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Die Juden von Zirndorf

Die Juden von Zirndorf (continued 4)

Reading edition

Als Agathon am Haus der Estrichs vorbeiging, sah er einen helleren Lichtschimmer als sonst aus den Fenstern strahlen. Drinnen erblickte er ein Bild voll Frieden. Der Weihnachtsbaum stand in der Ecke und seine Spitze bog sich unter der Decke. Käthe saß am Klavier in einem alten, blauen Kleid, das die Arme entblößt ließ, und sie spielte in einer schweren, langsamen, trägen Art, das Gesicht nach oben gewendet, wie wenn sie einer oft gehörten und nun vergessenen Melodie nachhinge. Ihre sonst so geschwätzige Mutter schien stumm und der Alte sah aus, als ob er heute sein ganzes Leben an sich vorbeiziehen ließe. Agathon wandte sich ab und blickte in die finstere Landschaft. Er war bewegt. Ziellos ging er weiter, – zur Höhe. In der Luft hing es wie eine Fülle feinen Schneestaubs. Bald kamen die Tannen und eine furchtbare Finsternis brütete zwischen ihnen. Fern im Norden sah er den Lichtschein über Nürnberg. Als er dann wieder umkehrte, gewahrte er den Kirchturm des Dorfes wie eine drohende Nachtgestalt. Da das Dorf im Thal liegt, sah er nur den Turm; er schien auf den Feldern der Nähe zu stehen und zeichnete sich schroff und rätselhaft klar gegen den Himmel ab.

Hier traf er nun doch auf einmal Stefan Gudstikker, der wie aus der Erde emportauchte.

„Wo kommen Sie denn her?“ fragte Agathon.

„Von Nürnberg,“ erwiderte Gudstikker unwirsch.

Agathon wußte, daß er log und fragte sich vergeblich nach dem Grund der Lüge.

„Man läßt mir keinen Frieden,“ polterte Gudstikker. „Gesellschaften, Huldigungen, Damen, Stammbuchverse, zum Teufel damit.“

„Und was machen Sie sonst?“ fragte Agathon unmutig.

„Ich? Ich versumpfe. Ich sterbe in Caféchantant-Luft mit angehenden Genies, wie Sie. Ja, Sie sind auch so einer, so ein Weltverbesserer. Himmlischer Himmel, welch ein Quark! Das Leben ist rauh und nüchtern geworden und die Paulusse werden verlacht. Prophet sein, ja, gut, ich habe nichts dagegen, wenn ihr euch auf betrunkene Hausierer und reiche Morphinistinnen beschränkt. Im übrigen: es lebe der Storch und die Gemütlichkeit.“

„Sie sind sonderbar,“ sagte Agathon zerstreut.

„Ich will Ihnen etwas sagen, das sollten Sie sich merken,“ fuhr Gudstikker fort, „unserm Leben fehlt der Erdgeruch. Das ist es, was wir brauchen. Und nun leben Sie wohl. Ich muß der Sippschaft da drinnen die üblichen Geschenke bringen.“ Gudstikkers feines Seelenleben pflegte sich oft in Geschmacklosigkeiten zu manifestieren.

Agathon hielt ihn am Ärmel zurück und fragte ihn ernst, ob er nicht wisse, was mit Monika Olifat vorgegangen sei.

„Ich?“ machte Gudstikker. „Vorgegangen? Nein, ich weiß nichts, auf Ehre nichts!“ Und er legte die Hand auf die Brust. Dann ging er, nickend, den Hutrand berührend.

Agathon ging in Olifats Garten und starrte zu den Fenstern empor. Die Gardinen hingen unbeweglich hinter den Scheiben, und kein Schatten glitt an ihnen vorbei. Agathon ging hinauf. Frau Olifat lag auf dem Diwan und las in einem abgegriffenen Band. Sie war eine unansehnliche Dame, die beständig etwas einfältig lächelte und es liebte, von ihrer großen Vergangenheit zu erzählen. Sie war schwach und von einem falschen Gefühl der Noblesse bis ins Lächerliche durchdrungen. Als Agathon kam, spielte Monika mit ihrer kleinen Schwester Ball. Das Kind war voll Begeisterung dabei. Sein goldblondes Haar fiel zu beiden Seiten des Halses bis auf die Brust und bei jeder Bewegung flogen die Haare über Stirn und Wangen. Monika saß auf einem niederen Schemel und fing den Ball oder warf ihn fort, ohne die Richtung ihres Blicks zu ändern. Und wenn ihr der Ball entwischte, ließ sie Esther danach suchen.

Agathon setzte sich zu ihr auf einen zweiten Schemel, stützte den Kopf in die Hand und den Arm aufs Knie und betrachtete Monikas Hände, die weiß und fein waren, mit schlanken Fingern und blassen Nägeln. An der Linken trug sie einen spiralförmig gewundenen Ring, der nur locker saß, und den sie bei jeder Bewegung fast mechanisch zurückschob. Jede Bewegung selbst schien nur mechanisch, oft sanken die Hände matt in den Schoß und blieben müßig liegen, selbst wenn der Ball schon durch die Luft flog; dann legte sie den Kopf zur Seite und ließ ihn an sich vorbeisausen. Esther konnte dann gar nicht begreifen, wie man so dumm sein konnte. Nachher kam ein anderes Spiel, das Agathon noch nie gesehen hatte. Monika setzte sich dazu ganz auf die Erde und legte zwanzig Spielkarten rund um sich herum. Nun sollte Esther mit verbundenen Augen die Herz-Dame suchen. Ein seltsames Spiel, umsomehr, als Monika dabei fortwährend lächelte und gespannt auf die Karten sah; und ihr Lächeln hatte etwas von dem einer Wahnsinnigen.

„Warum bist du so eifrig beim Spiel, Monika?“ fragte Agathon, eigentümlich bewegt.

Sie richtete ihre Augen trotzig und verwundert auf ihn. Dann sagte sie: „Also jetzt, wenn du den Buben erwischst, darfst du mich schlagen, Esther.“

„Fest?“

„Fest schlagen, ja. So fest du willst.“

„Den Herzbuben?“

„Ja.“ Monika legte sich nun mit dem ganzen Körper auf die Dielen, streckte die Arme über sich hinaus und schloß die Augen.

„Du bist unanständig, ma fille,“ sagte ihre Mutter flötend. „Il faut avoir plus de dignité chez ce jeune homme.“ Es gab nichts Komischeres, als die Gravität, womit sie ihr merkwürdiges Französisch sprach.

Als Agathon sich verabschiedete, folgte ihm Monika mit einem kleinen Lämpchen in den Flur. Doch ein starker Zugwind schlug ihnen entgegen und löschte das Licht aus. Eine kurze Zeit lang standen sie unschlüssig im Dunkeln, noch geblendet vom Licht des Zimmers, dann konnten sie einander sehen und fanden, daß es gar nicht finster sei. Als Agathon an der Treppe gute Nacht sagen wollte, lehnte sich Monika weit über die Brüstung und er sah ihre wilden Augen leuchten. Er streckte beide Hände nach ihr aus und wußte nicht, wie er sie plötzlich ganz in den Armen hielt und seine Lippen behutsam und voll Innigkeit auf ihre beiden Augen drückte. Sie lag wie eine leblose Masse an seiner Brust, und obwohl sie weder weinte noch sprach, zuckten ihre Lippen unaufhörlich.

Dann stand Agathon vor dem Gartenthor und träumte, sah über das weite, nachtdunkle, schneeblaue Land, und nun fühlte er, wie sehr er dies Land liebte, das ihm Heimat war und ihm so vertraut war in jedem Tannengehölz, in jeder Hecke.

Als er am nächsten Morgen, dem Feiertag, der vielleicht der friedlichste Tag des Jahres ist, weil der Schnee selbst die Schritte der Kirchenbesucher leiser macht, weil er einen Ring von Glockenmelodien um die ganze Erde flicht, als er da an Estrichs Zaun vorbeikam, hörte er lautes, grimmiges Schelten im Hause. Er lauschte. Es war die wetternde, böse Stimme des Alten. Er traf dann Gudstikker, der ihm in einer wahrhaft kindlichen Erzählerfreude alles berichtete. Der Bruder des Alten sei ein heruntergekommener Mensch, der nichts mehr besitze, als ein altes, ererbtes Patrizierhaus in Nürnberg, das er nicht verkaufen dürfe. Er sei vollkommen Alchymist, suche schon seit zwanzig Jahren den Stein der Weisen und habe dabei ein großes Vermögen verschwendet. Nun sei er zum Bruder betteln gekommen. Gudstikker machte sich noch lustig über die „echt deutsche“ Sentimentalität, daß dies gerade am Weihnachtstag hatte sein müssen und schob dann in seiner überstürzten Art davon, weil er den König sehen müsse, der heute von der Residenz in Nürnberg eintreffen solle. Trotzdem hatte er noch etwas auf dem Herzen, kehrte um und fragte Agathon, ob es nicht merkwürdig sei, daß seine Braut Käthe an diesem verrückten Onkel Goldmacher mit überschwänglicher Zärtlichkeit hinge. Onkel Baldewin komme bei ihr gleich neben der Bibel. „Wie glücklich sich doch manches trifft in der Welt,“ schloß er in philosophischer Art seine Ausführungen, „daß solch ein närrischer Karpfen auch noch Baldewin heißen muß. Ausgerechnet Baldewin! Zu dumm!“ Er schüttelte sich vor Lachen, schaute auf seine Uhr, die er dann ans Ohr legte und sprang davon.

Daheim angelangt, sah Agathon einen Postboten, der für die Feiertagsarbeit von Frau Jette ein Trinkgeld erbat. Er hatte die Zeugenvorladung für die Verhandlung gegen Enoch Karkau gebracht. Frau Jette vermochte kaum ihren Namen unter den Empfangszettel zu setzen. Elkan Geyer würde gut Zeugnis ablegen – im Himmel. Er lag in Krämpfen und Fieberträumen und Frau Jette hatte niemand, der ihr beistehen konnte. Die Magd hatte sie gestern schon fortgeschickt, sie könne keine Magd ernähren, sie, die jeden Pfennig bewachen müsse. Heute mußte Frau Hellmut klar gemacht werden, daß sie gehen müsse; und schon am Nachmittag kam Sema zu Agathon, um ihn auf den Abschied vorzubereiten.

„Heute schon?“ fragte Agathon.

„Ja, heute.“

„Ich werde mit dir gehen, Sema kleiner.“

Eine lähmende Freude war auf dem Antlitz des Knaben sichtbar.

„Aber ich werde weiter gehen, als du,“ fuhr Agathon fort. „Weiter als du vermagst.“

„Weiter als ich vermag, gewiß nicht. Wohin denn?“

„Wohin! Wenn ich das wüßte. Ins Ziellose. Ach, Sema, wie schön war es in jener Nacht ... Die Waisenknaben waren mehr als froh, mehr als glücklich. Sie haben all ihr Unglück vergessen in der Nacht. Es war göttlich von dir, Sema.“

„Aber du hast es doch ausgedacht, Agathon. Ich liebe dich so sehr, Agathon.“

„Ja, du kleiner Sema. Wenn ich denke, wie du dort gesessen bist auf der zerbrochenen Bank, oder was es war. Nein, es war wundervoll! Alles in mir hat gezittert. Ich dachte, die Nacht selbst müsse sich bewegen und niedersinken wie ein altes Kleid und es müßte hell werden. Erinnerst du dich an den Knaben, der zunächst bei dir kauerte? In einem fort liefen ihm Thränen herunter und doch lachten seine Augen. Woher hast du nur all die Kunst, du Zwerg, sag’ doch?“

Sema näherte seinen Mund Agathons Ohr und flüsterte geheimnisvoll: „Die Mutter sagt, ich bin ein Fürstenkind.“

„Wie?“

„Das Kind des Königs, sagt sie.“

„Des, – welches Königs –? Unseres Königs, Sema?“

Sema nickte stumm.

Eine Stunde später führte Agathon eine viel wunderlichere Unterhaltung mit Frau Hellmut. Er sagte ihr, was Sema gesagt, und sie erschrak. Nach einer Weile begann sie: „Aber bewahren Sie es als ein tiefes Geheimnis, Agathon. Jetzt reden sie hier im Dorf davon und auch in den Zeitungen steht es, daß der König in die Stadt käme. Aber das ist nicht wahr. Was soll der König in der Stadt? Soll er sich anschreien lassen mit Hoch und Hurra? Dazu ist er viel zu stolz und zu herrlich, Agathon. Früher hat er es gethan, um die Minister zufrieden zu stellen. Jetzt verachtet er die Hochs und die Hurras.“

„Und das wissen Sie alles so gut? Und sitzen da bei uns in einem Scheuerkleid?“ fragte Agathon, erstaunt über die Ausdrucksweise dieser Frau.

„Ob ich es weiß? Niemand weiß es so wie ich. Sein junger Kopf ist in meinem Schoß gelegen. Das klingt Ihnen nach Roman, aber es ist wahr, wahr. Sein Geist hat geträumt in meinem Schoß, Agathon, und sein königlicher Leib hat Frucht getragen bei einer solchen Magd wie ich bin.“

„Aber wie ist er so, als Mensch?“

„Niemand kann mehr König sein. Niemand kann mehr Mensch sein, Agathon, und doch beides wie durch Zauberei verschmelzen. So ist er beschaffen. Voll Majestät, voll Güte, aber einsam wie der Tod selbst.“

„Und er ist in der That ein solch wunderbarer Mensch?“

„Er ist es. Er steht über allen Menschen, weit, hoch! Es ist noch nicht fünfzehn Jahre her, Agathon, daß ich ein schönes Weib war, ich habe manchen Triumph gefeiert auf der Bühne. Und mein ganzes Wesen war in ihm aufgelöst. Jetzt bin ich alt, lächerlich, tief gesunken, aber das wollte ich. Ich wollte tief sinken, um ihn immer höher und ferner zu sehen. Er ist ein Gott. Vor seinem Blick demütigt sich alles mit Freuden. Aber er ist zu groß für die Zeit. Er ist nicht ein Mensch, wie wir da. Er ist zum König geboren und das sind wenige. Aber er darf nicht König sein wie er will. Sie lassen’s nicht zu.“

Frau Hellmut sprach ihre kurzen Sätze stoßweise, mit langen Pausen. Als sie geendet, erhob sie sich hastig, wie beschämt und schlappte fort, Agathon in einem Zustand erregten Nachdenkens zurücklassend. Erst ein wirres Schreien und Durcheinanderreden vor den Fenstern störte ihn auf. Er blickte hinaus. Die beiden Rosenaus Mädchen verkündeten lebhaft, mit roten Gesichtern, irgend einen aufregenden Vorfall und sie deuteten gegen das Ende des Dorfes. Agathon hätte es kaum beachtet, da die beiden zum Zeitvertreib jede unbedeutende Sache zur Katastrophe aufbauschten, aber als Sema ihm winkte, hinauszukommen, folgte er und erfuhr, daß sich eine von den vertriebenen, russischen Judenfamilien auf der Altenberger Landstraße befinde und vor Elend und Hunger nicht weiter könne.

Die Unglücksstätte war nur eine Viertelstunde vom Dorf entfernt, und als Agathon dort war, bot sich ihm dieser Anblick. Ein Mann, oder nur noch der Schatten eines Mannes, lag auf der Erde, und seine erloschenen Blicke hafteten stier am Himmel. Die Frau, ein Weib von etwa dreißig Jahren, das vielleicht noch vor Wochen schön gewesen war, jetzt aber das Aussehn einer Greisin hatte, kniete vor ihm und wimmerte in der Art eines geschlagenen Hundes. Ihre Finger schienen ganz erfroren. Sie trug in Tüchern ein Kind auf dem Rücken, ein Säugling lag neben ihr im Schnee gebettet, ein Knabe von nicht mehr als sechs Jahren stand zusammengekrümmt, mit verweintem, schmierigem Gesicht neben ihr, klammerte sich, schlotternd vor Frost, an ihren Rock und richtete zuweilen in den fremdländischen Lauten eine verzweifelte Frage an seine Mutter.

Agathon, nicht geneigt zu träumen, unterbrach das Fragen und Gaffen der andern, schickte Sema zurück um einen Wagen, und da sich die Rosenaus zur Beherbergung der Unglücklichen erboten, leitete er selbst den Transport. Erst in der Nacht, die nun folgte (Sema und seine Mutter waren schon fort und Agathon hatte dem Freund versprochen, morgen zu kommen), kamen die Gedanken. Er empfand eine eherne Zusammengehörigkeit zwischen sich und seinem Volk, und doch haßte er dies Volk, – jetzt mehr als je. Und alle die haßte er, die sich des religiösen Gewands entäußert hatten und wie Trümmer eines großen Baues verloren auf dem Ozean des Lebens trieben, verachtet oder mächtig, doch auf jeden Fall Schmarotzer auf einem fremden Stamm. Inmitten deutschen Lebens ein fremdes Volk, voll gezwungener Fröhlichkeit, in einem unsichtbaren Ghetto. Der alte Herrlichkeitsgedanke ist verrauscht und mit den Spuren zweitausendjährigen Elends am Leibe spielen sie die Herren. Witzelnde Herren, scharfsinnige Herren, wedelnd unterwürfig oder voll schnöder Anmaßung, doch stets von unbändigem Ehrgeiz. Doch Agathon haßte auch diese von tausend Kämpfen durchrüttelte Zeit, diese atemlose, sinnlose, von Lügen schwangere, von geistiger Pestilenz durchsickerte. Und doch erfüllte ihn ganz die Sehnsucht, sich in den großen Strudel des Lebens zu stürzen, auszugehen wie einst David in jenen einfacheren Zeiten, um sich ein Königreich zu suchen. Und als er in den Morgenstunden zu schlummern begann, hatte sein Entschluß Festigkeit gewonnen und in seinen Träumen erschien jener König, der seinem Volk nun schon zum Mysterium geworden ist.

Am Vormittag packte Agathon ein schmales Bündel und reichte seiner Mutter die Hand zum Abschied. Frau Jette war so erschrocken, daß sie sich nicht gleich fassen konnte. Sie konnte den Entschluß des Sohnes nicht mißbilligen, nur fragte sie, weshalb er gerade jetzt fort wolle, da der Vater so krank sei.

Agathon schüttelte den Kopf. Zwischen ihm und seinem Vater durfte kein Band mehr sein. Gewaltsam und unerbittlich drängte es ihn fort, und er ließ sich durch nichts bestimmen, zu sagen, wohin er sich wenden würde. Er nahm auch die paar Groschen, die ihm die Mutter bot, nicht an, sondern versicherte lächelnd, daß er kein Geld brauche. Er steckte ein Dutzend Äpfel in das Bündel, Käse und Brot, küßte die Mutter und die Geschwister und ging in den klaren, kalten Wintertag hinein.

Dreizehntes Kapitel

An Bojesen konnte man jenen leise fortschreitenden Verfall gewahren, der sich in einer mehr und mehr glänzenden Rocknaht offenbart; in jener gleichgültigen Vernachlässigung des äußeren Menschen, die sich bis zum Trotz steigert; in der Verringerung des Trinkgeldes für Kellner und Oberkellner: in der beflisseneren Art, vornehme, wenn auch sonst ganz geringfügige Menschen zu grüßen; in der erkünstelten Ruhe, womit man in den Läden nach dem Preis der Waren fragt, – kurz, in all jenen Dingen, die so tief gehen, wie sie unbedeutend scheinen und mehr verwunden, als das offene Geständnis der Not. Die Behaglichkeit gesicherter Zustände ist dann das einzig Wünschens- und Ersehnenswerte, und wenn es zuhause kalt ist, träumt man lange und hingebend den Traum vom offenen Kaminfeuer mit fallenden Glutkohlen, und man giebt sich dann gern den Anschein, in alle Tiefen der Metaphysik versunken zu sein.

Er war verlassen, und er überredete sich, daß er in seiner Einsamkeit glücklich sei. Eine befremdliche Ruhelosigkeit war über ihn gekommen, die ihn von Rast zu Rast und von Arbeit zu Arbeit trieb; aber die Rast war ohne Frieden und die Arbeit ohne Frucht. Die Häuser, die eingefrorenen Parkanlagen vor seinem Haus, die vorbeisausenden Züge der Ludwigsbahn, Menschen, Hunde und Karossen, alles hatte sich verändert, hatte in seinen Augen gleichsam etwas Ephemeres erhalten und schien schon allein durch die unlösbare Kette der Teilnahmlosigkeit, die sie umfangen hielt, verächtlich. Oft wenn der Sturm bei Nacht um die Mauern fuhr, daß es schien, als koche die ganze Atmosphäre, kam sich Bojesen als ein unermeßlich einsames Wesen vor im weiten Universum, das sich im Zustand des Wartens befand auf irgend einen magischen Befehl jener geschickten Dame, die unsere Lebensfäden so kühn und unberechenbar ineinanderstickt. Wie leer erfand sich schließlich die Wissenschaft vor seinem Nachdenken. Selbst die Lampe auf seinem Tisch, die Stühle, die Bücher im Regal, – sie hatten etwas Komisches für ihn.

Um etwas zu verdienen, suchte er Stunden zu geben. Es gelang ihm, die zwei Söhne des Witwers Salomon Hecht zum Privatunterricht zu bekommen. Salomon Hecht setzte einen eigenen Ehrgeiz darein, mit Bojesen gelehrte Gespräche zu führen. Ja, er überfiel den Armen oft auf öffentlichen Plätzen, in der Trambahn damit, wobei er so laut schrie in seinem abscheulichen Jargon, daß es möglichst viele Passanten hören konnten. Sie sollten nämlich hören, die Passanten, und es weitersagen, daß er, Salomon Hecht, ein entschiedener Materialist sei, – zunächst. Ferner ein Freidenker, ein Freigeist, ein Atheist, der jetzt einen „Freidenkerverein“ ins Leben zu rufen beabsichtige. Denn nichts erschien Salomon Hecht als ein so erhabenes geistiges Prestige, als das, ein Atheist zu sein. Er fand es edel und vollkommen; jeder Atheist war gleichsam a priori sein Freund; er suchte Korpsgeist unter die Atheisten zu bringen und sie zu organisieren.

In diesen Tagen hörte Bojesen, Gudstikker habe ein Buch veröffentlicht, und dieses Buch habe großes Aufsehen gemacht. Er unterwerfe darin das Militärwesen einer bitteren und vernichtenden Satire, und die Leiden seines Helden, eines tragisch endenden Offiziers, seien „erschütternd treu“ und „realistisch fein“ und „psychologisch tief“ geschildert. Die Zeitungen bemächtigten sich der Sache und machten sie in dieser oder jener Weise zu der ihren, d. h. sie modelten solange daran herum, bis sie mit Not ein grelles, politisches Kleid bekam. Er bat Salomon Hecht, ihm das Buch zu borgen. Herr Hecht hatte die Ränder des Buches dazu benutzt, um seinen Bleistift in kritischen und philosophischen Aphorismen schwelgen zu lassen. Daher konnte sich Bojesen lange Zeit nicht entschließen, den Roman zu lesen, denn wenn er ein solches Buch zur Hand nahm, hatte er dasselbe Gefühl, als solle er sich in ein Bett legen, das noch warm war vom Schlaf eines Fremden. Schließlich las er es doch, und er fand viel Virtuosität der Schilderung darin, viel Seiltänzerkunst, viel blendendes Detail, viel Flittertand in Attributen; denn mit den heutigen Fachlitteraten ist es so, daß ihnen ein gutes Attribut mehr gilt, als ein guter Gedanke. Und was die realistischen Feinheiten betrifft, so muß es zutreffen, daß vieles zu fein sein mag, um haltbar zu sein und vieles zu wahr, um Kunst zu sein. Bojesen sah, daß viel Wollen in diesem Buch steckte, das nicht zur Kraft entwickelt war und mehr solches, das erheuchelt war; er beobachtete darin jenes wunderbare Spielen mit der Natürlichkeit, jene leicht überspannte kokette Romantik der Gefühle, die so gefährlich ist, als sie realistisch scheint. Doch dachte er an all dies nicht mehr einen Tag später, denn viel bedeutsamere Dinge drängten sich vor ihn hin.

Eines davon allerdings, wofür er gar keine Augen hatte. Wenn er heim kam und sich in seinem Zimmer verschloß, wurde oft vor der Thüre ein schwaches Knistern hörbar. Dies Knistern stammte von einem Kleide, und die dies Kleid trug, war Fanny Bojesen. Und selbe Fanny Bojesen schlich über die sich krümmenden Dielen dahin, schreckte bei jedem Laut zusammen und legte ihr Ohr an die Thüre des Gemachs, hinter dem sich Bojesen verschanzt hatte, um gestorben zu sein für Leben und Liebe. Sie wurde nicht müde, zu lauern und zu lauschen, und nicht einmal ein Seufzen von drinnen belohnte ihre Mühe. Was sie oft nach solch fruchtlosem Spionieren that, war dies: sie setzte sich in ihrem Zimmer an den Tisch und schrieb, schrieb, schrieb ... die lange, klagende Epistel des unglücklichen Weibes, und diese Epistel erfuhr am folgenden Morgen stets das Schicksal des Verbrennens. Wenn Bojesen ausging, versteckte sie sich; wenn er kam, versteckte sie sich; aber nie war ihr Gehör feiner und wachsamer gewesen für jedes Geräusch, das auf sein Kommen oder Gehen deutete; wenn sie sich zufällig begegneten, wußte sie ihr Gesicht von Gleichgültigkeit förmlich strotzen zu lassen, und war sie dann allein, so weinte sie stundenlang. Als später das Dienstmädchen abgeschafft wurde, war es an ihr, ihm die nicht allzu reichlichen Mahlzeiten zu servieren. Keine Regung ihres Innern war dann auf ihrem Antlitz zu gewahren, kein Erblassen, kein Zittern ihrer Hand zu sehen. Trotzdem mag Erich Bojesen in dieser Zeit manche Thräne ahnungslos mitgegessen haben, die ohne sein Wissen die Speisen gewürzt hatte.

Er ergab sich jetzt den stillen Studien, die an der Grenze der Wissenschaft liegen und den Ausblick gestatten auf ein unermeßliches Reich von Hypothesen, auf die schrankenlose Nutznießung phantastischer Probleme. Es schien ihm oft, als ob sein kühler Verstand dabei in die Brüche gehen müsse, aber all dies gefährliche Balancieren im Reich unumstößlicher Gesetze entzog ihn der Welt und seinen eigenen Sorgen, und wenn er spät, spät in der Nacht in irgend einer ungeheuerlichen Formel den Boden neuer Entdeckungen zu sehen glaubte, konnte er in eine erhitzte Wonne gerathen, wie ein Wirt über das Bier, das er selbst gebraut und konnte vergessen, wie nahe ihm die Forderung praktischer und lohnender Arbeit gerückt sei.

Eines Tages, der Schnee war im Schmelzen und laue Winde kamen, fühlte er sich gänzlich abgespannt, fühlte er sich alt. Es ist jener wissende Zustand, in den wir geraten, wenn wir über unsere Berufssphäre hinausspähen und zugleich das Gefühl von Wichtigkeit verlieren, das die Quelle unserer Leistungen ist. Da wurde ein Brief in sein Zimmer geworfen, der den Poststempel Paris trug und so lautete:

„Eines Wortes bist Du noch wert. Ich erfülle Deine Bitte: hier hast du ein Lebenszeichen. Ich kann es Dir mit Recht senden, denn ich lebe hier. Hier hört man das Herz der Menschheit schlagen. Hier bin ich, die ich stets gewesen bin, nur unentdeckt gewesen bin, hier trinkst Du Dich wahnsinnig am immergefüllten Lebensbecher. Tausende purzeln, hunderte steigen, tausende jubeln und sterben zugleich. Aber es ist vielleicht nicht das Echte; nicht Nektar, sondern Haschich. Nichts für Deinesgleichen! Nichts für gute Charaktere, für Euch Perlen am alternden Hals Europas. Ich komme vielleicht zurück, weil es mich reizt, Euch dort ein wenig toll zu machen. Ich habe hier von einem König gehört, der bei Euch leben soll, – ein Heliogabal, unerkannt, ein Sonnenfürst. Wie ist es? Für den seid ihr ja viel zu stumpfsinnig.“

Dies der Brief. Bojesen warf ihn in eine Ecke, hob ihn jedoch wieder auf, legte ihn mit etwas feierlichen Gebärden zusammen und zerriß ihn dann in lauter quadratische kleine Stückchen. In diesem Augenblick kam ihm alles, was er trieb, so erbärmlich vor, und alles, was er wußte, so oberflächlich, daß er in einer schmerzlichen Apathie die Augen schloß. Dann nahm er eine Feder zur Hand und schrieb auf das nächste Stück Papier: Wissenschaft.

Es war ein Mann, ich weiß nicht wie er hieß, Den das Geschick im tiefen Schoß der Erde Vor langer Zeit zum Leben kommen ließ, Und Finsternis war Mutter, die ihn nährte.

Doch Bojesen vermochte nicht zu reimen; auch fühlte er, daß sein Gedanke dabei die Klarheit verlor. Deshalb fuhr er in Prosa fort: Schweigen erfüllte sein Leben und nichts störte die Ruhe um ihn her, als ein beständiges dumpfes Summen und Dröhnen über ihm. Der Unterirdische setzte jedoch sein ganzes Sinnen und Wachen daran, den Grund dieses ewigen, drohenden, geheimnisvollen Dröhnens zu erforschen. Er glaubte nicht an ein Wunder; er teilte auch den Glauben von dem göttlichen Ursprung des Dröhnens nicht, wie er in überlieferten Dokumenten las, sondern forschte, erfand Meßapparate und andere Instrumente, stellte Gesetze und Regeln auf, berechnete die Stärke des Dröhnens und die Zeit, die verging, bis der Schall an sein Ohr kam und viele andere Dinge mehr, die ihn zu stolzen, gigantischen Hypothesen führten. Und nach langer, langer Zeit begann er zu graben, emporzugraben, und je mehr er grub, je vernehmlicher wurde das Dröhnen, bis endlich die letzte Schicht Erde von selbst fiel und der Sohn der Finsternis geblendet in die Höhe starrte, – ins Licht! Da kehrte er zurück in seinen unterirdischen Wohnsitz und war beglückt, als er sah, daß das Licht die Ursache des Dröhnens war. Doch wie andere Dinge hätte er sehen können, wenn er noch hundert Meter emporgekrabbelt wäre! Wie hätte das Surren und Brausen von tausend irdischen Dampfmaschinen sein einsamkeitgewöhntes Ohr betäubt! Wie wäre er entsetzt gewesen von dem endlosen Krieg, der über ihm tobte, von den Schicksalen, die in das Stampfen der Motore verwoben waren! Dabei hatte er vielleicht nicht einmal das wirkliche Licht erblickt, sondern nur das künstliche einer Maschinenhalle.

„Albern,“ flüsterte Bojesen und warf das Schriftstück in ein Fach. Jetzt erst empfand er den nagenden Schmerz, den ihm jener Brief zugefügt hatte. Jeanettens Bild stieg herauf. Nun wußte er sein ruheloses Forschen zu deuten, und er blickte im Zimmer umher, als ob er sich vor den Möbeln schäme, daß er sie je getäuscht und hintergangen mit seinem nächtlichen Wachen. Er sah Jeanette unbeweglich stehen, wohin er auch blicken mochte: in einem dunkelgrünen Kleid, das rote Haar gelöst, in den Augen eine melancholische Vertieftheit, die er in Wirklichkeit nie bei ihr bemerkt. Er ging im Zimmer umher und dachte an nichts anderes, als daran, wie er sie wieder gewinnen könne, und der thörichteste Ausweg erschien ihm schließlich als der beste. Er kleidete sich an, um zu Baron Löwengard zu gehen. Sein wahnsinniges Verlangen redete ihm ein, daß jener die Macht besitzen könne, sie zurückzurufen oder auf seine Bitte eine List zu ihrer Rückkehr gebrauchen würde. Er wußte nicht mehr, was er that.

Der Löwengardsche Palast hatte sich in nichts verändert. Noch immer trugen die Karyatiden geduldig die Last des Balkons, noch immer besann sich Merkur auf dem Dache, ob er fliegen solle oder nicht. Außerdem tropfte das Schneewasser von den Rinnen und Brüstungen, so daß die Balkonträger zu schwitzen schienen, und die Sonne vergoldete die ganze Fassade, – eine ahnungsvolle, milde, belebende Sonne. Auch im Innern des Hauses hatte sich nichts verändert. Die alte Pracht bestand noch; nicht, als ob der Besitzer dieser Reichtümer kürzlich zu Fall gekommen wäre und hunderte in Not gerissen hätte, sondern als ob irgend ein hochgeborener Gast die Ursache der vornehmen Stille des Vestibüls sei. Aber es scheint, als ob solch ein Unglück nur dazu diente, seinen Urheber zu erhöhen; wenigstens verschiebt sich nichts in seinen Lebensgewohnheiten, und wenn die Gläubiger sich über die Prozente geeinigt haben, ist das Schild seiner Ehre um nichts fleckenreicher als vorher.

Bojesen wurde angemeldet und vorgelassen. Mit zusammengepreßten Lippen stand er vor dem Kaufmann, der ihn einige Zeit unbekümmert musterte und sich dann entschloß, ihm einen Sitz anzubieten. Er ließ die Berloques an seiner schweren Uhrkette klappern, beugte sich gönnerhaft vor und fragte, womit er dienen könne.

„Ich komme wegen Ihrer Tochter,“ erwiderte Bojesen kühl.

Das Gesicht des Bankiers veränderte sich im Nu. Er richtete sich straff empor, schob seine Hand in die Rockbrust und sein Gesicht wurde förmlich steinern, als er sagte: „Meine Tochter hat mit der Firma Löwengard nichts zu thun. Wenn dies also der einzige Zweck Ihrer Anwesenheit ist, muß ich bedauern. Wenn meine Tochter in Not ist, hat die Firma keinen Grund, diesem Umstand ihre Aufmerksamkeit zu schenken.“ Es war klar, daß Herr Löwengard nur redete, um die Meinung der „Firma“ zu offenbaren; alles was ihn betraf, kam auch in höherem Maß der „Firma“ zu; außerhalb der „Firma“ gab es nichts, das so wertvoll gewesen wäre, um nur fünf Worte aneinander zu heften oder fünf Sekunden zu verschwenden.

„Ihre Tochter ist nicht in Not,“ entgegnete Bojesen stirnrunzelnd. „Ich wollte nur fragen, ob Sie nicht wünschen, Sie zurückzurufen. Ich bin in diesem Fall –“

„Verehrter Herr, ich sagte Ihnen schon, daß meine Tochter mit den Angelegenheiten der Firma nichts zu thun hat. Sie ist tot für das Haus Löwengard. Ich sehe außerdem keinen Anlaß, dies Gespräch fortzusetzen. Sie sind mir unbekannt.“

Das war ein deutlicher Wink; aber Bojesen blieb ruhig sitzen und folgte mit finsterem Blick dem Auf- und Abgehen des Bankiers, der die Hände auf dem Rücken hielt und mit den Fingern ein Geräusch machte, wie wenn man den Pfropfen aus einer Flasche reißt. „Vatergefühle und dergleichen kennen Sie wohl nicht?“ sagte er, empfand jedoch zugleich das Selbstsüchtige seiner Bitterkeit und errötete flüchtig.

„Vatergefühle setzen Tochtergefühle voraus,“ erwiderte der Bankier hochmütig und pathetisch.

„Und Sohnesgefühle!“ fügte Bojesen verächtlich hinzu, indem er an Gedaljas Schicksal dachte. „In Ihrem Haus scheint das erblich zu sein. Wo ist da der berühmte jüdische Familiensinn? Wenn Ihre Tochter ein Schuldschein wäre, hätte die Firma freilich mehr Grund, sich zu erhitzen.“

„Mein Herr!“ rief der Bankier, feig werdend. Seine tückischen Augen blickten unsicher nach der Thüre.

Als Bojesen ging, war die Sonne im Sinken begriffen. Sie ergoß Ströme purpurroten Lichts auf die tauenden Schneeflächen. Der Himmel, wie ein Teppich, war mit seltsam regulären Wolkenmustern besät, und in der Tiefe des westlichen Horizonts stand ein Rest der Sonne als glühendes Segment und war bald verschwunden, eine breite, gleichmäßige, brennende Röte hinter sich lassend. Bojesen schritt vorbei an den Bureaux der „Firma“, wo seit einigen Tagen wieder gearbeitet wurde, und sah durch die mit grünen Gittern versehenen Fenster. Pult an Pult; Commis neben Commis: bleiche, langnasige Menschen mit trüben Augen, mit Augengläsern, mit beschäftigten, sorgenvollen Mienen, – freudlose Rechenmaschinen. Staub!

Die Landschaft breitete sich flach und trostlos aus, nicht anziehender geworden durch die blendenden Abendgluten. Eisenbahnremisen, ein abgebrochener Zaun, durcheinanderlaufende Schienen, rötlich schimmernd im Widerschein des westlichen Feuers, einzelne Güterwagen, eine Lokomotive, stumm und kalt, ein Lastwagen, Bahnwärter- und Signalhäuschen, Telegraphenstangen, Güterhallen und weit drüben ein schüchternes Etwas von Wald, mit letztem Schnee behangen, und das erste oder vielleicht vorjährige blasse Grün eines Wiesenfragments. Und vieles von diesem weckte auf wunderbare Art Erinnerungen an die Kindheit in ihm, ließ Bilder der Heimat in ihm wachsen, und er hatte fast Heimweh. Er begegnete Leuten, meist Arbeitern, auch Spaziergängern, die die kohlendampferfüllte Gegend als „frische Luft“ betrachteten, und Bojesen fragte sich wie ein Kind, dem alles neu und absurd ist: was wollen sie? woher kommen und wohin gehen sie?

Gleichwohl sehnte er sich nach Gesellschaft, und da er nicht sehr weit von Nieberdings Villa entfernt war, wandte er sich dorthin. Er schritt oben an den Hängen hin, zwischen den Gesträuchen, zur Rechten die Mauer des Kirchhofs, tief unten schimmerte das Wasser des Flusses und drüben lag das ebene Thal, das vom Horizont verschlungen wurde.

Er fand die Thüre der Villa offen, und während er die Stufen hinaufging, fand er, daß es komisch genug sei, zu einem Mann zu gehen, den man im eigentlichen Sinn brutalisiert hat, und ihn um seine Gesellschaft zu betteln.

Da er niemand sah, klopfte er an die nächste Thür und als niemand antwortete, ging er hinein. Das Zimmer war leer; er schlug an der Seitenwand eine Portiere zurück und stand betroffen still.

An einem Diwan kniete, ganz in sich zusammengeschrumpft und -gekauert, Cornely Nieberding und richtete sich erst auf, als sich Bojesen verlegen räusperte. Sie warf mit einem energischen Schütteln das Haar zurück und rief angstvoll: „Was ist? Ist er tot?“

Als Bojesen sie erschreckt anstarrte, trat sie auf ihn zu, bot ihm schüchtern die Hand und flehte: „Bringen Sie ihn zurück! Sagen Sie mir, wo er ist! Ich weiß nicht, was ich thun soll, guter Gott, schon seit zwei Tagen! Wo mag er sein?“

Bojesen sah gespannt in ihr blasses Gesicht, das unaufhörlichen Zuckungen unterworfen war und von Schlaflosigkeit und Sorgen seltsam alt war. Als sie sich so schweigend betrachtet sah, ließ sie den Kopf sinken und ihre Ohren wurden glühend rot, während Stirn und Wangen nichts von ihrer leblosen Farbe verloren. Sie setzte sich auf einen kleinen Sessel, ließ die Arme schlaff hängen und sagte: „Ich kenne Sie ja gar nicht und Sie kennen mich auch nicht und wissen nicht, was mit mir ist.“

Bojesen wußte es in der That nicht. Er setzte sich ihr gegenüber, spielte mit dem Hut in seiner Hand und suchte nach Worten.

„Er ist ja mein Bruder,“ fuhr Cornely mit einer krankhaften Versunkenheit fort und lächelte, daß es Bojesen wie ein Stich traf.

„Aber zwei Tage, Fräulein! Wie oft bleiben junge Männer zwei Tage aus!“

„Haben Sie einmal Manfred gelesen?“ fragte Cornely, als hätte sie seine Worte nicht gehört. Doch sie selbst schien über das, was sie sagte, so entsetzt, daß ihr Gesicht eine aschengraue Färbung erhielt.

Auch Bojesen war erschrocken und schaute sie mit großen Augen an. Er fühlte, wie sein Herz langsamer schlug, als müsse es erst neue Kraft sammeln. Er nagte heftig mit den Zähnen an der Unterlippe.

„Es ist seltsam mit uns jungen Mädchen,“ sagte sie wieder mit ihrer singenden und gleichsam entfernten Stimme, und sah hinaus an den kahlen Himmel, gegen den sich die kahlen Äste naher Bäume wie feine Filigran-Arbeit abzeichneten. „Seltsam. Immer bleiben wir die ahnungsvollen Engel. Und was erleiden wir alles, wenn ihr glaubt, wir schlafen. Die Männer mögen nur das Süße an uns. Aber all das ist ja sinnlos. Finden Sie nicht, daß ich wie im Fieber rede?“ Sie lachte und Bojesen fühlte wiederum jenen Stich. Er war noch niemals so befangen gewesen, seine Unterlippe wurde ganz wund.

„Warum kommt er denn nicht!“ rief sie plötzlich, rang die Hände und legte sie dann, wie vor Schmerz, an die Schläfen. Ihr ganzer Schmerz hatte etwas so Unterdrücktes und Gepreßtes, daß Bojesen ganz ungeduldig wurde, ihr zu helfen. „Ach bitte, Herr – ich weiß Ihren Namen nicht mehr – gehen Sie ins Café National nach Nürnberg; heute ist doch Mittwoch? er soll dort einen Freund treffen, Estrich heißt er, glaub’ ich, Theobald oder Balduin, ich weiß nicht. Sagen Sie ihm, wie Sie mich gesehen haben. Seien Sie mir nicht böse, ich weiß nicht, was ich sonst thun soll. O, ich ahne, ich ahne wieder, was gekommen ist.“

Bojesen ging, schaudernd und fröstelnd. Er sprang, als er die Hauptstraße erreicht hatte, auf die Plattform der Pferdebahn und sah im trüben Licht, das die Gegenstände mehr zu verfinstern, als zu verdeutlichen schien, einige bärtige und monotone Gesichter. Es ereignete sich eine Episode während der Fahrt, die die heiße Bitterkeit in seinem Innern bis ins Unerträgliche aufwühlte. Der Wagen fuhr ziemlich rasch auf der Straße dahin, die nun schon Landstraße geworden war. Rechts und links standen vereinzelte Häuser, arme Mietskasernen, traurige Gärten, sandige Bauplätze, Hecken, leere Wirtschaftsgärten. Am „oberen Kreuzweg“ kam ein Dienstmann aus einem Thor gelaufen und rannte in einer Entfernung von über hundert Metern dem Wagen nach. Der Schaffner befand sich im Innern des Wagens und die Leute neben Bojesen lachten und schienen sehr gespannt, ob der Dienstmann den Wagen erreichen werde, aber ihre Freude über das atemlose Humpeln des Menschen war noch größer als ihre Spannung. Bojesen zitterte vor Scham und Zorn und griff an die Schnur, um dem Kutscher das Haltesignal zu geben. Als der Müdgelaufene kam, wurden die Mienen der so froh Gelaunten plötzlich ernst und sinnend und sie hörten den neuen Passagier so heftig atmen, daß es klang wie bei einem Kind, das sich verschnauft, wenn es geweint hat. Dabei rann ihm der Schweiß aus allen Poren, und er begann nun noch zu reden, suchte seine Eile gleichsam zu entschuldigen. Bojesen erschien das Ganze wie ein böser Traum und er dachte haßerfüllt an die prahlerische Verkündigung christlicher Tugenden.

Im Café war seine Frage nach Nieberding umsonst. Er fragte nach diesem unbestimmten Herrn Estrich; der Kellner schien selbst erstaunt, ihn zu vermissen. Er komme seit Jahr und Tag täglich um sieben Uhr. Es müsse sich etwas mit ihm begeben haben.

Als Bojesen durch die schiefen, bergigen Gassen zum Bahnhof schritt, geriet er durch den Hauch des Mittelalters, der ihn aus den stillen Bauten anwehte, in einige Verwirrung. Harlekine eilten an ihm vorbei, Damen im Domino, die schäkernd und kichernd zum Maskenball trippelten; überall machte sich der Karneval breit. Plötzlich stand Bojesen, totenbleich werdend, still. Er lehnte sich an einen Laternenpfahl, packte ihn mit den Händen und starrte mit bebenden Lippen einer Frau nach, in deren Gesicht er nur einen einzigen flüchtigen Blick geworfen und das ihm, wie in einer Hallucination, Jeanettens Züge gezeigt hatte.

Am nächsten Tag fand er Nieberding zu Hause. Cornely war wie sonst, still und verschlossen, mit dem wunderlichen, scheuen Lächeln um die Lippen. Ein Blick, der ihn traf, schien um Verzeihung zu bitten und Bojesen nickte ihr kaum merklich zu. In Nieberdings Wesen lag eine leidenschaftliche Abgekehrtheit; sein Gesicht war farbloser und seine Augen mehr gerötet als sonst.

Bojesen schloß sich wieder in sein Studierzimmer ein, für Tage. Er that oft nichts anderes, als stundenlang vor sich hinbrüten. Draußen war Sturm. Die Straße war mit Schiefer- und Ziegelsteinen besät, die Pappelbäume der Allee bogen sich wie Reiser. Die Hüte armer Unvorsichtiger flogen auf Dächer und in abgelegene Remisen. Beständig pfiff und jauchzte und heulte und wühlte es um die Mauern wie bei einem Wrack, das hülflos auf Felsenboden sitzt. Es sang und brummte und brodelte in den Lüften, und der ganze Himmel mit Wolken glich einer hurtig fahrenden Maschinerie, indes der Mond in der Nacht schreckhaft und fahl von Wolkenloch zu Wolkenloch stürzte.

An einem solchen Abend ging Bojesen aus. Er fühlte sich erschüttert im Sturm und sein Herz wurde weit. Er sah Blitze leuchten im Osten und hörte den entfernten Donner eines Februargewitters. Als er in die Gegend des Marktes kam, hörte er eine Stimme hinter sich, die den Wind laut übertönte. Er glaubte die Stimme zu kennen, verzögerte seinen Schritt und lauschte.

„No sag’ selber, hab’ ich geschlafen sitter ach Täg? Haste geschlossen gesehn meine Augen? Bin ich gewesen in schlechter Chafruse, daß se mer gemacht hat e schlechtes Gewissen? Haste schon emol son Sturmwind derlebt? Hu–uch! wirbel wirbel bl bll bll–!“

Bojesen war so entsetzt, daß er keinen Schritt mehr machen konnte.

„Holla! aach e Mann, den ich kenn!“ rief Gedalja und lachte unbändig. „Komm mit, Mann, komm mitle! Ich, – ich kenn’ die Welt, ich kenn’ se, ich bin der Chuchem von der Mannischtanna. Ich bin e Gelehrter vom Himmel, hä!“

Bojesen wich instinktiv zurück und packte Frau Hellmut, die den Greis begleitete, fest beim Arm. „Ist er betrunken?“ flüsterte er ihr zu.

Sie schüttelte den Kopf. „Mein Sema hat ihn gebracht, so wie er ist.“

„Und was führen Sie ihn denn herum?“

„Er ist uns fortgerannt. He, halt! halt!“ Und sie rannte ihm, in die Hände schlagend, nach, während er in der Mitte der Straße umhertanzte. Der Mond beschien ihn kalt und unheimlich. Bojesen empfand einen kühlen Schauder. Es war ihm, als sähe er hier den Zusammenbruch eines Volkes.

Auf einmal wurde der Greis still und ließ sich führen wie ein Kind. Bojesen ging an Frau Hellmuts Seite, die sich in seiner Gesellschaft unbehaglich fühlte und ihm zweifelnde Seitenblicke zuwarf.

„Ich kenne ihn,“ sagte Bojesen. „Es erschreckt mich sehr, das alles.“

„Wer sind Sie denn?“

„Bojesen.“

„So? Der Lehrer?“

„Gewesen, ja.“

„Sema spricht oft von Ihnen. Er geht seit vier Wochen in die Schule dort, wo Sie waren. Vorher war er krank. Da ließ ich ihn daheim. Er spricht fast so oft von Ihnen, als von Agathon Geyer.“

„So? Wo ist Agathon?“

„Das weiß kein Mensch. Sein Vater ist tot. Die Mutter bekommt von der Gemeinde Almosen. Der alte Karkau wird nächste Woch verhandelt. Es is traurig mit der Familie.“

„Kann ich einmal mit Ihrem Sohn reden? Er ist ein Freund von Agathon?“

„Ja. Er ist ja viel jünger. Ja, Sie können schon reden mit ihm. Marsch, hopp, Gedalja!“

Bojesen wußte nicht, weshalb er mit Sema reden wollte und was er sagen wollte. Aber alles was mit Agathon zusammenhing, erschien ihm rein und der Mühe des Forschens wert.

Der Mond verschwand wieder. Die Straße war leer. Hohl brauste der Sturm, wie wenn er aus den fernsten Winkeln des Weltalls käme und den Erdball vor sich hertriebe wie die Hüte der Knaben.

Sie kamen in den Schindelhof, einen engen, finstern Durchgang. Am Abhang, gegen den Fluß zu, lag Frau Hellmuts Wohnung in einem kleinen, einstöckigen, alten, verfallenen Hause. Gedalja kauerte sich nieder und weigerte sich, hinaufzugehen. Er stierte vor sich hin und lachte boshaft und trotzig.

„Wissen Sie, sein eigener Sohn hat ihn aus dem Haus gejagt,“ sagte Frau Hellmut. „Mein Sema hat ihn gefunden. Er ist auf der Brücke gestanden und hat unaufhörlich ins Wasser gestarrt.“

Sema kam herunter; ihm gelang es, den Greis hinaufzubringen. Droben kroch er auf allen Vieren, lachte, äffte den Wind, hockte sich auf einen Schemel, lachte.

„Jeanetterl, kumm her! kumm her, Jeanetterl! Ich muß d’r was sagn!“ flüsterte er kaum hörbar. „Ich hab’ d’rs ja gleich g’sagt. Geld will ich kaans. Ich pfeif d’r af dei Geld.“ Plötzlich fuhr er wie toll auf und stieß Sema mit voller Kraft weit von sich, daß er gegen den Ofen taumelte. „Dei Geld? Naa! Dei Geld? Da klebt Schweiß draa un Blut, Samuel! Es rollt – tief! Komm herla, Eisenhäärla! Chomezfresserla! Chuzpeponim! Ach, was haste gemacht mit en alten Mann!“

„Warum thun Sie ihn nicht fort?“ fragte Bojesen erschüttert.

„Morgen, Herr Bojesen.“ Bei dem Namen blickte Sema hastig auf und blickte Bojesen an. Dann stand er auf, trat zu Bojesen und fragte flehend: „Wo ist Agathon?“

Bojesen war erstaunt. Er schüttelte den Kopf, nahm Semas Hand und streichelte sie. Dann erschrak er, weil er etwas von dem Ausdruck von Jeanettens Augen in den seinen gewahrte. Eine Zeitlang war es still. Bojesen war versunken in den Anblick des langsam einschlummernden Greises, dessen Rücken steif an die Wand gepreßt war. Sema saß vor Gedalja auf der Erde.

Als Bojesen die finstern Treppen hinabsteigen wollte, eilte ihm Sema nach. „Herr Bojesen,“ rief er leise, „die Schüler!“ In abgerissenen Worten, atemlos, ganz von dem Bestreben beseelt, ein Unglück abzuwenden, erzählte er, daß viele Schüler der obersten Klasse morgen Nacht den Rektor überfallen wollten, wenn er vom Wirtshaus heimgehen würde; sie wollten sich in Clowns-Kostüme kleiden; sie thäten es aus lauter Begeisterung für Bojesen, aber es würde ihnen doch schlecht gehen, wenn es herauskäme, meinte Sema. Auch würden sie vielleicht den Rektor schlagen, denn sie seien ganz außer Rand und Band, darum habe er, Sema, Angst. Und am andern Morgen wollten sie dann alle zu Bojesen kommen und ihm ein Geschenk bringen.

Bojesen sah nachdenklich ins Finstere. Er legte seine Hand beschwichtigend auf Semas Haupt, drückte ihm dann schweigend die Hand und ging, während ihm der Knabe lange Zeit hülflos und verlassen die schmale, dunkle Gasse nachschaute. Nebenan wohnte ein Firmenmaler, der in nächtlichen Mußestunden klassische Monologe einübte und Sema hörte ihn brüllen, während er bang in die Nacht sah.

Indes wurde Bojesen nicht müde, gegen den Sturm anzukämpfen. Er ging über die Felder; die Landschaft schien zu wogen wie aufgewühlte See, der Fluß stürzte rauschend einher und war bis zum Rand angeschwollen. Bojesen empfand ein Grauen davor, heimzukehren und sann darüber nach, wie er die Nacht zubringen könne. Darum verfiel er darauf, den „siebenten Himmel“ aufzusuchen.

Der Innenraum war raucherfüllt. Neben dem Glühenden bemerkte der erstaunte Bojesen Herrn Salomon Hecht, der sich sogleich ängstlich erhob. „Äch kann doch nächt in solche Lokale verhandeln,“ sagte er. „Kommens in mei Wohnung. Äch hab a prachtvolles Haus da draußen un a große Bibliothek hab ich aach. Komme’s amal in Fraidenkerverain, da bän äch Vorstand. Ham Se atheistische Gedichte aach gemacht? Die missen Se machen. Gestern hab äch gschprochen übern moderne Materialismus. Der Doktor Gudstikker war aach dabai. Kenne Se ’n Doktor Gudstikker? Also wenn Se was wolln, komme Se zo mir. Äch gäb Ihne Empfehlunge, so viel Se wolln.“

Der Glühende sah aus, als ob ihm mit Empfehlungen nicht ganz gedient sei und blickte neidisch auf den Pelzmantel des reichen Gelehrten, dessen Benehmen Bojesen sehr erheiterte, besonders als er die lüsternen Blicke sah, die Jener hinter den Vorhang des Podiums warf.

„Ach, da is ja der Herr Doktor Bojesen,“ sagte Herr Hecht plötzlich, als ob er ihn jetzt erst bemerkte. „Apropos, ham Se gehärt von den Goldmacher in Närnberg? Se ham en jetzt verhaft’, glaab ich. Un von den Agathon Geyer, wo se hier verjagt ham? Ham Se nix ghärt? Heit Abend war’s. Es soll e gräßliches Gewitter gewesen sei un gebrannt hat’s aach, mer waaß aber noch nix bestimmtes. Ham S’n das nit ghärt? No gut Nacht!“ Schnell schritt er davon. Bojesen, tief erschreckt, eilte ihm nach, rief ihm nach, aber Herr Hecht sah und hörte nichts mehr. Auch der Glühende, sein Schützling, eilte ihm nach, um ihm seine Gedichte zu geben, doch der Mäcen war verschwunden. Bojesen war unruhig, mochte aber nicht weiter nach Agathons Schicksal fragen, nicht aus Furcht, Schlechtes zu hören, sondern vielleicht eher aus dem gegenteiligen Grund; gerade das drückte ihn nieder und machte ihn völlig mutlos. Er verwickelte sich in eine ziemlich blödsinnige Unterhaltung mit dem Glühenden, während der Anblick des Ortes, seiner gleichsam gestorbenen Buntheit, seines völlig erfrorenen Frohsinns, seiner Fülle an umgestürzten Stühlen, Käserinden, Wursthäuten, Bierresten und geflickten Vorhängen ihn düster und verschlossen machte. Später taute die vermoderte Fröhlichkeit wieder auf. Junge Damen von unbekannter Herkunft wurden sichtbar; sie hatten Larven vor den Gesichtern, was sie wahrlich nicht häßlicher machte; dann junge Männer mit gespreizter, wollüstiger, berauschter Ausgelassenheit; Rauch, Weingerüche, das Geräusch von Küssen, zuletzt Barbin mit einer Menge seiner verschnörkelten Weisheit und dem letzten Aufgebot seiner kindlichen Eleganz. Und hier hatte Bojesen vordem eine frische, glanzvolle, jubelnde Welt erblickt.

Zwei bewußtlose Damen schliefen schon auf dem Billard, zwei wenig schamhafte Paare hielten sich unter den Coulissen umschlungen. Die Büffetdame ließ sich in einer großmütigen Apathie vom Glühenden küssen; eine Art von Kellner stieg auf den Tisch und hielt eine Rede für sich allein und für seine Brüder im Himmel; ein pockennarbiges Fräulein kletterte in einem Anfall von Weltschmerz auf den Schenktisch und langte nach der Rumflasche. Ein offenbar schwachherziges und geistesarmes Individuum vergab aller Welt alle möglichen Unthaten und schluchzte in einem anarchischen Gefühl von Solidarität vor sich hin und Barbin, dessen edlere Abstammung durch jede Linie seines Körpers dokumentiert war, vermachte dem Glühenden einen mündlichen Traktat zur Erlangung der Klassikerwürde und ließ sich bald darauf herab, die pockennarbige Dame um die Taille zu fassen und zärtlich nach ihrem Wohlsein zu forschen.

So verging die Nacht und verbrauste mit ihrem Sturm: – eine Nacht für alle und dann den Tod in den Wellen sterben, ein Wort des Glühenden, hier zu versuchsweiser Illustration gelangt. Bojesen verließ erst das Haus, als der milde Februartag schon lange angebrochen war. Er hatte geschlummert dort oder nicht geschlummert, es war ihm unklar. Er hatte auch nicht Lust, darüber klar zu werden. Oder war es kein Traum, daß ein weißer, schmeichelnder Arm seinen Hals umschlungen hatte? Ein Arm, der kalt war wie Schlangenhaut? Oder war es vor langer Zeit gewesen, in einer weit früheren Epoche? Im Café sprachen Leute von Agathon Geyer. Was kümmerte ihn, Bojesen, Agathon Geyer? Von vielen anderen aufregenden Dingen sprachen sie. Wie, der König selbst habe ein Machtwort gesprochen? Na, gleichviel. Bojesens Augenlider sind schwer. War es dann weiter ein Traum, daß er wieder im Schindelhof war bei Frau Hellmut? Daß sie allein war und daß sie lange zu ihm redete, daß sie einen alten, vergilbten Brief brachte und daraus vorlas? Ich bin kein König wie eure Könige sonst sind. Aber ich konnte kein königliches Wort aufbieten, so stark, daß es mich befreite von der Knechtschaft der müßigen Gesetze. Die Mißkönige haben es vermocht, daß die Völker Sklaven aus ihren Herren gemacht haben. Was könnte ich dir sein, mein Volk, wenn du mich nicht nur König nennen wolltest, sondern auch sein ließest.

Es war offenbar ein Traum und Bojesens Hände waren müd.

Die Straßen reingefegt, reingeleckt vom Sturm. Die Sonne dumpf, dunstig, bei verhängtem Himmel. Einem Entschluß folgend, den er schon gestern bis in die Einzelheiten gefaßt und erwogen und der ihn jetzt mechanisch vorwärts trieb, ging er ins Schulhaus, um dort die sechste Klasse zur Vernunft zu bringen und von knabenhaften Streichen abzuhalten, die ihm selbst nur schaden konnten. Er that es widerwillig, denn er hatte sich gesagt, laß diese Jugend revoltieren.

Noch immer war es düster und kalt in den steinernen Räumen. Herr Dunkelschott fühlte sich sehr bedeutend, als er sich bei Bojesens Anblick ostentativ abwandte. Die Uhr schlug acht, – so schrill, wie wenn die Glocke genau wüßte, welche Sklaverei sie vorbereite für viele jugendliche Seelen, – als Bojesen die Klasse betrat. Es brannte kein Licht, deshalb sah alles grau aus, auch die Gesichter der Knaben, auch die Straße. Sobald die Knaben ihn gewahrten, entstand ein feierliches Schweigen, sie rührten sich nicht. Dann kam einer, wohl der Mutigste, ein junger Mensch mit offenem, liebenswürdigem Gesicht, das ein wenig an die Züge Agathon Geyers erinnerte, und reichte Bojesen die Hand. Bojesen drückte sie. Dann erhoben sich auf einmal alle in blinder, sorgloser Erregung, mit einem mühsam verhaltenem Jubel, mit erstickten Ausrufen, stürmten auf den verstoßenen Lehrer ein, drückten und schüttelten seine Hände, sahen mit leuchtenden Augen zu ihm auf und die Boshaften, die Dummen und Launischen verloren alles, was sie abstoßend machte. Bojesen, in seiner Ergriffenheit, vermochte anfangs nicht zu reden; doch bald bemerkten sie seine Absicht und schwiegen bereitwillig still. Er sagte ihnen, was er sagen wollte: ernst, verständlich und verständig, und alle schienen beschämt. In ihren Blicken war das offene Versprechen des Gehorsams zu lesen.

In diesem Augenblick wurde die Thüre aufgerissen und der Rektor trat ein. Bei dem Anblick, der sich ihm bot, ging eine förmliche Versteinerung mit ihm vor. Er lallte, und seine Brille fiel von der Stirn auf die Nase. Er ließ einen eisigen Blick auf Bojesen fallen und einen finsterdrohenden auf die Schüler, die trotzig stehen blieben. Bojesen wollte nicht die Scene zu einer theatralischen Auseinandersetzung führen. Er fühlte sich zu froh und zu bewegt. Er entfernte sich mit einer sarkastischen Verbeugung gegen den Rektor, der, Gott weiß es, noch lange brauchte, um wieder in die natürliche Herrschaft seiner Muskeln zu gelangen.

Stunden vergingen für Bojesen in einer Reihe luftiger und beglückender Visionen: von einer neuen Zeit; von dem Wachsen verborgener Keime, von denen die Welt ein großes, paradieshaftes Blühen erwarten konnte. Doch als der Abend kam, wurde es wieder dunkel in ihm. Er ging über den Kohlmarkt nach der Wohnung, die Jeanette innegehabt und die noch leer stand. Die alte Dame, die hier wohnte, ließ Bojesen ungehindert eintreten. Durch ihr Lächeln leuchtete auf eigene Art ein menschliches Verstehen, als sie ihn allein ließ in Jeanettens Zimmer.

So blieb er, legte sich auf die Ottomane und ließ den gefürchteten Schatten kommen. Er dachte, daß er sie küssen könne, dann ging sie hastig, ohne zu sehen oder zu hören, an ihm vorbei. Dann kamen andere, – geschwätzige Gestalten. Alle hatten etwas zu erzählen, wobei sie auf den Zehen leicht dahinhuschten, sich ein Tuch umnahmen, es wieder liegen ließen und sie sahen aus, als hätten sie dreißig Tage lang unter der Erde gelegen.

Es war sehr spät, als er ging. Die Gassen waren leer und still. Er wußte gar nicht, wie er heim gelangte. In seiner Wohnung war alles finster. Lange stand er auf dem Korridor in quälerischem Besinnen, dann begab er sich vorsichtig und leise in das Zimmer, wo Fanny seit Wochen allein schlief, zündete eine Kerze an und setzte sich auf den Rand ihres Bettes. Er sah sie friedlich schlummern und nahm ihre rundliche Hand. Die Kerze warf tiefe Schatten auf eine Seite ihres Gesichts. Plötzlich erwachte sie. Sie fuhr jäh empor, schrie auf, streckte die Hände aus und schlug sie dann vor das Gesicht. Bojesen hielt den Blick auf die Dielen geheftet und atmete tief auf.

Am andern Morgen nahm Bojesen eine Zeitung zur Hand, die erste seit langer Zeit und las sonderbare Berichte und viele Phrasen eines Reporters über Agathon Geyer.

Vierzehntes Kapitel

Im kleinen Schustergäßchen in Nürnberg, welches vom großen Schustergäßchen gegen Burg und Weinmarkt läuft, steht ein altes, graues, düsteres Gebäude, das schwer in seinen Formen ist und gleichsam etwas Unnahbares und Zurückhaltendes an sich hat. Selten sah man zur Tageszeit das Thor sich öffnen, das von schwerem Eichenholz war und jene bewunderungswürdige Schmiedearbeit in Schloß, Angel und Glockenzug aufwies, durch die unsere alten Häuser so merkwürdig sind. Niemals hatte man des Abends oder auch zu nachtschlafender Zeit die vor Staub und Bejahrtheit gänzlich blinden Fenster erleuchtet gesehen, – kurz, dies Haus glich in allem dem übriggebliebenen Block aus einer abgestorbenen Kulturepoche, und hätte jemand das Stiegenhaus betreten können, so würde es ihm zweifellos nicht verwunderlich gewesen sein, wenn ihm vertrocknete, mürrische Ratsherren in Perrücke, Wadenstrümpfen und Schnallenschuhen, oder ein Student mit Barett und Degen begegnet wären, gerade als seien sie ohne weiteres aus einem der verblaßten Gemälde des Rathaussaales gestiegen, wo sie ein wahres Märchenleben an unaufhörlich besetzten Tafeln führen.

Das Haus war von Baldewin Estrich bewohnt. Nicht in allen seinen Räumen, sondern vornehmlich in einer großen, hohen, mit Steinen gepflasterten Küche, die ein Fenster nach dem einsamen, stillen Hof hatte mit seinen Holzgalerien und wunderlichen Säulen und Schnitzwerken. Hier verbrachte Baldewin Estrich seit ungezählten Jahren seinen Tag und einen großen Teil der Nacht, um zu experimentieren, zu analysieren, in Retorten dickliche Flüssigkeiten zu kochen, auf seltsamfarbenen Flammen noch seltsamere Körper bis zur Weißglut zu erhitzen, und was er auf diese Art suchte und erfinden wollte, war nichts mehr und nichts weniger als die Kunst des „Goldmachens.“

Wer nun annehmen würde, daß Baldewin Estrich aus gemeiner Habsucht oder aus dem Drang, reich zu werden, dies unternommen hatte, würde sehr irren. Auch war er weit davon entfernt, der Wissenschaft einen Dienst leisten zu wollen. Ja, er war sogar überzeugt, daß sein Weg von dem der Wissenschaft weit, weitab lag, und daß er ein Gespött der Fachgelehrten bilden müsse, als ein Mensch aus vergangenen Jahrhunderten, wo Wunder und Traktätchen, Zauberei und Hexenkunst die Brücke zwischen Sehnsucht und Besitz schlagen sollten. Er war nicht bethört durch jene uralten Bücher der schwarzen Kunst, jene dunklen und verschwommenen Nachrichten über rätselhafte Magier und über den verlorenen Schlüssel zu dem großen Geheimnis. Nein. Er war mit der Wissenschaft der Zeit gegangen, eifrig, unermüdet, hatte in ihre verstecktesten Winkel geschaut, ihre vergessenen Dokumente durchstöbert, war an ihr verzweifelt und in dieser Verzweiflung zusammengebrochen wie ein Kind. Denn was sie ihm bot, war nicht das, was er darin suchte, – ein Mittel, die Menschheit glücklicher zu machen, ihren wahnsinnigen Wettlauf nach Phantomen aufzuhalten. Er war eine sattsam bekannte Erscheinung in unserer Provinz und je weniger man über sein Thun wußte, je mehr wurde ihm aus Kräften der Fama zugelegt. Dann, nach seiner großen Niederlage vor sich selbst und jenen sonderbaren Idealen, begann er aus eigenen Mitteln hinauszubauen über das Vorhandene, stellte ungeheuerliche und gefährliche Experimente an, um den chemischen Urstoff zu finden, jenes vage Etwas, Äther oder sonstwie genannt, das jetzt dem Geist der modernen Forscher, lange nach Baldewin Estrich wieder so nahe gerückt ist. So kam er, wohl auf vielen, wirren Umwegen zu seiner tiefsten und wunderlichsten Lebensaufgabe, – eine für den Fremdling in diesen Gebieten erstaunliche Gedankenkette, für die aber der Gelehrte unserer Zeit ein Begreifen hat, weil ihm das Element, sei es nun Gold oder Eisen, Schwefel oder Chlor, nicht mehr ein untrennbares Eins bedeutet. Freilich wollte Baldewin Estrich mit der Praktik nichts gemein haben, und so baute er weiter, kühn und mutig, wie ein Mann, der in der Wüste wohnt und dort Städte gründet für jene späten Geschlechter, die da wohnen werden, wenn all das Meer von Sand fruchtbares Erdreich geworden ist. Durch nichts glaubte er die Menschen mehr glücklich zu machen, als durch Gold; er glaubte, ihnen den Frieden zu bringen, wenn er die heißeste Begierde stillen konnte, die sie erfüllte, oder vielmehr, wenn er ihnen so viel des Begehrten gab, daß sie der Überfluß gleichgültig machte. Die Überzeugung durchdrang mit Glut sein ganzes Innere, gab seinen Augen einen prophetischen Glanz und seinem Wesen das Gepräge der Versunkenheit und stillen Größe. Nur wenigen war er bekannt als der Auffinder aller Höhlen des Elends in der Stadt; er wußte Bescheid in jenen anrüchigen Kneipen, in denen der werdende Verbrecher Unterschlupf findet, ebenso wie der gewordene; in jenen Herbergen, wo der reisende Bettler ein Nachtquartier findet, in all den Schlupfwinkeln unter Brückenbögen, in den abgelegenen Gassen der Vorstadt, in den Remisen der Eisenbahn, an Kirchenmauern, in Kellern und übelberufenen Höfen, – kurz, an jenen Orten, wo sich das menschliche Elend beständig oder vorübergehend ein trauriges Asyl sichert, und es war, als ob er sich durch den Anblick von Schmutz und Verkommenheit in seinem Vorsatz und Eifer stärken wolle.

Er lebte ganz allein. Das weite, düstere Haus, das ihm selbst nicht einmal in seinen letzten Winkeln bekannt war, sah nur zwei Besucher von Zeit zu Zeit: seine Nichte Käthe und Frau Gudstikker. Diese kam nur, um den Kopf zu schütteln und alles, was Estrich that oder sagte, unbegreiflich zu finden; Käthe kam, um begeistert den dürftigen Reden des Oheims zu lauschen und ihm zu erkennen zu geben, daß sie an ihn und sein Werk glaube. Aber er konnte es nicht ertragen, Menschen um sich zu sehen, und oft bat er die beiden, wieder zu gehen, obwohl er, was Käthe betrifft, wußte, wie viel List und Schleichwege sie gebrauchen mußte, um zu ihm zu gelangen.

Im Laufe von neunundzwanzig Jahren hatte er sein ganzes Vermögen an seine Träume gesetzt. Nun war er arm und litt tief darunter. Er konnte einen, wie er glaubte, letzten und entscheidenden Versuch nicht ausführen, weil ihm das Kapital zur Anschaffung eines seltenen und teuren Apparates fehlte. Alles was er an Barem aufbringen konnte, betrug nicht mehr als zweitausend Mark. Er wandte sich an seinen Bruder in Zirndorf, im voraus überzeugt von der Fruchtlosigkeit dieses Schrittes, denn dieser Mann, der ihn verachtete und verspottete, würde eher eine Hand hingegeben haben, als Geld zu solch lächerlichen und frevelhaften Zwecken. Da trug es sich zu, daß Baldewin Estrich mit Nieberding bekannt wurde, – auf eigentümliche Art.

Es war in der Nacht ziemlich weit draußen in einer der Anlagen, von denen die Villen des Marienviertels umgeben sind. Estrich, gebückter als sonst, in schmerzliches Träumen verloren, schritt gleichgültig gegen Menschen und Dinge seines Wegs, als etwa hundert Schritte seitwärts, gegen den Tunnel, mehrere durchdringende Schreie hörbar wurden. Am hohen Bahndamm zog ein offenbar betrunkener Kerl ein Frauenzimmer an den Haaren nach sich. Sie lag auf der Erde, und so schleifte er sie weiter wie ein Bündel Holz und erwiderte jeden ihrer Schreie mit einem Schlag seines dicken Spazierstocks. Fast in demselben Augenblick, als Estrich dies gewahrte, sprang ein Mann aus dem Schatten eines Hausthors, stellte sich erregt vor den Burschen und forderte ihn auf, das Frauenzimmer los zu lassen, worauf ihm jener eine Flut von Beschimpfungen zubrüllte. Nieberding (dies war der junge Mann) wiederholte seine etwas pathetische Aufforderung. Der Bursche schlug ihn mit dem Ende seines Prügels vor die Brust, daß er zurücktaumelte. Aber Nieberding wiederholte in denselben Worten seine Aufforderung und fügte hinzu: „Schlagen Sie mich nur. Sie müssen sich ja schämen.“ Nichts konnte charakteristischer für ihn sein, als dieses Verhalten. Jetzt mischte sich Estrich darein. Sein grauer Bart, eine gewisse Feierlichkeit seines Wesens und ein tiefer Zorn, der nur seine Stimme vibrieren ließ, mochten Eindruck auf den Burschen machen, denn er befahl der Dirne, aufzustehen und sie gingen weiter, er fluchend, sie heulend.

Nieberding und Estrich waren fast die ganze Nacht zusammen. Nieberding nahm gierig all die Thesen des Greises in sich auf. Seine an Idealen so armen und ihrer so bedürftigen Sinne berauschten sich an dieser willkürlichen Umwertung der Materie, an diesem alten und nun wieder neu gewordenen Glauben vom Urstoff. Die ganze, fremde mittelalterlich-romantische Welt dieser Versuchsküche, das überzeugte und überzeugende Wesen des alten Mannes, der wie ein Magier sich inmitten seines Reiches bewegte, um beim leisesten Wunsch die Geister der Luft zu bannen, daß sie den leblosen Stoff durchdrangen und beseelten, all dies machte Nieberding zum Spielball einer aufregenden Vision. Und dann kam er Tag für Tag, blieb oft eine Nacht und einmal sogar zwei Nächte hindurch in dem alten düstern Bau, wo er in einem riesengroßen, halbvermoderten Patrizierzimmer übernachtete. Und nach zehn Tagen kam er und brachte Baldewin Estrich fünftausend Mark zum Ankauf des elektrischen Apparats. Ernst, mit feierlichem Schweigen nahm der Greis das Geld; dann bat er den jungen Mann, ihn allein zu lassen. Und Nieberding ging, um teilzunehmen an der Flut des Frohsinns, die der Karneval durch die Gassen schickte.

Baldewin Estrich saß wie im Fieber vor seinem Versuchstisch, die fünf braunen Banknoten neben der Hand. Er konnte die ersehnten Apparate anschaffen und die Mischung, die jetzt im Thongefäß vor ihm stand, mußte ihm zeigen, ob sein Leben ein fantastisches Irrwandeln oder ein Schicksalspfad war. Sein Arm zitterte, als er die Hand vor die Augen legte; gleich Feuerkugeln perlte es hin vor den verfinsterten Blicken. Tiefes Schweigen herrschte in dem verödeten Haus. Die Galerien des Hofes versanken mehr und mehr in die Dämmerung und eine blitzende Scheibe sah bisweilen aus dem Grund der Wandelgänge. Der Kater Marius, Estrichs einziger Gefährte während der langen, schweigenden Nächte, saß schnurrend an der heißen Glut des Kamins, und ein fernes, unaufhörliches Wagengerassel ließ die Fenster leise klirren.

Plötzlich schreckte der Alte auf, machte Licht, – eine hektische Röte war auf seine Wangen getreten, – nahm das Thongefäß, betrachtete die weiße schillernde Mischung, entzündete ein Drummondsches Kalklicht, hielt den Topf darüber und schüttete eine Säure in die dicklich kochende Masse, daß ein übelriechender Qualm den weiten Raum erfüllte und den Chemiker in einer Wolke versteckte. Dann nahm er eine pulverisierte Masse von einer sanften, violetten Färbung und schüttete eine Messerspitze voll in das Gefäß, das er dann hermetisch verschloß. Hierauf verlöschte er die Flamme, stellte den Topf ins Wasser, um ihn einem plötzlichen Erkaltungsprozeß auszusetzen und schritt dann unruhig, mit zusammengepreßten Lippen auf und ab. Als er dann das Gefäß zertrümmerte und den erstarrten Inhalt prüfte, fand er ihn unverändert, außer daß die Farbe statt des reinen Weiß in ein bräunliches Gelb spielte. Mutlos ließ er die Arme sinken. Schließlich ist die ungeheure Hitze, die ich durch den elektrischen Apparat erzeugen will, gar nicht nötig, dachte er. Aber auch so sah er kein Ziel mehr. All die Säuren und Basen, Metalle und Metalloide nahmen für ihn das Wesen von persönlichen Feinden an, mit einer ausdauernden Bösartigkeit begabt. Er zündete die Lampe an und sah in ihrem Schein das Zimmer noch erfüllt von dem unerträglichen Dunst. Er nahm ein Fläschchen vom Sims, das eine blauschwarze Flüssigkeit enthielt, die beim Licht herrliche Reflexe warf. Er öffnete das Glas, ging zum offenen Kohlenfeuer (immer noch hielt er fast krampfhaft das erkaltete Metall in der Hand) und wollte einige Tropfen auf die hochrot glühenden Kohlen gießen, um den schlechten Geruch zu vertreiben, als die Masse samt dem Glas seiner bebenden Hand entsank; auf den Kohlen zersprang das Glas und erschrocken bebte Estrich zurück, ging ans Fenster, öffnete es, und die milde Luft des Februarabends floß herein und streifte seine heiße Stirn. In tiefen Gedanken saß er am Fenster, fast zwei Stunden lang. Dann stand er schwerfällig und leise stöhnend auf, um die Lampe zu füllen, die heruntergebrannt war. Seine Blicke hefteten sich auf die halbverglommenen Kohlen im Kamin und unter all den schwarzgewordenen oder ganz düsterroten Stücken erblickte er einen großen, schwach glänzenden Gegenstand. Und je mehr er hinschaute, je mehr nahm der Glanz dieses Gegenstands zu. Seiner Wahrnehmung fast mißtrauisch gesinnt, hörte er nicht auf, starr in den Kamin zu blicken, bis ihn plötzliche Ungeduld und Erwartung näher treten ließen. Er zündete eine Kerze an, holte das gleißende Stück mit dem Feuerhaken heraus, nahm es in die Hand, schrie laut und durchdringend auf, daß es in allen Teilen des Hauses widerhallte und sank vor Schwäche auf die Kniee ...

Gold!

Er hielt Gold in den Händen.

Es konnte ihn nicht täuschen in Form und Farbe. Er wog es in der Hand, und es war schwer. Er hielt es zitternd, mit überquellenden Augen zum Licht und sein Glanz schien den ganzen Raum auszufüllen.

Gold!

Die Sehnsucht des Mittelalters war gestillt. Der Traum des modernen Forschers in Erfüllung gegangen durch die Hand eines Blinden, der nun auf dem Thron der Welt saß und die Menschheit seinen Knecht nannte. Der jeglichen Hunger stillen, jeden Durst befriedigen konnte; für den es nichts Unerreichbares mehr gab im Reich der Träume. Welcher Zufall hatte es ihm geschenkt, das edle Geheimnis? Ein langsam glühender Kohlenhaufen, eine harmlose Tinktur, – bedeuteten sie mehr als jene teuren Vorrichtungen?

Baldewin Estrich sank zusammen und weinte. Dann hielt es ihn nicht länger in dem öden Haus. Er nahm Hut und Mantel und stürzte fort. Schon war er durch viele Gassen geeilt, als er innehielt, die Hand an die Stirn legte, zurückkehrte, die eiserne Truhe aufschloß und alles was er noch an barem Geld besaß, in Gold und in Banknoten, zu sich steckte. Damit eilte er den Stadtteilen des Elends zu, den Herbergen für Handwerksburschen, den dachlosen Nachtquartieren im äußersten Norden. Und keine Stunde war verstrichen, als er zurückkehrte, – nicht allein. Eine Armee schreiender Männer und Frauen waren um ihn und hinter ihm, verkommene Gestalten, die den Tod auf den Wangen trugen oder das Verbrechen auf der Stirn, Gesellen in Lumpen, barfuß, mit bloßer Brust, keifende Weiber aller Lebensalter und aller Abstufungen des Lasters, Kinder mit den frühblassen Wangen der Not, – und diese ganze tolle, entfesselte Schar in stetem lawinenartigem Anschwellen. Wo Baldewin Estrich die Ersten aufgetrieben hatte, er würde kaum mehr fähig gewesen sein, darüber Rechenschaft zu geben, denn er handelte wie im Traum, in einer Trunkenheit, die nach Thaten verlangte. Er hatte Gold, Gold unter sie verteilt, immer mehr, und die Kunde davon ging wie ein Lauffeuer von Straße zu Straße, so daß der Haufen mehr und mehr anschwoll und zuletzt die ganze Breitegasse, so lang sie sich streckte, ausfüllte. In den Häusern wurden die Fenster aufgerissen, und lachende, winkende oder furchtsame Menschen schauten herab; die Polizei erschien in den Nebengassen und schickte sich an, das Militär zu alarmieren, aber das Ungestüm des Pöbels stieg ums Hundertfache und war durch nichts mehr in der Welt zu ersticken in dieser Stunde. In den Annalen unserer Stadt steht dieser Februar-Abend mit großen Lettern verzeichnet.

Am weißen Turm tauchte eine Abteilung des Reiter-Regiments auf mit blankgezogenen Säbeln, aber eher hätte sie eine Felsenmauer durchbrechen können, als die dicht gestaute Volksmenge, die Kopf an Kopf stand, über die es hinwogte von Schreien und Zurufen und Hilferufen und Anfeuerungen und trunkenen Lauten der Begierde. Und alles drängte nach oben, wo Baldewin Estrich totenbleich in einem engen Kreis finsterer Burschen stand, die ihm näher und näher rückten, förmlich tobsüchtig gemacht durch den Geruch des Goldes. Mit den wildesten Drohungen drangen sie auf den Greis ein, der kein Glied zu rühren vermochte. Es war, als könne er nicht glauben, was um ihn her vorging. Ihm war, als seien dies alles fürchterliche Traumbilder, diese von den scheußlichsten Instinkten bewegte Masse, die um ihn wogte, die ihn haßerfüllt anstierte, die den kleinen Kreis um ihn verengerte und verengerte, als ob sie ihn erdrücken und ersticken wollte, die nach Geld schrie und heulte, nach Geld und nach sonst nichts. Ein stürmischer und geheimnisvoller Schmerz erfüllte seine Brust, und er erschien sich wie mitten ins große Meer verschlagen, schiffbrüchig, hoffnungslos dem Tod geweiht. Da nahm er all die Banknoten in seiner Tasche mit einer leidenschaftlich verächtlichen Bewegung und schleuderte sie fort, hinein in das brodelnde Meer, den ausgestreckten Händen, den funkelnden Augen entgegen. Heisere, wahnsinnige Schreie erschallten, er fühlte sich fortgerissen wie in einem Strudel, dahingeschleudert, dorthingeschleudert, fühlte Stoß auf Stoß an seiner Brust, sah hundert andere Arme hoffnungslos ausgestreckt, und wieder die ersten, die mehr Geld wollten, mehr, da wollten ihm fast die Sinne schwinden. Er erhielt einen schrecklichen Schlag an die Stirn, sank zusammen, wurde mit Füßen getreten, fühlte Blut an sich herabströmen, und doch schlossen sich seine Augen nicht, als wolle seine Seele gewaltsam wach bleiben und alles sehend erdulden.

Und der Strom, der nun einmal in Bewegung geraten war, wälzte sich weiter. Diejenigen, die Gold erhalten hatten, waren noch unersättlicher, als die andern. Ihr Geist befand sich in einer völligen Raserei, und diese Raserei war ansteckend. Alle unterdrückten Lüste des Pöbels kamen im Verlauf von Minuten zum Vorschein. Viele zertrümmerten die Fensterscheiben der Bürgerhäuser, Steine flogen in die Stockwerke hinauf; viele Weiber benutzten ihre Schuhe oder Stiefel als Wurfgeschosse. Die Rufe: Blut! Rache! Tod! Nieder! donnerten oder kreischten durch die Luft. Die Verkaufsläden wurden eingeschlagen und mit dem Schrei: nieder mit den Juden! erstürmten entfesselte Scharen die verschlossenen Räume, demolierten Tische, Fenster, Verkaufsgegenstände und manche reizten zu Brandlegung und Plünderung. An vielen Punkten gelang es dem Militär durchzudringen; einzelne Schüsse wurden abgefeuert, denen höhnisches Gebrüll folgte. Die Infanterie war mit gefällten Bajonnetten im Anmarsch und trieb eine Horde wild kreischender Weiber und Kinder vor sich her und alles deutete auf einen blutigen Ausgang.

Während all dieser Vorgänge war ein eigentümlich schwüler Wind durch die Gassen gefahren; schwere, erschreckend schwarze Wolken waren heraufgezogen und hatten sich im Norden getürmt, während ihnen gegenüber ein Stück fast reinen Himmels lag, auf dem der klare Mond schwamm. Dann fingen aus dieser Wolkenwand, deren beängstigendes Dunkel die Firste der Häuser seltsam bleich erscheinen ließ, Blitze an zu zucken, leiser Donner rollte über die Dächer hin, allmählich anschwellend; die Blitze wurden fahler, zackiger, breiter, gleichsam schneidender und tiefer, der Donner weniger schwerfällig, und das Februargewitter hatte sich drohend angesammelt, ohne daß in dem bunten Tumult irgend jemand darauf geachtet hätte.

Die Soldaten, anscheinend nicht ohne Freude, begannen erregte Massen von Männern und Weibern vor sich her zu treiben, und einige junge Offiziere suchten einen Ehrgeiz darin, sich durch besonders kriegerisches Vorgehen auszuzeichnen. Ein vor Haß wütender Haufe von Männern stellte sich gegen eine ganze Kompagnie; die Leute an den Fenstern stießen Angstrufe aus; eine zügellose Erbitterung ergriff den Pöbelhaufen; Steine flogen unter die Soldaten, Schuhe, aufgestellte Messer, Glasscherben von eingedrückten Fenstern, ja ganze Holzklötze, bis endlich der Hauptmann Ulrichs, ein kleiner Wüterich der Garnison, unbarmherzig zu entschiedenem, offenem Angriff überging. Die wenigen, die dem Militär Trotz geboten hatten wandten sich, als sie einige Kameraden im Blut liegen sahen, zur Flucht. Alles wandte sich zur Flucht; ein panischer Schrecken verbreitete sich; nur noch verzerrte Gesichter waren zu erblicken; die Weiber stürzten hin und waren vor Entsetzen gelähmt, die Männer nahmen Kinder unter den Arm und eilten davon wie gejagt. Schreien und Weinen schallte von den Häusern herab und aus den ferner liegenden Straßen kamen Zuschauer herbei, – zahllos; bald mitergriffen von dem furchtbaren Schauspiel, schrien sie entweder so viel sie konnten, ergriffen nach dieser oder jener Seite hin Partei, folgten förmlich entflammt den immer noch thätlich vorgehenden Soldaten, wurden jedoch von der nachkommenden Eskadron Kavallerie in die Seitenstraßen vertrieben. Währenddem floh und floh der geängstigte Volkshaufen in immer mehr überhand nehmender Angst und Verwirrung und gelangte auf den Lorenzerplatz, wo die Thore der Kirche weit offen standen. Aus dem Grunde, wie aus einer endlosen dunklen Höhle schimmerte das glührote, ewige Licht und die ganze verfolgte von den Soldaten wie Gänse oder Hühner einhergetriebene Menge flüchtete sich in die Kirche, drängte sich unter heiseren Schreien hinein, zum Teil mit emporgehobenen Händen, als ob sie beten wollten, was jedoch nur deshalb geschah, weil das unbeschreibliche Gedränge sie dazu nötigte. Zornige Rufe erschallten aus dem seitab sich schiebenden Publikum; Polizisten und Gendarmen versuchten umsonst sich Bahn zu machen. Die Soldaten schienen wie trunken von blödsinniger Kampf- und Verfolgungsbegier und vernahmen die Befehle ihrer Vorgesetzten gar nicht mehr. Die ersten Reihen wollten eben durch das Thor des Domes eindringen, als eine Gestalt vor ihnen in Wahrheit förmlich aufwuchs. Die Soldaten wagten nicht vorwärts zu gehen. Sie sahen in das Gesicht dieses Menschen, Agathon Geyers, halb voll blöder Neugier, halb staunend. Die Hintersten schoben nach vorn, der Lieutenant schrie, was los sei, aber es war, als ob Agathon für sie eine Mauer darstellte. Er hielt die Arme ausgebreitet und obwohl zu beiden Seiten noch ein breiter Raum blieb, durch den viele bequem hätten in die Kirche dringen können, wagte doch keiner, sich zu rühren.

Auf einmal fuhr einer jener entsetzlichen Blitze herab, die den ganzen Himmel in Stücke zu reißen scheinen. Ein fürchterlicher Schlag folgte, der kaum fünf Sekunden andauerte. Die Häusermauern zitterten bis zu den Giebeln hinauf. Eine Totenstille trat im ganzen Umkreis ein. Mittlerweile erschallte aus einer engen Nebengasse (der Brunnengasse) ein langgezogener Schrei. Mehrere Schreie folgten. Die Leute an den Fenstern deuteten angstvoll in die Höhe und wandten die Blicke von dem Schauspiel auf der Gasse ab. Zugleich mit dem Blitz waren die großen, elektrischen Bogenlampen an der Straßenkreuzung erloschen, so daß einen Augenblick lang eine fast drückende Dämmerung den Platz füllte, die durch den Wind förmlich auf- und abbewegt zu werden schien. Dann fiel eine lange, schmale Feuergarbe aus der Höhe herab, ähnlich dem plötzlichen Aufflackern eines Strohfeuers, nur dunkler, purpurner, und zugleich wurde das Horn des Wächters auf dem Henkerturm hörbar; die Menschen fingen an zu schreien, zu heulen, mit den Händen zu deuten, liefen dahin, dorthin, die Offiziere schrien, die Pferde der ausgerückten Eskadron begannen scheu zu werden und der Chevauxlegerhauptmann rief, ohne sich um die brennende Kirche zu kümmern, man solle den Kerl, – er meinte Agathon Geyer, – augenblicklich niederschießen. Eine grauenhafte Verwirrung entstand. Im Innern der Kirche hatte sich ein ganzer Knäuel von Menschen um den Altar gedrängt und starrte empor. Der Blitz war durch die Kirche gefahren und mehrere leblose Körper lagen auf den Steinfließen ausgestreckt. Das mystische Halbdunkel des Raumes begann allmählich einer satten Helligkeit zu weichen mit unruhigen, gespenstisch flackernden Schatten. Dabei blieben die bemalten Glasfenster dunkel, hinter ihnen lag graue Nacht, denn die Brandflut kam aus der Höhe. Viele zwängten sich mit Schreien und Rufen herein, heulten nach der Feuerwehr; von draußen war ein förmliches Wogen eines fast verzweiflungsvollen Getöses vernehmlich. Dazu tönte schauerlich die Glocke vom Turm, dem brennenden; es schien, daß der Glöckner, der keinen Ausweg sah, dessen Weg nach unten in Flammen stand, es schien, daß er mit der Anstrengung der Todesangst am Glockenstrang riß, während rote und trübe Flammen, Rauch und Funken um ihn emporschlugen und einen Schein weit hinauswarfen auf öde Felder.

Agathon stand bleich wie ein Leintuch. Er streckte die dünnen Hände empor und von den weißen, mageren Armen glitt der Rockärmel zurück. Die am Altar gestanden, scharten sich bang um ihn, und jetzt kamen drohende oder warnende Stimmen, die Zurück und Hinaus riefen, auch hörte man das Gerassel auffahrender Feuerwagen, während die Glocke im Turm ganz rasend wurde und lauter hell gellende Hilfeschreie von sich gab. Agathon blickte in das versteinerte Gesicht eines der Leblosen unter ihm und der Kampf der vergangenen Wochen wurde ihm in diesem Augenblick leuchtend gegenwärtig. Wie er in Winkeln und Verstecken die Nächte hingebracht; wie er einsam auf den Landstraßen geirrt, trank- und speiselos; wie er die kalten und stürmischen Tage an sich hatte vorbeisausen lassen, wie trotzdem in einer unbezähmbaren Kraft seine Liebe zum Leben gewachsen war; wie seine Vergangenheit lautlos und stimmenlos versunken war, ein Nichts; wie sein Auge schärfer wurde für die Zeit und für die Menschen; wie er überall Geducktheit und Unfrohheit gewahrte, Hangen und Kämpfen mit einer langsam erstarrenden Religion, deren reine Züge längst verwischt waren, Unoffenheit, Duckmäuserei, geheime Empörungslust. Und je einsamer er ward da draußen, je feuriger wurden seine Phantasien von einer gewaltsamen Wandlung, und er dachte, daß nicht nur das Alte stürzen müsse, damit das Neue komme, sondern daß es gestürzt werden müsse. Er dachte, daß die Städte zerstört, niedergerissen werden, verlassen werden müßten, damit der Mensch wieder sich selbst finde, und je mehr Agathon sein ganzes Selbst aufgab in den beengenden Träumen, je mehr wurde ihm auch der Geist des Christentums zur lebenden Gestalt, die mit feindseligem Arme stand und ihm den Weg versperrte; und dahinter, einem Gespenst gleich, klein und zäh, heuchlerisch und gewandt, der Jude, jetzt mehr als je bereit, den alttestamentarischen Mantel abzuwerfen und in das neuere Kleid des ehedem geächteten Nazareners zu schlüpfen. Aber Agathon dachte dies nicht eigentlich, sondern schwelgte in glühenden Träumen, seine jugendliche Phantasie saugte sich fest an den Brüsten des Lebens. Und wie er sich Herr über die Kräfte der Natur fühlte, empfand er auch Macht über die Menschen. Er dachte, als er jetzt eine bebende Menge sich um ihn drängen sah, daran, wie die Kinder ihm gefolgt, als wären sie durch einen Zauberruf angelockt, wie ihm die Bauern Essen und Trank gegeben, ohne daß er darum gebeten. So berührte er mit der Hand den Körper eines der vom Blitz Hingestreckten, während die Kommandorufe der Feuerwehrleute erschallten, das Militär dem fessellosen Zudrang Neugieriger Einhalt that, das Dach eines benachbarten Hauses vom Feuer ergriffen wurde, die Glocke des Turmes schwächer, gleichsam hinsterbend erschallte, die Dämmerung in der Kirche einer hellen Brunst wich und ein halb wahnsinniger junger Priester in die Flammen stürzte, die auf den Altar herabgefallen waren, um das Allerheiligste zu retten. In diesem Moment bewegte der leblos Daliegende die Hand; Agathon, selbst bestürzt, wich zurück, Rufe wurden laut, die Kirche müsse geräumt werden; vor dem Portal stand ein Dekan und hob beschwörend die Hände, Gebrause und Zischen der Spritzen erschallte; da stieg Agathon auf eine Bank und gellte hinaus in den Raum mit einer Stimme, als ob es gälte, über den ganzen Erdkreis hinzuschreien:

„Laßt sie brennen, die Kirche!“

Er sah viele Gesichter unter sich verzerrt und lauernd zu ihm aufblicken, elende, sorgenvolle Stirnen, Munde mit kriechendem, fast flehentlichem Ausdruck, Kinder sogar, deren kranke Glieder er zu empfinden glaubte, und es war, als könne er durch das ganze Elend der Welt hindurchblicken, über die ganze reich verknotete Schnur des Daseins, die in die Abgründe Geburt und Tod verläuft, und er schrie noch einmal: „Laßt sie brennen, die Kirche!“ Er hatte das Gefühl, als sähe er alle Menschen sterbend nach ihm schauen, und er dünkte sich wie der Vater eines neuen, freien, Gott-losen Geschlechts. Der fanatische Priester stürzte auf ihn zu und wollte ihn herunterreißen; seine fahlen, asketischen Wangen zitterten vor Gier, aber die Menge schützte Agathon. Die Gefahr nahm zu; Agathon riß eine brennende Leiste vom Altar, hielt sie hoch wie eine Fackel und wandte sich dem Thore zu, gefolgt, umringt von einem erregten Schwarm.

Die Glocke hatte aufgehört zu läuten.

Fünfzehntes Kapitel

Agathon verlor sich bald unter der vor Erregtheit wie wahnsinnigen Volksmenge. Obwohl viele ihm nachstürzten, obwohl ein Offizier mit dem Säbel nach ihm deutete und ein berittener Gendarm das Pferd nach ihm lenkte, verlor er sich bald in fernere Gassen. Sinnend ging er weiter, den Blick stets ins Unbestimmte geheftet, wie von einem Räderwerk fortbewegt, durch Gassen, die er nicht kannte, die leer waren, in denen die Schritte hallten, an Häusern vorbei, die zu zucken schienen, sich zu besinnen schienen, ob sie ihm den Weg versperren sollten. Der Himmel war licht geworden, – ungewöhnlich licht, schien es Agathon; flimmerlose Sterne waren angeheftet wie Perlen, die Milchstraße war wie der Rauch aus einem Bäckerschlot, die Bäume der Alleen standen wie Lanzen am Weg, erleuchtete Fenster im Weiten waren wie große Blutstropfen, durch die ganze Natur ging es wie ein Recken, Sichaufrichten. Dann lag die Stadt im Rücken, eine vielgezackte Silhouette, ein Knäuel Unglück, schwarz, ungeheuerlich starr, still, greifbar deutlich, in der Mitte ein glühender Fleck, eine beginnende Säule: der Brand, der im Verlöschen war, da oder dort ein Loch, da oder dort ein Fabrikschlot wie ein riesenhafter Finger. Dann nahm ihn der Wald auf; groß, dicht, leer von allen Geräuschen der Welt, eine drückende, zentnerschwere Finsternis. Hier atmete Agathon auf. Er legte sich aufs Geradewohl hin; obwohl es sehr kühl war, mehr als kühl, verfiel er sofort in einen bleiernen Schlaf, schlief weiter, als der Tag graute, weiter als es Abend wurde und wiederum Nacht und that erst die Augen auf, als ein klares, kleines Stück Mond im Hinabsinken begriffen war. Er preßte die Hände gegen die Schläfen und meinte, vierzehn Jahre lang geschlafen zu haben, fühlte sich freier, mutiger, reicher an Hilfskräften, an Vertrauen, an Überzeugung. Er starrte eine Weile hinein in den Wald, empfand dann Hunger, erhob sich, erblickte bald das freie Feld, sah den Schmausenbuk unweit im bläulichen Nachtdunst und die Burg sich erheben über der Stadt.

Er hatte kein Geld, um in einer Schenke etwas zu sich nehmen zu können. Er hatte auch bisher kein Geld gehabt. Die Leute hatten ihm gegeben, mehr als er gebraucht, um satt zu werden. Sie wurden durch seine Person und sein Wesen in hohem Grade für ihn eingenommen. Er hatte eine außerordentliche Milde, zu lächeln. Er war sehr schön und sehr groß. Auch der einfachste Mann konnte seine tiefen Leidenschaften, sein mächtiges Herz, seinen überlegenen Mut, die Wildheit seiner Wünsche ahnen. Seine saft- und kraftvolle Jugend sehnte sich nach Thaten. Seine Seele war nicht mehr niedergedrückt durch den Gedanken einer einzigen, furchtbaren Macht im Himmel. Dadurch erklärten sich seine kühnen Wünsche, seine stolze Haltung. Nie grübelte er, sondern träumte nur. Sein Blick hatte etwas von dem unbestimmten Blick eines Pferdes edler Rasse.

Er kam in die Stadt zurück. Wieder leere Gassen, dunkle Fenster, diese kaum wahrnehmbare Traurigkeit gleich feinem Reif über dem Ganzen. Säulen mit Plakaten, verschlafene Schutzleute, hallende Stundenschläge, hallende Schritte. Eine Stadt ohne König, ohne Wille, ohne Kraft, ohne Leben dachte Agathon, und er fühlte sich einsam. Er dachte an die Menschen hinter all den Fenstern, an die Art ihres Schlafes, ihrer Träume, an die Stärke ihrer Todesfurcht, an ihre Krankheiten, ihre Sorgen. Er kam in eine breite Straße außerhalb des Weichbildes, wo in einem Erdgeschoß drei Fenster erleuchtet waren. Gegenüber befand sich eine Allee, und am Wege war eine Bank. Agathon setzte sich, müde vom Schlaf, hungrig, durstig und doch erwartungsvoll, als ob er jetzt in ein neues Leben träte nach diesem vierzehnjährigen Schlaf. Die gelbe Portiere des einen erleuchteten Fensters färbte sich mit Bildern, schwankend und gleitend, die dahinglitten wie Wolken am blauen Himmel. Nebenan hinter dem Busch rieselte das Wasser eines Brunnens vertraulich und leise. Plötzlich erschien unter den unwirklichen, hingeträumten Bildern des Vorhangs ein Schatten, dann wurde der Vorhang aufgezogen, das Fenster geöffnet, und eine weibliche Gestalt erschien in seinem Rahmen. Dann knirschte das Thor, die Gartenthüre kreischte und ein Offizier, fest umhüllt mit dem Mantel, schritt über die Straße. Agathon hatte sofort die Gestalt am Fenster erkannt.

Die Luft war lau, klar und unbewegt. Sie verkündete den Frühling. Sie schien aufzusteigen aus dem Erdboden wie ein warmer Brodem, umwand Baum und Stein, kroch an Häusermauern empor bis zum Mond. Agathon ging hinüber gegen das Fenster, das bei seinem Nahen geschlossen wurde, – langsamer als es geöffnet worden war. In diesem Augenblick fühlte sich Agathon verlassen. Das Schließen des Fensters glich für ihn einem höhnischen Zurückweisen. Er blickte an seinen Kleidern herab, sie waren in schlechtem Stand; seine Stiefel waren zerrissen. Aber dennoch waren die Frühlingslüfte in der Welt und außerdem hatte man den Karneval mit seiner freilich etwas hilflosen Lustigkeit.

Er ging weiter und die Nacht erschien ihm starrer, so daß selbst das ferne, ununterbrochene Bellen der Hunde nicht mehr in ihr widerhallte. Nach einer Stunde vielleicht kam er wieder an dasselbe vornehme Haus, vor dasselbe Fenster, und wieder war das Fenster geöffnet und Jeanette lehnte weit heraus, den Kopf auf beide Arme gestützt, spähte hinein ins Finstere, war unbeweglich, und ihr Gesicht erschien bleicher als selbst die bleiche Mauer des Hauses. Agathon blieb stehen und grüßte hinauf. Sie fuhr zusammen, veränderte ihre sphinxhafte Haltung und stieß einen dumpfen Schrei aus. Dann schlug sie die Hände zusammen und rief Agathons Namen.

Einige Minuten später war er im Zimmer. Sie selbst hatte ihm geöffnet und saß nun vor ihm, während er stand, seine Blicke in einen Spiegel geheftet hielt und über sein eigenes Gesicht erstaunt war. Jeanette blickte ihn forschend, überrascht, beinahe unterwürfig an.

„Ich weiß alles,“ sagte sie. „Wie hast du das wagen können? Hattest du nicht Furcht?“

„Was weißt du?“ erwiderte Agathon befremdet.

„Und wie wagst du es, Agathon, noch in der Stadt zu sein? Sie suchten dich ja. In den Zeitungen steht es, alle Welt spricht davon. Alle möglichen Verbrechen sollst du begangen haben. Ein ganz gefährlicher Mensch sollst du sein.“

„Aber wie konnten sie meinen Namen wissen?“ fragte Agathon nachdenklich.

„Ich weiß nicht. Es wollen dich einige erkannt haben. Darunter auch ein gewisser ... Goldsticker, ein Schriftsteller oder ... Ja, der Schriftsteller hat deinen Namen genannt.“

„Ach, Gudstikker! Natürlich, es war eine That für ihn. Aber wie geht’s dir?“

„Nein, dir. Was hast du getrieben? Mein Gott, wie siehst du aus! Ich muß dich jedenfalls bei mir verbergen. Nun erzähle.“

Agathon wußte nichts zu erzählen. Er berichtete flüchtig, wie von gleichgültigen Dingen und wurde allmählich unruhig.

Jeanette brachte ihm zu essen. Es war schon spät in der Nacht. Schweigend blickte sie ihn an. Agathon fragte noch einmal, wie es ihr gehe, aber sie schüttelte den Kopf. Sie trug ein Nachtgewand aus blauer Seide mit Spitzen um den Hals und an den Handgelenken. Dies gab ihrer ganzen Erscheinung etwas Ruhiges und Vornehmes und ihrem Gesicht einen friedlichen, kindlichen Ausdruck. Sie wandte den Blick nicht von Agathon, der plötzlich unter der Glut ihrer Augen erblaßte und das Glas, das er in der Hand hielt, sinken ließ. Dies schien sie aufzurütteln. Sie lachte und erzählte das und das, von ihrem Leben in Paris; daß sie nächstens in die Residenz gehen würde, weil der König sie zu sehen wünsche; daß sie inzwischen zu Ruf und Ruhm gekommen sei; sie erzählte Episoden, schien begeistert von dem heitern, bunten Leben, das sie führte, das sich ihr täglich in neuen vergnüglichen Bissen darbot. Es war zuletzt, als ob sie phantasiere, so sehr geriet sie in Hitze über das freudig Schäumende, Wohlschmeckende dieses Daseins. Dann ging sie plötzlich zum Klavier und begann zu spielen, trotz der tiefen Nacht, gleichsam zum Trutz der ganzen Bürgerschaft, spielte leicht, duftig, aber auch leichtfertig, endigte mit Mißtönen, die klangen, als ob sich jemand auf die Tasten setzte, schlug krachend den Deckel zu, lachte mit ihrem knirschenden Lachen in die Richtung des Fensters, nachdem sie sich auf dem Sessel umgedreht hatte. Ganz unmotiviert spielte sie nun auf ihre pikanten Abenteuer an, und als sie schwieg, machte sie den Eindruck einer abgehetzten Läuferin. Ihr Kopf war nach hinten gebeugt, ihre Lippen ein wenig geöffnet, die Adern des Halses klopften stürmisch, so lehnte sie gegen das mattglänzende Ebenholz des Klaviers, die Ellbogen nach rückwärts auf den Deckel gestemmt und sah in die Höhe. „Bist du müd?“ wandte sie sich zu Agathon. „Wenn du müd bist, kannst du in dein Zimmer gehen.“ Sie schaute ihm fremd und befangen ins Gesicht. Agathon mußte aufstehen. Sein Herz wurde weit und weiter, hatte nicht Raum mehr.

„Ich liebe nämlich die Nacht,“ sagte Jeanette leise. „So sitzt man da und denkt aller seiner Sünden. Liebst du nicht deine Sünden, Agathon?“ Wieder traf ihn dieser Blick, der gleichsam aus ihrer geöffneten und flammenden Seele zu kommen schien. „Weißt du, ich möchte dumm sein,“ fuhr sie fort. „So dumm, daß ich nicht wüßte, wie man lügt; so dumm, daß ich Respekt vor den Männern hätte, so dumm, daß ich fromm wäre. Dann würde ich beten. Ich würde beten ... na, das ist gleich. Nun will ich tanzen. Setze dich dort in die Ecke. Das Licht müssen wir dämpfen. So.“

Sie tanzte, indem sie leise dazu sang oder vielmehr summte. Sie tanzte mit schwermütigen Bewegungen, die unwillkürlich an das Hingleiten eines Körpers auf ruhigem Wasserspiegel erinnerten. Aller Spott war aus ihrem Gesicht gewichen, die Augen waren halbgeschlossen, beschattet durch die langen, roten Wimpern, die Arme hatten das Kleid gefaßt. Agathon schaute lange hin, und es war so, daß er bald meinte, das Blut müsse aus ihrer Brust sickern bei diesem schmerzlichen und düstern Ringen ihres Körpers. Plötzlich, der Übergang war so grell wie der von der Dunkelheit zur Feuerhelle, reckte sie sich auf; ihr Gesicht erhielt ein frivoles Leben und nun tanzte sie den goignade, einen altfranzösischen Tanz voll wollüstiger Exstase. Agathon biß die Lippen zusammen, ihm schwindelte. Sie war völlig entfesselt, jauchzte dabei und schwang die Röcke. Als sie fertig war, lächelte sie flüchtig, nickte und sagte kühl, Agathon solle in das Zimmer nebenan, das für ihn gehöre. Damit ging sie. Agathon wartete lange Zeit, aber sie kam nicht wieder. Er betrat das Nebenzimmer, ließ aber die Thüre offen, damit er das Licht sehen könne, legte sich in den Kleidern aufs Bett, faltete die Hände unter dem Hinterhaupt und verblieb so mit offenen Augen, bis der Morgen anbrach.

Dann erhob er sich und trat zum Fenster. Er war beunruhigt, erregt, und mit dem Wachsen des Tages nahm seine Erregung zu. Er fand nicht Ruhe in diesen kostbar ausgestatteten Räumen; es schien ihm, als sei seine Seele zusammengeschrumpft. Als Jeanette spät am Vormittag erschien, erstaunte er über die Veränderung an ihr. Sie war müde; die Haut ihrer Wangen war etwas schlaff, der Blick hart, ihre Bewegung mühsam, ihre Worte kalt. Bisweilen brach die Erstarrung in einer heftigen Geste, in einem circenhaften Blick. „Hast du geschlafen?“ fragte sie.

„Wessen Blut steckt eigentlich in dir?“ fuhr sie unvermittelt fort. „Ich kenne keinen von den Leuten, bei denen du aufgewachsen bist, der mit dir zu vergleichen wäre. Und auch sonst –“. Sie stand auf, stellte sich hinter seinen Stuhl, legte beide Hände auf seine Schultern, so daß er den Kopf zurückbog, um sie zu sehen, und sie fragte, indem sie ihre Augen tief in die seinen bohrte: „Hast du die Kirche in Brand gesteckt, Agathon?“

Agathon machte sich los von ihr und entgegnete langsam: „Wolltest du, daß ich es gethan hätte?“

Sie schwieg finster. „Es ist wahrscheinlich, daß es der Blitz gethan hat,“ sagte sie dann mit einem seltsam boshaften Ausdruck. Sie standen sich eine Weile stumm gegenüber, endlich meinte sie spöttisch lächelnd: „Aber du mußt andere Kleider bekommen, trotzalledem. Bist du zornig?“ fügte sie erschrocken und demütig hinzu, als sie die Röte auf seiner Stirn gewahrte. „Ich will dir etwas sagen. Ich werde alle Thüren zusperren, meine Dienstboten fortschicken, die Rollläden schließen und Nacht sein lassen.“ Alles dies sagte sie fast kühl, hinwerfend. Agathon vermochte kaum klar zu werden.

„Daß wir beide Juden sein müssen!“ rief sie aus, als sie sich in einen Winkel gesetzt hatte. „Ich fühle das ganze Alter des Judentums auf meinen Schultern und alle seine Verbrechen, alle seine Leiden. Ich habe alle seine Fehler in mir; ich bin der pure Verstand und die pure Schwäche. Ich bin grüblerisch und scheu, feig und frech, ich liebe die Nacht und das Orgelspiel und bin gern geistreich, wie du siehst. Und du, was bist du eigentlich? Wie kommst du zu uns mit deiner reinen Stirn? Du sollst ja auch ein Wunderthäter sein. Ja, ich spüre es. Wenn du willst, bin ich deine Magd. Das habe ich dir schon einmal versprochen. So werden alle Worte wahr. Mein Gott, mein Gott, wie kann man so viel reden! Der reine Brunnen Versiegenicht.“

Agathon lächelte. „Brunnen Versiegenicht. Ein Lieblingswort von Bojesen.“

„Bojesen ... lieber Gott, ja.“

„Du kennst ihn?“

„Ja doch. Warum soll ich Bojesen nicht kennen.“

„Er ist sehr interessant.“

„Gewiß, sehr. Alle Männer sind interessant. Vor der That.“ Sie lachte. Plötzlich ging sie, nahm Agathons Kopf zwischen beide Hände, zog ihn mit einem gewaltsamen Ruck herab und küßte ihn auf die Lippen. Fast zugleich aber ließ sie ihn wieder los und starrte ihn an, bleich, mit weiten Augen. „Diese Lippen!“ flüsterte sie bewegt. „Du hast noch nie ein Weib geküßt?“ Langsam ergriff sie seine Hand, beugte sich und küßte auch sie. Agathon dachte an Monika, die einst ein gleiches gethan. Warum?

„Was bist du? Was willst du?“ fragte sie ihn nach einem langen Schweigen.

„Was ich will, das ist zu schwer für Worte. Was ich will ... Den Menschen den Himmel nehmen und ihnen die Erde geben, Jeanette, das ist alles, was ich will. Freilich, viele haben schon die Erde, aber nur die Erde ohne den Himmel, sie wissen, daß der Himmel fehlt. Verstehst du? Sie müssen die reine Erde haben, ohne Kreuz, ohne Abfall, ohne Verzicht, ohne Abrechnung mit einem Droben. Ja, es ist mir jetzt klar. Sie haben bloß Genüsse und Schmerzen. Aber es ist wie mit dem Vogel im Käfig. Er hat keine Freude, auch beim schönsten Futter nicht und wenn es der bequemste, vergoldetste, mildeste Käfig von der Welt ist. So ist der Himmel ein Käfig für die Menschheit geworden. Und das ist so lang her, daß sie gar nicht mehr das Gitter gewahren und meinen, sie könnten fliegen. Aber solange ein einziges Gebet auf der Welt ist, können sie nicht fliegen. Ich will die Stäbe zerbrechen, Jeanette, oder nur einen, ein anderer nach mir zerbricht vielleicht mehr. Und wenn auch dann das Dach herunterstürzen und viele zermalmen wird, das schadet nichts. Nur die Großen, die Unterdrücker werden dann zermalmt, Simson der Thäter und die Philister werden zermalmt, aber die Gefangenen werden frei und werden ein neues Geschlecht gründen.“

Sein bleiches Gesicht spiegelte sich strahlend in den Bewegungen der Seele. Jeanette sah ihn an und vergaß seine Jugend, wie alle, die mit ihm sprachen. Ein reiner Strom umfloß sie, der Strom reiner Gefühle. „Und was willst du thun für diese Idee?“ fragte sie, mühsam lächelnd. „Sterben natürlich, wie alle diese Schwärmer.“

„Sterben? Nein, leben.“

Ihre Augen trafen sich. Agathon wandte sich ab vor ihrem Blick.

„Schwärmer! Schwärmer! Gütiger Himmel, wohin träumst du? Aber ich liebe dich, Agathon; ich liebe dich seltsam. Und was denkst du dir unter dieser ‚Freude‘ da? Auch so ein Wort wie viele Worte. Nicht?“

„Es müßte so ein griechischer Glanz sein, der von einem zum andern strahlt. Man dürfte nichts mehr verehren, nicht mehr die Natur, weil man selbst die Natur, selbst ein Stück Wald, ein Stück Meer ist, der Lehrer müßte Freund sein und vieles andere. Alles ohne Trunkenheit, verstehst du, Jeanette, ohne Gelehrsamkeit, jedes Ding eine Welt und die Welt ein Ding. Alle Juden müßten ausgerottet werden, nicht der Körper, aber der Geist, denn aller Glaube ist Judentum. Immer werden die Juden, auch die Christen sind Juden, immer werden sie neue Götter bringen. Immer werden sie eine neue Art von Heiland bringen. Warum lächelst du? Ja, es ist wahr. Siehst du, jetzt kann die Menschheit ihre Kinderschuhe verlassen und der liebe Gott kann eine andere Erde großsäugen. Dann ist das Leben nicht mehr wie ein unverdientes Geschenk oder wie eine unverdiente Strafe. Dann giebt es keine Todesfurcht mehr, keine Verbrechen mehr, dann wird alles größer, unermeßlich größer. Aber ich kann nicht das Eigentliche sagen, ich kann dir nicht das Bild schenken, Jeanette.“

Ein langes Schweigen entstand.

„Du meinst vielleicht, es ist dieser Atheismus,“ begann Agathon wieder. „Nein, das wäre ja borniert. Die Atheisten sind bloß ungezogene Kinder und sie wollen selber Papa spielen, wenn der Vater ausgegangen ist. Du weißt ja, wie ichs meine, drum lachst du so verschmitzt. Aber siehst du, Jeanette,“ fügte Agathon etwas schüchtern hinzu und leiser als bisher, „eins fehlt mir noch und ich weiß nicht was es ist. Es macht mich unruhig in der Nacht und quält mich bei Tag und es ist mir, als stünde ich vor einer dicken Mauer. Dann bin ich wie ein Kind.“

Jeanette lag mit aufgestütztem Ellbogen auf dem Diwan, während ihre Füße den Boden berührten. Die Linien der Beine zeichneten sich durch den Stoff hindurch ab, und Agathon blickte wie gebannt auf diese etwas gewaltsam geschwungene Kurve, während ihn Jeanette mit einem heißen, träumerischen Blick gleichsam suchte.

Am Nachmittag wurden Kleider gebracht für Agathon, sowie ein Domino, denn Jeanette wollte, daß er abends mit zum Fest ginge. Er wunderte sich über ihr Wesen, das so sehr an Grellheit abgenommen hatte, über ihren Gang, der etwas Wiegendes, Zögerndes, Erwartendes hatte, über ihre Worte, die bald kühn, bald zaghaft, bald heftig, bald gedrückt waren.

Der Festsaal war groß und reich. Die Mitte des Raumes, der die Höhe einer Kirche hatte, war von bläulich-grünem Licht erfüllt. Die Galerien und Wandelgänge waren durch Glühlampen erleuchtet und glichen einem breiten, düstern Feuerband, das um diese milde Dämmerung geschlungen war, in der die Säulen traumhaft glänzten, die Guirlanden wie aus dem schwülen Duft herausgewachsen schienen, die künstlichen Rosen wie Blut schimmerten und der goldverbrämte Plafond einem glühenden Abendhimmel glich. Das bunte Treiben erweckte Agathon den Eindruck des Geräuschlosen, Zauberspielhaften; alle Farben flossen in ein Bild, alle Töne in einen Ton, alle Heiterkeit hatte ein Ziel, und dies wogende Murmeln war wie das ferne Branden eines Meeres, über dem der Tag aufgehen will.

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