Front matter (continued 2)
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Achtzehnter Gesang
Ein Ort der Hölle, namens Übelsäcken, ist eisenfarbig, ganz erbaut von Stein, So auch die Dämme, die ringsum ihn decken. Grad in der Mitte dieses Lands der Pein Gähnt hohl ein Brunnen, weit, mit tiefem Schlunde. Von dem wird seines Orts die Rede sein. Und zwischen Höhl und Felswand gehn im Runde Rings so die Dämme, daß der Täler zehn Abschnitte bilden in dem tiefen Grunde. Wie um ein Schloß mehrfache Gräben gehn. Dahinter wohlverwahrt die Mauern ragen Und sicherer den Feinden widerstehn; So war umgürtet dieser Ort der Plagen; Und wie man Brücken pflegt zum andern Strand Aus solcher festen Schlösser Tor zu schlagen, So sprangen Zacken aus der Felsenwand, Durchschnitten Wäll und Gräben erst und gingen. Wie Räderspeichen, bis zum Brunnenrand. Kaum konnten wir vom Kreuz Geryons springen, So ging links hin mein Meister und befahl Auch mir, auf seinen Spuren vorzudringen. Und ganz erfüllt sah ich das erste Tal Rechts, wohin Klagen meine Blicke riefen. Von neuen Peinigern und neuer Qual. Es waren nackte Sünder in den Tiefen, Geteilt, denn hier zog gegen uns die Schar, Und dort mit uns, nur daß sie schneller liefen; Gleichwie man pflegt in Rom beim Jubeljahr Zum Übergang die Brücke herzurichten Ob übergroßen Andrangs, also zwar, Daß hier gewendet sind mit den Gesichten, Die zu Sankt Peter wallen, nach dem Schloß, Die andern dort sich nach dem Berge richten. Auf schwarzem Stein sprang hier und dort ein Troß Von Teufeln nach, von schrecklichen, gehörnten. Die schlugen wild auf sie von hinten los. Wie sie beim ersten Schlage laufen lernten! Wie sie, nicht harrend auf den zweiten Hieb, Mit jähen, langen Sprüngen sich entfernten! So fiel auf einen, den die Geißel trieb, Mein Auge jetzt hinab, bei dem ich dachte, Daß er nicht fremd mir auf der Erde blieb. Scharf blickt ich hin, damit ich ihn betrachte, Auch hielt mein Führer an, ders zugestand, Daß ich zurück erst einge Schritte machte. Zwar sucht er, bodenwärts den Blick gewandt, Mir mit Gestalt und Angesicht zu geizen, Doch rief ich, da ich dennoch ihn erkannt: "Wenn deine Züge nicht zum Irrtum reizen, So mein ich, daß du Venedigo seist; Doch weshalb steckst du so in scharfen Beizen?" "Nur ungern sag ichs," sprach er drauf, "doch reißt Dein klares Wort mich hin, das mich bezwungen, Weils alte Zeit zurückführt meinem Geist. Ich bins, der in Ghifolen so gedrungen, Daß sie nach des Markgrafen Willen tat, Wie ganz entstellt auch das Gerücht erklungen. Und aus Bologna ist auf gleichem Pfad An diesen Qualort so viel Volk gekommen, Als jetzo diese Stadt kaum Bürger hat. Und sollte dir hierbei ein Zweifel kommen, So denk, um sicher auf mein Wort zu baun. Wie Habsucht uns die Herzen eingenommen." Sprachs, und ein Teufel kam, um einzuhaun, Mit hochgeschwungner Geißel her und sagte: "Fort, Kuppler, fort, hier gibts nicht feile Fraun." Zum Führer ging ich, da ich bebt und zagte, Und bald gelangten wir an einen Ort, Wo aus der Wand ein Felsen vorwärts ragte. Und dieser Zacken dient als Brücke dort; Leicht klommen beide wir hinauf und zogen Rechts hin aus jenen ewgen Kreisen fort. Bald dort, wo unter uns der Fels als Bogen Sich höhlt und Durchgang der Gepeitschten war, Sprach er: "In gleicher Richtung fortgezogen, Sind wir bis jetzt mit jener zweiten Schar, Drum konnten wir sie nicht von vorne sehen. ietzt aber nimm die Angesichter wahr." Wir blieben nun am Rand der Brücke stehen Und sahn den Schwarm, der uns entgegensprang, Denn eilig hieß die Geißel alle gehen. Da sprach mein Hort: "Sieh, noch mit Stolz im Gang, Den Großen, der sich keine Klag erlaubte, Dem aller Schmerz noch keine Trän entrang. So königlich noch an Gestalt und Haupte! Der Jason ists, der durch Verstand und Mut Das Widdervlies dem Volk von Kolchis raubte. Nach Lemnos kam er, als in ihrer Wut Die Fraun, die glühend Eifersucht durchzuckte, Vergossen hatten aller Männer Blut; Wo er durch Worte, täuschend ausgeschmückte. Berückt Hypsipylen, das junge Herz, Die alle Fraun von Lemnos erst berückte. Dort ließ er schwanger sie in ihrem Schmerz. Dies bracht ihn her; und gleiche Straf erheischen Medeas Leiden, einst ihm Spiel und Scherz— Auch gehn mit ihm, die gleicherweise tauschen. Allein dies sei vorn ersten Tal genug Und denen, so die Geißeln drin zerfleischen." Im Kreuz den zweiten Damm durchschneidend, trug Der Felspfad uns, der, auf den Widerlagen Der Dämme, hier den andern Bogen schlug. Dort, aus dem zweiten Sack, klang dumpfes Klagen, Und Leute sahn wir tief im Grunde sich Laut schnaufend mit den flachen Händen schlagen. Der Dämme Seiten waren schimmelig Vom untern Dunste, der wie Teig dort klebte. Für Aug und Nase feindlich widerlich. Doch vor dem Blick, so sehr ich forschte, schwebte; Noch dunkle Nacht, weil tief der Abgrund ist, Bis ich des Felsenbogens Höh erstrebte. Von hier, wo erst der Blick die Tiefe mißt. Sah ich viel Leut in tiefem Kote stecken, Und, wie mirs vorkam, war es Menschenmist. Ich forscht und sah ein Haupt sich vorwärts strecken, Doch ganz beschmutzt mit Kot, drum könnt ich nicht, Obs Lai, ob Pfaffe sei, genau entdecken. Da schrie er her: "Was bist du so erpicht, Mich mehr als andre Schmutzge zu gewahren?" Und ich: "Weil, ist mir recht, ich dein Gesicht Bereits gesehm, allein mit trocknen Haaren. Alex, Interminei heißest du, Drum seh ich mehr auf dich als jene Scharen." Und er, die Stirn sich schlagend, rief mir zu: "Mich stürzte Schmeichelei herab zur Hölle, Die ich dort übte sonder Rast und Ruh." Da sprach zu mir mein guter Meister: "Stelle Dich etwas vor, und in die Augen fällt Dir eine schmutzge Dirn an jener Stelle. Sieh die Zerzauste, die sich kratzt und krellt Mit kotgen Nägeln, jetzt aufs neue greulich im Mist versinkt und jetzt sich aufrecht stellt, Die Hure Thais ists, jetzt so abscheulich. Fragt einst ihr Buhl: "Steh ich in Gunst bei dir?" Versetzte sie: "Ei, ganz erstaunlich! Freilich!" Doch sei gesättigt unsre Schaulust hier.
Neunzehnter Gesang
Simon Magus, ihr, o Arme, Blöde, Die, was der Tugend ihr vermählen sollt. Die Dinge Gottes, räuberisch und schnöde, Ihr euch erbuhlt durch Silber und durch Gold, Von euch soll jetzo die Posaun erschallen; Euch zahlt der dritte Sack der Sünden Sold. Erstiegen hatten wir die Felsenhallen Des Stegs, von welchem mitten in den Schoß Des nächsten Schlunds die Blicke senkrecht fallen. Allweisheit, wie ist deine Kunst so groß Im Himmel, auf der Erd, im Höllenschlunde, Und wie gerecht verteilst du jedes Los! Ich sah dort an den Seiten und im Grunde Viel Löcher im schwarzbläulichen Gestein, Gleich weit und sämtlich ausgehöhlt zum Runde. Sie mochten so, wie jene, wo hinein Beim Taufstein Sankt Johanns die Täufer treten, Und enger nicht, doch auch nicht weiter sein. Eins dieser sprengt ich einst, weil ich in Nöten Ein halbersticktes Kindlein drin entdeckt; So seis besiegelt, so will ichs vertreten; Ich sah, daß sich, aus jedem Loch gestreckt, Zwei Füß und Beine bis zum Dicken fanden, Der andre Leib blieb innerhalb versteckt; Sah, wie die Sohlen beid in Flammen standen, Und sah die Knorren zappeln und sich drehn So stark, daß sie wohl sprengten Kett und Banden. Wie wirs an ölgetränkten Dingen sehn, Wo obenhin die Flammen flackernd rennen, So von der Ferse dort bis zu den Zehn. "Gern, Meister," sprach ich, "möcht ich diesen kennen. Der wilder zuckt als die, so ihm gesellt, Und dessen beide Sohlen röter brennen." Und er: "Ich trage dich, wenn dirs gefällt, Arn schiefen Hang hinab—er wird dir zeigen, Wer einst er war, und was im Loch ihn hält." Drauf ich: "Du bist der Herr, und mein Bezeigen Folgt dem gern, was mir als dein Wille kund, Und du verstehst mich auch bei meinem Schweigen." Drauf gings zum vierten Damm, und links zum Schlund Trug mich mein Herr hinab zu neuen Leiden In den durchlöcherten und engen Grund. Er ließ mich nicht von seiner Hüfte scheiden, Auf die er mich gesetzt, bis bei dem Ort Des, der da weinte mit den Füßen beiden. "Du, mit dem Obern unten," sprach ich dort, "Hier eingerammt gleich einem Pfahl, verkünde: Wer bist du? Sprich, ist dir vergönnt dies Wort." Ich stand, dem Pfaffen gleich, dem seine Sünde Der Mörder beichtet, welcher, schon im Loch, Ihn rückruft, daß der Tod noch Aufschub finde. Da schrie er: "Bonifaz, so kommst du doch, So kommst du doch schon jetzt, mich fortzusenden? Und man versprach dir manche Jahre noch? Schon satt des Guts, ob des mit frechen Händen Du trügerisch die schöne Frau geraubt, Um ungescheut und frevelnd sie zu schänden?" Ich stand verlegen, mit gesenktem Haupt, Wie wer nicht recht versteht, was er vernommen. Und sich beschämt kein Gegenwort erlaubt. Da sprach Virgil: "Was stehst du so beklommen? Sag ihm geschwind, daß du nicht jener seist, Den er gemeint!"—Ich eilt, ihm nachzukommen. Die Fuße nun verdrehte wild der Geist Und sprach mit Seufzern und mit dumpfen Klagen: "Was also ists, das so dich fragen heißt? Doch standest du nicht an, dich herzuwagen. Um mich zu kennen, wohl, so sag ich dir, Daß ich den großen Mantel einst getragen. Der Bärin wahrer Sohn war ich, voll Gier Fürs Wohl der Bärlein, und für diese steckte Ich in den Sack dort Gold, mich selber hier. Auch unter meinem Haupt gibts viel Versteckte. Dort, durchgepreßt durch einen Felsenspalt, Sind, die vor mir die Simonie befleckte. Und dort hinab versink auch ich, sobald Der kommt, für welchen ich dich angesehen. Und der mir folgt in diesem Aufenthalt; Doch wird er nicht so lang, als mir geschehen, Die Füße brennend, köpflings eingesteckt, Fest eingepfählt in diesem Loche stehen. Denn nach ihm kommt, zu schlechterm Werk erweckt, Ein Hirt vom Westen, ein gesetzlos Wesen, Das, wie sich ziemt, mich und auch ihn bedeckt. Ein neuer Jason ists, von dem zu lesen Im Makkabäerbuch, dem Philipp wird. Was diesem einst Antiochus Ich weiß nicht, ob ich nicht zu sehr geirrt, Auf solche Red ihm dieses zu versetzen: "Sprich, was verlangt einst unser Herr und Hirt, Zuerst von Petrus wohl an Gold und Schätzen, Um ihm das Amt der Schlüssel zu verleihn?" Komm, sprach er, um mein Werk nun fortzusetzen Was trugs dem Petrus und den andern ein. Als man durch Los einst den Matthias kürte Statt dessen, der ein Raub ward ewger Pein? Nichts ward dir hier, als das, was sich gebührte; Betrachte nur das schlechterworbne Geld, Das gegen Karln zur Kühnheit dich verführte. Und nur weil Ehrfurcht meine Zunge hält Für jene Schlüssel, die du einst getragen, Da du gewandelt in der heitern Welt, Enthalt ich mich, dir Schlimmeres zu sagen: Daß schlecht die Welt durch eure Habsucht ist. Die Guten sanken und die Schlechten ragen. Euch Hirten meinte der Evangelist Bei ihr, die sitzend auf den Wasserwogen Mit Königen zu huren sich vermißt. Sie, mit den sieben Häuptern auferzogen, Sie hatt in zehen Hörnern Kraft und Macht, Solang der Tugend ihr Gemahl gewogen. Eur Gott ist Gold und Silber, Glanz und Pracht. Wohl besser sind die, so an Götzen hangen, Die einen haben, wo ihr hundert macht. Welch Unheil, Konstantin, ist aufgegangen, Nicht, weil du dich bekehrt, nein, weil das Gut Der erste reiche Papst von dir empfangen!" Indes ich also sprach mit keckem Mut, Da, seis daß Zorn ihn, daß ihn Reue nagte. Verdreht er beide Bein in großer Wut. Doch schiens, daß es dem Führer wohlbehagte; So stand er dort, zufrieden, aufmerksam. Als ich so nachdrucksvoll die Wahrheit sagte; Worauf er mich mit beiden Armen nahm, Und als er mich an seine Brust gewunden, Den Weg zurückestieg, auf dem er kam. Er trug, nie matt, wie fest er mich umwunden. Mich auf des Bogens Höhe sonder Rast, Durch den der viert und fünfte Damm verbunden. Dort setzt er sanft zu Boden meine Last, Sanft, ob der Fels auch, steil emporgeschossen, Zum Wege kaum für eine Ziege paßt; Da ward ein andres Tal mir aufgeschlossen.
Zwanzigster Gesang
Die neue Qual, zu der ich jetzt gewandelt. Sie gibt dem zwanzigsten Gesange Stoff Des ersten Lieds, das von Verdammten handelt. Ich stand auf jenem Felsen rauh und schroff Und spähte scharf hinab zum offnen Schlunde, Der ganz von angsterpreßten Zähren troff. Viel Leute gingen langsam in der Runde, So, wie ein Wallfahrtszug die Schritte lenkt. Stillschweigend, weinend in dem tiefen Grunde. Als tiefer ich auf sie den Blick gesenkt, Sah ich—ein Wunder scheint es und erdichtet— Vorn Kinn sie bis zum Achselbein verrenkt, Das Angesicht zum Rücken hin gerichtet; Drum mußten sie gezwungen rückwärts gehn, Und ihnen war das Vorwärtsschaun vernichtet. So soll der Fallsucht Krampf das Haupt verdrehn, Wie man erzählt in wunderlichen Sagen, Doch glaub ichs nicht, da ich es nie gesehn. Läßt Gott dein Lesen, Leser, Früchte tragen, So frage selber dich, wie mir geschah, Ob ich nicht weinen mußt und ganz verzagen, Als ich des Menschen Ebenbild so nah Verrenkt, verdreht und von der Augen Tränen Genetzt den Spalt der Hinterbacken sah? Wahr ists, auf eine von den Felsenlehnen Stand ich gestützt und weinte ganz verzagt; Da sprach mein Herr: "Willst du, gleich Toren, wähnen? Fromm ist nur, wer das Mitleid hier versagt. Wer ist verruchter wohl, als wer zu schmähen Durch sein Bedauern Gottes Urteil wagt? Empor das Haupt, empor! Den wirst du sehen, Den einst vor Thebens Blick der Grund verschlang; Drob alle schrien: Wohin? Was ist geschehen? Amphiaraus, wird der Kampf zu lang?— Doch stürzt er fort und fort im tiefen Schachte, Bis Minos ihn, gleich anderm Volk, bezwang. Schau, wie er ihm die Brust zum Rücken machte! Schau, wie er rückwärts schreitet, rückwärts steht, Weil er zu weit voraus zu sehen dachte. Tiresias sieh, der uns entgegenzieht. Er, erst ein Mann, ward durch des Zaubers Gabe Verwandelt in ein Weib an jedem Glied. Dann aber schlug er mit dem Zauberstabe Zuvor auf zwei verwundne Schlangen ein, Damit er wieder Mannsgestaltung habe. Den Rücken ihm am Bauch, kommt hinterdrein, Nah angedrängt an ihn, des Aruns Schatte, Der lebend einst in Lunis Felsenreihn Als Haus die weiße Marmorhöhle hatte, Wohl ausgesucht, daß sie zum Meeresstrand Und zu den Sternen freien Blick gestatte.— Die mit den wilden Haaren ohne Band Die Brüste deckt, die sich nach hinten kehren, Was sonst behaart ist, hinterwärts gewandt. War Manto, die in Ländern und auf Meeren Umirrte bis zum Ort, der mich gebar. Von dieser will ich näher dich belehren. Nachdem der Welt entrückt ihr Vater war Und Bacchus Stadt verfiel in Sklavenbande, Durchstreifte sie die Welt so manches Jahr. Ein See liegt an des schönen Welschlands Rande, Am Fuß des Alpgebirgs, das Deutschland schließt, Benaco heißend, beim Tiroler Lande. Zwischen Camonica und Gard ergießt, Und Apennin, sich Flut in tausend Bächen, Die in besagtem See zusammenfließt. Inmitten aber liegen ebne Flächen, Und drei verschiedne Hirten könnten dort Auf einem Grenzpunkt ihren Segen sprechen. Hier liegt Peschiera dann, ein starker Ort Um Bergamo von Brescia abzuschneiden, Und rings geht flacher dann die Gegend fort. Hier muß sich von dem See das Wasser scheiden, Das nicht mehr Raum in seinem Schoß gewinnt, Und strömt als Fluß herab durch grüne Weiden. Das Wasser, das hier seinen Lauf beginnt, Heißt Mincio nun, und seine Wellen gleiten Bis nach Governo, wos im Po verrinnt. Nicht weit gelaufen, trifft es ebne Weiten, Wo es sich ausdehnt und zum Sumpfe staut, Der bösen Dunst verhaucht zu Sommerszeiten. Als dort das rauhe Weib ein Land erschaut, Das jenes Sumpfes Wogen rings umgaben. Entblößt von Leuten und unangebaut, Da blieb, um nichts von Menschen nah zu haben. Sie mit den Dienern da, trieb Zauberei Und lebt und ward in diesem Land begraben. Bald kamen Menschen, rings zerstreut, herbei. Die, weil sie sich auf diesen Ort verließen, Und sahn, daß durch das Moor kein Zugang sei, Sich auf dem Grabe Mantos niederließen, Und dann nach ihr, die erst den Ort erwählt, Die Stadt, ohn andres Zeichen, Mantua hießen. Sie hat vordem des Volkes mehr gezählt, Eh Pinamont, den Toren zu betrügen. Dem Cassalodi seinen Trug verhehlt. Drum merke wohl, und sollt es ja sich fügen, Daß Mantuas Ursprung man nicht so erklärt, So laß der Wahrheit nichts entziehn durch Lügen." Und ich: "Mein Meister, was dein Wort mich lehrt. Ist mir gewiß und dient zu meinem Frommen, All andres ist nur tote Kohl an Wert. Doch sprich, von diesen, die uns näher kommen, Ist irgend wer bemerkenswerter Art? Denn dies nur hat den Geist mir eingenommen." Und er: "Des Augurs Trug hat der, des Bart Die braunen Schultern deckt, zur Zeit getrieben, Als Griechenland so leer an Männern ward, Daß Knaben kaum noch für die Wiegen blieben. In Aulis sagt er da mit Kalchas wahr, Zeit seis, daß sie das erste Tau zerhieben. Kund tut mein tragisch Lied dir, wer er war. Du wirst dich des Eurypylus entsinnen, Denn mein Gedicht ja kennst du ganz und gar. Sieh Michael Scotto auch, den magern, dünnen. Der jeden Trug des Zaubers klug gelenkt Und solches Spiel verstanden zu gewinnen. Bonatti sieh—Asdent, dens jetzo kränkt. Allein zu spät, daß er in eitlem Trachten Dort nicht auf seinen Leisten sich beschränkt. Sich Vetteln, die statt Spill und Rad zu achten Und Weberschiff, wies einem Weib gebührt, Mit Kraut und Bildern Hexereien machten. Jetzt komm! Indes ich dich hierher geführt, Hat an der Grenze beider Hemisphären Der Mond im Westen schon die Flut berührt. Du sahst ihn gestern völlig sich erklären Und sahst ihn dir im dichtverwachsnen Wald Verschiedne Mal willkommnes Licht gewähren." Er sprachs, doch gingen wir ohn Aufenthalt.
Einundzwanzigster Gesang
So gings von Brück auf Brück, in manchem Wort, Das ich zu sagen nicht für nötig halte; Und oben, an des Bogens höchstem Ort, Verweilten wir ob einer neuen Spalte Und hörten draus den eitlen Laut der Qual Und sahn, wie unten tiefes Dunkel walte. Gleich wie man in Venedigs Arsenal Das Pech im Winter sieht aufsiedend wogen, Womit das lecke Schiff, das manches Mal Bereits bei Sturmgetos das Meer durchzogen, Kalfatert wird—da stopft nun der in Eil Mit Werg die Löcher aus am Seitenbogen, Der klopft am Vorder-, der am Hinterteil Der ist bemüht, die Segel auszuflicken, Der bessert Ruder aus, der dreht ein Seil; So ist ein See von Pech dort zu erblicken, Das kocht durch Gottes Kunst, und nicht durch Glut, Des Dünste sich am Strand zum Leim verdicken. Ich sah den See, doch nichts in seiner Flut, Die jetzt sich senkt und jetzt sich wieder blähte. Als Blasen, ausgehaucht vom regen Sud. Indes ich scharfen Blicks hinunterspähte, Zog mich, indem er rief: "Hab acht! Hab acht!" Mein Meister zu sich hin von meiner Stätte. Da wandt ich mich, gleich einem, den mit Macht Die Neugier zieht, das Schreckliche zu sehen, Und der, da jähe Furcht ihn schaudern macht, Doch, um zu schaun, nicht zögert, fortzugehen. Und sieh, ein rabenschwarzer Teufel sprang Uns hinterdrein auf jenen Felsenhöhen. Ach, wie sein Ansehn mich mit Graus durchdrang, Wie wild er schien, wie froh in andrer Schaden! Gespreizt die Schwingen, leicht und schnell den Gang, Kam er, die Schultern hoch gespitzt, beladen Mit einem Sünder her, der oben ritt, Und mit den Klauen packt er seine Waden. "Von Lucca bring ich einen Ratsherrn mit"— Schrie er, "auf, taucht ihn unter, Grimmetatzen! Und jene Stadt ist wohlversehn damit, Drum hol ich gleich noch mehr von solchen Fratzen. Gauner sind alle dort, nur nicht Bontur, Und machen Ja aus Nein für blanke Batzen." Hinunterwarf er noch den Sünder nur, Und rannte gleich zurück in solcher Eile, Wie je der Hofhund nach dem Diebe fuhr. Der Sünder sank, doch hob sich sonder Weile, Da schrien die Teufel unten: "Fort mit dir, Hier dient kein Heilgenbild zu deinem Heile. Ganz anders als in Serchio schwimmt man hier. Und sollen dich nicht unsre Haken packen. So bleib im Peche nur, sonst fassen wir." Gleich stießen sie mit tausend scharfen Zacken Und schrien: "Dein Tänzchen mache hier versteckt. Such unten einem etwas abzuzwacken." Nicht anders machts ein Koch, wenn er entdeckt. Das Fleisch im Kessel komm emporgeschwommen, Und schnell es mit dem Haken untersteckt. Virgil sprach: "Geh, eh sie dich wahrgenommen. Und ducke dich bei jener Felsenbank; Durch diese wirst du eingen Schirm bekommen. Mir ist das Ding nicht fremd, drum bleibe frank Von jeder Furcht, was man mir auch erzeige. Denn früher war ich schon in solchem Zank." Dann ging er jenseits auf dem Felsensteige, Und wie er hingelangt zum sechsten Strand, Tats not ihm, daß er sichre Stirne zeige. Denn wie in Sturm und Wut hervorgerannt, Die Haushund auf den armen Bettler fallen. Wenn er am Haus, laut flehend, stillestand; So stürzten jen aus dunkeln Felsenhallen Und streckten all auf ihn die Haken hin, Er aber schrie: "Zurück jetzt mit euch allen. Mich anzuhaken habt ihr wohl im Sinn? Doch tret erst einer vor, um mich zu sprechen, Und dann bedenkt, ob ich zu packen bin." "Geh vor denn, Stachelschwanz." So schrien die Frechen, Und einer kam, die andern blieben stehn— Und fragte, wie er wag, hier einzubrechen? "Wie", sprach mein Meister, "würdest du mich sehn. Wie würd ich wagen, je hier einzudringen, War ich auch sicher, euch zu wiederstehn, Wenns Gott und Schicksal also nicht verhingen? Drum laß mich ziehn, der Himmel will, ich soll Als Führer einen durch die Hölle bringen." Der Haken fiel, da dieses Wort erscholl, Ihm aus der Hand, so hatt ihn Furcht durchschauert. "Gesellen," rief er aus, "laßt euren Groll!" "Du, der dort zwischen Felsenstücken kauert," Rief nun mein Meister, "eile zu mir her, Da jetzt kein Feind mehr auf dem Wege lauert." Und vorwärts trat ich und kam schnell daher, Doch sah ich vorwärts auch die Teufel fahren, Als gelte nichts die Übereinkunft mehr; Und war voll Schrecken, wie Capronas Scharen, Die, dem Vertrag zum Trotz, dem Tode nah. Als sie die Festung übergeben, waren. Fest drängt ich mich an meinen Führer da Und hielt den Blick gespannt auf ihre Mienen, Aus denen ich nichts Gutes mir ersah. Und diese Rede hört ich zwischen ihnen: "Den Haken ihm ins Kreuz? Was meinst du? Sprich!" Der andre: "Ja, du magst ihn nur bedienen!" Doch jener Geist, der mit dem Meister sich Besprochen, wandte schleunig sich zurücke Und rief: "Still, Raufbold, ruhig halte dich." Und dann zu uns: "Auf diesem Felsenstücke Kommt ihr nicht weiter, denn im tiefen Grund Liegt längst zertrümmert schon die sechste Brücke. Und wollt ihr fort, geht oben, längs dem Schlund, Dann seht ihr vorwärts einen Felsen ragen Und kommt darauf bis zu dem nächsten Rund. Denn gestern, um euch alles anzusagen, Wars just zwölfhundertsechsundsechzig Jahr, Seit jenen Weg ein Erdenstoß zerschlagen. Dorthin entsend ich einge meiner Schar, Um Sündern, die sich lüften, nachzuspüren; Mit ihnen geht und fürchtet nicht Gefahr. Auf, ihr Gesellen, jetzt, euch frisch zu rühren; Eistreter, Senkflug, Bluthund, kommt heran, Du, Sträubebart, sollst alle zehen führen. Auf, Drachenblut, Kratzkrall und Eberzahn, Scharfhaker, und auch du, Grimmrot der Tolle, Und Firlefanz, schickt euch zum Wandern an. Schaut, wer etwa im Pech auftauchen wolle, Doch wißt, daß dieses Paar in Sicherheit Bis zu der nächsten Brücke reisen solle." "Ach, guter Meister," rief ich, "welch Geleit? Ich, meinerseits, ich will es gern entbehren, Und bin mit dir allein zu gehn bereit. Sieh nur, wie sie vor Grimm im Innern gären, Wie sie die Zähne fletschen und mit Drohn Nach uns die tiefgezognen Brauen kehren." Und er zu mir: "Nicht fürchte dich, mein Sohn, Laß sie nur fletschen ganz nach Gutbedünken, Sie tun dies nur zu der Verdammten Hohn" Sie schwenkten dann sich auf den Damm zur Linken, Nachdem vorher die Zunge jeder wies, Hervorgestreckt, dem Hauptmann zuzuwinken, Der mit dem hintern Mund zum Abmarsch blies.
Zweiundzwanzigster Gesang
Schon sah ich Reiter aus dem Lager ziehn, Die Mustrung machen, in die Feinde brechen, Auch wohl sich schwenken und zurückefliehn; Von Streifpartein sah ich in euren Flächen, Ihr Aretiner, einst euch hart bedrohn; Sah Festturnier und große Lanzenstechen; Drommeten hört ich, Trommeln, Glockenton, Sah Rauch und Feuer auch als Kriegeszeichen, Und fremd und heimische Signale schon; Doch nimmer hieß ein Tonwerkzeug, dergleichen Ich hier gehört, das Volk zu Roß und Fuß, Zu Land und Meer, noch vorgehn oder weichen. Mit zehen Teufeln ging ich, voll Verdruß, Doch wußt ich, daß man Säufer in den Schenken Und Beter in den Kirchen suchen muß, Auch war aufs Pech gerichtet all mein Denken, Um ganz des Orts Bewandtnis zu erspähn. Und welche Leut in diese Glut versänken. Wie die Delphine, die vor Sturmeswehn Mit den gebognen Rücken oft verkünden, Zeit seis, sich mit den Schiffen vorzusehn; So, um Erleichterung der Qual zu finden, Taucht oft ein Sünderrücken auf und schwand Im Peche dann so schnell, wie Blitze schwinden. Und wie die Frösch an eines Grabens Rand Mit Beinen, Bauch und Brust im Wasser stecken, Die Schnauzen nur nach außen hingewandt; So sah man jen hervor die Mäuler strecken, Allein, wenn sie den Sträubebart erschaut, Sich schleunig in dem heißen Pech verstecken. Ich sah, und jetzt noch schaudert mir die Haut, Nur einen harren, wie, wenn all entsprangen. Ein einzler Frosch noch aus dem Pfuhle schaut. Kratzkralle, der am weitsten vorgegangen, Schlug ihm den Haken ins bepichte Haar Und zog ihn auf, Fischottern gleich, gefangen. Ich wußte schon, wie jedes Name war Von ihrer Wahl und, daß mir nichts entfalle. Nahm ich der Namen dann im Sprechen wahr. "Frisch, Grimmrot, mit den scharfen Klauen falle Auf diesen Wicht und zieht ihm ab das Fell." So schrien zusammen die Verfluchten alle. Und ich: "Mein Meister, o erforsche schnell, Wer hier in seiner Feinde Hand gerate? Wer ist wohl der unselige Gesell?" Worauf mein Führer seiner Seite nahte, Ihn fragend, wer er sei, wo sein Geschlecht? "Ich bin gebürtig aus Navarras Staate. Die Mutter gab mich einem Herrn zum Knecht, Weil sie von einem Prasser mich geboren, Der all sein Gut und auch sich selbst verzecht. Zum Freunde dann vom Theobald erkoren, Dem guten König, trieb ich Gaunerei. Jetzt leg ich Rechnung ab in diesen Mooren." Und Eberzahn, aus dessen Munde zwei Hauzähne ragten, wie aus Schweinefratzen, Bewies ihm jetzt, wie scharf der eine sei. Die Maus war in den Krallen arger Katzen, Doch Sträubebart umarmt ihn fest und dicht Und rief: "Ich halt ihn, fort mit euren Tatzen." Und zu dem Meister kehrt er das Gesicht. "Willst du, bevor die andern ihn zerreißen, Noch etwas fragen, wohl, so zaudre nicht." Mein Führer: "Sprich, wie andre Sünder heißen, Dort unterm Pech? Sind auch Lateiner da?" Und jener sprach: "Mir war dort in der heißen Pechflut vor kurzer Zeit noch einer nah! Was mußt ich doch darüber mich erheben, Da ich dort nichts von Klaun und Haken sah!" "Wir habens schon zu lange zugegeben!" Scharfhaker schries und hakt auf ihn hinein, Auch blieb ein Stück vom Arm am Haken kleben. Schon zielte Drachenblut ihm nach dem Bein, Allein der Hauptmann blickt auf seine Scharen Im Kreis herum und schien ergrimmt zu sein. Da wandte sich, sobald sie stille waren, Mein Herr zu ihm, der auf sein wundes Glied Herniedersah, um mehr noch zu erfahren. "Wer ists, von dem dein Mißgeschick dich schied, Als du dich nach der Oberfläch erhoben?"— "Der von Gallura ists, der Mönch Gomit. Im Trug bestand er all und jede Proben, Des Herrschers Feinde hielt er im Verlies Und tat mit ihnen, was sie alle loben, Geld nahm er, wie er selber sagt, und ließ Sie sachte ziehn, er, der in Amt und Ehren Sich sonst als Schelm nicht klein, nein groß erwies. Viel pflegt mit ihm Herr Zanche zu verkehren Von Logodor—sie schwatzen immerfort. Als ob sie jetzt noch in Sardinien wären. Ach, Seht, wie fletscht die Zähne jener dort! Gern sprach ich mehr, doch würd er mich kuranzen! Er droht ja wütend schon bei jedem Wort." Doch Sträubebart, gewandt zu Firlefanzen, Des Auge grimmig glotzte, schalt ihn sehr: "Verdammter Vogel, wirst du rückwärts tanzen?" "Willst du," begann der bange Wicht nunmehr, "Willst du Toskaner und Lombarden sehen? Ich schaffe sie dir nach Belieben her, Wenn nur die Grimmetatzen ferne stehen. Und deren Rache sie nicht zittern macht. Und ich, ich will nicht von der Stelle gehen, Und locke doch dir leicht statt eines acht, Sobald ich pfeife, wie wir immer pflegen, Um anzudeuten, daß kein Teufel wacht." Da streckt ihm Bluthund seine Schnauz entgegen Und schrie kopfschüttelnd: "Hört die Büberei! Er will ins Pech, sobald wir uns bewegen." Allein der Sünder, reich an Schelmerei, Sprach: "Wahrlich, bübisch bin ich wohl zu nennen. Denn zu der Meinen Unglück trag ich bei." Und Senkflug wollt ihm den Versuch vergönnen; "Springst du," hob er mit jenen uneins an, "So werd ich nicht zu Fuße nach dir rennen. Nein, überm Pech schlag ich die Flügel dann. Laßt Platz uns hinter diesem Damme nehmen, Zu sehn, ob mehr als wir der eine kann." Jetzt werdet ihr ein neues Spiel vernehmen. Die Blicke wandten sie, und sehr bereit War, der der Schlimmste schien, sich zu bequemen. Doch wohl ersah der Gauner seine Zeit, Stemmt ein die Fuß und war mit einem Satze Von dem, was sie ihm zugedacht, befreit. Dort standen alle mit verblüffter Fratze. Und jener, der die Schuld des Fehlers trug, Flog nach und schrie: "Du bist in meiner Tatze!" Umsonst! die Furcht war schneller als der Flug. Das Pech verbarg bereits den Gauner wieder, Und rückwärts nahm der Teufel seinen Zug. So taucht die Ente vor dem Falken nieder, Und dieser hebt, ergrimmt und matt, vom Teich Zur Luft empor das sträubende Gefieder. Eistreter kam, wie jener sank, sogleich Im schnellsten Fluge durch die Luft geschossen Und fiel, erbost von diesem Narrenstreich, Mit seinen scharfen Klaun auf den Genossen, Und beide hielten überm Pech voll Wut In wilder Balgerei sich fest umchlossen. Doch braucht auch jener seine Krallen gut. Und beide stürzten bald zu den Bepichten, Die sie bewachten, in die heiße Flut. Der Hitze ward es leicht, den Kampf zu schlichten, Doch, ganz bepicht das rasche Flügelpaar, Vermochten sie es nicht, sich aufzurichten. Und Sträubebart, der sehr betreten war, Ließ vier der Seinen rasch zu Hilfe fliegen. Die äußerst schnell mit ihren Haken zwar, Auf sein Geheiß zum Peche niederstiegen. Wo jeder den Besalbten Hilfe bot, Doch sahn wir sie gekocht im Sude liegen Und ließen sie in dieser großen Not.
Dreiundzwanzigster Gesang
Wir gingen einsam, schweigend, unbegleitet. Ich hinterdrein, der Meister mir voraus, Wie auf dem Weg ein Franziskaner schreitet. Mir mußte wohl der Teufel wilder Strauß Äsopens Fabel ins Gedächtnis bringen, Worin er spricht vom Frosch und von der Maus. Denn wer Beginn und Schluß von beiden Dingen Mit reiflicher Erwägung wohl verglich, Dem konnte Jetzt und Itzt nicht gleicher klingen. Und wie aus einem der Gedanken sich Der zweit entspinnt, so mußt ich weiterdenken, Und doppelt faßte Furcht und Schrecken mich. Ich dachte so: Die sind in ihren Ränken Durch uns gestört, beschädigt und geneckt Und müssen drob sich ärgern und sich kränken. Wenn dies zur Bosheit noch den Zorn erweckt, So werden sie uns nach im Fluge brausen, Wie wild ein Hund sich nach dem Hafen streckt. Schon fühlt ich mir das Haar gesträubt vor Grausen, Und rückwärts lauschend, rief ich: "Meister, flieh! Verbirg uns wo in diesen Felsenklausen. Die Grimmetatzen kommen schon. O sieh, Sie kommen schon mit einem ganzen Heere! So, wie ich sie mir denke, fühl ich sie!" Und er zu mir: "Wenn ich ein Spiegel wäre, Kaum faßt ich doch dein äußres Bild so klar. Als ich dein inneres mir leicht erkläre. Jetzt aber nimmst auch du mein Innres wahr Und kommst mir selber schon mit dem entgegen, Was für uns beid in mir beschlossen war. Und ist der Abhang rechts nur so gelegen, Daß man zum nächsten Schlund hinunter kann, So sollen sie umsonst die Flügel regen." Kaum sprach ers, als die Teufelsjagd begann, Und mit gespreizter Schwing, um uns zu fangen. Kam, nicht gar fern, der wilde Zug heran. Mein Führer eilte nun, mich zu umfangen, Der Mutter gleich, die aufwacht beim Getos Und nahe sieht die Flammen aufgegangen, Ihr Kind erfaßt und, nur um dessen Los Bekümmert, nicht um ihrs, enteilt ins Weite Entkleidet noch und bis aufs Hemde bloß. Daß er herab am harten Felsen gleite, Streckt er sich rücklings an den steilen Hang, Der jenen Sack verstopft von einer Seite. Nie hat ein Mühlbach sich mit schnellerm Drang Aufs Mühlenrad durch seine Rinn ergossen, Als jetzt mein Meister, vor Verfolgung bang, Von jenem Felsenhang herabgeschossen, Mich mit sich nehmend, an die Brust gepreßt Und fest umstrickt, als Kind, nicht als Genossen. Kaum stand sein Fuß am Rand der Tiefe fest, So hörten wir sie über jenem Grunde, Doch er blieb ohne Furcht; denn nimmer läßt Die ewge Vorsicht, die im fünften Runde Als Diener ihrer Macht sie eingesetzt, Sie wieder vor aus diesem schmalen Schlunde. Getünchte Leute sahn wir unten jetzt Im Kreise ziehn mit langsam-schweren Tritten, Matt und erschöpft, von Tränen ganz benetzt. Verhüllt die Augen von Kapuzen, schritten Sie träg dahin in Kutten, gleich der Tracht Der Mönch in Köln am Rheine zugeschnitten; Gold außen, blendend durch des Glanzes Pracht, Von innen Blei, schwer, daß von Stroh erscheinen, Die Friedrich für den Hochverrat erdacht. O Mantel, lastend unter ewgen Peinen! Wir gingen, folgend, zu der Rechten mit, Aufmerksam auf ihr jammervolles Weinen. Doch so erschwert war durch die Last ihr Tritt, Daß neben uns, so oft wir vorwärts traten, Ein neuer Sünder durch das Dunkel schritt. Ich sprach: "Oh sieh dich um! ist wohl durch Taten Und Namen mir von diesen wer bekannt? Und sage mirs, sobald wir einem nahten!" Und einer, der Toskanisch wohl verstand, Rief hinter uns: "Oh bleibt ein wenig stehen, Ihr, die ihr rennt durch dieses dunkle Land. Was du verlangst, kann wohl durch mich geschehen!" Da wandte sich mein Herr und sprach: "Halt an Und suche langsam, wie er selbst, zu gehen." Ich stand und sah nun zwei, die, um zu nahn, Sich sehr anstrengten und sich weidlich plagten. Gehemmt von schwerer Last und enger Bahn; Dann, angelangt, mit keinem Worte fragten, Vielmehr nach mir den scheelen Blick gedreht, Sich unter sich besprechend, dieses sagten: " Der lebt, wie ihr am Zug des Odems seht, Und welcher Freibrief dient zu ihrem Schilde, Daß der und jener ohne Bleirock geht?" Zu mir dann: "Tusker, der du zu der Gilde Der Heuchler kommst, zu ihrem trüben Leid, Wer bist du? Sag es uns mit Huld und Milde." Und ich: "Mich hat die Stadt voll Herrlichkeit Am Arnostrand geboren und erzogen, Und diesen Körper trug ich jederzeit. Doch wer seid ihr, von deren Wang in Wogen Ein Tränenstrom so schmerzlich niederrinnt? Und was hat euch solch Übel zugezogen?" Und einer sprach: "Die gelben Kutten sind Von Blei, so schwer, daß ihr Gewicht der Wage, Dies trägt, ein heulend Knarren abgewinnt. Lustbrüder waren wir von gleichem Schlage, Ich Catalano, Loderingo er, Von deiner Stadt erwählt an einem Tage, Weil sich zum Friedensstifter eignet, wer Parteilos selber ist—und wer wir waren, Zeigt beim Gardingo noch sich ringsumher." Und ich begann: "Das Leid, das ihr erfahren—" Doch schwieg und mußt an dreien Pfählen dort Gekreuzigt einen auf dem Grund gewahren. Als er mich sah, verrenkt er sich sofort Und haucht in seinen Bart mit lautem Stöhnen, Und Bruder Catalan sprach dieses Wort: "Der Angepfählte, dessen Klagen tönen, Gab einst den Pharisäern diesen Rat: Mög eines Tod fürs Volk den Zorn versöhnen; Nun liegt er nackt und quer auf unserm Pfad, Und fühlen muß er, wenn wir drüberwallen, Wieviel Gewicht von uns ein jeder hat. So wird sein Schwäher auch gestraft, mit allen Vom Pharisäerrat, durch den so viel Der schlimmen Saat für Judas Volk gefallen." Und wie ich sah, erstaunte selbst Virgil, Daß er gestreckt am Kreuz an diesem Orte So schmählich lag im ewigen Exil. Zum Bruder richtet er dann diese Worte: "Sagt, wenn ihr dürft, ist rechts die Straße frei, Und ist wohl eine Schlucht dort, die als Pforte Zu brauchen ist zum Ausgang für uns zwei, Ohn einen von den Teufeln erst zu bannen, Daß er zum Weitergehn uns Führer sei?" Und jener drauf: "Ihr geht nicht weit von dannen, So seht ihr einen Stein vom großen Rund Als Steg sich über alle Täler Spannen. Er ist nur eingestürzt ob diesem Schlund, Allein ihr könnt die Trümmer leicht ersteigen, Denn, schief sich lagernd, stehn sie aus dem Grund." Ich sah den Herrn das Haupt ein wenig neigen. Drauf sprach er: "Mußte doch der Teufel hier Sich wiederum in schlechtem Ratschlag zeigen." Und jener: "In Bologna merkt ichs mir, Der Teufel sei ein Lügner stets, ein dreister, Ja, aller Lügen Vater für und für." Nun ging davon mit großem Schritt mein Meister Und schien ein wenig zornig und erbost, Und ich verließ die bleibeschwerten Geister Und folgte der verehrten Spur getrost.
Vierundzwanzigster Gesang
In jenem Teil vom jugendlichen Jahre, Wo Nacht den halben Tag nur deckt, und mild Im Wassermann erglänzen Phöbus Haare, Malt oft der Reif, wenn Nebel das Gefild Am Abend deckt, bei scharfen Morgenlüften Vom Bruder Schnee ein schnellverwischtes Bild. Wenn dann der Hirt, der Futter von den Triften Gar nötig braucht, aufsteht und jeden Ort Schneeweiß erblickt, dann schlägt er sich die Hüften Und kehrt zum Haus, beklagt sich hier und dort Und weiß nicht, was zu tun vor großem Leide— Doch frische Hoffnung faßt er dann sofort. Denn schon erscheint die Welt in anderm Kleide; Schnell kommt er nun mit seinem Stab herbei Und treibt die muntern Schäflein auf die Weide. So staunt ich, daß mein Meister zornig sei, Daß ungewohnter Mißmut ihn bedrücke; So schnell auch kam zum Schmerz die Arzenei. Denn kaum gelangt zu der verfallnen Brücke, Kehrt ihm die Huld, mit der er zu mir trat Am Fuß des Bergs, aufs Angesicht zurücke. Die Arme breitet er, nachdem er Rat Mit sich gepflogen, wohl den Schutt betrachtend, Und dann erfaßt er mich mit rascher Tat. Und wie ein Mann, der wohl auf alles achtend. Im voraus scharf erwägt, was er vermag, Hob er mich auf ein Felsenstück, beachtend, Daß nahe dort ein andrer Zacken lag, Und sprach: "Anklammre dich, doch wahrgenommen Sei durch Versuch erst, obs dich tragen mag. Kein Kuttenträger war hinaufgekommen. Da wir, ich fortgeschoben, er so Ieicht, Mit Mühe nur von Block zu Blocke klommen. Auch hätt ich nimmermehr, und er vielleicht, Wenn niedrer nicht, als jenseits diesem Grunde Das Ufer war, des Dammes Höh erreicht. Doch weil sich Übelsäcken nach dem Munde Des tiefen Brunnens hin allmählich neigt, So liegts von selbst im Bau von jedem Runde, Daß hier der Damm sich senkt, dort höher steigt. Am Ende kamen wir bis zu der Spitze, Wo sich der Felsentrümmer letzte zeigt- Mir glühte Wang und Blut in solcher Hitze, Daß ich. sobald ich mich hinaufgerafft, Mich keuchend niederließ auf einem Sitze. Mein Meister sprach: "Jetzt ziemt dir frische Kraft; Denn nimmer kommt der Ruhm dem zugeflogen, Der unter Flaum auf weichem Pfühl erschlafft. Und wer durchs Leben ruhmlos hingezogen, Der läßt nur so viel Spur in dieser Welt, Wie in den Lüften Rauch, Schaum in den Wogen. Drum auf! wenn Mattigkeit dich niederhält, Wird sie der Geist, wird jeden Feind besiegen, Wenn er nicht wie der schwere Leib verfällt. Erklimmen mußt du noch weit längre Stiegen; Nicht gnügts, von hier gerettet fortzuziehn, Verstehe mich, so wirst du nie erliegen!"— Da stand ich auf; mehr, als ichs fühlte, schien Mein Odem frei, die Brust der Bürd enthoben, Auch rief ich: Fort, denn ich bin stark und kühn! Wir gingen fort—der Fels war rauh, verschoben, Von Höckern voll und schwierig zu begehn, Bei weitem steiler auch, als weiter oben. Um frisch zu scheinen, sprach ich laut im Gehn, Bis eine Stimm aus jenem Grund erschollen, Verworren, wild und schwierig zu verstehn. Nicht weiß ich, was die Stimme sagen wollen, Obwohl ich auf des Bogens Höhe stand, Doch schien, der sprach, zu zürnen und zu grollen. Ich stand, das Angesicht zum Grund gewandt, Doch drang kein Menschenblick in seine Schauer, Drum sprach ich: "Meister, komm zum nächsten Strand Und führe mich hinab von dieser Mauer. Hier hör ich zwar, doch ich verstehe nicht, Und, sehend, unterscheid ich nichts genauer." "Die Tat", sprach er mit freundlichem Gesicht, "Sei Antwort dir, weil sichs geziemt, mit Schweigen Zu tun, was der verständ gen Bitt entspricht." Wir eilten, bei der Brück hinabzusteigen, Da, wo sie auf dem achten Damme ruht, Und hier begann die Tiefe sich zu zeigen. Ich sah in Knäueln grause Schlangenbrut,— Und denk ich heut der ekeln, mannigfachen Scheusale noch, so starrt vor Graun mein Blut. Nicht mag sichs Libyen mehr zum Ruhme machen, Daß es Blindschleichen, Nattern, Ottern hegt Und Vipernbrut und giftge Wasserdrachen. Wie solche Pest nicht Äthiopien trägt, So tönt am ganzen Strand kein solch Gezische, An den die Flut des Roten Meeres schlägt. Und unter diesem greulichen Gemische Lief eine nackte, schreckensvolle Schar, Nicht hoffend, daß sie je von dort entwische. Am Rücken band die Hand ein Schlangenpaar, Das Schwanz und Haupt durch Kreuz und Nieren steckte Und vorn zu einem KnäuI verschlungen war. Da stürzt auf einen, den ich dort entdeckte, Ein Ungeheur, das ihm den Hals durchstach Und aus dem Nacken vor die Zunge streckte. Und eh man Amen sagt und Oh und Ach, Sah ich, wie er, entzündet und in Flammen, Auch schon als Staub in sich zusammenbrach. Und wie die Glieder kaum in nichts verschwammen, So fügte sich, gesammelt, alsobald Der Staub zur vorigen Gestalt zusammen. So stirbt der Phönix, fünf Jahrhundert alt, (Die großen Weisen sagens) sich bekleidend Mit neuerzeugter Jugend und Gestalt, Sich nicht von Kräutern noch von Körnern weidend, Von Weihrauchtränen und Amomen nur, In einer Hüll aus Nard und Myrrhe scheidend. Und gleich wie der, der ohne Lebensspur Zu Boden sank, vielleicht vom Krampf gebunden, Vielleicht auch, weil in ihn ein Dämon fuhr. Sich umschaut, wenn er sich emporgewunden, Und um sich schauend stöhnt, verwirrt, Von großer Todesangst, die er empfunden; So war der aufgestandne Sünder jetzt.— Oh möge keiner Gottes Rach entzünden, Der solche Streich in deinem Zorn versetzt! Gebeten, seinen Namen zu verkünden, Entgegnet er: "Ich bin seit kurzem hier, Von Tuscien hergestürzt nach diesen Schlünden. Ich lebte nicht als Mensch, ich lebt als Tier, Ich, Bastard Fucci, den man Vieh benannte. Und würdge Höhle war Pistoja mir." Ich sprach, indem ich mich zum Meister wandte: "Er weicht uns aus—doch frag ihn: weshalb kam Er hierher, da er stets von Blutdurst brannte?" Aufrichtig ward er, als er dies vernahm, Und Geist und Angesicht mir zugewendet, Begann er nun, gedrückt von trüber Scham: "Mehr schmerzt michs, daß dein Schicksal dich gesendet, Um mich in diesem Jammerstand zu schaun, Als daß ich oben meinen Lauf geendet. Doch was du fragtest, muß ich dir vertraun: Daß ich im Heiligtum zu stehlen wagte, Hat mich herabgestürzt in tiefres Graun. Drob litten manche fälschlich Angeklagte.— Daß du mich sahst, soll wenig dich erfreun, Kommst du je fort von hier, wos nimmer tagte. Drum hör, um jetzt dein Hierein zu bereun: Pistoja wird die Schwarzen erst verjagen, Und dann Florenz so Volk als Sitt erneun. Aus Nebeln, die auf Magras Tale lagen, Zieht Mars den schweren Wetterdunst heraus, Und Sturme tosen dann und Blitze schlagen Auf dem Picener Feld im wilden Strauß, Daß sich zerstreut die Nebel plötzlich senken, Und alle Weißen fliehn in Angst und Graus. Dies aber sagt ich dir, um dich zu kränken."
Fünfundzwanzigster Gesang
Er sprachs und hob die Hand empor mit Spott, Ließ beide Daumen durch die Finger ragen Und rief dann aus: "Nimms hin, dies gilt dir, Gott!" Seitdem seh ich die Schlangen mit Behagen, Weil gleich um seinen Hals sich eine wand, Als sagte sie: Du sollst nichts weiter sagen. Die zweite schlang sich um die Arm und band Sie vorn, sich selbst umwickelnd, so zusammen, Daß er nicht Raum damit zu zucken fand. Was übergibst du dich nicht selbst den Flammen, Pistoja, du, und tilgst dich in der Glut? Sind Frevler alle doch, die dir entstammen? Nie fand ich so verruchten Übermut. Selbst Kapaneus gottlästerndes Erfrechen Erhob sich nicht zu dieses Diebes Wut. Er floh von dannen, ohn ein Wort zu sprechen, Und ein Zentaur kam rennend, pfeilgeschwind, Und schrie voll Wut: "Wo find ich diesen Frechen?" Nicht glaub ich, daß so viel der Schlangen sind An Tusciens Strand, als ihm am Kreuze hingen. Bis dahin, wo des Menschen Form beginnt. Ein Drache hielt mit ausgespreizten Schwingen Sich an den Schultern fest und spie mit Macht Glut auf uns alle, die vorübergingen. Da sprach mein Meister: "Kakus ists, hab acht! Er ist es, der so oft zu blutgen Teichen Die Auen unterm Aventin gemacht. Er geht nicht einen Weg mit seinesgleichen, Weil er als Dieb den schlauen Trug vollführt, Mit jener großen Herde zu entweichen. Dafür ward ihm der Lohn, der ihm gebührt, Weil Herkuls Keul ihn traf mit hundert Schlägen, Von welchen er vielleicht nicht zehn gespürt." Enteilt war Kakus schon und uns entgegen Herkamen drei an jenem tiefen Ort, Doch könnt uns erst ihr laut Geschrei bewegen, Auf sie hinabzuschaun: "Wer seid ihr dort?" Drum blieben wir in der Erzählung stehen Und horchten hin nach dieser Schatten Wort. Von ihnen hatt ich keinen je gesehen, Da rief den andern einer dieser drei Und nannt ihn, wies durch Zufall oft geschehen. "Wo bleibst du, Cianfa?" rief er, "Komm herbei!" Drum legt ich auf die Lippen meinen Finger, Damit mein Führer horch und stille sei. Meinst du jetzt, Leser, daß ich Hinterbringer Von eiteln Fabeln sei, so staun ich nicht; Ich sahs, doch ist mein Zweifel kaum geringer. Von vornher warf sich, wie ich das Gesicht Auf sie gekehrt, schnell eine von den Schlangen Mit drei Paar Füßen her und packt ihn dicht. Der Bauch ward von dem mittlern Paar umfangen, Indes das vordre Paar die Arm umfing, Dann schlug sie ihre Zähn in beide Wangen. Wie an den Lenden drauf das Hintre hing, Schlug sie den Schwanz durch zwischen beiden Beinen Und drückt ihn hinten an als engen Ring. Kein Efeu kann dem Baum sich so vereinen, Wie dieses Ungetüm sich wunderbar An jenes Glieder schmiegte mit den seinen. Zusammen klebte plötzlich dann dies Paar, Wie warmes Wachs, die Farben so vermengend, Daß keins von beiden mehr dasselbe war, Gleichwie die Flammen, ein Papier versengend, Bevor es brennt, mit Braun es überziehn, Noch eh es Schwarz wird, schon das Weiß verdrängend. Die andern beiden, ihn betrachtend, schrien: "Weh dir, Agnel, du bist nicht zwei, nicht einer! Doch sieh, dir ist ein andres Bild verliehn!" Schon war vereint der Schlange Kopf und seiner, Aus zwei Gestalten sah man ein entstehn, Vermischt, verwirrt, doch gleich von beiden keiner. Die Arme sah man auseinandergehn; Sie wurden vier, und Bauch und Brust und Lenden, Sie wurden Glieder, wie man nie gesehn. Es schien, als ob die vorgen ganz verschwänden. Nicht zwei, nicht einer schiens, und ganz entstellt Sah ich das Bild sich langsam abwärts wenden. Gleichwie die Eidechs öfters, wenn die Welt Der Hundstern peitscht, blitzschnell von Dorn zu Dorne, Von Zaun zu Zaun quer durch die Straße schnellt, So fuhr jetzt eine Schlang in wildem Zorne Auf jene zwei nach ihren Bäuchen hin, Bläulich und schwarz, gleich einem Pfefferkorne. Und durch den Teil, der bei des Seins Beginn Uns Nahrung zuführt, bohrte sie den einen, Dann fiel sie ausgestreckt vor ihm dahin. Er sah sie starr, mit festgeschlossnen Beinen, Stillschweigend, gähnend, an, und mußte mir Wie schläfrig oder fieberhaft erscheinen. Nach ihm hin sah die Schlang und er nach ihr, Sie rauchend aus dem Maul, er aus der Wunde, Dann nahte sich der Rauch von dort und hier. Still schweige jetzt Lucan mit seiner Kunde Vom Unglück des Sabell und vom Nasid, Und horchend häng er nur an meinem Munde. Von Arethus und Kadmus schweig Ovid; Denn wenn er ihn zum Drachen umgedichtet. Und Sie zum Quell, so neid ich nicht sein Lied. Nie hat er von zwei Wesen uns berichtet, Die umgetauscht Gestalt und Stoff und Sein, Indem sie starr auf sich den Blick gerichtet. Gleich ging die Wandlung fort in jenen zwein. Zur Gabel spaltete den Schwanz die Schlange, Und der Gestochne drückte Bein an Bein. Sie klebten aneinander, und nicht lange Hatt es gewährt, als auch die Fuge schwand, Verdrängt vom völligen Zusammenhange. Der Lenden Form, die hier entwich, entstand Am Gabelschweif; die Haut schien zu erweichen; Hart ward sie dort, nach Schlangenart gespannt. Die Arme sah ich in die Schultern weichen, Der Schlange kurze Vorderfüße dann, Wie jene schwanden, weiter vorwärts reichen. Wie drauf zu jedem Gliede, das der Mann Zu bergen pflegt, die hinten sich verbanden, So fing sich seins in zwei zu teilen an. Und unterm Rauch, der beide deckt, entstanden Ganz neue Farben, sproßten Haare vor Und zeigten hier sich, wenn sie dort verschwanden. Er sank dahin, Sie raffte sich empor, Doch blieb der Kopf mit jenen starren Blicken, Durch die er selbst nun seine Form verlor. An dem, der stand, schien er sich platt zu drücken, Auch sah man von dem Fleisch, das hinter drang, Die Ohren seitwärts aus den Wangen rücken. Aus dem, was vorn zurückeblieb, entsprang Ein Lippenpaar, wie sichs gebührt, erhoben. Und eine Nase, zugespitzt und lang. An dem, der dort lag, trieb der Mund nach oben, Auch wurden nach der Schneckenhörner Brauch Die Ohren in den Kopf zurückgeschoben. Die Zung, erst ganz, zur Rede schnell, ward auch Nunmehr geteilt, und ganz ward die geteilte Im Mund des andern, und es blieb der Rauch. Der Geist, jetzt Schlange, zischte laut und eilte Durchs Tal davon—der andre spuckt ihr nach, Indem er noch, sie schmähend, dort verweilte. Dann kehrt er ihr den Rucken zu und sprach: "So schlüpfe, Buoso, nun durch diese Gründe, Statt meiner, auf dem Bauch in Qual und Schmach." So mischt im siebenten der Lasterschlünde Sich Bild und Bild, drum werde mirs verziehn, Wenn ich so Neues etwas breit verkünde. Doch ob mir gleich der Blick geblendet schien, Und kaum mein Geist vom Staunen sich ermannte, Doch bargen jene sich nicht so im Fliehn, Daß ich den Puccio nicht gar wohl erkannte, Der einzig von den drein, erst hier vereint, Sich unverwandelt jetzt von dannen wandte. Der andre wars, um den Gaville weint.
Sechsundzwanzigster Gesang
Erfreue dich, Florenz, du bist so groß, Daß du zu Land und Meer die Flügel schwingest, Und selbst dein Nam erklingt im Höllenschoß. Fünf deiner Bürger fand ich—also zwingest Du mich zur Scham—den Dieben beigefügt, Wodurch du dir nicht größern Ruhm erringest. Doch wenn, was man am Morgen träumt, nicht lügt, So wirst du großes Unglück bald empfinden, Und Prato selbst, so nah dir, siehts vergnügt. Wars jetzt, nicht würde mans zu zeitig finden, So, das nun einmal sein muß, wars jetzt doch. Denn, älter, werd ichs schwerer nur verwinden. Wir gingen fort, und übers Felsenjoch Stieg, wie hinab, hinauf die Zackenleiter Mein Führer und war meine Stütze noch. Und, folgend zwischen mancher Felsenscheiter Und manchem Block dem Pfad im öden Raum, Kam, wenn die Hand nicht half, der Fuß nicht weiter. Ich fühlte Schmerz—jetzt fühl ich mindern kaum, Wenn ich zurück an das Erblickte denke, Und schärfer fass ich da des Geistes Zaum, Damit ich nicht den Lauf vom Rechten lenke, Und, was zu meinem Wohl mein Stern bezweckt, Was höhre Huld, mir selber feind, nicht kränke. Soviel der Baur, am Hügel hingestreckt, Zur Zeit, da er, des Blick die Erde lichtet, Sein Antlitz uns am wenigsten versteckt, Wenn sich die Fliege vor der Mücke flüchtet, Johanniswürmchen sieht im Tal entlang, Wo er mit Hipp und Pflug sein Tun verrichtet; So viele Flammen sah den tiefen Gang Des achten Tals mein Auge jetzt verklären, Sobald ich dort war, wos zur Tiefe drang. Wie der, der sich gerächt durch wilde Bären, Elias Wagen sah von dannen ziehn, Als das Gespann aufstieg zu Himmelssphären, Umonst ihm mit dem Auge folgt und ihn Gestaltlos nur als ferne Flamm erkannte. Die wie ein leichtes Abendwölkchen schien. So wars, wie wandelnd hier manch Flämmchen brannte, Doch keines war, das seine Beute wies, Ob jegliches gleich einem Geist entwandte. Am Brückenrande stehend, sah ich dies Und fiel, hielt ich nicht fest an einem Blocke, Hinunter, ohne daß mich jemand stieß. Virgil, der sah, wie mich der Anblick locke, Sprach nun: "Jedwedes Feur birgt einen Geist, Und das, worin er brennt, dient ihm zum Rocke." Drauf ich: "Die Kunde, die du mir verleihst Macht mich gewiß; schon glaubt ichs zu erkennen. Und fragen wollt ich schon, wie jener heißt. Ich sah die Flamm in zwei sich oben trennen. Als sah ich in des Scheiterhaufens Glut Eteokles und seinen Bruder brennen." Und er: "Sie dämpft Ulysseus Übermut Und Diomeds. Sie laufen hier zusammen In ihrer Qual, wie einst in ihrer Wut. Ums Trugroß klagen sie in diesen Flammen, Und um das Tor, das Ausgang jenen bot, Der Heldenschar, von der die Römer stammen. Die List beweinen sie, durch die, schon tot, Noch Deidamia den Achill beklagte, Auch das Palladium rächt nun ihre Not." "Vermögen sie noch hier zu sprechen," sagte Ich drauf zum Meister, "o, dann bitt ich dich Vieltausendmal, da ich sie gern befragte, Laß mich, bis die geteilte Flamme sich Zu uns hierherbewegt, ein wenig weilen. Sieh, hin zu ihr zieht die Begierde mich." "Der Bitte", sprach er, "muß ich Lob erteilen, Wie sie verdient; sie sei darum gewährt, Doch laß die Sprechlust nicht dich übereilen. Laß mir das Wort; ich weiß, was du begehrt. Spröd blieben sie gewiß bei deinem Worte, Denn Griechen sind sie, stolz auf ihren Wert. Als nun die Flamme nah war unserm Orte, Da hört ich diese Red, als Ort und Zeit Er für geeignet hielt, von meinem Horte: "Ihr, die ihr zwei in einer Flamme seid, Wenn ich euch jemals Grund gab, mich zu lieben, Da ich dem Ruhm der Helden mich geweiht, Und in der Welt das hohe Lied geschrieben, So weilt bei mir und sag Ulyß mir an, Wo auf der Irrfahrt sein Gebein geblieben." Der alten Flamme größres Horn begann Zu flackern erst und murmelnd sich zu regen. Als wäre sie vom Wind gefaßt, und dann Rasch hin und her die Spitze zu bewegen, Gleich einer Zung, und deutlich tönt und klar Dann aus der Flamm uns dieses Wort entgegen: "Als ich von Circen schied, die mich ein Jahr Und länger bei Gaëta festgehalten, Ehs so benannt noch von Äneas war, Da ließ ich nicht das Mitleid für den alten Gebeugten Vater, nicht die Gattenpflicht, Noch Vaterzärtlichkeit im Herzen walten. Sie tilgten all in mir das Sehnen nicht, Die Welt zu sehn und alles zu erkunden, Was sie besitzt, wie das, was ihr gebricht. Drum warf ich mich, kaum meiner Haft entbunden, In einem einzgen Schiff ins offne Meer, Samt einem Häuflein, das ich treu erfunden. Nach Spanien führt und Libyen hin und her Ich meine wackre Schar, als kühner Leiter, Und jedem Eiland jenes Meers umher. Alt war ich schon und schwach, auch die Begleiter, Da war mein Schiff am engen Schlunde dort, Wo Herkuls Säulenpaar gebeut: Nicht weiter! Als hinter uns nun rechts Sevillas Bord Und links in Libyen Septas Zinnen waren, Sprach ich zu den Gefährten dieses Wort: Brüder, die durch Tausend von Gefahren Ihr hier im Abend kühn euch eingestellt, Verwendet jetzt, um Neues zu erfahren, Weil Seele noch und Leib zusammenhält, Den kurzen Rest von eurem Erdenleben; Der Sonne nach zur unbewohnten Welt! Bedenkt, wozu dies Dasein euch gegeben; Nicht um dem Viehe gleich zu brüten, nein, Um Wissenschaft und Jugend zu erstreben. Den Meinen schien dies Wort ein Sporn zu sein, Kaum hielt ich sie, hätt ich gewollt, im Zügel, Und rastlos gings ins weite Meer hinein. Erst morgenwärts gewandt des Schiffes Spiegel Ging unser toller Flug dann linker Hand, Und seiner Eil verliehn die Ruder Flügel. Schon alle Sterne jenes Poles fand Der Blick der Nacht, und die des unsern klommen Kaum übers Meer noch an des Himmels Rand. Schon fünfmal war entzündet und verglommen Des Mondes Licht, seit wir, dem Glück vertraut, Durch den verhängnisvollen Paß geschwommen, Als uns ein Berg erschien, von Dunst umgraut Vor weiter Fern, und schien so hoch zu ragen, Wie ich noch keinen auf der Erd erschaut. Erst jubeln ließ er uns, dann bang verzagen, Denn einen Wirbelwind fühlt ich entstehn Vom neuen Land und unsern Vorbord schlagen. Er macht uns dreimal mit den Fluten drehn, Dann, als der hintre Teil emporgeschossen, Nach höhrem Spruch, den vordern untergehn, Bis über uns die Wogen sich verschlossen."
Siebenundzwanzigster Gesang
Schon aufrecht stand und still der Flamme Haupt, Und sie entfernte sich in tiefem Schweigen, Nachdem der süße Dichter ihrs erlaubt. Wir sahn nach ihr sich eine zweite zeigen, Und ein verwirrt Gestöhn, das ihr entquoll, Macht unsern Blick zu ihrer Spitze steigen. Gleich wie Siziliens Stier, der jammervoll Zuerst von seines Bildners Schrein erbrüllte, —Und so wars recht—von dessen Klag erscholl, Den er im innern hohlen Raum verhüllte, Und, ganz von Erz, in seinem Angstgestöhn Erschien, als ob ihn selbst der Schmerz erfüllte; So schien das Klagewort, das in den Höhn Und an den Seiten nirgend durchgedrungen, Erst gleich des Feuers knisterndem Getön. Doch als es sich zur Spitz emporgerungen, Die, wie die Zunge hin und wieder fährt, Sich bei dem Durchgang hin und her geschwungen. Da sprachs: O du, an den mein Wort sich kehrt, Der du, wie ich vernahm, mit welschem Klange Gesprochen: Geh, nicht weiter sei beschwert! Obwohl ich etwas spät hierhergelange, Doch weil und gib auf meine Fragen acht, Denn sieh, ich weile trotz der Gluten Drange. Bist du zur Reif in diesen dunklen Schacht Erst jetzt vom süßen Latierland geschieden, Von dem ich alle Schuld hierhergebracht, So sprich:Hat Krieg Romagna oder Frieden? Denn da das schöne Land auch mich erzeugt, So kümmert mich sein Schicksal noch hienieden." Ich stand aufmerksam niederwärts gebeugt, Da stieß Virgil mich leis und sagte: "Rede, Ein Latier ist er, wie sein Wort bezeugt." Worauf ich schon bereit zur Gegenrede, Ihn also sonder Zögerung beschied: "O Seele, hier verborgen, sonder Fehde War nimmer deines Vaterlands Gebiet, Weil stets im Kampf der Zwingherrn Herzen wüten; Doch offenbar war keine, da ich schied. Ravenna ist, wies war; dort pflegt zu brüten, So wie seit Jahren schon, Polentas Aar, Des Flügel unter sich auch Cervia hüten Die Stadt, die fest in langer Probe war, Wo rote Ströme Frankenblutes wallten, Liegt unterm grünen Leun nun ganz und gar. Verruchios alt und neuer Hund, sie walten Schlimm, wie sie den Montagna einst belohnt, Da, wo sie eingeholt die Zähne halten. Das, was am Lamon und Santerno wohnt, Läßt sich vom Leun im weißen Neste leiten, Der die Partei vertauscht mit jedem Mond. Sie, welchen Savios Flut benetzt die Seiten, Lebt zwischen Sklaverei und freiem Stand, Wie zwischen dem Gebirg und ebnen Weiten. Jetzt, bitt ich, mach uns, wer du bist, bekannt; Wie der Vergessenheit dein Nam enttauche, So sei nicht härter, als ich andre fand." Da grunzt und braust es in der Flamme Bauche, Wie Feuer braust; sie regte hin und her Das spitze Haupt und gab dann diese Hauche: "Sprach ich zu einem, dessen Wiederkehr Nach jener Welt ich jemals möglich glaubte, So regte nie sich diese Flamme mehr. Doch da dies keinem je die Höll erlaubte, So sag ich ohne Furcht vor Schand und Schmach, Was mich hierher stieß und des Heils beraubte. Ich war erst Kriegsmann und Mönch hernach, Um mich vom Fall durch Buß emporzurichten; Gewiß geschah auch, was ich mir versprach. Allein der Erzpfaff—mög ihn Gott vernichten— Er hat mich neu den Sündern beigesellt, Wie und warum? das will ich jetzt berichten. Als ich noch oben lebt in eurer Welt, Da ward ich nimmer mit dem Leun verglichen, Doch öfters wohl dem Fuchse gleichgestellt. In allen Ränken und geheimen Schlichen War ich geschickt, in ihrer Übung schlau Und drum berühmt in allen Himmelsstrichen. Doch als die Zeit kam, da des Haares Grau Uns dringend mahnt, das hohe Meer zu scheuen Und einzuziehn das Segel und das Tau, Da mußt ich, was mir erst gefiel, bereuen, Ward Mönch und tat nun Buß am heilgen Ort, Ach, und noch könnt ich mich des Heils erfreuen. Der neuen Pharisäer Herr und Hort (Im Krieg, mit Juden nicht und Türkenscharen, Vielmehr am Lateran und nahe dort, Weil alle seine Feinde Christen waren, Die nicht bei Acri mit gesiegt und nicht Des Sultans Land als Schacherer befahren), Nicht achtet er an sich die höchste Pflicht Und nicht den Strick, der meinen Leib umfangen, Der jeden mager macht, den er umflicht. Wie Konstantin Silvestern angegangen, Ihm Hilf und Rat beim Aussatz zu verleihn; So sollt ich jetzt als Arzt auf sein Verlangen Vom Fieber seines Hochmuts ihn befrein. Doch schweigen mußt ich und mich selber schämen, Denn eines Trunknen schien sein Wort zu sein. Du darfst nicht sorgen, sprach er, noch dich grämen; Ablaß erteil ich dir, mich lehre du: Wie fang ichs an, Preneste wegzunehmen. Du weißt, den Himmel schließ ich auf und zu, Denn beide Schlüssel sind mir übergeben, Die Cölestin vertauscht um träge Ruh. Nicht war so triftgem Grund zu widerstreben, Und da hier schweigen mir das Schlimmste schien, So sprach ich endlich: Vater, da du eben Die Sünde, die ich tun soll, mir verziehn, So wisse: Viel versprechen, wenig halten, Dadurch wird deinem Stuhl der Sieg verliehn— Franz wollte, wie ich starb, sein Amt verwalten, Mich heimzuführen, doch ein Teufel kam Und sprach: Halt ein, denn den muß ich erhalten. Er kommt mit mir hinab zu ewgem Gram, Weil ich, seitdem er jenen Trug geraten, Ihn bei dem Haar als meine Beute nahm. Wer Ablaß will, bereu erst seine Taten. Doch wer bereut und Böses will, der muß Wohl mit sich selbst in Widerspruch geraten. Ach! wie ich zuckt in Schrecken und Verdruß, Als er mich faßt und, mich von dannen reißend, Sprach: Meintest du, ich sei kein Logikus? Zu Minos trug er mich, der, sich umkreisend Den harten Rücken, bei dem achten Mal Ausrief, sich in den Schweif vor Ingrimm beißend: Der wird der Flamme Raub im achten Tal! Und also ward ich von dem Schlund verschlungen Und geh im Feuerkleid zu ewger Qual." Hier endet er, und als das Wort verklungen, Da ging sogleich die Flamme jammernd fort, Das Horn gedreht und hin und her geschwungen. Und weiter ging ich nun mit meinem Hort Zur nächsten Brück auf rauhen Felsenpfaden Und sah im Grund, den Lohn empfangend, dort Die, Zwiespalt stiftend, sich mit Schuld beladen.
Achtundzwanzigster Gesang
Wer könnte je, auch mit dem freisten Wort, Das Blut, das ich hier sah, die Wunden sagen, Erzählt er auch die Kunde fort und fort. Jedwede Zunge muß den Dienst versagen, Da Sprach und Geist zu eng und schwach erscheint, So Schreckliches zu fassen und zu tragen. Und wäre das gesamte Volk vereint, Das Puglien, das verhängnisvolle, hegte, Dies Land, das einst die blutge Schar beweint, Die Rom und jener lange Krieg erlegte, Wo man so große Beut an Ringen fand, Wie Livius schrieb, der nicht zu irren pflegte, Vereint mit dem, das harte Schläg empfand, Weils gegen Robert Guiscard ausgezogen; Mit dem, des Knochen modern, dort im Land Bei Ceperan, wo Pugliens Schar gelogen; Mit dem von Tagliacozzo, wo Alard, Der Greis, durch List die Waffen aufgewogen; Und zeigte, wie es dort verstümmelt ward, Sich jedes Glied, nicht war es zu vergleichen Mit dieses neunten Schlundes Weis und Art. Ein Faß, von welchem Reif und Dauben weichen, Ist nicht durchlöchert, wie hier einer ging, Zerfetzt vom Kinn bis zu Gefäß und Weichen, Dem aus dem Bauch in manchem ekeln Ring Gedärm und Eingeweid, wo sich die Speise In Kot verwandelt, samt dem Magen hing. Ich schaut ihn an und er mich gleicherweise, Dann riß er mit der Hand die Brust sich auf Und sprach zu mir: "Sieh, wie ich mich zerreiße! Sieh hier das Ziel von Mahoms Lebenslauf! Vor mir geht Ali, das Gesicht gespalten Vom Kinn bis zu dem Scheitelhaar hinauf. Sieh alle, die, da sie auf Erden wallten, Dort Ärgernis und Trennung ausgesät, Zerfetzt hier unten ihren Lohn erhalten. Ein wilder Teufel, der dort hinten steht, Er ists, der jeglichen zerfetzt und schändet, Mit scharfem Schwert, der dort vorübergeht, Wenn wir den schmerzensvollen Kreis vollendet; Weil jede Wunde heilt, wie weit sie klafft, Eh unser Lauf zu ihm zurück sich wendet. Doch wer bist du, der dort herniedergafft? Weilst du noch zögernd über diesen Schlünden, In welche Klag und Urteilsspruch dich schafft?" "Er ist nicht tot, noch hergeführt von Sünden," So sprach mein Meister drauf, zu Mahoms Pein, "Doch soll er, was die Höll umfaßt, ergründen, Und ich, der tot bin, soll sein Führer sein. Drum führ ich ihn hinab von Rund zu Runde, Und Glauben könnt ihr meinem Wort verleihn." Jetzt blieben hundert wohl im tiefen Grunde, Nach mir hinblickend, still verwundert stehn, Vergessend ihre Qual bei dieser Kunde. "Du wirst vielleicht die Sonn in kurzem sehn, Dann sage dem Dolcin, er soll mit Speisen, Eh ihn der Schnee belagert, sich versehn, Wenn er nicht Lust hat, bald mir nachzureisen. Allein vollbringt er, was ich riet, so muß Novaras Heer ihn lang umsonst umkreisen." Zum Weitergehn erhoben einen Fuß, Rief dieses Wort mir zu des Mahom Seele, Und setzt ihn hin und ging dann voll Verdruß. Dann sah ich einen mit durchbohrter "Kehle, Die Nase bis zum Auge hin zerhaun, Und wohl bemerkt ich, daß ein Ohr ihm fehle. Und staunend sah auf mich dies Bild voll Graun Und öffnete zuerst des Schlundes Röhre, Von außen rot und blutig anzuschaun. "Du, nicht verdammt für Sünden, wie ich höre, Den ich bereits im Latierlande sah, Wenn ich durch Ähnlichkeit mich nicht betöre, "Kommst du den schönen Ebnen wieder nah, Die von Vercell nach Marcabo sich neigen, So denk an Pier von Medicina da. Du magst den Besten Panos nicht verschweigen, Dem Guid und Angiolell, daß, wenn nicht irrt Mein Geist, dem sich der Zukunft Bilder zeigen, Nah bei Cattolica, schlau angekirrt, Vom schändlichsten der Wüteriche verraten, Das edle Paar ersäuft im Meere wird. Noch nimmer hat Neptun so schnöde Taten Von Zypern bis Majorka hin geschaut, Von Griechenscharen nicht, noch von Piraten. Der Bub, auf einem Aug von Nacht umgraut, Jetzt Herr des Lands, von welchem mein Geselle Hier neben wünscht, er hätt es nie erschaut, Ruft sie als Freund und tut an jener Stelle So, daß sie nicht Gelübd tun, noch sich scheun, Wie wild der Wind auch von Focara schwelle." Drauf ich: "Soll dein Gedächtnis sich erneun, So magst du dich zu sagen nicht entbrechen, Wer muß den Anblick jenes Lands bereun?" Da griff er, um den Mund ihm aufzubrechen, Nach eines andern Kiefer hin und schrie: "Sieh her, der ists, allein er kann nicht sprechen, Er, der verbannt, einst Cäsarn Mut verlieh, Und alle seine Zweifel scheucht, ihm sagend: "Dem Kampfbereiten fromme Zögern nie." O wie jetzt Curio ganz verblüfft und zagend, Die Zunge tief am Schlund verschnitten, stand, Die Zung, einst kühn und eilig alles wagend— Und abgeschnitten die und jene Hand, Stand einer, in die Nacht die Stümpf erhoben, Das Antlitz blutbespritzt mir zugewandt, Und rief: "Denkt man des Mosca noch dort oben? Ich bins, der meine Hand zum Morde bot, Ob des jetzt Tuscien die Partein durchtoben." "Der Grund auch war zu deines Stammes Tod!" Setzt ich hinzu—und, häufend Graun auf Grauen, Zog er davon in höchster Angst und Not. Ich aber blieb, die andern anzuschauen, Und was ich sah, so furchtbar und so neu, Nicht wagt ichs unverbürgt euch zu vertrauen, Fühlt ich nicht mein Gewissen rein und treu, Dies gute feste Schild, den sichern Leiter, Und so mein Herz befreit von Furcht und Scheu. Ich sah—noch ist dies Schreckbild mein Begleiter— Ein Rumpf ging ohne Haupt mit jener Schar Von Unglückselgen in der Tiefe weiter. Er hielt das abgedchnittne Haupt beim Haar Und ließ es von der Hand als Leuchte hangen Und seufzte tief, wie er uns nahe war. So kam er eins in zwein dahergegangen Und leuchtet als Laterne sich mit sich— Wies möglich, weiß nur der, ders so verhangen. Nachdem er bis zum Fuß der Brücke schlich, Hob er, um näher mir ein Wort zu sagen, Den Arm zusamt dem Haupte gegen mich, Und sprach: "Hier sieh die schrecklichste der Plagen! Du, der du atmend in der Höll erscheinst, Sprich: Ist wohl eine schwerer zu ertragen? Jetzt horch, wenn du von mir zu künden meinst; Beltram von Bornio bin ich, und Johannen, Dem König, gab ich bösen Ratschlag einst, Darob dann Sohn und Vater Krieg begannen, Wie zwischen David einst und Absalon, Durch Ahitophel Fehden sich entspannen. Mein Hirn nun muß ich zum gerechten Lohn Getrennt von seinem Quell im Rumpfe sehen, Weil ich getrennt den Vater und den Sohn, Und so, wie ich getan, ist mir geschehen."
Neunundzwanzigster Gesang
Das viele Volk und die verschiednen Wunden, Sie hatten so die Augen mir berauscht, Daß sie vom Schaun mir ganz voll Zähren stunden. Da sprach Virgil: "Was willst du noch? Was lauscht Und starrt dein Auge so nach diesen Gründen, Wos Greuelbild um Greuelbild vertauscht? Nicht also tatst du in den andern Schlünden. An zweiundzwanzig Miglien kreist dies Tal, Drum kannst du hier nicht jegliches ergründen. Schon unter unserm Fuß glänzt Lunens Strahl, Und wenig dürfen wir uns nur verweilen, Denn noch zu sehn ist viel und große Qual." Ich sprach: "Erlaubtest du, dir mitzuteilen, Welch einen Grund ich hatt, hinabzuspähn, So würdest du wohl minder mich beeilen." Er ging und ich ihm nach und gab im Gehn Dem Meister von dem Grund des Forschens Kunde Und sprach: "Wohl hab ich scharf hinabgesehn, Denn eine Seele wohnt in diesem Schlunde Von meinem Stamm, und sicher ist an ihr Bestraft die Schuld durch manche schwere Wunde." Mein Meister sprach darauf: "Nicht mache dir Noch länger Sorg um diesen Anverwandten; An andres denk, er aber bleibe hier. Ich sah ihn bei der Brücke den Bekannten Dich zeigen und dir mit dem Finger drohn Und hörte, wie sie ihn del Bello nannten. Doch du bemerktest eben nichts davon, Weil auf dem Beltram deine Blicke weilten. Als dieser ging, war jener schon entflohn." "Weil Rach und Schwert des Feindes ihn ereilten", Sprach ich, "und keiner seinen Tod gerächt, Von allen denen, so die Kränkung teilten, Zürnt er auf mich und zürnt auf sein Geschlecht Und ging drum, ohne mich zu sprechen, weiter, Und darin, glaub ich, hat der Arme recht." Nun folgt ich hin zum Felsen meinem Leiter, Von wo man überblickt den nächsten Schlund, Wär irgend nur von Licht die Tiefe heiter. Von seiner Höh ward unserm Auge kund Der letzte Klosterbann von Übelsäcken, Und viel Bekehrte waren tief im Grund. Und gleich den Pfeilen drangen, mir zum Schrecken, Gespitzt durch Mitleid, Jammertön heraus Und zwangen mich, die Ohren zu bedecken. Wär aller Schmerz aus jedem Krankenhaus Zur Zeit, da wild die Sommergluten flammen, Und Valdichianas und Sardiniens Graus Und Seuch und Pest in einem Schlund beisammen, Nicht ärger wärs als hier, wo fauler Duft Und Stank vom Eiter in den Lüften schwammen. Wir stiegen auf den Rand der letzten Kluft Vom langen Felsen niederwärts zur Linken, Und deutlicher erschien der Schoß der Gruft. In diesem Grund läßt nach des Höchsten Winken Die nimmer irrende Gerechtigkeit Zur wohlverdienten Quäl die Fälscher sinken. Nicht in Ägina ist vor alter Zeit Des Volkes Anblick trauriger gewesen, Das krank darniedersank, dem Tod geweiht, Ja bis zum kleinsten Wurm jedwedes Wesen, Durch tückisch böse Luft, worauf im Land, Wie wir für sicher in den Dichtern lesen, Ein neues Volk aus Ämsenbrut entstand; Als hier zu sehn war, wie sich schwach und siechend Das Geistervolk in manchem Haufen wand. Die einen auf der andern Rücken liegend, Die auf dem Bauch, und die von einem Ort Zum andern hin auf allen vieren kriechend. Wir gingen Schritt um Schritt und schweigend fort, Sahn Kranke dort, unfähig aufzustehen Und horchten auf ihr kläglich Jammerwort. Sich gegenseitig stützend, saßen zween, Wie in der Küche Pfann an Pfanne lehnt, Mit Grind gefleckt vom Kopf bis zu den Zehen. Gleich wie ein Stallknecht, der nach Schlaf sich sehnt Und bald sein Tagwerk hofft vollbracht zu haben, Die Striegel eiligst führt und öfters gähnt; So sah ich sie sich mit den Nägeln schaben Und hier und dort sich kratzen und geschwind, So gut es ging, ihr wütend Jucken laben. Und schnell war unter ihren Klaun der Grind Wie Schuppen von den Barschen abgegangen, Die unterm Messer schneller Köche sind. "Du, vor des Fingern Schien und Masche sprangen," Begann Virgil zu einem von den zwein, "Und der du sie auch oft gebrauchst wie Zangen, Sprich: Fanden sich auch hier Lateiner ein Und mögen dich zu kratzen und zu krauen, Dafür dir ewig scharf die Nägel sein." "Lateiner kannst du in uns beiden schauen," Erwidert einer drauf, von Qual durchbebt, "Doch wer du bist, magst du mir erst vertrauen." Mein Führer sprach: "Von Fels zu Felsen strebt Mein Fuß hinab in diesen Finsternissen; Die Höll zeig ich diesem, der da lebt." Da schien das Band, das beide hielt, zerrissen, Und jeder, dems der Rückhall kundgetan, War zitternd nur mich anzuschaun beflissen. Dicht drängte sich an mich mein Meister an Und sprach: "Du magst sie nach Belieben fragen!" Und ich, da er es so gewollt, begann: "Soll dein Gedächtnis noch in späten Tagen Auf unsrer Welt und in der Menschen Geist Erhalten sein, so magst du jetzo sagen, Wie du dich nennst und deine Heimat heißt? Und, trotz der ekeln Qual, nimm dich zusammen, Daß du in deinen Reden offen seist." "Mich zeugt Arezzo, und den Tod in Flammen Verschafft einst Albero von Siena mir, Doch andrer Grund hieß Minos mich verdammen. Wahr ists, ich sagt im Scherz: ins Luftrevier Verstünd ich mich im Fluge hinzuschwingen. Er, klein an Witz und groß an Neubegier, Bat mich, ihm diese Kenntnis beizubringen, Und nur weil er durch mich kein Dädal ward, Befahl sein Vater dann, mich umzubringen. Doch Minos, dem sich alles offenbart, Hat, weil ich mich der Alchimie ergeben, Im letzten Schlund der zehen mich verwahrt." Zum Dichter sagt ich: "Sprich, ob man im Leben So eitles Volk wie die Sanesen fand? Selbst die Franzosen sind ja nichts daneben." Der andre Grindge, welcher mich verstand, Rief: "Mag nur Stricca ausgenommen bleiben, Der all sein Gut so klüglich angewandt; Und Nikel, dem die Ehre zuzuschreiben, Daß er zuerst die Braten wohl gewürzt, Dort, wo dergleichen Saaten wohl bekleiben; Und jener Klub, der wohl die Zeit gekürzt, In dem Caccia dAscian samt seinem Witze, Auch Wald und Weinberg durch den Schlund gestürzt. Doch willst du wissen, wer dir half, so spitze Den Blick auf mich und stelle dich dahin, Gerade gegenüber meinem Sitze; Dann wirst du sehn, daß ich Capocchio bin. Metall verfälscht ich, daß ich Gold erschaffe, Und, sah ich recht, so ist dirs noch im Sinn, Ich war von der Natur ein guter Affe".
Dreißigster Gesang
Zur Zeit, da Junos Herz in Zorn geraten Ob Semeles, in Zorn auf Thebens Blut, Wie sie so manches Mal gezeigt durch Taten, Ergriff den Athamas so tolle Wut, Daß er, als auf sein Weib der Blick gefallen, Das jeden Arm mit einem Sohn belud, Den wilden Ruf des Wahnsinns ließ erschallen: "Die Löwin samt den Jungen sei gefaßt!" Dann streckt er aus die mitleidlosen Krallen; Und wie er einen, den Learch, mit Hast Gepackt, geschwenkt und am Gestein zerschlagen, Ertränkte sie sich mit der zweiten Last. Und als das Glück, das alles kühn zu wagen, Die stolzen Troer trieb, sein Rad gewandt, So daß zusammen Reich und Fürst erlagen, Und Hekuba, gefangen und verbannt, Geopfert die Polyxena erblickte, Und sie ihr Mißgeschick an Thraziens Strand Zum Leichnam ihres Polydorus schickte, Da bellte sie, wahnsinnig, wie ein Hund, Weil Schmerz den Geist verkehrt und ganz bestrickte. Doch nichts in Theben ward noch Troja kund Von einer Wut, die Vieh und Menschen packte, Wie ich hier sah in diesem zehnten Schlund. Ein Paar von Geistern, totenfahle, nackte, Brach vor, so wie aus seinem Stall das Schwein, Indems auf alles mit den Hauern hackte. Der schlug sie in den Hals Capocchios ein Und schleppt ihn fort, und nicht gar sanft gerieben Ward ihm dabei der Bauch am harten Stein. Der Aretiner, der voll Angst geblieben, Sprach: "Schicchi ists, der tolle Poltergeist, Der solch ein wütend Spiel schon oft getrieben." "Wie du geschützt vor jenes Hauern seist," Entgegnet ich, "so sprich, eh er entronnen, Wer dieser Schatten ist und wie er heißt." "Die Myrrha ists, die schnöden Trug ersonnen," Erwidert er, "die mehr als sich gebührt Vor alter Zeit den Vater liebgewonnen, Und die mit ihm das Werk der Lust vollführt, Weil sie die fremde Form sich angedichtet; Wie jener, der Capocchio dort entführt, Weil Simon ihn durchs beste Roß verpflichtet, Als falscher Buoso sich ins Bett gelegt Und so für ihn ein Testament errichtet." Als nun die Tollen sich vorbeibewegt, Ließ ich mein Auge durch die Tiefe streichen Und sah, was sonst der Schlund an Sündern hegt. Der eine war der Laute zu vergleichen, Hätt ihm ein Schnitt die Gabel weggeschafft, Die jeder Mensch hat abwärts von den Weichen. Die Wassersucht, durch schlechtverkochten Saft Ein Glied abmagernd und das andre blähend, Die hart den Bauch macht, das Gesicht erschlafft, Hielt ihm die beiden Lippen offen stehend, Die nach dem Kinn, und die emporgekehrt, Und dem Schwindsüchtgen gleich, vor Durst vergehend. "Ihr, die ihr schmerzlos geht und unversehrt, Wie? weiß ich nicht, in diesen Schmerzenstalen," Er sprachs, "o schaut und merkt und seid belehrt Von Meister Adams schreckenvollen Qualen. Kein Tröpflein, ach, stillt hier des Durstes Glühn; Dort konnt ich, was ich nur gewünscht, bezahlen. Die muntern Bächlein, die vom Hügelgrün Des Casentin zum Arno niederrollen Und frisch und lind des Bettes Rand besprühn, Ach, daß sie mir sich ewig zeigen sollen, Und nicht umsonst—mehr, als die Wassersucht, Entflammt dies Bild den Durst des Jammervollen. Denn die Gerechtigkeit, die mich verflucht, Treibt durch den Ort, wo ich in Schuld verfallen, Zu größrer Eile meiner Seufzer Flucht. Dort liegt Romena, wo ich mit Metallen Geringern Werts verfälscht das gute Geld, Weshalb ich dort der Flamm anheimgefallen. Doch wäre Guido nur mir beigesellt, Und jeder, der zum Laster mich verführte, Ich gäbe drum den schönsten Quell der Welt. Zwar, wenn der Tolle Wahrheit sagt, so spürte Er jüngst den einen auf in dieser Nacht. Doch da dies übel meine Glieder schnürte, Was hilft es mir? Hätt ich nur so viel Macht, Um zollweis im Jahrhundert vorzuschreiten, Ich hätte schon mich auf den Weg gemacht, Ihn suchend durch dies Tal nach allen Seiten, Mags in der Rund auch sich elf Miglien ziehn, Und minder nicht als eine halbe breiten. Bei diesen Krüppeln hier bin ich durch ihn, Denn er hat mich verführt, daß ich den Gulden An schlechterm Zusatz drei Karat verliehn." Und ich: "Was mochten jene zwei verschulden, Die, dampfend, wie im Frost die nasse Hand, Fest an dir liegend, ihre Straf erdulden?" Er sprach: "Sie liegen fest, wie ich sie fand, Als ich hierhergeschneit nach Minos Winken, Und werden ewiglich nicht umgewandt. Die ist das Weib des Potiphar; zur Linken Liegt Sinon mir, berühmt durch Trojas Roß. Im faulen Fieber liegen sie und stinken." Und dieser Letzte, dens vielleicht verdroß, Daß Meister Adams Wort ihn so verhöhnte, Gab auf den harten Wanst ihm einen Stoß, Daß dieser gleich der besten Trommel tönte. Doch in das Angesicht des andern warf Herr Adam die gleich harte Faust und stöhnte: "Ob ich mich gleich nicht fortbewegen darf, Doch ist mein Arm noch, wie du eben spürtest, Noch frei und flink zu solcherlei Bedarf." "Als du zum Feuer gingst," rief Sinon, "rührtest Du nicht den Arm schnell, wie er eben war, Doch schneller, da du einst den Stempel führtest." Der Wassersüchtge: "Darin sprichst du wahr, Doch stelltest du in Troja kein Exempel Von einem so wahrhaftgen Zeugnis dar." "Fälscht ich das Wort, so fälschtest du den Stempel. Hier bin ich doch für einen Fehler nur, Du aber dientest stets in Satans Tempel." So Sinon. "Denk ans Roß, du Schelm!" so fuhr Ihn jener an mit dem geschwollnen Bauche, "Qual sei dir, daß es alle Welt erfuhr." "Qual sei dir", rief der Grieche drauf, "die Jauche, Und blähe stets zum Bollwerk deinen Wanst, Der Durst, der deine Zung in Flammen tauche." Der Münzer: "Der du stets auf Lügen sannst, Dein Maul zerreiße dir für solch Erfrechen! Wenn du mich dürstend. schwellend sehen kannst, So möge Durst dich quälen, Kopfweh stechen. Sprach einer kurz: Sauf aus den ganzen Bach! Du würdest dessen wohl dich nicht entbrechen." Ich horchte stumm, was der und jener sprach, Da rief Virgil: "Nun, wirst du endlich kommen? Zu lange sah ich schon der Neugier nach." Als ich des Meisters Wort voll Zorn vernommen, Wandt ich voll Scham zu ihm das Angesicht Und fühle jetzt noch mich von Scham entglommen. Wie man im schreckenvollen Traumgesicht Zu wünschen pflegt, daß man nur träumen möge, Und das, was ist, ersehnt, als wär es nicht; So bangt ich, daß mir Scham das Wort entzöge; Entschuldgen wollt ich mich—Entschuldgung kam, Indem ich glaubte, daß ichs nicht vermöge. Da sprach mein guter Meister: "Mindre Scham Wäscht größern Fehler ab, als du begangen, Darum entlaste dich von jedem Gram; Doch wenn wir je zu solchem Streit gelangen, So denke stets, daß ich dir nahe bin, Und bleibe nicht daran voll Neugier hangen; Denn drauf zu horchen, zeigt gemeinen Sinn."
Einunddreißigster Gesang
Dieselbe Zunge, die mich erst verletzte Und beide Wangen überzog mit Rot, Wars, die mich dann mit Arzeneien letzte. So, hör ich, hat der Speer Achills gedroht, Und seines Vaters, der mit einem Zücken Verletzt und mit dem andern Hilfe bot. Wir kehrten nun dem Jammertal den Rücken, Den Damm durchschneidend, der es rings umlag, Um, schweigend, mehr nach innen vorzurücken. Dort wars nicht völlig Nacht, nicht völlig Tag, Daher die Blicke wenig vorwärts gingen; Doch tönt ein Horn—der stärkste Donner mag Bei solchem Ton kaum hörbar noch erklingen— Drum sucht ich nur, entgegen dem Gebraus, Mit meinem Blick zu seinem Quell zu dringen. Nicht tönte nach dem unglückselgen Strauß, Der Karls des Großen heilgen Plan vernichtet, Des Grafen Roland Horn mit solchem Graus. Wie ich mein Auge nun dorthin gerichtet, Glaubt ich, viel hohe Türme zu ersehn, Und sprach: "Ist eine Feste dort errichtet?" Mein Meister drauf: "Weil du zu weit zu spähn Versuchst in diesen nachterfüllten Räumen, Mußt du dich selber öfters hintergehn. Dort siehst du, daß, wie oft, zu eitlen Träumen Aus der Entfernung das Geschaute schwoll, Drum schreite vorwärts, ohne lang zu säumen." Dann faßt er bei der Hand mich liebevoll Und sprach: "Ich will dir die Bewandtnis sagen, Weils nah dann minder seltsam scheinen soll. Obs Türme wären, wolltest du mich fragen? Nein, Riesen sinds, die rings am Brunnenrand Vom Nabel aufwärts in die Lüfte ragen." Wie wenn der Nebel fortzieht, der das Land In Dunst gehüllt, allmählich unsre Blicke Das klar erkennen, was er erst umwand; So, bohrend durch die Luft, die trübe, dicke, Und mehr und mehr genaht dem tiefen Schlund, Scheucht ich den Wahn, doch kam die Furcht zurücke Wie um Montereggiones Zinnenrund Rings eine Krone hohe Türme machen, So türmten sich, mit halbem Leib im Grund, Mit halbem Leib rings um des Brunnens Rachen Giganten, Kämpfer jenes großen Streits, Sie, welchen nach die Donner Jovis krachen. Von einem sah ich das Gesicht bereits Und Schultern, Brust und großen Teil vom Bauche, Herabgestreckt die Arme beiderseits. Wenn die Natur nicht mehr nach altem Brauche Dergleichen Wesen schafft, so tut sie recht, Damit nicht Mars sie mehr als Schergen brauche. Schafft sie den Walfisch auch und das Geschlecht Der Elefanten noch, doch sicher findet, Wer reiflich urteilt, sie hierin gerecht, Weil, wenn die Überlegung sich verbindet Mit bösem Willen und mit großer Macht, Jedwede Schutzwehr dann dem Volke schwindet. Das Antlitz schien mir lang und ungeschlacht, Dem Turmknopf von Sankt Peter zu vergleichen, Und jedes Glied nach solchem Maß gemacht. Es mochten wohl vom Strand, der von den Weichen Ihn abwärts barg, der oberen Gestalt Drei Friesen ausgestreckt nicht dahin reichen, Wo seine Stirn das borstge Haar umwallt, Denn aufwärts maß er dreißig große Palmen, Bis zu dem Ort, wo man den Mantel schnallt. Raphegi mai amech itzabi Almen! So tönt es aus den dicken Lippen vor, Für die sich nicht geziemten sanftre Psalmen. Mein Führer rief: "Nimm doch dein Horn, du Tor, Und magst du Zorn und andern Trieb empfinden, So sprudl ihn flugs durch seinen Bauch hervor. Du kannst an deinem Hals den Riemen finden, Verwirrter Geist, ders angebunden hält. Sieh doch ihn dort die dicke Brust umwinden!" Darauf zu mir: "Sich selbst verklagt der Held; Der Nimrod ists, durch dessen toll Vergehen Man nicht mehr eine Sprach übt in der Welt. Mit ihm ist nicht zu sprechen. Mag er stehen! Kein Mensch versteht von seiner Sprach ein Wort, Und er kann keines andern Wort verstehen." Wir gingen nun zur Linken weiter fort, Und fanden schon in Bogenschusses Weite Den zweiten größern, wilden Riesen dort. Nicht weiß ich, wems gelang, daß er im Streite Ihn fing und band, doch vorn geschnürt erschien Sein linker Arm und hinter ihm der zweite; Denn eine Kett umwand vom Nacken ihn, Um, was von seinem Leib nach oben ragte, Nach unten hin fünf Male zu umziehn. Da sprach mein Meister: "Mit dem Donnrer wagte Sein kühner Stolz des großen Kampfes Los. Hier aber sieh den Preis, den er erjagte. Ephialtes ists. Sein Tun war kühn und groß Im Riesenkampfe, zu der Götter Schrecken; Nun ist sein drohnder Arm bewegungslos." Und ich zu ihm: "Den ungeheuern Recken, Den Briareus, wenn dies geschehen kann, Möcht ich wohl gern in diesem Tal entdecken." Mein Führer drauf: "Du siehst hier nebenan Antäus stehn. Er spricht, ist ungebunden Und setzt uns nieder in den tiefsten Bann. Der, den du suchst, wird weiterhin gefunden, Gleich diesem hier, nur schrecklicher zu schaun, Allein wie er mit Ketten fest umwunden." Hier schüttelt Ephialtes sich, und traun! Kein Erdenstoß, von dem die Türme schwanken, War heftiger, erregte tiefres Graun. Ich glaubte schon dem Tode zuzuwanken, Und sah ich nicht, wie ihn die Kett umschloß, So genügten, mich zu töten, die Gedanken. Wir gingen weiter, ich und mein Genoß, Und sahn Antäus, der dem tiefen Bronnen, Zehn Ellen bis zum Haupte hoch, entsproß. "Der du im Tal, das ewgen Ruhm gewonnen, Weil Hannibal in ihm, der kühne Feind, Mit seiner Schar vor Scipios Mut entronnen, Einst tausend Löwen fingst, wenn du, vereint Mit deinen Brüdern kühn den Arm geschwungen Im hohen Krieg, so hätten, wie man meint, Die Erdensöhne doch den Sieg errungen. Jetzt setz uns dort hinab, wo, fern dem Licht, Die starre Kälte den Kozyt bezwungen. Zu Tiphöus oder Tityus schick uns nicht. Das, was man hier ersehnt, kann dieser geben, Drum wende nicht so mürrisch dein Gesicht. Er kann auf Erden deinen Ruf erheben. Er lebt und hofft, wenn ihn nicht vor der Zeit Die Gnade zu sich ruft, noch lang zu leben." Er sprachs, und jener, schnell zum Griff bereit, Streckt aus die Hand, um auf ihn loszufahren, Die Hand, die Herkul fühlt im großen Streit. Virgil, kaum konnt er sich gepackt gewahren, Rief: "Komm hierher, wo dich mein Arm umstrickt!" Drauf macht ers, daß wir zwei ein Bündel waren. Wie Carisenda, unterm Hang erblickt, Sich vorzubeugen scheint und selbst zu regen, Wenn Wolken ihr den Wind entgegenschickt, So schien Antäus jetzt sich zu bewegen, Als er sich niederbog, und großen Hang Empfand ich, fortzugehn auf andern Wegen. Doch leicht zum Grund, der Luzifern verschlang Und Judas, setzt er nieder unsre Last, Und, so geneigt, verweilt er dort nicht lang Und schnellt empor, als wie im Schiff der Mast.
Zweiunddreißigster Gesang
O hätt ich Reime von so heiserm Schalle, So rauh, wie sie erheischt dies Loch voll Graus, Auf welchem ruhn die andern Felsen alle, Dann drückt ich, was ich will, vollkommner aus, Doch, sie nicht habend, geh ich nur mit Bangen Jetzt an die Rede, wie zum harten Strauß. Denn nicht ein Spiel ist ja mein Unterfangen, Den Grund des Alls dem Liede zu vertraun, Und nicht mit Kinderlallen auszulangen. Doch fördern meine Reim itzt jene Fraun, Amphions Hilf an Thebens Maur und Toren, Dann wohl entspricht mein Lied der Tat an Graun. O schlechtster Pöbel, an dem Ort verloren, Der hart zu schildern ist, oh wärst du doch In unsrer Welt als Zieg und Schaf geboren. Wir waren nun im dunkeln Brunnenloch Tief unterm Riesen, näher schon der Mitte, Und nach der hohen Mauer sah ich noch. Da hört ich sagen: "Schau auf deine Schritte, Daß du den Armen nicht im Weiterziehn Die Häupter stampfen magst mit deinem Tritte." Drum wandt ich mich, und vor mir hin erschien Und unter meinen Füßen auch ein Weiher, Der durch den Frost Glas, und nicht Wasser, schien. Die Donau bleibt im Frost vom Eise freier, Und nah dem Pol, selbst in der längsten Nacht, Deckt nicht den Sanais ein so dichter Schleier. Und wäre Tabernik herabgekracht Und Pietrapan, nicht hätte nur am Saume Bei ihrem Sturz das Eis krick krick gemacht. Wie abends, wenn die Bäuerin im Traume Noch Ähren liest—die Schnauze vorgestreckt, Der Frösche Volk quäkt aus dem nassen Raume; So bis dahin, wo sich die Scham entdeckt, Fahl, mit dem Ton des Storchs die Zähne schlagend, War elend Geistervolk im Eis versteckt, Zur Tiefe hingewandt das Antlitz tragend, Vom Froste mit dem Mund und von den Wehn Des Herzens mit den Augen Zeugnis sagend. Als ich ein Weilchen erst mich umgesehn, Schaut ich zum Boden hin und sah von oben Zwei, eng umfaßt, vermischt das Haupthaar, stehn. "Ihr, die ihr drängend Brust an Brust geschoben, Wer seid ihr?" sprach ich—dann, als sie auf mich, Die Hälse rückend, ihre Blick erhoben, Sah ich die Augen, feucht erst innerlich, Von Tränen träufeln, die, noch kaum ergossen, Zu Eis erstarrten; und sie schlossen sich, Fest, wie nie Klammern Holz an Holz geschlossen, Drum stießen sich im Grimme wilden Streits, Gleich zweien Böcken, diese Qualgenossen. Und einer, der sein Ohrenpaar bereits Durch Frost verlor, brach, stets gebückt, das Schweigen: Was hängst du so am Schauspiel unsres Leids? Soll ich, wer diese beiden sind, dir zeigen? Das Tal, das des Bisenzio Flut benetzt, War ihnen einst und ihrem Vater eigen. Ein Leib gebar sie, und durchsuche jetzt Kaina ganz, du findest sicher keinen Mit besserm Grund in dieses Eis versetzt; Nicht ihn, des Brust und Schatten einst durch einen Stoß seines Speers durchbohrt des Artus Hand; Focaccia nicht, noch ihn, des Kopf den meinen So deckt, daß mir die Aussicht gänzlich schwand. Den, hörst du Sassol Mascheroni nennen, Du, ein Toskaner, sicher leicht erkannt. Jetzt hör, um mir nur schleunig Ruh zu gönnen, Ich, Camicion, erwarte den Carlin Und werde neben ihm mich brüsten können:" Noch sah ich viele Hundesfratzen ziehn Vor großem Frost in diesem tiefen Kreise, Und schaudre noch vor dem, was mir erschien. Und weiter ging zum Mittelpunkt die Reise, Auf welchem ruht des ganzen Alls Gewicht, Und selber zittert ich beim ewgen Eise. Wars Vorsatz, wars Geschick—ich weiß es nicht, Genug, es stieß mein Fuß beim Weitergehen Durch viele Häupter, eins ins Angesicht. "Was trittst du mich?"—so hört ichs heulend schmähen, "Rächst du noch schärfer Montapert an mir? Wenn aber nicht, weswegen ists geschehen?—" "Mein Meister," sprach ich, "harr ein wenig hier, Denn gern belehrt ich mich von diesem näher, Dann folg ich, wie dirs gut dünkt, eilig dir." Still stand, wie ich gewünscht, der hohe Seher, Und jener fluchte noch so wild wie erst, Da sprach ich: "Wer bist du, du arger Schmäher?" "Und du, der du durch Antenora fährst," Sprach er, "wer du, der so stößt andrer Wangen, Daß es zu arg war, wenn du lebend wärst?"— "Ich lebe", sagt ich. "Hättest du Verlangen Nach Ruf, so wird er dir durch mich zuteil, Drum wirst du wohl mit Freuden mich empfangen." Drauf er: "Ich wünsche nur das Gegenteil, Drum packe dich—in diesen Eisesmassen Verspricht solch Schmeichelwort ein schlechtes Heil." Da griff ich nieder, ihn beim Schopf zu fassen, Und sagt ihm: "Nötig wirds, daß du dich nennst, Soll ich ein Haar auf deinem Kopfe lassen." Und er: "Ob du mich zausen magst, du kennst Mich dennoch nicht—nichts sollst du hier erkunden, Wenn du mir tausendmal ins Antlitz rennst." Ich hielt sein Haar um meine Hand gewunden, Und ob schon ausgerauft manch Büschel war, Schaut er hinab und bellte gleich den Hunden. Da rief ein andrer: "Bocca, nun fürwahr, Du ließest schon genug die Kiefern klingen, Jetzt bellst du noch? Plagt dich der Teufel gar?" "Dich", rief ich, "mag ich nicht zum Reden zwingen, Verräter du, allein zu deiner Schmach Will ich zur Erde wahre Nachricht bringen." "Erzähle, was du willst, doch hintennach", Rief Bocca, "magst du diesen nur nicht schönen, Der eben jetzo so geläufig sprach. Sieh ihn fürs Gold der Franken hier belohnen Und sage, daß Duera da nicht fehlt, Wo ziemlich kühl und frisch die Sünder wohnen. Und fragt man noch, wen sonst dies Eis verhehlt, Dort siehst du Becherias Augen triefen, Den jüngst die Florentiner abgekehlt. Auch wohnt Soldanier jetzt in diesen Tiefen, Gan, Sribaldello, der Faenzas Tor Den Feinden aufschloß, da noch alle schliefen." Wir gingen fort, und, etwas weiter vor, War, Haupt auf Haupt gedrückt, ein Paar zu finden, Das fest in einem Loch zusammenfror. Wie man aus Hunger nagt an harten Rinden, So fraß der Obre hier den Untern an Da, wo sich Nacken und Gehirn verbinden. Wie in die Schläfe Menalipps den Zahn Einst Sydeus voll von wilder Wut geschlagen, So ward von ihm dem Schädel hier getan. "O du, der du mit viehischem Behagen Den Haß an diesem stillst, an dem du nagst, Weshalb", begann ich, "magst du dich beklagen? Und hör ich, daß du dich mit Recht beklagst, Und wer er sei, und was dein Nagen räche, So sollst du dort erstehn, wo du erlagst, Wenn diese nicht verdorrt, mit der ich spreche."
Dreiunddreißigster Gesang
Den Mund erhob vom schaudervollen Schmaus Der Sünder jetzt und wischt ihn mit den Locken Des angefressnen Hinterkopfes aus. Er sprach: "Du willst zum Reden mich verlocken? Verzweiflungsvollen Schmerz soll ich erneun, Bei des Erinnrung schon die Pulse stocken? Doch dient mein Wort, um Saaten auszustreun, Die Frucht der Schande dem Verräter bringen, Nicht Reden werd ich dann noch Tränen scheun. Zwar, wer du bist, wie dir hierherzudringen Gelungen, weiß ich nicht, doch schien vorhin Wie Florentiner Laut dein Wort zu klingen. Du höre jetzt: Ich war Graf Ugolin, Erzbischof Roger er, den ich zerbissen. Nun horch, warum ich solch ein Nachbar bin. Daß er die Freiheit tückisch mir entrissen, Als er durch Arglist mein Vertraun betört, Und mich getötet hat, das wirst du wissen. Vernimm darum, was du noch nicht gehört, Noch haben kannst—den Tod voll Graus und Schauer, Und fass es, wie sich noch mein Herz empört. Ein enges Loch in des Verlieses Mauer, Durch mich benannt vom Hunger, wo gewiß Man manchen noch verschließt zu bittrer Trauer, Es zeigte kaum nach nächtger Finsternis Das erste Zwielicht, als ein Traum voll Grauen Der dunkeln Zukunft Schleier mir zerriß. Er jagt, als Herr und Meister, durch die Auen Den Wolf und seine Brut zum Berg hinaus, Der Pisa hindert, Lucca zu erschauen. Mit Hunden, mager, gierig und zum Strauß Wohleingeübt, entsendet er Sismunden, Lanfranken samt Gualanden sich voraus. Bald schien im Lauf des Wolfes Kraft geschwunden Und seiner Jungen Kraft, und bis zum Tod Sah ich von scharfen Zähnen sie verwunden. Als ich erwacht im ersten Morgenrot, Da jammerten, halb schlafend noch, die Meinen, Die bei mir waren, und verlangten Brot. Teilst du nicht meinen Schmerz, so teilst du keinen, Und denkst du, was mein Herz mir kundgetan, Und weinest nicht, wann pflegst du denn zu weinen? Schon wachten sie, die Stunde naht heran, Wo man uns sonst die Speise bracht, und jeden Weht ob des Traumes Unglücksahndung an. Verriegeln hört ich unter mir den öden, Graunvollen Turm—und ins Gesicht sah ich Den Kindern allen, ohn ein Wort zu reden. Ich weinte nicht. So starrt ich innerlich, Sie weinten, und mein Anselmuccio fragte: Du blickst so,—Vater! Ach, was hast du? Sprich! Doch weint ich nicht, und diesen Tag lang sagte Ich nichts und nichts die Nacht, bis abermal Des Morgens Licht der Welt im Osten tagte. Als in mein jammervoll Verlies sein Strahl Ein wenig fiel, da schien es mir, ich fände Auf vier Gesichtern meins und meine Qual. Ich biß vor Jammer mich in beide Hände, Und jene, wähnend, daß ich es aus Gier Nach Speise tat, erhoben sich behende Und schrien: Iß uns, und minder leiden wir! Wie wir von dir die arme Hüll erhalten, Oh, so entkleid uns, Vater, auch von ihr. Da sucht ich ihrethalb mich still zu halten; Stumm blieben wir den Tag, den andern noch. Und du, o Erde, konntest dich nicht spalten? Als wir den vierten Tag erreicht, da kroch Mein Gaddo zu mir hin mit leisem Flehen: Was hilfst du nicht? Mein Vater, hilf mir doch! Dort starb er—und so hab ich sie gesehen, Wie du mich siehst, am fünften, sechsten Tag, Jetzt den, jetzt den hinsinken und vergehen. Schon blind, tappt ich dahin, wo jeder lag, Rief sie drei Tage, seit ihr Blick gebrochen, Bis Hunger tat, was Kummer nicht vermag." Und scheelen Blickes fiel er, dies gesprochen, Den Schädel an, den er zerriß, zerbrach, Mit Zähnen, wie des Hundes, stark für Knochen. Pisa, du, des schönen Landes Schmach, In dem das Si erklingt mit süßem Tone, Sieht träg dein Nachbar deinen Freveln nach, So schwimme her, Capraja und Gorgone, Des Arno Mund zu stopfen, daß die Flut Dich ganz ersäuf und keiner Seele schone. Denn, wenn auch Ugolinos Frevelmut, Wie man gesagt, die Schlösser dir verraten, Was schlachtete die Kinder deine Wut? Oh neues Theben, war an solchen Taten Nicht ohne Schuld das zarte Knabenpaar, Das ich genannt? nicht Hugo samt Brigaten?— Wir gingen nun zu einer andern Schar, Die, statt wie jene, sich hinabzukehren, Das Antlitz aufwärts, eingefroren war. Die Zähren selber hemmen hier die Zähren, Drum wälzt der Schmerz, der nicht nach außen kann, Sich ganz nach innen, um die Angst zu mehren. Denn, was zuerst dem trüben Aug entrann, Das war zum Klumpen von Kristall verdichtet Und füllte ganz die Augenhöhlen an. Und ob vom Frost, der solches Eis geschichtet, Mein Antlitz wie bedeckt mit Schwielen schien, Und deshalb jegliches Gefühl vernichtet, Doch fühlt ich, schiens mir Luft entgegenziehn, Drum sprach ich: "Herr, wie mag hier Luft sich regen, Wo nie die Sonne, dunstentwickelnd, schien?" Und er: "Du gehst der Antwort schnell entgegen Und siehst, wenn wir noch weiter fortgereist, Aus welchem Grund die Lüfte sich bewegen." Da rief ein eisumstarrter armer Geist: "Grausame Seelen, ihr, die jetzt vom Lichte Zu dieser letzten Stelle Minos weist, Hebt mir den harten Schleier vom Gesichte, Damit ich lüfte meines Herzens Wehn, Eh neu die Träne sich zu Eis verdichte." Ich sprach: "Soll dirs nach deinem Wunsch geschehn, So nenne dich, und wenn ichs nicht erzeige, So will ich selbst zum Grund des Eises gehn." Drauf er: "Ich bins, der Frucht vom bösen Zweige Als Bruder Alberich dort angeschafft, Und speise hier die Dattel für die Feige." "Oh," rief ich, "hat der Tod dich hingerafft?" Und er zu mir: "Ob noch mein Leib am Leben, Davon bekam ich keine Wissenschaft. Denn Ptolommäa hat den Vorzug eben, Daß oft die Seele stürzt in dies Gebiet, Eh ihr den Anstoß Atropos gegeben. Und daß du lieber mir vom Augenlid Verglaste Tränen nehmest sollst du wissen: Sobald die Seele den Verrat vollzieht, Wie ich getan, wird ihr der Leib entrissen Von einem Teufel, der dann drin regiert Bis an den Tod, indes in Finsternissen Des kalten Brunnens sie sich selbst verliert. Vielleicht ist oben noch der Körper dessen, Der hinter mir in diesem Eise friert. Kommst du von dort, so magst dus selbst ermessen. Herr Branca dOria ists, der jämmerlich Schon manches Jahr im Eise fest gesessen." "Ich glaube," Sprach ich, "du betrügest mich, Denn Branca dOria ist noch nicht begraben Und ißt und trinkt und schläft und kleidet sich." Und er darauf: "Es konnte jenen Graben, An dem beim Pech die Schar von Teufeln wacht, Noch nicht erreicht Herr Michel Zanche haben, Da war sein Leib schon in des Dämons Macht. So gings auch dem von dOrias Geschlechte, Der den Verrat zugleich mit ihm vollbracht. Jetzt aber strecke zu mir her die Rechte Und nimm das Eis hinweg!—doch tat ichs nicht, Denn gegen ihn war Schlechtsein nur das Rechte. Genua, Feindin jeder Sitt und Pflicht, Ihr Genueser, jeder Schuld Genossen, Was tilgt euch nicht des Himmels Strafgericht? Ich fand mit der Romagna schlimmsten Sprossen Der euren einen, für sein Tun belohnt, Die Seel in des Kozytus Eis verschlossen, Des Leib bei euch noch scheinbar lebend wohnt.