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Reading edition
Der frische Luftzug, der dünne, schräge Sonnenstrahl, den Vater Richthoff durch den gutgemeinten pommerschen Reiseplan hatte in sein Haus locken können — wie flüchtig und trügerisch war er gewesen! Wie schnell sollte die Hoffnung, die ihn aufatmen und Elli eine ganze Kur ersinnen ließ, um Marga „unter Freude zu setzen”, von verdoppeltem Kummer, vervielfachter Sorge verschlungen werden! Schicksal und Natur hatten es mit Marga anders vor als väterliche Güte und schwesterlicher Feuereifer ...
Trotz aller Weisheit unserer heutigen Medizinmänner ist ein seelisches Prinzip der Träger des Lebens. Wenn das Leid an seine Wurzel trifft, gilt kein Flicken und Kleistern mehr. Allenfalls gibt es ein müdes, seelenloses Vegetieren, das der Körper mechanisch fristet, aber kein Gesunden zu neuem Menschentum. Die abgestorbene Wurzel treibt nicht mehr. Vielleicht birgt das Erdreich, dem sie entsprang, eine zweite Lebensmöglichkeit. Aber dann müßte die verkümmerte Wurzel schwinden; es müßte ein frischer, jungfräulicher Boden zurückbleiben können. Die Natur, die immer nur Bedingung ist und nicht Grund, kann diesen Boden bereiten. Sie liebt die toten Wurzelstrünke nicht. Wenn sie beginnen, den Organismus zu schädigen, hebt der Kampf um Sein oder Nichtsein an, und die größte Gefahr birgt die größte Hoffnung. Nach schwerem Ringen entscheidet sich der Sieg des Körpers über die feindliche und doch freundliche Krankheit. Die erstorbene Wurzel ist vernichtet, die alte Seele dem Erdboden gleich gemacht, dem neuen, keimempfänglichen, lockerscholligen Ackerland. Wird ein junger Keim sprießen? Wird aus dem Schoß des Unendlichen ein neuer Trieb hervorbrechen? Das weiß nur das Schicksal allein. Denn das Schicksal bestellt die Saat, wie die Natur den Boden bereitet ...
Den schwülen Wochen folgten die Wochen des Unwetters. Aber der verdoppelte Kummer, die vervielfachte Sorge waren nicht grausamer als das traurige, schleichende Harren ohne Hoffnung. Man stand ehrlich Feind gegen Feind. Es war ein harter, wehvoller Streit, und die ihn mit Marga stritten, hatten die Befriedigung, wenigstens ihre Tapferkeit erweisen zu dürfen. Der alte Herr trug mutig seine Fahne. Die römischen Cäsaren brauchten sich ihres Meisters nicht zu schämen. Er war, wie alle guten Meister, auch ein guter Schüler in seiner eigenen Schule. Und Käthe und Elli schlossen sich an ihn in festerer Liebe denn je. Erst daheim und dann, als die Gefahr den Gipfel erstieg, draußen in der Klinik war all ihr Denken und Fühlen bei der Kranken. Wenn es sein Beruf und die häuslichen Arbeiten irgend erlaubten, ging Richthoff am Morgen und Abend selber nach dem klinischen Viertel und holte bei Geismar, bei einem Assistenten, bei den Krankenschwestern den Bericht der Stunden. Dazwischen kamen und gingen Käthe und Elli in friedlichem Wetteifer. Nach langem Warten oft nur ein Wort zu erhaschen, war schon eine Belohnung. Wenn der Geheimrat und Käthe nicht gewesen wären: Elli hätte das Krankenzimmer Margas aller Gefahr und jedem Widerstand der Ärzte zum Trotz einfach gestürmt. Ihre Liebe war in der Sorge so ungestüm wie in der Freude. Man kannte sie in der Klinik vom Pförtner bis hinauf zum Direktor, und wenn sie kam, wappnete sich jeder gegen ihre impulsive Liebenswürdigkeit, ihre nie entmutigte Überredungskunst. Und dann, als das Fieber sank, die Ansteckungsgefahr gewichen war, als erquickender, stärkender Schlaf Marga umfing, war Elli die erste, die sie sehen mußte: an der Tür stehend, auf den Fußspitzen, mit den strahlenden, tränenschimmernden Augen, vom Arzt und der Krankenschwester im Schach gehalten, damit sie nicht auf ihr blasses, abgemagertes, verzehrtes Margakind losstürzte und das „Häuflein Mensch”, das da so still und verfallen der Genesung entgegenschlummerte, in ihren Armen zerdrückte.
Langsam, ganz langsam ging es bergauf. Jede Station nach oben wurde mit dankbarem Jubel begrüßt. Zehn Tage nach Neujahr erlaubte Geismar die Überführung Margas nach dem Wenzelsberg.
Trotz der eisigen Winterluft stand der alte Herr, leichtsinnig wie ein Junger, nur durch den aufgestülpten Rockkragen und das übliche Samtkäppchen sich schirmend, im Vorgarten auf Posten. Als er den Wagen aus der Querstraße heraufbiegen sah, ging er vorsichtshalber ins Haus. Er wußte, daß er diesmal seine überzeugte Abneigung gegen „Gruppenbildungen” unmöglich würde aufrecht erhalten können. Sie mochten sich aber dann wenigstens nicht vor unberufenen Augen vollziehen.
Lieber Gott, wie lange die Mädels brauchten! Er wartete ja schon ewig auf dem ersten Treppenabsatz, wohin er sich zurückgezogen hatte, um in jedem Fall über der Situation zu bleiben. Therese stand schon längst unter der Glastür und wischte sich zum zwanzigstenmal die Hände an der Schürze ab, um Fräulein Marga zu begrüßen.
Und dann brachten sie sie. Halb getragen, halb geschoben kam sie durch die Tür. Auf dem blassen Gesicht, in den zielverlorenen Augen glänzte ein Widerschein von all der wärmenden Liebe, die sie umhüllte. Therese sagte ihr „Grüß Gott!” Marga erwiderte mit ihrer sanften, herzlichen Stimme.
Bei diesem Ton fiel dem alten Herrn plötzlich ein, wie es gewesen wäre, wenn er die Stimme dieses seines blinden Sorgenkindes nicht wieder im Haus am Wenzelsberg gehört hätte. Und da hielt er sich nicht über der Situation. Er stieg hinunter von seinem Treppenabsatz, und es gab eine richtige Gruppenbildung, an der er selber mit zwei Küssen auf Margas Wangen sehr gravierend beteiligt war.
„Nicht wieder solche Geschichten machen. Ja nicht! Herzlich willkommen. Sich setzen! Sich stärken! Ausruhen!” Einmal ums andere strich er die Haare über Margas Schläfen zurecht, die wenigen zarten, die die Krankheit ihr gelassen. Er selber führte sie ins Eßzimmer und setzte sie in den Lehnstuhl, der sein Privileg war. Elli erklärte feierlich, es sei einfach unmöglich, daß andere Menschen sich so freuen könnten wie die Richthoffs. Und Käthe vollendete in stummer Beglücktheit einen schönen, tiefgründigen Satz für ihr Tagebuch, der verdient hätte, gedruckt zu werden ...
Das erste Viertel des neuen Jahres brachte Schritt für Schritt den alten guten Geist in das Haus am Wenzelsberg. Nun war Vater Richthoffs „Bande” wieder beisammen. Nun trat er seine Paschawürde wieder an. Während der zweite Teil der ersten Abteilung der „Kaisergeschichte” seinem Ende entgegengedieh, erlebte er es, daß die Türen wieder unerlaubt ins Schloß knallten und Ellis Lachen aus der Dachstube oder vom unteren Flur in seine Zettelwirtschaft und sein Miniaturgekritzel hineinschmetterte. Er schmunzelte, wurde bös, stand auf, schob das Käppchen von einem Ohr aufs andere und donnerte, Ruhe gebietend, durch den Türspalt. Die Cäsarengeister spitzten ihre Ohren wie kampfmutige Rosse beim vertrauten Schlachtruf und stritten sich hinterdrein um die Ehre, vom Gänsekiel des alten Herrn gelobt oder getadelt zu werden.
Erst der Frühling, der im Weinberg schüchterne Krokus und naseweise Maiglocken an die Sonne trieb, gab Marga ein wenig Rot in die Wangen und kräftigte ihre schmächtig gewordenen Glieder. Was in ihr wurde und wuchs, hervor aus neuem, unberührtem Boden, verriet sich kaum. Das Vergangene, das herbe Leid des Herbstes, schien wie in fernem Dunst zerflossen zu sein. Die Krankheit hatte ihre Erinnerung geschwächt. Weite Strecken des Gewesenen schienen wie ausgelöscht oder dämmerten ohne ernsten Zusammenhang. Erst allmählich traten die Geschehnisse in matterem, verändertem Licht wieder in ihr Bewußtsein. Sie sprach nie davon, und Vater Richthoff und die Geschwister hüteten sich in begreiflicher Scheu, daran zu rühren. Die Traurigkeit der großen Leere — war von ihr gewichen. Dankbar empfanden es die, die sie umgaben. Laut und allzu lebhaft war sie auch in den Tagen ihres höchsten Glücks nicht gewesen. Man war es deshalb schon zufrieden, daß sie nun wieder sanft und leise ihren Platz unter den Schwestern innehatte. Das Klare, Tapfere, Offene ihres Wesens, der Reichtum und die Reife inneren Schauens und Erlebens — all das regte sich noch kaum in ihr. Es war schattenhaft und rissig wie ihre Erinnerung. Aber sie war dem Tode zu nahe gewesen, als daß das wiedergewonnene Leben mit dem erwachenden Frühling seine zaghafte Lust hätte zurückhalten können. Sie wollte wieder. Und wenn es nur war, daß man sie in die Sonne führte, mit ihr plauderte, ihr Blumen pflückte und vorlas. Einmal, als sie mit Elli sich zum erstenmal emporwagte bis zum Philosophenweg im Weinberg, wo hinten auf dem Wiesenhang die Pfirsichbäumchen zu blühen anfingen und im junggrünen Schlinggewächs die Finken ihre Triller probierten, breiteten sich ihre Arme wieder weit, so weit, und ihr Kopf warf sich zurück, als wollte sie die Sonne suchen, die sie umrieselte. Sie wollte wieder leben. Sie wollte vom Schicksal wieder ihr Teil empfangen: eine neue Saat für eine neue Seele ...
Noch vor Semesterschluß brachte der erste Frühling eine Überraschung.
Als sollte ein frohes Ereignis bezeugen, daß es das neue Jahr im Ernst besser meine als das verstrichene. Bei Käthe zeigten sich seit einiger Zeit Symptome einer größeren Nachdenklichkeit, Verschlossenheit und Weltklugheit als sonst. Irgend ein sehr wichtiges Problem schien sie und ihr Tagebuch zu erfüllen. Nach Weihnachten hatte Richthoffs Schüler, der Privatdozent Bertelsdorf, dessen Tenor im akademischen Gesangverein eine Rolle spielte, eine seltene Beharrlichkeit darin gezeigt, Käthe nach den Proben heimzubegleiten. Käthe hatte sich bei Bertelsdorfs Aufmerksamkeiten bisher nie viel gedacht. Sie kannte seine Schwäche, sich bei den Professoren durch einen recht biegsamen Rücken lieb Kind zu machen. So erklärte sie sich auch die Häufigkeit, mit der er, im Wetteifer mit dem Flanellstorch, bei geselligen Veranstaltungen sie zur Tischdame begehrte; so auch, freilich nicht mehr ganz zweifellos, sein Auftauchen in Kissingen. Im übrigen konnte man sich mit ihm sehr gescheit unterhalten. Sie war empfänglich für allerlei wissenschaftliche Belehrungen, die er zu geben wußte; er war ein geduldiger Zuhörer für Käthes Lebenserfahrung und Weltweisheit — das wog bei ihr seine Liebedienerei beinahe auf. Er hatte die Fähigkeit, sich ihr unterzuordnen, was für ihre Beurteilung von Menschen und deren Wert gar keine nebensächliche Rolle spielte. Als er jedoch eines Abends auf dem Heimweg von der Messiasprobe einen regelrechten Antrag mit a, b und c entwickelte, überraschte er sie doch. Sie sagte zuerst rund heraus nein. Als sie aber ans Richthoffsche Vorgartentor gekommen waren und Bertelsdorf, beharrlich wie er war, seine Werbung noch einmal zur Diskussion stellte, versprach sie wenigstens, sich die Sache zu überlegen.
Zunächst nur aus Artigkeit. Dann aber ging sie mit sich zu Rat — in all der Rechtschaffenheit, die ihr eigen war. Einige Wochen dauerte es. Nun hatte zwar ihr Nein sich durchaus noch in kein Ja verwandelt, aber die Wage stand annähernd im Gleichgewicht. Und da machte Bertelsdorf einen Vorstoß auf eigene Faust: er hielt in einem sehr detaillierten Brief, der auch philologisch bemerkenswert war, bei Geheimrat Richthoff in aller Form um seine älteste Tochter an.
Vater Richthoff hatte nach seinen jüngsten Erfahrungen einen Horror vor Brautwerbungen. Anderseits war ihm der Gedanke, daß seine Töchter dem üblichen Los anderer junger Mädchen nicht für immer ausweichen könnten, wenigstens nicht mehr vollkommen neu. Es schien nun einmal in den Sternen zu stehen, daß er in die Ära hochzeitlicher Bedrängnisse eingetreten war. Bei Käthe fielen die Bedenken fort, die den Entschluß, als es Marga galt, so erschwert hatten. Bertelsdorf war ihm als Schüler wert, wenn er auch an ihm als Menschen manches auszusetzen hatte. Mehrere möglichst geheime Konferenzen mit Käthe folgten. Das Ergebnis war, daß der Privatdozent der letzten beiwohnen durfte. In aller Stille, ohne zu große Aufregung, verlobten sich die jungen Leute, und der alte Herr gab seinen Segen.
Es war Käthes eigener taktvoller Wunsch, daß Marga so schonend wie möglich von diesem Ereignis unterrichtet werden sollte. Elli wurde zur Mittelsperson ausersehen und zuerst von Käthe eingeweiht. Ihr fröhliches Herz, zur Mitfreude so geschaffen, machte sich in vielen Umarmungen der Braut Luft. Sie versprach, ihr Bestes zu tun.
Es sind oft nicht die schlechtesten Diplomaten, die von Diplomatie keine Ahnung haben. Elli behandelte Marga zwei Tage hindurch mit sehr durchsichtigen Vermutungen und Andeutungen, bis dieser gar nichts anderes übrig blieb, als das Vorgefallene zu erraten. Sie erbleichte wohl; ihre Lippen zitterten, und ihre Augen senkten sich in einer schmerzhaften, traurigen Anwandlung. Aber das Vergangene hatte keine Gewalt mehr über ihren neuen, jungen Willen, zu leben. Im Gegenteil: die Nachricht fiel wie ein erstes Saatkorn auf den fruchtwilligen Boden. Es regte sich in ihr etwas von ihrer früheren Tapferkeit. Sie ließ sich von Elli geradeswegs zu Käthe führen und brachte ihr mit warmen, ungekünstelten Worten ihren Glückwunsch. Käthe war gerührt. Und der Geheimrat, der gerade dazukam, war bei sich auf sein Sorgenkind noch stolzer als auf die Braut, die er nun doch ins Haus bekommen hatte.
Die Ostertage, mild und sonnenreich, voll Verheißung des jungen Frühlings für die alte Erde, ließen das Haus am Wenzelsberg nach innen und außen so recht im gewohnten Schimmer seiner guten, warmherzigen Behaglichkeit aufleuchten. Kaum war die Verlobungsneuigkeit in die Stadt geflattert, so kamen in langen Zügen die Freunde des Hauses. Papa Wilmanns rückte mit Frau und Töchtern an und schalt laut durch alle Zimmer, sein Kollege Richthoff sei ein Heimtücker und Duckmäuser, genau wie Borngräber. Auch ein Komödiant. Nun sehe man, was er den Winter über ausgeheckt habe, als er so unleidlich gewesen. Borngräber erschien natürlich auch. Er hatte sich eine sinnige kleine Ansprache ausgedacht, aber als er glücklich so weit war, hatte er vergessen, um was es sich genauer handelte, und sprach in dunklen Worten von einem frohen Ereignis. Man hätte ebensogut meinen können, er käme, um Richthoff zur Großvaterschaft zu gratulieren. Weiter kam Frau Geheimrat Achenbach mit ihren hoheitsvollen, weißen Scheiteln und dem Krückstock; Cousine Grasvogel, ein bißchen kleinlaut nach ihren letzten unglücklichen Leistungen, aber voll ehrlicher Rührung; Fräulein Lizzie aus der Uferstraße; der Flanellstorch, sehr geknickt und nervös, und viele andere: eine ganze Defiliercour, die der alte Herr an der Seite des Brautpaars voll Würde abnahm. Elli und Marga standen abseits in der Glasveranda vor dem Salon, die die Gratulanten in ein blumenbuntes Gewächshaus verwandelten. Auch sie bekamen viel Freundliches zu hören. Elli wünschte man Glück, so oft man sie sah, „einfach, weil so was existierte”, wie Frau Achenbach scherzend meinte, und Marga, weil alle sich freuten, sie wieder gesund zu sehen ...
Niemand ahnte, wie bald sich die hellen, traulichen Räume am Wenzelsberg den gleichen, aber so ganz anders gestimmten Gästen öffnen sollten ...
Geheimrat Richthoff hatte gleich nach Ostern, ehe die Vorlesungen des neuen Semesters wieder begannen, eine langersehnte, für die Forschungen der Kaisergeschichte notwendige Italienfahrt geplant. Nach den mancherlei seelischen Aufregungen des Winters versprach er sich von den paar Wochen im Süden auch für seine Erfrischung das beste. Alle Vorkehrungen waren getroffen. Der alte Herr fühlte seine jugendliche, unerschöpfliche Begeisterung erwachen, wie sie ihn immer überkam, wenn er nach Jahren wieder klassischen Boden unter die Füße bekommen sollte.
Hofrat Geismar machte ihm einen dicken und harten Strich durch seine frohe Rechnung. Als er sich ihm vorsichtshalber vor der Reise noch einmal stellte, mehr besuchs- als konsultierenderweise, riet ihm der ärztliche Freund kurzerhand von der Italienfahrt ab. Wie seine Herztätigkeit dermalen beschaffen sei, wäre Gleichmäßigkeit der Lebensweise gebotener als Veränderung.
Richthoff beschimpfte Geismar und die ganze Sippe der Ärzte als Kurpfuscher und Freudenverderber aufs ehrenrührigste. Lange trug er sich mit der Absicht, trotzdem zu reisen. Aber dann kapitulierte er doch vor der „Quacksalberei”. Für seine Mädels, die sich über seinen jähen Planwechsel verwundern mußten, erfand er eine Geschichte in grimmigen Bruchstücken: eine unerwartete Arbeit sei in die Quere gekommen. Und er blieb. Den anderen Rat Geismars, sich auch zu Hause in den Ferien etwas Ruhe und Ausspannung zu gönnen, befolgte er nicht. Unter keinen Umständen sollten ihn diese tyrannischen Menschenschinder zum weichlichen Sybariten machen. Als echter Protestler rauchte er zwischen seinen erbärmlichen, nikotinfreien Strohstengeln eine halbe Kiste anständiger Havannazigarren, Importen, die ihm ein Verehrer in Bremen mit launigen Versen dediziert hatte.
Das Semester begann.
Die Sprechstundenbesucher kamen. Unter den ersten befand sich eine junge, hochgewachsene, brunhildenhafte Livländerin. Sie hatte dem Geheimrat, der bisher keine Damen zugelassen hatte, die Erlaubnis schon im Wintersemester halb abgetrutzt, halb abgeschmeichelt. Das heißt, der alte Herr machte bei ihr nur insofern eine Ausnahme, als er nicht, wie er das sonst gelegentlich getan, im Kolleg auf die Dame zuschritt und ihr mit grimmiger Galanterie den Arm bot, um sie hinauszugeleiten. Er duldete sie. Nicht weil er von seinem Grundsatz abgehen wollte, sondern um sich eine liebenswürdige Schwäche zu verstatten. Als Ausnahme, die die Regel bestätigt ...
Die junge Livländerin rechnete auf ihre sonnigen, ostseeblauen Augen. Auch für den Sommer. Sie verehrte den alten Herrn. Es mußte ihr gelingen, von der geduldeten zur offiziellen Hörerin vorzurücken. Zur Verblüffung Thereses kam sie mit einem Strauß von köstlichen, rosablühenden Rosen.
Auf der Treppe begegnete ihr Elli. Diese kannte „die” Hörerin des Vaters von einer Gesellschaft bei Wilmanns und tauschte mit ihr einen lächelnden Gruß.
Dann trat das junge Mädchen bei Vater Richthoff ein, ihren Strauß wie einen Schild vor sich hertragend.
Der Geheimrat saß am Schreibtisch und schlürfte den Kaffee, den ihm Elli eben gebracht. Höflich stand er auf. Mit der Zuvorkommenheit, die er Damen gegenüber nie vergaß, ging er ihr entgegen. Ihr Lächeln erwiderte er mit einer Verschmitztheit, die sagen wollte: Diesmal wirst du mich nicht kleinkriegen. Er war noch nicht bei ihr, um ihr die Hand zu geben und sie zum Sitzen einzuladen, als er, offenbar durch einen Fehltritt, zur Seite kippte. Mit beiden Händen suchte er am nahen Tisch Halt. Die junge Dame wollte ihm beispringen. Aber er war schon mit einer seltsamen Schwerfälligkeit in einen Sessel gesunken.
Sie legte die Rosen vor ihn hin. Mit Befremden nahm sie wahr, wie sein Mund sich bewegte, ohne das dankende Wort hervorbringen zu können. Eine krampfhafte Verzerrung arbeitete in seinem bärtigen Antlitz. Das Sammetkäppchen schob sich ihm in die Stirn. Seine Hand, die emporgriff, um es hinauszurücken, fiel schwer zwischen die Rosen auf den Tisch. Der Körper sank gegen die Lehne.
„Was ist Ihnen, Herr Geheimrat?” stammelte das junge Mädchen mit zunehmendem Schreck.
Seine Augen starrten sie durch die Brille irr und ratlos an.
Sie lief nach der Tür und rief die Treppe hinunter, laute, hilfeheischende Worte.
Elli kam von unten, Käthe von oben, beide mit fragenden, verwunderten Mienen.
„Ihrem Herrn Vater ist unwohl geworden!”
Die Schwestern eilten mit der Fremden bestürzt ins Arbeitszimmer. Der Anblick raubte ihnen einen Moment die Sprache. Dann schrien sie auf vor Schreck.
Der Leib des alten Herrn war vornüber gesunken. Sein kahler Kopf, von dem das Käppchen herabgeglitten war, ruhte mit den wenigen weißen Strähnen auf dem Strauß von duftenden Rosen.
„Papa — was ist dir?” Elli hatte sich neben ihm auf die Knie geworfen und griff nach den schlaffen Händen.
Käthe rief nach Therese, nach dem Arzt. Sie rannte aus dem Zimmer. Elli mit demselben Ruf besinnungslos hinter ihr drein. Von dem gleichen Gedanken beseelt, stürzten sie aus dem Haus. Käthe nach dem nächsten Fernsprecher, Elli zu Geismar.
Therese stand verständnislos und kopfschüttelnd unter der Küchentür, sah die beiden Fräulein vorbeirasen, ohne ihre Worte zu verstehen, und die fremde Dame, die sich unheimlich und überflüssig fühlte, ihnen fluchtartig folgen ...
Marga war bei dem entsetzten Aufschrei der Schwestern aus der Tür ihres Zimmers im Dachstock getreten, das Käthe vor ihr verlassen. Sie wußte von nichts. Aber das Rufen, Laufen und Türenschlagen erfüllte sie mit einer erschreckenden Ahnung, die ihr scharfer Instinkt schnell in die klarste Gewißheit verwandelte.
Da unten, einen Stock tiefer, war der Tod eingekehrt. Sie meinte seine eisige Kälte gegen ihre Wangen, ihre Stirn andringen zu fühlen.
Und mit der Gewißheit kam eine wunderbare, mechanische, gebietende Sicherheit über sie. Mit einer langsamen Ruhe, über die sie sich selber wunderte, stieg sie die Treppe hinunter und trat durch die offene Tür in das Arbeitszimmer ihres Vaters.
Sie flüsterte seinen Namen. Keine Antwort kam zurück. Sie wußte, daß es nicht sein konnte. Sie atmete den Duft von Rosen. Trotz ihrer Ruhe bebte sie zurück vor der kalten Stille und wagte sich nicht weiter. Sie tastete um sich und setzte sich auf den ersten Sessel am Tisch. Ihr inneres Gesicht war erwacht. Wahr, aber schöner als alle Wirklichkeit. Sie sah das büchervolle, verqualmte Zimmer; sie sah den Tod, eine anmutige Mädchengestalt mit einem Büschel Frühlingsblumen in lachenden Farben, die auf den alten Herrn mit dem grimmig-gütigen Gesicht scherzend zutrat; sie sah, wie sein Haupt mit einem verständnisvollen Lächeln sich über den Duft und die Blüten neigte und tief, immer tiefer darin versank. Und stumm, andächtig, ein Bild im Bilde, saß sie dabei und hielt Wache, während die Tränen sich leis und schwer aus den blinden Augen lösten und über ihre gefalteten Hände tropften ...
Später kamen die Schwestern. Nach ihnen der Arzt, Hofrat Geismar. Er konnte nur den durch eine Herzlähmung herbeigeführten Tod des Freundes konstatieren.
Und dann kam es weiter wie ein wirrer, böser Traum, Stunde um Stunde, vom Tag zur Nacht, von der Nacht zum Tag, hinter dem Tod sein trübes, düsteres Geleit.
Elli und Käthe waren wie gelähmt von Schmerz. Nur Marga behauptete inmitten des Gedränges der kleinen, harten Notwendigkeiten ihr Gleichgewicht. Mit ihr allein konnte Professor Wilmanns, der als erster am Platz erschien und als treuer Hausfreund im Verein mit Geismar und Bertelsdorf die Leitung aller Angelegenheiten übernahm, sich beraten und bereden. Das Schicksal hatte gesät. Rauh und herb. Aber gerade dieser tiefe, große Schmerz ließ die neue Kraft ihrer Seele emporwachsen: die Klarheit, ihre Tapferkeit, ihre reife Stärke zu leiden und zu lieben.
Die Schar der Freunde, noch vor wenigen Wochen so froh und festlich gestimmt, zog trauernd durch das verwaiste Haus am Wenzelsberg. Verwandtschaftliche und offizielle Beileidsbezeugungen von auswärtigen Universitäten, vom Ministerium, von der Berliner und Münchner Akademie, von seiner Burschenschaft; die würdige Feier in der Aula, bei der Borngräber die knappste und ergreifendste Rede seines Lebens hielt, das machtvolle Feiergepränge des akademischen Leichenzuges wogte daher und wogte vorüber. Noch ein Druck von unzähligen, wohlmeinenden Händen am Grab, und dann führte die letzte Kutsche die drei schwarzgekleideten Richthoffmädels zurück ins einsame väterliche Haus ...
In der Nacht, nachdem sie den alten Herrn hinausgetragen hatten, kam sich das alte Haus am Wenzelsberg schlecht und wurmstichig und älter vor denn je. Es knackte in seinen Dielen, es streckte sich im Gebälk und in den Wandfugen. Dann horchte es in sich hinein: es war ein eigentümliches Knistern und Raunen im öden Arbeitszimmer von Vater Richthoff. Die Geister zogen, die hohen, erzgemeißelten, ehrfurchtgebietenden Cäsaren — sie zogen aus Zetteln und Blättern, aus Winkeln und Ecken durch die mondhelle Stube hinaus in die Mainacht. Sie hatten begriffen, auch sie, daß es zu Ende war.