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Die große Stille

15

Reading edition

Beim Weihnachtswiedersehen auf dem Feldberg hatte Leutnant Hupfeld gelegentlich ausgerufen: „Ich kann mir nicht helfen, Kinder! Aber Alli mir als junge Frau zu denken, ist mir schlankweg unmöglich!”

Der frische, natürliche Junge hatte da ein Wort gesprochen, wahrer und prophetischer, als er selber wußte.

Frau Alice Perthes war nicht zu Würde und Ehrsamkeit, oder, wie sie es nannte, zur biederen, deutschen Hausfrau geschaffen. Ihre Sucht, modern, chic, vorurteilslos zu sein, war nicht gemacht und angelernt; sie ergab sich durchaus natürlich und folgerichtig aus ihrem wurzellosen Wesen, ihrem prickelnden, sensationsdurstigen Temperament, ihrer spottlustigen, spitzbübischen Wechselnatur, wie sie im beweglichen Spiel ihrer Mienen, ihrem graziös-leichtfertigen Gang, ihrem gelenkigen, biegsamen Körper sich ausdrückte. Sie war auch gar nicht gesonnen, in der Ehe eine andere Haut anzuziehen. Das flotte Mädel zu sein und zu bleiben, das sie Gott sei Dank war, blieb Alices Wahlspruch auch für die Ehe. Und Perthes, den eben diese herausfordernde Mädelsmanier so leidenschaftlich angezogen hatte, wiederholte ihr immer wieder: „Gerade wie du bist, Irrwisch, brauch' ich dich und will ich dich haben!”

Die neue gesellschaftliche Atmosphäre, in die sich Perthes versetzt hatte, war ihm nach wie vor nur in ihren Annehmlichkeiten fühlbar geworden. Ein elegantes, großzügiges häusliches Leben, Geselligkeit im eigenen Heim, Geselligkeit draußen, der angenehme Nervenreiz beständiger Abwechselung: das waren lauter Dinge, die ihm fürs erste imponierten. Soweit es seine beschränkte Zeit irgend erlaubte und die Rücksicht auf die sichere Hand, die sein chirurgischer Beruf verlangte, es zuließ, machte er mit. Den großen Rout im Palais Hüningen, die üppigen, offiziellen Semesterdiners bei den Schwiegereltern, kleine und große Schmausereien bei Hammanns und anderen Bekannten — ließ er sich nicht entgehen, auch wenn er sich mal ein bißchen kaput und ermüdet fühlte. Worin er sich bescheiden mußte, das war der Sport, dem seine Frau nach wie vor huldigte. Das Neueste, was die Gräfin Hüningen einzubürgern suchte, war Polo, und Alice war Feuer und Flamme für das Pferdeballspiel. Dazu fehlte ihm die Zeit. Und sein Leben konnte dann mitunter ein wenig junggesellenhaft werden. Wenn er zur Hauptmahlzeit zwischen sechs und sieben „mordshungrig” von der Klinik kam, mußte er sich öfter allein servieren lassen, weil sein Irrwisch noch „herumstrolchte”. Aber das Grundgesetz ihrer Ehe, das er stillschweigend sanktioniert hatte, war die Freiheit hüben und drüben. Sie mußte geachtet werden.

Mitte Mai — er war eben am Schluß eines solchen Junggesellenmahls angelangt — kam Alice aus der Stadt heim. Gewöhnlich brachte sie einen Sack voll Tagesneuigkeiten mit, die sie als Nachtisch zur gefälligen Auswahl ihrem Räuberhauptmann auf den Tisch schüttete. Im Vorbeigehen hatte sie bei den Eltern ein Butterbrot gegessen und setzte sich dann noch zur Unterhaltung neben ihn.

„Denk' mal an — ich komme durch die Hauptstraße — sehe an einem Bücherladen ein Telegramm des Tageblättchens angeschlagen und denke Wunder was passiert ist. Nachher steht weiter nichts drin, als daß irgend ein oller Professor am Herzschlag gestorben ist!”

„Wer denn? Von hier jemand?” fragte Perthes ziemlich gleichgültig, während er sein Glas mit gemischtem Rotwein an den Mund setzte.

„Ach, ein Philologe glaub' ich. Richter oder so was.”

„Doch nicht Richthoff?” Perthes setzte sein Glas ab. Er war unwillkürlich betroffen.

„Doch — Richthoff. Natürlich! So hieß er!” Alice, die die enttäuschende Neuigkeit in der Tat nur obenhin und gedankenlos gelesen und auch jetzt so vorplapperte, erinnerte sich nun des rechten Namens und gleichzeitig einer Beziehung ihres Mannes dazu, die sie noch immer nicht recht herausbekommen hatte. „Hast du nicht dort früher verkehrt, Männi?” setzte sie harmlos hinzu.

Perthes war sehr ernst geworden. So ernst, wie sie ihn lange nicht gesehen. Er hatte mit der Vergangenheit gründlich und dauernd abgeschlossen. Aber diese Todesnachricht beschwor doch, ob er wollte oder nicht, Erinnerungen herauf.

„Gott, Räuberhauptmann, du machst ja ein gräßlich düsteres Gesicht. Was ist denn los?”

„Schließlich handelt es sich ja auch um eine ernste Sache”, meinte er zerstreut.

„Nu ja! Hast du denn den guten Mann so nahe gekannt?”

Perthes schwieg. Er dachte an den braven alten Herrn und sann darüber, was aus seiner „Bande” werden mochte.

„Du, das mußt du mir mal erzählen,” fuhr Alice unbekümmert fort. „Ich weiß nämlich genau, wie es stand. Von Markwaldt. Du mußt einer von den Töchtern mächtig den Hof gemacht haben! Nu mal heraus mit der Sprache!” Sie rückte zutunlich näher, wie um eine amüsante Geschichte zu hören. Beglückt, nun endlich den rechten Faden gefunden zu haben, den ihre Neugier immer wieder verloren, sah sie ihm mit einem übermütig flackernden Blick in die Augen.

Perthes hatte keine Lust zu Bekenntnissen. Zu dem war ihm die Art, wie sie ihn dazu drängen wollte, peinlich.

„Weißt du was?” sagte sie lebhaft. „Wir schließen einen richtigen Handel! Du erzählst mir dein Abenteuer mit den Richthoffs. Ich erzähle dir dafür, wie ich mich um ein Haar mit Hammann verlobt hätte, willst du?” Sie legte ihm den Arm um den Hals und kraulte schmeichelnd seinen dichten, schwarzen Bart.

Er ließ es eine Weile geschehen. Dann löste er sich aus ihrer Liebkosung. Den Handelsvorschlag hatte er nur mit halbem Ohr gehört. Er war erfüllt, bedrückt von dem, was die Kunde vom Tode Richthoffs in ihm lebendig gemacht hatte. Der Gedanke, sich durch eine solche Beichte, so zuwider sie ihm an sich war, von diesem Druck zu befreien, war vielleicht so schlecht nicht. Wenigstens jetzt nicht, wo er seiner Stimmung entgegenkam. Und dann erwachte die Lust in ihm, diese dämonische Lust, mit der er sich zu Alices Lebensgefährten gemacht und sich von einer erträumten Höhe heruntergeholt hatte: er wollte versuchen, die alberne Bürde vergangenen Schwersinns mit einem Ruck vollends abzuwerfen.

So gab er nach. Mehr sich als ihr.

In einem von Sarkasmus und verschämtem Ernst gemischten Ton begann er seine idealistische Epoche zu schildern. Aber es gelang ihm nur im Anfang, gegenüber den Menschen und Dingen von einst die leidenschaftslose Überlegung festzuhalten. In dem Maße, als er sich dem Mittelpunkt seiner Erinnerungen näherte, fühlte er, daß er seine Kraft überschätzt hatte. Er wurde warm. Eine schwermütige Verbissenheit zerhackte seine Sätze. Das Gedächtnis Margas sträubte sich gegen jede Entweihung. Er konnte über dieses Mädchen und diese Liebe nicht mit dem Achselzucken der großen Welt hinwegkommen, das er seiner Umgebung für so manches andere abgelernt hatte. Warum hatte er sich verführen lassen, den Schleier von diesem Erlebnis zu ziehen? Und doch konnte er nicht abbrechen, dem wortreichen Eifer, in den er geriet, nicht Einhalt gebieten. Als müßte er sich für die Taktlosigkeit seiner Enthüllungen bestrafen, suchte er mit nervös hervorgeschleuderten Worten und Sätzen ein gerechtes Bild von Margas innerem Wert, von seiner eigenen Mittelmäßigkeit zu geben, die nicht zu ihr hinaufreichte. Es war eine Sisyphusarbeit, der er erliegen mußte. Er hatte sich verrannt und fand keinen Ausweg, bis ihn ein Blick auf Alice ernüchterte.

Sie saß zusammengekauert auf ihrem Stuhl und sah ihn mit verwunderten, belustigten Augen unentwegt an, wie er, gleich einem fremden, spaßigen Tier im Speisezimmer auf- und abschritt, da einen geschnitzten Hocker wegstoßend, dort an einem der türkischen Kelims zerrend oder eine der Kristallkaraffen auf dem Büffet vom Platz rückend.

Er stand still und schwieg.

„Aber Maxi”, kicherte sie leise. „Daß du so ein sentimentaler Junge warst, noch vor nicht einem Jahr, das hätt' ich mir denn doch nicht träumen lassen! Geahnt hab' ich ja den Spießer immer 'n bißchen —”

„Nicht wahr? Unglaublich!” stieß er hervor. Es klang gar nicht spießig, sondern eher wild und zornig.

„Und noch heute sprichst du von deiner Angebeteten wie von einem Wunder! Und blind war sie auch? Einfach romantisch, Männi! Bürgerlich und romantisch! Gibt's nicht ein Lustspiel, das so heißt? Und dabei bin ich überzeugt, sie war auch nur ein biederes, sentimentales —”

„Lassen wir's!” schnitt er ihr das Wort ab. „Dummheiten, du hast recht!” Er lachte gezwungen.

Sie war aufgestanden und hatte sich ihm genähert. Sie ließ ihr Lachen, das kurze, helle, aufreizende, in das seine klingen.

Er stand ihr gegenüber. Das Blut ging wie eine Welle durch seinen Körper und flirrte vor seinen Augen. Er erzitterte und ballte die Faust. Dann ergriff er sie und riß ihre Arme auseinander, als wollte er sie zerbrechen.

Sie stieß einen Wehruf aus.

Er bog ihren Kopf beinahe brutal zurück, nahm ihn zwischen seine starken, großen Hände und senkte seinen Blick in die schillernden, boshaft-schillernden Augen. Wer war denn das, der über ihn, über sein prostituierendes Geständnis, über alles, auch das Ernsthafteste, was er einst besessen und hochgehalten, lachen, so lachen durfte? Wo war das Geheimnis hinter diesen Augen? Wie war sie beschaffen, diese Seele oder was es war, dieses ewig Kichernde und Spottende? Wo war der Grund in diesem Ungrund?

Sie wand sich los. Dieser wühlende, dringende Blick war ihr ungemütlich.

„Wahrhaftig, ich glaub', du fängst an, bei mir noch Gemütsstudien zu machen? Auf deine Räuber- und Bärenmanier! Das laß mal besser sein!” schalt sie. „Da verschieb' ich mein Geständnis lieber. Wir müssen sowieso fort. Zu Hammanns. Sie erwarten uns um neun. Ich mach' mich zurecht!” Sie glitt aus dem Zimmer.

Perthes stand einen Augenblick unschlüssig, mißgelaunt. Er hatte keine Lust, heute unter fremde Menschen zu gehen. Also Vater Richthoff war gestorben. Und er hatte, ausgemacht heute, seine Erinnerung mit diesem Bekenntnisse — — Warum nicht? Das war der echte Perthes! Gewiß! Und der echte Perthes ging in sein Ankleidekabinett, um sich für Hammanns umzukleiden ...

Die Bedingungen, die Exzellenz Hupfeld seinerzeit Perthes als Gegenleistung für seine Ernennung zum ersten Assistenten auferlegt hatte, konnte er als Schwiegervater nicht in ihrer vollen Strenge durchsetzen. So erklärte er sich denn auch damit einverstanden, daß Perthes sich habilitieren sollte. Die wissenschaftlichen Arbeiten, die dem Eintritt in den Lehrkörper der Alma mater notwendig vorausgehen mußten, nahmen im Lauf des Frühjahrs mehr und mehr auch seine kurze Freiheit in Anspruch. Er mußte sich zunächst aus dem gesellschaftlichen Strudel etwas zurückziehen. Für seine Person wurde ihm dies dadurch erleichtert, daß er sich von dem ewigen Hin und Her nachgerade ein wenig ermüdet und übersättigt fühlte. Und dann machten ihm die unverhältnismäßig hohen Ausgaben, die dies anspruchsvolle Leben verursachte, neuerdings manchmal Sorgen, und er ergriff gern die Gelegenheit, sie durch seinen unauffälligen Rückzug möglicherweise einzuschränken.

Er hatte sich vorgenommen, Alice von solchen Sorgen nichts mitzuteilen.

Bei sich dachte er, wenn er selber den allzuhohen Anforderungen der Geselligkeit auszuweichen begänne — seine wissenschaftlichen Gründe dafür schien sie zu würdigen —, würde auch sie allmählich ganz naturgemäß nicht mehr soviel ausgehen wollen.

Doch darin hatte er sich getäuscht.

Alice fand es riesig nett, sich auf eigene Faust zu amüsieren. Sie dachte nie daran, von ihren Passionen und Unterhaltungen, von all den Ansprüchen ihres verwöhnten Mädchenlebens in der Ehe auch nur das Geringste entbehren zu sollen. Im Gegenteil. Jetzt, wo sie nach der Verheiratung ihr eigener Herr war, wollte sie ihre Ungebundenheit erst recht genießen. In ihrem Elternhaus hatte es kaum einen Wunsch gegeben, den sie sich zu versagen brauchte. Davon konnte auch jetzt keine Rede sein. Was aber den Reiz gegen früher erhöhte, war, daß jetzt neue Bedürfnisse ihrem Belieben unterstellt waren. Eine Hausfrau im gewöhnlichen Sinn zu sein, dazu fehlte ihr Lust und Talent. Aber Aufträge zu geben, ins Blaue hinein zu verfügen und zu befehlen, besonders aber zu kaufen, machte ihr einen Hauptspaß. Ihre Ausstattung an Gegenständen der Einrichtung, der Wirtschaft, an Toiletten und Kleidungsstücken jeder Art war mehr als reichlich. Und doch nicht reichlich genug, um vor den unerschöpflichen Einfällen ihrer Laune zu bestehen.

Unter dem Patronat der Gräfin Hüningen vollzog sich im Kreis der modernen akademischen Gesellschaft jener stoßweise Wandel von Liebhabereien und Modetorheiten, der jedem Monat seinen neuen Heiligen gab. Mitunter handelte es sich um harmlose Dinge: man bekam für einige Wochen den musikalischen Koller, der kein Konzert vorüberließ, die Tees, die Soireen, die ganze Unterhaltung musikalisch verseuchte. Dann mußte man plötzlich Vorlesungen besuchen: es war einfach Anstandssache, Kunstgeschichte, diese Erbdomäne aller Dilettanten, zu treiben oder Literatur bei einem plötzlich zum Stern erster Ordnung erklärten jungen Professor zu hören.

Doch bei solchen geistigen Anfällen, die Alice nur aus Mode und nicht aus irgendwelchem Interesse mitmachte, blieb es nicht. Man schwärmte serienweise für bestimmte kostspielige Stoffe, für echte Spitzen, für Kopenhagener Porzellan, für eigenartige Intarsien, für Seltenheiten und Reformen jeder Art in Toilette und Haus, die die Kauflust wie ein Fieber erregten.

Perthes, den eine gute Weile seine Verliebtheit blind machte, drückte auch späterhin, solang' es irgend ging, seine Augen standhaft zu. Da Alice mit ihrer Rente den Haushalt zu einem guten Teil mitbestritt, war seine Situation heikel. Wenigstens empfand er sie so, mit der Zartheit eines vornehm denkenden Menschen. Er redete sich auch ein oder glaubte wirklich, diese Kaufwut werde sich abschwächen und von selber eindämmen. Aber als die Rechnungen sich mehrten und es sich nicht mehr um Summen handelte, die sich nebenbei begleichen ließen, ohne daß man die Posten besah, aus denen sie sich zusammensetzten, wurde er aufmerksamer und kritischer. Mit dem Schrecken des Mannes, der sich nie viel um Geld gekümmert, aber durch seine Herkunft und Erziehung, ohne sich dessen genau bewußt zu sein, gewisse solide Maßstäbe ererbt hat, gewahrte er Zahlen, die sein Verständnis überstiegen. Es war ihm unverständlich, wie ein paar Schuhe vierzig Mark, ein Hut neunzig Mark, ein spitzenbesetztes Hemd sechzig Mark sollte kosten müssen und können. Naiv, wie seine Erfahrung war, meinte er, es müßten da Mißverständnisse, Irrtümer, Beutelschneidereien mitunterlaufen, denen seine kleine Frau unschuldig zum Opfer fiel.

Er wagte bei der nächsten Gelegenheit — es handelte sich um einen für seine Begriffe unerhört teuren Abendmantel —, Alice zu befragen.

„Aber Männi — davon verstehst du nichts! Ich finde den Mantel billig!” erklärte sie achselzuckend. Sie hatte, wie sie erzählte, sich sogar einen besseren „verkniffen” und war ordentlich stolz auf diese Einschränkung.

Perthes verstummte. Er war verblüfft. Hartnäckig bewahrte er noch einige Monate den guten Glauben, daß da etwas nicht mit rechten Dingen zugehe. Er hätte sich gern bei irgendeiner Dame Aufklärung geholt, ob das so sein müsse, aber er fürchtete, sich lächerlich zu machen. Schließlich war er gezwungen, sich über die Folgen, die eine solche Lebenshaltung haben mußte, doch ernstlich zu besinnen. Er rechnete die steigenden Ausgaben gegen die Einnahmen und kam zu einem vernichtenden Resultat.

Nun blieb nichts anderes übrig: er mußte mit seiner Frau sich aussprechen.

Die Sache wurde durch einen besonderen Umstand noch schwerer, als er sie schon an sich nahm. Alice sah für den Herbst einem frohen Ereignis entgegen. Als sie ihm ziemlich spät und ziemlich beiläufig davon Kenntnis gab, hatte ihn die Nachricht ergriffen. Sie selbst war so wenig feierlich gestimmt, steckte so in ihrem täglichen Trubel, daß sie für seine gefühlvolle Auffassung nicht Zeit hatte. Gleichwohl behandelte er sie von da an mit doppelter Rücksicht. Deshalb kam ihm diese Auseinandersetzung über Geldfragen so ungelegen wie möglich. Er nahm sich vor, sie aufs schonendste einzuleiten.

Noch im Lauf des Sommers, kurz vor den großen Ferien, kam ihm die Gelegenheit entgegen.

Von der Klinik zurückkehrend, betrat er ihr Zimmer, das neben dem Speisezimmer mit allem erdenklichen Geschmack und Komfort ein kleines, von Mama Hupfeld ausgestattetes Reich für sich bildete. Er wollte Alice begrüßen, die er dort vermutete. Unter der Portiere blieb er verdutzt stehen. Es war da in dem zierlichen Raum eine wahre Ausstellung eröffnet. Die verschiedensten Handarbeiten, als da waren Knüpfteppiche, Sofakissen, Tischläufer, Decken und Deckchen mit Mustern jeden Stils und auf Stoffen jeder Art, bedeckten den Diwan, die Stühle, den Tisch. Ein halboffener Riesenpacken mit verwandtem Inhalt lag auf dem Boden. Daneben saß Alice, mit dem Aufschnüren eines zweiten, kleineren Pakets beschäftigt. Das heißt, sie suchte die Schnur aufzureißen. Als das nicht ging, probierte sie es mit den Zähnen. Und in dem Moment, als Perthes sich bemerkbar machte, hatte sie eben wohl oder übel aufstehen wollen, um die Schere zu holen.

„Du denkst wohl, ich will hier einen Kramladen aufmachen?” lachte sie belustigt.

„Es sieht beinahe so aus,” erwiderte er mit einem verwunderten Blick auf dies Warenlager.

„Ach gib mir mal die Schere.” Sie deutete nach ihrem Schreibtisch. „Alles für den Bazar im November,” erklärte sie, während er ihr die Schere reichte.

„Für welchen Bazar?”

„Na — ich erzählte dir doch schon immerzu davon. Wir machen ein Wohltätigkeitsfest. Ich glaube für Säuglinge oder Seemänner oder so was. Eine feudale Sache jedenfalls. Ich bin mit im Komitee. Die Gräfin ist Vorsitzende. Ich habe mich entschlossen, eine Handarbeitsbude zu übernehmen. Dafür kauf' ich eben ein!”

„Aber Kind, du willst doch die Arbeiten nicht alle kaufen, wie sie hier sind?”

„So ziemlich!”

„Und dann willst du sie selber —”

„Du — das ist ja eben der Trick! — Ich mache an jedem ein paar Stiche. Wenigstens an manchen. Das Übrige gebe ich fort. Nachher mach' ich aller Welt weiß, jedes Stück und jeder Stich sei von mir. Die Leute werden's nicht glauben, aber sie werden sich drum reißen! Ach — und dann, du glaubst nicht, was wir für Überraschungen vorhaben. Das wird keine so abgeleierte, gewöhnliche Wohltätigkeitsschnurrerei! Werden uns hüten!” Und nun entwickelte sie, immer auf dem Boden sitzend, den Festplan in der skizzenhaften, schnoddrigen Form, in der sie stets ihre längeren Erklärungen abgab, überall dort, wo ihr nicht gleich das Wort einfiel, sich mit „so'n Dingsda!” behelfend. Perthes hätte ein Zeichendeuter sein müssen, wenn er diese Kette von „Dingsda” sich hätte auslegen können.

Doch darauf verzichtete er von vornherein. Er nahm seine Geduld zusammen und hörte scheinbar aufmerksam zu.

„Du vergißt, Alli”, begann er dann vorsichtig, „daß dein Zustand dir vielleicht, ja wahrscheinlich gar nicht erlaubt —”

„Na, höre! Ich werde doch nicht jetzt schon anfangen, mich zu kasteien.” warf sie dazwischen.

„Das will ich nicht sagen. Aber dem Umtrieb der Vorbereitungen wirst du nachher nicht gewachsen sein. Und überdies: wer weiß, ob du im November schon wieder dabei sein kannst?”

„Das fehlte gerade!” sie sah mißmutig zu ihm auf. „Weißt du, dann pfeif' ich aber auf das ganze Kindervergnügen, wenn —” Sie vollendete den Satz nicht. Perthes hatte unwillig die Stirn gerunzelt. „Das fehlte gerade!” setzte sie nochmals wegwerfend hinzu. Sie war außer sich bei dem Gedanken, durch diese dumme Störung könnte ihr Vergnügen beeinträchtigt werden.

Perthes kannte Alice zur Genüge, um ihre Gefühle an ihren Grimassen abzusehen. Ihre Frivolität verletzte ihn. Sie bestimmte ihn, den Augenblick nicht vorbeigehen zu lassen, ohne die immer wieder verschobene Aussprache herbeizuführen. Er machte sich einen Stuhl frei und zog ihn in ihre Nähe.

„Ich möchte gern mal ein ernstes Wort mit dir sprechen, Kind!”

„Noch ernster?” Es zuckte sehr wenig ernst um ihren Mund.

„So leid es mir tut — sei mir nicht böse und mißversteh' mich nicht — ich muß dir das aber sagen: du solltest deine Kauflust ein klein wenig einschränken!”

„Ich — meine Kauflust? Und wieso?”

„Wir müssen mehr haushalten, Liebling. Ich habe gerechnet und —”

„Um Gottes willen tu nur das nicht! Rechnen!” stieß sie mit einem komischen, aber ganz ehrlichen Schaudern hervor.

„Ich verlange es ja nicht von dir,” meinte er mit gutmütigem Lächeln. „Aber ich muß das wohl. Schulden machen ist nicht mein Fall. Und so, wie der Hase jetzt läuft, kann er nicht weiter.” Er bemühte sich nun, ihr so ruhig und klar wie nur möglich, so schonend, als er nur konnte, einen Begriff von den Mißverhältnissen ihrer Einnahmen und Ausgaben zu geben. Ohne alle überflüssigen Einzelheiten. Sehr sachlich und überzeugend.

Anfangs hörte sie zu. Nachher nahm sie neue Muster aus den Paketen und ließ sie durch ihre Finger gleiten. Als er fertig war, sagte sie außerordentlich gelassen, ohne auch nur aufzusehen: „Männi — weißt du — eigentlich brauchtest du damit doch mich nicht behelligen!”

„Aber wen denn sonst?” gab er, sich beherrschend, zurück.

„Sprich doch einfach mit Papa. Der ist für so was da. Der soll seinen großen Beutel 'n bißchen weiter aufmachen. Voilà tout!” Sie sagte das so kühl und sicher, als gäbe es keine selbstverständlichere Sache.

Perthes war von seinem Stuhl aufgesprungen. Er fühlte, wie ihm das Blut zu Kopf stieg. Um ruhig zu bleiben, machte er ein paar Schritte. Beim Fenster drehte er sich um.

„Davon kann keine Rede sein. Eben das will ich um jeden Preis vermeiden. Nicht einen Pfennig weiter nehme ich von deinem Vater an!” Seine Worte lauteten sehr bestimmt. Es klang eine unbeabsichtigte Schärfe durch. Um sie gut zu machen, meinte er: „Das mußt du übrigens selbst einsehen!”

Alice schwieg eine Weile. Sie legte ihre Muster langsam beiseite. Dann schob sie ihre feinen, schmalen Hände im Schoß ineinander und blickte ihn von unten nach oben, mit dem malitiösen Blick ihrer Mädchentage an.

„Das versteh' ich nicht. Verzeih — aber das wäre ja unglaublich philiströs gedacht!”

„Philiströs, beste Alli,” — er reckte sich nervös — „philiströs ist ein Wort, mit dem eine gewisse junge Dame etwas vorsichtiger sein sollte! Es ist sehr bequem, all das philiströs zu nennen, was einem nicht in den Kram paßt!”

„Oho, Männi!”

„Mein Standpunkt ist ehrenhaft, weiter nichts. Ich erwarte, daß du ihn würdigst. Und ich bitte dich —” er suchte von neuem seinen schroffen Ton, der sich ihm ungewollt gab, zu mildern und steckte die Hände, die zu lebhaften Bewegungen ausgeholt hatten, krampfhaft in die Taschen seines Jacketts. „Ich bitte dich, dich danach einzurichten. Ich verlange von dir nichts Außergewöhnliches. Nur ein bißchen Mäßigung und Beschränkung. Du wirst das mir zu lieb tun!”

Sie antwortete nichts. Sie legte den Kopf im Nacken zurück und tätschelte ihre krausen, rotblonden Haare. Dann verschlang sie die Hände hinter sich und dehnte sich. Sie unterdrückte ein Gähnen.

Perthes war empört über ihr Gebahren. Er fühlte, wie die Kraft, sich zu beherrschen, ihn verließ. Um nicht loszubrechen, ging er aus dem Zimmer.

Alice sah ihm verwundert nach. Sie pfiff leise vor sich hin, während sie in der Auswahl ihres Musterlagers fortfuhr. Die Geschichte an sich imponierte ihr gar nicht. Sie hatte sie auch schon wieder halb vergessen. Aber sie glaubte heute eine leidige Entdeckung erneuert zu haben: der Philister in ihm — den sie als Mädchen schon gewittert, aber nun gebannt glaubte — dieser Philister hatte hinter ihm hervorgelugt! Das war häßlich! Das degoutierte sie! Dafür würde sie sich bedanken!

Und ihre spitze, feine Zunge züngelte ganz zufällig zwischen den Lippen hervor und streckte sich einen Augenblick wegwerfend in einer nicht zu mißdeutenden Richtung ...

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