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Die große Stille

11

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Exzellenz Hupfeld hatte den Rundgang durch die chirurgische Klinik beendigt. Der Geheime Rat hatte eine mehrwöchige Nordlandreise hinter sich und war heute zum erstenmal wieder in der Klinik erschienen. Seine Assistenten in ihren weißen Mänteln begleiteten ihn bis unter das Portal, wo der Chauffeur mit dem Automobil wartete. Er pflegte dann bis zuletzt Fragen zu beantworten und Weisungen zu erteilen.

Der zweite Assistent, Doktor Brunner, ein sehr gewissenhafter, etwas pedantischer und schwerfälliger Mensch, dessen Haltung den ehemaligen Militärarzt verriet, folgte mit Perthes, dem im Range dritten, bis an den Wagenschlag, während einige jüngere Volontärärzte unter der Einfahrt stehen blieben.

Exzellenz gefiel sich in diesem feierlichen, beinahe fürstlichen Bild seiner An- und Abfahrten. Das Gefolge seines Stabes, vervollständigt durch den in Positur stehenden, die Mütze senkenden Chauffeur und den dienstbereiten Oberwärter, stand gut zu seiner überragenden Gestalt im hellgrauen Staubmantel mit der eleganten Schirmmütze. Er hatte es deshalb nicht sonderlich eilig mit dem Einsteigen. „Sie haben also keine guten Nachrichten von Professor Kronheim?” fragte er mit seiner lauten, getragenen Stimme den rechts von ihm stehenden Brunner.

„Leider nein, Exzellenz,” lautete die Antwort. „Ich fürchte, Kollege Kronheim wird seinen Urlaub noch um weitere vier bis sechs Wochen verlängern müssen.”

„Ist denn die Lungenaffektion fortgeschritten?”

„Fortgeschritten nicht gerade,” berichtete Brunner korrekt weiter, „aber es fehlen auch die Anzeichen für eine Besserung. Er denkt an einen Aufenthalt im Süden.”

„Daran hätte der arme Kerl eher denken sollen. Fatal. Höchst fatal!” Hupfeld strich sich gedankenvoll über das runde, volle Kinn. „Sie sagen, vier bis sechs Wochen. Ich fürchte — ich fürchte, die Sache wird sich über den ganzen Winter hinziehen. Und wir haben in vierzehn Tagen Semesteranfang!” Er hatte den einen Fuß auf den Wagentritt gesetzt.

Chauffeur und Wärter beugten sich hilfsbereit vor, um ihn zu unterstützen.

Aber Exzellenz beharrte in tiefsinniger Stellung. „So wird die Geschichte nicht gehen. Wir müssen auf irgendeinen Ausweg denken,” überlegte er. „Ich sage das nicht,” wandte er sich lebhafter an seine beiden Assistenten, „um ihnen, meine Herren, den leisesten Vorwurf zu machen. Im Gegenteil, Sie tun das Menschenmögliche. Ich bin außerordentlich zufrieden.” Ein anerkennender Blick der blaßgrauen Augen schweifte von Brunner zu Perthes, auf dem er ruhen blieb. „Sie müssen entlastet werden, meine Herren! Sie reiben sich auf. Besonders Ihr Aussehen, mein lieber Perthes, gefällt mir ganz und gar nicht. Sie überarbeiten sich!”

„Exzellenz sind sehr gütig. Aber ich fühle mich ausgezeichnet!” versicherte Perthes. Die gelbliche Farbe seines Gesichts, die tiefen Furchen unter den verschleierten Augen schienen ihn freilich Lügen zu strafen.

„Nein, nein, mein Lieber,” erwiderte mit einem huldvollen Hochziehen der dünnen, falben Augenbrauen der Geheime Rat, „ich kenne das. Sie sind ein Gewaltmensch. Sie werden nicht ruhen, bis Sie eines Tags zusammenklappen. Daraus wird nichts. Dazu sind Sie zu gut. Ich habe andere Pläne mit Ihnen!” Er nickte dem Doktor mit bedeutungsvollem Wohlwollen zu und schwang sich in den Kraftwagen, so gewandt und sicher, daß der Chauffeur nur den Schlag schließen und der Oberwärter nur einen respektvollen Bückling anbringen konnte. „Lassen Sie sich bald mal wieder bei uns sehen, Doktor Perthes. Sie, Kollege Brunner, lädt man ja doch umsonst ein. Der Herbst ist so schön draußen auf dem Stift!” Hupfeld lüftete jetzt höflich die Mütze. „Los!”

Das Automobil fauchte einen Augenblick. Dann fuhr es unter hellem Signal leicht und glatt davon.

„Sie werden sehen, er macht diesen Perthes zu seinem ersten Assistenten!” tuschelte einer der Volontärärzte den Kollegen zu, während sie ins Haus zurücktraten.

Perthes, der ihnen mit Brunner folgte, konnte die halb bewundernde, halb neidische Bemerkung hören. Er zog ärgerlich die Stirn in Falten. Es war ihm unangenehm, daß womöglich auch Brunner, der der nächste nach Kronheim war, solche Mutmaßungen auffangen konnte. Im übrigen waren ihm die Gerüchte, die über ihn im Umlauf waren, nicht neu. Er galt für den erklärten Günstling von Exzellenz. Ebenso ausgemacht war es unter den Kollegen, daß er Hupfelds Schwiegersohn werden würde. Daß ihn der Geheime Rat bevorzugte, darüber konnte er sich ebensowenig täuschen wie die anderen. Was aber seine vermeintlich bevorstehende Verbindung mit Alice Hupfeld anging, so hatte er noch vor acht Tagen, am Vorabend der geplanten Verlobung mit Marga, eine dahin zielende Fopperei Markwaldts, seines früheren Institutsgenossen, auf dem Klinikerabend mit fast beleidigender Schärfe zurückgewiesen. Würde Markwaldt, diese gutmütige Klatschbase, die es sich nun einmal zur Aufgabe gemacht hatte, den wahren Charakter des mysteriösen Perthes „auszuwickeln”, seine Anzapfung heute zu wiederholen gewagt haben — er hätte bestenfalls ein Achselzucken oder ein spöttisches Zucken der Mundwinkel zur Antwort bekommen. Die Verachtung würde nicht einmal nur dem Frager gegolten haben; der Gefragte hätte sie auch auf sich selbst bezogen.

Ja, Max Perthes hatte begonnen, „umzuschalten” ...

Seine schroffe Abfertigung Markwaldts, so kurz vor dem beabsichtigten Besuch bei dem alten Herrn am Wenzelsberg, war ein letztes, ohnmächtiges Aufflackern gewesen. Damals war in ihm die Täuschung, er könnte wie ein Nachtwandler, nicht rechts, nicht links blickend, sich zu dem festen Ziel einer öffentlichen Verlobung mit Marga Richthoff durchzwingen, schon geschwunden. Mit jedem Schritt, den er der Entscheidung entgegentat, hatte er seine Kraft sich mindern gefühlt. Dafür trat ein, woran sein selbstherrlicher Stolz sich immer zu glauben geweigert hatte: seine Gedanken waren unermüdlich tätig, ihm die Äußerlichkeiten des Lebens herbeizuschleppen und vor ihm aufzutürmen, die aus dem Bund mit Marga sich ergeben mußten. Jene Kleinlichkeiten und Erbärmlichkeiten des Alltags, vor denen sie selbst in ihrem reiferen, weiblichen Feingefühl ihn gewarnt, und die er für jetzt und alle Zukunft gering geachtet hatte, gewannen eine unheimliche Gewalt über ihn. Was würden die Kollegen zu seiner Verlobung sagen? Was würde Alice für ein Gesicht ziehen? Wie mußte Exzellenz Hupfeld sie aufnehmen? Die Sticheleien, der Spott und Ärger, die Geringschätzung und Zurücksetzung, die kommen würden — wie winzige bösartige Insekten wimmelten sie herbei, quälten seine Einbildung, unterfraßen und untergruben seinen ohnehin schon krampfhaften Entschluß. Nichts, gar nichts war geschehen, wenn er seine Verlobung mit Marga durchgesetzt hatte! Dann begann ja erst der Kampf! Ein Kampf, der seinem Stolz, seiner Stellung als Mensch und Gelehrter Wunde um Wunde schlagen, ihn vielleicht für immer aus seiner Laufbahn drängen würde!

Und er, der sich der Meinung anderer gegenüber für so gleichgültig und unempfindlich hielt, bebte schon vor den Gebilden zurück, mit denen seine Phantasie auf ihn eindrang. Vergebens wiederholte er sich gegenüber dieser kläglichen Schwachheit, daß bei Marga das Höhere, Schönheit und Frieden, die Selbstreife und die Erfüllung seiner inneren Sehnsucht sein würde — ein Königreich gegenüber allem, was er an äußerlicher Wirklichkeit drangab. Das Königreich war nicht für ihn. Er hatte sich überschätzt. Er reichte da nicht hinauf! Und die Liebe, die ihn hätte emporheben müssen — sie war nur ersprungen, nicht erschritten und erlebt.

Der Schiffbruch, dessen Schrecken er am Abend nach dem unseligen Diner auf Nieburg geahnt — jetzt war er da. Die Welle, die ihn vom Strand, wo Marga ihn erwartete, zurückgerissen, trieb ihn vollends ab, rettungslos, unwiderstehlich, stromab in die Mittelmäßigkeit ...

Perthes litt unsäglich in den Stunden, die dem Absagebrief an Marga vorausgingen. Die Verachtung, der Ekel, den er gegen sich selber empfand, brachten ihn an den Rand der Verzweiflung. Wenn er es doch versuchte? Wenn er es darauf ankommen ließ, ob er, durch ein öffentliches Wort gebunden, nicht doch stärker war, als er meinte? Er ermaß, wie furchtbar er Marga treffen mußte. Ein Leid bis auf den Tod wollte er ihr antun, ihr, deren zartes, hingebendes Gemüt er kannte; ihr, die er sich gewissenlos, über ihre ängstlichen Bedenken weg, zu eigen gemacht! Aber war es gewissenhafter, sie noch enger an sich zu ketten, um sie noch schlimmer zu enttäuschen und zu trügen? Wollte er nicht einmal so ehrenhaft sein, sie zu retten, solange noch ein Schimmer von Hoffnung war, es zu können?

Und er schrieb den Absagebrief.

Es war die zweite Niederlage, die Perthes innerhalb ein und desselben Jahres erlitt. Aber was war seine Kinderkrankheit der Liebe, die er im Frühjahr durchgemacht hatte, gegen das, was er jetzt erlebte? Damals fiel er bei der jugendlich unerfahrenen Jagd nach einer Sonnenwolke eines Tags aus seinen sieben Himmeln auf die nüchterne Erde. Die Verzweiflung, die jenem Sturz folgte, war heiß und zornig gewesen, eine echte Weltverzweiflung, wie sie mehr oder minder keinem Menschen von Temperament erspart bleibt. Die Verzweiflung aber, die jetzt sich seiner bemächtigte, diese grausame Selbstverzweiflung war kalt und verächtlich. Damals hatte er mit dem Gedanken an einen freiwilligen Tod gespielt; jetzt, männlicher geworden, trotz aller Unfertigkeit, war er der selbstzerstörenden Tat in Gedanken ferner, in Wirklichkeit näher. Doch der Rest von Lebensenergie, der in ihm war, gönnte ihm die Flucht aus dem Dasein nicht. Gerade in der Selbstverachtung fand er einen Stachel, der die Kraft weckte, weiterzuirren, um sich weiterzuentwickeln.

Warum sollte er der berechnende Streber nicht sein, wie ihn die Kollegen hinter den Erfolgen argwöhnten, die ihm bisher ohne sein Hinzutun in den Schoß gefallen waren? War es ihm versagt, das zu werden, was sein höheres Ich gewollt, so schob ihm dafür das Leben die Leiter der Karriere, diese goldene Himmelsleiter, so bequem wie möglich zurecht. Er brauchte nur seinen Fuß auf die Sprosse zu setzen. Die Leiter in der Kapelle auf Nieburg war vielleicht so gewissermaßen ihr Symbol gewesen. Und so anstrengend brauchte die Strebeleiter nicht zu sein, und war sie auch nicht. Er brauchte nur der Dutzendbruder, zu dem Natur und Geschick ihn bestimmten, mit Absicht und gutem Willen zu sein, so konnte es ihm nicht fehlen! Es lag ein dämonischer Reiz in der Abkehr von der Höhe zum Durchschnitt.

Was Perthes auch in seinem Aussehen so sehr herunterbrachte, waren viel mehr seine inneren Kämpfe als — wie Exzellenz Hupfeld vermutete — die klinische Überbürdung. Und er war töricht oder gleichgültig genug, die paar Freistunden, die ihm blieben, nicht zur Erholung zu benutzen. Spiel und Sport, die er im Sommer vernachlässigt hatte, wollte er systematisch forcieren. Er trat in den Ruderklub ein. Er interessierte sich mit Hilfe Markwaldts und Professor Hammanns, seines früheren Chefs, für Pferderennen und fuhr einen freien Sonntag mit ihnen nach Baden-Baden. Er zeigte sich, wann es nur irgend ging, bei Tennis und Hockey und erneuerte seinen Ruf als ausgezeichneter Spieler. Dort war es auch, wo er, anfänglich langsam und mit Überwindung, dann mit allem Nachdruck aus seiner Reserve gegen Alice Hupfeld heraustrat.

Mit Staunen sah Alice, die ihn nach dem Abenteuer im Kapellenturm kühl und schnippisch behandelte, wie seine Zurückhaltung in höfliche, später in eifrige Dienstbeflissenheit überging. Er konnte also doch Feuer fangen, dieser seltsame Mischling von Biedermann und Bandit, als den ihre nach pikanten Eroberungen lüsterne Phantasie ihn ansah. Sie triumphierte bei sich. Ihr Benehmen wurde in dem Grade spröder und süffisanter, als er sich um sie bemühte. Sie gefiel sich in immer neuen, launischen Einfällen, die seine Geduld auf die Probe stellen sollten. Das Radfahren hatte sie als unzeitgemäß und altmodisch endgültig aufgegeben. Seit vierzehn Tagen war sie passionierte Reiterin. Geschickt, wie sie in allen leiblichen Übungen war, lernte sie schnell und saß bald tadellos im Sattel. Sie arrangierte in der Universitätsreitbahn eine Quadrille. Professor Hammann und Cousine Hilla, die schon wieder zu Besuch da war, um bei Alice einen Bewunderungskursus durchzumachen, Perthes und sie gaben die Paare. Dann kamen Ausritte in die Ebene oder talaufwärts und in die Berge, bei denen ihre Verwegenheit die Partner zu Tollheiten jeder Art verleitete.

Perthes ließ sich weder durch ihre Launen noch durch ihre Spöttereien abschrecken. Mit höhnischer Verachtung unterdrückte er in sich jeden Ruf seiner Seele, der sich gegen dies gefährliche Spiel warnend erheben wollte. Es fehlte nicht an Anwandlungen von Schwermut. Mitten in der Nacht — er wußte nicht wie und warum — fand er sich einmal vor dem Haus am Wenzelsberg, wo er, des scharfen Oktoberwindes ungeachtet, nach einem Lichtschein in der Mansarde starrte. Waren es Marga und Elli, die da noch wachten? Wie hatte Marga den schweren Schlag, den er ihr versetzt, ertragen? Litt sie um ihn? War sie vielleicht krank? Der schneidende Wind beizte ihm die Augen feucht. Oder war es die Qual seines Herzens? Ein andermal war er, von einer jähen Regung überfallen, auf der Sägemühle abgestiegen und hatte sich in den herbstlich-öden Garten gesetzt. Als die Wirtsfrau kam und nach seinen Wünschen fragte, murmelte er unverständliche Worte und sprang auf und davon. Mit Geißelhieben jagte er sich und seine Sentimentalitäten heim. Und er überließ sich nach solchen Entgleisungen mit einer wahren Wildheit dem verführerischen Reiz, den Alice auf ihn ausübte. Bei ihr — ohne Zweifel bei ihr war das Rätsel, das er suchte, das sich ihm jeden Tag von neuem aufgab; das Ewig-Weibliche, wie es zu ihm paßte — ein Irrlicht, das aufglomm und erlosch und in der Ferne von neuem aufglomm, um ihn durch ein Leben des Erfolgs, der Äußerlichkeit und Mittelmäßigkeit hindurchzugaukeln ...

Es war Mitte November geworden.

Das Wintersemester hatte sogar für die medizinische Fakultät wieder begonnen, die doch allerorts eine Ehre dareinsetzt, das maliziöse Wort, die Vorlesungen seien eine unangenehme Unterbrechung der Universitätsferien, nicht Lügen zu strafen.

Exzellenz Hupfeld konnte sich noch nicht entschließen, Stift Nieburg mit seiner Stadtwohnung zu vertauschen. Der köstliche Spätherbst des Jahres war da draußen ob dem Flußtal, inmitten der laubbraunen und tannengrünen Bergzüge, zu schön. Zweimal täglich und öfter mußte das Automobil den Weg nach der Chirurgischen Klinik hin und zurück machen.

Professor Kronheim, der erste Assistent der Klinik und vertretende Chef, hatte seine Tätigkeit noch immer nicht wieder aufnehmen können. Die Nachrichten von der Riviera, wo er Genesung suchte, lauteten wenig hoffnungsvoll. Brunner und Perthes mit den Volontärärzten versahen nach wie vor die ganze Arbeit. Der Geheime Rat war auf die von ihm angedeutete Reorganisation nicht wieder zurückgekommen.

Eines Sonntags, als Perthes, der am Nachmittag freihatte, gegen drei Uhr in seine Wohnung hinaufsteigen wollte, trat ihm die an Sonntagen meist unsichtbare Hauswirtin, Fräulein Eschborn, mit einer Visitenkarte entgegen, die sie mit seltener Feierlichkeit zwischen ihren beiden Händen balancierte.

Gleichgültig nahm Perthes die Karte entgegen und ging, ohne einen Blick daraufzuwerfen, nach oben. Erst vor seiner Tür las er den Namen. Es stand da mit schöngeschnittenen Buchstaben groß und einfach: „Benno Hupfeld Wirklicher Geheimer Rat.”

Kein Zweifel: Exzellenz mußte ihm einen offiziellen Besuch zugedacht haben. Da die Ordinarien der Fakultät mit herkömmlicher Bequemlichkeit höchstens ihren verheirateten Assistenten die Aufwartung zu erwidern pflegten und ein Mann wie Hupfeld sich sogar unter seinen unmittelbaren Amtsgenossen so banaler Verpflichtungen mit einer liebenswürdigen Entschuldigung entheben durfte, zeugte diese Karte von einer außergewöhnlichen Artigkeit. Gleichwohl warf sie Perthes beim Eintritt in sein Zimmer aufs Geratewohl beiseite.

Nach einer kleinen Weile besann er sich eines Besseren.

Was war er doch noch immer für ein unvollkommener Schüler der Strebekunst!

Mit einer Feierlichkeit, die die von Fräulein Eschborn übertraf, nahm er die hohe Visitenkarte von dem Stuhl, auf den sie geflogen, und trug sie zwischen den beiden Mittelfingern nach seinem Schreibtisch. In der Mitte der Unterlage von rotem Löschpapier legte er sie mit einer Verbeugung nieder. Sie war ja doch, richtig gewürdigt, das erste nicht zu unterschätzende Dokument des Fortschritts, das seine neue Methode des bewußten Hochkletterns gezeitigt hatte. Von Rechts wegen hätte sie auf ihrem Ehrenplatz mit Lorbeer umrahmt werden müssen. Schade, daß er den nicht zur Hand hatte!

Am Montag, als Exzellenz Hupfeld sich zur üblichen pompösen Abfahrt aus der Klinik anschickte, trat Perthes mit vollendeter Höflichkeit an den Geheimen Rat heran. „Exzellenz hatten die außerordentliche Liebenswürdigkeit —”

„Ach ja. Ich wollte Sie gestern besuchen. Schade, daß ich Sie nicht antraf!”

„Das Bedauern ist ganz auf meiner Seite —”

„Ich wollte mit Ihnen eine Angelegenheit besprechen, die —” Hupfeld überlegte lächelnd. „Im übrigen, ich möchte das nicht aufschieben. Sie können sich mit mir ins Auto setzen. Es läßt sich da ungestört plaudern. Wollen Sie?” Die Frage wurde von einer jener herrischen Gebärden begleitet, die Hupfelds Liebenswürdigkeit eigentümlich machten.

Perthes erschrak unwillkürlich über den neuen Beweis von Wohlwollen. Die Volontärärzte auf der Treppe des Vestibüls machten lange Hälse. Doktor Brunner war diskret und höflich, aber mit ersichtlich langem Gesicht zurückgetreten.

„Sie brauchen nicht zu befürchten, daß ich Sie zu lange in Anspruch nehme,” fuhr Hupfeld, der dies Schwanken schmeichelhaft beurteilte, beruhigend fort. „Ich lasse Sie mit meinem Wagen zurückführen.”

Nun gab es keine Widerrede. Perthes faßte sich schnell. „Wenn Exzellenz einen Moment warten wollen?” Er deutete auf seinen Operationsmantel.

Der Geheime Rat nickte gütig.

Perthes lief nach dem Hause. Ein saurer Gang in der Sonne öffentlicher Gnade. Er kniff die Lippen zusammen und heftete die Augen geradeaus ins Leere, als er an den beiseitetretenden Volontären vorbeieilte. Im Nu kam er zurück, in Jackett und Hut. An den ironischen Mienen der jungen Kollegen las er ab, was sie von dieser Autounterredung hielten. Als er wieder ins Freie trat, meinte er hinter sich etwas flüstern zu hören wie: „Exzellenz Schwiegerpapa!” Die Wut trieb ihm das Blut in den Kopf. Doch schon schritt er an Brunner vorüber, der unglücklich dreinsah und an seinem militärischen Schnauzbart zu kauen schien.

Der Krankenwärter half ihm ins Automobil, in dem Exzellenz schon Platz genommen hatte. Er machte dabei einen Bückling, für den Perthes ihm ins Genick hätte hauen mögen.

Doch schon fuhren sie tutend davon.

Hupfeld zögerte nicht, seinem Fahrgast seine Absichten auseinanderzusetzen. Fürs erste freilich, solange sie noch innerhalb der Stadt fuhren, sah er sich durch häufige Grüße unterbrochen. Er pflegte alle mit ausgesuchter Höflichkeit zu erwidern, ob es sich um einen Universitätsdiener handelte oder um einen Geheimrat. Erst hinter der Brücke, am Ausgang der Neustadt, wo die Villenstraße allmählich in die Landstraße überging, kam er in medias res. Nachdem er die Aussichtslosigkeit betont, die das Befinden des armen Kronheim biete — er hatte neuerdings selbst sehr trübe Nachrichten aus Rapallo erhalten —, sprach er von der Notwendigkeit, die erste Assistentenstelle seiner Klinik einstweilen neu zu besetzen.

„Die Angelegenheit ist durch die Persönlichkeit des guten Brunner, der eigentlich der nächste Anwärter ist, kompliziert,” erklärte der Geheime Rat fortfahrend. „Um es von vornherein zu sagen: er ist nicht der Mann, den ich brauche.”

„Ich habe ihn als einen sehr gediegenen, pflichteifrigen Kollegen schätzen gelernt,” schob Perthes ein, wobei er sich selbst über die neugewonnene Fähigkeit wunderte, sich durch billige Komplimente für andere ins beste Licht zu setzen. Perfid war er also auch schon.

„Zugegeben, lieber Perthes!” stimmte Hupfeld in das wohlfeile Lob ein. „Zugegeben! Aber es fehlt ihm jeder Zug ins Große. Er kann nichts selber in die Hand nehmen, wenn ich einmal nicht zur Stelle bin. Der leitende Arzt, der mich vertreten soll, muß etwas vom Herrscher an sich haben. Weitblick, eigene Gesichtspunkte, Vielseitigkeit!” Exzellenz gab jedes dieser ihn selbst verherrlichenden Prädikate mit monumentaler Rhetorik von sich. „Und dann — was die Hauptsache ist —, er muß das Zeug zu einem erstklassigen Operateur haben. Das hat der gute Brunner bei aller Gewissenhaftigkeit und relativen Geschicklichkeit nicht. Das haben — senza complimenti — Sie, mein lieber junger Kollege!”

Perthes wollte mit einer Schmeichelei für die Ganzgroßen abwehren. Aber dazu reichte seine Gewandtheit noch nicht. Die Worte blieben ihm im Hals stecken. Er mußte sie durch Gebärden ersetzen.

„Doch, doch!” versicherte huldvoll der Geheimrat, der ihn auch so verstand. „Machen wir uns nichts vor. In so einschneidenden Fragen pflege ich mit rücksichtsloser Objektivität vorzugehen. Bleiben wir also bei sicheren Tatsachen. Die kurze Zeit, in der Sie bei mir arbeiten, hat mich von Ihrer außerordentlichen Befähigung überzeugt. Sie wären mein Mann! Sie werden es sein —”

„Aber, Exzellenz, ich bitte —”

„Hören Sie mir ruhig zu, lieber Freund!” Hupfeld legte die überweiche, berühmte Hand auf Perthes' Arm. „Ich habe alles erwogen. Sie sind sehr jung. Brunner darf nicht vor den Kopf gestoßen werden. Es heißt diplomatisch zu Werke gehen.” Ein schlaues, geistreiches Lächeln kräuselte seinen vieldeutigen, glatten Mund. Er entwickelte mit rednerischer Selbstgefälligkeit sein Projekt. Er wollte es übernehmen, Brunner von seinen guten Absichten zu überzeugen. Erstlich sollte dieser als der ältere durch seine Fürsprache im Ministerium — es genügte da ein Wink nach der Residenz — schon in den nächsten Wochen den Professorentitel erhalten. Ferner wollte ihm Hupfeld die bestimmte Aussicht machen, daß er binnen Jahresfrist einen Ruf als Außerordentlicher oder Leiter eines städtischen Krankenhauses nach auswärts erhielte. Dafür konnte Hupfeld bei seinen Verbindungen garantieren. Demgegenüber mußte Brunner einsehen, daß Exzellenz sich den jüngeren Perthes für die Stellung eines ersten Assistenten ganz speziell heranbilden wollte, und mußte ihm schon jetzt die nominelle Vertretung dieses Postens überlassen.

So weit war der Geheime Rat in seinen Ausführungen gekommen, als das Automobil sein sausendes Tempo verlangsamte und zum Stift hinauffuhr.

Die Unterredung konnte an dem Punkt, an dem sie angelangt war, nicht abgebrochen werden. Es blieb Perthes nichts anderes übrig, als die Einladung anzunehmen, mit Hupfeld zu frühstücken. Er griff sich an den Kopf, als er die Räume wieder betrat, die er vor einigen Wochen mit so großem Widerwillen kennen gelernt hatte. Die erste Viertelstunde, während er neben seinem Chef in dem weiträumigen Saal mit den gewaltigen Schränken, den seriösen Ahnenbildern, der neu angelegten, kostbar-bunten Porzellansammlung saß, meinte er einen schweren Traum zu wiederholen. Dann zwang er sein bedrücktes Herz mit eisiger Schroffheit zur Ruhe. Es ging vortrefflich. Bei einer Flasche Mosel und ausgesucht zarten Zwergbeefsteaks stellte Hupfeld die Bedingungen auf, unter denen er seinen künftigen ersten Assistenten verpflichten wollte. Perthes sollte sich innerhalb der nächsten vier Jahre nicht habilitieren dürfen, um ganz zu seiner, Hupfelds, Verfügung zu sein; sich auch dann noch ohne seine Zustimmung weder nach außerhalb bewerben noch einen etwaigen Ruf annehmen dürfen. Die Anstellung sollte erst nach einiger Zeit definitiv werden. Wann und mit welchem Gehalt, blieb späterer Bestimmung vorbehalten. Der Geheime Rat verschwieg, daß er bei dieser Gelegenheit einige dem Minister genehme, ihm zum Lob gereichende Ersparnisse zu machen gedachte. Dagegen ließ er Perthes nicht im Zweifel, daß er ihm die zukünftige Karriere innerhalb der hiesigen Universität gewährleisten wollte.

Perthes sah durch diese glänzenden Anerbietungen jede Erwartung weit übertroffen. Gleichwohl zwang er sich dazu, seiner Befriedigung keinen allzu begeisterten Ausdruck zu geben. Der Dämon, von dem er sich in seiner Selbstverachtung beherrschen ließ, riet ihm, sich zu sparen und seine streberischen Pläne womöglich als Ganzes zur Reife zu bringen. Es lockte ihn, seine Fähigkeit, emporzukommen, gleich durch ein Meisterstück zu erproben.

„Exzellenz sehen mich gegenüber solchen Beweisen des Vertrauens verwirrt —”

„Es sollte mich freuen,” versicherte Hupfeld mit großartiger Loyalität, „wenn es mir mit meinen Vorschlägen gelungen wäre, Ihre Wünsche mit den meinen in Einklang zu bringen.”

„Meine Wünsche wagten sich so hoch nicht, Exzellenz. Gleichwohl werden Sie es billigen, wenn ich mir angesichts so weitausschauender Pläne einige Tage erbitte, um sie durchzudenken.”

Hupfeld sah den Doktor ziemlich erstaunt, beinahe mißtrauisch an. Diesmal war ihm ein Zaudern unverständlich. „Nun ja —” meinte er gedehnt. „Ich gebe Ihnen natürlich Bedenkzeit. Nur —”

„Exzellenz dürfen überzeugt sein, daß ich dies Zugeständnis nicht mißbrauche. In wenigen Tagen, vielleicht schon morgen —”

„Bringen Sie mir eine zustimmende Antwort,” vollendete der Geheime Rat mit leichter Schärfe. Er hatte sich erhoben und bot Perthes verbindlich die Hand zum Abschied. Als er allein war, schüttelte er den Kopf: „Bei alledem — ein merkwürdiger junger Mann!”

Er sollte diese Merkwürdigkeit bald besser verstehen, als er ahnte. —

Nach milden, sonnigen Tagen brachte der November seine gewohnten brausenden, kühlenden Stürme, die im Wirbel das rote und braune Laub aus den Baumkronen rissen.

Gerade das unstete, tosende Wetter lockte die Abenteuerlust von Fräulein Exzellenz. Sie schlug für einen der nächsten Nachmittage den Teilnehmern der Reitquadrille einen Fernritt, und zwar einen tüchtigen Fernritt vor. Bei trügerischem Sonnenschein brach man auf. Perthes hatte sich mit Mühe freigemacht. Er sprengte mit Alice voran. Sie sah im langen, schwarzen Reitkleid gut aus. Es ließ ihre biegsamen Formen zu herausfordernder Geltung kommen. Der flache, ebenrandige Hut saß keck über den rotblonden Haaren. Professor Hammann und Cousine Hilla folgten in mäßigem Tempo und unter bedenklichen Protesten. Man hatte auch noch kaum die Sägemühle hinter sich, als der Wind grimmig einsetzte, den Himmel voller Wolken fegte und den Reitern brausenden Widerpart hielt. Als Perthes und seine Begleiterin bei einer Wegbiegung, am Eingang in ein leidlich windstilles Gehölz, sich umblickten, war von Hammann und Fräulein Hilla keine Spur mehr zu sehen.

„Wollen wir auch das Hasenpanier ergreifen?” fragte Alice mit einem spöttischen Blitzen der grünlich schimmernden Augen, während sie die losgerissenen Haarsträhnen aus den Wangen strich.

Statt der Antwort gab Perthes seinem Pferd die Sporen.

Mit klingendem Lachen jagte Alice ihm nach, bis sie wieder an seiner Seite war. Sie versetzte ihm zur Strafe einen leichten Hieb mit der Gerte auf die Hand, die die Zügel führte.

Hinter dem Wald ging es mit aufeinandergepreßten Lippen und zugekniffenen Augen gegen den Sturm. Kurz vor dem ersten Dorf schnob ein feiner, dichter Regenschauer aus den Wolken und durchnäßte Reiter und Roß.

Nun mußte man doch wohl oder übel im Wirtshaus haltmachen.

Alice fand es apart und reizend, in dem sauberen Herrschaftszimmerchen, in dem ein Ofenfeuer grüßend leuchtete, Tete-a-tete zu „mahlzeiten”. Man sah durchs Fenster hinaus auf den windgepeitschten Fluß, die regenwolkenverhangenen Berge. Fast wie auf der Sägemühle, dachte Perthes, als er zufällig hinausblickte. Um so besser, setzte er höhnisch hinzu. Er überließ sich dem willkommenen Reiz der Situation. Die nassen Kleider erfüllten unter der behaglichen Wärme die Stube mit ihrem Dunst. Es war ziemlich dunkel. Aus der Ofenecke, wo Alice sich eingerichtet hatte, sah man nur ihre Augen mit seltsamer Intensität aufglänzen.

Nachher, am Tisch, gab sie sich allerliebst. Sie war etwas aufgeregt und suchte diesen Zustand, der ihr kleinlich schien, durch die ausgelassene Freiheit ihres Benehmens zu verdecken. Sie gab sich die Rolle der Demimondaine, die sie augenwerfend und trällernd trefflich zu mimen verstand. Perthes sollte dazu den Galantuomo spielen.

Er ging bereitwillig darauf ein. Aber in einem Moment leidenschaftlich vorgetragener Liebeserklärungen, die sie mit koketter Kälte über sich ergehen ließ, vergaß er das Spiel. Er riß Alice in seine Arme und bedeckte sie mit Küssen.

Als er sie wieder freigab, war sie ernüchtert und erschrocken. „Was fällt Ihnen ein!” stammelte sie verlegen.

„Was mir schon längst hätte einfallen müssen!” gab er siegesgewiß zurück.

Schmollend und zürnend trat sie von ihm weg. Sie stellte sich ans Fenster und stand dort geraume Zeit, von ihm abgekehrt.

Er setzte sich mit scheinbarer Gelassenheit in die Ecke am Ofen und stocherte mit der Zange im Feuer.

Plötzlich wandte sie sich um. Mit ihrem drolligsten Spitzbubengesicht, halb spöttisch, halb ärgerlich, sah sie ihn an. „Nu — werden wir uns wohl verloben müssen. Wie abgeschmackt Sie sind!” meinte sie halblaut.

Er war mit zwei Schritten an ihrer Seite. Sie musterten sich mit einem tiefen, brennenden Blick. Dann küßten sie sich in einer neuen, wilden Umarmung. Und verlobten sich, trotz aller Abgeschmacktheit ...

Als Perthes sich am folgenden Tag in der Hupfeldschen Stadtwohnung einstellte, um Exzellenz Hupfeld seine Zusage für die erste Assistentenstelle zu bringen, empfing ihn der Geheime Rat sehr gemessen.

„Sie haben ja Ihre Bedenkzeit sehr eigenartig benutzt, Herr Doktor! Nun darf ich wohl um Bedenkzeit bitten?” lautete die strenge Einleitung.

Aber der hohe Herr konnte sich nicht lange auf so eisiger Höhe halten. Er wurde väterlich gerührt. Und lächelte bald wie ein gütiger Schöpfer über die kleinen Unarten und Torheiten seiner Geschöpfe.

Im Salon warteten Frau Hupfeld mit Alice und Cousine Hilla. Bei der Tür stand der Diener Karl. Diesmal nicht, um Gewittermeldungen vorzutragen, sondern um auf einen Wink die Sektkelche zu reichen. Schade, daß Leutnant Moritz fehlte.

Man feierte Verlobung im Familienkreise. Vorverlobung.

Es war stilvoller und großartiger, als es je im Haus am Wenzelsberg hätte werden können ...

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