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Die Juden von Zirndorf

Die Juden von Zirndorf (continued 5)

Reading edition

Aber plötzlich, ganz mit einem Male, auf einen Anstoß, wurde Agathon sehend. Und zwar in solchem Maß, daß er vor Grauen, Scham und Beleidigung wie verwundet war. Er schritt einen etwas abseits gelegenen Wandelgang dahin, als er einen alten und ziemlich zerlumpten Mann am Seitenausgang stehen sah. Der Alte spähte lauernd und unruhig in den Saal, legte die Hand wie einen Schirm gegen die Augen und murmelte. Bald darauf kam ein junges Mädchen, deren Bewegungen graziös und fast kindlich waren, auf den Alten zu, und ihr Mund unter der Maske verlor sein Lächeln. Sie reichte dem Alten Geld; mit unbeschreiblicher Gier riß er ihr die Münzen aus der Hand und flüsterte ihr etwas zu, wobei seine Augen fast aus den Höhlen traten. Das Mädchen nickte und der Alte humpelte hinaus. Das Mädchen setzte sich auf eine Bank, drückte beide Hände gegen die Brust und atmete auf, dann warf sie beide Arme in die Luft, als wolle sie den Wirbelwind von Gedanken beschwichtigen und sprang wieder mit dem kindlichen Gebahren, das sie forcierte, davon. Agathon suchte ihr zu folgen, verlor sie aber aus den Augen. Er sah statt ihrer einen befrackten Herrn, der zu Komplimenten verbogen war wie ein Fragezeichen, einen andern, der übernächtig fahl, von Säule zu Säule schlich in der Art eines Gewürms, lichtscheu, träg, voll Verachtung, Müdigkeit, Hinfälligkeit; einen dritten, dessen Lachen wie ein Schuß war, der abgefeuert wird, eine nahende, nagende Angst, das fletschende Gespenst seiner Sorgen wieder zu verscheuchen; einen vierten, der, künstlich und aufgeregt, geschäftig herumeilte und dessen Züge durch eine Aufgabe von eingebildeter Wichtigkeit bis zur wilden Erregung zerwühlt waren; einen fünften, der grinsend und nickend durch die Reihen strolchte, der Cynismus in Person, mit einem von Lastern aufgepflügten, vom Unglück mit Narben gezeichneten Gesicht; einen sechsten, der voll Anstand, Schüchternheit und Zuvorkommenheit sich allenthalben überflüssig schien, um dessen Mund eine wachsende Bitterkeit lag, während in seinen Augen fast greifbar der Entschluß zu einem Verbrechen zu lesen war; ein Weib, das kichernd, sich drehend, mit erlogenem Lächeln, mit erstohlener Anmut, von einem Chor befrackter Bettler bezaubernd genannt wurde; ein zweites, das mit allen Kräften heimisch zu werden suchte in diesem Haus zusammengetragener Lustbarkeit; ein drittes, das mit geheimer Angst die Maskengarderobe aus dem Gewölbe des Verleihers einer öfteren Musterung unterzog und heftige Bewegungen zu vermeiden suchte; ein viertes, das mit erhitzten Blicken und eisiger Seele dasaß, während die Sorge um die Haltbarkeit der Schminke sie im Innern beschäftigte. Und hinter der Buntheit der Gewänder, der Höflichkeit der Worte, hinter den ziehenden Blicken, den vom Wein geröteten Stirnen und benetzten Lippen, was lag da? Agathon sah es. Hundert Schicksale öffneten sich ihm wie auf einen Schlag; auf einen Schlag wurde der Vorhang von hundert Bühnen, von hundert Augenpaaren gezogen, daß es vor seinen Blicken dalag wie ein schwärender Knäuel Jammer, ein ungesichtet zusammengeworfener Haufen Schmerzen, ein Mischmasch von Betrübnissen, Verbrechen, Betrug und Lügen. Jener dicke Herr mit dem gütigen, ehrenhaften Gesicht hält das Glück von Hunderten wie an einer Schnur, und er wird all dies Glück, das ihm anvertraut ist, morgen getrost an der Börse verspielen; den ungünstigen Fall erwägend, hat er bereits eine Schiffskarte im Portefeuille. Dieser unwiderstehliche Stutzer, der so diskret lächelt, ist ein Arzt, der durch schmutzige Manipulationen in seiner eigenen Meinung längst der Schatten eines anständigen Menschen ist. Jene bleiche Dame mit dem schwermütigen Blick lebt nur, sich zu amüsieren, und es amüsiert sie, die Schwermütige zu sein; ihr Haus ist ein finsteres Bild der Verkommenheit, der Vernachlässigung, der Sittenlosigkeit, des geraubten, erborgten Prunkes, des versteckten Hungers; jener wohlwollende Graubart ist ein unentdeckter Bankdieb; jene pastorenhafte Gestalt schachert mit jungen Mädchen; jener imposante Schwarzbärtige ist ein nichtswürdiger Wucherer; jener behäbige und joviale Greis ist ein gefürchteter Verleumder ... Und hinter ihnen, welch ein Chaos: verödete Stuben, thränennasse Betten, von Lastern befleckte Hände, das wahnsinnige Geheul Unterliegender, Gefesselter, das verschwiegene Lächeln der Sieger, die erheuchelte Trauer, der verstellte Hochmut, der Hunger, die Schande, die Raserei der Liebe, Krankheit und Tod, eine Armee bis zur Tollheit verzerrter Gesichter, die im Geschwindmarsch dem Abgrund zueilten, eine ganze fallende, stürzende, vermorschte Gesellschaft und darüber, darunter – nichts.

Es war Agathon, als ob sein Körper durch die zermalmende Wucht der Visionen zusammengepreßt würde. Es war ihm, als dränge sich die gärende Masse des Unglücks, ein schreiender Haufen Verfolgter an ihn, erflehe Hilfe, Rettung, und gepeinigt floh er, erreichte die Straße, eilte weiter, ohne sich umzublicken und wußte kaum, wie er in Jeanettens Wohnung kam. Er hatte sie selbst, seit beide den Saal betreten hatten, nicht wieder gesehen. Das Dienstmädchen öffnete ihm, wollte Licht machen, aber er bat sie, ihn im Finstern zu lassen, fiel wie vernichtet aufs Sofa und krampfte sich zusammen wie ein Sterbender.

Lange mochte er so gelegen sein, als er einen Hauch an seiner Stirn verspürte. Er schlug die Augen auf; die Nacht kam ihm doppelt so finster vor. Hierauf bemerkte er einen schwarzen Schatten, der sich nah an seinem Körper gegen das unsicher verfließende Licht des Fensters abhob. Erschrocken tastete er mit den Händen vor sich und tastete in knisterndes Haar. „Jeanette,“ flüsterte er dumpf. Sie kniete bei ihm. Er glaubte, ihre Augen flammen zu sehen; es entstand eine Hitze um ihn, die aus diesen Augen zu kommen schien. Er wurde starr am Körper und seine Sinne badeten sich in einer Erregung, die seine Brust zusammenschnürte gleich einem Strick. „Jeanette,“ flüsterte er wieder. Diesmal war es fast ein Hilferuf.

Jeanette zündete eine Kerze an und legte eine große, blutrote Orange neben den Leuchter. Ihr Gesicht war um vieles bleicher als sonst, aber von einem zitternden Leben erfüllt. Sie stand an der mit purpurfarbenem Tuch verhangenen Wand und das meergrüne Kleid, das sie trug, warf förmlich Strahlen gegen diese dunkle Farbe. Ihr Hals, entblößt, leuchtete im Rahmen der Haare, und ihre Brust hob sich schwer. Einer warmen Welle gleich lief es von ihr zu Agathon. Er saß und blickte sie unverwandt an und glaubte, eine Stimme zu hören, welche ihn rief: wo bist du, Agathon?

Jeanette lächelte und trat an den Tisch. Er setzte sich zu ihr, so nahe, daß ihre Körper sich streiften, und Agathon wurde völlig ausgefüllt von dem Bewußtsein dieser großen, und wie ihm vorkam, unverdienten Nähe; die Welt rückte für ihn plötzlich in eine maßlose Ferne; versank in einen Abgrund. Jeanette schälte und zerlegte die Orange und Agathon erlebte jede ihrer Bewegungen mit, ja, es war ihm, als ob er selbst die Frucht zerteilte. Dann reichte sie ihm ein Stück und er aß. Er fühlte nicht die Süßigkeit der Frucht, es wurde ihm kaum bewußt, daß er aß. Sie beschäftigten sich damit, die ätherischen Öle der saftreichen Schale in die Flamme zu spritzen; es knallte und zischte, beide lächelten. Agathon lächelte aber wie über etwas Fernes, in einem andern Leben Erlebtes, er lächelte Jeanettens Lächeln mit, vielleicht aus Furcht, daß sie aufhören könne zu lächeln. Plötzlich machte Jeanette eine halbe Drehung gegen ihn; ihr Gesicht wurde beinahe steinern, ihr Blick verschlingend groß, unbarmherzig wild, und er sah ihre Zähne schimmern. Sie stand auf.

Die Kerze war erloschen. Agathon fühlte zwei Arme um sich geschlungen und an seinem Halse die kalte, feuchte Berührung eines Mundes. All seine Sinne schmerzten, daß er glaubte, es müsse mit ihm zu Ende gehen, daß er die Nacht schier verwünschte. Was er dann empfand, war eine sich ausbreitende Angst, das Gefühl, als ob das Zimmer luftleer sei, und endlich eine verzweifelte, brennende Begierde.

„Was zitterst du so?“ fragte Jeanette leise. Dann knisterten wieder ihre Kleider; es fielen ihre Haare herab und hüllten seine Hände ein. Er lag mit offenen Augen, die wie erblindet waren und fühlte die warme Haut ihres Körpers, und ihn schauerte bis ins innerste Mark seiner Knochen. Sie küßte ihn; er dachte, daß sie ihn besser hätte nicht küssen sollen, denn er glaubte, zu ertrinken in einer heißen Gischt, sein ganzer Leib war ein zuckender Schmerz, der alles in einen übermäßigen Rausch versetzte, dann kam ein bewußtloses Versinken, – aus einer großen Höhe, tiefer und tiefer; das anfänglich blendende Licht verlor sich, und plötzlich fiel er wie zerschmettert nieder auf Steine und blieb liegen, voll von einem grenzenlosen, vorher nie erfaßten, noch geahnten Jammer.

Er wußte nicht mehr, wie er sich erhob, in die Kleider kam, wie er das Zimmer verließ, auf der Straße stand, die sich breit hindehnte in einem mühsam aufquellenden Morgennebel. Er sah einen Garten vor sich und sah das Thor offen; er streckte sich hin auf den Sockel eines Brunnens, der noch mit Stroh umwunden war; er streckte sich hin und legte den Kopf auf die Arme und begann bitterlich zu weinen. Nicht mühselig flossen seine Thränen, sondern reich.

Als er aufsah, war die Sonne emporgegangen aus glühenden Dünsten, aus der Umarmung riesenhafter Wolken. Ein Hahn krähte. Kräftige Frische war in der Luft. Die Nebel der vergangenen Nacht hatten den Karneval mitgenommen. Die Sonne des Aschermittwochs vergoldete manchen Garderobefetzen im Kehricht.

Jeanette lag noch da, wie er sie verlassen. Sie schlief. Ihr Gesicht hatte etwas so Eisiges und Totes, als ob das Leben nie wieder in die Züge zurückkehren sollte. Die geschlossenen Lider hatten eine Müdigkeit, die an den vollen Tafeln des Lebens entstanden und genährt worden war. Das über und über wirre und krause Haar zeugte von einer leidenschaftlichen Gutmütigkeit. Durch die Spalten der Gardinen fiel ein schmales Sonnenband auf ihre schneeweiße Brust.

Als sie zusammen frühstückten, blickte ihn Jeanette scharf an und sagte: „Nun, du siehst wohl, daß die Welt aus Schmutz besteht.“

Agathon schwieg.

„Du siehst, was ich bin,“ fuhr sie fort. „Und du kommst und verlangst, daß wir nicht mehr glauben sollen. Das ist ja ohnehin unsere Krankheit. Ja, ja, rede nicht, ich weiß schon, weil wir schwach sind, müssen wir stärker werden und so weiter. Aber jetzt ist deine Mauer gefallen, Agathon, und du hast nicht gedacht, was für eine schmutzige Sache sie verdeckt.“

„Ist es nicht vielleicht deswegen Schmutz, weil wir es so wollen? Weil du es willst?“ fragte Agathon. „Oder deswegen, weil Christus es gewollt hat? Weil wir uns der Genüsse schämen? Könnte es das nicht sein, Jeanette? Liegt nicht in der Vereinigung von Mann und Weib Unsterblichkeit und Unvergänglichkeit? Und nur darin? Wozu Götter? Ein Gott ist schon Götzendienst. Warum sollte das Schmutz sein, was so erhaben sein kann? Du mußt nicht lachen.“

„Wirklich? Kann es das? Nein, so was! Kann es so erhaben sein? Köstlich. Ihr Männer seid unverbesserliche Trunkenbolde.“

„Was hast du nur, Jeanette?“

Sie sprach mit starrem Blick vor sich hin: „Auch du, auch du, Agathon, mußtest fallen. Niemals hätte ich es geglaubt. Es ist mir ganz klar, wozu es dich treibt, klarer wie dir. Du willst die Sinnlichkeit wieder auf den Thron setzen, den sie seit zweitausend Jahren verlassen hat. Das liegt in dir, spricht aus deinen Worten, strahlt aus deinen Augen. Ja, eher kannst du dein Hirn verbrennen, oder du mußt neue Menschen formen. Das ist alles unanständig, was du willst, verstehst du, unanständig; das ist das Wort, das dich erdrosselt. Wenn du es aus der Welt schaffst, dann glaube ich an dich. Ist es nicht unanständig, wenn wir die Kleider abnehmen und uns sehen? Ist es nicht unanständig, Kleider zu haben und an Liebe zu denken? Ach, nur die Kleider sind schuld, daß wir so krank lieben. Und dann bedenke, eine Religion, die nicht die Sinnlichkeit erstickt, schleudert die Könige vom Thron. Gott, ich bin so klug. Ich freue mich so, daß ich klug bin. Pfui, ich mag nicht mehr leben.“

Eine Zeitlang schwieg sie, dann stand sie so heftig auf, daß der Stuhl hinter ihr auf den Teppich zurückfiel. „Nun sollst du alles wissen. Damit wenigstens ein Mensch weiß, was ich leide. Nicht mich ruft der König, sondern ich habe alles daran gesetzt, um zu ihm zu kommen. Keinen Schleichweg, keine Hinterlist habe ich gescheut. Er soll mein letztes Medikament sein. Vielleicht finde ich dort Heilung. Es geht ein Stolz und eine Hoheit von ihm aus wie ein Sturm übers ganze Land. Denn siehst du, ich langweile mich. Ich langweile mich, seit ich auf der Welt bin. Ich langweile mich bei Putz und Schmuck und beim schönsten Sonnenaufgang und beim schönsten Gemälde. Versteh mich recht, es ist mehr als die Langweile, aus der müßige Frauen Ehebruch begehen, Dummköpfe zu Verbrechern werden, aus der die Hälfte alles Übels in der Welt geschieht. Nein, ich habe noch keinen einzigen Menschen kennen gelernt. Ich war in Paris am Herzen der Erde gelegen und habe gezittert mit den Pulsschlägen der Nacht, ich habe den vornehmsten Pöbel rasend gemacht mit tanzen, ich habe jubelnd sämtliche Tugend zum Teufel gehen lassen, – nein, ich habe mich gelangweilt. Ich habe mich in den Betten gewälzt, die Kissen zernagt und jeden Tag verflucht; ich habe um Krieg gebetet und ein grauenhaftes Kanonenmodell konstruiert, ich bin in die Berge gegangen und einsam geblieben; ich habe die berühmten Männer aufgesucht und fand sie so öde, daß mir war, als müßte ich sie in den Arm zwicken, damit sie wenigstens einmal schreien möchten, – alles war umsonst. Und was willst du, armer Agathon, hier! Geh fort, auch ich packe heut mein Bündel und fahre. Geh, aber sei vorsichtig, denn du bist ja ein gefährlicher Mensch.“ Sie ging zum Fenster, riß es auf und sog mit geblähten Nasenflügeln die Luft ein. Als Agathon nicht ging, stampfte sie mit dem Fuß auf und knirschte mit den Zähnen wie ein bösartiger Hund.

Ein leises, aber bald anschwellendes, helles Gemurmel wurde hörbar. Eine lange Prozession von Kindern zog die Straße herab. Die zuerst Kommenden beteten, wodurch das silberhelle, monoton gleitende Murmeln entstand; die letzte Schar sang. Alle Gesichter hatten eine so abenteuerliche Gleichgültigkeit, eine solch dumme und gequälte Feierlichkeit, daß es zugleich lächerlich und schrecklich war. Den Nachtrab bildeten sechs Ministranten in weißen Gewändern; zwei trugen ein ungeheures schwarzes Kreuz. Jeanette sah darauf, und ihr Blick war gänzlich fasziniert. Sie schauderte.

Agathon wich zurück vor ihr und ging. Ihm war, als ob er eine Tote verließe, deren Seele man da draußen schon zum Grabe geleitete.

Auf der Straße folgte er dem Leichenzug in der Nähe des Wagens, der den Sarg trug, – einen kleinen, schmalen Kindersarg, der nicht schwarz und nicht anders war, obwohl er vielleicht hatte schwarz sein sollen. Es war ein blasses und gebrechliches Häuschen und der Tod hockte mit einem Kranze darauf und sang im Chor. Agathon meinte, er müsse den Tod um die Zukunft fragen, da das Leben so schweigsam war.

Sechzehntes Kapitel

Nach dem unerwarteten Erfolg seines Buches hatte sich Stefan Gudstikker beeilt, die vornehme Bel-Etage eines vornehmen Hauses zu mieten. Seine stolze Mutter hatte es verschmäht, bei ihm zu wohnen, und sie hatte gelacht, als er ihr Geld anbieten wollte. Er betrieb eine eigene Art von Leutseligkeit gegen seine Bekannten, die darin bestand, daß er seinen berühmten Namen, auf Visitenkarten gedruckt, häufig in ihre Briefkasten schob; er ließ das Haar ein wenig länger wachsen, den Bart ein wenig imposanter stutzen, kaufte einen Brillantring, der beim Schreiben ein schwüles Feuerwerk von Strahlen gab, ließ sich photographieren, und zwar in einem Smoking, in einer Kravatte von durchbrochenem Rips, den Cylinder in der Hand, mit fest nach vorwärts gerichtetem, gleichsam unparteiischem Blick und etwas mitleidig verzogenem Mund. Nach solchen Vorbereitungen beschloß er, seinen Kollegen in der Hauptstadt ein Rendez-vous zu geben und sprach gegen seine vertrauten Freunde stirnrunzelnd von den Kniffen, die er werde anwenden müssen, um gewissen Festlichkeiten zu entgehen. Seine Gewohnheit, einsam zu sein, lasse ihn diesen Schritt nur mit großer Überwindung thun.

Kisten und Koffer waren gepackt. Die Fenster standen offen, und ein würziger Strom Vorfrühlingsluft floß herein. Gudstikker war beschäftigt, seine Reiselektüre zu sichten, als sich die Thüre öffnete und Monika Olifat hereinkam. Sie öffnete die Thüre nur wenig und schob sich furchtsam durch den Spalt. Sie hatte mit einem großen Shawl den Kopf verhüllt. Gudstikker war so überrascht, daß er die brennende Cigarre fallen ließ. Doch dies dauerte nur einen Augenblick; dann war er völlig gefaßt, ja, er schien sich sogar zu freuen. Er ging hin und bot ihr die Hand.

Monika sah nicht, daß er ihr die Hand gab. Sie setzte sich oder sie sank vielmehr auf einen der herumstehenden Koffer, ließ den Blick unsicher umherschweifen und murmelte: „Du gehst fort, Stefan?“

„Aber natürlich, Närrchen, ich muß doch,“ erwiderte Gudstikker. „Begreifst du denn nicht, daß ich muß? Am fünften führt man mein Stück auf und heute, – na ja, noch drei Tage. Willst du dich nicht lieber auf den Stuhl da setzen?“

„Also du gehst fort,“ wiederholte Monika mechanisch. „Du gehst fort.“ Und sie wollte die Hand an die Stirn heben, ließ sie aber im Schoß ruhen. Beide Hände lagen da, schwer, aneinandergepreßt.

Gudstikker lächelte schnell unter seinem schwarzen, koketten Bart hervor. Dann nahm er ihre Hand und sagte: „Liebes Kind, die Pflicht ruft. Da ist nichts auszurichten. Wer aber sagt denn, daß ich nicht wieder komme, nicht wieder zu dir komme? Wer kann es wagen, dies zu behaupten? Sieh doch selbst; angenommen, wir könnten uns nicht wieder treffen, selbst diesen Fall angenommen sage ich, bliebe uns nicht die köstliche Erinnerung übrig, dir und mir? Flammen in der Vergangenheit wärmen selbst die Zukunft, sagt irgendwo ein großer Dichter. Du wirst das verstehen, denn du bist ja so klug wie wenig Weiber. Ist es denn ein so großes Unglück, einmal an dem vollen Becher des Lebens getrunken zu haben? Die Hauptsache ist, daß man satt ist, verstehst du. Ich behandle ein solches Thema in meiner neuen Arbeit. Es ist außerordentlich interessant, sie werden Gift und Galle spritzen, die Herren Kritiker, aber das macht Spaß. Ich habe den Plan meiner Mutter erzählt; sie meint sogar, daß es eine ganz philosophische Färbung hat. Sie hat ihr eigenes Urteil in derlei Sachen, weißt du. Mein Gott, was hat sie aber auch durchgemacht! Da ist es leicht, Philosophie zu haben. Nach dem Tod meines Vaters ist es ihr verdammt schlecht gegangen. So schlecht, daß sie ihr Brautkleid, eigentlich das Theuerste, was sie besitzt, ins Pfandhaus tragen mußte. Und bis heute hat sie es nicht wieder einlösen können. Man kann getrost sagen, daß es ihre Lebensaufgabe geworden ist, ihr Brautkleid wieder einzulösen. Trotz alledem hat sie sich nie von ihrem Hund trennen wollen. Ein prickelnder Stoff, was? Da kann sich ein Balzac die Zähne ausbeißen. In letzter Zeit kränkelte sie übrigens. Du könntest einmal hingehen. Aber rege sie nicht auf. Nur keine Scenen, mein liebes Kind, nur keine Scenen, und vor allem keine Dummheiten. Noch etwas, – daß du mir eine ordentliche Hebamme nimmst, und wenn möglich einen geschickten Arzt dazu. Deine Mutter hat ja keinen Dunst von solchen Sachen, ta chère maman hehe. Ich muß sagen, ich freue mich außerordentlich. Es ist eigentlich ein erhebendes Gefühl. Wie? Was sagst du?“

Monika hatte sich erhoben und starrte hinaus gegen den Himmel, in eine lange Linie rosenroter Wölkchen. „Nun ja,“ sagte sie gepreßt. Das war alles. Ihre beiden einst so frohen, einst so frischen Augen glänzten verräterisch, und als sie mit kurzem Nicken sich zum Gehen wandte, perlte Thräne auf Thräne herab, ohne daß sie es zu hindern vermochte. Im Treppengang lehnte sie sich an einen Pfeiler und hielt ihre Stirn mit beiden Händen.

Es zeigt sich, daß zweihundert Jahre das Gemüt der Menschen nicht verändern, daß dies nur eine winzige Phase ist im Prozeß der Umwandlungen. Es scheint, als ob Charaktere oder Seelen über Jahrhunderte hinweg in einer neuen Kette von Erscheinungen und Ereignissen zu neuem Dasein erwachen müssen. Es ist dann gleichgültig, ob dieser Wiedergekehrte Thomas Peter Hummel oder Stefan Gudstikker heißt.

Gudstikker stand am Fenster, pfiff eine Arie und betrachtete ebenfalls die rosige Wolkenkette. Und in den Pausen seiner Kunstausübung murmelte er: „Jaja, die Weiber, die Weiber.“ Dann dachte er daran, sich von seiner Mutter zu verabschieden und er machte sich auf den Weg.

Als er in die Stadt ging (seine Wohnung lag am Engelhardtspark in der Nähe derjenigen Nieberdings), dunkelte es schon. Gudstikker fand sich unvermittelt aus seiner siegesgewissen Stimmung gehoben. Er ging am Redaktionshaus des „Tagblatts“ vorbei, als ein schriller Lärm ihn aufmerksam machte. Seine zu jeder Zeit wache und geschäftige Neugier hieß ihn stillstehn und lauschen. Er vernahm ein immer zunehmendes Keifen, Brüllen, Schimpfen und Fluchen. Dazwischen wurde eine klagende oder mahnende Stimme laut, und endlich wurde eine Thüre mit aller Wucht zugeworfen; dann war es still. Gudstikker wollte seinen Weg fortsetzen, als unter dem Thor des Hauses die Gestalt eines Greises erschien. Gudstikker erkannte Baldewin Estrich und lachte. Eigentlich war es ihm kaum klar, weshalb er lachte, denn der Alte bot bei den zahlreichen, halbgeheilten Narben an Gesicht, Hals und Händen einen ziemlich jämmerlichen Anblick; aber das hielt ihn nicht ab. Er raisonnierte dabei: Gold machen allein wäre ja nicht so schlimm, das thun wir ja alle auf unsere Art; aber Baldewin heißen außerdem –!

Indessen kam Estrich auf ihn zu und erkannte ihn, obwohl er ihn erst einmal in Zirndorf gesehen hatte, obwohl es dunkel war und obwohl er erregt schien von dem Streit.

„Was haben Sie denn dort drin gemacht?“ fragte Gudstikker lustig, jedoch, wie ihm schien, sehr menschenfreundlich. Er gedachte, sich auf eine Seelen-Analyse dieses „Originals“ vorzubereiten.

Der Alte blieb stehen und sah unsicher umher. „Wo kann man trinken?“ murmelte er. „Ich habe Durst!“

Gudstikker führte ihn in eine nahe Kneipe, wo als einziger Gast ein jüdischer Hausierer saß, mit seiner Tagesbilanz beschäftigt, ein Glas Zuckerwasser vor sich.

Baldewin Estrich bestellte Schnaps. Gudstikker, der sich immer noch als der Mann über einer komischen Situation fühlte, lächelte die Tischplatte und demnächst seine etwas besser gepflegten Fingernägel wohlgefällig an.

In der Schenke qualmte nur eine einzige Lampe. Die Fenster waren geschlossen und schienen auch seit Jahrzehnten geschlossen zu sein, der Atmosphäre nach zu schließen. Draußen war es noch nicht finster; die Tiefe des Himmels war noch gelb. Estrich schaute in sein Glas und sagte: „Junger Mann, ich habe abgerechnet. Ich bin leergepumpt, hohl, ein hohles Faß. Ich habe gelebt, jawohl; aber für was? Für einen Fußtritt, da haben Sie’s. Jetzt bin ich an der Reihe, Fußtritte zu geben. Also aufgepaßt, da sind Zündhölzer: zwanzigtausend Gulden, achtzigtausend Mark, sechsunddreißigtausend Mark, fünftausend Mark und daneben ein kleines Loch und daneben ein kleiner Mann und daneben ein kleines Schnapsglas ... hihihihi! Jetzt kommen meine Fußtritte. Meine Katze erbt mein Haus, punktum. Meine Katze erbt mein Gold. So. Und wenn ich auch noch keinen Notar und keine Zeitung für mich hab’, ich setz’ es durch. Kein Mensch soll über meine Schwelle, so lang sie noch Schwelle, so lang mein Haus Haus bleibt. Jetzt kommen meine Fußtritte, ihr satansträchtige Brut, ihr Wanzenfutter, ihr Christen und Juden. He du! He! He Jud!“

Der Hausierer hob den Kopf. Als er das funkelnde Metall in Estrichs Hand gewahrte, kam er näher. Vor dem Tisch schnappte er jäh zusammen wie ein Messer, und seine Augen schienen herauszufallen. „Gott der Gerechte, was ham Se da in der Hand? Werd’s doch user nit sein Gold? Is es? Is es wahrhaftik? Odder welln Se machn zon Schoode en arme Jüd? Es is, schemaa Jisroel, es is! Gott was e scheener Glanz! Gott was e scheenes Gold! Chutzpeponim, was haste zum Narrn en arme Meschofesjüd! Gott, was e scheenes, was e faines Gold!“

Gudstikker hatte nicht mehr Lust zu lachen. Im Gegenteil. Furcht und Scham malten sich auf seinem Gesicht. Vielleicht seit seiner Kindheit zum erstenmal vergaß er seine Rolle als Redner. Vielleicht zum erstenmal wurde er erschüttert durch ein Bild der großartigen und bejammernswerten Lebensschlacht. Der Hausierer stand da mit ein wenig vorgestreckten Händen, und eine verschlingende Habgier brannte in seinem Gesicht, grub neue Furchen und Runzeln hinein; seine Glieder bebten, sein Kopf schaukelte mechanisch mit einer leisen Bewegung hin und her, seine Finger krallten sich allmählich einwärts und seine feuchten Lippen lallten. Baldewin Estrich schien sich nicht sättigen zu können an diesem Anblick. Er streichelte das Metall, und halb scherzend, halb schmeichelnd trällerte er eine Cadenz. Dann erhob er sich. Sein Gesicht nahm einen überaus düstern und feindseligen Ausdruck an. Er spie aus, schleuderte sein Glas gegen die Dielen, daß es zerschmetterte, warf Geld auf den Tisch und verließ mit kräftigem Schritt und erhobenem Kopf den Raum, wobei seine langen Haare flatterten.

Während Gudstikker die Stufen hinunterschritt, die von der Kneipe auf die Straße führten, stieß er so heftig mit einem Menschen zusammen, daß ihm der Hut vom Kopf in die Gosse flog. Als er sich umsah, empört und bereit zu schimpfen, war es Nieberding, den er in der letzten Zeit näher kennen gelernt hatte. Nieberding schien nicht allein zerstreut und abwesend, sondern auf seinem Gesicht spiegelten sich auch die Bilder aufregender Sorgen. Auf seinem Gesicht lag jener leise Ekel, in den sich bei schwachen Naturen so schnell jede Mißstimmung verwandelt, und ohne sich zu entschuldigen, man hätte glauben können, ohne den Stoß gefühlt zu haben, eilte er seinem Hause zu.

Er war in fieberhafter Ungeduld, das was er gehört, der Schwester mitzuteilen. Er klopfte an ihre Thüre, doch sie antwortete nicht. Er drückte auf die Klinke, doch sie war versperrt. Er pochte stärker und rief ihren Namen, umsonst. Er ging wieder in den Salon zurück und schritt unruhig umher. Seine matten Augen lagen viel tiefer als sonst; der suchende, krankhafte Glanz in ihnen teilte sich bei längerer Betrachtung dem ganzen Gesicht mit. Seine Hände schienen ein eigenes Leben für sich zu führen, schienen stets mit einander im Kampf zu liegen, sich gegenseitig aufzureiben, worauf sie dann wieder lange Zeit bewegungslos und müde herabhingen. Sie schienen begierig danach, sich im Gebet zu falten, begierig nach einem Leiden.

Nieberding hatte seltsame Gerüchte vernommen über Jeanette, die sich in einem der königlichen Schlösser aufhalten sollte. Überall im Volk gärte eine gewisse Erregung über das Schicksal des Königs, eine Unruhe, die täglich zunahm, ein wachsender Haß gegen die Minister, gegen den Hof, gegen die Familie des Fürsten, eine nahezu thatbereite Neugier. Leute, die den König einmal gesehen, hatten ihn nie wieder vergessen. Der Eindruck seiner Person war so tief, daß, wer ihn sah, selbst ein Stück Vornehmheit und Adel in seiner Seele davontrug. Er stand so außerhalb alles Gewöhnlichen, Menschlich-Alltäglichen, daß der Nimbus, der seine Handlungen umgab, fortwährend blendender und hinreißender wurde.

Als Cornely noch nicht kam, rief Nieberding die beiden Dienstboten. Sie wußten nichts bestimmtes. Da pochte Nieberding, von einer schmerzlichen Ahnung erfaßt, noch einmal so heftig er konnte an die Thüre. Dann lauschte er und glaubte nichts zu vernehmen als einen Seufzer, der wie durch viele Tücher gedämpft herausklang. Nun erbrach er mit Hilfe des Dieners die Thüre.

Es bot sich ihm dieser Anblick: Seine Schwester lag mit nacktem Oberkörper vor einem großen Christusbild, das sie sich heimlich verschafft haben mußte, denn Nieberding hatte nichts von seinem Vorhandensein gewußt. Ihr unglücklicher Körper war mit Striemen bedeckt. Ihr Gesicht war entstellt, die Lippen zu einer schmalen Linie verzogen, die Brauen bogen sich angestrengt über den Lidern. Nieberding schob den Diener ungestüm hinaus und kniete nieder zu ihr; hob sie auf und legte sie aufs Bett. Statt sie wiederzubeleben, starrte er sie an, während sein Herz langsamer schlug.

„Cornely,“ flüsterte er an ihrem Ohr.

Sie schlug die Augen auf. Dann zog sie bebend die Decke bis an den Hals hinauf.

„Was hast du gethan, Cornely?“ sagte Nieberding, in dessen Gesicht eine zunehmende Furcht sichtbar war.

Cornely richtete sich verstört empor und griff nach der Hand des Bruders. „Geh nie mehr fort,“ stammelte sie. „Ich kann nicht mehr schweigen. Ich habe dich geliebt, liebe dich Edward, es ist entsetzlich. Drücke meine Hand nicht so. Dafür büße ich vor Jesus Christus, denn schon lange bin ich keine Jüdin mehr. Ich denke genau so wie du.“

„Schwester!“ rief Nieberding und wich zurück.

„Versteh’ mich recht,“ fuhr Cornely fort, allmählich in einen fieberhaften Ton verfallend, „nicht als Bruder habe ich dich geliebt. Nein, so, daß ich keinen Schlaf, keine Ruh’ mehr hatte von der Stund’ an.“

Die Furcht in Nieberdings Gesicht nahm beständig zu. Einmal blickte er um sich, als erhoffe er durch irgend einen Zwischenfall Befreiung von dem Gequälten der Situation. Wirklich erschien gleich darauf die Gestalt Bojesens vor der Schwelle und hinter ihm eine Sekunde lang das neugierig grinsende Gesicht des Dieners.

Bojesen war erstaunt; doch es schien, als ob er sich nur mit Mühe in dies Erstaunen finden könne, gegenüber einem Gegenstand, der ihn bis jetzt gänzlich in Anspruch genommen hatte. Seine Kleidung wies solche Spuren geheimer und mühselig verborgener Vernachlässigung auf, daß, wer ihn früher gekannt, nunmehr Mitleid fühlte und noch mehr als das. Obwohl Nieberding erleichtert aufatmete, als er den Eindringling gewahrte, wandte er sich ihm doch mit einem ungeduldigen und unwilligen Stirnrunzeln zu.

„Sie wissen nicht, wo Agathon Geyer ist?“ begann Bojesen ohne weitere Einleitung als einen flüchtigen, mürrischen Gruß.

Nieberding antwortete verwundert, er kenne Agathon Geyer gar nicht. Er wurde immer mehr verwundert durch Bojesens nervöses, förmlich zuckendes Wesen. Er fuhr sich zahllose Male mit der flachen Hand über die Stirn und lächelte verstört in sich hinein.

„Ich habe ja gar nicht gefragt, ob sie ihn kennen,“ sagte Bojesen und blickte sich mit leeren Augen im Korridor um, wohin ihn Nieberding geführt hatte.

„Aber was giebt es denn? Was haben Sie?“

„Entschuldigen Sie, daß ich komme,“ murmelte Bojesen. „Entschuldigen Sie nur. Natürlich können Sie nichts wissen. Aber seit heute morgen renne ich bei allen möglichen Leuten herum, hier und in Nürnberg. Deswegen komme ich auch zu Ihnen. Kennen Sie die Schrift?“ Er hatte einen verschlossenen Brief aus der Brusttasche gezogen, dessen Adresse er Nieberding hinhielt.

Nieberding erbleichte. „Es ist Jeanettens Hand.“

„Jeanettens Hand, sehr richtig,“ erwiderte Bojesen mit einem hämischen Zucken der Mundwinkel. „Jeanettens Hand, die in meinem Haushalt alles Geschirr auf die Dielen wirft, sehr richtig. Ich glaubte schon Ruhe zu haben vor Jeanettens Hand. Aber das braucht Sie ja gar nicht zu interessieren. Es ist nur ein Fingerzeig für meinen Biographen. Er kann dann meiner Lebensbeschreibung den Titel geben: ‚Jeanettens Hand‘.“

Nieberding, der feige vor den Herzensqualen seiner Schwester zurückgewichen war, sah sich hier einer neuen Verwicklung von Schmerzen gegenüber. Auch ihn hatte der Gedanke an Jeanette erregt, doch Bojesen erschien ihm so überlegen an Leidenschaft, daß er Angst hatte, ihn zu einem gewaltsamen Ausbruch zu reizen. „Und was will sie? Weshalb schreibt sie an diesen Agathon?“ wagte er endlich zu forschen.

„Ach fragen Sie nicht so frisiert. Sie schreibt an ihn. Punktum. Ich wußte es stets. Sie hat auch mir geschrieben. Sie bittet mich bei allem, was mir heilig sei, als ob’s dergleichen noch gäbe, ja, also ich solle Agathon suchen und ihm den Brief geben. Sie wisse niemand, an den sie sonst schreiben könne. Ich solle keinen Schritt scheuen, ihn zu finden. Nun, da dieser Agathon auch von der Polizei gesucht wird, ist die Sache schwierig. Sie wissen ja, was man sich von dem merkwürdigen Menschen erzählt. Der Brief, den sie mir schreibt, ist auf seltsames Papier gekritzelt. Schwarz mit grüner Tinte. Der Poststempel ist von irgend einem Dorf da im Hochgebirg. Gehen Sie mit mir nach Zirndorf. Das wollt’ ich Sie bitten. Ich kann nicht allein. Es sind so öde Strecken. Oder wir wollen einen Wagen nehmen. Bezahlen müssen Sie.“

Wie gebannt starrte Nieberding in das leidenschaftlich erregte Gesicht des Lehrers, auf dem die trübe Korridor-Ampel ein unruhiges Schattenspiel veranstaltete. Fast willenlos nahm er den Hut vom Kleiderstock und ging, sich von der Schwester zu verabschieden. Er fand sie am Fenster stehend. Befangen und schuldbewußt reichte er ihr die Hand; er komme bald wieder.

Sie schien zuerst nicht verstehen zu können. Dann nickte sie. Ihr Blick wandte sich fremd auf die dunkle Landschaft. Als Nieberding die aufgebrochene Thür von draußen angelehnt hatte (er that dies mit einem gewissen Eifer, als könne er dadurch die Schwester für sich günstig stimmen), nahm Cornely einen Shawl, hüllte den Kopf damit ein, strich die wirrgewordenen Haare flüchtig zurück, schlug mit einer krampfhaften Gebärde die Hände zusammen, dann legte sie einen Schlüsselbund und ihre Geldbörse auf das Bett und kurze Zeit darauf stand sie unter den noch kahlen Bäumen der abschüssigen Wasseranlagen. Sie beschleunigte ihren Schritt nicht. Sie ging immer langsamer, oft mit geschlossenen Lidern, mit einem Ausdruck im Gesicht, der ein Gemisch von müder Erwartung und furchtsamem Horchen war. So glich sie einer fast verwelkten Pflanze.

Sie hatte geglaubt, als sie von Hause ging, sie suche den Tod; aber jetzt bemerkte sie, daß es nicht der Tod war, den sie suchte. Das wurde ihr so jähe klar, daß sie fröstelnd stillstand und überlegte. In der einen Straße befand sich ein Lastwagen, und auf ihm waren, trotz der Abendstunde, noch Leute damit beschäftigt, dicke massive Eisenschienen auf Strohbolzen herabfallen zu lassen. Es gab ein hallendes Getöse, ein schrilles wuchtiges Klingen, das dem Geschrei einer fernen Volksmenge glich; in einer andern Straße spielten Kinder, so als ob die Nacht gar keine Unterbrechung für ihr Spiel bringen würde; in einer andern Straße rauften zwei Dienstmänner und brachten ein Droschkenpferd zum Durchgehen. Das war gewöhnlich, aber für Cornely war es Leben. Sie kannte solches Leben nicht; jetzt jedoch sah sie das Leben über die Schürzen der Mädchen huschen, die über die Straße liefen; sie sah es tropfen von den Balkonen, wo man die Zimmerpalmen begoß; es kletterte in Gestalt einer Katze über die Zäune, es bellte als Hund, es läutete als Abendgeläut.

Mit jedem Schritt klammerte sie sich fester an diese neuen Vorstellungen. Sie dachte an Jeanette, an das Pfänderspiel von einst und bekam plötzlich Sehnsucht, Jeanette zu sehen. Sie vergaß, daß Jahre hingegangen waren seit der Stunde jenes Pfänderspiels und es kam ihr vor, als könne sie Jeanette treffen wie damals, wenn sie nur das Haus des Barons betrete. Als sie aber wirklich vor dem Gebäude stand, schämte sie sich und kehrte seufzend um.

Sie kehrte um, nach Hause, setzte sich an den Rand ihres Bettes nieder und dachte nach. Sie grübelte über sich selbst und durch welche Umstände und Fügungen sie zu dem geworden, was sie eben war. Es schien ihr, als ruhte die Lügenlast von Jahrhunderten auf ihr und drücke sie nieder, ersticke jede Freiheit, jeden Willen zur Freiheit. Unter all diesen Gedanken war auch einer, der sie zittern ließ. Zittern vor dem Reichtum, vor der Fülle, die sie jetzt umgaben. Ihr Vater war Sklavenhändler in Amerika gewesen. Dies war genug für sie, daß sie die Seelen Hingepeitschter in den Polstern versteckt sah, daß die Luft um sie herum erfüllt schien von aufbewahrten Rufen des Jammers und des Schreckens. Unwillkürlich erhob sie sich, als fürchte sie, die Berührung mit dem Holz des Bettes könne sie beschmutzen und ihre Bedrücktheit stieg bis zu einem kaum erträglichen Grad. Von einem Abgrund zum andern getrieben, haltlos, voll mystischer Sehnsucht und sinnlicher Begierde, glaubte sie, das Herz springe ihr unter dem wachsenden Druck entzwei. Fast mechanisch, wie ein Fallender nach einem Halt greift, nahm sie Bleistift und Papier und schrieb, ohne auszusetzen, fast ohne sich zu besinnen, mit glühenden Augen und in völliger Selbstvergessenheit:

Sag’ mir an, du trübes Gespenst, Was du Wissen und Leiden nennst? Sag’ mir, du ruhige Finsternis, Warum Gott seinen Sohn verließ? Sprich, du Himmel ohne Gnaden, Weshalb hat mich der Freund verraten? O sprich, du lange Einsamkeit, Was ist Tod und was ist Zeit? Da begann das trübe Gespenst: Was du Wissen und Leiden nennst, Das ist kraft eines deutlichen Traumes; Das ist Spiel jenes bunten Saumes, Saum vom Kleide der Ewigkeit, Kraft eines langerloschenen Lichts, Dies ist Wissen, dies ist Leid Und sonst nichts. Sprach die ruhige Finsternis: Warum Gott seinen Sohn verließ, Das ist kraft seiner Lust zur Freude; Das ist Kampfspiel, das stets erneute Hangen und Bangen am Lebensbaum. Gott wünschte einen Sohn des Lichts; Seine Vaterliebe, sie ist nur ein Traum Und sonst nichts. Sprach der Himmel ohne Gnaden: Mit Recht hat dich der Freund verraten. Freundschaft ist zärtliches Betrügen, Kopfnicken und Rückenbiegen. Umklammert deine Faust das Schwert, Freue dich des Verrätergerichts; Entbehren ist, was dich der Freund gelehrt, Und sonst nichts. Sprach die lange Einsamkeit: Frage nicht, was Tod und Zeit. Tod bist du und Zeit bist du, Rast und Flucht und Kampf und Ruh. Aus dem Knäuel der Wirklichkeiten Wirst du am Tage des großen Verzichts Hin vor meine Füße gleiten, Und sonst nichts.

Als Cornely dies geschrieben, schaute sie geraume Zeit mit staunenden Augen ins Lampenlicht. Dann erhob sie sich, packte das schwere Kreuz an der Wand und trug es mit ihren schwachen Armen hinaus in den Korridor. Hierauf suchte sie die Thüre zu schließen, da aber das Schloß nicht fungierte, verrammelte sie sie mit einem Stuhl und einem Tischchen und begann sich mit einer träumerischen Ruhe zu entkleiden. Die Ruhe, die sie erfüllte, war so frauenhaft und ausgeglichen, daß sie sich ganz neubelebt fühlte. Sie entfernte auch das Hemd vom Körper und trat vor den Spiegel, um sich mit dem gleichen verträumten, etwas staunenden und verlornen Blick zu betrachten. Diese Empfindung des Losgelöstseins und der Leichtigkeit hatte sie wünschen lassen, nackt zu sein. Doch sah sie nicht den eigenen Körper, sondern freundliche Gestalten umschwebten sie, deren Nähe ihr beglückend dünkte.

Bald darauf ging sie zu Bett.

Siebzehntes Kapitel

Der flüchtige Traum von Frühling war schon wieder vorbei, als Agathon an einem kalten Spätnachmittag nach Fürth kam. Er war schon ziemlich lange umhergewandert, ohne daß er sich entschließen konnte, jemand von den Menschen aufzusuchen, die er kannte. Es dunkelte schon, als er aus dem ersten Stock eines Hauses der Schwabacherstraße zu seinem großen Erstaunen den wolligen Kopf der Frau Olifat gewahrte. Im Nu hatte diese lebhafte Dame auch ihn erblickt und erkannt. „Ah, monsieur Geyer!“ schrie sie und gestikulierte mit beängstigender Heftigkeit. „Ah, monsieur Geyer! entrez, je vous prie! Consolez une misérable femme!“ Agathon lächelte und ging hinauf.

Monika saß in einem Lehnstuhl und schaute mit einem haßerfüllten Blick auf ihn, als er eintrat. Sie wehrte ihre Mutter von sich ab, die mit einer schmeichlerischen Geschwätzigkeit auf polnisch in sie hineinredete und schlang beide Arme um den Hals der verängstigt dabei stehenden kleinen Esther. Frau Olifat stürzte sich sogleich über Agathon her, erklärte ihm mit einer betäubenden Beredsamkeit halb deutsch, halb französisch, daß sie für ein paar Wochen nach der Stadt gezogen sei, der Gesellschaft halber, daß sie die „Supposition“ habe, im Sommer nach den Seen zu reisen; es blieb unerklärt, welche Seen sie dabei im Sinne habe. Sodann klagte sie in leidenschaftlichen Worten über Monikas Benehmen, die den ganzen Tag dasitze, ohne sich zu rühren, ohne zu essen, ohne zu sprechen, ohne zu lachen, „tout comme une morte“. Dann setzte sich die gute Matrone hin und begann aus vollen Kräften zu schluchzen. Esther lief zu ihr, kletterte auf ihren Schoß, schmiegte sich an ihre Brust und blickte feindselig ihre Schwester Monika an, die während alledem keine Miene verzog. Bald sprang Frau Olifat wieder auf, ergriff Monikas Hände und begann von neuem in sie hineinzureden. Doch das Mädchen wandte mit einer affektierten, bösartigen Gleichgültigkeit, als sei sie taub, das Gesicht nach einer andern Richtung. Die gequälte Mutter wurde zornig; unerschöpflich entfloß ein Strom von Schmähungen ihren Lippen, und einmal erhob sie den Arm wie zum Schlag. Darauf packte sie Esther, riß und schleppte das Kind durchs Zimmer zur Thüre und dröhnend fiel die Thür hinter ihr ins Schloß.

Agathon sah sich mit Monika allein. Wieder fühlte er eine atemraubende Beklemmung ihr gegenüber. Er vermochte nichts zu reden. Ihre Wangen hatten sich, kaum daß die Mutter das Zimmer verlassen, mit einem brennenden Rot bedeckt, und ihre Augen glänzten feucht, – vor Scham und Verzweiflung. „Ich kann ja gehen, Agathon, wenn Sie nicht wollen, daß ich bleibe,“ sagte sie mit einer eigentümlich brüchigen Stimme, und um ihre Lippen spielte ein sinnloses Lächeln.

Gern wäre Agathon hingegangen und hätte ihre Hand ergriffen, nur vielleicht um sie zu bitten, sie möge wieder du sagen. Aber er konnte nicht. Diese unüberwindliche Scheu fesselte ihn an den Platz, wo er war. „Was hast du nun eigentlich, Monika?“ fragte er ruhig.

Ihre Blicke begegneten sich zum erstenmal. Agathon hatte dabei das Gefühl, als blicke er in einen Raum mit kahlen Wänden, während vorher der intime Zauber der Behaglichkeit diesen selben Raum erfüllt hatte. Etwas Zerflossenes, ja etwas Hündisches war in Monikas Augen.

„Ich weiß es, du hast Gudstikker geliebt,“ sagte nun Agathon wieder, „aber deshalb mußt du doch nicht so am Leben verzweifeln, Monika. Du warst doch sonst so froh und immer voll Hoffnung; du hast einen immer ausgelacht, wenn man traurig war, Monika. Und jetzt? Was ist mit dir? Ist denn das Leben für dich weniger groß und gut geworden? Viele haben geliebt und entbehren müssen, das ist gewiß wahr, Monika. Aber sieh, nun kommt bald der Frühling, und du wirst dich freuen, wenn die warme Sonne auf dich scheint, und du wirst mit Esther in den Wald gehen und deine Wangen werden wieder rot sein. Und wenn der Herbst kommt, wirst du alles vergessen haben, Monika, diesen ganzen elenden Winter für dich wirst du vergessen haben.“

Da richtete sich Monika auf, und über ihre Züge ging eine zuckende Bewegung. „O Agathon,“ rief sie aus, „nie mehr können meine Wangen rot werden, nie mehr, nie mehr. Nie mehr kann ich in den Wald und die Sonne sehen, nie mehr kann ich vergessen, Agathon, nie mehr, nie mehr.“

Agathon näherte sich ihr und beugte sich herab zu ihr, ergriff ihre Hand und schaute sie an. „Was hast du gethan, Monika? Sprich! Warum schweigst du? Warum verschweigst du mir’s?“

Monika erhob beide Arme und legte die Hände um Agathons Nacken. So sah sie zu ihm empor mit einem feierlichen Blick, der etwas Drohendes in der Ferne zu erblicken schien und sagte, jede Silbe betonend: „Er hat mich betrogen. Geh’ hin und räche mich.“

„Monika!“ schrie Agathon auf und machte sich los von ihr.

„Es ist so finster,“ flüsterte Monika verstört und schauerte zusammen. „Es wird schon Nacht. Ja, ich habe mich ihm hingegeben mit allem, was ich bin. Aber denke nicht schlecht von mir, Agathon, bitte dich, thu’s nicht. Geh’ nicht fort jetzt, nicht fort. Du hättest es doch wissen müssen, schon lange. Geh’ nicht fort jetzt.“ Als die Thüre sich hinter Agathon geschlossen hatte, warf sie sich jammernd zu Boden. Aber bald darauf kam er wieder und fragte sie, die hilflos vor ihm lag. „Wo wohnt er?“

Monika, das Gesicht gegen die Dielen gewandt nannte die Straße und das Haus.

Gudstikker war daheim, als Agathon bei ihm anklopfte. Er zeigte ein überraschtes und freudiges Gesicht bei seinem Anblick und ging mit ausgestreckten Händen auf ihn zu, um aber auf halbem Wege wie angewurzelt stehen zu bleiben. „Na, was machen Sie denn für ein Gesicht, Verehrungswürdiger,“ sagte er erblassend, halb scherzhaft, halb trotzig.

Agathon stand ihm gegenüber, und er fühlte plötzlich all seine Kraft wie verblasen. Voll von brennendem Zorn, der sein Herz zusammenzog, war er noch die Treppe heraufgekommen, aber sobald er in dies lügnerische Gesicht geblickt, war er wie entwaffnet. Es war die Lüge selbst, die ihm in ihrer ganzen brutalen Unbekümmertheit entgegentrat. Glätte und Spitzigkeit, Zähigkeit, scheinheiliger Ernst, – Agathon fand kein anderes Wort dafür, als das Wort jüdisch, in seinem häßlichsten Sinn. Gudstikker schien ihm die jüdischeste Natur, die er je getroffen.

Gudstikker war indes das lange Schweigen unbehaglich. Er bemerkte eine gewisse Veränderung in Agathons Wesen, seit dieser bei ihm eingetreten war. „Ach, Sie kommen wohl wegen der kleinen Monika,“ sagte er nachlässig, in dem sichtlichen Bestreben, Agathon zu verletzen. „Ich sah es Ihnen gleich an. Bischen verliebt, was? Aber das geht schon vorüber. Trösten Sie sich nur und legen Sie vor allem Ihre Berserkermiene ab. Unsereins kann sich nicht bei dem schönen Geschlecht aufhalten. Was für so ein Weib der Lebensinhalt, ist für uns eben nur ein Episödchen. Ja ja. Eben bin ich im Begriff, mein Verhältnis mit der kleinen Käthe in Ordnung zu bringen, d. h. wohlverstanden, zu lösen, hehe. Deswegen habe ich meine Abreise verschoben und das Vergnügen genießen können, Sie noch zu sehen. Die kleine Estrich muß sich eben auch trösten. Sie ist mir doch zu sehr kleines Bürgermädchen. Mein Gott, man verlangt doch ein bischen Kultur. Und dann, der schaffende Mensch muß frei sein. Rücksichtslos muß er alles zur Seite schieben, was im Wege steht, und wenn es nicht anders geht – zerstampfen. So. Nun haben Sie meine Lebensanschauung.“

Erstaunt blickte Agathon auf diese redseligen Lippen, aus denen mühelos Phrase um Phrase quoll. Er schwieg.

„Ich will Ihnen etwas sagen,“ meinte Gudstikker nach einer peinlichen Pause und in etwas prahlerischem Ton, der noch unangenehmer berührte durch das Hingeworfene, anscheinend Leichte und Elastische seiner Redeweise. „Ich will Ihnen sagen, Sie sind ein Idealist. Was sag’ ich, Idealist! Ein verschwommener Träumer, ein unverbesserlicher Hanshasenfuß. Der moderne Mann muß grausam sein, rachsüchtig, blind für die Krüppel und Lahmen und Bettler. Sie kommen daher als Ritter eines kleinen Mädchens, das in leichter Stunde vom Piedestal der Tugend stieg. Was macht das? Leben wir etwa, um tugendhaft zu sein? he? Oder leben wir, um zu leben? Was Sie wollen, ist ja alles ganz schön und grün, aber es verrät keinen großen Geist, keinen starken Geist. (Wie kann er wissen, was ich will, dachte Agathon.) Kennen Sie das wahre Elend der Welt? Nein. Kommen daher mit prophetischen Gelüsten und haben keine Augen für die wahre Not der Zeit. Soll ich einen Abend lang Ihren Asmodai machen? Soll ich? Mein Weg führt mich ohnedies dorthin, wohin ich Sie führen will, – Studien halber natürlich. Allons, kommen Sie.“

Wie gebannt folgte Agathon jeder Bewegung, jeder Geste Gudstikkers. Zugleich empfand er ein fast unheimliches Grauen vor seiner Zunge, die bisweilen hinter dem schwarzen Schnurrbart hervorblitzte wie ein Flämmchen. Er suchte sich allem diesen zu entziehen, aber umsonst. Er folgte Gudstikker, der mehrmals kurz und herausfordernd vor sich hinlachte, auf die Straße.

Der Weg führte sie durch dunkle Gassen in die Vorstadt, wo die verrufenen Häuser standen; wo wenige Laternen ein dürftiges Licht spendeten, und wo die Schutzleute zu zweien und dreien gingen, streng, finster, sorgsam spähend.

Sie kamen zunächst an ein kleines, einstöckiges Haus, über dessen Portal eine grüne Lampe brannte. Die Fenster waren mit Jalousien dicht verhängt.

Als Gudstikker das Thor geöffnet hatte und zur linken Seite in einen mit verblichener, gleichsam abgesessener Pracht ausstatteten Salon getreten war, kam den Beiden eine Schar von geschminkten Mädchen entgegengesprungen, die mit Gudstikker sehr vertraut thaten, sich an seinen Arm hingen, lachten, trällerten, scherzten, nach Wein riefen und sich auf jede Weise und aufs äußerste bemerkbar zu machen suchten. Sie waren mit nichts bekleidet als mit einem Hemd und langen Strümpfen; ihre Augen glänzten krankhaft oder schienen müde, ihre Bewegungen waren geziert, ihr Lachen übertrieben, ihre Scherze frivol. Ihr Gang hatte etwas Schwankendes, das Spiel ihrer Hände und Finger etwas Gieriges, Abenteuerliches. Seltsamerweise beachteten sie Agathon gar nicht: manche blickten scheu nach ihm hin, aber thaten dann wieder, als sähen sie ihn nicht. Bisweilen erschien eine ältere Dame und führte anzügliche Reden, die nach ihrer Absicht etwas Anfeuerndes haben sollten; bisweilen auch läutete die Portalglocke, dann verschwand eines der Mädchen, lächelnd und nickend, gleichsam voll Versprechungen, und die Andern sahen teilnahmlos ins Leere, immer dieselbe auffordernde Miene beibehaltend.

Gudstikker benahm sich wie zu Hause. Gönnerhaft verabreichte er seine Worte, lehnte sich breit und behaglich auf den verschabten Polstern zurück, klatschte leutselig auf nackte Arme, schlug ein paar Takte auf einem schrillklingenden Klavier an, tauschte heitere Reminiscenzen mit der Dame des Hauses, lächelte nachsichtig, wenn ihn die Mädchen neckten und ihn den „schwarzen Doktor“ nannten, und bei alledem schwand eine gewisse ernste Falte nicht von seinem Gesicht und ein stechender Blick nicht aus seinen Augen. Bald ging er weiter mit Agathon in ein daneben befindliches Gebäude, und Agathon folgte wie gezogen, halb betäubt durch eine beengende Erwartung, die er nicht deuten konnte. Wiederum sah er den verkommenen Putz erbärmlicher Prunkstuben, halberblindete Spiegel, matte, von Staub zerfressene Goldrahmen; wieder sah er die für den Gebrauch der Nacht überschminkten Frauengesichter, in denen jedes Leiden, jeder Schmerz, jedes Nachdenken, jede Erinnerung, jede Feinheit verschwunden war, wiederum roch er die abgelagerte Luft von gestern, atmete den Rauch der Cigaretten, den Dunst der Weine und wurde behandelt wie einer, der nicht da ist oder den man nicht sieht. Er sah in dunkle Nebenkammern, wie man wohl auf einer längstverödeten Straße Wagenspuren verfolgt: auch dort hatte das heimische Laster seine Spuren selbst in die Finsternis gegraben. Er sah in andern Stuben junge Männer lungern und sich erhitzen um einen Kuß, von dem sie vergessen wollten, wie feil er war und wie jedem er gewährt worden war. Er sah Spielkarten fliegen und hörte rohe Scherze durch die Wände dringen, Pfropfen knallen, Goldstücke rollen und glaubte zu erkennen, wie mancher seine Ohren verschloß gegen Stimmen, die er nicht hören wollte, nie hören durfte, ohne den Verstand zu verlieren. Er erblickte die Kammern dieser Frauen und Mädchen, die von einem überhäuften und unsinnigen Pomp starrten, worin sie sich bei Tag einem bleiernen Schlaf überließen, worin ein rotes oder grünes Licht eine künstliche Schwülnis hervorbrachte und selbst den abgeschabten Stellen der Tapete etwas Absichtsvolles und Dekoratives verlieh, gleich dem Märchen von der ersten Sünde und der poetischen Verführung, das die Bewohnerin in seinem matten Schein ersinnt und dem sentimental gewordenen Besucher verabreicht. Er sah die verschnörkelten, steilen Treppen, auf denen die Mädchen hinauf- und hinabeilten und dabei berechneten, wie viel sie noch verdienen müßten, um sich bezahlt zu machen dafür, daß sie hier in Hemd und Strümpfen sich mästen durften, ohne daß man mehr von ihnen verlangte, als daß sie lachten, lachten, immer lachten. Mochten sie fett oder mager sein, blond oder schwarz, alt oder jung, sie hatten keine Aufgabe, als die, zu lachen. Und jedes neue Läuten der Portalglocke brachte einen neuen Gast in diese besuchteste Krämerei der Stadt: Junge Leute, die mit zitternden Lippen und studiertem Gleichmut unter der Schwelle standen, um zu warten, was man mit ihnen beginnen würde; schiefe Greise, die hier einen letzten Funken ihres vergehenden Lebens anzufachen bemüht waren; Männer, von Langeweile und Gewohnheit hergetrieben, Knaben sogar mit den erschreckenden Zeichen vorzeitiger Fehltritte in den Augen, die sie wissend einem alles verschlingenden Abgrund zueilen ließen, junge Bräutigame, die hier ein Mittel fanden, die ideale Schwärmerei des Brautstandes zu überdauern, geachtete Bürger, die liebenswürdige und gute Frauen besaßen, Lehrer, Beamte, Studenten, Handwerker ... Wie um Erbarmen flehend, suchten Agathons Augen diejenigen Gudstikkers und diese antworteten: ‚Hier giebt es kein Erbarmen; wer hier eintritt, für den ist keine Hoffnung. So ist unsre Welt.‘ Und er tändelte weiter mit den Mädchen, während Agathon Ruhe, Kraft und Besinnung verlor und Bild auf Bild in stummer Reihenfolge ihn bedrängte. Oft war es auch ein leidendes Gesicht, das er gewahrte, das mit hineingerissen wurde in den Strudel und versank. Erschüttert wollte Agathon fliehen, doch schon war Gudstikker neben ihm, der ihn führte, – durch die menschenleeren Gassen der Stadt.

Warum, warum ist das alles? fragte Agathon flüsternd. Aber nichts gab ihm Antwort, während Gudstikkers Nähe mehr und mehr beklemmend auf ihn wirkte. Und er sah durch die Mauern der Häuser, armer und reicher Häuser, und er hatte auch deutliche Hallucinationen, die wie Angstrufe waren, Hilfeschreie einer versinkenden Gesellschaft, eines Staates, der wie ein Schiff sich langsam mit Wasser füllt, um unrettbar in den Abgrund zu tauchen. Bis jetzt war es nur das offene Spiel gewesen, das lediglich zum Schein den Stempel der Heimlichkeit trägt, und um jenen öffentlichen Anstand zu wahren, der noch die letzte Klammer der berstenden Wände bildet. Er sah, daß jedes Haus eine Wunde hatte, die unheilbar war; daß jede Thüre eines jeden Zimmers mit unverlöschlichen Lettern das Gedächtnis eines schweren Makels aufbewahrte; daß jedes Glas eines jeden Fensters auf Dinge geschaut, die besser in dichtem Dunkel begangen worden wären; daß kein Schläfer unter allen so ruhig schlief, daß selbst seine reinsten Träume nicht durch den Nachhauch eines begangenen Frevels getrübt wurden, daß die Bereitwilligkeit, sich zu verkaufen, in keinem verschlossenen Haus geringer war, als in jenen öffentlichen; daß das Glück und die Ruhe aus den Zügen des Lebens verwischt waren und daß der Weinende wie der Lachende eine Maske trägt; daß die Prostitution bei Tag und Nacht, jahraus, jahrein durch die Gassen geht und harmlos scherzend Gift sät; daß die Kaserne und das Spital, der Palast und das Gefängnis, die Kirche und das Wirtshaus, das Theater und die Schule von einem Schmerz gepeinigt, von einer Lüge erhalten, von einer Hoffnung betrogen werden. Und Agathon sah das Ziel in der Ferne zerstäuben zu nichts, die Fackel, die seinen Weg erleuchtet, langsam vergehen und erkannte, daß er gegen die gigantische Masse des Elends nichts war als ein Kind, das mit seinen Händchen Gebirge abtragen will. Und Jude oder Christ, was bedeutete ihm das noch gegenüber diesem heimlichen und lautlosen Kampf, der hier zwischen schlafenden Mauern geführt wurde? Jude und Christ hatten in gleicher Weise dazu beigetragen, das Jahrhundert dorthin zu führen, wo es stand und ihre ergraute, blinde, lahme und taube Moral, halbverreckt an Altersschwäche, konnte nicht den Tod finden, wenn man ihr Leben in angestrengtem Bemühen durch Kunstmittel verlängerte.

„Gute Nacht, Bester,“ sagte Gudstikker jovial, als sie vor seinem Haus standen. „Ich denke, meine Dienste haben Ihnen gut gethan. Die Welt ist viel größer, als Sie glauben. Setzen Sie sich auseinander mit ihr, gute Nacht.“

Agathon nahm den Gruß verständnislos hin und blieb, als er sich allein sah, lange Zeit an derselben Stelle stehen. Mit dem Verschwinden Gudstikkers waren alle diese Bilder und Gesichte vorbei, förmlich schwarz gemacht durch die Nacht. Er hatte kein Bett, keinen Zufluchtsort, begehrte keinen Zufluchtsort, begehrte keine Ruhe. Betrunkene taumelten an ihm vorbei, betrunkene Männer und ganz junge Leute, gröhlend oder still, begeistert oder trübsinnig. Alles was noch lebendig war auf den Straßen, wurde durch diesen Geist der Besoffenheit bewegt, der einen übelriechenden Dunst erzeugte. Dieser Geruch wird auch morgen das öffentliche Leben durchdringen und die Seelen der Besseren unmutig machen; er wird diese Frau, die schlaflos an dem Lager ihrer Kinder brütet, den Mann und die Liebe verachten lassen und wird das Bild einer morschen Indolenz bis zur Greifbarkeit verdeutlichen, alle Gefühle der Anmut und Frische zerstören, jede Vereinigung von Kräften unterwühlen.

Agathon war im tiefsten Herzen verzweifelt.

Vielleicht gab es noch eines, was ihn aufrichten konnte. Die Gestalt Bojesens erhob sich plötzlich aus der Vergangenheit, von einem übertriebenen Nimbus verklärt. Agathon blickte auf sie hin, wie auf eine tröstende Gestalt. Ehe er es überlegte, befand er sich schon vor dem Haus, in dem der Lehrer wohnte. Da das Thor bei der späten Stunde schon geschlossen war, ließ sich Agathon kraftlos auf die feuchten Steinfließen nieder, umschloß die Kniee mit den Armen und wartete. Er wartete ohne Empfindung für das Vorbeifließen der Zeit. Im dritten Stock, wo Bojesen wohnte, öffnete sich bisweilen ein Fenster. Das Vorbeidefilieren der Betrunkenen minderte sich. Die Uhren schlugen eins, zwei, schlugen drei. Die Finsternis der Gasse schien klebriger zu werden, körperlicher. Und Agathon saß und wartete auf Bojesen wie auf eine Lichtgestalt. Wenn es Morgen war, würde man das Thor öffnen, und Agathon konnte dann zu ihm gehen. Was er dort wollte, daran dachte er kaum.

Aber war dies nun nicht Bojesen, der vor ihm stand? Diese etwas zusammengekrümmte Figur, die den Hut schief auf dem Kopf sitzen, die Hände tief in den Taschen vergraben hatte? Waren das nicht Bojesens Züge? Agathon mußte unwillkürlich lächeln, daß dies seltsam schiefe Bild eines Menschen, diese schwankende Nachtgestalt eine solche Ähnlichkeit aufwies. Aber warum starrte nun dieser Schein-Bojesen so? suchte in seinen Taschen nach Schlüsseln –? brummte, als er sie nicht fand –?

Es erwies sich, daß es mehr als eine bloße Ähnlichkeit gab zwischen dem falschen Bojesen und Bojesen, der Lichtgestalt. Und schließlich erhob Agathon in einem stechenden Schrecken die Hände und öffnete den Mund zu einem Schrei, den seine Kehle ihm nicht bewilligte. Dann fuhr Bojesen, der seine Schlüssel noch immer nicht hatte finden können, zurück und lehnte sich stammelnd an den Laternenpfahl. „Ich – suchte – Sie – sch– schon – l– lange genug – Ag– Agathon,“ sagte er.

Agathon stand auf und trat dicht vor ihn hin.

Bojesen zog den Brief aus seiner Brusttasche mit einer völlig mechanischen Bewegung. „Da lesen Sie ihn gleich,“ sagte er und war plötzlich wieder im Besitz seiner Sprache. „Sagen Sie mir, was es ist. Sagen Sie es mir. Ich vergehe sonst. Ja, ja, ich liebe dieses Weib, kann mich nicht losreißen, verbrenne mir das Herz dabei, verliere mein Seelenheil, mein Geistesheil, alles, alles. Ich bin hin, eine Null, ein hohler Stamm, ein mürbes Blatt, ausgeblasen, bankrott. Was weichen Sie zurück vor mir? Agathon, haben Sie Mitleid! Oder sind Sie die Tugend selbst, daß Sie mich verachten dürfen? Was weichen Sie zurück mit diesen entsetzten Augen?“

Agathon wich zurück vor dem Schnapsgeruch, der von Bojesen auf ihn einströmte. Bojesen hatte wie ein Fiebernder geredet, mit überstürzten Sätzen, purzelnden Worten und grotesken Armbewegungen.

„Nein, nein, ich bin nicht betrunken,“ fuhr er fort, als fühle er plötzlich den Grund; „nur ein paar Gläser Grog, das ist alles für einen Bankrotteur. Agathon, lesen Sie den Brief (seine Stimme wurde heiser, sein Gang schwerfälliger) und seien Sie aufrichtig mit Ihrem Freund – –“

Da wandte sich Agathon, nachdem er den Brief an sich genommen und ging fort, so schnell er immer konnte. Und hinter sich hörte er den verzweifelten, gleichsam ersterbenden Ruf in die Nacht verhallen: Agathon! Agathon! Als er die Wasseralleen erreicht hatte und den Fluß neben sich dumpf rauschen hörte, vernahm er es immer noch, dies: Agathon, als ob es aus dem Bett des Stromes käme.

Der Tag war für ihn beschlossen und das Jahr. Und viele Bauten, die unlängst noch prächtige Pforten vor ihm aufgethan hatten, schlossen diese Pforten von selbst wieder. Über der schier mit Händen zugreifenden Finsternis der Allee sah er eine brennende Stadt, ein brennendes Land. Erst brannte es sichtbar, lichterloh, dann war das Feuer unterirdisch und man hörte keinen Hilferuf.

Er kam an die Stelle, wo die Neubauten waren. Das Haus, in dem damals der Trockenofen gebrannt, war schon bewohnt. Aber daneben war noch ein anderer Neubau und heute brannte in diesem der Trockenofen und verbreitete seine düstere Röte in dem Gebäude und in dem Buschwerk der Umgebung. Nach einiger Mühe gelang es Agathon, sich durch das verrammelte Thor zu zwängen. Er legte sich vor den Ofen und bemerkte, daß seine Kniee vor Kälte schlotterten. Doch er empfand es kaum. Sein überaus bleiches Gesicht zuckte nur bisweilen unter der ungeheuren Bewegung seines Innern.

Schließlich, Stunden mochten verronnen sein, und die Hähne begannen schon zu krähen, erinnerte er sich des Briefes. Er sah ihn an und erkannte Jeanettens Schriftzüge. Er riß ihn auf, und eine Banknote fiel heraus. Auf dem Papier stand mit gleichsam entsetzten und befehlenden Lettern nichts als eine Adresse der Hauptstadt und die Worte: Komme sogleich hierher.

Achtzehntes Kapitel

Bevor noch der Morgen graute, stand Agathon auf dem öden Bahnhof und erfragte die Abfahrtszeit des nächsten Zuges nach der Residenz. Um ein Viertel nach acht Uhr saß er in einem Coupé, sah sich durch die Ebenen Frankens rasen, über denen ein lichter und milder Nebel lag, sah Flüsse unter sich und neben sich verschwinden, tauchte den Blick in die flüchtige Nacht raschverfliegender Wälder, suchte das Bild von Dörfern festzuhalten, die sich ängstlich an sanftansteigende Höhen klammerten, von Städten, die erst aufzuwachen schienen, und er glaubte, dies alles sei vorher gar nicht dagewesen, sondern sei um dieses Tages willen eigens für ihn gemacht. Dann kamen die Mittelgebirgsländer mit der idyllischen Ruhe dicht zusammenliegender Marktflecken, mit alten Steinbrüchen, tiefen Thälern, kahlen Hügelketten, vergoldet von der Morgensonne, die sich gleichsam schlaftrunken aus umlagernden Wolken löste, dann ein Strom, breit und grün, dann wieder eine weite, endlose, dürre Ebene, über der es zu regnen anfing, alles eine Folge von sich jagenden Bildern wie in einem Scheindasein.

In der Residenz angelangt, suchte er sogleich die Straße, die ihm Jeanette angegeben. Betäubt von Lärm und Getöse, aber ganz ohne Aufnahmefähigkeit für die Dinge um sich her, gelangte er endlich vor das Haus. Eine sehr alte Frau öffnete ihm. Auf sein Fragen wies sie ihn ohne weiteres in ein längliches, etwas dumpfes und schwüles Zimmer. Sie wisse schon, sagte sie in karger, mißtrauischer Weise; er möge warten.

So wartete er. Er hatte sich auf einen niedrigen Sessel gesetzt und blickte mit unbewegtem Gesicht vor sich hin. Er konnte kaum begreifen, wie er hierhergelangt war. Seine Wangen waren fahl, seine Augen erloschen, seine Haltung zeugte von einem mühselig sich verkriechenden Schmerz. So war alles um ihn her eine mehr oder minder leblose Täuschung.

Plötzlich ging die Thür auf. Herein trat Jeanette. Sie warf einen Shawl, den sie über den Schultern gehabt, achtlos in eine Ecke. Sie schien gänzlich außer Atem, ihr Blick abgehetzt wie so oft und von trügerischem Feuer erfüllt. Sie hatte Agathon kaum begrüßt, als sie auf den nächsten Sitz sank, die Hände vor das Gesicht schlug und laut aufstöhnte.

„Warum bist du nicht früher gekommen, Agathon?“ murmelte sie nach einer Weile. „Ich habe dich erwartet. Doch, es war vielleicht besser. Gestern hättest du mich doch nicht hier in der Stadtwohnung getroffen.“

Agathon stand auf und trat zu ihr. Als er sie berührte, sah sie zu ihm empor. Seine Berührung schien sie zu trösten, auch das Beruhigende, Klärende, Wärmende seines Blicks. Sie drückte ihm die Hand, und Agathon dachte, daß sie sehr verändert sei. „Ich glaubte, ich hätte den Verstand verloren,“ sagte sie und strich sich über die Stirn. „Setz dich zu mir, Agathon, ich will dir erzählen. Wie köstlich, wie gut ist es, daß du da bist und ich zu dir reden kann!“

Und sie erzählte.

Sie war, wie schon vorher verabredet, auf eines der königlichen Schlösser gebracht worden, in dem sich der König gerade aufhielt. Es war ein unerhörter Glanz, der sie mitten im Hochwald empfing, aber ihre Erregung hatte den Blick dafür gänzlich verschleiert. Sie mußte ihre Kleider entfernen und in einem seltsamen Phantasiegewand vor dem König erscheinen. Sie hatte den Eindruck, als verfolge man mit ihrer Person irgend eine Absicht bei dem Monarchen, der doch seit Jahren sich von allen Frauen ferngehalten. Er verachtete und geringschätzte die Frauen und war hart und brutal gegen sie. Sie sah also den König. Jene ganze Leidenschaft, deren Gefäß sie von da ab war, erfüllte sie sogleich bei jenem ersten Anblick. Er war von ziemlich fetter, aber zugleich riesenhafter Gestalt. Seine Schultern waren so breit und mächtig, daß sie für jeden, über den sie sich beugten etwas Zermalmendes hatten. Sein Gesicht war außergewöhnlich bleich, sein Haar glanzlos, tiefschwarz und es stand so dicht wie das Gras vor dem Mähen. Doch alles das wurde in Wahrheit belanglos durch die Augen. Tiefblau wie die Gebirgsseen, waren sie von einem hinreißenden Ausdruck, von einem lodernden Feuer erfüllt. Es schien, daß ihnen keine Qual erspart geblieben, daß sie keine Schönheit unwiderstrahlt gelassen. Niemand konnte ertragen, furchtlos in sie zu schauen. Seine Kleidung war die eines einfachen Bürgers. In seinem Wesen war wenig von Majestät. Ruhelosigkeit, die Angst des Verfolgten, machtloser Zorn, tiefe Bitterkeit beherrschten ihn.

„Es schien etwas Schreckliches im Werk zu sein,“ fuhr Jeanette fort. „Das ganze Schloß, die Dienerschaft, die Offiziere, alles war in Bewegung, in Hast, in Erwartung. In der Nacht fuhr der König in einer mit sechs Pferden bespannten Karosse in die Residenz und Vorreiter mit Fackeln beleuchteten den Weg. Er verschmäht es, die Bahn zu benutzen. Es ist alles von einer bestrickenden Pracht, was er unternimmt. Am Morgen, ich hatte nicht schlafen können, sondern war am Fenster gelegen und hatte in den Wald gestiert, am Morgen kam er wieder und die Unruhe, die ich an ihm bemerkt, hatte sich verzehnfacht. Ich beobachtete ihn, wie sein gewaltiger Körper sich fröstelnd schüttelte, als er den Wagen verließ. Einen Augenblick lang kam es mir vor, als wolle er zusammenbrechen unter einer Last. Die Diener gingen hin und her, ich glaube, sie wußten nicht warum. Bald nach seiner Ankunft führte mich der Adjutant, der sein Freund und Vertrauter war, zu ihm, und ließ mich mit ihm allein.“

Jeanette schwieg lange. Dann begann sie mit etwas erhobener Stimme wieder. „Ich werde mein Lebelang diese Stunde nicht vergessen, Agathon, und wenn ich so alt würde, wie die Erde selbst. Als ich hineintrat in den Saal, der von Licht und Gold strahlte, wußte ich, daß meine Seele diesem Mann unwiderruflich angehöre, und ich küßte in Gedanken die geheimnisvolle Hand des Schicksals, das mich zu ihm geführt. Wundere dich nicht über meine Worte, Agathon, aber sie sind mir im Augenblick die natürlichsten Worte von der Welt. Ich wußte, daß ich für ihn sterben könnte und sterben würde und sterben müßte und daß Sterben nichts bedeute gegenüber dem Glück, seine Magd zu sein. „„Wer hat dich hereingelassen?““ fragte er mich. Ich fand keine Antwort. Meine Zunge gehorchte mir nicht. Indem ich ihn anschaute, zitterte ich am ganzen Körper. „„Du bist Tänzerin?““ – ‚Ja, Majestät.‘ – „„Dann tanze.““ Er stand auf und drückte auf einen elektrischen Knopf, und eine Musik ertönte, ebenso zauberhaft wie die Art, durch die sie hervorgebracht war. Es war, wie wenn ein ganzer Wald mit allen seinen Mysterien sich in die Höhe hebt und zu singen und zu jauchzen anfängt. Du lachst vielleicht darüber, aber ich habe dergleichen noch nicht gehört. Ich tanzte also. Anfangs kam es mir vor, als ob ich mein Bewußtsein verloren hätte und ganz leblos hinschwebte, aber dann ging eine außerordentliche Verwandlung mit mir vor. Ich spürte den Boden nicht mehr und nicht mehr die Luft, und obwohl es eine Musik war, nach der vielleicht niemand in der Welt sonst zu tanzen vermocht hätte, fühlte ich doch, daß alles was Nerv und Bewegung heißt, gerade in ihr lag. Der König schien überrascht. Das Höhnische, Verächtliche, Finstere verschwand von seinem Gesicht; zuletzt versank er in tiefes Träumen und seine Augen schauten schmerzlich verloren in die weite Ferne. Als die Musik schwieg, stand er auf und reichte mir die Hand, die ich küßte. „„Wer bist du?““ fragte er. ‚Alles was Majestät aus mir machen will,‘ erwiderte ich. Er zuckte zusammen. „„Majestät, Majestät,““ murmelte er. „„Bald nicht mehr Majestät. Bald nur noch Hund vor dem Thor, bettelnder Hund. Majestät! Jedes Glied einzeln gebunden, jeden Finger verschnürt, jedes Wort beschmutzt, jede That bekläfft, das nennst du Majestät. Anfangs hab’ ich dem Volk vertraut. Aber jetzt weiß ich etwas anderes; die Seele des Volkes ist so tief, daß man sie auf den Knieen suchen muß. Ich habe mir den Kopf zerschunden an den Mauern dieses Landes. Alle diese Hände, die du um dich siehst, haben die Zeit wohl benutzt, mich zu verunreinigen. Um Land und Volk und um den Freund bin ich betrogen worden und dazu muß ich schweigen. Und dazu darf ich nicht einmal Frieden haben in der Einsamkeit. Ich bin um meine Würde betrogen worden und du nennst mich ahnungslos Majestät. Was ist Majestät heute, daß sie sich beugen muß vor einem Krämer, der in einer guten Stunde unter Beihilfe seiner Schwäger und Tanten Minister wurde und zufrieden das christliche Hausbrot ißt? Eine schöne Majestät, die sich der Kirche opfern soll und keine Hand rühren darf ohne den Pfaffen. Wäre ich doch jung gestorben, damals als ich noch glaubte, König zu sein, ein Volk zu besitzen. Wäre ich doch gestorben! Geh’ fort, Weib, verlasse mich.““ Das waren seine Worte, Agathon. Zuletzt war seine Stimme heiser geworden vor Zorn und Scham. Seine Augen hatten sich noch vergrößert und die Brust arbeitete so heftig wie unter anstürmendem Wind. Ich konnte nicht mehr hören, nicht mehr sehen, ich folgte seinem Wink und eilte hinaus.

„Ich sah im Saal, der gegen den linken Flügel führte und als Audienzraum benutzt wurde, sechs bis acht vornehme Herren mit feierlichen Gesichtern, auch einige Offiziere. Sie betrachteten mich voll Staunen. Es war die Deputation des Adels, die Abgesandten vom Hof. Sie wollten den König ‚zur Vernunft‘ bringen, Agathon. Bald darauf geschah etwas Schreckliches. Der Adjutant erhielt den Befehl, niemand vorzulassen und stand mit gezogenem Seitengewehr vor der Flügelthür. Er verweigerte der Deputation den Eintritt. Mitten in dem heftigen und lauten Hin- und Herreden erschien der König unter der Thüre. Er hatte die Schloßwache und alle Diener herbeigerufen. Ein Diener sagte mir, daß der Ausdruck seines Gesichts so schrecklich gewesen sei, daß niemand mehr zu atmen, geschweige denn zu sprechen gewagt habe. Mit vernehmlichen Worten befahl der König den Soldaten, die Abgesandten zu binden und ihnen die Augen auszustechen. „„Noch bin ich der König!““ rief er aus und erhob die Hand. Die Abgesandten wurden von unbeschreiblicher Furcht gepackt. Die Soldaten wagten sich dem Befehl nicht zu widersetzen und wagten nicht, zu gehorchen. Der König war seiner nicht mehr mächtig. Er lief auf und ab wie ein wildes Tier, erhitzt und schnaufend, ballte die Fäuste, rollte die Augen, bis es seinem Adjutanten gelang, ihn in eines der Seitengemächer zu führen. Aber der König ließ die drei Saalthüren versperren und ließ vor jeder Thüre zwei Posten mit aufgepflanztem Bajonett patrouillieren. Die Deputierten schwebten in Todesangst.

„Nun verfloß der ganze Nachmittag, ohne daß irgend etwas sich ereignete. Man sagte mir, der König liege wie gebrochen auf einem Ruhebett. Das war vorgestern. Gestern nun kam eine berittene militärische Abteilung mit einem Oberst, der in Paradeuniform war. Er hatte ein Dekret, das ihm Zugang zum König verschaffen mußte. Ein Arzt begleitete ihn. Die Abgesandten wurden befreit. Kurze Zeit darauf bestieg der König den Wagen, und in Begleitung der Berittenen wurde er fortgebracht. Sie haben ihn als gefangen erklärt. Alle Diener weinten. So ist es zugegangen, Agathon, das ist heilige Wahrheit. Das Volk in der ganzen Stadt ist erregt, hast du es nicht bemerkt? Noch ärger ist es bei den Bauern draußen. Ich bin nicht mehr, was ich gewesen bin, ich habe mich verloren. Ich weiß nicht mehr, was ich denken soll, was ich thun soll, mein Hirn ist wie zerfressen. Denke dir, dieser hohe Mann ist oft bei einer einfachen Bäuerin da draußen gewesen und hat gefragt, was er thun solle. Ich habe einen furchtbaren Schmerz in mir, daß dieser Mann verbluten muß. Er war für die Freude geboren.“

Agathon starrte in das dunkler werdende Zimmer. Auf einmal trat er einen Schritt zurück, streckte die Hände aus und lispelte verstört. So stand er und seine Gestalt schwankte. Er sah den König vor sich stehen und erkannte ihn, obwohl er ihn noch nie gesehen, außer auf schlechten Bildern. Agathon wollte reden, doch er kam nicht dazu. Jeanette stürzte auf ihn zu, packte seine Hände, erhaschte seinen Blick und wie durch ein wunderbares Zeichen verstand sie alles. „Er ist tot“, schrie sie entsetzt auf und fiel bewußtlos zu Boden.

Agathon faßte sich, seufzte tief auf, rief die Aufwärterin und ging, als er sah, daß keine Gefahr vorhanden war. In der That gewahrte er jetzt die nervöse Unruhe, von der die Bevölkerung ergriffen war. Überall standen Gruppen und flüsterten und beratschlagten. Die Gendarmerie war verstärkt worden. Vor den Zeitungsredaktionen standen Hunderte spähend und wartend und achteten nicht den Regen, der sie durchnäßte. Viele Tausende von Menschen standen dichtgedrängt vor der Residenz und keiner von ihnen wich nur eine Sekunde lang von seinem mühsam eroberten Platz. Dabei wußten alle, daß der König gar nicht in der Stadt war, sondern in einem kleinen Lustschloß an einem nahgelegenen See. Die Behörde hatte bekannt gemacht, der König habe seines Amtes entkleidet werden müssen, da er bedeutsame und zweifellose Symptome der Geistesstörung gezeigt habe. Aber das Volk glaubte es nicht. Agathon erfuhr bald alles, und ein wilder und phantastischer Entschluß erwachte in ihm. Er ließ sich von Arbeitern den Weg erklären, der zu jenem See hinausführte und machte sich ohne Zögern, obwohl er an diesem Tag noch keinen Bissen Nahrung zu sich genommen hatte, auf die Wanderung. Er dachte nicht daran, die Eisenbahn zu benutzen oder ein anderes Beförderungsmittel. Er hatte das Gefühl, als müßten ihn seine Füße viel schneller dorthintragen, als jede Dampfmaschine es vermocht hätte. Außerhalb der Stadt fragte er noch Handwerksburschen oder Bauern nach der Wegrichtung und erschrak nicht vor der Nachricht, daß es mehr als fünf Stunden zu gehen seien, obgleich die Nacht schon angebrochen war. In diesen Stunden fühlte Agathon eine göttliche Macht in sich; das Mühsame des Marsches kam ihm nicht zu Bewußtsein, er wurde nicht müde. Die Kraft und Einsicht der Besten im Lande war zusammengeflossen in ihm, und es giebt keinen Vergleich für die Glut seiner Sehnsucht in dieser Stunde. An der Grenze alles Denkens und aller Überlegung angelangt, beherrschten ihn nur noch Gefühle, dumpfe, doch gewaltige Regungen. Sein eigner Ruf: ‚Laßt sie verbrennen, die Kirche‘ lag wie ein Erlösungswort in seinem Ohr, klang in seiner Seele wider. Er wollte die Bauern führen am Morgen und den König befreien; nie zuvor hatte er zweifelloser die Fähigkeit empfunden, alle, die sich ihm nahten, von einem Trieb entflammen zu lassen.

Die dunkle Nacht ringsum nährte seine Phantasien. Nirgends war ein Licht. Die Landstraße war nur durch einen schwachen Schein kenntlich. Der Regen plätscherte unaufhörlich herab. Schweigend lagen Felder und Wälder, und kaum vermochten sich die Höhenzüge gegen den Himmel abzuheben. Oft gelangte Agathon an einen Kreuzweg, aber kühn und unbesorgt schritt er weiter. Er wußte, daß er nicht fehlgehen würde. Stundenlang wanderte er durch einen Wildpark, wo oft ein geheimnisvolles Murren und Rascheln hörbar wurde, aber nichts konnte ihn ablenken oder ängstigen.

Endlich tauchte in der Tiefe ein, freilich oft unterbrochener, Kranz von Lichtern auf: die Seeufer. Agathons Augen wurden naß vor Freude. In kurzer Zeit war er im Thal angelangt. Alle Bewohner des Dorfes, das er betrat, waren in Bewegung. In jedem Haus brannte noch Licht. Er betrat die nächste Schenke, die fast einer Höhle glich, die gestopft voll war von leidenschaftlich disputierenden Bauern, während Weiber und sogar Kinder auf der Straße standen. Beim Anblick der vielen Menschen, der sich anscheinend zwecklos drehenden und windenden Körper, des Rauches, der aus Pfeifen quoll, der gleichsam von der Zeit gerösteten Bilder und Wände, fühlte Agathon plötzlich die Übermüdung seines Körpers in einer schrecklichen Weise. Es war ihm, als ob sich seine Haut löste. Dabei glaubte er fortwährend zu sinken, zu fallen, durch zahllose Wiederholungen desselben Raumes.

Die Bauern wurden aufmerksam. Sein Gesicht von geradezu phantastischer Blässe übte auf sie den Zauber einer Erscheinung. Sie standen alsbald um ihn her, und einige, die frech oder höhnisch gelächelt hatten, lächelten nicht mehr, als Agathon zu sprechen begann. Seine hohle und erschöpfte Stimme klang gedämpft und füllte trotzdem den Raum, sie hatte etwas Klingendes, Messerscharfes, unmittelbar Überzeugendes. Seine Rede schien von einem unsichtbaren Wesen zu kommen, das ihn umfangen hielt, denn er blieb so bewegungslos, als ob seine Glieder gefesselt seien. Es war ein Sturm sich überstürzender Worte, es war der Schmerz und der Zorn des Königs selbst, der in geheimnisvollem Bündnis mit dem Redner zu stehen schien, dieses Königs, der ein Märtyrer seines Amtes und dessen Geist nicht, aber dessen Herz wahnsinnig war.

Die Wirkung von Agathons Worten, die für ihn selbst einem Fiebertraum glichen, war auf die Bauern eine wahrhaft beängstigende. Sie schrien, tobten, stiegen auf Tische und Bänke, fuchtelten mit den Händen umher, zerbrachen Gläser und Fensterscheiben, hoben Agathon auf ihre Schultern, daß sein Kopf an die Decke stieß, schlugen den Wirt nieder, der sie besänftigen wollte, und in kurzer Zeit hatte sich dieser Zustand eines tierischen Rausches durch das ganze Dorf verbreitet. Ein alter Bauer, dessen eines Auge verklebt war, fluchte und heulte beständig, eine Art Hausierer oder Kärrner schwang eine Sense, versammelte die jungen Leute um sich und wollte mit ihnen über den See nach dem Schlosse fahren. Agathon saß mit leeren Augen in einem Winkel der Schenke. Er war verwundert und hatte fast Angst wegen dieser grundlosen Verwunderung. Er starrte hinüber ans andere Ufer, das weit entfernt war und von dem spärliche Lichter durch den allmählich aufdämmernden Morgen flimmerten. Er sah auch Lichter, die in beständiger Bewegung von Punkt zu Punkt huschten wie Fackeln, die man hin und her trägt. Da erschallten im Innern des Dorfes durchdringende Schreie, die sich wiederholten und fortpflanzten und an Stärke zunahmen. „Der König ist tot!“ gellte plötzlich eine Stimme dicht vor dem Fenster, an dem Agathon saß. „Er ist ertrunken!“ schrie eine andere, und „Im See ertrunken!“ eine dritte Stimme. „Er hat sich hineingestürzt!“ – „Nein, nein, nicht wahr!“ Und vieler solcher Rufe. Agathon erhob sich, fiel aber gleich darauf wie ein Stock zu Boden.

Der angebrochene Morgen sah nun das Landvolk in hellen Scharen gegen das königliche Lustschlößchen ziehen, und man erfuhr, daß die Leiche des Königs erst vor einer Stunde im See aufgefunden worden war. In allen Dörfern der Umgegend läuteten die Glocken. Tausende von Bauern standen am Seeufer und vor dem Schloßpark. Viele schrien um Einlaß, und als niemand erschien, erbrachen sie das Thor. Eine beispiellose Erregung hatte alle Gemüter ergriffen; mit Sensen, Knütteln, Schaufeln und Hacken organisierten sich ganze Haufen, um nach der Hauptstadt zu ziehen und die Residenz zu stürmen. Am Mittag rückten ganze Regimenter Infanterie aus der Stadt, um die Ordnung herzustellen. Ein hünenhaft gebauter Kerl, der sich auf eine unerklärliche Weise den Wortlaut einer „Proklamation an mein Volk“ verschafft hatte, die des Königs letzte Niederschrift war, lief damit von Dorf zu Dorf, von Weiler zu Weiler, von einem Wirtshaus ins andere, und wurde nicht müde, sie aus der Kopie immer wieder in einer schlichten und rührenden Weise vorzulesen und jedem, der sie hörte, gleichviel ob Mann oder Weib, stürzten dabei die Thränen aus den Augen. Denn diese Proklamation war das Glänzendste und Bewegteste, was jemals die verzweifelte Seele eines Fürsten geschaffen. Sie ist unbekannt geblieben, und es gab Gründe, ihre Verbreitung nicht zu wünschen. Ihre Sprache war einfach und klar, jedes Wort ein tiefes Bekenntnis, eine Klage, eine Anklage. Sie war von einer bitteren Ruhe diktiert, und ein kraftvoll gebändigtes Feuer war in ihr und niemals ward dem Thron ein besserer Dienst geleistet, als durch die Verheimlichung dieses gefährlichen Dokuments, das auf dem Thron entstanden war.

In der Stadt war aller Verkehr, waren alle Beziehungen der Gewerbe und des Handels ertötet. Kaufhäuser und Schulen, Krämereien und Fabriken, alle waren geschlossen. Trauerfahnen wehten, vierundzwanzig Stunden lang tönten ununterbrochen die Glocken in einem dumpfen und niederdrückenden Konzert. Aufgeregte Menschenmassen füllten Plätze und Straßen und Kirchen; an den Fenstern sah man heulende Weiber; aber auch Männer schämten sich nicht zu weinen. Der König, der seit fünfzehn Jahren sich nicht mehr öffentlich gezeigt, dessen Leben für alle ein Geheimnis war, dessen Stolz bis zur Schroffheit ging, dessen Menschenverachtung am Hof gefürchtet war, er genoß die Liebe seines Volkes in unvergleichlichem Maß. Selten wohl war ein ganzes Land von einem Gefühl solcher Trauer durchbebt wie in jenen Tagen.

Agathon ging durch die Straßen der Stadt, einsam und verlassen. Er fühlte sich krank und wund. Er mochte nicht zu Jeanette gehen, weil er Furcht davor hatte, reden zu müssen. Es war etwas so Vergebliches für ihn, jetzt noch zu leben. Er sah lauter trauernde Menschen um sich und seine früheren Wünsche waren erstickt.

Da ging er an einem Haus vorbei, in dessen Erdgeschoß ein Fenster offen stand. Verdrossen und trotzig blieb er stehen, und nach einer Weile blickte er hinein in ein ärmliches Zimmer. Drei Kinder saßen darin und spielten, drei schöne Kinder mit frischroten Wangen. Sie spielten ein gewöhnliches Spiel und waren ganz allein. Aber wie sie sich dabei benahmen, wie sie nicht etwa jauchzten, sondern innig froh waren, wie ihre Augen glänzten, wie sie mit einander und mit sich selbst zufrieden und befriedigt waren von dem Gang des Spiels, das sich doch wenig unterschied von allen Spielen aller andern Kinder, darin lag etwas so Warmes, Gutes, Befreiendes, es stand in so grellem Gegensatz zu der Stimmung auf der Straße, daß es wie ein Stück Zukunft in der Gegenwart berührte.

Daher atmete Agathon tief und lange auf; sein Körper begann zu zittern wie unter Wellenschlägen neuen Lebens, und lächelnd setzte er seinen Weg fort.

Neunzehntes Kapitel

Sommer und Sommerwinde! Blüten an allen Ecken der Welt! Ein tiefes Grün auf den Feldern, die schmeichlerische Stille der Wohnlichkeit unter den Bäumen des Waldes! Flockige Wolken, die wie Schiffe über den strahlenden Himmel ziehen und Rosen an den Gärten und Wicken in den Hecken!

„Ich wußte wohl, daß der kleine Sema dem Tod entgegenging,“ sagte Agathon zu Monika, als sie vom Vestnerwald gegen das Dorf zuschritten. „Oder ich fühlte es vielleicht nur. Aber vielleicht ist er doch noch zu retten. Die Leute sind nur so schrecklich arm.“

„Aber warum fühltest du es denn?“ fragte Monika, die stets ein wenig neugierig war.

„Ach, er ist heimatlos. Seine Seele ist deshalb zerrissen. Er hat nichts Biegsames in sich. Alles bricht bei der ersten Berührung. Und er ist so alt. Er hat Jahrtausende gelebt. Solche Kinder giebt es viele bei uns Juden.“

Dann schwiegen sie lange Zeit. Plötzlich an einer einsamen Stelle beim kleinen Pulvermagazin, blieb Monika stehen, umarmte Agathon mit einer leidenschaftlichen Bewegung und stammelte: „Wie dank’ ich dir, daß du mich liebst. Du hast mir das Leben wiedergeschenkt, Agathon. Alles, was ich bin, gehört dir. Du hast es nicht geachtet, daß ich gesündigt habe, du bist groß, Agathon, und schön, das weiß nur ich.“

„Es ist kein Zufall, daß alles so gekommen ist, Monika. Nun bist du eine Kämpferin geworden. Die Zeit geht nicht mehr über dich hinweg, sondern du gehst vor der Zeit einher.“

„Und was willst du thun jetzt, Agathon?“

„Warten. Ich will den Acker meines Vaters bestellen. Für mich und dich wird es Brot geben. Und die Mutter hat ja das Vermögen des alten Enoch.“

„Warten, Agathon? Worauf?“

Agathon schüttelte lächelnd den Kopf.

Und als es Abend war, standen sie in Frau Olifats Garten und bewunderten die farbigen Gluten des Himmels. Monika stand unter einem Apfelbaum und wiegte ihr Kind im Arm. Esther saß singend mit Mirjam vor dem Thor, Frau Olifat und Frau Jette unterhielten sich auf einer morschen Gartenbank nahe der Laube, und sie sprachen insbesondere davon, daß die kleine Käthe Estrich ins Kloster gegangen sei und den Schleier genommen habe. Darüber konnten die beiden Frauen kaum zur Ruhe kommen.

Die Vögel sangen, eine Amsel schlug und ein Zeisig lockte. Das schrille Geschrei spielender Kinder drang aus dem Dorf. In der gläsernen Burg sangen die Zecher wieder und Mirjam erklärte der Freundin wichtig, daß es das Lied: ‚spinn’ spinne, Töchterlein‘ sei.

Monika blickte hinauf in die Äste des Baumes, wo die Äpfel hingen, seltsam vergoldet vom Rot der Sonne. Sie kniff die Augen zusammen und sagte begehrlich: „Ich möchte so gern einen haben, Agathon, einen Apfel von da droben.“

„Du mußt warten, Monika.“

„Immer warten! Worauf denn?“

„Sie sind noch nicht reif, Liebste.“

„Das dauert aber noch so lange ...“

„O nein, zwei gute Sommerwochen und sie sind reif. Laß sie erst reif sein, Monika.“

Und Agathon küßte die junge Mutter auf die Stirn.

Ende.

Druck von Hesse & Becker in Leipzig.

Verlag von Albert Langen, Paris, Leipzig, München.

Jakob Wassermann

Melusine

Ein Liebesroman

Preis 2 Mark 50 Pf.

Der Liebesroman von Jakob Wassermann „Melusine“ ist ein schweres und trauriges Buch. Von der ersten Seite des Buches an fühlt man sich seltsam und unwiderstehlich festgehalten. Man ahnt bereits das Ende der Geschichte, wenn man den Anfang liest. Man merkt schon an dem Ton, an der Vortragsart des Verfassers, daß er uns Verhältnisse schildert, aus denen es kein Entrinnen giebt, bange, zerrüttete, trostlose Verhältnisse, in denen die Gefangenen nur stumm, eintönig, unaufhörlich weinen, ohne etwas ändern zu können an ihrem Geschick. Ein kindhaft scheues und schwermütiges weibliches Wesen mit großer Hingebung und einem bösen Geheimnis treibt in dem Buche ihr Spiel. Sie ist leidend, die rätselhafte, weltfremde Melusine, die, jung und elternlos, von ihrem Vormund verführt wurde und seitdem heimlich seine Geliebte ist. Sie haßt, verachtet ihn, sie hat schon unzähligemal mit ihm gebrochen, aber sie ist arm und hilflos und so muß sie sich von ihm brutalisieren lassen. In der Familienpension lernt sie einen jungen Studenten kennen, und ein leidenschaftliches Verhältnis entspinnt sich bald zwischen den beiden. Aber das Geheimnis liegt zwischen ihnen und dann die Armut. Mit Ekel vor der Liebe erfüllt, hat das Mädchen nicht den Mut, nicht die Kraft, der Lüge zu entrinnen, ihr Schicksal zu ändern. Und so entschwindet sie dem jungen Mann plötzlich und wie ihm, so auch dem Leser. Man vernimmt nichts mehr von ihr und es bedarf auch dessen nicht. Ihr Bild ist vollendet, ihr Wesen steht klar vor unserer Seele. Eine große Sehnsucht weht durch das Buch, das ganz in Moll klingt und das ein eigenartiges und dichterisches genannt werden darf.

(Frankfurter Zeitung, 29. VI. 96.)

Kleine Bibliothek Langen.

Illustration from Die Juden von Zirndorf: Roman

Band I

Jakob Wassermann, Schläfst Du Mutter?

„Schläfst Du Mutter?“ ist die rührende Geschichte eines Knaben. Ohne Sentimentalität und ohne gesuchte Naivität vorgetragen, bringt die Novelle eine Reihe feiner Seelenmalereien aus dem Leben des Kindes, bis es gleichsam aufwachend in die Wirklichkeit hineinsieht. Es träumt von der Zeit, wo es kein Träumer mehr sein wird. Aufgerüttelt von den dunklen Mächten der Natur steht der Knabe am Totenbett der Mutter und weiß nicht, was das ist: tot sein.

Band II

Marcel Prévost, Julchens Heirat

„Julchens Heirat“ enthält die Gedanken und Betrachtungen einer kleinen Pariserin beim Herannahen ihrer Hochzeit und die Erfahrungen, die sie in der ersten Zeit ihrer Ehe macht. Es ist durchaus kein naives Buch, aber geistreich und graziös. Man muß bei diesem Buch in Prévost wieder den Meister der feinen Form bewundern.

Band III

Amalie Skram, Verraten

„Verraten“ ist die Geschichte von einem jungen Mädchen, das nach altem Muster, in Unkenntnis mit den natürlichsten Dingen, erzogen, an einen braven und lebensfrohen Schiffskapitän verheiratet wird. Das Resultat ist eine unglückliche Ehe, indem die junge Frau, in der Überzeugung ihrer eigenen Vortrefflichkeit und der Schlechtigkeit ihres Mannes, diesem, der sie aufrichtig liebt, das Leben so traurig macht, daß er sich zuletzt aus Verzweiflung in die Wellen stürzt.

Björnstjerne Björnson schreibt über dieses Buch: „Verraten“ ist an psychologischer Tiefe und Macht der Darstellung ein Meisterwerk, das uns den Eindruck hinterläßt, als wären wir draußen auf dem Meere, als schauten wir in die Wassertiefe hinab und als leuchtete uns daraus ein Paar großer Augen entgegen. Den Kopf kann man nicht erkennen, aber man sieht, wie die Augen sich öffnen und schließen ... kalt wie das Meer.

Band IV

Heinrich Mann, Das Wunderbare u. a. Novellen.

Der Verfasser dieser Erzählungen ist seit Jahren ein häufiger Gast in unseren besten illustrierten Blättern, hier tritt er zum ersten Male mit einem gesammelten Werk vor das Publikum. Die wunderlichen Ereignisse und die eigentümlichen Menschen, die er mit Vorliebe schildert, bedeuten für ihn nicht allein Mittel, um seine Leser zu unterhalten, er wählt sie auch, weil die stark bewegten Schicksale ihn am tiefsten in die geheimnisvolle Welt blicken lassen, die hinter dem zufälligen Leben der Menschen liegt: die Natur.

Band V

Guy de Maupassant, Pariser Abenteuer.

Maupassant ist als Dichter wohl auch in Deutschland zu bekannt, als daß er besonderer Empfehlungen bedürfte. Die Genialität, die ihn stets gleichsam den seelischen Kern einer Handlung finden läßt, die spielende Anmut, womit er oft selbst das bitterste sagt, setzen stets aufs neue, auch bei diesen Novellen, in Erstaunen.

Illustration from Die Juden von Zirndorf: Roman

Band VI

Hermann Bang, Fräulein Caja.

Mit einer zauberhaften Kunst vermag es der Verfasser, die grauen und alltäglichen Menschen, von denen er uns erzählt, in das schärfste Licht hervor zu heben. Der Blick des Lesers wird unaufhörlich gefesselt von den dargestellten Einzelheiten, die er alle aus eigenen Beobachtungen wiedererkennt, und die sich hier zu ergreifenden Menschenschilderungen und tief wirkenden Interieurs vereinigen. Mit Recht gilt Hermann Bang für den eigentümlichsten und bedeutendsten Erzähler Skandinaviens.

Jeder Band ist mit einem künstlerischen Titelbild versehen und kostet elegant broschiert 1 Mark, gebunden in Leder 2 Mark.

Verlag von Albert Langen, Paris, Leipzig, München.

Illustration from Die Juden von Zirndorf: Roman

SIMPLICISSIMUS

ILLUSTRIERTE WOCHENSCHRIFT

Preis 10 Pf.

Albert Langen’s Verlag. München.

Abonnement vierteljährlich 1.25 Mk.

I. Jahrgang

(1896-97) elegant gebunden 7.50 Mk.

Hesse & Becker, Leipzig

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