Erstes Buch. Das Heiligenleben.
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Zu einer Heiligenlitteratur kam es im Christentum, als starke Naturen zur landläufigen Frömmigkeit in einen vorbildlichen Gegensatz traten und ihre Wirkung das Bedürfnis hervorrief, das Beispiel für künftige Geschlechter festzuhalten. Den alten Christengemeinden haben die Märtyrer die meiste Verehrung abgenötigt. Wer nun Christus treu geblieben war bis zum Tod, wurde nicht nur von den Engeln ins Buch des Lebens eingezeichnet, er wurde auch der Unsterblichkeit teilhaftig, die eine schriftliche Fortpflanzung des Andenkens auf Erden verleiht. Die echten unübermalten Märtyrerakten des zweiten und dritten Jahrhunderts, mögen es nun übernommene amtliche Prozeßprotokolle der kaiserlichen Gerichtshöfe oder briefliche Gedenkblätter christlicher Gemeinden sein, fußen so unmittelbar auf erlebter Wirklichkeit, wie nur irgendwelche Berichte des Altertums. Mit den Märtyrerakten bilden die apokryphen Apostelgeschichten zusammen das erste Stadium der Heiligenschreibung. Die Märtyrer oder die seligen Apostel und ihre Gefährten waren die Heiligen des Christentums in der ersten Zeit. Mit dem vierten Jahrhundert verschob sich das. Vom Orient war das Mönchtum eingedrungen und erweckte ein den Märtyrern ebenbürtiges Interesse. Indessen schrieb Hieronymus seine Mönchsleben nicht aus eigener Anschauung; in lebhafter Erfindung verdichtete er, was er aus Aegypten so von ungefähr hatte läuten hören. Aber auch wer damals auf Grund wirklicher Kenntnisse heilige Einsiedler schilderte, darf noch lange nicht ihr Biograph heißen. Die beiden Elemente einer Biographie, psychologische und chronologische Auffassung des Gegenstandes, sind damals selten zusammen und immer nur primitiv vorhanden. Naiv empfand der zeitgenössische Schriftsteller, wenn er sah, und der nachgeborene, wenn er hörte. Sie erzählen in guten Treuen was sie zu wissen glauben. Der günstigen oder übeln Fügung blieb es überlassen, ob ihre Berichte glaubwürdig oder getrübt sind.
Weitaus die ernsteste Ursache der verworrenen Ueberlieferung liegt jedoch in den Heiligen selbst. Sie waren nicht wie andere Leute, vielmehr waren es wunderliche, sonderbare, anormale Menschen. Da reichte schließlich auch die eingehendste Kenntnis ihrer Lebensumstände bis in alle Einzelheiten zu ihrem Verständnis nicht aus: mochte man noch so viel von ihnen wissen, sie zu kennen war man auch dann immer noch weit entfernt. Sie unterschieden sich von den Durchschnittlichen durch ihr seltsames Seelenleben und durch die Kraft, Wunder zu thun. Wenigstens zweifelte damals an der Möglichkeit übernatürlichen Geschehens kein Mensch. Gleichgiltig im Sinne des modernen Unglaubens verhielt sich Niemand, weil man sich die Welt nicht durch die ihr innewohnende Mechanik, sondern durch außermenschliche Geister bewegt dachte. Galten somit die Heiligen Jedermann als die Medien eines Himmels guter Geister, so konnte man sie wohl hassen und fürchten, aber über sie blasiert sein kaum. Anders heute, wo der Stand der Erkenntnis uns nötigt, den Sitz der magischen Kräfte im Menschen selbst zu suchen [003-1]. Möchten wir nun von den alten Heiligen möglichst genaue Aufschlüsse haben, Nachrichten, die unser Wissen mit Sicherheit bereichern, so steht diesem Begehren schon ganz allgemein die Thatsache entgegen, daß jene überhaupt fast ausschließlich auf das Gemüt der Zeitgenossen wirkten und die Wißbegier sich höchstens hinterdrein verstohlen melden durfte. Davon abgesehen sind die Schwierigkeiten der Beobachtung mystischer Personen und Ereignisse doch ja nicht zu unterschätzen: sobald es sich nicht um Begebenheiten des täglichen Lebens handelt, sondern um seltene Phänomene, über die man nicht Herr ist, um unberechenbare Erscheinungen, die plötzlich, unerwartet und meistens im Dunkeln auftreten, wird der Forscher im Laboratorium unsicher, geschweige denn ein unvorbereiteter und gänzlich ahnungsloser Augenzeuge, dessen Wege zufällig das Wunder kreuzt; unter dem Einfluß irgend einer Gemütsbewegung ist kein Verlaß mehr auf unser Wahrnehmungsvermögen. Zu den Beobachtungsfehlern, die dann entstehen, gesellen sich alsbald die Gedächtnisfehler; vergeht vor der Niederschrift des Beobachteten gar Jahr und Tag, so schleichen sich wieder neue Ungenauigkeiten ein: nebensächliches wird behalten, wichtiges vergessen, der Verlauf der Begebenheit umgestellt. Planmäßige, methodisch durchgeführte Beobachtung kann nun allerdings diese Fehler auf ein Minimum einschränken; unterbleibt sie jedoch, so nehmen sie unablässig überhand. Hiezu kommt, daß ›eine Beobachtung machen‹ keineswegs auf einem einzelnen, sondern einem aus verschiedenen seelischen Tätigkeiten zusammengesetzten Vermögen beruht: verschiedene Reize dringen zu gleicher Zeit auf uns ein, wir richten unsere Aufmerksamkeit auf einen darunter; er weckt eine Empfindung; diese ruft ältere Empfindungen ins Bewußtsein zurück; sie verbinden sich und so entsteht, endlich, die Vorstellung von einem bestimmten Ding in der Außenwelt. Und doch handelt es sich bei alledem nur erst um die normalen Erschwerungen unserer Beobachtung. Wie aber, wenn sich unser Bewußtseinsleben in ganz anderen Formen fortsetzt. Noch die gewöhnlichste ist während des Schlafens der Traum. Im Schlaf sind sowohl das Wahrnehmungsvermögen als die Aufmerksamkeit und dadurch die Kontrolle des Geschauten mit der Umgebung aufgehoben; infolge dessen erscheinen die Traumbilder, die nach eigenen Gesetzen kommen und gehen, dem Träumenden als Wirklichkeit, stehen ihm als wahre Erlebnisse vor Augen, unter Umständen auch nach dem Erwachen mehr oder weniger lang. Einen Schritt weiter, und wir sind bei dem merkwürdigen Zwischenzustande zwischen Schlafen und Wachen angelangt, dessen mannigfache Erscheinungsformen man unter dem Namen der Hypnose zusammenfaßt. Dieser Zustand wird auf die verschiedenste Weise herbeigeführt, entweder durch einen eigenen Willensakt: Autohypnose, oder durch den Genuß gewisser Gifte: Narkose, und endlich durch mehr oder weniger krankhafte Eigentümlichkeiten wie Nachtwandeln und kleine Hysterie. Bei all diesen Phänomenen ist jedoch noch das Bewußtsein obenauf; wirkt das Unbewußte ins Bewußtsein hinüber, so entsteht eine Reihe neuer Seelenvermögen, deren gemeinsame Eigenschaft darin besteht, daß sie in der Regel von selbst an den Menschen herantreten, ohne dessen Zuthun. Doch können Gesichts- und Gehörbilder bei einzelnen Menschen auch auf künstlichem Wege hervorgerufen werden, entweder durch langes Anstarren blanker Gegenstände: Kristallvision, oder durch Horchen auf das ›Kochen‹ im Innern der Muschel: Konchylienaudition. Die harmloseste Aeußerung des Unbewußten ist die Ahnung: eine Vorstellung, die ohne nachweisbaren Anlaß den Zusammenhang der übrigen Vorstellungen durchbrechend in uns auftaucht; sie erhält ihre eigentliche Bedeutung, sobald sie weissagenden Inhalts ist und später durch ein wirklich eintreffendes Ereignis bestätigt wird. Bei manchen Menschen, namentlich Frauen, sind Ahnungen durchaus nichts seltenes; auch nehmen sie eigentümliche Formen an, so zum Beispiel das ›Gefühl der Nähe‹, das sich besonders zwischen Verliebten äußert. An sich ist Ahnung nur Vorstellung oder Gefühl: doch kann eine Steigerung zur sinnlichen Wahrnehmung unschwer stattfinden, einstweilen jedoch nur so, daß das Beobachtete nicht die volle Intensität der Wirklichkeit hat und auch nicht als etwas Reales im Raume aufgefaßt wird, sondern nur als ein außerordentlich deutliches Erinnerungsbild. Wird dagegen diese Grenze überschritten und das Geschaute oder Gehörte im Augenblicke selbst als volle Wirklichkeit empfunden, so ist das Reich der Ahnungen abgelöst durch das der Trugwahrnehmungen oder Hallucinationen. Sie können durchaus normal und spontan auftreten, am besten im Dunkeln; plötzlich nimmt dann das Auge oder das Ohr ein Bild oder einen Schall wahr, der sowohl von dem augenblicklichen Bewußtseinsinhalt unabhängig, als auch nicht unmittelbar durch einen Sinnenreiz hervorgerufen ist. Wäre nicht ein unbewußter seelischer Vorgang im Spiel, so unterschiede sich die trügerische Wahrnehmung nicht von einer einfachen Täuschung: Illusion; vielmehr sind Hallucinationen plötzliche Träume, die sich in das vollständig wache Bewußtsein einschieben, wie anderseits außer des Bewußtseins automatische Bewegungen eine Art Nachtwandel im wachen Zustande hervorbringen können. Damit ist nun zwar eine beträchtliche Zahl scheinbar wunderbarer seelischer Vorfälle dem Bezirk des Unbewußten überwiesen und somit natürlich erklärt; immerhin bleibt ein kleiner zur Zeit noch unerklärbarer Rest übrig, wo vielleicht wenn auch nicht geradezu unnatürliche, so doch jedenfalls einstweilen noch vollkommen unbekannte Kräfte im Spiele sind, eine Reihe von Fällen, da es selbst bei der sorgfältigsten Untersuchung nicht möglich war festzustellen, wie der Hellseher zu seinem durch die späteren Ereignisse bestätigten Wissen gekommen ist, während die Ueberwindung der räumlichen und zeitlichen Schranke durch telepathische Mitteilung, namentlich beim Sterbefall eines entfernten Freundes, keineswegs vereinzelt feststeht, die statistische Richtigkeit dieser weissagenden Hallucinationen immerhin vorausgesetzt. Selbst mit diesen merkwürdigsten Erscheinungen ist nun aber das reiche Gebiet des Seelenlebens noch nicht erschöpft; eine Fülle neuer Verbindungen erscheint, sobald der äußere Sinnenreiz nicht unwillkürlicher Natur ist, sondern von einem anderen bewußten Wesen mit Willen auf uns ausgeübt wird: dann entsteht Eingebung oder Suggestion. An sich ist die Suggestibilität, das heißt die Fähigkeit, sich von äußeren Reizen fesseln zu lassen, ein durchaus normaler Zustand; jeder Mensch ist mehr oder weniger suggestibel, im höchsten Grade allerdings das Kind und der Wilde, am wenigsten dagegen ein zur selbständigen Persönlichkeit ausgebildeter Mann. Suggestive Wirkung der Naturphänomene ist keineswegs ausgeschlossen: wir gewahren am heißen Sommertag eine klare Quelle und bekommen Durst; wir blicken vom hohen Gerüst ohne Geländer in die Tiefe und werden vom Schwindel befallen; der Anblick imposanter Wasserfälle oder das romantische Rauschen eines Bergstroms macht immer wieder einzelne gemütvolle Menschen schwermütig bis zum Selbstmord. Im allgemeinen geht aber der angreifende Reiz gewöhnlich von Menschen aus. Entweder steckt das Beispiel an oder die Sprache erweckt Suggestionen. Am meisten wirken die Leute suggestiv, die unsere Gefühle erregen. Liebe, Zutrauen, Respekt und Furcht steigern die Empfänglichkeit; Abneigung, Mißtrauen, Haß, Gleichgiltigkeit setzen sie herab. Ebenso wirkt der Glaube an die Richtigkeit einer bestimmten Anschauung, einerlei ob religiösen, philosophischen, politischen oder sonst welchen Inhaltes, an und für sich gebieterisch. Nur in den höchst gearteten und geistig entwickeltsten Persönlichkeiten ist die Ueberzeugung das Ergebnis ruhiger Einsicht und klarer Erkenntnis; je tiefer der Mensch steht, desto weniger kümmern ihn Beweise, desto mehr beruht seine innere Verfassung auf Gefühlen der Lust und der Unlust. Die Suggestion kann vom Menschen auf sich selbst ausgeübt werden, falls er, am ehesten durch irgend einen Glauben, seine Empfänglichkeit zu steigern versteht: Autosuggestion; meistens aber wird sie von andern hervorgerufen: Fremdsuggestion. Zweierlei ist dazu angethan, die Suggestibilität ins Außerordentliche zu steigern: das Vertrauen, das man in einen Menschen setzt, und das Zusammensein mit andern Menschen. Die Massen sind immer mehr suggestibel als der einzelne Mensch für sich allein. Da nun ein überlegener Geist seinem ihm unterworfenen Medium mühelos nicht nur Anschauungen und Erinnerungen, Bewegungen und Handlungen, sondern auch Hallucinationen, ja sogar die Empfindung organischer Veränderungen am eigenen Leibe aus suggestivem Wege beibringen kann und Anblick oder Erzählung des Vorfalls die Wirkung stromartig weiterleiten, so kann man den abnormen Einfluß eines bedeutenden Menschen, der in naiven Zeiten populär war, kaum überschätzen.
Weit entfernt also, an der Wunderbarkeit der Heiligen von vornherein zu zweifeln, da sich ihre eigentliche Wirksamkeit ja doch meistens in diesen noch wenig aufgehellten Sphären bewegt, wird indessen die Forschung sich nicht einbilden, anders als nur sehr ungefähr dahinter zu kommen. Einigermaßen zuverlässige Quellen sind selten; und da diese von gläubigen Händen angefertigt sind, beruhen gerade sie meistens auf ungenauer Beobachtung. Uns kann das nicht anfechten; wir wissen uns zu bescheiden und versuchen, von unseren Heiligen so viel zu begreifen, als eben heute noch zu begreifen ist.
Erster Abschnitt. Die Memorie.
Erstes Kapitel. Die Martinsschriften des Sulpizius Severus.
Ums Jahr 400 schrieb Sulpizius Severus das Leben des Martin von Tours. Ein bedeutender Schriftsteller und ein bedeutender Gegenstand! Aquitanien war damals die letzte Zufluchtsstätte der Bildung. Dort allein kam noch über dem Studium der Grammatik die litterarische Produktion nicht zu kurz, und gerne ließ man im lateinischen Abendland gallische Rhetoren die Kosten der Beredsamkeit bestreiten. Diese Heimat in dieser Zeit, die eigenen Ausweise litterarischer Tüchtigkeit, seine Stellung in der Gesellschaft, der Ernst seiner Gesinnung, der sich im Umtausch eines glänzenden Berufslebens an mönchische Armut und Einsamkeit ausspricht, das ist es, was den Severus aus seiner Umgebung heraushebt. Im Gegensatz zu seiner Chronik, an der man die guten Quellen, den geschichtlichen Sinn und die klassische Darstellung lobend bedenkt, gilt nun aber das Martinsleben als frommer Roman und ein Seitenstück zu den Erzählungen von den ägyptischen Mönchen. Mit so allgemeinen Urteilen wird man Severus nicht gerecht. Der in der Chronik sich beweisende wirklich historische Blick, damals eine rühmliche Ausnahme, ferner daß der Charakter nicht zu den Bedenken Anlaß gibt, die etwa Hieronymus gegenüber geboten sind, endlich die mehrfache Beteuerung, über Martin nur die Wahrheit zu sagen, weil es schon damals an Zweiflern nicht fehlte, verlangen eine eingehendere Würdigung des Schriftstellers in dieser ihm eigentümlichen kleinen Schrift. Ihrer Anlage liegt entschieden Kunst zu Grunde. Der überreiche Stoff ist so disponiert, daß die gewaltige Persönlichkeit, die geschildert werden soll, gleichmäßig in allen ihren Eigenschaften beleuchtet wird:
Einleitung: c. 2–4 Martin als römischer Soldat.
Thema: Martin als christlicher Heiliger.
1) c. 5– 8 Martin als Mönch.
2) c. 9–11 Martin als Bischof.
3) c. 12–15 Martin als Missionar.
4) c. 16–19 Martin als Wunderthäter.
5) c. 20 Martin vor dem Kaiser.
6) c. 21–24 Martin gegen den Teufel und die bösen Geister.
Schluß: c. 25–27 Martin nach dem persönlichen Eindruck auf den Verfasser.
Und so möge zunächst das Thatsächliche dieses Lebensbildes in der Sprache unserer Zeit nacherzählt und so das echte und warme Leben entbunden werden, das Severus eben doch einzufangen wußte.
1.
Martin wurde zu Sabaria in Ungarn geboren, verlebte indessen seine Jugend in Pavia [007-a]. Sein Vater war Offizier, die Familie heidnisch. Aber schon der Knabe trug Gott im Herzen. Mit zehn Jahren wollte er gegen den Willen seiner Eltern Katechumene werden, mit zwölfen machte er aus seinen mönchischen Gelübden und Neigungen ernst, wurde aber mit fünfzehn gewaltsam dem Heere einverleibt, dem er als Offizierssohn von Gesetzes wegen beitreten mußte. Er begnügte sich jedoch mit nur einem Burschen, bediente ihn, obwohl sein Herr, zog ihm die Stiefel aus, um sie zu putzen, und teilte sein Mahl fast eher in der Stellung eines Aufwärters. Ohne noch getauft zu sein, hielt er sich während seiner drei Dienstjahre von den üblichen Lastern des Standes fern und trieb überhaupt gegenüber den Kameraden die Gutmütigkeit auf die Spitze. Er lebte auch unter der Waffe in opferfreudiger Nächstenliebe [008-a]: in einem ungewöhnlich strengen Winter hatte er bis auf Waffen und Uniform bereits alles verschenkt, da schnitt er für einen Bettler am Stadtthor von Amiens noch die Hälfte des eigenen Mantels vom Leibe und ließ sich unbeirrt auslachen, als er darauf in verstümmelter Uniform weiterritt. Bald daraus erfolgte seine Taufe. Doch blieb er noch zwei Jahre beim Heere, in der Hoffnung, dann auch zugleich seinen Tribunen zum Abschied zu bewegen, da dieser ebenfalls Neigung bekundet hatte, der Welt abzusagen. Jedenfalls hielt er es mit seinem Christenstande nicht mehr vereinbar zu töten, und so war sein Austritt aus dem Heere unvermeidlich, sobald das Regiment bei dem er stand, im Ernstfall ausrücken mußte [008-b]. Am Vorabend einer Begegnung mit den Germanen vor Worms teilte Kronprinz Julian ein Donativ aus. Die Einzelnen wurden aufgerufen und mußten vortreten. Als die Reihe an Martin war, hielt er den Augenblick für gegeben, um seinen Abschied einzukommen: ein Streiter Christi dürfe nicht kämpfen. Der Kriegsherr schob die sonderbare Ausrede auf Angst; aber Martin verwahrte sich, er sei kein Feigling, er wolle sich ohne Waffen durch den Feind helfen, nur allein mit dem Zeichen des Kreuzes. Man wollte ihm seinen wunderlichen Willen lassen und ihn dadurch am sichersten strafen; aber aus der Schlacht wurde nichts, da sich die Feinde am andern Morgen ohne Schwertstreich unterwarfen. War da nicht Gottes Hand im Spiel? [008-c] Hierauf begab sich Martin zu Bischof Hilarius von Poitiers. Dieser wollte ihn für seinen Klerus gewinnen, doch lehnte Martin die Weihe zum Diakonen ab und fand sich nur eben zum niederen Dienste eines Geisterbeschwörers tauglich. Es trieb ihn dann nach der Heimat, für die Bekehrung seiner Familie zu wirken. Nur unter dem Versprechen wiederzukehren ließ man ihn in Gallien ziehn. Auf dem Uebergang über die Alpen fiel er unter die Räuber, entwaffnete aber den, dessen Obhut er anvertraut wurde durch seine Sanftmut [008-d]. In der Nähe von Mailand suchte ihn ein Reisegefährte in seinem Vorhaben irre zu machen, überzeugte jedoch Martin nur, daß dieser Versucher der leibhaftige Teufel in Menschengestalt sei. Zu Hause brachte der Sohn die Mutter auf seine Seite. Der Vater blieb Heide. Dagegen folgten andere Martins Beispiel, dem überdies das arianische Christentum Gelegenheit gab, für den rechten Glauben zu leiden: er ließ sich für die Gottheit Christi öffentlich mit Ruten streichen. Seinen Meister an der Loire hatte indessen das Schicksal der Verbannung ereilt, und Martin, der seinerseits sich in Mailand klösterlich niederließ, wurde von Bischof Auxentius, einem Oberhaupt der Arianer im Westen, Landes verwiesen. In Begleitung eines gesinnungstüchtigen Priesters suchte er die sogenannte Hühnerinsel an der toskanischen Küste zu besiedeln. Dort betete er sich vom Genuß einer giftigen Nießwurz gesund. Als dann auf die kaiserliche Verfügung hin Hilarius aus dem Orient heimkehren durfte, wollte ihn Martin in Rom treffen. Sie verfehlten sich, Hilarius war schon weiter [009-a]. Martin reiste nach und gründete nun in der Nähe von Poitiers das von ihm geplante Kloster. Seine hingebende Wirksamkeit brachte ihn beim Volke in den Ruf eines heiligen und wunderthätigen Mannes. Sie gipfelte in der Erweckung zweier Toter. Ein Katechumene unterlag der strengen Disziplin des Klosterlebens, plötzlich, ohne noch getauft zu sein; von einer dreitägigen Reise heimkehrend fand ihn Martin tot. Er hieß alle Anwesenden die Zelle verlassen, schloß die Thüren ab und suchte den leblos Daliegenden zu sich zu bringen, indem er sich über ihn ausstreckte, dazu laut betete, dann aufstand und das entseelte Gesicht fixierte. Nach zweistündiger Behandlung begann der Totgeglaubte sich wieder zu rühren und, da das Augenlicht noch versagte, tastete er sich zurecht und schrie vor Freude. Er versicherte in der Zwischenzeit vor dem Thron des Weltenrichters gestanden zu sein: erst habe er sich an finsterem Orte in gemeiner Gesellschaft befunden, bis ihn zwei Engel vor den höchsten Richter geschleppt und als den vorgestellt hätten, für den der heilige Martin bete. Kurz darauf trug sich ein zweites Wunder derselben Art zu [009-b]. Aus dem Rittergute des Lupizinus war eben großer Jammer, als Martin vorüberging: ein Knecht hatte sich erhängt. Wieder befolgte der Heilige dieselben Manipulationen wie das erste Mal, ohne jeden Beistand, und wieder mit Erfolg. Auf die Augenzeugen des erst hingestreckten und dann wieder ermunterten Körpers wirkte der außerordentliche Vorfall beide Mal als volles Wunder; schon die erste Erweckung reichte hin, um Martin den Ruf einer geradezu apostolischen Heilkraft einzutragen. Um diese Zeit wurde der Stuhl des Bistums Tours ledig. Die Bürgerschaft wollte Martin [009-c]. Er fühlte sich jedoch nicht zum Kirchenmann, sondern zum Mönch bestimmt und lehnte ab. Nur mit förmlicher List setzte sich der öffentliche Wille durch. Rusticius, ein Bürger von Tours schützte Krankheit seiner Frau vor. Als Martin auf die kniefälligen Bitten des Mannes hin zum Besuche sich entschloß, fand er auf dem Wege erst vereinzelte Volksgruppen, dann gegen die Stadt hin immer dichtere Menschenmassen vor. Nicht nur aus Tours, auch aus den umliegenden Städten waren sie zur Abstimmung zusammengeströmt. Angesichts dieser mächtigen Kundgebung sagte Martin zu; die Laien wollten einen von ihnen, einen Volksmann, in dem hierarchischen Klerus haben. Die Bischöfe hatten Martins Erhebung mit allen Mitteln zu hintertreiben gesucht. Sie stießen sich an dem gemeinen ungepflegten Aeußern des Einsiedlers: zum Bischof bedürfe es eines vornehmen Auftretens, eines ordentlichen Anzuges, einer anständigen Frisur, während Martin mit Willen äußerlich nachlässig, schmutzig und ungekämmt einherging. Schließlich brach den Widerstand ein Zufall. Die erregte Menge versperrte dem zum Lektor der Synode bestimmten Geistlichen den Eintritt. Sein in der Verwirrung rasch erkorener Stellvertreter schlug die Bibel auf Geratewohl auf, und geriet dabei an die Stelle im achten Psalm: »Auf daß du Feind und Verfechter vernichtest: defensorem.« Da nun das Haupt der Kleriker, der Bischof von Angers, Defensor hieß, lautete das Wort heiliger Schrift anzüglich genug, um durch den Jubel der anwesenden Laien, die damals noch lateinisch und deshalb die Anspielung verstanden, die Prälaten zu entwaffnen. Obwohl nun Bischof änderte sich Martin doch in keiner Weise: dieselbe Demut, dasselbe unscheinbare Auftreten [010-a]! Eine an das Münster angebaute Zelle diente ihm zur Wohnung, da er sich dort zahlreichen Besuchen nicht entziehen konnte, errichtete er sich zwei Meilen von Tours ein Kloster. Versteckt und abgelegen, ersetzte der Ort die unwirtliche Einöde: Felswände und Loire schlossen ihn ab, ein schmaler Saumpfad war einziger Zugang. Martin und einzelne Brüder bauten sich Holzhütten, andere hausten an der schützenden Berglehne in Höhlen. Die Schüler, die zum Unterricht kamen inbegriffen, belief sich die Zahl auf etwa achtzig. Das gemeinsame Leben beruhte auf den strengsten Grundsätzen: es gab kein Eigentum, aller Besitz war Gemeingut. Niemand durfte kaufen oder verkaufen. Außer Schreiben wurde keine Kunst betrieben, und auch diese blieb den Jüngeren überlassen; die Aelteren lagen nur noch dem Gebet ob. Nur mit dem gemeinsamen Gottesdienst wurde die Einsamkeit der Zelle vertauscht und höchstens die Mahlzeit gemeinsam eingenommen, wenn das Morgenfasten vorbei war. Niemand bekam Wein, außer der Kranke. Die Kleidung der Meisten bestand in Fellen; ein weniger hartes Gewand galt für unerlaubt. Auch die vielen jungen Adeligen der Gesellschaft, der eine und der andere ein künftiger Bischof, teilten dieses Leben. Seine kirchliche Macht benützte Martin zur Aufklärung des Landvolks vom Aberglauben [010-b]. In der Nähe von Tours wurde ein Altar unterhalten, ohne daß man wußte, wessen Grab es eigentlich sei. Unsicher, ob er in diesem Fall zu bekämpfen oder zu unterstützen habe, beschwor Martin den hier verehrten Toten: richtig erhob sich zur Linken finster und trotzig ein Schatten und teilte auf Befragen mit, er sei ein gehenkter Straßenräuber und nur aus Versehen zum Märtyrer geworden. Während der Verhandlung hörten Martins Begleiter allerdings reden, aber der Aufschluß selbst ging auf eine Vision des Bischofs zurück. War das Grab eines Schelmen Grab, so konnte es mit gutem Gewissen zerstört werden. Die heidnische Bevölkerung fürchtete den strengen Mann, und es ist nicht zu verwundern, daß ein heidnischer Leichenzug, als Martin des Weges kam, jählings halt machte [011-a]. Martin unterschied nicht gleich, was ihm entgegenkomme, noch betrug die Entfernung eine halbe Meile; doch war ihm, es seien Bauern, und als nun das weiße Laken etwas aufflog, das den Leichnam zudeckte, schloß er auf einen heidnischen Kultusakt, da er um die ländliche Sitte wußte, weiß-verschleierte Götzenbilder durch die Saatfelder zutragen. Er schlug das Zeichen des Kreuzes und donnerte sie schon von weitem an, die Bahre abzustellen. Die armen Leute suchten zu entkommen, drehten sich aber in der Bestürzung im Kreise herum und ließen schließlich Martin heran, ihres Schicksals gewärtig. Nun jedoch überzeugte sich der Heilige, es handle sich ja gar nicht um Götzendienst, sondern nur um ein harmloses Begräbnis. Er winkte ihnen sofort beschwichtigend zu, sie möchten ruhig ihres Weges ziehen [011-b]. Aber als Martin sich anschickte, in einem Marktflecken an einer uralten Fichte bei einem heidnischen Heiligtum Hand anzulegen, wurde der Widerstand ernsthaft. Der Oberpriester legte sich ins Mittel; seine Leute standen zu ihm. Konnten sie den Tempel nicht halten, unter keinen Umständen gaben sie die Fichte preis. Martin legte ihnen dar, in einem Baumwipfel niste höchstens ein Teufel, aber doch niemals Gott. Schlau meinte nun ein Heide, wenn Martin an seinem Gott wirklich etwas habe, so solle er sich doch gegenüber aufstellen, sie wollten die Tanne dann schon fällen; der Sturz des Heiligtums, der nicht aufzuhalten war, hätte dann doch zugleich den Feind der Götter vernichtet. Ohne Zögern ging Martin darauf ein und ließ sich an der gefährlichsten Stelle festbinden. Mit dem Rächerdrang der Verzweiflung hieben die Heiden auf die heilige Fichte, Martins Freunde wußten nicht was thun. Er selber blieb zuversichtlich und bekreuzte sich, als der Stamm zu wanken begann. Wider Erwarten stürzte der Baum rückwärts und hätte beinahe seine Verehrer erschlagen. Alsobald errichtete Martin eine Kapelle, wie gewöhnlich auf zerstörten heidnischen Opferstätten. Mit einem Aufwand von Eifer, der ihn bis zur Erschöpfung in Anspruch nahm und in kritischen Augenblicken in krampfhafte Ekstasen versetzte, legte er auch die übrigen Schlupfwinkel des Sprengels in Asche, verlor aber mitten in der Erregung niemals seinen Gerechtigkeitssinn und die Herrschaft über sich selbst [011-c]. Als ein brennender Heidentempel ein angebautes Privathaus anzustecken drohte, setzte Martin mit den Löschanstalten sein Leben aufs Spiel, nur um die unverdient gefährdete Liegenschaft zu retten. Einen Hauptherd, den reichen Tempel von Levroux, konnte er nur mit der größten Anstrengung erobern. Erst als er in Sack und Asche Buße that und so inbrünstig betete, bis er zwei geharnischte Engel ihm zu Hilfe eilen sah, gelang der zuvor mißglückte Ansturm auf die von den Bauern verteidigten Altäre. Desgleichen in Autun [012-a]. Dort drang der wildeste der Gegner mit gezücktem Schwert auf ihn ein. Martin knöpfte sein Gewand auf und hielt den Hals dar. Der Heide verlor die Fassung. Ein anderer ließ in derselben Lage das Messer fallen. Und so oft ein Bollwerk genommen war, beschwichtigte und gewann Martins mächtige Predigt die Herzen der Heiden. Hand in Hand mit diesen Erfolgen als Missionar gingen seine Erfolge als Arzt [012-b]. Zu Trier lag ein Mädchen in den letzten Zügen, als Martin in die Gegend kam. Der Vater hielt den Heiligen mitten auf der Straße an. Diesem war es offenbar unangenehm, zumal bei Anwesenheit vielen Volkes und mehrerer Bischöfe in eine den Evangelien parallele Lage geraten zu sein. Er lehnte bestürzt ab: das übersteige seine Kraft, der Mann überschätze ihn, so etwas habe der Heiland gekonnt, wie sollte er ihm es gleich thun. Als aber alles in ihn drang, entschloß er sich zu dem Besuche und erzielte durch Anwendung geweihten Oeles einen vollen Erfolg. Einen tobsüchtigen Sklaven des Prokonsularen Tätradius beruhigte er und übte auch über andere Verrückte Gewalt aus [012-c]. Am Stadtthor von Paris umarmte und küßte er einen aussätzigen Bettler [012-d]. Stücke seiner Kleidung, deren man habhaft werden konnte, wurden vom Volk als Amulete benützt. Von seiner Kutte wurden Fransen abgezupft und den Kranken an den Finger oder an den Hals gebunden. Arborius, ein Beamter, der Christ war, schnitt das Viertagsfieber seiner Tochter dadurch ab, daß er dem Kind bei jedem Anfall einen Brief Martins, den er zufällig besaß, wie ein Pflaster auf die Brust legte [012-e]. Hauptsächlich aber scheinen Martin Augenkuren geglückt zu sein. Paulinus, der dann um Martins willen aus einem Millionär ein Mönch wurde, heilte er von einer beginnenden schmerzhaften Erblindung durch Pinselungen; bereits zog sich die benebelnde Haut über die Pupille, als Martin die Operation vornahm. Dem heiligen Arzte selbst brachte ein Fehltritt beim Treppensteigen beinahe den Tod; aber eine Salbe und eine Engelsvision erwirkten seine Herstellung schon auf den folgenden Tag. Was für ein unbeugsamer Charakter er war, zeigte Martin gegenüber dem Hofe. Kaiser Maximus, der in Trier residierte, empfing die gallischen Bischöfe, die von ihm für die schwer heimgesuchten Provinzen Unterstützung, Milderung und Amnestie zu erbitten kamen [013-a]. Aber während die Andern sich vergaben und zu unterwürfigen Höflingen herabwürdigten, bewahrte Martin die Ehre und das Ansehen der geistlichen Gewalt vor der weltlichen. Er trug sein Gesuch um Begnadigung einiger Personen auf eine so vornehme Weise vor, daß es auf den Kaiser nicht wie eine Bitte, sondern wie ein Befehl wirkte. Der Kaiser wollte ihn an seine Tafel ziehen. Aber Martin erklärte offenheraus, mit einem Menschen, der den einen Kaiser verjagt und einen zweiten ermordet habe, sitze er nicht an den gleichen Tisch. Maximus suchte jedoch den Aufstand zu rechtfertigen, die Schuld an Gratians Tod von sich abzuwälzen, und so nahm Martin schließlich an. Entzückt über die Zusage verlieh Maximus dem Fest außerordentlichen Glanz, indem er den Statthalter Evodius sowie zwei Mitglieder des kaiserlichen Hauses, seinen Bruder und seinen Onkel, heranzog. Martin saß zur Rechten des Kaisers, der Priester, der ihn begleitete, zwischen den Prinzen. Als der Mundschenk dem Kaiser den Trunk kredenzen wollte, ließ der Fürst den Becher dem Bischof reichen: aus seiner heiligen Hand, nach der Berührung so heiliger Lippen wollte er den Pokal empfangen. Der Heilige trank aus dem Kelch, reichte ihn dann aber nicht dem Fürsten, der darauf wartete, sondern seinem Priester, weil der geistliche Stand auch einem niederen Inhaber den Vortritt vor den höchsten weltlichen Würdenträgern verleihe. Dieser Verstoß fand jedoch nur gesteigerte Bewunderung. Die kundgegebene Verachtung wirkte als Hoheit. Es ging von Mund zu Munde, Martin habe an der kaiserlichen Frühstückstafel sich herausgenommen, was sonst kein Bischof gegenüber einem einfachen Staatsbeamten hätte wagen dürfen. Sein Scharfblick ließ ihn auch voraussagen, Maximus werde in Italien auf Valentinian stoßen und ihn zwar besiegen, aber bald darauf selber untergehen. Was denn auch, bei Aquileja, in der That in Erfüllung ging. In seinen letzten Lebensjahren hatte Martin viel mit dem Teufel zu schaffen [013-b]: Er hatte den Bösen so sichtbar und gegenständlich vor Augen, daß er ihn bald in seiner leibhaftigen Gestalt, bald in mannigfachen figürlichen Verkleidungen zu Gesicht bekam. So drang der Teufel einmal polternd in Martins Zelle, ein blutiges Horn in der Hand. Dieser ließ nachsehen; es stellte sich heraus, daß zwar keiner der Mönche, wohl aber ein Taglöhner aus dem Gesinde vermißt werde. Man fand ihn halbtot im Walde liegen. Er konnte eben noch berichten, als er den Jochriemen straffer habe anziehen wollen, habe der eine Stier gestoßen und ihm das Horn in den Leib gerannt [013-c]. Ja zu förmlichen Auseinandersetzungen mit dem Teufel kam es bei Martin. Bald erschien dieser ihm als Juppiter, bald als Merkur, bald auch als Venus und als Minerva. Martin war unablässig bemüht, den Herrn der Finsternis zu bekehren, er versprach ihm bei Gott Barmherzigkeit zu erwirken, wenn er endlich einmal Buße thun und aufhören wolle, die Menschen zu verführen. Bis in sein hohes Alter bewahrte Martin den guten Blick für das Echte und entlarvte die schwindelhaften Absichten eines angeblichen Mönches namens Anatolius aus dem Kloster seines jungen und hochgeborenen Freundes Clarus [014-a]. Auch andere geistliche Abenteurer nah und fern, die sich, sei es für Elias oder Johannes den Täufer oder Christus selbst ausgaben, hat er durchschaut [014-b]. An zwei Schülern jedoch erlebte er aufrichtige Freude, weil sie seinetwegen eine glänzende weltliche Laufbahn verlassen und ihm in aufrichtiger Treue anhingen: Paulinus von Nola und Sulpizius Severus [014-c]. Er freute sich, daß sie in der Lage des reichen Jünglings entschlossener gehandelt hatten als jener im Evangelium, und nahm sie beschämend freundlich auf, ja bestand sogar darauf, ihnen eigenhändig die Fußwaschung zu verabreichen. Und als Severus aus seinen schriftstellerischen Absichten keinen Hehl machte, zog ihn der Heilige in sein Vertrauen und ließ ihn Blicke in sein inneres Leben thun. Wenn Martin nicht arbeitete, so betete er, nach der Sitte der Schmiede, die, wenn sie das Eisen hämmern, stets einige Zwischenschläge auf den Ambos thun [014-d]. Kein Falsch war in dem heiligen Manne. Nie daß er über jemand richtete oder lieblos urteilte oder Böses mit Bösem vergalt. Von einer unerschütterlichen Langmut ließ er, der Bischof, gelegentlich sogar untergebene Kleriker ihm ungehörig begegnen. In seinem Wesen immer gleichmäßig nahm er an allen Empfindungen des Menschenherzens teil, ohne an eine sich hinzugeben: die höhere Natur schien überall den Grund seines Benehmens zu bilden [014-e]. Er wurde nie zornig und nie bestürzt. Er klagte nie und lachte nie. Ein himmlischer Glanz lag, war es wann es war, still und selig über seinem Angesicht.
Den wesentlichen Zügen nach ist das der Inhalt von Severs Martinsleben. Martin steht lebendig vor dem Leser als der prächtige, tapfere Christuskrieger, der an Theologie nicht schwer trug und rascher zum Ziel zu kommen meinte, wenn er persönlich auf den Vater der Sünde losging. Auch wo Severus Bericht unglaublich klingt, hat man den Eindruck, es sei keine Erfindung im Spiel. Vielmehr schimmerte für ihn auf Schritt und Tritt die gewaltige Gestalt, die er zeichnen wollte, in die Sphäre des Uebermenschlichen, Geisterhaften hinüber. Severus deutet mehrfach an, er habe sich alle erdenkliche Mühe gegeben, den Stoff zu bewältigen und deshalb nur das Wesentlichste für die Darstellung aufbehalten, vieles jedoch ausgeschieden [014-f]: »Ich muß schließen, nicht weil ich nichts mehr zu sagen hätte, sondern weil mich am Ende meines Unternehmens die Wucht meines Gegenstandes niederdrückt. Denn ich fühle mich vollkommen unfähig, selbst für den Fall, daß alles äußere genau berichtet wäre, das innere Leben Martins in seinem täglichen Wandel vor Gott und seinem stets nach dem Himmel gerichteten Gemüte genügend darzustellen. Ja käme selbst, wie man zu sagen pflegt, Homer von der Unterwelt, er würde nichts vermögen. Denn an Martin ist alles zu groß, als daß es in Worte gebracht werden könnte.« Severus hat die richtige Einsicht, für die Lösung seiner Aufgabe sei weniger seine Kunst zu gering, als die Vorlage zu mächtig. Er fühlt lebendig die Notwendigkeit, seinem Helden als Psychologe gegenüber zu treten. Da aber die psychologische Analyse als litterarisches Kunstwerk ein Kind moderner Kritik ist, so konnte er für seine Zwecke nur das naive Mittel benutzen, das ihm dafür zu Gebote stand: die Anekdote.
Als die Schrift fertig vor ihm lag, betrachtete sie der Verfasser mit gemischten Gefühlen. Er hatte sein Bestes aus sich heraus gesetzt und wußte, wenn er es bekannt gab, so brach ein Sturm los für und wider. Lieber hätte er es also für sich behalten. Aber dann drängte doch alles wieder auf eine Veröffentlichung hin: die Spannung des Erstlingswerkes, die Verantwortung des Verschweigens, der brennende Wunsch, vor aller Welt etwas für Martin zu thun. So entließ er die Arbeit und schrieb dazu einem wirklichen oder fingierten Freunde was folgt [015-a]:
»Mein lieber Desiderius! Es war meine entschiedenste Absicht, das von mir verfaßte kleine Buch über Martin aus meinen vier Wänden nicht herauszulassen. Schwung und geschmackvolle Darstellung sind mir von Natur versagt; Grund genug, das öffentliche Urteil nicht herauszufordern. Und nun hab ich mich noch gar an einen Gegenstand gemacht, der Schriftstellern ersten Ranges vorbehalten bleiben sollte. Zeig also mein Machwerk lieber Niemanden; wenn aber doch, so bitte das Publikum, um des Inhalts willen mit der Form Nachsicht zu haben. Ist doch von Fischern und nicht von Rednern der Welt das Heil verkündigt worden, obwohl unser Herrgott, wäre es gut gewesen, es auch umgekehrt hätte fügen können. Was ich mir sagte, war: ein Mann wie Martin darf nicht unbekannt bleiben, mögen dann auch Unbeholfenheiten mit unterlaufen; ein Virtuose war ich nun einmal nie und zudem ist es schon eine Weile her, daß ich derlei als Student getrieben habe. Laß daher das Büchlein, wenn du es zu veröffentlichen denkst, anonym ausgehen. Tilge den Namen auf dem Titelblatt. Die Ueberschrift allein ohne Angabe des Verfassers genügt«.
2.
So wurde das Martinsleben veröffentlicht. Sein berufenster zeitgenössischer Beurteiler, Paulin von Nola, eben Severs Mitschüler bei Martin, hatte nichts auszusetzen. Er schreibt dem Verfasser [016-a]: »Es wäre dir nicht geschenkt gewesen, Martins Leben aufzuzeichnen, wenn nicht eine reine Empfindung deine Arbeit beseelte. Wie glücklich bist du nun, die Geschichte des Gottesmannes und Bekenners würdig und mit gerechtfertigter Begeisterung verfaßt zu haben. Aber auch der Heilige selbst ist selig zu preisen, daß er neben seinem Ruhm vor Gott nun auch durch Deine Kunst bei der Nachwelt berühmt geworden ist«. In der That fand der Traktat sofort ungewöhnliche Verbreitung. Es war ein litterarischer Erfolg ersten Ranges. In Rom riß man sich darum. Die Buchhändler rieben sich die Hände. Das Büchlein war ihr begehrtester Artikel geworden und fand den sichersten Absatz. Ein Bekannter, der auf einer Orientreise den wachsenden Leserkreis verfolgen konnte, berichtet Severus [016-b]: »Wo dein Buch überall hingedrungen ist? Kaum ein Fleck Erde, wo es sich noch nicht vorfände. In Rom hatte dein Freund Paulinus für seinen Vertrieb gesorgt. Die Buchhändler sah ich in einem Glück, weil trotz den hohen Angeboten die Nachfrage so groß sei. Zu Schiff war mir dein Buch bereits vorausgeeilt. Als ich nach Afrika kam, verschlang es bereits ganz Carthago. Nur ein Priester in der Cyrenaica hatte es noch nicht; ich verhalf ihm dazu. Und erst in Alexandrien! Dort kennen sie das Buch besser, als du selbst es kennen kannst. Aegypten, die nitrische Wüste, die Gegenden von Theben und Memphis hat es durchwandert, und sogar in der Wüste traf ich einen alten Mann, der es las«. Auch in Illyrien war das Buch verbreitet [016-c].
Aber Severus bekam denn doch nicht nur Angenehmes zu hören. Mit dem Gedächtnis lebte auch der Haß wieder auf. Die gebildete geistliche und weltliche Gesellschaft Galliens hatte sich im Ganzen nie in Martins eigentümliches Wesen finden können. Die Ueberläufer vom Schlage Paulins und Severs blieben weit in der Minderzahl. In jenen Kreisen erregte das Buch peinliches Aufsehen. Die allzu offene Absicht, den kaum erst Toten zu verherrlichen, verletzte. Auch der Gläubigkeit der Gegner war viel zugemutet. Während Volk und Mönche das Büchlein in alle Himmel erhoben, lehnte es die Geistlichkeit ebenso leidenschaftlich ab, und Severus mußte sich erzählen lassen [016-d]: »Nur die Kleriker, nur die Priester unseres eigenen Landes sind neidisch genug und wollen nichts von deinem Martin wissen. Begreiflicherweise; denn seine Tugenden spiegeln ihre Fehler. Ich darf kaum sagen was mir jüngst zu Ohren kam: du habest in deinem Buche allerlei frischweg erfunden. Und doch hat Christus selbst gesagt, solche wunderbare Thaten, wie sie Martin gethan, könne jeder thun, der Glauben habe. Wer also nicht glaubt, daß Martin solches that, bezweifelt im Grunde die Verheißung Christi. Diese Unglückseligen, Entarteten und Schlaftrunkenen erröten eben vor Thaten, deren sie selbst nicht fähig sind und wollen lieber Martins Wunderkraft leugnen als ihr Unvermögen eingestehen.«
Beides, Erfolg und Mißerfolg, mußte Severus ein Sporn sein, den Rest seiner Kenntnisse über Martin nicht zu verschweigen. Da handelte es sich vor allem darum, in welcher Form er diese Ergänzungen geben wollte. Er bewies eine geschickte Hand und wählte den Brief und den Dialog. Durch Hieronymus war der Kunstbrief, bei dem der Adressat nur der Empfänger der Widmung ist, als Leser jedoch wie beim Buche ein Publikum vorausgesetzt ist, für geistliche Stoffe im lateinischen Westen eben klassisch geworden, und mit dem Dialog griff Severus vollends auf eine ciceronianische Ausdrucksweise zurück, die früh in die christliche Litteratur eindrang und sich dauernd in ihr erhalten hat. Inhaltlich bedeuten die drei Briefe diejenige Ergänzung zum Martinsleben, die nötig war, um das noch bei Lebzeiten des Heiligen verfaßte Bild mit einer Schilderung seines Todes abzurunden. Im ersten Briefe [017-a] jedoch kommt er zunächst noch auf einen Vorfall zurück, über den pietätlose Bemerkungen ihm zu Ohren gedrungen waren: es sollte für Martin ein Vorwurf sein, daß er, der so viele Heilungen vollbrachte, selbst einmal die schwersten Brandwunden davongetragen habe; sollte nun Martin deswegen weder gewaltig noch heilig sein? Die Sache war einfach die: Martin hatte aus einer Visitationsreise mitten im Winter die für ihn bereit gehaltene Lagerstätte viel zu weichlich gefunden und den Strohsack weggeschoben, aus Versehen aber zu nah an den Ofen, sodaß Feuer ausbrach. Er selbst war in seiner Müdigkeit auf dem bloßen Boden sofort eingeschlafen und erwachte nun mitten in den Flammen; er wäre, da er den Holznagel an der Thüre nicht losmachen konnte, umgekommen, hätten nicht von außen her die Mönche den Riegel erbrochen. Während dann der zweite Brief sich nur in allgemeinen Betrachtungen über den schweren Verlust ergeht, enthält der dritte an Severs Mutter Bassula gerichtete in ähnlichen Klagen und nach einer Anekdote über Martin als Tierfreund Mitteilungen über Martins letzte Stunden [017-b]. Martin hatte den Zerfall seiner Kräfte vorausgespürt. Dennoch begab er sich in den äußersten Teil seiner Provinz, um einen dort ausgebrochenen Kirchenstreit zu schlichten: die schönste Gelegenheit, meinte er, den letzten Rest seines Lebens aufzuzehren. In der That brach er dort zusammen. Er sagte zu den Seinen, es sei das Ende. Sie mußten weinen, und auch er hielt die Thränen nicht zurück: wie gerne wollte er weiter wirken, wenn es Gottes Wille wäre. Es that ihm beides weh, zu scheiden und von Christus länger getrennt zu sein. Er betete: »Das Leben ist ein harter Krieg und ich habe lange genug gekämpft. Aber soll ich mich noch ferner in die Schanze schlagen, für dich, Herr Gott, will ich’s thun«. Er lag einige Tage im Fieber da, auf Streu und Asche und wollte sich nicht auf die Seite legen, damit sein Auge gen Himmel gerichtet bleibe. Im Todeskampf bewies er große Festigkeit. Natürlich stellte sich der Teufel ein. »Was willst du, blutiges Untier«, rief er ihn an, »weg mit dir! Ich bin in Abrahams Schooß«. So starb er. Seine Züge wurden friedevoll und nahmen einen glänzenden Ausdruck an. Seine Bestattung war ein Triumphzug. Zweitausend Leute wohnten ihr bei. Ganz Tours kam ihm entgegegen. Von den Dörfern und Höfen der Umgegend, ja aus entfernten Städten strömten Teilnehmer herzu.
Auch die Dialoge wollen ein Nachtrag sein [018-a]. Aber nicht ein bloßer Anhang wie die Briefe; sie bilden eine selbständige Ergänzung. Statt einer planmäßigen Gliederung des Stoffes, wie sie im Martinsleben vorliegt, wird der Leser ohne logische Vermittlung von Situation zu Situation, von Gedanken zu Gedanken geführt, ohne daß freilich die zwischen Epos und Drama rudimentär stecken gebliebene Form des Kunstdialogs eine Nachbildung des wirklichen Lebens bis zur Illusion zu Stande brächte. Severus war darum zu thun, durch Abwechslung auch in der Form anzuziehen, er verwahrt sich aber, unter der kurzweiligen Darstellung die Treue seiner Nachrichten etwa haben leiden zu lassen [018-b]. Die an sich primitiven Mittel hat er nun geschickt zur Zeichnung und Färbung seines Gegenstandes verwendet; er bringt in seiner Charakteristik des heiligen Martin beinahe künstlerische Nuancen zu stande. Drei Personen spielen die Hauptrolle. Zunächst Severus selbst. Er tritt ansprechend auf und maßt sich als Martins Vertrauter keine Allüren an. Er erzählt einfach von einem Gespräche, das er mit einem keltischen Mönche, einem langjährigen Anhänger Martins gehabt habe, als plötzlich ein alter Bekannter, Postumianus, zu ihnen gestoßen sei. Eben war dieser von einem dreijährigen Aufenthalt aus dem Orient zurückgekehrt. Sie hätten sich umarmt, geküßt, hätten Freudenthränen vergossen und sich schließlich in der Zelle auf ein Ziegenfell gesetzt, sich auszutauschen. Severus nimmt am Gespräche mehr als Empfangender teil; er greift meistens nur ein, um es aufs neue anzuregen. In Postumianus lernen wir einen jener gebildeten abendländischen Geistlichen in der Art des Hieronymus und Rufinus kennen, die aus Wissenstrieb und Sehnsucht nach dem heiligen Lande sich mehrere Jahre im Orient aufgehalten und dasselbst namentlich das Mönchtum der ägyptischen und der syrischen Wüste studiert haben. Die Gestalt ist dem Leben entnommen. Die Reiseerlebnisse selbst dürfen uns hier nicht beschäftigen, aber ebensowenig darf übersehen werden, wie glücklich das Motiv für den Zweck verwendet ist, den Severus im Auge hatte. Es erscheint als Abschweifung, nur ganz am Schluß der Episode spielt Martin hinein. Aber gerade dadurch wird Martin charakteristisch ins Licht gesetzt: von den Mönchen des Morgenlandes mit ihrer beschaulichen Versenkung in Gott oder ihrem polternden Vortritt bei Volksagitationen hebt er sich ab als der Beter und Arbeiter, als der stillthätige Menschen- und Gottesfreund [019-a]. Ihren eigentlichen Erdgeruch erhält aber Martins Persönlichkeit durch die Einführung von Severs anderem Genossen, einem Kelten [019-b], dem Bauern gegenüber den Stadtleuten, der sich geniert, unter Aquitaniern lateinisch zu reden; er sei ein Sancerrer Kind und fürchte mit seiner bäurischen Aussprache verwöhnte Ohren zu beleidigen. »Sprich wie es dir ums Herz ist«, versetzt Postumianus, »sprich keltisch, sprich gallisch; nur sprich von Martin.« In dieser Figur scheint Severus den Bauernstand in seinem Verhältnis zum Heiligen haben schildern zu wollen. Er nennt den Mönch auch mit dem Sammelnamen Gallus. Das schließt nicht aus, daß ein ausgeprägter Vertreter des Typus wirklich Modell gestanden habe. Jedenfalls war es, schriftstellerisch gewertet, ein feines Mittel, allerlei Geschichten, die über den Heiligen im Lande herumgingen und für ihn charakteristisch waren, die aber ein gebildeter Mensch schon damals nicht leicht für bare Münze hinnehmen durfte, dem Publikum nicht vorzuenthalten, ohne damit selbst irgendwelche Verantwortung zu übernehmen. Auch darin verrät sich ein künstlerischer Zug und der Widerschein klug beobachteten Lebens, daß die schlichte Situation in der Klosterzelle ab und zu durch ein humoristisches Intermezzo unterbrochen wird. Als Postumianus von einem wohlgemeinten Frühstück berichtete [019-c], das ein Greis aus Freude, daß sie Christen seien, ihnen vorsetzte, an dem jedoch ein halbes Gerstenbrot und Gummiblätter das beste waren, deutete Severus im Spaß zu Gallus hinüber: »Ach, jammerschade, mein lieber Gallus, daß du da nicht dabei warst. Was meinst du, ein paar Blätter und ein halbes Brot zum Frühstück für fünf Leute?« Gallus wurde rot und sagte: »Aber, Sulpizius, du lässest auch wirklich keine Gelegenheit vorbeigehen, ohne mich an meinen guten Appetit zu erinnern. Sei doch kein Unmensch! Sollen wirklich wir Gallier in unserem rauhen Klima wie morgenländische Eremiten oder gar wie Engel leben. Und ein halbes Gerstenbrot auf fünf Mann ist schon mehr ein Frühstück für Engel.« Ja bei der nächsten Gelegenheit stellte der gute Gallus geradezu den Grundsatz auf: »In Griechenland mag Gefräßigkeit Schlemmerei sein, bei uns in Gallien ist sie Natur [020-a]« .
Der erste Dialog zerfällt in zwei Hälften, die später selbständig als getrennte Bücher eingeteilt wurden: in der ersten erzählt Postumianus seine Reise, in der zweiten Gallus von Martin. Einige Zeit nach dem ersten entstand ein zweiter Dialog. Er setzt das Gespräch des ersten am folgenden Tage fort vor erweiterter Zuhörerschaft, nämlich einigen Geistlichen, aber nur zwei hochstehenden Beamten, da die übrigen Laien, die sich hinzudrängten, abgewiesen wurden. Gallus kommt zwischen den Statthalter und den Konsularen zu sitzen. Es geht lange, bis er die Fassung erlangt, in solcher Gesellschaft ohne Scheu zu reden. Die Anwesenden unterstützen ihn durch eingestreute eigene Beiträge über Martin. Die so erhaltenen neuen Nachrichten verteilen sich gleichmäßig auf die sechs Gesichtspunkte, unter denen Severs Martinsleben steht. Greifen wir diese auf und illustrieren sie durch die in den Dialogen gelieferten Beispiele. Der eigentliche Schwerpunkt von Martins Persönlichkeit liegt in seinem Mönchsstande, insofern seine Eigenschaften eines Volksheiligen dort wurzeln.
3.
Martin hatte in der Stadt eine Zelle für sich, die er nur verließ, wenn er ausging [020-b]. In der Kirche hielt er sich für gottesdienstliche Verrichtungen auf, sonst nicht und lehnte es ab, sich daselbst zu setzen. Auch in seiner Zelle saß er nicht in einen seiner Würde entsprechenden Lehnsessel, sondern auf ein dreibeiniges Stühlchen, wie sich dessen sonst das Gesinde bedient. Auf dem Gang zur Kirche traf er einst im Winter einen halbnackten Bettler, der Armenpfleger des städtischen Klerus zog die Sache hin, sodaß Martin dem Armen, der sich persönlich bei ihm beklagte, in aller Stille sein eigenes Hemd vom Leibe gab und ihn wegschickte. Der Obersthelfer, eben jener Armenpfleger, kam, Martin zum Kirchgang aufzufordern: das Volk warte. Der Bischof antwortete, er könne nicht kommen, bevor der Arme sein Hemd habe, meinte nun aber damit sich, da er unter der Kutte nichts weiter mehr anhatte. Aber es sei ja gar kein Armer mehr da, versetzte jener gereizt, mußte jedoch seinem Vorgesetzten gehorchen. Er erstand für fünf Groschen ein grobes Hemd geringster Güte. »Und der Arme?« fügte er bei. Martin bat ihn, draußen zu warten, zog rasch das Hemd an und begab sich, ohne mehr ein Wort zu sagen, auf seinen Posten in die Kirche. Als er dann die Messe celebrierte, umstrahlte ihn ein Heiligenschein. Das Volk sah es. Dagegen wollten nur eine Nonne, ein Presbyter und drei Mönche das Wunder bemerkt haben. Warum wohl vom geistlichen Stande nur so wenige [021-a]? Arborius, ein Angestellter der Präfektur versicherte steif, so oft Martin die Hostie segne, strahle seine Hand Licht aus und sei mit Perlen bedeckt [021-b]. Auf einer Visitationsreise scheuchte Martins schwarze Kutte die Zugtiere einer militärischen Ambulanz. Die Soldaten kannten ihn nicht und maltraitierten ihn und die Tiere [021-c]. Er hatte die Gewohnheit, seinem Gefolge ein gutes Stück vorauszugehen. Seine Mönche fanden ihn daher halbtot mit von Geißelhieben zerrissenem Rücken am Wege liegen. Sie konnten ihn noch eben auf seinen Esel setzen, den sie für ihn nachführten. Seine große Liebe für Tiere trug wesentlich zu seiner Popularität bei. Er besänftigte eine bei einem Brand wütend gewordene Kuh, befreite ein gehetztes Häslein von seinen Jägern und ihren Hunden [021-d]. Eine Giftschlange verschwand auf seine Beschwörung in der Loire und befreite so die am Ufer gelagerte Gesellschaft von ihrer gefährlichen Gegenwart. »Die Schlangen gehorchen mir«, seufzte er, »die Menschen nicht« [021-e]. Es ging so weit, daß ein Mönch im Namen des Meisters einen bissigen Hund zur Ruhe brachte [021-f]. Im Umgang mit dem Volk traf er den rechten Ton [021-g]. Angesichts eines geschorenen Schafes rief er aus: »Recht so. Wer zwei Röcke hat, gebe einen dem, der keinen hat«. Zu einem armen Hirten meinte er: »Auch Adam hat im Fell die Schweine gehütet. Das darf dich aber nicht abhalten, den neuen Adam anzuziehen«. Vor einer Wiese, deren einer Teil vom Rindvieh abgeweidet und deren anderer von Säuen aufgewühlt war, während in der unversehrten Mitte Blumen blühten, predigte er: »Seht, liebe Leute, gerade so ist es mit dem Heiraten. Wer ohne Ehe oder außer der Ehe sich versündigt, da ist nur noch Dreck. Wer eine anständige Ehe führt, da ist saftiges Gras, aber ohne Blumen. Bleibt jungfräulich, dann steht der Garten in Blüte«. Ein alter Soldat wollte ein beschauliches Leben führen, wünschte aber in seine Einsiedelei die Frau mitzunehmen. »Hast du in den Schlachten das Weib auch mitgehabt?« fragte ihn Martin [021-h]. Als umgekehrt eine Klausnerin in übertriebener Männerscheu es sogar ablehnte, den Besuch ihres Bischofs zu empfangen und sich durch eine ihrer Mitschwestern bei ihm entschuldigen ließ, zog Martin höchst erfreut von ihrem Aeckerchen wieder ab, und als nun dieselbe ihm zum Entgelt ein Geschenk nachsandte, schlug er, der sonst nichts annahm, die Gabe nicht aus [021-i]. Bei dieser Leutseligkeit verbreitete sich denn auch sein Ruhm sehr rasch und über die Landesgrenzen hinaus: in einem Seesturm an der italienischen Küste rief ein Handelsmann aus Aegypten, der noch nicht einmal Christ war: »Martins Gott, rett uns« [022-a]. Auch als Vorgesetzter bewies Martin seine Ueberlegenheit [022-b]. Auf seine Weisung fing der Klosterverwalter Cato den zum Ostermahl nötigen Fisch, den weder dieser, doch ein geübter Angler, noch die Fischer von Beruf am Tage vorher hatten fangen können. Der Erzähler erinnert bei diesem Vorfall in demselben Atemzug an den wunderbaren Fischzug im Evangelium und an den profanen Vers: »Brachte den staunenden Argern zurück den gefangenen Saufisch«. Wo die gute Sitte auf dem Spiele stand, kannte Martin keinen Spaß [022-c]. So schlich sich einmal ein Klosterbruder in Martins Abwesenheit in dessen Zelle und machte sichs, als er auf dem Kohlenbecken noch Gluten fand, bequem, indem er die untere Partie seines Gewandes aufknöpfte und sich mit entblößtem Unterleib und gespreizten Beinen ans Feuer setzte. Er wurde ertappt und furchtbar abgekanzelt. Martins Wohnung im Kloster hatte ein Hinterpförtchen, durch das die Besessenen insgeheim zur Heilung eingeführt wurden [022-d]. Sie war von einem Höfchen umgeben [022-e].
Gegen Martin, der das Mönchtum in Gallien so kraftvoll einzurichten und gegen den Willen der Kleriker wirksam durchzusetzen wußte, befolgte die Geistlichkeit die Taktik, ihn so viel immer möglich zu ignorieren. Dennoch gelang es Martin in seiner Stellung als Bischof seinem Kloster die kirchliche Unterstützung zu sichern [022-f]; es sollte nicht von den eigenen Einkünften leben müssen, sondern von der Kirche vollständig unterhalten werden. Von dieser Ansicht ging er nicht ab. Ein Geschenk von hundert Pfund Silber bestimmte er zum Loskauf von Gefangenen, und als ihm die Mönche nahelegten, er möchte doch einen Teil davon dem Kloster zu halten in Rücksicht auf die schmale Kost und die Vielen mangelnde Kleidung, war seine Antwort: »Uns soll die Kirche weiden und kleiden und wäre es auch nur um den Schein zu umgehen, daß wir auf das unsere ausseien« [022-g]. Sein beständiger Kampf mit den Bischöfen erreichte seine Höhe auf der Synode von Trier, durch Martins Verhalten im Priscillianistenstreit. Kaiser Maximus, sonst ein guter Mensch, hatte sich durch die Priester verleiten lassen, nach Priscillians Tode den Bischof Phacius, der das Urteil durchgesetzt hatte, sowie dessen Anhang für unanfechtbar zu erklären [022-h]. Amtsgeschäfte anderer Art riefen Martin um eben diese Zeit an den Hof. Es war nicht zu vermeiden; er mußte zu der heiklen Angelegenheit Stellung nehmen. Die anwesenden Bischöfe, alles Parteigänger des Ithacius, gerieten über Martins unvermutete Ankunft in Bestürzung. Tags vorher hatte der Kaiser den Synodalbeschluß bestätigt, wonach bevollmächtigte Geschäftsträger mit bewaffneter Macht nach Spanien reisen, die Güter der Priscillianisten einziehen und hochnotpeinlich Gericht halten sollten. Da Martins Widerspruch außer Zweifel stand, wollten sie erst den Kaiser bewegen, ihm durch entgegenreitende Boten den Eintritt nach Trier zu verwehren, falls er nicht von vornherein den Beschluß gutheiße. Martin versprach, er werde den Frieden der Versammlung nicht stören. Während der Nacht ging er in die Kirche zum Gebet und begab sich dann zur Audienz in den kaiserlichen Palast. Sein Anliegen war die Vertretung des Grafen Narses und des Gouverneurs Leukadius, die beide als Anhänger Gratians verschiedener Anschläge wegen in kaiserlicher Ungnade waren. Dann aber verwahrte er sich auch dagegen, daß die Gesandten zu einem Gericht über Leben und Tod nach Spanien reisen sollten. Ja er wollte die Ketzer geradezu freigesprochen wissen. Um Martin nicht vor den Kopf zu stoßen, um aber auch nicht sei es die Bischöfe aufzubringen, sei es, was wahrscheinlicher ist, auf die eingezogenen Güter zu verzichten, da er bei dem unabsehbaren Bürgerkriege Geld brauchte und der Staatsschatz erschöpft war, ließ Maximus die Sache zwei Tage in der Schwebe. Während dieser Zeit vermied Martin jede Gemeinschaft mit den Bischöfen. Nur ein einziger von ihnen hatte öffentlich gegen den Beschluß Verwahrung eingelegt, und wenn nun Martins Ansehen Theognit unterstützte, so konnte alles umsonst sein. Sie machten dem Kaiser Vorstellungen, Martin werfe sich geradezu zum Bluträcher Priscillians auf, was nütze dann die Hinrichtung. Sie brachten den Fürsten herum: Ithacius erhielt ein Vertrauensvotum von der Synode, und als Martin das nicht zu kümmern schien, lehnte der Kaiser ab, ihn weiter zu hören. Und da entschloß sich nun Martin, nicht aus Mangel an persönlichem Mut, sondern aus Furcht vor den Folgen zu dem Zugeständnis, er werde die Gemeinschaft mit den Bischöfen aufnehmen, falls die Abordnung nach Spanien zurückgezogen würde. Noch in derselben Nacht erlangte er vom Kaiser diesen Vergleich ohne Aufschub und erschien am andern Morgen bei der Weihe des Felix von Trier in den Reihen der Synodalen. Nur gab er seine Zustimmung auch jetzt nicht schriftlich und reiste am folgenden Tage ab. Das Bewußtsein durch seine Nachgiebigkeit den spanischen Sektierern das Leben gerettet zu haben, vermochte ihn nicht über seine Gewissensbisse hinwegzutrösten, daß er schwach gewesen und seiner Ueberzeugung entgegengehandelt habe. Auch zu Hause verbitterte ihm die klerikale Partei das Leben [023-a]. Sein empfindlichster Gegner war Briccius. Bei Severus erscheint er als ein bis zum Wahnsinn zanksüchtiger und nichts als Ränke spinnender Mensch. Martin habe keinen anderen Trost gehabt als: »Wenn Christus sich Judas gefallen ließ, so kann ich mir auch Briktion gefallen lassen«.
Für seinen eigentlichen Beruf hielt Martin indessen nach wie vor die Bekehrung des Landvolkes vom Heidentum [024-a]. Obschon Severus gerade in diesem Stück schon in der ersten Schrift sehr ausführlich gewesen war, erzählt er nun noch die Zerstörung des Heidentempels in Amboise, zu der Martin durch sein unablässiges Zureden endlich den handfesten Pfarrer von Ambiakum bewegen konnte, nachdem dessen Meinung erst dahin gelautet hatte, kaum mit einem Zug Soldaten und auf dem Wege einer massenhaften Anstrengung könnte ein solches Nest ausgehoben werden, geschweige denn durch Dummköpfe von Klerikern oder Schwächlinge von Mönchen. Daran schließt sich der Bericht an eine andere ähnliche That, aber ohne lokale Präzisierung und auch als Vorgang ganz ins Fabelhafte aufgelöst [024-b]. Auf dem Wege nach Chartres bekehrte Martin sodann ein ganzes heidnisches Dorf, das noch keinen einzigen christlichen Bewohner zählte, auf einen Schlag und machte alle Anwesenden auf offenem Felde durch Handauflegung zu Katechumenen [024-c]. Das Wunder, wodurch er dies zu stande brachte, war eine Totenerweckung, eine dritte zu den beiden früher berichteten: Beweis, daß er auch als Bischof noch zu den höchsten mirakulösen Kraftleistungen fähig gewesen sei. Es war ein Knabe, dem er nun vom Tode half; doch ist die Behandlung des leblosen Körpers diesmal nicht näher beschrieben. Von Krankenheilungen [024-d] stehen die Genesung des Evanthius, Severs Onkel, und die Errettung eines vom Schlangenbiß gefährdeten Knaben im Vordergrunde. In Chartres heilte er ein zwölfjähriges Mädchen [024-e], das nicht sprechen konnte, in Gegenwart zweier Bischöfe und des Vaters, durch geweihtes Oel, indem er den Anfang des Exorcismus darüber sprach und darauf die Zunge mit dem Erfolg bestrich, daß das Mädchen auf die Frage, wie es heiße, nun seinen Namen sagen konnte. Von Martin geweihtes Oel besitzt dann aber auch fern von ihm wunderbare Eigenschaften, deren volkstümlichste darin besteht, daß es selber unerschöpflich und das enthaltende Gefäß unzerbrechlich ist [024-f]. Die frommen Schwestern von Clion zwischen Tours und Bourges plündern den Strohsack in der Sakristei, als der Heilige auf der Durchreise eine Nacht daselbst zugebracht hatte, und benützen die Halme als Amulete, um sie namentlich Besessenen auf den Nacken zu binden [024-g]. Die Berührung seines Gewandes heilte — »nach dem Beispiel jenes Weibes im Evangelium« — eine Frau vom Blutfluß [024-h]. Im Namen Martins thaten Andere Wunder [024-i]. Auch einige Andeutungen über Martins persönliche Verfassung beim Wunderthun werden uns nicht vorenthalten: es gab Fälle, wo der Heilige spürte, er sei den an ihn gestellten Anforderungen nicht gewachsen [025-a]. Nach seinem nachgiebigen Verhalten in Trier ließ er es sich nicht nehmen, obschon der Erfolg ihm später unrecht gab, seine Wunderkraft habe sich stark verringert. Als er auf jener Rückreise in Sandweiler Station machte, drückte ihn dieses Gefühl der Ohnmacht im Wunderthun stark nieder. Und als die ganze Familie des Lycontius an den Blattern krank lag, brauchte er sieben Tage und sieben Nächte, bis er sie freigebetet hatte [025-b].
Ueber Martins Beziehungen zu den hohen weltlichen Würdenträgern sind die Dialogen ausführlicher als ihr Vorläufer, und wissen von allerlei Verkehr. Der Gouverneur Vincentius wollte auf der Durchreise durch Tours von Martin im Kloster empfangen sein und wiederholte dieses Gesuch mehrere Male, zumal ja auch Ambrosius von Mailand hohe Beamte gelegentlich bei sich zu Gast lud. Martin fühlte sich dazu nicht verpflichtet [025-c]. Dagegen hatte er es darauf abgesehen, den berüchtigten Raubgrafen Avitanus zu zähmen [025-d]: es stellte sich ein förmlicher Wettkampf zwischen den beiden Gewaltmenschen, dem heiligen und dem sündhaften ein, der auch in Offizierskreisen mit hohem Interesse verfolgt wurde. Martin suchte den wilden Gesellen, sobald er sich vor Tours blicken ließ, mehrmals, sogar mitten in der Nacht in seinem Lager auf und hatte denn auch bald heraus, daß das wüste Wesen von einem häßlichen schwarzen Teufel herrührte, der dem Avitanus im Nacken saß und ihn auftrieb. Martin beschwor ihn: von Stund an war Avitanus etwas milder gestimmt. Ueberhaupt betrug er sich in Martins Nähe stets manierlicher; während er sonst das reine Tier war und ganz entsetzlich zu hausen pflegte, hatte Tours nicht von ihm zu leiden. Allerdings stand seine Gattin mit Martin im Einvernehmen. Anderer Art war Martins Beziehung zu Ausspizius, dem Präfekten der Gegend von Sens [025-e]. Diese wurde Jahr für Jahr von Hagelschlag heimgesucht, der die ganze Ernte zu nichte machte; nicht nur die Bauern, auch Ausspizius selbst, der Ländereien besaß und daher die Einbuße schwer empfand, sandten an Martin. Wie sehr der durch ihn veranstaltete Bittgang wirkte, zeigt die Thatsache, daß während der zwanzig Jahre, die Martin noch lebte, kein Hagelwetter mehr niederging, sobald er jedoch nicht mehr da war, das Jahr nach seinem Tode, die Landplage wieder begann. Während ferner im Martinsleben nur vom Verhältnis zu Kaiser Maximus die Rede ist, berichten die Dialogen auch von einem solchen zu Kaiser Valentinian [025-f], insofern lange Zeit einem vergeblichen, als Martin in Trier erst gar nicht die nachgesuchte Audienz erlangen konnte; das Geschichtchen, daß er schließlich unter fabelhaften Umständen doch sich Einlaß verschafft habe, klingt allerdings unglaublich; möglich ist seine Zulassung immerhin, und daß sich Valentinian dann über Erwarten freundlich gezeigt hat. Der jedenfalls nicht geringe Widerstand lag in dem arianischen Bekenntnis des Kaisers und der hierin noch entschlosseneren Kaiserin. Genau der umgekehrte Fall lag aber vor gegenüber Maximus, der sich in die Freundschaft zu dem Heiligen mit seiner Frau zu teilen hatte [026-a]. Diese wurde den heiligen und rechtgläubigen Mann nicht müde und überbot sich in seiner Verehrung. Sie wollte Tag und Nacht um ihn sein; ohne alle Rücksicht auf ihren kaiserlichen Stand war sie nicht vom Boden wegzubringen; immer aufs neue umschlang sie Martins Füße. Aber die Rolle der Maria genügte ihr nicht; sie wollte auch Martha sein und ließ dem Bischof keine Ruhe, ehe er ihr erlaubte, ihn zu bewirten. Eigenhändig bereitete sie das Mahl, richtete das Ruhebett, deckte den Tisch, brachte das Waschbecken, bediente ihn mit Speisen, die sie selber gekocht hatte und so lang er am Tisch saß, hielt sie sich bescheiden hinten im Zimmer, genau wie eine Magd. Sie schenkte ein und kredenzte den Trank. Nach beendeter Mahlzeit fand sie ihren Lohn in den Brosamen, die sie den Leckerbissen der kaiserlichen Tafel vorzog. Das alles ließ Martin, der nie ein Weib in seiner Nähe duldete, nur ungern mit sich geschehen; er ist wahrscheinlich von seiner Strenge nur darum abgewichen, weil er dadurch weitgehende Begnadigungen für Verurteilte erwirken konnte.
Schließlich bringen die Dialogen auch neue Belege zu Martins Verkehr mit der Geisterwelt. Es war dies sein persönlichster Besitz, sein innerstes Geheimnis. Er gestand diese Dinge seinem Lieblingsschüler auf Befragen, denn es gab nichts, was Severus ihm nicht entlocken konnte [026-b]. Als dieser darüber zu berichten beginnt, meint er, allerdings müsse er nun der Gläubigkeit viel zumuten. Aber, bei Christo, er lüge nicht, und wer denn so frivol sei, Martin Lügen zu zeihen. Als einmal in der Zelle des Heiligen ein Getöse losging und Severus sich nach der Ursache erkundigte, erzählte Martin, soeben seien die heilige Agnes, die heilige Thekla und die Mutter Gottes bei ihm zu Besuch gewesen. Er konnte jede beschreiben wie sie aussah, wie sie angezogen war. Er erklärte, solche Gäste öfters zu haben, auch Sankt Peter und Sankt Paul kämen wohl zu ihm. Die Engel waren seine Freunde. Als er zu seinem Bedauern einer Synode von Nimes nicht beiwohnen konnte, hat ihn ein Engel über die Verhandlungen unterrichtet, sodaß er alles schon wußte, als es ihm seine heimkehrenden Freunde erzählen wollten. Unter den bösen Geistern kannte er sich ebenfalls aus. Er unterschied sie einzeln. Für den verderblichsten hielt er den Merkur, Juppiter hieß er dumm und stumpfen Sinnes. Der alte, harte, trockene Kriegsmann war also ein fertiger Visionär und in seiner ekstatischen Welt so zu Hause, wie auf der harten Erde. So konnte er sich auch mit einer altväterischen Theologie begnügen [027-a]. Als gelegentlich die Rede auf die letzten Dinge kam, frischte er den verjährten Gedanken wieder auf, erst müßten Nero und der Antichrist erscheinen, Nero werde im Westen zehn Königreiche erobern, während der Antichrist vom Morgenland Besitz ergreife mit Residenz in Jerusalem, wo er Stadt und Tempel herstellen werde. Von ihm gehe dann die Verfolgung aus nebst dem Zwang, die Gottheit Christi zu leugnen, vielmehr ihn den Antichristen als Christus anzuerkennen und sich insgemein beschneiden zu lassen. Zuletzt werde Nero vom Antichristen vertilgt werden und unter seiner Herrschaft die ganze Welt noch einmal vereinigt sein, bis durch die Wiederkunft Christi alsdann der Gottlose überwältigt werde. Auch stehe es außer Zweifel, daß der Antichrist vom bösen Geist empfangen und geboren sei und sich bereits in den Knabenjahren befinde, um dann bei eingetretenem Mannesalter die Herrschaft anzutreten. Das war Martins Ansicht kurz vor seinem Ende. Mochte sie auch aus der Mode sein, sie war ihm doch eine Unterlage zu klarem, kraftvollem Handeln in diesen Dingen. Schon als jungem Christen hatte ihm vor allen priesterlichen Funktionen das Exorcieren am meisten zugesagt, und noch als Greis verstand er sich am besten auf die Befreiung der Besessenen von den Dämonen. Von seinem Umgang mit den Verrückten erhalten wir aus den Dialogen einen ergreifenden, großartigen Eindruck [027-b]. Er trainierte sich auf den Feind. Niemand durfte ihn dann anrühren, Niemand ihn dann sprechen. Wie ein Tierbändiger den Käfig seiner Bestien betritt, um sie zu zähmen, betrat er, in ein Fell gekleidet, Asche auf dem Haupt, die Kirche, in der die Irren zusammengesperrt tobten und brüllten. Er streckte sich mitten unter ihnen zum Gebet auf den Boden aus. Die einen suchten ihn durch unzüchtige Haltung von sich abzuschrecken, die andern stürzten um so unterwürfiger auf ihn zu und stellten sich ihm ungefragt als Juppiter oder Merkur vor. Und mitten in diesem entsetzlichen Jammer bethätigte er seine Heilkunst Leibes und der Seele. Severus durfte sagen, Martin habe jenes Wort des Neuen Testamentes wahrgemacht, das den Heiligen Herrschaft über die Geister verheiße [027-c].
4.
Dies sind die Mitteilungen des Sulpizius Severus über Martin von Tours. Als maßgebend für die Beurteilung seiner Leistung liegt die Erkenntnis vor uns da: Severus hat nicht ein Lebensbild von Martin hinterlassen, sondern zwei, jedes in seiner Art selbständig abgerundet, obgleich das zweite ein erstes voraussetzt. Schriftstellerisch gemessen ist das eine Unvollkommenheit, kein Vorzug. Gerade weil Severus maßhalten wollte und damit bewies, daß ihm an Oekonomie liege, war es ihm unmöglich, des Stoffes in einem einzigen Wurfe Herr zu werden. Er sammelte die Brosamen, die von der allzu reichbesetzten Tafel fielen, und siehe, sie reichten aus zu einer zweiten Mahlzeit. Wer weiß, wie viel schwerer es ist, einen Gegenstand, an dem das Herz hängt, nachbildend zu gestalten, als einen persönlich fremden und gleichgiltigen, wird die litterarhistorische Merkwürdigkeit des Doppelportraits hinreichend erklärt finden aus dem überwältigenden Eindruck, den Martin seinen Anhängern hinterlassen hatte. Damit hängt zusammen, was über die Geschichtlichkeit von Severus’ Angaben zu sagen ist. Von der Glaubwürdigkeit der erzählten Wunder ist abzusehen. Das nackte Ja oder Nein der Möglichkeit oder Unmöglichkeit verkürzt das Verständnis der großen Wichtigkeit, die das vom Heiligen berichtete Wunder, ob geschehen, ob nicht geschehen, ob anders geschehen in jedem Fall für die Heiligenforschung hat. Lassen wir auch diese Frage hier auf sich beruhen, die Geschichtlichkeit der Berichte Severs über Martin hat immer noch ihre Schranke. Einmal kommt Severs Parteilichkeit gegenüber der damals in Gallien vorhandenen starken Spannung zwischen Klerus und Mönchtum, besonders in den Dialogen, zu unverhohlenem Ausdruck. Heilige Tendenz ist die Seele seines ganzen Unternehmens: Galliens größter Gottesmann soll auch litterarisch in den Himmel erhoben werden. Oefters wird Martin neben Christus gehalten, und nicht weniger oft der gallische Weltklerus mit den Pharisäern auf gleiche Linie gestellt [028-a]. Die Schriften Severs über Martin waren Streitschriften; sie sollten mit für das Mönchtum in Gallien Bahn brechen. Gewissermaßen eine Folge davon ist auch die einseitige Darstellung des Priscillianistenstreites bei Sever, obwohl er sich hier nicht zu maßlosen Ausfällen hinreißen läßt. Diese Befangenheit zu Gunsten der Mönche und Sektierer ist indes begreiflicher, als ein anderer empfindlicher Mangel in Severs Martinsschriften, zumal er nun nicht dem Menschen, sondern ausschließlich dem Schriftsteller aufs Konto zu setzen ist: die chronologische Nachlässigkeit, die er sich in der Vita zu schulden kommen ließ und in den Dialogen nicht gut gemacht hat. Man muß sich füglich wundern, daß der Verfasser einer Weltchronik über dem charakteristischen Detail es so völlig vergaß, die Gestalt seines Helden in den zeitgeschichtlichen Rahmen hineinzustellen. Kein einziges Datum als solches findet sich vor. Bekannte zeitgenössische Namen und Ereignisse, an denen man sich zur Not orientieren kann, sind so sorglos gelegentlich mit einbezogen, daß sie teilweise nur noch Verwirrung stiften, statt unsere Unsicherheit zu heben [029-1]. Die wenigen eigentlichen Zeitbestimmungen sind entweder persönlicher oder innerbiographischer Natur [029-a]: es sei ein Jahr her, daß Martin ihnen das erzählt habe; oder noch sechszehn Jahre nach der Anwesenheit in Trier und dem Zwischenfall mit Maximus habe Martin gelebt; eine wenn auch nur indirekte annalistische Festsetzung des Datums findet sich nirgends. Auf diesen bei einem so trefflichen Chronisten wie Severus doppelt befremdlichen Umstand wirft nun aber die Thatsache ein unmißverständliches Licht, daß Martin in Severus Chronik nirgends vorkommt. Am Schluß des zweiten Buches wäre doch Gelegenheit genug gewesen, Martin in die zeitgenössischen Ereignisse hineinzustellen, sogut als Hilarius von Poitiers, der auf diese Weise seine chronologische Unterlage erhielt [029-b]. Aber das war es ja eben: Martin stand nun einmal für Severus außerhalb der Zeit in einer höheren Welt einsam da. Der Meister wirkte zu gewaltig, als daß er geschichtlich assimilierbar gewesen wäre. Eine organische Verbindung wollte sich nicht einstellen. Der bewundernde Zeitgenosse stand zu dicht vor der Riesengestalt und sah, sobald er nur den Blick auf Martin richtete, eben dann auch weiter nichts mehr als Martin. Seine Befangenheit erklärt sich aus seinem Enthusiasmus [029-c]: »Ich hörte seiner Zeit vom Glauben, vom Leben, von den Tugenden Martins; ich hörte alles, da brannte mein Herz; es trieb mich hin zu ihm. So unternahm ich die Reise, ich kann sagen die Lustreise, bis ich ihn sah. Und weil ich mich schon damals getrieben fühlte, sein Leben zu schreiben, forschte ich bei ihm selbst, soweit mir da eine Frage freistand. Er erschöpfte sich in freundlichen und freudigen Ausdrücken und in Versicherungen, wie er Gott danke, daß man so große Stücke von ihm halte und um seinetwillen so weit hergereist komme. Hat er nicht, kaum wag ichs zu gestehen, mich, lieber Gott mich, an seine heilige Tafel gezogen, ja mir selber abends die Füße gewaschen. Ich brachte es nicht übers Herz, mich zu sträuben oder auch nur im geringsten zu widerstreben. Seine Erscheinung hatte etwas so überwältigendes für mich; ein Verbrechen wäre es gewesen, nicht still zu halten«. Diese große Persönlichkeit schriftstellerisch festzuhalten, daran lag Severus alles. Aber ebenso sicher wollte er lieber schweigen, als auch nur eine einzige Unwahrheit sagen, eigene Anschauung und sichere Information seien die Grundlage für ihn gewesen [029-d]: »Ich habe natürlich nicht alles in Erfahrung bringen können. Ueberall da, wo nur er der Wissende war, giebt es keine Mitwissenden. Da es ihm nie um das Lob der Menschen zu thun war, liebte er es, von seinen Thaten möglichst wenig zu verlauten«. »Ich kann bei meinem gewissen versichern, nur die volle reine Wahrheit gesprochen zu haben. Den von Gott bestimmten und erhofften Preis wird empfangen nicht wer da liest, sondern wer da glaubt«. Innerhalb seiner begreiflichen Befangenheit war Severus somit gewissenhaft und, alles in allem erwogen, vielleicht der beste Schilderer Martins, der damals möglich war. Jedenfalls ist es ihm gelungen, Martins Andenken wirksam aus die Nachwelt weiterzuleiten.
5.
Freilich giebt auch der Heilige selbst, so imposant er ist, Anlaß zu Vorbehalten. Es war ein großer, aber ein durchaus einseitiger Mensch. Neben seiner Milde und seinem weichen Herzen blieb für Enge und Starrheit immer noch Raum. Gewiß, es bedurfte ihrer, um in Gallien das durchzusetzen, was er im Auge hatte. Aber neben seinen Freunden Ambrosius und Hilarius, denen es doch an Festigkeit des Charakters auch nicht gebrach, fällt er durch seine ausschließlich praktische Bethätigung der Religion doch auf. Schriftliches hat er nicht hinterlassen; der von ihm erwähnte Brief [030-a] mag eine Rarität gewesen sein. Auch als Bischof fühlte er sich nicht berufen, an der theologischen Gedankenarbeit seiner Zeit teilzunehmen. Es war ihm durchaus wohl bei den dunkelmännischen Ansichten über das Weltende, die in den Zeiten der Märtyrerkirche lebendig gewesen waren, die dann zu Anfang des vierten Jahrhunderts Viktorinus von Pettau zum letzten Mal vertrat, die aber zu Martins Zeiten nach dem einstimmigen Urteil von Autoritäten wie Hieronymus und Augustin als falsch kurzer Hand beseitigt wurden [030-1]. Auch sein Hirtenamt hat er vorwiegend mönchischen Idealen unterstellt und ist damit zweifelsohne manchem Bedürfnis seiner Gemeinde nicht gerecht geworden. Die Hoheit seiner Demut steigerte sich bis an die Grenze des Gegenteils: er war ein Aristokrat der Bettler und Asketen. Und gar, daß in der Nähe des Weibes auch der Teufel nie weit sei, war für ihn ein Grundsatz, von dem er nicht abging. Für die rührende Gattenliebe, die es jenem alten Soldaten unmöglich machte, ohne seine Frau Gott zu dienen, hatte er vielleicht Verständnis, aber keine Duldung. Wer dagegen unbedenklich Familie und Welt dahinten ließ, war unter allen Umständen sein Mann. Wahrscheinlich bildeten seine Anhänger unter den Christen Galliens die Minderheit. Vielen blieb er sonderbar und unverständlich; andern war er eine komische Figur. Zwar sagt Severus [030-b]: »Seiner Widersacher waren glücklicherweise nur wenige; aber leider durchgehend Bischöfe, sonst Niemand. Es braucht kein Name genannt zu werden. Was hilfts aber, da Andere um uns her es ausschreien, daß die Ohren gällen«. Aber die Wahl seines Nachfolgers enthält doch einen bedeutsamen Fingerzeig; die Gemeinde von Tours berief seinen erklärten Feind Briccius zu ihrem Bischof. Man wollte bei aller Verehrung für Martin nicht schon wieder einen ›Heiligen‹ an der Spitze der kirchlichen Angelegenheiten.
Nichts desto weniger stand alt Frankreichs Kirche in Martins mächtigem Bann und Schatten jahrhundertelang. Nur eine schon bei Lebzeiten riesenstarke Natur konnte mit einem solchen Einfluß durchhalten. Das Geheimnis dieser persönlichen Kraft beruht in der eigentümlichen Wechselwirkung zweier sich entgegenstehender Pole, sozusagen einem Tagpol und einem Nachtpol. Der eine Herd seiner Erfolge war sein kräftiger, volkstümlich gesunder Erdinstinkt, ein frischer, energischer Trieb, Hand anzulegen und Greifbares zu schaffen. Was er als Mönchsvater, als Heidenmissionar und als Arzt ausgerichtet hat, quillt alles aus diesem freudigen Verlangen nach Arbeit und Wirksamkeit. Die Einrichtung und Leitung von Marmoutiers bei einer Zahl von gegen hundert Mitgliedern läßt auf ein hervorragendes organisatorisches Talent schließen, zumal es in so früher Zeit in Gallien erst nur sehr wenige Klöster gab, die man zum Muster nehmen konnte und wohl kaum eines, das solche Dimensionen aufwies. Ueber gehandhabte Zucht und erforderlichen Wandel verlautet allerlei, das die lockere Anlage eines Asketenvereins überbietend schon auf die ganze Strenge einer späteren Klosterregel hindeutet. Gründung und Einrichtung des einen Klosters war ja aber das geringste. Vor Martin, schreibt Severus [031-a], hatte nur eine kleine Anzahl oder im Grunde fast Niemand hier den Namen Christi angenommen. Einzig seiner Wirksamkeit, seinem Beispiel ist es zu danken, daß bald kein Ort mehr war, wo sich nicht in Hülle und Fülle Kirchen und Klöster erhoben. Deutlich zeigt sich Martins gewaltiger Wille in seiner Bekämpfung heidnischen Götzendienstes. Da setzte er immer aufs neue sein Leben ein. Er trat als Aufklärer auf, der Licht brachte und der überall durch die Ueberlegenheit seines Auftretens durchschlug. Staunenswert war aber seine Suggestionskraft gar gegenüber Kranken, die bei ihm Heilung suchten: zwei der frappantesten Fälle mögen hier mit Severus eigenen Worten unverändert folgen; zunächst das stumme und gelähmte Mädchen in Trier [031-b]: »Martin sah die Kranke und griff alsbald zu den ihm vertrauten Waffen gegen das Uebel; er warf sich zur Erde auf sein Angesicht und betete. Dann betrachtete er die Kranke und verlangte Oel. Nun segnete er das ihm dargereichte Oel und träufelte von der geheiligten Flüssigkeit in den Mund des Mädchens. Augenblicklich kehrte der Gebrauch der Zunge, die Sprache wieder. Und so belebte er durch seine Berührung der Reihe nach die einzelnen Glieder, bis die Genesene festen Fußes sich erhob und vor den Augen der staunenden Volksmenge erschien«. Einen Besessenen, der alle ihm Begegnenden anfiel und biß, heilte er in folgender Weise [032-a]: »er trat vor den Wütenden und befahl ihm ruhig zu sein. Der Besessene fletschte die Zähne, und sein geöffneter Mund schien beißen zu wollen. Als aber Martin ihm seine Finger in den Mund steckte und dazu sprach: Wenn du Macht hast, so verschlinge sie — da floh der Besessene davor zurück wie vor einem glühenden Eisen, um nicht in Berührung mit ihnen zu kommen. So wurde der böse Geist ohne Aufschub gezwungen, den Körper, dessen er sich bemächtigt hatte, zu verlassen, da ihm seine Qualen zu bleiben nicht gestatteten. Es floh der Satan zwar nicht durch den Mund, in dem ja die Finger des Heiligen staken, sondern durch einen andern, des unreinen Geistes vollkommen würdigen Ausgang aus dem Leibe des Besessenen, nicht ohne ekelhafte Spuren seines Entweichens zurückzulassen«. Aber Suggestion war nicht die einzige Form, in der Martin in seiner Wirksamkeit als Volksarzt den Krankheiten zu steuern suchte; vielmehr griff er gelegentlich auch chirurgisch ein [032-b]: »Paulinus wurde von einer Augenkrankheit befallen. In einem Auge hatte schon eine dichte Wolke die Pupille bedeckt; da kam er zu Martin. Dieser berührte ihm den Augapfel mit dem Wattebausch: der Schmerz ließ nach; die Sehkraft kehrte wieder«. Es kann somit kein Zweifel bestehen, das Geheimnis von Martins Erfolgen beruht auf seiner eminent praktischen Natur, auf seinem rastlosen und unermüdlichen Zugreifen, auf seiner Hilfsbereitschaft gegenüber den hundert Anliegen und Bedürfnissen der Stunde. Innerhalb seiner durch sein Mönchtum ihm gesteckten, allerdings nicht unbeträchtlichen Schranken war er grenzenlos vielseitig und versagte vor sogut wie keiner Anforderung.
Mit Leib und Seele Mönch hatte er nun aber seinem eigentlichen Wesen nach nicht im Diesseits Posto gefaßt. Seine Heimat war das Jenseits; dort holte er seine Kräfte. Auch ist Martin ein so einheitlich geschlossener und runder Charakter, daß seine transcendentalen Gewohnheiten nicht unvermittelte Seitensprünge, sondern natürliche Ergänzungen zu seinem Tagewerk bilden müssen. Schon seine Zeitgenossen merkten den Unterschied seines ›Bete und Arbeite‹ von der apathischen Kontemplation der orientalischen Mönche. Er entfaltete keine Schwingen, um sich in ein seliges Wolkenheim zu erheben; solche Flüge pflegen Enttäuschung und Abspannung gegenüber der Erde zur Folge zu haben, und diese Erschlaffung kannte Martin nicht. Vielmehr senkte sich die höhere Weltschicht für ihn zur harten Wirklichkeit nieder, vermengte sich mit ihr, ging in sie über, weshalb Martin, ohne seine seelische Verfassung anders einzustellen, nur allein im Zufall des täglichen Wandels bald auf der Erde der Menschen und bald sozusagen auf einer Erde der Geister sich befand. Die beiden Hemisphären dieser seiner Doppelwelt lösten sich für ihn unversehens aneinander aus; jetzt sprach er mit wem es war und im Handumdrehen mit Engel oder Teufel. Selten sind Vorstellungen, die wir als illusorisch ansehen, in solcher Verdichtung gesehen und geglaubt worden, wie von ihm. Der Rarität halber mögen die wichtigsten Stellen hier in Severs Wortlaut folgen [033-a]: »Es ist ausgemacht, daß ihm Engel öfters erschienen und er selbst selige Gespräche mit ihnen führte.« Was den bösen Geist betrifft, so war er für Martin sichtbar und er erkannte ihn in seiner natürlichen Gestalt oder in seinen tausend Verkleidungen, unter denen die Geister der Finsternis sich zu verhüllen pflegen. Er erkannte ihn unter jeglichem Bilde. Aus Verdruß darüber, den Blicken des Heiligen nicht entgehen zu können, noch ihn in seine Schlinge zu bekommen, rächte sich oft der Teufel, indem er ihm einen Streich nach dem andern spielte. Eines Tages, als der Heilige in seiner Zelle betete, erschien ihm der Böse, um und um in hellstrahlendes Purpurlicht gehüllt, um durch den Glanz die Täuschung zu vollenden, am Leibe ein Königsgewand, ein Diadem von Gold und Edelsteinen auf dem Haupte und an den Füßen golddurchwirkte Schuhe. Sein Antlitz war gewinnend, die Züge lauter Liebe, die Lippen lauter Lob; nichts verriet den Satan. Martin war auf den ersten Anblick ganz betroffen. Kein Wort, tiefes Stillschweigen auf beiden Seiten. »Martin, kennst du den, der vor deinen Augen ist?« redete endlich der Satan ihn an. »Ich bin Christus; ich wollte, bevor ich auf die Welt niederstieg, mich dir zeigen«. Martin antwortete nichts. Der Teufel verstieg sich ein anderes Mal zu seiner unverschämten Behauptung: »Martin! Wie! Du schwankst zu glauben, was du siehst? Ich bin Christus«. In diesem Augenblick offenbarte aber der heilige Geist die Wahrheit und ließ Martin erkennen, daß unter dieser Hülle der böse Geist sich verberge. »Der Herr Jesus«, sagte er, »hat nicht gesagt, daß er in Purpur mit einer glänzenden Krone wieder erscheinen werde; wenn ich Christus nicht in der Gestalt und dem Aeußern, in dem er gelitten hat, sehe, wenn ich seine Wundmale nicht schaue, so glaube ich nicht, daß er es ist«. Auf diese Worte hin verschwand das Gespenst, und ein Rauch erfüllte plötzlich die Zelle mit einer Pestluft, die deutlich genug den bösen Geist erkennen ließ. Diese Begebenheit, die wir soeben erzählten, hörte der Schreiber dieser Zeilen aus des Heiligen eigenem Munde; nehme sich daher Niemand heraus sie für eine Fabel anzusehen. Nichts gewährt besser einen Einblick in den grobkörnigen Realismus von Martins Glaubenswelt, als dieser sein Umgang mit dem Teufel: da zeigt sie sich in ihrer ihm eigentümlichen Beschränkung. Das begriffliche Element ist ziemlich vollständig eliminiert zugunsten des visionären; alle theologischen Werte sind gewissermaßen umgebogen in theooptische. Das große augustinische Problem von Sünde und Gnade findet bei Martin eine Analogie, die beinahe humoristisch anmutet: der Syllogismus vom Posse non peccare zum Non posse peccare entspricht bei Martin einer ganz anderen Gleichung; ebenso unphilosophisch als gemeinverständlich hieß es für ihn: die Welt ist des Teufels, daher die Sünde in ihr; man bekehre den Teufel, so hört die Ursache der Sünde auf, die Welt wird Gottes. Das ist freilich eine Logik sehr auf eigene Faust, nicht eben stichhaltig gegenüber Gründen, aber umso handfester, um im Leben etwas auszurichten. Daß ein solcher Glaube Martins innerstem Wesen zu Grunde lag, zeigen wieder Severs eigene Worte am unmittelbarsten: »Man hörte oft Anklagen und Vorwürfe, die die Schaar der bösen Geister dem Heiligen in den verschiedensten Tönen machte; aber der Heilige wußte, daß sie logen, und ließ sich durch diese Vorwürfe in keiner Weise rühren. Mehrere seiner Schüler versicherten, der Teufel habe ihm eines Tages die bittersten Vorstellungen gemacht: das Kloster gewähre einigen Menschen Unterkunft, die durch jede Art von Verirrung die Taufgnade verloren und noch nach ihrer Bekehrung Aufnahme gefunden hätten; zu gleicher Zeit enthüllte er die Fehler eines jeden einzeln. Martin widerlegte diese Beschuldigungen: die alten Sünden seien durch die Werke eines besseren Lebens ausgewischt und durch die Barmherzigkeit Christi seien die Sünden denen verziehen, die fortan nicht mehr sündigten. Der Teufel wollte widersprechen und behauptete, die Schuldigen hätten keinen Anspruch auf Erbarmen. Da aber, so erzählt man sich, rief Martin aus: ›Wenn du, Elender, einmal aufhören wolltest, die Menschen zu versuchen und in dieser Stunde, da der Tag des Gerichtes vor der Thüre steht, anfingest, deine Verbrechen zu bereuen, so hätte ich Gottvertrauen genug, um durch meine Fürbitte dir Christi Barmherzigkeit zu erlangen.‹ O du gütiger Himmel, was für ein unerhörtes Vertrauen, so etwas zu versprechen, was nicht einmal Christus selbst jemals versprochen hat!« Die ekstatischen Fähigkeiten Martins äußern sich meistenteils als persönliche Auseinandersetzungen, als eigene innere Seelenkämpfe. Doch fehlt die reine Sehergabe nicht ganz [034-a]: er sagt dem Kaiser Maximus den Sieg über Valentinian, aber auch dessen nach Jahresfrist erfolgenden Tod voraus. Sonst vermischen sich seine telepathischen Eigenschaften gleich mit Visionen: das Wissen um den Unfall eines Knechtes spielt sich drastisch als Teufelsvision ab, während die Kenntnis der Verhandlungen auf dem Konzil von Nimes in derselben Stunde ihm ebenfalls visionär vermittelt wird. Das bildlose Aufblitzen einer Eingebung entsprach seiner Natur nicht.
Martin war Romane. Aber wie er sein ganzes Leben an der Nordgrenze des Reiches verbrachte, so hielt er sich auch gegenüber dem geistigen Besitz der versinkenden Antike am äußersten Rande. Seine Rusticität in Dingen der Bildung, auch der theologischen, erlaubte ihm fast wieder den Enthusiasmus des Urchristentums: bald ging die Welt unter, also galt es für Christus noch zu wirken, was möglich war. So ist es ihm gelungen, die christliche Religion, die bis dahin nur in den großen gallischen Städten Gastrecht genoß, im Lande dauernd einzubürgern, und das nur durch die riesige Energie, die ihn befähigte, der asketischen Lebensweise in einem so rauhen Klima die Existenz zu sichern. Ohne Mönche läßt sich die Christianisierung Galliens nur schwer vorstellen; das Werk, so hart angefochten es war, bewies gerade den Feinden gegenüber seine Ueberlegenheit; denn im fünften Jahrhundert verdankte der gallische Klerus seine innere Vertiefung und äußere Geschlossenheit doch zum guten Teil den Anregungen, die von mönchischen Metropoliten auf ihn ausgingen. Und als dann die Franken kamen, war es nicht am wenigsten der großartige Eindruck der als Klerus und Mönchtum organisierten Kirche, der den Uebertritt Chlodowechs veranlaßte. Martins Erdenleben hat im Verlauf der Jahrhunderte eine merkwürdige Bestätigung erfahren, indem nichts so sehr als eben seine Wirksamkeit das eigentümlich rohreligiöse, paganistische Wesen des merowingischen Christentums vorgebildet, ja geradezu begründet und ermöglicht hat. Martin ist der Standardheilige der Merowinger. Mit seinem kräftigen Reduktionsinstinkt gegenüber den Geistesfinessen der alternden Antike erscheint er als erste, unerläßliche Voraussetzung einer der wichtigsten und schwierigsten geschichtlichen Entwickelungen aller Zeiten: der Bekehrung der germanischen Welt zum römischen Christentum.
Zweites Kapitel. Die Panegyriker.
Aus dem fünften Jahrhundert wissen wir vom litterarischen Betrieb in der gallischen Kirche noch eben genug, um die Spuren von Heiligenleben sicher festzustellen, wenn auch die Ueberlieferung, selbst im günstigeren Falle, uns nicht mehr rein erhalten ist. Gegen das Martinsleben des Severus gehalten, handelt es sich nun zwar nicht um eine Nachahmung, wie es bei einer zeitlich unmittelbaren Fortsetzung der Gattung anzunehmen wäre. Vielmehr begegnen wir hier einer neuen Gattung von Heiligenleben, wo das keineswegs fehlende Moment der Memorie indessen durch hinzutretende rhetorische Einflüsse eine gewisse Veränderung erleidet.
1.
Severs Freund Paulin von Nola gedenkt in zweien seiner Briefe [036-a] des gallischen Bischofs Viktricius von Rouen, der 417 gestorben ist. Diese Briefe sind an jenen Bischof selbst gerichtet und bieten im Gewande einer ihm dargebrachten Huldigung die Elemente zu einer Beschreibung seines Lebens dar. In der That ist das so gespendete Material, allerdings nach Jahrhunderten, noch zu einem Heiligenleben verarbeitet worden [036-b]. Dies mag hier einleitungsweise erwähnt sein, um zu zeigen, daß es mit biographischen Notizen nicht gethan, daß vielmehr eine Form zum Begriff des Heiligenlebens unerläßlich ist.
In den gallischen Heiligenleben aus dem fünften Jahrhundert ist diese Form nun nicht wie bei Sever, litterarischer, sondern rhetorischer Natur. Es sind Reden, Lobreden, und da es sich um ein kirchliches Gedächtnis handelt, Predigten. Solche liturgisch eingegliederte Eulogien finden wir in einigen bedeutenderen gallischen Bischofsstädten dann, wenn es einen verstorbenen städtischen Bischof kultisch zu ehren gilt. Der Anlaß ist die erste Wiederkehr des Todestages, an der sich dann der Nachfolger seiner Aufgabe entledigt. So hielt Hilarius von Arles am ersten Jahrestage seines Vorgängers Honoratus die Gedenkrede, indem er vor der Gemeinde ein Lebensbild des Heiligen entwarf. Dieses Honoratusleben ist nun eine gehaltene Predigt und hat durchaus oratorischen Charakter; doch sagt der Vortragende, er werde sich kurz fassen, weil ja seinen Zuhörern der Mann, der der Gemeinde so lange vorstand, noch lebendig im Gedächtnis sein werde [036-c]: »Indessen, geliebte Brüder, kann ich das einzelne mehr nur berühren, als erzählen, auch das, was anderen vielleicht bekannter ist als euch. Und nun gar von der Zeit, seit er der eure war, muß ich nur die Summe ziehen«. Dennoch versteht es Hilarius sich seiner Aufgabe mit Wärme zu entledigen; es kommt ihm vom Herzen, weil seine Verehrung für den Heimgegangenen aufrichtig ist, verdankt er ihm doch seine Bekehrung [036-d]: »Ja, ja, die Fürbitte des Heiligen führt die Abtrünnigen zurück, unterwirft die Hartnäckigen, gewinnt die Aufständischen«. Bei allem Schwung des Ausdrucks ist doch unnatürlicher Schwulst vermieden, und die Sprache bewegt sich noch im guten Latein. Diese Vorzüge vermögen indes das sachliche Interesse nicht sehr zu steigern, obschon der Gegenstand dessen doch auch nicht ganz entbehrt [037-a]; denn Honoratus ist der Gründer des Klosters Lerinum. Er wurde geboren in der zweiten Hälfte des vierten Jahrhunderts, als Mitglied einer hochstehenden gallischen Adelsfamilie. Sein Vater war Heide und wollte seinen Sohn zum Weltmann erziehen. Dieser aber ließ sich taufen und neigte dem asketischen Leben zu. Diesen Hang bestärkte eine Reise, die er in Begleitung seines Bruders Venantius nach dem heiligen Lande unternahm. Unterwegs starb sein Bruder. Nach Italien zurückgekehrt, hielt sich Honorat vorzugsweise in der Gesellschaft von Bischöfen auf. Namentlich fesselte ihn Bischof Leontius von Frejus; in seinen mönchischen Absichten konnte ihn freilich dieser Umgang nicht irre machen, und so gründete er auf der Insel Lerinum einen Asketenverein; an starkem Zuzug sollte es nicht fehlen. Honorat regelte die Einrichtung des Klosters selber und ging mit dem guten Beispiel voran. Er stand, trefflicher Briefsteller der er war, besonders mit Bischof Eucherius in Korrespondenz. Unter denen, die er bekehrte, war auch ein Verwandter, eben sein späterer Nachfolger Hilarius. Wider Willen folgt Honorat einem Rufe als Bischof nach Arles. Sein Lebensende war seiner würdig. Die Rede schließt mit einer Anrufung des Heiligen.
Ein schönes Beispiel eines solchen homiletischen Lebensbildes läge uns vielleicht in dem Germanusleben des Constantin von Lyon vor. Aber die Ueberlieferung ist unsicher. Doch lassen sich an eine auch uns zugängliche ältere Fassung einige Beobachtungen anknüpfen. Der Charakter einer Rede läßt sich nicht strikt nachweisen, wohl aber die gottesdienstliche Bestimmung der Schrift, die nicht nur mit einer Doxologie schließt, sondern auch nachweislich am Ende des fünften Jahrhunderts in die gallikanische Liturgie als Einlage des Germanusfestes Aufnahme fand. Sie ist im Lapidarstil des Tacitus und Sallust gehalten und gibt Aufschlüsse zur Zeitgeschichte. Wir sind im Stande, diese Mitteilungen einigermaßen zu kontrollieren. Ueber die Mission des Germanus von Auxerre in Britannien haben wir das gleichzeitige und vollständig glaubwürdige Zeugnis des Prosper [037-b]. Dieser kennt jedoch weder den Bischof Lupus von Troyes als Reisegefährten, noch eine zweite Reise des Germanus. Von beiden Umständen weiß auch der ältere Text des Germanuslebens nichts [037-1]. Wieder eine andere Frage ist, ob ein ursprüngliches Germanusleben wirklich den Priester Constantin von Lyon zum Verfasser hatte. Wenn ja, so ist der Verlust des Originals um so mehr zu bedauern, als wir hier ein neues Mal einen bedeutenden Menschen, wie Germanus, von einem nicht unbegabten Schriftsteller beschrieben hätten. Der in der Auswahl seiner Gesellschaft sehr wählerische Apollinaris Sidonius hielt auf Constantin große Stücke und schreibt gelegentlich [038-a]: »Ich habe acht Bücher Briefe für Constantin geschrieben, einen Mann von nicht gewöhnlichen Anlagen und gesundem Urteil, der, ohne daß ich damit den andern Schriftstellern unserer Tage zu nahe treten will, sie doch durch die Fertigkeit treffenderen Ausdrucks in jeder Hinsicht aus dem Felde schlägt.«
Auch jener Hilarius von Arles, der das Leben des Vorgängers schrieb, hat selber einen alten Darsteller gefunden [038-b], immerhin nicht seinen Nachfolger Ravennus und auch nicht Honoratus von Marseille, sondern einen Unbekannten am Ende des fünften Jahrhunderts. Dieser schildert vielleicht den Heiligen auf Grund eigener Bekanntschaft; daß jedoch schriftliche Hinterlassenschaft, nämlich der Briefwechsel zwischen Hilarius und Eucherius zur Kenntnis systematisch ausgebeutet wird, rückt die Schrift bereits an die Grenze memorienhafter Aufzeichnung und spielt in das Gebiet der Nachforschung hinüber. Hilarius, der ein Mann war und energisch, wenn auch erfolglos die Unabhängigkeit der gallischen Kirche von Rom verfocht, hätte einen wirklichen Schüler von ihm auch soweit in seinem Bann gehabt, daß in dem Lebensbilde die Parteigängerschaft zu Tage träte, während nun sein Streit gegen Leo mit dem Gleichmut eines schon Fernerstehenden erzählt ist und in der Mitteilung eines urkundlichen Beleges gipfelt. Auch dieses Lebensbild schließt mit einem Lobe des Heiligen. Die Sprache überwuchert von Pathos; Hilarius selbst war hierin feiner gewesen. Ebenso schieben Ansätze zu eingeflochtenen Kunstreden, die Schrift in die Nähe des Ennodius. So geringe Ausbeute auch unsere Umschau nach Heiligenleben in Gallien und im fünften Jahrhundert ergeben hat, sie läßt uns doch auf einen umfangreicheren Betrieb der geistlichen Gedächtnisrede schließen, die indessen dann auf italienischem Boden neue kräftigere Wurzeln schlug. Doch entkeimte auch sie der gallischen Saat. Denn gestammt hat Ennodius aus Arles; er war seiner Heimat nach Gallier.
2.
Ennodius war einer Tante zu lieb nach Pavia gezogen, hatte dann reich geheiratet und sich schließlich mit der Uebernahme des Bistums Pavia in Italien vollends naturalisiert. Im Jahre 502 bis 503 schrieb er das Leben seines Vorgängers Epiphanius [038-1]. Es war eine Vorlage, die reicher geschichtlicher Beziehungen nicht entbehrte.
Epiphanius war von Pavia [038-c]. Seine Eltern Maurus und Focaria gehörten guten Familien an. Unter Bischof Crispinus trat er in den Dienst der Kirche und erhielt, acht Jahre alt, das Amt eines Lektors. Bald darauf erlernte er die Kurzschrift und wurde als Schreiber verwendet; er hätte aber statt nachzuschreiben, damals ebensogut schon selber diktieren können. Mit sechszehn Jahren war er reif, in allen Dingen ein wahres Muster und überdies ein schöner Mensch. Seine Wangen lachten, selbst wenn er traurig war; sein wohlgestalteter Mund empfahl sein eindringliches Wort und wohin er sein Auge richtete, kündete sein Blick die Heiterkeit seiner Seele. Eine Stirne wie aus Wachs und von ätherischer Weiße. Eine Nase so wohlgebaut, daß kein Maler sie schöner hätte erfinden können. Die Arme rund und voll, die Finger lang; es machte auch dem Fremden Freude, aus dieser Hand etwas in Empfang zu nehmen. Der hohe Wuchs deutete auf den künftigen Bischof. Sein Benehmen war natürlich und ungekünstelt; seine Art zu reden, wo er vorzutragen hatte, ansprechend, wo zu schmeicheln, gewählt, wo zu vermitteln, schon damals fein berechnet, wo zurechtzuweisen, voll Nachdruck, wo zu ermuntern, eindringlich, ohne sich jedoch etwas an seiner Feinheit zu vergeben; die Stimme klang voll, männlich elegant, nicht bäurisch derb, doch auch nicht schwach und gebrochen. Im achtzehnten Lebensjahre wurde er im zweiten Range vor den Leviten dem Chor der Alten zugeteilt [039-a]. Viele, doch nur Fremde, fragten erstaunt, welche Vorzüge ihn dem reiferen Alter zuwiesen. Die ihn kannten, meinten, diese Würde sei ihm zu spät verliehen worden. Nur zwei Jahre war er Subdiakon. Er wurde Levite ohne sich je einen Wunsch darnach erlaubt zu haben. Eine That von ihm aus jener Zeit mag hier erwähnt werden. Das summische Feld heißt ein Distrikt am Po, wo der sich schlängelnde Strom dem einen Anwohner schenkt, was er dem andern stiehlt, und der Gewinn des einen der Schaden des andern Nachbarn ist. Ueber dieses Grundstück führte ein gewisser Burko einen alten Prozeß mit der Geistlichkeit. Den Hader zu schlichten, wurde der junge Mann hingeschickt. Im Verlauf der Verhandlungen verlor Burko die Fassung und schlug den Heiligen blutig. Da stürzte sich die Mutter des Thäters dazwischen. Aber Epiphanius hatte sich auch ohnedies vollkommen in der Gewalt, suchte nach wie vor zu begütigen und auch später, als alle Christen in Pavia Burkos Tod verlangten und der Bischof weinte, war er der einzige, der ruhig blieb. Und dabei war er so schüchtern, daß er Diakon geworden die erste Zeit verlegen dem Blick der Leute auswich. Der Bischof vertraute ihm das ganze Armenvermögen an, da er sehen wollte, wie er sich einmal als sein Nachfolger anließe. Auch führte Epiphanius einen reinen Wandel; daß er Mann sei, merkte er nur an seiner Arbeitskraft, daß er Fleisch habe, nur bei dem Gedanken an seine einstige Auflösung. Und spielte sinnliche Lust in seine Traumgebilde — »ich weiß das von ihm selbst« — so sprang er sofort auf, wachte, fastete, und verbrachte lange Zeit in aufrechter Stellung. Lesen bildete seine Erholung, die heilige Schrift unterhielt ihn. Was er einmal durchgesehen, konnte er auswendig, und so lebendig ging es ihm in Fleisch und Blut über, daß man unter Umständen aus seiner Handlungsweise auf die Bibelstelle schließen konnte, mit der er sich zuletzt beschäftigt hatte. Den Haushalt der Kirche verwaltete er weder verschwenderisch noch knickerig. Er übte sich schon damals auf das Amt eines Vermittlers ein. Denn wohin er immer für eine Beisteuer an die Armen von seinem Bischof geschickt wurde, verstand er sich vortrefflich aufs Bitten; mehr als einer meinte nach einem solchen Besuch, es sei ihm ein Vorteil erwachsen, daß der Bischof nicht in Person gekommen sei. Er wurde täglich beliebter, und zwar gründete sich diese Liebe auf Urteil. Ohne daß man den Bischof in den Himmel wünschte, konnte man doch seinen Nachfolger kaum erwarten. Jener selbst fand bei der zunehmenden Altersschwäche in Epiphanius seine einzige Stütze. Er war ihm Fuß, Hand und Auge. Im Ganzen blieb Epiphanius acht Jahre Diakon. Auch hatte er in dem damals sehr tüchtigen Clerus von Pavia Collegen, auf die er stolz sein durfte: der Archidiakon Sylvester, ein Mann der alten Schule, und der dem gallischen Adel entstammende Priester Bonosus. Vor seinem Ende begab sich Bischof Crispinus noch einmal nach Mailand und legte dort an maßgebendem Orte seine Empfehlung für den Nachfolger nieder, dann kehrte er nach Pavia wie zu seinem Grabe zurück und starb in der That bald darauf an der Gelbsucht. Sofort war man einig (040–b). Epiphanius fühlte sich noch zu jung und wurde wider seinen Willen zur Weihe nach Mailand geführt. Als er in der Bischofsmütze erschien, jubelten ihm auch Auswärtige zu. Man beneidete das kleine Pavia um seinen Hirten, während anderswo die Bischöfe sich im bloßen Namen »Metropoliten« gefielen. Er begann seine Regierung damit, sein eigenes Leben aufs strengste enthaltsam einzurichten. Er gewöhnte sich das Baden ab und nahm unter dem Verzicht erst auf das Frühstück und dann auch auf das Mittagessen täglich nur eine Mahlzeit zu sich, des Abends. Er drang darauf, Hausmannskost zu haben, ohne ungewöhnlichen Gaumenreiz, zumal er nur Kohl und Hülsenfrüchte aß. Wein trank er wenig und eigentlich nur, nach dem Rezept des Apostels, gegen Magenschwäche. Er ging bei jedem Wetter aus und war alle Zeit der Erste am Platze. Er der Bischof ging den Lektoren voran und bestimmte den Gang der Vigilien. Vor dem Altare stehend wohnte er jedem Gottesdienste bei, sodaß er mit dem Dunst seiner Füße den Platz befeuchtete und schon von weitem kennbar machte. In der Mußezeit beschäftigte er sich immer auch, um nachher auf die wirkliche Arbeit besser gerüstet zu sein. Dabei wurde Epiphanius zu hohen politischen Sendungen berufen. Der in Mailand residierende Patricius Ricimer läßt sich von dem ligurischen Adel bestimmen, den Epiphanius mit der Aussöhnung zwischen ihm und dem Kaiser zu betrauen. Der Bischof begab sich zu diesem Zwecke nach Rom mit vollem Erfolge [041-a]. Seine jüngere Schwester Honorata widmete sich ebenfalls dem geistlichen Stande und wurde vom Bruder an eine besonders fromme Nonne Luminosa gewiesen [041-b]. Nach Ricimers und Anthemius Tode folgte Olybrius, auf ihn Glycerius und auf diesen Nepos. Zwischen ihm und den Westgoten, die Eurich mit eiserner Faust beherrschte, brach Zwist aus. Im achten Jahre seines Episkopats [041-c] wurde Epiphanius von Nepos angegangen, einen Ausgleich zu Stande zu bringen. Die an sich schon beträchtlichen Beschwerden der Reise nach Tolosa verdoppele er, indem er bei jeder Station stehend die Psalmen und andere geistliche Lesung vornahm und dann an einem schattigen Platze auf grünem Rasen sich dem Gebete hingab. Auch diese Mission glückte, da er sowohl König Eurich als dessen Minister Leo vollständig einzunehmen verstand. Als er Tolosa wieder verließ, gab ihm die ganze Stadt das Geleite. Auf dem Rückweg besuchte er die heiligen Stätten, die Medianen, die Stöchaden und Lerinum, die flache Mutter der höchsten Berge. In Pavia brach dann die Revolution aus, weil Odoaker die Hand nach der Krone ausstreckte [041-d]. Orestes hatte sich im Vertrauen auf ihre Festigkeit in diese Stadt zurückgezogen. Beide Kirchen gehen in Flammen auf, die ganze Stadt brennt. Der Bischof konnte seiner Schwester, die gefangen wurde, das Leben retten und verwandte sich ebenso für viele andere, namentlich für Hausfrauen. Unter seiner Autorität erhob sich die Stadt wieder, und als Orestes bei Piacenza gefallen war, stand Odoaker nicht an, dem Bischof besondere Ehren zu erweisen. Rüstig ging dieser ans Werk, die Gotteshäuser wieder aufzubauen; auch ohne Geld: es sei doch schwer denkbar, daß einem Menschen Ueberfluß zu Teil werde, der ein Bettler von Gemüt sei. So brachte er die Summe zusammen. Nun stürzte aber beim Bau die Säulenwand der einen Kirche ein; um so entschlossener ging Epiphanius wieder ans Werk. Seinem Gebete ist es auch beizumessen, daß der Einsturz der Kuppel mit samt dem Gerüst keinem der Bauleute auch nur einen Beinbruch zuzog. So wurden unter seiner Leitung erst die kleinere und dann die größere Kirche wieder aufgebaut. Auch für die politische Wohlfahrt war er besorgt und bewirkte bei Odoaker für die Städte einen Nachlaß der Steuern auf fünf Jahre. Ebenso erhob er Einsprache beim König, als der Präfekt Pelagius durch maßlose Getreideankäufe Ligurien bedrückte. Wieder wechselte das Regiment [041-e]. Theodorich erschien und erkannte mit seinem Scharfblick den Bischof in dessen ganzem Werte. Als die Partei Odoakers unter Tuffa noch einen letzten Versuch machte, konzentrierte König Theodorich sein Heer in Pavia. Die Stadt wurde dadurch übervölkert. Da konnte Epiphanius Segen stiften. Als Freund sowohl Odoakers als Theodorichs genoß er bei beiden Parteien Ansehen. Seinen Frieden störte auch der Krieg nicht. Täglich bewirtete er liebevoll die Räuber und verabreichte innerhalb der Stadtmauer das Nötige denen, die draußen seine Landgüter verwüstet hatten. Die Auslösung der gefangenen Weiber und Kinder ging durch seine Hand. Dem Könige war er der rechte Mann und galt ihm für verehrungswürdig vor allen Heiligen. Alle Römer, die seine Gothen abfingen, stellte der Fürst ihm zurück. Wie vielen Unterthanen verschaffte er Grund und Boden wieder, wie viele schützte er vor Bedrückungen! Und was mußte er sich feindlicherseits an Grobheiten und Beleidigungen gefallen lassen! Drei Jahre stand er unter diesem Kreuz. Nach dem Abzug der Gothen wurde die Stadt den Rugiern übergeben. Es war ein wildes Volk, dem ein Tag ohne Gewaltthat für verloren galt [042-a]. Doch auch sie gewann Epiphanius, ihn, den Katholiken und Römer, hochzuschätzen. Zwei Jahre verlebte er mit ihnen im besten Einvernehmen, bis sie wieder abzogen. Als endlich Theodorich nach allen Seiten gesiegt hatte, benützte Epiphanius die wiederkehrende Ruhe zur inneren Befestigung seiner Gemeinde [042-b]. Unterdessen gefiel es Theodorich, nur jenen Römern ihre Rechte nicht zu beschränken, die ihre frühere Anhänglichkeit an ihn beweisen konnten; wen dagegen irgend ein Grund fern gehalten hatte, der sollte des Rechtes zu testieren und aller Freiheit in der Willenserklärung verlustig gehen. Da durch ein solches Gesetz bei dem größten Teile alle Rechte vernichtet wurden, erlag Italien einem beklagenswerten Rechtszustande. Epiphanius, und, da er sich diesmal allein zu schwach fühlte, auf seine Bitte hin auch Laurentius von Mailand begaben sich nach Ravenna und wurden mit Achtung aufgenommen. In einer ersten Audienz erwirkte Epiphanius zunächst den Erlaß einer allgemeinen Amnestie durch den Quästor Urbicus, in einer zweiten geheimeren Unterredung beauftragte der König den Bischof, die Leitung zur Zivilisierung des verwüsteten ligurischen Landes zu übernehmen. Er wies ihm auch mit das nötige Geld an, um bei König Gundobald von Burgund die italienischen Gefangenen auszulösen. Kaum nach Pavia zurückgekehrt, unternahm Epiphanius sofort die Reise über die Alpen, obgleich es noch Winter war, der März die Flüsse noch in des Eises Banden geschlagen hielt und die grauen Schneehäupter der Alpen den Reisenden Verderben drohten; aber seine Glaubenswärme ist mächtiger als die tödliche Kälte und das Eis. Er reiste ab, sobald er für die Wegzehrung Anstalten getroffen, in Begleitung Bischof Viktors von Turin. In Gallien wurden sie mit offenen Armen empfangen. Ueberall die reichste Aufwartung. In Lyon kam ihm Bischof Rustikus über die Rhone entgegen und öffnete ihm die Augen über die Verschlagenheit des Königs. Damit ihn dessen verschmitzte Einwürfe und Entgegnungen nicht unvorbereitet fänden, übt sich Epiphanius im Stillen darauf ein. Gundobald war indessen sehr gnädig; er ließ nach der Audienz durch seinen Minister Laconius den Gnadenerlaß ausfertigen und dem Epiphanius überreichen. Ennodius war es, der die Zettel an die Kastelle schrieb. Blos aus der Gemeinde Lugdunum wurden an einem Tage vierhundert Menschen in die Heimat nach Italien entlassen. So war es in allen Städten Sapaudias und anderer Provinzen. Deren, die nur allein die Bitte des Bischofs befreite, waren mehr als sechstausend Seelen; die Zahl die man mit Gold loskaufte, ließ sich nicht so genau feststellen, da viele darunter ihren Herrn ohne Lösegeld entliefen. Zur Bestreitung der Auslösungskosten trug namentlich eine edle Frau, Syagria, und Bischof Avitus von Vienne bei. Ihnen dankt man das Zustandekommen des Liebeswerkes zum guten Teil. Epiphanius aber sah überall persönlich nach. So auch in Genf, der Residenz des Königsbruders Godegisel. Bald wimmelten Weg und Stege von den Schaaren der Heimkehrenden. Das hatte Epiphanius innerhalb eines Vierteljahres zu Stande gebracht. Er vollendete seinen Liebesdienst, indem er durch Bittschriften an Theodorich den Befreiten den vollen Genuß ihres Vermögens erwirkte. Und als zwei Jahre später dem erschöpften Ligurien eine unerschwingliche Abgabenlast aufgebürdet wurde, übernahm er abermals die Sache der Bedrängten [043-a]. Er eilt nach Ravenna. Der König ängstigte sich um des Bischofs Gesundheit und gewährte an der erhobenen Steuer einen Abstrich von nicht weniger als zwei Dritteilen. An einem schneeigen Tage, an dem man sich ans Kamin flüchtete, verließ Epiphanius Ravenna und schnell ging es durch alle Gemeinden an der ämilischen Straße, als eile er zu seiner letzten Herberge. Gegen alle Priester an der Straße war er herablassend und freundlich. Als er aber nach Parma an derselben Straße gekommen war, befiel ihn ein Katarrh und warf sich bald auf die unteren Teile. Noch erreichte er Pavia scheinbar gesund. Aber am Tage des Einzugs selbst fühlte er sich unwohl, mußte sich legen, und nun ging es jeden Tag schlechter. Die Krankheit wurde gefördert durch die Unwissenheit der Aerzte. Am siebenten Tage trat die Krisis ein. Er starb, Psalmverse auf den Lippen, im achtundfünfzigsten Jahre seines Lebens, dem achtunddreißigsten seines Priesterstandes. Seine heiligen Reste sah man bis auf den dritten Tag, da sie beigesetzt wurden, mit solchem Licht und Schmuck bekleidet, daß das Antlitz des Heimgegangenen den Glanz seines Lebens bezeichnete [043-b]. In der großen Menge an seinem Grabe war Niemand, der ihm nicht etwas zu danken hatte.