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Die Heiligen der Merowinger

Zweites Buch. Das Heiligengrab.

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Die Heiligenleben sind nun aber nur die eine Seite der auf uns gelangten Ueberlieferung. Die andere, wie sie denn überhaupt niemals gelehrter Natur war, tritt dem Besucher von Frankreich auf Schritt und Tritt im öffentlichen Leben entgegen und ist so trivialer Art, daß heute kaum Jemand mehr an ihre ursprüngliche Bedeutung zu denken sich bemüßigt fühlt: Place Saint Martin, Boulevard Saint Germain, Porte Saint Denis, Bibliotheque Sainte Genevieve. Es handelt sich dabei um die säkularisierten Reste eines sepulkralen Andenkens, das dem schriftstellerischen Andenken zur Seite ging, wenn nicht gar vielfach, als die primäre Instanz, ihm zur Grundlage diente. Von einander unabhängig sind die beiden Formen der Tradition jedenfalls nicht gewesen. Da aber hier und dort die Heiligen zu einem guten Teil ganz andere sind, geht schon daraus hervor, daß die kultische Ueberlieferung sich nicht vollkommen deckt mit der litterarischen, sondern bei einem halben Zusammenhang mit ihr zur andern Hälfte eigene Wege geht.

Als Organisation ist das kultische Andenken allerdings ein Werk des Priesterstandes; aber der Substanz nach haben wir es hier durchaus mit einer naiven Schöpfung der Volksseele zu thun. An sich ist das Material ausgedehnter und schwerer zu überschauen, als der in zahlreichen, aber immerhin zählbaren zeitgenössischen Viten vorliegende litterarische Traditionsstoff; und doch wird die Darstellung der wesentlichen Erscheinungsformen des Heiligenkultus sich ungefähr auf die Hälfte des Umfanges zusammendrängen lassen, den die Schilderung der merowingischen Heiligenschreibung für sich in Anspruch nahm. Hiefür ist der hauptsächliche Grund folgender: dort galt es immer aufs neue Rücksicht zu nehmen auf originale persönliche Art mit all der Verästung und komplizierten Linienführung eigenen Lebens, die in der kurzen Spanne zwischen Geburt und Tod immer wieder neu und immer wieder anders war; und damit nicht genug, galt es dann noch dem Auswachsen persönlichen Andenkens ins Riesenhafte und Mythische nachzugehen, der Teilnahme armseliger Einzelleben an den kolossalen Naturgestaltungen ganzer Völker. Auf dem Gebiete, das wir nun betreten, wird uns ja teilweise ähnliches begegnen; aber das wird dann nur ein Hinübergreifen, ein partielles Sichdecken sein. Der Unterschied ist weit beträchtlicher als die Uebereinstimmung, und in dieser Differenz liegt das entscheidende Wesen. Nicht auf frommen Vorstellungen ruht hier das Schwergewicht, sondern auf frommen Handlungen. Und während die Ansätze zu Kristallisationen der Vorstellungen zwar dort nicht fehlen, aber stets auseinandergespült werden durch das beständig zuströmende originale Leben, das, wenn auch noch so bescheiden, aus jeder wirklichen Heiligenexistenz quoll, so stehen hier breit und beherrschend nicht individuelle Mächte im Vordergrunde, sondern Gattungen, Typen. Gewiß fehlte das Persönliche nicht, aber es fehlte als primäre, aus eigener Wurzel bezogene Triebkraft und spielt sich statt dessen nur parasitenhaft auf der Rinde der Gattung ab. Nicht das Moment der Entwicklung, sondern das Moment der Stetigkeit überwiegt nun.

Nie ist in der abendländischen Geschichte eine ganze Volksmasse religiös so imprägniert gewesen, wie die Franken unter den Merowingern, sobald wohlverstanden von dem normalen Volksleben im Staate die Rede ist, nicht von momentanen Impulsen wie den Kreuzzügen oder der Reformation, und sobald ferner ›religiös‹ unter Verzicht auf den sittlichen Gehalt lediglich die Furcht vor Gott bedeutet. Um dem Wesen eines solchen enormen und formlosen Klumpens von Religiosität mit unserer Erkenntnis beizukommen, haben wir den Stoff unter drei Stichbegriffe verteilt: Name, Kraft und Wunder. Volkstümlich ausgedrückt, handelt es sich bei dieser Einteilung um die Schale, um den Kern und um die Wirkung des Kernes auf den, der ihn verschluckt hat.

Unsere Quelle ist nun fast ausschließlich Gregor von Tours in seinen acht Büchern der Mirakel. An Vollständigkeit darf uns hier nicht so viel gelegen sein, als an einer möglichst typischen Einsicht in den Sachverhalt; und da wird man sich zweimal besinnen, ehe man irgend eines der andern keineswegs seltenen Zeugnisse in die Nähe einer Aussage Gregors erhebt. Er bedient uns hier mit der andern Seite seiner hagiographischen Qualitäten, ein Unterschied, dessen er sich wohlverstanden selber bewußt ist; spricht er doch gelegentlich ausdrücklich von einer Differenz zwischen dem Andenken an die historische Person und dem Kultus an ihrem Grabe [211-a].

Vierter Abschnitt. Der Name.

Aus dem Frankenreich der Merowinger sind uns etwa zweihundert Gotteshäuser bekannt, die den Namen eines christlichen Heiligen tragen. Die durch diese Kirchennamen repräsentierte Heiligenversammlung stellt sich äußerst bunt dar; von den christlichen Urheiligen bis zum kleinen Lokalmärtyrer sind zugewanderte und einheimische Selige in gemeinsamer Verehrung vertreten. Und nicht etwa so, daß in abgeteilten Bezirken hier Fremde und dort Landesbürger hausten, sondern gemischt und gekreuzt zwischen Morgenländern ein Kelte und zwischen Germanen ein Kind des Südens. Der nationale Charakter der alten fränkischen Landeskirche verrät sich indessen auch hier. Das Gros ihrer Heiligen ist eben doch autochthon, was in diesem Fall freilich weniger besagen will, sie seien eingeboren, als sie seien in der heimischen Erde bestattet. Diese Heiligengräber gruppieren sich um eine Metropole, die deren mehrere enthält und diese wieder werden überragt von dem Reichsheiligtum in Tours. Nicht nur unter sich, sondern auch mit dem Auslande unterhielten diese Kultusstätten einen lebhaften Verkehr, der sich teils als Reliquientausch, teils als Missionspropaganda äußerte.

Zehntes Kapitel. Die Grundheiligen.

Frankreich hatte im sechsten Jahrhundert noch elf kirchliche Provinzen [212-1].

Die Hauptstadt der »Ersten Lyoner« beherbergte in ihrem römischen Mauerring nur eine Johannisbasilika, in deren Krypta Irenäus mit den Märtyrern Epipodius und Alexander beigesetzt war. Westlich oder südlich der Römerstadt lag das Mausoleum einer heiligen Frau. Außen am Stadtbann erhob sich die Nicetiusbasilika zwischen Saône und Rhone, die erst den Aposteln geweiht gewesen war. Die Lage der Helius- und Marienkirche ist nicht mehr zu bestimmen. Auf einer heute mit dem Lande verbundenen, damals von beiden Strömen bei ihrem Zusammenfluß gebildeten Insel im Osten des römischen Lyon stand die mächtige Märtyrerkirche von Ainay. Eine Stunde oberhalb lag ein Kloster auf der Insel Barbara in der Saône. Auf der Südgrenze gegen Vienne zu befand sich das Symphorianskloster von Ozon, und ihm diametral entgegengesetzt in der Nordostecke am Jura das uns bereits bekannte Kloster des Romanus, das damals noch nach Eugendus und später nach Bischof Claudius hieß. Lyons kultischer Sagenkreis enthielt folgende Anekdoten [212-a]. In der Irenäuskrypta strahlt bisweilen ein heller Schein. Die Krypta des Helius barg ein schönes Grabmal dieses Lyoner Bischofs aus der decianischen Verfolgung. Im Raume war inschriftlich über der Eingangsthüre das die Nacht nach der Beisetzung von einem Heiden begangene Sacrilegium erwähnt. Gregors Verwandter, Bischof Nicetius oder Nizier, zollte diesem seinem Vorgänger besondere Verehrung. Er selber erwies sich dann, noch nicht einmal im Grabe, schon bei seinem Leichenzug wunderkräftig; ein blinder Knabe ließ sich, einer inneren Stimme folgend, durch die Schaar weiß gekleideter Kleriker hindurch unter den wandelnden Sarg stoßen; dort rief er den Heiligen an und erlangte das Augenlicht. In der Stadtkirche zeigte man einen Evangelienschrein, eine Schale und einen Kelch, die einst Kaiser Leo als Dank für die durch einen Lyoner Obersthelfer bewirkte Heilung seiner besessenen Tochter gestiftet hatte; die Gegenstände waren aus reinstem Golde gewesen und mit echten Juwelen besetzt; aber leider hatte der Ueberbringer in der Alpengegend bei einem Goldschmid übernachtet, der ihm bei Gewinnteilung Ersetzung echter Bestandteile durch Imitationen vorschlug; nur den Kelch ließ er unberührt, weil dort die Edelsteine stärker als blos mit Golddrähten befestigt waren. Die Strafe war, daß beide, bei der Rückkehr des Boten, nachts im einstürzenden Zimmer erschlagen wurden. Von jener unbekannten Frau, die vor der Stadtmauer begraben lag, hieß es, sie habe den Schuh des Märtyrers Epipodius aufgefangen, als er ihm auf dem Gange zum Richtplatz vom Fuße fiel. In der Marienkirche hatte von einem kinderlosen adeligen Ehepaar, das die Kirche zum Erben seiner Güter einsetzte, der verstorbene Gatte sein Grab, an dem die noch lebende Gemahlin täglich ihre Andacht verrichtete. Nördlich von Lyon lagerte sich das Gebiet der ihm unterstellten Bistümer. In Autun war der Kirchhof ein Sammelpunkt von Heiligtümern [213-a], nicht nur enthielt er ein Massengrab von Heiligen, sondern auch die Mausoleen dreier Stadtbischöfe, nämlich des Reticius, des Cassianus und sogar des Simplizius, trotzdem diesem, allerdings mit Unrecht, Ehebruch nachgeredet wurde. Zum Grab des Reticius, das abseits lag, ging die Geschichte um, seine Gattin, die schon vor seiner Bischofswahl starb, habe ihn beschworen, einst an ihrer Seite zu ruhen, und als nun viele Jahre später der Bischof die seiner Stellung entsprechende Ruhestätte finden sollte, verrichtete die Totenbahre das in solchen Fällen übliche Beharrungswunder, bis man begriff. Der Hauptheilige von Autun war allerdings der Lokalmärtyrer Symphorian aus der Zeit der Lyoner Verfolgung; seine Basilika war am Ende des fünften Jahrhunderts von dem Priester und späteren Bischof Eufronius errichtet worden und lag eine kleine halbe Stunde nördlich der Stadt [213-b]. Dijon, die thatsächliche Residenz des Namensbistums Langres, besaß das Benignusgrab, über dem seine Hauptkirche errichtet war; sie enthielt überdies die Gräber des Senators Hilarius, seiner Frau Quieta und einer ebenfalls frommen Dame namens Florida, wozu dann noch als weitere dort ruhende Notabilität Tranquillus hinzukommt [213-c]. Durch einen Höhenzug getrennt, bereits im Seinegebiet, lagen die beiden Klöster Reomatis und Saint Seine; der Stifter des einen, der heilige Abt Johannes von Tonnerre, war in einer benachbarten Pfarrkirche begraben, während das Grab des heiligen Sequanus sich in dessen Abtei befindet [214-a]. Einen Tagemarsch nordnordwestlich von Reomatis erreichte man die Festung Tonnerre, wo ein durch Martin von Tours geheilter Priester seiner Zeit eine Kapelle errichtet hatte. Topographisch die Abrundung des Erzbistums Lyon bildet die Diöcese Châlons. Das Hauptheiligtum Sankt Marcellus zu Ehren eines der Sage nach aus Lyon stammenden Märtyrers, zu dessen Verherrlichung namentlich König Gunthram beitrug, lag eine halbe Stunde vor der Stadt jenseits der Saône. Ein Heiligengrab war ferner das des Bischofs Silvester. Sieben Wegstunden südwestlich lag das Kloster Gourdon mit dem einst nach Châlons verlangten, aber zunächst nicht herausgegebenen Leichnam des Klausners Desideratus, der bei Lebzeiten besonders Zahnweh geheilt hatte. Und eine kleine Tagereise von Châlons südlich gen Macon hin fand sich an der Saône die Festung Tournus mit der Grabeskirche des Märtyrers Valerianus [214-b]. Von Macon erwähnt Gregor kein Heiligtum, dagegen von Besançon, das kirchlich den höchst unwirtlichen alamannischen Osten berührte. Die den Märtyrern aus Caracallas Zeit gewidmete Basilika Sankt Ferreolus und Ferrucio liegt eine schwache halbe Stunde westlich von der Stadt, heute das Dorf Saint Fergeux [214-c]. Im südlichsten Winkel des ansehnlichen Diöcesangebietes finden sich die beiden Juraklöster, die einst von Saint Oyand de Joux aus gegründet worden waren, Sankt Lupicin, der indessen nicht dort bestattet ist, und das zehn Meilen von Saint Claude gelegene nach dem daselbst ruhenden Romanus genannte St. Romain-de-Roche. Im kirchlichen Zusammenhang mit Lyon, eher als mit Vienne, ist hier auch das einzige damals ansehnliche Heiligtum auf Schweizerboden zu nennen, Saint Maurice mit seinen Heiligen von Agaunum, deren Namen und Andenken auch der daselbst nachträglich noch bestattete königliche Heilige, Sigismund von Burgund, nicht zu entthronen vermochte [214-d].

Aus der »Zweiten Lyoner« Provinz, der Normandie, mit der kirchlichen Hauptstadt Rouen sind uns keine Heiligengräber näher bekannt, um so mehr dagegen aus der »Dritten«, deren Metropole Tours war. Von den fünfzehn Kirchen des Stadtbannes, die Gregor erwähnt, entfallen indessen nur drei auf Lokalheilige, wenn man von Sankt Martin absieht und wenn man ferner die von Gregor nach Julian von Brioude geheißenen Turoner Kirche [214-e] nicht rechnet. Martins Vorläufer im Amte, Litorius, der zweite Bischof von Tours, der auch die Kathedrale in der Stadt erbaute, besaß, wahrscheinlich eine Viertelstunde westlich von der Stadtmauer entfernt, sein eigenes Heiligtum [214-f], ebenso zwei Lokalheilige, die Gregor in seinen Väterleben näher beschrieb: Venantius [215-a], der sich kurz nach Martins Tode, in Tours in einem nahe bei der Martinskirche schon vorhandenen Kloster niederließ und Monegunde [215-b], bei der es sich wahrscheinlich um das von ihr gestiftete Nonnenkloster handelt. Diesen drei Bethäusern, die zwar alle außerhalb des damaligen, aber noch innerhalb des heutigen Stadtringes lagen, reihen sich eine Anzahl anderer in der zu Tours gehörigen Landschaft gelegener Lokalheiligtümer an [215-c]. Unter dem Namen der heiligen Papola [215-d] tritt in der fränkischen Heiligensage die als Mönch verkleidet im Mannskloster lebende Nonne auf, die im Orient Marina heißt. Die Papolakapelle lag irgendwo im Diöcesangebiet von Tours. Das lang unbekannte Grab irgend eines verschollenen auswärtigen Bischofs Benignus [215-e] wurde dadurch entdeckt, daß ein Landmann den im Gestrüpp liegenden Sarkophagdeckel ahnungslos zum Grabstein für seinen verstorbenen Sohn verwendete und sich dadurch nächtlicherweile die energischen Reklamationen des fremden Heiligen zuzog. Hat man es schon hier mit einer nachträglichen kirchlichen Reception eines alten der Volksverehrung sich erfreuenden Grabes zu thun, so noch mehr bei dem ebenfalls im Dorngeheg versteckten Grabe der »Beiden Jungfern« [215-f], die sich nachts mit Erscheinungen an verschiedene Leute wandten, um sich eine anständige Bergung ihrer Ueberreste zu verschaffen, und so auch an den Bauer, auf dessen Land sie lagen: »Länger halten wir es ohne Dach einfach nicht mehr aus; übrigens wäre es zum Besten des Grundbesitzers, wenn er die Dornenhecke artig zurichten und der Regengüsse wegen für ein Dach sorgen wollte.« Als nun der Bauer sein möglichstes that, war ihm doch sonst mit Tod innert Jahresfrist gedroht worden, und er dann zu Eufronius von Tours ging, mit der Bitte, Hochwürden möchten nun so gut sein und das Grab zu weihen kommen, versetzte dieser: »Lieber Sohn, ich bin steinalt und heuer macht’s draußen kälter als ein anderes Frühjahr, es gießt und windet und die Bäche sind angeschwollen; du kannst wirklich nicht verlangen, daß ich mich zu euch hinausbemühe.« Bekümmert ging der Landmann von dannen. Nachts aber erschienen die beiden Jungfrauen dem Bischof und weinten ihm vor, so daß er sich daraufhin schleunig auf den Weg machte. Er hatte sich die Gesichtszüge und den Gang der Beiden genau gemerkt: beide waren weißer als Schnee und die kleinere nur an Gestalt nicht an Verdienst geringer. Auch wie sie hießen, hatten sie ihm gesagt: Maura und Britta. Was diese beiden nachträglich selig gesprochenen Nonnen einst in ihrem Erdenleben trieben, ja ob das Grab überhaupt zwei und zwar zwei weibliche Leichname enthielt, wissen wir ebensowenig, wie ob der ebenfalls eines Tages zu Maillé entdeckte Solemnis [216-a] mit seinen Erdentagen irgendwie seine spätere Sanktifikation rechtfertigt und er der Bischof von Chartres dieses Namens wirklich gewesen ist. Dagegen genießen die übrigen Lokalheiligen der Turoneser Landschaft im Kultus nur den durch ihre frühere Heiligenlaufbahn ehrlich erworbenen Lohn ihrer irdischen Wirksamkeit: der Martinsjünger Maximus [216-b], oder Saint Mesme Johannes aus der Bretagne [216-c] und Senoch [216-d]. Von den Tours unterstellten namentlich die Bretagne erfüllenden Bistümern nennt Gregor nur wenige Kirchen die Lokalheiligen gewidmet sind: in Le Mans Bischof Viktorius [216-e], in Angers Bischof Albin, Saint Aubin [216-f]; in Rennes Bischof Melanius Saint Melaine [216-g] und in Nantes Bischof Similian, wo überdies auch zwei Lokalmärtyrer Donatian und Rogatian schon zu Chlodowechs Zeiten ihre Kirche gehabt haben sollen [216-h].

Die »Vierte Lyoner« stellt sich dar in dem sehr umfangreichen Erzbistum Sens, dessen Metropole Gregor jedoch nirgends erwähnt. Auch von Chartres nennt er weder die Stadt selbst noch das damals doch wohl schon freilich ohne den Heiligenleib bestehende Kloster Avituszelle. Für Auxerre verzeichnet er immerhin das Grab des Germanus [216-i], der am 31. Juli 448 in Ravenna gestorben, aber nach zwei Monaten in die Heimat überführt worden war. Ausführlicher wird Gregor erst für Troyes: in der Stadt lagen die Lupuskirche [216-k] und vielleicht eine Kirche des Nicetius von Lyon [216-l] außerhalb dagegen die große Patroklusbasilika [216-m]; erst war es nur eine kleine Kapelle mit einem einzigen Priester gewesen, als jedoch eine schriftliche Patroklusvita aufkam, hob sich der Kultus so sehr, daß ein geräumiges Gotteshaus an die Stelle treten mußte. In Orleans standen zwei Kirchen, Saint Aignan, wo der Bischof Namatius im Jahre 587 begraben wurde [216-n], und die Grabeskirche des Einsiedlers Avitus von Micy [216-o]. Das mit Kirchen schon in jener Zeit begüterte Paris hat indessen nur eine einzige ausdrücklich Lokalheiligen gewidmete Stätte besessen; denn wenn die spätere Genovefakirche offiziell noch nach Sankt Peter [216-p] und Saint Germain noch nach Sankt Vincenz [216-q] hieß, so blieb nur jenes von der »Stadt« als ein in ihr gelegenes »Dorf« unterschiedene Stück Paris übrig, wo Bischof Marcellus [216-r] und die Nonne Crescentia [216-s] in ihren eigenen Gotteshäusern ruhten. Im heutigen Saint Denis brach sich schon zu Gregors Zeiten der Name des Dionysius [216-t] Bahn als des Lokalmärtyrers und ersten Bischofs von Paris. Saint Cloud mit dem Grabe Chlodovalds kam erst später auf; es hieß damals noch Novigentum [217-a].

Die »Erste Belgische« ist Gregor in hagiographischer Hinsicht ziemlich unbekannt geblieben. In Trier nennt er mit Namen nur die Maximinskirche [217-b] die auch das Nicetiusgrab enthielt; für Köln die Kirche der fünfzig Soldaten der thebäischen Legion; da es hieß, sie hätten an Ort und Stelle gelitten, sonstige Beziehungen der Sage jedoch nicht erwähnt sind, so haben wir es mit einem von Agaunum unabhängigen ungefähr gleichzeitigen Kölner Lokalniederschlag der Thebäerlegende im Abendland zu thun; diese Kirche, später St. Gereon, war als Bauwerk mit Mosaiken so verschwenderisch ausgestattet, daß das Volk nur von den ›Goldheiligen‹ sprach, wenn es die kölnischen Thebäer meinte [217-c]. Für Tongern-Maastricht nennt Gregor das Servatiusgrab, bei der Brücke an der Straße, die nach Gallien führt [217-d]. Etwas besser war es mit Gregors Kenntnissen in der »Zweiten Belgischen« bestellt. Für Reims nennt er außer der Remigiuskirche [217-e] die Basilika der beiden Lokalmärtyrer Timotheus und Apollinaris [217-f] und hebt sie als Stiftung einer devoten Privatperson hervor; für Soissons sodann die Grabeskirche des Bischofs Medardus [217-g]; ob Crispus und Crispinianus, denen die andere große Kirche der Stadt geweiht [217-h] war, Lokalmärtyrer sind, muß dahingestellt bleiben; dagegen war Lupentius oder Saint Louvent [217-i] einer, dem das Hauptheiligtum von Châlons-sur-Marne gehörte während der alte Bischof und spätere Stadtpatron Memmius oder Saint Menge [217-k], ebenfalls außerhalb der Mauern seine Kirche hatte; Gregor hat sie besucht. Saint Louvent, um dies nachzutragen, war übrigens ein Zeitgenosse Gregors: er wirkte als Abt von Saint Privat de Mende, bis ihn im Jahre 584 der Graf Innocenz von Gévaudan wegen Majestätsbeleidigung verklagte und sich Lupentius vor der Königin Brunichilde zu verantworten hatte. Obwohl es ihm nun gelungen war, sich zu rechtfertigen, verfolgte ihn der Graf von neuem und internierte ihn auf seinem Landsitz Ponthion. Der Heilige entkam auch dieses Mal und war eben wieder seßhaft geworden, wenigstens provisorisch in einem Zelte, das er an einem Fluße aufschlug. Da fahndete der Graf zum drittenmal auf ihn und diesmal war es des Heiligen Tod: er kam um seinen Kopf, der in einem mit Steinen beschwerten Sack dem Wasser übergeben wurde, wie auch der Rumpf. Beides gelangte jedoch ans Ufer der Marne und wurde dort im gemeinsamen Grabe bestattet, wo alsdann die Wunderkraft und Heiligenschein nicht lange auf sich warten ließen. Von den vielen Bistümern im Nordwesten der Provinz Arras, Noyon, Cambrai, Tournay, Beauvais, Amiens und den andern, enthält uns Gregor leider Kultusnachrichten jeder Art vor. Immerhin verzeichnet er für Vermandun das Grab des Quintinus, Saint Quentin [218-a].

Reichlicher ist ihm die Kunde für die südliche Reichshälfte zugeflossen. In der Viennischen allerdings erwähnt er nur die Ferreoluskirche bei Vienne, die er selber besucht hat [218-b]; in der »Arelatense« dagegen nicht allein die Genesiuskirche der Hauptstadt auf dem rechten Rhoneufer [218-c], sondern auch den Bischof Marcell von Die, ferner [218-d] Sankt Viktor, den Lokalmärtyrer von Marseille [218-e], einen gleichen von Aix, namens Metrias [218-f] und sodann den Bischof Maximus von Riez [218-g], endlich zwei Heiligtümer in Embrun, das eine über dem Grabe des Bischofs Marcellin [218-h] und das andere über dem der Lokalmärtyrer Nazarius und Celsus [218-i]. In oder bei Nizza wurde der Klausner Hospizius verehrt [218-k].

In der »Ersten Aquitanischen« besaß die Metropole Bourges ihren Apostel in Ursinus; doch hat er nach Gregor ein ursprüngliches Heiligtum nicht besessen, sondern wurde nach Jahr und Tag von dem Kirchhof, wo sich von den andern Gräbern das seinige nicht unterschied, in die außerhalb der Stadt liegende Symphorianskirche überführt, der er mit der Zeit seinen Namen aufzwang [218-l]. Auch das Grab des 580 verstorbenen Bischofs Felix von Bourges wurde zur Kultstätte [218-m]; der Senatorssohn Lusor oder Saint Ludre wurde verehrt, weil er in den Taufkleidern gestorben war; sein von Gregor bewundertes Grabmal angeblich aus parischem Marmor [218-n] findet sich noch heute in der Krypta der Dorfkirche von Deols. Auf ein Gelübde König Childeberts ging die Basilika des heiligen Eusicius zurück; dieser Einsiedler war auf dem spanischen Zuge des Königs im Jahre 531 von diesem über den Ausgang befragt worden und hatte Glück verheißen. Als ihm der Erfolg Recht gab, wurde seine bescheidene Zelle in der That vom König in eine Basilika verwandelt, mit der Bestimmung, einst auch den Heiligenleib zu beherbergen; die Cleriker von Sankt Eusicius trieben Bienenzucht [218-o]. Von einem andern Eremiten der Diöcese Bourges, Marianus [218-p], erzählt Gregor, er habe nur von wilden Früchten gelebt, es sei denn, daß ihm gutherzige Leute Honig brachten oder er selbst welchen in den Wäldern fand. Eines Tages wurde er vermißt; man fand ihn tot unter einem Apfelbaum, brachte ihn in das Dorf Evaux und bestattete ihn dort in der Kirche, wo auch jährlich sein Fest begangen wird.

In Clermont-Ferrand, dem alten Arvernum war Gregor besonders gut über Kirchen und Kapellen von Stadt und Umgegend unterrichtet, weil er dort aufgewachsen war; in der Stadt sind es ein Dutzend Gotteshäuser und in der Landschaft gegen zwanzig Kirchspiele; von diesen gehen folgende auf genuinen Lokaldienst zurück: ein Alexandergrab [219-a], das sich indessen nicht auf die Dauer als Kultstätte halten konnte, das Grab eines Priesters Amabilis [219-b] von Riom, eine von Mutter und Schwester des Sidonius Apollinaris gestiftete mehr prunkvolle als solide Kirche des Antolianus [219-c], eines Lokalmärtyrers der ältesten Zeit; auch dessen Kollegen Cassius und Viktorinus kamen nicht zu kurz [219-c]; ihre Kirche verwahrt überdies den Leib der heiligen Georgia, einer Bürgerin von Arvern [219-d]. Der Stadtpatron Illidius oder Saint-Allyre hatte seine Crypta nahe vor der Stadt, mußte aber sein Grab mit seinem Archidiakonen Justus teilen [219-e], weshalb denn auch bei dieser Doppelladung besonders viele Wunder geschahen. Der heilige Gallus indessen, Gregors Onkel, hatte zwar ein wunderthätiges Grab, aber die Kirche, wo er bestattet war, hieß nach wie vor nach dem heiligen Lorenz [219-f]. Die an Saint Allyre anstoßende Veneranduskirche barg nicht nur den Leichnam des 380 verstorbenen Stadtbischofs, nach dem sie hieß, sie war überhaupt das Kollektivmausoleum von Arvern und enthielt zahllose Grabmäler, von denen Gregor indessen nur das der Gulla des Liminius und des Nepotian mit Namen nennt [219-g]. Endlich wurde ein altes Volksheiligtum, das »Grab der beiden Liebenden«, kirchlicherseits mit der Legende legitimiert, sie hätten sich obwohl verheiratet nie berührt, deshalb hätten sich nach dem Tode die beiden Gräber wunderbar vereinigt [219-h]. In der Provinz ist Sankt Julian von Brioude nicht nur der berühmteste Wallfahrtsort der Landschaft, sondern es erhebt sich neben Sankt Martin von Tours überhaupt zur Bedeutung eines, wenn auch kleineren Landesheiligtums [219-i]. Eine Viertelstunde davon lag Saint Ferreol de Brioude; das Heiligtum des Arverner Ferreolus [219-k]. Eine halbe Stunde südöstlich von Arvern lag das Grab des Abtes Martius [219-l]; im nördlichsten Teile der Provinz hieß mit der Zeit das Kloster Mirandense nach seinem früheren Abt dem heiligen Portianus, Saint Pourcain, er hatte dem Stifte zur Zeit des »Sacco« der Auvergne durch König Theuderich vorgestanden und damals diesen Fürsten in seinem Feldlager aufgesucht; sein Grab war von den Gläubigen begangen worden [219-m]. Nahe dabei in Trezelle lag das Grab des Lupizin; zu Gregors Zeit stand es noch in Verehrung [219-n], ist aber seitdem verschollen. In Thiers wurde das Grab eines einheimischen Märtyrers namens Genesius aufgestöbert und von Bischof Avitus mit einer Basilika ausgestattet [219-o]. Von den übrigen Diöcesen des Erzbistums Bourges erfreute sich namentlich Le Gevaudan eines originalen Wallfahrtsortes in der auf Bergeshöhe gelegenen Eremitage Saint Privat: dort war dieser einheimische Bischof als er sich einsamen Bußübungen hingab, von den Alamannen erschlagen worden [220-a]. Im Gebiet von Albi lag die Gruft des Märtyrers Amarandus, in dessen Nähe überdies dann ein von fern herbeigereister Verehrer des Heiligen, der afrikanische Bischof Eugen, eines der Opfer in der Verfolgung des Hunerich ebenfalls bestattet wurde und ein Stück Verehrung mit abbekam [220-b]. In Limoges barg die Hauptkirche nicht nur die Ueberreste des Diöcesanapostels Martial, sondern auch seiner beiden Begleiter, der Priester Alpinian und Stratoclian [220-c]. Zu Limoges war ferner der Eremit Junian auch in seinem Grabe noch sehr populär [220-d]. Im benachbarten Dorfe Brives-la-Gaillarde wurde ein heiliger Martin, ein Schüler des von Tours, verehrt [220-e]. Ebenso hieß das von Aredius gestiftete und geleitete Kloster in der Folge Saint Yrieix, was ebenfalls kultische Beziehungen zum Gründer voraussetzt [220-f]: in diesem Kloster befolgte man nicht nur die Cassians-, sondern auch die Basiliusregel, und Pelagia, die Mutter des Abtes, machte den Mönchen die Haushaltung, dafür wurde sie dann auch als Heilige verehrt [220-g]. In Toulouse war der Diözesanapostel Saturnin, Saint Sernin, Märtyrer und erster Bischof der Stadt, Schutzpatron der Hauptkirche [220-h].

Die »Zweite Aquitanische« ist von allen Provinzen vielleicht die mit Lokalheiligen am meisten bevölkerte. Zu Bordeaux hatte der ehemalige Bischof Severin [220-i] seine Grabstätte vor der Stadt. In Blaye, am Ufer der Garonne, lag das Grab des Bekenners Romanus [220-k]. Das Dorf Bouillac enthielt ein rechtes Volksheiligtum, das Grab zweier Priester von denen man nicht einmal den Namen wußte [220-l]. In Agens hatte der Lokalmärtyrer Caprasius seine Basilika [220-m]. In Angoulême lag das Kloster Saint Cybar, die Stätte der Wirksamkeit und später auch die letzte Ruhestätte des Einsiedlers Eparchius [220-n]. Saintes beherbergte nicht weniger als vier einheimische Heilige: den Lokalmärtyrer Eutropius [220-o], die Stadtbischöfe Trojanus [220-p] und Bibianus [220-q] und das Grabmal eines frommen Ehepaares, das in den weißen Taufkleidern gestorben war [220-r]. In Sainter Gebiet befand sich das Grab des Abtes Martin von Saintes ebenfalls eines Schülers des von Tours [220-s]. Poitiers war berühmt durch das Grab seines Bischofs Hilarius; das unvergängliche Andenken des großen gallischen Kirchenvaters und Lehrers des heiligen Martin sicherte dem Heiligtum seine Reputation, vermochte es aber nicht als Wallfahrtsort auf die Höhe von Tours und Brioude zu erheben. Vor der Hilariusbasilika befand sich das Grab des Bischofs Theomastus der seinen Amtssitz Mouzon mit dem Asyl in Poitiers vertauscht hatte [221-a]. In Rézé, einem Dorf der Poitou gegen Nantes hin hatte ein Täufling des Hilarius, namens Lupianus seinen Kultus: auch er war im Taufkleid gestorben [221-b]. Eine Tagreise südlich von Vouillé lag das Kloster Saint Maixent [221-c] so geheißen nach dem Einsiedler Maxentius, der im Gothenkriege Chlodowechs eine Rolle spielte. In Périgueux wurde der Abt Cyprian [221-d] der allgemeinen Verehrung teilhaftig. In Couserans war der erste Bischof Valerius [221-e] seit alters verehrt und seit der Mitte des sechsten Jahrhunderts im Besitz einer Basilika. Tarbes besaß drei berühmte Lokalgräber Severus von Bigorre [221-f], Justin von Sexuanus und Similin von Tarbes [221-g].

In der »Narbonensis« endlich ist nur Sankt Baudilus [221-h] von Nîmes zu verzeichnen.

Ein resumierender Rückblick auf unsere Wanderung unter Gregors Führung läßt uns unterscheiden zwischen eminent kirchlichen Lokalheiligen, wie es namentlich Bischöfe und Cleriker, aber auch einzelne Aebte waren, und zwischen Volksheiligen, zu denen die Märtyrer, Mönche und die nachträglich recipierten heidnischen Heiligtümer zu rechnen sind. Unter den Märtyrern stehen die drei Opfer aus dem Alamannenzug des Herzogs Chrok vom Jahr 265 in der vordersten Reihe. Allerdings sind Gregors Kenntnisse ungleichmäßig und oft nur ganz ungefähr; eine systematische Aufnahme würde seine Ergebnisse vielfach ergänzt und wohl auch gelegentlich berichtigt haben. In alledem macht sich eben die Einseitigkeit und Befangenheit der Memorienschreibung gewissermaßen im Grundsatz geltend. Dies zugegeben staunt man aber immer wieder über Gregors Genauigkeit im Bereiche dessen, was ihm wirklich zugänglich war, so vermerkt er ausdrücklich den Mangel einer kultischen Verehrung bei Stremonius und bei Liminius von Arvern, obwohl doch bei jenem das Grab nicht nur bekannt, sondern sogar mit Wundererscheinungen gewürdigt und von diesem eine Lebensbeschreibung im Gebrauch der Gemeinde war [221-i]. Um über die Unzulänglichkeit unserer kultischen Rundschau nicht zu täuschen, sei erinnert, daß ja Gregor überhaupt nur die erste Hälfte der Merowingerzeit erlebte; für die andere vermissen wir Angaben vom Werte der seinigen. Wohl kann ja der Bestand von Heiligtümern wie die Zelle Galls beim Bodensee oder der des Ursiz, Saint Ursanne, im Jura für das siebente Jahrhundert mit Bestimmtheit angenommen werden; aber die ausdrücklichen Nachrichten hierüber sind eben sehr viel jünger. Von Grundheiligen endlich durfte anläßlich der lokalen Kultstätten darum gesprochen werden, weil auch im alten Frankreich wie anderswo stets, der Stamm der öffentlichen Religion im Oertlichen wurzelt.

Elftes Kapitel. Das Reichsheiligtum.

An all den Kirchen und Kapellen, über die wir soeben einen Blick geworfen haben, spielte sich die Verehrung des Heiligen ungefähr in denselben Formen ab. Im allgemeinen hat sich nur hie und da über charakteristische Einzelheiten ein Wort mit eingeschlichen. Uns ein Gesamtbild von dem kultischen Leben an einer merowingischen Heiligenstätte zu verschaffen, ist nur an den zwei großen Wallfahrtsorten möglich, Sankt Martin von Tours und Sankt Julian von Brioude. Und auch hier entfällt das Uebergewicht durchaus auf das Reichsheiligtum in Tours.

Beginnen wir mit dem Kraftzentrum, um das herum sich im Lauf der Jahre sowohl die Martinsgebäude als die Martinsgebräuche angesetzt haben. Die Ueberreste des Bischofs waren nur mit List und unter dem Schutze der Nacht von Candes, dem Todesorte, nach Tours gebracht und so den keineswegs unberechtigten Ansprüchen derer von Poitiers entwendet worden. Die Wandlung, die sich für Martins Anhänger mit seinem Hinschiede vollzog, findet ihren treffenden Ausdruck in dem Wort des Sulpizius Severus [222-a]: »Ich habe den Trost meines Lebens verloren, aber dafür einen Schutzpatron gefunden; denn nun ist er den Aposteln und Propheten beigesellt und hat, um es mit Verlaub aller Heiligen zu sagen, in der Schaar der Gerechten seinesgleichen nicht. Wenn er auch eines natürlichen Todes verstarb, so ist er doch in allen Einzelheiten seines Lebens ein Märtyrer gewesen. Laßt uns also, wo die eigene Kraft versagt, unsern Lohn in der Fürbitte Martins finden. War das Begräbnis wirklich ein Leichenbegängnis? War es nicht vielmehr ein Triumphzug? Mögen jene mit den gefesselten Gefangenen vor dem Wagen immerhin die Welt besiegt haben, der Leib Martins wurde von solchen geleitet, die unter seiner Führung die Welt überwanden. Jenen klatschte der Unverstand der Völker und eine bethörte Menge Beifall; Martin aber wird mit Gottespsalmen gefeiert, und Himmelslieder werden ihm gesungen.« Der heilige Leib wurde nicht in der Stadtkirche beigesetzt, wo doch Martin selber die Ueberreste seiner Vorgänger Gatian und Litorius einst untergebracht hatte; es kann recht wohl eine Verfügung des Toten im Spiele gewesen sein, als man ihn mitten unter den anderen Leuten auf dem Friedhof vor der Stadt begrub. Die Kapelle, die sein Nachfolger Briccius über dem Grabe erbaute, versah ihren Dienst etwa ein halbes Jahrhundert hindurch. Dann wurde sie von Bischof Perpetuus abgebrochen und durch eine regelrechte große Basilika ersetzt. Einmal der Erde übergeben, sind Martins Gebeine in ihrer Ruhe die ganze Merowinger Zeit hindurch nicht gestört worden. Eine Translation in eine andere Kirche hat damals nicht stattgefunden. Die Gebäude wechselten über derselben Stelle. Nur während der Restaurationsarbeiten ließ Perpetuus den Sarg in der Gevierung der neuen Kirche unterbringen [223-a]. Perpetuus darf überhaupt als der Begründer des Martinskultus in Tours gelten, insofern er die bisherige Lokalverehrung durch organisatorisches Geschick zu einem einzigartigen und ausnehmend reichen heiligen Betrieb hinaufsteigerte. Als am 4. Juli 473 die einbalsamierte Martinsmumie in dem neuen Grabmonument untergebracht war, das der Bischof gemäß seinen Intentionen hatte errichten lassen, wurde das Denkmal mit einer prächtigen Marmorplatte zugedeckt, die Bischof Euphronius von Autun zu diesem Zwecke brechen ließ und Perpetuus übersandte. Diesen kostbaren Deckel schützte zu Gregors Zeit ein nicht weniger wertvoller gestickter Teppich mit Fransen [223-b]. Im siebenten Jahrhundert versah dann der heilige Eligius, damals noch berühmter Goldschmid, im Auftrage König Dagoberts die Platte mit Goldverzierungen und edelm Steinbesatz. Das Grab war von einem Baldachin überragt, der mit Vorhängen versehen war [223-c]. Die Füße des heiligen Martin waren gen Osten und zugleich gegen die Halle gekehrt; »zu des Heiligen Füßen« bezeichnet somit das Atrium, das die Absis abschloß. Man gelangte in diesen reservierten Raum hinten, am Ende der großen Säulenhalle. Er war durch eine Anzahl Lampen erhellt, und um das Grabmal herum brannten eine Menge Kerzen, deren Bedienung einem besonderen Tempelhüter oblag. Als Nebenreliquie stand hier überdies der alte gleichfalls steinerne Martinssarg ausgestellt, der durch das Perpetuusmonument außer Dienst gesetzt war und von Saint Eloi dann ebenfalls passend verziert wurde. Dieser ganze von Perpetuus einmal so eingerichtete Raum erlitt keinerlei Veränderungen, bis in die Mitte des neunten Jahrhunderts, wo der Martinsleichnam vor den einbrechenden Normannen geflüchtet werden mußte. Heute sind von diesem alten Martinsgrabe nur noch formlose Mauerreste übrig. Mannigfaltiger waren die Wechselfälle der Martinsbasilika als ganzem Gebäude. Die erste Kapelle über dem Grab war von Briccius nur eben errichtet worden, um das Heiligtum unter Dach zu bringen. Immerhin hatte das Tabernakel sechs oder sieben Jahrzehnte vorgehalten, und seine hübsche, hölzerne Schutzdecke wurde beim Bau der Peter- und Paulskirche wieder verwendet [224-a]. Vor allem waren es praktische Rücksichten, die Bischof Perpetuus zu dem Neubau bewogen. Die kleine »Zelle« war, zumal an großen Festtagen, dem Zudrang der Pilger längst nicht mehr gewachsen. Aber es gereicht dem Prälaten zum Ruhme, daß er sich diese Amtspflicht zu einer persönlichen Ehrensache werden ließ und selber im Besitz eines ausgedehnten Vermögens an Grund und Boden, einen beträchtlichen Teil seines Reichtums mit den Baukosten aufzehrte. Die Bevölkerung von Tours that das ihre, indem sie, zur Beförderung der schweren Marmorsäulen an Ort und Stelle, freiwillige Arbeitskräfte zur Verfügung stellte [224-b]. Ueber den Grund- und Aufriß sind uns folgende Angaben erhalten: Länge hundertsechzig Fuß, Breite sechzig Fuß und Höhe fünfundvierzig Fuß. Die Decke wurde von hundertundzwanzig Säulen getragen. Der Altarraum hatte drei Thüren und zweiunddreißig Fenster, das Schiff fünf Thüren und zwanzig Fenster. Die Wände waren mit Marmor vertäfelt und mit Edelsteinen und Mosaiken besetzt, sodaß der Arverner Dichter Bischof Sidonius Apollinaris [224-c] von einem zweiten Tempel Salomos singen zu dürfen meinte. Die Arbeiten dauerten sieben Jahre. Am 4. Juli 472, also noch ein Menschenalter vor der fränkischen Eroberung, wurde das neue Heiligtum in Gegenwart einer glänzenden Festversammlung eingeweiht. Diese Angaben Gregors sind, soweit sie den Bau betreffen, durch die archäologischen Nachgrabungen in der Weise erläutert worden, daß die Kirche in zwei Teile zerfiel, das hundert Fuß lange Schiff und den sechzig Fuß langen Altar oder Grabesraum mit der Absis. Ueber diesem erhob sich das laternenförmige Gehäuse, das in einen Glockenturm auslief. Die vielen Säulen des Schiffes verteilen sich wahrscheinlicher, wenn man Doppelreihen annimmt [224-1]. Die Kirche hielt indessen nicht ewig, wie der Panegyriker von Arvern es haben wollte, sondern wurde von mehreren Feuersbrünsten heimgesucht, trotzdem ihre steinerne Konstruktion diesem Schicksal eher zu trotzen schien, als die hölzernen Pfarrkirchen, von denen in jenen barbarischen Zeitläuften fast alle einmal und manche öfters einem Brande zum Opfer fielen. Herzog Williachar, der Gegenschwächer König Chlothars, vor dem er das Asylrecht zu Sankt Martin in Anspruch nahm, legte Feuer an das Heiligtum. Diese Brunst vom Jahre 558 zerstörte die oberen Partien; das Jahr darauf ordnete Chlothar gemeinsam mit Bischof Eufronius die Restauration an; die Basilika erhielt nun ein Zinndach [224-d]. Ein zweiter Brand fiel kurz vor Gregors Amtsführung, der dann die beschädigten Dekorationen ausbessern und an den Wänden von einheimischen Künstlern Szenen aus Martins Leben malen ließ [225-a]. Ueber eine neue Ausstattung durch König Dagobert ist näheres nicht bekannt. Jedenfalls aber lockte nicht zum wenigsten dieses Martinsheiligtum mit seinem funkelnden Metalldach, seiner vergoldeten Turmspitze und seinen legendarischen Schätzen später dann die Sarracenen ins Innere Frankreichs.

Nur beiläufig mag hier erwähnt werden, daß Sankt Martin von Tours mehr als bloß Kirche ein eigentliches Stift war. Die ursprüngliche Einrichtung des Kapitels war durchaus klösterlich. Die Mönche wohnten in einem weiten Kreuzgang, der südlich an die Basilika anstieß und bei den Umbauten nicht verlegt wurde. Die Regel von Marmoutiers wurde im siebenten Jahrhundert durch die Benedikts ersetzt. Unter den Privilegien, deren sich die Abtei früh erfreute, steht obenan das Münzrecht. Es soll sogar auf eine Verfügung Chlodowechs zurückgehen. Die Martinsmünzen der Merowingerzeit tragen ein bediademtes Mannshaupt. Ob das Monopol auf den Fährendienst über die Loire bei Hochwasser ebenfalls so alt ist, wissen wir nicht. Ueber die mancherlei Anstalten, sei es zur Armenverpflegung, sei es zum Schutze Geächteter, sei es zur Aufnahme hoher Gäste unter den Pilgern, des längern zu handeln, ist nicht hier der Ort. Genug, Sankt Martin von Tours war die Zentralstätte für alles, was unter der Herrschaft der Merowinger im alten Frankreich an gutem und hohem Streben vorhanden war. Was Wunder, daß das Heiligtum von den fränkischen Königen an entscheidenden Wendepunkten aufgesucht wurde. Als Chlodowech von Kaiser Anastasius die Insignien eines römischen Konsuls verliehen bekam, legte er sich Tunica, Chlamis und Diadem in der Martinsbasilika um; dann stieg er zu Pferde und ritt in feierlichem Zuge in die Stadt ein, wobei er Münzen unter das Volk streute [225-b]. Chrotechilde zog sich für die dreißig Jahre, da sie den Gatten überlebte, nach Tours als Pensionärin, des Martinsgrabes zurück und wirkte dort mit ihrer Fürbitte für den Frieden unter ihren Söhnen [225-c]. Diesen Respekt haben alle ihre Nachkommen fast ohne Ausnahme empfunden. Die Königin Ultrogotha, die Gattin Childeberts I., brachte ergriffen eine Nacht am Grabe zu bis zur Frühmesse, und Ingoberga, die Witwe Chariberts, bedachte die Kirche in ihrem Testamente [225-d]. Und als eine königliche Gesandtschaft aus Spanien gebührend geehrt werden sollte, wurden ihre katholischen Mitglieder Gäste zu Sankt Martin [225-e]. Auch war es Sitte, sich nach Sankt Martin gleichsam für eine Art Kurgebrauch zu begeben. Mehrfach bemerken wir solche Gäste aus den oberen Ständen, die zum Teil von fernher kommen, um in Tours Heilung zu suchen: so Charegisel, erst Referendar, später Domesticus König Chlothars [226-a], und Mummola, die Gattin des Tribunen Animius [226-b]; besonders aber waren es geistliche Herren; Germanus von Paris brachte seinen Diakon und späteren Nachfolger Ragnimod, der dort von seiner Ruhr geheilt wurde [226-c]. Ein anderer Bischof gab sogar einen seiner Hörigen in Pflege [226-d]. Aber auch Auswärtige bürgerlichen Standes ermöglichten sich einen längeren Aufenthalt in Tours: Gondetrude von Vermandois und ein Ehepaar aus dem Dorfe Trezel in der Auvergne [226-e]. Der eigentliche Zudrang erfolgte jedoch an den großen Martinsfesten; da kam der gemeine grobe Mann zu Fuß, zu Pferde, oder falls er gelähmt war, auf dem Ochsenkarren [226-f]. Und als Leudulf ein junger Höriger mit seinem lahmen Fuße, den er heilen lassen wollte, vor Tours gehinkt kam und beim zehnten Meilenstein nicht mehr weiter konnte, jammerte er den an ihm vorbeitreibenden Festbesuchern solange zu, bis ihn einer unter ihnen auf seinen Wagen nahm [226-g].

Kein fränkisches Heiligtum hat Sankt Martin von Tours den Rang abgelaufen, wenigstens im sechsten und siebenten Jahrhundert nicht. Aber Sankt Julian von Brioude durfte sich immerhin sehen lassen. Das ursprüngliche Juliansmausoleum daselbst war von einer fremden, vielleicht spanischen Dame, deren Gemahl in Ketten lag, auf ihrer Durchreise nach Trier gelobt und auf die Freilassung des Gatten hin, die genau in der Stunde des Gelübdes erfolgt war, stilvoll gestiftet worden [226-h]. Der große Zuspruch der Gläubigen machte jedoch später die Erweiterung des kleinen Bethauses zu einer regelrechten Basilika notwendig [226-i]. Die Gründungssage erzählt, Julian, aus Vienne gebürtig und Jünger des heiligen Ferreolus, habe sich ins Arvernische begeben, um von seiner Familie nicht am Martyrium gehindert zu werden, das er dann auch in dem Götzenhaine zu Brioude erlitt; er wurde enthauptet, der Rumpf blieb zu Brioude, der Kopf kam nach Vienne und die selige Seele in den Himmel [226-k]. Obwohl es sich um einen alten Kultus handelte, war man über den Todestag des Heiligen noch im fünften Jahrhundert im Ungewissen, bis Bischof Germanus von Auxerre eigens zu diesem Zwecke nach Brioude kam und durch eine gottesdienstliche Veranstaltung die feierliche Eingebung des 28. August herbeiführte [226-l]. Der Augenblick, da am Festtage bei der Verlesung des ›Leidens‹ der Name des Heiligen dem Lektor über die Lippen kam, galt für ein wunderbares Geschehnis besonders geeignet [226-m].

Erst im eigentlichen Mittelalter verlor Sankt Martin von Tours seinen Charakter als Reichsheiligtum einigermaßen an die Abtei Saint Denis, deren Gründung hier zu erzählen ist [227-1]. Längst war im Dorfe Catulliacus an der alten Römerstraße ein kegel- oder pyramidenförmiges Denkmal verehrt worden, das Grab des Dionys, des ersten Bischofs von Paris. Später erhob sich eine Basilika darüber, deren Altar eben in dem Grabmal bestand. In dieser Dionysiuskirche war Prinz Dagobert, der Sohn König Chilperichs, bestattet. Spätestens in den ersten Monaten des Jahres 625, als Chlothar II. noch regierte, gründete sein Sohn, Dagobert, König von Austrasien, zu Ehren des heiligen Dionysius östlich von dessen Grabeskirche die Abtei Saint-Denis-de-l’Etree und ließ am Dienstag, den 22. April 626 die Gebeine von ihrer ersten Ruhestätte in die neue Stiftung überführen. Die Abtei nahm einen raschen Aufschwung. Schon zahlreiche merowingische Urkunden beschäftigen sich mit ihr, und in der Folge ist sie die Gruft fast aller französischen Könige geworden.

Zwölftes Kapitel. Missionen und Translationen.

Den Grundheiligen trat eine Anzahl importierter Heiliger an die Seite, von denen die einen überhaupt aus dem Ausland stammten, die anderen von ihrer ursprünglichen Kultstätte aus in die Nachbarschaft oder in die weitere Heimat gelangten. Zwei Arten der Ausbreitung sind hiebei festzustellen, der Weg der Missionspredigt und der solidere der Reliquienübertragung. In noch heidnischen Gebieten gingen sie Hand in Hand, indem die Mission das Terrain für den Heiligen gewann und die Reliquie es ein für alle mal mit Beschlag belegte. In kirchlichen Gegenden dagegen, zumal in Bischofsstädten, wo es sich also um Eroberung neuen Gebietes nicht handeln konnte, ersetzte das Streben nach Kraftzuwachs den nun hinfällig gewordenen Drang nach Ausdehnung. Je mehr Heilige eine Stadt besaß, desto stärker war sie. Im übrigen trugen frommer Sammeleifer von privater Seite und ein mehr oder weniger naiver Handel mit heiligen Versatzstücken zur Abrundung des merowingischen »Allerheiligen« bei.

1.

Wieder kann die Verbreitung des Heiligennamens am besten bei Martin beobachtet werden. Tours und Umgebung besaßen zunächst vier namhafte Martinsheiligtümer; im Gegensatz zu der großen Grabeskirche, der Sepulkralstätte, drei Memorialorte, wo der Heilige sich bei Lebzeiten aufgehalten und dadurch den Platz für den späteren Kultus präpariert hatte, die Martinszelle bei der Stadtkirche innerhalb des Mauerrings von Tours [228-a] von der Sulpizius Severus in der That gesprochen hat, sodann sein Kloster Marmoutiers [228-b] und endlich die Zelle in Candes, wo er starb und mit der Zeit eine Martinsbasilika erstand. Wenn man auch, an diesem dritten Orte, den Leichnam nicht hatte behalten dürfen, so besaß man dort doch außer einer Kristallschale sein Sterbebett, das, einmal von dem Leichnam imprägniert, dann dieselben Qualitäten aufwies, wie das Grab [228-c]. Von kleineren Memorialorten nennt Gregor als Dörfer, wo Martin Kirchen gegründet habe, Langeais, Sonnais, Amboise, Chisseau, Saint Martin de Tournon und Candes [228-d]; ferner wurde das Gatiansgrab durch die Erinnerung, daß Martin einst dort gebetet hatte, größerer Verehrung teilhaftig, ebenso das Grab der Klausnerin Vitalina [228-e]. Die folgende Uebersicht [228-1] über die alten Martinskirchen geht, sofern sie sich nicht gelegentlich auf Gregor oder eine Inschrift stützen kann, auf späte sagenhafte Berichte zurück und sei darum hier ausdrücklich dafür ausgegeben, jedoch auch nicht gänzlich unterlassen, weil sie vielleicht im Detail, aber kaum in der Hauptsache irreleiten wird. In Glanfeuil wurde im Jahre 543 durch Sankt Maurus die erste Martinskirche der Diöcese Angers errichtet, desgleichen Ende des sechsten Jahrhunderts durch Bischof Badegisel zu Pontlieue [228-f] die hervorragendste der Diöcese Le Mans; im Jahre 616 vermacht Bischof Bertrand von Le Mans in seinem Testament diesem Martinsheiligtum wie auch der Viktorius- oder Peterskirche je fünf Goldstücke [228-2]. Die von Vendôme ersetzte ein älteres aus dem vierten Jahrhundert stammendes Gotteshaus. Die von Chartres hieß auch nach Briccius. Die von Orléans galt als Stiftung König Chlodewechs an Euspizius und Maximin. In Autun hatte Königin Brunichilde ihrem Patron im Jahre 599 eine mit Marmorsäulen, Edelholz und Mosaiken ausgestattete Kirche gestiftet, für die sie die Glückwünsche und Privilegien Papst Gregors des Großen empfing. In der Franche Comté war die Martinsmission namentlich von Columban betrieben worden. Nicht nur seine eigenen Klöster Luxeuil und Annagray, sondern auch Schülerkolonien wie das Deicolusklösterchen Lure in Burgund unterstanden Martin; älter war die Martinskirche zu Cavaillon, die aus dem sechsten Jahrhundert stammt [228-g]. Ebenso gehörten Martin die drei Hauptabteien der Diöcese Lyon Ainay, L’Isle de Barbe, Savigny und ihre Ableger. Im Wallis, bei Saint Maurice, auf der Stelle des alten Oktodurum, hat Theuderich II. das von ihm gestiftete Nonnenkloster nach Martin geheißen und dadurch den späteren Ortsnamen Martigny veranlaßt. Zu Limoges hatte der Martinsschwärmer Aridius eine eigentliche Martinskirche nicht eingerichtet [229-a]; das Kloster dieses Namens will vielmehr erst von Alicius, dem Bruder des Eligius an Stelle des elterlichen Hauses gegründet worden sein [229-1]. Poitou konnte sich rühmen, in Ligugé das erste von Martin in Gallien errichtete Kloster zu besitzen. Zu Saintes gründete im Jahre 589 Bischof Palladius eine Martinsbasilika [229-b]. Bourges besaß zu Gregors Zeit ein oder zwei Martinsbethäuser [229-c]. Die Gironde wurde früh mit Martinskirchen bereichert, jedoch geschah das nicht ohne in Marsas und anderen Ortschaften eine ältere Petersmission zu kreuzen [229-d]. In Bordeaux stiftete Bischof Leontius, der Gegner König Chariberts, das Martinsheiligtum und zwar im Judenviertel; auch Gregor erzählt [229-e], ein Priester sei von einem Juden auf der Schwelle dieser Kirche noch vom Besuch des Heiligen abspenstig gemacht worden. In Aquitanien führt sich die Martinskirche von Auch auf eine Stiftung Chlodowechs im Gothenkriege zurück. In Arles gehörte Martin das eine Seitenschiff der von Cäsarius gegründeten Kirche, aber außerdem noch eine Zelle und ein Kloster.

In der nördlichen Reichshälfte ist Martins Verehrung nicht geringer. Zu Paris war zwar die alte Martinskapelle, errichtet an dem Orte, wo er den Aussätzigen geheilt hatte, früh in Verfall geraten, weil sie zu primitiv fast nur aus Flechtwerk bestand und wohl einmal auf wunderbare Weise einem Stadtbrand, aber nicht der langsamen Unbill der Zeit stand zu halten vermochte. Von Dauer blieb dagegen die spätere Basilika Saint Martin des Champs [229-f]. Alt und durch Beziehungen des Turoner Bischofs zu seinem Kollegen Viktrizius vielleicht historisch erklärt ist der Kult Martins in der Diöcese Rouen. Seine dortige Kirche war aus Holz und lag außerhalb der Stadtmauer; in der Landschaft sind noch die Ortschaften Martin-Eglise, Saint Martin-Le-Gaillard, Saint Martin de Foucarmont und Martigny Zeugen für die frühe Verehrung. Saint Martin de Seez will im Jahre 560 gegründet sein. Zu Amiens war die Kapelle zu Erinnerung an die Episode von dem halbierten Mantel im sechsten Jahrhundert von Nonnen bedient [229-g]. In Laon und Reims lagen die Martinskapellen vor der Stadt. Eine Memorialkapelle besaß Tonnere bei Langres. Martin soll dort einem alten Priester den lahmen Fuß geheilt haben, ohne erkannt zu sein [230-a]. Zu Verdun war die Andreaskirche mit Martin kombiniert worden, weil Bischof Agirich in der zweiten Hälfte des sechsten Jahrhunderts seinen Leuten die Wallfahrt nach Tours abnehmen wollte. In den Ardennen stammt Saint Martin d’Ivoy, von den Reliquien, die der Einsiedler Wulfilach aus Tours brachte [230-b]. Im Elsaß besitzt Colmar die bedeutendste alte Martinskultstätte.

2.

Das alles betrifft den Vertrieb des Andenkens an den Nationalheiligen im Reiche selbst. Aber die Rolle, die er bei der Ausbreitung seines Namens über die Grenzen hinaus übernahm, ist fast noch mehr dazu angethan, ihn als fränkischen Reichsapostel ins Licht zu setzen. Von ausländischen Martinskirchen im Süden nennt Gregor eine nicht näher bezeichnete italienische und eine zweite in Ravenna [230-c], auf der iberischen Halbinsel das Martinskloster zwischen Saguntum und Carthagena in Spanien [230-d] und die Martinskirche in Portugal [230-e]. In Belgien sind Liege und Tournai die Centren des ausgedehnten Martinskultus; doch ist hier zu erinnern, daß ein gleichnamiger Lokalkultus, der sich auf den älteren und ganz sagenhaften Bischof Martin von Tongern bezog, in den universalen des Reichsmartin aufgegangen und also in ihm enthalten sein mag. Die ebenfalls nicht geringe Verbreitung des Namens in Holland ist auf die angelsächsische Mission zurückzuführen, die ihn entweder vom Reiche entlehnte oder, was nicht ausgeschlossen ist, von den Inseln herüberbrachte; wahrscheinlich war Martin eben schon im siebenten Jahrhundert drüben verehrt; seine ansehnlichste Kirche, Saint-Martin-Le-Grand in London, wird auf König Witfred von Kent ums Jahr 700 zurückgeführt. Ist dies und diese ganze Martinsausbreitung auf der nördlichen Reichsgrenze nun aber nur spärlich aufgehellt und muß auch von vornherein zugegeben werden, daß wir im einzelnen für die östlichen Gebiete nicht besser unterrichtet sind, so tritt doch bei der Martinsmission am Oberrhein und unter den Alemannen, Schwaben und Thüringen ein neues merkwürdiges Moment in den Kreis unserer Kenntnis ein. Sie war nämlich Reichsmission [230-1]. Der im Jahre 580 verstorbene, aus Ungarn stammende Erzbischof Martin von Bracara in Portugal rühmt dem Heiligen von Tours in einem Gedichte nach: »Mancherlei wilde Völker gewinnst du unter Christi milden Bund. Alamannen, Sachsen, Thüringer, Ungarn, Rugier, Slaven, Naren, Sarmaten, Daten, Ostgoten, Franken, Burgunder, Dacier und Alanen freuen sich unter deiner Führung Gott erkannt zu haben. Deine Wunderzeichen bewundernd, hat der Sueve gelernt, auf welchem Wege er wandeln soll«. Mag nun bei den meisten der aufgezählten Völkerschaften die Martinsmission nur in der Einbildung des begeisterten Jüngers stattgefunden haben, kann auch ferner nicht ohne einiges Recht vermutet werden, das katholische Christentum habe in Thüringen bereits viel früher Fuß gefaßt [231-1], so trifft obige Mitteilung auf die Alamannen um so mehr zu, als auch aus einer byzantinischen Quelle ähnliches verlautet. Als sich unter der Regierung König Theudeberts das Bistum Augsburg von dem Metropolitanverband mit Aquileja loslöste und an die fränkische Kirche anschloß, muß die Kirche in Alamannien wenigstens in den Grundlagen von Regierungs wegen organisiert gewesen sein; damit hängen auch die wahrscheinlich ebenfalls im sechsten Jahrhundert erfolgten Bistumsverschiebungen von Windisch nach Konstanz und von Augst nach Basel zusammen. In Windisch nun weihte noch Bischof Ursinus die von ihm erbaute Kirche dem heiligen Martin; die betreffende Inschrift ist erhalten. Weitere Spuren leiten aber auf die Annahme, diese Martinsmission sei nicht bischöflichen, sondern direkt königlichen Ursprungs gewesen. Kolumbans Missionsreise zeigt im allgemeinen, daß die Missionierung Alamanniens von einem fränkischen König angeregt wurde, und spätere Erinnerung nennt König Dagobert als den eifrigsten und erfolgreichsten Förderer dieser Bekehrung auf amtlichem Wege, als der er für die Friesen durch zeitgenössische Berichte beglaubigt ist. Sachliche Schlüsse gestatten noch tiefere Folgerungen. Das den Alamannen abgenommene, von Franken besiedelte Land wurde als Krongut betrachtet. Die Ansiedler hatten dem Könige die Osterstufe zu entrichten. In Ostfranken hießen die amtlichen Sammelstellen Königshöfe, ein noch heute häufiger Ortsname. Aber diese Plätze wurden nicht nur befestigt, sie erhielten auch Kirchen. Diese waren nun, wie sich noch für eine große Anzahl Dörfer nachweisen läßt, Martinskirchen. In Alamannien geschah dasselbe. Der Dienst des heiligen Martin kam mächtig empor, zumal allem nach die Kirche nicht nur im Krongut, sondern auch auf den alten römischen Niederlassungen, ja überhaupt so ziemlich jede Unterpfarrei nach Martin zu heißen kam. Vielleicht sind überhaupt die Martinskirchen der meisten Rheinstädte von Chur bis gegen Aachen, und nicht die betreffenden Kathedralen daselbst, die Centren des ältesten Stadtbildes gewesen, wie das zum Beispiel für Basel außer Zweifel steht [232-1].

3.

Werfen wir nun noch einen Blick auf andere Missionen, zunächst im Reiche selbst. Von einheimischen Heiligen kommt, um auch hier bei der Autorität Gregors zu bleiben, Julian von Brioude im Hinblick auf kultische Ausbreitung Martin am nächsten. Seine ältesten Filialen finden sich zu Tours [232-a], Saintes [232-b], Limoges [232-c], Reims [232-d] und Paris [232-e]; auch Saint Julien Vibracensis [232-f] und zu Pernay [232-g], sowie Saint Julien in Correze und Saint Julien de l’Escay fußen auf frühen Spuren. Andere bekanntere Ableger von Grundheiligen sind Saturnin in Tours [232-h] und in der Vaucluse, Symphorian in Bourges [232-i] und in Thiers [232-k]. Die nach Germanus geheißenen Kirchen zu Lembron und zu Tours [232-l] gehören, erstere sicher, die zweite wahrscheinlich, dem älteren, dem von Auxerre. Eine kleine Ortschaft wie Thiers besaß, neben der Symphorianskirche, noch eine dem Genesius von Arles gewidmete. Merkwürdiger zu wissen wäre jedoch, was für Grundheilige gleich Martin zu Heidenmissionen verwendet wurden; sein ehemaliger »böser Geist« Briccius tritt später einträchtig mit ihm als Kapellenpatron am Rhein und in Ostfranken auf. Und von Poitiers scheint geradezu unter dem Namen des Hilarius eine natürlich bescheidenere Parallelmission nach Alamannien gewandert zu sein. Diese Annahme entspringt vor allem dem Bestreben, Sankt Fridolin gerecht zu werden. Die historisch unbrauchbare Fridolinsvita des sogenannten Balther ist vielleicht die Zusammenschweißung zweier Heiligensagen [232-2]. Die eine, die Gründungssage des Stiftes Säckingen, das sich auf einen aus dem lothringischen Schottenkloster Helera oder Sankt Avold stammenden Mönch unsicheren Namens, Fridold oder Fridoald, zurückführte; er war erst im Birsthale thätig gewesen, hatte dann aber nach Ankunft des Germanus sich einen Wirkungskreis am Rhein gesucht. Säckingen besaß aber eine Heiligenkreuzkirche. Das deutet nach Poitiers, dem Herd der eigentlichen Fridolinssage. Fridolin hieß ein Hauptförderer des Hilariuskultus daselbst. Doch thut seine Sage vielleicht des guten zu viel, wenn sie ihn zum Zeitgenossen König Chlodowechs stempelt. Aber darin mag sie recht haben, daß dieser Fridolin nicht nur sich um Bau und Umbau der Hilariusstätten zu Poitiers verdient machte, sondern auch eben die Hilariusmission mit seinem Beispiel anregte. Er griff zum Wanderstab, hängte sich die Reliquienkapsel um und wirkte für den Namen seines Patrons von Lothringen bis nach Rätien; wenigstens läßt die Vita eine Hilariuskirche in Lothringen, eine zweite in den Vogesen, eine dritte in Straßburg, und schließlich gar noch eine in Chur von ihm gegründet werden. So wären denn Hilarius und Martin, wie sie in der That die christlichen Grundheiligen des alten Frankreich in des Wortes tiefstem Sinne gewesen sind, auch nach ihrem Erdenleben auf gemeinsamer Wanderschaft zu Missionszwecken ins Gebiet des Elsaßes und der Schweiz gelangt. Dort hat sich ihnen mit der Zeit noch Remigius angeschlossen, gewiß ebenfalls ein hervorragender fränkischer Grundheiliger. Doch handelt es sich für seine Mission um spätere Spuren. Diese organisierten Missionen zur Bekehrung der Germanenstämme im Osten gingen aus dem Herzen des Frankenreichs hervor; Tours, Reims, Soissons, Paris erscheinen als die Herde; denn außer den genannten finden wir auch sonst eine Reihe von Grundheiligen speziell aus Neustrien, zwar nicht mit ganzen Missionen, aber mit einzelnen Kirchen im eroberten Lande vertreten; Antolian von Clermont in Plattenhardt, Medardus von Soissons in Ostdorf, Lupus von Troyes in Wilflingen. Der Eifer zur Ausbreitung des Christentums äußerte sich in Alamannien geradezu fieberhaft, zumal gewiß alsbald private oder lokale Unternehmung mit der staatlichen Initiative wetteiferte. Wenn sich zum Beispiel in der Altstadt Rottweil eine Kirche des Pelagius, des Grundheiligen der Diöcese Windisch-Constanz findet, so deutet das auf eine ähnliche Lokalmission, wie etwa im Reiche selbst, in der Diöcese Châlons, vom Lupentiusgrabe aus der Marne entlang nicht weniger als zwölf Louventkirchen erstanden.

4.

In den kultischen Tauschverkehr einheimischer Namen mischte sich indessen die Reliquieneinfuhr aus dem Orient, aus Italien und aus Spanien. Wo es sich nicht um Namen handelt, die im Neuen Testament stehen, sind durchweg Märtyrer gemeint. Aus dem orientalischen Heiligenkonvent der diokletianischen Verfolgung haben sich vier in der fränkischen Kirche schon im sechsten Jahrhundert angesiedelt, Georg mit einigen Gotteshäusern in der Auvergne, bei Limoges und bei Le Mans [233-a], Moritz außer in Agaunum mit der Stadtkirche in Tours [233-b], wo er, immerhin durch Agaunensische Reliquien, geradezu Titelpatron war, dann noch Cyricus, Saint Cirgue, mit einer Kirche in Arvern und Sergius mit einer nicht näher bezeichneten Kirche [233-c]. Die Cyricusreliquien hatte entweder der Abt Abraham aus dem Morgenlande gebracht oder, falls das Kloster schon vorher bestand und bereits in diesem Besitze war, haben offenbar die entsprechenden Verbindungen Abraham gerade nach Clermont geführt [234-a]. Italien lieferte zunächst seinen erlauchtesten Märtyrer, den heiligen Laurentius. Die ihm gewidmete Kirche in Paris wurde schon zur Zeit Childeberts von Mönchen unter dem Vorsteher Domnolus bedient und lag an einem Arm der Seine [234-b]; die Lorenzkirche zu Clermont beherbergte den Leib des Bischofs Gallus; sie lag südlich der Stadt [234-c]. Die übrigen italienischen Märtyrer, die so früh in Frankreich Verehrung fanden, stammen aus Oberitalien, dessen Metropole Mailand auch sein Heiligenpaar Gervasius und Protasius zur Verfügung stellte und im alten Tours an ausgezeichneter Stelle innerhalb des Mauerrings verehrt sehen durfte; Martin selbst hatte diese Reliquien seiner Zeit mitgebracht [234-d]. Der andere Mailänder Nero-Märtyrer, der Knabe Nazarius, besaß bei Nantes an der Loire Kirche und Kloster [234-e], während die Nazariusreliquien zu Embrun von den Einwohnern als autochton in Anspruch genommen wurden. Aus Spanien kam der Diokletiansmärtyrer Felix von Girone und wurde zu Narbonne schon im fünften [234-f] Jahrhundert verehrt; doch tritt er hinter seinem Landsmann, dem berühmteren Diokletiansmärtyrer Vincenz von Saragossa zurück [234-g]. Dieser war der Primarpatron von Saint Germain des Prés in Paris, wo der Stifter, König Childebert I, Bischof Germanus von Paris und ein Prinz begraben liegen [234-h]. Er besaß überdies zu Tours eine in der zweiten Hälfte des sechsten Jahrhunderts ihm erbaute Kirche [234-i] und eine bei Agen, wo man bereits sich fragte, ob er am Ende nicht hier, auf gallischem Boden, das Martyrium erlitten habe [234-k]. Auch sonst fehlen Anzeichen nicht, daß sich Vincenz vollständig im Frankenreich eingebürgert und auch die letzte Spur des Ausländers verloren habe: nimmt er doch, gleich einem Grundheiligen, an der Germanenmission im Osten teil, wie seine Kirchen in Schwenningen, Fronhofen und Grunbach beweisen.

5.

Unter den im Frankenreich importierten Heiligennamen sind die Urheiligen nicht nur zahlreich vertreten, sie sind auch wichtig wegen mancher Eigentümlichkeit, die es noch kurz zu erwähnen gilt. Johannes der Täufer ist schon im sechsten Jahrhundert in der fränkischen Kirche populär. Er nahm insofern eine eigenartige Stellung ein, als seine Heiligtümer, vielleicht um den Vorläufer auch symbolisch anzudeuten, fast ausnahmslos nicht selbständige Bauten, sondern kleinere Dependenzgebäude der Kathedralen oder anderer Hauptkirchen sind, von denen sie allerdings manchmal eine gewisse Entfernung trennte. Baptisterium, ihre geläufige Bezeichnung, heißt gewiß nicht nur Taufkapelle, sondern gewiß ebenso wohl Täuferkapelle und wenn dort auch in der That vorzugsweise die Taufen stattfanden, so steht das mit dem Schutzpatron wohl am ehesten in dem Zusammenhang, daß man unter der Obhut dessen, der den Heiland getauft habe, auch die weiteren Taufen vornehmen wollte.

Am lehrreichsten stellen sich die den Täufer betreffenden Heiligtümer im alten Tours dar [235-a]. Dort stand vor alters in der Stadtkirche das Baptisterium. Obschon es nun durch den Brand 561 nicht zerstört wurde, erbaute man daneben ein neues mit Johannes- und Sergiusreliquien. Dann aber besaß auch die vor den Mauern gelegene Martinskirche eine Johanneskapelle vor ihrem Eingang, wie jene ja auch sonst, ohne Kathedrale zu sein, den Rang eines Münsters einnahm. In Dijon stieß die Täuferkapelle an die bischöfliche Wohnung an und hieß bald so, bald Johanneskirche [235-b]. Doch konnten unabhängig vom Taufgebrauche Johanneskirchen, dann also nicht Baptisterien, auf dem üblichen Wege, nämlich durch die betreffenden Reliquien entstehen, so die zu Bazas [235-c], während umgekehrt diese Reliquien nicht zwingend den Namen im Gefolge hatten; in Maurienne ließ König Gunthram für Johannesreliquien ein Gotteshaus bauen mit dem Zwecke, sie dort zu bergen, zugleich aber verfügte er, diese Kirche nicht nach Johannes, sondern nach dem heiligen Ysychius zu heißen [235-d].

In Tours stand überdies eine vierte Kirche in Beziehung auf den Täufer, indem sie gemeinsam ihm und der Maria gewidmet war, ebenfalls vor den Thoren, in unmittelbarer Nähe von Sankt Martin [235-e]. Daneben besaß Tours innerhalb der Mauern eine nur der Maria gewidmete Kirche [235-f], die ihrerseits wieder von der Stadtkirche zu unterscheiden ist, so daß in dieser ältesten Zeit in Frankreich Notre Dame und Kathedrale noch nicht ohne weiteres zusammenfallen. Drei alte Marienkirchen finden wir in Lyon, Poitiers und Toulouse [235-g]. Von der ersten ist jede Spur verschwunden; die zweite, Pfarr- und Begräbniskirche des Frauenklosters vom heiligen Kreuz, hieß später nach ihrer Erbauerin Radegunde, und die dritte, an der alten Stadtgrenze unweit der Garonne, jetzt Notre Dame de la Dourade, hieß so nach einem vergoldeten Muttergottesmosaik, das dort verehrt wurde. Keine echte Urkunde eines merowingischen Königs nennt eine Nur-Marienkirche. Erst um die Mitte des achten Jahrhunderts werden sie häufiger, indessen Maria bei mehrnamigen Kirchen schon früh an erster Stelle figuriert.

Noch seltener finden sich Heiligtümer, die ausdrücklich Christus geweiht sind. Erst am Ende der Merowinger Zeit tauchen die ersten Erlöserkirchen auf: Sankt Salvator in der Provence, in der Diöcese Bourges und in Tegernsee [236-a]. Früher, aber nur vereinzelt, finden sich Kirchen, die nach dem vornehmsten Christusattribut, dem heiligen Kreuz heißen, die erste und berühmteste bleibt die von Poitiers. Die Radegunde des siebenten Jahrhunderts, Königin Balthilde, baute in Chelles eine gleiche, und überdies enthielt die dortige Georgsbasilika in der Seitennische rechter Hand einen Heiligen-Kreuz-Altar [236-b]. Auch in Metz stand um 600 eine Kirche dieses Namens [236-c], und selbst die von Säckingen könnte schon aus dieser früheren Zeit stammen [236-d].

Von den zwölf Aposteln steht natürlich auch hier obenan Petrus. In Paris gründeten Chlodowech und seine Gemahlin die Peterskirche, in der sie dann auch nebst ihrer Tochter Chlotilde und den beiden ermordeten Enkeln begraben lagen. Diese Kirche hieß genauer »Heiligenapostelkirche«, war also Peter und Paul gewidmet [236-e]. Sie enthielt das Stadtheiligtum, das Genovefagrab. Auch die Peterskirchen von Rouen und Tours nahmen später die einstige Protektion der Königin Chrotechilde in Anspruch [236-f]. Doch war die Peter- und Paulskirche oder auch nur Peterskirche in Tours älter, da sie der Martinsrestaurator Perpetuus errichtet hat [236-g]. Die Johanneskirche in Lyon, die eine Krypta mit mehreren Gräbern besaß, also kaum eine Taufkapelle gewesen sein wird, könnte dem Evangelisten gewidmet sein [236-h], angesichts der Beziehungen der Stadt zum Johannesschüler Polykarp, dessen Tag übrigens in der fränkischen Kirche gefeiert wurde [236-i], keine unwahrscheinliche Annahme; nachweisbar sind Kirchen für Johannes den Evangelisten sonst frühstens vom siebenten Jahrhundert an. Arvern besaß eine Andreaskirche; sie wurde im Pestjahre 563 gestiftet [236-k]. Die größte Verehrung von allen Urheiligen genoß aber damals keiner von den genannten, sondern dem Interesse am Martyrium entsprechend der Erzmärtyrer Stephan. Die älteste Stephanskirche war wohl die von Tours, die schon Ende des sechsten Jahrhunderts als von den Altvordern errichtet galt [236-l]; sie lag nur wenige Schritte vor der Stadtmauer. Die andere große Stephanskirche, die in Arvern, war ums Jahr 460, von der Witwe eines Bischofs errichtet worden und beherbergte später den Quintiansleib [236-m].

Gleich den Grundheiligen haben auch die Urheiligen ihren Anteil an der staatlichen Mission im heidnischen Osten. In ihrem Gefolge erscheinen hier überdies der Erzengel Michael [237-a] und der Apostelschüler Clemens [237-b]. Beide werden zwar schon bei Gregor als Heilige angerufen und Michael mit Martin in Verbindung gebracht; von ihren Kirchen dagegen verlautet bei ihm noch nichts. Die Michaelskirchen sind meistens Adjudanten der Martinskirchen: offenbar handelte es sich darum, nicht nur den Donar, sondern auch Tiuz durch einen Gottesritter zu ersetzen, und so rief man den Michael herbei, da ja Georg im Frankenreich bleibend nicht Fuß gefaßt hat. Mit den Martins- und Michaelskirchen erscheinen die Stephanskirchen fast in regelmäßiger Verbindung, wobei dann auch noch mit den Baptisterien der Täufer zu seinem Rechte gelangte. Begleitet war Stephan des öfteren eben von Clemens, der jedoch nicht direkt aus Rom, sondern aus Nordfrankreich zugewandert kam.

Damit sei die dürftige Skizze über die merowingischen Kirchen im Grundriß ihrer Ausbreitung abgeschlossen. Zur vollständigen Lösung der Aufgabe müßten nicht nur alle Quellen, Urkunden und Briefe inbegriffen, sondern vor allem auch archäologische Hilfsmittel in ausgedehnterem Maße zugezogen werden.

Fünfter Abschnitt. Die Kraft.

Nur meine man nicht, diese fränkischen Heiligengräber als Sammelpunkte besserer und höherer Triebe im Volk seien eine vereinzelte Erscheinung; ist doch das Zentrum der griechisch-römischen Kultur, die antike Stadt, aus dem Gräberkultus überhaupt hervorgegangen [237-1]. Dabei ist klar, daß einer Verehrung, die Ursache solcher Wirkungen wurde, nicht der bloße leere Name zu Grunde lag. Bemühen wir uns nun um die Erkenntnis jener Kraft, die nach heutiger Schätzung zwar imaginär, aber für die Empfindung der damaligen Welt mit aller nur denkbaren Realität wirkte, so bekommen wir unseren Gegenstand bei seinem eigentlichen Wesen zu fassen. Gerade was uns am meisten fremd bleibt an der Kirche des alten Frankenreiches, macht ihre Seele aus, die Abwesenheit von jeder, aber auch von jeder philosophischen Anschauung der Dinge, dafür überall das Dasein eines naiven, begrifflich unverarbeiteten, rohstofflichen Wunderglaubens. Diesen, der uns bereits auf Schritt und Tritt begegnete, gilt es nun systematisch ins Auge zu fassen und darzustellen. Zunächst allerdings handelt es sich erst um seine Voraussetzung und Veranlassung, nämlich um jene Stücke Stein, Holz oder menschlicher Gebeine, die man inbrünstig küßte und nur in den Schauern innerster Erhebung zu berühren wagte, um jene Plätze, wo man Gott in seinen Heiligen fürchtete, wohlverstanden fürchtete in des Wortes eigenster Bedeutung von Angst und Schrecken, und um jene armseligen Andenken, die der Einzelne dem Heiligen wegstahl, um seinen Segen auch fern vom Tempel nahe zu haben, eine Scholle vom Hügel, einen Spahn vom Schreine, eine Prise vom Pulver des Denksteins.

Dreizehntes Kapitel. Die Reliquie.

Der Kraftherd des fränkischen Wunderglaubens ist irgend ein handgreifliches Ueberbleibsel des verehrten Heiligen, meistens der ganze Leichnam; von Stammheiligen wurden einzelne Gliedmaßen oder Theile der Kleidung offenbar nicht abgegeben. Die Gewinnung und Ueberführung heiliger Inventarstücke bilden Höhepunkte im religiösen Leben des Volkes, und allerlei merkwürdige Eigenschaften wurden den Reliquien zugedacht.

1.

Ausländische Reliquien nehmen eine besondere Stellung ein. Sie galten mehr, weil sie von draußen und von fernher kamen. Wohl waren sie, da es sich meistens um Andenken an Urheilige handelt, auch aus dogmatischen Erwägungen besonders gut angeschrieben; aber eher noch wertete sie dasselbe instinktive Gefühl höher, das heutzutage etwa fremdländische Erzeugnisse von vornherein besser veranschlägt, als einheimische. In der südgallischen Stadt Bazas erzählte man, in den Tagen Johannes des Täufers sei eine französische Dame in Jerusalem gewesen und habe dessen Hinrichtung beigewohnt und vom Täuferblute ein Fläschchen voll aufgeschöpft, dasselbe Fläschchen, das nun auf dem Altar der Johanneskirche stehe [238-a]. Eine andere Täuferreliquie in der Provence war der Johannesdaumen zu Maurienne. Eine Frau, deren Namen Gregor nicht nennt, die aber der Ortssage zufolge Tigris hieß, hatte sich dieses Unterpfand am Johannesgrab in Sebaste durch ihren unbeugsamen Eigenwillen zu verschaffen gewußt und in einer goldenen Kapsel nach Hause gebracht. Die Bischöfe von Turin, Ax und Bellay vollzogen in drei Vigilien an Ort und Stelle die dreimalige feierliche Abspaltung eines Partikelchens von diesem Daumen [238-b]. Marienreliquien, die jedoch nicht näher bezeichnet werden, besaß die Kirche von Marsas [239-a]. Von kleinen Christusreliquien, der Lanze, dem Essigschwamm, der Dornenkrone, der Martersäule, sowie vom ungenähten Rock, wußte man, jene befanden sich zu Jerusalem, dieser in der Erzengelkirche von Galatz bei Konstantinopel. Das Kreuz Christi hatte die Kaiserin Helene in Jerusalem aufgespürt; zu gleicher Zeit wurden die vier Nägel, mit denen der Erlöser angeheftet gewesen war, gefunden. Sie waren aus besonders edelm Metall. Zwei davon kamen als Lenkstangen in den Galazaum des kaiserlichen Gespanns, gemäß dem Worte heiliger Schrift: »Das Heiligtum des Herrn wird dem Pferde ins Maul gelegt [239-b]. « Der dritte Nagel fiel ins Meer und der vierte fand im Kopfschmuck der Kolossalstatue Constantins Verwendung [239-c]. Ins Abendland gelangte indessen nichts von alledem, bis Radegunde ums Jahr 560 auf dem Wege diplomatischer Unterhandlung mit dem Hofe von Byzanz einen Splitter vom heiligen Kreuz erwarb. Ebenso kamen einige Apostelreliquien nach Poitiers, dann sandte Radegunde zum Zweck weiterer Funde eine zweite Gesandtschaft unter Leitung des Priesters Reovalis nach Jerusalem ab. Diese Erwerbungen wurden in einem silbernen Schrein gemeinsam verwahrt [239-d]; ein Stückchen vom heiligen Kreuz besaß übrigens auch Sankt Martin von Tours zugleich mit Täuferreliquien [239-e]. Von Apostelreliquien hegte die Kirche von Agde eine des heiligen Andreas [239-f], während bei einem kombinierten Reliquienimport aus Rom auch Erinnerungsstücke an Zwölfapostel und an Paulus mit nach Gallien kamen [239-g]. Im Ganzen gehörte ein Unterpfand von einem Urheiligen in den fränkischen Kirchen zu den großen Seltenheiten. Fremde Reliquien waren gemeinhin im Vertrieb, italienische und spanische, unter Namen, nach denen wir meistens schon die jene beherbergenden Kirchen geheißen fanden. Bekannte römische waren die von Lorenz, Pankraz, Chrysanthus und Daria und der Eunuchen der Kaiserin Constantia Johannes und Paulus [239-g]; daran schließen sich die Bologneser Agricola und Vitalis [239-h]; Reliquien des Spaniers Vincenz sind ausdrücklich vermerkt für die Dorfkirchen Ceré und Orbigny bei Tours und Bessay in der Poitou [239-i]. Bei fremden Reliquien ist im allgemeinen zu merken, daß der Heiligenname lediglich Aufschrift und gewöhnlich von keiner Legende begleitet ist. Ansätze zu einer solchen sind meistens verdrängt durch die Erfolge, die der Ueberbringer der Reliquie zu berichten wußte. Denn damals galt ja eben solch ein armseliges Stück nicht für etwas Totes, es konnte oft sehr lebendig werden, und wer damit reiste, mochte unter Umständen wohl etwas erleben.

Erzählungen dieser Art gewinnen aber an Umfang und Bedeutung, wenn es sich um einheimische Größen handelt. Von Germanus von Auxerre allerdings, der am 31. Juli 448 in Ravenna starb, berichtet Gregor nur die Thatsache der Ueberführung, sein Leib sei nach sechzig Jahren gehoben, nach der Stadt Auxerre gebracht und dort begraben worden [240-a]. Dagegen haben die Julians- und Martinsreliquien auch ihre kleinen Geschichten an sich. In der Ferreoluskrypta zu Vienne war folgende Inschrift angebracht:

Doppeltes Pfand: Das Haupt Julians und Ferreolus Leichnam, Christushelden selb zweit, Birgt diese Halle getreu.

Seiner Gewohnheit gemäß zog Gregor, als er das las, nähere Erkundigungen ein; da erzählte der Wächter: Die Ferreoluskirche lag früher am Rhoneufer, aber da die Säulenhalle des Eingangs der Willkür des Flusses zu sehr ausgesetzt war, kam Bischof Mamertus auf den weisen Gedanken, mehr landeinwärts, wo es sicherer sei, eine neue ebenso große und schönere Kirche zu bauen. Zur feierlichen Translation der Reliquien war eine stattliche Zahl Geistlicher und Mönche zusammengekommen; während ihrer Gebete wurde die Ausgrabung vorgenommen. In einer gewissen Tiefe angelangt, stieß man auf drei Gräber; welches gehörte nun dem Heiligen? Jemand in der Versammlung erinnerte, seit alters gehe die Sage im Volk, im Ferreolusgrabe befinde sich auch das Haupt des Märtyrers Julian. Da ließ der Bischof die Anwesenden zum Gebet auf die Knie fallen, indes er selbst sich anschickte, die Gräber eins ums andere zu öffnen. In den beiden ersten lag nur ein Mensch allein, im dritten dagegen fehlte dem noch nicht verwesten Leichnam der Kopf, indes unter dem Arm ein Männerhaupt lag. Da rief der Bischof voller Freude: »Das ist ja der Leib des Ferreolus, und seht da, das Haupt Julians!«, worauf sich unter Psalmengesang und dem Beifall des Volkes die Ueberführung vollzog [240-b].

Bei einheimischen Heiligen, wenigstens bei den großen unter ihnen, deren Andenken stark genug gewesen war, um durchzuhalten, ergab sich aus diesem Umstande von selbst eine neue Art Reliquie. Neben Gegenständen, die ihren Wert aus den Beziehungen zum heiligen Leichnam schöpften, meldeten sich nun andere als ebenbürtig an, weil sich der Heilige einst bei Lebzeiten mit ihnen zu schaffen gemacht habe. Sankt Martin verfügte über eine ganze Anzahl solcher sakraler Andenken: der Stein, wo er einst gesessen, die Kapelle, wo er zu beten pflegte, den Altar, wo er Messe celebrierte, den Baum, den er hatte sich aufrichten heißen, die Rebe, die er eigenhändig gesetzt, der Brunnen, den er selber gegraben hatte [240-c]. Diese Memorialreliquien, obwohl sie ihrem Wesen nach eben nur sehr selten vorkommen konnten, standen an Kraft den Sepulkralreliquien in nichts nach. Als der Priester Leon nichts ahnend jenen Martinsstein versetzte, um sich sein eigenes Grabmal vorzubereiten, befiel ihn ein Schüttelfrost und belehrte ihn eines bessern. Der Martinsbaum in Neuilly hatte längst keine Rinde mehr; fromme Leute hatten ihn kahl geschält, um sich von dem Kork heilkräftigen Thee zu kochen. Von der Kapelle zu Martigny bei Tours ging ja allerdings die Rede, vor hundert und aber hundert Jahren habe Sankt Martin dort gebetet; aber weiter hatte man davon kein Aufheben gemacht. Unzählige Male war Abt Günther unbehindert und ohne sich Gedanken zu machen an dem Heiligtum einfach vorbeigeritten. Da, am Tage seiner Wahl zum Bischof von Tours, brachte er plötzlich sein Pferd nicht mehr vom Fleck; mitten auf dem Wege blieb es steif stehen, den Kopf der Kapelle zugekehrt. Er haut es mit den Absätzen, preßt es zwischen die Schenkel, sticht es mit dem Stachel; als wär es ehern, rührt es sich nicht. Bis dem Bischof aufging, was für eine Bewandtnis es damit am Ende haben könne, und er abstieg und es mit einem Gebete versuchte — alsobald konnte er weiter reiten. Am Altar der Kapelle von Siran, der durch eine ehemalige Berührung von Martins Händen noch insbesondere geheiligt war, wachte einst ein Gelähmter die Nacht durch, in der Hand eine brennende Kerze so hoch wie er selbst; bei Tagesanbruch vermochte er von dannen zu gehen. Aridius von Limoges, ein passionierter Sammler von heiligen Dingen, stellte auch Versuche an mit einer Traube von Martins selbst gepflanzter Rebe. Er genoß einige wenige Beeren und machte den Rest dann in ein Glas Wasser ein. Einige Zeit darauf, als ihn ein Mensch berief, der an Mundfäulnis litt, wusch er mit dem Traubenwasser die Mundhöhle aus und mit Erfolg. Noch nach vier Jahren waren die Beeren dieser Martinstraube vollkommen grün geblieben, ohne daß das Wasser im Glase gewechselt worden wäre. Und gar mit Wasser aus dem von Martin gegrabenen Brunnen, mit dem Aridius Fieberkranke besprengte, erzielte er die überraschendsten Wirkungen [241-a]. Ebenso heilkräftig war das Wasser aus der Saphirschale in Candes, die Kaiser Maximus einst Martin zum Geschenk gemacht hatte [241-b]. Das bedeutendste Martinsandenken dieser Art war jedoch sein Sterbebett in Candes. Auch dort geschahen Heilungen [241-c] und wurden Spähne abgespalten. Die Memorialreliquie hat sich somit als ebenbürtig legitimiert, aber dieser Legitimation insofern doch bedurft, als eben schon der Name »Reliquie« auf ein Ueberbleibsel vom Heiligenleichnam hindeutet. Unter Umständen kann einmal auch eine Spezialität direkt auf die Begriffsgrenze zu liegen kommen: so wurden bei der Hinrichtung des Märtyrers Symphorian von Autun drei Steinchen von seinem Blut bespritzt, die infolge dessen für die Verehrung aufgehoben wurden [242-a]. Da war das Steinchen heilig, weil es von der Berührung des Heiligen imprägniert war. Und doch war der beim Todesstreich verspritzte Blutstropfen auch schon ein Stück Leichnam.

2.

Die Hauptsache an der Reliquie ist jedoch nicht, woher sie stammt oder wo sie zustande kam, sondern wie stark sie ist und was sie auszurichten vermag. Und hiefür war das üblichste und weitverbreitete Merkmal die Eigenschaft verschollener Reliquien, Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen und sich entdecken zu lassen. Der Märtyrer Quintin von Verenand, Saint Quentin, kam dadurch ans Tageslicht, daß eine blinde Frau, eine fleißige Kirchgängerin eines Tages einen Leichnam entdeckte, der irgendwo im Wasser lag, und als nun die Frau daraufhin sehend wurde, war der Beweis erbracht, mit wem man es zu thun habe [242-b]. Ebenso war das Grab des Märtyrers Eutropius verschollen, weil es nicht in geweihter Erde lag und auch sonst niemals Verehrung empfangen hatte. Als dann Bischof Palladius, der Förderer des einheimischen Heiligenkults, zu Ende des sechsten Jahrhunderts in die neu erbaute Eutropiuskirche auch den Leib des Heiligen überführen ließ, diente eine Narbe am Totenschädel, die auf den tödlichen Axthieb hinwies, zum Ausweis [242-c]. Ebenso unbekannt war auch das Grab des heiligen Mallosus von Xanten geblieben, obwohl er im Geruche des Märtyrers stand und sogar schon eine eigene Kapelle hatte. Und nun baute ihm gar noch Bischof Ebregisel von Köln eine große Basilika in der Hoffnung, Gott werde die Offenbarung der Reliquien zulassen. Später wandelte er ein Stück dieser Basilika in eine Absis um und verband so die anstoßende alte Mallosuskapelle mit der neuen großen Kirche. Nun fehlte nur noch der Heiligenleib. Bald darauf hatte ein Diakon zu Metz ein Traumgesicht, indem ihm die Ruhestätte des Märtyrers kund wurde, und als er dann zu Ebregisel kam und sich von ihm auf den Platz führen ließ, sagte er zu diesem, ohne doch den Ort näher zu kennen: »Grabe hier, und du wirst den Heiligenleib finden, in der Mitte des Absis«. Als sie sieben Fuß gegraben hatten, stieg ein lebhafter Wohlgeruch auf und der Bischof rief: »Ich hoffe, Christus werde mir seinen Märtyrer zeigen, auf diesen Wohlgeruch hin«. Die Ausgrabung wurde fortgesetzt; in der That stieß man auf den Heiligenleib, der Bischof nahm ihn in Augenschein und fand ihn unverwest. Da stimmte er das Gloria an, unter Assistenz der ganzen Priesterschaft. Nach dem Gesange wurde der Heilige in die Basilika hinaufgebracht und dort mit allen gebührenden Ehren behandelt [243-a]. Eine Kirche galt nun einmal erst für im höheren Sinn vollendet, wenn sie auch Reliquien von ihrem Namenspatron beherbergte. Im Fall, daß dieser nicht erst noch zu entdecken war, verschaffte man sich womöglich welche von einer bekannten Bezugsquelle. So sandte Palladius von Saintes für seine dortige eben errichtete Martinskirche um Martinsreliquien nach Tours, und bereits zwei oder drei Monate darauf erhielt Gregor schriftlichen Bericht von zahlreichen Heilungen, die durch sein Geschenk bewirkt worden waren [243-b].

Die häufigste Gelegenheit für Reliquien, sich zu äußern, ergab sich bei Translationen auf größere Strecken, sowie im Augenblick, da sie an ihrem neuen Aufenthalt geborgen wurden. Als die geistliche Gesandtschaft des Bischofs Leudowald von Avrenches mit den in Tours geholten Martinsreliquien den heimischen Stadtbezirk betrat, küßte ein Gelähmter inbrünstig den Saum des Bahrtuches, und als er sich besser fühlte, rief er: »So handelst du also in der That, o du heiliger Bekenner; nicht genügt es dir, dein eigenes Haus zu schmücken; du stattest nun auch mit erschrecklichen Kraftthaten sogar Gegenden aus, die dein Fuß bei Lebzeiten nie betrat« [243-c]. Ein Geistlicher der Kirche von Cambrai hatte mit Martinsreliquien den Heimweg angetreten und überschritt eben die Loire an einer seichten Stelle, als ein Gewitter losbrach: aber da fingen, gleichsam als elektrisches Gegenspiel zu den Blitzen, die beiden heiligen Lanzenspitzen in den Händen seiner Kinder, die sie trugen, zu glühen an und dienten als Laternen [243-d]. Der Bote König Gunthrams, der gegen kostbare Geschenke im Kloster Agaunum Reliquien eingetauscht hatte und bei der Rückfahrt auf dem Genfersee von einem lebensgefährlichen Sturm überrascht wurde, brauchte nur das Reliquienkästchen, das er auf sich trug, gegen die anrollenden Wogen zu halten und dabei zugleich die heiligen Märtyrer herzlich anzurufen, so war auch schon die Gefahr vorüber [243-e]. Einst war ein Schiff eben im Begriff, einen morgenländischen Hafen anzulaufen, als in einer vom Meere abgelegenen Kirche der selben Stadt ein Besessener plötzlich rief, es komme. Und als es vor Anker ging, rannte er es zu begrüßen, warf sich auf den Boden und regte sich so sehr auf, daß aus Mund und Nase der Ausbruch von Eiter erfolgte, der ihm Erleichterung brachte. Davon in Kenntnis gesetzt, veranstaltete der Bischof eine Prozession an den Landungsplatz. Der Schiffsherr, seinerseits auf dem Laufenden, brach vor Freude in Thränen aus: er habe doch nichts an Bord als ein bischen Staub vom Grabe des heiligen Julian [243-f]. Ein ander Mal fiel es auf, daß die vom Priester Nannin aus Vibrac überführten Juliansreliquien eine Heilung Schlags Mittag herbeiführten [243-a]. Daß die Reliquien Feuer sprühen, ist in Gregors Augen eine so allgemeine Thatsache, daß er ihr eine besondere Betrachtung widmet: auch Abt Bärchen war beim Celebrieren der Vigilien in der Martinsbasilika von Tours von einem Feuerglob überrascht worden, der über den auf dem Altar vereinigten Reliquien aufstieg [244-b]. Umgekehrt vermögen Reliquien Feuer auszuhalten, ohne zu verbrennen [244-c]. Aber freilich damit eine Pergamentrolle in einem brennenden Strohsack nicht weiteren Schaden nimmt, dazu bedurfte es nicht erst des Martinslebens des Sulpicius Severus, das Gregor, indem er ihm diese Feuerprobe nachrühmt, in den Rang einer Reliquie erhebt [244-d]. Unter andern wunderbaren Qualitäten zeichnet sich die Eigenschaft der Stephansreliquien aus, an Stelle des vergessenen Schlüssels den Schrein zu öffnen [244-e]. Uebrigens konnte die Kraft der einzelnen Reliquie größer oder geringer sein, je nach dem Zeitpunkt. Im Stadium der Installation, wenn die Reliquie noch neu, also die Verehrung noch warm war, ließ sich eine Zahl von Heilungen wahrnehmen, die für eine gelagerte Reliquie ungewöhnlich wäre [244-f]. Ebenso verständlich ist es, daß sich bei Reliquienkombination deren Kräfte summieren. Die Verbindung eines alten Heiligen wie Julian mit einem jungen fast zeitgenössischen wie Nicetius von Lyon wird von Gregor ausdrücklich als doch ebenso gerechtfertigt hingestellt, wie eine Assoziation von Julian etwa mit Johannes und Martin es sei [244-g]. Die Macht der Reliquien tritt besonders anschaulich in Gregors eigenen Erlebnissen zu Tage. Bei der Einweihung seiner bischöflichen Privatkapelle, zu der er einen ehemaligen Vorratsraum des Bischofs Eufronius durch hübsche Ausstattung hatte umwandeln lassen, wurde während der Vigilien erst der Altar in üblicher Weise eingesegnet. Dann holte man in der Kirche drüben die dort deponierten Hausreliquien bester Marke, Martin, Saturnin, Julian und Saint Allyre, in feierlichem Zuge herüber, beim Fackelschein, der sich an den Metallkreuzen widerspiegelte: anwesend war der ganze Klerus in den linnenen Chorgewändern, außerdem die Honoratioren der Stadt und eine Menge Volkes. Hoch erhoben trug Gregor die Heiligtümer, die in Seide und Parfum gebettet waren, über die Schwelle. In diesem Augenblick ging solch ein heller Schein durch den Raum, daß mehrere genötigt waren, die Augen zu schließen. Die Versammlung lag auf den Knieen in großer Furcht; aber der Bischof rief ihnen zu: »Fürchtet euch nicht; was ihr seht ist die Allmacht der Heiligen. Besinnt euch doch an die Stelle im Martinsleben, da dem Haupt des Heiligen, als er am Altar die Weihworte sprach, eine Feuerkugel entstieg und gen Himmel fuhr. Warum erschrecken! Mit seinen heiligen Reliquien hat er selbst bei uns Einkehr gehalten«. Da löste sich die Beklemmung der Anwesenden, und sie stimmten den Lobgesang an: »Gesegnet sei, der da kommt im Namen des Herrn. Gott der Herr hat uns erleuchtet [245-a]« . Um jene Zeit war Gregor auch einmal wieder in seiner Heimat zu Besuch und nahm sich am Juliansfest, dem 28. August 573, einige Fäden einer Franse an der Grabesdecke mit. Als nun in Tours Mönche eine Juliansbasilika errichteten, bei ihren geringen Mitteln eine schöne That, und zu Gregor kamen mit der Bitte, ihnen doch die Reliquien zu überlassen, nahm er heimlich den Schrein und beeilte sich, sie in der Dämmerung nach Sankt Martin hinauszutragen. Ein frommer Mann stand in einiger Entfernung, als der Bischof eintrat, und versicherte ihn Tags darauf, er habe einen Feuerball auf das Gebäude sich niedersenken und im Innern der Kirche verschwinden sehen. Die Nacht verbrachten sie in der Martinskirche, indem sie die Juliansreliquie auf dem Martinsaltar ruhen ließen und begaben sich bei Tagesanbruch in die zu weihende Kirche mit dem Heiligtum, auf das nun zur Julianskraft noch die Martinskraft übergegangen war. Wenigstens warf sich ihnen ein Besessener unter schrecklichen Geberden entgegen; blutiger Schaum quoll aus seinem aufgerissenen Munde und er schrie: »Warum, o Martin, verbindest du dich mit Julian? Warum rufst du ihn in diese Gegenden? Ist denn deine Anwesenheit für sich allein nicht Pein genug? Warum rufst du einen dir ebenbürtigen Heiligen herbei, um unsere Qualen zu steigern? Warum denn? Warum peinigst du uns so im Bunde mit Julian«? [245-b].

3.

Ueberall wurzelt die den Reliquien beigelegte Kraft in der Vorstellung, man habe in einem solchen heiligen Teilchen den ganzen Heiligen in Person eingekapselt vor sich. Dadurch wird die Kraftpsychologie der Reliquie mit einer Reihe individueller Züge ausgestattet, als hätte man es mit einem leibhaftigen Menschen zu thun. Es bilden sich im Umgang mit der Reliquie sozusagen gewisse Anstandsformen aus, die man nur bei Strafe unbeachtet ließ. Unlautere Hände durften sie nicht anfassen; die Reliquien waren empfindlich. Noch eher griff man unversehrt in die Flamme, als daß man jene ohne Schaden berührte; um sicher zu gehen, wählte man am besten ein junges unbescholtenes Mädchen, hing ihm das Reliquientäschchen um den Hals und ließ es die Kostbarkeit an ihren Bestimmungsort tragen [245-c]. Doch war es gewagt, Reliquien überhaupt an Laien auszuhändigen. Die Timotheus- und Apollinarisasche in Rheims wurde vom Priester teilweise endlich einer Frau überlassen, weil sie ihn so dringend darum bat. Aber als er am andern Morgen weiter reiten wollte, brachte er sein Pferd nicht von der Stelle und fühlte sich selber in allen Gliedern bleischwer; so sah er sich genötigt, das Häufchen Heiligenasche zurückzunehmen, womit auch die Störung in der That alsobald beseitigt war [246-a]. Reliquien in einem Privathause beherbergen konnte zu schlimmen Erfahrungen führen. So waren die Ueberreste des von einem Stier zu Tode geschleiften Märtyrers Saturnin von Toulouse einst auf Reisen; in Brioude übernachteten ihre Träger bei einem armen Mann, und als sie ihm anvertrauten, was sie mit sich führten, gedachte dieser es besonders gut zu machen, und schloß das Kästchen über Nacht in seinen Kornspeicher ein. Die nächste Nacht hatte er einen Traum des Inhalts: bleibe nicht länger an diesem Orte, seit er durch die Reliquien des Märtyrers Saturnin geheiligt ist. Er aber in seinem Bauernverstande kehrte sich daran nicht, bis er und seine Frau krank und immer kränker wurden; schließlich mußte man das Haus abbrechen und eine Kapelle an die Stelle setzen. Auch als einmal ein königlicher Beamter namens Plato im Kloster Pavilly der Diöcese Rouen, dessen Abt ihm kein Neujahrsgeschenk gemacht hatte, sich auch nur dem Gedanken hingab, die Kapelle mit den Saturninsreliquien würde kein übles Jagdquartier für König Chlothar zugleich mit Pferdestall abgeben, starb er bereits nach drei Tagen. Und die zu Yssac geraubten Reliquien desselben Heiligen brachten vier der Räuber direkt ums Leben, der fünfte wurde blind und blieb es, bis er das entweihte Gut herausgab [246-b].

Damit hing zusammen, daß gewisse Reliquien besonders auf gewisse Eigenschaften der Kirchgänger reagieren, also sozusagen ein bestimmtes Temperament aufweisen, so sind die Marien- und Johanneskirche in Tours, die Marcelluskirche in Chalons und das Stephansblut im Altar der Kirche von Bourges, sowie Julian von Brioude und Eugen von Albi Meineidigen verhängnisvoll [246-c], während Viktor von Marseille besonders auf Besessenheit gewirkt zu haben scheint [246-d]. Auch sonst tritt im Verkehr mit Reliquien das Moment eines Umgangs mit Personen deutlich heraus. Das Grab des Benignus in Dijon war zwar von Alters her Gegenstand der Volksverehrung; kirchlicherseits aber wurde es gemieden, da man es im Verdacht hatte, es sei ein Heidengrab. Einst hatte ein Bauer dort eine Kerze stehen lassen oder jedenfalls sie vergessen zu löschen; ein Kind sah es und wollte sie holen, wurde aber durch eine ungewöhnlich große Schlange abgeschreckt, die sich um die Kerze ringelte; es versuchte es wieder und wieder; die Schlange wich nicht. Als dieses und ähnliches dem Bischof Gregor von Langres zu Ohren kam, verschärfte er sein Verbot, jenes Grab zu verehren. Aber eines Nachts offenbarte sich ihm der selige Märtyrer und sagte: »Was thust du? Nicht nur achtest du mich selbst gering, du mißachtest auch meine Verehrer. Laß das, ich bitte dich, besorge mir vielmehr möglichst rasch ein Obdach«. Von dieser Offenbarung betroffen, begab sich der Bischof zu dem Heiligengrabe und bat unter Thränen um Verzeihung für seine Unwissenheit [247-a]. Der Märtyrer Antolian in Clermont bewies Rücksicht für seine heiligen Kollegen, deren umliegende Gräber anläßlich eines prunkvollen Baues seines Mausoleums übel mitgenommen wurden. »Weh mir«, rief er aus, »den man auf Kosten seiner Brüder ehren will. Ich darf die Vollendung meines Grabmals nicht zulassen«. In der That fiel bald darauf in jener Kirche das Gerüst, das man errichtet hatte, ein, da es ungeschickt an den Säulen angebracht worden war. Der Zusammenbruch der über dem Altar erfolgte und mächtig Staub aufwirbelte, verursachte keinen weiteren Schaden, denn er erfolgte während der Frühstückspause der Maurer. Aber man ließ es sich gesagt sein und ging mit den Gebeinen, die anläßlich der Grabungen zum Vorschein kamen und auf einem Haufen lagen, nunmehr manierlich um [247-b]. In der Champagne bei Reims kehrte ein Priester heim mit Juliansreliquien, die er für eine neue Kirche dieses Heiligen war holen gegangen. Eben arbeiteten Landleute auf dem Felde. Da schrie einer von ihnen plötzlich: »Ach da naht ja der heilige Julian! Wahrhaftig er mit seiner Kraft und seinem Glanz! Auf, Genossen, von den Ochsen weg, von den Karren weg, auf alle zusammen, ihm entgegen!« Diese begriffen ihn nicht und schauten ihn stumpfsinnig an. Er blieb in seiner Aufregung mit seinem Holzschuh erst in der Furche hangen, fällt auf die Erde hin, klatscht dabei in die Hände und wieder auf und davon auf den Priester los, der Psalmen singend seiner Wege geht. »Warum, o Heiliger«, schrie der Verrückte schon von weitem, »warum quälst du mich so? Warum, glorreicher Märtyrer, brennst du mich so? Warum kommst du in ein Land, das dir gar nicht gehört? Warum durchwanderst du unseren Wohnort?« Unterdessen hatte der Priester das Wandertabernakel aufgeschlagen und der Besessene, platt auf den Boden hingestreckt, betete die Reliquien an [247-c]. Ein anderer Verrückter schrie in der Christnacht vor der Martinsbasilika von Tours, als Gregor mit der Geistlichkeit eben von der Kathedrale her auf sie zugegangen kam: »Umsonst naht ihr der Schwelle Martins, ohne Erfolg betretet ihr seinen Tempel; wegen eurer zahllosen Verbrechen hat er euch verlassen; er verabscheut euch, und nun ist er in Rom und thut dort Wunder; dort richtet er jetzt den Schritt der Lahmen her und begegnet auch andern Krankheiten mit seiner Gewalt«. Und nicht nur das niedere Volk, sondern auch die kirchlichen Würdenträger gerieten in große Furcht, der heilige Martin möchte sie am Ende wirklich verlassen haben. Der Bischof vergoß heiße Thränen; alle lagen auf den Knieen und erbeteten die Gegenwart des heiligen Bekenners, die sich dann auch alsobald in einer besonders auffallenden Lahmenheilung kundgab [248-a]. Ist schon bei dieser Geschichte die Vorstellung augenscheinlich die, daß der Heilige zwar in der Reliquie verkörpert, aber doch nicht an sie gebannt sei, so tritt die Unabhängigkeit von dem Unterpfand noch deutlicher an der folgenden Geschichte zu Tage. In Bordeaux pflegte eine fromme Alte die Lampen in den Kirchen der Heiligen mit Oel zu speisen, und befand sich denn auch eines Sonntag abends zu diesem Behuf in der Peterskirche. Sie stieg in die Krypta hinunter, um dort die Lampen anzuzünden. Dort verweilte sie so lange, daß sie nicht bemerkte, wie hinter ihr die Eingangsthüre verschlossen wurde. Es half ihr nichts, zu rufen; ihre Stimme war zu schwach. So ergab sie sich denn in den Gedanken hier zu übernachten und beschloß, den Aufenthalt zur Buße für ihre Sünden auszunutzen. Da, um Mitternacht, sah sie plötzlich die Thüren offen stehen und die ganze Kirche hell erleuchtet. Ein Sängerchor wandelte durch die Halle. Als aber das Gloria verklungen war, hörte die Frau wie die Männer sich beschwerten: »Der heilige Levit Stephan läßt auf sich warten. Schon sollten wir in den andern Kirchen sein. Aber wir können uns nicht wegbegeben, ohne ihn erwartet zu haben«. Während sie immer wieder darauf zurückkamen, stand plötzlich ein Mann in einem weißen Kleide da; die Menge grüßte ihn ehrfurchtsvoll: »Sei uns gepriesen, sehr heiliger Levit Stephan«. Dieser verbeugte sich, verrichtete sein Gebet, und auf die Frage, warum er sich bei seinem Besuch der heiligen Stätten etwas verspätet habe, erwiderte er: »Auf dem Meer war ein Schiff in Gefahr unterzugehen. Dort rief man mich an, ich rannte hin, erlöste es, und da bin ich nun. Daß ihr euch von der Wahrheit meiner Worte überzeugt, seht nur, wie hier noch mein Gewand von Meerwasser trieft.« Die Frau merkte sich die Stelle, und als die Versammlung auseinander gegangen war und die Thüren sich hinter ihnen von selbst geschlossen hatten, ging sie hin und wischte sorgfältig die Tropfen auf dem Fußboden auf. Bischof Bertram nahm das Taschentuch dann in Verwahrung und erzielte Heilungen damit [248-b].

Doch konnte sich bei einem derartigen Individualisieren der Reliquie auch die Kehrseite fühlbar machen. Im Dorfe Tornes bei Le Mans, das zu Sankt Martin gehörte, wurde eine Blinde sehend, und da in der Kirche auch Peter- und Paulsreliquien zugegen waren, so konnte man zweifeln, wohin sie ihren Dank zu spenden habe. Die Frau selbst freilich beharrte darauf, sie sei durch Martin gesund geworden. Und für die Theologen löste sich das Problem dann doch dahin auf, schließlich wirke ja hinter den Wunderthaten der verschiedenen Heiligen doch immer die eine Kraft Gottes [248-c].

Vierzehntes Kapitel. Der heilige Ort.

Auch in dem fränkischen Christentum ist der Begriff der Heiligkeit nicht in erster Linie ethischer, sondern kultischer Natur. Heilig ist, was dem Heiligen gehört. Aus diesem Grundsatz ergeben sich die beiden Haupteigenschaften des Heiligen: seine Güte und sein Zorn. Wer vertrauensvoll im Falle der Not seine Zuflucht an der Heiligenstätte sucht, den liebt der Heilige; wer sich dagegen an der Kirchenhabe vergreift oder den Heiligen sonst belästigt oder beleidigt, den haßt er. Da er sich zudem gegenüber den Herren der Erde und selbst dem Mächtigsten unter ihnen von vornherein und ausnahmslos als den stärkeren und überlegenen erweist, so bedeutet bei ihm Liebe zugleich Schutz und Zorn zugleich Vernichtung.

1.

Man fand es aber doch ratsam, dem Heiligen eine kräftige Tempelpolizei zur Verfügung zu halten. Am Juliansfeste betrachtete ein Mann aus dem Volke noch längere Zeit nach dem Gottesdienste die Kostbarkeiten rings herum, sah aber ein, daß er jetzt doch nicht unbeachtet stehlen könne, und verbarg sich darum in einem Winkel. Als es dunkel war, machte er sich an den umgitterten Hauptaltar, entwendet ihm ein mit Edelsteinen besetztes Kreuz, reißt zugleich Gardinen und Vorhänge von der Wand herunter und schnürt sie in ein Bündel zusammen, lädt es auf den Kopf, nimmt dann das Kreuz, das er auf den Boden geworfen hat, in die Hand und will von dannen, kann aber nicht hinaus; da legt er sich an dem früheren Schlupfwinkel schlafen, indem er das Bündel als Kissen unter den Kopf nimmt. Um Mitternacht nun, als die Wächterpatrouille ihre übliche Runde macht, fiel ihnen zuerst ein Lichtglanz wie von einem Sterne auf; es war einer von den Edelsteinen am Kreuze, der aufblitzte. Sie holte nun eine Kerze und fanden den Tempeldieb schlafend. Er wurde verhaftet und bekannte am Morgen früh; er sei unzählige Male in der Kirche herumgegangen, aber ohne einen Ausweg zu finden [249-a]. Von allen fränkischen Heiligen war es insbesondere Julian, der immer wieder und in jeder Form mit Eingriffen in seinen Besitz zu thun hatte: der eigentliche Raub- und Raufheilige. Jenes selbe Altarkreuz, das zwar nur vergoldet, aber rundum vergoldet war, wurde von einem Ruchlosen gestohlen, weil er meinte, es sei ganz aus Gold. Als er es aber in seinem Busen barg und er ein Stück weit gegangen war, drückte es ihn so sehr, daß er es kaum hätte noch weiter wegtragen können. Er hielt daher für klüger, es dem Heiligen gleich wieder zurück zu erstatten [250-a]. Wenn der Heilige sich nicht selber half, so konnte er immer auf irgend eine Unterstützung seitens eines Gläubigen rechnen. Nach der Heldenthat des Hillidius stahlen vier Flüchtige eine Schale und eine Urne. Die Schalen teilten sie in vier Stücke; die Urne dagegen überreichten sie König Gundobad, um sich seiner Gunst zu versichern. Die Klugheit der Königin Caretene rettete das Kirchengerät; sie machte dem Fürsten klar, er werde doch nicht die Gunst des Heiligen aufs Spiel setzen wollen, um eines leichten Gewinnes willen [250-b]. Sigivald, der mächtige Graf von Arvern, ließ sich in der Auvergne allerlei Unebenheiten gegenüber fremdem Besitz zu Schulden kommen. Unter dem Schein eines Tauschhandels schlug er auch seine Hand über ein Grundstück, das einst Bischof Tetradius von Bourges der Julianskirche vermacht hatte. Aber drei Monate später verfiel er einer Entkräftung und hütete das Bett. Seine Frau, die hierüber sehr traurig war, wurde indessen von einem Priester belehrt, ihr Mann werde gesund sein, sobald er eine Ortsveränderung vornehme. In der That ging es Sigivald wieder gut, kaum war er von seiner Villa wieder weggezogen [250-c]. Auch der Grundbesitz des Heiligen war vor frecher Bubenhand nicht sicher. Ein Schäfer namens Ingenuus, Nachbar des Kirchengutes, verrückte die Grenzmark. Der Priester von Sankt Julian schickte einige Diakone und ließ ihm zu verstehen geben, er habe davon abzulassen. Aber Ingenuus holte seinen Pfeilbogen und trieb die geistlichen Unterhändler in die Flucht. In der nächsten Juliansmesse wurde er zu Brioude vom Blitz getötet [250-d]. Eine weitere Gewaltthat ließ sich Graf Beccon zu Schulden kommen. Eines Tages, als er seinen Jagdfalken steigen ließ, verflog sich der Vogel. Um jene Zeit fing der Schenkjunge von Sankt Julian einen anderen herrenlosen Falken. Sofort erklärte Beccon, es sei seiner, der Junge habe ihn ihm gestohlen. Der Jüngling wurde ergriffen, eingesteckt, und der Graf machte Miene, ihn hängen zu lassen. Da eilte der Priester tiefbetrübt zum Juliansgrabe, öffnete seufzend die Schreine und versuchte es mit zehn Goldstücken, die er dem Grafen durch zuverlässige Freunde anbot. Der aber lachte ihnen ins Gesicht und verlangte ein Lösegeld von dreißig Gulden. Er erhielt es. Aber Julian vergaß die Beschimpfung nicht, und als beim nächsten Jahresfeste auch der Graf den Gottesdienst besuchte und der Vorleser der Passion zum ersten Mal den Namen des Heiligen aussprach, brach der böse Mann an einem Schlaganfall zusammen und mußte nach Hause getragen werden. Obwohl er der Kirche dann alles schenken ließ, was er in jenem Augenblick an Gold und köstlichen Stoffen an sich getragen hatte und später noch viele andere Geschenke beifügte, so erlangte er doch bis zu seinem Tode den Gebrauch seiner Sinne nicht wieder [251-a]. Ein abtrünniger Priester, der in die Staatsverwaltung übergetreten war und sich seitens seiner Vorgesetzten mit Vollmacht versehen hatte, besichtigte die Schafherden, die auf den Bergen sömmerten, und stahl unter dem Vorwand der schuldigen Steuer die Widder eben der Herde, die im Namen des Heiligen gehalten wurde, zum Entsetzen der Hirten. »Rühre doch ja diese Widder nicht an?« riefen sie ihm zu. Er aber grinste höhnisch, indem er die Tiere von hinnen trieb: »Unsinn! Seit wann ißt denn Julian Hammelbraten?« Als er das nächste Mal Juliansgebiet betrat und am Grabe betete, befiel ihn der Fieberbrand, dem er erlag [251-b]. In den Juliansvigilien ließ sich Jemand einfallen, das Pferd eines Festbesuchers, das draußen stand, zu besteigen und damit davonzureiten. Er ritt die ganze Nacht, und als es dämmerte, dachte er: »So, nun werde ich wohl so meine dreißig Meilen von der Juliansbasilika entfernt, also vor Entdeckung sicher und bald zu Hause sein.« Aber mit Nichten. Als er die Gegend näher unterscheiden konnte, befand er sich nach wie vor in der Nähe des Fleckens von dem er ausgeritten war, und Leute liefen hin und her. Da zog er denn doch vor, abzusteigen, und den Gaul in aller Stille da wieder anzubinden, wo er ihn losgebunden hatte [251-c]. So gnädig diesmal Julian gegen den Dieb sich verhielt, so freundlich half er bei einem andern Pferdediebstahl dem Bestohlenen. Ein frommer Mann, der zum Feste gekommen war und die ganzen Vigilien mitgemacht hatte, konnte am Morgen sein Pferd nicht finden. Im Quartier, wo er es eingestellt hatte, war es nicht mehr, und als während zweier Tage keine Nachfrage helfen wollte, ging er hin und klagte sein Leid dem Heiligen: »O Heiliger, ich bin zu deinem Tempel gekommen, um dirs in aller Armut zu geben, wie ichs habe. Ich veruntreute nichts und beging auch sonst nichts Unrechtes. Warum bin ich aber dann um mein Gut gekommen? Gieb es mir bitte zurück. Ich kann es nicht entbehren.« Und siehe, kaum hatte er unter Thränen so gebetet und trat aus der Kirche, da sah er schon von weitem Jemanden, der sein Roß hielt. Eben hatte man es eingefangen [251-d].

Notes in this chapter

Note 1 · Gregor Conf. 35.Note 2 · Auguste Longnon, Géographie de la Gaule au VIe siècle. Paris. 1878. S. 180–611.Note 3 · Gregor Martyr. 49. Conf. 60–64.Note 4 · Gregor Conf. 72–75.Note 5 · Gregor Martyr. 51. H. Fr. II. 15.Note 6 · Gregor Conf. 41–43.Note 7 · Gregor Conf. 85 (interpol.) 86.Note 8 · Gregor Martyr. 52. 53. Conf. 84. 85.Note 9 · Gregor Martyr. 70.Note 10 · Gregor Martyr. 74. 75.Note 11 · Gregor Julian. 34.Note 12 · Gregor H. Fr. X. 31. 2.Note 13 · Gregor Conf. 16.Note 14 · Gregor Conf. 24.Note 15 · Gregor Conf. 4–25.Note 16 · Gregor Conf. 16.Note 17 · Gregor Conf. 17.Note 18 · Gregor Conf. 18.Note 19 · Gregor Conf. 21.Note 20 · Gregor Conf. 22.Note 21 · Gregor Conf. 23.Note 22 · Gregor Conf. 25.Note 23 · Gregor Conf. 55.Note 24 · Gregor Conf. 94.Note 25 · Gregor Conf. 54.Note 26 · Gregor Martyr. 59.Note 27 · Gregor Conf. 40.Note 28 · Gregor Conf. 66.Note 29 · Gregor Patr. VIII. 8.Note 30 · Gregor Martyr. 63.Note 31 · Gregor H. Fr. IX. 18.Note 32 · Gregor H. Fr. VIII. 2. Conf. 97.Note 33 · Gregor Conf. 89.Note 34 · Gregor H. Fr. V. 7. VIII. 33. Conf. 88.Note 35 · Gregor Conf. 87.Note 36 · Gregor Conf. 103.Note 37 · Gregor Martyr. 71. H. Fr. V. 35.Note 38 · Gregor H. Fr. X. 28.Note 39 · Gregor Conf. 91. 92.Note 40 · Gregor Martyr. 61.Note 41 · Gregor Conf. 71.Note 42 · Gregor H. Fr. IX. 14, X. 19. Conf. 78.Note 43 · Gregor Martyr. 54.Note 44 · Gregor H. Fr. IV. 19. 21. 51. V. 3.Note 45 · Gregor H. Fr. V. 35. IX. 9.Note 46 · Gregor H. Fr. VI. 37.Note 47 · Gregor Conf. 65.Note 48 · Gregor Conf. 72.Note 49 · Gregor Jul. 1. 2.Note 50 · Gregor Martyr. 67. 68.Note 51 · Gregor Conf. 76.Note 52 · Gregor Martyr. 76. H. Fr. IX. 22.Note 53 · Gregor Conf. 70.Note 54 · Gregor Conf. 82.Note 55 · Gregor Conf. 88.Note 56 · Gregor Martyr. 46.Note 57 · Gregor Conf. 79.Note 58 · Gregor Conf. 95.Note 59 · Gregor Conf. 100.Note 60 · Gregor Conf. 90.Note 61 · Gregor Conf. 81.Note 62 · Gregor Conf. 80.Note 63 · Gregor Conf. 35.Note 64 · Gregor Conf. 32.Note 65 · Gregor H. Fr. I. 31. Martyr. 64.Note 66 · Gregor Conf. 33.Note 67 · Gregor H. Fr. I. 40. Patr. 3 3.Note 68 · Gregor H. Fr. II. 20. Patr. 6 7.Note 69 · Gregor Conf. 34–36.Note 70 · Gregor Conf. 31.Note 71 · Gregor Jul. 1. 4. 5. 7.Note 72 · Gregor Jul. 3. 25.Note 73 · Gregor Patr. 14.Note 74 · Gregor Patr. 5.Note 75 · Gregor Patr. 13.Note 76 · Gregor Martyr. 66.Note 77 · Gregor H. Fr. I. 32. X. 29.Note 78 · Gregor Martyr. 56. 57.Note 79 · Gregor Conf. 27.Note 80 · Gregor Conf. 101.Note 81 · Gregor H. Fr. VII. 10.Note 82 · Gregor Conf. 9.Note 83 · Gregor H. Fr. X. 39. Conf. 102.Note 84 · Gregor Martyr. 47. H. Fr. I. 28. VI. 12.Note 85 · Gregor Conf. 44.Note 86 · Gregor Conf. 45.Note 87 · Gregor Conf. 46.Note 88 · Gregor H. Fr. VI. 12.Note 89 · Gregor Conf. 99.Note 90 · Gregor Martyr. 55.Note 91 · Gregor Conf. 58.Note 92 · Gregor Conf. 57.Note 93 · Gregor Conf. 59.Note 94 · Gregor Conf. 56.Note 95 · Gregor Conf. 52.Note 96 · Gregor Conf. 53.Note 97 · Gregor H. Fr. II. 37.Note 98 · Gregor Conf. 98.Note 99 · Gregor Conf. 83.Note 100 · Gregor Conf. 49. 50.Note 101 · Gregor Conf. 48.Note 102 · Gregor Martyr. 77.Note 103 · Gregor Conf. 29. 35.Note 104 · Sever. Ep. 2. 8. 9. 18. Ep. 3. 21.Note 105 · Gregor Martin. I. 6.Note 106 · Gregor Martin IV. 43.Note 107 · Gregor Mart. II. 50. 60.Note 108 · Gregor H. Fr. II. 14.Note 109 · Gregor Martin I. 2.Note 110 · Sidon. Apollin. Ep. IV. 18.Note 111 · Jules Quicherat, Restitution de la Basilique de Saint Martin de Tours. Paris. 1869.Note 112 · Gregor H. Fr. IV. 20.Note 113 · Gregor H. Fr. X. 31. Fortunat. Carm. X. 6.Note 114 · Gregor H. Fr. II. 38.Note 115 · Gregor H. Fr. II. 43. III. 28.Note 116 · Gregor Mart. I. 12. H. Fr. IX. 26.Note 117 · Gregor Mart. III. 8.Note 118 · Gregor Mart. I. 25.Note 119 · Gregor Mart. II. 11.Note 120 · Gregor Mart. II. 12.Note 121 · Gregor Mart. IV. 27.Note 122 · Gregor Mart. II. 9. 10.Note 123 · Gregor Mart. II. 47.Note 124 · Gregor Mart. IV. 40.Note 125 · Gregor Julian. 4.Note 126 · Gregor Julian. 9.Note 127 · Gregor Julian. 1.Note 128 · Gregor Julian. 29.Note 129 · Gregor Julian. 16.Note 130 · Julien Havet, Questions mérovingiennes. V. Les origines de Saint-Denis. (Oeuvres. 1896. Tom. I. S. 216–217.)Note 131 · Gregor H. Fr. X. 31. 19.Note 132 · Gregor Patr. 20. Martin I. 2. II. 39.Note 133 · Gregor Mart. II. 48. III. 22. IV. 10. H. Fr. VIII. 40.Note 134 · Gregor H. Fr. X. 31.Note 135 · Gregor Conf. 4. 5.Note 136 · Lecoy de la Marche, Saint Martin. Tours. 1881. S. 539–594.Note 137 · Gregor Mart. III. 35.Note 138 · Jules Havet, Questions mérovingiennes. VII. Les Actes des Evêques du Mans (in: Oeuvres. 1896. Tom. I. 376. 377).Note 139 · Gregor Mart. III. 60.Note 140 · Gregor Conf. 9.Note 141 · Vergl. L. de Nussac, Saint Eloi. Ses résidences en Limousin. Bulletin de la Société historique. Corrèze. Bd. 19. S. 309–339.Note 142 · Gregor Mart. IV. 8.Note 143 · Gregor H. Fr. VII. 42. Conf. 79.Note 144 · Gregor Mart. III. 33.Note 145 · Gregor. Mart. III. 50.Note 146 · Gregor H. Fr. VI. 9. VIII. 33.Note 147 · Gregor Mart. I. 17.Note 148 · Gregor Conf. 11.Note 149 · Gregor H. Fr. VIII. 15.Note 150 · Gregor Mart. I. 14. 15.Note 151 · Gregor Conf. 12.Note 152 · Gregor Mart. I. 11. IV. 7.Note 153 · Gustav Bossert in: Würtembergische Kirchengeschichte. Herausgegeben vom Calwer Verlagsverein. 1893. S. 10–21.Note 154 · P. Joerres, Chronologische und religionswissenschaftliche Untersuchungen über das Leben der heiligen Radegunde und ihrer Verwandten. AhrweilNote 155 · Johannes Bernoulli, Die Kirchgemeinden Basels vor der Reformation (Basler Jahrbuch. 1894. S. 222).Note 156 · Gregor Jul. 35.Note 157 · Gregor Jul. 47.Note 158 · Gregor Jul. 41.Note 159 · Gregor Jul. 32.Note 160 · Gregor H. Fr. VI. 17. IX. 6.Note 161 · Gregor Jul. 48.Note 162 · Gregor Jul. 50.Note 163 · Gregor Patr. 2 3. Conf. 20.Note 164 · Gregor Conf. 79.Note 165 · Gregor Martyr. 51.Note 166 · Gregor H. Fr. II. 20. Martyr. 67.Note 167 · Albert Burckhardt, Die Heiligen des Bisthums Basel (Basler Jahrbuch. 1889. S. 166. 167).Note 168 · Gregor Martyr. 100.Note 169 · Gregor H. Fr. X. 31.Note 170 · Gregor H. Fr. VII. 31. Martyr. 96.Note 171 · Gregor H. Fr. II. 21. Patr. 3. 1.Note 172 · Gregor H. Fr. VI. 9. 25.Note 173 · Gregor H. Fr. II. 20. Patr. 6. 7.Note 174 · Gregor H. Fr. X. 31. 5. 12. Martyr. 46.Note 175 · Gregor Martyr. 60.Note 176 · Gregor Martyr. 91.Note 177 · Gregor Martyr. 89.Note 178 · Gregor H. Fr. IV. 20. V. 7. VIII. 10. 23.Note 179 · Gregor H. Fr. X. 31. 18.Note 180 · Gregor H. Fr. VII. 35. Martyr. 104.Note 181 · Gregor H. Fr. X. 31.Note 182 · Gregor Patr. 7.Note 183 · Gregor Martyr. 12.Note 184 · Vita Tigris 3.Note 185 · Gregor Martyr. 19.Note 186 · Gregor H. Fr. X. 31.Note 187 · Gregor Conf. 64. H. Fr. IX. 42. H. Fr. VII. 10.Note 188 · Chlodowech II. Diplom. spur. (Pertz) 62; Childerich II. Diplom. spur. (Pertz) 68; Passio Quirini Tegernseensis (Krusch) 5. 9.Note 189 · Vita Balthildis (Krusch) 16. 18.Note 190 · Vita Arnulfi 10.Note 191 · Vita Fridolini.Note 192 · Vita Chrotech. 11. 13.Note 193 · Gregor H. Fr. II. 43; III. 11. 19; IV. 1; Conf. 89.Note 194 · Gregor H. Fr. X. 31. 6.Note 195 · Gregor Martyr. 49.Note 196 · Gregor Martyr. 85.Note 197 · Gregor H. Fr. IV. 31.Note 198 · Gregor Martyr. 33.Note 199 · Gregor H. Fr. II. 17. Patr. 5. 4.Note 200 · Gregor H. Fr. VI. 29. Mart. I. 9.Note 201 · Gregor Mart. 35.Note 202 · Fustel de Coulange, La cité antique.Note 203 · Gregor Martyr. 11.Note 204 · Gregor Martyr. 18.Note 205 · Gregor Martyr. 8.Note 206 · Zach. 14. 20.Note 207 · Gregor Martyr. 5–7.Note 208 · Gregor Martyr. ö. H. Fr. III. 7. IX. 40. Baudonivia Radegunde 15. 20.Note 209 · Gregor Martyr. 14.Note 210 · Gregor Martyr. 78.Note 211 · Martyr. 82.Note 212 · Gregor Martyr. 43.Note 213 · Gregor Martyr. 89.Note 214 · Gregor Conf. 40.Note 215 · Gregor Jul. 2.Note 216 · Gregor Mart. I. 18. II. 39. Conf. 6. 7. 8. 10.Note 217 · Gregor Mart. II. 39.Note 218 · Gregor Mart. IV. 10.Note 219 · Gregor Mart. II. 19. 21.Note 220 · Gregor Martyr. 51.Note 221 · Gregor Martyr. 72.Note 222 · Gregor Martyr. 55.Note 223 · Gregor Martyr. 62.Note 224 · Gregor Mart. IV. 8.Note 225 · Gregor Mart. II. 36.Note 226 · Gregor Mart. I. 10.Note 227 · Gregor Martyr. 75.Note 228 · Gregor Jul. 33.Note 229 · Gregor Conf. 38.Note 230 · Gregor Martyr. 18. 51.Note 231 · Gregor Mart. III. 42.Note 232 · Gregor Martyr. 33.Note 233 · Gregor Jul. 49.Note 234 · Gregor Jul. 50.Note 235 · Gregor. Conf. 20.Note 236 · Gregor Jul. 34.Note 237 · Gregor Martyr. 30.Note 238 · Gregor Martyr. 54.Note 239 · Gregor Martyr. 47. 65.Note 240 · Gregor Martyr. 19. 33. 52. 57. Jul. 19. 39.Note 241 · Gregor Martyr. 76.Note 242 · Gregor Martyr. 60.Note 243 · Gregor Martyr. 64.Note 244 · Gregor Jul. 32.Note 245 · Gregor Mart. II. 25.Note 246 · Gregor Martyr. 33.Note 247 · Gregor Mart. IV. 12.Note 248 · Gregor Jul. 20.Note 249 · Gregor Jul. 43.Note 250 · Gregor Jul. 8.Note 251 · Gregor Jul. 14.Note 252 · Gregor Jul. 15.Note 253 · Gregor Jul. 16.Note 254 · Gregor Jul. 17.Note 255 · Gregor Jul. 18.Note 256 · Gregor Jul. 21.
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