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Die große Stille

17

Reading edition

Der erste „verheiratete Sommer” hatte sich für Max Perthes ziemlich einsam angelassen. Seine Schwiegereltern waren seit dem Mai fast ununterbrochen wieder auf Stift Nieburg. Auch Alice brachte dort viele Tage zu. Er selber kam nur bisweilen an einem Sonntag für ein paar Stunden hinaus.

Die Einsamkeit bekam seinen wissenschaftlichen Arbeiten sehr gut. Er fand eine eigentümliche neue Befriedigung in einer Tätigkeit, die seine praktische in der Klinik nach der geistigen Seite ergänzte. Die Sehnsucht nach Stille, die er so ganz verbannt und überwunden zu haben glaubte, suchte, ohne daß er es zugestanden hätte, einen schüchternen Ausweg und entdeckte ihn in dieser gelehrten Neigung, die er sich früher nicht zugetraut hatte. Für seine Person verzichtete er nach der Reise im Januar nicht ungern auf den Sommerurlaub. Er verständigte sich mit seinen Schwiegereltern dahin, daß Alice die Hochsommerwochen unter ihrer Obhut in St. Blasien verbringen sollte. Sie selber murrte anfangs über den notwendigen Verzicht auf die ihr so teure Bergfexerei. Zum Glück fand Perthes diesmal bei Exzellenz Hupfeld eine nachhaltige Unterstützung im Kampf gegen jede Unbesonnenheit. Exzellenz träumte von goetheschen Enkelfreuden und wollte seine „wilde Hummel” schon im Zaum halten.

So blieb Perthes allein und verteilte sein gleichförmiges Leben zwischen der Klinik und dem behaglichen Herrenzimmer seines Landhauses, wo er oft bis Mitternacht und länger bei der Schreibtischlampe saß. Nur selten ging er spazieren. Gegen das Flußtal aufwärts von Nieburg hatte er seit dem Sommer des vergangenen Jahres eine scheue Abneigung. Weiter hinein in die Berge oder hinaus in die Ebene reichte die Zeit nicht. In die Stadt kam er, außer auf dem Weg zur Klinik, so gut wie nie; und diesen einzigen Stadtweg legte er meist in der Straßenbahn zurück.

Wie ein Fremdling kam er sich schon vor, als er eines Abends gelegentlich einen Gang durch die Hauptstraße machte. Der Postbote hatte ihm am Morgen das Honorar für einen nebenbei geschriebenen Aufsatz in der „Medizinischen Wochenschrift” gebracht. Er wollte es dazu verwenden, um in aller Stille eine der großen Rechnungen des letzten Vierteljahrs zu begleichen.

In dem Modeladen, dem sein Gang galt — es war das erste Sport- und Toilettengeschäft der Stadt — erfuhr er mit Befremden, daß der Betrag schon beglichen sei. Er wollte es nicht glauben und forschte weiter. Der Besitzer, ein sehr höflicher, geschniegelter Herr, ließ ihn das Kontobuch einsehen. Es stellte sich heraus, daß die Rechnung für Exzellenz überschrieben und vor ein paar Wochen bezahlt war. Perthes zuckte die Achseln und murmelte etwas von einem unverständlichen Irrtum. Kaum konnte er vor dem Inhaber, der ihn dienstfertig bis an die Tür begleitete, Beschämung und Zorn verbergen.

Der Gedanke, daß ihm Alice hinterrücks diese Demütigung zugefügt, schien ihm unfaßbar. Sein Stolz, den er einst gezwungen, sich der bewußten Streberei zu unterwerfen, hatte sich in die letzte Festung einer peinlichen pekuniären Empfindlichkeit geworfen und machte einen entrüsteten Ausfall. Er war drauf und dran, an Hupfeld einen erbitterten Brief zu schreiben, um solche Liebenswürdigkeiten ein für allemal abzulehnen, und die Summe mitzuschicken. Nur die Rücksicht auf den Zustand seiner Frau ließ ihn dann doch davon absehen. Soviel stand ihm indessen fest: es mußte hier eine reinliche, prinzipielle Klärung erfolgen. Aber er wollte warten, bis er keine Gefahr mehr lief, ihr zu schaden. In seinem ganzen Leben hatte er nicht so viel Selbstüberwindung lernen und üben müssen, als es ihn kostete, seine Entdeckung in sich hineinzuwürgen. Die Arbeit wurde ihm für mehrere Tage verdorben, und es blieb auch nachher ein Stachel zurück, der immer wieder in ihm bohrte. Er sah Alice vor sich mit ihren irrlichthaften Augen, der ewig herausfordernden Miene eines Gassenjungen, den tollen Sprüngen des tollen Mädels von einst. Hatte sie denn gar keinen Sinn für den Stolz des Mannes, der sich in ihm auflehnte gegen eine unwürdige und maßlose Abhängigkeit? Verstand sie nichts von der Erniedrigung, der sie ihn vor ihren Eltern aussetzte? Die Frage tauchte wieder auf, die er seit dem Frühjahr, seit jener Todesnachricht von Richthoff und seiner freiwillig-unfreiwilligen Beichte über Marga, mehr als einmal hatte in sich zurückdrängen müssen: was wohnte hinter den grünschimmernden, flackernden Augen, hinter diesem alles zerspottenden Mund, hinter der kühlen Stirn unter den rötlich-krausen Haarwolken? Doch das war ja Unsinn! Was suchte er denn? Das Rätsel war ja eben der Reiz des Rätsels. Die Verliebtheit, noch immer mächtig über ihn, lehnte sich auf und stritt gegen das sinnlose Fragen. Gewaltsam wie früher meinte er über seine Skrupel Herr werden zu sollen. Er vergönnte sich einen dummen Streich: über den nächsten Sonntag fuhr er nach St. Blasien.

Es gab eine lustige Überraschung, als er bei Hupfelds im Kurhotel einbrach. Zwei Tage glücklicher Trunkenheit folgten: er war Alices alter Räuberhauptmann und sie sein entzückender Irrwisch.

Nachher, zu Hause, fand er, daß er trotzdem mit dem Streit in sich so fertig nicht war, wie er gehofft. Die Erinnerung an die zwei Taumeltage schwand. Die Erinnerung an seine Demütigung blieb. Er mußte ein Kompromiß schließen, um den Streit loszuwerden. Das Kind war es fortan — aber natürlich war es so — nur das Kind, das Alice ganz zu dem machen sollte und mußte, was sie noch nicht war. Er verlangte ja gar nicht viel. Nur ein Gran Verständigkeit, ein halbes Lot Ernst. Der mußte kommen! Die Mutter mußte in ihr erwachen und sie auf die natürlichste Weise dazu führen, seinen Stolz zu verstehen, mit ihm über diese wirtschaftlichen Dinge einer Meinung und damit häuslicher zu werden!

Perthes baute eine völlig wolkenlose Zukunft auf das Kind ihrer Liebe ...

Der Herbst war da. Alice flog ihm wieder in die Arme. So frisch und ungebärdig und fast so schlank wie immer. Perthes selbst war mit seinem Schwager, Leutnant Moritz, doch noch acht Tage in den Vogesen gewandert. Auch er fühlte sich gestärkt und von Grillen befreit, voll Zuversicht und Arbeitslust.

Mit Semesteranfang begann das alte gesellschaftliche Treiben.

Die Gräfin Hüningen hatte aus Berlin, wo sie auf der Hin- und Rückfahrt nach Borkum einen Monat haltgemacht, neue Pläne, neue Kaprizen mitgebracht. Aber wie Perthes vorausgesehen, mußte Alice sich einige Zurückhaltung auferlegen. Ihre Beweglichkeit wurde eingeschränkt, ob sie wollte oder nicht. Bei sich triumphierte er, es würde alles so werden, wie er voraussah. Wenn sie bisweilen über die Stränge schlug, wenn sie aufbrauste, weil er sie im Zügel hielt, und ihn offen einen „ekligen, ollen Philister” schalt und die dumme Plackerei ihres Zustandes verwünschte, so war er von einer unerschütterlichen Geduld und Rücksichtnahme. Er sagte sich, daß das ganz in der Ordnung war. Bei ihr wie bei allen Frauen; nur eben ihrer Eigenart entsprechend. Und er übte sich in einer Zartheit, einer Beherrschung seines Temperaments, die ihm niemand, am wenigsten er selbst sich zugetraut hätte.

Gleich nach Mitte Oktober kam der große Tag.

Exzellenz Hupfelds Automobil hielt fast vom Morgen bis zum Abend vor der Villa. Perthes hatte sich frei gemacht. Der Ordinarius für Gynäkologie, ein Freund des Geheimen Rats, war zugegen. Mama Hupfeld erhielt durch ihren Diener halbstündigen Wetterbericht, denn ihre furchtsame Erregbarkeit war für Wochenstuben nicht gemacht.

Um sechs Uhr abends erblickte ein schreihälsiger junger Perthes das Licht der Welt.

Hupfeld, der Großvater, und Perthes, der Vater, schüttelten sich mit gerührter Freude die Hände. Alice war schwach, aber außer jeder Gefahr. Als Perthes bei ihr eintrat, mit Blumen und lachend besorgter Miene, betrachtete sie eben verwundert das kleine Menschenbündel, das ihr die Wärterin hinhielt. Sie lächelte bei seinem Kommen.

Er setzte sich neben sie und ergriff ihre rechte Hand, um sie zu küssen.

Nach einer Weile murmelte sie ein paar Worte.

„Wie meinst du, Liebling?” Er beugte sich vor, denn er hatte nicht verstanden. „Hast du einen Wunsch?”

Sie wiederholte ihre Worte. Er meinte sich zu verhören, und ließ sie sich zum drittenmal, noch näher ihrem Mund, wiederholen.

„Nu hab' ich mir aber meinen Basar verdient! Ehrlich!” kam es klar und überzeugt hervor.

Perthes gab keine Antwort. Er legte ihre Hand zurück auf die Decke. Sein Herz klopfte zum Zerspringen. Er hatte mit ihr ein dankbares Wort über den tüchtigen Burschen reden wollen, den sie ihm geschenkt. Es blieb ihm in der Kehle stecken. Er lächelte ihr noch einmal zu und ging auf den Fußspitzen aus der Stube.

Während Exzellenz nach ihr sah, stand er lange im Speisezimmer am Fenster, ohne hinauszusehen in das Herbstdunkel mit den trägen Bergmassen, dem düsteren Fluß, dem gestirnten Himmel.

Das war also alles, was Alice empfand!

Sie hatte ihre Arbeit geleistet und erwartete ihre Belohnung. Kein Wort für das Kind, kein Wort für ihn.

Eine grausame Erbitterung stieg in ihm auf. Sie wurde von einer Traurigkeit abgelöst, wie er sie lange nicht gefühlt. Wie aus dem Nichts, ungerufen, aber voll und deutlich tauchte Marga vor ihm empor. Marga als Mutter — eine Welt von Innerlichkeit, von Gemüt, von Schönheit und Liebe. Er preßte die Fäuste gegen die Schläfen; seine ganze Energie spannte er an, um diese tödliche Vision abzuhalten, fortzudrängen, zu vernichten. Es gelang ihm. Aber eine unerklärliche, zornige Angst und Beklemmung blieb in ihm zurück. Es waren wieder Alices Schalksaugen vor ihm, hinter die er zu dringen suchte. Und er bebte vor dem, was er zu ergründen meinte. Er wies die Ahnung zurück. Mit dem Rest seines dämonischen Nichtwollens warf er seine erwachende Seele nieder ...

Alice genas schnell und normal. Auch der Junge machte die besten Fortschritte. Sie behandelte ihn sehr unterschiedlich: bisweilen überhäufte sie ihn mit Zärtlichkeiten; ein andermal vergaß sie ihn völlig. Beharrlich war sie dagegen in dem Wunsch, keinesfalls dem Basar fernbleiben zu müssen. Die „Handarbeitsbude” hatte sie wieder aufgegeben, die Musterauswahl zurückgeschickt, bald nach jener Aussprache mit ihrem Mann: nicht etwa, weil er sie überzeugt hatte, sondern weil sich ihr die Sache als zu mühselig erwies und nicht den rechten Spaß machte. Ihre neuen Pläne hielt sie geheim: sie hatte nur, schon während ihres Wochenbettes, regelmäßige Konferenzen mit Edith Hammann. Gesundheitlich war gegen ihre Teilnahme kaum etwas einzuwenden. Sie gedieh vorzüglich in ihrer koketten Krankenstube. Die Taufe wurde für Anfang Januar festgesetzt. Der Junge sollte nach seinem berühmten Großvater den Vornamen Benno erhalten.

Seltsamerweise waren auch Perthes' Gedanken mehr bei dem unnützen Basar als bei seinem Kind. Sie kristallisierten sich auf diesen Punkt mit der Hartnäckigkeit einer fixen Idee. Mit dem verzweifelten Eigensinn eines Mannes, der in seinem Glauben erschüttert ist, aber sich nichts davon eingestehen möchte, beschloß er, Alices Liebe eine Kraftprobe aufzuerlegen. Das Wohltätigkeitsfest war, unvorhergesehener Schwierigkeiten halber, auf die zweite Hälfte des Januar verschoben worden. Unter dem Weihnachtsbaum — er hatte Alice überreich und zartsinnig beschenkt — erbat sich Perthes ihren Verzicht auf diese kostspielige Veranstaltung, geradezu als Beweis der Liebe. Sie wollte nichts davon hören, aber allmählich trug seine Beredsamkeit, die so feurig sein konnte, den Sieg davon. In einem Wirbel von Liebkosungen erstickte ihr Widerstand. Sie versprach, den Basar aufzugeben.

Perthes war selig. Sein Glück schien ihm noch einmal bis in die Wolken zu reichen ...

Bennos Taufe wurde von den Schwiegereltern zu einem prunkenden Familienfest ausgestaltet, das die niedliche Villa Perthes von oben bis unten mit Gästen füllte. Außer den Eltern Hupfeld waren Leutnant Moritz und Cousine Hilla da, Graf und Gräfin Hüningen, Professor Hammann und Frau und viele andere. —

Perthes' Habilitationsschrift war vor Weihnachten fertig geworden und eingereicht. Er arbeitete jetzt an seiner Antrittsvorlesung, die wohl Anfang Februar folgen konnte. Er mußte sich tüchtig dranhalten, um fertig zu werden. Alice, die die „schreckliche Paukerei” sehr abgeschmackt fand, war wohlauf und verbrachte wieder, wie zuvor, die meisten Stunden des Tages außer dem Hause. Perthes war seit ihrem Weihnachtsversprechen völlig beruhigt und nachsichtiger denn je. Sie waren beide zärtlich und einträchtig miteinander, so oft eine halbe Stunde sie zusammenführte. Fragte er zufällig einmal, was sie triebe, so lautete die regelmäßige Auskunft, daß sie mit Bubi bei den Großeltern gewesen sei. Er fand das riesig nett für sie und die alten Herrschaften und bedauerte nur, daß er selber seinen Jungen höchstens einmal zwischen Tag und Dunkel in den Armen halten konnte.

An einem der letzten Januarabende, als er mit einer Zigarre von der Klinik die Allee am Fluß entlangschritt — gemütlicher als sonst, denn die Ausarbeitung seiner Antrittsvorlesung war in diesen Tagen fertig geworden —, begegnete ihm Doktor Markwaldt. Er hatte den ehemaligen Arbeitsgenossen vom Bakteriologischen Institut seit langem nicht gesehen, denn in der klinischen Gesellschaft zeigte er sich, seit er verheiratet war und an seinen wissenschaftlichen Nebenarbeiten übergenug zu tun hatte, so gut wie gar nicht mehr. Die Begrüßung war von Perthes' Seite sehr freundlich, von seiten Markwaldts noch überdies sehr respektvoll, mit einer kleinen Dosis nicht schlecht gemeinten, sondern eher bewundernden Spottes für den famosen Streber, der seine klatschbeflissene Nußknackerei so lange zum Narren gehalten hatte. Sie unterhielten sich eine Strecke Wegs. Vor der neuen Brücke, wo sie sich, wie in alten Tagen, trennten, fühlte sich Markwaldt noch zu einem Kompliment gedrungen.

„Im übrigen, Herr Kollege, der indische Verkaufsstand Ihrer Frau Gemahlin auf dem Basar — einfach tadellos!” Er schnalzte voll Anerkennung mit der Zunge.

Perthes, der schon Markwaldts gepolsterte kleine Hand losgelassen, blieb erstaunt stehen.

„Sie wollen mir wohl zum Abschied eine Ihrer berüchtigten Neuigkeiten aufschwatzen?” erklärte er ruhig und lachend. „Meine Frau ist ja gar nicht dort.”

„Na, da hört sich aber die totale Weltgeschichte auf! Wenn jemand flunkert, sind — verzeihen Sie mir — Sie das! Vor noch nicht zwei Stunden war ich in der Festhalle, um mir den Klimbim mal anzusehen und habe von Ihrer Frau Gemahlin einen mächtigen indischen Topfscherben — vermutlich aus Berlin SO — für unglaubliches Geld erstanden. Von der Gräfin Hüningen —”

Perthes war erdfahl geworden.

Markwaldt, nichts ahnend, hielt inne und sah ihn dumm-verdutzt an.

Doch schon im nächsten Moment hatte Perthes eine vorbeifahrende Droschke angerufen. Mit einem hastigen „Entschuldigen Sie!” verabschiedete er sich von dem fassungslosen Bakteriologen und saß im Wagen.

„Nach der Festhalle!” befahl er dem Kutscher.

In fünf Minuten hielt der Wagen vor dem Portal. Wie er war, stürmte Perthes die Treppe hinauf. Ohne Rücksicht auf das Geflüster der festlich geschmückten jungen Mädchen, die im Vorraum die Köpfe zusammensteckten, um dann, wie aus der Pistole geschossen, mit ihren Programmbüchern, Konfitüren und Losen auf ihn zuzuschießen; ohne rechts oder links einen der zahlreichen Bekannten zu begrüßen, ja ohne auch nur, trotz des hellen Rufes der Kassiererin, eine Karte zu lösen, eilte er in den Trubel des Saales und drängte sich beinahe barsch durch die lachende, schwatzende Menschenmenge. Sein blasser, schwarzbärtiger Kopf, in diesem Moment wirklich räuberhaft, überragte die meisten Besucher.

Bei einer der girlandenumwundenen Säulen, nahe der Komiteeloge mit ihren Fahnen und Blumengewinden, blieb er stehen. Er hatte den indischen Stand entdeckt. Inmitten eines Schwarmes von Käufern — Offizieren, Studenten, Akademikern — sah er seine Frau.

In einer glanzvollen Phantasierobe, lachend und schwatzend, verhandelte sie eben über eine bronzene Vase mit dem schlitzäugigen Prinzen von Siam, den er vom Feldberg kannte, und der gegenwärtig die byzantinisch angebetete Zierde derer um Hupfeld war ...

Der Schweiß trat ihm kalt auf die Stirn. Seine Augen schweiften, wie Halt suchend, über das Gewirr der Menschen, an den Buden längs der Wände hin. In einem Verkaufsstand glaubte er einen Augenblick neben Frau Geheimrat Achenbach Marga und Elli Richthoff zu erkennen. Es war nur eine Fiktion. Seine Zähne knirschten. Er drehte sich gewaltsam um. Er spürte, wie seine Leidenschaftlichkeit in ihm aufwallte. Seine Liebe für Alice war immer ein eigenartiges Gemisch widerstrebender Empfindungen gewesen. Heute brach die Wut, unstreitig die Wut aus ihm hervor. Er hätte auf Alice zustürzen, er hätte sie zu Boden schlagen können. Der Haß des Edeltieres Mann gegen das Ewigweibliche im Sinn des Ewigtierischen verdunkelte seinen Sinn. Mit dem letzten Aufwand seiner Energie rannte er aus dem Saal, wie er gekommen war. Er erreichte sein Haus, ohne zu wissen wie ...

Frau Perthes, die von seinem unerwarteten Auftauchen Kunde erhalten, zog es vor, bei ihren Eltern zu übernachten. Sie war überzeugt, daß sein Groll bis zum Morgen verraucht sein würde. So ein Pech! Sie hatte sich so sicher geglaubt! Wie war er, der sich um nichts dergleichen mehr gekümmert, nur auf den Einfall gekommen, in die Festhalle zu gehen! Gott — erfahren hätte er es wohl auch so. Bestenfalls konnte er jetzt etwas länger grollen ...

Perthes ließ sich am anderen Morgen auf der Klinik „verhindert” melden. Er wartete auf Alice.

Seine heiße Wut hatte einer kälteren, bestimmteren Platz gemacht.

Vergnügt, gleichgültig, spitzbübisch, als wäre nichts geschehen, kam sie gegen Mittag heim.

Er stellte sie mit dürren Worten zur Rede. Sie blieb höchst gelassen. Du lieber Himmel, sie hatte das dumme, überspönige Versprechen von Weihnachten nicht so ernst genommen! Sie hatte ihn ja weiter gar nicht mehr belästigt. Was wollte er denn überhaupt? Die ganze Ausstattung der indischen Bude hatte sie sich von Papa schenken lassen! Damit war doch die Sache erledigt ...

Perthes war angesichts ihrer vollendeten Skrupellosigkeit, dieser moralischen Stumpfheit einer unschuldigen kleinen Wilden, eines verbildeten, unartigen Kindes sprachlos. Er wollte aufbrausen. Aber sein Zorn fiel in sich zusammen. Seine Stimme versagte. Was er da vor sich hatte: das war ja die immer gesuchte, immer wieder vertuschte und verschobene Lösung des Rätsels. Hinter den lockenden Irrlichtaugen, den Gamingrimassen, den tollen Gassensprüngen — die Leere! die vollendete Hohlheit! Er hatte seinen Irrwisch in der Hand: es war ein kleines, schwarzes, unscheinbares Nichts, von dem niemand begriff, wie es zu seinem Leuchten kam ...

Er schickte Alice weg.

Hier war nichts mehr zu ändern. Hier gab es nur eines: handeln. Die Umgebung, vielleicht war es nur die Umgebung, die sie ruinierte. Aus ihr mußte sie heraus. Mit ihm. Mit dem Kind, ehe sie auch dieses vernachlässigte oder gar mit ihrer Oberflächlichkeit ansteckte!

Mit der Heftigkeit seines Temperaments drang er vom Entschluß zur Tat.

Am Nachmittag ging er zu Hupfelds.

Exzellenz war gerade von einer Reise zurückgekommen, von einer auswärtigen Konsultation, die ihn sehr abgespannt hatte. Eigentlich empfing er niemand. Ziemlich widerwillig machte er mit seinem Schwiegersohn eine Ausnahme.

Als Perthes eintrat, lag er auf seinem Diwan ausgestreckt. Mit überlegener, etwas nervöser Ruhe hörte er den Sachverhalt an. Er konnte die Aufregung des „lieben Jungen” verstehen. Er verstand ja alles. Er sagte ihm das, fügte aber hinzu, man müßte gerecht sein. Das „arme Kind” brauchte nun mal seine Extravaganzen. Im übrigen würde die Ehe das Ihrige tun, um sie noch mehr zu zähmen, seine Hummel. Mein Gott, das waren so die kleinen Evolutionen, die jede Ehe durchmachte! Nur sie nicht als Revolution betrachten! Dadurch machte man sie erst dazu!

Perthes hörte ehrerbietig zu. Aber er opponierte. Er glaubte aus den und den Gründen, daß die Sache ernsthaft sei. Er hatte noch immer nicht begriffen, daß „Ernst” im Hause Hupfeld nur eine höchst relative Größe war. Und er rückte geradeswegs mit seinem Wunsch heraus: Der Geheime Rat solle einwilligen, daß er mit Alice nach auswärts ginge, wenn es nur für ein paar Jahre wäre. Eine andere Assistenz oder eine Anstaltsleitung ließe sich gewiß für ihn finden.

Hupfeld sah seinen Schwiegersohn groß an. So, wie man jemand ansieht, an dessen normalem Befinden man zweifelt.

„Lieber Junge,” begann er dann herablassend und mild, „du bist überreizt. Das sind — verzeih — das sind Ausgeburten eben einer überreizten Phantasie. Du hast dir das auch nicht ernstlich überlegt. Erstens kann ich es als Vater nicht zulassen. Wir wollen Alli nicht entbehren. Zweitens brauch' ich meinen Assistenten. Drittens würde damit deine ganze Laufbahn in Frage gestellt. Was du selbst einsehen mußt.”

Perthes sah nichts ein. Hartnäckig blieb er bei seinem Wunsch. Er brachte ihn mit Nachdruck, beinahe heftig, von neuem vor. Er wollte und mußte weg von hier, um Alices, des Kindes und um seinetwillen.

Exzellenz richtete sich halb vom Diwan auf. In den blassen Augen schimmerte ein grüner, zorniger Blitz. Die hohe, leere Stirn faltete sich und die sonst so getragene Stimme wurde unangenehm scharf, fast bösartig.

„Niemals!” erklärte er mit der abschneidenden Gebärde des großen Mannes. „Davon wünsche ich nichts mehr zu hören! Niemals!” Und mit einer Bonhomie, die verletzender war als dieser herrische Zorn, weil sie Perthes kraß seine Stellung gegenüber dem Mann zeigte, der ihn „gemacht” hatte, setzte Exzellenz nach einer Pause hinzu: „So haben wir nicht gewettet, mein lieber Junge! Merk dir das gefälligst! Und laß mich jetzt ausruhen! Ich bin halb tot! Adieu!” Er reichte Perthes die berühmte, molluskenweiche Hand, die dieser frostig berührte.

Die Audienz war beendet.

Als Perthes wieder auf der Straße war, war er versucht, seine Arme zu heben, zu schütteln. Mußte man nicht die Ketten klirren hören, die er sich selber geschmiedet? In denen er sich selber gefangen? Er — der Streber mit Willen! Gefangen, zusammengekettet mit einem leuchtenden Nichts! Er mit seinem verwundeten, niedergetretenen Stolz! Mit seiner Seele, die er sich abgeschafft und die sich doch nicht abschaffen ließ, sondern klagte, forderte, rief und schrie! ... Seine Leidenschaftlichkeit half ihm nichts mehr. Die dämonische Lust half nicht mehr. Es gab kein Springen mehr. Er mußte schreiten. Was er sein ganzes Leben nicht gekonnt: jetzt mußte er es können! Und er lernte es. Jahraus, jahrein besser — und für ein ganzes Leben, wenn es sein sollte.

Noch im Spätherbst, nach der Habilitation, verschaffte ihm sein Schwiegervater ein Douceur. Für die rauhe Weigerung gewissermaßen ein liebenswürdiges Heilpflaster. Er erhielt den Titel außerordentlicher Professor. Schon anderthalb Jahre später wurde er etatmäßig.

Doktor Max Perthes, etatmäßiger außerordentlicher Professor an der Universität ..., erster Assistent an der Chirurgischen Klinik und stellvertretender Leiter. Wie hübsch das klang! Er hatte Karriere gemacht ...

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