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Die Göttliche Komödie

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Fünfzehnter Gesang

Gewogner Will, in welchem immer dir Sich offen wird die echte Liebe zeigen, Wie böser Wille kund wird durch Begier, Gebot der süßen Leier Stilleschweigen Und hielt im Schwung der heilgen Saiten ein, Die Gottes Rechte sinken macht und steigen. Wie werden taub gerechter Bitte sein Sie, die einhellig den Gesang itzt meiden, Um Mut zur Bitte selbst mir zu verleihn. Oh, wohl verdienen ewiglich zu leiden Die, weil die Lieb in ihrer Brust erwacht Für Irdisches, sich jener Lieb entkleiden. Wie durch die Heiterkeit der stillen Nacht Oft Feuer läuft, vom Augenblick geboren, Und des Beschauers Augen zücken macht, Gleich einem Stern, der andern Platz erkoren, Nur, daß an jenem Ort, wo er entbrannt, Sich nichts verliert und er sich schnell verloren; So sah ich aus dem Arm zur rechten Hand Jetzt einen Stern zum Fuß des Kreuzes wallen, Aus jenem Sternbild, das dort glänzend stand. Die Perl war nicht aus ihrem Band gefallen; Sie lief am lichten Streif dahin und war Wie Feuer hinter glänzenden Kristallen. So, redet unsre größte Muse wahr, Stellt in Elysiums Hainen seinem Sprossen Anchises sich mit frommer Liebe dar. "O du, mein Blut, auf welches sich ergossen Die Gnade hat, wem hat der höchste Hort Zweimal, wie dir, des Himmels Tür erschlossen?" Mir zog den Geist zum Lichte dieses Wort; Drauf, als ich mich zu meiner Herrin wandte, Ward mir Entzückung, Staunen, hier wie dort, Weil ihr im Auge solch ein Lächeln brannte, Daß, wie ich glaubte, meins den Grund darin Von meinem Himmel, meiner Gnad erkannte. Der Geist dann fügte Dinge zum Beginn, Er, angenehm zu hören und zu sehen, Die ich nicht faßte vor zu tiefem Sinn. Doch wollt er nicht, ich soll ihn nicht verstehen; Es mußte sein, weil Reden solcher Art Weit übers Ziel der Menschenfassung gehen. Doch als der Schwung, in dem sich offenbart Der Liebe Glut, insoweit nachgelassen, Daß jenes Ziel nicht überflogen ward, Sprach er, was ich nun fähig war, zu fassen: "Preis dir, Dreieiner, der du auf mein Blut So reich an Gnade dich herabgelassen." Und dann: "Der Sehnsucht lange, süße Glut. Entflammt, da ich im großen Buch gelesen, Das kund unwandelbar die Wahrheit tut, Stillst du, mein Sohn, im Licht, aus dem mein Wesen Jetzt freudig zu dir spricht; Dank ihr, die dich Zum Flug beschwingt und dein Geleit gewesen! Du glaubst, daß alles, was du denkst, in mich Vom Urgedanken strömt; denn es entfalten Die fünf und sechs ja aus der Einheit sich; Drum fragst du nicht nach mir und meinem Walten, Und weshalb höher meine Freude scheint Als die der andern dieser Lichtgestalten. Dein Glaub ist wahr, weil groß und klein vereint In diesem Reich, nach jenem Spiegel blicken, Wo, eh du denkest, der Gedank erscheint, Doch, um die Lieb, in die mit wachen Blicken Ich ewig schau, und die die Süßigkeit Der Sehnsucht zeugt, vollkommner zu erquicken, Erklinge sicher, kühn, voll Freudigkeit Die Stimm in deinem Willen, deinem Sehnen, Und die Entgegnung drauf ist schon bereit." Ich sah auf sie, die, eh die Wort ertönen, Mich schon versteht, und lächelnd im Gesicht, Hieß sie mich frei des Willens Flügel dehnen. Ich sprach: "Die Neigung und des Geistes Licht Sind, seit die erste Gleichheit ihr ergründet, Bei jeglichem von euch im Gleichgewicht, Weil euch die Sonne, die euch hellt und zündet Mit Licht und Glut, damit sogleich durchdringt, Daß man, was sonst sich gleicht, hier ungleich findet. Doch Will und Witz, wie sie der Mensch erringt, Sie sind aus dem euch offenbaren Grunde Mit sehr verschiedner Kraft zum Flug beschwingt. Dies fühl ich Sterblicher in dieser Stunde, Und danke deine Vaterliebe dir Drum mit dem Herzen nur, nicht mit dem Munde. O du lebendiger Topas, du Zier Des edlen Kleinods, hell in Glanz entglommen, Still itzt, dich nennend, meine Wißbegier!" "Mein Sproß, längst froh erwartet, jetzt willkommen, In mir sieh deine Wurzel!" So der Geist, Und setzt hinzu, nachdem ich dies vernommen: "Und er, nach welchem dein Geschlecht sich heißt, Der hundert Jahr und mehr für stolzes Wesen Des Berges ersten Vorsprung schon umkreist, Er ist mein Sohn, dein Urgroßahn, gewesen, Und dir geziemts, von solcher langen Pein Durch gute Werk ihn schneller zu erlösen. Florenz, im alten Umkreis, eng und klein, Woher man jetzt noch Terzen hört und Nonen, War damals friedlich, nüchtern, keusch und rein. Nicht Kettchen hatt es damals noch, nicht Kronen, Nicht reichgeputzte Fraun—kein Gürtelband, Das sehenswerter war als die Personen. Bei der Geburt des Töchterleins empfand Kein Vater Furcht, weil man zur Mitgift immer, So wie zur Zeit, die rechten Maße fand. Und öde, leere Häuser gabs da nimmer; Nicht zeigte dort noch ein Sardanapal, Was man vermag in Üppigkeit der Zimmer. Nicht übertroffen ward der Montemal Von dem Uccellatojo noch im Prangen, Und wie im Steigen, also einst im Fall. Ich sah vom schlichten Ledergurt umfangen Bellincion Berti noch und sah sein Weib Vom Spiegel gehn mit ungeschminkten Wangen. Ich sah ein unverbrämtes Wams am Leib Des Nerli und des Vecchio—und den Frauen War Spill und Rocken froher Zeitvertreib. Glückselge Fraun! In eurer Heimat Auen War euch ein Grab gewiß—durch Frankreichs Schuld War keiner noch das öde Bett zum Grauen. Die, wach und emsig an der Wiege, lullt In jener Sprach ihr Kindlein ein, die jeden Der Vater ist, entzückt in Süß und Huld. Die, ziehend aus dem Rocken glatte Fäden, Letzt ihrer Kinder Kreis von Römertat, Von Troja, Fiesole mit klugen Reden. Was ihr an einer Cianghella saht, An Salterell, solch Wunder hätts gegeben, Als itzt Cornelia gab und Cincinnat. So ruhigem, so schönem Bürgerleben, So treuer Bürgerschaft, so teurem Land, Gab mich Maria, die mit Angst und Beben Die Mutter anrief, als sie Wehn empfand, Und dort, in unserm Taufgebäu, dem alten, Ward ich ein Christ und Cacciaguid genannt. Zwei Brüder hatt ich, und zu treuem Walten Im Haufe kam die Gattin mir vom Po, Von der den zweiten Namen du erhalten. Den Kaiser Konrad folgt und dient ich, so, Daß er mich weihte zu des Ritters Ehren, Und immer blieb ich seiner Gnade froh. Mit ihm wollt ich des Greuels Reich zerstören, Des Volk, durch eurer Hirten Fehler, sich Der Länder anmaßt, die euch angehören. Und dort, von jenem schnöden Volk, ward ich Vom Trug der Welt entkettet und geschieden, Der viele Herzen jeder Zeit beschlich, Und kam vom Märtyrtum zu diesem Frieden.

Sechzehnter Gesang

O du geringer Adel unsers Bluts, Kannst du hienieden uns zum Stolz verführen, Wo wir noch fern vom Schaun des wahren Guts. So werd ich nimmer drob Verwundrung spüren; Denn dort, wo falsche Lust uns nicht erreicht, Fühlt ich darob in mir den Stolz sich rühren. Du bist ein Mantel, der, sich kürzend, weicht, Setzt man nicht Neues zu von Tag zu Tagen, Weil rings die Zeit mit ihrer Schere schleicht— Mit jenem ihr, das Rom zuerst ertragen, Das jetzt die Römer minder brauchen, trat Ich näher hin, beginnend neue prägen. Beatrix drum, zur Seite stehend, tat, Lächelnd, gleich jener, die beim ersten Fehle Ginevrens, wie man schreibt, gehustet hat. "Ihr seid mein Vater; Ihr erhebt die Seele, Daß ich mehr bin als ich; Ihr gebt mir Mut Mit Euch zu sprechen frei und sonder Hehle. Mir strömt zur Brust vielfacher Wonne Flut, Doch sie erträgt es, ohne zu zerspringen, Weil süß das Herz in eigner Freude ruht. Drum sprecht, mein Urahn, welche Vordern gingen Euch noch voraus, und wie bezeichnet man Die Jahre, die Euch hier itzt Früchte bringen? Vom Schafstall sprecht des heiligen Johann; Wie groß war er? Wer ist, den, hochzustehen In jenem Volk, man würdig preisen kann?" Gleichwie, belebt von frischen Windeswehen, Die Kohl in Flammen glüht, so war das Licht Bei meinem Liebeswort in Glanz zu sehen. Und so verschont er jetzt sich dem Gesicht, Wie seine Sprache sich dem Ohr verschönte; Doch wars nicht jene, die man jetzo spricht. Er sprach: "Seitdem des Engels Ave tönte, Bis meine Mutter, heilig itzt, in Qual Sich meiner Last entledigend, erstöhnte, Kam allbereits fünfhundertachtzigmal Dies Feuer zu den Füßen seines Leuen, Dort zu erneuern seinen Flammenstrahl. Des ersten Lichts sollt ich am Ort mich freuen, Den Vätern gleich, wo man das Sechsteil fand. In dem sich eure Jahresläuf erneuen. Und dies sei von den Ahnen dir bekannt; Wer sie gewesen, und woher entsprossen, Wird schicklicher verschwiegen als benannt. Was da, von Mars und Täufer eingeschlossen, Befähigt war, sich zum Gefecht zu reihn, Ein Fünfteil wars der jetzigen Genossen. Allein die Bürgerschaft, jetzt groß zum Schein, Vermischt mit Campis und Certaldos Scharen, War noch im letzten Handwerksmanne rein. Wohl besser wären, die einst Nachbarn waren, Es jetzo noch—wohl besser wars, Galluzz Und Trespian als Grenzen zu bewahren, Als innerhalb der Bauern Stank und Schmutz Von Aguglion und Signa zu ertragen, Die listig schachern allem Recht zum Trutz. Wenn sich, der gänzlich aus der Art geschlagen, Am Kaiser nicht stiefväterlich verging, Statt ihn am Herzen väterlich zu tragen, War mancher Schachrer, den Florenz empfing, Bereits zurückgekehrt nach Simifonte, Wo sein Großvater schmählich betteln ging. Wie Montemurlo Grafschaft bleiben konnte, So wären noch die Cerchi in Acon, Vielleicht in Valdigriev die Buondelmonte. In Volksvermischung fand man immer schon Den ersten Keim zu einer Stadt Verfalle, Wie Speis auf Speisen unsern Leib bedrohn. Ein blinder Stier stürzt hin in jäherm Falle Als blindes Lamm, und öfters ist ein Schwert Mehr wert als fünf und schneidet mehr als alle. Sieh Luni, Urbifaglia schon verheert, Sieh Chiusi in derselben Not sich winden, Die Sinigaglia, jenen gleich, erfährt; Dann wirst dus nicht mehr neu und schrecklich finden, Hüllt Nacht des Todes die Geschlechter ein, Da Städte selbst vom festen Grund verschwinden. Was euer ist, das trägt, wie euer Sein, Den Tod in sich; doch, was sich minder wandelt, Verbirgt ihn euch, denn eure Zeit ist klein. Und wie des Mondes Lauf den Strand verwandelt Und ihn in Ebb und Flut entblößt und deckt,— So ists, wie das Geschick Florenz behandelt. Drum werde dir kein Staunen mehr erweckt, Sprech ich von Edeln deiner Stadt, von ihnen, Die in Vergessenheit die Zeit versteckt. Die Ughi hob ich und die Catellinen Der Greci und Ormanni Stamm gesehn, Die selbst im Fall erhabne Bürger schienen. Mocht alt, wie hoch, der von Sanella stehn, Er mußte mit Soldanier, den von Arke Und den Bostichi kläglich untergehn. Am Tor, das jetzt an Hochverrat so starke Belastung hat, daß in den Wogen bald Versinken wird die überladne Barke, Dort war der Ravignani Aufenthalt, Das Stammhaus derer, so den Namen führen Des Bellincion, der edel ist und alt. Wohl wußte, wie sichs zieme, zu regieren, Der della Pressa—Galigajo nahm Das Schwert, das goldnes Blatt und Knauf verzieren. Groß war die graue Säul und wundersam, Groß waren die Sachetti, die Barucci Und die ein Scheffel jetzt durchglüht mit Scham. Groß war vordem der Urstamm der Calfucci; Zu jeglichem erhabnen Platz im Staat Rief man die Sizii, die Arrigucci. Wie groß wart ihr! Allein des Stolzes Saat Trug Untergang—wie blüht auf allen Ästen So edler Stämme Mut und große Tat! So waren deren Väter, die in Festen, Wenn man den Sitz des Bischofs ledig sieht, Im Konsistorium sich behaglich mästen. Das prahlende Geschlecht, das dem, der flieht, Zum Drachen wird, doch sanft wird, gleich dem Lamme, Wenn man die Zahne weist, den Beutel zieht Kam schon empor, allein aus niederm Stamme, Drum zürnt Ubert dem Bellincion, daß er Zu solcherlei Verwandtschaft ihn verdamme. Von Fiesole kam Caponsacco her Auf euren Markt und trieb in jenen Tagen, Wie Infangato bürgerlich Verkehr. Unglaubliches, doch Wahres werd ich sagen: Ein Tor des Städtchens ließ man ungescheut Den Namen des Geschlechts der Pera tragen. Wen nur des schönen Wappens Schmuck erfreut, Des großen Freiherrn, dessen Preis und Ehren Alljährlich noch das Thomasfest erneut. Ließ Ritterwürden sich von ihm gewähren, Mag der auch, ders mit goldner Zier umwand, Jetzt im Vereine mit dem Volk verkehren. Da hoch der Stamm der Gualterotti stand, So würd in Kriegsnot Borgo minder beben, Wenn er sich mit den Nachbarn nicht verband. Das Haus, das euch zum Weinen Grund gegeben, Das in gerechtem Grimm euch Tod gebracht Und ganz beendigt euer heitres Leben, Stand mit den Seinen fest in Ehr und Macht. Buondelmont, was hattest du Verlangen Nach andrer Braut? Was fremden Antriebs acht? Wohl viele würden froh sein, die jetzt bangen, Wenn Gott der Ema dich vermählt, als du Zum ersten Male nach der Stadt gegangen. Doch wohl stand dieser Stadt das Opfer zu, Das sie der Brückenwacht, dem wüsten Steine, Mit Blut gebracht in ihrer letzten Ruh. Mit diesen und mit andern im Vereine Sah ich Florenz des süßen Friedens wert, Indems nie Ursach fand, weshalb es weine. Mit diesem sah ich hoch sein Volk geehrt, Gerecht und treu, in ruhig stiller Haltung, Und nie am Speer die Lilie umgekehrt Und nimmer rotgefärbt durch innre Spaltung.

Siebzehnter Gesang

Wie der, der Väter karg gemacht den Söhnen, An Climene um Kunde sich gewandt Von dem, was man gejagt, ihn zu verhöhnen; So war ich jetzt in mir, und so empfand Beatrix mich und er, des Liebesregung Vom Flammenkreuz ihn zu mir hergebannt. Drum sie: "Folg itzt der inneren Bewegung Und laß den Wunsch hervor, nur sei er rein Bezeichnet durch des innern Stempels Prägung. Er soll nicht größre Kenntnis uns verleihn, Doch mutig sollst du deinen Durst bekennen, Als ob ein Mensch ihn stillen sollt in Wein." "O teurer Ahn, hochragend im Erkennen, Gleich wie der Mensch sieht, daß im Dreieck nicht Zwei stumpfe Winkel sich gestalten können, So siehst du, was da sein wird, das Gesicht Dem Spiegel zugewandt, der alle Zeiten Als Gegenwart dir zeigt im klaren Licht. Als noch Virgil bestimmt war, mich zu leiten, Um auf den Berg, der unsre Seelen heilt, Und zu der toten Welt hinabzuschreiten, Ward von der Zukunft Kunde mir erteilt, Die hart ist, mag ich auch als Turm mich fühlen, Der trotzend steht, wenn ihn der Sturm umheult. Drum wüßt ich gern, um meinen Wunsch zu kühlen, Welch ein Geschick mir naht. Vorausgeschaut, Scheint minder tief ein Pfeil sich einzuwühlen." Ich sprachs zum Licht, das mir mit süßem Laut Gesprochen hatt, und hatt ihm nun vollkommen, Nach meiner Herrin Wink, den Wunsch vertraut. In Rätseln nicht, wie man sie einst vernommen, Bestimmt, ein Netz für Torenwahn zu sein, Eh Gottes Lamm die Sünd auf sich genommen, In klarem Wort und bündigem Latein, Antwortete mir jene Vaterliebe Verschlossen in der eignen Wonne Schein: "Der Zufall, Werk allein der Erdentriebe, Malt sich im ewgen Blick, wie vorbestimmt, Und keiner ist, der ihm verborgen bliebe, Obwohl er euch die Freiheit nicht benimmt So wenig, als das Aug ein Schifflein leitet, Das drin sich spiegelt, wenns stromunter schwimmt. Wie Orgelharmonie zum Ohre gleitet, So kann mein Aug im ewgen Blicke sehn, Welch ein Geschick die Zukunft dir bereitet. Wie Hippolyt, vertrieben aus Athen Von der Stiefmutter treulos argen Ränken, So mußt du aus dem Vaterlande gehn. Dies wollen sie, dies ists, worauf sie denken; Und wo man Christum frech zu Markte trägt, Dort wird zur Tat, was nottut, dich zu kränken. Und dem verletzten Teil folgt, wie er pflegt, Der Ruf der Schuld—allein die Wahrheit künden Wird Gottes Rache, die den Argen schlägt. Du wirst dich allem, was du liebst, entwinden Und wirst, wenn dies dir bittern Schmerz erweckt, Darin den ersten Pfeil des Banns empfinden. Wie fremdes Brot gar scharf versalzen schmeckt, Wie hart es ist, zu steigen fremde Stiegen, Wird dann durch die Erfahrung dir entdeckt. Doch wird so schwer nichts seinen Rücken biegen, Als die Gesellschaft jener schlechten Schar, Mit welcher du dem Bann wirst unterliegen. Ganz toll und ganz verrucht und undankbar Bekämpft sie dich; doch zeiget bald, zerschlagen, Ihr Kopf, nicht deiner, wer im Rechte war. Wie dumm sie ist, das wird ihr Tun besagen; Und daß du für dich selbst Partei gemacht, Wird dir erwünschte, schöne Früchte tragen. Die erste Zuflucht in der harten Acht Wird dir der herrliche Lombard gewähren, Den heilger Aar und Leiter kenntlich macht. Zwischen euch wird von Geben und Begehren Das, was sonst später kommt, das erste sein, So sorgsam wird auf dich sein Blick sich kehren. Dort siehst du ihn, dem dieses Sternes Schein Bei der Geburt im hellsten Licht entglommen, Ihm das Gepräg zu hoher Tat zu leihn. Und hat die Welt noch nichts davon vernommen, So ists, weil eben erst zum neuntenmal Die Sonn um ihm den Zirkellauf genommen. Doch glänzt er, ungerührt durch Gold und Quäl, Bevor sich des Gascogners Tücken zeigen Bei Heinrichs Zug, in heller Tugend Strahl. Hochherrlich wird sein Ruhm zum Himmel steigen; Der Feind selbst kann, obwohl voll Ungeduld Bei seiner Taten Lob, es nicht verschweigen. Gewärtig sei denn sein und seiner Huld; Aus Armen macht er Reich und Arm aus Reichen, Hebt arme Tugend, stürzt die reiche Schuld. Laß nicht dies Wort aus dem Gedächtnis weichen, Doch sage nichts!" Dann sagt er Dinge mir, Die dem selbst, der sie sah, noch Wundern gleichen. "Sohn," also sprach er weiter, "siehe hier, Zu dem, was dir verkündet ward, die Glossen. Schon droht man aus dem Hinterhalte dir. Doch nicht beneide deine Landsgenossen, Denn lang, bevor du sinkst ins dunkle Grab, Ist dem Verrat gerechte Rach entsprossen." Hier brach die heilge Seel ihr Reden ab Und hatte das Gewebe ganz vollendet, Wozu ich fragend ihr den Aufzug gab. Und wie man zweifelnd sich an jemand wendet, Der innig liebt und Rechtes will und sieht, Nach gutem Rat—so ich, als er geendet: "Ich sehs, wie rasch heran die Stunde zieht, Um gegen mich den scharfen Pfeil zu kehren, Der schwerer trifft, wen die Besinnung flieht. Drum muß ich wohl mit Vorsicht mich bewehren, Um fern dem Ort, der, was ich lieb, enthält, Nicht durch mein Lied der Zuflucht zu entbehren. Denn reifend durch die endlos bittre Welt, Dann auf die Höh, wo mich vom Angesichte Der Herrin Licht zum höhern Flug erhellt, Dann durch den Himmel selbst von Licht zu Lichte, Erfuhr ich, was wohl manchen brennt und beißt Durch ätzenden Geschmack, wenn ichs berichte. Und zagt, der Wahrheit feiger Freund, mein Geist, Dann, fürcht ich, bin ich tot bei jenen allen, Bei welchen diese Zeit die alte heißt." Und neuen Glanz sah ich dem Licht entwallen, Das Strahlen, wie ein goldner Spiegel, warf, Auf den der Sonne Feuerblicke fallen. "Wer rein nicht sein Gewissen nennen darf," Sprach er, "wen eigne Schmach, wen fremde drücket, Dem schmeckt wohl deine Rede streng und scharf. Dennoch verkünde ganz und unzerstücket Was du gesehn, von jeder Lüge frei Und laß nur den sich kratzen, den es jücket. Ob schwer dein Werk beim ersten Kosten sei, Doch Nahrung hinterläßts zu kräftgerm Leben, Ist des Gerichts Verdauung erst vorbei. Dein Laut wird sich, dem Sturme gleich, erheben, Der hohe Gipfel stärker schüttelnd faßt, Und dies wird Grund zu größrer Ehre geben. Drum sind berühmte Seelen alle fast, Die du im dunkeln, wehevollen Schlunde Und auf dem Berg und hier gesehen hast. Denn niemand traut beruhigt einer Kunde, Verbirgt das Bild, das sie vor Augen stellt, Die Wurzel tief im unbekannten Grunde, Und nur was schimmert überzeugt die Welt."

Achtzehnter Gesang

Schon freute sich der selge Geist alleine An seinem Wort. und ich, mit Süßigkeit Das Bittre mäßigend, genoß das meine. Und jene Frau, zum Höchsten mein Geleit, Sprach: "Wechsle die Gedanken—denk, ich wohne Dem nah, der mildert unverdientes Leid." Ich, hingewandt zum süßen Liebestone, Konnt in den heilgen Augen Liebe schaun, Die ich nicht sing in dieser niedern Zone. Denn nicht der Sprache nur muß ich mißtraun; Selbst das Gedächtnis kehrt nicht, ungetragen Vom Flug der Gnade, zu den selgen Aun. Ich kann von jenem Augenblick nur sagen: Ich fühlte jeden Wunsch der Brust entfliehn, Als ich den Blick zur Herrin aufgeschlagen, Bis, die nun selbst aus ihrem Auge schien, Die ewge Luft, vom schönen Angesichte Im zweiten Anblick Gnüge mir verliehn, Besiegend mich mit eines Lächelns Lichte. "Nicht mir im Aug allein ist Paradies." Sie sprachs. "Horch auf! Dorthin die Augen richte!" Wie Lieb auf Erden wohl sich mir erwies, Die lächelnd glänzt auf eines Freundes Zügen, Der seine Seele ganz ihr überließ, So zeigt in Glanz und wonnigem Vergnügen Des Urahns Geist die liebende Begier, Mir noch durch einge Reden zu genügen: "In dieses Baumes fünfter Stufe hier, Der von dem Gipfel Nahrung zieht und Leben, Stets reich an Frucht und frischer Blätter Zier, Sind Selge, die, eh sie emporzuschweben Der Himmel rief, in eurem Erdental Durch Ruhm der Muse reichen Stoff gegeben. Sieh auf die Arme hin am Kreuzesmal, Und zeigen wird sich jeder, den ich nannte, Wie in der Wolk ihr schneller Feuerstrahl. Und sieh, ein Licht, gleich schnellem Blitz, entbrannte, Beim Namen Josua—so daß ich Wort Und Tat in einem Augenblick erkannte. Den Makkabäus nannt er dann, und dort War kreisend Feuer glänzend vorgedrungen, Und Freude trieb den heilgen Kreisel fort. Als Karl der Groß und Roland dann erklungen, Folgt ich so aufmerksam dem Glanz, als man Dem Falken folgt, der sich emporgeschwungen. Wilhelm zog meinen Blick zum Kreuz hinan, Und Rinoard, bei ihres Namens Klange. Auch Herzog Gottfried, Robert Guiscard dann. Drauf mischte sich dem schimmernden Gedrange Die Seele, die erst sprach, als Meisterin Sich zeigend in dem himmlischen Gesange. Ich kehrte mich zur rechten Seite hin, Um in Beatrix; meine Pflicht zu lesen, In Wink und Wort der heilgen Führerin, Und sah so rein ihr Aug, ihr ganzes Wesen So hold, daß, was ich hab an Himmelsluft, Sie übertraf, ja, was sie je gewesen. Und, wie des guten Wirkens sich bewußt, In größrer Wonne man von Tag zu Tagen Der Tugend Wachstum merkt in eigner Brust; So merkt ich jetzt, vom Himmel fortgetragen In seinem Schwung, gewachsen sei der Kreis, Sobald ich sah dies schönre Wunder tagen. Und wie das Rot der Scham, die glühend heiß Gefärbet hat der zarten Jungfrau Wangen, Bald wieder schwindet vor dem lautern Weiß; So, nach dem roten Licht, das mich umfangen, Sah ich mich in den Silberglanz entrückt Des sechsten Sterns, der mich in sich empfangen. Und in dem Stern des Zeus, den Freude schmückt, War frohes Liebesfunkeln zu gewahren, Durch unsrer Sprache Zeichen ausgedrückt. Wie Vögel, die empor vom Strande fahren, Gemeinsam neuer Weide froh, sich bald In runden, bald in langen Haufen scharen; So flatterten, von Himmelslicht umwallt, In Sängen Selge hin, im Fluge zeigend Des D und dann des I und L Gestalt, Im Sang, erst bald gesenkt, bald wieder steigend, Und war die Ordnung diesen Zeichen gleich, Einhaltend in des Fluges Schwung und schweigend. Kalliope, die du die Geister reich An Ruhme machst, sie ewig zu erhalten, Die du erhältst mit ihnen Stadt und Reich, Erleuchte mich, damit ich die Gestalten Getreu beschreibe, jetzt mit deinem Strahl; Laß deine Kraft in kurzen Reimen walten!— Vokal und Konsonanten—siebenmal Fünf warens, die mein Auge dort ergötzten, Auch merkt ich wohl die Ordnung dieser Zahl. Diligite iustitiam—So setzten Erst Haupt und Zeitwort sich; dann sieh sofort: Qui iudicatis terram—als die letzten. Und alles blieb beim M im fünften Wort Geordnet stehn, hiermit das Werk vollbringend. So stand die Schrift wie Gold in Silber dort. Ich sah viel andres Licht, sich niederschwingend Zum Haupt des M, dort still und unbewegt, Vom Gut, so schien es, das sie anzieht, singend. Dann, wie wenn man mit Feuerbränden schlägt, Draus unzählbare Funken sprühend flammen, Woraus die Torheit wahrzusagen pflegt; So hoben dort sich mehr als tausend Flammen, Und die stieg mehr, und minder die empor, Wie sie die Sonne trieb, aus der sie stammen. Als jed an ihrer Stelle war, verlor Sich das Gewühl—da trat in Flammenzügen Der Kopf und Hals von einem Adler vor. Der dorten malt, weiß selbst sich zu genügen; Er, ungeleitet, lenkt des Künstlers Hand, Damit der Form sich die Gebilde fügen. Die selge Schar, die dort zufrieden stand, Das M bekrönend mit dem Lilienkranze, Vollendete das Bild jetzt, leicht gewandt. So sah ich, schöner Stern, der Himmel pflanze In uns die Keime der Gerechtigkeit, Der Himmel, den du schmückst mit deinem Glanze. Zum Geist, der Kraft dir und Bewegung leiht, Fleh ich, nach jenem Rauche hinzuschauen, Der deinen Strahl verdunkelt und entweiht. Sein Zorn mach einmal noch dem Volke Grauen, Das in dem Tempel schachert und verkehrt, Den er aus Wundern ließ und Martern bauen. Himmelskriegerschar, dort hellverklärt, Bitte für die, so noch der Leib umschlossen, Die schlechtes Beispiel falsche Wege lehrt. Einst kriegte man mit Schwertern und Geschossen, Doch jetzt, das Brot wegnehmend dort und hie, Das unser frommer Vater nie verschlossen. Du, der du schreibst, um auszustreichen, sie: Für jenen Weinberg, welchen du verdorben, Starb Paul und Petrus, doch noch leben sie. Du aber denkst: Hab ich nur den erworben, Der in die Einsamkeit der Wüst entrann, Und der zum Lohn für einen Tanz gestorben, Was kümmern Paulus mich und Petrus dann?

Neunzehnter Gesang

Vor mir erschien mit offnem Flügelpaar Das schöne Bild, wo, selig im Vereine, Der Geister lichter Kranz verflochten war. Jedweder war wie ein Rubin, vom Scheine Der Sonne so in Licht und Glut entbrannt, Als ob sie selbst mir in die Augen Scheine. Der Schilderung, zu der ich mich gewandt, Wie kann die Sprache sie, die Feder wagen, Da Phantasie dergleichen nie erkannt?— Ich sah den Aar und hört ihn Worte sagen, Und in der Stimm erklangen Ich und Mein, Als Wir und Unser ihm im Sinne lagen: Er sprach: "Für frommes und gerechtes Sein Sollt ich zu dieser Glorie mich erheben, Die jeden Wunsch uns zeigt als arm und klein. Und solch Gedächtnis ließ ich dort im Leben, Daß es für rühmlich selbst den Bösen gilt, Die nicht auf meiner Spur zu wandeln streben." Wie vielen Kohlen eine Glut entquillt, So tönte jetzt von vielen Liebesgluten Ein einzger Ton mir zu aus jenem Bild. "Ihr ewge Blüten des endlosen Guten," Begann ich, "die ihr mir als einen jetzt Laßt eure Wohlgerüch entgegenfluten, Ich bitt euch nun, mit eurem Hauch ergetzt Mich Hungrigen und reicht mir jene Speise, Mit welcher mich die Erde nie geletzt. Wohl weiß ich, spiegelt sich in anderm Kreise Des Himmels ab des Herrn Gerechtigkeit, Daß sie sich euch nicht unterm Schleier weise. Ihr wißt, zum Hören bin ich schon bereit, Auch wißt ihr, welch ein Zweifel mich befangen, Der unbefriedigt ist seit langer Zeit." Gleichwie ein edler Falk, der Kapp entgangen, Das Haupt bewegt, sich schön und freudig macht, Stolz mit den Flügeln schlägt und zeigt Verlangen, So machte sich des hohen Zeichens pracht, Das Gottes Gnade laut dem All verkündet, Mit Sang, wie der nur hört, der dort erwacht. Und es begann: "Er, der die Welt gerundet Und sie begrenzt, hat viel Geheimes drin Und Offenbares viel darin begründet; Doch hat er seine Kraft vom Anbeginn Nicht völlig ausgeprägt im Weltenaue, Denn endlos überragts sein hoher Sinn. Der erste Stolze, welcher höhr als alle Geschöpfe stand, sank drum im frevlen Zwist, Des Lichts nicht harrend, früh in jähem Falle. Denn jegliches der kleinern Wesen ist Zu eng, um jenes Gut darein zu bringen, Das, endlos, sich nur mit sich selber mißt, Drum kann so weit der Menschenblick nicht dringen, Er, nur ein Strahl von jenes Geistes Schein, Der Urstoff ist und Grund von allen Dingen, Kann nie durch eigne Kraft so mächtig sein, Um Seinen Ursprung deutlich zu ersehen, Denn Nebel hüllt für ihn so Tiefes ein; Drob zu der Urgerechtigkeit das Spähen Des Menschenblicks sich nur so weit erstreckt, Als in den Grund des Meers die Augen gelten. Leicht wird der Grund am Strand vom Aug entdeckt, Doch nie im Meer, wie sehr sichs müh und übe; Grund ist dort, doch zu tief und drum versteckt. Nur aus der Heiterkeit, die nimmer trübe, Kommt Licht—all andres ist nur Dunkelheit, Ist Schatten oder Gift der Fleischestriebe. Sieh das Versteck, das die Gerechtigkeit Dir lang verhehlt, jetzt offen dem Verstande, Und ruhn wird nun in dir der Zweifel Streit. Erzeugt wird jemand an des Indus Strande, So sprachst du, doch wer spricht von Jesus Christ, Wer liest und schreibt von ihm in jenem Lande? Wenn er, soweit es die Vernunft ermißt, In Tat und Willen rein und unverdorben Und ohne Sünd in Wort und Leben ist Und er ungläubig, ungetauft gestorben, Wo ist dann wohl ein Recht, dem er verfällt? Wo Schuld, daß er den Glauben nicht erworben?— Und wer bist du, der sich so hoch gestellt, Um, richtend, tausend Meilen weit zu springen, Da eine Spanne kaum dein Blick enthält? Gewiß, daß die mir nach im Forschen ringen, War über euch nicht Gottes heilges Wort, Zum Zweifel und Erstaunen Grund empfingen. O Tier aus Erd! Ihrr groben Geister dort! Der erste Wille, gut von selber, gehet Nie aus sich selbst, dem höchsten Gute, fort. Gerecht ist, was mit ihm in Einklang stehet. Ihn kann nicht anziehn ein erschaffnes Gut, Das nur aus seiner Strahlenfüll entstehet."— Wie über ihrem Nest die Störchin tut, Wenn sie die Brut gespeist, im Kreise schwebend, Und wie nach ihr hinschaut die satte Brut; So tat—und so auch ich, das Aug erhebend— Das heilge Bild, das seine Flügel Schwang, Den Willen kund der freudgen Scharen gebend, Indems, im Kreis sich schwingend, also sang: "So wie du nicht verstehst, was ich verkündet, So kennt ihr nicht des ewgen Urteils Gang." Dann, noch im Zeichen, das den Ruhm begründet Der Römer hat, stand still die selge Schar, Von lichter Glut des Heilgen Geists entzündet. "In dieses Reich", begann aufs neu der Aar, "Stieg keiner je, der nicht geglaubt an Christus, Vor oder nach, als er gekreuzigt war. Doch siehe, viele rufen: Christus! Christus! Und stehn ihm ferner einst beim Weltgericht Als jene, welche nichts gewußt von Christus. Das Strafurteil für solche Christen Spricht Der Heid einst aus, wenn sich die Scharen trennen, Die zu der ewgen Nacht und die zum Licht. Wie wird ein Perser eure Fürsten nennen, Zeigt ihm sich aufgeschlagen jenes Buch, In dem er ihre Schmach wird lesen können? Die Tat des Albrecht wird mit hartem Spruch Er in dem Buch dann eingetragen sehen, Ob der ihn trifft, des Böhmerreiches Fluch. Auch Frankreichs Schmerz wird aufgezeichnet stehen, In den es durch den Münzverfälscher fällt, Der durch des Ebers Stoß wird untergehen. Dort steht der Stolz, der Durst nach Land und Geld, Drob Schott und Engelländer tun gleich Tollen, Und keiner sich in seiner Grenze hält. Dort wird die Üppigkeit sich zeigen sollen Des Spaniers und des Böhmen, welcher nie Die Trefflichkeit gekannt, noch kennen wollen. Dort, Lahmer von Jerusalem, dort sieh Mit einem M bezeichnet deine Sünden, Und deine Tugenden mit einem I. Dort wird sich auch der niedre Geiz verkünden Des, der dort herrschet, wo Anchises ruht Nach langer Fahrt, bei Ätnas Feuerschlünden. Und wie gering er ist an Kraft und Mut, Das wird die abgekürzte Schrift bezeugen, Die vieles kund auf engem Raums tut. Auch wird das schmutzge Tun des Ohms sich zeigen, Und das des Bruders kund sein überall, Die mit dem edlen Stamm zwei Kronen beugen. Auch den von Norweg, den von Portugal Und den von Rascia wird man unterscheiden, Der Schuld ist an Venedigs Münzverfall. Mög Ungarn fernerhin nicht Unbill leiden! Navarra, es verteidige getrost Die Bergesreihn, die es von Frankreich scheiden! Und Nicosia ist und Famagost, Vorläufig und als Angeld, sehr mit Fuge, Wie jeder zugibt, auf ihr Vieh erbost, Das mit dem andern geht in gleichem Zuge."

Zwanzigster Gesang

Wenn sie, die hell die ganze Welt verklärt, Von unsrer Hemisphär herabgeschwommen Und rings der Tag ersterbend sich verzeiht, Dann zeigt der Himmel, erst von ihr entglommen, Von ihr allein, viel Sterne rings im Rund, Die all ihr Licht von einem Licht entnommen. Dies wars, was jetzt vor meiner Seele stund, Als unsrer Welt und ihrer Herrscher Zeichen Stillschweigen ließ den benedeiten Mund. Denn alle Lichter, jene wonnereichen, Erglänzten mehr im Sang, an dessen Macht Nicht irdischer Erinnrung Schwingen reichen. O Lieb, umkleidet mit des Lächelns Pracht, Wie sah ich Glanz dich in die Funken gießen, Die heilger Sinn allein dort angefacht! Dann, als die Edelsteine, die mit süßen Lichtstrahlen hold das sechste Licht erhöhn, Die Engelsglocken wieder schweigen ließen, Schien mirs, es zeig in murmelndem Getön Ein Fluß, von Fels zu Felsen niederfallend, Wie reich sein Quell entstand auf Bergeshöhn. Und wie ein Ton, aus reiner Laute schallend, An ihrem Hals sich formt und wie der Wind Durchs Mundloch eindringt, die Schalmei durchhallend; So hatte jener Murmelton geschwind Sich bis zum Hals des Adlers aufgeschwungen Und drang, wie aus der Kehle, süß und lind Und ward zur Stimm, und, dort hervorgedrungen, Ward er gebildet zum erwünschten Wort, Und wohl behält mein Herz, was mir erklungen. "Den Teil in mir, der bei den Adlern dort Die Sonne sieht und trägt, schau an!" so hoben Die Wort itzt an und fuhren weiter fort: "Denn von den Feuern, die mein Bild gewoben, Stehn, die hier glänzen an des Auges Statt, In allen Würden vor den andern oben. Der, so den Platz des Augenapfels hat, Des Heilgen Geistes Sänger wars und brachte Die Bundeslade fort von Stadt zu Stadt. Wie der, der ihn begeistert, seiner achte Und seines Sangs, das kann er jetzo sehn, Da er dem Wert gleich die Belohnung machte. Von fünf, die um mein Aug als Braue stehn, Sieh nächst dem Schnabel den, der ehmals Weile Dem Heer gebot auf einer Witwe Flehn. Wie, wer nicht Christo folgt zu seinem Heile, Dies teuer büßt, das hat er nun erkannt In dieser Wonn und in dem Gegenteile. Der Nächst im Kreise, der mein Aug umspannt, Ist jener, der den Tod auf fünfzehn Jahre Durch wahre Reue von sich abgewandt. Jetzt sieht er ein, der Herr, der ewig Wahre, Bleib ewig wahr, obwohl sein Urteil sich Auf würdges Flehn von heut auf morgen spare. Der nachfolgt, führte das Gesetz und mich, Durch guten Sinn zu schlimmem Tun bewogen, Nach Griechenland, weil er dem Hirten wich. Jetzt sieht er, daß, vom Guten abgezogen, Das Übel, das in Trümmern euch begräbt, Ihm dennoch nichts von seiner Wonn entzogen. Sieh Wilhelm, wo der Bogen abwärts strebt, Ob dessen Tod des Landes Bürger weinen, Das weint, weil Karl und Friederich gelebt. Jetzt sieht er, Gott liebt zärtlich, als die Seinen, Gerechte Fürsten, und, in Glanz erhellt, Läßt er dies hier in frohem Blitz erscheinen. Wer glaubt es in der wahnbefangnen Welt, Daß Ripheus, den Trojaner, hier im Runde Des fünften Lichtes heilger Glanz enthält? Jetzt hat er wohl von Gottes Gnade Kunde Und siehet mehr, als eurer Welt sich zeigt, Dringt auch sein Blick nicht bis zum tiefsten Grunde." Wie in die Luft die kleine Lerche steigt, Erst singend flattert, aber dann, zufrieden, Vom letzten süßen Ton gesättigt, schweigt; So schien mir jenes Bild, durch das hienieden Des Höchsten ewger Wille zu uns spricht, Der jedem Ding das, was es ist, beschieden. Und barg ich auch den Zweifel minder dicht, Als Glas die Farbe, litt er doch mein Schweigen, Und längres Harren auf Verkündung nicht. Er zwang dies Wort, dem Munde zu entsteigen: "Was sah ich dort!" durch seines Dranges Macht, Denn Freudenfunkeln sah ich dort sich zeigen. Im Auge hellre Gluten angefacht, Sprach drauf der Adler, um mich aufzuregen, Den Staunen fesselte bei solcher Pracht: "Ich sah, du glaubest dies, doch nur deswegen, Weil ichs gesagt, und siehest nicht das Wie? Wie wir Verborgenes zu glauben pflegen, Wie man der Sache Namen lernt, doch sie Nicht kann nach ihrem Wesen unterscheiden, Wenn nicht ein anderer uns Licht verlieh. Das Reich der Himmel muß Gewalt erleiden, Wenn Kraft der Lieb und Hoffnung es bekriegt, Denn Gottes Wille wird besiegt von beiden; Nicht wie ein Mensch dem Stärkern unterliegt; Nein, er siegt, denn er will sich ja ergeben. Drob er, besiegt durch seine Güte, siegt. Du staunst beim ersten und beim fünften Leben In meiner Brau und nennst es wunderbar, Daß beide hier in hellem Glanze schweben. Als Christen, nicht als Heiden, starb dies Paar. Der glaubt ans Leiden, das schon eingetroffen, Der zweit an das, das noch zu dulden war. Der ist vom Höllenschlund, der nimmer offen Zur Rückkehr war, zum Leib zurückgekehrt, Und dies verdankt er nur lebendgem Hoffen; Lebendgem Hoffen, das von Gott begehrt, Ihn zu befreien aus des Todes Banden, Damit er lebe, wie das Wort gelehrt. Und die ruhmwürdge Seele kehrt erstanden Auf kurze Zeit zum Leib und glaubt an ihn, Des Allmacht auf ihr Flehn ihr beigestanden. Und fühlte, glaubend, sich so hell erglühn In wahrer Liebe, daß sie dieser Wonnen Bei ihrem zweiten Tode wert erschien. Der zweit, aus Gnade, die so tiefem Bronnen Entquollen ist, daß nie die Kreatur Die Quell erspähen kann, wo er begonnen, Weiht all sein Lieben einst dem Rechte nur, Drum hob ihn Gott empor zu Gnad und Gnaden Und zeigt ihm künftiger Erlösung Spur. Er glaubt an sie und schalt sodann, entladen Des Heidentums, von seinem Stanke frei, Die, so noch wandelten auf falschen Pfaden. Anstatt der Taufe standen ihm die drei, Die du am rechten Rad im Tanz gesehen, Wohl tausend Jahre vor der Taufe bei. O Gnadenwahl, wie tief verborgen stehen Doch deine Wurzeln jenem Blick, der nicht Vermag den Urgrund völlig zu erspähen! Kurz sei dein Urteil, Mensch, wie dein Gesicht, Da wir nicht all die Auserwählten wissen, Wir, die wir schaun in Gottes ewges Licht. Und süß ist uns auch das, was wir vermissen, Da daraus uns das höchste Heil entquillt, Daß dessen, was Gott will, auch wir beflissen." So reichte jenes gottgeliebte Bild, Der schwachen Sehkraft Stärkung zu bereiten, Mir Arzeneien, wundersüß und mild. Und wie mit lieblichem Geschwirr der Saiten Die guten Lautner guter Sänger Lied Zu größrer Süßigkeit des Sangs begleiten; So regt, indes der Adler mich beschied, Der benedeiten Lichter Paar, zusammen, Wie man die Augen blicken sieht, Bei seinem Wort die hellen Wonneflammen.

Einundzwanzigster Gesang

Schon heftet ich die Augen aufs Gesicht Der Herrin wieder, Augen und Gemüte, Und dachte drum an alles andre nicht. Sie lächelte mir nicht, doch sprach voll Güte: "Dafern ich lachte, würde dir geschehn Wie Semelen, als sie in Staub verglühte. Wenn meine Schönheit, die, wie du gesehn, Beim Steigen in dem ewigen Palaste Sich mehr entflammt, je mehr wir uns erhöhn, Sich deinem Blick nicht mäßigte, sie faßte Dich wie ein Blitz—du wärst von ihr erdrückt, Zerschmettert, gleich dem blitzgetroffnen Aste. Wir sind zum Glanz, dem siebenten, entrückt, Der vom Gebild des Himmelsleun umgeben, Aus seiner Glut den Strahl herniederzückt. Laß itzt den Geist, dem Blicke nach, sich heben; Und deinen Blick—mach itzt zum Spiegel ihn Fürs Bild, das kund wird dieser Spiegel geben." Wer wüßte, wie ihr Blick so selig schien, Wie er dem meinen ward zur süßen Weide, Als sie gebot, ihn wieder abzuzielen, Oh, der erkennt auch wohl, mit welcher Freude Ich dem gehorcht, was sie mir auferlegt, Denn Wonne hielt das Gleichgewicht dem Leide. In dem Kristall, das, um die Welt bewegt, Vom teuren Führer, unter dem entweichen Die Bosheit mußte, noch den Namen trägt, Erblickt ich einer Leiter schimmernd Zeichen, An Farbe gleich dem Gold, durchglänzt vom Strahl, Hoch, daß zur Höh nicht Menschenblicke reichen. Und auf den Sprossen stieg in solcher Zahl Die Schar der selgen Himmelslichter nieder, Als ström hier alles Licht mit einemmal. Und wie, nach ihrer Art, die Krähn, wenn wieder Der Tag beginnt, sich rasch bewegend ziehn. Um zu erwärmen ihr erstarrt Gefieder, Und die von dannen ohne Rückkehr fliehn, Die rückwärts fliegen, andre dann, im Bogen Dieselbe Stell umkreisend, dort verziehn; So sah ichs jetzt in jenem Glanze wogen, Der sich als Strom ergoß. Sobald die Flut Bis zu gewissen Stufen hergezogen. Und einer glänzte, der, uns nah, geruht, Drum wollte schon dies Wort der Lipp entsteigen: "Ich seh es wohl, du zeigst mir Liebesglut." Doch sie, die mir zum Sprechen und zum Schweigen Das Wie und Wann bestimmt, sie schwieg, und ich Tat wohl, nicht fragend meinen Wunsch zu zeigen. Doch sie erklärte wohl mein Schweigen sich, In ihm, der alles sieht, mich klar erschauend, Und sprach: "Still itzt den heißen Wunsch und sprichl" Und ich begann: "Nicht dem Verdienste trauend, Halt ich von dir mich einer Antwort wert; Ich frag, auf sie, die mirs gestattet, bauend, O selges Leben, das du schön verklärt Dich in der Freude birgst, aus welchem Grunde Hast du zu mir dich liebevoll gekehrt? Und sage mir, weswegen diesem Runde Die Paradiessymphonie gebricht, Die tiefer dort erklang im frommen Bunde?" Und er:"Dein Ohr ist schwach, wie dein Gesicht, Weshalb Beatrix nicht gelacht, deswegen Ertönt der Sang in diesem Kreise nicht. Ich kam von heilger Leiter dir entgegen, Um mit der Red und mit dem Licht, das mir Zum Kleide dient, dich freudig aufzuregen. Und nicht aus größrer Liebe bin ich hier; Nein, mehr und gleiche Liebe glüht in ihnen, Die dorten sind, und Schimmer zeigt sie dir. Doch höchste Liebe, die uns treibt, zu dienen Dem ewgen Rat, braucht, wen sie wählt, dabei, Wie dir in dem, was du gesehn erschienen." "Ich sehe," sprach ich, "daß die Liebe, frei, An diesem Hof den Schlüssen nachzugehen Der ewgen Vorsehung, genügend sei. Doch bleibt mir eins noch schwierig zu verstehen: Warum bist du von allen jenen dort Schon im voraus zu diesem Amt ersehen?" Noch war ich nicht gelangt zum letzten Wort, Da drehte sich, sich um sich selber schwingend, Das Licht im Kreis gleich einer Mühle fort. "Da jenes Licht, dem Urquell selbst entspringend," Antwortete die Liebe drin, "mir scheint, Das, welches mich in sich verschließt, durchdringend, Hebt seine Kraft, mit meinem Schaun vereint, Mich über mich, so daß in seinem Schimmer Das Ursein, das ihn ausströmt, mir erscheint. Und daher kommt mein freudiges Geflimmer, Denn wie des Blickes Klarheit sich vermehrt, Vermehrt sich auch der Flammen Klarheit immer. Doch der, der sich im reinsten Licht verklärt, Der Seraph selbst, der Gott am hellsten siebet, Genügt dir nicht in dem, was du begehrt. Denn in dem Abgrund ewgen Rats umziehet Das, was du fragtest, Nacht, die, nie erhellt, Es jeglichem geschaffnen Blick entziehet. Verkünde dies, zurückgekehrt, der Welt Und warne sie vor jenem stolzen Streben, Das so Erhabnes sich zum Ziele stellt. Der Geist, von Licht hier, dort von Rauch umgeben, Sucht, wie er kann, zum höchsten Ziel hinauf, Das er nicht sehn kann, dort den Blick zu heben." Dies trug das Wort des Seligen mir auf, Drum ließ ich demutsvoll von diesen Fragen Und fragte nur nach seinem Lebenslauf. "Zwischen Italiens beiden Küsten ragen Gebirge, Tuscien nah, so hoch empor, Daß unter ihren Höhn die Wolken jagen. In ihnen springt ein Bergeshöcker vor, Catria genannt, und drunter liegt die Öde, Die Gott zu seinem echten Dienst erkor." Also begann er seine dritte Rede Und fuhr dann fort: "Dort stärkt ich meine Kraft Im Dienste so, daß ich der Speisen jede Mit nichts mir würzt als mit Olivensaft; Dort hat Beschauung mir in vielen Jahren Bei Hitz und Frost Zufriedenheit verschafft. Fruchtbare Felder für den Himmel waren Im Klosterbann—jetzt wuchert Unkraut dort, Und wohl geziemt sichs, dies zu offenbaren. Pier Damian war ich an jenem Ort. (Petrus Peccator lebt in Unsrer Lieben Fraun heilgem Kloster an Ravennas Bord.) Nur wenig Leben war mir noch geblieben, Da rief, ja zog man mich zu jenem Hut, Der jetzt zu Schlimmen reizt und schlimmem Trieben. Petrus war mager einst und unbeschuht, Paulus ging so einher in jenen Tagen Und fand die Kost in jeder Hütte gut. Die neuen Hirten, feist, voll Wohlbehagen, Sieht man gestützt, geführt und schwerbewegt, Und hinten läßt man gar die Schleppe tragen. Wenn übers Prachtroß sich ihr Mantel schlägt, Sind zwei Stück Vieh in einer Haut beisammen. O göttliche Geduld, die viel erträgt!"— Hier stiegen von der Leiter viele Flammen Und kreisten dort, so daß sie mehr und mehr Bei jedem Kreis in schönem Lichte schwammen. Sie stellten sich um jenen Schimmer her, Mit einem Rufe von so lautem Schalle, Daß nichts auf Erden tönt so laut und schwer. Doch nichts verstand ich in dem Donnerhalle.

Zweiundzwanzigster Gesang

Ich kehrte mich, vom Staunen überwunden, Zu meiner Führerin, gleich einem Kind, Das Hilfe sucht, wos immer sie gefunden. Sie sprach, der Mutter gleich, die sich geschwind Zum Knaben kehrt, der atemlos, beklommen In ihrer Stimme frischen Mut gewinnt: "Bedenks, dich hat der Himmel aufgenommen, Wo alles heilig ist, wo heißem Drang Gerechten Eifers, was geschieht. entglommen. Wie dich mein Lächeln, wie dich der Gesang Verwandelt hätten, wirst du jetzt verstehen, Da jener Ruf dich so mit Graus durchdrang. Verstündest du das drin enthaltne Flehen, So wäre dir die Rache schon erklärt, Die du noch wirst vor deinem Tode sehen. Von droben fällt zu frühe nicht das Schwert, Und nicht zu spät, wies dem scheint, der mit Grauen Es harrend fürchtet oder es begehrt. Jetzt blicke nur auf andres mit Vertrauen, Sieh dortenhin; du wirst in großer Zahl Dort hochberühmte selge Geister chauen." Ich sah, den Blick gewandt, wie sie befahl, Wohl hundert Kreise, welche Funken Sprühten, Verschönert von dem gegenseitgen Strahl. Wie auch in mir der Sehnsucht Stacheln glühten, Doch wagt ich keine Frag und hieß sie ruhn, Um vor zu großer Kühnheit mich zu hüten. Die größte, hellste Perle nahte nun, Um jenem Wunsch, den sie in mir ergründet, Mit süßem Liebeswort genugzutun. "Wenn du die Liebe sähst, die uns entzündet," So sprach die Stimme jetzt aus jenem Licht, "Du hättest, was du denkst, mir frei verkündet. Doch horch, auf daß du, harrend, später nicht Zum hohen Ziel gelangest, und ich deute Dir, was zu fragen dir der Mut gebricht. Des Berges Höh, an dessen Abhang heute Cassino liegt, war einst Versammlungsort Für viel Betrüger und betrogne Leute. Der erste, nannt ich dessen Namen dort, Der jene Wahrheit, die uns hoch erhoben, Der Erde bracht in seinem heilgen Wort. Und solche Gnade glänzt auf mich von oben, Daß ich das Land umher vom Dienst befreit, Der mit verruchtem Trug die Welt umwoben. Wer hier glänzt, lebt einst in Beschaulichkeit, Und keiner ließ in sich die Flamm erkalten, Die Blüten treibt und heilge Frucht verleiht. Sieh des Maccar, des Romuald Lichtgestalten, Sieh meine Brüder, die im Klosterbann Den Fuß gehemmt und fest das Herz gehalten." "Dein liebevolles Wort", so hob ich an, "Und diese Freundlichkeit, die es begleitet, Die ich an jedem Glanz bemerken kann, Sie haben also mein Vertraun erweitet, Wie Sonnenschein die Rose, welche sich, Soweit sie kann, erschließet und verbreitet. Und, so vertrauend, Vater, bitt ich dich, Dich meinen Blicken unverhüllt zu zeigen, Ist solche Gnade nicht zu groß für mich." "Wenn so hoch", sprach er, "deine Wünsche steigen, Beut dir der letzte Kreis Erfüllung dar. Durch sie wird jeder Wunsch, auch meiner, schweigen. Dort wird vollkommen, reif und ganz und wahr, Was nur das Herz ersehnt—und dort nur findet Sich jeder Teil da, wo er ewig war, Weil jener Kreis sich nicht im Raum befindet; Doch unsrer Leiter Höh erreichet ihn, Daher sie also deinem Blicke schwindet. Als sie dem Jakob einst im Traum erschien, Sah er die Spitze bis zum Himmel streben Und drauf die Engel auf und nieder ziehn. Jetzt mag man nicht den Fuß vom Boden heben, Um sie zu steigen, und bei Schreiberein Bleibt an der Erde träg mein Orden kleben. Denn Räuberhöhlen sind, was einst Abtein, Und ihrer Mönche weiße Kutten pflegen Nur Säcke, voll von dumpfgem Mehl, zu sein. Kein Wucher ist so sehr dem Herrn entgegen Als jene Frucht, auf die die Mönch erpicht, Drob sie im Herzen solche Torheit hegen. Das, was die Kirche wahrt, gehört nach Pflicht Den Armen nur zur Lindrung der Beschwerden, Nicht Vettern, noch auch schlechterem Gezücht. Schwach ist des Menschen Fleisch, so, daß auf Erden Ein guter Urspung nicht genügen kann, Bis Eichensprossen Eichenbäume werden. Petrus fing ohne Gold und Silber an, Und ich begann mit Fasten und mit Flehen, Franz seinen Orden als ein niedrer Mann. Willst du nach eines jeden Ursprung spähen, Dann sehn, wie ihn verführt der Übermut, So wirst du Schwarzes statt des Weißen sehen. Traun! daß sich aufgetürmt des Jordans Flut Auf Gottes Wink, ist wunderbar zu finden, Mehr als die Hilfe, die euch nötig tut." Sprachs, um mit seiner Schar sich zu verbinden; Zusammen drängte sich die Schar und fuhr Vereint empor, gleich schnellen Wirbelwinden. Und ihnen nach, mit einem Winke nur, Trieb mich die Herrin aufwärts jene Stiegen; So zwang jetzt ihre Kraft mir die Natur. Hienieden, wo bald sinkt, was erst gestiegen, Gibt die Natur nie solche Schnelligkeit, Daß sie vergleichbar ist mit meinem Fliegen. So wahr ich, Leser, zu der Herrlichkeit Einst kehren will, für die ich oft in Zähren Den Busen Schlag in Reu und tiefem Leid; Du kannst ins Feur den Finger tun und kehren So schnell nicht, als ich war im Sterngebild, Das nach dem Stier durchrollt die Himmelssphären. O edle Sterne, kraftgeschwängert Bild, Dem das, was ich an Geist und Witz empfangen, Seis wenig oder sei es viel, entquillt, In euch ist auf-, in euch ist untergangen Die Mutter dessen, was auf Erden lebt, Als mich zuerst Toskanas Luft umfangen. Als ich zum hohen Kreis, in dem ihr schwebt, Geführt von reicher Gnad, emporgeflogen, Da ward zuteil mir, daß ich euch erstrebt. Fromm seufz ich jetzt zu euch, seid mir gewogen! Wollt Kraft zum schweren Pfade mir verleihn, Der meine Seele ganz an sich gezogen, "Zum letzten Heile führ ich bald dich ein," Sie sprachs, die mich zu diesen Höhen brachte, "Und scharf und klar muß itzt dein Auge sein. Darum, bevor du tiefer dringst, betrachte Was unten liegt, und sieh, wie viele Welt Ich unter deinem Fuß schon liegen machte. Damit dein Herz, soviel es kann, erhellt, Bereit sei, vor den Siegern zu erscheinen, Die fröhlich sich in diesem Kreis gesellt." Durch alle sieben Sphären warf ich meinen Blick nun zurück und sah dies Erdenrund, So daß ich lächelt ob des niedern, kleinen. Und jener Rat beruht auf gutem Grund, Denn die dies Rund verschmähn in höherm Streben, Nur ihnen wird die echte Weisheit kund. Ich sah in Glut Latonas Tochter schweben, Von jenem Schatten frei, der mir zum Wahn Vom Dünnen und vom Dichten Grund gegeben. Dich, strahlenreicher Sohn Hvperions, sahn Jetzt meine Blicke fest und ungeblendet, Und um dich Majas und Diones Bahn. Dich sah ich, Zeus, der mäßgen Schimmer spendet, Zwischen Saturn und Mars, auch ward mir klar, Wie seinen Wechsellauf ein jeder wendet. Wie groß die sieben sind, ward offenbar, Wie schnell sie sind, den Weltenraum durchreisend, Auch stellte mir sich ihre Ferne dar. Und mit dem ewgen Zwillingspaare kreisend, Sah ich die Scheibe, die so stolz uns macht, Mir Land und Meer und Berg und Täler weisend. Dann kehrt ich mich zu ihrer Augen Pracht.

Dreiundzwanzigster Gesang

Gleichwie der Vogel, der, vom Laub geborgen, Im Nest bei seinen Jungen süß geruht, Indes die Nacht die Dinge rings verborgen, Um zu erschauen die geliebte Brut Und ihr zu bringen die willkommne Speise, Um die bemüht, er selbst sich gütlich tut, Noch vor der Zeit, sobald am Himmelskreise Aurora nur erschien, in Lieb entbrannt, Der Sonn entgegenschaut vom offnen Reife; So, aufmerksam, das Haupt erhebend, stand Die Herrin, nach dem Teil der Himmelsauen, Wo minder eilig Sol sich zeigt, gewandt. Ich konnte harrend sie und sehnend schauen, Und war gleich dem, der anderes begehrt, Doch freudig ist in Hoffnung und Vertrauen. Und bald ward Schaun für Hoffen mir gewährt, Denn fort und fort sah ich den Glanz sich mehren Und sah den Himmel mehr und mehr verklärt. Beatrix sprach: "Sieh in den selgen Heeren Christi Triumph und sieh geerntet hier Die ganze Frucht des Rollens dieser Sphären!" Als reine Glut erschien ihr Antlitz mir, Als reine Wonn ihr Blick—und nimmer brächten Die Wort hervor ein würdig Bild von ihr. Wie in des Vollmonds ungetrübten Nächten Luna inmitten ewger Nymphen lacht, Die das Gewölb des Himmels rings durchflechten; So über tausend Leuchten stand in Pracht Die Sonne, so die Gluten all erzeugte, Wie unsre mit den Himmelsaugen macht. Und, glänzend durch lebendgen Schimmer, zeigte Der Lichtstoff sich, in solcher Herrlichkeit Mir im Gesicht, daß es, besiegt, sich neigte. O Herrin! teures, himmlisches Geleit!— Sie sprach zu mir: "Was hier dich überwunden, Ist Kraft, vor der nichts Hilf und Schutz verleiht. Hier ists, wo Weisheit sich und Macht verbunden; Sie machten zwischen Erd und Himmel Bahn, Nach welcher Sehnsucht längst die Welt empfunden." Wie wenn der Wolken Schoß sich aufgetan, Die Feuer sich, sie sprengend, niedersenken Und gegen ihren Trieb der Erde nahn; So rang mein Geist, von diesen Himmelstränken Gestärkt, vergrößert, aus sich selber sich, Doch, wie ihm ward, wie könnt er des gedenken? "Sieh auf, und wie ich bin, erschaue mich! Durch das Erschaute hast du Kraft empfangen, Und nicht vernichtet mehr mein Lächeln dich." Ich war, wie einer, dem sein Traum entgangen," Und der, vom dunklen Umriß nur betört, Umsonst sich müht, die Bilder zu erlangen, Als ich dies Wort, so wert des Danks, gehört, Daß in dem Buch, das den vergangnen Dingen Gewidmet ist, es keine Zeit zerstört. Und möchten mit mir alle Zungen singen, Die von der hohen Pierinnen Schar Die reinste Milch zum Labetrunk empfingen, Doch stellt ichs nicht zum Tausendteile dar, Wie hold ihr heilges Lächeln, wie entzündet In lauterm Glanz ishr heilges Wesen war. Und so, das Paradieses Lust verkündet, Muß jetzo springen mein geweiht Gedicht, Gleich dem, der seinen Weg durchschnitten findet. Doch wer bedenkt des Gegenstands Gewicht, Und daß es schwache Menschenschultern tragen, Der schilt mich, wenn ich drunter zittre, nicht. Durch Wogen, die mein kühnes Fahrzeug schlagen, Darf sich kein Schiffer, scheu vor Not und Mühn, Darf sich kein kleiner schwanker Nachen wagen. "Was macht mein Blick dich so in Lieb entglühn, Um nicht zum schönen Garten hinzusehen, Wo unter Christi Strahlen Blumen blühn. Die Rose siehe dort, in ders geschehen, Daß Fleisch das Wort ward—sieh die Lilien dort, Bei deren Duft wir gute Wege gehen." Beatrix sprachs,—ich aber, ihrem Wort Gehorsam stets, erneute, mit den matten Besiegten Augen doch den Kampf sofort. Wie ich besonnt oft sah beblümte Matten, Besonnt vom Strahl aus einer Wolke Spalt, Indes bedeckt mein Auge war von Schatten; So sah ich Scharen dort, von Glanz umwallt, Der, Blitzen gleich, auf sie von oben sprühte, Doch sah ich nicht den Quell, dem er entwallt. Du, die du ihn verströmst, o Kraft voll Güte, Du bargst dich in den Höhn, so daß mein Sinn Ertragen konnte, was dort strahlend blühte. Der Name klang der Blumenkönigin, Zu der ich ruf in allen Erdenleiden, Und zog mich ganz zum größten Feuer hin. Kaum malte sich in meinen Augen beiden Die Größ und Glut des Sterns, den Strahl und Glanz Siegreich, wie hier einst, so itzt dort umkleiden, Da kam, gleich einer Kron, ein Feuerkranz Vom Himmel her, die Blume zu bekrönen, Umwand sie auch mit Strahlenkreisen ganz. Was auch hienieden klingt von süßen Tönen, Von Harmonie, die hold das Herz erweicht, Scheint wie zerrißner Wolke Donnerdröhnen, Wenn mans mit jener Leier Ton vergleicht, Der Leier, den Saphir als Krön umgebend, Der zu des klarsten Himmels Schmuck gereicht. "Ich bin die Engelslieb, im Kreise schwebend, Und von der Lust, die uns der Leib gebracht, Der unser Sehnen aufnahm, Kunde gebend. Und kreisen werd ich, wenn in höhrer Pracht, Weil, Herrin, du dem Sohn dich nachgeschwungen, Bei deinem Nahn die höchste Sphäre lacht." Hier war des Kreises Melodie verklungen. Maria! tönt es aus dem andern Licht Mit einem Klang, doch wie von tausend Zungen. Der Königsmantel, der die Stern umflicht, Entglüht in lebensvollerm Strahlenbrande In Gottes Hauch und Strahlenangesicht, War über uns mit seinem innern Rande So weit entfernt, daß er noch nicht erschien, Noch nicht erkennbar war von meinem Stande. Drum war dem Auge nicht die Kraft verliehn, Um, als sie sich erhob zu ihrem Sprossen, Der Flamme, der bekrönten, nachzuziehn. Und wie das Kindlein, wenns die Milch genossen, Zur Brust, aus der es trank, die Arme reckt, Von Liebesglut auch außen übergossen; So sah ich hier, die Flamm emporgestreckt, Jedweden Glanz; so ward sein innig Lieben Zur hohen Jungfrau-Mutter mir entdeckt. Worauf sie noch mir im Gesichte blieben, Als ihr Regina coeli!—mir erscholl Im Sang, des Lust mir keine Zeit vertrieben. O wie sind dorten doch die Scheuern voll Von reicher Frucht, die jeder, der hienieden Gut ausgesät, in Lust genießen soll. Dort lebt bei solchem Schatz in selgem Frieden, Der weinend ihn erlangt in Babylon Und sich im Bann vom Erdengut geschieden; Dort triumphieret unterm hohen Sohn Der Jungfrau und des Herrn, und mit dem Alten Und Neuen Bund, so nah dem ewgen Thron, Er, der die Schlüssel solchen Reichs erhalten.

Vierundzwanzigster Gesang

"O auserwählte Tischgenossenschaft Beim großen Mahl des Lamms, daß solcherweise Euch speiset, daß euchs voll Gnüge schafft, Wenn er, durch Gottes Huld sich an der Speise, Die eurem Tisch entfällt, vorkostend stillt, Eh ihn der Tod beschwingt zur letzten Reise So denkt, wie seine Brust vor Sehnen schwillt; Netzt ihn mit eurem Tau—auch letzt die Quelle, Der alles, was er sinnt und denkt, entquillt." Beatrix sprachs—wie um des Poles Stelle Sich Sphären drehn, so jene Selgen nun, Flammend, Kometen gleich, in Glut und Helle. Wie, wohlgefügt, der Uhren Räder tun— In voller Eil zu fliegen scheint das letzte, Das erste scheint, wenn mans beschaut, zu ruhn Also verschieden in Bewegung setzte Sich jeder Kreis, drob, wie er sich erwies, Schnell oder trag, ich seinen Reichtum schätzte. Und aus dem Kreis, den ich den schönsten pries, Sah ich ein so beseligt Feuer schweben, Daß es nichts Klareres drin hinterließ. Um Beatricen Schwang dies heilge Leben Sich erst dreimal, und Sang entquoll dem Licht, Den keine Phantasie kann wiedergeben. Drum springt die Feder hier und schreibt es nicht, Weil, wo der Phantasie die Kraft benommen, Sie noch weit mehr dem armen Wort gebricht. "O heilge Schwester, die du in so frommen Gebeten flehst, durch deine Liebesglut Bin ich aus schönerm Kreis herabgekommen!" Nachdem das heilge Feur im Tanz geruht, Wandt es den Hauch zur Herrin mit den Worten, Die mein Gedicht euch kund hier oben tut. "O ewges Licht des großen Manns, dem dorten" —Sie sprachs—"der Herr die Schlüssel ließ, die er Getragen, zu des Wunderreiches Pforten, Prüf ihn mit eingen Fragen, leicht und schwer, Wie dirs gefällt, ob jener Glaub ihm eigen, Durch welchen du gegangen auf dem Meer. Ob er gut liebt, gut hofft und glaubt—verschweigen Kann er dirs nicht, denn dort ist dein Gesicht, Wo abgemalt sich alle Dinge zeigen. Doch weil man hier durch wahren Glaubens Licht Zum Bürger wird, so wird es Früchte tragen, Wenn er mit dir zu seinem Preise spricht." Gleichwie der Bakkalaur, des Meisters Fragen Erwartend, stillschweigt, denn er rüstet sich, Entscheidung nicht, doch den Beweis zu wagen; So rüstet ich mit jedem Grunde mich, Indes sie sprach, um schnell und wohlerfahren Zu reden, wenn der Meister spräche: Sprich! "Sprich, guter Christ, um dich zu offenbaren: Was ist der Glaub?"—Ich hob die Stirne schnell Zum Lichte, dem entweht die Worte waren. Zur Herrin blickt ich dann, die, froh und hell, Mir Mut verlieh, die Flut hervorzulassen, Wie sie entströmte meinem innern Quell. "Hat Gnade", fing ich an, "mich zugelassen Zur Beichte bei der Streiter hohem Hort, So lasse sie mich klar die Antwort fassen. Die Wahrheit, Vater," also fuhr ich fort, "Hab ich in deines Bruders Buch getroffen, Der Rom bekehrt hat durch sein heilig Wort. Glaub ist der Stoff des, was wir fröhlich hoffen, Ist der Beweis von dem, was wir nicht sehn. Und hierin zeigt sich mir sein Wesen offen." "Wohl richtig denkst du," hört ichs jetzo wehn, "Wenn du den Grund erkennst. Darum verkünde: Was mocht er bei Beweis und Stoff verstehn?" Drauf ich: "Die Dinge, die ich hier ergründe, Die ihres Anblicks Wonne mir verleihn, Sind so versteckt dem Blick im Land der Sünde, Daß dorten nur im Glauben ist ihr Sein, Auf welchen wir die hohe Hoffnung bauen, Und deshalb ist er auch ihr Stoff allein. Auch muß dann, ohn auf anderes zu schauen, Vom Glauben aus nur folgern der Verstand; Drum muß man ihm auch als Beweise trauen." Ich hörte drauf: "Würd alles so erkannt, Was dort auf Erden die Gelehrten lehren, So wäre der Sophisten Witz verbannt." Den Hauch ließ jene Liebesglut mich hören Und fuhr dann fort: "Fürwahr, ich sehe dich Die Münz als echt in Schrot und Korn bewähren. Allein hast du sie auch im Beutel? Sprich!" Und ich drauf: "Ja, so hell und so gerundet, Daß beim Gepräg nie Zweifel mich beschlich." Da sprach es aus dem Licht, dort hellentzündet: "Wie ward dies teure Kleinod dein, dies Gut, Auf welches sich jedwede Tugend gründet?" Und ich: "Des Heilgen Geistes Regenflut, Die sich so reich aufs Pergament ergossen, Das kund den Alten Bund und Neuen tut, Sie ist der Grund, aus dem ich es geschlossen So scharf, daß anderer Beweis und Grund Mir stumpf erscheint wie Tand und leere Possen." . Ich hörte drauf: "Der Alt und Neue Bund, Durch den dein Geist, so folgernd, dieses dachte. Wie wurden sie als Gottes Wort dir kund?" Und ich: "Das, was mir klar die Wahrheit machte, Die Werke sinds, von der Art, daß Natur Sie nie hervor in ihrer Werkstatt brachte." Drauf klangs: "Wo aber ist die klare Spur, Daß sie geschehn? Dies wäre zu bewähren, Das niemand dir bezeugt mit sicherm schämt."— "Daß ohne Wunder sich zu Christi Lehren Die Welt bekehrt—dies Wunder schon bezeugt Die Wahrheit sichrer, als wenns hundert waren. Denn du betratest arm und tiefgebeugt Das Feld, den guten Samen dreinzubringen, Der einst die Reb und jetzt den Dorn erzeugt." Ich sprachs und hörte durch die Sphären klingen Der Selgen Lied: Herr Gott, dich loben wir! In Melodien, wie sie nur jene singen. Und jener Herr, der Zweig um Zweig mit mir Emporklomm und mich prüfend also führte, Daß ich erreicht des Gipfels Höhe schier, Sprach weiter: "Wie dein Herz die Gnade rührte, Erschloß sie dir den Mund auch wundersam, Drum öffnet er sich jetzt, wie sichs gebührte; Drum billigt ich, was ich aus ihm vernahm. Doch was du glaubst, das sollst du jetzt bekunden, Und auch woher dir dieser Glaube kam."— "O Heilger," sprach ich, "der du hier gefunden, Was du so fest geglaubt, daß du den Fuß Des Jüngern einst am Grabmal überwunden, In meinem Wort soll, dies ist dein Beschluß, Auch meines Glaubens Form dir klar erscheinen, So auch, warum ich also glauben muß. So hör: Ich glaub an Gott, den Ewgen, Einen, Der, unbewegt, des Himmels All bewegt, Durch Lieb und Trieb zu ihm, dem Ewigreinen. Und nicht Vernunft nur und Natur erregt Den Glauben mir und gibt mir die Beweise; Die Offenbarung auch, so dargelegt Moses, Propheten, Davids Sangesweise, Das Evangelium, und was ihr, vom Schein Des Geists erleuchtet, schriebt zu Gottes Preise. Ich glaub an drei Personen, eins in drein, Dreifach in einem Wesen, einem Leben, Und Ist und Sind gestattet ihr Verein. Von dieser Gotteseigenschaft, die eben Mein Wort berührt, hat meinem innern Sinn Das Evangelium das Gepräg gegeben, Dies ist der Funke, dies der Glut Beginn, Die dann lebendig in mir aufgestiegen, Der Stern, von welchem ich erleuchtet bin." So wie der Herr, erst horchend mit Vergnügen, pur gute Nachricht in der Freude Drang, Zuletzt den Knecht umarmt, wenn er geschwiegen; Also das Licht, das dreimal mich umschlang, Als ich geendet, was es mir befohlen, Mich segnend mit dem himmlischen Gesang— So hatte, was ich sprach, mich ihm empfohlen.

Fünfundzwanzigster Gesang

Zwäng einst dies heilge Lied, zu dem die Erde, Zu dem der Himmel mir den Stoff gereicht, Durch das auf lang ich blaß und mager werde, Die Grausamkeit, die mich von dort verscheucht, Wo ich, ein Lamm, geruht in schöner Hürde, Jedwedem Wolfe feind, der sie umschleicht, Mit anderm Ton und Haar, als Dichter, würde Ich kehren und am Taufquell dort empfahn Im Lorbeerkranz des Dichters höchste Würde. Denn dort betrat ich jenes Glaubens Bahn, Durch welchen Gott bekannt die Seelen werden, Für den mit Petri Licht die Stirn umfahn. Da naht ein Licht aus der der selgen Herden, Aus der der Erste derer vorgewallt, Die Christ als Stellvertreter ließ auf Erden. Beatrix sprach, umstrahlt die Lichtgestalt Von neuer Lust: "Sieh ihn, sich zu uns neigend, Den Herrn, für den man nach Galizien wallt." Wie wenn die Taub, aus hohen Lüften steigend, Zur Taube fliegt, wie sich das Paar umkreist, Und fröhlich girrt, die heiße Liebe zeigend; So wars, wie jetzo der und jener Geist Der hohen Fürsten freudig sich empfingen, Lobend die Kost, die man dort oben speist. Dann standen nach dem Freudentanz und Singen Die beiden Lichter schweigend vor mir dort, So feurig, daß die Augen mir vergingen. Und selig lächelnd fuhr Beatrix fort: "Der du geschrieben hast, erlauchtes Leben, Was gut sei, komm allein von diesem Ort, O laß dein Wort die Hoffnung hier erheben; Du stellst ja, wie du weißt, so oft sie vor, Als Jesus sich den dreien kundgegeben."— "Du, fasse Mut—das Antlitz heb empört An unserm Strahl muß reisen der Beglückte, Der von der Erde kommt zum selgen Chor." Als so das zweite Feuer mich erquickte, Hob ich die Augen zu den Bergen auf, Vor deren Last ich erst das Antlitz bückte. "Läßt unsers Kaisers Gnade deinen Lauf, Bevor du stirbst, zu seinem Hofe gehen, Führt er zu seinen Grafen dich herauf, Um, wenn du das Geheimste hier gesehen, Die Hoffnung, die euch dort im Herzen blüht In dir und andern heller anzuwehen, So sage, was sie ist? Ob im Gemüt Sie dir entkeimt? Woher du sie entnommen?" Das zweite Feuer sprachs, in Licht entglüht. Und sie, durch die in mir die Kraft entglommen Zum hohen Flug, war mit der Antwort schon In diesen Worten mir zuvorgekommen: "Die Kirche, die da kämpft, hat keinen Sohn Von stärkrer Hoffnung—also zeigts geschrieben Die Sonn auf unsres Freudenreiches Thron. Drum aus Ägypten, nach des Herrn Belieben, Kommt er nach Zion, wo das Licht ihm tagt, Eh ihn des Kampfes Ende vorgeschrieben. Zwei andre Punkt, um die du ihn befragt, Nicht um zu wissen, nein, damit er sage, Wie diese Tugend hier noch dir behagt, Lass ich ihm selbst; denn nicht, wie jene Frage, Sind sie ihm schwer, nicht Reiz zur Prahlerei; Und helf ihm Gott, daß er sie würdig trage." Dem Schüler gleich, der seinem Meister frei Entgegenkommt und freudig und besonnen, Daß, was er weiß, kund in der Antwort sei, Sprach ich: "Die Hoffnung ist der künftgen Wonnen Erwartung und gewisse Zuversicht, Durch Gnad und früheres Verdienst gewonnen. Von vielen Sternen kam mir dieses Licht; Der höchste Sänger macht es mir entbrennen, Der im Gesang vom höchsten Horte spricht. Oh alle die, so deinen Namen nennen, Hoffen auf dich—so sang der Gottesmann— Und wer, der glaubt, wie ich, sollt ihn nicht kennen. Du träufeltest mir feine Tropfen dann Ins Herz durch deinen Brief, mit solchem Segen, Daß ich die Flut auf andre gießen kann." Indem ich sprach, sah ichs im Licht sich regen, Und, wie ein Blitz, schnell und von Glanz umsprüht, Mit zitterndem Gefunkel sich bewegen. "Die Liebe," weht es, "die mich noch durchglüht Für jene Tugend, welche mir durchs Grauen Des Kampfs gefolgt, bis mir die Palm erblüht, Heißt mich durch sie dich letzen und erbauen, Und gern vernehm ich dieses noch von dir: Auf was heißt deine Hoffnung dich vertrauen?"— "Die alt und neuen Schriften zeigen mir", Sprach ich, "das Ziel, das denen Gott bescheidet, Die er geliebt, und dieses seh ich hier. Jesajas zeigt vom Doppelkleid bekleidet, Sie all in ihrem Land—und dieses Land, Das süße Leben ists, das hier euch weidet. In denen, so, die Palmen in der Hand, In weißen Kleidern vor dem Lamme stehen, Machts klarer noch dein Bruder mir bekannt."— Als ich geendet, tönt es aus den Höhen: Ihr Hoffen sei auf dich!—und aus dem Tanz Der Selgen hört ich die Erwidrung wehen. Dann zwischen beiden drin entglüht ein Glanz, So hell, daß, wär dem Krebs ein solcher eigen, Es würd ein Wintermond zum Tage ganz. Wie froh aufsteht und geht und in den Reigen Die Jungfrau tritt, aus eitelm Triebe nicht, Nur dem Verlobten Ehre zu erzeigen; So schwebte zu den zwein das neue Licht, Die ich so eilig in lebendgem Kreise Sich schwingen sah, wies heißer Lieb entspricht. Einstimmt es zu dem Lied und zu der Weise; Und, gleich der Braut, sah sie die Herrin an, Stillschweigend, unbewegt bei solchem Preise. "Er ruht am Busen unsers Pelikan; Ihn hat der Herr zur großen Pflicht erlesen, Als er den Martertod am Kreuz empfahn." Sie sprachs; ihr Blick war, wie er erst gewesen; Nicht mehr Aufmerksamkeit war jetzt darin Als erst, bevor sie dies gesagt, zu lesen. Wie der, der nach dem Sonnenrande hin, Der sich verfinstern soll, die Blicke sendet Und, um zu sehn, verliert des Auges Sinn; So stand ich, zu dem letzten Glanz gewendet. Da klang es: "Was nicht ist an diesem Ort, Was suchst dus hier und stehst drum hier geblendet? Mein Leib ist jetzt noch Erd auf Erden dort, Und bleibts mit andern, bis die selgen Scharen Die Zahl erreicht, gesetzt vom ewgen Wort. Zum Himmel sind zwei Lichter nur gefahren, Bekleidet mit dem doppelten Gewand: Und dieses laß einst deine Welt erfahren." Als dieses Wort gesprochen war, da stand Der Kreis der Flammen still, samt dem Gesange, Zu welchem sich dreifaches Wehn verband, Gleichwie nach Mühn und schwerem Wogendrange, Die Ruder, so die Flut durchwühlt, zugleich Allsämtlich ruhn bei einer Pfeife Klange, Ach, wie ward ich vor Angst und Sorge bleich, Als ich mich nun zu Beatricen kehrte, Und, zwar ihr nah und im beglückten Reich, Doch sie nicht sah, die ich zu sehn begehrte.

Sechsundzwanzigster Gesang

Ob des erloschnen Augenlichts voll Gram, Hört ich ein Wehn aus jener Flamme kommen, Die mirs verlöscht, und horcht ihm aufmerksam. Es sagte: "Bis das Licht, das dir verglommen In meinem Schimmer ist, dir wiederkehrt, Wird sprechen zum Ersatz des Schauens frommen. Drum sprich: Was ist es, das dein Herz begehrt? Und möge deinen Mut der Trost erheben: Dein Aug ist nur verwirrt und nicht zerstört. Denn sie, die dich geführt ins höhre Leben, Hat jene Kraft im Blicke, die der Hand Des Ananias unser Herr gegeben."— "Sie helfe dann, wann sies für gut erkannt," Sprach ich, "den Augen, die ihr Pforten waren, Als sie, einziehend, ewig mich entbrannt. Das Gut, das froh macht dieses Reiches Scharen, Das A und O der Schriften ists, die hier Mir Lieb andeuten, dort sie offenbaren." Dieselbe Stimm erklang—wie sich an ihr Mein Mut, als ich mich blind fand, aufgerichtet, Gebot sie jetzo weitres Sprechen mir. "Durch engres Sieb sei, was du meinst, gesichtet, Und klarer sei von dir noch dargelegt, Was dein Geschoß auf solches Ziel gerichtet?"— "Durch das, was Weltweisheit zu lehren pflegt," Versetzt ich, "und durch Himmelsoffenbarung Ward solche Liebe mir ins Herz geprägt. Je mehr ein Gut, soweit es die Erfahrung Uns kennen lehrt, der Güt in sich enthält, Je stärker gibts der Liebesflamme Nahrung. Das Wesen drum. So gut, daß, was der Welt Sich außer ihm noch als ein Gut verkündet, Ein Strahl nur ist, der seinem Licht entfällt, Dies ist es, das die höchste Lieb entzündet. Und wohl erkennt es liebend jeder Geist, Der jene Wahrheit kennt, die dies begründet; Und jener ists, ders der Vernunft beweist, Der die für alle Göttlichen entglühte Erhabne Liebesbrunst die erste heißt. Er selbst erweckte sie mir im Gemüte, Der einst zu Moses sprach, der wahre Hort: Dein Angesicht schau alle meine Güte. Du prägst sie ein, dein hohes Heroldswort Beginnend vom Geheimnis dieser Sphären. Lauter als andres tönts auf Erden fort:" Da sprachs: "Nach menschlichen Verstandes Lehren Und höherm Wort, das beistimmt dem Verstand, Muß sich zu Gott dein höchstes Lieben kehren. Doch fühlst du nicht noch manches andre Band Zu ihm dich ziehn? Du sollst mir jedes nennen, Mit welchem diese Liebe dich umwand." Nicht war der heilge Wille zu verkennen Des Adlers Christi, ja, ich sah, wohin Er mich gelenkt zum weiteren Bekennen. Und wieder sprach ich: "Was nur Herz und Sinn Hinlenkt zu Gott, erzeugt hats im Vereine Die Lieb, in welcher ich entzündet bin. Denn durch des Weltalls Dasein und das meine Und durch den Tod des, der mich leben macht, Durch das, was hofft die gläubige Gemeine, Und die Erkenntnis, deren ich gedacht, Bin ich dem Meer der falschen Lieb entgangen Und an der echten Liebe Strand gebracht. Die Blätter, die im ganzen Garten prangen Des ewgen Gärtners, lieb ich auch, je mehr Des Guten sie aus seiner Hand empfangen." Ich schwieg—und durch die Himmel, süß und hehr, Hört ich der Herrin sang und aller klingen, Erschallend: Heilig, heilig, heilig er!— Und, wie wir uns dem schweren Schlaf entringen Beim scharfen Licht, das unsre Sehkraft weckt, Wenn uns von Haut zu Haut die Strahlen dringen, Und, was er sieht, den jäh Erwachten schreckt, Der sich noch nicht besinnt, vom Schlafe trunken, Bis der Verstand die Wahrheit ihm entdeckt; So war die Decke meinem Aug entsunken Vor Beatricens Strahlenangesicht, Auf tausend Meilen streuend Glanzesfunken. Drum sah ich klar, wie vorhin nimmer nicht, Und fragte staunend noch und kaum besonnen, Nach einem vierten uns gesellten Licht. "Aus diesen Strahlen schaut in Liebeswonnen", Sprach sie, "zum Schöpfer hin der erste Geist, Des Dasein durch die erste Kraft begonnen." Gleichwie der Baum, an dem der Sturmwind reißt, Den Gipfel beugt, dann, wenn der Sturm vergangen, Sich wieder hebt, wie innre Kraft ihn heißt; So tat jetzt ich, der, als sie sprach, befangen, Erstaunt, gebückt, jetzt in die Höhe fuhr, Denn mich erhob nun Sprechlust und Verlangen. Ich sprach: "O Frucht, die als die einzge nur Schon reif entstand, o alter Vater, sage Du dem, was Weib heißt, Tochter ist und Schnur, Sag an, was ich dich fromm zu bitten wage. Du siehst ja, welch ein Sehnen mich bewegt, Und schneller hör ich, wenn ich dich nicht frage." Wie ein bedecktes Tier sich rückt und regt Und so die Neigung zeigt, dem nachzurennen, Der um dasselbe die Verhüllung legt; So ließ durch ihre Hülle jetzt erkennen Die erste Seele, wie so froh sie war, Mir das, was ich gebeten, tun zu können. "Dein Sehnen", weht es, "nehm ich besser wahr, Magst dus auch nicht bekennen und gestehen, Als du, was noch so sicher ist und klar. Im wahren Spiegel kann ich es erspähen, Der jedes Dinges Bildnis in sich faßt, Doch seines läßt in keinem Dinge sehen. Du fragst: Wieviel der Zeitraum wohl umfaßt, Seit Gott mich in den hohen Garten setzte, Aus dem du dich mit ihr erhoben hast? Wie lange mir sein Reiz die Augen letzte? Was eigentlich den großen Zorn erweckt? Und welche Sprach ich mir zusammensetzte? Mein Sohn, nicht daß ich jene Frucht geschmeckt, War Grund des Zorns an sich—daß ich entronnen Den Schranken war, die mir der Herr gesteckt. Mich hat viertausend und dreihundert Sonnen Und zwei, im Höllenvorhof sonder Qual Sehnsucht erfüllt nach diesen Himmelswonnen. Auch sah ich, daß neunhundertdreißigmal Zu jedem Sterngebild die Sonne kehrte, Indes ich lebt in eurem Erdental. Die Sprache, die ich einst gesprochen, hörte Schon vor dem Bau auf, der, wie schwach die Kraft Des Menschen sei, das Volk des Nimrod lehrte. Denn was nur irgend die Vernunft erschafft, Ist, weil die Neigung nach der Sterne Walten Zu wechseln pflegt, nur wenig dauerhaft. Die Sprache habt ihr von Natur erhalten, Allein so oder so—euch läßt hierin Sodann Natur nach Gutbedünken schalten. Eh ich zur Hölle sank, im Anbeginn Hieß El das höchste Gut, an dem entglommen Der Glanz, mit welchem ich umkleidet bin. Den Namen Eli hat man drauf vernommen, Weil Menschenbrauch sich gleich den Blättern zeigt, Von welchen jene gehn, wenn diese kommen. Auf jenem Berge, der am höchsten steigt, Hab ich, rein und befleckt, mich sieben Stunden Von früh, bis wieder sich die Sonne neigt, Wenn sie im zweiten Vierteil steht, befunden."

Siebenundzwanzigster Gesang

Dem Vater, Sohn und Heilgen Geiste fang Das ganze Paradies; ihm jubelt alles, So daß ich trunken ward vom süßen Klang. Ein Lächeln schien zu sein des Weltenalles, Das, was ich sah, drum zog die Trunkenheit Durch Aug und Ohr im Reiz des Blicks und Schalles. O Lust! O unnennbare Seligkeit! O friedenreiches, lieberfülltes Leben! O sichrer Reichtum sonder Wunsch und Neid! Ich sah vor mir die Feuer glühend Schweben, Und das der vier, das erst gekommen war, Sah ich in höherm Glanze sich beleben. Und also stellt es sich den Blicken dar, Wie Jupiter, nahm man an seinen Gluten Das hohe Rot des Marsgestirnes wahr. Und jetzt gebot der Wink des ewig Guten, Des Vorsicht dort verteilet Pflicht und Amt, Daß aller Selgen Wonnechöre ruhten. Da hört ich: "Siehst du höher mich entflammt, So staune nicht—bei meinen Worten werden Sich diese hier entflammen allesamt. Der meines Stuhls sich anmaßt dort auf Erden, Des Stuhls, des Stuhls, auf dem kein Hirt itzt wacht, Vor Christi Blick, zum Schutze seiner Herden, Hat meine Grabstatt zur Kloak gemacht Von Blut und Stank, drob der zu ewgen Qualen Einst von hier oben fiel, dort unten lacht." Wie früh und abends sich die Wolken malen, Die grad der Sonne gegenüberstehn, So sah ich jetzt den ganzen Himmel stralhlen. Wie wir ein ehrbar Weib sich wandeln sehn, Das, sicher seiner selbst, nichts zu verschulden, Nur hörend, schüchtern wird durch fremd Vergehn; So meiner Herrin Angesicht voll Hulden; Und so verfinstert, glaub ich, wie sie dort, War einst der Himmel bei der Allmacht Dulden. Er aber fuhr in seiner Rede fort, Und wie verwandelt erst der heitre Schimmer, So war verwandelt jetzt das heilge Wort. "Die Braut des Herrn hat zu dem Zwecke nimmer Mein Blut, des Lin und Cletus Blut, genährt, Daß man durch sie erwerbe Gold und Flimmer, Nein, dieses frohe Sein, das ewig währt; Dem hat des Sirt und Pius Blut gegolten, Dies hat Calixt, dies hat Urban begehrt. Das wars nicht, was wir von den Folgern wollten, Daß sie um sich das Christenvolk getrennt Zur Rechten und zur Linken setzen sollten. Nicht sollten jene Schlüssel, mir vergönnt, Als Kriegeszeichen in den Fahnen stehen, Woran man der Getauften Feind erkennt. Nicht sollte man mein Bild auf Siegeln sehen, Erkauftem Lügenfreibrief beigedrückt, Drob ich erröt und glüh in diesen Höhen. Jetzt sieht man, mit dem Hirtenkleid geschmückt, Raubgierge Wölfe dort die Herden hüten. O Gott, was ruht dein Schwert noch ungezückt! Und Caorsiner und Gascogner brüten Schon Tücken aus, voll Gier nach meinem Blut. Schnöde, schlechte Frucht von schönen Blüten! Allein die Vorsicht, die durch Scipios Mut Den Ruhm der Welt beschützt in Romas Siegen, Bald hilft sie, wie mir kund mein Spiegel tut. Du, Sohn, wenn du zur Erd hinabgestiegen, Erschleuß den Mund und sprich, wie sichs gebührt, Und nicht verschweige, was ich nicht verschwiegen." Wie, wenn der Wolken feuchter Dunst gefriert, Durch unsre Luft die Flocken niederfallen, Zur Zeit, da Sol des Steinbocks Horn berührt; So, aufwärts, sah ich an des Äthers Hallen Mit jenem Licht, das eben zu mir sprach, Der andern Schar, wie Schimmerflocken, wallen. Mein Auge folgte diesem Anblick nach, Bis sie so weit im Raum emporgeflogen, Daß er den Pfad des Blickes unterbrach. Da sprach die Herrin, die mich abgezogen Von oben sah: "Jetzt schau hinab—hab acht, Wie weit du fortzogst mit des Himmels Bogen." Vom ersten Rückblick an, des ich gedacht, Hatt ich den Weg der Hälft im halben Kreise Von seiner Mitte bis zum Rand gemacht. Von Kadix jenseits lag das Furt zur Reise Ulyß, des Toren—diesseits nah der Strand, Dem Zeus entrann, beschwert mit süßem Preise. Noch mehr von unserm Ball hätt ich erkannt, Doch unten war die Sonne vorgegangen, Der fern um mehr noch als ein Zeichen stand. Mein liebend Herz, das immer mit Verlangen Der Herrin schlug, war mehr als je entglüht, Ihr wieder mit den Augen anzuhangen. Was jemals der Natur und Kunst entblüht An Leib und Bild, dem Aug als Reiz zu dienen Und durch den Blick zu fesseln das Gemüt, Vereint war alles dies als nichts erschienen Bei jener Götterlust, die mich beglückt, Als ich hinschaut ins Lächeln ihrer Mienen. Und durch die Kraft, die aus dem Blicke zückt, Hatt ich dem Nest der Leda mich entrungen Und war zum schnellsten Himmelskreis entrückt. Ich weiß, da er von Lebensglanz durchdrungen Gleichförmig war, nicht, wo mit mir in ihn, Nach ihrer Wahl, die Herrin eingedrungen. Doch sie, der klar mein Herzenswunsch erschien, Begann jetzt lächelnd in so selgen Wonnen, Daß Gott in ihrem Blick zu lächeln schien: "Sieh hier des Zirkellaufs Natur begonnen, Durch die der Mittelpunkt in Ruhe weilt, Und alles rings umher den Flug gewonnen. In diesem Himmel, der am schnellsten eilt, Wohnt Gottes Geist nur, der die Lieb entzündet, Die ihn bewegt—die Kraft, die er verteilt. Ein Kreis von Licht und Liebesglut umwindet Ihn, wie die andern er; allein verstehn Kann diesen Kreis nur er, der ihn gerundet. Nichts läßt das Maß von seinem Lauf uns sehn; Nach ihm nur mißt sich der der andern Sphären, Wie man nach Hälft und Fünfteil mißt die Zehn. Wie sich in diesem Kreis die Wurzeln nähren Der Zeit, wie ihr Gezweig zu ändern strebt, Das kannst du jetzt dir selber leicht erklären. Gier, die tief die Sterblichen begräbt In ihrem Schlund, so kraftlos fortgerissen, Daß sich kein Blick aus deinem Wirbel hebt! Wohl blüht des Menschen Will, allein in Güssen Strömt Regen drauf, der unaufhörlich rinnt, Drob echte Pflaumen Butten werden müssen. Unschuld und Treue trifft man nur im Kind, Doch sie entweichen von den Kindern allen, Bevor mit Flaum bedeckt die Wangen sind. Die fasten noch beim ersten Kinderlallen, Die, mit gelösten Zungen, gierig dann In jedem Mond auf jede Speise fallen. Der liebt die Mutter noch und hört sie an, Solang er lallt, der ihren Tod im Herzen Bei voller Sprache kaum erwarten kann. Drum muß, erst weiß, das Angesicht sich schwärzen Der schönen Tochter des, der, kommend, bringt Und, gehend, mit sich nimmt des Tages Kerzen. Du denke, wenn dich dies zum Staunen zwingt, Daß dort kein Herrscher ist, um euch zu leiten, Drob das Geschlecht, verirrt, mit Jammer ringt, Doch eh der Jänner fällt in Frühlingszeiten Durch das von euch vergeßne Hundertteil, Wird dieser Kreise Lauf Gebrüll verbreiten, Daß das Geschick, erharrt zu eurem Heil, Damits auf graden Lauf die Flotte richte, Den Spiegel dreht, wo jetzt das Vorderteil, Und auf die Blüten folgen echte Früchte."

Achtundzwanzigster Gesang

Nachdem sie tadelnd mir das jetzge Leben Der armen Menschen wahrhaft kundgemacht, Sie, welche mir das Paradies gegeben, Da, dem gleich, der im Spiegelglas bei Nacht Der Fackel Schein sieht hinter sich entglommen, Bevor er sie gesehn und dran gedacht, Und rückblickt, ob das, was er wahrgenommen, Auch wirklich sei, und sieht, daß Glas und Tat So überein, wie Ton und Tonmaß, kommen; War ich, und seinem Tun gleich, was ich tat, Als ich ins Auge sah, woraus die Schlingen, Um mich zu sahn, die Lieb entnommen hat. Ich sah itzt das mir in die Augen dringen, Als ich die Blicke suchend rückwärts warf, Was die erspähn, die diesen Kreis erringen. Mir strahlt ein Punkt, so glanzentglüht und scharf, Daß nie ein Auge, das er mit dem hellen Glutschein bestrahlt, ihm offen trotzen darf. Ließ sich zu ihm das kleinste Sternlein stellen, Ein Mond erschien es, könnt es seinem Licht So nah wie Stern dem Stern sich beigesellen. So weit, als Sonn und Mond ein Hof umflicht, Vom eignen Glanz der beiden Stern entsprungen, Wenn sich in dichtem Dunst ihr Schimmer bricht, War um den Punkt ein Kreis, so schnell geschwungen In reger Glut, daß er auch überwand Den schnellsten Kreis, der rings die Welt umschlungen. Und dieser war vom zweiten rings umspannt, Um den der dritte dann, der vierte wallten, Die dann der fünfte, dann der sechst umwand. Drauf sah man sich den siebenten gestalten, So weit, daß Iris halber Kreis, auch ganz, Doch viel zu enge war, ihn zu enthalten. Dann wand der achte sich, der neunte Kranz, Je träger jeder Kreis im Schwung, je weiter Er ferne stand von jenem einen Glanz. Mehr ist des Kreises Flamme rein und heiter, Je minder fern er ist von seiner Spur, Und in der reinen Glut je eingeweihter. Sie, die, mich sehend, meinen Wunsch erfuhr, Sprach ungefragt: "Von diesem Punkte hangen Die Himmel ab, die sämtliche Natur. Sieh jenen Kreis, der ihn zunächst umfangen; Das, was ihn treibt, daß er so eilig fliegt, Es ist der heilgen Liebe Glutverlangen." Und ich zu ihr: "Wäre die Welt gefügt Nach dem Gesetz, das herrscht in diesen Kreisen, So hätte völlig mir dein Wort genügt. Doch in der Welt, der fühlbaren, beweisen Die Schwingungen je größre Göttlichkeit, Je ferner sie vom Mittelpunkte kreisen. Drum soll in diesem Bau voll Herrlichkeit, Im Tempel, den nur Lieb und Licht umschränken, Ich ruhig sein, von jedem Wunsch befreit, So sprich: Wie-kommts—ich kann mirs nicht erdenken Daß Abbild sich und Urbild nicht entspricht. Und andere Gesetze beide lenken?" "Genügt dein Finger solchem Knoten nicht, So ists kein Wunder—weil ihn zu entstricken Niemand versuchte, ward er fest und dicht." Sie sprachs, und dann: "Nimm, um dich zu erquicken, Das, was ich dir verkünden werd; allein Betracht es ganz genau mit scharfen Blicken. Ein Körperkreis muß weiter, enger sein, Je wie die Kraft, die sich durch seine Teile Gleichmäßig ausdehnt, groß ist oder klein. Die größre Güte wirkt in größerm Heile, Und größres Heil füllt größeres Gebiet, Ward jeder Gegend gleiche Kraft zuteile. Der Kreis drum, der das Weltall mit sich zieht In seinem Schwung, entspricht in seiner Weise Dem, der am meisten liebt, am tiefsten sieht. Darum, wenn du dein Maß dem Innern preise, Und nicht dem äußern Umfang angelegt Von dem, was dort erscheint, wie runde Kreise, So wirst du, zur Bewunderung erregt, Das Mehr und Minder sich entsprechen sehen In jedem Kreis und dem, was ihn bewegt." Wie rein das Blau erglänzt aus Äthers Höhen, Wenn Boreas Luft aus jener Backe stößt, Aus der gelinder seine Hauche wehen, So, daß vom Dunst gereinigt und gelöst, Der ihn getrübt, in seinen weiten Auen Der Himmel lächelnd jeden Reiz entblößt; So ward mir jetzt beim Worte meiner Frauen, Denn dieses ließ die Wahrheit mich so klar, Wie einen Stern am reinen Himmel schauen. Und als ihr heilges Wort beendet war, Da stellten anders nicht als siedend Eisen Sich jene Kreise, funkensprühend, dar. Die Funken folgten den entflammten Kreisen In größrer Meng, als durch Verdoppelung Schachfelder sich vertausendfacht erweisen. Dem festen Punkt, der sie ohn Änderung Dort, wo er sie erhält, auch wird erhalten, Scholl Lobgesang aus dieser Kreise Schwung. "Zwei Kreise sieh dem Punkt zunächst sich halten," Sie sprachs, stets wissend, was mein Geist ersinnt, "Und Seraphim und Cherubim drin walten. Sie folgen ihren Fesseln so geschwind, Um, wie sie können, ihm sich anzuschließen, Und können, wie sie hoch im Schauen sind. Die Gluten drauf, die diese rings umfließen, Die Throne sinds von Gottes Angesicht, Benannt, weil sie die erste Dreizahl schließen. So groß ist aller Wonn, als ihr Gesicht Tief in die ewge Wahrheit eingedrungen, Die alle Geister stillt mit ihrem Licht. Durch Schaun wird also Seligkeit errungen, Nicht durch die Liebe; denn sie folgt erst dann, Wenn sie dem Schaun, wie ihrem Quell, entsprungen. Und das Verdienst, das durch die Gnade man Und Willensgüt erwirbt, ist Maß dem Schauen. So steiget man von Grad zu Grad hinan. Die andre Dreizahl, die in diesen Auen Des ewgen Lenzes blüht, und welcher nie Das Laub entfällt bei nächtgen Widders Grauen, Singt ewig in dreifacher Melodie Hosiannagesang in dreien selgen Scharen, Und also eins aus dreien bilden sie. Herrschaften sinds, die erst sich offenbaren, Die Tugenden sind dann im zweiten Kranz, Im dritten sind die Mächte zu gewahren. Die Fürstentümer sieh zunächst im Tanz, Dann die Erzengel ihre Lieb erproben; Den letzten Kreis füllt Engelsfeier ganz. Die Ordnungen schaun allesamt nach oben; Nach unten wirken sie, was lebt, mit sich Zu Gott erhebend und zu ihm erhoben. Und Dionysius rang so brünstiglich, Damit sein Blick die Ordnungen betrachte, Daß er sie nannt und unterschied wie ich. Wahr ist es, daß Gregorius anders dachte, Doch er belächelte dann seinen Wahn. Sobald er erst in diesem Reich erwachte. Hat solch Geheimnis kund ein Mensch getan, So staune nicht; von ihm, der alles schaute, Hatt er davon auf Erden Kund empfahn, Der sonst auch viel vom Himmel ihm vertraute."

Neunundzwanzigster Gesang

So lang, wenn beide Kinder der Latone Bedeckt von Wag und Widder stehn, am Rand Des Horizonts, vereint in einer Zone, Die Wage des Zenit in gleichem Stand Sie beide zeigt, bis dann vom Gleichgewichte, Den Halbkreis tauschend, sie sich abgewandt: So lang, des Lächelns Glut im Angesichte, Sah schweigend fest den Punkt Beatrix an, Der meinen Blick besiegt mit seinem Lichte. "Ich red und frage nicht," so sprach sie dann, "Da, was du hören willst, ich dort erkenne Im Punkt, wo anhebt jedes Wo und Wann. Nicht daß er—was nicht sein kann—selbst gewönne, Nein, daß der Glanz von seiner Herrlichkeit Im Widerglanz ich bin verkünden könne, Hat er, der Ewge, außerhalb der Zeit Und des Begriffs, wies ihm gefiel, die Gluten Erschaffner Lieb an ewiger geweiht. Nicht daß, wie starr, erst seine Kräfte ruhten; Denn früher nicht und später nicht ergoß Der Geist des Herrn sich, schwebend ob den Fluten. Auch Form und Stoff, vermischt und rein, entsproß Zugleich, vortretend herrlich und vollkommen, Drei Pfeile von dreisehnigem Geschoß. Und wie im Widerschein des Strahls, vom Kommen Zum vollen sein, kein Zwischenraum zu sehn, Wenn rein Kristall im Sonnenglanz entglommen; So ließ der Herr hervor drei Strahlen gehn, All im vollkommnen Glanz zugleich gesendet, Und sonder Unterscheidung im Entstehn. Der Wesen Ordnung ward zugleich vollendet, Und hoch am Gipfel wurden die gereiht, Welchen er reine Tätigkeit gespendet. Die Tiefe ward reiner Empfänglichkeit, Empfänglichkeit und Tatkraft ist mittinnen, Verknüpft und nie von diesem Band befreit. Zwar Hieronymus läßt vom Beginnen Die Engel bis von dem der andern Welt Den Zeitraum von Jahrhunderten entrinnen; Doch läßt die Wahrheit, die ich dargestellt, Sich vielfach aus der Heilgen Schrift bewähren, Wies dir auch, wenn du wohl bemerkst, erhellt. Auch die Vernunft kann dies beinah erklären; Nicht konnten ja so lang, so folgert sie, Die Lenker des, was lenkbar ist, entbehren. Der Liebesschöpfung Wo und Wann und Wie Erkennst du—nun, so daß in dem Gehörten Dir schon dreifache Labung angedieh. Allein bevor man zwanzig zählt empörten Die Engel sich zum Teil, so daß sie nun Im Fall der Elemente trägstes störten. Die Bleibenden begannen drauf das Tun, Das du erkennst, so selig in Entzücken, Daß sie in ihrem Kreislauf nimmer ruhn. Grund war des Falls, daß jener sich berücken Von frevlem Hochmut ließ, der dir erschien, Dort, wo auf ihn des Weltalls Bürden drücken— Die du bei Gott hier siehest, sahn auf ihn Bescheiden und mit Dank für seine Gaben, Da er nur Kraft zu solchem Schaun verliehn. Drum wurden sie zum Schauen so erhaben Durch Gnadenlicht und ihr Verdienst gestellt, Daß sie vollkommen festen Willen haben. Und zweifelfrei verkünd es einst der Welt: Verdienstlich ists, die Gnade zu empfangen, Je wie sich offen ihr die Lieb erhält. Jetzt, wenn ins Herz dir meine Lehren drangen, Errennst du ganz den englischen Verein Und brauchst nicht andre Hilfe zu verlangen. Doch weil den Engeln jene, die ihr Sein Auf Erden dort in Schulen euch erklären, Verstand, Erinnerung und Willen leihn, So zeig ich, um dich völlig zu belehren, Dir noch die Wahrheit rein und unbefleckt, Die jene dort verwirren und verkehren. Die Wesen, die des Anschauns Lust geschmeckt, Verwenden nie den Blick vom ewgen Schimmer Des Angesichts, in dem sich nichts versteckt. Drum unterbricht das Neu ihr Schauen nimmer, Drum brauchen sie auch die Erinnrung nicht, Denn ungeteilt bleibt ja ihr Denken immer. So träumt ihr unten wach beim Tageslicht; Ihr glaubt und glaubt auch nicht, was ihr verbreitet, Doch ärger kränkt dies Letzte Recht und Pflicht. Der eine Weg ists nicht, auf dem ihr schreitet Bei eurem Forschen; drob ihr irregeht, Von Lust am Schein und Eitelkeit verleitet. Doch, wer dies tut, wird minder hier verschmäht, Als wer die Heilgen Schriften leeren Possen Hintansetzt und sie freventlich verdreht. Nicht denkt man, wieviel teures Blut geflossen, Sie auszusähn; nicht, wie Gott dem geneigt, Der demutsvoll an sie sich angeschlossen. Zu glänzen strebt ein jeder itzt und zeigt Sich in Erfindungen, die der verkehrte Pfaff predigt, der vom Evangelium schweigt. Der sagt, daß rückwärts Lunas Lauf sich kehrte Bei Christi Leiden und sich zwischenschob Und drum der Sonn herabzuscheinen wehrte. Der, daß von selbst das Licht erlosch und drob Den Spanier, den Juden und den Inder Zu gleicher Zeit die Finsternis umwob. Lapi und Bindi hat Florenz weit minder, Als Fabeln, die man von den Kanzeln schreit Das Jahr hindurch, des Aberwitzes Kinder, So daß die Schäflein, blind zu ihrem Leid, Wind schlucken, wo sie sich zu weiden meinen. Und nicht entschuldigt sie Unwissenheit. Nicht sprach der Herr zur Ersten der Gemeinen: Geht hin und tut der Erde Possen kund!— Nein, wahre Lehre spendet er den Seinen. Von ihr ertönt im Kampf des Jüngers Mund, Wenn er, die Welt zum Glauben hinzulenken, Mit Schild und Speer des Evangeliums stund. Jetzt predigt man von Possen und von Schwänken, Und die Kapuze schwillt, wenn alles lacht, Und, der sie trägt, braucht sonst an nichts zu denken. Drin hat solch Vögelein sein Nest gemacht, Daß, säh mans, es den Wert dem Ablaß raubte, Den man beim Volk so hoch in Preis gebracht. Drob wuchs die Dummheit so in manchem Haupte, Daß, möcht ein Priesterwort das tollste sein, Man ohne Prüfung und Beweise glaubte. Und damit mästet Sankt Anton das Schwein, Und andre, die noch ärger sind denn Sauen, Falschmünzer, reich an trügerischem Schein. Doch seitwärts führt ich dich von diesen Auen; Drum, daß zugleich sich kürze Zeit und Pfad, Mußt du jetzt wieder grade vorwärts schauen— So sehr vervielfacht sind von Grad zu Grad Der unzählbaren selgen Engel Scharen, Daß ihrer Zahl nicht Sinn noch Sprache naht. Und Daniel will, dies kannst du wohl gewahren, Wenn er zehntausendmal zehntausend spricht, Uns nicht bestimmte Zahlen offenbaren. Das ihnen allen strahlt, das erste Licht, So vielfach wirds von ihnen aufgenommen, Als Engel schaun in Gottes Angesicht. Drum, da vom Schaun der Liebe Gluten kommen, Ist auch verschieden ihre Süßigkeit Hier lauer, dorten glühender entglommen. Sieh jetzt die Hoheit, die Unendlichkeit Der ewgen Kraft, die, teilend ihren Schimmer, So unzählbaren Spiegeln ihn verleiht, Und ein in sich bleibt ewiglich und immer."

Dreißigster Gesang

Uns fern, etwa sechstausend Meilen, steiget Der Mittag auf, indes schon diese Welt Den Schatten fast zum ebnen Bette neiget, Wenn nach und nach sich uns der Ost erhellt; Dann wird der Glanz erst manchem Stern benommen, Des Strahl nicht mehr bis zu uns niederfällt, Und wie Aurora mehr emporgeklommen, Verschließt der Himmel sich von Glanz zu Glanz, Bis auch des schönsten Sternes Licht verglommen. So der Triumph, der ewiglich im Tanz Den Punkt umkreist, der alles hält umschlungen, Was scheinbar ihn umschlingt als lichter Kranz. Er schwand allmählich, meinem Aug entschwungen, Drum kehrt ich zu der Herrin das Gesicht, Von Nichtschaun und von Liebesdrang gezwungen. War alles, was bis jetzo mein Gedicht Von ihr gelobt, in ein Lob einzuschließen, Doch gnügend wärs für diesen Anblick nicht. Denn Reize, wie sie hier sich sehen ließen, Weit überschreiten sie der Menschen Art; Ihr Schöpfer nur kann ihrer ganz genießen. Ich bin besiegt von dem, was ich gewahrt, Mehr als ein Komiker von seinen Stoffen, Als ein Tragöd je überwunden ward. Gleichwie ein Blick, den Sonnenstrahlen offen, Vergeht vor ihren- Blitzen, so geschieht Dem Geist, von dieses Lächelns Reiz getroffen. Vom ersten sag, da mir der Herr beschied, Ihr Angesicht zu schaun in diesem Leben, Folgt ihr bis hin zu diesem Blick mein Lied. Doch muß ich jetzt des Folgens mich begeben, Ein Künstler, der sein höchstes Ziel errang, Und hoher nicht vermag emporzustreben. Und so, wie ich sie lasse vollerm Klang, Als meiner Tuba, die ich also richte, Wie sie beenden kann den schweren Sang, Sprach sie, mit Ton, Gebärd und Angesichte Eifrigen Führers froh zu mir: "Du bist Gelangt zum Himmel nun von reinem Lichte, Von geistgem Licht, das nur ein Lieben ist, Ein Lieben jenes Guts, des ewig wahren, Von Luft, mit der kein Erdenglück sich mißt. Du siehst hier beide Himmelskriegerscharen Und siehst die ein in dem Gewande heut, Wie du sie wirst beim Weltgericht gewahren." Wie jäher Blitz des Auges Kraft zerstreut, So daß er jeden Gegenstand umdunkelt, Den stärksten Selbst, der sich dem Blicke beut; So ward ich von lebendgem Licht umfunkelt, Des Glanz mir tat, wie uns ein Schleier tut, Denn alles außer ihm war mir verdunkelt. "Die Lieb, in welcher dieser Himmel ruht Pflegt so in sich zum Heile zu empfangen Und macht die Kerz empfänglich ihrer Glut." Wie mir die kurzen Wort ins Innre drangen, Da fühlt ich, daß sich Geist mir und Gemüt Weit über die gewohnten Kräfte schwangen. Und neue Sehkraft war in mir entglüht, So, daß mein Auge, stark und ohne Qualen, Dem Licht sich auftat, das am reinsten blüht. Ich sah das Licht als einen Fluß von Strahlen Glanzwogend zwischen zweien Ufern ziehn, Und einen Wunderlenz sie beide malen Und aus dem Strom lebendge Funken sprühn; Und in die Blumen senkten sich die Funken, Gleichwie in goldne Fassung der Rubin. Dann tauchten sie, wie von den Düften trunken, Sich wieder in die Wunderfluten ein, Und der erhob sich neu, wenn der versunken. "Dein heißer Wunsch, in dem dich einzuweihn, Was deine Blicke hier auf sich gezogen, Muß mir, je mehr er drängt, je lieber sein. Doch trinken mußt du erst aus diesen Wogen, Eh solch ein Durst in dir sich stillen kann." So sprach die Sonn, aus der ich Licht gesogen. "Der Fluß und diese Funken", sprach sie dann, "Und dieser Pflanzen heitre Pracht, sie zeigen Die Wahrheit dir voraus, wie Schatten, an. An sich ist ihnen zwar nichts Schweres eigen, Sie zu erkennen, fehlt nur dir die Macht, Weil noch so stolz nicht deine Blicke steigen." Kein Kind, das durstig langer Schlaf gemacht, Kann sein Gesicht zur Brust so eilig kehren, Wenns über die Gewohnheit spät erwacht, Als, um der Augen Spiegel mehr zu klären, Ich mein Gesicht zu jenem Flusse bog, Dort strömend, um der Seele Kraft zu mehren. Und wie der Rand der Augenlider sog Von seiner Flut, da war zum Kreis gewunden, Was sich zuvor in langen Streifen zog. Dann, Leuten gleich, die sich verlarvt befunden, Verändert erst, wenn sie ausziehn das Kleid, Worin sie unter fremdem Schein verschwunden; Verwandelten zu größrer Herrlichkeit Sich Blumen mir und Funken, und ich schaute Die Himmelsscharen beide dort gereiht. O Gottes Glanz, o du, durch den ich schaute Des ewig wahren Reichs Triumphespracht, Gib jetzt mir Kraft, zu sagen, wie ich schaute. Licht ist dort, das den Schöpfer sichtbar macht, Damit er ganz sich dem Geschöpf verkläre, Dem nur in seinem Schaun der Friede tacht. Es dehnt sich weithin aus in Form der Sphäre Und schließt so viel in seinem Umkreis ein, Daß es zu weit als Sonnengürtel wäre. Und einem Strahl entquillt sein ganzer Schein, Rückscheinend von des schnellsten Kreises Rande, Um Sein und Wirkung diesem zu verleihn. Und wie ein Hügel, an der Wogen Strande, Sich spiegelt, wie um sich geschmückt zu sehn Im blütenreichen, grünenden Gewande; Also sich spiegelnd, sah ich in den Höhn In tausend Stufen die das Licht umringen, Die von der Erd in jene Heimat gehn. Und kann der tiefste Grad solch Licht umschlingen, Zu welcher Weite muß der letzte Kranz Der Blätter dieser Himmelsrose dringen? Mein Aug ermaß die Weit und Höhe ganz Und unverwirrt, und konnte sich erheben Zum Was und Wie von diesem Wonneglanz. Nicht Fern noch Nah kann nehmen dort noch geben, Denn da, wo Gott regiert, unmittelbar, Tritt fürder kein Naturgesetz ins Leben. Ins Gelb der Rose, die sich immerdar Ausdehnt, abstuft und Duft des Preises sendet Zur Sonne, die stets heiter ist und klar, Zog, wie wer schweigt, doch sich zum Sprechen wendet, Beatrix mich und sprach: "Sieh hier verschönt In weißem Kleid, die dorten wohl geendet. Sieh, wie so weithin unsre Stadt sich dehnt, Sieh, so gefüllt die Bänk in unserm Saale, Daß man jetzt hier nach wenigen sich sehnt. Auf jenem großen Stuhl, wo du dem Strahle Der Krone, die dort glänzt, dein Auge leihst, Dort, eh du kommst zu diesem Hochzeitsmahle, Wird sitzen des erhabnen Heinrichs Geist, Des Cäsars, der Italien zu gestalten Kommt, eh es sich dazu geneigt beweist. Die blinde Gier ists, die mit Zauberwalten Euch gleich dem Kind macht, das die Brust verschmäht, Die Nahrung hat, sein Leben zu erhalten. Dem göttlichen Gerichtshof aber steht Solch Obrer vor dann, daß er im Geheimen Und offen nie mit ihm zusammengeht. Doch stürzt des Himmels Räch ihn ohne Säumen Vom Heilgen Stuhl zur qualenvollen Welt, Wo Simon Magus stöhnt in dunkeln Räumen, Drob tiefer noch der von Alagna fällt."

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