dumm von mir, nicht?“ fragte sie, indem sie sich niederbeugte und nach einem Blick von ihm haschte. Sie erschien Agathon anders als am Morgen: weicher und fast furchtsam. Nun brachte sie ein Buch, woraus sie ihm polnische Gedichte vorlas. Er hatte sie darum gebeten, obwohl er die Sprache nicht verstand. Es war ihm genug, ihre Stimme zu hören, die rein und hell dahinfloß, ein ungetrübter Strom. Die Stimme machte gleichsam alles heiter um ihn, und er hatte ein unbezwingliches Verlangen nach Heiterkeit und Freude in sich, ein Verlangen, das täglich wuchs und ungestümer wurde. So kam es ihm vor, daß in diesen mysteriös klingenden Versen das Herrlichste und Sonnigste stehe, das je ein menschliches Ohr vernommen und daß man sie nur zu verstehen brauchte, um von allen Sorgen erlöst zu sein.
Sie klappte das Buch zu und sagte entschieden: „So, jetzt wollen wir uns unterhalten. Jeder erzählt dem andern, was er überhaupt weiß.“
Das war nun wohl gesagt, aber dabei blieb es auch. Denn Agathon war still und Monika auch. Wer konnte denn da reden, wenn es draußen dämmerte! Der müde Himmel schien herunterzusinken, daß man es kaum merkte, und die Bäume weit im Osten bogen sich, verschwammen, wollten fast in die Erde fallen, bis man sie gar nicht mehr sehen konnte. Das Wasser auf den Wiesen spiegelte den Himmel wieder, stets matter und matter, wie Glas, das überhaucht wird. Agathon sah nur noch die zarten Linien eines Profils, eine leicht gebogene Nase, eine schmale Stirnlinie, zuckende Lider, hinter denen dunkle Augen gleich lebenden Kugeln strahlten und ein Kinn, das ihn an die Puppe von vorhin erinnerte. Widerspenstige Haare kräuselten sich im Nacken: ein Zeichen von Leidenschaft und spielender Anmut.
„Du sprichst ja gar nichts,“ flüsterte Monika befangen.
„Laß uns nicht sprechen,“ erwiderte Agathon mit bebender Stimme.
„Ja, was soll man auch sagen,“ gab Monika zu. Sie ergriff seine Hand und streichelte sie vorsichtig. „Warum zitterst du denn so, Agathon?“
Agathon sprang auf, ergriff seinen Hut und rannte fort, – hinaus, und ging erst wieder langsam, als er in der Hauptstraße des Dorfes war. Er lächelte voll Scham und Reue.
Den Kopf voll marternder Gedanken, ging er vom Flur in den Hof, vom Hof in den Flur. Dann stieg er die Treppe hinauf, wie unwillkürlich aus dem Bedürfnis nach der Höhe. An ihrer Kammerthür stand Kathrin, mit nichts bekleidet, als mit einem Unterrock und einem Hemd. Ihr Haar war lose, ihre festen Schultern waren nackt wie auch die Hälfte der Brust. So stand sie vor der halboffenen Thür, schwankend beleuchtet von dem Kerzenlicht in der Kammer und lächelte halb blöde, halb begehrlich Agathon zu. Er war völlig erstarrt. Seine Zähne schlugen aneinander, er wollte nach einem Halt greifen, er wollte etwas sagen, doch sogleich legte es sich wie eine Kette um seinen Hals und es wurde ihm so unerträglich heiß, daß er den ganzen Körper feucht werden fühlte. Mit einem dumpfen Schrei floh er.
Noch ganz besinnungslos stürzte er in die Kammer des alten Gedalja, kniete vor ihn nieder, nahm dessen Hand und flüsterte, wirr, bleich im Gesicht. Der Greis fragte und konnte zuerst nichts erfahren, doch bald bekam er auf Umwegen Klarheit. Er nickte ein paarmal wissend vor sich hin. „Setz dich her, mein Jung, und ich will dir sagen was for dein Herz un wie de sollst sein gegen die Weiber. Bin ich worn gestraft un hab gehabt zwaa Weiber nebbich un war keine Broche un kein Segen dabei. Das Weib is gut für die Stund, wenn se hat keine Sanftheit for den Mann. Sie mag sein e Chuchem, sie mag haben Geld, sie mag sein sparsam, sie mag sein gottesfürchtig; wenn se nicht is weich wie lehmige Erd, daß de kannst formen das Bild wo de willst, taugt se nix for dich. Un wenn de hast eine große Begehr, dann gehste hin, sonst wird verstopft dein Geist un dein Gemüt un du siehst Gespenster beim hellichten Tag. Laß d’r nit einjagen Angst durch die falschen Lehren: es is ka Unglück un ka Verbrechen, es is menschlich un du sollst bloß schweigen davon. Un wenn de eines Tags fühlst mehr un dein Herz werd sein voll Liebe, dann gehste hin und siehst, ob se gefällt deinen Sinnen. Un wenn se gefällt deinen Sinnen, gefällt se aach deinem Haus un deine Kinder. Das wirste nit verstehn heut, aber de wirst es verstehn bald un wirst gedenken an meine Worte.“
Agathon war nicht beruhigt. Im Gegenteil, er war noch erregter als vorher. Es wurde Abend und er fühlte sich förmlich gefangen in einem verworrenen Knäuel von Rätseln. Er stand in dem schmalen Vorplatz, der zur Küche führte und wo es stockfinster war. Er drückte sich krampfhaft an die Holzplatten der Rückwand und sah in das winzige Lämpchen, das auf dem Anricht in der Küche stand. Er hörte nahende Schritte, und erschrak wie ein Verbrecher. Es waren trippelnde, tastende, gleichsam spionierende Schritte und endlich kam die geduckte, spähende Gestalt Enoch Karkaus zum Vorschein. Er lispelte unhörbar, seine Augen stierten in die matt erhellte Küche, es war, als ob sie ihm vorauseilten, um die Küche abzusuchen, dann tappte er hastig auf den Blechkorb am Vorhang zu, wo das Hausbrot aufbewahrt wurde, nahm das Brot, riß die Anrichteschublade auf, packte mit schlotternden Händen ein Messer und schnitt ein großes Stück Brot herab, immer angstvoll lauernd in die Richtung des Flurs blickend. Dann klappte er den Blechkorb vorsichtig zu, legte das Messer wieder an seinen Platz, biß hungrig in das erbeutete Stück Brot hinein und schluckte den Bissen gierig hinunter. Das andere verbarg er in seinem Wams. Schleichend wie er gekommen, entfernte er sich wieder.
Agathon hatte alles gesehen. Er wankte und mit einem Aufschrei brach er zusammen. Lange kauerte er so, und niemals war in seiner Seele das inbrünstige Verlangen so stark gewesen, dieser dunklen Welt um sich her Freude zu bringen. Freude! Als er aufsah und sich entfernen wollte, erblickte er seinen Vater, der unbeweglich vor ihm stand und die Hand schwer auf seine Schulter legte.
Siebentes Kapitel
Als Frau Gudstikker am Morgen das Frühstück bereitete, mußte sie zum Brunnen, und als sie zurückkam, waren Sema und Wendelin verschwunden. Sie hatte nun wieder Grund zu jenen stoischen und schwarzsichtigen Betrachtungen, die ihr ein hartes Leben und ihre im Grund zarte und stolze Natur nahe legten. Ihre Gedanken nahmen stets einen erbarmungslosen Gang und dabei schonte sie nicht, was ihr teuer war. Als Stefan Gudstikker spät nachmittags nach Hause kam, fragte sie ihn, wo er herumgestreunt sei.
„Du weißt, ich streune nicht, Mutter,“ entgegnete er mit blitzenden Augen, den Kopf hoch aufrichtend.
„Ja, ich weiß es,“ entgegnete sie wie nachdenklich und blickte ironisch auf seine staubbedeckten Stiefel.
„Wo sind die Knaben?“
„Fort.“
„Wie. Fort –?“
„Ich habe sie heimgeschickt.“
„Was heißt das? Du weißt doch, daß ich sie nötig hatte? Daß ich den interessanten, psychologischen Fall untersuchen wollte?“
„Es ist nicht nötig, daß du mit Menschen spielst. Spiele mit deinen Ideen. Darüber bist du Herr.“
Gudstikker atmete schwer. „Mutter, ich betrete dein Haus nicht mehr,“ preßte er endlich hervor, nahm seinen Hut und stürzte fort. Sie lächelte gutmütig hinter ihm her, öffnete das Fenster und schaute ihm lange Zeit nach.
Stefan Gudstikker ging zum Friseur, wo er über eine halbe Stunde saß, um sich Haar und Bart verschönen zu lassen, und bei Anbruch der Dämmerung erwartete er vor den Anlagen seine Verlobte.
„Sie haben mich fast geschlagen,“ waren Käthes erste Worte. „Ich sei heimlich mit dir zusammengetroffen. Du sollst zu uns ins Haus kommen.“
„So.“ Er nahm heftig ihren Arm und schritt weiter.
„Nein, nein,“ wehrte sie angstvoll. „Nicht hingehen jetzt. Du darfst nicht aufbrausen.“
„Ich schlag alles kurz und klein.“
„Nein! bitte, nicht!“
Er machte eine verzweifelte Gebärde der Auflehnung.
„Ach Stefan, warum ist das alles so! Warum hast du nicht viel Geld! Bei deinem Genie! Warum ist alles so traurig in der Welt!“
„Es wird anders, Liebchen, es wird anders! Ich werde Geld haben, Macht haben, alles was du willst. Ich werde die Welt aus den Angeln heben! Ich habe ein großes Werk vor! Du wirst sehen.“
„Ich glaube ja so gern daran. Nur ist die Zeit so lang. Jeder Tag ist ein Jahr.“
„Nur Geduld. Du wirst sehen. Glaubst du, daß ihr ein Abendessen für mich übrig habt?“
„Willst du kommen? Wirklich? Wie herrlich!“
„Mach nur um Gotteswillen nicht so viel Ausrufezeichen in deine Rede! Das macht mich nervös! Ich hasse alle Ausrufezeichen!“
„Was hast du denn? Du bist so verbissen seit einigen Tagen.“
„Verbissen? Nein. Nachdenklich, ja. Ich verkehre da mit einem jungen Menschen, Agathon Geyer, einem Juden. Ich bin nicht sentimental, aber, – na, du müßtest ihn sehen. Er sieht aus, wie, es klingt läppisch, aber ich muß es sagen, ich muß immer an Aladdin mit der Wunderlampe denken. Nun, das ist verrückt. Man muß nicht Litteratur reden, wenn man’s vermeiden kann. Was die Hauptsache ist, unter den Papieren meines Vaters hab ich Briefe von seiner Mutter gefunden. Sie sind mit Jette Pohl unterzeichnet. Sie war noch Mädchen damals. Schön, gescheit, liebenswürdig vielleicht. Etwas Merkwürdiges liegt in den Briefen. Dasselbe was in Agathons Augen liegt. Manchmal möchte man seine Hand nehmen und ihn versichern, daß man glücklich ist. Aber du schläfst ja?“
„Nein, ich bin nur sehr müde.“
Familie Estrich war sehr liebenswürdig gegen Gudstikker und Gudstikker war sehr liebenswürdig gegen Familie Estrich. Er küßte seine künftige Schwiegermutter auf die Stirn, fragte Herrn Estrich nach dem Gang der Ziegelei-Angelegenheit, sang nach dem Abendessen Lieder zur Guitarre, Volkslieder, die von treuer Liebe handelten und vom Kampf des Mannes um seinen Herd. Um elf Uhr ging er. Auf der Straße wurde sein Gesicht plötzlich finster, herb und verzerrt. Er schlug sich an die Stirn, sprach zu sich selbst und lachte kurz auf.
Er suchte ein Café auf, und in dem Augenblick, wo er den Raum betrat, erhielt sein Gesicht wieder den gleichmäßigen, aufmerksamen und übertrieben stolzen Ausdruck. Er begrüßte Erich Bojesen, den Lehrer, und setzte sich zu ihm an den Tisch, rieb sich fröhlich die Hände und erzählte eine heitere Schnurre von einem Soldaten und einem Fuhrmann, deren Verlauf er soeben beigewohnt hätte. „Also wie geht es Ihnen, lieber Bojesen?“ fragte er darauf und rieb sich wieder die Hände. „Gut?“
„Ja. Sie sind sehr aufgelegt, scheint mir.“
„Sehr aufgelegt, das ist wahr; man kann schon sagen froh.“ Er lachte herzlich, denn er hielt dafür, daß dies „man kann schon sagen“ eine witzige Wendung sei. „Aber Ihnen? Sie sind immer allein. Ich habe Sie noch nicht anders als allein gesehen.“
„Nun, das ist so Gelehrten-Art,“ erwiderte Bojesen mit einer sanften Selbstironie. „Ich muß Ihnen sagen, diese Stadt, diese Menschen hier, sie liegen nicht innerhalb der Welt. Es ist etwas Verlorenes und Verkommenes daran; etwas gänzlich, wie soll ich sagen, Zerstörtes, nein Stillstehendes, Sumpfiges.“
Es war unbegreiflich, aber eine Thatsache, daß alle Menschen mit denen Gudstikker in Berührung kam, ihm alsbald ihr Herz eröffneten und sich mitteilten wie Kinder.
„Kein Wunder,“ sagte Gudstikker, „wie leben wir auch. Wir haben ja gar kein Nationalgefühl mehr. Man kann nicht sagen, daß hier die Juden in der Herrschaft sind, nein, man kann es nur rätselhaft finden, wenn man einen Christen findet in der ganzen Provinz, ich meine einen anständig gekleideten, der den Kopf auf eigene Rechnung zu tragen wagt.“
„Ach, das meine ich eigentlich nicht,“ entgegnete Bojesen leicht errötend. „Es ist freilich ein Kardinalthema. Die Juden bringen ja das ganze geistige Leben in eine wogende Bewegung. Überall sind sie gleichsam die Kohlensäure des öffentlichen Lebens, wenn der Vergleich geht (er lächelte). Sehen Sie doch um sich, die ganze Presse liegt in ihren Händen; ich will nicht erörtern, ob das ein Unglück ist oder nicht. Natürlich haben sie auch den Handel inne, aber, was die Hauptsache ist, auch die Litteratur. Alles andere ist kein Unglück, sehen Sie. Die Presse bedarf des jüdischen Geistes, ja, da mögen Sie den Kopf schütteln, sie braucht diese scharfen, eindringlichen Reagentien, dieser Gewandtheit und Schlüpfrigkeit, mit einem Wort, der Kohlensäure. Der Handel, – nun, wo ist die Quelle des großen industriellen Aufschwungs, der großen Kapitalswerke? Davon will ich gar nicht reden. Aber die Kunst, sehen Sie, das ist ein schmerzliches Thema.“
„Ich verstehe. Sie haben Recht; sie machen uns zu vielseitig.“
„Vielleicht. Aber das ist es nicht. O, wie viel habe ich nachgedacht darüber.“ Der Ton des jungen Lehrers wurde plötzlich innig. „Nein, das ist es nicht. Sehen Sie sich um, früher hatten die Juden genug zu thun, sich die Gebiete zu erobern, die ihnen nahe standen. Aber nun nahmen sie Teil an der reichen und feinen Kultur, die sie selbst mitschaffen halfen, und infolgedessen wuchsen sie in die Kunst hinein. Es war eine notwendige, unausbleibliche Verbindung. Jetzt sehen Sie überall jüdische Künstler, erschreckend viele, erschreckend gute. Was sie schaffen, wohlverstanden, ich spreche nicht von denen aus vergangenen Jahrzehnten, das ist keine Frage mehr; das hat auch mit der Kunst, wie ich sie meine, nichts zu thun. Von den heutigen will ich reden. Sie sind Künstler, echte Künstler, daran ist nicht zu zweifeln. Aber sie richten uns zu Grunde. Sehen Sie, das sag ich Ihnen aus meiner Seele heraus: sie richten uns zu Grunde. Alles was wir erworben haben, lang und mühselig, damit können sie hantieren; alles, wonach wir ringen, das haben sie und wenn wir unser Blut hingeben für eine Sache, stecken sie dieselbe Sache schon lachend in ihre Tasche. Es fließt ihnen so zu, sie haben keinerlei Kampf damit zu bestehen. Und ich will Ihnen sagen, woran es liegt, daß sie uns überall das Brot wegnehmen: sie haben keine Tiefe. Nur in die Breite gehen sie und wenn sie tief scheinen, ist es eine Lüge. Sie kommen ja aus dem Schoß eines wunderbaren Volkes. Urteilen Sie selbst, welche Verfolgungen! welche Unterdrückungen! Aber wie ein Wurm krümmt sich dieser Volkskörper durch die Zeiten, unerschöpflich an Lebenskraft. Aber jetzt naht die Krisis. Sie nehmen uns die Wahrheit und die Aufrichtigkeit in der Kunst, das ist alles, was ich sagen kann, und das ist wichtiger als alles andere. Sie ersetzen es unbewußt mit dem Schein von Wahrheit, dem Schein von Aufrichtigkeit; sie bringen uns eine neue Art von Sentimentalität, die sich als Naivetät giebt und mit grüblerischer Wehmut nach den Gründen der Dinge schreit. Ich schwöre Ihnen, mein Lieber, das ist eines von diesen Dingen, die das Schicksal und das Leben ganzer Jahrhunderte verdüstern. Darin liegt die „Judenfrage“, wie man das Ding läppisch nennt. Darum müssen die Juden fort und tausendmal fort. Was ist alles andere, eine lokale Sache, arm und still! Religion! Was kann uns das heute sein! Nichts. Sie sollen sich ein Land suchen, wo es auch immer sei, sie sollen einen König über sich setzen wie in den alten Zeiten, sollen ihren Weizen bauen und ihr Gras mähen und ihre Häuser aufrichten, sagen wir, in Australien oder wo. Nicht bei uns mehr! Nein, nicht bei uns! Sonst geht der Verfall weiter und weiter und wir werden sitzen, wie der Frosch an der Mergelgrube. Das Christentum hätte schon längst ausgeatmet, wenn das Judentum nicht wäre, abgesehen davon, daß es gar nicht gekommen wäre und die germanischen Völker sich einen Gott nach ihrem Blut geschaffen hätten.“
Gudstikker hatte erstaunt und erstaunter zugehört und vermochte nichts zu sagen. Bojesen lächelte schwermütig. „Aber ich bin ganz abgeschweift von meinem Thema,“ bemerkte er mit einer Miene, die gleichsam um Verzeihung bat, für das Feuer und die Leidenschaft seiner Worte. „Ich meinte, wie man hier lebt, darin sei etwas Unwürdiges, etwas Zeitloses und Teilnahmloses für die Zeit. Hier wird man entweder zum Fanatiker oder zum zufriedenen Dummkopf. Und man kann nicht Einfluß haben auf die Jugend, nein, das ist unmöglich, sehen Sie. Es klingt erstaunlich, aber es ist so, Sie dürfen mir glauben. Mein Gott, was ist das für eine Jugend! Sie hat nichts, als was man ihr schenkt. Sie ist so arm und man macht sie noch ärmer dadurch, wie man den Unterricht betreibt. Doch davon darf ich gar nicht reden.“
„Sie haben wohl viel Schlimmes hinter sich?“ fragte Gudstikker, der sich völlig bewußt war, eine banale Frage zu thun. Aber er empfand deutlich, daß ihm dieser Mann heute nichts geheimhalten würde, daß er sich förmlich betäubte durch das Mitteilenkönnen, und daß er sich jedem Fremden ebenso eröffnet hätte.
„Schlimmes? Nein. Es ist so gewöhnlich. Es ist eigentlich zu gewöhnlich, um viel Aufhebens davon zu machen. Mein Vater war reich und hat mich enterbt, weil ich zur Wissenschaft ging. Ich sollte Soldat werden. Nun, dann hat mich die Wissenschaft verstoßen, und da bin ich Lehrer geworden. Ich hätte schon ausgeharrt, aber da traf mich das Unglück, daß ich mich verliebte. Und jetzt kann ich gern den Bankrott meines Lebens erklären. Die Frauen wollen nicht mitthun, wenn der Mann nach den Sternen klettert. Die Toilette kann ja dabei Schaden leiden.“
Bojesen schwieg und sah sich mit träumenden Augen rings um. Der Raum leerte sich; die Kellner säuberten die Tische, die Lichter wurden zum Teil verlöscht, die weißen Marmorplatten starrten seltsam heraus aus den dunklen Teilen des Saales. Die Uhr schien stillzustehn; die Zeit schien stillzustehn.
„Und nun wundern Sie sich jedenfalls, daß ich hier sitze,“ begann Lehrer Bojesen wieder mit gedämpfter Stimme, „und nicht daheim bei dieser Frau, in die ich mich verliebt habe –? Nicht wahr, Sie wundern sich? Jeden Abend bin ich hier zu treffen im Kreis meiner sublimen Gedanken, denen ich Audienz gebe. Dann mögen sie zusehen, was sie anfangen. Aber ich weiß nicht, welcher Geist uns immer noch mit der Ehe foltert, uns, die wir mit frischgewaschenen Manschetten ins zwanzigste Jahrhundert treten sollen. An die Harmonie der Flitterwochen bin ich ja bereit zu glauben, vielleicht noch ein Jahr länger, aber dann! Ach sagen Sie mir, lieber Freund, was soll man thun mit einer Frau, die so schön ist, wie sie jung ist, wie sie anmutig ist, und die nicht hungrig wird an ihrem Körper? Verstehen Sie mich? Sie hat kein Verlangen, liebt seelisch und wie die schönen Dinge alle heißen, nennt es Schmutz, wenn sich die Leiber vereinigen, wie es die Natur sanktioniert hat. Vielleicht ist das auch eine Zeitkrankheit, eine Frauenkrankheit, aber was soll man thun mit einem solchen Weib? Man kann ihr nichts mehr geben, nichts. Sie wird uns zum Stein!“
Gudstikker nickte und spielte peinlich berührt mit einem Streichholz.
„Ja,“ fuhr Bojesen mit einer offenbaren und immer steigenden Lust, sich selbst zu zerfleischen, fort, „wenn sonst etwas wäre. Ich wünsche Ihnen niemals, Lehrer zu sein. Was sind das für Herren, auf deren Freundschaft man da angewiesen ist! Davon will ich schon gar nicht reden. Nein, lassen Sie mich aufhören zu reden, erzählen Sie mir etwas. Ich werde Ihnen dankbar dafür sein.“
Gudstikker fragte Bojesen, ob er Agathon Geyer kenne, und Bojesen bejahte. Er scheine ihm ein ziemlich talentloser Schüler zu sein, wie alle. Er meine, Talent im höheren Sinn, so daß das Bewußtsein eines Zieles dabei sei, ein um der Sache willen Schaffen. Das könne er bei keinem Schüler finden, die die ganze Schule als eine Art Strafarbeit oder Hindernisrennen betrachten. „Aber das kommt von oben und geht durch bis zum Pedell. Arbeitergeist. In wessen Augen ein Evangelium glänzt, der ist gebrandmarkt. Drei Stützen hat die Schule heutzutage: Religion, Patriotismus und Strafzettel. Nun malen Sie sich das aus.“
Die beiden Männer zahlten ihre Zeche. Wie Wellen schwankten die Nebel auf der Straße. Am Bahnhof verabschiedete sich Gudstikker und ging heim, – in dasselbe Haus, das er nie mehr hatte betreten wollen.
Bojesen empfand jenes Grauen vor den eignen vier Wänden, das den energielosen Naturen oft eigen ist, und er fürchtete die stumme Sprache seiner Bücher, seiner Spiegel, seiner Kerze. Ein warmer Wind erhob sich, der allmählich zum Sturm anwuchs, und seinen Hut mit beiden Händen festhaltend, schritt er langsam dahin, froh des Kampfes mit dem Element. Er achtete nicht des Weges, den er schritt, er war froh, allein zu sein, er hatte eine jener Stimmungen, in denen man ganz einsam zu sein glaubt auf dem Erdball. In einem bergigen Viertel am Fluß kam Bojesen an ein Haus, dessen erleuchtete Fenster mit den Worten: „Zum siebenten Himmel“ geschmückt waren. An der Thüre hing ein pomphaftes Plakat, das halb zerfetzt war vom Wind.
Bojesen ging hinein. Vor dichtem Rauch sah er zuerst überhaupt nichts. Ein säuerlicher Geruch von abgestandenem Bier drang auf ihn ein. Dann sah er im Hintergrund neben dem Büffet das Podium mit einem verwahrlosten Vorhang. Die Tische starrten von verschütteten Getränken und Speiseresten. Die Stühle lagen teils auf der Erde, teils standen sie auf einem Haufen; einer stand auf dem Tisch. In einer Nische standen die Ruine eines Billards und die Ruine eines Klaviers. Eine sehr verblühte Dame brachte Bojesen das Verlangte. Sie fand sich veranlaßt, zu erklären, daß die heutige Galavorstellung unterblieben sei, weil das Publikum sich schlecht betragen habe. Eine Dienstmagd, drei Soldaten, ein Fuhrmann und ein Schauspieler aus Preußen seien hinausgeworfen worden. Bojesen lachte leise, fast lautlos. Er sah in die Höhe, in irgend eine sonnige Ferne und murmelte: „Geliebt und verloren.“ Er dachte, wenn einer der ehrwürdigen Kollegen ihn hier sähe, wäre noch mehr verloren. So saß er vielleicht eine Stunde lang, ohne sich zu rühren, ohne etwas Planhaftes zu denken. Da schob sich der Vorhang des Podiums zur Seite, und der Kopf eines jungen Weibes mit nackten Schultern guckte heraus. Dieses Gesicht war leuchtend bleich, mit einer niederen Stirn, mit Augen von einem ruhigen, leidenschaftlichen Feuer, mit einem trotzigen Mund. „Holla Luisina! Es lebe das Proletariat!“ rief eine Stimme im Hintergrund, eine heisere, aber jugendliche Stimme. Bojesen blickte hin, sah jedoch niemand. Das junge Mädchen nickte lächelnd zurück, sah Bojesen flüchtig an und verschwand. Bojesen vergaß niemals den Ausdruck des Gesichts in jener Sekunde, da sie ihn angeschaut. Wieder saß er lange, ohne zu wissen, was er thun oder denken sollte. Dann stand er auf, ging zum Podium, schlug den Vorhang zurück, und sah eine sehr armselige Bühne vor sich, mit zerrissenen Coulissen an der Seite. In einer Ecke saß Luisina und lächelte ihn spöttisch an, als er auf sie zukam. „Sie wollen wohl spionieren? O ich fürchte mich nicht. Thun Sie es nur. Sie sehen auch nicht aus, als ob Sie verstünden, weshalb Sie in der Welt herumlaufen. Nun, weshalb kommen Sie? Ich kenne zwar Ihren Namen nicht, aber Ihr Gesicht, – hierzuland giebt es nur zwei Arten von Gesichtern, müde und stupide. Nun, was wollen Sie?“
„Es lebe die Anarchie!“ rief die exaltierte Stimme wieder. „Morgenröte! Fackeltanz! Meine Seele ist wie ein Lamm am Ostertag. Es lebe der kommende Messias der Freude!“
„Hören Sie? Das ist der Glühende,“ sagte Luisina, Bojesen zunickend. „Hat es nicht etwas Fanfarenhaftes, ihm so zu lauschen?“ Sie lachte, dies Lachen hatte etwas Schrilles, wie wenn Glasscheiben klirren. Sie bog sich dabei vor, und blieb so lange gebeugt, als sie lachte. Dann wurde sie wieder ernst, drohend und verächtlich ernst. „Ja“, sagte sie mit dem Wesen einer Frau, die ihre Worte fast als zu wertvoll erachtet, um gesprochen zu werden, „ich bin aus der Art geschlagen, ungeraten. Ich lebe nun das Leben, wie ich es will, auf eigene Faust, auf eigene Thaler, mit der Erlaubnis zu jauchzen, wenn ich will, zu lieben, wenn ich will und wen ich will, aber das ist unmoralisch. Ist es nicht unmoralisch, Sie gelehrter Herr? Sie sehen nämlich aus wie ein Pfund Zahlen.“
„Ich bin der tanzende Stern des Chaos!“ erschallte die Stimme des Glühenden, und eine fette Stimme brummte befriedigt bravo.
Bojesen hatte sich an eine Coulisse gelehnt und sah sie mit halbgeschlossenen Lidern unverwandt an. „Glauben Sie an Zufälle?“ fragte er endlich. „Nun, ich bin hier hereingekommen, mit dem Bewußtsein, daß ich Ihnen begegnen würde. Meine Seele wußte davon. Nein, ich kenne Sie nicht, wer Sie auch sein mögen, ich will Sie nicht kennen. Nur wünschte ich einen andern Rahmen für dies Bild. Denn es ist ein Bild, – nun ja, was sag ich, Sie spotten meiner. Mit Recht.“
„Ach!“ Luisina sprang überrascht und stirnrunzelnd auf. In ihrem Wesen war etwas so Fischhaftes, beunruhigend Lebendiges, daß Bojesen mit Angst auf jedes ihrer Worte, jede ihrer Gebärden harrte. Sie kam auf ihn zu, lauernd wie ein Tiger, bohrte den Blick ihrer blauen Augen fest in den seinen und sagte: „Kommen Sie, um den müden Mann zu spielen? Auf diesem Theater, wo man nur tanzt und lacht und singt? Wo man eure Welt vergißt? Schlecht haben Sie die Zeit gewählt, Verehrtester; ich empfehle mich gehorsamst.“ Damit ging sie graziös und schnell.
Und Bojesen ging auch, legte sein Geld auf den Tisch und ging. Er verlor gleichsam sich selbst in der Nacht. Er zählte die Laternen in den Straßen. Dann stand er auf der Brücke und starrte in den Fluß und dachte nach, woher all das Wasser kam, wohin es ging; warum fließt es in weiten Streifen und Falten dahin, nicht glatt wie ein Glas? Was rauscht es leise, was schlägt es an den steinernen Pfeiler?
Es fließt der Fluß und stehet nicht Und Gott ist und vergehet nicht
murmelte er vor sich hin. Er suchte ein Gasthaus auf, irgend ein kleines in einer kleinen Gasse, wo er in einem harten Bett, in einer feuchten Kammer den Rest der Nacht schlaflos zubrachte, von irgend einem Bild gepeinigt, das die wachen Glieder zittern ließ, bis der Leib unwillig zurückkehrte in die Finsternis der Kammer mit dem Lichtfleck von Fenster.
Als er am Morgen dem Schulhaus zuschritt, dachte er an seine Frau daheim. Aber sie rückte ihm noch ferner in diesen Gedanken, als da er ihrer vergessen hatte; sie verschwand in dem Nebel, der die Gassen näßte und emporstieg zum Himmel, um selber während des Tages Himmel zu sein.
Im Laboratorium lärmten schon die Schüler. Bei seinem Eintritt wurde es still, und die Schüler erhoben sich. Die Bänke waren amphitheatralisch aufgebaut, Schränke mit Mineralien klebten an den Wänden. Auf dem langen Tisch standen und lagen Retorten, Brennapparate, Röhren, Schmelztiegel, Drahtnetze, Flaschen und Schachteln. Bald nach Beginn des Unterrichts kam der Rektor; er übergab Bojesen ein kleines Schreibheft und sagte ernst: „Sie sind Ordinarius von Agathon Geyer. Lesen Sie dies und kommen Sie in einer Stunde aufs Rektorat.“ Gnädig nickend verschwand er.
Bojesen suchte sein Privatzimmer auf, wo ein starker Chlorgeruch herrschte. Auf dem Heft stand: Deutsche Aufsätze von Agathon Geyer. Bojesen blätterte bis zu dem letzten, vom Rektor signierten Thema: Was soll uns die Schule sein? und las zuerst ziemlich gleichgültig. Die Schrift war schlecht, schattenhaft, fieberhaft; die Buchstaben schienen aufeinander loszustürzen, schienen besinnungslos hinzutaumeln, dann schien ein H oder ein I plötzlich steif zu stehen, Halt zu gebieten, aber nichts konnte die allgemeine Flucht und Verwirrung hemmen. Bojesen las mit wachsendem Erstaunen, erst kopfschüttelnd, dann errötend, dann erblassend, und als er am Schluß angelangt war, stützte er den Kopf in die Hand, nickte trostlos vor sich hin und begann das Stück des Schülers noch einmal zu lesen, bedächtiger und immer mehr verwundert, welch klare und fast dichterische Form die glühende Seele des Unmündigen gefunden hatte.
Die Schule, so lautete der Aufsatz, sollte uns das Thor zum Leben aufmachen. Sie sollte uns erwachsen machen, mutig und gefahrenkundig. Sie sollte uns zu tüchtigen, edlen Menschen machen. Sie sollte uns die Lehrer lieben lehren und die Lehrer sollten uns lehren, das Leben zu lieben, den künftigen Beruf, die Menschen, die großen Männer der Vergangenheit, die großen Ideen, die Freude an der Freundschaft, an der Natur. Sie sollten uns überlegen sein. Sie sollten uns liebevoll entgegenkommen, damit wir froh würden. Aber ist das alles wahr? Bereitet uns die Schule für den Beruf vor? Wenn wir sie verlassen, wissen wir vielleicht was wir werden sollen, aber das ist kein Beruf. Die Schule speichert nur Kenntnisse in uns auf, die tot bleiben. Wir werden in unserer Seele nicht harmonisch. Die Natur bleibt uns tot wie das Leben. Niemals werden wir ihre Sprache verstehen. Daran seid ihr Schuld und ich muß euch anklagen. Warum kümmern sich die Lehrer nicht um die Seele der Schüler und bloß um das, was sie gelernt haben? Warum bleiben wir wie Stopfgänse, die ihr ausschimpft, wenn sie nicht immerfort fressen wollen? Warum fürchtet man den Lehrer oder verachtet ihn, statt ihn zu lieben? Ihr seid die Feinde der Schüler, darum spionieren sie nach euren Schwächen; ihr sitzt auf dem Pult und seid wie ein Buch statt wie ein Mensch. Alles was ihr sagt, ist euch so leblos geworden wie ein Brett, weil es euch langweilt. Warum seid ihr so hochmütig? seht auf uns herunter von einem Turm, daß wir ganz klein sind? zu hochmütig sogar, um uns über das Allerwichtigste im Leben aufzuklären? Warum eröffnet ihr uns nicht das Geheimnis der Geburt? Warum thut das die Schule nicht, trotzdem sich so oft Gelegenheit bietet? Wie viel reiner bliebe dann die Phantasie der Knaben. Jetzt machen sie lauter Schmutz daraus und kichern, blinzeln, erröten bei jedem Gedicht eines Dichters, durchsuchen sogar die Bibel nach jenen Stellen, haben immerfort schmierige Heimlichkeiten. Ist das nicht schrecklich? Sie haben deshalb keine Ehrfurcht; vor keinem Menschen und keinem Ding und die ganze Welt ist ihnen etwas Klebrig-Unanständiges. Sie treiben Dinge, an die man nicht denken darf, ohne ganz verrückt zu werden. Warum bemerken das die Lehrer nicht? Warum verhindern es die Lehrer nicht? Warum? Warum sitzt ihr auf eurem Pult und seid durch eine Mauer von uns getrennt? Niemals können eure Schüler glückliche Menschen werden, und daran seid ihr Schuld mit eurem kalten, eisigen Herzen. Jeder, der ins Leben tritt, muß erst euch und eure Schule und eure Lieblosigkeit vergessen; vielleicht kann er dann Festigkeit erlangen. Aber glücklich wird er nie. Thut mit mir, was ihr wollt, es ist mir gleich. Was ich geschrieben habe, mußte ich schreiben und jetzt ist mir leicht. Eine unwiderstehliche Stimme im Innern hat mir befohlen.
Bojesens Lippen zitterten und seine Arme; sein Leib zitterte. Es war etwas aufgewühlt in ihm, dessen er sich schämte: der Neid um diesen großen und ahnungslosen Wahrheitsmut. Er war so tief erschüttert, daß er den Raum, in dem er sich befand, nur wie durch Schleier sehen konnte. Im Treppenhaus läutete die Zehnuhrglocke, und er ging, seine Schüler zu entlassen. Dann schritt er selbst hinaus, durch die Korridore, trat an das hohe Fenster und sah in den Hof hinab, der auf allen Seiten von Mauern und Häusern eingeschlossen war. Er sah ins Gewühl der Knaben, die mit wildem Geschrei umhertollten, aber darin war nichts von Freiheitsgefühl und frischer Jugendlichkeit. Ja er sah es mit seinen eigenen Augen: dies war das Jauchzen des Sträflings, dem die Kette gelockert wird, das krampfhafte, unwahrscheinliche Jauchzen des Rekruten am Sonntag, wenn er Heimat und Heimweh und Kaserne vergißt. Das war keine Jugend für den Gebrauch der kommenden Zeit, diese Jugend da mit den umränderten Augen und hervorstehenden Backenknochen, dem cynischen, brutalen schreiähnlichen freudlosen Lachen, den häßlichen Bewegungen und dem lichtlosen Blick. Das war eine vergängliche Sorte von Menschen, er sah es selbst.
Und als er weiterging, erblickte er Agathon, an einen Pfeiler gelehnt, allein. Als jener den Lehrer gewahrte, wandte er sich und ging langsam in das Klassenzimmer. Bojesen folgte ihm, (der Saal war leer) und machte die Thüre zu. Agathon wurde leichenblaß und schloß wie im Schmerz die Augen. Bojesen nahm seine Hand, legte seine rechte Hand auf Agathons Schulter und sah ihn durchdringend an. Dann strich er mit der Hand über Agathons Haar, schmeichelnd und liebkosend, und niemals zuvor oder nachher hatte dieser ein solches Glücksgefühl gehabt, so unirdisch, grenzenlos und heiter. Der Kampf des Lebens lag vor ihm wie ein leicht lösbares Rätsel, dies Haus, diese Schulbänke schienen mit Glück verbrämt. Er verstand seinen Lehrer; er wußte, was die Berührung seiner Hand zu bedeuten hatte.
Eine Viertelstunde später wurde Agathon zum Rektor gerufen.
Achtes Kapitel
Die Lehrer der Anstalt waren in dem großen, fünfeckigen Raum versammelt. Alle hatten ein ernstes und feierliches Gesicht, und ihr Wesen war das von Leuten, die sich ihres Amtes und ihrer Verantwortung völlig bewußt sind. Sie starrten Agathon an mit höhnischen oder mit vorwurfsvollen oder mit hochmütigen oder mit verwunderten Augen. Der jüdische Kantor Kronacher machte ein so finsteres und empörtes Gesicht, daß man ihn gar nicht ansehen konnte, ohne sich als Verbrecher zu fühlen.
Der Rektor wandte sich auf seinem Drehsessel langsam um und bohrte den kalten, grausamen Blick seiner tiefliegenden Augen in die Agathons. „Wie sind Sie dazu gekommen, Geyer, diesen äh, – sagen wir impertinenten Artikel zu schreiben, dieses Pamphlet, wenn ich mich so ausdrücken darf?“
Der Kantor wollte reden, doch der Rektor winkte vornehm ab und fuhr mit erhöhter Stimme fort: „Ich frage, wie Sie dazu gekommen sind, die schuldige Ehrfurcht gegen Ihre Lehrer in so ungeheurer Weise zu verletzen? Ich glaube, meine Herren, wir haben hier einen Fall von geradezu typischer Bosheit vor uns. Dieser junge Mensch, der da vor Ihnen steht, befindet sich auf einer Bahn, die dahin führt, wohin sie führen muß. Er ist das bedauerliche Beispiel für das sittliche Niveau, auf dem unsere Schuljugend steht, und ich sage Ihnen, in einem solchen Falle muß mit aller verfügbaren Strenge vorgegangen werden; ein solcher Fall muß geradezu exemplarisch bestraft werden.“
Der Rektor hatte sich erhoben; seine schmetternde Stimme ließ den Raum erbeben; Agathon war es, als dringe sie durch Mauern, in alle Häuser der Stadt.
Wiederum wollte der Kantor reden und abermals winkte ihm der Rektor zu, zu schweigen. Er selbst fuhr fort: „Ich gestehe, daß mir ein ähnlicher Fall von sittlicher Verworfenheit überhaupt noch nicht vorgekommen ist, und, hoffen wir zur Ehre unserer Anstalt, auch nicht mehr vorkommen wird. Geyer, wann haben Sie Ihr niedriges Skriptum verfaßt?“
„Gestern, Herr Rektor.“
„Lauter!“
Agathon schwieg.
„Lauter.“
„Gestern. Ich habe es laut gesagt, Herr Rektor.“
„Gemeinheit!“ murmelte Doktor Rosenblatt.
„In welcher Absicht?“ fragte der Rektor, fast berstend vor Wut.
„In der Absicht, die Schüler glücklicher zu machen, besser.“
„Das ist eine infame Lüge!“ Der Rektor schrie wie außer sich.
„Es ist wahr,“ erwiderte Agathon ruhig.
„Kreatur!“ knirschte der Rektor, in dessen Mund das Wort eine wahrhaft zermalmende Bedeutung hatte.
Nun konnte sich der Kantor nicht länger bezähmen. Er trat vor, kreuzte die Arme über der Brust, beugte sich zurück und den Oberkörper beständig schaukelnd, sagte er mit scharfer, salbungsvoller Stimme: „Wer bist du? Hast du den Namen des Herrn Zebaoth vergessen? Hast du die Ehre deines frommen Vaters vergessen? Bist du beschnitten zum Zeichen des Bundes, oder bist du’s nicht? Bist du dir nicht selbst zur Last? Bist du Jude oder bist du’s nicht? Ich habe gesprochen, Amen.“ Somit trat er wieder auf seinen Platz, nahm seine Dose und schnupfte bedachtsam und befriedigt.
„Nein, ich bin kein Jude mehr,“ sagte Agathon mit seltsamem Lächeln, ohne die klare Ruhe zu verlieren, die ihn bis jetzt erfüllt hatte. Die Lehrer sahen auf: bestürzt und kopfschüttelnd. Bojesens Gesicht war weit niedergebeugt. Er hatte sich gesetzt; die blassen, schmalen Hände lagen regungslos auf den Knieen.
„Nun haben Sie den vollgültigen Beweis seiner Bösartigkeit und Gefährlichkeit, meine Herren,“ sagte der Rektor verächtlich. „Der Fall ist ganz e–xem–plarisch zu behandeln. Geyer kann abtreten.“
Agathon ging. Draußen überfiel ihn plötzlich große Schwäche und er sank auf die Treppe. Er hörte eine leise aber feste Stimme in dem Raum, wo man Gericht über ihn hielt, – Bojesens Stimme. Lange redete diese Stimme, bis auf einmal der Rektor zu schreien anfing, wilder als ihn Agathon je gehört. Gleich darauf öffnete sich die Thüre und Bojesen kam allein heraus. Er sah Agathon und bedeutete ihm, daß er ihm folge.
Als sie im Privatlaboratorium des Chemikers angelangt waren, verschloß Bojesen die Thüre. „Ich verstehe das, was Sie geschrieben haben,“ sagte er etwas gequält, „ich verstehe es vollkommen. Ich möchte nur wissen, wie Sie dazu gekommen sind?“
Agathon saß auf dem Rand eines Stuhls und fror. Er blickte ins Kohlenfeuer, wo sich wunderliche Ruinen türmten aus der scharlachroten Glut. Dann fing er fast willenlos an zu sprechen, nicht ohne Furcht vor den eigenen Worten: „Ich weiß eigentlich wirklich nicht. Aber es ist schon lange her, daß ich daran dachte. Ich dachte auch immer, viele Menschen könnten leicht zu dem gelangen, was ihnen zum Glück fehlt. Ich habe nie die jüdische Religion geliebt. Oft war mir, als müsse ich allen Juden ein Wort sagen, das sie befreien könnte. Aber das war alles viel mehr wie ein Traum, bis die Geschichte mit Sürich Sperling kam.“
„Und was war das?“
„Mein Vater fürchtete ihn so, daß er schon zitterte, wenn er seinen Namen hörte. Und alle Juden. Er kam mir vor, wie alles Böse zusammen, was den Juden jemals in diesem Land widerfahren ist. Er hatte einen Schuldschein meines Vaters an sich gebracht und damit quälte er ihn. Als wir einmal bei der Überschwemmung nach Altenberg fuhren, kam er in einem anderen Boot und stieß mit Absicht an unseres und ich stürzte ins Wasser. Da dachte ich mir schon, es könne keine Sünde sein, ihn zu töten. Es wäre auch keine Sünde gewesen, den Nero zu töten. Abends mißhandelte er den Lämelche Erdmann, da ging ich hin und spie ihm ins Gesicht. Er schleppte mich in sein Zimmer, zog mich nackt aus, nahm Stricke und band mich an ein schwarzes Kreuz an der Wand, neben dem Jesus Christus hing. Dann schlug er mich und fügte mir Wunden zu, daß ich fühlte, wie mein Blut floß. Alles das sag ich nur Ihnen, weil ich weiß, daß Sie sehr verschwiegen sind und es tief in Ihre Seele schließen.“
Agathon schlug die Hände vors Gesicht und Erich Bojesen hörte mit aufgerissenen Augen zu. Agathon fuhr fort, ohne die Hände vom Gesicht zu nehmen. „Da sagte ich zu ihm: Sürich Sperling, das ist Ihr Tod. Da lachte er und sagte: „sprich, du Aas, habt ihr nicht den Heiland gekreuzigt? Das ist eure Schuld. Deswegen sind wir lauter Schnapssäufer, weil er Mönche aus uns gemacht hat, Jesus von Nazareth. Er hat einen großen Sarg aus der Welt gemacht. Merk dir’s. Da ist meine Seele, da ist Sürich Sperlings Seele, da liegt sie. Stecht hinein Jud oder Christ.“ So sagte er, dann kam etwas, das will ich nie vergessen.
„Er nimmt eine Schüssel, dahinein hat er mein Blut fließen lassen, stellt sie zu Füßen des Heilands hin und sagt: „Da hast du dein Blut wieder. Bist du jetzt zufrieden?“ Da geht die Thür auf und Lämelche Erdmann kommt herein, setzt sich und lächelt und nickt. Er hat ein ganz anderes Gesicht als sonst. „O, Sürich Sperling,“ sagt er, „das ist eine Handlung voll Bedeutung, denn von jetzt an sind die Juden frei. Nimmer die Milde wird regieren, sondern die Kraft. Wir werden hassen unsere Feinde, hassen, hassen! Der ewige Jud ist jetzt erlöst und du, Sürich Sperling, wirst werden der ewige Christ. Denn die Welt wird neu. Sie wird sich häuten gleich einer Schlange, so wahr ich Lämelche heiß. Dann wirst du sein der ewige Christ. Und du wirst sein verurteilt, zu trinken all das Blut, was geflossen ist durch christliche Feindesliebe.“ So sagte Lämelche; jedes Wort ist wie eingebrannt in meinem Gedächtnis. Dann lachte er und band mich los und Sürich Sperling saß auf dem Bettrand wie aus Stein. So war es.“
Bojesen sah lange Zeit auf die Straße, wo die Menschen gingen, einzeln oder zu zweien und mit Schirmen, denn es begann zu regnen. Ihm kam alles unwirklich vor; als ob das ganze Leben nur ein flüchtiges Bild sei, der Traum eines Traumes in uns selbst, wobei man nah ist, zu erwachen, es wünscht oder fürchtet. Er ging hin, nahm Agathons Kopf zwischen beide Hände, richtete ihn mit einem Ruck empor, schaute ihm in die Augen und machte die Wahrnehmung, daß es die seltsamsten Augen waren, die er je gesehen: schwarz und tief, von einem mühlos lodernden, und doch verhaltenen Feuer, voll von der Gabe der Vision. Wenn sie ihn anblickten, war es, als ob der Blick aus weiter Ferne besinnend zurückkehrte und erst lange zaudernd Klarheit und Festigkeit gewänne. Dann stand Agathon auf (er war etwas größer als Bojesen), und sein Gesicht hatte sich mit schrecklicher Blässe bedeckt. Er deutete vor sich hin, sank auf die Knie und blieb so einige Sekunden.
„Was haben Sie denn?“ fragte Bojesen bestürzt.
„Haben Sie nicht gesehen? Christus ging durch das Zimmer. Er winkte mir zu. Er hat Abschied von mir genommen. Adieu, Herr Bojesen.“
Als er fort war, ging der junge Lehrer erregt auf und ab.
Agathon wollte das Schulhaus verlassen und geriet in den Tumult der Schüler; der Unterricht war eben zu Ende. Im Nu war er umringt, Jubelrufe tönten ihm zu, hundert Hände streckten sich ihm entgegen, viele riefen: hoch Geyer! manche wollten ihn tragen und durch die Gassen im Triumphzug schleppen. Er sah begeisterte, leuchtende Augen und selbst die Blödesten und Hinterlistigsten wurden plötzlich ganz andere Menschen. Mit vieler Mühe gelang es Agathon, sich loszumachen, und er war verwundert über die Knaben.
Dann irrte er planlos durch die Gassen und kam endlich an den Palast des Baron Löwengard. Hausflur und Vestibül waren voll von Menschen, die sich aufgeregt gebärdeten, bleich waren und Aller Erregung hatte offenbar ein und dieselbe Ursache. Auch vor dem Haus stand eine Menge von Gaffenden, darunter viele Arbeiter mit drohender Miene. Agathon ging hinauf, fand den Gesellschaftssaal angefüllt mit schreienden Leuten, ging in die Küche, aber die Küche war leer und der Herd kalt. Im oberen Stockwerk war niemand zu sehen. Ungehindert konnte er durch alle Thüren, durch alle Räume wandern, aber diese Räume in ihrer schweren Pracht schienen ein Unglück zu verkünden, das rasch ihre Ordnung stören, ihren Frieden vernichten würde.
Bald machte er sich auf den Heimweg, ohne daß er all diese Dinge eines besonderen Nachdenkens gewürdigt hätte. Sie bereicherten nur seine Seele um das wunderliche Gefühl, daß etwas Entscheidendes in der Welt vorging und er selbst sei die Ursache und sei berufen, die Umwandlung herbeizuführen. Während des ganzen Weges, vorbei am Wald und an den Feldern hatte er die bestimmte Vorempfindung von etwas Schönem, Angenehmem, und wie wenn er einen lange vermißten Freund aufsuchte, schritt er gegen das Dorf hinab. Wirklich stand Monika Olifat am Weg und begrüßte ihn, indem sie ihm beide Hände entgegenstreckte. „Wie geht es dir, Agathon? Ach, warum bist du denn fortgerannt neulich? Du bist so eigen; dich kann ich gar nicht verstehen, Agathon. Wie das lautet: Agathon!“ sagte sie nachdenklich, lächelte kindlich froh und sah ihm in die Augen.
„Es ist ein griechischer Name und bedeutet: der Gute,“ entgegnete Agathon mit demselben innerlich frohen Lächeln.
„Bist du denn auch gut?“
„Nein. Ich weiß es jedenfalls nicht. Niemand kann es von sich wissen und wer es weiß, ist es nicht mehr.“
„Es nützt auch nichts, gut in der Welt zu sein,“ erwiderte das Mädchen, so klug es immer konnte. „Ich muß dir erzählen, erstens, daß ich eine neue Freundin habe, Käthe Estrich. Sie ist hübsch und sanft; ihre Eltern ziehen hierher. Sie haben die Ziegelei, hörst du die Maschinen rollen? Alles ist schon wieder in Gang.“
„Zweitens?“
„Zweitens ist sie verlobt und ich kenne auch ihren Verlobten. Er ist ein schöner Mann.“
„Stefan Gudstikker?“
„Du kennst ihn? Er hat mich erschreckt durch sein Wesen. Er hat mir ein Gedicht gezeigt, das er gemacht hat. Eine Stelle weiß ich noch:
Es ist so still, daß alle Wandrer staunen. Wenn solche wundervolle Nacht aufziehet, Hört man die Elfen und die Blumen raunen. Die Wünsche schlafen und kein Feuer glühet, Du spürst nicht Duft von Myrten und Cypressen; Die Welle ruht im Strom, kein Vogel fliehet.“
„Das ist schön!“ rief Agathon aus, blieb stehen und erblaßte. „Du hast es gelernt?“
„Nein, ich hab es so behalten. Aber ich fürchte mich vor ihm.“
„Weshalb fürchten?“
„Ach Agathon, ich mag dich so gern leiden,“ sagte Monika erglühend. „Du bist so still und so gut, und alles, was du sagst, ist so warm! Ich glaube, dich könnte ich nicht weinen sehen.“
„Ich hab auch noch nie geweint,“ erwiderte Agathon, den Kopf senkend.
Monika nahm seine bebende Hand und küßte sie. Dann gingen sie weiter wie zwei Schlafwandler, bis sie sich trennten.
Auch im Dorf sah Agathon viele erregte, finstere, zornige Gesichter. Er wurde unruhig. Als er die Schwelle des Hauses überschritt, überfiel ihn ein stechender Schrecken; er sah jene Frau im Flur stehen, die ihm einige Zeit hindurch allmorgendlich begegnet war. Da er sie fassungslos anstarrte, klärte sie ihn auf: „Ich bin zur Pflege Ihrer Mutter da, junger Herr. Sie ist sehr krank. Sei ruhig, Sema!“ herrschte sie den Knaben an, der zu ihr reden wollte. Spöttisch lächelnd zog sie, Frau Hellmut, ihren Knaben hinter sich in die Küche.
Als Agathon ins Zimmer kam, sah er zunächst seine beiden Geschwister, die wie Wachspuppen auf der Bank saßen und sich nicht rührten. Elkan Geyer starrte mit roten Augen vor sich hin. Bisweilen erwachte er wie aus einer Betäubung und rang stumm die Hände. Enoch saß schweigend am Ofen. Agathon wollte nicht fragen. Voll Besorgnis schritt er die Stufen hinauf, die vom Wohn- ins Schlafzimmer führten und fand seine Mutter allein. Sie lächelte ihm zu. Ihr Gesicht war von einem grauenhaften Gelb. Sie lächelte so matt und gezwungen, daß Agathon nach einer geflüsterten Frage, die Frau Jette nur mit einem Zudrücken ihrer Augenlider beantwortete, wieder hinausging.
Mit einer blauen Schürze, mit schmutzigen Händen kam Bärman Schrot, – geradewegs von seinem Acker. Er deutete mit ängstlichen Bewegungen hinter sich: der Schuster Garneelen, sowie der Schmied folgten ihm auf dem Fuß. Sie kamen herein, der Schmied mit einem Hammer, der Schuster mit aufgestreiften Ärmeln, beide mit Gesichtern, die wie von Trunkenheit gerötet waren, und der Schmied schlug mit dem Hammer auf die Lehne eines Stuhls, daß sie krachend brach. Mit schrillen Schreien flüchteten die zwei Kinder in das Zimmer der Mutter, und gleich darauf erschien Frau Jette selbst im Bettgewand auf der Schwelle, einer Leiche gleich und mußte sich am Pfosten aufrecht halten. Der Schuster schrie von seinen Ersparnissen, die ihm gestohlen seien, und er werde dafür sorgen, daß in drei Tagen kein Jud mehr im Dorf sei, dafür werde er sorgen, man könne sich darauf verlassen. Er würgte die Worte nur so hervor. Der Schmied heulte mehr, als er redete, schlug mit dem Hammer blind um sich, wollte seine zweitausend Mark haben, oder er haue das Haus zusammen vom Dach bis zum Keller. Auf ein paar Jahre Zuchthaus käme es ihm nicht an, ihm nicht, das sei wahr. So schrien sie beide. Auf der Gasse sammelten sich die Menschen, drückten die Gesichter an die Fensterscheiben, drängten sich in den Flur, standen unter der Thüre, und endlich entschlossen sich ein paar ältere Männer, den zwei Wütenden zuzureden und sie langsam und durch Übermacht hinauszuschieben. Sie thaten es jedoch sichtlich mit Widerwillen, nur aus einem gewissen Mitleid mit dem entsetzlichen Bild dieser Frau, die steif und regungslos an der Schwelle ihres Krankenzimmers stand, hinter sich zwei bleiche, zitternde Kinder.
Als der Raum wieder leer von Menschen war, versperrte Agathon die Thür und sah seinen Vater prüfend an, der ganz in sich zusammengesunken, mit blauen Lippen auf jener Ruine von Stuhl hockte und ein Gebet murmelte. Enoch Karkau sagte nichts; seine Züge waren unbewegt. Er ging hinauf, brachte seine Tochter ins Bett zurück, puffte die Kinder die Stufen hinunter und stellte sich dann wieder mit dem Rücken gegen den Ofen.
Es klopfte an die Thüre, erst leiser, dann stärker. Agathon fragte, wer da sei; Gedalja sei da. Dann ging Agathon hinaus, schloß den Laden ab, rief der Magd, sie solle den Arzt zur Mutter holen. Aber die Stimme der Frau Hellmut, die sich mit Kathrin eingeschlossen hatte, antwortete, sie mache nicht auf. Sie könne nicht ihr Leben riskieren bei diesen Zuständen. Nach einigem Verhandeln war sie indes doch zu bewegen.
„Ich habs vorausgesehen,“ sagte Gedalja, beständig nickend, während er redete. „Werd ihn Gott beglücken dafor. Sin user fufzig Leit im Dorf, die so um all ihr Geld kommen, Juden un Gojim. Werd wachsen das Risches, daß mer nit habn e friedliche Stund. Mich dauert nor sei Kind, nebbich. Is as wie e Rose zwischen die Dorner, die sticht sich stets un bleibt dennoch in ihrer Farb. Elkan, du dauerst mich aach. Hast dich abgeschunden ’s ganze Leben, hast gesammelt en übrigen Heller für die Kinder un jetz is es weg. Du bist der beste Mensch, den ich kenn, aber Mark haste kaans in die Knochen. Da sitzte jetz un starrst. Zu was? Bin ich worn gestraft un hab verloren alles, was der Mensch nötig hat for sein Alter. Sitz ich da un starr? Ball is es aus, das Töpfche Leben, ausgeleert un ausgeschütt, nachher gitts nix mehr zum Starren.“
Am Nachmittag kam Pavlovsky der Gendarm und ein Gerichtsschreiber. Alle erschraken. „Enoch Karkau!“ rief der dicke Pavlovsky und erhob die Augen nicht von dem Papier in seiner Hand. Ein Todesschweigen folgte, worauf der Gendarm einen Verhaftsbefehl wegen betrügerischen Wuchers verlas. Pavlovsky war noch nicht zu Ende, als Elkan Geyer von seinem Sitz auf die Erde sank und, wie ein Wurm sich windend, hilflos zu schluchzen begann. Agathon konnte es nicht sehen und wandte sich ab. Seine Geschwister stürzten sich über den Vater und begannen jämmerlich zu heulen; Frau Hellmut kam in diesem Augenblick herein und schrie laut auf, Sema faltete stumm die Hände und seine Augen waren für einige Sekunden förmlich gebrochen. „Mutter“, murmelte Agathon verstört, als er vom Krankenzimmer her ein beängstigendes Stöhnen vernahm. Er sah hinaus auf die Gasse, wie ein gefangenes Tier in den Wald sieht; er sah den grauen, wolkenvollen Himmel und die Häuser, die unbeweglich standen und wunderte sich, daß die Welt noch dasselbe Bild der Ruhe und Herrlichkeit bot. Pavlovsky hatte die Blicke noch nicht von seinem Dokument erhoben; der Gerichtsschreiber nahm seine große Brille ab und musterte Raum und Menschen mit großen, verwunderten, wässerigen Augen.
Gedalja, der sich zusammengekrümmt hatte, daß sein Kinn die Kniee berührte, richtete sich plötzlich straff empor und rief: „Hab ichs nicht gesehen kommen? Elkan, hab ichs nicht gesagt zum voraus? Hab ich nicht gesagt, der Zugrundrichter werd kommen über ihn? Nu is geschändet die Kille un Haus un Hof; un die Kinder wern habn zu tragen an deiner Gutthat, Enoch. Was is Vernunft, daß se könnt bestehn vorm schlechten Gemüt? Haste abgestreift die Ehrfurcht wo d’r habn deine grauen Haare gegeben un mußt hinwandeln in Nefehre, in Sünd und Schand. O Enoch, Enoch, hättste gehabt Erbarmen mit Andere, hätteste aach gehabt Erbarmen mit dir selber.“
Der Gendarm führte Enoch ab. Agathon sah, daß er keine Miene verzog. Etwas Starkes lag in seinem Wesen, das die Furcht nicht kannte.
Die Dämmerung brach herein. Agathon mochte nicht zu bleiben. Er ging auf die Straße und wollte gegen den Wald hinauf, als er Gudstikker begegnete. Dieser zog ihn in den Schein einer Hauslaterne und gab ihm einen Brief, mit der stummen Aufforderung, ihn zu lesen. Agathon erbleichte und legte die Hand vor die Augen: das hatte er schon irgend einmal erlebt, daß ihm dieser Mann einen Brief gab, vielleicht in einem vergangenen Leben ... Oder war es ein Traum?
Langsam entfaltete er das vergilbte Papier und las beim rötlichen Schein des armseligen Lichtes: „Mein Liebster, das kann ich nicht, was du von mir forderst. Ich bin keine freie Frau, kein freies Mädchen. Ich bin nicht geboren, daß ich so hoch fliegen kann, bis zu dir. Aber meine Liebe ist in mir und will nicht vergessen, dich nie vergessen. Doch muß ich dich lassen, denn ich kann nicht, was du willst. Ich weiß nicht, welches Leben noch vor mir liegt, aber kann es nicht sein, daß das Kind, dessen Seele noch in meinem Leib schläft, mich deshalb anklagen würde? Das ist wahr und drum Adieu. Glaube mir. Deine Jette Pohl.“
Agathon wußte zuerst nichts anzufangen mit diesen Worten. Dann zuckte er zusammen wie unter einem Schlag und flüsterte: „Meine Mutter?“
Gudstikker nickte und erwiderte: „An meinen Vater.“
„Und warum zeigen Sie mir das!“ rief Agathon voll Kummer.
„Warum? Das weiß ich selbst nicht. Ich mußte wohl. Jetzt können Sie sehen, wie das Leben ist. Wie ein Schauspiel geht alles. Ein Kobold hält uns an einem Faden und läßt uns genau so weit tanzen, als er will.“
Agathon hörte das nicht. Er sah verloren in die breite Mauer der aufgeschichteten Ziegelsteine, die sich für seine Blicke öffnete wie ein Sesam und ihn Jahre und Jahrzehnte zurückschauen ließ. Das war seine Mutter! Und wozu hatte sie das Leben gemacht! Hatte seine Mutter das empfinden können? Und wo war es nun hingeschwunden, das alles, wohin? Er begriff es nicht.
„Ich weiß was Sie denken,“ sagte Gudstikker und fuhr mit seiner Lust an banalen Weisheiten fort: „Es giebt nur zwei Wege für einen Menschen, – in die Berge, oder ins Thal. Droben ist er allein, im Thal wird er gewöhnlich. Ach das ist auch falsch. Worte! Ich bin jetzt Ziegeleiverwalter, Aufseher oder dergleichen.“ Er lachte bissig. „Wissen Sie, daß die Untersuchung über den Mord vorerst eingestellt ist? Man hat absolut keine Spur. Ja, die Herren da oben sind schlau. Einmal hatten sie sogar den armen Lämelche Erdmann in Verdacht. Dann auch Ihren Vater.“
„Was –?“
„Ja. Das ist nicht minder komisch. Er ist sogar verhört worden. Wissen Sie das nicht? Irgendwer hat mir gesagt, daß er seitdem von Furcht gepeinigt würde. Er ängstigt sich vor allen Gedanken, die er früher einmal gegen Sürich Sperling hatte.“
„Mein Vater? Das sagen Sie wirklich? Und das ist wahr?“
„Wahr.“
„Nein nein, das ist nicht möglich.“
„Weshalb regen Sie sich auf? Ich kenne da einen Fall, er ist ziemlich sonderbar. In einer Familie kam ein Ring abhanden. Ich kenne die Familie, es sind Juden. Ein Verwandter, den ich auch kenne, Edward Nieberding, war zu Gast. Als nun alle den goldnen Ring suchten, wurde Nieberding völlig gelähmt. Denn er war vorher allein in jenem Zimmer gewesen, wo der Ring gelegen war. Beachten Sie wohl, es konnte nicht der Schatten eines Verdachtes auf ihn fallen, er ist ja selbst ein reicher Mensch, aber er suchte gar nicht mit, damit man nicht glaube, er suche nur deshalb, um zu zeigen, daß er den Ring nicht habe. Er wähnte sich beargwohnt, und er bildete sich schließlich so fest ein, jeder vermute ihn als den Dieb, daß er fürchtete, man könne den Ring in seiner Tasche finden, wenn man ihn nur durchsuchte. Er hat mir später alles erzählt. Schließlich ergab es sich, daß die kleine Katze den Ring fortgeschleppt hatte. Aber Sie sehen daraus, wie verwickelt das alles ist. Unsere Seele, sie glaubt oft nicht, was die Hand thut.“
Als Agathon dem Haus zuschritt, sah er auf einmal den Sema Hellmut neben sich gehen. Er sah dessen große, fragende Augen auf sich gerichtet mit einem Blick voll Ergebenheit und Hingabe. Der Knabe sah aus, als sei er bekümmert über sein Unvermögen, die trübe Stimmung Agathons zu verscheuchen. Es war etwas selten Reines und Anbetendes in jenem flüchtigen Blick, der auch die Bitte auszudrücken schien: Darf ich mit dir gehn?
„Kennst du Wendelin?“ fragte Sema unter dem Zwang, etwas zu sagen, was ihn nicht als dumm erscheinen ließ. „Es ist ein guter Kerl. Er hat keine Mutter und keinen Vater und gar, gar kein Geld.“
Agathon schwieg. Er wunderte und freute sich über das bedürftige Anschmiegen des Knaben. Aber er dachte daran nur halb. Der andere Teil seines Nachdenkens war der Ringgeschichte gewidmet, seinem Vater, seiner Mutter, dem Schicksal, das über ihm hing wie die Wolken und das alles dunkel machte, gleichwie die sich mehrende Finsternis des Abends von den Wolken auszufließen schien.
„Du bist schön, Agathon,“ sagte Sema unsicher und schwieg betrübt, als er keine Antwort bekam.
Daheim fand Agathon alles friedlich, – von einem unheilvollen Frieden erfüllt. Müßig wandelte er in den Garten. Ein kalter und feuchter Wind ging. Er hörte es rascheln wie vom Graben eines Spatens. Plötzlich sah er seinen Vater im Garten schaufeln. Er keuchte dabei und grub ruhelos, bald hier, bald dort, – ein Schatzgräber. Es war unheimlich anzusehen. „Was thust du, Vater?“ fragte er.
Elkan ließ den Spaten sinken, stützte sich darauf und Agathon sah trotz der Dunkelheit sein fahles Gesicht leuchten. „Du bist jetzt so alt, um alles zu verstehen, Agathon. Gott hat seine Hand abgezogen von uns und sein Antlitz verhüllt. Aber wir dürfen nicht murren. Gepriesen seist du, Ewiger, der du des Vergessenen gedenkst.“ Elkan betete ein Lobgebet.
„Vater,“ sagte Agathon „ich kann nicht mehr in die Schule und darf es auch nicht. Ich werde davon gejagt, obwohl es recht und gut war, was ich gethan habe.“
Elkan Geyer warf den Spaten weg und lehnte sich an den Zaun. Nach einem langen, schweren Schweigen ging er mit suchenden Schritten ins Haus. Agathon blieb, nahm seine Mütze ab und gab das Haar den Winden preis. Die Nacht öffnete sich ihm mit einer Reihe schwüler Wunder, unvorhanden für fremde Augen. Er glaubte in einem Tempel zu sein, doch erkannte er den Gott nicht.
Gegen acht Uhr kam Doktor Schreigemut und erklärte sanft, daß man nichts „übereilen“ müsse. Es sei alles beim Alten und hier sei eine „Pillule“. Doch war sein Gesicht sorgenvoller als sonst. Agathon sah die Augen Semas beständig auf sich gerichtet; sie folgten jeder seiner Bewegungen.
„Gepriesen seist du Ewiger, der du des Vergessenen gedenkst,“ murmelte Elkan.
„Die Welt ist gar groß und hat viele Sterne und viele Erden, Elkan,“ sagte Gedalja. „Worum soll er nit vergessen an den Gedalja, nit vergessen an den Elkan? Elkan is brav, ich waaß, aber worum soll er nit vergessen an die Braven, wenn er hat so viel zu bessern an die Sünder? Wenn de tot bist, waaßt de nix dervon und denkst in deiner Sterbestund, du hast gelebt e großes Leben, e reiches Leben un nit e Elkanleben. E Chillik! Gehängt is gehängt, mit’n Strick oder mit’n Goldfaden hat mei seliger Onkel g’sagt. E weiser Mann.“
Agathon schlief nicht in der Nacht. Seine Seele war heiter, und erregt sah er in die Finsternis. Er hatte ein Gefühl, wie oft, wenn er ein Geschenk erwarten konnte und ungeduldig war, es zu sehen. Die Nacht war unbewegt, nur selten gestört durch das Heulen eines Hundes. Als es drei Uhr schlug, kam der Mond und warf ruhige Lichtflecke in den Raum. Mit diesen Strahlen wurden die Figuren in Agathons Sinnen lebendiger und verklärter. Sie brachten ihm Reichtümer, von denen er nicht begriff, daß er sie je hatte entbehren können, er fühlte sich wachsen und es war, als hörte er einen Ruf über die Felder hinhallen, der ihm galt: lang und eindringlich.
Am folgenden Vormittag brachte der Pedell Dunkelschott ein Schreiben des Rektorats und des Kantors der Schule für Elkan Geyer. Er verlangte den Weglohn und trollte ins nächste Wirtshaus. Elkan setzte sich an den Tisch und las. Kaum war er damit zu Ende, als er aufschrie wie ein Gefolterter. Gedalja ging zu ihm, aber Elkan ließ sich nicht halten, sein Gesicht wurde plötzlich blaurot, er fiel über Agathon her, preßte die Hände um seinen Hals und hätte ihn erdrosselt, wenn nicht ein furchtbarer Angstruf aus dem Krankenzimmer ihn zur Besinnung gebracht hätte. „Aus meinem Haus, du Christ!“ röchelte er und stieg schwer und schwankend die Stufen zum Schlafgemach hinauf, begleitet von der händeringenden Frau Hellmut.
Gedalja strich Agathons Haar langsam und nachdenklich mit der Hand. „Was haste gethan?“ murmelte er. „Der sanfte Mann, der sanfte Elkan is geworden e wildes Tier. Die Welt is nimmer ganz. Es is was los in der Welt un mer stehn da wie die hilflosen Kinder, user.“ Er nickte; Agathon lehnte die Stirn an seine Schulter.
„Zum Doktor! Zum Doktor!“ kreischte die Pflegerin und rannte selbst fort. Elkan stand gebrochen auf der Schwelle und sagte: „Sie stirbt. Schemaa Jisroel adonai elohim adonai echot.“ Seine Augen waren glanzlos, die Arme hingen schlaff.
Agathon richtete sich auf. Sein bleiches Gesicht war plötzlich von einem überirdischen Feuer erfüllt, das alle mit Bestürzung und Scheu gewahrten. Die heulenden Kinder sahen ihn an und waren auf einmal ganz ruhig. Er ging ins Zimmer der Mutter, an Elkan vorbei, der sich zusammenduckte wie vor einem Pestkranken, und trat an das Lager der Kranken. Ihr Gesicht war gelb wie altes Pergament, – es war grausig. Ihre Augen blickten matt, leblos, stumpf, gleichsam den Tod suchend. Agathon sah nicht dies Bild. Er sah die jüngere Mutter, die entsagt hatte, geliebt, verloren hatte und nun unter der schweren Bürde der Tage erlegen war. Und dann war auch dies alles tot für Agathon. Er nahm ihre Hand und begegnete ihren Augen. Er legte seine Hand auf ihre verfallene Brust, gegen die das Herz verlöschend klopfte. Er wünschte, das Fenster möge offen sein und da öffnete es jemand, als ob es eine unsichtbare Hand wäre. Seine Brust war zum Springen voll, er wußte nicht ob vor Schmerz oder vor verhaltenem Jauchzen. „Werde gesund, Mutter, wache, Mutter, du bist nicht krank, du darfst nicht sterben.“ Er kannte seine Stimme nicht mehr, sie war ihm etwas Neues; die Kraft, die seinen Körper aufatmen ließ, sich aufrichten ließ als wäre eine unerhörte Last von ihm genommen, erhellte seine Augen mit einem himmlischen Glanz. Und das Feuer schien in den Körper der Kranken überzuströmen; sie lächelte plötzlich unter seiner bebenden Hand, sie seufzte erleichtert auf, sie drückte mit den schwachen, fleischlosen Fingern seine Hand und rief seinen Namen. Und je länger er die erloschenen Züge ansah, je mehr belebten sie sich in einer geheimnisvollen Weise, – bis sie ganz frei, mild und hoffnungsvoll schienen. Und als der Arzt kam, hereingeleitet von der Pflegerin, richtete sie sich zu dessen Erstaunen empor, legte den Kopf auf den aufgestützten Arm und lächelte dem Doktor und ihren Kindern mit einem Lächeln zu, das eine eigene Mischung von Schalkhaftigkeit und Inbrunst war.
Neuntes Kapitel
Novemberstürme!
Bojesen schritt durch die leeren Gassen mit den flackernden Lichtern und der Umhang seines Mantels wehte hoch empor. Sein Hut flog vom Kopf, rollte hin über die Steine und blieb vor dem Eingang des „siebenten Himmels“ ruhig liegen, wie ein Pferd, das seine Station kennt. Bojesen hob ihn gemächlich auf und trat in das Lokal, das voll von Menschen war, meist sehr seltsamen Existenzen. Er nahm Platz, bestellte Bier und wandte bald keinen Blick mehr vom Podium, wo die Schaustellung stattfand. Über eine nächtige Landschaft schien ein kunstloser Mond, und ein Ritter wandelte an einem primitiven Wasser und streckte bisweilen den Arm aus. Da öffneten sich die unglaubwürdigen Wolken und eine Erscheinung stand zwischen ihnen: Luisina. Der Ritter verzweifelte, diesem geliebten Bilde jemals nahe zu kommen, warf sich auf die Erde und gab vor, zu weinen. Da erhob sich ein Zauberer aus einer mangelhaft funktionierenden Versenkung, oder es war Satan selbst, wies ein Pergamentum vor und machte die Gebärde des Sichverschreibens. Das that der Ritter, darauf fiel die schöne Luisina aus den Wolken, die Nacht war beendet, das primitive Wasser und der komische Mond verschwunden und die Pantomime ward zum Bacchanal. Wilde Mädchen mit wilden Haaren stürzten auf die Scene und zerrten junge Männer hinter sich nach. In diesem köstlichsten Theater spielte das Publikum die Orgien, die man ihm vorspielte, selbst mit. Ein langhaariger Mensch, eine Art von Künstler, saß am Klavier und entlockte dem unwilligen Instrumente eine Folge von schrillen Harpeggien im Walzertempo. Der Glühende erschien mit emporgehobenen Armen und ekstatischen Begeisterungsausbrüchen, die Köchin kam und schrie, sie könne das Wasser zum Punsch nicht kochen, denn der Wind fahre stets in den Schlot und lösche das Feuer aus. „Nimm das Feuer meiner Brust, Aglaia!“ heulte der Glühende. „Kein Orkan des Universums vermag es zu löschen!“ Ein Mann mit glattem, langem Haupthaar war da, den man Barbin nannte und der sich sehr ängstlich gebärdete, obwohl er sehr laut den Übermütigen zu spielen versuchte. Sein Äußeres wie sein Wesen deuteten auf eine jener zwecklosen Existenzen, wie sie die Städte hervorbringen, eines jener unglücklichen Geschöpfe, für die die Zeit eine käufliche Dirne ist, da sie ihnen ohne Münze nichts giebt, womit sie ihr Leben verkürzen können. Dieser Barbin wandte sich sehr oft an den Glühenden, als flehe er ihn um seinen Schutz an, und er suchte dies durch ironische Worte zu bemänteln, die aber von dem tollen Jauchzen auf der Bühne verschlungen wurden. Luisina schien alle Ruhe und Besinnung verloren zu haben. Sie befahl dem Glühenden, sich zum Schemel ihrer Füße zu machen, und er legte sich platt auf die Erde. Die andern Mädchen tranken Wein in Strömen. „Wann wird denn nun der Böse seine Urkunde geltend machen?“ fragte Bojesen eine Brünhilde, die neben ihm saß, in einer männlichen Pose, das Schnapsglas in der Hand. Sie erwiderte: „Ja, das ist nichts für Pfaffen und Professoren hier im siebenten Himmel.“ Alsbald begann der Tanz mit Jubel und Singen und auf einmal war alles still. Einige Burschen in Tricots mit prachtvoll gebauten Körpern machten halsbrecherische Kunststücke. Barbin machte vergebliche Versuche, die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, bis es ihm gelang, den Pianisten vom Klavier zu vertreiben. Er setzte sich hin und spielte mit grotesken, schlangenhaften Windungen seines Körpers irgend eine tolle Phantasie.
Plötzlich sah Bojesen sich gegenüber Luisina sitzen. „Nun, da sind Sie ja wieder“ redete sie ihn spöttisch an. „Was wissen Sie Neues? Eigentlich ist mir Ihr Anblick verhaßt. Warum sind Sie so finster, nachdenklich, schwermütig? Wer sind Sie? Was wollen Sie? Hier giebt es kein Amt für Sie. Höchstens eines. Wenn der Tag anbricht kommt nämlich der Teufel wieder, um mir meinen Ritter zu holen. Er kommt in Gestalt eines Polizisten. Das ist ein Amt für Sie.“
„Warum sagen Sie mir das alles?“
„Das will ich Ihnen erklären. Mir ist, als spräche ich in Ihrer Person zur ganzen sogenannten guten Gesellschaft. Ich habe auch dazu gehört. Aber so ist es um unsere Zeit bestellt, daß wer sich freuen will, sich von ganzem Herzen ausleben will, all sein Heil und seine Seligkeit im Lachen sucht, daß der zu solchen Dingen kommt. Da wo sonst das Niedrigste und Schmutzigste zu treffen ist, da muß er sein Höchstes suchen und finden, denn überall sonst ist es zu anständig dazu. Und für ein Weib! Was soll ein armes Weib thun in eurem Kreis von schalen Vergnügungen, von ekeln und zehnmal wiedergekäuten Genüssen? Was soll sie thun, da sie erst anfängt, unter Menschen zu zählen, wenn sie heiratet. Was kann sie dafür, wenn sie in einer Welt lebt, wo jeder darauf stolz ist, wenn er ein wenig unglücklich ist? wo die Lebensfreude bei der Prostitution anfängt? Sagen Sie selbst! reden Sie doch! Ach, Sie haben ein Gesicht, dem ich eigentlich viel vertrauen könnte. Glauben Sie mir, nicht die Not allein ist Schuld an dem „Fall“, wie man es nennt, so vieler Menschen, sondern die Sehnsucht nach, – ja, wonach sag ich doch gleich, – die Sehnsucht nach, – es ist zu schwer, ich kann es nicht sagen.“
Sie schwieg. Sie stützte den Kopf in die Hand und sah lächelnd hinein in den Taumel, der sich rings um sie gestaltete. Der Glühende sprach nur noch in Versen, Barbin hieb wie besessen auf das arme Instrument ein und gab seinem Körper stets einen erschreckenden Ruck, wenn er vom Fortissimo in ein effektvolles Piano heruntersprang. Viele tanzten, schnell und feurig, oder leise sich wiegend und träumerisch, allein oder zu zweien. Die Brünhilde neben Bojesen war selig, wie aufgelöst vor Weichheit und nippte gerührt von ihrem Glas. Auf einmal war in einem Nu das Podium leer, die Gaslichter zu halber Höhe herabgedreht; auf einmal war auch Barbin still und ließ die Hände auf den Tasten ruhen. Die Tanzenden hielten ein und flüsterten: „Die Dämonen“.
Auf der Bühne erschienen in einem matten, grünen Licht vier Männer mit düstergrünen Gewändern, so enganschließend, daß sie wie nackt aussahen, grünen Gesichtern und begannen ein phantastisches, unheimliches, aufregendes Spiel. Wie Fische im Wasser, so bewegten sie sich in der Luft; ihre Füße schienen des festen Grundes nicht zu bedürfen, ihre Glieder schienen an kein anatomisches Gesetz gebunden. Bald schienen sie alle ein einziger Leib zu sein, der sich in entsetzlichen Krümmungen wand, bald war der eine einem leblosen Klumpen gleich, wurde von unsichtbaren Händen in die Luft geschleudert und fiel krachend auf die Bretter zurück. Bald waren sie wie eine Meute von Hunden, denen der Jäger aus der Ferne pfeift, bald glichen sie Würmern und krochen auf unbegreifliche Art an den Seidenwänden empor, alles blitzschnell, fischhaft, dämonisch. Jeder sah zu, als ob sich ein spannendes Drama entwickeln würde. Als Bojesen den Blick abwandte, sah er in geringer Entfernung, im Dämmerlicht fast unmerklich, Luisina. Sie schien ihn lange beobachtet zu haben. Nun winkte sie ihm zu und wandte sich dann nach der Thüre, als sie sah, daß er ihr folgen würde. Sie hatte einen Pelzmantel um den Körper gelegt und ein blaues, seidenes Tuch um den Kopf und ihre großen Augen sahen mit einem ungewissen, zitternden Glanz, aber doch voll Entschlossenheit in eine weite Ferne. Draußen sprach sie kein Wort; sondern stumm forderte sie Bojesen auf mit ihr zu gehen. So wanderte er schweigend an ihrer Seite weiter.
Welch eine Nacht ist das! dachte Bojesen. Es herrschte nicht eigentlich Dunkelheit und auch nicht Helligkeit, – eine jener seltsamen Herbstnächte, in denen sich alles Leben der Natur verinnerlicht zu haben scheint. Es fehlen auch jene Stimmen, jenes unklare, unbestimmte Geräusch, das wie ein aufbewahrtes fernes Echo des Tages ist. Der Wind hatte sich gelegt. Der Mond, eine unvollendete Scheibe lag in einem graugelb geschimmerten Flaum von Wolken. Er sah ganz verquollen aus, wie Farbe auf feinem Fliespapier. Das Leben war von den Straßen wie fortgeblasen. Die Häuser mit den dunklen Fenstern und den weißen Gardinen sahen aus, als ob sie schliefen; Bojesen konnte die Straße entlang blicken bis an die Grenzen des Horizonts, und diese lange, unbewegte Linie hatte etwas Beruhigendes.
Luisina schritt rasch dahin, hastig atmend, offenbar noch mit ihren Entschlüssen ringend. Bojesen folgte ihr, mehr gezogen durch die intime Macht, die sie auf ihn ausübte, als freiwillig. An einem einzelnen und sehr vornehmen Haus jenseits des Bahndammes machte sie endlich Halt, drückte dreimal wie in verabredeten Pausen auf den elektrischen Knopf und ging dann die teppichbelegte Steintreppe empor, hastig, atemlos. Aus einer Thüre kam ein junges Mädchen, dessen Gesicht alsbald das größte Erstaunen ausdrückte. „Jeanette!“ rief sie aus. „Ist Nieberding zu Hause?“ fragte Jeanette-Luisina bebend. – „Nein, Edward ist noch nicht da“, entgegnete das Mädchen bestürzt und schüchtern und blickte furchtsam auf Bojesen, der nichts zu sagen, ja nicht einmal sich zu bewegen wußte.
„Ach Cornely!“ rief Jeanette und faßte mit beiden Händen nach der dargebotenen Hand des Mädchens.
„Was, meine Gute? Komm doch herein. Willst du warten auf Edward? Es ist alles so sonderbar, was du thust“, sagte Cornely mit ihrer leisen, kindlichen und zutraulichen Stimme. Sie hatte stets ein schwaches und undeutbares Lächeln auf den Lippen; aber hätte man ein Tuch über den Mund gebreitet, so wäre auf dem übrigen Gesicht ein Ausdruck von Schwermut, mehr wie von Schwermut geblieben. Sie machte den Eindruck eines Geschöpfs, das durch irgend eine Situation vollständig betäubt ist und sich nur bestrebt, ihre Gedanken geheim zu halten. Ihr Haar war von einem dunklen Gelb, wie es etwa das Stroh hat, wenn es lange in Scheunen gelegen und verstaubt ist. Ihr Gesicht war von Sommersprossen bedeckt; ihre vollen Lippen waren trocken und aufgesprungen und erinnerten in der Farbe an ein Stück verwaschenen roten Kattuns.
Dann saßen sie im Salon, bei dunklem Licht, das durch gelbrote Seidenschirme schimmerte und in den Ecken förmlich zu verfließen schien, als ob es hinstrebte zu der allgemeinen Nacht draußen.
„Ich habe diesen Herrn mitgebracht, Cornely, – es ist Herr –“
„Bojesen.“
„Ja; Herr Bojesen hatte also die Güte, mich zu begleiten, weil ich nicht allein gehen konnte, zweitens weil er ein Freund von mir ist und dabei sein muß bei dem, was ich jetzt vorhabe.“
Bojesen befand sich in einem Zustand fast zorniger Erwartung. Er konnte sich dem vibrierenden Wesen des jungen Weibes nicht eine Sekunde lang entziehen. Er dachte wieder an sein eignes Weib, die, er wußte es, zu Hause in kurzen Zwischenräumen zur Treppe lief, mit der kleinen Lampe hinunterleuchtete, von jedem Schritt auf der Gasse aufgescheucht wurde wie ein Vögelchen und auf ihn wartete, wartete.
Als Jeanette den Mantel abwarf, weil es ihr zu heiß wurde, stand sie da in ihrem Theaterkostüm, sah ins Kaminfeuer und ihre Nasenflügel blähten sich seltsam. Cornely stieß einen leisen Schrei aus und faltete die Hände.
„Wie lange willst du noch so bleiben, meine arme, kleine Cornely?“ sagte Jeanette. „Soll ich recht behalten von damals her, als ich dich beim Pfänderspiel zur alten Jungfer machte?“ Etwas Triumphierendes lag in ihrem Gesicht. Das Kostüm schillerte zauberhaft im matten Lampenlicht.
„Selbstüberwindung ist die größte Freiheit,“ erwiderte die Bleiche mit ihrem sanften Lächeln.
Die Hausthüre wurde zugeworfen, schlürfende Schritte wurden laut, und Bojesen glaubte eine heiße, zitternde Erregung in Jeanette mitzufühlen. Ein junger Mann trat ins Zimmer und blieb wie versteinert stehen, weiß wie Leinwand. Er war schlank, groß und bartlos, hatte dicke Lippen und eine dicke Nase, tiefliegende, etwas gerötete Augen und einen eigenen Zug von Adel und Feinheit im Gesicht. Das feinste waren seine Hände. Sie waren lang, zartlinig wie ein gotischer Bogen und bewegungslos: müde Hände. Cornely schlich geräuschlos und etwas bestürzt davon, als er kam.
„Du bist erstaunt, wie ich sehe,“ flüsterte Jeanette. „Aber willst du dich nicht erholen? Dieser Herr hier darf dich nicht stören. Ich will, daß er bleibt, und ich will, daß du so bist, als ob er nicht da wäre. Verstehst du?“
Edward Nieberding senkte den Kopf und ließ sich in ein Fauteuil fallen. „Rede! Was willst du? Ich begreife nichts von alledem.“
„Wie solltest du auch das begreifen!“ erwiderte Jeanette leidenschaftlich erregt. „Wie könnte ich das vermuten! Du, der eher begreift, was auf dem Mond vorgeht, als in der Seele einer Frau! Du! Bist du es nicht, der das erfunden hat von der keuschen Liebe? Der das alles gepachtet hat, diese eisigen Dinge von Resignation und kühler Anbetung und von der unsinnlichen Macht des Schönen oder wie du es nennst? Rede du! Rede! Hast du mich nicht irre gemacht an allem was strahlt in dieser Welt und was warm ist?“
„Verschone mich, Jeanette! Wie thöricht von dir! Warum in der Gegenwart eines Fremden? Was thust du!“
„Ich will es dir sagen. Hier ist ein Mann. Ich glaube, Bojesen, Sie sind ein Mann. Ich frage Sie nun, – und dazu sind Sie hier, daß Sie mir auf Ihr Gewissen antworten, denn Sie sehen ehrlich aus, – ich frage Sie nun: kann ein Mann ein Weib lieben, wenn er sie bittet, gehe fort von mir, gehe weit fort, denn dann wird meine Liebe zu dir immer größer und mein Gefühl reiner –? Der sie bittet, küsse mich nicht, denn sonst begehre ich dich und das würde meine Liebe verringern –? Ich will von dir träumen, genau so redet er, ich will träumen, wie du bei Mondschein am Seeufer wandelst, weit von mir, wie du den Elfen gleichst, die ungesehen um dich huschen, – dann liebe ich dich wild, unfaßbar. Was sagen Sie dazu? Oder nein, antworten Sie noch nicht, erst dies –“
„Jeanette!“
„Still! Dies: was sagen Sie dazu, wenn ein Mann sagt, erst dann werde ich eine Frau wahrhaft lieben, wenn Sie einen Andern geheiratet hat und von diesem Andern ein Kind gehabt hat –? Und nicht genug mit diesen Worten, – der mich hinschickt, und mir rät, den andern zu nehmen, der mich bethörte, mich alles vergessen läßt, was ich mir schuldig wäre! Was sagen Sie dazu, Herr? Nun? urteilen Sie! Schweigen Sie nicht, sonst war es überflüssig, daß Sie kamen.“
Eine lange Pause entstand.
„Wenn ich nun reden muß, und wenn dies alles vorgefallen ist,“ sagte Bojesen langsam und betrachtete mit Trauer die schwammigen, nervösen Züge des jungen Mannes, „dann ist es erstaunlich, aber doch zu erklären. Es liegt in der Zeit. Ich wette, Herr Nieberding, Sie können den Anblick eines nackten Menschen nicht ertragen? Ich nehme auch an, daß Sie nie trinken, nie spielen, nicht mit Kindern spielen können? Ich bin ja nicht als Arzt hier, aber weil ich nun doch in dieser Lage bin, will ich sagen, was ich denke. Ja, es liegt in der Zeit. Mit welchem Wort Sie es nennen wollen, ist gleichgültig. Es ist all dies Mystische und Schwächliche, das über uns gekommen ist wie eine Krankheit, daß wir nicht mehr wissen, was Kraft oder Rohheit oder wahrhafte Scham oder Unnatur ist. Sie sind Jude, Herr Nieberding, wie? Ich weiß es, ich hatte auch schon einiges über Sie gehört. Nun, Ihr Volk ist es, das uns dies Geschenk gemacht hat, Ihr arbeitsames, intelligentes, stets an Extremen bauendes Volk. Sie lieben nicht das Weib, sondern Sie lieben die Liebe, nicht mehr die Selbstbetrachtung und Selbstvervollkommnung, sondern das Quälerische, Zerstörende, Erniedrigende, alles was Sie zum Märtyrer macht. Glauben Sie mir, glauben Sie einem der viel erfahren und vielleicht ein wenig gedacht hat, es giebt viele von Ihrer Art. Es sind Flagellanten, unsere Flagellanten, und der Gott, vor dem sie sich geißeln, ist dieses wohlbekannte Ich, diese Phrase von der Individualität, vor der jetzt alles auf den Knieen rutscht. Und wenn ich sage, die Juden sind Schuld, so ist das keine gedankenlose Anschuldigung von mir. Nicht jene alten Juden, die noch fromm sind, sie sind entweder ehrwürdig oder komisch; nein die neuen, die sogenannten modernen Juden, die vollgesogen sind mit dem ganzen Geist und der Überkultur des Jahrhunderts, sie sind es, die mit ihrer menschlichen Düsterkeit und ihrer geistigen Schärfe kommen, und ein Pseudochristentum aufrichten mit Gefühlskasteiungen, fleckenloser Liebe und dergleichen. Ich weiß es nur zu gut, es ist ein altes Erbe Ihres Volks. Auch Christus war ja ein Jude.“