Die Juden von Zirndorf (continued 3)
Reading edition
Nieberding erhob sich, schwankend und zitternd trat er auf Bojesen zu und flüsterte: „Herr –!“
Bojesen hielt seinen Blick ruhig aus und schwieg.
„Ich habe ihn geliebt,“ sagte Jeanette leise und sah gedankenvoll vor sich hin. „Weißt du, wozu ich nun geworden bin?“ fragte sie laut und fest.
Edward Nieberding, der am Fenster gestanden und unbeweglich hinausgesehen hatte, wandte sich um und sagte: „Jeanette, du hast niemals eine Schätzung gehabt für das edle Gestein und für seltene Menschen. Aber daß du zu solchen Mitteln greifen mußt! Ich denke, das war unnötig. Ich denke, das ist alles zu theatralisch. Seine einleuchtenden Erläuterungen mag sich dieser Herr für den Hörsaal sparen. Mag ich sein, was ich will, ein Flagellant oder ein Bacchus, damit die Ausdrucksweise des Herrn zu Ehren kommt, du hattest gegen meine Gefühle gewisse Pflichten, mehr will ich nicht sagen. Du durftest nicht kommen und mir ein Schauspiel vorspielen. Ich trinke das Leben aus den Tiefen, wo andere Leute nur Finsternis gewahren, ich finde Genüsse, wo andere nur Narrheiten sehen, – gut, laß mich so sein. Geh’ jetzt fort, wenn du barmherzig bist, und laß mich allein. Ich werde dich lieben bis ich sterbe.“
Jeanette hatte kein Auge von ihm gewandt. Nun ging sie hin, legte ihren Mund auf den seinen, und so blieben sie, in diesem traumhaften Kuß, minutenlang. „Und nun leb wohl,“ sagte Jeanette, „wer weiß, wo wir uns wieder finden.“
„Im Kot oder bei den Sternen,“ entgegnete Nieberding, trübe lächelnd. Er stieß ein wenig mit der Zunge an, was seinen Worten oft etwas Herzliches und Kindliches gab.
An der Treppe stand Cornely. Sie stieß einen dumpfen Schrei aus, als sie Jeanette fest anblickte. „Was war es?“ fragte sie hastig, mit einem scheuen Seitenblick auf Bojesen.
Jeanette schüttelte den Kopf; ihre Augen standen voll Thränen. Deshalb lächelte sie in einem wunderlichen, frauenhaften Trotz. „Du weißt alles, was geschehen ist, gute Cornely. Du ahnst es. Du weißt, was mein Vater gethan hat, daß er zahllose Familien um ihr Brot gebracht hat. Siehst du, Cornely, arme, ich habe eine so komische Moral in mir, bei der du staunst. Was ihr Niedrigkeit nennt, nenne ich vielleicht Ehre, und was dir die Selbstüberwindung ist, ist mir die Feigheit und Furcht. So sind einmal die Menschen. Gute Nacht, Liebe.“
Bojesen folgte ihr und ihm war, wie wenn er durch die Luft hinschwebte, wie wenn nichts mehr an der Erde wäre, was ihn festhalten könnte.
„Bojesen,“ sagte das junge Mädchen, als sie das Thor hinter sich geschlossen hatten, und nahm seine Hand, „in dieser Stunde sind Sie ein guter Freund von mir geworden.“
Es schneite. Große Flocken fielen hernieder, die alsbald hinschmolzen im Schein der Laternen. Es war ein friedliches Fallen, ein lautloses und märchenhaftes Herabgleiten der schimmernden, zitternden Krystalle. Einige Zeit gingen beide schweigend. Plötzlich sagte Jeanette, indem sie ihre Schritte hemmte: „Wissen Sie, woran ich denke? An die Dämonen von heute abend. Ich denke mir, so ist die Welt, so sind die Menschen; ein zielloses Hin- und Hergleiten, so daß es einen beängstigt, daß man fürchtet, jeder muß den Hals brechen und jeder wird doch wieder durch den andern getragen und beschützt. Und dann das, was ich nicht so recht ausdrücken kann; es ist vielleicht dies Spielen auf die Wirkung oder so ... Meinen Sie nicht, daß wir lauter solche grüne Dämonen sind?“
„Ja, eigentlich ist das ganze Leben bloß ein Symbol, und wir können nichts anderes thun, als alles, was uns zustößt, symbolisch zu betrachten. Darum sind auch die Dichter am größten, die das Leben möglichst vereinfachen.“
Wieder entstand ein Schweigen. „Ach, die Dichter,“ sagte Jeanette dann nachdenklich und traurig. „Sehn Sie, ich habe so viele kennen gelernt von den berühmten, denn ich war mit meinem Vater in Berlin und in andern großen Städten und mein Vater war ganz versessen auf die berühmten Leute. Da hab ich Dichter kennen gelernt und manchen, bei dem mir vorher wirklich das Herz geklopft hat. Aber wie schrecklich bin ich immer enttäuscht worden! Ich habe mich nur immer gefragt: du lieber Gott, wie konnten diese Leute das oder das schreiben. Sie hatten doch so große Gedanken und so große Gefühle in ihren Büchern und waren nun Menschen, vor denen man auch nicht so viel Ehrfurcht haben konnte. Und Ehrfurcht will ich haben vor einem wirklichen Dichter, ob er jung oder alt ist. Lachen Sie mich nur aus. Aber diese Leute hatten alle so nachlässige Gesichter, so unneugierig, was sie sagten, waren so vorbereitet und sie liebten es so sehr, geistreich zu sein oder auch vornehm zu schweigen. O nein, ich hasse die Dichter.“
Bojesen ging still dahin und lauschte mit glänzenden Augen. Alles was sie sagte, kann gar nicht so wiedergegeben werden, weil der warme Laut fehlt, das Eindringliche, Natürliche und Graziöse ihres Wesens.
„Sie wundern sich ein wenig über mich,“ fuhr sie fort und schlug den Mantel fröstelnd zusammen. „Ich auch. Ich habe stets geglaubt, wahnsinnig zu werden bei dem Gedanken, daß ich vielleicht auch eine von diesen Jüdinnen sein könnte, – ja, schauen Sie nur, – die mit zwanzig anfangen, fett zu werden, heiraten, französische Romane lesen, Kinder bekommen, Migräne haben und immer fetter und dümmer werden. Nein so bin ich nicht. Es hat große Jüdinnen gegeben und ich habe mein Vorbild. Später, später einmal sollen Sie es erfahren. Auch ich bin ein Symbol.“ Der junge Mann sah sie lächeln. Er fragte, ob sie nicht seinen Arm nehmen wolle und wo er sie hinführen solle.
Sie nahm den Arm. „Wohin? Ach, irgend wohin. Nein, fragen Sie nicht wohin, jetzt. Sagen Sie mir eins, Bojesen. Sind Sie nicht ein wenig Dichter?“
„Ich? Nein, ganz und gar nicht. Ich bin ein Mann der Wissenschaft.“
„Das sagen Sie so pedantisch. Ich denke, man kann dadurch ein so stolzer Dichter werden, – so daß man zu stolz ist, um zu schreiben.“
„Welch ein schönes Wort sprechen Sie da aus!“ rief Bojesen.
Sie waren an einer Allee. Beschneite Bäume, beschneite Wege blickten ihnen entgegen. Hinter einem halbzerstörten Staket lagen Steine in großem Wirrsal, Mörtelbehälter, Schaufeln, aufgeschichtete Ziegel und dahinter war der unfertige Bau mit öden, schwarzen Fensterhöhlen. Daneben war ein Haus schon fertig gebaut, aber es war noch unbewohnt. Im Erdgeschoß brannte einer jener Trockenöfen, die bei feuchter Jahreszeit tagelang in den Räumen der Neubauten aufgestellt werden. Eine düstere Röte ging von dort aus, strahlte durch die Fensterscheiben, fiel auf die blätterlosen Sträucher und Bäume bis über die Straße. Der Raum selbst erschien wie das Innere eines Kamins. Die beiden gingen an den Fenstern vorbei, guckten neugierig hinein, und sie sahen vier Knaben um den Glühofen kauern und mit den geröteten Gesichtern emporschauen zu einem jungen Menschen, der mit dem Rücken gegen das Fenster stand und zu ihnen redete. „Agathon Geyer!“ flüsterte Bojesen erschrocken und aufs höchste erstaunt und Jeanette stieß einen leisen Schrei aus. Bojesen hatte ihn sofort erkannt an Gestalt und Bewegung. Als Agathon ein wenig seitwärts trat, konnten sie beide sein Profil sehen; gedankenvoll und entschlossen sah er ins Feuer. Die Knaben schienen ganz versunken zu sein, schienen Agathons Worte zu trinken, und es lag etwas Gläubiges und Ergebenes in ihren Gesichtern, vom ältesten, der etwa sechzehn Jahr alt war und die Kappe der Waisenhauszöglinge trug, bis zum jüngsten, der etwa dreizehn Jahre alt war.
„Wir wollen gehen,“ sagte Bojesen leise, „es ist kalt.“ Jeanette riß sich los und sagte im Weitergehen langsam: „Hat er nicht etwas von einem jungen Christus?“
„Ja, es ist etwas Außerordentliches in ihm. Aber Sie kennen ihn?“
Jeanette nickte. Sie blieb stehen, schaute hilflos umher und schien nachzusinnen. „Wohin? wohin?“ murmelte sie beklommen.
In diesem Augenblick ging eine in einen dicken Mantel vermummte Gestalt vorüber. Nur die Augen waren sichtbar, die boshaft funkelnd denen Bojesens begegneten. Bojesen kannte diese Augen und wußte, was er von der Begegnung zu halten habe. Er lächelte resigniert.
Jeanette eilte rasch weiter und Bojesen hatte Mühe, ihr zu folgen. Bald standen sie vor dem „siebenten Himmel“. Sie traten ein; schwüler Dunst schlug ihnen entgegen. Sie sahen ein wüstes Durcheinander im Schein der heruntergebrannten Lichter. Barbin schlief auf dem Billard; die Brünhilde schlief auf der Erde, die jungen Männer in Tricot schliefen auf dem Podium, Liebespaare saßen flüsternd oder stumpfsinnig in finstern Ecken, der Glühende allein war noch völlig wach. Er hockte an der Rampe mit weit von sich gestreckten Beinen, die Stirn leicht und nachlässig in die geründete Hand gestützt, den Blick verloren, mit stillem Triumph in der Ferne weilen lassend. Eine Schnapsflasche stand vor ihm auf dem Boden.
„Was sinnst du, Liebling der Götter?“ fragte Jeanette, seine Schulter leicht mit den Fingern berührend.
„Auf daß sie ewig fern und heißbegehrt, Die Sterne, unerreichbar für mich bleiben. Wer seinen Idealen jemals naht, Kann sich getrost zu den Verlorenen schreiben.“
Jeanette lachte. „Solches Blech!“
Bojesen sah Jeanette an, die in großen Zügen Wein trank und sein Gesicht wurde finster.
Der Glühende stand auf und begann wieder zu recitieren:
„Und nun zieht der Tag mit seinem Morgenrot einher! Ach! so wilde Liebe hegen, das ist Sünde, Süß und schwer. Wenn ich doch auf einem Felsen stünde, Weit im Meer, Und erlöst von meinen Träumen wär’!“
Dann zog er eine Mundharmonika aus der Tasche und begann ein Menuett zu spielen. Jeanette erhob sich, faßte den Rock mit den Fingerspitzen beider Hände, so daß die seidnen Strümpfe sichtbar wurden, und tanzte: lächelnd, berückend. Bojesen stand auf, ging hinab vom Podium in die Dämmerung des übrigen Raumes, und stellte sich unter die Schläfer, betrachtete das jünglinghafte Gesicht Barbins, sah den aufgesperrten Mund des hageren Pianisten und die schnarchende Brünhilde. In ihm erwachte eine heiße Leidenschaft und das Menuett, wie er es jetzt vernahm, fast wie hinter Mauern, hätte ihn beinahe aufschluchzen lassen. Er glaubte kaum, daß ihn mit diesen Gefühlen der Erdboden würde tragen können, so schwer war seine Seele von ihnen.
Er wandte zufällig den Kopf nach rückwärts und sah Jeanette hinter sich stehen. Er war wie gelähmt. Sie blickte ihn verträumt und selbstvergessen an; ihre Augen waren jetzt von einem dunklen, undurchdringlichen Grün, und die roten Lippen gaben dem überaus bleichen Gesicht etwas von dem Wesen einer Fabelwelt, etwas Vampyrhaftes. Langsam nahm sie ihn bei der Hand und zog ihn fort, hinaus in den finstern Gang und weiter.
Zehntes Kapitel
Die strahlende Mittagssonne leuchtete, als Agathon von der Höhe herabstieg ins Dorf. Zu beiden Seiten des Wegs standen die Bäume im Schnee, spärlich behangen mit braunroten Blättern. Weithin leuchtete die Schneedecke der Landschaft, und bisweilen lag ein dunkles, mürbes Blatt auf diesem Weiß gleich einem großen Blutstropfen. Wenn Agathon durchs Dorf ging, grüßten ihn viele Christen, – scheu, fast ehrerbietig. Rasch hatte sich die Kunde verbreitet, daß Frau Jette durch seine wunderbare Berührung gesundet war, und alle suchten in seinem Gesicht, an seinem Wesen nach einem äußeren Zeichen dieser inneren Kraft. Er fühlte sich Herr über diese Kraft, gehoben, emporgetragen; alles was rein in ihm war, hatte sich mit diesen Gefühlen vereinigt, und alles Düstere und Kleinliche seiner Seele war abgestreift wie verbrauchtes Gewand. Er hatte ein altes Buch aufgefunden und fand darin die Geschichte des Sabbatai Zewi. Mit durstigen Augen las er sie. Wie wußte er gut zu scheiden unter dem Wahren und Erlogenen, dem Phantastischen und Tiefsinnigen! Wie sah er durch die Person des seltsamen Propheten in die Seelen der Menschen, die nicht dem beharrlichen Ernst sich beugen, nicht der beweglichen Stimme des mitleidenden Beraters, sondern dem prunk- und goldstrotzenden Worthelden, dem Halboffenbarer, dem, der mit ihrer Begeisterung spielt und dann achtlos über ihre Leichen schreitet. Aber noch fehlte an allen diesen Dingen der innere Bezug auf sein eigenes Thun, und er fand sich in der Welt mit einer Binde vor den Augen, des gütigen Lösers harrend. Es war nichts von Prophetentum oder Prophetenwollen in ihm. Das reiche innere Leben verlieh seinen Zügen etwas Übermenschliches, dem schwer jemand zu widerstehen vermochte. Mehr als sonst waren seine Nächte belebt von schwülen Bildern: nackte Frauen, die ihn neckten, die ihn zu sich zogen, ihn umarmten, ihn verlachten. Wie oft sprang er auf vom Bett und trat ans Fenster, um durch die Kälte sein Blut zur Ruhe zu bringen. Wie oft schaute er bittend in den schwarzen Nachthimmel mit den klaren Wintersternen und erwartete, daß das Gewölbe des Himmels sich zu einer freundlichen Vision öffne. Dann legte er sich wieder hin, und die Bilder kamen von Neuem, zudringlicher und feuriger. Dann suchte er seine Gedanken abzulenken, dachte an die Welt und an die Buntheit der Ereignisse in ihr, die nur wie ferner Marktlärm hereinklangen in das kleine Leben, das er selbst noch lebte.
Es gab zwei Wesen im Hause, die ihn oft und viel beschäftigten. Das eine war Frau Thella Hellmut, das andere Sema. Jene hatte das Schreckhafte, das sie anfangs für ihn gehabt, verloren. Doch ihre ganze Art hatte etwas von einem Irrlicht. Ruhelos, beständig redend, beständig geschäftig ging sie umher, und obwohl schon lange nichts mehr für sie zu thun war, obwohl sie nicht bezahlt wurde und auch gar kein Geld dazu dagewesen wäre, ging sie nicht. Das war ja schließlich zu erklären, denn bevor sie nicht zu andern Leuten gerufen wurde, lebte sie hier billig und „ein Maul mehr macht die Kille nicht arm“, sagte Gedalja. Oft saß sie dann wieder und sprach kein Wort, besonders wenn die Nacht im Nahen war. Dann quollen ihre Augen ein wenig hervor unter den entzündeten Lidern, sie lächelte in wahnsinniger Weise vor sich hin, nickte und atmete wie beglückt tief auf. Wenn sie dann jemand anredete, sagte sie leise und entschieden: „Stören Sie mich nicht! stören Sie meine Erinnerungen nicht!“ Agathon pflegte sie dann wohl genau anzublicken, und es wollte ihm scheinen, als ob diese Frau einmal sehr schön gewesen wäre: vielleicht nur einen Tag lang wahrhaft schön, in der Seele und am Körper, um sich dann wegzuwerfen für eine vorüberrauschende Stunde. So dachte Agathon oft über die Menschen, indem er sie in der Vergangenheit wirken, oder in einer bestimmten, von ihm selbst erfundenen Situation handeln sah.
Was Sema anbetrifft, so wußte Agathon nicht, was er mit ihm beginnen sollte. Mit ängstlicher Fürsorge achtete er auf alles, was Agathon that, suchte ihm jeden Wunsch von den Augen abzulesen, schleppte einen Stuhl herbei, wenn Agathon stand, brachte ihm den Löffel, der bei der Suppe fehlte, schlich in eine Ecke, um zu weinen, wenn ihm jener etwas abschlug, und als Gedalja und Frau Jette einmal in Agathons Abwesenheit ernstlich über seinen Lebensberuf beratschlagten, hörte Sema, immer bleicher werdend, zu und fing auf einmal ohne jede Veranlassung an, laut zu schluchzen. Es war mehr wie eifersüchtige Verliebtheit, es war eine völlige Anbetung, ein Sichverlieren und Sichauflösen, der Wunsch, nichts zu sein, und den vergötterten Freund wachsen zu sehen.
So vergingen Tage. Einmal wanderten beide in die Stadt, als ihnen am Frommüllersteg der Hund Faust begegnete, der einsam und schwermütig umherstreifte. Er gewahrte kaum Sema, als er mit kurzem, dumpfem Bellen seine Freude zu erkennen gab und sich so fest an den Knaben drängte, daß dieser beinahe gefallen wäre. Auch Sema schien erfreut und folgte dem großen Hund, der bald voraussprang, bald keuchend zurückkehrte und sich erst beruhigte, als die beiden vor Gudstikkers Haus angelangt waren. Es dämmerte schon; ein Sturmwind fegte über das Land, der Fluß rauschte bedrohlich. Agathon wollte sich verabschieden, aber Sema bat ihn herzlich und bewegt, mit hinaufzugehn. Frau Gudstikker schien etwas erstaunt; sie lachte in ihrer halb spöttischen, halb freundlichen Art und legte ein philosophisches Werk, in dem sie gelesen, zur Seite.
Hier war es nun, wo Sema wieder die Geige zur Hand nahm und spielte. Es schien nicht, als ob er sich dabei Mühe gäbe, als ob er dabei ein Können zeigen wolle. Er schien jetzt zu reden. Doch war etwas von jenen Träumen in seinem Spiel, in die unsere Seele das Kostbarste und Reinste legt, was sie selbst besitzt. Von dieser Stunde an war Sema etwas mehr, als der kleine, liebebedürftige Knabe in Agathons Augen. Niemals hatte er so deutlich wie in jenem engen, dunklen Zimmer gefühlt, wo das Glück wohnte, das er suchte. Er sah den klugen Kopf der alternden Frau sich gegen den bläulichen Abendhimmel abzeichnen, er sah das leuchtende, entflammte Gesicht des Spielers und den klaren, kräftigen Funken, der seine Augen verschönte, aber er sah außerdem noch mehr. Die Töne wurden gleichsam zu Fäden und die Fäden zu einem Schleier, der alle Vergangenheit bedeckte, und eine geisterhafte Hand schien darauf mit goldenen Lettern die Losungsworte der kommenden Zeit zu schreiben.
Als Sema aufgehört hatte zu spielen, öffnete sich plötzlich die Thüre, der kleine Wendelin schob sich herein und stürzte mit einem wahren Freudejauchzen auf seinen Freund zu. Es blieb unerklärlich, woher er kam und wie er von Semas Anwesenheit gewußt hatte.
Später gingen die drei zusammen fort, nachdem Agathon noch einige ironische Fragen Frau Gudstikkers beantwortet hatte. Aber er glaubte zu fühlen, daß diese Ironie nur der Mantel wäre, um eine Bewegung zu verbergen, deren sie sich schämte.
„Wo hast du das Spielen gelernt?“ fragte Agathon.
„Ich hab es nicht gelernt.“
„Aber du mußt doch die Noten gelernt haben.“
„Es sind keine Noten.“
„Nein, es sind keine Noten,“ betätigte Wendelin treuherzig.
„Wieso kannst du dann spielen?“
„Ich weiß es nicht.“
Agathon schüttelte den Kopf. „Es ist wunderbar,“ sagte er sinnend.
„Ich habe oft in der Waisenschule gespielt,“ erwiderte Sema schüchtern. „Dann hat es der Direktor verboten. Es regt die Knaben auf, sagte er, es macht sie rebellisch. Mein Spiel sei heidnisch, sagte er.“
„Ist er so streng?“
„Es ist schrecklich dort.“
„Furchtbar!“ rief Wendelin mit aufgerissenen Augen.
„Aber es sind doch viele Knaben dort.“
„Sie sind alle sehr unglücklich. Alle haben sie so bleiche Gesichter und müssen immer beten und beten.“
„Werden sie denn hart bestraft?“
„Ach nein, aber keiner liebt sie. Im Winter sind die Zimmer kalt. Das Essen ist auch nicht so viel. Und so früh muß man aufstehen. Die Lehrer haben so finstere Gesichter. Manchmal kommt Herr Porkes und examiniert. Das ist schrecklich.“
„Und das ist wahr?“
„O, sehr wahr.“
„Und der Kleine, war er auch dort?“
„Nein. Er ist ja Christ. Er läuft mir immer nach, – gerade wie ich dir,“ sagte Sema mit Thränen in den Augen. „Er bettelt und wohnt bei einer alten Frau. Ist es deine Großmutter, Wendl?“
„Groß –? ja, sie ist bö–ös!“
Ein langes Schweigen entstand. Plötzlich sagte Agathon: „Glaubst du an einen Gott, Sema?“
Der Knabe blickte bestürzt in den Abendhimmel. „Ich habe noch nicht darüber nachgedacht,“ erwiderte er bedächtig. „Meine Mutter spricht nie davon.“
„Hast du mich ein wenig lieb, Sema?“
Sema beugte sich herab, suchte Agathons Hand und küßte die Finger. Agathon erschrak. „Kannst du verschweigen, was ich dir sage? Und du auch Wendelin? Gut. Wir wollen die Waisenknaben herausführen aus diesem dunklen Haus. Was können die Lehrer machen, wenn sie alle zusammen fortgehen, eine Nacht lang? Am Morgen können sie ja wiederkommen. Ich will dir dann auch sagen, weshalb. O, ich wußte schon früher, daß sie unglücklich sein müssen. Kennst du den Ältesten der Knaben?“
„Ja, er heißt Martin Ohlik. Sie merken alle viel auf ihn, und er ist gescheit.“
„Kannst du es möglich machen, daß er in der Nacht kommt, wenn alle schlafen? Daß er zu uns kommt und mit uns spricht?“
„Ist das nicht gefährlich, Agathon?“
„Nein. Bei Tag ist es doch nicht möglich.“
„Nein, bei Tag werden sie bewacht.“
„Also, willst du es thun?“
„Ja, alles!“
„Gut. Erst wollen wir sehen, wo wir uns treffen. Im Freien ist es zu kalt. Ich weiß ein leeres Haus am Engelhardtspark. Dort wird seit acht Tagen ein Trockenofen gebrannt.“
Sema entfernte sich und kam nach einer Stunde mit Martin Ohlik wieder, der ein feuriger Bursche war und der seine Mission wie eine Lebensaufgabe empfand, die ihn bis in den Tod erfüllen könnte. In schwerer Finsternis wandelten Agathon und Sema nach Zirndorf, während Wendelin in einem Faß unter der Güterhalle Unterschlupf fand.
Es war eine solche Unordnung und vielleicht ahnungsvolle Unruhe im Geyerschen Hauswesen, daß am Morgen die Abwesenheit Agathons nur ganz flüchtig zur Sprache kam. Nur Sema wurde gezüchtigt. Aber er litt es stumm. Er schien einen Triumph dabei zu empfinden, für Agathon Schmerzen zu erdulden.
Die Juden im Dorf waren nicht gut zu sprechen auf die Geyerschen. Man redete schlimm über Elkan; nicht nur des verhafteten Enoch wegen, nicht nur des heidnischen Agathon wegen. Denn Elkan Geyer mußte ein wahnwitziger Mann sein, daß er solche Worte im Mund führen konnte; Elkan Geyer mußte etwas Unauslöschliches in der Brust tragen, daß er tagelang in den Wirtshäusern saß, sein Geschäft gehen ließ, wie es ging und die Frau für sieben Mäuler allein sorgen ließ. Elkan mußte ein verkommener Mann sein, daß er sich dem Schnapsgenuß ergab: ein Jude, der Schnaps trank! Niemand hatte je so etwas gehört.
Währenddem geschahen auch in der Welt allerlei Dinge, die besser nicht geschehen wären. Es waren da Gärungen, die das Problem mit den Juden an die Oberfläche der brodelnden Zeit brachte, und man sprach allenthalben von einer Juden-„Frage“, als ob das eine Frage wäre, die zu beantworten ist. In Rußland und Österreich trieben sie es schlimm, und in Deutschland glaubte sich ein oder der andere Schuhmacher müßiger Weise zum Messias geboren und erhob seine giftschwärende Zunge gegen den mehrbesitzenden Judenmann. Dabei schrieen die am Ruder Zeter und Mordio gegen ein rotes oder schwarzes Fähnchen, das in irgend einem Winkel auftauchte, die Waffe forderte Menschen und immer mehr Menschen, so daß sogar der geduldige Bauer den Kopf zu schütteln begann und an ein gemeinsames Vorgehen seines Standes dachte. In den Künsten schrieen sie auch nach dem Erlöser, dem erwählten Großen, und wie dergleichen Redewendungen fließen, und jeder, der etwa die Hosen auszog, oder Pflanzen statt des Fleisches aß oder auf peinliche Art die Armut der Armen bewies, war ein Genie. Es war eine große Zeit, in der es wohl wert erschien, zu leben. Thron und Hütte waren in gleicher Weise von dem Bewußtsein persönlicher Machtlosigkeit durchdrungen und vor lauter Stimmen hörte niemand eine Stimme.
Wenn Agathon im Kreis seiner Angehörigen um sich blickte, waren es die kleineren Geschwister, die sehr gedrückt schienen von all den Vorgängen, bei denen ihnen Ursache und Urteil fehlte. Da war die kleine Mirjam. Sie war ein Mädchen von blühender, dunkler Schönheit, von einfachem, nachdenksamem Wesen, und sie hatte den herrlichsten Mund, der sich denken läßt. Darin lag eine magdhafte Ergebenheit, etwas von jener biblischen Treue, wie sie in der Geschichte des Jephta eine Rolle spielt. Und doch erwuchs sie schon langsam zu jenem Hausfrauentypus, der, nüchtern und resigniert, in allem, was das weite Leben betrifft, stumpf und tot ist und all sein Ideal im Geld und im Reinwaschen der Dielen sucht. Gedalja ging eines Tages über Land und kam nicht wieder. Er ging hausieren und wollte offenbar dem Hausstand einen Brotesser beseitigen. Oftmals sehnte sich Agathon nach ihm und vermutete nicht, ihn unter so tragischen Umständen wiedersehen zu müssen.
Agathon gab an einem der späten Novembertage eine überraschende Probe von der Macht, die er im Innern fühlte. Die Estrichsche Ziegelei wurde vergrößert. Trockenhäuser sollten gebaut werden und der Grund wurde bis an die Grenze des Geyerschen Anwesens ausgegraben. Als dann die Mauern aufgeführt wurden, nahmen die Arbeiter nicht die geringste Rücksicht auf den Garten, sondern demolierten den Zaun, warfen die schadhaften Ziegelsteine herüber, und als Frau Jette eines Morgens mit gellendem Geschimpfe unter sie fuhr, wurde sie ausgelacht, und nun entstand unter den Arbeitern ein förmlicher Feldzug gegen die jüdische Familie und jeder Angriff von Frau Jette wurde mit Hohn und Gelächter begrüßt, mit Spott und Haßreden gegen das Judenpack. Sie ging zu Estrich selbst, aber das half so gut wie nichts und sie schien gänzlich verzweifelt, fast mehr aus Eigensinn, als aus Sorge um den Besitz. Da trat eines Morgens, als sie sich wieder zur Zielscheibe des Spotts machte und blindlings drauflos schrie, Agathon an ihre Seite, verschloß ihr den Mund mit der Hand, während die Maurer mit cynischer Neugier oder mit verstecktem Ernst ihm ins Gesicht sahen. Er trat zu einem jungen Menschen, der beim Kalklöschen beschäftigt war und fragte ihn: „Hast du eine Mutter daheim?“ Das Du und Agathons fester, fast trauriger Blick verwirrte den Andern, der unter den Lärmendsten gewesen war. Er schlug die Augen nieder und sagte nichts. Seine Kameraden kicherten. „So sag doch,“ fuhr Agathon fort, „mir darfst du’s schon sagen.“ Der Maurer lachte und wußte nicht, wohin er den Blick wenden sollte. Endlich schüttelte er in unbestimmter Weise den Kopf. „Aber wenn du eine hättest, würdest du sie doch nicht beschimpfen lassen,“ sagte Agathon, eindringlich und gütig lächelnd; „nimm mal an, du hast daheim einen Garten, und der Garten ist fast alles, was ihr habt, denk’ dir das aus, und es kommen solche Leute, die sich ein Vergnügen daraus machen, den Garten zu ruinieren, den Zaun umzureißen, die Beete mit Steinen zu bewerfen, auf denen ihr im Sommer euer Gemüs’ wachsen laßt, und davon habt ihr viele Tage zu essen, mußt du wissen. Ich glaube, du thätst unmäßig zornig werden, wie?“ Und Agathon legte seine Hand auf die schwielige Hand des Maurers, der betreten die Zähne zeigte und mit einigen Zweigen des verdorrten Buschwerks spielte. Die andern hatten alles gehört und waren nach und nach still geworden. Doch war es ein sehr mißtrauisches Schweigen. Deshalb trat Agathon zu dem nächsten, der ein älterer Mann war mit mächtigem Bart. „Denkst du, Herr Gevatter, ich bin reicher als du?“ fragte er kühn. „Sieh doch her, was ich am Leib hab! Und mein Hemd, ob’s von besserm Stoff ist, als deines. Im Gegenteil, deins ist von besserem Stoff, der Stoff kostet mehr, das kannst du getrost glauben.“ Damit zog er seinen Rock aus und hielt dem Alten seinen Hemdärmel zum Anfühlen hin, was dieser auch that, fast mechanisch und dabei nachdenklich aus seiner Pfeife paffte und dem jungen Mann, der so unbekümmert vor ihm stand, prüfend ins Gesicht sah. Jetzt lachten die andern wieder, aber diesmal gutmütig, einige murmelten sogar Beifall. „Ihr denkt wohl, es giebt lauter reiche Juden?“ fragte Agathon, sich aufs Geratewohl an ein paar andere wendend und wieder in seinen Rock schlüpfend. „Das ist nicht wahr. Mein Vater muß sich mehr plagen wie ihr und hat weniger Lohn. Da ist kein Baumeister, der ihm am Samstag was auszahlt. Also gelt, das thut ihr nicht wieder mit den Steinen.“ Damit nickte er freundlich und ging langsam ins Haus. „A sakrischer Kerl,“ sagte der alte Maurer paffend und sah ihm nach. „’s Dunerwetter soll mi derschlog’n, aber öitz maan i, mer thenna die Staaner raus.“
So geschah es. Am Abend waren die Steine aus dem Garten verschwunden.
Frau Jette stand im Flur, als Agathon zurückkam und blickte ihn starr an, nicht fähig, ein Wort hervorzubringen. Sie standen da in einer dunklen Ecke und ehe sichs Agathon versah, war sie auf einen Holzblock gesunken und schluchzte herzbrechend. „Ach Aga!“ flüsterte sie, „ach Aga!“ Er schwieg und blickte trüb herunter auf ihre kümmerliche Gestalt; er fühlte wohl, was sie beweinte, und daß es sich nicht auf diesen Tag und nicht auf die letztvergangenen Tage bezog.
Gegen Abend, bei klarem Himmel und hindämmerndem Untergangsrot der Sonne ging Agathon fort. Als er in die Nähe von Frau Olifats Haus kam, sah er Stefan Gudstikker aus der Gartenthüre kommen, hastig über die Straße eilen und mit schnellen Schritten in der Richtung der Ziegelei verschwinden. Agathon erschrak, und obwohl er sonst nicht unaufgefordert zu Monika kam, entschloß er sich heute doch dazu. Er klopfte an und auf ein leises Herein öffnete er die Thür und sah sie allein im Zimmer, am Fenster sitzen, in der Dämmerung. Ihre Mutter und Schwester waren wie gewöhnlich um diese Zeit in der Stadt. Monika erwiderte freundlich Agathons Gruß und drückte seine Hand.
„Bist du bös, daß ich gekommen bin?“ fragte Agathon beklommen.
„Ich? nein, ich freue mich. Immer bin ich froh, dich zu sehen, Agathon.“
„Wirklich?“
Monika nickte eifrig, dann sah sie wieder in verlorener Träumerei auf die Felder. „Ich muß dir etwas vorlesen,“ sagte sie nach einer Weile.
Während sie das Papier aus der Tasche zog und entfaltete, sagte Agathon: „Du spielst ja gar nicht mehr mit deiner Puppe?“
„O nein,“ erwiderte sie überrascht lächelnd, – wie erstaunt darüber, daß sie je mit Puppen zu spielen vermocht hatte.
„Du weißt doch, daß Gudstikker verlobt ist,“ platzt Agathon auf einmal heraus.
„Ja das weiß ich,“ entgegnete sie, wiederum lächelnd: ruhig und wissend. „Aber höre zu:
Wir küssen uns bei Kerzenlicht, Sonst sehn wir uns vor Thränen nicht. Sonst ist uns gar zu still die Stund’, Zu schweigsam der beklommene Mund. Wir küssen uns in finsterer Nacht, Weil sie die Zukunft schöner macht. Wir sehn das goldne Haus am Meer Von Schätzen voll, von Sorgen leer. Was spricht der Vogel Zeitvorbei? Daß alles dies vergänglich sei? Was spricht die Mutter Zweifelschwer? Ein Schattenbild das Haus am Meer? Der Vogel hat die Nacht vertrieben, Die Mutter ist bei uns geblieben. Den blassen Traum an jener Wand Hat sie verblasen und verbrannt.“
Es entstand eine lange Pause.
„Wie konntest du es denn lesen,“ fragte Agathon endlich bedrückt, „da es doch schon dunkel ist?“
„Ich kenne es auswendig,“ flüsterte Monika, ganz in sich versunken. „Es ist schön, es ist schöner als schön.“
„Aber weshalb nimmst du denn das Papier, wenn du es auswendig weißt? Nur damit du es sehen kannst? Nur damit du die Schrift sehen kannst? O wie rot wirst du, Monika! Du bist glühend rot.“ Agathons Stimme zitterte. „Monika!“ rief er dann.
„Was?“
„Es ist ein unwahres Gedicht. Es ist schön, aber unwahr. Alles was darin steht ist schön, und nur, weil es schön ist, steht’s da, aber es ist erlogen. Ich weiß, wer es gemacht hat. Aber er ist kein wahrhaftiger Mensch. Nur ein wahrhafter Mensch kann wirklich ein Kunstwerk machen. Ich meine nicht so, daß er im Leben nicht lügen darf, aber mit seiner Seele darf er nicht spielen. Er aber spielt, Monika. Verzeih’ mir, daß ich es gesagt habe.“
Monika hatte den Freund noch nie so erregt gesehen, und es war auch, als ob ein anderer, ein offenbarender Mund ihr das zugerufen hätte. Als er fort war, saß sie im Finstern bis ihre Mutter kam.
Agathon traf Stefan Gudstikker wie schon einmal, unter einem Laternchen am Ziegeleigebäude stehend. Nach einigem Hin- und Herreden lud er Agathon ein, mit ihm ins Haus zu kommen. Agathon folgte ihm. Der alte Estrich, brummig und knurrig, wenn er liebenswürdig war, beinahe komisch, erfüllte das Zimmer mit dem Rauch seiner Pfeife und ging bald fort. Käthe erschien still, scheu und gedrückt. Sie hatte bisweilen ein ergebenes Lächeln für ihren Verlobten, jedes Stirnrunzeln von ihm schien sie zu beeinflussen, jedem halben Wort schien sie nachzusinnen. Ihr Wesen war fast zu kindlich, bisweilen ein wenig dumm. Sicherlich war sie über die wichtigsten Dinge des Lebens noch im Unklaren. Gudstikker strich ihr oft über die Haare; er schien sich der grenzenlosen Macht über das einfache Kind zu freuen; ja, er schien damit zu prahlen. Oft wenn sie etwas sagte, lachte Gudstikker, – es war nur ein Stoß, wie der Ton aus einer Trompete, und Agathon dachte wie in einer Erleuchtung: er hat ihr den Glauben geraubt. Was hat er ihr dafür gegeben? Seine eigene Person. Jeder Tag lehrte Agathon mit unabweisbarer Stimme das Leben wie es wirklich war, wie es nicht aus einem göttlichen Wesen floß, sondern aus dunklen, unterirdischen Quellen, vielgestaltig, mit Trübsand vermischt, nur selten Gold im Grunde führend, selten im geraden Strom, klar und kraftvoll rauschend.
Sie sprachen von dem Mord. Käthe fand es gräßlich, daß man den Thäter nicht erwischt habe. Sie fürchte sich jede Nacht.
Agathon lächelte seltsam. „Vielleicht ist es kein so schrecklicher Mensch, Fräulein Käthe. Vielleicht betrachtet er es wie eine große That. Vielleicht hat er sich dadurch befreit von allem Schmutz seiner Seele. Und er fühlt auch gar keine Gewissensbisse, im Gegenteil. Er hat sich vielleicht geopfert, für ein ganzes Volk, nicht? Ist denn ein solcher Mord wirklich so schrecklich? Es giebt auch keine böse Vergeltung für einen so guten Mord. Das ist unmöglich.“
Gudstikker sprang auf und blickte Agathon durchdringend an. Dann schüttelte er den Kopf, lachte, ging ans Fenster. Die Scheiben waren mit Eisblumen bemalt, und das Mondlicht zitterte daran. „Aber was für ein Mensch muß das gewesen sein!“ rief er aus. „Ein Ungeheuer!“
„Nein, vielleicht nur ein Mensch ohne ‚Nerven‘. Giebt es nicht solche Menschen, die wie ein Stück Ackererde sind?“
Plötzlich hörte man draußen das ängstliche und fortgesetzte Miauen einer Katze. Alle lauschten. Gudstikker und Agathon gingen hinaus.
Der Mond stand hoch und rein am Himmel. Der Schnee blitzte und funkelte weit umher. Auf den Feldern lag der Rauhreif, schimmernd wie Silberstaub. Vor dem Thor lag ein Kätzchen in seinem Blut. Gudstikker kniete hin und streichelte das Tier zärtlich, redete ihm zu wie einem kranken Kind. Dann gebärdete er sich wie rasend, drohte den Kerl zu erdrosseln und schien sich gar nicht mehr beruhigen zu können. Agathon wollte ihn trösten, obwohl er etwas Gekünsteltes in diesem Zorn fühlte, als er einen Schatten gewahrte und Käthe neben sich sah. Sie hatte einen Shawl um den Kopf. Ihre Lippen, deren Rot durch eine scharfe und runde Linie von der blassen Haut abgegrenzt war, waren ein wenig geöffnet. „Ist das Kätzchen tot?“ fragte sie.
Gudstikker nickte.
„Wer hat es gethan? Vielleicht der Vater, Stefan. Er stellt immer den Katzen nach. Ich hab’ das alles vergangene Nacht geträumt. Kannst du’s glauben? Auch Herrn Agathon hab’ ich gesehn.“ Sie drückte flüchtig Agathons Hand, der sie beständig ansah.
„Dein Vater, sagst du!“ fuhr Gudstikker auf. „Weißt du, daß es mir jetzt zu bunt wird? Weißt du’s nicht. Nun, dann will ich dir’s sagen. Ich bin mir zu gut dazu. So!“
Wieder fühlte Agathon das Künstliche dieses Wutausbruches und fragte sich vergeblich nach Gründen.
„Stefan,“ flüsterte Käthe und legte ihre beiden Hände um seinen Arm, „ich will thun, was du immer von mir verlangt hast. Ich will mit dir fliehn, wohin du willst.“
Es entstand eine peinliche Pause. „Es ist kalt, Herzchen,“ erwiderte Gudstikker endlich und streichelte tröstend ihre Hand. „Geh nur und leg dich schlafen. Du wirst ja krank!“
Bald darauf gingen Agathon und Gudstikker zusammen gegen den Pfarrhof, wo dieser wohnte. „Sehen Sie,“ sagte Gudstikker, „da haben Sie ein Opfer unserer Kultur. In dem Mädchen steckt ein prachtvoller Kern. Aber sie ist gänzlich unsinnlich. Ja, das erscheint ihr schrecklich, was ein Mann unter Liebe versteht. So sind viele. Ich habe vielleicht hundert Mädchen kennen gelernt, auch durch andere, die dem Mann nur aus Mitleid gestattet haben, wozu sie die Natur drängen sollte. Es ist eine Krankheit heutzutage. Sowie ein Weib an der Kultur teilnimmt, wird sie blutlos.“
Agathon hörte gespannt und beunruhigt zu. In seinem stillen Sinn dachte er, Gudstikker wolle sich in einen Rausch reden. Schließlich sagte er ihm etwas hastig gute Nacht.
Als er heimging, hatte er eine seltsame Hallucination. Aus einem dunklen Thorweg trat Käthe Estrich auf ihn zu und hob flehend die Hände. Als er weiterging und sich die Erscheinung vor seinen Blicken in den Winternebel auflöste, dachte er mit hilfsbereitem Herzen an sie. Wie groß war sein Erstaunen und sein Schrecken, als er sie auf einmal wirklich sah! Raschen Schritts kam sie und lächelte matt, als sie vor ihm stehen blieb. Sie wolle zu Stefan, sagte sie. Und auf sein Gegenbitten schüttelte sie unentschlossen den Kopf.
„Was wollen Sie denn bei ihm?“
„Ich weiß nicht. Ich will ihn nur sehen. Wenn ich noch einmal in sein Gesicht sehe, weiß ich alles.“
„Was? Was denn?“ Agathon zitterte.
„Ach, – nichts.“
In diesem Augenblick ging viel vor in Agathons Seele. Er sah dieses zarte Geschöpf vor sich, wie sie in jeder Stunde mehr hinwelkte. Er sah die kleinen, mondlichtübergossenen Häuser, die dunkle Unendlichkeit des Nachthimmels, zage Sterne, glänzende Fensterscheiben, – dies alles im Gegensatz zu der komischen Unruhe der Menschen, ihrer Lust an der Lüge, ihrer Furcht vor dem Kampf, und zum erstenmal sprach heute die Natur ein lautes Wort zu ihm, und er konnte die gärende Inbrunst seiner Seele nicht mehr mißverstehen. Da stand nun dies stille, wortkarge Geschöpf vor ihm mit dem treuherzigen Blick, dem hilflosen Zucken um die Lippen und sie sah ihn ratlos an, als Agathon wie erleuchtet lächelte.
„Sie sind immer so traurig, Fräulein Käthe,“ sagte er.
Sie nickte.
„Sie müssen sich einmal recht von Herzen freuen.“
„Aber wie kann ich das,“ erwiderte sie seufzend.
„Ich kann es, ich will Sie froh machen,“ sagte Agathon.
Sie blickte ihn ungläubig an, als sie auf dem knarrenden Schnee weitergingen. Agathon mußte jetzt wunderlicherweise an Gudstikkers ewig-schmutzige Fingernägel denken, und er raisonnierte, daß ein Mensch mit schmutzigen Nägeln niemals ein solches Mädchen küssen dürfte, selbst wenn er ein Dichter ist, den es nach Reinheit und Verehrung dürstet. Er dachte an Monika und eine Glut stieg in ihm auf, daß sein Blick förmlich verhängt wurde. Dann liefen seine Gedanken weit fort zu Sabbatai Zewi und seinen Freudenfesten, und er zweifelte nicht an der Ehrlichkeit des Propheten, der das Leben in so großen Linien gelebt und alle Mitlebenden beglückt hatte.
„Ein Wort, Fräulein Käthe, – vertrauen Sie mir?“
„Sie sind so merkwürdig, Agathon. Man muß Ihnen vertrauen, auch wenn man nicht will.“
„Und Sie wollen alles thun, – von jetzt bis Mitternacht, alles was ich will. Es ist nichts Böses.“
„Aber es ist spät.“
„Eben hat es acht Uhr geschlagen.“
„Was soll ich denn thun?“
„Nichts als das: in unserem Hof steht ein Schlitten. Da sollen Sie sich hineinsetzen. Ich fahre Sie.“
„Jetzt? Um Gotteswillen, jetzt! Ich kann nicht. Meine Mutter läßt mich nicht fort.“
„Ach, wie das Aschenbrödel sind Sie! Aber heute dürfen Sie den Prinzen sehn.“
„Den Prinzen?“
„Gewiß. Ich ziehe meine Schlittschuhe an und wir fahren bis zum See bei Weinzierlein.“
„Bis –? Nein Agathon, das ist zu weit.“
„Jetzt dürfen Sie nicht kleinlich und nicht furchtsam sein. Ich hab’ auch noch ein dickeres Tuch für Sie und einen Mantel meiner Mutter.“
„Sie sind so jung, Agathon, und das vergißt man ganz, wenn man Sie hört.“
Eine Viertelstunde später flog der Schlitten die Landstraße hinaus und Agathon auf Stahlschuhen hinterher. Rechts lag der Wald, dann lag er links; das Mondlicht wohnte in ihm, die braunen Blätter glänzten silbern, die Birkenrinde strahlte wie Gold, der Schnee lag wie ein faltenloses, frischgewaschenes Tuch da, der Himmel wölbte sich in stillem, matten, kalten Licht und der Frieden, der mit den beiden gleichsam Seite an Seite zog, breitete sich aus, herrlich und rein. „Sehen Sie nur die Elfen,“ sagte Agathon, „sie freuen sich, daß wir kommen. Wenn wir auf dem See sind, werden sie Leuchtfeuer anzünden, Bewillkommnungsfeuer. Die Irrlichter zeigen uns den Weg. Sehen Sie dort! Ein Irrlicht, blau und grün –! Ist Ihnen warm? Das ist gut. Mir ist auch warm. Das nächste Mal müssen wir Mirjam mitnehmen. Sie kann lachen, daß es meilenweit hinausjubelt, besonders wenn es so kalt ist, wie heute.“
„Wer ist Mirjam?“
„Meine kleine Schwester.“
„Ein schöner Name.“
„Er ist hebräisch und heißt: die Widerspenstige.“
„So?“
„Ja. Auch Maria heißt die Widerspenstige. Aber Mirjam ist gut und lustig, und sie stellt Fragen wie eine alte Frau.“
Dies alles wurde im vollen Lauf hin- und hergesprochen, auf der klirrenden Schneebahn. Und endlich kam der See. Zauberhaft! Glattgefroren war die weite, breite Fläche, Schimmer auf Schimmer, golden und silbern, schwebte daher, tausend hellblitzende Funken besäten den Schlittenpfad und Agathon flog hin wie der Wind, wie ein Pfeil! „Jetzt beginnt das Märchen,“ rief er aus. „Jetzt kommen Feen und Geister.“
„Und der Prinz?“
„Der kommt zuletzt.“
„Nein, zuerst, – wie’s versprochen war!“
„Haia! juchhaia! Mein Waidruf schallt. Auf! Mir zur Frohnde, Wiesen und Wald! Haia, juchhaia! Elfisches Reich, Wo ist die Königin, Blitzend und bleich.“
Vom Ufer erhob sich die Gnomenschar, lachend, echoend, tanzte mit weiten Sprüngen um das Gefährt. „Mir ist heiß!“ rief Käthe lachend und schlug voll Entzücken die Hände zusammen, denn die Landschaft war zum Zauberreich geworden. Man sah Lichter blitzen wie in einem Saal; bisweilen tönte es aus der Ferne wie Gesang von hellen Mädchenstimmen, bisweilen wie Glockenklang; Ritter und Knappen und edle Damen stiegen aus der Tiefe zum Tanz gekleidet; denn hier war einst eine mächtige Burg versunken. Käthes Blut floß rasch und stürmisch. Sie jubelte und klatschte in die Hände wie ein Kind. Sie erinnerte sich nicht, je so glücklich gewesen zu sein, sie war wie berauscht und Agathon lächelte sie an, seltsam, träumerisch. Wie ein Sturm fuhr die Sehnsucht in seine Brust, ein ganzes Land, ein ganzes Volk so glücklich zu machen. Es ist eine dunkle Zeit, dachte Agathon, und wer ihr die Freude bringt, kommt mit einer flammenden Fackel zu ihr.
Heimwärts flog der Schlitten, dem sinkenden Mond entgegen.
Elftes Kapitel
In heiterer Stimmung verließ Bojesen seine Wohnung an der Luisenstraße, und der kalte, neblige Dezembermorgen trübte nicht die Klarheit seines Innern. Da begegnete ihm ein Bote und händigte ihm ein Schreiben ein. Er riß den Brief auf und las:
Kommen Sie nicht wieder. Lassen Sie mir die Freiheit ganz, die ich einmal erwählt habe. Ich könnte ja fordern, aber ich bitte nur. Fragen Sie nicht, warum. Haben Sie nie bemerkt, daß, wenn zwei Schicksale sich verketten, der Weg zum Glück doppelt so schmal wird? Das Leben ist so klein und kann nicht durch einen großen Sinn regiert werden. Können Sie sich denken, daß man nicht mehr an all die schönen Worte glaubt, von Freiheit u. s. w. Sondern nur an das taube, blinde Ungefähr –? Der eine sucht sein Schicksal, den andern findet es. Was rede ich da! Gestern traf ich meinen Großvater, und ich will nicht sagen, in welcher Verfassung. Kommen Sie nicht wieder!
Bojesen war nicht genug Frauenkenner, um die matte Energie dieses gequälten Schreibens zu durchschauen. Er nahm sich den Brief zu Herzen, sah auf seine Uhr, kehrte hastig in seine Wohnung zurück, setzte sich an den Schreibtisch, kaute einige Zeit beklommen am Federhalter und begann:
Ich dachte eine starke Frau zu finden und fand eine schwache. Oder wie ist es? Was soll ich davon denken? Bedeutet das die Schrankenlosigkeit der Leidenschaft, von der du geträumt hast? Ist es die gewöhnliche, banale Roman-Reue? Muß ich das glauben? Nie. Das Schicksal ist ungewöhnlich mit uns verfahren, und wir müssen uns ungewöhnlich an ihm revanchieren. Ich sehe dich noch in deiner Glut, in deinem Lächeln, in deiner Hinreißendheit. Und nun?
So weit war er gekommen, als sich eine Hand auf seine Schulter legte. Zurückschauend gewahrte er seine Gattin und zuckte zusammen. „Erich, du schreibst an eine Frau,“ sagte sie langsam und betont.
„Fanny, du phantasierst.“
„Erich, du schreibst an eine Frau.“ Sie war leichenblaß und hatte mit der Hand krampfhaft die Stuhllehne gefaßt.
In einem solchen Fall erfindet ein Mann entweder eine zärtliche Lüge, oder er wird brutal. Bojesen lachte, schlug das angefangene Schreiben zusammen und zerfetzte es. Dann setzte er seinen Hut auf, um zu gehen.
„Schön,“ sagte Fanny Bojesen, „damit bekennst du dich ja schuldig. Ich verbittere dir das Leben. Ich bin nüchtern und kalt. Ich bin verständnislos, ich bin dumm. Ich bin ungeduldig und nervös. Das hast du doch alles geschrieben dieser, – dieser Dame?“
„Du hast sonderbare Vorstellungen von einem Liebesbrief, mein Schatz.“
„Nun ja, freilich, Erich, ich kenne sie nicht, diese Frau, aber sie wird dich zu Grund richten. Ich will mich nicht vor dich hinstellen mit Verzweiflungsausbrüchen. Ich bin mir zu gut dazu, mit einem Wort, obwohl ich zu vielen Dingen nicht zu gut bin, wie das einmal geht. Aber ich will nur auf das Ende warten.“
„Aber du phantasierst ja, du träumst,“ rief Bojesen, erschrocken und gespannt.
„Wir schlafen immer noch Bett an Bett und auch du träumst.“
„Was soll das heißen?“
„Ich kann nachts nicht schlafen, und ich höre dich, wenn du überhaupt zu Hause schläfst. Die Ampel bescheint dein Gesicht und mit diesem Gesicht bist du dann bei ihr, verstehst du?“
Bojesen nagte an seinen Lippen. Er ging und war beschämt. Er kaufte Cigarren und begann zu rauchen, was er sonst des Vormittags nie zu thun pflegte. In den düsteren Korridoren des Schulgebäudes traf er die Herren, die, das akademische Viertel benutzend, gravitätisch oder tiefsinnig umherstolzierten, die Hand auf dem Rücken oder zwischen dem zweiten und dritten Knopf der Rockbrust. Es ist nicht leicht zu sagen, worüber sie nachdachten, und es ist unwahrscheinlich anzunehmen, daß sie über des Lebens Alltäglichkeiten nachdachten. Denn so wichtige Herren, wie sie waren, mußten sie auch über Gegenstände versonnen sein, die dem Gepräge ihrer Persönlichkeit entsprechen konnten. Doktor Rosenblatt (es ist die Eigentümlichkeit und das Martyrium dieses Standes, daß er sich stets mit einem imaginären Doktor- oder Professortitel schmücken muß, damit die Würde des Standes in den Augen der profanen Welt gewinne), Doktor Rosenblatt also hatte, um seinerseits eine Ausnahme zu dokumentiren, beide Hände auf dem Rücken. Er pflegte jedes Klassenzimmer mit der Konstatierung der Thatsache zu betreten, daß es stinke. Er pflegte dies in einem heftigen Schrei zu behaupten und pflegte dann die Fenster aufzureißen. Zugegeben, daß dies eine Unklugheit von ihm war, ein Pfeil, der auf ihn selbst zurückgehen konnte, so ist doch andererseits anzuerkennen, daß diese kategorische Erklärung von seiten des Trefflichen wiederum als ein Beweis seines fortgeschrittenen Reinlichkeitssinnes gelten konnte. Dieses Zeugnis war zum Exempel Herrn Professor Schachno mit nichten zu erteilen. Denn auf den glänzenden Flächen seines Rockes wäre es der Analyse Bojesens leicht gewesen, den Speisezettel des Ehrenwerten für die Frist des abgelaufenen Semesters zu geben. Aber Professor Schachno war ein Stoiker; dies erklärt alles; ein liebenswürdiger, standesbewußter Mann, der sein Erziehungsideal, die Strafarbeit, stets in Gedanken zu vervollkommnen bestrebt war.
Bojesen sah die finstern Mienen seiner Kollegen nicht, oder gab vor, sie nicht zu sehen. Doch fühlte er wohl, daß etwas in der Luft lag. Als er später eine der unteren Klassen in den Anfangsgründen der anorganischen Chemie unterrichtete, bemerkte er, daß er innerlich mit ganz anderen Dingen so intensiv beschäftigt war, daß Scenen und Bilder in seinem Geist entstanden, und sein Bewußtsein bei dem, was er lehrte, ganz verdunkelt war.
Nach Ablauf der Stunde kam der Pedell und bat ihn zum Rektor. Bojesen lächelte, entließ seine Schüler, schritt bedächtig die Stufen hinan und stand alsbald vor dem Herrscher des Schulreichs. Und nicht nur vor ihm allein. Fünf der ältesten Herren bildeten gleichsam seine Garde, – eine Hochburg unbestechlicher Rechtlichkeit, unwandelbarer Sittlichkeit, unerschütterlichen Ernstes.
„Herr Bojesen,“ begann der Rektor feierlich mit einer fast unmerklichen Mischung von Sarkasmus und Schadenfreude, „Sie sind uns als Kollege lieb gewesen und als Lehrer wertvoll. Wir konnten uns täglich von der strengen Thatkraft überzeugen, mit der Sie Ihr Pensum durchführten, – glaubten wir. Wir glaubten, in Ihnen dereinst eine stolze Säule unserer Anstalt zu besitzen, einen verehrten und geachteten Mitbürger, einen tadellosen Erzieher. Vaterlandsliebe, einwandsfreier, sittlicher Wandel, Religiosität, das sind Orden, die die Brust eines Beraters der Jugend mehr schmücken, als königliche Orden. Wir müssen bekennen, daß wir uns in Ihnen getäuscht haben.“
Ein undefinierbares Murmeln der Garde begleitete diese Worte, die an Hoheit, Einsicht und Milde als gleich vollendet bezeichnet werden müssen.
„Was wollen Sie damit sagen, Herr Rektor?“ entgegnete Bojesen ruhig.
„Damit soll gesagt sein, daß Sie, wie unsere gewissenhaften Nachforschungen zweifellos ergeben haben, in Bezug auf Ihre moralische Führung nicht geeignet sind, einen günstigen Einfluß auf die Schüler zu üben, Herr Bojesen, – kurz, daß Sie sich auf Abwegen befinden. Als Mensch kommt es mir lediglich zu, Sie zu warnen, Sie kraft meines Alters aus tiefstem Herzen zu warnen. Als Vorstand dieses Instituts dagegen ist es meine Pflicht, Sie zu bitten, von Ihrer Lehrtätigkeit Abstand nehmen zu wollen, bis wir die Sachlage an das Ministerium berichtet und weiteren Bescheid empfangen haben.“
Bojesens Wangen und Stirn röteten sich und seine Hand zitterte. Doch der Rektor richtete sich straff empor und fuhr fort:
„Verteidigen Sie sich nicht. Suchen Sie uns nicht zu überzeugen, wovon es auch sei. Wir waren vorsichtig in Bezug auf unsere Schritte. Sie verkehren in einer verrufenen Spelunke mit verrufenen Subjekten und verrufenen Frauenzimmern. Es ist schändlich und für mich als Haupt einer Anstalt, an deren Ruf kein Flecken haftet, deren pädagogischer Ruhm weit über die Grenzen unseres engeren Vaterlandes gedrungen ist, ich sage, es ist beschämend für mich, einen solchen Vorfall so deutlich konstatieren zu müssen. Aber Sie zwingen mich dazu, Herr. Ihr unverzeihlicher Fehltritt fällt um so schwerer ins Gewicht, als Sie verehelicht sind und trotzdem nicht Ehrgefühl genug besaßen, sich als Pädagog zu zügeln. Aber nicht einmal das allein war maßgebend für mich. Nur aus wenigen Andeutungen, die sich scharf in den Geist jugendlicher Zuhörer graben können, das werden Sie selbst gut genug wissen, ist erwiesen, daß Sie es im Unterricht, – meine Herren geben Sie wohl acht, aber mäßigen Sie Ihre edle Entrüstung, daß Sie es sogar nicht verschmähten, skeptische Worte fallen zu lassen, die die Religiosität der Schüler gefährden konnten, und daß Sie so auf dem verbrecherischen Wege sind, die scheußliche Zeitkrankheit des Atheismus und der Pietätlosigkeit mitverbreiten zu helfen. Wir wissen, daß Sie sich mit dem dimittirten Schüler Agathon Geyer auch nach seinem Vergehen noch liebevoll befaßt haben, und jetzt wird mir auch vieles von der unerhörten That dieses unglückseligen und irregeleiteten Jünglings klar. Und nun noch zur schwersten Anklage, der gegenüber nichts, aber auch n–nichts Sie rechtfertigen kann. Sie haben in einem öffentlichen Lokal, in der Unterredung mit einem Ihrer auserwählten Freunde, Reden von einer wahrhaft, – kurz, von einer wahrhaft socialdemokratischen Tendenz geführt, so daß Ihre Worte an Nebentischen gehört wurden. Ich hoffe, Sie bereuen dies alles und werden ein besserer Mensch. Für die unschuldigen Blüten, die man Ihnen anvertraut hat, ist ein anderer Gärtner von nöten. Und jetzt bitte ich Sie, uns zu verlassen. Oder haben Sie noch etwas einzuwenden? Aber ich mache Sie aufmerksam, daß unsere Zeit kurz bemessen ist.“
Bojesen rührte sich nicht. Seine Hand zitterte immer noch leise. Seine Augen schauten unverwandt ins Weite, als suchten sie sich mit den kommenden Stunden der Entbehrung und der Brotlosigkeit schon jetzt vertraut zu machen. Um seine Lippen spielte ein halb mitleidiges, halb trauriges Lächeln. Der Rektor blickte ratlos die fünf Gardeherren der Reihe nach an, die dann in derselben Reihenfolge schweigend die Köpfe schüttelten. Endlich sagte Bojesen: „Meine Verbrechen sind Verbrechen. Für Sie müssen es solche sein, natürlich. Ich kann also nichts dagegen einwenden. Aber was die ‚unschuldigen Blüten‘ betrifft, darüber möchte ich noch ein paar Worte sagen. Das was ich immer wollte, was aber ein Unding ist, ein Windmühlenkampf, ist, daß ich die Schüler veranlassen wollte, selber zu denken, aus Andeutungen, aus Anschauungen ein Gesetz zu konstruieren. Ich habe ihnen aus der Wissenschaft immer ein schmackhaftes Stück Brot gemacht, nicht ein Pensum für das Gedächtnis. Aber Sie, meine Herren, arbeiten nur für ein totgeborenes Kind. Was Sie thun, ist immer aussichtslos. Als unverdauliche Speise bleibt es im Magen Ihrer Pfleglinge liegen. Sie geben sich nie die Mühe, herunterzusteigen, sondern bleiben hochmütig auf dem Katheder und auf dem Lehrbuch sitzen. So wie Sie es treiben, ist die Schule eine Verdummungsanstalt, und kein munter fließendes Wasser wird aus diesem Sumpf herauskommen. Alle bleiben unglückselige Marionetten, oder wie Sie es nennen, faule Schüler. Aber faul sind nur Ihre Institutionen, das mögen Sie wissen. Wer dem Geist der Jugend etwas nahe bringen will, muß es mit dem Herzen thun, nicht mit dem Vocabulaire. Ich möchte sagen, er muß ein wenig spielen dabei, Sie müßten beinahe ein wenig Künstler sein. Aber wie soll der Staat das aufbringen. Sie, Herr Horamus, der Sie dastehen als Lehrer der Geschichte, seien Sie aufrichtig, haben Sie jemals daran gedacht, den Schüler mit den großen, menschlichen Dingen der Geschichte vertraut zu machen? Haben Sie jemals den Geist des grandiosen Zusammenhangs zu erklären versucht? Haben Sie jemals ein farbenreiches Bild daraus gemacht, und das wäre von mehr sittlichem Wert, als hunderttausend Jahreszahlen und Dynastien-Namen, glauben Sie mir. Aber davon haben Sie ja selbst keine Ahnung, wie sollten Sie mir Antwort geben können. Ein null-ouvert im Skat ist Ihnen weit interessanter. Und was Religiosität und Vaterlandsliebe betrifft, Herr Rektor, so haben Sie keine Angst. Beide zeigen sich nicht im Götzendienst. Was Sie mit diesen schönen Worten meinen, ist Duckmäuserei und Frömmelei. Beruhigen Sie sich nur, ich gehe schon. Vielleicht kommt die Zeit selbst für Sie noch, der Sie graue Haare haben, wo Sie mit Angst an das denken werden, was ich Ihnen eben gesagt habe. Ich empfehle mich den Herren.“
Er eilte hinaus und ließ die sechs würdigen Schulmänner in unbeschreiblicher Verblüffung zurück. „Gehen Sie hinunter, Schachno, und verhindern Sie, daß er mit den Schülern spricht,“ sagte der Rektor erregt.
Daran dachte Bojesen nicht. Er hatte bereits das Schulhaus verlassen und ging die Mathildenstraße entlang, bis die Häuser zu Ende waren, bis die Ebene vor ihm lag, – anscheinend grenzenlos. Und wie er weiter und immer weiter ging, vergaß er auch mehr und mehr seinen persönlichen Schmerz, und all das Drückende und Gedrücktsein, das in ihm war, löste sich auf in eine große allgemeine Wehmut um etwas unbestimmtes Verlorenes, in eine wie hingehauchte Traurigkeit um vergebliches Ringen. Er empfand jene Müdigkeit zu denken, die uns mit einem unsicheren und seltsamen Stolz erfüllt, uns zu vagen, aber tröstlichen Bildern führt, bis an die Thüre jener Schwermut, die sich mit liebevoller Innigkeit an alle Gegenstände der Natur hängt und auch dem zufälligen Flug eines Vogels eine tiefe, vorbedeutungsvolle Wichtigkeit verleiht.
Still und neblig, wie erfroren lag da oder dort ein Dorf. Gleich einer Wand von Schleiern erhob sich bisweilen in der Ferne ein Gehölz. Der Himmel war unbeweglich; keine einzelne Wolke war zu sehen: nur eine schwerhingezogene Decke. Dornenhecken standen am Weg und vermehrten das Grüblerische, Insichgekehrte dieser Landschaft. Raben flogen lautlos über die Äcker, setzten sich majestätisch auf schwarze Erdschollen, die aus dem Schnee ragten und guckten furchtlos mit den schlauen und boshaften Augen auf den Wanderer.
Bojesen nahm in einem Dorfwirtshaus ein kärgliches Mittagsmahl ein, unterhielt sich mit den Bauern und machte zum erstenmal die Beobachtung, daß der fränkische Bauer ein intelligenter, ernster und gutherziger Menschenschlag ist, der nichts von der tückischen Pfiffigkeit und von dem versteckten Städterhaß vieler andern Bauern besitzt.
Als es schon dunkelte, kam er zurück in die Stadt, und es war ihm, als ob er ein Jahr lang fortgewesen wäre. Fast mechanisch, als wäre es die Folge eines weit zurückliegenden Entschlusses, wandte er sich nach der Richtung von Jeanettens Wohnung, und er fand sie allein.
Sie war nicht erstaunt, ihn zu sehen und reichte ihm ruhig die Hand.
„Du bist so froh,“ sagte sie und blickte bang nach der Thür. Doch gleich darauf sprang sie empor und tanzte trällernd im Zimmer umher. Nichts lächelte in ihrem Gesicht. Der Mund war geöffnet und ließ die kleinen Zähne sehen. Die Augenlider waren gesenkt, mühevoll sinnend. So tanzte sie.
„Man weiß natürlich schon in der ganzen Stadt, wo ich bin,“ sagte sie verächtlich. „Die Herren der Gesellschaft werden zum ‚siebenten Himmel‘ kommen, und ich werde die Sensation sein, der Stadtklatsch. Das ist mir zu widerlich. In acht Tagen gehe ich fort, oder in vierzehn Tagen, wenn ich mit meinen Vorübungen fertig bin. Ich gehe nach Paris. Ich brauche anderes Leben. Es wird auch ein anderer Tod sein, wenn es so kommt.“ Sie lachte mit ihrem harten, stoßweisen Lachen.
„Fort gehst du? Und was für Vorbereitungen meinst du?“
„Tanz! Die menschlichen Leidenschaften im Tanz. Der Tanz soll wieder Kunst werden. Sieh her, den Tanz der Liebe. Alles ist Feuer, hinneigende und doch verborgene Glut. Jede Linie andächtig und verzückt und schließlich die unterdrückte Erregtheit. Dann der Haß. Offene Glut, wildes Gebärdenspiel, wildes Spiel aller Linien. Dann viele andere. Ich denk’ es mir wundervoll. Eure andern Künste haben alle abgewirtschaftet. Sie beruhen auf der Eitelkeit. Es giebt nur noch Wissenschaft und Tanz in der Zukunft.“
Bojesen sah hilflos vor sich hin.
„Was machst du denn für ein Gesicht? Wie ein melancholischer Briefträger,“ sagte sie.
Bojesen hatte so vieles sagen wollen. Jetzt erinnerte er sich an nichts, oder es erschien ihm zu düster. „Jedesmal, wenn ich komme, bist du anders,“ bemerkte er mit etwas jugendlicher Verzweiflung.
Jeanette lachte spöttisch und begann wieder zu tanzen: auf den Zehen, den Körper in vornehmen, wellenhaften Bewegungen vor- und zurückbiegend und mit schwärmerischem Gesicht und weitgeöffneten Augen in den Spiegel schauend. Dann holte sie Wein, dessen Purpur in den dunklen Gläsern und in der beginnenden Dämmerung ganz schwarz erschien.
Währenddem öffnete sich die Thür und Bojesen sah einen alten, sehr gebückten Mann mit einem Hausierkasten sich mühselig hereinschleppen. Es war Gedalja. Er setzte keuchend den Kasten am Ofen nieder und trocknete sich die Stirn mit dem Rockärmel. Bojesen schaute Jeanette an, begriff und wollte gehen. Aber sie befahl ihm durch einen Blick, zu bleiben und zündete die Lampe an. „Hast du was verkauft, Großvaterle?“ fragte sie, die Hand in die des Alten legend.
Gedalja verneinte. „Se welln nix haben. Se sin alle versehen. Se welln bloß ihrn Spaß haben mit em alten Jüden. Ich will nit klagen, Enkelin, nit klagen. Aber was for Gesichter wer ich sehn, wenn ich sterb’? Wer wird reden zu mir in die lange Nächte? Hast de schon gesehn en alten Mann über neunzig, wo hat kein Haus un kein Hof un kein Bett? Bin ich nit gewesen e Beheema, e Vieh, daß ich nit gewesen bin e Wucherer un e Betrüger? Wo soll ich haben en neuen Rock, wenn der wird sein zu Fetzen? Wo sin meine Kinder, daß se sitzen zu meine Füße und lauschen meine Worte? O Enkelin, es is gut, e Chalef zu nehmen, e Schwert und zu zerreißen sein eignes Herz.“
Danach war es lange Zeit still im Zimmer. Bojesen hatte nicht vom Boden aufgeblickt. Gedalja begann wieder. „Ich waaß nit, was de hast gethan un was de hast vor im Leben, Jeanette. Aber ich seh d’rs an an deine Stirn und deine Augen, daß de willst hoch naus, daß de hast überspannte Gedanken vom Leben un von die Menschen. Es giebt im Jüdischen e Sprichwort un haaßt: wenn Schabbes-Nachme afn Mittwoch fallt, kriegt die Schmue e Ponim. So is es mit deine Pläne. Schabbes-Nachme fallt alleweil afn Schabbes, natürlicherweis. Sei vernünftig! Sei immer bei dir un hab gut acht auf deine Handlungen. Schlaf nit ein in der Nacht, wenn de nit hast ausgelöscht ’s Licht; nor die Thoren scheuen den Schlaf beim Finstern. Bleib’ e gute Jüdin, wenn de aach nit glaubst, denn wir sin e großes Volk mit bedeutende Gelehrte. Merk d’r was ich hab’ gesagt. Haste vielleicht was z’essen? Hunger hab’ ich aach. Bin in ganzen Tag rumgeloffen, bis nach Burgfarrnbach nüber.“
Bojesen, dem es schwer ums Herz war, schickte sich zum Aufbruch an. Jeanette begleitete ihn liebenswürdig hinaus, sagte aber nichts. Er haßte diese Liebenswürdigkeit an ihr, die undurchdringlich war wie ein Panzer.
Er irrte lange Zeit durch die Straßen, aß gegen sieben Uhr irgendwo zu Nacht, setzte seine ruhelose Wanderung fort und kam endlich wieder vor Jeanettens Wohnung an, wo immer noch die Fenster erleuchtet waren. Am gegenüberliegenden Haus sah er einen jungen Mann im Schnee stehen. Er glaubte, diese blassen, unbestimmten Züge zu erkennen, ging hinüber und stand vor Nieberding, der den Blick nicht von Jeanettens Fenstern wandte. Bojesen lächelte ironisch. Der andere gewahrte ihn, und eine Zeitlang standen sie Auge in Auge, ohne eine Bewegung. „Wie lange stehen Sie schon?“ fragte endlich Bojesen mit schlecht verhehltem Spott. Aber Nieberding überraschte ihn, indem er ihm die Hand bot und sagte: „Thun Sie das nicht. Weshalb wollen Sie mich verhöhnen? Was würden Sie sagen, wenn ich bissige Reden führte, weil ich Sie etwa am Grab Ihrer Mutter sähe? Ich stehe am Grab meiner Liebe. Es ist mehr als eine pathetische Phrase.“ Er schob seinen Arm unter den Bojesens und zog ihn mit sich fort.
„Aber sind Sie jetzt nicht glücklich?“ fragte Bojesen, noch immer sarkastisch.
„Glücklich? weil ich leide? Allerdings in gewissem Grad.“
„Sie sind Arzt?“
„Verzeihen Sie, – ein Wort: kommen Sie eben von ihr?“
„Nein.“
„Ob ich Arzt bin? Nein. Ich war es.“
„Ein schöner Beruf.“
„J–Ja!“
„Aber er macht hart, grausam.“
„Im Gegenteil. Aber Sie spotten immer noch.“
„Im Gegenteil –?“
„Er hebt uns. Macht weich, bereichert die Gefühlsnüancen.“
„Das sind Worte. Es giebt solche und solche Ärzte.“
„Allerdings.“
Darauf schwiegen sie. „Verzeihen Sie,“ sagte Nieberding, „darf ich Sie zu einem Abendessen einladen?“
„Danke, ich habe schon gegessen.“
„Aber dann kommen Sie auf ein Glas Wein zu mir.“
„Wenn es Ihnen nicht unbequem ist –.“ Nieberdings offene Herzlichkeit und seine kindlich-schüchterne Art, zu fragen, beschämten Bojesen ein wenig. Bald saßen sie in Nieberdings kleinem Salon, wo ein behagliches Feuer brannte. Bojesen sah hier Jeanettens Schatten weilen und empfand eine nagende Unruhe. Cornely kam mit ihrem rätselhaften Lächeln und für Bojesen war es seltsam zu sehen, wie sie den Bruder küßte, mit einer verhaltenen und stolzen Leidenschaft, und wieder ging.
Nach einem schier endlosen Schweigen fragte Nieberding hastig: „Was halten Sie von Jeanette Löwengard?“
Bojesen schwieg und zuckte die Achseln. „Sie ist ein feines Tier,“ sagte er endlich leise mit einem lauernden Zucken der Mundwinkel.
Nieberding blickte verletzt auf. Aber im Nu unterwarf er sich Bojesen wieder.
„Und Sie,“ fuhr Bojesen fort, „welche Art von Frauen lieben Sie? Sagen Sie nicht, daß es diese Luisina sei, denn das steht Ihnen fern. Sie lieben die schlanken, überzarten Formen, Sie lieben Frauen, die größer sind als Sie, die präraphaelitischen Gestalten, hab’ ich nicht recht?“
Nieberding blickte furchtsam sein Gegenüber an. Er wagte nicht zu widersprechen und in seinen Sinnen wurde es ganz dunkel. Bojesens weit aufgerissene Augen schienen etwas anderes zu sagen, als was er jetzt sprach. Sein Mund war ein wenig geöffnet, und seine Haltung glich der einer Katze. Er war wie verwandelt.
Nach einer Weile begann Edward Nieberding: „Etwas muß ich Ihnen noch sagen. Sie haben beliebt, mich als den Typus des modernen decadenten Juden hinzustellen. So war es doch, nicht? Ich habe viel darüber nachgedacht. Wenn etwas daran wahr ist, ist es dies: wir wirklich modernen Juden haben aufgehört, Juden zu sein. Wir sind in unserer Seele Christen geworden. Nicht Christen nach der Form, sondern nach dem Geist.“
Bojesen sprang mit leidenschaftlich-erregtem Gesicht auf und schlug mit der platten Hand auf den Tisch. „Zum Teufel, Herr, wiederholen Sie dies! Wiederholen Sie dies! Das ist es, was ich sagen wollte. Das ist es, was uns ins Unglück stürzen wird. Ja, Sie werden das Christentum aufbauen! Wir sollen wieder Mumien werden, da wir angefangen haben, die Fenster zu öffnen und die Moderluft zu vertreiben. Es ist gut, daß Sie das sagen, der Sie an Leib und Seele schon zu den Toten gehören. Sind wir nicht ein krankes Geschlecht bis ins Mark? Sehen Sie her (Bojesen machte eine erschreckende Gebärde), sehen Sie her, was ich bin! Heute bin ich neunundzwanzig! Was werde ich mit vierzig sein! Geben Sie uns nur dies geistige Christentum wieder, endlich, das unsere starke, säftereiche Rasse aufgelöst und vernichtet hat binnen sechzehnhundert oder weniger Jahren. Was ist schuld, wenn wir den natürlichsten und erhabensten Vorgang unseres Lebens zu einem Akt der Lüsternheit machen? Wenn wir in den Schulen Maschinen züchten, statt Menschen? Wenn Tausende von wahrhaft großen Weibern auf der Gasse und in Spezialitätentheatern lungern und eine anämische Herde tummelt sich im Salon? Wenn wir nicht hinauskommen über die niedrigen Begriffe von Ehre und Nächstenliebe, wenn unsere Dichter Hysterie für Tragik nehmen? Sie, moderner Jude, sind daran schuld mit Ihrem Mystizismus und Ihrem asketischen Verlangen, der Sie im Schnee stehen und Ihre Geliebte nur seelisch begehren, der Sie das frevelhafte Wort von der Selbstüberwindung neuprägen werden. Ja, ja! richten Sie nur das neue Christentum wieder auf! Hauen Sie nur die Renaissance, von der große Menschen geträumt haben, in Stücke, bevor sie geboren ist! Nur zu!“
„Mit all dem sagen Sie eigentlich nichts Neues,“ erwiderte Nieberding traurig und mit gesenkter Stimme. „Aber das ist ja gleich, wenn Sie es fühlen. Ist es denn so schlimm? Wieviel Poesie und Verklärung hat uns nur allein die katholische Kirche gegeben.“
„Lassen Sie uns hier nicht von Poesie reden. Lassen wir die Poesie beiseite, samt der Verklärung, ich bitte Sie. Das sind traurige Dinge, zu deren Verteidigung die Poesie nötig ist. Und reden Sie niemals per ‚uns‘, wenn Sie so etwas sagen, denn das ist direkt komisch. Sie sind ein Emigrant, und es giebt kein Bindeglied zwischen Ihnen und uns. Beachten Sie die Zeichen der Zeit. Rekrutieren Sie sich, seien Sie nicht blind. Hören Sie auf, an das geistige Christentum zu denken. Wir haben genug an dem greisenhaften Gewimmer dieses Tolstoi da drüben. Sie können ja schlimmstenfalls in die Gesellschaft für ethische Kultur eintreten, oder in den christlichen Verein junger Männer. Es ist ein eigenes Schicksal, daß gerade das Judentum ein Christentum gebären mußte, und daß die Mutter jetzt absolut zum Kind werden will. Alle Religionen von dort drüben entbehren der Freude. Wie traurig, daß der menschliche Geist durch Jahrtausende sein seelisches Heil von Epileptikern empfangen mußte. Wir wären schon längst zu Grund gerichtet, wenn nicht die großen Fontänen Shakespeare und Goethe und anderen den trockenen Boden ernährt hätten. Aber sie waren so hoch, daß ihre Spitzen noch von der untergegangenen Sonne des Griechentums vergoldet wurden. Und jetzt? Jetzt sind wir im Begriff, eine Nation von Säufern und Phlegmatikern zu werden. Ich kann jetzt ganz ruhig darüber reden, ich ärgere mich, daß ich mich erregt habe. Sie sehen, daß ich nicht etwa so borniert bin, ein Judenfeind zu sein. Im Gegenteil. Der wirkliche Antisemit müßte ein noch feurigerer Antichrist sein.“
„Ich weiß nicht, ich weiß nicht,“ sagte Nieberding fast verzweifelt, „das ist alles nicht klar. Es ist so schematisch. Und das Leben ist doch so vielgestaltig. Sie preisen die Juden, um damit einen Schlag gegen die Juden führen zu können. Das leuchtet mir sehr ein. Aber haben Sie nicht einmal gesagt, die Juden trinken nicht? Das ist nicht wahr. Der russische Jude ist ein großer Trunkenbold und meist ein übler, verwerflicher Charakter. Die Galizier sind scheußliche Mädchenhändler, und was sie sonst noch treiben, weiß Gott. Also sittlich und geistig haben wir nichts voraus. Aber der Jude hat stets am meisten gelitten, wenn er Stärke und Energie genug besaß, sich aus der Dumpfheit seiner religiösen Schranken zu heben, wenn er, der ewig Wandernde, Heimatlose, endlich Dach und Heimat fand. Aber was soll ich da sagen. Man wird so leicht sentimental. Das alles läuft darauf hinaus, – ach, ich weiß nicht.“
„Ich weiß schon. Daß wir am Ende einer Kulturepoche stehen und niemand weiß, was werden soll. Unsere ganze Gesellschaft verstopft sich Geist und Ohren mit Musik. Niemals war ein blödsinniger Musikkultus zu solchen Ehren gelangt. Die Sonne läuft von Osten nach Westen und die Kultur hat es stets gethan. Amerika ist das Land der Zukunft. Eine alte Geschichte, das. Es mutet mich so kindisch an, wenn in Paris die Gräfin Rothschild ihre Hündin mit dem Hund eines Marquis oder Lords öffentlich und feierlich verlobt und unter großem Gepränge Hochzeit halten läßt. In Rom war das alles seinerzeit viel großartiger. Wir können nicht einmal eine anständige Decadence inscenieren. Unsere gute Gesellschaft ist ausschließlich auf das Vertreiben der Langeweile angewiesen und diese sogenannten heiligsten Güter der Nation u. s. w., dann Socialdemokratie, Frauenemanzipation, Militarismus, der Kultus mit den Erfindungen, das alles kommt mir vor wie ein Kindertrompetenkonzert. Letzte Zuckungen. In ein paar Jahrzehnten fallen die morschen Dielen unseres Kinderspielzimmers auseinander, und es wird uns grausen. Haben Sie noch ein Glas Wein? – Danke.
„Es kann gar nicht geleugnet werden, daß wir viel schneller dem Abgrund zurutschen, seit die Juden emanzipiert sind, wie das schöne Wort nun einmal heißt. Ach bitte, lassen Sie mich reden, ich bin einmal so schön drin. Nehmen Sie an, daß ich mich betäuben will. Die Juden sind bis zu dem Punkt ungefährlich, als sie nicht an der Kultur eines Volkes teilnehmen. Sobald das kommt, sind alle prägnanten Linien verwischt, das Bild wird unruhig, die Gärung beginnt. Es ist, als ob diese Nation eine Art giftiger Sauerteig wäre. Nun, ich kenne so viele gebildete Juden, wahrhaft gebildete Menschen, Künstler oder Männer der Wissenschaft oder auch Kaufleute, aber ich muß sagen, so sympathisch und lieb mir die meisten sind, sie haben alle einen seelischen Defekt, einen sittlichen Krankheitsstoff, der ihre andersblütige Umgebung alsbald ansteckt. Worin das besteht, ist mir wahrhaftig ein Rätsel. Aber da sind die Wohlthätigen. Sie sind mir in tiefster Seele verhaßt. Es ist, als hätten sie eine Firmentafel auf der Stirn: Salomon Bär, Wohlthäter. Da sind die Künstler: bedeutende Menschen oft, aber seelisch gänzlich verwachsen, Krüppel. Oder ihre Künstlerschaft ist so aufdringlich, verbreitet förmlich einen penetranten Geruch. Da haben Sie die Frauen, guter Gott, welch ein Thema! Ein Buch! Das ist auserwählter Morast.“
Eine Zeitlang war es still im Zimmer. Beide schauten finster sinnend in ihre Gläser. Dann begann Bojesen von neuem:
„Und doch! und doch! Ich weiß nicht, welcher Dämon mir diesen Gedanken eingegeben hat: es ist mir, als müsse gerade aus den Juden noch einmal ein großer Prophet aufstehen, der alles wieder zusammenleimt. Es ist selten, aber bisweilen trifft man einen Juden, der das herrlichste Menschenexemplar ist, das man finden kann, um und um. Alle reinen Glieder der Rasse scheinen sich vereinigt zu haben, ihn hervorzubringen, ihn mit allen köstlichen Eigenschaften auszustatten, die die Nation je besessen hat: Kraft und Tiefe, sittliche Größe und Freiheit, kurz, alles und alles, ausgenommen den Humor. In seinem Kopf sitzen ein paar Augen voll Mildheit und Güte, man möchte sagen Frommheit in einem neuen Sinn, feurig und doch wieder schüchtern, phantasievoll und nach keiner Seite hin borniert, – kurz, wundervoll.“
Nieberding spielte mit einer Aschenschale, die in Form einer Ampel an einem Traggestell hing. Er drehte das mattbraune Gefäß um die eigene Achse, wobei die Kettchen klapperten. „Es ist sonderbar,“ sagte er, „wie alles, auch das Bedeutende und Wichtige, gering erscheint, wenn man es mit dem eigentlichen Sinn des Lebens vergleicht.“
„Ja, aber was ist der eigentliche Sinn? Hoffentlich antworten Sie nicht, wie der gelehrte Mann, den ich einmal fragte, was er für einen Zweck habe, da er die Welt schrecklich vernünftig fand. Ich bin eine Verdichtungsmaschine, sagte er pathetisch.“
„Ach, ich meine nur alles zusammengenommen gegen das Unendliche betrachtet. Das ist ja trivial. Aber daß wir hier sitzen und uns über Christentum und Judentum echauffieren, ist auch trivial. Symbol, Symbol, alles nur Symbol. Kennen Sie dieses Experiment der Fakire: sie bezeichnen einen Kreis im Zimmer, dessen Peripherie niemand überschreiten darf. Dann schauen sie, es ist helllichter Tag, fest auf eine Kerze und plötzlich, der Fakir selbst steht am andern Ende des Zimmers, plötzlich brennt die Kerze, ohne daß jemand daran gerührt. Nun ist aber das Seltsame, sowie einer die vorgeschriebene Kreislinie überschreitet, ist das Licht für ihn verschwunden. Das enthält für mich ein Stück Lösung des ganzen Lebensrätsels.“
„Hm,“ machte Bojesen. „Hm. – Wer singt denn da?“
„Meine Schwester.“
„Sie singt sehr schön.“
„Ja, dabei wird sie lebendig. Sie sollten sie sehen dabei.“
„Ich muß gehn,“ sagte Bojesen, „es ist spät.“
„Wieviel –?“
„Zwölf.“
„Schon! Darf ich Sie begleiten?“
Bojesen sah rasch auf, lächelte flüchtig ironisch, da aber Nieberding ernst und unbefangen blieb, sagte er: „Gewiß, wenn es Ihnen Spaß macht.“
Sie gingen. Kalt und klar war die Nacht, bis an die fernsten Grenzen lichtlos und still. Nieberding murmelte:
„Mühsam ist der Pfad und lang, Und kein fetter Pfaffe schreit Ein versöhnliches Gebenedeit, Wenn dein Fuß im Dunkel vorwärts drang.“
„Von wem ist das?“ fragte Bojesen.
„Von Gudstikker. Es sind wunderschöne Verse, die ich gelesen habe. Ich muß ihn aufsuchen, muß ihn sehen, mit ihm sprechen.“
„Was sehen Sie denn da?“
„O, ein großes Talent.“
„Kein Charakter, doch ein Genie,“ sagte Bojesen bitter.
„Was meinen Sie damit?“
„Nun, dieses große Talent, – ich kenne es genau und schon lange. Er ist ein kleiner, niedriger Schleicher, eine Intrigantenseele, ein verwickelter Lügenkomplex. Was soll man dazu sagen. Die Kunst eines solchen Menschen ist vergänglich, selbst wenn sie für den Augenblick noch so sehr blendet.“
Sie gingen vorbei an Bojesens Wohnung und wanderten weiter in die Stadt hinein. Ihr Schweigen war nicht das von vertrauten Menschen, sondern ein beunruhigtes und mißtrauisches. Selten waren noch Fenster erleuchtet, selten begegnete ihnen ein Mensch. In den Wirtschaften war es still. Die Polizisten an den Straßenecken regten sich nicht. Der Turm einer Kirche erhob sich plötzlich auf einem Platz und dann gab dies der ganzen Umgebung einen solchen Ausdruck stummer Majestät, daß Bojesen glaubte, mit verschärften Ohren könne man die Orgel klingen hören. Aber es ist bisweilen nicht unser leibliches Ohr, das hört, sondern ein innerliches, der Vergangenheit zulauschendes. Zwischen zwei Häusern der breiten Königsstraße ist ein Ausblick hügelabwärts auf den Weg und die Wiesen, und daneben steht ein Gasthaus. Es heißt vielleicht: zur Krone. Durch die grünverhängten Fenster drang nun trotz der späten Stunde die Fistelstimme einer Soubrette, die irgend ein lascives Lied mit entschiedener Betonung einzelner Wichtigkeiten zum Besten gab. Die Stimme war so, daß man die Haltung des Körpers danach beurteilen konnte; ja, man glaubte die stereotyp lächelnden Lippen und die gezierten Gesten zu sehen. Wütendes Händeklatschen belohnte die Leistung, und der Klavierspieler gab einen Tusch. Da sah Bojesen, wie sich Nieberding an den Kopf schlug, auflachte und wieder auflachte und dann davonstürzte. Bojesen sah ihm kopfschüttelnd nach und setzte seinen Weg allein fort.
Bald zeigte sich der viereckige und so charakteristische Rathausturm. Ein Symbol des Spießbürgertums, dachte Bojesen. Er betrat die Rosengasse, und sah das jüdische Waisenhaus vor sich liegen. Auf einmal sah er eine Schar von Knaben, zwanzig bis fünfundzwanzig Knaben auf der Straße stehen, sich lautlos um einen Mittelpunkt scharen, sich lautlos ordnen und dann ebenso geheimnißvoll die Straße hinaufmarschieren. Sie trugen die schwarze Mütze mit dem Lederschirm, bis auf zwei, die an der Spitze gingen. In dem einen erkannte Bojesen sofort Agathon Geyer. Hintennach trippelte ein komisches kleines Kerlchen, das bisweilen weinerlich seufzte, wenn es ihm zu schnell ging.
Bojesen, zu erstaunt, um nach Gründen zu raten, beschloß, dem Zug zu folgen. Er empfand eine unerklärliche Scheu, die ihn hinderte, Agathon kurzweg anzureden. Die Wanderung ging über die schlechten und winkeligen Gassen des Altstadtviertels, durch den Schießanger und Bojesen wurde so begierig, zu erfahren, was all dies bedeute, daß er seine Vorsicht vergaß und sich den Knaben zu sehr näherte. Einige standen still und wandten sich ihm zu. Agathon kam, stutzte, erkannte ihn, ließ den Kopf sinken und schwieg. Da außen war es heller. Der Himmel schien von einem gutverborgenen und weit entfernten Licht innerlich erleuchtet, und Bojesen konnte jeden Zug in Agathons Gesicht erkennen.
„Thun Sie es nicht! Folgen Sie uns nicht!“ sagte Agathon endlich flehend.
„Was geschieht hier, Agathon?“ fragte Bojesen, und er war seltsam bewegt, aus einem Grund, der ihm noch viel zu denken gab. Er war matt und feig geworden diesem jungen Menschen gegenüber.
„Nichts Unrechtes, Herr Bojesen,“ entgegnete Agathon und heftete den Blick fest in den des Lehrers. „Diese alle sind sehr unglückliche, verlassene Knaben. Sie gehen mit mir und ehe es Tag wird, kehren sie zurück.“
„Und wenn es entdeckt wird –?“
Agathon lächelte so, daß Bojesen ihm die Hand hinstreckte. Er nickte ihm flüchtig zu und machte sich auf den Rückweg, ohne sich ein einziges Mal umzudrehen. „Wie romantisch,“ murmelte er und suchte sich über das alles zu stellen; aber sein Herz war beklommen und in einer feierlichen Stimmung, die seiner Natur sonst fremd war, kam er nach Hause.
Am andern Tag, als er über die Wiesen spazieren ging, sah er Agathon von ferne. Er hatte nicht das Verlangen, ihn anzureden; er empfand ein Vertrauen zu ihm, das ihm Neugierde als etwas Verächtliches erscheinen ließ. Agathon ging langsam, mit insichgekehrtem Blick; seine Kleider waren etwas beschmutzt. Noch nie hatte Bojesen den Ausdruck einer solch gespannten Erwartung, eines fast atemlosen Lauschens in einem Gesicht erblickt. Am Eingang des Nadelwäldchens entschwand er seinen Blicken.
Gegen drei Uhr kam Agathon ins Dorf zurück. Er begegnete Frau Olifat, die aus ihrem Haus kam. Sie bemerkte seinen Gruß nicht. Auf ihrem Gesicht lag etwas so finster Drohendes neben einer bangen Ratlosigkeit, ja Verzweiflung, daß Agathon ihr erschreckt nachsah, dann eilends ins Haus ging und am Wohnzimmer pochte. Das kleine Mädchen öffnete, legte den Zeigefinger auf die Lippen und deutete dann wortlos auf den Diwan, wo Monika lag. Agathon ging auf den Fußspitzen hin und sah sie. Sie schien zu schlafen. Ihre Wangen glühten. Durch die geschlossenen Lider und die langen Wimpern schimmerte es wie von aufbewahrten Thränen. Der Körper war in einer gequälten Lage, der Kopf und die Beine weit nach rückwärts gebogen. Die Finger waren in den Stoff des Polsters eingekrampft, die Lippen waren in leiser Bewegung. Agathon ging es wie ein Stich von der Stirn bis zum Knie. Nicht nur Angst und Schrecken waren es, sondern er hatte plötzlich die unwiderstehliche Begierde, diese offenbar so sehr heißen Lippen zu küssen. Und dann im Nu verlangte seine Phantasie mehr, etwas, das wie ein schwüles Rätsel vor ihm aufstieg. Die wogende Brust des jungen Mädchen, die offene und leidenschaftliche Glut, in der sie lag, hilflos einer Wucht von Träumen überliefert, der schwach geöffnete Mund mit den begehrlich blitzenden Zähnen, – das ließ Agathon schaudern, und er verdeckte die Augen mit der Hand. Aber noch deutlicher sah er so das Bild, und er seufzte schwer, streichelte flüchtig, wie huschend, das glatte Haar der kleinen Esther und ging. Alles Klare, Gute, Getröstete seines Innern war wie verblasen. Er ging heim, und da dunkelte es schon, und er war so erregt, daß er wie blind umhertappte. Das Haus war wie ausgestorben; doch als er in den Corridor kam, um in seine Kammer zu gehen, stand wieder wie damals die Magd unter ihrer Thüre. Wieder wie damals stand sie breit und gleichsam wartend vor dem düstern Kerzenschein. Ein trotziges und sinnliches Lächeln umspielte ihre dicken, feuchten Lippen und Agathon starrte sie furchtsam an, wie ein Schicksal, dem er niemals entrinnen konnte. Sie sprach ihn an, aber er hörte es nicht; sie tätschelte seine Hand, und er fühlte es nicht. Sie nahm sein Gesicht mit grober Zärtlichkeit zwischen Daumen und Zeigefinger ihrer Linken und lachte; er war wie versteinert. Begierde, Trotz und Scham wollten fast seine Brust sprengen. Endlich machte er sich keuchend los und stürzte mit drei Sätzen die morsche Treppe hinab.
Die Finsternis des Hofes empfing ihn, – es wurde ihm zu eng da. Er ging hinaus, bis in die Felder und über den Kirchhof heimwärts und wußte nicht, wieviel Zeit verronnen war, als er wieder vor Olifats Haus stand und hinaufschaute. Da öffnete sich jedoch die Gartenthür; Monikas Gesicht schaute heraus. Sie blickte hinauf und hinunter, und als sie keine Menschenseele gewahrte, kam sie schnell auf Agathon zu, stockte, machte wieder ein paar Schritte, stockte wieder und fiel endlich nieder, umklammerte fest Agathons Kniee und begann in einer klagenden und kummervollen Weise zu schluchzen.
Agathon wurde bis in die Lippen bleich. „Was ist denn nur!“ stammelte er. Aber nichts antwortete ihm, und er sah Monikas Schultern beständig zucken, und ihr Weinen wurde immer verstörter, fassungsloser. Es schien aus einer Tiefe zu kommen, wohin sonst nicht leicht ein menschlicher Schmerz gelangt. Es klang dumpf und erstickt. Agathon wollte sie emporziehen, doch sie wehrte ihm heftig, fast zornig. Endlich und ganz unerwartet war sie still geworden, hielt die Schläfe mit beiden Händen und sah zu ihm auf mit einem gebrochenen Blick, in dem etwas Böses und Schuldiges war und der von einer andern zu kommen schien, als jener Monika, die Agathon bisher gekannt. Er wagte nichts zu sagen.
„Ach, Agathon,“ flüsterte endlich Monika mit einer gleichsam weitentfernten Stimme, „dich hab’ ich erwartet, so lange, so lange. Denke nicht schlecht von mir, bitte dich, thu’s nicht. Höre mich immer an, wenn du kannst und verstoße mich nicht. Es hat Gott gewollt, daß ich hier so werden sollte, wie ich bin. O Agathon! Agathon!“ Und sie blickte mit dem Ausdruck einer vollkommen tierischen Verzweiflung in sein Gesicht. Da stieg in Agathon eine Angst vor ihr auf, wie sie oft in einer finstern Landschaft kommt, wenn uns vor einem unsichtbaren Begleiter graut. Er machte sich los von ihr; aus irgend einem Grunde erschien sie ihm niedrig, und wenn er später über diese Stunde nachdachte, verlor er sich in Staunen über jenes zweite Selbst, das mit uns herumzugehen scheint und einen prophetischen Geist und eine viel tiefere, wenn auch flüchtige Einsicht in die Dinge zu haben scheint, als unser unmittelbares Ich.
Er drückte ihr unentschlossen die Hand und sagte beklommen gute Nacht. Kaum war er fort, so bereute er tief, was er gethan, doch die Stimme des Lämelche Erdmann schreckte ihn empor aus seinem Brüten. Lämelche Erdmann stand vor dem Wirtshaus, focht ratlos mit den Armen durch die Luft, und schrie Agathon zu, den er im Schein des Laternenlichts erkannte:
„He! Agathon! schnell! Dei Vatter, dei Vatter! Schlemassel, Schlemassel!“
Zwölftes Kapitel
Links in dem dumpferhellten Vorflur der Schenke, die Agathon betrat, standen drei Stühle, und auf jedem saß mit aufgerissenen Augen einer von den jüdischen Händlern, die um diese Zeit zu einem Glas zu gehen pflegten. Sie starrten nach der Thüre des Wirtszimmers, auf welche mit plumpen, schwarzen Lettern: Gastlokal gemalt war. Doch drinnen war es ruhig. Im Flur stand außerdem noch eine dicke, alte Magd mit schwimmenden, kleinen Augen, ein Bauer Jochen Gensfleisch, ein anderer Bauer Jochen Wässerlein, Lämelche Erdmann, Pavlovsky, wie immer schnaufend und wild um sich blickend, als wünsche er einen Widersetzlichen sofort zu zermalmen, der Wirt selbst mit einem Gesicht, wie es alte Komödianten haben, und außerdem Doktor Schreigemut, wohlwollend und zugleich besorgt lächelnd.
Folgendes war geschehen.
Nachdem Jochen Gensfleisch gekommen war, setzte er sich an den Ofen zur schnurrenden Katze, stopfte seine Pfeife und begann mit dem Wirt ein Gespräch:
„Schwere Zeiten, Martin, schwere Zeiten.“
„Jaa.“
„’s Geld is rar und was der Jüd is, dou haaßts, mer nemma die Bauern die Schlappen, deï kenna barfes laafen.“
„No, no, Jochen; fangst öitz schon wieder oo zon schimpfen. Ge zou, halt dei Maul.“
„Naa, Martin, mei Maul halt i niet, mei Maul hot kan Balken. I ho fufzehundert Märkli verlorn dei den Saujuden. Dou mouß ma si abrackern und Blout schwitzen fer die Saujuden. Naa, Martin, mir kummst grod reecht. Mei Maul halt i niet. Naa, Martin, naa.“
„No ja, öitz sei nor still, mer mou si ja schäma.“
Indes kamen Jochen Wässerlein und sein Großknecht, dann der Schmied. Und hintennach trippelte Lämelche Erdmann. Die drei Händler: David Krailsheimer, Bärmann Schrot und Max Lippmann saßen eifrig plaudernd in der andern Ecke.
„Lämelche!“ schrie der Schmied, „dou kummst her.“
„Gimm an a Gackala[1], Martin, daß er kan Rausch kreïgt,“ höhnte der Großknecht.
„Dou steigst afn Schemel, Erdmännla, oder i zeïg di bei dein Krägala nauf.“
Lämelche sah alle der Reihe nach ängstlich an, lächelte blöd und versuchte auf den Stuhl zu steigen. Jochen Gensfleisch gab ihm einen Stoß auf den Rücken, und mit einer verzweifelten Anstrengung gelang es dem kleinen Mann, den Stuhl zu erklimmen.
„Öitz packst die Katz bein Schwanz,“ gebot der Schmied.
„Aber glei, sunst gitts a Tracht,“ setzte Jochen Gensfleisch hinzu und schmunzelte.
Lämelche blickte schaudernd auf den schnurrenden Kater und rieb die Finger aneinander.
„Obst glei die Katz packst –!“
„Dees es d’r überhaupt a Schiekleter[2], der hots dick hinter die Ohren. I glaab alleweil, do is nit ganz sauber in der Gschicht mit ’n Sürich Sperling. Alli Tag und alli Tag is er dreïbnghockt.“
„Erdmännla, hast’n Sürich Sperling derstochn? Wennst es nit hast, no konst aa die Katz bein Schwanz packen.“
Lämelche blickte, bebend am ganzen Körper, um sich. Alle wußten, daß er einen namenlosen Abscheu vor Katzen hatte. Er wich jeder Katze in weitem Bogen aus. Ja, er schloß sogar die Augen, und wenn die Katzen des Nachts vor seinem Hause schrieen, verstopfte er sich die Ohren und lag dennnoch in unbeschreiblicher Furcht in seinem Bett.
Die drei Juden im andern Winkel hatten davon gesprochen, wie Isidor Rosenau, der doch Vermögen und ein gutes Einkommen habe, am besten zu verschadchene, zu verheiraten sei. David Krailsheimer, der berühmteste und geschickteste Schadchen in der Gegend, machte entsprechende Vorschläge.
„Jou, kaane isn recht,“ schimpfte er. „Er will Geld, Geld. Er nemmt vom Misbeach. Viermal bin ich hiegeloffen wegn der Rahel Rosenstein ... No, Isidor, nix mitn Schiddich? Wie viel hat se? sagt er. Dreißig Mill, sag ich. Verzig kann ich verlange, ich maan, verzig is nit zoviel, sagt er. Wie haißt verzig, sag ich, sie is a scheens Madla. Was thu’ ich mit der Schönheit, sagt er, fer die Schönheit kann ich mer kaafen, waaßt was? an Hutzelstiel. Etz waaßt es. No, sie is brav, sag ich. Ich pfeif d’r auf die Bravheit, sagt er. Wenn se hat verzig Mill, braucht se nit zu sein brav. No, was sagst de daderzu? Is es nit himmelschreiend? Geh ich noch amal zon alten Rosenstein. No, sagt er, will ich geben fünfunddreißig, kaan Heller mehr. Püh, wie haißt, sagt der Isidor, wenn ihm nit wert es der Name Rosenau fünf Mill, soll er aach behalten sei Tochter. Soll se eimachen, süß oder sauer. No, was sagste daderzu! Chuzpe vorn Dohle!“
„E Beheeme,“ pflichtete Lippmann bei.
„Hillels Geduld ghert derzu, wahrhaftik,“ konstatierte Bärmann Schrot.
„No, was is dermehr mitn?“ begann David Krailsheimer wieder mit seiner Fistelstimme und grinste (dieses Grinsen hatte nicht einmal den Anschein eines Lachens). „Was is dermehr? Wenn er so alt wird wie Mesuschelach, ich laaf nemmer nachra Fraa fer’n. Lehachlesponim! – Da sich! ’s Erdmännla! – Also, wie gsagt, ich bin joze. Der Silbermann in Ferth is aach a ganz gute Partie fer die Rosensteini.“
„Jou! Chalomes mit Backfisch! Der Silbermann is e Phantast. Red in aaner Tour von Neigung. Wenn ka Neigung do is, is ka Massel do, sagt er. A Narr!“
„Bei den haaßts aach: viel Schmerchel, weng Serchel, – wenn mern sicht, lacht er!“ bemerkte Max Lippmann, um gleich darauf die andern anzustoßen und sie auf Lämelche Erdmann aufmerksam zu machen. Sie drehten sich um, hörten die letzten Worte des Schmieds, wurden blaß und stierten halb furchtsam, halb entrüstet hinüber. Martin Ambrunn war betreten, suchte sich ins Mittel zu legen, aber der Schmied blinzelte ihm bedeutungsvoll zu und so nahm die Scene ihren Fortgang. Doktor Schreigemut und der Apotheker betraten den Raum und lachten, als sie sahen, wie Jochen Wässerlein die Katze nahm und sie wie einen Pelz Lämelche Erdmann um den Nacken legte und wie der Unglückliche dann dastand mit einem Gesicht, das nicht mehr Angst, nicht mehr Schrecken ausdrückte, sondern etwas, das jenseits aller menschlichen Empfindungen liegt. Das Tier, das nicht scheu war, blieb faul sitzen, blinzelte, schloß die Augen und fuhr behaglich fort zu schnurren.
Jetzt erhoben sich die drei im Winkel, ihre Bierkrüge in der Faust als Waffe, begannen ein Geschrei, als ob dem Lämelche mit Schreien geholfen wäre, aber näher als auf vier Schritte kamen sie nicht an den Tisch der Bauern heran, – bis der Schmied einen zinnernen Teller ergriff, worin sich zwei Wecken befanden, und ihn dem Bärmann Schrot so heftig an die Nase warf, daß dieser Körperteil sofort blutete und sein Besitzer in ein Hilfegeschrei ausbrach. Die andern zwei, insonderheit der rotbärtige Krailsheimer, hatten beständig hinter dem breiten Rücken des Schrot Deckung gesucht, jetzt sahen sie sich schutzlos. Die Bauern brüllten, der Schmied brüllte, der Wirt brüllte als Vermittler, die Magd jammerte, der Doktor blickte besorgt um sich, der Apotheker hielt dem Schrot ein blaues Tuch vor die Nase, die zwei Händler thaten ihr bestes, um den Lärm zu vermehren, die Katze sprang mit einem Satz auf den Ofen, ein kleiner Junge lief fort, den Gendarm zu holen, und mitten in dem unsinnigen Lärm und Getöse ging die Thüre auf und Elkan Geyer kam herein.
Sein Erscheinen bewirkte eine augenblickliche, totenhafte Stille, denn alle zusammen hatten den Blick auf ihn geheftet, als die Thür aufgegangen war. Er war vollständig, von oben bis unten, Kopf, Gesicht und Hände und Kleider, mit Kot bedeckt, was um so merkwürdiger war, als die Landschaft voll Schnee und alles im Umkreis gefroren war. Seine Haare hingen steif, in drei oder vier Strähne verteilt, auf die Augenbrauen herab, und den Hut schien er irgendwo verloren zu haben. Sein Gesicht war weiß wie Kalk, eingefallen und verzerrt, in seinen Augen flackerte ein unstetes und beängstigendes Feuer, sein Mund war nicht geschlossen. Sobald er eingetreten war, machte er eine weitausholende Gebärde wie ein Betrunkener, stützte sich mit beiden Händen auf eine Stuhllehne und sein Kopf sank tief zwischen die Schultern.
„Allmächtiger Gott, was haste denn, Elkan?“ raunte ihm Krailsheimer zu. „Biste schikker?“
Elkan schüttelte den Kopf. „Lämelche, komm her zu mir,“ lallte er. „Bist du nicht jeden Tag in der Woch beim Sürich Sperling gewesen?“
„Nein, nein,“ wehrte sich Lämelche Erdmann mit gilfender Stimme, „weißt denn nicht, Elkanleben, Schoode, der de bist, weißt denn nicht, daß meine Schwester oben wohnt im Dachstübche?“
„Ich weiß gar nicht, was mit mir ist,“ sagte Elkan langsam, legte die Hand über die Augen und sah dann alle, die sich um ihn herumgestellt hatten, mit leerem Ausdruck an. „Ich war bei ihm in der Nacht,“ murmelte er, dicht an den Apotheker herantretend. „Und wie alles still war, rief er nimmer nach mir, daß ich an sein Bett kommen sollte, sondern fing an, im Zimmer Gesichter zu sehen, die von Hause kamen. Er sagte, sie lächelten.“
„Ruf mir meinen Sohn, Krailsheimer!“ schrie er plötzlich, streckte beide Hände vor sich aus und drehte sich ganz um sich selbst. Er fiel hin wie ein Stock, sein Hinterkopf stieß mit einem dumpfen Krach an das Tischeck und alle wandten sich schaudernd ab. Der Wirt schrie nach Wasser. Pavlovsky kam, von dem Müllerburschen begleitet, Lämelche lief fort, um Agathon zu holen, der Doktor drängte die müßigen Zuschauer in den Flur und ging dann selbst ratlos hinaus, da der Unglückliche sich von niemand berühren ließ.
Als Agathon zu seinem Vater trat, nahm ihn der mit beiden Händen beim Kopf, zog ihn zu sich herunter und flüsterte: „Aga, ich will dir was sagen, aber sei still in die Ewigkeit. Ich habe Sürich Sperling umgebracht. Bin ich herumgegangen wie ein Geschlagener vor dem Herrn und hab’s auf meinem Herzen lasten gefühlt, daß ich sterben muß, weil meine schuldige Hand befleckt ist. Sag nichts, bin ich tot, so hab ich gebüßt und der jüdische Name braucht nicht verunreinigt zu werden. Ich wollte mir das Leben nehmen und hab mich hinuntergestürzt in den Steinbruch, daß es aussehen sollte wie ein Unglück. Aber die Decke vom gefrorenen Wasser ist durchgebrochen und da hab ich mich ins Dorf geschleppt. Was schaust so? Gell, ich atme schwer und rede schwer. Hol jüdische Männer, daß sie mich heimtragen.“
Während Agathon hinter dem Handwagen herschritt, womit der Vater nach Haus gefahren wurde, während er angstvoll nach einer Aufklärung suchte, die ihm seine Vernunft verweigerte, stieg seine innere Erregung mehr und mehr. Er fühlte sich wie zerrissen. Und während der nächsten Stunden kam ein Nachdenken über ihn, so wie es selten einem Menschen vergönnt ist, in sich die Dinge der Welt zu sehen. Er war nicht mehr jung; eine Einsicht, eine Inspiration, hatte seine Jahre weit überflogen. Er hatte eine That begangen, für die andere sühnen und leiden müssen. Er jedoch hatte sich gereinigt und erhoben gefühlt dadurch; es war ihm damit geschehen, als hätte man seine Hände entfesselt zu freiem Gebrauch. Er war sehend geworden durch diese That und alles um ihn herum, Menschen und Dinge und Fügungen, hatten förmlich einen Bund geschlossen, ihn zu schützen. Er hatte sich keiner irdischen Obrigkeit unterworfen gefühlt, doch auch keiner von jenen göttlichen Mächten, die er bisher verehrt. Eine Stimme in ihm, die ihm aber fremd war und ihn schaudern ließ, so oft er sie vernahm, rief ihn zu etwas ganz Neuem. Und er wußte jetzt, worin dies Neue bestand!
Daheim waren überall bestürzte und erschrockene Gesichter. Die Kinder waren nicht zu Bett. Die Kartoffeln standen unberührt und erkaltet auf dem Tisch. Die Petroleumlampe war ausgelöscht worden, und die Talgkerze stand auf dem Kommode-Eck in einem dicht mit Grünspan überzogenen Leuchter. Mirjam saß auf der Bank und hielt den Kopf in den Händen. Die schweren Sorgen um das Brot waren nicht nur auf den Stirnen zu lesen, sondern auch auf Tellern und in Schränken. Joelsohn war auch wieder da. Agathon ging dem finstern, schleichenden Beter aus dem Weg.
Vor seines Vaters Bett in der Kammer stehend, rief er den bleich, mit geschlossenen Augen Daliegenden an. Elkan öffnete die Lider mit einem entsetzten Starrblick. Eine tiefe Furche lief auf beiden Seiten seines Gesichts bis zu den Mundwinkeln herab und erinnerte an die übertriebenen Falten eines grotesken Schnitzwerks.
Agathon stieß mit einer ungeschickten Bewegung an das wackelige Tischchen vor dem Bett, der Leuchter fiel um und es war ganz finster. Unwillkürlich atmete er auf, als ob er gewünscht hätte, es möge finster sein. Doch erblickte er an der Wand, die nur durch einen Bretterverschlag gebildet wurde und einen ursprünglich größeren Raum in zwei erbärmliche Löcher teilte, ein glühendes Schimmern, und als er näher trat, sah er im andern Gemach seine Mutter sitzen, die den Oberkörper über den Tisch gelegt hatte. Das Gesicht war verdeckt durch die verschränkten Arme. Vor ihr saß Joelsohn mit seinem Asketengesicht, den dünnen Lippen, den kaltfunkelnden Augen, den gebogenen, hageren Mönchsfingern. Finster starrte er vor sich hin, als ob er in ein Grab schaute. Und er schaute in ein Grab. Er selbst hatte es gegraben mit seinesgleichen zusammen, um darin alles zu verscharren, was frei und schön ist, seit Jahrtausenden. Und da saß er und murmelte das Schemenesre: Sochrenu lachajim melech chofes bachajim; gedenke unser, o Herr, zum Leben, der du Wohlgefallen hast am Leben.
„Vater!“ flüsterte Agathon leidenschaftlich. „Vater, hör mich an.“
„Licht, Licht!“ erwiderte Elkan dumpf.
„Ich hab keine Streichhölzer da. Hör nur erst. Es ist nicht wahr, daß du Sürich Sperling getötet hast. Ich hab’s gethan.“
„Nein, Aga, du willst eine Wohlthat an mir thun, aber es ist umsonst.“
„Weißt du denn noch genau, wie es war? Bist du ins Haus und hast es gethan, während er schlief?“
„So war’s. Oft wenn er hereinkam ins Haus, hab ich ihm das böseste gewünscht, was man einem Menschen zudenken kann. Ich bin auf den Knieen vor ihm gelegen und hab geschluchzt wie ein Kind, aber er hat kein Erbarmen mit mir und meinen Kindern gehabt. Seine Augen leuchteten vor Haß; etwas Überirdisches von Haß und Vernichtungsfreude lag darin. Wie ein Narr bin ich nach Geld gelaufen und ging über Land und dachte mir, wenn er doch tot wäre. Und immer war der Gedanke in mir, bis die Nacht kam, wo ich mich hinlegte zum Schlafen. Aber ich schlief nicht, sondern ging hin ...“
„Es war ein Traum, Vater!“ rief Agathon und preßte seine Finger um den Arm Elkans.
„Erst hab ich’s auch gedacht, aber wenn man solche Dinge durchmacht, giebt es solche Träume. Aber an einem Tag, es war, wie deine Mutter so wunderbar gesund wurde, an diesem Tage fiel’s auf mich herunter wie Centnerlast: Ich hab’s gethan. Wenn sich auch die ganze Seele in mir dagegen aufbäumt, so ist die That doch da wie schwarzes Gewand, wie die Finsternis selber.“
„Es war ein Traum, Vater,“ begann Agathon mit seltsamer Freudigkeit und jene hinreißende Inspiration kam wieder über ihn. „Ich war es, ich hab es gethan. Das weiß ich und kann es verantworten. Ich bin kein Jude mehr und auch kein Christ mehr und ich habe nicht euer Schuldfühlen in mir. So ist meine That über dich gekommen, weil du ein Jude bist und ich von deinem Blut. Weil dein Haus, deine Wände, deine Kleider, deine Messer und dein Gebet es nicht dulden dürfen, und sie mußten alles das an dich heften, wovon ich frei war und frei sein mußte. Denn ich weiß, was bevorsteht, Vater, und meine Hände sind schon ausgestreckt für die künftige Arbeit. Ich weiß, daß mir genau so ist, als ob mit Sürich Sperling die ganze christliche Religion gestorben wäre, oder vielleicht nur der christliche Geist in diesem Volk, durch den es hassen mußte und Blut vergießen und wußte nicht warum und war selber gequält dadurch. Vielleicht hab auch ich nicht die That begangen, sondern der neue, fremde Geist, der jetzt kommt, – ach, mir schwindelt, ich kann gar nicht weiter denken.“
Elkan Geyer hatte sich erschrocken aufgerichtet und ihm war, als sähe er seines Sohnes Gesicht in der Dunkelheit leuchten. Dann ächzte er plötzlich schwach auf und verlor das Bewußtsein. Agathon rief nach Licht.
In stetem, ruhigem Fall sank der Schnee, bisweilen glitzernd und gleißend im Lichtstrom eines Fensters. Am Abend noch wanderte Agathon umher und sah Gudstikker von ferne. Doch in weitem Bogen wich er ihm aus. Er hatte keine Sympathien mehr für Stefan Gudstikker, der zu den Menschen gehörte, die bei ihren Versicherungen stets die Hand auf das Herz legen. Auch hatte er die Gewohnheit, wenn er mit einem Menschen in Streit gelegen, heimzugehen und dem andern einen langen Brief zu schreiben, voll von advokatischen Wendungen und rätselhaften Andeutungen auf Ewiges, Zukünftiges und Unveränderliches, – große Worte, Verlegenheitsworte. Er liebte die melancholischen und resignierten Töne, prahlte gern vor Unkundigen, sagte die Pläne zu seinen Arbeiten jedermann in überschwenglichen Phrasen voraus, indem er ihn in eine abgelegene Kneipe zog, schimpfte über alles Große und Anerkannte, erhorchte aber dabei stets des Zuhörers Meinung vorher, der er entweder, wenn es sein Vorteil heischte, beipflichtete, oder sie in einem hinterlistigen Feldzug besiegte. All das wußte Agathon, wenn er auch neben all diesem Neid, dieser Verbitterung und Großmannssucht einen hohen Zug gewahrte, durch den Gudstikker fähig war, das wirklich Große zu verstehen und sich ihm hinzugeben.