Erstes Buch. Das Heiligenleben. (continued 6)
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Ganz anders der deutsche Martin, wie er hauptsächlich dem Rhein entlang verehrt wurde und dem englischen Georg an die Seite trat. Da haben sich nicht die geschichtlichen Ansätze episch ausgefasert und verzweigt, vielmehr hat ein dem geschichtlichen vollständig heterogenes Element, ein Mythus, dem historischen Stamm aufgepfropft, an diesem ganz andere Früchte gezeitigt. Im allgemeinen wird man immer noch von dem Wodans-Charakter des deutschen Martin reden dürfen, sobald man im Auge behält, daß der Allerweltsheilige hie und da auch Züge schon des älteren Himmelsgottes an sich haben könnte. Leider ist nun aber Wodan in seiner christlichen Maske im einzelnen durchaus nicht deutlich, sowenig an der Thatsache dieser seltsamen Verkleidung noch zu zweifeln ist. Es mag hier nur ganz im allgemeinen der Berührungen gedacht werden [208-1]. Die Verschmelzung lag um so näher als beide, der Gott und der Heilige, von sich aus mit Mantel, Roß und Schwert gedacht wurden. Das mythische Herbstpferd heißt Martinspferd, auch sein Huf drückt sich im Steine ab, der gewaltige Mantel Martinsmantel, der wilde Jäger Junker Märten, die wilde Jagd Martinsgestämpe. Man trank Martinsminne und brannte Martinsfeuer; man sprach von Martinsgerte und Martinshammer. Mythisch ist auch der Martinsvogel auf dessen Gesang und Flug man achtete, aber ja nicht zu verwechseln mit der Martinsgans. Sie bildet mit dem Martinshorn und dem Martinswein die Martinslust, die deutliche Fortsetzung der alten Opferschmäuse. Eine symbolische oder historische Bedeutung dürfte bei der Wahl der Gans nicht zu suchen sein; die Gans gedeiht um den Martinstag herum am besten, und deutsche Gänse waren schon bei den Römern so berühmt, daß Plinius den deutschen Namen dafür kannte, so gab sie den besten Schmaus ab. Und der gütige Gott Wodan, der zur Zeit der kürzesten Tage die Armen und Kinder besucht und beschenkt, heißt keineswegs nur Klaus oder Ruprecht, sondern in Bayern Pelzmartle, in Schwaben Pelzmärte und in Norddeutschland das Martinsmännchen. Auch wurde die Adventszeit früher allgemein sechs Wochen vor Weihnachten begonnen, sodaß der erste Sonntag im Advent gleich auf den Martinstag fiel; infolgedessen hießen auch die mit dem Advent verbundenen Fasten Carême de St. Martin. Noch jetzt schließt das bäuerliche Jahr mit dem Martinstage, bis zu dem alle Pachtungen gehn. Martini war überdies einer der drei Termine für die großen Volksversammlungen, die sogenannten ungebotenen Gerichte. Es sei nochmals hervorgehoben, daß dergleichen mythische Beziehungen zu Martin versteckt oder offen auch auf außerdeutschem Boden anzutreffen sind; dennoch wird man, solange eine genauere Untersuchung noch aussteht, an dem Unterschied festhalten und von einem französischen und von einem deutschen als von einem epischen und einem mythischen Martin reden dürfen. Martin genoß ja während des Mittelalters im westlichen Abendland eine beispiellose Verehrung, mit der nur eben noch Petrus und die Muttergottes es aufnahmen, sodaß auf einer so ausgedehnten Kultusfläche fast notwendig die Eigenart einer ganzen Rasse zu ihrem Rechte gelangen mußte. Am Ende des Mittelalters gilt mehr als je das Wort Gregors, Martin sei der Spezialheilige der ganzen Welt [209-a]. Als aber am elften November 1483 das Tags zuvor geborene Söhnchen des Bergmanns Luther zu Eisleben Martin getauft wurde, war den katholischen Heiligen ihr gefährlichster Feind erstanden. Zwar hat sich der Namenspatron seiner Sympathie erfreut: »Solch Ding sollt man aus den Legenden der Heiligen klauben als in der Historia von Sankt Martino steht« [209-1]. Aber Luthers Werk bedeutete darum für die Kirchenheiligen das Ende der Weltherrschaft, weil sich die Protestanten des polytheistischen Wesens der Heiligenverehrung bewußt wurden: »Den einzelnen Heiligen sind bestimmte Geschäfte übertragen, wie daß Anna Reichtümer spende, Sebastian vor der Pest helfe, Valentin die Fallsucht heile, Georg die Ritter beschütze. Solche Meinungen sind aus heidnischen Vorbildern entstanden. Denn so meinten die Römer, daß Juno reich mache, Febris das Fieber abhalte und Pollux den Ritter verteidige [209-2]« . Hatte das Christentum die Götter entfernt, so zerschlug die Reformation mit den heiligen Bildern deren nachträgliche Verkleidungen. Damit zerbrach sie die hauptsächlichsten Stützen der dynamischen Welterklärung, ohne jedoch die nun langsam erstehende mechanische Auffassung der Dinge sich anzueignen, die den Menschen in Versuchung führt, nicht nur ohne Götter, sondern auch ohne Gott zu leben.