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Die große Stille

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Reading edition

Als Doktor Markwaldt, der ehemalige Kollege am Bakteriologischen Institut, die Kunde von Perthes' Verlobung mit Fräulein Exzellenz erhielt, da meinte er zu dem Überbringer, einem der Volontärärzte der Chirurgischen Klinik: „Da haben wir's ja! Genau, wie ich's voraussah!” Im Grunde seines Herzens aber war er verblüfft. Noch verblüffter aber war er, als er statt einer gedruckten Anzeige folgende Zeilen erhielt:

Lieber Markwaldt!

Sie haben, wie Sie mir gelegentlich gestanden, immer geschwankt, ob ich ein Faulpelz oder ein Streber sei. Ich habe mich mit Fräulein Alice Hupfeld verlobt. Ich denke, das wird Ihrem Schwanken ein Ende machen.

Gruß Ihr Perthes.

Zum mindesten eine originelle Art, sich selber zu denunzieren, dachte Markwaldt kopfschüttelnd. Als er seinerzeit am Klinikerabend, auf dunkle Gerüchte hin, Perthes aufgezogen und sich eine so erregte Abfuhr geholt hatte, war er nur aggressiv gewesen, um dem „Unergründlichen” einmal auf den Zahn zu fühlen. Er wußte, daß Perthes zum Richthoffschen Hause in naher Beziehung stand, und glaubte nicht im Ernst an eine Verbindung mit Hupfelds. Jetzt, wo sie doch plötzlich Wahrheit geworden war, schien ihm die Sache nicht ganz behaglich, und er räsonierte, menschenfreundlich wie er war: „Wenn sich der Junge nur nicht in die Nesseln gesetzt hat! Er bleibt ein verdrehtes Huhn!” Aber er bewunderte doch den Tiefblick Professor Hammanns, seines Chefs. Der hatte zuerst über Perthes das ahnungsvolle Wort „Heiratspolitiker” fallen lassen. Nur so en passant und als Vermutung. In Markwaldts Augen war er durch diese Probe weltmännischer Menschenkenntnis hoch in der Achtung gestiegen, und der Assistent benutzte die nächste Gelegenheit, vor ihm seine Bewunderung auszudrücken.

Seltsamerweise nahm Professor Hammann dieses Kompliment mit mehr als oberflächlichem Dank auf. Der gutmütig-klatschsüchtige Markwaldt, der sich selber so findig vorkam und doch immer an der rechten Fährte vorbeilief, konnte nicht wissen, daß er seinem Chef mit seiner Anerkennung nur eine gemischte Freude bereitete.

Denn Ludolf Hammann, um es vorweg zu sagen, trug sich seit einiger Zeit selbst mit heiratspolitischen Absichten. Daß er, der freiheitliebende Junggeselle, dessen Herz für den Sport, dann für sich und erst in letzter Linie für die Frauen schlug, dabei mehr der Not als der Neigung gehorchte, lag nahe. Für Alice Hupfeld hatte er vor Jahren mal so etwas wie eine Neigung zu empfinden geglaubt. Bei näherer Bekanntschaft mit ihren gegenseitigen Charakteren mußten sie sich beide „für den Ernst der Ehe ungeeignet” finden. Sie lachten sich also auseinander und blieben gute Freunde. Wenn der patente, wissenschaftliche Amateur und Zufallsgelehrte, der er war, jetzt ernstlich daran dachte, seine Unabhängigkeit dranzugeben, so mußte sie von anderer Seite bedroht sein. Seine Vermögensverhältnisse hatten denn auch — was außer ihm niemand wußte — in aller Stille einen schweren Stoß erlitten. Das Kapital, das ihn unabhängig machte, steckte zum größten Teil in der Bank eines für unbedingt sicher geltenden Onkels in den Rheinlanden. Diese Bank kämpfte mit der Liquidation. Hammann sah sich mit einem Schlag vor sehr beträchtlichen Verlusten und damit vor der Gefahr, seine wohlige Lebensweise in unerhörtem Maß einschränken zu müssen. Kein Wunder, daß er auf einen Ausweg sann, der das geringere Übel bedeutete, und — horribile dictu — sich nach einer reichen Partie umsah.

Die akademischen Kreise der kleinen Universitätsstadt zerfielen, von Hammann aus gesehen, in der Hauptsache in ein modernes und ein rückständiges Lager.

Das rückständige Lager kam für ihn nicht in Betracht. Rückständig waren die Professoren, denen die Gelehrsamkeit wie in alten Tagen ein vornehmer Selbstzweck blieb. Es waren die Leute, die er meist nicht einmal mit ihrem richtigen Namen kannte, alte Herren wie Vater Richthoff, Wilmanns und Borngräber. Jedoch nicht nur Philosophen, sondern auch vereinzelte Juristen, Mediziner, wie Geheimrat Geismar, und Theologen, von denen gar nicht zu reden war. Daß unter allerhand Schrullen in dieser, wie es schien, aussterbenden Kategorie von Hochschullehrern der beste Kern von Gediegenheit und berechtigtem Gelehrtenstolz steckte, war für Hammann uninteressant und nebensächlich.

Wichtiger, allein wichtig war für ihn die zweite Gruppe, die neben der ersten allmählich als neue und moderne akademische Gesellschaft herangewachsen war. Zuerst und vornehmlich rekrutierte sich diese aus den Fakultäten, die wie die naturwissenschaftliche und medizinische dem praktischen Leben der Gegenwart näher standen als ihre selbstloseren Kollegen. Den Akademikern dieses Schlages war ein großzügiger Hang zum Kapitalismus eigen. Sie hielten die Legende vom Selbstzweck der Wissenschaft um des guten Scheines willen aufrecht, aber verstanden sie zeitgemäßer, also kaufmännischer. Der typische Repräsentant der neuen Gattung war Exzellenz Hupfeld. Leute wie Hammann, zahlreiche Kollegen aus den übrigen Fakultäten stellten den Chorus. Man wollte nicht mehr nur forschen und lehren, sondern im weitesten Sinne des Wortes auch leben. Alte Häuser, wie das am Wenzelsberg, mit steilen Weinbergen und Schnecken darin, verwunschene Butiken wie Borngräbers efeuumranktes Landhäuschen paßten nicht zu solchen Anschauungen. Gelehrsamkeit war etwas sehr Schönes, aber eine pompöse Villa im Villenviertel, ein altes Damenstift im Tal, kostspielige Liebhabereien, ein Automobil, Dienerschaft — kurzum, Luxus war mindestens ebenso schön. Mit so vorgeschrittener Auffassung war aber auch die Exklusivität des Akademikers, die ihn bisher nicht nur aus Dünkel, sondern aus geistigem Unabhängigkeits- und Selbsterhaltungstrieb von anderen Ständen sonderte, im alten Sinne nicht aufrechtzuerhalten. Die moderne Hochschulgesellschaft erschloß sich denn auch naturgemäß Elementen, die man früher hatte abseits stehen lassen. Um sich nichts zu vergeben, erweiterte man die Grenze nicht nach unten, sondern nach oben. Nach oben freilich im wirtschaftlichen und altständischen Sinne, nicht im geistigen, wo ein soziales Oben und Unten nicht zu finden war.

Auf dieser Verschiebung der gesellschaftlichen Grenze nach oben beruhte seit einiger Zeit im Kreise derer um Hupfeld der Einfluß des Grafen oder besser der Gräfin Hüningen.

Der Graf, in sehr naher, aber nicht ganz legitimer Beziehung zu einem regierenden Hause stehend, hatte sein Domizil seit etwa anderthalb Jahren in einem kleinen Palais der Altstadt, wo im Anfang des vorigen Jahrhunderts eine Prinzessin ihre Witwenjahre vertrauert hatte. Nach reichlich bewegtem Leben als Gardeoffizier und späterer Attaché in Konstantinopel und anderwärts waren jetzt seine Interessen in einer ausschließlichen Liebe für Wappenkunst nahezu erstarrt. Man sah ihn fast nie, und dann nur mit der gewichtigen Miene eines von der Arbeit gebeugten Forschers, dem das Monokel und der Schleppschritt als Überbleibsel vergangener Tage seltsam unharmonisch anhafteten. Die Gräfin dagegen, aus der steinreichen Familie eines ostdeutschen Großindustriellen stammend, von mütterlicher Seite Amerikanerin, war trotz ihrer fünfundvierzig oder mehr Jahre noch immer eine beinahe jugendliche Erscheinung. Stattlich, sehr gewählt in ihrem Geschmack, gewandt und geistreich in ihrem Auftreten, hatte sie sich überraschend schnell in der vorgeschrittenen akademischen Gesellschaft zu einer tonangebenden Stellung emporgeschwungen, die ihr allerdings die „Rückständigen” nicht eingeräumt hätten. Mehr und mehr bildete sie mit Exzellenz eine Doppelsonne, und Hupfeld, dessen Frau zur Repräsentation wenig geschaffen war, ließ sich die Teilung seiner Gewalt gefallen, da die Gräfin es verstand, dem großen Manne zu schmeicheln. In ihrem Geleit, man konnte auch sagen, in ihrem Schatten, trat ihre Tochter Edith in die Gesellschaft. Sie hatte von der Mutter ein sehr hübsches Gesicht, vom Vater eine Indolenz und geistige Armut geerbt, die der Beweglichkeit der Mutter als Folie diente. In sachlicher Würdigung aller Umstände widmete sich Professor Hammann als ziemlich einziger Verehrer der gutmütig-beschränkten Komtesse Edith.

Während Hammann mit seinen heiratspolitischen Absichten sich in einer durchaus vertrauten Sphäre bewegen konnte, mußte Perthes, der mit beiden Füßen von einem Lager ins andere gesprungen war, aus der einfachen Behaglichkeit des Richthoffschen Hauses in die üppige, große Welt der Hupfeld und Hüningen, sich an die neue Umgebung erst gewöhnen. Doch das ging fürs erste überraschend gut und leicht. Dem glücklichen Bräutigam zeigte sich das veränderte Dasein einstweilen nur von der angenehmsten Seite. Nach der Bekanntmachung der Verlobung begann ein wahrhaft verteufelter Reigen von Besuchen und Einladungen, von liebenswürdigen Familienfesten, Aussteuerkäufen und Zukunftsberatungen. Es gab Tage, an denen er und Alice kaum einen Moment erhaschten, um hinter irgendeiner Flügeltür der weiten, überladenen Zwölfzimmeretage, die Hupfelds im Winter in der Stadt bewohnten, sich die Lippen wund zu küssen. Aber gerade die seltene Möglichkeit, sich allein zu haben, die Atemlosigkeit eines immerwährenden Taumels, der sie auseinanderriß und nur eben zwischen Tür und Angel den Vorgeschmack einer tollen Verliebtheit kosten ließ, erhöhte für ihn und Alice den Reiz. Diese vergnügliche Jagd war wie geschaffen, um sie ihm immer neu, immer lockend als das verführerische Irrlicht zu zeigen, das er begehrte, und auch ihr die Freude an ihrem „Räuberhauptmann”, wie sie ihn endgültig getauft hatte, in der rechten Spannung zu erhalten. Die Bewußtheit, mit der Perthes sich in den Wahn auch dieses so ganz anders gearteten Glückes hineingepeitscht hatte, schien schneller, als er erwartet, in die Illusion völliger Befriedigung überzugehen. Er konnte tagelang vergessen, mit welcher dämonischen, ja zynischen Gewaltsamkeit er die Verlobung mit Alice angestrebt und herbeigeführt hatte. Wohl konnte ihm in einem Moment der Selbstbesinnung einmal die Frage auftauchen, ob es mit rechten Dingen zuging, daß er mit solcher Geschwindigkeit zum Oberflächlichen und Mittelmäßigen „genas”. Aber derartige Momente waren selten, und er tat, was er vermochte, um sie noch seltener zu machen.

Die Hochzeit war auf Mitte Januar festgesetzt.

Ein einziges Mal, in den geräuschvollen Bräutigamswochen vor Weihnachten, wurde Perthes von einem ernstlichen Rückfall bedroht. Es war an einem Sonntagmittag. Das intime Familiendiner bei Hupfelds war um ein paar Gedecke erweitert worden. Unter anderem war ein früherer Schulfreund von Leutnant Moritz, ein junger Assistenzarzt der Inneren Klinik, zu Tisch geladen. Perthes unterhielt sich gerade mit Alice über die unmittelbar bevorstehende Verlobung von Professor Hammann und Edith Hüningen. Da machte ihn eine Äußerung des gegenübersitzenden Kollegen aufhorchen. Dieser sprach mit seiner Tischnachbarin, einer Studentin der Medizin, zwei Worte über einen schweren Fall von Nervenfieber in seiner Klinik und nannte zufällig den Namen eines Fräulein Richthoff. Perthes erblaßte und ließ seine Gabel ziemlich laut auf den Teller klirren. Er hatte sich jeder Erkundigung nach Marga, so schwer es ihm bisweilen wurde, streng enthalten. Der neue Kreis, in dem er jetzt ausschließlich verkehrte, berührte sich kaum mit dem früheren, so daß ihm keine Nachrichten von drüben zukamen. Nun traf ihn diese Kunde, die er instinktiv auf Marga bezog, mit voller Wucht. Er mußte sich beherrschen, um bei Tisch bleiben zu können.

Alice war die einzige, die seiner Bewegung Beachtung geschenkt hatte. Neugierig sah sie in sein durch die Aufregung verändertes Gesicht. Sie hatte den Namen Richthoff so gut gehört wie er. Sie wußte, daß zwischen ihm und den Richthoffschen Mädchen irgend ein Zusammenhang bestanden hatte, war aber, wie es so geht, immer wieder von einer Frage abgedrängt worden. Jetzt hätte sie gern ihre Neugierde befriedigt. Doch die Gelegenheit war nicht günstig dafür. Sie beschloß ihn nachher auszufragen.

Gleich nach Aushebung der Tafel verschwand Perthes mit einer flüchtigen Entschuldigung.

Ohne Überlegung, nur seinem Gefühl folgend, eilte er auf dem nächsten Weg zur Inneren Klinik.

Dort ließ er durch den Pförtner den Kollegen bitten, der den Sonntagnachmittagsdienst hatte. Es war ein stiller, argloser, nur seinem Beruf ergebener Mensch. Perthes brauchte keine Umschweife zu machen. Er fragte also nach Marga Richthoff. Der Assistenzarzt wußte sofort Bescheid. Mit einer Teilnahme, die verriet, daß er der jungen, blinden Patientin etwas mehr als das übliche Berufsmitgefühl zugewandt hatte, erzählte er, daß am Tag vorher die Krisis eingetreten sei. Aller Voraussicht nach sei das Fieber gebrochen und die Gefahr überwunden. Perthes stellte noch einige fachmännische Fragen über den Verlauf der Krankheit, bedankte sich und ging davon.

An der Befreiung, die er nach günstigem Bescheid empfand, merkte er, daß er eine Wunde besaß, die nicht aufbrechen durfte. Er gestand es sich nicht, aber er wußte, daß die entgegengesetzte Nachricht ihn vernichtet hätte.

Eine halbe Stunde nachher war er wieder bei Alice.

Sie stellte ihn zur Rede, wo er gewesen, und wollte, als er auswich, auch auf die Frage zurückkommen, die sie bei Tisch unterdrückt hatte. Er schloß ihr den Mund mit Küssen und lenkte hartnäckig ab. Er hatte diesen Rückfall abgetan und wollte an nichts mehr erinnert sein.

In den wenigen Tagen, die noch bis Weihnachten übrig blieben, beschäftigten die hundert Fragen von Einrichtung und Wohnung das Brautpaar und die Eltern Hupfeld. Über die Wohnung gab es eine kleine Meinungsverschiedenheit. Exzellenz war der Ansicht, daß sein künftiger Schwiegersohn sich eine der niedlichen Villen kaufen müsse, die in der Neustadt täglich wie Pilze aus der Erde schossen. Alice hatte das von Anfang an nicht anders erwartet. Dagegen hatte Perthes seine Bedenken. Sein eigenes kleines Vermögen — daraus hatte er nie ein Hehl gemacht — war im Lauf seiner Studien und im häufigen Wechsel der Stellungen, die sein wiederholtes Umsatteln mit sich brachte, so gut wie aufgezehrt. Das Gehalt eines ersten Assistenten an der Chirurgischen Klinik, wenn es auch nicht schlecht bemessen war, reichte noch nicht einmal für ein einigermaßen angenehmes Leben zu zweien, wie es Fräulein Exzellenz gewöhnt war. Dazu mußte die stattliche Rente mithelfen, die sie als Mitgift bekommen sollte: um diese Abhängigkeit konnte Perthes, so sehr sich sein Selbstgefühl dagegen sträubte, nicht herumkommen. Desto fester war er entschlossen, sich dem Geheimen Rat nicht noch mehr zu verpflichten. Wovon sollte er aber aus eigener Kraft eine Villa kaufen?

Hupfeld ließ schon einen Agenten kommen. In Gegenwart der ganzen Familie wurden Pläne von entzückenden Landhäusern besichtigt. Eins, das in einer nagelneuen Bergstraße fix und fertig stand, fand allgemeinen Beifall. Nach weitläufigen, fröhlichen Beratungen über die Verteilung der Zimmer, Gartenanlagen, Wahl der Tapeten und so weiter zogen die Damen sich zurück. Der Agent machte den Herren seine geschäftlichen Vorschläge. Die Gesellschaft, die er vertrat, bot glänzende Bedingungen bei einer verschwindenden Anzahlung. Auf diese Weise wurden im Handumdrehen fast alle Akademiker zu Hausbesitzern gemacht. Perthes benahm sich gegenüber der Verlockung sehr kühl und widerstrebend. Exzellenz begriff erst nach und nach den Grund. Man verabschiedete den Agenten, ohne sich gebunden zu haben, und sprach sich offen aus. Hupfeld erklärte mit dem feinen Lächeln des wohlwollenden Grandseigneurs die Bedenken von Perthes für sehr ehrenwert, aber nicht stichhaltig. Diese paar tausend Mark Anzahlung waren eine Lappalie. Er wollte sie dem jungen Paar mit Vergnügen zum Geschenk machen. Als Perthes sich dagegen mit dankbarer Entschiedenheit wehrte, wurde der Geheime Rat ungeduldig, beinahe ungnädig. Von einer Mietvilla, wie Perthes sie vorschlug, wollte er nichts hören. Seine Alli hatte ja nun auch gerade an diesem Häuschen besonderen Gefallen. Er nannte Perthes, der in ein Geschenk durchaus nicht willigen wollte, einen Starrkopf und erbot sich, die Summe nur vorzuschießen. Damit mußte Perthes, wenn auch ungern, sich schließlich zufrieden geben.

Weihnachten war da. Die Festtage zu Hause zu feiern, war seit einigen Jahren nicht mehr fair. Hupfelds gingen gewöhnlich für sechs bis acht Tage nach St. Moritz. Da indessen die Hochzeit vor der Tür stand und der Leutnant seine ledige Alli auch noch mal genießen wollte, wie er aus Freiburg schrieb, wählte man diesmal den näheren Feldberg. Im Schwarzwald war viel Schnee gefallen Der Wintersport versprach köstliche Feiertage ...

Am Tag vor dem heiligen Abend fuhren die Eltern Hupfeld mit Alice. Am ersten Feiertag kam Perthes nach. Er fuhr im selben Zug mit der Gräfin Hüningen, mit Hammann und dessen Braut, Komtesse Edith. Aus einem Coupéfenster dritter Klasse winkte Markwaldt, der in seinem Sporthabit wie ein Salontiroler aussah.

Auf dem Feldberg waren Rodelsport und Skilauf in vollem Gange. Im Hotel drängte sich eine internationale Gesellschaft, in der auch Offiziere, Korpsstudenten, Professoren nicht fehlten. Ein Staatssekretär aus Berlin, ein siamesischer Prinz, ein amerikanischer Boxcalfmillionär bildeten die Zentralgestirne. Alice, die außer Cousine Hilla neuerdings Edith Hüningen unter ihre Fittiche genommen hatte — um Hammann bei seinen „Pygmalionsversuchen” zu helfen, wie sie boshaft erklärte —, war ganz in ihrem Element. Während Papa Hupfeld sich mit dem Staatssekretär auf der Basis gemeinsamer Exzellenz vorzüglich verstand, ließ sie sich von der schlitzäugigen Siamesenschönheit Schmeicheleien sagen und neckte den Boxcalfmann bis aufs Blut.

Perthes, der mitten aus schwerer Arbeit kam, wurde es weniger leicht, sich in diesem eigentümlichen Weihnachtstrubel wohl zu fühlen. Alice erklärte, ihr Räuberhauptmann sei und bleibe zwar der netteste und famoseste Junge in dieser internationalen Raritätensammlung, aber er müsse eifersüchtig gemacht werden. Mit ihren Manieren eines Gamin, ihren drolligen Bosheiten und Unarten machte sie sich Sklaven und Anbeter. Aber Perthes hütete sich, eifersüchtig zu sein. Zum mindesten es zu scheinen. Wenn er sie dann glücklich vor sich im Davoser Schlitten hatte, mit ihrer engen, weißen Jacke und der schiefen Eismütze, preßte er sie mit jener zornigen Leidenschaftlichkeit an sich, die sie so oft in ihm weckte, und sie sausten mit Hojo an den verschneiten Tannen vorbei zu Tal ...

Nach Neujahr kam im Eilschritt die Hochzeit. Ein prunkvoller Festtag rauschte vorbei: rührend in der Kirche — denn man hielt auf religiösen Anstand —, lärmend, luxuriös auf dem in blühenden Sommer verwandelten Stift Nieburg. Am Abend ein und desselben Tages, an dem Marga, in Tücher und Decken gehüllt, von Elli gestützt, von Vater Richthoff und Käthe beaufsichtigt, ihren ersten, minutenlangen Gang durch den besonnten Hof am Wenzelsberg unternahm, brachte das Automobil Doktor Perthes und Frau Alice, geborene Hupfeld, nach der Bahn.

In Südfrankreich, später in Neapel flogen dem jungen Ehepaar die Wochen der Reise in zeitloser Wonne vorbei. Trunken vom Glück einer entzügelten, unerschöpflich scheinenden Verliebtheit sahen sie einer den anderen im zauberhaften Licht immer neuer Reize. Sie dünkten sich andere Menschen geworden zu sein mit nie geahnten, unbegrenzten Möglichkeiten ihrer selbst und allen Daseins.

Im Februar kamen sie zurück.

Der Geheime Rat holte sie ab und führte sie im Triumph in das entzückende, über Erwarten bequem und elegant ausgestattete Heim, wo Mama Hupfeld mit unwandelbarer, dicker Kindlichkeit sie empfing.

Nachher jagten sie sich wie die Jungens durch ihre Zimmer.

Auf der Rückreise waren sie etwas schlaff geworden. Ein klein wenig Katerstimmung hatte sich einschleichen wollen — nun die Alltäglichkeit vor ihnen, das Außergewöhnliche hinter ihnen lag.

Jetzt, beim ersten Schmaus zu zweien, im eigenen Nest, verkündete Perthes, daß es für ihre Liebe überhaupt keinen Alltag gäbe, und Alli bekräftigte diese Devise mit ihrem hellen, kurzen, aufreizenden Lachen, das sich stärker erwiesen hatte als alle seine gemütvollen Torheiten aus längst vergangener Zeit.

Explore with AITake your curiosity a little further.

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