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Die Göttliche Komödie

Front matter (continued 3)

Reading edition

Vierunddreißigster Gesang

"Uns naht des Höllenköniges Panier! Schau hin, ob du vermagst ihn zu erspähen." So sprach mein edler Meister jetzt zu mir. Und wie, wenn dichte Nebel uns umwehen, Wie in der Dämmerung, vom fernen Ort Windmühlenflügel aussehn, die sich drehen; So sah ich jetzo ein Gebäude dort— Nichts fand ich sonst, mich vor dem Wind zu decken, Drum drängt ich fest mich hinter meinen Hort. Dort war ich, wo—ich sing es noch mit Schrecken— Die Geister, in durchsichtges Eis gebannt, Ganz drin, wie Splitterchen im Glase, stecken. Der lag darin gestreckt, und mancher stand, Der aufrecht, jener auf dem Kopf; der bückte Sich sprenkelkrumm, das Haupt zum Fuß gewandt. Als hinter ihm ich so weit vorwärts rückte, Daß es dem Meister nun gefällig schien, Mir den zu zeigen, den einst Schönheit schmückte. Da trat er weg von mir, hieß mich verziehn, Und sprach zu mir: "Bleib, um den Dis zu schauen, Und hier laß nicht dir Mut und Kraft entfliehn." Wie ich da starr und heiser ward vor Grauen, Darüber schweigt, o Leser, mein Bericht, Denn keiner Sprache läßt sich dies vertrauen. Nicht starb ich hier, auch lebend blieb ich nicht. Nun denke, was dem Zustand dessen gleiche, Dem Tod und Leben allzugleich gebricht. Der Kaiser von dem tränenvollen Reiche Entragte mit der halben Brust dem Glas, Und wie ich eines Riesen Maß erreiche, Erreicht ein Riese seines Armes Maß. Nun siehst du selbst das ungeheure Wesen, Dem solch ein Glied verhältnismäßig saß. Ist er, wie häßlich jetzt, einst schön gewesen, Und hat den gütgen Schöpfer doch bedroht, So muß er wohl der Quell sein alles Bösen. O Wunder, das sein Kopf dem Auge bot! Mit drei Gesichtern sah ich ihn erscheinen, Von diesen aber war das vordre rot. Anfügten sich die andern zwei dem einen, Gerad ob beiden Schultern hingestellt, Um oben sich beim Kamme zu vereinen; Das Antlitz links weißgelblich—ihm gesellt Das links, gleich dem der Leute, die aus Landen Von jenseits kommen, wo der Nilus fällt. Groß, angemessen solchem Vogel, standen Zwei Flügel unter jedem weit heraus, Die wir den Segeln gleich, nur größer, fanden, Und federlos, wie die der Fledermaus. Sie flatterten ohn Unterlaß und gossen Drei Winde nach verschiedner Richtung aus. Dadurch ward der Kozyt mit Eis verschlossen. Sechs Augen waren nie von Tränen frei, Die auf drei Kinn in blutgem Geifer flossen. Und einen armen Sünder malmt entzwei Und kaute jeder Mund, daher zerbissen, Flachsbrechen gleich, die scharfen Zähne drei. Der vordre Mund schien sanft in seinen Bissen, Verglichen mit den scharfen Klaun, zu sein, Die oft die Haut vom Fleisch des Sünders rissen. Da sprach Virgil: "Sieh hier die größte Pein! Ischariots Kopf steckt zwischen scharfen Fängen, Und außen zappelt er mit Arm und Bein. Zwei andre sieh, den Kopf nach unten hängen; Hier Brutus an der schwarzen Schnauze Schlund Sich ohne Laute winden, drehn und drängen; Dort Cassius, kräftig, wohlbeleibt und rund— Doch naht die Nacht, drum sei jetzt fortgegangen, Denn ganz erforscht ist nun der Hölle Grund." Jetzt winkte mir, den Hals ihm zu umfangen, Und Zeit und Ort ersah sich mein Gesell, Und, als sich weit gespreizt die Flügel schwangen, Hing er sich an die zottge Seite schnell, Griff Zott auf Zott, um sich herabzusenken Inmitten eisger Rind und rauhem Fell. Dort angelangt, wo in den Hüftgelenken Des Riesen sich der Lenden Kugeln drehn, Eilt er, mit Müh und Angst, sich umzuschwenken. Wo erst der Fuß war, kam das Haupt zu stehn; Die Zotten fassend, klomm er aufwärts weiter, Als sollten wir zurück zur Hölle gehn. "Hier halte fest dich; denn auf solcher Leiter Entkommt man nur so großem Leid," so sprach Tiefkeuchend, wie ein Müder, mein Begleiter. Worauf er Bahn sich durch ein Felsloch brach, Dann setzt er mich auf einen Rand daneben Und streckte mir den Fuß behutsam nach. Ich blickt empor und glaubte, wie ich eben Den Dis gesehn, so stell er noch sich dar. Doch seine Füße sah ich sich erheben. Wie ich erschrak, bedenk, o dumme Schar, Ders nottut, daß sie erst erkennen lerne, Durch welchen Punkt ich jetzt gedrungen war. Da sprach Virgil: "Jetzt auf, das Ziel ist ferne, Der Weg auch schwierig, den du vor dir hast; Und Sol, aufsteigend. scheucht bereits die Sternen Nicht wars ein Gang durch einen Prachtpalast, Der vor mir lag; er lief auf rauhem Grunde Durch eine Felsschlucht, völlig dunkel fast. Ich, aufrecht stehend, sprach: "Eh aus dem Schlunde Der Weg, den du mich leitest, mich entläßt, Reiß aus dem Irrtum mich und gib mir Kunde: Wo ist das Eis? Wie steckt Dis köpflings fest? Und wie hat Sol so schnell aus solchen Weiten Die Überfahrt gemacht zum Ost vom West? "Du glaubst dich auf des Zentrums andern Seiten, Wo du am Wurme, der die Erde kränkt Und sie durchbohrt, mich sahst herniedergleiten. Du warsts, solang ich mich hinabgesenkt; Allein den Punkt, der anzieht alle Schwere, Durchdrängest du, da ich mich umgeschwenkt. Jetzt kamst du zu der andern Hemisphäre, Entgegen der, die großes trocknes Land Bedeckt, und unter deren Zelt der Hehre So fehllos lebt und starb, wie er entstand. Du stehest jetzo auf dem kleinen Kreise, Der hier Judokas andre Seit umspannt. Und hier beginnt der Sonne Tagesreise, Wenn sie dort endet, und im Brunnen steckt Noch immer Luzifer nach alter Weise. Vom Himmel ward er hier herabgestreckt. Das Land, das erst hier ragte, hat sich droben Aus Furcht vor ihm im Meeresgrund versteckt Und sich auf jenem Halbkreis dort erhoben. Um ihn zu fliehn, drang auch die Erde vor Aus dieser Höhl und drängte sich nach oben." So sprach Virgil—und sieh, vom Dis empor Ging eine Schlucht, tief wie die ganze Hölle, Zwar nicht erkannt vom Auge, doch vom Ohr; Denn rauschend lief ein Bach, des rasche Welle Sich Bahn durch Felsen brach, mit sanftem Hang Und vielgewunden, bis zu jener Stelle. Nun trat mein Führer auf verborgnem Gang Den Rückweg an entlang des Baches Windung; Und wie ich, rastlos folgend, aufwärts drang, Da blickte durch der Felsschlucht obre Rundung Der schöne Himmel mir aus heitrer Ferne, Und eilig stiegen wir aus enger Mundung Und traten vor zum Wiedersehn der Sterne.

Das Fegefeuer

Erster Gesang

Zur Fahrt in bessre Fluten aufgezogen Hat seine Segel meines Geistes Kahn, Und läßt nun hinter sich so grimme Wogen. Zum zweiten Reiche hin geht seine Bahn, Wohin zur Reinigung die Geister schweben, Um würdig dann dem Himmelreich zu nahn. Doch hier mag sich die tote Dichtung heben, O heilge Musen, da ich euer bin! Hier mög empor Kalliopeia streben! Sie folge mir mit jenem Ton dahin, Des Streich, die armen Elstern einst erschreckend, Verzweiflung bracht in ihren stolzen Sinn. Des Saphirs holde Farbe, ganz bedeckend Des reinen Äthers heiteres Gebäu Und bis zum ersten Kreise sich erstreckend, Erschuf vor mir der Augen Wonne neu, Sobald ich jetzt der toten Luft entklommen, Die Aug und Brust getrübt in Nacht und Scheu. Der schöne Stern, der Lieb erregt, entglommen Im Osten, hatt in Lächeln ihn verklärt, Die Fisch umschleiernd, die mit ihm gekommen. Dann rechts, dem andern Pole zugekehrt, Erblickt ich eines Viergestirnes Schimmer, Des Anschaun nur dem ersten Paar gewährt. Der Himmel schien entzückt durch sein Geflimmer. O du verwaistes Land, du öder Nord, Du siehst den Glanz der schönen Lichter nimmer. Als ich darauf vom Viergestirne fort Ein wenig hin zum andern Pole sah, Da war verschwunden schon der Wagen dort. Und einen Greis, allein, sah ich mir nahe, Der Ehrfurcht also wert an Mien und Art, Daß mir, als obs mein Vater sei, geschähe. Lang war, mit weißem Haar vermischt, sein Bart Und gleich dem Haar des Haupts, das, niedersinkend Als Doppelstreif, der Brust zur Hülle ward. Sein Angesicht, die heilgen Strahlen trinkend Des Viergestirnes, war so schön und klar, Als sah ich es, vom Schein der Sonne blinkend. "Wer seid ihr, die ihr fortflieht, wunderbar, Aus ewger Haft, dem blinden Strom entgegen" Er sprachs, bewegt des Bartes greises Haar, "Wer leitet euch? Wer leuchtet euren Wegen, Daß ihr entstiegt den Schatten tiefer Nacht, Die, ewig achwarz, der Hölle Täler hegend Verlor des Abgrunds Satzung ihre Macht? Hat neuer Ratschluß durch der Hölle Pforte Verdammt in meine Grotten hergebracht?"— Hier fühlt ich mich erfaßt von meinem Horte, Und ehrerbietig macht er Braun und Knie Mir alsogleich mit Hand und Wink und Worte Und sprach: "Nicht durch mich selber bin ich hie; Ein Weib kam bittend aus den höchsten Sphären, Darob ich diesem mein Geleit verlieh. Doch das dein Will ist, daß ich dich belehren Von unserm wahren Zustand soll, wie mag Mein Will ein andrer sein, als zu gewähren! Nicht sahe dieser noch den letzten Tag, Doch war er nah ihm, so vom Wahn verblendet, Daß er gewiß in kurzer Frist erlag. Um ihn zu retten, ward ich abgesendet, Und hierzu fand ich diesen Weg nur gut, Auf welchem ich mich jetzt hierher gewendet. Ich zeigt ihm schon der Sünder ganze Brut, Nun aber ist er die zu sehn bereitet, Die hier sich läutern unter deiner Hut. Lang wärs zu sagen, wie ich ihn begleitet. Kraft kam von oben, helfend, daß ich ihn, Um dich zu hören und zu sehn, geleitet. Laß dirs gefallen, daß er hier erschien. Er sucht die Freiheit—wie sie wert zu halten, Weiß, wer um sie des Lebens sich verziehn. Du weißts, du ließest gern sie zu erhalten, In Utica die Hülle blutbenetzt, Die hell am großen Tag sich wird entfalten. Nicht ward der ewge Schluß von uns verletzt. Er lebt und mich hält Minos nicht gefangen. Ich bin vom Kreis, wo deine Martia jetzt, Noch keuschen Augs, dir ausspricht das Verlangen, O heilge Brust, als dein sie anzusehn, Drum woll uns, ihr zuliebe, wohl empfangen. Laß uns durch deine sieben Reiche gehn, Dann grüß ich sie von dir in jenen Hallen, Willst, dort erwähnt zu sein, du nicht verschmähn." "Gefiel auch", sprach er, "Martia mir vor allen, Da ich gelebt, so daß ich ihr erwies, Wodurch ich irgend wußt, ihr zu gefallen, Doch jetzt nicht mehr bewegen darf mich dies, Da sie dort wohnt jenseits der nächtgen Wogen, Wie festgesetzt ward, als ich sie verließ. Doch hat ein Himmelsweib dich hergezogen, Wie du gesagt, was brauchts da Schmeichelein? Sie will, dies gnügt, und treulich wirds vollzogen Drum geh, zum weitern Weg ihn einzuweihn. Ihn muß ein Gurt von glatter Bins umschnüren, Dann wasch ihm das Gesicht vom Schmutze rein. Das Aug umnebelt, will sichs nicht gebühren, Zum ersten Diener, der vom selgen Land Herabgekommen ist, ihn hinzuführen. Rings trägt der kleinen Insel tiefster Strand, Wo Wog und Woge sich im Wechsel jagen, Viel Binsen am morastig weichen Rand. Die andern Pflanzen, welche Blätter tragen Und sich verhärten, kommen da nicht auf, Wos gilt, sich schmiegen, wenn die Wellen schlagen. Doch kehrt von dort nicht rückwärts euren Lauf; Die Sonne zeigt—seht, dort ersteht sie eben!— Euch dann den leichtern Weg den Berg hinauf." Hier sah ich ihn vor meinem Blick verschweben; Stumm stand ich auf und sah auf meinen Hort, In seinen Schutz und Willen ganz ergeben. Er sprach: "Sohn, folge mir jetzt rückwärts. Dort Neigt mehr und mehr die Ebene sich immer Nach ihren letzten tiefsten Grenzen fort." Schon trieb das Morgenrot mit lichtem Schimmer Die Frühe vor sich her, und vom Gestad Erkannt ich weit hinaus des Meers Geflimmer. Nun gingen wir dahin auf ödem Pfad, Wie wer, verirrt, zum rechten Wege schreitend, Sein Gehn umsonst glaubt, bis er ihn betrat. Wir sahn den Tau bald, mit der Sonne streitend, Doch, weil er dort an schattger Stelle war, Sich minder schnell in leichtem Dunst verbreitend. Worauf mein Hort mit seiner Hände Paar Sanft die zerstreuten, weichen Gräser deckte, Drob ich, denn seinen Vorsatz nahm ich wahr, Ihm die betränte Wang entgegenstreckte. Rein wusch er mir die Farbe der Natur, Die erst der Schmutz der Hölle ganz versteckte. Nun gingen wir dahin auf öder Flur Am Strande fort, der nie ein Schiff erblickte, Das wieder heim zum Vaterlande fuhr. Dort, so wie der geboten, der uns schickte, Umgürtet er mit schwachen Binsen mich, Und wo er nur die niedre Pflanze knickte, Erhob sie neu aus ihrer Wurzel sich.

Zweiter Gesang

Sol war zum Horizont herabgestiegen, Des Mittagskreis, wo er am höchsten steht, Sieht unter sich die Feste Zions liegen. Nacht, welche sich ihm gegenüber dreht, War mit der Wag am Ganges vorgegangen, Die, wenn sie zunimmt, ihrer Hand entgeht. Drum hatten Eos weiß und rote Wangen Dort, wo ich war, weil ihre Jugend schwand, In hohem Gelb zu schimmern angefangen. Wir waren noch am niedern Meeresstrand, Und gingen, ob des fernen Wegs in Sorgen, Im Herzen fort, indes der Körper stand. Und wie in trüber Röte, wenn der Morgen Sich nähert, Mars, im Westen, nah dem Meer Sich zeigt, von dichten Dünsten fast verborgen, So sah ich jetzt ein Licht—o säh ichs mehr! Und eilig, wie kein Vogel je geflogen, Glitts auf des Meeres glattem Spiegel her. Als ich von ihm die Augen abgezogen Ein wenig hatt und zu dem Führer sprach, Schiens heller dann und größer ob den Wogen. Dann auf des Lichtes beiden Seiten brach Ein weißer Glanz hervor, und er entbrannte, Wies näher kam, von unten nach und nach. Mein Meister, der nach ihm sich schweigend wandte, Solang der Flügel erstes Weiß erschien, Rief, wie er nun den hehren Schiffer kannte: "O eile jetzt, o eile, hinzuknien! Sieh Gottes Engel! Falte deine Händel Nun siehst du solche Gottes Wink vollziehen. Sieh, er verschmäht, was Menschenwitz erfände. Nicht Segel, Ruder nicht—sein Flügelpaar Braucht er zur Fahrt ans ferneste Gelände. Sieh, wies gen Himmel strebt so schön und klar! Die Luft bewegt das ewige Gefieder, Das nicht sich ändert wie der Menschen Haar." Und wieder naht er sich indes und wieder In hellerm Glanz, daß näher solchen Schein Mein Auge nicht ertrug, drum schlug ichs nieder. Und leicht und schnell sah ich durch ihn allein Das Schiff des Eilands niedern Strand gewinnen, Auch drückt es kaum die Spur den Fluten ein. Und als ein Selger stand vor meinen Sinnen Am Hinterteil des Schiffes Steuermann, Und mehr als hundert Geister saßen drinnen. "Als aus Ägypten Israel entrann"; Die Schar, gewiß, das Ufer zu erreichen, Fing diesen Psalm einstimmgen Sanges an. Er macht auf sie des heilgen Kreuzes Zeichen, Drum warf sich jeder hin am Meeresbord, Dann sah man ihn schnell, wie er kam, entweichen. Fremd schienen alle, welche blieben, dort, Und um sich blickend sah ich sie verweilen, Wie den, der Neues sieht am fremden Ort. Von allen Seiten schoß mit Feuerpfeilen Den Tag die Sonne, die vom Meridian Den Steinbock schon gezwungen, zu enteilen Da hoben, die wir eben kommen sahn, Nach uns die Stirn empor mit diesem Worte: "Zeigt uns, dafern ihr könnt, zum Berg die Bahn." Erwidert ward darauf von meinem Horte: "Wißt, wenn ihr wähnt, wir wüßten hier Bescheid; Wir sind so fremd wie ihr an diesem Orte. Denn kurz vorher, eh ihr gekommen seid, Sind auf so rauhem Weg wir angekommen, Daß hier zu klimmen Spiel, nicht Müh und Leid." Wie jene nun am Atmen wahrgenommen, Daß ich noch lebe, schienen sie bewegt, Ja, vor Erstaunen ängstlich und beklommen. Und wie dem Boten, der den Ölzweig trägt, Die Menge folgt, voll Neubegier sich pressend, Und Tritt und Stöße sonder Scheu erträgt, So drängten jetzt, mich mit den Augen messend, Zu mir die hochbeglückten Seelen sich, Beinah den Gang zur Reinigung vergessend. Hervor trat eine jetzt, so inniglich Mich zu umarmen, mit so holden Mienen, Daß mein Verlangen ganz dem ihren glich. Leere Schatten, die Gestalt nur schienen! Dreimal halt ich die Hände hinter ihr, Und dreimal kehrt ich zu der Brust mit ihnen. Das Antlitz, glaub ich, malt Erstaunen mir, Und jenen sah ich lächelnd rückwärts schweben, Doch folgt ich ihm mit liebender Begier. Und lieblich hört ich ihn die Stimm erheben: "Sei ruhig!" Da erkannt ich ihn und bat, Er möge weilen und mir Antwort geben. "Dich lieb ich," sprach er, als ich ihn genaht, "Wie einst im Leib, so jetzt der Haft entbunden, Drum weil ich—doch was gehst du diesen Pfad?" "O mein Casella, hier nur eingefunden Hab ich mich, um zur Welt zurückzugehn. Doch wie bist du beraubt so vieler Stunden?" Und er: "Drob ist kein Unrecht mir geschehn. Mußt er auch öfters mich zurückeweisen, Der mit sich fortnimmt, wann er will und wen. Denn sein Will ist nur der des Ewig-Weisen. Und seit drei Monden hat er gern gewährt, Wenn irgendwer verlangt hat, mitzureisen. Auch mich, der ich mich zu dem Strand gekehrt, Wo salzig wird der Tiber süße Welle, Empfing er liebevoll, da ichs begehrt. Jetzt schwebt er wieder hin zu jener Stelle, Wo er vereint mit freudigem Empfang Die, so nicht Sünde stürzt zur Nacht der Hölle." Und ich: "Hat dir nicht jenen Liebessang, Den du geübt, ein neu Gesetz entrissen, Der öfters mir gestillt des Herzens Drang, So laß mich jetzt nicht seinen Trost vermissen; Denn meine Seele, die der Leib umflicht, Schwebt, da sie hier erscheint, in Kümmernissen." "Die Liebe, die zu mir im Herzen spricht Begann er jetzt, und ach, die süße Weise Verklingt noch jetzt in meinem Innern nicht. Mein Herr und ich, wir standen still im Kreise Der andern dort und alle so beglückt, Als kennten wir kein andres Ziel der Reise, Nur seinen Tönen horchend, hochentzückt. Da sieh bei uns den ehrenhaften Alten: "Was, träge Geister, ists, das euch berückt? Nachlässige, so lang euch aufzuhalten! Zum Berg hin, wo man frei der Hüllen wird, Die Gottes Anblick noch euch vorenthalten! Wie wenn, von Weizen oder Lolch gekirrt, Die Tauben still im Stoppelfelde schmausen Und keine mehr umherstolziert und girrt, Dann aber, wenn erscheint, wovor sie grausen, Sie alle jäh, mit größrer Sorg im Sinn, Von ihrer Weid empor im Fluge brausen; So lief die Schar der Seelen jetzt dahin, Vom Sange fort, zum Berge sonder Weile, Wie wer da läuft, allein nicht weiß wohin; Wir aber folgten mit nicht mindrer Eile.

Dritter Gesang

Trieb jähe Flucht auch alles, was vereinigt Beim Sänger war, zerstreut jetzt durch den Plan Dem Berge zu, wo die Vernunft uns peinigt, Doch drängt ich mich dem treuen Führer an. Wie könnt ich ihn auch bei der Reife missen? Wie kam ich wohl ohn ihn den Berg hinauf? Er schien gepeinigt von Gewissensbissen. würdig reine Seele, wie empört, Wie quält der kleinste Fehler dein Gewissen! Als seines Laufes Eil nun aufgehört, Bei welcher Würd im Anstand nimmer waltet, Da ward mein Geist, verengt erst und verstört, Zum Streben neu erweitert und entfaltet, Und, das Gesicht dem Berge zugewandt, Sah ich, dem Himmel zu, ihm hochgestaltet. Die Sonne, hinter mir in rotem Brand, War vor mir, nach Gestaltung und Gebärde, Gebrochen, da mein Leib ihr widerstand. Und bang, daß ich allein gelassen werde, Kehrt ich mich schleunig seitwärts, da ich sah, Beschattet sei vor mir allein die Erde. "Was argwöhnst du" begann mein Tröster da, Zu mir gewandt, erratend, was ich dachte, "Glaubst du, ich sei dir nicht, wie immer, nah? Dort liegt der Leib, in dem ich Schatten machte, An Napels Strand, den jetzt schon Nacht umflicht, Wohin man einst von Brindisi ihn brachte. Beschatt ich jetzt vor mir die Erde nicht, So staune nicht darum—deckt doch der Schimmer Des einen Himmels nie des andern Licht. Dergleichen Körper schafft der Herr noch immer, Damit sie dulden Hitz und Frost und Pein, Doch wie ers macht, entschleiert er uns nimmer. Tor, wer da hofft, er dring in alles ein Mit der Vernunft, selbst in endlose Sphären, Wo er, der Ewge, einer ist in drein. Strebt, Menschen, doch das Wie nicht aufzuklären; Denn wärs gestattet, alles zu erschaun, Nicht brauchte dann Maria zu gebären. Wohl mancher dürft auf seinen Geist vertrauen, Dem noch die Sehnsucht, alles zu erkunden, Geblieben ist zu ewiglichem Graun. Du weißt, wo wir den Plato aufgefunden Und manchen sonst." Er schwieg, die Stirn geneigt, Und alle Heiterkeit schien ihm geschwunden. Wir kamen hin, von wo man aufwärts steigt. Dort oben ist der Fels so steil gelegen, Daß sich kein Raum zu einem Dritte zeigt. Der rauhste von den öden Felsenwegen Inmitten Lerci und Turbia schmiegt Sich sanft und leicht, stellt man ihn dem entgegen. "Wer weiß, zu welcher Hand der Hang sich biegt." Der Meister sprachs und hielt jetzt ein im Schreiten, "So daß auch der hinauf kann, der nicht fliegt?" Er ließ indes den Blick zum Boden gleiten Und nahm im Geist des Pfades Prüfung wahr. Doch ich sah aufwärts nach des Berges Seiten, Und da erschien mir linksher eine Schar, Die schien so langsam zu uns her zu schweben, Daß kaum Bewegung zu bemerken war. "Laß," sprach ich, "Meister, deinen Blick sich heben, Die Rat erteilen können, nahen schon, Dafern du nicht vermagst, ihn selbst zu geben." Frei schaut er auf, und alle Sorgen flohn. "Nur langsam". sprach er, "geht ihr Gang vonstatten, Drum gehn wir hin. Getrost jetzt, süßer Sohn!" Wir waren noch entfernt von jenen Schatten Und ihnen etwa steinwurfweit genaht, Als wir getan an tausend Schritte hatten. Da drängten alle sich ans Felsgestad Und standen still und dicht, uns zugewendet, Wie wen Bedenken hemmt auf seinem Pfad. "O Auserwählte, die ihr wohl geendet," Begann Virgil, "wie einst euch Friede jetzt, Den, wie ich glaube, Gott euch allen spendet, So zeigt uns des Gebirges Abhang jetzt Und laßt uns einen Weg nach oben sehen, Denn Zeitverlieren schmerzt den, der sie schätzt." Gleichwie die Schäflein aus dem Stalle gehen, Eins, zwei und drei, indessen noch verzagt Die andern mit gebeugten Köpfen stehen, Bis was das erste tat, nun jedes wagt, Wenn jenes harrt, geduldig die Beschwerde Des Drangs erträgt und nach dem Grund nicht fragt; So sah ich jetzt von der beglückten Herde Die vordem sich bewegen und uns nahn, Das Antlitz züchtig, ehrbar die Gebärde. Wie sie das Licht zur Rechten meiner Bahn Geteilt und, als des Erdenleibes Zeichen, Die Felsenwand von mir beschattet sahn, Sah ich sie stehn und etwas rückwärts weichen. Die andern wußten zwar nicht, was geschehn, Doch alle taten sie sofort desgleichen. "Ohn eure Frage will ich euch gestehn, Noch einem Menschen ist der Körper eigen, Von welchem ihr das Licht geteilt gesehn. Doch laßt Verwunderung und Staunen schweigen; Nicht ohne Kraft, die Gott nur geben kann, Sucht er die schroffe Wand zu übersteigen." Mein Hort sprachs, und die würdge Schar begann, Uns mit der Hände Rücken Zeichen gebend: "Kehrt wieder um und schreitet uns voran!" Und einer drauf, zu mir die Stimm erhebend: "Wer du auch seist, blick um, mich anzuschaun, Besinne dich: Sahst du mich jemals lebend`?" Ich wandt auf ihn die Augen voll Vertraun. Blond war er, schön, von würdigen Gebärden, Doch war gespalten eine seiner Braun. Demütig sagt ich, daß ich ihn auf Erden Niemals gesehn; da aber hieß er mich Aufmerksam auf die Wund am Busen werden, Und lächelnd sprach er dann: "Manfred bin ich! Wenn dich zur Welt zurück die Schritte tragen, Zu meiner Tochter geh, ich bitte dich, Die unterm Herzen jenes Paar getragen, Das Aragonien und Sizilien ehrt, Ihr Wahres, wenn man andres sagt, zu sagen. Als zweimal mich durchbohrt des Feindes Schwert, Da übergab ich weinend meine Seele Dem Richter, der Verzeihung gern gewährt. Oh groß und schrecklich waren meine Fehle, Doch groß ist Gottes Gnadenarm und faßt, Was sich ihm zukehrt, so daß keiner fehle. Und wenn Cosenzas Hirt, der sonder Rast, Wie Clemens wollte, mich gejagt, dies eine Erhabne Wort der Schrift wohl aufgefaßt, So lägen dort noch meines Leibs Gebeine Am Brückenkopf bei Benevent, vom Mal Geschützt der schweren aufgehäuften Steine. Nun netzts der Regen, dorrts der Sonnenstrahl, Dort, wo ers hinwarf mit verlöschten Lichten, Dem Reich entführt, entlang dem Verdetal. Doch kann ihr Fluch die Seele nicht vernichten, Aus welcher nicht die frohe Hoffnung weicht, An ewger Liebe neu sich aufzurichten. Wahr ists, daß, wer im Kirchenbann erbleicht, War auch zuletzt in ihm die Reu entglommen, Doch dieser Felswand Höhe nicht erreicht, Bis dreißigmal die Zeit, seit ihm genommen Der Kirche Segen ward, verflossen ist, Kürzt diese Zeit nicht ab das Flehn der Frommen. Sieh, ob du mir zum Heil gekommen bist, Wenn du Konstanzen, wie du mich gesehen, Entdeckst und ihr verkündest jene Frist, Denn viel gewinnt man hier durch euer Flehen."

Vierter Gesang

Wenn etwas, was uns wohltut oder kränkt, Uns eine Seelenkraft in Aufruhr brachte, Und sich die Seel in diese ganz versenkt, Dann scheints, als ob sie keiner andern achte; Und dies beweist genugsam gegen den, Der uns belebt von mehrern Seelen dachte. Indem wir etwas hören oder sehn, Was stark uns anzieht, ist die Zeit verschwunden, Bevor wirs glauben und es uns versehn. Denn anders wird die Kraft, die hört, empfunden, Und anders unsrer Seele ganze Kraft; Frei ist die erste, diese scheint gebunden. Davon erhielt ich jetzo Wissenschaft— Indessen ich gehorcht und stillgeschwiegen, Weil Staunen mir die Seele hingerafft, War fünfzig Grad die Sonn emporgestiegen, Eh ichs bemerkt—da ward ein Ruf mir kund Von den gesamten Seelen: "Seht die Stiegen!" Die Öffnung, die mit einem Dorngebund, Wenn sich die Traube bräunt, die Winzer schließen, Ist weiter oft als hier der Felsenschlund, Durch welchen uns die Seelen klimmen hießen. Er vor, ich folgend, stiegen wir allein Den Felsweg, da die ändern uns verließen. Empor zu Bismantova und bergein Bei Noli kann man auf den Füßen dringen, Doch wer hier aufstrebt, muß beflügelt sein; Ich meine, mit der großen Sehnsucht Schwingen, Die mich dem Führer nachzog mit Gewalt, Der Licht mir gab und Hoffnung zum Gelingen. Wir stiegen innerhalb dem Felsenspalt, Von ihm bedrängt, und fanden kaum mit Händen Und Füßen unter uns am Boden Halt. Nachdem wir aus den rauhen. schroffen Wänden Emporgelangt zum offenen Gestad, Da fragt ich: "Meister, sprich, wohin uns wendend" Und er: "Mir nach, zur Höhe geht dein Pfad! Rückwärts darf keiner deiner Schritte weichen, Bis irgendwo ein kundger Führer naht!" Den Gipfel konnte kaum der Blick erreichen; Die Seite ging, stolz, senkrecht fast, hinan, Dem Hang der Pyramide zu vergleichen. Ich war bereits ermattet und begann: "O süßer Vater, peinlich wird die Reife! Schau her und sieh, daß ich nicht folgen kann!" "Bis dorthin schleppe dich!" So sprach der Weise Und zeigt auf einen Vorsprung nahe dort, Von dem es schien, daß er den Berg umkreise. Mir war ein Sporn des edlen Meisters Wort, Mit aller Kraft die Reise fortzusetzen; So kroch ich bis zum Bergesgürtel fort. Und dort verweilten wir, um uns zu setzen, Ostwärts, nach dem erklommnen Pfad gewandt, An dem sich gern der Wandrer Blicke letzen. Die Augen kehrt ich erst zum tiefen Strand, Dann als ich sie zur Sonn emporgeschlagen, Die uns zur Linken, Gluten sprühend, stand, Da sah Virgil, daß ich des Lichtes Wagen Anstaunte, weil er zwischen Mitternacht Und unserm Standort schien dahinzujagen, Und sprach: "Wenn jenem Spiegel ewger Macht Castor und Pollux jetzt Begleiter wären, Ihm, welcher auf- und abführt Licht und Pracht, So würd er, kreisend näher bei den Bären, Wenn er vom alten Weg nicht abgeirrt, Mit seiner Glut den Zodiak verklären. Bedenke nur, wenn dich dies Wort verwirrt, Daß dieser Berg mit Zions heilgen Höhen Begrenzt von einem Horizonte wird, Doch beid auf andern Hemisphären stehen; Die Bahn, die Phaethon, der Tor, durchreist, Ist drum von hier zur linken Hand zu sehen, Indes sie dorten sich zur rechten weist— So hoff ich denn, daß du zur klaren Kenntnis, Wenn du wohl aufgemerkt, gefördert seist." "Gewiß, mir ward so klar noch kein Verständnis Als hier," begann ich, "wo mir dein Beweis Ersetzt den Mangel eigener Erkenntnis. Der ewigen Bewegung mittler Kreis, Den man Äquator in der Kunst benannte, Der fest bleibt zwischen Sonn und Wintereis, Zeigt, wie ich wohl aus deiner Red erkannte, Sich nordwärts hier, wie ihn die Juden sahn, Wenn sich ihr Antlitz gegen Süden wandte. Doch sprich, wie weit hinauf geht unsre Bahn? Denn sieh, so hoch, wie kaum die Augen kommen, Steigt ja des Berges Gipfel himmelan." Und er: "Wer ihn zu steigen unternommen, trifft große Schwierigkeit an seinem Fuß, Die kleiner wird, je mehr man aufgeklommen. Drum, wird dir erst die Mühe zum Genuß, Erscheint dirs dann so leicht, emporzusteigen, Als gings im Kahn hinab den muntern Fluß, Dann wird sich bald das Ziel des Weges zeigen, Dann wirst du sanft von deinen Mühen ruhn. Dies ist gewiß, vom andern will ich schweigen." Er sprachs, und eine Stimm ertönte nun Ganz nah bei uns: "Eh ihr so weit gegangen, Wird euch vielleicht zu sitzen nötig tun." Wir sahn dorthin, woher die Wort erklangen, Und linkshin lag ein Felsenblock uns nah, Der bis dahin mir und auch ihm entgangen. Hin schritten wir und fanden Leute da Verdeckt vom Felsen und in seinem Schatten, In welchen ich ein Bild der Trägheit sah. Und einer, wie im gänzlichen Ermatten, Saß dorten und umarmte seine Knie, Die das gesunkne Haupt inmitten hatten. "Der ist gewiß der Faulheit Bruder! sieh," Begann ich, "sieh nur hin, mein süßer Leiter, Denn sicher sahst du einen Trägern nie." Da kehrt er sich zu mir und dem Begleiter, Hob, doch nur bis zum Schenkel, das Gesicht Und sprach: "Bist du so stark, so geh nur weiter." Und da erkannt ich ihn und säumte nicht, Noch atemlos vom Klettern, vorzustreben Bis hin zu ihm, und sah ihn, als ich dicht Schon bei ihm stand, das Haupt kaum merkbar heben. "Zur Linken fährt der Sonnenwagen fort," Begann er nun, "hast du wohl acht gegeben?" Ich mußte lächeln bei dem kurzen Wort Und bei den faulen, langsamen Gebärden; Worauf ich sprach: "Belaqua, dieser Ort Bezeugt mir deutlich, du wirst selig werden. Doch sprich: harrst du des Führers sitzend hier? Wie? oder treibst dus hier noch wie auf Erden?" "Bruder," sprach er, "was hilft das Steigen mir? Ich würde doch zur Qual nicht kommen sollen, Denn Gottes Pförtner weist mich weg von ihr. Hier außen muß um mich der Himmel rollen, So oft als er im Leben tat, da spät Und erst im Tod mein Herz bereuen wollen, Wenn mir nicht früher beispringt das Gebet, Das sich aus gläubger Brust emporgerungen. Was hülf ein andres, da es Gott verschmäht?" Schon war vor mir Virgil hinaufgedrungen, Und rief: "Jetzt komm, schon hat in lichter Pracht Die Sonne sich zum Mittagskreis geschwungen, Und Mauritanien deckt der Fuß der Nacht."

Fünfter Gesang

Schon hatt ich, auf der Spur des Führers steigend, Mich ganz von jenen Seelen abgewandt, Als ein, auf mich mit ihrem Finger zeigend, Mir nachrief: "Seht den untern linker Hand Die Sonne teilen und den Grund beschatten Und tun, als lebt er noch in jenem Land." Sobald mein Ohr erreicht die Töne hatten, Kehrt ich mich ihnen zu, und jene sahn Erstaunt nur mich, nur mich und meinen Schatten. Da sprach Virgil: "Was zieht dich also an, Daß du den Gang zum Gipfel aufgeschoben" Und jenes Flüstern, was hat dirs getan? Was man auch spreche, folge mir nach oben! Steh wie ein fester Turm, des stolzes Haupt Nie wankend ragt, wenn auch die Winde toben. Das Ziel entweicht, dem man sich nah geglaubt, Wenn sich Gedanken und Gedanken jagen Und einer stets die Kraft dem andern raubt." "Ich komme schon!" Was könnt ich anders sagen, Da mich mein Fehler zum Erröten zwang, Das oft mir schon Verzeihung eingetragen? Indessen sahn wir quer am Bergeshang Nah vor uns eine Schar von Seelen kommen, Die Vers für Vers ihr Miserere sang. Wie sie an meinem Leibe wahrgenommen, Daß er den Strahlen undurchdringlich sei, Da ward ihr Sang zum Oh! lang und beklommen. Und, gleich Gesandten, kamen ihrer zwei, Uns beide zu befragen, wer wir wären, In vollem Laufe bis zu uns herbei. Da rief Virgil: "Ihr könnt zurückekehren. Sein Leib ist wirklich ganz von Fleisch und Bein, Und solches mögt ihr jenen dort erklären. Und wenn sie, wie ich glaube, dort allein, Um seinen Schatten anzusehn, verweilen, So wissen sie genug, um froh zu sein." Und schnell hingleitend, wie, gleich Feuerpfeilen, Entflammte Dünste, wenn die Nacht beginnt, Durchs heitere Gewölb des Himmels eilen; So kehrten sie empor, um dann geschwind Sich mit den andern nach uns umzudrehen, Gleich einer Schar, die ohne Zaum entrinnt. "Sieh, viele kommen jetzt, dich anzuflehen, In dichtem Drang," so sprach mein Meister drauf, "Doch geh nur immer fort und horch im Gehen." "O du, der du zum Heil den Berg herauf Die Glieder trägst, die immer dich umfingen," So riefen sie, "hemm etwas deinen Lauf. Sieh, um zur Welt von uns Bericht zu bringen, Uns an—erkennst du Antlitz und Gestalt? Was weilst du nicht? Was eilst du, vorzudringen? Getötet sind wir alle durch Gewalt. Der Sünd uns bis zur letzten Stunde weihend, Allein im Tod von Himmelsglanz umwallt, Verstarben wir, bereuend und verzeihend, Und fühlten Gottes Frieden und das Licht, Nach seinem Anschaun Sehnsucht uns verleihend." Und ich: "Zwar kenn ich keinen von Gesicht, Doch fordert nur, ihr, die ihr wohl geboren, Und das, was ich vermag, verweigr ich nicht. Bei jenem Frieden sei es euch beschworen, Den ich, fortklimmend auf des Führers Spur, Von Welt zu Welt, zum Ziele mir erkoren." Darauf begann der eine: "Hindert nur Nicht Ohnmacht deinen Willen, so vertrauen Wir dem, was du versprachst, auch ohne Schwur. Und solltest du, ein Lebender, die Auen Der Mark Ankona jemals wiedersehn So will ich fest auf deine Güte bauen. Laß die von Fano gläubig für mich flehn, Daß mir gestatten himmlische Gewalten, Zur Reinigung von schwerer Schuld zu gehn. Von dort war ich—allein die tiefen Spalten, Woraus das Blut, in dem ich lebte, floß, Hab ich in Paduas Bezirk erhalten, Des Schoß mich, den Vertrauenden, umschloß. Zum Mord hatt Este den Befehl gegeben, Der mehr der Gall, als Recht, auf mich ergoß. Den Mordstahl sah ich bei Oriac sich heben, Doch wenn ich Mira mir zur Flucht erkor, So würd ich dort noch, wo man atmet, leben. Ich lief zum Sumpf, und dort, in Schlamm und Rohr, Verstrickt ich mich und fiel und sah die Erde Rings um mich her gemacht zum blutgen Moor." Ein andrer: "Wie dein Wunsch befriedigt werde, Des Fittich hin zum Bergesgipfel fleugt, So kürz auch mir mitleidig die Beschwerde. In Montefeltro hat mich Guid erzeugt; Ach wenn Johannen noch mein Schicksal rührte, Nicht ging ich mehr mit diesem hier gebeugt." "Welche Gewalttat, welch Verhängnis führte," So sprach ich, "dich so weit vom Campaldin, Daß niemand noch bis jetzt dein Grab erspürte." "Oh," sprach er drauf, "am Fuß des Casentin Strömt vor der Archian, ein Fluß, entsprungen Beim Kloster oberhalb im Apennin. Bis dorthin, wo sein Namenslaut verklungen, Floh ich, durchbohrt den Hals, zu Fuße fort; Und blutleer schon, von Todesfrost durchdrungen, Verlor ich dorten Augenlicht und Wort, Um in Marias Namen wohl zu enden, Und fiel und ließ die leere Hülle dort. Da fühlt ich mich in eines Engels Händen, Doch schreiend fuhr ein Teufel auch herzu: "Wie, du vom Himmel, willst mir den entwenden? Wahr ists, was ewig ist, erbeutest du Nur durch ein Tränlein, das ihn mir entzogen, Doch gönn ich nun dem andern keine Ruh." Du weißt, wenn feuchten Dunst emporgezogen Die Sonne hat, so stürzt er, wenn ihn dann Die Kälte faßt, zurück in Regenwogen. Zum Willen nun, der stets nur Böses sann, Fügt er Verstand, und Rauch und Sturm erregte Die Kraft in ihm, die sie erregen kann. Als drauf der Tag erloschen war, belegte Er Pratomagnos Tal mit schwarzem Duft, Der vom Gebirg sich drohend herbewegte. Zu Fluten wurde nun die schwangre Luft, Zum Strombett rann, was von den Regengüssen Der Grund nicht trank, hervor aus Tal und Kluft. Der Archian, gleich andern großen Flüssen, Ergoß zum Königsstrom den Sturmeslauf, Dem Fels und Baum zertrümmert weichen müssen. Wie nun den starren Leib, nicht weit herauf Von seiner Mündung, jene Flut gefunden, Da löste sie das Kreuz am Busen auf, Das ich gemacht, da Schmerz mich überwunden, Und wirbelte zum Strom die träge Last. Dort liegt sie nun im Grund, von Schlamm umwunden." Als drauf der dritte Geist das Wort gefaßt, Sprach er: "Wenn du, zur Welt zurückgekommen, Erst ausgeruht vom langen Wege hast, So laß dein Hiersein auch der Pia frommen. Siena gebar, Maremma tilgte mich, Und er, von dem ich einst den Ring bekommen, Der Treue Pfand, er weiß, wie ich erblich."

Sechster Gesang

Wenn Spieler sich vom Würfelspiel entfernen, Bleibt, der verlor, betrübt und ärgerlich Und wirft und wirft, ums besser zu erlernen Doch alles drängt um den Gewinner sich. Der folgt und sucht, wie er sein Kleid erlange, Ein andrer, seitwärts, spricht: Gedenk an mich. Doch er verweilt nicht, hört auf keinen lange, Und wem er etwas gibt, der macht sich fort; So kommt er los vom lästigen Gedrange. So war ich in dem dichten Haufen dort, Und mußte hier den Kopf und dorthin wenden Und löste mich durch manch Verheißungswort; Sah Benincasa, der den Wütrichshänden Des Ghin erlag, und sah darauf auch ihn, Des Los war, jagend in der Flut zu enden. Novelle bat mich flehend, zu verziehn; Auch der von Pisa dann, durch den der gute, Der wackere Marzucco stark erschien. Graf Orfo auch, und der im Frevelmute Vertilgt ward, wie er sagt, aus Neid und Groll, Nicht weil auf ihm ein schwer Verbrechen ruhte, Den Broccia mein ich—mag sich demutsvoll Zur Reue die Brabanterin bequemen, Wenn sie zu schlechterm Troß nicht kommen soll. Kaum war ich frei von allen jenen Schemen, Die dort mich angefleht, zu flehn, daß sie Zur Heiligung mit größrer Eile kämen; Da sprach ich: "Du, der stets mir Licht verlieh, Hast irgendwo in deinem Werk geschrieben, Den Schluß des Himmels beuge Flehen nie. Doch hörtest du, wozu mich diese trieben. Täuscht nun vielleicht die Hoffnung diese Schar? Ist unklar mir vielleicht dein Sinn geblieben?" "Nicht täuscht sie Hoffnung, und mein Wort ist klar," So sprach er drauf, "du magst es nur betrachten Mit hellem Geist, so wird dirs offenbar. Ist für gebeugt das strenge Recht zu achten, Wenn das erfüllt der Liebe heißer Trieb, Was jenen oblag und sie nicht vollbrachten? Da, wo ich jenen Grundsatz niederschrieb, Da sühnte man durch Bitten keine Sünden, Weil ungehört von Gott die Bitte blieb. Doch kannst du jetzt so tiefes nicht ergründen, So harr auf sie, die zwischen deinem Geist Und ewger Wahrheit wird ein Licht entzünden. Beatrix ists, wenn dus vielleicht nicht weißt, Die Lächelnde, Beglückte, die zu sehen Des hohen Berges Gipfel dir verheißt." Und ich: "Mein Meister, laß uns schneller gehen! Mir kehrt die Kraft, die kaum noch unterlag, Und sieh, schon werfen Schatten jene Höhen." "Wir gehn soweit als möglich diesen Tag," Entgegnet er, "doch andres wirst du finden, Als eben jetzt dein Geist sich denken mag. Die Sonne, deren Strahlen jetzt verschwinden, So, daß zugleich dein Schatten flieht, sie kehrt, Bevor wir uns empor zum Gipfel winden. Doch eine Seele sieh, uns zugekehrt, Allein, betrachtend, wie du dich bewegtest. Gewiß, daß sie den nächsten Weg uns lehrt." O Geist von Mantua, wie du lebend pflegtest, So bliebst du stolzen, strengen Angesichts, Indem du langsam ernst die Augen regtest. Er ließ uns beide gehn und sagte nichts, Gleich einem Leun, der ruht, uns still betrachtend Mit scharfem Strahle seines Augenlichts. Allein Virgil, nur nach der Höhe trachtend, Befragt ihn: "Wo erklimmt man diese Wand?" Doch jener, nicht auf seine Fragen achtend, Fragt uns nach unserm Leben, unserm Land. Und: "Mantua"—begann nun mein Begleiter; Da hob der Schatten, erst in sich gewandt, Sich schnell vom Sitz und ward teilnehmend heiter. "Sordell bin ich, dein Landsmann!" rief er aus, Und, selbst umarmt, umarmt er meinen Leiter— Italien, Sklavin, Schlund voll Schmerz und Graus, Schiff ohne Steurer auf durchstürmten Meeren, Nicht Herrscherin der Welt, nein, Hurenhaus; Wie sah ich jenen Schatten dort, den hehren, Beim süßen Klange seiner Vaterstadt Hereilen, um den Landsmann froh zu ehren. Doch deine Lebenden sind nimmer satt, Im tollen Kampf sich wechselweis zu morden, Selbst die umschlossen eine Mauer hat. Elende, such an deinen Meeresborden, Im Innern such und keinen Winkel letzt Des Friedens Glück im Süden und im Norden. Was hilft dirs, da dein Sattel unbesetzt, Daß Justinian die Zügel dir erneute? Ohn ihn wär minder deine Schande jetzt. Ihr hattet längst mit frommem Sinn, ihr Leute, Zu Cäsars Sitz den Sattel eingeräumt, Verstündet ihr, was Gottes Wort bedeute. Seht, wie das wilde Tier sich tückisch bäumt, Seit niemand es die Sporen fühlen lassen, Und ihr es, die ihrs zähmen wollt, entzäumt. O deutscher Albrecht, der dies Tier verlassen, Das drum nun tobt in ungezähmter Wut, Statt mit den Schenkeln kräftig es zu fassen, Gerechtes Strafgericht fall auf dein Blut Vom Sternenzelt, auch sei es neu und offen, Dann ist dein Folger wohl auf seiner Hut. Was hat dich und den Vater schon betroffen, Weil ihr, verödend diese Gartenaun, Nach jenseits nur gestellt das gierge Hoffen. Komm her, der Philipeschi Stamm zu schaun Leichtsinniger, komm, sieh die Cappelletten, Die schon gebeugt, und die voll Angst und Graun! Komm, Grausamer, die Treuen zu erretten! Sieh, ungestraft drängt sie der schnöde Feind! Sieh Santafior in wilder Räuber Ketten! Komm her und sieh, wie deine Roma weint, Und höre Tag und Nacht die Witwe stöhnen: Mein Cäsar, ach, warum nicht mir vereint? Komm her und sieh, wie alle sich versöhnen, Komm her, und fühlst du dann auch Mitleid nicht, So schäme dich, daß alle dich verhöhnen. Verzeih, o höchster Zeus im ewgen Licht, Der du für uns gekreuzigt wardst auf Erden, Ist anderwärts gewandt dein Angesicht? Wie? oder soll aus schrecklichen Beschwerden, Ein neues Heil, von keinem Aug entdeckt, Nach deinem tiefen Rat bereitet werden? Wie voll Italien von Tyrannen steckt! Will sich ein Bauer der Partei verschwören, Gleich heißts von ihm, Marcell sei auferweckt. Du, mein Florenz, du kannst dies ruhig hören, Da dieser Abschweif nimmer dich berührt. Nie ließ sich ja dein wackres Volk betören. Gerechtigkeit hegt vieler Herz, nur spürt Man etwas spät, wie sehr es ihr gewogen, Indes dein Volk sie stets im Munde führt. Wenn Bürgerämtern viele sich entzogen, Nimmt sie dein Volk freiwillig an und schreit: Seht her, mich hat die Bürde krumm gebogen! Nun freue dich, wenn du verdienest Neid, Du Reiche, du Friedselige, du Weise— Ich red im Ernst, die Wahrheit liegt nicht weit. Man spreche von Athen und Sparta leise! Sollt ihr Gesetz wohl wert der Rede sein, Wie sehr mans anpreist, neben deinem Preise? Das, was du vorkehrst, ist gar dünn und fein; Denn wenn dus im Oktober angesponnen, Zerreißt es im November kurz und klein. Wie oft hast du geendet und begonnen, Hast über Münz und Art, Gesetz und Pflicht, Und Haupt und Glieder anders dich besonnen; Bist du nicht völlig blind für jedes Licht, So mußt du dich gleich einer Kranken sehen. Ruh findet sie auf ihren Kissen nicht Und wendet sich, den Schmerzen zu entgehen.

Siebenter Gesang

Nachdem sie würdig und voll Freudigkeit Drei-, viermal mit den Armen sich umgaben, Da trat Sordell zurück: "Sprecht, wer ihr seid?" "Eh sich zu diesem Berg gewendet haben Die Seelen, welche Gott zu schauen wert, Hat Octavianus mein Gebein begraben. Ich bin Virgil.—Des Himmels Eingang wehrt Mir Glaubensmangel nur, nicht andre Sünde," So sprach Virgil, als jener es begehrt. Als ob ein Wunder plötzlich hier entstünde, Bei dem man sagt: Es ist! dann: Es ist nicht! Und staunend glaubt, und nicht, daß mans ergründe; So schien Sordell—dann neigt er das Gesicht, Worauf er zu den Knien Virgils sich beugte Und ihn umflocht, wo man den Herrn umflicht. "O Latiums Ruhm, du, dessen Werk bezeugte, Wie reich die Sprache sei an Kraft und Zier, O ewger Preis der Stadt, die mich erzeugte, Bringt mein Verdienst, mein Glück dich her zu mir? Und wenn ich wert mich solcher Huld erweise, So sprich, auf welchem Wege bist du hier?" Virgil darauf: "Ich kam durch alle Kreise Des wehevollen Reichs in dieses Land, Und Himmelskraft bewegte mich zur Reise. Nicht Tun, nein. Nichttun nur, hat mich verbannt, Hinab verbannt von hoher Sonne Strahlen, Die du ersehnst, die ich zu spät erkannt, Zu jenen tiefen nachterfüllten Talen, Zum Ort, wo leises Seufzen nur ertönt, Nicht Weheruf, noch Angstgeschrei von Qualen; Wo um mich her die Schar der Kindlein stöhnt, Die ungetauft aus jener Welt geschieden, Mit Gott für Adams Schuld noch unversöhnt. Wo die sind, die mit irdschem Wert zufrieden, Die Tugenden, bis auf die heilgen Drei, Sämtlich geübt und jede Schuld gemieden. Doch, wenn du kannst, so bring uns Kunde bei, Um schneller uns zu unserm Ziel zu leiten, Wo wohl der Läutrung wahrer Anfang sei." Und er: "Ich darf umher und aufwärts schreiten, Denn kein gewisser Ort ist uns bestimmt. Soweit ich gehn darf, will ich dich begleiten. Doch sieh, wie schon des Tages Licht verglimmt, Drum ist auf guten Aufenthalt zu sinnen, Weil man bei Nacht nicht in die Höhe klimmt. Dort rechts sind Seelen, nicht gar weit von hinnen; Zu diesen, wenn du einstimmst, führ ich dich, Und denke wohl, du wirst dabei gewinnen."— Virgil: "Wenns Nacht wird, steigt man nicht? So sprich, Erliegt vielleicht die Kraft dann der Beschwerde? Wie, oder widersetzt dann jemand sich?" Mit seinem Finger streifte nun die Erde Sordell und sprach: "Nicht hoffe, daß bei Nacht Dein Fuß den Strich nur überschreiten werde. An Steigen hindert sonst dich keine Macht Als Dunkelheit, die, wie sie uns ermattet, Verwirrt durch Ohnmacht unsern Willen macht. Hinabzugehn und rückwärts ist gestattet, Und irrend ringsumher zu gehn am Bord, Wenn auch ihr Schleier noch die Welt umschattet." Mein Meister stand erst wie bewundernd dort; "Wie du versprachst," So hört ich drauf ihn bitten, "Geleit uns an den angenehmen Ort." Wir waren eben noch nicht weit geschritten, Da war ein hohler Raum am Berg zu sehn, Ein Tal, das dort den Felsenrand durchschnitten. "Dorthin", So sprach der Schatten, "laß uns gehn, Seht dort den Berg von einer Höhlung teilen, Dort sehen wir den Morgen auferstehn." Ein krummer Fußpfad führte zwischen steilen Felshöhn und Ebene zum Rand der Schlucht, Da hieß Sordell am Abhang uns verweilen. Gold, feines Silber und des Coccums Frucht, Bleiweiß und Indiens Blau in hellster Reine, Smaragd, zerbrochen kaum—in dieser Bucht, Bei dieses Grases, dieser Blumen Scheine Schwänd ihrer Farben ganzer Glanz dahin, Wie seinem Größern unterliegt das Kleine; Nicht war Natur allein hier Malerin, Mit laufend wunderbar gemischten Düften Ergötzte sie auch des Geruches Sinn. Salve, Regina, tönt es in den Lüften Von Seelen auf dem blumenreichen Beet, Versteckt hierinnen zwischen Felsenklüften. "Bevor die Sonne ganz zu Rüste geht, Gehn", sprach Sordell, "wir nicht hinab zu ihnen, Denn, wenn ihr hier auf diesem Felsen steht, Erkennt ihr besser aller Art und Mienen, Als sie im Tale selber, im Gedrang So vieler großer Schatten euch erschienen. Der höher sitzt und scheint, als hätt er lang Versäumt, wozu ihn seine Pflicht verbunden, Und nicht den Mund regt bei der andern Sang, Jst Kaiser Rudolf, der Italiens Wunden Zu heilen zwar vermocht, doch nicht geheilt, So daß es spät durch andre wird gefunden. Der, dessen Anblick jetzt ihm Trost erteilt, Einst Herr des Landes, das der Fluß durchschneidet, Der in die Elb, in ihr zur Meerflut eilt, Hieß Ottokar—mit Windeln noch umkleidet, Weit besser doch, als Wenzeslaus, sein Sohn, Der Bärtge, der an Üppigkeit sich weidet. Der Kleingenaste dort—von Reich und Thron Scheints, daß er mit dem andern, Gütgen spreche— Starb fliehend, zu der Lilien Schmach und Hohn. Er schlägt die Brust, als ob das Herz ihm breche. Den andern fehl—es ruhet sein Gesicht In seiner aufgestützten Linken Fläche. An Frankreichs Aussatz, an den Bösewicht, Den Sohn und Eidam, denken sie, des Leben Voll Schmutz und Schmach sie feindlich quält und sticht Den Gliederstarken sieh! Mit dem daneben, Dem Adlernasgen, singt er im Akkord Und ragt einst hoch in jedem wackern Streben. Und könnt, als er verstarb, der Jüngling dort, Der hinten sitzt, den Königsthron ererben, So ging von Stamm zu Stamm die Tugend fort. Jakob und Friederich, die andern Erben, Sie sollten zwar des Thrones Herrlichkeit, Doch nicht des Vaters bessres Gut erwerben. Denn selten nur soll Menschenredlichkeit, Nach Gottes Schluß, neu aus der Wurzel Schlagen, Weil er sie nur auf frommes Flehn verleiht. Dem Adlernasgen ist dies auch zu sagen, So gut als feiern, welcher mit ihm singt, Weshalb Provence und Puglien sich beklagen, Weil so viel schlechtem Keim sein Same bringt, Als höher sich Konstanzas Gatt im Preise Vor Beatrixens und Margretens schwingt. Den König seht von schlichter Lebensweise, Der einsam sitzt, Heinrich von Engelland, Vergnügt, daß sich ihm gleich sein Sproß erweise. Der tiefer sitzt, den Blick emporgewandt, Ist Markgraf Wilhelm, welchen noch die Seinen In Montferrat, in Canaveser Land Und Alessandrias Tück und Krieg beweinen.

Achter Gesang

Die Stunde war es, die zu stillem Weinen Vor Heimweh den gerührten Schiffer zwingt, Am Tag, da er verließ die teuren Seinen, Die Liebesleid dem neuen Pilgram bringt, Wenn fernher, klagend ob des Tags Erbleichen, Der Abendglocken Trauerlied erklingt. Jedweder Laut schien mit dem Licht zu weichen, Und eine von den Seelen trat hervor Und heischt Aufmerksamkeit mit einem Zeichen Und naht und hob die beiden Händ empor, Als sagte sie: Du, Gott, nur bist mein Trachten! Indem ihr Blick im Osten sich verlor. Te Lucis Ante—diese Worte brachten Dann ihre Lippen vor. So fromm, so schön, Daß sie mich meiner Selbst vergessen machten. Mit andachtsvollem lieblichem Getön Stimmt ein der Chor zu reicher Wohllauts Fülle, Den Blick emporgewandt zu Himmelshöhn. Die Wahrheit liegt hier unter leichter Hülle; Ist, Leser, jetzt dein Blick nur scharf und klar, So wirst du leicht erspähn, was sie verhülle. Demütig, bleich, sah ich die edle Schar Nach oben schaun, erwartungsvoll und schweigend, Und sah aus himmlischem Gewölb ein Paar Von Engeln durch die Luft herniedersteigend, Zwei Flammenschwerter zwar in ihrer Hand, Allein mit abgebrochnen Spitzen zeigend; Grün wie das Laub, das eben erst entstand, Und, von der grünen Flügel Wehn getrieben, Nach hinten zu leicht flatternd das Gewand. Der eine blieb nah über uns, und drüben, Jenseit des Tales, blieb der andre stehn, So, daß die Schatten in der Mitte blieben. Ich konnte wohl die blonden Häupter sehn, Doch am Gesicht verging mein Blick, geblendet, Wie oft die Sinn am Übermaß vergehn. "Dies Paar ist aus Marias Schoß gesendet, Zur Hut des Tales, weil die Schlange naht." So sprach Sordell, uns beiden zugewendet. Und ich, der ich nicht wußt, auf welchem Pfad, Ich schaut umher, indem ich starr vor Grauen Fest an des treuen Führers Rücken trat. Sordell begann aufs neu: "Geht mit Vertrauen Jetzt zu den Großen hin und sprecht sie an, Denn lieb wirds ihnen sein, euch hier zu schauen. Ich war im Grund, wie ich drei Schritt getan, Und nach mir forschend spähn sah ich den einen, Als sah er ein bekanntes Antlitz nahn. Schon schwärzte sich die Luft, doch zwischen seinen Und meinen Blicken ließ sie, nah, was sich Vorher durch sie verschlossen, klar erscheinen. Nun ging ich auf ihn zu und er auf mich. "Mein edler Richter Nin, o welch Vergnügen! Hier—nicht bei den Verdammten—find ich dich!" Kein schöner Gruß ward zwischen uns verschwiegen. Und er: "Wann bist du aus dem weiten Meer Am Fuße dieses Berges ausgestiegen?" "Heut morgen kam ich aus der Hölle her", Entgegnet ich, "und bin im ersten Leben, Doch suche hier des künftigen Gewähr." Und wie ich ihnen den Bescheid gegeben, Da fuhr Sordell und er zurück, verstört, Als halt ein Wunder plötzlich sich begeben, Der dem Virgil, der einem zugekehrt, Der dorten saß, am grünen Talgestade: "Auf, Konrad, sieh, was uns der Herr beschert." Und drauf zu mir: "Erwies besondre Gnade Dir der, des erster Grund verborgen ruht, Wohin kein Geist je findet Furt und Pfade, So sag einst jenseits dieser weiten Flut Meiner Johanna, daß sie für mich flehe, Zu ihm, der nach dem Flehn der Unschuld tut. Nicht liebt die Mutter wohl mich noch wie ehe, Da sie den Witwenschleier abgelegt, Nach dem sie bald sich sehnt in ihrem Wehe. An ihr sieh, wie ein Weib zu lieben pflegt, Wenn ihre Liebesglut nicht um die Wette Jetzt Anschaun, jetzt Betastung, neu erregt. Gewiß wird einstens ihre Grabesstätte Von Mailands Schlange nicht so schön geschmückt, Als sie geschmückt der Hahn Galluras hätte." Er sprachs, und ihm im Antlitz ausgedrückt War ein gerechter Eifer, der dem Weisen Wohl durch das Herz, doch nur gemäßigt, zückt. Ich blickte sehnlich nach des Himmels Kreisen Dorthin, wo träger ist der Sterne Lauf, So wie, der Achse nah, des Rades Kreisen. Mein Führer sprach: "Was blickst du dort hinauf?" Und ich: "Nach den drei Lichtern, denn mit ihnen Geht ja am ganzen Pol ein Feuer auf." Und er: "Die vier, die dir heut morgen schienen, Sind tief jetzt unterm Horizont versteckt, Und diese sind an ihrer Stell erschienen." Hier ward ich durch den Ruf Sordells erschreckt: "Den Widersacher seht!" Er sprachs und zeigte Zur Gegend hin, den Finger ausgestreckt, Wo sich das kleine Tal geöffnet neigte; Dort war die Schlange, die wohl jener glich, Die Even einst die bittre Speise reichte. Wie sie daher durch Gras und Blumen strich, Hob sie von Zeit zu Zeit den Kopf zum Rücken Verdreht empor und leckt und putzte sich. Nicht sah ich und vermags nicht auszudrücken, Wie die zwei Engel sich bewegt zum Flug, Doch deutlich sah ich sie herniederzücken. Und wie ihr Flügelpaar die Lüfte schlug, Entfloh die Schlang, und jene beiden flogen Zu ihrem Platz zurück in gleichem Zug. Der Schatten, der von Ninos Ruf bewogen Sich uns genähert, hatte bei dem Strauß Die Blicke nimmer von mir abgezogen. "Die Leuchte, die dich führt zu Gottes Haus, Sie find in deinem Willen und Verstande Ihr Öl und gehe bis zum Ziel nicht aus." So sprach er, "doch wenn von der Magra Strande Du wahre Kunde hast, so gib sie mir, Denn wiss, ich war einst groß in seinem Lande. Corrado Malaspina spricht mit dir, Der Alte bin ich nicht, doch ihm entsprungen; Die Meinen liebt ich stets, doch reiner hier." "Oh," sprach ich, "nimmer noch ist mirs gelungen, Dies Land zu sehn, allein sein Nam und Wert Ist, wo man in Europa sei, erklungen. Der Ruf, der euer Haus erhebt und ehrt, Schallt zu der Herrn, schallt zu des Landes Preise, So daß, wer dort nicht war, davon erfährt. Ich schwör es dir beim Ziele meiner Reise, Daß dein Geschlecht in voller Blüte steht, Des Muts, der Gastlichkeit, der edlen Weise. Und wenn die Tollheit alle Welt verdreht, Sitt und Natur wird ihm den Vorzug schenken, Daß es allein den schlechten Weg verschmäht." Und er: "Jetzt geh, nicht siebenmal versenken Wird sich die Sonn im Bett an jenem Ort, Den ringsumher des Widders Füß umschränken, So wird dir diese gute Meinung dort In deinem Kopfe festgenagelt werden, Mit bessern Nägeln als mit andrer Wort, Wird nicht des Schicksals Lauf gehemmt auf Erden."

Neunter Gesang

Schon Thithons Buhlerin, entgleitend Dem Arm des süßen Freunds und einen Kranz Von weißem Licht im Orient verbreitend, Geschmückt die Stirn mit der Demanten Glanz, Die jenes kalten Tiers Gestaltung zeigen, Das tödlich sticht mit seinem giftgen Schwanz. Zwei Schritte hatte, wo ich war, im Steigen Die Nacht getan, um sich beim dritten jetzt Mit ihren Fittichen herabzuneigen, Als meine Sinne, da ich herversetzt Mit Adams Erbschaft war, dem Schlaf erlagen Und ich ins Gras sank, wo wir uns gesetzt. Zur Stunde war es, wo mit bangen Klagen, Wenn sich der Morgen naht, die Schwalbe girrt, Vielleicht gedenkend ihrer ersten Plagen, Und wo der Geist, vom Leibe nicht verwirrt, Frei und entledigt von den Sorgen allen, Im Traumgesicht beinahe göttlich wird. Da sah ich, träumend, an des Himmels Hallen Mit goldenem Gefieder einen Aar, Gespreizt die Flügel, um herabzufallen. Mir schiens der Ort, wo Ganymedes war, Als er, indem die Seinen ihn umfingen, Entrückt ward zu der ewgen Götter Schar. "Er pflegt vielleicht sich hier herabzuschwingen", So dacht ich, "und verschmäht, von anderm Ort In seinen Klauen uns emporzubringen." Ein wenig kreist er erst im Bogen dort, Dann schoß er, schrecklich, wie ein Blitz, hernieder Und riß mich bis zum Feuer aufwärts fort. Mir schien, ich brenn, auch brenne sein Gefieder, Und ganz erglüht von dem erträumten Brand, Erwacht ich jäh aus meinem Schlummer wieder. So fuhr Achill empor im fremden Land Und drehte dann die wachen Blick im Kreise, Weil er nicht wußte, wo er sich befand, Als Thetis ihn im Schlaf dem Chiron leise Entführt und ihn nach Skyros hingebracht, Von wo Ulyß ihn rief zur großen Reise; Wie ich emporfuhr, da ich aufgewacht; Doch fühlt ich Frost sich über mich verbreiten, Gleich einem, den der Schreck erstarren macht. Mein treuer Hort allein war mir zur Seiten— Zwei Stunden aufwärts stieg die Sonne schon Und vor mir lagen frei des Meeres Weiten. Da sprach mein Herr: "Nicht fürchte dich, mein Sohn. Mut, denn uns ist das Schwerste nun gelungen, Drum halte fest die Kraft, die fast entflohn. Zum Fegefeuer bist du nun gedrungen. Den Felsen sieh, ders einschließt—sieh das Tor Dort, wo, wies scheint, der Stein entzweigesprungen, Noch glänzt Aurora nicht dem Tage vor, Du aber lagst, den Geist vom Schlaf befangen, Im Tale dort auf jenem Blumenflor, Da kam ein Himmelsweib dahergegangen. Lucien seh—den Schläfer nehm ich fort, Und leichter soll er so zum Ziel gelangen. Sordell blieb mit den andern Seelen dort; Sie faßte dich, und als der Tag begonnen, Stieg sie empor mit dir an diesen Ort. Ich folgt ihr; und als mir ihr Blick voll Wonnen Das Tor gewiesen, legte sie dich hin Und ging, und mit ihr war dein Schlaf entronnen." Gleichwie wir, wenn uns offenen Gewinn Die Wahrheit zeigte. Sorg und Furcht verjagen, Von Mut und Lust erfüllt den freien Sinn, So ich—und da mich frei von Angst und Zagen Mein Meister sah, so schritt er zu den Höhn, Und ich auch stand nicht an, den Gang zu wagen. Sieh, Leser, hier sich meinen Stoff erhöhn, Drum staune nicht, wenn größre Kunst die Worte, Dem Stoff gemäß, sich aussucht, hoch und schön. Wir gingen fort und nahten einem Orte, Der erst als Felsenspalt erschien; doch nah Erkannt ich in der Öffnung eine Pforte. Drei Stufen von verschiednen Farben sah Ich unter ihr, um zu ihr aufzusteigen; Dann auch erkannt ich einen Pförtner da, Der auf der höchsten saß in tiefem Schweigen, Doch wie ich auf sein Antlitz hingewandt Mein Auge hatte, mußt ichs wieder neigen. Er hatt ein nacktes Schwert in seiner Hand, Und wollt ich auf dies Schwert die Blicke kehren, So blitzt es her der Sonne Glanz und Brand. "Von dorten sprecht: Was mögt ihr hier begehren?" Sprach er. "Wer bracht euch bis zu mir empor? Habt acht, sonst wird das Kommen euch beschweren." Mein Meister drauf: "Uns sagte kurz zuvor Ein Weib, vom Himmel selbst dazu berufen: Kehrt dorthin euren Schritt, dort ist das Tor! Da hört ich gleich den edlen Pförtner rufen: "So mögt ihr denn durch sie zum Heile ziehen; Kommt, schreitet weiter vor zu unsern Stufen!" Wir kamen hin—die erste Stufe schien Von Marmor, weiß, von höchster Glätt und Reine, Drin spiegelt ich mich ab, wie ich erschien. Die zweite schien mir von verbranntem Steine, Rauh, lang und quer geborsten und zerschlitzt, Und ihre Farbe schwärzlichdunkle Bräune. Die dritte höchste Stuf erschien mir itzt Wie Porphyr, flammend, gleich des Blutes Quelle, Die frisch und warm aus einer Ader spritzt. Dem Pförtner diente sie zur Ruhestelle Für seine Fuß, und höher saß er dann Auf der durchsichtgen diamantnen Schwelle. Gern folgt ich meinem Führer dorthinan, Der sprach: "Jetzt geh, ihn flehend zu begrüßen, Denn er ists, der das Schloß dir öffnen kann." Demütig sank ich zu des Engels Füßen, Schlug dreimal erst auf meinen Busen mich Und bat ihn, aus Erbarmen aufzuschließen. Mit seines Schwertes scharfer Spitze strich Er sieben P auf meine Stirn und machte Sie wund und sprach: "Dort drinnen wasche dich." Noch, wenn ich Asch und Erdenstaub betrachte, Seh ich des Kleides Farb, aus welchem er Mit seiner Hand hervor zwei Schlüssel brachte. Von Gold war dieser und von Silber der. Den weißen sah ich ihn, den gelben drehen, Und sieh, verschlossen war das Tor nicht mehr. Er sprach darauf: "Trifft einer von den zween Im Schloß beim Umdrehn irgend Widerstand, So bleibt die Türe fest verschlossen stehen. Mehr Wert hat der von Gold, doch mehr Verstand Und Kunst wird jener, eh er schließt, bedürfen, Denn er nur löst das vielverschlungne Band. Beim Öffnen sollt ich eher irren dürfen, Sprach Petrus, der sie gab, als beim Verschluß, Wenn nur, die kämen, erst sich niederwürfen." Er stieß ans heilge Tor und sprach zum Schluß: "So geht denn ein, doch daß euchs nie entfalle, Daß, wer rückblickt, nach außen kehren muß." Beim Öffnen drehte mit so lautem Schalle Die heilge Pfort in ihren Angeln sich, Gemacht von starkem, klingendem Metalle, Daß es dem Knarren jenes Tores glich, Vom Schloß Tarpeja, dessen Riegel sprangen, Als der Gewalt Metell, sein Wächter, wich. Ich horcht aufmerksam hin, denn Stimmen sangen, Und ein Tedeum schien mir, was man sang, Zu welchem volle süße Tön erklangen. Denn das, was jetzt zu meinen Ohren drang, War, wie wenn zu Gesängen Orgeln gehen, Und wir vor ihrem vollen hellen Klang Die Worte halb verstehn, bald nicht verstehen.

Zehnter Gesang

Kaum war ich innerhalb der Tür der Gnade, Die selten aufgeht durch den schlechten Hang, Der grad erscheinen läßt die krummen Pfade, Da hört ich, wie sie beim Verschließen klang. Wie wards auch wohl entschuldigt, wie verziehen, Wenn nach ihr umzuschaun mich Neugier zwang? Wir mußten durch gespaltnen Felsen ziehen, Der vor- und rückwärts sprang vor unsrer Bahn, Wie Wogen sich anwälzen erst, dann fliehen. "Jetzt gilt es", also fing mein Führer an, "Wohl etwas Kunst, um hier und dort den Seiten, Da, wo sie rückwärts weichen, uns zu nahn." Wir durften drum nur Iangsam vorwärts schreiten, Und schon war Lunas Rand dem Meer genaht, Schon sah ich sie hinab ins Bette gleiten, Eh wir zurückgelegt den engen Pfad; Doch blieben wir an seinem offnen Rande, Da, wo der Berg etwas zurücke trat, Ich matt, und fremd wir beid in diesem Lande, In Zweifeln stehn auf einem ebnen Ort, Der öd war wie ein Berg in Lybiens Sande. Von wo sein Rand ans Leere grenzt, bis dort Zum Fuß der Felsen, die sich jenseits heben, Ging ebner Raum drei Menschenlängen fort. Soweit gradaus der Blicke Flügel schweben, schien solch ein Raum zur recht und linken Hand Den Berg, gleich einem Kranze, zu umgeben. Wie ich dort still mit meinem Führer stand, Erkannt ich, daß der Felsrand, uns entgegen, Der steil sich hob, gleich einer schroffen Wand, Von weißem Marmor war und allerwegen Voll Bildnerei, um Polyklet zur Scham, Ja die Natur zum Neide zu erregen. Der mit dem Friedensfchluß, den längst in Gram Die Welt ersehnt, aufs irdische Gefilde, Den lang verschloßnen Himmel öffnend, kam, Der Engel war dort eingehaun, und Milde Und Liebe tat so wahr sein Wesen kund, Daß niemand glaubt, es sei ein stumm Gebilde. Man schwor, ein Ave schweb auf seinem Mund, Denn sie war dort, durch die des Himmels Riegel Der Höchste löst im neuen Liebesbund. Es zeigte der Gebärde reiner Spiegel Das Wort: Sieh Gottes Magd, so ausgeprägt, Wie sich im Wachs ausprägt das schöne Siegel. "Was schaust du", sprach Virgil, "so unbewegt, Als ob nur diesem Bild dein Blick gebührte?"— Ich ging zur Seit ihm, wo das Herz uns schlägt, Daher sich jetzt dorthin mein Auge rührte; Und hinter der Maria war der Stein, Zur andern Seite dessen, der mich führte, Geschmückt mit andern schönen Schilderein. Drum trat ich, vor Virgil vorbeigeschritten, Ihm näher, um zum Schaun bequem zu sein. Der Wagen war, in Marmor eingeshnitten, Die stierbespannte Bundeslade da, Drob ungeheischtes Dienen Straf erlitten. Das Volk voraus, in sieben Chören, sah Ich jubelnd ziehn und sagt ich: Ob sie singen? So sagt ein Sinn mir nein, der andre ja! Sah Weihrauchduft sich in die Lüfte schwingen, Und auch bei diesem Bilde ließen schwer Geruch sich und Gesicht zum Einklang bringen. Im Tanze vor der heilgen Lade her, Sah ich erhöht in Demut den Psalmisten, Der minder hier, als König, war, und mehr, Und, wie erfüllt von Ränken und von Listen, Am Fenster des Palasts mit schnödem Wort spöttisch bewundernd sich die Michal brüsten. Darauf bewegt ich mich von meinem Ort, Um weiterhin ein andres Bild zu schauen, Und sah den edlen Römerherrscher dort Zu hohem Ruhm in Marmor eingehauen, Ihn, der zum großen Siege den Gregor Beseelt mit Kraft und gläubigem Vertrauen. Trajan, den Imperator, stellt es vor, Und eine Witw, ihm in die Zügel fallend, Die, schmerzerfüllt, mit Flehen ihn beschwor. Rings Reiterei gedrängt. Trompeten schallend, —so schiens dem Aug—im goldenen Panier Die Adler drüberhin im Winde wallend. Die Arme schrie mit Macht, so schien es mir: "Verweile, Herr, mir ward der Sohn erschlagen, Du räche mich, die Rache ziemet dir."— So warte, bis ich kehre!" Dies zu sagen schien er, und sie darauf: "Und wenn du nun" (Und ihre Worte schien der Schmerz zu jagen) "Nicht wiederkehrst?"—So wirds mein Folger tun!" "Vertraust du, was dir obliegt, fremden Armen, Mag auch indes die Pflicht vergessen ruhn?"— "So tröste dich," entgegnet er der Armen, "Bevor ich ziehe, lös ich meine Pflicht, Gerechtigkeit gebeuts, mich hält Erbarmen!"— Sichtbar macht er die Red, er, des Gesicht Von Ewigkeit nichts Neues noch gesehen, Doch uns ists neu, weil uns die Kunst gebricht. Indes ich mich ergötzte, hinzuspähen Nach solcher Demut Bildern, deren Wert Noch er erhöht, durch welchen sie entstehen, Da lispelte Virgil, mir zugekehrt: Sieh jene dort, die langsam, langsam schreiten, Von diesen wird uns wohl der Weg gelehrt." Ich ließ, da immer hier nach Neuigkeiten Mein ganzes Streben war, voll Ungeduld Nach dieser Seite hin die Blicke gleiten, Vernimmst du, Leser, wie sich Gott die Schuld Bezahlen läßt, nicht denke drum zu weichen Vom guten Pfad und trau auf seine Huld. Mag diese Qual auch der der Hölle gleichen, Denk an die Folg—im schlimmsten Falle wird Nur bis zum großen Spruch die Marter reichen. Ich sprach: "Nur unklar seh ich und verwirrt, Was dort sich naht. Sinds menschliche Gestalten, Was unstet itzt vor meinem Auge flirrt?"— "Kaum seh ich selbst ihr Bild sich klar entfalten," Entgegnet er, "weil erdwärts tiefgebückt Vor schwerer Last sie Haupt und Schultern halten. Sieh, was dort unter Steinen näher rückt, Sieh scharf, und du entwirrst gequälte Schatten Und siehst genau, was jeden niederdrückt."— Stolze Christen, o ihr Armen, Matten! Der Fuß schlüpft rückwärts, doch, an Geiste blind, Glaubt ihr, vortrefflich geh eur Lauf vonstatten. Bemerkt ihr nicht, daß wir nur Würmer sind, Bestimmt zu jenes Schmetterlings Entfaltung, Des Flug nie der Gerechtigkeit entrinnt. Was tragt ihr hoch das Haupt in stolzer Haltung? Gewürm, das öfters, wenns der Pupp entflieht, Verkrüppelt ist zu schnöder Mißgestaltung; Wie man zuweilen wohl Gestalten sieht, Anstatt des Simses tragend Dach und Decken, Gekrümmt, daß sich das Knie zum Busen zieht, Die im Beschauer wahres Leid erwecken Durch falschen Schmerz—so könnt ich jetzo klar Bei schärferm Hinschaun jene dort entdecken, Den mehr, den minder tiefgebogen zwar, Als ob die Last hier mehr, dort minder wiege, Doch der auch, der am meisten duldsam war, Schien tränenvoll zu sagen: Ich erliege!

Elfter Gesang

"Oh Vater unser, in den Himmeln wohnend, Du, nimmer zwar von ihrer Schrank umkreist, Doch lieber bei den ersten Werken thronend, Es preis deinen Namen, deinen Geist, Was lebt, weil deinem süßen Hauch hienieden Der Mensch nur würdig dankt, wenn er ihn preist. Zu uns, Herr, komme deines Reiches Frieden, Den keiner je durch eigne Kraft errang, Und der zu uns nur kommt, von dir beschieden. Gleichwie die Engel beim Hosiannasang Ihr Wollen auf das Deine nur beschränken, So opfre dir der Mensch des Herzens Hang. Wollt unser täglich Manna heut uns schenken; Zurückgehn ohne dies auf rauher Bahn Die, so am meisten vorzuschreiten denken. Wie wir, was andre Böses uns getan, Verzeihn, oh so verzeih uns du in Hulden Und sieh nicht das, was wir verdienen, an. Nicht laß die schwanke Kraft Versuchung dulden Vom alten Feinde, sondern mache los Von ihm, des Arglist reizt zu Sünd und Schulden. Für uns nicht, teurer Herr, für jene bloß Geschieht, tut not die letzte dieser Bitten, Die dort noch sind in unentschiednem Los." So für sich selbst, für uns auch betend, schritten Die Schatten langsam unter schwerer Last, Wie man im Traum oft ihren Druck erlitten, Im ersten Kreise, der den Berg umfaßt; Sie läutern sich vom Erdenqualm und tragen Ungleiche Bürden, matt, doch ohne Rast. Wenn stets für uns dort jene Gutes sagen, Was kann für sie von solchen hier geschehn, Die Wurzeln schon im bessern Sein geschlagen? Sie unterstütze treulich unser Flehn, Daß sie der Erdenschuld sich bald entringen Und leicht und rein die Sternenkreise sehn. "Euch möge Recht und Huld Erleichtrung bringen, Um zu dem Ziel, daß euch die Sehnsucht zeigt, Mit freien Flügeln bald euch aufzuschwingen. Ihr aber zeigt uns, wo man aufwärts steigt, Weist uns den Weg, und gibt es mehr als einen, So lehrt uns den, der minder steil sich neigt. Denn dieser hier, mit Fleisch und mit Gebeinen Von Adam her bekleidet und beschwert, Muß wider Willen träg im Steigen scheinen." So sprach mein Führer, jenen zugekehrt, Und diese Rede ward darauf vernommen, Doch wußt ich nicht, von wem ich sie gehört. "Ihr könnt mit uns zur rechten Seite kommen, Dort ist ein Paß, nicht steiler, als der Fuß Des Lebenden schon anderwärts erklommen. Und drückte nicht der Stein nach Gottes Schluß Den stolzen Nacken jetzt der Erd entgegen, So daß ich stets zu Boden blicken muß, So würd ich nach ihm hin den Blick bewegen, Zu sehn, ob ich ihn, der sich nicht genannt, Erkenn, und um sein Mitleid zu erregen. Wilhelm Aldobrandeschi, der dem Land, Das ihn geboren, Ruhm und Ehre brachte, Erzeugte mich, und ist euch wohl bekannt. Das alte Blut, der Ruhm der Ahnen machte So übermütig mich und stolz und roh, Daß ich nicht mehr der Mutter aller dachte. Und ich verachtete die Menschen so, Daß ich drum starb, wie die Sanesen wissen Und jedes Kind in Campagnatico. Omberto bin ich; nicht nur mein Gewissen Befleckt der Stolz, er hat auch alle schier Von meinem Stamm ins Elend fortgerissen. Bis ich dem Herrn genugtat, ruht auf mir Die schwere Last, und was ich dort im Leben Nicht tat, daß tu ich bei den Toten hier." Ich horcht und ging gesenkten Blicks daneben, Ein andrer aber, unterm Steine, fing sich an zu winden, um den Blick zu heben. Er sah, erkannt und nannte mich und hing, Kaum fähig, doch den Blick vom Grund zu trennen, An mir, der ganz gebückt mit ihnen ging, "Du Odrisl" rief ich, froh, ihn zu erkennen, Scheinst Gubbios Ruhm, der Ruhm der Kunst zu sein, Die Miniaturkunst die Pariser nennen." "Ach, Bruder, heitrer sind die Schilderein," Versetzte jener, "Franks, des Bolognesen, Sein ist der Ruhm nun ganz, zum Teil nur mein. So edel war ich, lebend, nicht gewesen, Dies zu gestehn, denn ach! vor Ruhmgier schwoll Damals mein stolzes Herz, mein ganzes Wesen. Fürs solchen Stolz bezahlt man hier den Zoll. Wo ich, weil ich bereute, durch Beschwerden Von seinem finstern Dampf mich läutern soll. O eitler Ruhm des Könnens auf der Erden! Wie wenig dauert deines Gipfels Grün, Wenn roher nicht darauf die Zeiten werden. Als Maler sah man Cimabue blühn, Jetzt sieht man über ihn den Giotto ragen, Und jenes Glanz in trüber Nacht erglühn. Den Ruhm der Sprache nahm in diesen Tagen Ein Guid dem andern, und ein andrer lauscht Vielleicht versteckt, auch ihn vom Nest zu jagen. Ein Windstoß nur ist Erdenruhm. Er rauscht Von hier, von dort, um schleunig zu verhallen, Indem er Seit und Namen nur vertauscht. Wird lauter wohl dereinst dein Ruhm erschallen, Wenn du als Greis vom Leib geschieden bist, Als wenn du stirbst beim ersten Kinderlallen, Eh tausend Jahr entfliehn?—wohl kürzre Frist Zur Ewigkeit, als zu dem trägsten Kreise Des Himmels deines Auges Blinken ist. Ganz Tuscien scholl einst laut von dessen Preise, Der dort vor mir so träg und langsam schleicht, Jetzt flüsterts kaum von ihm in Siena leise. Dort herrscht er, als, von dem Geschick erreicht, Fiorenzas Wut erlag, der stolzen, kühnen, Der Stadt, die jetzt der feilen Hure gleicht. Dem Grase gleicht der Menschenruhm, dem Grünen, Das kommt und geht, und durch die Glut verdorrt, Die erst es mild hervorrief, zu ergrünen." Und ich: "Mir dämpft den Stolz dein wahres Wort Und weiß mir trefflich Demut einzuprägen; Doch sprich: Wer geht so schwer belastet dort?" Silvani," sprach er, "ist es, hier deswegen, Weil sich so weit sein toller Stolz vergaß, Dem freien Siena Ketten anzulegen. Drum ging er so und geht ohn Unterlaß, Seitdem er starb—der Zoll wird hier erhoben Von jedem, der sich dort zu hoch vermaß." Und ich: "Weilt jeder, welcher aufgeschoben Bis zu dem Rand des Lebens Reu und Leid. Dort unten erst und dringet nicht nach oben, Wenn ihm nicht Hilfe gläubig Flehn verleiht, Bis so viel Jahr, als er gelebt, vergangen, Wie kam denn er herauf in kürzrer Zeit?"— Und er: "Er ist auf Sienas Markt gegangen Zur Zeit, da er den höchsten Ruhm erstrebt, Hat dort gestanden, nicht von Scham befangen, Und, weil sein Freund in Carlos Haft gelebt, Um Hilf ihm und Befreiung zu gewähren, Als Bettler dort an jedem Puls gebebt. Ich red unklar, doch wirds nicht lange währen, So handelt also deine Nachbarschaft, Daß du vermagst, dir alles zu erklären— Die Tat hat jene Schrank ihm weggeschafft."

Zwölfter Gesang

Gleichmäßig, wie zwei Stier im Joche ziehn, Ging ich dem schwerbeladnen Geist zur Seiten, Solang es gut dem süßen Lehrer schien. Doch als er sprach: "Laß ihn, um vorzuschreiten, Hier gilts. soviel man immer kann, den Kahn Mit Segeln und mit Rudern fortzuleiten!" Da richtet ich mich auf zur weitern Bahn Mit meinem Leib, obwohl gebeugt und bange Des Geistes Blicke noch zu Boden sahn, Und folgte meinem Hort im regen Drange Der Wißbegier, und beide zeigten wir, Wie leicht wir waren, schon im raschen Gange; Bis daß er sprach: "Zu Boden blicke hier, Um, was dein Fuß beschreitet, zu gewahren, Denn zu des Weges Kürzung frommt es dir." Wie, um der Freund Erinnrung zu bewahren, Auf irdschen Gräbern dargestellt erscheint, Was, die drin ruhen, einst im Leben waren, So daß bei diesem Anblick jeder weint, Gereizt vom Schmerz der aufgerißnen Wunde, Ders gut und fromm mit ihnen einst gemeint; So wies der Vorsprung mir, der in der Runde, Den Pfad dort bildend, jenen Berg umschloß, Manch Bild, doch trefflicher, auf seinem Grunde Ihn, edler, als was je der Erd entsproß, Erschaffen, sah ich, welcher mit der Eile Des Blitzes hier vom Himmel niederschoß. Dort aber auf des Weges anderm Teile, In starrem Todesfrost und träg und schwer, Lag Briareus, durchbohrt vom Himmelspfeile. Mars, Phöbus, Pallas standen hoch und hehr, Auf die zerstreuten Riesenglieder sehend, Bewaffnet noch, um ihren Vater her. Am Fuß des großen Werks den Nimrod stehend, Erblickt ich dann, und wie verwirrt und toll Nach den Genossen seiner Arbeit spähend. Dich Niobe, dich sah ich jammervoll, Hier sieben Kinder tot, dort andre sieben; Wie jedem Aug ein Tränenstrom entquoll. Saul, du schienst, ins eigne Schwert getrieben, Tot, wie auf Gilboa, das seit der Zeit Von Tau und Regen unbenetzt geblieben. Arachne, Törin, einst voll Eitelkeit, Halb Spinn itzt, auf den Fetzen vom Gewebe, Das du, o Arme, wobst zu deinem Leid. Rehabeam—es schien, als ob er bebe, Als ob er, statt wie immer sonst, zu drohn, Im Wagen flüchtig, unverjagt, entschwebe. Man sah Eriphylen und ihren Lohn, Wie teuer das unselige Geschmeide Ihr hier bezahlt ward von dem eignen Sohn: Den Sanherib, den seine Söhne beide Im Tempel töteten voll Frevelmut Und liegen ließen in dem letzten Leide. Des Cyrus Tod und der Tomyris Wut— Sie schien zum abgeschnittnen Haupt zu sagen: Dein Durst war Blut, nun füll ich dich mit Blut. Dann der Assyrer Heer—es floh, geschlagen, Nach Holofernes Tod, und hinterdrein Sah man mit grimmer Wut die Feinde jagen. O Ilion, wie niedrig und wie klein! Wohl standest du auf Trojas Fluren dreister Als hier, in Asch und Schutt, auf dem Gestein! Wer war des Griffels und des Pinsels Meister, Der Formen und Gebärden ausgedrückt Selbst zur Bewunderung der feinsten Geister? Mir schien, wie ich dahinging, tiefgebückt, Was tot war, tot, was lebend war, zu leben, Nicht besser hats, wers wirklich sah, erblickt. Stolziert nur hin, fahrt fort, das Haupt zu heben, Senkt nicht den Blick, ihr, Evens Söhn, er weist Euch sonst den schlechten Weg, das eitle Streben!— Schon hatten wir vom Berge mehr umkreist, Schon war die Sonne weiter fortgegangen, Als ich bemerkt mit dem befangnen Geist; Als er, des Fuß und Seele vorwärts drangen, Begann: "Blick auf, erhebe Haupt und Sinn! Nicht ists mehr Zeit, den Bildern anzuhangen. Ein Engel naht—drum blick empor, dorthin! Schon kehrt, von schnellen Fittichen getragen, Zurück des Tages sechste Dienerin. Schmück itzt mit Ehrfurcht Antlitz und Betragen, Dann führt er wohl mit Freuden uns empor. Denk, nie wird dieser Tag dir wieder tagen." Und da er mich ermahnt schon oft zuvor, Die Zeit zu nutzen, kam es, daß ich nimmer Den Sinn, den solch ein Wort verschloß, verlor. Das schöne Wesen naht—ein weißer Schimmer War sein Gewand; dem Stern des Morgens war Sein Antlitz gleich an zitterndem Geflimmer. Die Arm erschloß er, dann das Flügelpaar, Und sprach: "Kommt jetzt, denn nahe sind die Stufen Und leicht erklimmt ihr sie und ohne Fahr. Nur wenge nahn von vielen, die berufen. O Mensch, du fällst bei jedes Windes Wehn, Du, den zum Aufflug Gottes Händ erschufen." Bald ließ er uns des Felsen Öffnung sehn. Dort schlug er meine Stirn mit seinem Flügel Und hieß mich dann gesichert weitergehn. Wie ob der Stadt, die ihrer Herrschaft Zügel So wohl zu führen weiß wie Recht und Pflicht, Am Weg zur Kirche, rechts am steilen Hügel, Den kühnen Schwung des Bergs die Treppe bricht, Die man gebaut in jenen guten Zeiten, Wo sicher war das Maß und das Gewicht; So war der Fels, durch Stufen zu beschreiten, Obwohl er jäh sich senkt als steile Wand, Doch streift man das Gestein von beiden Seiten. Laut klangs, indem ich dort mich aufwärts wand, "Den geistlich Armen Heil!"—mit einem Sange, Wie ich so süß noch keinen je empfand. Wie anders war es hier, als bei dem Gange Ins Höllenreich! Bei Liedern klomm ich auf, Und dort hinab bei wildem Jammerklange. Die heilgen Stiegen klommen wir hinauf, Und leichter schien mirs hier, emporzukommen, Als erst auf ebner Bahn der leichtste Lauf. Sprich, Meister, welche Last ist mir entnommen," So rief ich, da ich dies bemerkt, zuletzt, "Daß ich fast mühelos emporgeklommen?" Und er: sind diese P, die zwar noch jetzt Dein Antlitz trägt, doch die schon halb verschwunden, Erst, wie das eine, völlig ausgewetzt, Dann wird den Fuß dein Streben überwinden, So daß ihm Klimmen keine Mühe macht, Ja, Wonne wird er dann im Steigen finden." Da tat ich jenen gleich, die, sonder Acht, Etwas mit sich am Haupte tragend, gehen, Bis sie bemerkt, daß man sich winkt und lacht; Drum sie die Hand gebrauchen, um zu spähen, Mit dieser suchen, finden und damit Zuletzt erschaun, was nicht die Augen sehen. Denn mit den ausgespreizten Fingern glitt Ich an der Stirne hin, und sieh, vergangen War eins der Zeichen, das der Engel schnitt. Da schwebt ein Lächeln um des Meisters Wangen.

Dreizehnter Gesang

Wir waren auf dem Gipfel jener Stiegen, Wo sich des Berges zweiter Abschnitt zeigt, Des Bergs, der läutert, die hinaufgestiegen. Hier, wo man auf den zweiten Vorsprung steigt, Der, gleich dem ersten, rings die Höh umwindet, Nur daß ein Bogen noch sich schneller beugt, Hier ist kein Bild, und jedes Zeichen schwindet, Daher man glatt den Weg und das Gestad Von des Gesteins schwarzgelber Farbe findet. "Dafern wir harrten, bis der Führer naht," So sprach Virgil darauf, "hier säumig stehend, So wählten wir zu spät wohl unsern Pfad." Dann macht er, festen Blicks zur Sonne sehend, Für die Bewegung seinen rechten Fuß Zum Mittelpunkt, sich mit dem linken drehend. "O süßes Licht, du flößest den Entschluß Zum neuen Weg mir ein, du führ uns weiter," Begann er, "wie ein treuer Führer muß. Du wärmst die Welt, du machst sie hell und heiter; Nie wandle man, wenn sich dein Glanz verhehlt, Drängt nicht die Not, und er sei unser Leiter." Soviel man hier auf eine Miglie zählt, So weit schon gingen wir auf jenen Pfaden In wenig Zeit, vom regen Trieb beseelt. Ein Geisterzug flog längs den Felsgestaden, Gehört, doch nicht gesehn, herbei und schien Zum Tisch der Lieb uns freundlich einzuladen. Der erste Geist rief im Vorüberfliehn: Sie haben keinen Wein! Die Worte klangen Dann nochmals hinter uns im Weiterziehn. Und eh sie, sich entfernend, ganz verklangen, Da rief: Ich bin Orest!—ein zweiter Geist, Und war im schnellen Flug vorbeigegangen. "O", sprach ich, "Vater, sage, was dies heißt?" Da klang die dritte Stimm in meine Frage Und rief: Liebt den, der Böses euch erweist. Und er: "Du findest hier des Neides Plage! Gegeißelt wird er hier, doch Liebe schwingt Der strengen Geißel Schnur zu jedem Schlage. Doch wisse, daß der Zügel anders klingt. Du wirst ihn hören, eh im Weitergehen Dein Fuß zum Passe der Verzeihung dringt. Versuch es jetzo, scharf dorthin zu spähen, Und vor uns wirst du Leute, langgereiht, An dieser Wand des Felsens sitzen sehen. Da öffnet ich sogleich die Augen weit Und sah die Schatten an der Felsenhalle, An Farbe dem Gesteine gleich ihr Kleid. Und näher hört ich sie mit lautem Schalle "Bitte für uns, Maria!" brünstig schrein, "Michael und Petrus und ihr Heilgen alle!" Möcht einer noch so hart und grausam sein, Vor Mitleid wäre doch sein Herz entglommen, Hält er, wie ich, gesehn der Armen Pein. Denn als ich nun so nahe hingekommen, Daß ich Gebärd und Angesicht erkannt, Da ward mein Herz durchs Auge schwer beklommen. Ihr Anzug war ein schlechtes Bußgewand; Sie lehnten sich an sich und ihren Rücken Sie allesamt an jene Felsenwand; Den Blinden gleich, die Not und Hunger drücken, Und die an Ablaßtagen bettelnd stehn, Und, Kopf an Kopf gedrängt, sich kläglich bücken, Indem sie, um das Mitleid zu erhöhn, Nicht minder mit den jämmerlichen Mienen, Als mit den lauten Jammerworten flehn. Und, gleich den armen Blinden, war auch ihnen Den bangen Schatten, welchen ich genaht, Der Glanz des Himmelslichts umsonst erschienen. Gebohrt war durch die Augenlider Draht, Ihr Auge, wie des Sperbers, ganz vernähen; Der, wild, nicht nach des Jägers Willen tat. Mir aber schien es unrecht, daß ich sehend, Doch ungesehn dort ging, drum wandt ich mich Zum weisen Rat, nach seiner Meinung spähend. Er, der sogleich erriet, weswegen ich Noch stumm, auf ihn die Blicke fragend lenkte, Sprach: "Rede jetzt, doch kurz und sinnig sprich." An jener Seite, wo der Fels sich senkte, Ging mir Virgil, wo leicht zu fallen war, Weil kein Geländer dort den Rand verschränkte; Zur andern Seite saß die fromme Schar, Und durch die grause Naht gepreßte Zähren, Die ihre Wangen netzten, nahm ich wahr. "Ihr, sicher, euch im Lichte zu verklären," Begann ich nun, "das einzig euer Traum, Das einzig euer Wunsch ist und Begehren, Die Gnade lös euch des Gewissens Schaum Und mache drin auf reinem lauterm Grunde Der Seele klaren Fluß zum Strömen Raum. Doch bitt ich euch, gebt mir gefällig Kunde: Ist eine Seel aus Latium hier?—Ich bin Für sie vielleicht dann hier zur guten Stunde." "O Bruder, jede Seel ist Bürgerin Von einer wahren Stadt—doch willst du fragen, Ob ein in Welschland lebt als Pilgerin." So schiens, von mir noch etwas fern, zu sagen, Daher ich, weil ich fast das Wort verlor, Sogleich beschloß, mich weiter vor zu wagen. Und eine wartete, so kam mirs vor, Auf Antwort, und, ums deutlicher zu zeigen, Hob sie, dem Blinden gleich, das Kinn empor. "Du," sprach ich, "die sich beugt, um aufzusteigen, Warst dus, die Antwort gab, so magst du mir Jetzt deinen Ort und Namen nicht verschweigen." "Ich war von Siena, und mit diesen hier", So sprach sie, "läutr ich mich vom Lasterleben, Und weinend flehn um Gottes Gnade wir. Sapia hieß ich, ob ich gleich ergeben Der Torheit war, denn mir schien andrer Leid Weit größre Lust, als eignes Glück zu geben. Doch zweifelst du an meinem tollen Neid, So höre nur!—Die Jugend war verflossen, Und abwärts ging der Bogen meiner Zeit, Als nah bei Colle meine Landsgenossen Den kampfbereiten starken Feind erreicht; Da bat ich Gott um das, was er beschlossen. Drauf wird ihr Heer geschlagen und entweicht, Und ich, erblickend, wie der Feind es jage, Fühl eine Lust, der keine weiter gleicht, So daß ich kühn den Blick gen Himmel schlage Und rufe: Gott, nicht fürcht ich mehr dich jetzt! Der Amsel gleich am ersten warmen Tage. Nach Gottes Frieden sehnt ich mich zuletzt Am Rand des Lebens, aber meine Schulden, Durch Reue wären sie nicht ausgewetzt, Wenn Pettinagno meiner nicht in Hulden Gedacht in seinem heiligen Gebet; Noch müßt ich vor dem Tore harrend dulden. Doch wer bist du, der offnen Auges geht, So scheints, um unsern Zustand zu erkunden, Und dessen Atem noch beim Sprechen weht?"— "Mit Draht wird einst mein Auge hier durchwunden," So sprach ich, "doch ich hoffe kurze Frist, Weil mans nur selten scheel vor Neid gefunden. Mehr als das Leid, ob des du traurig bist, Hat Sorge mir die untre Qual bereitet. Schon fühl ich, wie die Bürde drückend ist." Und sie: "Wer also hat dich hergeleitet, Daß du, um rückzukehren, hier erscheinst?" "Er, der dort schweigend steht, hat mich begleitet. Ich leb, erwählter Geist, und wenn ich einst Jenseits als Sterblicher für dich bewegen Die Füße soll, so fordre, was du meinst." "So Neues sagtest du," sprach sie dagegen, "Daß es dir sicher Gottes Huld bewährt. Verwende drum dein Flehn zu meinem Segen. Ich bitte dich, bei allem, was dir wert, Wirst du dich je im Tuscierland befinden, So sei zum Bessern dort mein Ruf gekehrt. Beim eiteln Volk wirst du die Meinen finden, Das Talamon verlockt zum Hoffnungswahn; Und wie bei Dianas Quelle wird er schwinden, Doch setzen mehr die Admirale dran."

Vierzehnter Gesang

"Wer ist der, welcher unsern Berg umgeht, Eh ihn der Tod beschwingt—dem, nach Behagen, Das Auge bald sich schließt, bald offen steht?" "Daß er allein nicht ist, das kann ich sagen, Nicht wer er ist. Da ich ihm ferner bin, Magst du, damit er red, ihn höflich fragen." So redeten, von mir zur Rechten hin, Zwei Geister dort, sich zueinander neigend, Dann, um zu sprechen, hoben sie das Kinn. "O Seele, die, empor zum Himmel steigend," Sprach dann der eine, "noch im Körper steckt, O sprich, dich hold und trostreich uns erzeigend, Woher? Wer bist du? Denn solch Staunen weckt Die Gnade, die wir an dir schauen sollen, Wie wenn, was nie geschehn, sich uns entdeckt." Und ich: "Ein Fluß, der Falteron entquollen, Lustwandelt mitten durch das Tuscierland, Dem hundert Miglien Laufs nicht gnügen wollen. Ich bringe diesen Leib von seinem Strand. Doch sagt ich, wer ich sei—nicht würd euchs frommen, Da wenig Ruhm bis jetzt mein Name fand." "Bin ich auf deiner Meinung Grund gekommen, Meinst du den Arno und sein Talgebiet?" So sprach jetzt, der zuerst das Wort genommen. Der zweite sprach darauf: "Warum vermied Er, jenes Flusses Namen zu verkünden, Wies sonst nur mit Abscheulichem geschieht?" Und jener sprach: "Nicht kann ich dies ergründen, Doch wert des Untergangs ist jenes Wort, Das nur Erinnrung weckt an Schmach und Sünden. Denn von dem Ursprung im Gebirge dort, Von dem sich einst Pelorum trennen müssen, Dort wasserreich, wie sonst an keinem Ort, Bis dahin, wo der Fluß mit ewgen Güssen Das, was dem Meer die Sonn entsaugt, ersetzt, Was Nahrung gibt den Bächen und den Flüssen, Wird, seis durch schlechte Sitt und Neigung jetzt, Seis, daß der Ort an einem Fluche leide, Die Tugend, gleich den Schlangen, fortgehetzt. Denn was im Tal, gedrückt von schwerem Leide, Nur irgend wohnt, hat die Natur verkehrt, Als hätt es mitgeschmaust auf Circes Weide. Zu garstgen Schweinen, mehr der Eicheln wert Als dessen, was Natur den Menschen spendet, Ist erst sein wasserarmer Lauf gekehrt. Dann, wie er weiter seine Wogen sendet, Trifft er ohnmächtge kleine Kläffer an, Von welchen er die Stirn unwillig wendet Je mehr er schwillt in seiner tiefern Bahn, Sieht der unselge maledeite Graben Die Hund an Art sich mehr den Wölfen nahn. In tiefen Tümpeln scheint er drauf vergraben Und trifft dann Füchs, in List so eingeweiht, Daß sie nicht scheu mehr vor dem Schlausten haben. Frei red ich. Sei der Horcher auch nicht weit, Und gut wirds diesem sein, das zu behalten, Was der wahrhafte Geist mir prophezeit. Ich sehe deinen Neffen furchtbar schalten, Der jene Wölfe so zu jagen weiß, Daß sie vor grauser Todesangst erkalten. Denn er verkauft sie lebend scharenweis, Dann sticht er sie, gleich einem alten Schlachtvieh, nieder. Das Leben raubt er vielen, sich den Preis. Zuletzt verläßt er, blutbespritzt die Glieder, Den Wald gefällt, und ringsum öd und tot, Und tausend Jahr erneun sein Laub nicht wieder." Wie bei Verkündigung zukünftger Not Des bangen Hörers Züge sich umschatten, Der sich gefährdet glaubt und rings bedroht, So sah ich jetzo jenen andern Schatten, Der zugehorcht, verstört und bange stehn, Wie seinen Geist erfüllt die Worte hatten. Was ich von dem gehört, von dem gesehn, Mich reizt es, ihren Namen nachzufragen, Und bittend ließ ich meine Frag ergehn. Und den, der erst gesprochen, hört ich sagen: "Du also willst, für dich tun soll ich dies, Was du für mich zu tun mir abgeschlagen? Doch kargen will ich nicht, denn herrlich ließ Gott in dir strahlen seine Huld und Güte. Drum wisse, daß ich Guid del Duca hieß. Von Neid verbrannt war also mein Gemüte, Daß, wenn ich sah, ein andrer sei erfreut, Ich schwarz vor Gall in bitterm Ingrimm glühte. Hier mäh ich Saat, die ich dort ausgestreut. O Sterbliche, was müßt ihr das begehren, Was Ausschluß der Genossenschaft gebeut! Der hier ist Rainer, der zu Preis und Ehren Das Haus von Calboli gebracht, des Mut Und Kraft und Wert die Erben ganz entbehren. Denn alle sieht man jetzt aus seinem Blut Das Schlechte tun, das Rechte träg versäumen, Und zwischen Po, Berg, Ren und Meeresflut Sieht mans nur sprossen noch in giftgen Bäumen, Und keinem Gärtner glückts, der schlechten Art Wildwucherndes Gewürzel wegzuräumen. Wo mag der wackre Licio, wo Manard, Wo Traversar, wo Guid Carpigna bleiben? Ist jeder Romagnol heut ein Bastard? Ein Schmied muß in Bologna Äste treiben, Und in Faenza jetzt ein Bernardin, Der edle Sproß aus niederm Keim, bekleiden! Nicht staune, Tuscier, daß ich traurig bin, Wenn ich des Guid von Prata noch gedenke, Und des, der mit uns war, des Ugolin. Dann auf Tignoso die Erinnrung lenke, Auf Traversars und Anastasens Haus, Und über den enterbten Stamm mich kränke; Auf Ritter, Fraun, auf Ruhe, Müh und Strauß, Was wir aus Lieb und Edelsinn begannen, Wo jetzt die Herzen sind voll Tück und Graus. Brettinoro, fliehst du nicht von dannen, Da, um zu fliehn Verderben, Schand und Hohn, Die Guten allesamt aus dir entrannen! Wohl dir, Bagnacaval, dir fehlt der Sohn! Weh, Castrocaro, dir, da mit Verderben Dich solche Grafen, wie du zeugst, bedrohen! Gut handeln einst, wird erst ihr Dämon sterben, Faenzas Herrn, doch nimmer werden sie Des Ruhmes reines Zeugnis sich erwerben. Dir, Ugolin von Fantoli, wird nie Des edlen Namens reiner Glanz gebrechen, Da dir das Schicksal keinen Sohn verlieh. Doch jetzt, Toskaner, geh; denn nicht zum Sprechen, Mich reizt zum Weinen nur mein armes Land, Und preßt mein Herz durch Untat und Verbrechen." Durchs Ohr ward jenen unser Gehn bekannt, Drum wußten wir, da sie es schweigend litten, Daß wir uns auf den rechten Weg gewandt. Indem wir einsam nun von dannen schritten, Scholl eine Stimm uns zu, eh wirs gedacht, Gleich einem Blitze, der die Luft durchschnitten: Mich tötet, .wer mich trifft! Sie riefs mit Macht Und floh im schnellen Flug dann und verhallte, Dem Donner gleich, der aus den Wolken kracht. Und wie sie kaum an uns vorüberwallte, Braust eine zweite schon an unser Ohr, Die schrecklich, wie ein zweiter Donner schallte: Ich bin Aglauros, die zum Stein erfror! Und als ich an Virgil mich drängen wollte, Schritt ich vor großer Angst zurück, nicht vor. Schon schwieg die Luft, kein dritter Donner rollte, Da sprach Virgil: "Dies ist der harte Zaum, Der auf der rechten Bahn euch halten sollte. Doch winkt des alten Feindes Köder kaum, So laßt ihr euch in seinem Hamen fangen, Gebt nicht dem Rufe, nicht dem Zügel Raum. Euch rufend, hält der Himmel euch umfangen, Der, ewig schön, rings seine Kreise zieht, Doch euer Blick bleibt an der Erde hangen, Und deshalb schlägt euch der, der alles sieht."

Fünfzehnter Gesang

So viel, als bis zum Schluß der dritten Stunde, Vom Tagsbeginn des Wegs die Sphäre macht, Die wie ein Kindlein tanzt im ewgen Runde, So viel des Weges halt, eh noch vollbracht Ihr Tageslauf, die Sonne zu vollbringen; Dort war es Vesperzeit, hier Mitternacht. Auf jenen Pfaden, die den Berg umringen, Schien uns die Sonne mitten ins Gesicht, Weil wir jetzt grade gegen Westen gingen. Da fiel ein Glanz mit lastendem Gewicht Mir auf die Stirn, mich mehr als erst zu blenden. Ich staunt, und was es war, begriff ich nicht. Schnell deckt ich mir die Augen mit den Händen Als wie mit einem Schirm, daß vor der Glut Die schwachen Blicke Schutz und Ruhe fänden. Gleich wie der Strahl vom Spiegel, von der Flut Nach jenseits hüpft, und dann beim Aufwärtssteigen, So wie vorher beim Niedersteigen tut, Weil er von Linien, die sich senkrecht neigen, So hier wie dort abweicht in gleichem Zug, Wie uns die Kunst und die Erfahrung zeigen; So ward mein Auge jetzt in jähem Flug Getroffen vom zurückgeworfnen Lichte, Drob ichs in Eile schloß und niederschlug. "Was, süßer Vater, ist dies? Dem Gesichte Will, was ich tue, nicht zum Schutz gedeihn. Es scheint, als ob der Glanz hierher sich richte!" Drauf er: "Nicht staune, wenn in solchem Schein Noch blendend dir des Himmels Diener nahen. Ein Bote kommt und lädt zum Steigen ein. Bald wird, was erst die Augen tränend sahen, Dir so zur Lust, als du nur Fähigkeit, Sie zu empfinden, von Natur empfahen." Der Engel sprach zu uns voll Freudigkeit: "Geht dorten ein auf minder schroffen Stiegen, Als jene sind, die ihr gestiegen seid." Indem wir nun zusammen aufwärts stiegen, Sangs hinter uns: "Heil den Barmherzgen, Heil!" Und wieder klangs: "Sei froh in deinen Siegen!" Und da wir beid allein, und minder steil Die Treppen waren, dacht ich: Noch im Gehen Wird Lehre wohl vom Meister dir zuteil. "Was mochte Guido bei dem Gut verstehen, Das Ausschluß der Genossenschaft gebeut?" Ich sprachs, gewandt, ihm ins Gesicht zu sehen. "Weil stets sein Hauptfehl ihm den Schmerz erneut" Sprach drauf Virgil, "will er dich weiser machen Und tadelt drum, was er nun schwer bereut. Denn euer Sehnen geht nach solchen Sachen, Die Mitbesitz verringert, die durch Neid In eurer Brust der Seufzer Glut entfachen. Doch möchten in des Himmels Herrlichkeit Des Menschen Wünsch ihr rechtes Ziel erkennen, War eure Brust von solcher Angst befreit. Je mehrere dies Gut ihr eigen nennen, Je mehr besitzt des Guts ein jeder dort, Je stärker fühlt er sich in Lieb entbrennen." "Noch fass ich nichts," versetzt ich meinem Hort, "Und mindre Zweifel hat vorher das Schweigen In meiner Seel erweckt, als jetzt dein Wort. Kann höher je der Reichtum vieler steigen, Wenn man ein Gut verteilt, als wenn es nicht Gemeinsam wäre. Sondern einem eigen?" Und er: "Weil, nur auf Erdengut erpicht, Dein Geist noch nicht den höhern Flug gewonnen, Drum schöpfst du Finsternis aus wahrem Licht. Des Himmels unaussprechlich große Wonnen, Sie eilen so ins liebende Gemüt, Wie nach dem Spiegel hin der Strahl der Sonnen Sie geben sich je mehr, je mehr es glüht, Und reicher strömt die ewge Kraft hernieder, Je freudiger des Herzens Lieb erblüht. Erhebt die Seel erst aufwärts ihr Gefieder, Dann liebt sie mehr, je mehr zu lieben ist, Denn eine strahlt den Glanz der andern wieder— Und gnügt mein Wort dir nicht, in kurzer Frist Wird dort von dir Beatrix aufgefunden, Durch welche du dann ganz befriedigt bist. Jetzt sorge nur, daß bald von deinen Wunden Die fünf sich schließen wie das erste Paar, Das von der Stirn durch Reu und Leid geschwunden." Schon wollt ich sagen: Deine Red ist klar! Da war ich an des andern Kreises Saume, Wo schnell mein Wort gehemmt durch Schaulust war. In einen Tempel schien, von wachem Traume Dahingerissen, meine Seel entflohn, Und Leute sah ich viel in seinem Raume. Am Eingang schien mit süßem Mutterton Und zärtlicher Gebärd ein Weib zu sagen: "Was hast du dies an uns getan, mein Sohn? Wir suchten dich voll Angst seit dreien Tagen, Ich und der Vater"—sprachs, und wundersam Schien sie vom Wehn der Luft davongetragen. Drauf vors Gesicht mir eine zweite kam, Von Zähren naß, die—wohl wars zu erkennen— Dem Aug entpreßte zornerzeugter Gram. Sie rief: "Willst du den Herrn der Stadt dich nennen, Ob deren Namen Götter sich gegrollt, Wo Strahlen jeder Wissenschaft entbrennen, Dann, Pisistrat, zahl ihm der Frechheit Sold, Ders wagte, deine Tochter zu umfassen!" Allein der Herr, der liebreich schien und hold, Entgegnet ihr, die also rief, gelassen: "Wird jener, der uns liebt, von uns verdammt, Was tun wir dann an solchen, die uns hoffen?"— Dann sah ich eine Schar, von Zorn entflammt, Und einen Jüngling dort, von ihr gesteinigt, Tod! Tod! so schrien sie wütend allesamt. Er beugte sich, schon bis zum Tod gepeinigt, Des Last ihn zu der Erde niederrang, Doch seinen Blick dem Himmel stets vereinigt, Und fleht empor zu Gott in solchem Drang: "Vergib der Wut, die gegen mich entbrannte!" Mit einem Blicke, der zum Mitleid zwang. Als meine Seele sich von außen wandte Zurück zu dem, was wahr ist außer ihr, Und ich nun den nicht falschen Wahn erkannte, Da sprach mein Führer, der, nicht weit von mir, Mich gleich dem Schläfer, der erwacht, erblickte: "Nicht halten kannst du dich! Was ist mit dir? Bereits seit einer halben Stunde knickte Dein Knie, du taumeltest, dein Auge brach, Als ob dich Schlummer oder Wein bestrickte." "O süßer Vater, hörst dus an"—dies sprach Ich drauf zu ihm—"so will ich dir verkünden, Was mir erschien, als mir die Kraft gebrach." "Ob mir entgegen hundert Masken stünden," Entgegnet er, "und deckten dein Gesicht, Doch würd ich, was du denkst, genau ergründen. Das, was du sahst, du sahsts, damit du nicht Dich ungemahnt verschlössest jenem Frieden, Des Strom hervor aus ewger Quelle bricht. Was ist dir? fragt ich nicht, wie der danieden Zu fragen pflegt, des Auge nicht mehr schaut, Sobald die Seel aus seinem Leib geschieden. Die Füße dir zu kräftgen, fragt ich laut, Denn treiben muß man so den wachen Trägen, Den Tag zu nützen, eh der Abend graut." Wir gingen beid in sinnigem Erwägen Dem Abend zu und sahn, soweit man kann, Der Sonne tiefem Strahlenglanz entgegen. Und sieh, ein Rauch kam nach und nach heran, Der, schwarz wie Nacht, sich bis zu uns erstreckte, Und nirgends traf man Raum zum Weichen an, Daher er bald uns Aug und Himmel deckte.

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