Front matter (continued 5)
Reading edition
Zweiunddreißigster Gesang
Den zehenjährgen Durst zu löschen, hingen An ihrem Reiz die Augen, so voll Gier, Daß mir die andern Sinne ganz vergingen. Seitwärts baut eine Mauer dort und hier Nichtachtung auf, denn mit dem Netz, dem alten, Zog mich ihr heilges Lächeln hin zu ihr. Da wandten mir die himmlischen Gestalten Mit Macht nach meiner Linken das Gesicht, Mit diesem Ruf: Im Schauen Maß gehalten! Nun stand ich dort wie einer, den das Licht Der Sonne mit dem Flammenpfeil geblendet, Und dem zunächst die Sehkraft ganz gebricht. Doch als das wenge sie mir neu gespendet— Nach jenem vielen wenig und gering, Von dem ich mit Gewalt mich abgewendet— Da sah ich, das ruhmvolle Kriegsheer fing Sich rechts zu kehren an, indems den Lichten, Den sieben, nach, der Sonn entgegenging. Wie, wenn die Scharen auf den Sieg verzichten, Sie unterm Schild sich mit der Fahne drehn, Eh sie, geschwenkt, sich ganz zum Rückzug richten, So war die Schar des Himmelreichs zu sehn, Und eh sich um des Wagens Deichsel legte, Sah man den Zug vor und vorübergehn. Die sieben Frauen rechts und links, bewegte Der Greif die heilge Last mit stiller Macht, So daß an ihm sich keine Feder regte. Ich, Statius, sie, die mich zum Furt gebracht, Wir leiteten dem Rade nach die Schritte, Das, umgeschwenkt, den kleinern Bogen macht. So ging es durch des hohen Waldes Mitte, Öd, weil der Schlang einst Eva Glauben gab, Und Engelsang gab Maß für unsre Tritte. Dreimal so weit nur, als ein Pfeil herab Vom Bogen fliegt, war nun der Zug gekommen, Und Beatrice stieg vom Wagen ab. "Adam!" so ward ein Murmeln rings vernommen, Und einen Baum, von Laub und Blüten leer, Umringt im Kreise nun die Schar der Frommen. Sein Haar verbreitet sich so mehr, je mehr Er aufwärts steigt, hoch, daß er selbst den Indern Durch seine Höhe zum Erstaunen war. "Heil dir, o Greif, mit deinem Schnabel plündern Willst du nicht diesen Baum, der Süßes zwar Dem Gaumen gibt, doch Marter dann den Sündern." So rief rings um den starken Baum die Schar. Und er, in dem sich Leu und Aar verbunden: "So nimmt man jedes Rechtes Samen wahr." Die Deichsel, wo ich ziehend ihn gefunden, Schob er zum öden Stamm und ließ am Baum, Aus ihm entnommen, sie an ihn gebunden. Wie unsre Pflanzen, wenn zum Meeressaum Das große Licht sich senkt, von dem umschlossen, Das nach den Fischen glänzt am Himmelsraum, Sich üppig blähn zu neuen jungen Sprossen, Jede gefärbt nach der Natur Gebot, . Eh Sol den Stier erreicht mit seinen Rossen; So, mehr als Veilchen zwar, doch minder rot Als Rosenglut, erneute sich die Pflanze, Die erst verwaist erschien und kahl und tot. Und wie sie nun erblüht im neuen Glanze, Ertönt ein nie gehörter Lobgesang, Doch nicht ertrug mein müder Sinn das Ganze. Könnt ich euch malen, wie mit süßem Klang Von Pan und Syrinx einst Merkur den Späher, Den unbarmherzgen, zum Entschlummern zwang, So zeigt ich, wie nach einem Urbild, eher, Wie jener Sang in Schlummer mich gebracht, Doch das Entschlummern sing ein bessrer Seher. Ich springe bis zur Zeit, da ich erwacht, Da mir ein Glanz zerriß den dunkeln Schleier, Und eine Stimme rief: Steh auf, hab acht! Wie zu der Blut des Baums, des Apfel teuer Den Engeln sind, den nichts erschöpfen kann, Der Speise gibt zur ewgen Hochzeitsfeier, Geführt, Jakobus, Petrus und Johann Aus ihrer Ohnmacht bei dem Wort erstanden, Bei dessen Klang wohl tiefrer Schlaf entrann, Und nun vermindert ihre Schule fanden. Denn Moses und Elias waren fort, Und ihren Herrn in anderen Gewanden; So ich—und über mich gebogen dort Stand jetzt die Schöne, wie um mein zu hüten, Die mich geführt entlang des Flusses Bord. "Wo ist Beatrix?" rief ich, und mir glühten Vor Angst die Wangen. "Auf der Wurzel", sprach Die Schöne, "sitzt sie unter neuen Blüten. Sieh hin, wer sie umgibt. Dem Greifen nach Entflohn empor die anderen, mit Sange, Der süßer, tiefer klang, als dort am Bach. Ob sie noch mehr gesprochen und wie lange, Nicht weiß ich es, denn mir im Auge stand Sie, die mein Ohr versperrte jedem Klange. Sie saß allein auf jenem reinen Land, Wies schien, zur Hut des Wagens dort gelassen, Den an den Baum der Zweigestaltge band. Die sieben Nymphen sah ich sie umfassen, Im Kreis, die Lichter haltend, die vom Zwist Des Nord- und Südwinds nie sich löschen lassen. "Als Fremdling weilst du dort nur kurze Frist Und wirst mit mir als ewger Bürger bleiben In jenem Rom, wo Christus Römer ist. Zum Heil der Welt mit ihrem bösen Treiben Schau auf den Wagen, um, was du gesehn, Zurückgekehrt, den Menschen zu beschreiben." Beatrix sprachs—wie könnt ich widerstehn? Ganz so, wies der Gebieterin gefallen, Ließ ich voll Demut Geist und Auge gehn. Nicht sah man je so schnell aus Himmels Hallen. Aus dichter Wölk, ein flammendes Geschoß, Den Blitz aus fernster Höhe niederfallen, Als auf den Baum Zeus Vogel niederschoß, Nicht wühlend bloß in Blüten und in Blättern, Die Rind auch brechend, die sein Mark umschloß. Dann sah man ihn zum Wagen niederschmettern, Der bei dem Stoße rechts und links sich bog, Gleich einem Schiff im Kampf mit wilden Wettern. Dann war ein Fuchs, der jähen Sprunges flog, Ins Innre selbst des Wagens eingebrochen, Wohin ihn Gier nach beßrer Speise zog. Doch mit dem Vorwurf des, was er verbrochen, Trieb meine Herrin ihn so eilig fort, Als laufen konnten seine magern Knochen. Und nochmals stürzte von dem hohen Ort, Wie schon vorhin, der Adler in den Wagen, Und ließ ihm viel von seinen Federn dort. Und wie aus banger Brust der Laut der Klagen, Klang aus dem Himmel eine Stimm und sprach: "Mein Schifflein, schlechte Ladung mußt du tragen!" Und unten, zwischen beiden Rädern, brach Der Erde Grund, ausspeiend einen Drachen, Der nach dem Wagen mit dem Schwanze stach. Dann zog er ihn zurück, wies Wespen machen, Nahm einen Teil des Bodens mit und schien, Von dannen eilend, des Gewinns zu lachen. Der Rest des Wagens blieb, doch sah man ihn Mit Federn, die wohl reiner Sinn gespendet, Wie üppig Land mit Gras, sich überziehn. Und dieses Werk war so geschwind vollendet, Und voll die Deichsel und das Räderpaar, Bevor die Brust ein Oh! und Ach! beendet. Und Häupter trieb, als er verwandelt war, Der Wagen vor, an den vier Ecken viere, Drei aber nahm man auf der Deichsel wahr, Die letzten drei gehörnt wie die der Stiere, Die ersten vier mit einem Horn versehn; So glich er nie geschautem Wundertiere. Und sicher, wie auf Bergen Schlösser stehn, Saß eine zügellose Hure drinnen Und ließ umher die flinken Augen spähn. Und, gleich, als solle sie ihm nicht entrinnen, Stand ihr zur Seit ein Ries, und diese zwei Sah ich sich küssen und sich zärtlich minnen. Allein, weil sie die Augen gierig frei Auf mich gewandt, schlug sie der wilde Freier Vom Kopf zum Fuß mit wütendem Geschrei. Drauf löst er ab vom Baum das Ungeheuer, Von Argwohn voll und wildem Zorn und Arg, Und zog es durch den Wald, des dichter Schleier Die Hure samt dem Wundertier verbarg.
Dreiunddreißigster Gesang
Herr, eingefallen sind die Heiden! fingen, Abwechselnd drei und vier, mit süßem Klang, Doch tränenvoll, die Frauen an zu singen. Beatrix horchte schweigend dem Gesang, Verwandelt wie Maria, die mit Grauen Des Mutterschmerzes unterm Kreuze rang. Doch als nun ihrem Wort die andern Frauen Erst Raum gegeben, sah ich sie erstehn, Grad, aufrecht, gleich dem Feuer anzuschauen. " Über ein kleines sollt ihr nicht mich sehn, Und wiederum, ihr Schwestern, meine Lieben, Über ein kleines werdet ihr mich sehn." Sie sprachs und stellte vor sich alle sieben, Und hinter sich, durch ihren Wink allein, Die Frau, mich und den Weisen, der geblieben. Sie ging, doch mochtens kaum zehn Schritte sein, Die sie gegangen und uns gehen lassen, Da blitzt ins Auge mir des ihren Schein. "Geh itzt geschwinder," sagte sie gelassen, "Komm näher her, daß, red ich nun mit dir, Du wohl vermögend seist, mein Wort zu fassen." Kaum war ich, wie ich sollte, nah bei ihr, Da sprach sie: "Bruder, bist mir nah gekommen, Doch zu erfragen wagst du nichts von mir?" Wie wenn von zuviel Ehrfurcht schwer beklommen Mit seiner Obrigkeit ein niedrer Mann Halblaut und stockend spricht und kaum vernommen, So sprach ich jetzt, da ich zu ihr begann: "O Herrin, Ihr erkennt ja mein Verlangen, Und was ich brauch, und was mir frommen kann." Und sie: "Mach itzt dich los von Scham und Bangen, Ich wills, und rede sicher nun und klar, Und nicht wie einer, der im Traum befangen. Der Wagen, den die Schlange brach, er war, Doch wer dies zu verschulden sich nicht scheute, Er fürchte Gottes Rach auf immerdar! Nicht immer sonder Erben wird, wie heute Der Adler sein, der ihm die Federn ließ, Drob er erst Ungeheuer ward, dann Beute. Schon nahen Sterne sich—wie ichs gewiß Im Geist erkannt, so sei es ausgesprochen— Da kommt, von Schranke frei und Hindernis, Fünfhundert fünf und zehn hervorgebrochen, Ein Gottgesandter, der die Dirn erschlägt Zusamt dem Riesen, der mit ihr verbrochen. Und hab ich jetzt dir Worte vorgelegt, Wie Sphinx und Themis, schwierig zu erraten, Daher dein Geist im Dunkel Zweifel hegt, So lösen bald dies Rätsel dir die Taten Statt der Najaden auf, und unbedroht Verbleiben drob die Herden und die Saaten. Merk, was ich sagt, und höre mein Gebot: Du sollst es dort den Lebenden erzählen, Im Leben, das ein Rennen ist zum Tod. Nicht sollst du, wenn du dorten schreibst, verhehlen, Wie du den Baum gesehn. Erinnre dich: Du sahst zu zweien Malen ihn bestehlen. Wer diesen Baum bestiehlt und freventlich Verletzt, kränkt Gott mit tätgen Lästerungen, Denn er schuf heilig nur den Baum für sich. Für solchen Raub hat qualenvoll gerungen Fünftausend Jahr und mehr der erste Geist Nach ihm, des Tod des Bisses Fluch bezwungen. Wohl schlummert dein Verstand, wenn du nicht weißt, So hoch sei jener Baum aus tiefen Gründen, Wenn dir des Gipfels Bau dies nicht beweist. Und hätte nicht, wie Elsas Flut, mit Rinden Von Stein dein Grübeln die Vernunft bedeckt, Und war ihr Licht dir nicht getrübt von Sünden, So hättest du, was das Verbot bezweckt, Und wie darin der Herr gerecht erscheine, Am Baum durch solche Zeichen leicht entdeckt. Doch weil dein Geist verhärtet ist zum Steine, Befleckt von Schuld, verworren und berückt Und blöde bei der Wahrheit hellem Scheine, So nimm, zwar nicht als Wort, doch ausgedrückt Als Bild, in dir die Rede mit von hinnen, Wie man den Pilgerstab mit Palmen schmückt." Und ich: "So fest, als nur im Wachse drinnen Das Bild sich hält, das drein das Siegel gräbt, Trag ich, was ihr gezeichnet habt, hier innen. Doch was, wenn sich so hoch mein Blick nicht hebt, Fliegt eur ersehntes Wort in solche Sphären, Daß er es mehr verliert, je mehr er strebt." "Auf, daß du wissest, welcher Schule Lehren", So sprach sie, "du gefolgt, und sehst, wie weit Sie meinem Wort zu folgen sich bewähren; Und wie ihr fern mit eurem Wege seid Von Gottes Weg, so fern, wie von der Erden Des höchsten Himmels Glanz und Herrlichkeit." Und ich: "Nicht wills mir klar im Geiste werden, Daß ich mich je entfernt von eurer Spur; Nicht fühl ich im Gewissen drob Beschwerden." "Entsinnst du dessen dich nicht mehr?" so fuhr Sie lächelnd fort; "doch von der Lethe Fluten Trankst du noch heute, des gedenke nur. Und, wie man richtig schließt vom Rauch auf Gluten, So siehest du durch dies Vergessen klar, Daß du dich abgewandt vom wahren Guten. Jetzt wahrlich stellt, von jeder Hülle bar, Soviel, im engsten Kreise sich bewegend, Dein Blick es fassen kann, mein Wort sich dar." Und flammender, sich trägem Schrittes regend, Betrat jetzt Sol des Meridians Gebiet, Das stets ein andres ist in andrer Gegend. Da standen still, wie, wer als Führer zieht Vor einer Schar, sich schickt zum Stillestande, Wenn er auf seinem Wege Neues sieht, Die sieben Fraun an dichten Schattens Rande. Wie grünbelaubt schwarzästig Waldgeheg Auf kalte Flüss ihn fließt im Alpenlande. Euphrat und Tigris schien vor ihrem Weg Sich aus derselben Quelle zu ergießen, Sich dann, wie Freunde, trennend, still und träg. "O Licht, der Menschheit Ruhm, welch Wasser sprießen Seh ich aus einem Ursprung hier und dann Sich von sich selbst entfernend weiterfließen?" Auf diese Bitte hob Beatrix an: "Mathilden bitt,"—und diese sprach dagegen, Wie wer vom Vorwurf leicht sich lösen kann: "Dies und noch anderes ihm auszulegen, Versäumt ich nicht, was, des bin ich gewiß, Der Lethe Wässer nicht zu tilgen pflegen." Beatrix drauf: "Die größre Sorg entriß, Wies oft geschieht, dies seinem Angedenken Und ließ sein geistig Aug in Finsternis. Doch Eunoe sieh—eil, ihn dahin zu lenken, Und, wie du immer pflegst, ihm durch die Flut Mit Leben die erstorbne Kraft zu tränken." Wie ohn Entschuldigung, wer, mild und gut, Als eignen Willen fremden aufgenommen, Der sich durch Wink und Wort ihm zeigte, tut, So ging, nachdem sie mich am Arm genommen, Die schöne Frau und sagte weiblich mild Zu Statius: "Auch du sollst mit ihm kommen." Hätt ich, o Leser, Raum zu größerm Bild, So würd ich dir zum Teil die Wonnen singen Des Tranks, der Durst erregt, wenn er ihn stillt. Doch läßt sich nichts mehr auf die Blätter bringen, Die ich zu diesem zweiten Lied erkor, Drum hemmt der Zaum der Kunst mein Weiterdringen. Ich ging aus jener heilgen Flut hervor, Wie neu erzeugt, von Leid und Schwäche ferne, Gleich neuer Pflanz in neuen Lenzes Flor, Rein und bereit zum Flug ins Land der Sterne.
Das Paradies
Erster Gesang
Der Ruhm des, der bewegt das große Ganze, Durchdringt das All, und diesem Teil gewährt Er minder, jenem mehr von seinem Glanze. Im Himmel, den sein hellstes Licht verklärt,— War ich und sah, was wiederzuerzählen Der nicht vermag, der von dort oben kehrt. Denn, nahn dem Ziel des Sehnens unsre Seelen, Das unsern Geist zur tiefsten Tiefe zieht, Dann muß der Rückweg dem Gedächtnis fehlen. Doch alles, was im heiligen Gebiet Nur einzusammeln war von selger Schöne, Der edle Schatz, sei Stoff jetzt meinem Lied. Apollo, Gütger, leih mir deine Töne Zum letzten Werk—mach ein Gefäß aus mir, Wert, daß es dein geliebter Lorbeer kröne. Mir gnügt ein Gipfel des Parnaß bis hier, Doch, soll der Rennbahn Ziel der Sieger grüßen, So fleh ich jetzt um beid empor zu dir. Den Odem hauch in mich, den reinen, süßen, Daß du hier stark, wie bei dem Wettkampf, seist, Den Marsyas kämpft, um frevlen Stolz zu büßen. O Götterkraft, wenn du dich jetzt mir leihst, Den Nachschein von des selgen Reiches Glanze Zu malen aus dem Bild in meinem Geist, Dann siehest du mich nahn der teuren Pflanze Und, durch den Stoff und dich des wert, geschmückt Und reichgekrönt mein Haupt mit ihrem Kranze. Wenn man ihr Laub, o Vater, selten pflückt, Um Cäsars und des Dichters Sieg zu ehren, Weil Schuld und Schmach den Willen niederdrückt, Muß Freud es wohl dem freudgen Gott gewähren, Den Delphos preist, kehrt nun mit kühnem Mut Nach Daphnes Laub ein Herz all sein Begehren. Und weckt ein kleiner Funk oft große Glut, So fleht nach mir zu höherer Verkündung Ein andrer wohl um deine Hilf und Hut.— Den Sterblichen entsteigt aus mancher Mündung Das Licht der Welt; allein in einer sind Vier Kreise mit drei Kreuzen in Verbindung, Wos bessern Lauf mit besserm Stern beginnt, So daß der Erde Wachs in diesem Zeichen Von ihm ein schöneres Gepräg gewinnt. In ihm hieß Sol den Tag bei uns erbleichen Und dort entglühn; und auf dem Halbkreis hier Die schwarze Nacht sich nahn und dort entweichen. Und links gewandt erschien Beatrix mir, Und wie kein Aar je fest und ungeblendet Zur Sonne sah, so blickte sie zu ihr. Und wie der erste Strahl den zweiten sendet, Der, ihm entflammt, hell auf- und rückwärts blitzt, Dem Pilgrim gleich, der sich zur Heimat wendet, So macht ihr Blick, der durch die Augen itzt Mein Innres traf, zur Sonn auch meinen steigen, Mit größrer Kraft, als onst der Mensch besitzt. Viel darf man dort, was hier zu übersteigen Die Kraft pflegt, die uns nimmer dort gebricht, Am Ort, den Gott schuf als der Menschheit eigen. Nicht lang ertrug ichs, doch so wenig nicht, Um nicht zu sehn, daß, wie dem Feur entnommen, Das Eisen sprüht, sie sprüht in Glut und Licht. Und plötzlich schien ein Tag zum Tag zu kommen, Als sei durch den, ders kann, am Himmelsrand Noch eine zweite neue Sonn entglommen. Fest schauend nach den ewgen Kreisen, stand Beatrix dort, und ihr ins glanzerhellte Gesicht sah ich, von oben abgewandt, Und fühlte, da mir Lust das Innre schwellte, Was Glaukus fühlt, als er das Kraut geschmeckt, Das ihn im Meer den Göttern zugesellte. Verzückung fühlt ich. Was sie sei, entdeckt Die Sprache nicht, mags drum dies Beispiel Iehren, Wenn je in euch die Gnade sie erweckt. Ob ich nur Seele war?—Du magsts erklären, O Liebe, Himmelslenkerin, die mich Mit ihrem Licht erhob zu jenen Sphären. Als nun der Kreis, der durch dich ewiglich In Sehnsucht rollt, mein Aug an sich gezogen Mit Harmonien, verteilt, gemischt durch dich, Durchflammte Sonnenglut des Himmels Bogen So weit hin, wie von Strom und Regenflut Kein See noch je erstreckt die breiten Wogen. Des Klanges Neuheit und die lichte Glut, Sie machten, daß ich vor Begierde brannte, Wie nimmer sie erweckt ein andres Gut; Drob sie, die mich, wie ich mich selbst, erkannte, Mir zu befriedgen den erregten Geist, Noch eh ich fragte, schon sich zu mir wandte Und sprach: "Ein Wahn ist Schuld, daß du nicht weißt, Was du sogleich erkennen wirst und sehen, Sobald du dich von seinem Trug befreist. Du glaubst noch auf der Erde fest zu stehen, Doch flieht kein Blitz aus seinem Vaterland So schnell, wie du jetzt eilst, hinaufzugehen." Kaum daß der erste Zweifel mir verschwand, Durchs kurze Wort und ihres Lächelns Frieden, Als wieder schon ein neuer mich umwand. Ich sprach: "Vom Staunen ruht ich schon zufrieden; Doch steig ich jetzt durch leichte Stoff empor, Drum ist dazu mir neuer Grund beschieden." Ein Seufzer weht aus ihrem Mund hervor, Dann sah sie hin auf mich, wie auf den Knaben Die Mutter blickt, die sagen will: Du Tor! "Die Dinge sämtlich", so begann sie, "haben Unter sich Ordnung, und das All ist nur Durch diese Form gottähnlich und erhaben. Die höhern Wesen sehn in ihr die Spur Der Kraft, der ewgen, die zum Ziel gegeben Vom Schöpfer ward der Ordnung der Natur. Nach ihr nun sehn wir alle Wesen streben, Ob hoch ihr Los, ob niedrig sei; ob mehr, Ob minder nah sie ihrem Ursprung leben. Sie treiben durch des Seins unendlich Meer, Geleitet vom Instinkt, den Gott als Steuer Jedwedem gab, auf mancher Bahn daher. Er trägt zum Mond empor das rege Feuer, Er ists, der rund den Bau der Erde drückt, Er ist der Herzschläg Ordner und Erneurer. Nicht nur auf Wesen, die vernunftlos, zückt Er, wie ein Bogen, seine sichern Pfeile, Auf die auch, die Vernunft und Liebe schmückt. Die Vorsicht, die zum Ganzen eint die Teile, Die durch ihr Licht des Himmels Ruh erhält, In dem der Kreis sich dreht von größter Eile, Läßt zum bestimmten Platz in jener Welt Uns jetzo durch die Kraft der Sehne bringen, Die, was sie treibt, nach heiterm Ziele schnellt. Wahr ists, daß, wie oft Formen nicht gelingen, Wie sie in sich des Künstlers Geist empfahn, Wenn spröde mit der Kunst die Stoffe ringen,- So das Geschöpf oft weicht von seiner Bahn, Denn ihm ist von Natur die Kraft verliehen, Trotz jener Kraft, sich anderm Ziel zu nahn, Wenn erdenwärts es falsche Reize ziehen; Wie aus der Wolke, wenn das Wetter grollt, Zum Boden hin des Feuers Strahlen fliehen. Nun staunst du, war ich klar, wie ich gewollt, So wenig drob, daß du emporgestiegen, Als daß der Bach vom Berg zur Tiefe rollt. Bliebst du, von Hemmnis frei, am Boden liegen, Erstaunenswerter wärs, als sähest du Träg an den Grund sich lebend Feuer schmiegen." Hier wandt ihr Antlitz sich dem Himmel zu.
Zweiter Gesang
O ihr, die ihr, von Hörbegier verleitet, Des Nachens Fahrt nach meinem Schiff gewandt, Das mit Gesange durch die Fluten gleitet, Kehrt wieder heim zu dem verlaßnen Strand, Schifft nicht ins Meer, denn, die mir folgen, wären Vielleicht verirrt, wenn meine Spur verschwand. Ich steure hin zu nie befahrnen Meeren; Minerva haucht, Apoll ist mein Geleit, Neun Musen zeigen mir am Pol die Bären. Ihr andern wengen, die zur rechten Zeit Ihr euch geneigt zum Engelsbrot, das Leben Hienieden uns nie Sättigung verleiht, Ihr könnt euch kühn aufs hohe Meer begeben, Wenn ihr daher auf meiner Furche fahrt, Eh wieder gleich das Wasser wird und eben. Anstaunen sollt ihr, was ihr bald gewahrt, Mehr als die Helden, die nach Kolchis zogen, Anstaunten, daß zum Pflüger Jason ward. So schnell fast, als des Himmels Kreise, flogen - Wir fort, zum Reich, dem Gott die Form verlieh, Vom angebornen, ewgen Durst gezogen. Beatrix blickt empor und ich auf sie, Doch kaum so lang, als sich ein Pfeil zu schwingen Vom Bogen pflegt und fliegt und ruht—da sieh Mich dort, wo mir der Blick von Wunderdingen Gefesselt ward, schon angelangt mit ihr; Und sie, gewohnt, mein Innres zu durchdringen, Sie wandte sich so froh, wie schön, zu mir: "Auf, bring itzt Gott des Dankes Huldigungen! Wir sind durch ihn im ersten Sterne hier." Mir schiens, als hielt uns eine Wolk umschlungen, Von Glanz durchstrahlt, dicht, ungetrennt und rein, Wie Diamant, vom Sonnenstrahl durchdrungen. Die ewge Perle nahm uns also ein, Gleichwie das Wasser, ohne sich zu trennen, In sich aufnimmt des Strahles goldnen Schein. Wenn ich nun Leib war, und wir nicht erkennen, Wie sich in einem Raum ein zweiter fand, So, daß im Körper Körper tauchen können, Was sind wir drum nicht mehr vom Trieb entbrannt, Das Ursein zu erschaun, in dem wir schauen, Wie unserer Natur sich Gott verband. Dort wird uns das, worauf wir gläubig bauen, Nicht durch Beweis, nein, durch sich selber klar, Der ersten Wahrheit gleich, auf die wir trauen. "Ihm, Herrin," sprach ich, "der mich wunderbar Der Erd entrückt, ihm bring ich jetzt, entglommen Von frommer Glut, des Dankes Opfer dar. Doch sprecht, woher die dunkeln Flecken kommen Auf dieses Körpers Scheib, aus welchen man Zur Kainsfabel dort den Stoff entnommen." Sie lächelt erst ein wenig und begann: "Irrt sich des Menschen Geist in solchen Dingen, Die nicht der Sinne Schlüssel öffnen kann, So solltest du dein Staunen jetzt bezwingen, Erkennend, daß, den Sinnen nach, nicht weit Sich die Vernunft erhebt mit ihren Schwingen. Allein was meinst du selbst? Gib mir Bescheid!" Und ich: "Von dünnern oder dichtern Stellen Kommt, wie mir scheint, des Lichts Verschiedenheit." Drauf sie: "Du wirst bald selbst das Urteil fällen, Daß falsch die Meinung sei, drum gib wohl acht, Was ich für Gründ ihr werd entgegenstellen. Der achte Kreis zeigt vieler Sterne Pracht, An Groß und Eigenschaften sehr verschieden, Wie ihr verschiednes Ansehn kenntlich macht. War dies durch Dünn und Dichtigkeit entschieden, So gäbs in allen ja nur eine Kraft, Dem mehr, dem minder, jenen gleich beschieden. Doch der verschiedne Bildungsgrund erschafft Verschiedne Kräft, und alle diese schwanden, Nach deinem Satz, vor einer Eigenschaft. Dann, wenn die Flecken durch die Dünn entständen, So denke, daß entweder hier und dort Sich durch und durch stoffarme Stellen fänden; Oder, gleichwie im Leib an manchem Ort Die Fettigkeit das Magre deckt, so gingen Die Schichten durch den Mond abwechselnd fort. Das Erste würd ans Licht die Sonne bringen, Wenn sie verfinstert ist—es ward ihr Schein Dann wie durch andre dünne Stoffs dringen. Doch dies ist nicht, drum bleibt das Zweit allein, Und wenn wir widerlegt auch dieses sehen, Dann wird dein Satz als falsch erwiesen sein. Kann durch und durch der dünne Stoff nicht gehen, So muß wohl eine Grenze sein, und hier Der dichte Stoff den Strahlen widerstehen. Zurücke blitzt sodann der Strahl von ihr— So wirft das Glas, auf seiner hintern Seite Mit Blei belegt, zurück dein Bildnis dir— Nun sagst du wohl, daß, weil aus größrer Weite Der Strahl sodann auf dich zurückeprallt, Er deshalb auch geringres Licht verbreite. Doch diesen Einwurf widerlegt dir bald Erfahrung, der, als seiner ersten Quelle, Jedweder Strom der Wissenschaft entwallt. Drei Spiegel nimm und zwei von diesen stelle Gleich weit von dir—dem dritten gib sodann Entfernter zwischen beiden seine Stelle. Kehrst du dich ihnen zu, so stelle man Drauf hinter dich ein Licht, das sich in allen Zum Widerstrahl des Schimmers spiegeln kann. Ins Auge wird der fernre kleiner fallen, Doch wird auf dich von ihnen allzumal Ein gleich lebendig Licht zurückeprallen. Jetzt aber, wie beim warmen Sonnenstrahl Des Schnees Massen in sich selbst zergehen, Und Farb und Frost zerrinnt im lauen Tal, So solls dem Wahn in deinem Geist geschehen, Und durch mein Wort sollst du lebendge Glut Vor deinem Blick in regem Schimmer sehen. Im Himmel, wo der Frieden Gottes ruht, Dreht sich ein Kreis, in dessen Kraft und Walten Das Sein all des, was er enthält, beruht. Der nächste Himmel, reich an Lichtgestalten, Verteilt dies Sein verschiednen Körpern drauf, Von ihm gesondert, doch in ihm enthalten. Aus ändern Kreisen von verschiednem Lauf Nimmt die verschiedne Kraft, in ihnen lebend, Dann jeder Stern nach seinen Zwecken auf. So siehst du diese Weltorgane schwebend, In sich im Kreis bewegt von Grad zu Grad, Von oben nehmend und nach unten gebend. Betrachte wohl den Weg, den ich betrat, Auf dem ich dir erwünschte Wahrheit weise, Dann findest du wohl künftig selbst den Pfad. Kraft und Bewegung nehmen jene Kreise Von Lenkern an, die ewges Heil beglückt, Wie Stein sich formt nach seines Künstlers Weise. Den Himmel, den die Schar der Sterne schmückt, Wird von dem Geist, durch den sie rollend Schweben, Gepräg und Bildnis mächtig eingedrückt. Und wie die Seele, noch vom Staub umgeben, Durch Glieder von verschiedner Art beweist, Was in ihr für verschiedne Kräfte leben, So zeiget seine Huld der Weltengeist, Der ewig einer ist, hier, vielgestaltet, Im Sternenheer, das durch die Himmel kreist. Daher verschiedne Kraft verschieden waltet Im edlen Körper, welchen sie durchdrang, In dem sie, wie in euch das Leben, schaltet. Und da sie heiterer Natur entsprang, Glänzt diese Kraft in jedes Sternes Lichte, Gleichwie im Augenstern der Wonne Drang. Durch sie also, und nicht durchs Dünn und Dichte, Erhält verschiednen Glanz der Sterne Schar; Daß sie ein Denkmal ihrer Huld errichte, Schafft diese Bildnerin, was trüb und klar."
Dritter Gesang
Die Sonne, die mich einst mit Glut erfüllt, Beweisend hatte sie und widerlegend Der Wahrheit holdes Antlitz mir enthüllt. Und ich, belehrt, nicht länger Zweifel hegend, Wollt eben, daß ichs sei, gestehn und stand, Das Haupt, soweit sichs ziemt, emporbewegend. Doch ein Gesicht erschien, und so gespannt Hielt ich den Blick darauf, ums zu gewahren, Daß mein Geständnis der Erinnrung schwand. Und wie von Gläsern, von durchsichtgen, klaren, Von Weihern, welche seicht, doch still und rein, Den Boden unverdunkelt offenbaren, Ein Antlitz widerstrahlt, so schwach und fein, Daß man erkennen würd in größrer Schnelle Auf weißer Stirn der Perle bleichen Schein; So sah ich manch Gesicht an jener Stelle Und war im Gegensatz des Wahns, durch den Einst Lieb entflammt ward zwischen Mann und Quelle. Denn plötzlich glaubt ich, wie ich sie ersehn, Es wären Spiegelbilder, und bemühte Mich, ringsumher ihr Urbild zu erspähn. Doch sah ich nichts, und, zweifelnd im Gemüte, Schaut ich ins Licht der süßen Führerin, Die lächelnd in den heilgen Augen glühte. Und sie begann: "Nicht staun in deinem Sinn. Belacht ich deine kindischen Gedanken. Noch gehst du auf der Wahrheit strauchelnd hin, Um, wie du pflegst, dem Wahne zuzuwanken. Wirkliche Wesen zeigt dir dies Gesicht, Die, untreu dem Gelübd, in Schuld versanken. Sprich, hör und glaube; denn das wahre Licht, Das sie beseligt, wird es nie gestatten, Daß ihm zu folgen sich ihr Fuß entbricht. Ich wandte mich und sprach zu einem Schatten, Der sprechenslustig schien, schnell, als ein Mann, Den längst gequält der Neugier Stacheln hatten: "O Seele, die das ewge Licht gewann, Die selig hier die Süßigkeiten machten, Die nur, wer sie geschmeckt, begreifen kann, O sei jetzt freundlich mir. Mein ganzes Trachten Ist ja dein Nam und euer Los. Drum sprich!"— Und sie, bereit, mit Augen, welche lachten, Sprach: "Unsre Lieb erschließt sich williglich Gerechtem Wunsch, gleich der, der Liebe Bronnen, Die ihr Gefolg gebildet will nach sich. Dort auf der Welt gehört ich zu den Nonnen, Doch wende nur mir die Erinnrung zu, Und durch die höhre Schönheit, höhern Wonnen, Daß ich Piccarda bin, erkennest du, Mit diesen allen, die sich selig nennen, Zum trägsten Kreis versetzt in Wonn und Ruh. All unsre Triebe, die allein entbrennen In Lust des Heilgen Geists, sind hoch ergetzt, Weil sie in seiner Weihe sich erkennen. Dies Los, von dir vielleicht geringgeschätzt, Ward uns zuteile, weil wir dort auf Erden Verabsäumt die Gelübd und sie verletzt." Drauf ich: "Euch glänzt in Antlitz und Gebärden, Ich weiß nicht was, von Gottheit, wunderbar, Und läßt die ersten Züg unkenntlich werden, Drob ich so säumig im Erkennen war, Jetzt hilft mir, was du sprichst, dem Auge trauen Und stellt mir deutlicher dein Bildnis dar. Doch sprich: Ihr, glücklich hier in diesen Auen, Zieht euch nach höherm Ort nicht die Begier, Um mehr euch zu befreunden, mehr zu schauen?" Ein wenig lächelten die Schatten hier, Denn, als ob sie in erster Liebe glühte, Erwiderte sie froh und wonnig mir: "Bruder, hier stillt die Kraft der Lieb und Güte Jedweden Wunsch, und völlig gnügt uns dies, Und nicht nach anderm dürstet das Gemüte. Denn wenn es höherm Wunsch sich überließ, So würd es ja dem Willen widerstehen, Der uns in diesen niedern Kreis verwies. Dies kann in diesen Sphären nicht geschehen; Lieb ist das Band des ewigen Vereins, Mit der nicht Kampf noch Widerstand bestehen. Vielmehr ists Wesen dieses selgen Seins, Nur in dem Willen Gottes hinzuwallen, Drum schmilzt hier aller Wunsch und Trieb in eins. Und, wie wir sind von Grad zu Grad, muß allen Wie ihm, des Will allein nach seiner Spur Den unsern lenkt, dies ganze Reich gefallen. Und unser Frieden ist sein Wille nur, Dies Meer, wohin sich alles muß bewegen, Was er schafft, was hervorbringt die Natur."— Nun sah ich: Paradies ist allerwegen Wo Himmel ist, strömt auch von oben her Vom höchsten Gut nicht gleich der Gnade Regen.— Wie bei verschiednen Speisen man nicht mehr Von dieser will und sich nach jener wendet, Für diese dankt und noch verlangt von der, So ich mit Wink und Wort, als sie geendet, Um zu erfahren, was sie dort gewebt, Allein verlassen, ehe sies vollendet. "Vollkommnes Leben und Verdienst erhebt Ein Weib", so sprach sie, "zu den höhern Kreisen, In deren Tracht und Schleier manche strebt, In Schlaf und Wachen treu sich zu erweisen Dem Bräutigam, dem jeder Schwur gefällt, Den reine Liebestrieb ihm schwören heißen. Ihr nachzufolgen floh ich jung die Welt, Weiht ihrem Orden mich und war beflissen, Dem gnugzutun, was sein Gesetz enthält. Doch Menschen, ruchlos mehr, als gut, entrissen Gewaltsam dem Verlies, dem süßen, mich Wie drauf mein Leben war—Gott wird es wissen— Der andre Glanz, der mir zur Rechten dich So freudig hell bestrahlt, denn er entzündet In unsrer Sphäre ganzem Schimmer sich, Versteht von sich, was ich von mir verkündet. Denn man entriß, wie meinem, ihrem Haupt Den Schleier, der der Nonnen Stirn umwindet. Doch, ob man Rückkehr ihr zur Welt erlaubt, Blieb doch ihr Herz bekrönt mit jenem Kranze, Den ihrer Stirn verruchte Tat geraubt. Sie ist das Licht der trefflichen Konstanze, Die mit dem zweiten Sturm aus Schwabenland Den dritten zeugt, umstrahlt vom letzten Glanze." Piccarda sprachs, mir heiter zugewandt, Und fing ein Ave an, indem sie singend, Wie Schweres in der tiefen Flut, verschwand. Mein Blick, ihr nach, soweit er konnte, dringend, Erhob sich dann, sobald er sie verlor, Nach einem Ziele größern Sehnens ringend, Zu Beatricens Antlitz ganz empor, Doch als ihr Aug, ein Blitz, in meins geschlagen, So daß zuerst es niedersank davor, Da macht es zögern mich mit weitern Fragen.
Vierter Gesang
Zwischen zwei Speisen, gleich entfernt und lockend, Ging hungrig wohl ein freier Mann zugrund, Nicht von der einen noch der andern brockend. So stund ein Lämmchen zwischen Schlund und Schlund Von zweien Wölfen fest, in gleichem Zagen, So stund auch zwischen zweien Rehn ein Hund. So ließ verschiedner Zweifel mich nicht fragen. Ich schwieg nur, weil ich mußt, und kann davon Drum weder Gutes jetzt noch Böses sagen. Ich schwieg, doch ward mein Wunsch vom Antlitz schon Klar ausgedrückt und deutlicher vernommen, Als hätt ich ihn erklärt mit klarem Ton. Beatrix tat wie Daniel, als entglommen Nebukadnezar war in blinder Wut, Die des Propheten Deutung ihm benommen. "Daß dich zwei Wünsche drängen, seh ich gut," Begann sie, "die dich fesseln. So daß keiner Von beiden sich nun kund nach außen tut. Du fragst: Bleibt unser Will ein guter, reiner, Wie macht Gewalttat andrer dann den Wert Und wie den Umfang des Verdienstes kleiner? Hiernächst auch zweifelst du, weil Plato lehrt, Daß, wies ihm scheint, zu ihrem Sternenkreise Die Seele von der Erde wiederkehrt. Die beiden Zweifel drängen gleicherweise Auf deinen Willen ein, daher ich Ietzt Der schlimmern Meinung Falschheit erst beweise. Der Seraph, den der reinste Schimmer letzt, Moses und Samuel—die je heilig waren, Ja, selbst Marien nenn ich dir zuletzt, Sind nicht in anderm Himmel als die Scharen Der selgen Geister, die du jetzt gesehn, Sind reicher nicht und ärmer nicht an Jahren. Die erste Sphäre machen alle schön, Doch ist verschiedner Art ihr süßes Leben, Wie mehr und minder Gottes Hauche wehn. Sie zeigten hier sich, nicht, weil ihnen eben Der Kreis zuteil ward, nein, weil dies beweist, Daß sie zum Höchsten minder sich erheben. So sprechen muß man ja zu eurem Geist, Den nur die Sinne zu dem allen leiten. Was die Vernunft sodann ihr eigen heißt. Drum läßt sich auch zu euren Fähigkeiten Die Schrift herab, wenn sie von Gott euch spricht, Von Hand und Fuß, um andres anzudeuten. Die Kirche zeigt mit menschlichem Gesicht Gabriel und Michael und Raphaelen, Der neu geklärt Tobias Augenlicht. Doch des Timäus Lehre von den Seelen Ist andrer Art. Er glaubt auch, was er lehrt, Und scheint darin kein Sinnbild zu verhehlen. Daß sich zu ihrem Stern die Seele kehrt, Er sprichts und glaubt, daß sie von dort gekommen, Als die Natur sie uns zur Form gewährt. Allein wird dies nicht wörtlich angenommen, So kann er doch vielleicht mit dem Beweis Dem Ziel der Wahrheit ziemlich nahekommen, Dafern er meinte, daß aus jedem Kreis Das Gut und Böse stamm, und deshalb lehrte, Dem kehre Schimpf zurück und jenem Preis. Und dieser schlechtverstandne Satz verkehrte Fast alle Welt, so daß in Sternen man Den Mars, Merkur und Jupiter verehrte.— Der andre Zweifel, welcher dich umspann, Hat mindres Gift, indem er nicht entrücken Dich meinem Pfad durch seine Schlingen kann. Denn scheint auch ungerecht den Menschenblicken Unsre Gerechtigkeit, nun, so beweist Dies Glauben nur, nicht ketzerische Tücken. Allein wohl fähig ist des Menschen Geist, In diese Wahrheit tiefer einzudringen, Drum will ich jetzt, daß du befriedigt seist. Ist das Gewalt, wenn jenen, welche zwingen, Der, welcher leidet, nie sich willig zeigt, So kann sie jenen nicht Entschuldgung bringen. Denn Wille, der nicht will, bleibt ungebeugt, Wie Feuer, mag der Sturmwind tosend Schwellen, Oft hingeweht, neu in die Höhe steigt. Der Wille wird zu der Gewalt Gesellen, Wenn er sich beugt; drum fehlte jenes Paar Rückkehren könnend zu den heilgen Zellen. Blieb jener Nonnen Will unwandelbar, Wie auf dem Rost Laurentius geblieben, Wie Scävola, der streng der Rechten war, So hätt er sie, befreit, zurückgetrieben Denselben Pfad, auf dem man sie entführt; Doch selten sind, die solchen Willen lieben. Noch hättest du den Zweifel oft gespürt, Der jetzt gewiß vor meinem Wort geschwunden, Wenn du wohl aufgemerkt, wie sichs gebührt. Doch hält ein andrer schon dein Aug umwunden, Und gänzlich schwände deine Kraft dahin, Eh du dich Selbst aus ihm herausgefunden. Ich legt es als gewiß in deinen Sinn, Die Seele, die der ersten Wahrheit Pforten Stets nahe bleibt, sei niemals Lügnerin. Doch nun erfuhrst du durch Piccarda dorten, Daß ihren Schleir Konstanze nie vergaß, Und dies scheint Widerspruch mit meinen Worten. Oft, Bruder, die Gefahr zu fliehn, geschahs, Daß sich ein Mensch, auch wider Willen, dessen, Was nimmer sich zu tun geziemt, vermaß. So hat Alkmäon, welcher sich vermessen Des Muttermords, weil ihn sein Vater bat, Die Sohnespflicht aus Sohnespflicht vergessen. Daraus erkennst du diese Wahrheit: hat Der Wille sich vermischt dem äußern Drange, So liegt in ihm die Schuld der bösen Tat. Der unbedingte Wille trotzt dem Zwange, Doch stimmt insofern bei, als der Gefahr Er zagend weicht, vor größerm Schaden bange. Piccarda sprach, dies siehst du jetzo klar, Vom unbedingten Willen nur zum Guten, Vom zweiten Ich, und beider Wort ist wahr." So war das Wogen jener heilgen Fluten Dem Quell entströmt, dem Wahrheit nur entquillt, Daß süß befriedigt meine Wünsche ruhten. "Liebste des ersten Liebenden, o Bild Der Gottheit," rief ich, "deren Rede regnet, Erwärmt und mehr und mehr belebt und stillt. Oh, war mit Inbrunst doch mein Herz gesegnet Zum Dank, der gnügte deiner Huld—doch dir Sei nur von ihm, der sieht und kann, entgegnet. Nie sättigt sich der Geist, dies seh ich hier, Als in der Wahrheit Glanz, dem Quell des Lebens, Die uns als Wahn zeigt alles außer ihr. Doch fand er sie, dann ruht die Qual des Strebens, Und finden kann er sie, sonst wäre ja Jedweder Wunsch der Menschenbrust vergebens. Dann läßt der Geist, wenn er die Wahrheit sah, An ihrem Fuß den Zweifel Wurzel schlagen Und treibt von Höhn zu Höhn dem Höchsten nah. Dies ladet nun mich ein, dies heißt mich wagen, Nach einer andern dunkeln Wahrheit jetzt Voll Ehrfurcht, hohe Herrin, Euch zu fragen. Kann wohl der Mensch, der ein Gelübd verletzt, Durch andres gutes Werk dies so vergüten, Daß Ihrs, nach Eurer Wag, als gnügend schätzt? Sie sah mich an, und Liebesfunken sprühten Aus ihrem Aug so göttlich klar hervor, Daß ich, besiegt, sobald sie mir erglühten, Gesenkten Blicks mich selber fast verlor.
Fünfter Gesang
"Wenn ich in Liebesglut dir flammend funkle, Mehr, als es je ein irdisch Auge sieht, So, daß ich deines Auges Licht verdunkle, Nicht staune drum—es macht, daß dies geschieht, Vollkommnes Schauen, welches, wies ergründet, In dem Ergründeten uns weiterzieht. Schon glänzt, ich sehs in deinem Blick verkündet. In deinem Geist ein Schein vom ewgen Licht, Das, kaum gesehen, Liebe stets entzündet. Und liebt ihr, weil euch andrer Reiz besticht, So ists, weil, unerkannt, vom Licht, dem wahren, Ein Strahl herein auf das Geliebte bricht. Ob andrer Dienst, dies willst du jetzt erfahren, Gebrochenes Gelübd ersetzen kann, Um vor dem Vorwurf euer Herz zu wahren." So fing ihr heilges Wort Beatrix an Und setzte dann, die Rede zu vollenden, Ununterbrochen fort, was sie begann. "Die größte Gab aus Gottes Vaterhänden Und seiner reichen Güte klarste Spur, Von ihm geschätzt als höchste seiner Spenden, Ist Willensfreiheit, so die Kreatur, Der er Vernunft verlieh, von ihm bekommen, Von diesen jede, doch auch diese nur. Hieraus ersieh den hohen Wert des frommen Gelübdes, wenn es so beschaffen ist, Daß Gott, was du geboten, angenommen. Denn, wer mit Gott Vertrag schließt, der vermißt Sich, diesen Schatz zum Opfer darzubringen, Mit dessen Werte sich kein andrer mißt. Wie kann drum je hier ein Ersatz gelingen? Brauchst du auch wohl, was du geopfert hast, So ists nur Wohltat mit gestohlnen Dingen. Du hast das Wichtigste nun aufgefaßt, Doch weil die Kirche vom Gelübd entbindet, So zweifelst du an meiner Wahrheit fast. Drum bleib am Tisch ein wenig noch. Hier findet, Ob du auch Unverdauliches gespeist, Das Mittel sich, vor dem der Schmerz verschwindet. Dem, was ich sag, erschließe deinen Geist, Denn Hören gibt nicht Weisheit, nein, Behalten; Behalt es drum, damit du weise seist. In diesem Opfer sind zwei Ding enthalten; Das erste: des Gelübdes Gegenst and— Das zweite: der Vertrag, es treu zu halten. Der letztere hat ewigen Bestand, Bis er erfüllt ist, und wie er zu achten, Dies macht ich oben dir genau bekannt. Drum mußten die Hebräer Opfer schlachten, Obwohl für das Gelobte dann und wann Sie, wie du wissen mußt, ein andres brachten. Der Gegenstand kann also sein, daß man, Auch ohne Reu und Vorwurf zu empfinden, Mit einem andern ihn vertauschen kann. Nur mag sich dessen niemand unterwinden Nach eigner Wahl, wenn ihn der ersten Last Der gelb und weiße Schlüssel nicht entbinden. Und jeder Tausch der Bürd ist Gott verhaßt, Wenn, die wir nehmen, die wir von uns legen, Nicht wie die Sechs die Vier, voll in sich faßt. Drum, ziehet das, was man gelobt, beim Wägen Jedwede Wag herab durch sein Gewicht, So gibts auch nirgendwo Ersatz dagegen. Scherzt, Sterbliche, mit dem Gelübde nicht. Seid treu, doch seht euch vor; denn schwer beklagen Wirds jeder, der, wie Jephtha, blind verspricht. Ihm ziemt es besser: Ich tat schlimm! zu sagen, Als, haltend, schlimmer tun—und gleiche Scham Sah man davon den Griechenfeldherrn tragen; Drob Iphigenia weint in bitterm Gram Und um sich weinen Weis und Toren machte, Ja, jeden, der von solchem Dienst vernahm. Sei nicht leichtgläubig, Christenvolk, und trachte, Nicht wie der Flaum im Windeshauch zu sein; Daß dich nicht jedes Wasser wäscht, beachtet Das Alt und Neue Testament ist dein, Der Kirche Hirt ist Führer ihren Söhnen, Und dieses gnügt zu eurem Heil allein. Und reizt euch jemand, schlechtem Trieb zu frönen, Nicht Schafe seid ihr, eurer unbewußt, Drum laßt vom Nachbar Juden euch nicht höhnen. Tut nicht dem Lamm gleich, das der Mutter Brust Aus Einfalt läßt und, dumm und geil, vergebens Nur mit sich selber kämpft nach seiner Lust." Beatrix sprachs und wandte, regen Strebens, Ganz Sehnen, ihren Blick zum hellem Licht, Empor zur schönen Welt des höhern Lebens. Ihr Schweigen, ihr verwandelt Angesicht Geboten dem begiergen Geiste Schweigen Und ließen mich zu neuen Fragen nicht. Und schnell, wie sich beschwingte Pfeile zeigen, Ins Ziel einbohrend, eh die Sehne ruht, So eilten wir, zum zweiten Reich zu steigen. Die Herrin sah ich so in frohem Mut, Da uns der Flug zum neuen Glänze brachte, Daß heller ward des Sternes Licht und Glut. Wenn der Planet nun, sich verwandelnd, lachte, Wie ward wohl mir, mir, den verwandelbar Schon die Natur auf alle Weisen machte? Gleichwie im Teich, der ruhig ist und klar, Wenn das, wovon die Fischlein sich ernähren, Von außen kommt, her eilt die muntre Schar, So sah ich hier zu uns sich Strahlen kehren Wohl Tausende, von welchen jeder sprach: "Seht, der da kommt, wird unser Lieben mehren!" Und wie sie uns sich nahten nach und nach, Da sah ich süßer Wonne voll die Seelen, Im Glanz, der hell hervor aus jeder brach. Bedenke, Leser, wollt ich dir verhehlen, Was ich noch sah, und schweigend von dir gehn, Wie würde dich der Durst nach Wissen quälen? Du wirst daraus wohl durch dich selbst verstehn, Wie ich ihr Los mich sehnte zu erfahren, Sobald mein Aug in ihren Glanz gesehn. "Begnadigter, dem hier sich offenbaren Des ewigen Triumphes Thron, eh dort Du noch verlassen hast der Krieger Scharen, Wir sind entglüht vom Licht, das fort und fort Den Himmel füllt—drum, wünschest du Erklärung, So sättige nach Wunsch dich unser Wort." Ein frommer Geist verhieß mir so Gewährung, Beatrix drauf: "Sprich, sprich und glaub ihm fest, So fest, als war es göttliche Belehrung." "Ich sehe, würdger Geist, du hast dein Nest Im eignen Licht, das, wie du lächelst, immer Mit hellerm Glanz dein Auge strahlen läßt, Doch wer bist du? Was ward der schwache Flimmer Der niedern Sphäre dir zum Sitz gewährt, Die uns umschleiert wird durch fremden Schimmer?" So sprach ich, jenem Lichte zugekehrt, Das erst gesprochen hatt, und sahs in Wogen Von Strahlen drum weit mehr als erst verklärt. Denn gleichwie Sol, von dichtem, Dunst umzogen, In zu gewaltgen Glanz sich selber hüllt, Wenn Glut der Nebel Schleier weggesogen, So barg sich jetzt, von größrer Lust erfüllt, Die heilige Gestalt im Strahlenringe, Und sie entgegnete mir, so verhüllt, Das, was ich bald im nächsten Sange singe.
Sechster Gesang
"Nachdem der Kaiser Konstantin, entgegen Der Himmelsbahn, gewendet jenen Aar, Der einst ihr folgt auf des Äneas Wegen, Da sah man mehr als schon zweihundert Jahr Zeus Vogel an Europens Rand verbringen, Nah dem Gebirg, dem er entflogen war. Beherrschend unterm Schatten heilger Schwingen Von dort die Welt, ging er von Hand zu Hand, Bis ihm beim Wechsel meine Hand empfingen. Cäsar war ich, Justinian genannt, Der, nach der ersten heilgen Liebe Walten, Unmaß und Leeres ins Gesetz gebannt. Und eh ichs unternahm, dies zu gestalten, Lebt ich zufrieden in dem Wahne fort, Ein Wesen sei in Christo nur enthalten. Doch Agapet, der höchste Hirt und Hort, Er lenkte mich zurück zum Echten, Wahren, Zum rechten Glauben durch sein heilig Wort. Ich glaubt ihm und bin jetzt ob des im klaren, Was er mir sagt—und du auch wirst nun sehn, Daß Wahr und Falsch im Gegensatz sich paaren. Kaum fing ich an, der Kirche nachzugehn, So flößt es Gott mir ein, mich aufzuraffen, Und nur dem hohen Werke vorzustehn. Dem Belisar vertraut ich meine Waffen, Und ihm verband des Himmels Rechte sich Zum Zeichen mir, ich soll in Ruhe schaffen. Befriedigt hab ich nun im ersten dich, Was du gefragt; allein die Art der Frage Verbindet noch zu einem Zusatz mich, Damit du sehst, welch Unrecht jeder trage, Der dieses hehren, heilgen Zeichens Macht An sich zu ziehn und ihr zu trotzen wage. Du siehst die Kraft, dies wert der Ehrfurcht macht, Seit seiner Herrschaft Pallas, überwunden, Sein Leben selbst zum Opfer dargebracht; Weißt, daß es drauf den Aufenthalt gefunden, Dreihundert Jahr und mehr in Albas Aun, Bis drei und drei dafür den Kampf bestunden; Weißt, was vom Raube der Sabinerfraun Es tat bis zu Lukreziens Schmerz, durch sieben, Die ringsumher besiegt die Nachbargaun. Weißt, wie es Brennus, Pyrrhus auch vertrieben, Getragen vor der wackern Römer Schar Und siegreich noch in manchem Kampf geblieben; Drob Quinctius, benannt vom wirren Haar, Drob auch Torquatus, Decier, Fabier glänzen In freudgem Ruhme durch den heilgen Aar. Er schlug der Libyer Stolz, die, Welschlands Grenzen Einst Hannibal verführt, zu überziehn, Wo Alpen deinen Quell, o Po, umkränzen. Ein Jüngling noch, hob Scipio sich durch ihn. Pompejus auch, zu des Triumphes Ehren, Der bitter deinem Vaterlande schien. Dann, nah der Zeit, in der die Welt verklären Der Himmel wollt in seinem eignen Schein, Nahm Julius Cäsar ihn auf Roms Begehren. Was er dann tat vom Varus bis zum Rhein, Jser und Seine sahns, es sahns, bezwungen, Die Tale, die der Rhon ihr Wasser Ieihn. Wie er den Rubikon dann übersprungen, Was er dann tat, das war von solchem Flug, Daß Zung und Feder nie sich nachgeschwungen. Nach Spanien lenkt er dann den Siegerzug, Dann nach Durazz und traf Pharsaliens Auen So, daß man Leid am heißen Nile trug. Sah wieder dann den Simois, die Gauen, Von wo er kam, wo Hektor ruht und schwang Sich auf dann, zu des Ptolemäus Grauen. Worauf er blitzend hin zum Juba drang; Dann sah man ihn die Flügel westwärts schlagen, Wo ihm Pompejus Kriegsdrommet erklang. Was er mit dem tat, der ihn dann getragen, Bellt Brutus, Cafsius noch in ewger Not, Sagt Modena, Perugia noch mit Klagen. Kleopatra beweints noch, die, bedroht Von seinem Zorn, entfloh und an die Brüste Die Schlange nahm zu schnellem, schwarzem Tod. Mit diesem eilt er bis zur roten Küste, Mit diesem schloß er fest des Janus Tor, Weil Fried und Ruh den ganzen Erdball küßte. Doch was der Adler je getan zuvor, Und was noch drauf getan dies hohe Zeichen, Das Gott zur Herrschaft irdschen Reichs erkor, Muß dem gering erscheinen und erbleichen, Ders in der Hand des dritten Cäsar schaut Mit klarem Blick, dem Wahn und Irrtum weichen. Denn die Gerechtigkeit, die jeden Laut Mir einhaucht, hat ihn, ihren Zorn zu rächen. Der Hand des, den ich dir benannt, vertraut. Jetzt staun ob dessen, was ich werde sprechen: Er nahm, begleitend dann des Titus Bahn, Rach an der Rache für ein alt Verbrechen. Und als darauf der Langobarden Zahn Die Kirche biß, sah unter seinen Schwingen Man Karl den Großen ihr mit Hilfe nahn. Nun siehst du selbst, wie jene sich vergingen, Von denen ich, sie hart anklagend, sprach, Die über euch all euer Übel bringen. Der trachtet selbst dem Reicheszeichen nach, Der will es durch die Lilien überwinden, Und schwer zu sagen ist, wer mehr verbrach. Der Ghibellin mög andres Zeichen finden, Denn schlechte Folger sind dem heilgen Aar, Die standhaft nicht das Recht und ihn verbinden. Der neue Karl mit seiner Guelfenschar, Nicht trotz er ihm, der wohl schon stärkerm Leuen Das Vlies abzog mit seinem Klauenpaar. Oft muß der Sohn des Vaters Fehl bereuen. Nicht glaub er seine Lilien Gott so lieb, Um ihrethalb sein Zeichen zu erneuen— Der kleine Stern, der fern und dämmernd blieb, Ist Wohnsitz derer, die zum tätgen Leben Der Durst allein nach Ruf und Ehre trieb. Und wenn so falsch gelenkt die Wünsche streben, So muß sich wohl der wahren Liebe Licht Mit minderm Glanz zum rechten Ziel erheben. Doch wägen wir dann des Verdiensts Gewicht Mit dem des Lohns, so wird uns Wonn und Frieden, Weil eins dem andern so genau entspricht. Dann stellt uns die Gerechtigkeit zufrieden Und sichert uns vor jedem sündgen Hang, Denn glücklich macht uns das, was uns beschieden. Verschiedne Tön erzeugen süßen Klang; So bilden hier die Harmonie der Sphären Die lichten Kreise von verschiednem Rang. Du siehst in dieser Perle sich verklären Romeos Licht, mußt auch sein schönes Tun Auf Erden des verdienten Lohns entbehren. Allein die Pprovenzalen lachen nun Nicht ihres Grolls, denn solche nahn dem Falle, Die sich in andrer Guttat Schaden tun. Vier Töchter hatt, und Königinnen alle, Graf Raimund, und Romeo tat ihm dies, Der niedre Fremd in stolzer Fürstenhalle. Und jener folgt, als ihm die Scheelsucht hieß, Dem Biedermanne Rechnung anzusinnen, Der acht und vier für zehn ihm überwies. Arm und veraltet ging er dann von hinnen; Und wußte man, mit welchem Herzen er fortzog, sein Brot als Bettler zu gewinnen, Man preist ihn hoch und pries ihn dann noch mehr.
Siebenter Gesang
Hosianna dir, du Gott der Macht und Wahrheit, Dir, der du hier der selgen Flammen Glanz Reich überströmst mit Fülle deiner Klarheit!" So schien, zurückgewandt zu ihrem Tanz, Die Seel im Lied den höchsten Herrn zu feiern, Umringt ihr Licht von neuem Strahlenkranz. Den Reigen sah ich alle nun erneuern, Und Funken gleich, die durch die Lüfte fliehn, Von plötzlicher Entfernung sie verschleiern. Ich zweifelte. "Sprich, sprich, zur Herrin," schien Mein Herz zu sprechen bei des Mundes Schweigen, "Die stets dir Lab in süßem Tau verliehn." Allein die Ehrfurcht, der ich immer eigen Als Sklav war, wo nur be nd ice klang, Ließ, gleich dem Schläfrigen, das Haupt mich neigen. Sie aber duldete mich so nicht lang; In Lächeln strahlte mir das hohe Wesen, Das Feuerpein umschüf in Wonnedrang. Sie sprach: "Ich hab in deiner Brust gelesen, Wie ist—dies ists, was dir im Haupte kreist— Gerechter Rache Züchtgung Recht gewesen. Doch bald entwirren will ich deinen Geist, Damit du, wenn dein Sinn sich mir erschlossen, Um eine große Wahrheit reicher seist. Der Mensch, der nicht geboren ward, verdrossen, Zu dulden, sich zum Heil, des Willens Zaum, Verdammte sich und mit sich seine Sprossen; Drob das Geschlecht in Wahn und falschem Traum Viel hundert Jahre krank lag, matt und trübe, Bis sich das Wort geneigt zum niedern Raum, Wos der Natur, die sich im irren Triebe Vom Schöpfer abgekehrt, sich ganz verband, Bloß durch das Walten seiner ewgen Liebe. Scharf sei dein Blick jetzt auf mein Wort gespannt. Diese Natur, dem Schöpfer hingegeben Und ihm vereint, war rein, wie sie entstand. Doch durch sie selbst war sie für falsches Streben Vom Paradies verbannt, weil sie die Bahn Verlassen, wo nur Wahrheit ist und Leben. Drum ward die Strafe, durch das Kreuz empfahn, Mit größerm Recht, als jemals irgendeine, Der angenommenen Natur getan. So war die Straf auch ungerecht wie keine, In Hinsicht des, der sie erlitten hat, Mit der Natur, der irdschen, im Vereine. Verschieden war die Wirkung einer Tat. Gott und den Juden mußt ein Tod gefallen, Drob Erd erbebt und Himmel auf sich tat. Schwer wird dirs nicht mehr zu begreifen fallen, Wenn man von dem gerechten Richter spricht, Des Rach auf rechte Rache schwer gefallen. Doch deinen Geist, gleich einem Netz, umflicht Gedank itzt und Gedank in engem Kreise, Aus dem er sehnlich Lösung sich verspricht. Der Rache Recht war klar in dem Beweise, Denkst du; doch weshalb wählt in seiner Macht Gott zur Erlösung ebendiese Weise? Der Schluß, mein Bruder, birgt sich dem in Nacht, Dem nicht, wenn hell der Liebe Flammen brennen, Die Glut den Geist zur Mündigkeit gebracht. Vernimm deshalb, weil wenig zu erkennen, Wo viel der Blick umsonst sich spähend müht, Warum die Art die würdigste zu nennen. Die ewge Gut, in sich nie zornentglüht, Zeigt, wenn im All sich ihre Schönheit spiegelt, Wie sie die Funken eigner Glut versprüht. Was ihr unmittelbar entströmt—verriegelt Ist dem des Todes Tür, und fest und treu Ist das Gepräge, wenn sie selber siegelt. Was ihr unmittelbar entströmt, ist frei, Ist völlig frei, und deshalb wohnt dem Neuen Die Kraft nicht, es zu unterjochen, bei. Je mehrs ihr gleicht, je mehr muß sies erfreuen, Drum will die heilge Glut, das Licht der Welt, Aufs ähnlichste den hellsten Schimmer streuen. In allem dem ist hoch der Mensch gestellt, Der aber, wenn nur eins ihm fehlt, entweihet, Mit Schmach herab von seinem Adel fällt. Die Sünd allein ist das, was ihn entfreiet. Unähnlich macht sie ihn dem höchsten Gut, Das wenig drum von seinem Glanz ihm leihet. Nie kehrt zurück ihm seine Würde, tut Er dem nicht Gnüge durch gerechte Leiden, Was er gefehlt in sündger Lüste Glut. Eure Natur, die in den ersten beiden Ganz sündigte, ward, wie der Würd entsetzt, So auch verdammt, das Paradies zu meiden. Und Möglichkeit, dahin zurückversetzt Dereinst zu sein, gabs nur auf zweien Pfaden, Wenn scharf dein Geist der Dinge Wesen schätzt: Entweder Gott verzieh allein aus Gnaden, Oder es mußte sich, der ihn gekränkt, Der Mensch, gnugtuend, selbst der Schuld entladen. Dein Blick sei in den Abgrund jetzt versenkt Des ewgen Rates, und mit ernstem Schweigen Sei ganz dein Geist nach meinem Wort gelenkt. Gnugtuung konnte nie der Mensch erzeigen, Und, eng beschränkt, so tief nicht niedergehn, Gehorchend, nicht sich so in Demut neigen, Als, ungehorsam, er sich wollt erhöhn; Drum könnt er nie sich von der Schuld befreien, Genugtuung nicht durch ihn selbst geschehn. Drum wählt, ihn neu zum Leben einzuweihen, Gott, so gerecht wie gnädig, seinen Pfad Und führt auf diesem ihn, vielmehr auf zweien. Doch weil so werter ist des Täters Tat, Je heller strahlt die Gut in dem Gemüte, In dem die Handlung ihre sQuelle hat, Hat, die die Welt gestaltet, Gottes Güte, Auf jedem Wege, der ihr offen lag, Euch neu erhöht zu eurer ersten Blüte. Und zwischen letzter Nacht und erstem Tag Ist nie so Hohes, Herrliches gediehen Für sie und euch, was er auch schaffen mag. Freigebger wars, daß Gott sich selbst verliehen, Drob zu erstehn der Mensch genügend ward, Als hätt er ihm nur aus sich selbst verziehen, Karg war erfüllt in jeder andern Art Das Recht, wenn Gottes Sohn um euretwillen Nicht demutsvoll dem Fleische sich gepaart. Jetzt, um noch besser deinen Wunsch zu stillen, Und daß du sehst, gleich mir, das volle Licht, Will ich noch eins dir deutlicher enthüllen. Ich sehe Feuer, sehe Luft—so spricht Dein Zweifel—Wasser, Erd, in mannigfachen Vermischungen, und alle dauern nicht. Geschöpfe sind ja alle diese Sachen; Und sollte dies, wenn ich dich recht verstand, Sie nicht vor der Verderbnis sicher machen? Die Engel, Bruder, und dies reine Land, Sie dürfen wohl sich für erschaffen halten, Weil, wie sie sind, ihr volles Sein entstand. Doch alles, was die Element entfalten, Die Elemente selbst, sie läßt allein Der Höchste durch geschaffne Kraft gestalten. Geschaffen ward ihr Stoff, ihr erstes Sein, Geschaffen ward die Bildungskraft dem Tanze Der Sterne, die um eure Welt sich reihn. Die Seele jedes Tiers und jeder Pflanze Zielet nach verschiedner Bildungsfähigkeit Regung und Licht aus ihrem heilgen Glanze. Allein der höchsten Güte Hauch verleiht Unmittelbar uns selber unser Leben Und Liebe, die dann ihr sich sehnend weiht. Wie aus der Gruft die Leiber sich erheben, Erkennst du, wenn du denkest, wessen Ruf Dem Menschenleib sein erstes Sein gegeben, Als er die beiden ersten Eltern schuf.
Achter Gesang
Die Welt glaubt einst, unselgen Irrtum hegend, Daß Cypris toller Liebe Glut entflammt, Im dritten Epizyklus sich bewegend. Drob nicht zu ihr allein mit Opferamt Und Weiherufen sich anbetend kehrte Das alte Volk, im alten Wahn verdammt; Nein, auch Dionen und Cupiden ehrte, Als ihre Mutter sie, ihn als das Kind, Dem Dido ihren Schoß zum Sitz gewährte. So ward nach ihr, von der mein Sang beginnt, Der Stern benannt, der, bald der Sonn im Rücken, Bald ihr im Angesicht liebäugelnd minnt. Nicht fühlt ich mich in diesen Stern entrücken, Doch daß ich wirklich drinnen sei, entschied Der Herrin höhres, schöneres Entzücken. Und wie man Funken in der Flamme sieht, Und wie wir Stimmen in der Stimm erkennen, Die aushält, wenn die andre kommt und flieht; So sah ich Lichter hier im Lichte brennen, Und, nach dem Maß des innern Schauns erregt, So schiens, im Kreis mehr oder minder rennen. Kein Wind, unsichtbar oder sichtbar, pflegt So schnell aus kalter Wolk herabzugleiten, Daß er nicht langsam schien und schwer bewegt Dem, der die Lichter uns entgegenschreiten Im Flug gesehn, aus jenem Kreis hervor, Den hohe Seraphim bewegend leiten. Und hinter diesen ersten klangs im Chor: Hosianna! Und seit ich den Ton vernommen, Sehnt stets nach ihm sich brünstig Herz und Ohr. Und einen sah ich dann uns näher kommen, Und er begann allein mit frohem Klang: "Willfährig sind wir alle, dir zu frommen. Wir wandeln hin, ein Kreis, ein Schwung, ein Drang, Uns nie vom Pfad der Himmelsfürsten trennend, Zu welchem du gejagt in deinem Sang: Die ihr den dritten Himmel lenkt, erkennend; Für dich wird uns nicht schwer ein Stillestand, Für dich in so inbrünstger Liebe brennend." Als ich zu ihr voll Ehrfurcht mich gewandt, Und so der Herrin Blick sich ausgesprochen, Daß ich mich sicher und befriedigt fand, Schaut ich zum Licht, das mir in sich versprochen So vieles hatt, und sprach: "Wer bist du, sprich!" Den Ton vor großer Inbrunst fast gebrochen. O wie vermehrte, wie verschönte sich Der frohe Glanz in Mienen und Gebärden Bei meinem Wort!—Dann sprach er freudiglich: "Nur kurze Zeit verweilt ich auf der Erden, Verweilt ich mehr, dann wären viele nicht Der Übel, die dich noch betreffen werden. Nur meine Freude birgt dir mein Gesicht, Nur sie verhüllt mich rings im Strahlenrunde, So wie den Seidenwurm die Seid umflicht. Du liebtest mich, und wohl aus gutem Grunde; Denn lebt ich noch, gewiß dir keimten jetzt Nicht Blätter nur aus unserm Liebesbunde. Der linke Strand, den Rhodanus benetzt, Nachdem er mit der Sargue sich verbündet, Sah einst im Geist durch mich den Thron besetzt; So auch Ausoniens Horn, wo, festbegründet, Bari, Gaëta und Crotona drohn, Von wo im Meere Verd und Tronto mündet. Auch schmückte mich des Landes Krone schon, Das längs durchstreift der Donau Wogenfülle, Nachdem sie aus Germaniens Gaun entflobn. Trinacria—bedeckt von schwarzer Hülle Zwischen Pachino und Pelor, am Schlund Des Meers, das schäumt bei Eurus Wutgebrülle, Durch Typhöus nicht, nein, durch den Schwefelgrund Der Fürsten harrt es noch, der edeln Sprossen Rudolfs und Karls aus meinem Ehebund, Wenn schlechte Herrschaft, welche stets verdrossen Der Unterworfne trägt, zum Mordgeschrei Nicht in Palermo jeden Mund erschlossen. Ging Ahnung dessen meinem Bruder bei, So würd er Kataloniens Bettler jagen, Damit ihr Geiz kein Sporn zum Aufruhr sei. Nottuts fürwahr, daß ihm die Freund es sagen, Wenn ers nicht sieht: daß volle Ladung schon Sein Nachen hat, und nichts kann weiter tragen. Er, des freigebgen Vaters karger Sohn, Braucht Diener, die nicht Gold nur zu gewinnen Begierig sind, nicht bloß erpicht auf Lohn."— "Herr, weil ich glaube, daß die Lust hierinnen, Die deine Rede strömt in meine Brust, Du, wo die Güter enden und beginnen, So deutlich schauest, wie sie mir bewußt, Wird sie mir werter—daß du beim Betrachten Des Herrn sie schauest, gibt mir neue Lust. Mach itzt, wie froh mich deine Worte machten, Mich klar und schaffe noch dem Zweifel Ruh: Wie süße Saaten bittre Früchte brachten?" So ich—und er: "Die Wahrheit fasse du, Und dem. was du gefragt, kehrst du zufrieden, Wie jetzt den Rücken, dann das Antlitz zu. Das Gut, das ihren Lauf und ihren Frieden Den Himmeln gab, hat jedem Stern den Schein Und eine Kraft, als Vorsehung, beschieden. Nicht nur der Wesen vorbestimmtes Sein Hat der durch sich vollkommne Geist erwogen, Er schließt in sich auch ihre Wohlfahrt ein. Drum, was nur immer fliegt von diesem Bogen, Kommt, gleich dem Pfeil, auf vorbestimmtem Gang Gewiß herab zu seinem Ziel geflogen. War dieses nicht, dann würd im wirren Drang, Was diese Himmel irgend wirkend schaffen, Kein Kunstwerk sein, nein, Graus und Untergang. Dies kann nicht sein, wenn jene nicht erschlaffen, Die Geister, lenkend diese Sternenschar, Der Urgeist auch, der dann sie schlecht erschaffen. Ist diese Wahrheit nun dir völlig klar?" Und ich: "Gewiß, ich sehs, Natur bleibt immer In dem, was nötig ist, unwandelbar;" Drum er: "Nun sprich, wärs für den Menschen schlimmer, Wenn er nicht Bürger ward und einsam blieb?" Ich: "Ja, und weitern Grund begehr ich nimmer!" "Und wär ein Staat, wenn in verschiednem Trieb Die Menschen nicht verschieden sind erwiesen? Nein, wenn die Wahrheit euer Meister schrieb!" So folgert ich bis jetzt, um hier zu schließen: "Drum also muß der Menschen Tun hervor Verschieden aus verschiedner Wurzel Sprießen. Und Solon sproßt und Xerres so empor, Also Melchisedek, und der Erfinder, Der bei dem luftgen Flug den Sohn verlor. Natur, im Kreislauf, so die Menschenkinder Wie Wachs ausprägt, übt ihre Kunst und sieht Auf dies und jenes Haus nicht mehr noch minder. Dies ists, was Esaus Keim von Jakobs schied, Drob auch Quirin entsproß so niedrer Lende, Daß man als Vater ihm den Mars beschied. Und stets auf der Erzeuger Wegen fände Man die, so sie erzeugten, nur, wenn nicht Die Vorsehung des Höchsten überwände. Was hinter dir war, sieh jetzt im Gesicht; Doch wie ich dein mich freue, geb ich Kunde Und dir durch einen Zusatz beßres Licht. Ist die Natur nicht mit dem Glück im Bunde, Dann kommt sie übel fort, wie jede Saat, Die man gesät auf fremdem, falschem Grunde. Und folgte der Natur des Menschen Pfad, Suchtet auf ihrem Grund ihr nach dem Rechten, Dann gab es gute Leut und wackre Tat. Doch solche, die geboren sind, zu fechten, Macht ihr zu Priestern wider die Natur Und macht zu Fürsten die, so predgen möchten, Und deshalb schweift ihr von der rechten Spur.
Neunter Gesang
Noch sprach dein Karl, als er mich aufgeklärt, Schöne Clemenza, von den Ränkevollen, Durch welche schnöden Trug sein Sam erfährt. Doch sagt er: "Schweig und laß die Jahre rollen!" Drum sag ich nur, daß eurem Schaden bald Gerechte Straf und Klage folgen sollen. Schon war das Leben jener Lichtgestalt Zur Sonn, in deren Strahl es ganz genesen, Zum Gut, das allem gnügt, zurückgewallt. Betrogne Seelen, gottvergeßne Wesen! Was wendet ihr das Herz von solchem Gut Und habt nur Eitelkeit zum Ziel erlesen! Und sieh, ein andres jener Lichter lud Mich, nahend, ein und zeigte seinen Willen, Mich zu befriedigen, in hellrer Glut. Beatrix, die den Blick, den heilgen, stillen, Auf mich gewandt, wie erst, erlaubte mir, Durch teure Zustimmung, den Wunsch zu stillen. Ich sprach: "O gnüge meiner Wißbegier, Bewähr, o Geist, den Fried und Lust durchdringen, Daß, was ich denke, widerstrahl in dir." Das Licht, das ich aus seinem Innern singen Vorher gehört, sprach, mir noch unbekannt, Wie der, dens freut, das Gute zu vollbringen: "Doch im verkehrten schnöden welschen Land Zwischen der Brenta und der Piave Quelle Und des Rialto meerumfloßnem Strand, Dort hat ein niedrer Hügel seine Stelle; Von ihm herab stürzt eine Fackel sich Und macht in grausem Brand die Gegend helle. Aus einer Wurzel sproßten sie und ich. Ich, einst Cunizza, glänz in diesem Sterne, Denn seines Schimmers Reiz besiegte mich. Und meines Schicksals Grund verzeih ich gerne Mir selber hier, das mir nicht bitter dünkt, So schwer eur Pöbel dies auch fassen lerne. Sieh diesen Glanz, der mir am nächsten blinkt In unserm Kreis, den leuchtenden, den teuern! Groß blieb sein Ruhm, und, eh er ganz versinkt, Wird fünfmal das Jahrhundert sich erneuern. Sieh, wenn das erste Sein ein zweites schenkt, Soll dies zur Trefflichkeit euch nicht befeuern? Doch dies ists nicht, woran die Rotte denkt, Die Tagliamento hier, dort Etsch umfließen, Die selbst das Unglück nicht zur Reue lenkt. Doch färbend wird sich Paduas Blut ergießen Zum Sumpfe, der Vicenzas Mauer wahrt, Weil die Verstockten sich der Pflicht verschließen. Und dort, wo sich Tagnan mit Sile paart, Herrscht einer, hoch die stolze Stirne tragend, Zu dessen Fang das Netz schon fertig ward. Schon seh ich Feltre, den Verrat beklagend Des Hirten, der dort herrscht, an Schändlichkeit, Was je geführt nach Malta, überragend. Kein Paß auf Erden ist so hohl und weit, Um alles Ferrareser Blut zu fassen, Das zum Geschenk der wackre Pfaff verleiht, Um als Parteiglied recht sich sehn zu lassen; Und solcherlei Geschenk wird wohl zum Geist Und zu des Landes Art und Leben passen. Von hohen Spiegeln, die ihr Throne heißt, Glänzt Gott, der Richtende, zu uns hernieder, Worin als wahr sich, was ich sprach, erweist." Sie sprachs, von mir gekehrt, und wandte wieder Sich hin zu ihrem Kreis, wo sie verschwand, So wie sie kam, beim Klang der Himmelslieder. Die andre Wonne, mir bereits bekannt, Ward leuchtender in Mienen und Gebärden, Wie in der Sonne Blitz der Diamant. Dort gibt die Wonne Glanz, wie sie auf Erden Das Lächeln zeugt, indes bei innrer Pein Die äußern Schatten unten dunkler werden. "Alles sieht Gott—du siehst in seinen Schein," Sprach ich, "und kann in ihn dein Auge dringen, So muß dir klar sein ganzer Wille fein. Drum deine Stimme, die im frommen Singen Den Himmel mit dem Sang der Feuer letzt. Die sich bekleiden mit sechsfachen Schwingen, Warum nicht gnügt sie meinen Wünschen jetzt? Auch ungefragt harrt ich so lang nicht säumend, War ich in dich, wie du in mich versetzt."— "Das größte Tal, worin das Wasser schäumend Sich ausgedehnt," begann des Selgen Wort, "Außer dem Meere, rings die Erd umsäumend, Geht zwischen Feindesufern westlich fort, So weit, daß hier, an seinem letzten Strande, Gesichtskreis ist, was Mittagsbogen dort. Ich lebt an dieses großen Tales Rande Zwischen Ebro und Magra, die, nicht lang, Trennt Genuas Gebiet vom Tuskerlande. Fast einen Aufgang hat und Niedergang Buggéa und die Stadt, der ich entsprossen, Sie, deren Blut einst warm den Port durchdrang. Mich hießen Folco meine Zeitgenossen Und diesen Stern schmückt meine Freudigkeit, Wie dort sein Licht sich in mein Herz ergossen. Nicht zu Sichäus und Creusas Leid Fühlt in sich Dido solche Flammen wogen, Wie ich einst fühlt in meiner Jugendzeit; Nicht Phyllis, von Demophoon betrogen; Und nicht Alcid, nachdem in seine Brust Eurytos Tochter siegend eingezogen. Doch fühlt man hier nicht Reue drob, nein Lust, Ganz die Erinnerung der Schuld verlierend, Und nur des ewgen Ordners sich bewußt. Und jene Kunst, die Welten herrlich zierend, Sehn wir, und sehn zu gutem Zwecke nun Die obre Welt die untere regierend. Doch um dem Wunsche ganz genugzutun, Der dich durchdrungen hat in dieser Sphäre, Darf ich noch nicht in meiner Rede ruhn. Du möchtest wissen, wer der Schimmer wäre, Der nahe hier so strahlt, als ob die Glut Der Sonn in reinem Wasser sich verkläre. So wisse, daß darinnen Rahab ruht, Die hier, in unsern Orden aufgenommen, Sich kund im höchsten Glanz des Sternes tut. Vor jedem andern Geist der Höll entrommen, Ist sie zum Stern, wo sich vom Erdenrund Der Schatten spitzt, durch Christi Sieg gekommen. Der Sieg, den er, an beiden Händen wund, Errungen hat, wird hier von ihr verkündet; Den Himmeln tut sie, als Trophä, ihn kund, Weil sie des Josua ersten Ruhm begründet Durch ihre Hilf in jenem heilgen Land, Das jetzt der Papst kaum wert der Sorge findet. Und deine Stadt, die einst durch den entstand, Des Neid euch alles Mißgeschick bereitet, Und der zuerst von Gott sich abgewandt, Sie ists, die das verfluchte Geld verbreitet, Das einzig, weils zum Wolf den Hirten macht, Vom rechten Wege Schaf und Lämmer leitet. Drum wird nicht an die Bibel mehr gedacht, Doch hat man sehr genau—wars zu verhehlen, So zeigts der Rand—der Dekretalen Acht. Drin wird studiert von Papst und Kardinälen Und Nazareth, wo Gabriel das Wort Verkündigt hat, wird fremd den geizgen Seelen. Doch Vatikan, samt jedem heilgen Ort In Rom, wo Petri Folger einst gepredigt, Der Märtyrer geweihte Gräber dort, Bald werden sie des Ehebruchs entledigt.
Zehnter Gesang
Urkraft, der Liebe voll den Sohn beschauend, Die ihr und ihm allewiglich entweht, Die Unaussprechliche, das All erbauend, Schuf, was ihr nur mit Geist und Aug erseht So ordnungsvoll, daß sie mit Wonneregung Den ganz durchdringt, der ihre Werk erspäht. Erheb, o Leser, Blick und Überlegung Miit mir zum Himmel jetzt, gerad dahin, Wo sich durchkreuzt die doppelte Bewegung. Von dort an letz am Kunstwerk deinen Sinn, Denn selbst der Meister sieht es mit Vergnügen Und spiegelt liebend seinen Blick darin. Von dort verteilt sich zu verschiednen Zügen Der schiefe Kreis, der die Planeten trägt, Um denen, die sie rufen, zu genügen. Und war ihr Lauf von dort nicht schief bewegt, So wäre viele Himmelskraft verschwendet, Und nichts beinah auf Erden angeregt. Und war er mehr und minder abgewendet Vom graden Weg, so blieb auf Erden dort, Wie hier, die Weltenordnung unvollendet. Jetzt bleib, o Leser, still auf deinem Ort, Um dem, was du gekostet, nachzudenken, Und eh du matt wirst, reißt dich Wonne fort. Ich gab dir Wein—du magst dich selber tränken, Denn alle meine Sorgen muß ich nur Auf jenen Stoff, den ich beschreibe, lenken. Die Dienerin, die größte, der Natur, Die sich die Himmelskraft zum Spiegel machte, Die leuchtend zeigt der Zeiten Maß und Spur. Vereint dem Orte, dessen ich gedachte, Sah man in schraubenförmgem Kreis sich drehn, In dem sie schneller hier die Tage brachte. Ich war in ihr—allein wie dies geschehn, Das spürt ich nur, wie wir Gedanken spüren, Bevor sie noch in unserm Geist entstehn. Beatrix, die so schnell uns weiß zu führen, Vom Guten uns zum Bessern einzuweihn, Daß sich indessen nicht die Stunden rühren, Wie leuchtend mußte sie von selber sein! Und was ich drinnen in der Sonne schaute, Durch Farbe nicht, durch hellen Glanz allein, Ob ich auf Geist und Kunst und Übung baute, Nie stellt es doch mein Wort euch deutlich vor, Drum sehne sich, zu schaun, wer mir vertraute. Nicht staunt, wenn Phantasie die Kraft verlor, Daß sie zu solchen Höhn sich schwach erweise; Kein Blick fliegt über diesen Stern empor. So war ich nun im vierten Kinderkreise Des Vaters, der, ihm zeigend, wie er weht, Und wie er zeugt, ihn nährt mit ewger Speise. Beatrix sprach: "Dank, Dank sei dein Gebet. Zur Engelsonne laß ihn sich erheben, Die dich zu dieser sichtbaren erhöht." Kein Menschenherz war je mit allem Streben Zur Andacht noch so freudig hingewandt, Keins noch so ganz und innig Gott ergeben, Als ich bei diesem Worte meins empfand, Das so zu ihm hin all sein Lieben wandte, Daß in Vergessenheit Beatrix schwand. Sie zürnte nicht; ihr lächelnd Aug entbrannte Drob so in Glanz, daß nun mein Geist, der nicht An andres dacht, itzt andres doch erkannte. Und sieh, viel siegendes lebendges Licht Macht uns zum Mittelpunkt und sich zur Krone Süßer im Sang, als leuchtend im Gesicht. So schmückt ein Kranz die Tochter der Latone, Wenn dunstgeschwängert sie die Luft umzieht, Die widerstrahlt den Streif der lichten Zone. Am Himmelshof, von dem ich wieder schied, Gibts viele Schöne, köstliche Juwelen, Nicht auszuführen aus des Reichs Gebiet. Dergleichen eins war der Gesang der Seelen; Doch wer nicht selbst zu jenen Höhn sich schwang. Der lasse von den Stummen sichs erzählen. Nachdem dreimal die Sonnen mit Gesang, Gleich Nachbarsternen, die den Pol umkreisen, Uns rings umtanzt in Glut und Wonnedrang, Da schienen sie wie Fraun sich zu erweisen, Die horchend stehn, noch nicht gelöst vom Tanz, Bis sie gefaßt das Maß der neuen Weisen. "Wenn, wahre Lieb entzündend, dir der Glanz Der Gnade lacht, der sich durch Liebe mehret," So sprach ein Licht aus jenem Strahlenkranz, "Wenn er in dir vervielfacht sich verkläret, So, daß er dich empor die Stiege lenkt, Die niemand absteigt, der nicht aufwärts kehret, So wird der, welcher deinen Durst nicht tränkt Mit seinem Wein, so wenig Freiheit zeigen, Als Wasser, das sich nicht zum Meere senkt. Erfahren möchtest du, von welchen Zweigen Des Kranzes Blumen sind, der feiernd sich Um sie schlingt, die dich stärkt, emporzusteigen. Von Dominiks geweihter Schar war ich, Der solche Wege leitet seine Herden, Wo wohl gedeiht, wer nicht dem Wahne wich. Man hieß mich Thomas von Aquin auf Erden, Und meines Meisters, meines Bruders Schein, Albrechts von Köln, sieh rechts hier heller werden Und willst du aller andern sicher sein, So folge mit den Augen meinen Worten Auf diese Blumen, die zum Kranz sich reihn. Den Gratian sieh wonneflammend dorten; Dem doppelten Gerichtshof dienend, fand Er frohen Einlaß an des Himmels Pforten. Auch jenen Petrus sieh von Lust entbrannt; Als Scherflein bot er, nach der Witwe Weise, Der Kirche seinen Schatz mit treuer Hand. Der fünfte Glanz, der schönste hier im Kreise, Haucht solche Liebe, daß die ganze Welt Nach Kunde gierig ist von seinem Preise. So tiefes Wasser ists, das er enthält, Daß, ist das Wahre wahr, ihm nie ein zweiter Als Weiser sich und Seher gleichgestellt. Sieh neben ihm den leuchtenden Begleiter. Niemand war je auf Erden noch im Amt Und der Natur der Engel eingeweihter. Das kleinre Licht, das dorten lächelnd flammt, Des Glaubens Anwalt ists, aus des Lateine In Augustini Schriften manches stammt. Verfolgend nun mein Lob von Schein zu Scheine Mit geistgem Blick, erspähst du dürstend jetzt, Wer in dem achten Lichte dir erscheine. Jedwedes Gut in sich zu schaun, ergetzt Die heilge Seele, die den Trug danieden Dem offen kund tut, der sie hört und schätzt. Der Leib, von dem sie durch Gewalt geschieden Liegt in Cieldor, und sie kam aus Gefahr Und Bann und Märtyrtum zu diesem Frieden. Bedo und Isidor sieh hell und klar, Sieh Richard dann die Liebesstrahlen spenden, Der mehr als Mensch einst im Betrachten war. Das Licht, von dem zurück zu mir sich wenden Dein Auge wird, rief, bei der Erde Gram Tiefsinnig ernst, den Tod, um ihn zu enden. Sigieri ists, der zu der Toren Scham Einst im Strohgäßchen las und, streng und trübe, Durch Folgerung auf bittre Wahrheit kam."— Dann wie, uns rufend, früh der Uhr Getriebe, Wenn Gottes Braut aufsteht, das Morgenlied Singend dem Bräutigam, daß er sie liebe, Hierhin und dorthin kreisend drängt und zieht Tini tin! verklingend in so süßem Tone, Daß frische Lieb in frommen Herzen blüht; So regte sich die edle Strahlenkrone, Mit Süßigkeit im himmlischen Gesang, Die nur begreift, wer dort am Sternenthrone Die ewig ungetrübte Lust errang.
Elfter Gesang
O menschliche Begier voll Wahn und Trug, Wie mangelhaft sind doch die Syllogismen, Die dir herabziehn des Gefieders Flug! Der ging dem Jus nach, der den Aphorismen; Der sucht als Priester Ehren und Gewinn; Der herrschte durch Gewalt, der durch Sophismen; Der stahl, der hatt ein Staatsamt nur im Sinn; Der mühte sich, in Fleischeslust befangen, Und jener gab dem Müßiggang sich hin; Indes ich, allem diesem Tand entgangen, Im Himmel oben mit Beatrix war, So herrlich und so ruhmvoll dort empfangen. Still stand nun jeder von der selgen Schar Im Kreis zurückgekehrt zur ersten Stelle, Und stellte sich, wie Licht auf Leuchtern, dar. Da schien es mir, aus jenem Schimmer quelle, Der mich zuerst gesprochen, neuer Laut, Und lächelnd sprach er dann in reinrer Helle: "Wie, wenn ins ewge Licht mein Auge schaut, Mich dieses ganz mit seinem Strahl entzündet, So ist mir deines Denkens Grund vertraut. Du zweifelst noch und hörtest gern verkündet In offnen Worten und verständlich breit, So, daß sie deine Fassungskraft ergründet, Was wohl mein obges Wort: Wo wohl gedeiht— Und dann: Kein zweiter kam ihm gleich—bedeutet. Und hier ist nötig scharfer Unterscheid. Die ewge Vorsicht, die das Weltall leitet, Mit jener Weisheit, die in Tiefen ruht, Zu welchen kein erschaffnes Auge gleitet, Damit sich dem Geliebten ihre Glut, Die Glut der Braut, die er mit lautem Schreie Sich anvermählt hat durch sein heilges Blut, Sichrer in sich und ihm getreuer, weihe, Hat, ihr zur Gunst, zwei Fürsten ihr bestallt. Und hier und dorten führen sie die zweie. Der eine war von Seraphsglut umwallt, Der andre zeigt im Glanz der Cherubinen Die Weisheit dort im irdschen Aufenthalt. Von einem sprech ich, weil, wen man von ihnen Auch preisen mag, man nie vom andern schweigt, Da beide wirkten, einem Zweck zu dienen. Beim Bach, der von Ubaldos Hügel steigt, Und dem Tupino, hebt sich, zwischen beiden, Ein Berg, des Abhang fruchtbar grün sich neigt. Von ihm muß Hitz und Frost Perugia leiden, Und hinter diesem Berg liegt Gualdo dicht, Und fühlt mit Nocera des Joches Leiden. Dort, wo sich seines Abhangs jähe bricht, Dort sah man einer Sonne Glanz entbrennen, Gleich der am Ganges klar im hellsten Licht. Nicht möge man den Ort Ascesi nennen, Denn wenig sagt, wer also ihn benannt; Nein, was er war, gibt Orient zu erkennen. Schon als der Glanz nicht fern dem Aufgang stand, Begann er solche Kraft zu offenbaren, Daß sich dadurch erquickt die Erde fand. Denn mit dem Vater stritt er, jung an Jahren, Für eine Frau, vor der der Freuden Tor Die Menschen fest, wie vor dem Tod, verwahren, Bis vor dem geistlichen Gericht und vor Dem Vater sie zur Gattin er sich wählte Und täglich lieber hielt, was er beschwor. Sie, des beraubt, der sich ihr erst vermählte, Blieb ganz verschmäht mehr als elfhundert Jahr, Da, bis zu diesem, ihr der Freier fehlte, Obgleich durch sie Amicias in Gefahr So sicher ruht, als dessen Stimm erklungen, Des Mächtgen, der der Erd ein Schrecken war; Obgleich sie standhaft, kühn und unbezwungen, Als selbst Maria unten blieb, sich dort, An Christi Kreuz, zu ihm emporgeschwungen. Allein nicht mehr in Rätseln red ich fort; Franziskus und die Armut sieh in ihnen, Die dir geschildert hat mein breites Wort. Der Gatten Eintracht, ihre frohen Mienen Und Lieb und Wunder und der süße Blick Erweckten heilgen Sinn, wo sie erschienen. Und solchem Frieden eilte, solchem Glück Barfuß erst Bernhard nach, der Ehrenwerte, Und glaubte doch, er bliebe träg zurück. O neuer Reichtum! Gut von echtem Werte! Egid, Silvester folgten bald dem Mann Barfuß, weil hoher Reiz die Frau verklärte. Der Vater und der Meister ging sodann Nach Rom mit deiner Frau und mit den Seinen, Die schon des niedern Strickes Band umspann. Nicht feig sich beugend sah man ihn erscheinen, Als Peter Bernardones niedrer Sohn, Mocht er auch ärmlich und verächtlich scheinen, Nein, kund tat er vor Innocenzens Thron Den strengen Plan mit königlicher Würde, Und der besiegelte die Stiftung schon. Dann, als die Schar der Armen in der Hürde Des Hirten wuchs, des Wunderleben hier, Im Himmelsglanz, man besser singen würde, Verlieh der frommen heiligen Begier, Auf Gottes Eingebung, zum Eigentume Honorius der zweiten Krone Zier. Dann predigend, aus Durst nach Märtyrtume, Kühn in des stolzen Sultans Gegenwart, Von Christi und von seiner Folger Ruhme, Fand zur Bekehrung er das Volk zu hart, Drob, da ihm hier sein edles Werk nicht glückte, Von ihm bebaut Italiens Garten ward. Und auf Alvernas Felsenböhen drückte Das letzte Siegel noch ihm Christus ein, Das dann zwei Jahre seine Glieder schmückte. Als der, der ihn berufen, aus der Pein Zur Wonn ihn rief, den Lohn hier zu erwerben, Daß er sein Knecht war, niedrig, arm und klein, Empfahl er noch, als seinen rechten Erben, Den Brüdern seine Frau, ihm lieb und wert, Zu treuer Lieb im Leben und im Sterben. Eh ihrem Schoß die Seele, schon verklärt, Entfloh, heimkehrend zu des Vaters Reiche, Ward nur die Erd als Sarg von ihm begehrt. Jetzt denke selbst, wer dem an Würde gleiche, Der, sein Genoß, durchs Meer führt Petri Kahn, Daß er auf gradem Weg das Ziel erreiche. Dies Amt hatt unser Patriarch empfahn, Und gute Ware trägt auf deiner Reise, Wer treu ihm folgt auf der befohlnen Bahn. Doch deine Herd ist jetzt nach neuer Speise So lüstern, daß sie üppig hüpft und springt Und sich zerstreut und irrt vom rechten Gleise. Je weiter hin der Schäflein Herde dringt, Dem Hirten fern sich irrend zu zerstreuen, Je minder Milch zum Stalle jedes bringt. Wohl gibts noch welche, die den Schaden scheuen. Die folgen, angedrängt dem Hirten, nach, Doch wenig Tuch gibt Kutten diesen Treuen. Jetzt aber, war mein Wort nicht trüb und schwach, Verblieb dein Ohr, aufmerksam meinen Lehren, Rufst du zurück dem Geiste, was ich sprach, Dann wirds Befriedgung deinem Wunsch gewähren, Dann zeigt der Baum, von dem ich pflückte, sich, Und meines Tadels Grund wird sich erklären: Wo wohl gedeiht, wer nicht dem Wahne wich."
Zwölfter Gesang
Sobald mir nur das letzte Wort erschollen, Das aus der selgen Himmelsflamme drang, Begann die heilge Mühl im Kreis zu rollen. Doch eh sie rundherum sich völlig schwang, War sie umringt von einem zweiten Kranze, Eingreifend Tanz in Tanz und Sang in Sang; Sang, hold verhaucht bei diesem Strahlentanze, Dem unsrer Musen und Sirenen Lied So weicht, wie Widerschein dem ersten Glanze. Wie auf Gewölk, das leicht das Blau umsieht, Man zwei gleichfarbge, gleichgespannte Bogen, Wenn Juno ihrer Magd befiehlt, ersieht, Erzeugt vom innern der, der ihm umzogen— Der Rede jener gleich, die Liebesglut, Wie Sonnenglut die Dünste, weggesogen— Die Bogen, die nach allgemeiner Flut Der Herr dem Noah zeigte, zum Beweise Des Bunds, durch den die Erde sicher ruht;— So drehte jetzt um uns sich gleicherweise Der ewgen Rosen schöner Doppelkranz, So glich der äußere dem innern Kreise. Und als zuletzt der festlich frohe Tanz, Die Lust des Sangs, der lichten Flammen schweben, Das Spiegeln einer in der andern Glanz, Still ward in einem Nu, mit gleichem Streben, Wie sich die Augen, wenn es dem gefällt, Der sie bewegt, verschließen und erheben; Klang aus dem Kreis, von neuem Licht erhellt, Ein Laut, nach dem ich mich so eilig kehrte, Wie der Magnet nach seinem Sterne schnellt. Er sprach: Die Liebe, die mich schön verklärte, Ists, die vom zweiten Hort mich sprechen heißt, Durch den man hier so hoch den meinen ehrte. Vom andern spreche, wer den einen preist, Zusammen glänzt ihr Ruhm, so wie sie stritten Für einen Zweck und mit gleich tapferm Geist. Des Heilands Heer, für welches schwer gelitten, Ders neu bewehrt, zog zweifelnd und voll Leid Der Fahne nach, schwach und mit trägen Schritten, Als er, der herrscht in Zeit und Ewigkeit, Den Kriegern half, die hart gefährdet waren, Aus Gnad und nicht ob ihrer Würdigkeit; Und, wie gesagt, um seine Braut zu wahren. Zwei Kämpfer rief, durch deren Wort und Tat Gesammelt wurden die zerstreuten Scharen. Woher der Zephir haucht, um am Gestad In Tal und Au die Knospen froh zu schwellen, Wenn sich der Lenz im Schmuck Europen naht, Dort, nah dem Strand, wo hochgetürmte Wellen Weit hergewälzt, von Sturmeswut bekriegt, Dem Sonnenstrahl sich oft entgegenstellen, Dort ist der Platz, wo Callaroga liegt, Beschützt und wohlgedeckt vom großen Schilde, Auf dem der Leu obsiegt und unterliegt. Dort ward erzeugt im glücklichen Gefilde Der Glaubenstreue Buhle, der Athlet, Dem Feind ein Graus, den Seinigen voll Milde. Dem Geist, erschaffen kaum, ward zugeweht Vom höchsten Geiste Kraft und hohe Gabe, Und ungeboren war er schon Propbet. Als mit der Glaubenstreue drauf der Knabe Verlöbnis hielt, vom heilgen Quell benetzt, Wo gegenseitges Heil die Morgengabe, Da ward die Zeugin, die Sein Ja! ersetzt, Schon von der Wunderfrucht, die ihm entsprieße, Und seiner Schul, im Traumgesicht ergetzt. Und daß sich, was er war, erkennen ließe, Gebot ein Geist, vom Himmel hergesandt, Daß man nach ihm, der ihn besaß, ihn hieße. Dominikus ward er darum benannt, Der Gärtner, welchen als Gehilfen Christus Für seinen Garten wählt und sich verband. Wohl schien er Bot und treuer Knecht von Christus, Wie das, was er zuerst geliebt, bezeugt, Denn er vollzog den ersten Rat von Christus. Wohl fand ihn öfters die, so ihn gesäugt, Am Boden liegend, wach, in tiefem Schweigen, Als spräch er aus: Hierzu bin ich gezeugt. O du, sein Vater, Felix wahr und eigen! O Mutter, wahrhaft als Johann erblüht, Wenn wir bis zu des Namens Wurzel steigen! Nicht für die Welt, für die man jetzt sich müht, Nach des von Ostia, des Thaddäus Lehren, Nein, fürs wahrhafte Manna nur entglüht, Sollt er als Lehrer bald sich groß bewähren, Den Weinberg pflegend, der bald Unkraut trägt, Wenn nicht des Winzers Hand ihm emsig wehren. Vom Stuhl, der einst die Armen mild gehegt— Einst, nicht durch Schuld des Stuhls—durch dessen Sünden Der sitzt, und aus der Art der Väter schlägt, Erbat er Zehnten nicht, noch fette Pfründen, Erlaubnis nicht, Ablaß und Heil für Geld, Um drei und vier für zehen, zu verkünden; Nein die, zu kämpfen mit der irren Welt, Durch jenen Samen, dem die Bäum entspringen, Die, zweimal zwölf, sich um dich her gestellt, Die Pflichten des Apostels zu vollbringen, Strebt auf sein Will und seine Wissenschaft, Gleich Strömen, die aus tiefer Ader Springen. Und ihre Wellen stürzten grausenhaft Auf ketzerisch Gestrüpp, es auszubrechen, Und mit dem Widerstand wuchs ihre Kraft. Er gab darauf den Ursprung manchen Bächen, Die hinziehn durch der Kirche Gartenland, Drob ihre Bäume schönre Frucht versprechen— Wenn so ein Rad des Kriegeswagens stand, Auf dem den Kampf die heilge Kirche wagte, Als sie die innern Meutrer überwand, So muß dir jetzt, wie hoch das andre ragte An Trefflichkeit, vollkommen deutlich sein, Und was von ihm dir Thomas Gutes sagte. Allein das Gleis hält jetzo niemand ein, Das in den Grund der Schwung des Rades prägte, Und Essig wird, was vormals süßer Wein. Die Schar, die seiner Spur zu folgen pflegte, Hat jetzt der Füße Stellung ganz gewandt Und geht zurück, wo er sich vorbewegte. Wie schlecht die Saat ist, wird euch bald bekannt, Denn bei der Ernte wird das Korn erlesen Und eingescheuert, doch der Lolch verbrannt. Zwar, will man Blatt für Blatt das Buch durchlesen, Das unsre Namen zeigt, so sagt ein Blatt Noch hier und dort: Ich bin, was ich gewesen. Doch nicht Casal, noch Aquasparta hat Dergleichen Glieder unsrer Schar gegeben, Da der zu streng ist, der zu schlaff und matt. Jetzt wiss, ich bin Buonaventuras Leben, Von Bagnoregio, und gering erschien Beim großen Amt mir jedes andre Streben. Hier sind Jlluminat und Augustin, Zwei von den ersten barfußarmen Scharen, Die durch den Strick in Gottes Huld gediehn. Hier sind der von Sankt Viktor zu gewahren, Und Mangiador, der Spanier Peter dann, Des Ruhm der Welt zwölf Bücher offenbaren. Nathan der Seher, Erzbischof Johann, Anselm, Donat, der sich dem Werke weihte, Des sich die erste Kunst berühren kann. Ruban ist hier; und solchen Brüdern reihte Sich dieser an, begabt mit Sehergeist Abt Joachim, helleuchtend mir zur Seite. Wenn solchen Kämpfer meine Rede preist, So ists des Thomas liebentflammte Weise, Die mit sich fort auch meine Rede reißt, Und mit mir fortzieht all in diesem Kreise.
Dreizehnter Gesang
Wer wohl verstehn will, was ich nun gesehen, Bild itzt sich ein und lass im Geist das Bild, Indes ich spreche, fest, wie Felsen, stehen, Fünfzehen Sterne, die man am Gefild Des Himmels in verschiedner Gegend findet, So glanzvoll, daß ihr Licht durch Nebel quillt; Den Wagen, der um unsern Pol sich windet, Und sein Gewölb bei Tag und Nacht durchreist, Drob er beim Deichselwenden nicht verschwindet; Bild ein sich, was der Mund des Hornes weist, Das anfängt an der Himmelsachse Grenzen, Um die das erste Rad nie rastend kreist; Die Sterne denk er sich in zweien Kränzen, Die, dem gleich, der sich zur Erinnrung flicht An Ariadnens Tod, am Himmel glänzen, Umringt den einen von des andern Licht, Und beid im Kreis gedreht in solcher Weise, Daß dem, der vorgeht, der, so folgt, entspricht; Dann glaub er, daß sich ihm ein Schatten weise Des wahren Sternbilds, welches, zweigereiht, Den Punkt, auf dem ich stand, umtanzt im Kreise. Denn was wir kennen, steht ihm nach, so weit, Als nur der Chiana träger Lauf dem Rollen Des fernsten Himmels weicht an Schnelligkeit. Dort sang man nicht von Bacchus, von Apollen, Nein, drei in einem—Gott und Mensch nur eins, Die Lieder warens, welche dort erschollen. Als Sang und Tanz des heiligen Vereins Vollbracht war, wandt er sich zu uns, von Streben Zu Streben, ewig froh des selgen Seins. Und jenes Licht hört ich die Stimm erheben Im eintrachtsvollen Kreis, das mir vorher Erzählt des heilgen Armen Wunderleben. Es sprach zu mir: Das eine Stroh ist leer Und wohlverwahrt die Saat, allein entglommen Von süßer Liebe, dresch ich dir noch mehr. Du glaubst: Der Brust, aus der die Ripp entnommen Zum Stoff des Weibes, deren Gaum hernach Der ganzen Welt so hoch zu stehn gekommen, Und jener, die, als sie der Speer durchstach, So nach wie vor so große Gnüge brachte, Daß sie die Macht jedweder Sünde brach, Sei alles Licht, das je dem Menschen lachte, Und des er fähig ist, voll eingehaucht Von jener Kraft, die jen und diese machte; Und staunst, daß ich vorhin das Wort gebraucht: Der fünfte Glanz sei bis zum tiefsten Grunde Der Weisheit, wie kein zweiter mehr, getaucht. Erschließ itzt wohl die Augen meiner Kunde; Mein Wort und deinen Glauben siehst du dann Im Wahren, wie den Mittelpunkt im Runde. Das, was nicht stirbt, und das, was sterben kann, Ist nur als Glanz von der Idee erschienen, Die, liebreich zeugend, unser Heer ersann. Denn jenes Licht des Lebens, das entschienen Dem ewgen Lichtquell, ewig mit ihm eins, Und mit der Lieb, als dritter, eins in ihnen, Eint gnädiglich die Strahlen seines Scheins Sie, wie in Spiegeln, in neun Himmeln zeigend, Im ewigen Verein des einen Seins. Von dort sich zu den letzten Kräften neigend, Wird schwächer dann der Glanz von Grad zu Grad, Zuletzt nur Dinge kurzer Dauer zeugend. Die Dinge, die mein Wort bezeichnet hat, Sind die Erschaffnen, welche die Bewegung Des Himmels zeugt, so mit wie ohne Saat. Ihr Wachs ist ungleich, und die Kraft der Prägung Und von des Urgedankens Glanz gewahrt Man drum hier schwächere, dort stärkre Regung; Daher denn auch von Bäumen gleicher Art Bald bessere, bald schlechtre Früchte kommen, Und euch verschiedne Kraft des Geistes ward— War irgendwo das Wachs rein und vollkommen, Und ausgeprägt mit höchster Himmelskraft, Rein würde das Gepräg dann wahrgenommen. Doch die Natur gibts immer mangelhaft Und wirkt dem Künstler gleich, der wohl vertrauen Der Übung kann, doch dessen Hand erschlafft. Drum, bildet heiße Lieb und klares Schauen Der ersten Kraft, dann wird sie, rein und groß, Vollkommenes erschaffen und erbauen. So ward gewürdiget der Erdenkloß, Die tierische Vollkommenheit zu zeigen, Und so geschwängert ward der Jungfrau Schoß. Darum ist deine Meinung mir auch eigen: Daß menschliche Natur in jenen zwein Am höchsten stieg und nie wird höher steigen. Hielt ich mit meinen Lehren jetzo ein, So würdest du die Frage nicht verschieben: Wie könnt ein dritter ohnegleichen sein? Doch, daß erscheine, was versteckt geblieben, So denke, wer er war, und was zum Flehn, Als ihm gesagt ward: "Bitt!" ihn angetrieben. Aus meiner Rede konntest du ersehn: Als König fleht er um Verstand, beflissen, Damit dem Reiche gnügend vorzustehn, Nicht um der Himmelslenker Zahl zu wissen, Nicht, ob Notwendges und Zufälligkeit Notwendiges als Schluß ergeben müssen; Nicht, was zuerst bewegt, Bewegung leiht; Nicht, ob ein Dreieck in dem halben Kreise Noch anderen, als rechten Winkel, beut— Was ich gemeint, erhellt aus dem Beweise. Du siehst: eine Seher sondergleichen war Durch Königsklugheit jener hohe Weise, Auch ist mein Wort: dem nie ein zweiter, klar; Von Köngen sprach ich nur an jenem Orte, Die selten gute sind, ob viele zwar. Mit diesem Unterschied nimm meine Worte, Daß nicht im Streit damit dein Glaube sei Vom ersten Vater und von unserm Horte. Und dieses leg an deine Füße Blei Und mache schwer dich, gleich dem Müden, gehen Zum Ja! und Nein! wo nicht dein Auge frei, Weil die selbst unter Toren niedrig stehen, Die sich zum Ja und Nein, ohn Unterschied, Gar schnell entschließen, eh sie deutlich sehen; Drob sich die Meinung, wie es oft geschieht, Zum Irrtum neigt, und dann im Drang des Lebens Die Leidenschaft das Urteil mit sich zieht— Wer nach der Wahrheit fischt und, irren Strebens, Die Kunst nicht kennt, der kehrt nicht, wie er geht, Und schifft vom Strand drum schlimmer als vergebens, Wie ihr dies an Melissus deutlich seht Und an Parmenides und andern vielen, Die gingen, eh sie nach dem Ziel gespäht; Drob Arius und Sabell in Torheit fielen. Gleich Schwertern waren sie dem heilgen Wort Und machten die geraden Blicke schielen. Nicht reiß euch Wahn zum schnellen Urteil fort, Gleich denen, die das Korn zu schätzen wagen, Das eh es reift, vielleicht im Feld verdorrt. Denn öfters sah ich erst in Wintertagen Den Dornenbusch gar rauh und stachlicht stehn. Und auf dem Gipfel dann die Rose tragen. Und manches Schiff hab ich im Meer gesehn, Gerad und flink auf allen seinen Wegen, Und doch zuletzt am Hafen untergehn. Nicht glauben möge Hinz und Kunz deswegen, Weil dieser stiehlt und der als frommer Mann Der Kirche schenkt, mit Gott schon Rat zu pflegen. Da der erstehn und jener fallen kann.
Vierzehnter Gesang
Vom Rand zur Mitte sieht man Wasser rinnen Im runden Napf, vom Mittelpunkt zum Rand, Je wie mans treibt nach außen oder innen. Dies wars, was jetzt vor meiner Seele stand, Als stille schwieg des Thomas heilges Leben Und süß verhallend seine Stimme schwand, Ob jener Ähnlichkeit, die sich ergeben, Da er erst sprach, dann Beatricens Mund, Ders jetzt gefiel, die Stimme zu erheben: "Ihm tut es not, obwohl ers euch nicht kund In Worten gibt, noch läßt im Innern lesen, Zu spähn nach einer andern Wahrheit Grund. Sagt ihm, ob dieses Licht, das euer Wesen So schön umblüht, euch ewig bleiben wird Im selben Glanze, wies bis jetzt gewesen. Und, bleibts. So sagt, damit er nimmer irrt, Wie, wenn ihr werdet wieder sichtbar werden, Es euren Blick nicht blendet und verwirrt." Wie mit verstärkter Lust oft hier auf Erden Die Tanzenden im heitern Ringeltanz Die Stimm erhöhn und froher sich gebärden; So zeigte neue Lust der Doppelkranz, Als sie ihn bat, so rasch, doch fromm-bescheiden, In freudgem Drehn und Wundersang und Glanz— Wer klagt, daß wir den Tod auf Erden leiden, Um dort zu leben, oh, der fühlt und denkt Nicht, wie wir dort am ewgen Tau uns weiden. Daß drei und zwei und eins, das alles lenkt Und ewig lebt in einein, zwein und dreien, Und, ewig unumschränkt, das All umschränkt, Gesungen wards in solchen Melodeien Dreimal im Chor, um vollen Lohn der Pflicht Und jeglichem Verdienste zu verleihen. Und eine Stimm entklang dem hellem Licht Des kleinern Kreises dann und wich an Milde Wohl der des Engels der Verkündung nicht. "Solang die Lust im himmlischen Gefilde, So lange währt auch unsre Lieb und tut Sich kund um uns in diesem Glanzgebilde. Und seine Klarheit, sie entspricht der Glut, Die Glut dem Schaun, und dies wird mehr uns frommen, Je mehr auf uns die freie Gnade ruht. Wenn wir den heilgen Leib neu angenommen, Wird unser Sein in höhern Gnaden stehn, Je mehr es wieder ganz ist und vollkommen. Drum wird sich das freiwillge Licht erhöhn, Das wir vom höchsten Gut aus Huld empfangen, Licht, welches uns befähigt, ihn zu sehn, Und höher wird zum Schaun der Blick gelangen, Höher die Glut sein, die dem Schaun entglüht, Höher der Strahl, der von ihr ausgegangen. Doch, wie die Kohle, der die Flamm entsprüht, Sie an lebendgem Schimmer überwindet Und wohl sich zeigt, wie hell auch jene glüht; So wird der Glanz, der jetzt schon uns umwindet, Dereinst besiegt von unsres Fleisches Schein, Wenn Gott es seiner Grabeshaft entbindet. Nicht wird uns dann so heller Glanz zur Pein; Denn stark, um alle Wonnen zu genießen, Wird jedes Werkzeug unsers Körpers sein."— Und Amen riefen beide Chör und ließen Durch Einklang wohl den Wunsch ersehn, den Drang, Sich ihren Leibern wieder anzuschließen. Und wohl für sich nicht nur, nein, zum Empfang Der Väter, Mütter und der andern Teuern, Die sie geliebt, eh sie die Flamm umschlang. Und sieh, zum Glanz von diesen ewgen Feuern Kam gleiche Klarheit rings, wie wenn das Licht Des Tags der Sonne goldne Pfeil erneuern. Wie, wenn allmählich an der Abend bricht, Am Himmel Punkte, klein und bleich, erglänzen, So daß die Sach als wahr erscheint und nicht; So glaubt ich jetzt in neuen Ringeltänzen Noch zweifelnd, neue Wesen zu erspähn, Weit außerhalb von jenen beiden Kränzen. O wahrer Schimmer, angefacht vom Wehn Des Heilgen Geists so plötzlich hell!—Geblendet Könnt ihm mein Auge jetzt nicht widerstehn. Doch als ich zu Beatrix mich gewendet, War sie so lachend schön, so hochbeglückt, Daß solches Bild kein irdisch Wort vollendet. Da ward von neuer Kraft mein Aug entzückt; Ich schlug es auf und sah mich schon nach oben Mit ihr allein zu höherm Heil entrückt. Wohl nahm ich wahr, ich sei emporgehoben. Denn glühend lächelte der neue Stern Und schien von ungewohntem Rot umwoben. Von Herzen, in der Sprache, welche fern Und nah gemeinsam ist den Völker Scharen, Bracht ich Dankopfer dar dem höchsten Herrn. Und lustentzündet könnt ich schon gewahren, Eh ich die ganze Glut ihm dargebracht, Daß angenehm dem Herrn die Opfer waren. Denn Lichter, in des Glanzes höchster Macht, Sah ich aus zweien Schimmerstreifen scheinen, Und rief: O Gott, du Schöpfer solcher Pracht!— So tut, besät mit Sternen, groß und kleinen, Galassia zwischen Pol und Pol sich kund, Von welcher dies und das die Weisen meinen, Wie diese Streifen, bildend auf dem Grund Des roten Mars das hochgeehrte Zeichen, Gleich vier Quadranten, wohlgefügt im Rund. Wohl muß die Kunst hier dem Gedächtnis weichen, Denn von dem Kreuz hernieder blitzte Christus; Wo gäbs ein Bild, ihm würdig zu vergleichen? Doch wer sein Kreuz nimmt, folgend seinem Christus, Von ihm wird das, was ich verschwieg, verziehn, Denn blitzen sieht auch er im Glanze Christus. Von Arm zu Arm, vom Fuß zur Höh erschien Bewegtes Licht, hier hell in Glanz entbrennend, Weil sichs verband, dort beim Vorüberziehn. So sieht man wohl, hier träg bewegt, dort rennend, Atome, hier grad, dort krummgeschweift, Und lang und kurz, sich einend und sich trennend, Wirbelnd im Strahl, der durch den Schatten streift, Nach dem, wenn heiß die Sonnengluten flirren, Der Mensch mit Witz und Kunst begierig greift.— Und wie harmonisch Laut und Harfe schwirren, Sind nur die vielen Saiten rein gespannt, Ob auch im Ohr die Töne sich verwirren; So hört ich jetzt den Sang vom Kreuz und stand, Als ob in Lust die Sinne sich verlören, Obwohl ich von der Hymne nichts verstand. Doch hohen Preis vernahm ich in den Chören, Denn: Du erstehst und siegst!—erklangs, und ich Glich denen, welche nicht verstehn, doch hören. Und so durchdrang hier süße Liebe mich, Daß, welche holde Band auch mich umfingen, Doch keins bis dahin diesem Bande glich. Vielleicht scheint sich zu kühn mein Wort zu schwingen, Nachsetzend selbst der schönen Augen paar, Die jeden Wunsch in mir zur Ruhe bringen. Doch nimmt man die lebendgen Stempel wahr, Die, höher, immer schöneres gestalten, Und denkt, daß ich gewandt von jenen war, So wird man drob mich für entschuldigt halten Und sehn, daß ich vom Wahren nicht geirrt; Doch dürft auch hier die heilge Wonne walten, Die, wie man aufsteigt, immer reiner wird.