Front matter (continued 4)
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Sechzehnter Gesang
Das Schwarz der Höll und einer Nacht, durchfunkelt Nicht von des ärmsten Himmels bleichstem Schein, Vom dichtesten der Nebel rings umdunkelt, Nie schloß es mich in grobem Schleier ein, Als jener Rauch, der dorten uns umflossen; Nie schien es mir so schmerzlich rauh zu sein. Nicht könnt ich stehn, die Augen unverschlossen, Drum nahte sich, und seine Schulter bot Mein Führer mir treu, weis und unverdrossen. So wie der Blinde gern in seiner Not Dem Führer nachfolgt, um nicht anzurennen An was Gefahr bring und vielleicht den Tod, So folgt ich ihm, ohn etwas zu erkennen, Durch widrig bittern Qualm und horcht auf ihn, Der sprach: "Gib Achtung, daß wir uns nicht trennen." Ich hörte Stimmen dort, und jede schien Um Gnad und Frieden zu dem Lamm zu stöhnen, Ob des der Herr die Sünden uns verziehn. Agnus Dei hört ich den Anfang tönen, Wobei sich aller Wort und Weise glich, Und voller Einklang herrscht in ihren Tönen. "Dies sind wohl Geister, Herr!" so wandt ich mich An ihn, und er: "Es ist, wie du entscheidest; Sie lösen von der Zornwut Schlingen sich." "Wer bist du, der du unsern Rauch durchschneidest, Von dem man, wie du von uns sprichst, vernimmt, Daß du die Zeit dir noch nach Monden scheidest?" Die Rede ward von einem angestimmt, Drum sprach mein Meister: "Stille sein Begehren Und frag ihn, ob man hier nach oben klimmt." "Geschöpf, das, um zum Schöpfer heimzukehren, Sich reiniget und schön wird wie zuvor, Begleite mich, dann sollst du Wunder hören!" So ich, und er: "Ich schreite mit dir vor, So weit ich darf, und, um uns nicht zu scheiden, Führ uns im Rauch an Auges Statt das Ohr." Drauf ich: "Obschon die Hüllen mich umkleiden, Die nur der Tod löst, schreit ich doch hinauf Und drang bis hierher durch der Hölle Leiden. Und nahm der Herr mich so zu Gnaden auf, Daß ich vermag zu ihm emporzustreben, Ganz gegen dieser Zeit gewohnten Lauf, So sage mir, wer warst du einst im Leben, Und ob ich hier die rechte Straße hielt, Denn unsre Richtung wird dein Wort uns geben."— "Mark hieß ich einst, und was die Welt enthielt, Ich konnt es wohl und strebte nach dem Preise, Nach welchem jetzt auf Erden keiner zielt. Grad vor dir ist der Weg zum höhern Kreise." Er sprachs: "Noch bitt ich dich," So fügt er bei, "Fürbittend denke mein am Ziel der Reise." Und ich zu ihm: "Bei meiner Treu, es sei! Doch wisse, daß ich einen Zweifel finde, An dem ich berste, sag ich ihn nicht frei. Er war einst einfach; doppelt jetzt empfinde Ich ihn in mir, nach dem, was du gesagt, Sobald ich mit dem Dort das Hier verbinde. Wahr ists, die Welt, so wie du mir geklagt, Ist öd an jeder Tugend, jeder Ehre, Und ganz mit Bosheit schwanger und geplagt. Doch daß ich sie erkenn und ändern lehre, So bitt ich, deute jetzt die Ursach mir. Der sucht sie dort, der in des Himmels Sphäre." Ein bang gepreßtes Ach! entwand sich hier Laut seiner Brust, und dann begann er: "Wisse, Die Welt ist blind, und du, Freund, kommst von ihr. Ihr, die ihr lebt, sprecht immer nur, es müsse Der Himmel selber Schuld an allem sein, Als ob er euch gewaltsam mit sich risse. Wärs also, sprich, wo wäre nur ein Schein Von freiem Willen? Wie entsprächs dem Rechte, Daß Lust der Tugend folgt, dem Laster Pein? Die Triebe pflanzen ein des Himmels Mächte, Nicht sag ich all; allein auch dies gesetzt, Ward euch Erkenntnis auch fürs Gut und Schlechte, Und freier Will—und, wenn er, auch verletzt Und müde, standhaft mit dem Himmel streitet, So siegt er, wohlgenährt, doch stets zuletzt. Die Urkraft, welche sich durchs All verbreitet, Beherrscht die Freien und erschafft den Geist, Den nicht der Himmel mehr als Vormund leitet. Drum, wenn die Gegenwart euch mit sich reißt, In euch nur liegt der Grund, liegt in euch allen, Wie, was ich sage, deutlich dir beweist. Es kommt aus dessen Hand, des Wohlgefallen Ihr lächelt, eh sie ist, gleich einem Kind, Das lacht und weint in unschuldsvollem Lallen, Die junge Seele, die nichts weiß und sinnt, Als daß, vom heitern Schöpfer ausgegangen, Sie gern dahin kehrt, wo die Freuden sind. Sie schmeckt ein kleines Gut erst, fühlt Verlangen Und rennt ihm nach, wenn sie kein Führer hält, Kein Zaum sie hemmt, der Neigung nachzuhangen. Gesetz, als Zaum, ist nötig drum der Welt, Ein Herrscher auch, der von der Stadt, der wahren, Im Auge mindestens den Turm behält. Gesetze sind, doch wer mag sie bewahren? Kein Mensch! Denn seht, ein Hirt, der wiederkaut, Doch nicht gespaltne Klaun hat, führt die Scharen; Daher die Herde, die dem Führer traut, Der das verschlingt, wonach sie selber lüstert, Nur dies verzehrt und nicht nach Höherm schaut. Drum, was man auch von anderm Grunde flüstert, Nicht die Natur ist ruchlos und verkehrt, Nur schlechte Führung hat die Welt verdüstert. Rom hatte, das zum Glück die Welt bekehrt, Zwei Sonnen, und den Weg der Welt hatt eine, Die andere den Weg zu Gott verklärt. Verlöscht ward eine von der andern Scheine, Und Schwert und Hirtenstab von einer Hand Gefaßt im übel passenden Vereine. Denn nicht mehr fürchten, wenn man sie verband, Sich Hirtenstab und Schwert—du kannsts begreifen, Denn an den Früchten wird der Baum erkannt. Man sah im Land, das Etsch und Po durchstreifen Eh man dem Kaiser Widerstand getan, Stets edle Sitt und Kraft und Tugend reifen. Jetzt finden, die den Guten sich zu nahn Und sie zu sprechen, sich errötend scheuen, In jenem Land vollkommen sichre Bahn. Die alten Zeiten schelten dort die neuen Noch durch drei Greise von der echten Art, Die sich des nahen Todes harrend freuen. Konrad Pallazzo ist es, und Gherard Und Guid Castel, der besser heißen würde Nach fränkscher Art: der ehrliche Lombard. Roms Kirche fällt, weil sie die Doppelwürde, Die Doppelherrschaft jetzt in sich vermengt, In Kot, besudelnd sich und ihre Bürde"— "Mein Marco," sprach ich, "klares Licht empfängt Durch deine Rede jetzt mein Geist—ich sehe, Was aus der Erbschaft Levis Stamm verdrängt. Doch sage, welcher Gherard, meinst du, stehe Als Trümmer noch versunkner guter Zeit, So, daß er dieser Zeit Verderbnis schmähe?— "Betrügst, versuchst du mich in meinem Leid?" So er: "Du, Tuscisch sprechend, tust dergleichen, Als kenntest du nicht Gherards Trefflichkeit? Den Namen kenn ich, sonst kein andres Zeichen, Wenn mans von seiner Gaja nicht entnimmt, Gott sei mit dir, hier muß ich von euch weichen. Sieh, wie in weißem Glanz der Rauch entglimmt. Fort muß ich, denn schon ist der Engel dorten; Ich scheid, eh er mich wahr hier sprechend nimmt." Er sprachs und horchte nicht mehr meinen Worten.
Siebzehnter Gesang
Denk, Leser, wenn dich Nebel je umstrickte, Auf Alpenhöhn, durch den, wie durch die Haut Des Maulwurfs Auge blickt, das deine blickte, Wie, wenn der feuchte Qualm, der dich umgraut, Nun dünn wird und beginnt, sich zu erhellen, Dann matt hinein das Rund der Sonne schaut; Und doch vermagst du kaum, dir vorzustellen, Wie ich die Sonn itzt wiedersah, die sich Soeben senken wollt ins Bett der Wellen. So, gleichen Schritts mit meinem Hort, entwich Ich aus der Wolk, als wie aus dunkler Klause, Zum Strahl, der sterbend schon am Strand erblich. Phantasie, die du aus ihrem Hause Weithin die Seel entrückst, daß mans nicht spürt, Ob ringsumher Trompetenschall erbrause, Was regt dich auf, wenn nichts den Sinn berührt? Das Himmelslicht erregt dich, das hernieder Von selber strömt, das auch ein Wille führt. Die Arge sah ich, die sich im Gefieder Des Vogels barg, der ewig Reu und Gram Verhaucht im Klang der süßen Klagelieder. Und ganz zurückgedrängt ward wundersam Hier meine Seel in sich, zu nichts sich neigend Und nichts aufnehmend, was von außen kam. Darauf erschien, der Phantasie entsteigend, Ein Mann am Kreuz, so trotzig-stolz wie er Von Ansehn war, sich auch im Tode zeigend. Ich sah dabei den großen Ahasver, Esther, sein Weib, und Mardochai, den Frommen, In Wort und Tat so ganz, rund um ihn her. Und dieses Bild zersprang, kaum wahrgenommen, Gleich einer Blase, die mit kurzem Schein Im Wasser glänzt, wenn sie emporgeschwommen. Dann zeigte mein Gesicht ein Mägdelein. "O Fürstin, Mutter!" rief die Tränenvolle, "Was wolltest du aus Zorn vernichtet sein! Du starbst, daß dein Lavinia bleiben solle. Bin ich nun dein? Nicht andrer Tod, es zwingt Der deine mich zu bittrem Tränenzolle." Gleich wie der Schlaf in jähem Schreck zerspringt, Wenn Strahlen an des Schläfers Antlitz prallen, Doch eh er ganz erstirbt, sich sträubt und ringt, So sah ich jetzt mein Traumbild niederfallen, Als mir ein Licht ins Antlitz schlug, so klar, Wies nie zur Erde strömt aus Himmelshallen. Ich wandte mich, zu sehen, wo ich war, Als eine Stimm erklang: "Hier müßt ihr steigen!" Und ich vergaß des andern ganz und gar. Sie zwang den Willen, sich dorthin zu neigen, Zu sehn, wer sprach, und ließ, bis ich belehrt, Die Unruh nicht in meinem Innern Schweigen. Wie von der Sonne, die den Blick beschwert, Durch zuviel Licht ihr eignes Bild bedeckend, Ward von dem Glanze meine Kraft verzehrt. "Ein Himmelsgeist ists, uns den Weg entdeckend, Der aufwärts führt, auch ohne daß wir flehn, Und selber sich in seinem Licht versteckend. Wie wir uns selber tun, ist uns geschehn, Denn wer die Not erblickt und harrt der Bitte, Ist böslich schon geneigt, sie zu verschmähn. Auf! Solchem Rufe nach mit raschem Tritte! Wir müssen aufwärts, eh das Dunkel naht, Sonst löst der Tag erst die gehemmten Schritte." Mein Führer sprachs, worauf zum Felsgestad Wir, hingewandt nach einer Stiege, gingen, Und wie ich auf die erste Stufe trat, Fühlt ich ein Wehn, wie von bewegten Schwingen Im Angesicht, und laut erklangs, mir nah: "Heil den Friedfertgen, die den Zorn bezwingen." Der Sonne letzte bleiche Strahlen sah Ich über uns, gefolgt von nächtgen Schatten. Und schon erschienen Sternlein hier und da. "O meine Kraft, was mußt du so ermatten!" So dacht ich still bei mir, denn ich empfand, Daß sich entstrickt der Füße Nerven hatten. Wir waren auf der höchsten Stufe Rand Und standen fest, wie angeheftet, dorten, Gleich einem Kahn in des Gestades Sand. Aufmerksam lauscht ich erst nach allen Orten, Ob nichts zu hören sei, und wandte nun Zu meinem Meister mich mit diesen Worten: "Mein süßer Vater, sprich, welch übles Tun Führt uns zur Läuterung in diesem Kreise. Laß nicht die Rede, gleich den Füßen, ruhn." "Trägheit zum Guten", Sprach darauf der Weise, "Zahlt hier die dort gemachten Schulden erst; Hier wird der träge Rudrer schnell zur Reife. Merk auf, damit dus deutlicher erfährst, Weil ungenutzt sonst unser Stillstand bliebe— Frucht bringt dein Weilen, wenn du dich belehrst. Nicht Schöpfer, noch Geschöpf ist ohne Liebe, Noch war es je. Du weißt, in der Natur Und in der Seel entkeimen ihre Triebe. Nie irrt die erste von der rechten Spur. Die zweite kann im Gegenstande fehlen Und bald zu stark sein, bald zu lässig nur. Weiß sie zum Ziel das erste Gut zu wählen, Ist sie beim zweiten nicht zu heiß, zu kalt, Dann reizt sie nicht zu schlechter Lust die Seelen Doch schweift sie ab zum Bösen, ist sie bald Zum Guten lau, zu eifrig bald im Rennen, So tut dem Schöpfer das Geschöpf Gewalt. So muß die Liebe, wie du wirst erkennen, In euch die Saat zu jeder Tugend streun, Doch auch zu allem, was wir Laster nennen. Nun, weil ob ihres Gegenstands sich freun Die Liebe muß, an dessen Heil sich weiden, Drum hat kein Ding den eignen Haß zu scheuen. Und weil kein Sein sich kann vom Ursein scheiden Und ohne dieses für sich selbst bestehn, Muß dies zu hoffen jeder Trieb vermeiden. Drum kannst du, folgr ich richtig, deutlich sehn: Dem Nächsten gilt die Liebe nur zum Schlimmen Und kann aus dreifach schmutzgem Quell entstehn. Der hofft zur Herrlichkeit emporzuklimmen Durch andrer Fall, und dieses muß zur Lust, Die Größe zu erniedrigen, ihn stimmen. Der Gunst, des Ruhmes und der Macht Verlust Scheut der, wenn sich ein andrer aufgeschwungen, Und liebt das Gegenteil mit banger Brust. Der ist entrüstet von Beleidigungen, Drob Durst nach Rach in ihm sich offenbart, Bis ihm dem andern weh zu tun gelungen. Ob dieser Liebe von dreifacher Art Weint man dort unten—jetzt vernimm von Liebe, Die nicht durch rechtes Maß geregelt ward. Nach einem Gute strebt mit dunkelm Triebe Der Mensch und fühlt, daß seiner Wünsche Glut, Erreicht ers nicht, ihm unbefriedigt bliebe. Die träge Lieb ists zu dem wahren Gut, Die säumt, es zu erschaun, es zu erringen, Die hier nach echter Reue Buße tut. Gut scheinen andre Güter, doch sie bringen Nicht wahres Glück, sind Stoff und Wurzel nicht, Aus welchen Früchte wahren Heils entspringen. Die Lieb, auf solches Gut zu sehr erpicht, Büßt in drei Kreisen oberhalb mit Zähren; Doch wie sie dreifach irrt von Recht und Pflicht, Das sollst du selbst dir suchen und erklären."
Achtzehnter Gesang
Mein hoher Lehrer hatte seiner Lehre Ein Ziel gesetzt und blickt aufmerksam mir Ins Angesicht, ob ich zufrieden wäre. Ich, noch gereizt von frischem Durst nach ihr, Schwieg äußerlich, doch sprach bei mir im stillen: "Beschwert ihn wohl zu viele Wißbegier?" Doch der wahrhafte Vater, der den Willen, Den schüchternen, bemerkt, gab sprechend jetzt Mir neuen Mut, des Sprechens Lust zu stillen. Drum ich: "Dein Licht, mein teurer Meister, letzt Mein Auge so, daß es an allen Dingen, Die du beschreibst, klar schauend sich ergötzt. Doch, süßer Vater, laß es tiefer dringen. Was ist doch jene Lieb—ich bitte, sprich!— Aus welcher gut und schlechte Werk entspringen?" "Scharf richte deines Geistes Aug auf mich," Versetzt er, "und den Irrtum jener Blinden, Die sich zu Führern machen, lehr ich dich. Der Geist, geschaffen, Liebe zu empfinden, Bewegt sich schnell zu allem, was gefällt, Wenn Reize sich, ihn zu erwecken, finden. Was Wirklichkeit euch vor die Augen stellt, paßt der Begriff, um es dem Geist zu zeigen, Der dann dorthin nur sich gerichtet hält. Und diese Richtung, dies Entgegenneigen, Lieb ist es, ist Natur, die dem, was schön Und reizend ist, sich hingibt als ihm eigen. Dann, wie die Flamm emporglüht zu den Höhn Durch ihre Form bestimmt, dorthin zu streben, Wo ihre Stoffe minder schnell vergehn, So scheint der Geist der Sehnsucht nur zu leben, Der geistigen Bewegung, die nicht ruht, Bis, was er liebt, sich zum Genuß ergeben. Drum sieh, wie not die Wahrheit jenen tut, Die, lehren wollend, noch den Irrwahn hegen, Jedwede Lieb an sich sei recht und gut. Gut ist vielleicht ihr Grundstoff allerwegen; Doch sei das Wachs auch echt und gut, man preist Das Bild, drin abgedrückt, noch nicht deswegen." Drauf ich: "Dein Wort und mein folgsamer Geist, Sie lassen mich der Liebe Wesen sehen, Obgleich der Geist noch zweifelschwanger kreist. Denn, muß durch äußern Reiz die Lieb entstehen, Lenkt die Natur die Seele, wie ists dann Verdienstlich, ob wir krumm, ob grade gehen?"— "Hör itzt, wie weit Vernunft hier schauen kann," So er, "dort stellt Beatrix dich zufrieden, Denn jenseits fängt das Werk des Glaubens an. Die wesentliche Form—sie ist geschieden Vom Stoff und ihm vereint, und eine Kraft, Die ihr nur eigen ist, ist ihr beschieden. Sie kann, nicht fühlbar, bis sie wirkt und schafft, Durch Wirkung nur sich zeigen und bewähren, Wie durch das Laub des Baumes Lebenssaft. Daher vermag der Mensch nicht, zu erklären, Woher zuerst in ihm Begriff entstehn, Woher das erste Sehnen und Begehren. Denn wie den Trieb, dem Honig nachzugehn, Die Bien erhielt, so habt ihr sie erhalten, Die nicht zu loben ist und nicht zu schmähn. Doch fühlt ihr auch die Kraft, die Rat gibt, walten, Und sie, der andern Haupt und Herrscherin, Soll Wach an eures Beifalls Schwelle halten. Sie, des Verdienstes und der Schuld Beginn, Nimmt, wie euch gut und schlechte Lieb entzündet, Sie auf und lenkt zu eurer Wahl euch hin. Drum haben jene, so die Sach ergründet, Die angeborne Freiheit wohl bedacht, Und euch die Lehren der Moral verkündet. Mag wirklich nun im Innern, angefacht Von der Notwendigkeit, die Lieb entbrennen, So habt ihr doch auch sie zu zügeln Macht. Die edle Kraft wird Beatrice nennen, Wenn sie dir kund vom freien Willen tut, Drum merk es, um des Wortes Sinn zu kennen." Der Mond, der fast bis Mitternacht geruht, Kam itzt hervor, der Sterne Zahl beschränkend, Gleich einem Kessel anzusehn von Glut, Den Pfad dem Himmelslauf entgegenlenkend, Den Pfad, den Sol, von Rom gesehn, durchglühe Inmitten Sard und Cors ins Meer sich senkend. Der edle Geist, ob des im Ruhme blüht Pietola vor Mantuas andern Orten, War jetzt nicht mehr durch meine Last bemüht. Ich, der die Zweifel all in seinen Worten Gelöset sah und alles hell und klar, Stand wie ein Schläfriger hinbrütend dorten. Doch plötzlich naht im Kreislauf eine Schar Und scheuchte diese Schläfrigkeit des Matten, Da sie bereits in unserm Rücken war. Und wie Böotiens Flüss in nächtgen Schatten Ein wild Gedräng an ihrem Strande sahn, Wenn die Thebaner Bacchus nötig hatten, So sah ich jen im Kreise trabend nahn, Und alle trieb—so wollte mirs erscheinen— Gerechte Lieb und wackrer Eifer an. Und schon bei uns, denn zögern sah ich keinen, War angelangt der ganze große Hauf, Da riefen die zwei Vordersten mit Weinen: "Rasch zum Gebirge ging Marions Lauf; Und Cäsar, um Ilerda zu gewinnen, Umschloß Marseill und brach nach Spanien auf." "Rasch, laßt aus Trägheit nicht die Zeit entrinnen," Schrien alle nun, "es macht der rege Fleiß Zum Guten neu der Gnade Lenz beginnen."— "O ihr, in denen Eifer scharf und heiß Das, was ihr dort aus Lauheit nicht vollbrachtet, Was ihr versäumt, wohl zu ersetzen weiß, Der, welcher lebt—nicht sag ich Lügen—trachtet Emporzusteigen, eh der Morgen wach, Drum sagt den Weg, den ihr den nächsten achtet." Mein Führer sagte dies, und einer sprach: "Wollt ihr zum Orte, wo der Fels, gespalten Zur Schlucht, euch durchziehn läßt. So folgt uns nach. Uns ist es nicht erlaubt, uns aufzuhalten, Denn Eile treibt uns fort, drum mögt ihr nicht, Was uns das Recht gebeut, für Grobheit halten. Ich übt in Zenos Haus des Abtes Pflicht, Unter des guten Rotbart Herrscherstabe, Von welchem Mailand noch mit Schmerzen spricht. Und einer, schon mit einem Fuß im Grabe, Er weint, gedenkend jenes Klosters, bald, Daß er gehabt dort Macht und Ansehn habe, Weil er den Sohn, verpfuscht an der Gestalt, Noch mehr verpfuscht an Geiste, schlechtgeboren, Anstatt des wahren Hirten dort bestallt." Ob er noch sprach? Ob schwieg?—vor meinen Ohren Verklang, sich schnell entfernend, jener Ton. Doch merkt ich dies und hab es nicht verloren. Und er, in jeder Not mein Helfer schon, Sprach: "Sieh dorthin, woher die beiden kommen, Die Trägheit scheuchend und ihr selbst entflohn." Sie riefen jenen nach: "Erst umgekommen War jenes Volk, dem sich das Meer erschloß, Bevor der Jordan seine Herrn bekommen. Und jenes, das die edle Müh verdroß, Bis an sein Ziel Äneen zu begleiten, Es ward seitdem ein ruhmlos schlechter Troß." Die Schatten schwanden kaum in fernen Weiten, Als ein Gedank aufs neu in mir entstand, Und dieser erste zeigte bald den zweiten, Dem sich verwirrt der dritte, viert entwand, Bis mir zuletzt die Augenlider sanken; Und wie verschmelzend Bild um Bild verschwand, Da ward zum Traum das Wogen der Gedanken.
Neunzehnter Gesang
Zur Stunde, da, vom Erdqualm überwunden, Oft vom Saturn, den Nachtfrost zu durchlaun, Der Tagesglut die Kraft dahingeschwunden, Wenn in dem Osten vor des Frühlichts Grauen Ihr größtes Glück die Geomanten sehen, Wos kurze Zeit sich hält in nächtgem Braun, Sah ich ein Weib im Traume vor mir stehen, Kalkweiß, verstümmelt, stotternd, krummgebückt, Und schielend sah ich sie die Augen drehen. Ich schaut auf sie—wie der, den Nachtfrost drückt, Gestärkt wird und belebt vom Blick der Sonnen, So wurde sie von meinem Blick durchzückt. Schnell sprang das Band, das ihre Zung umsponnen; Sie richtete sich auf; ein roter Schein Färbt ihr Gesicht, wie Hauch der Liebeswonnen. Kaum fühlte sie die Zunge sich befrein, Als sie ein Lied begann, so holden Sanges, Daß ich auf nichts horcht, als auf sie allein. "Ich, der Sirenen Süßeste," so klang es, "Ich bins, durch die vom Weg der Schiffer schweift; Denn wer mich hört, ist voll des Wonnedranges. Mir folgt Ulyß, der lang umhergestreift, Und wie Entzücken ihn und Wollust kirren, Verläßt mich keiner, der mich ganz begreift." Noch hört ich in der Luft die Töne schwirren, Sieh, da erschien ein heilges Weib, mir nah, Die Sängerin beschämend zu verwirren. "Virgil! Virgil! sprich, wer ist diese da?" Sie riefs mit Zorn, als sie dies Weib entdeckte Indes er fest nur ihr ins Auge fah. Sie aber riß das Kleid, das jene deckte, Ihr vorn entzwei, daß mir der Bauch erschien, Aus dem Gestank quoll, welcher mich erweckte. Ich schlug die Augen auf und sah auf ihn. "Schon dreimal rief ich dich," begann der Weise. "Auf, laß uns jetzt zur Felsenöffnung ziehn." Ich richtete mich auf, und alle Kreise Des heilgen Bergs erfüllte Morgenpracht Und leuchtet hinter uns zu unsrer Reise. Ich folgt ihm nach und neigte, längst erwacht, Die Stirn, wie einer, der in schweren Sinnen Sich selbst zum halben Brückenbogen macht. "Kommt, hier steigt auf!" So hört ichs nun beginnen, Mit Tönen, wie sie nie im irdschen Land, So huldvoll und so süß, das Herz gewinnen. Die Flügel, wie des Schwanes, ausgespannt, Winkt uns der Engel vor, und beide gingen Wir durch des Felsens enge Doppelwand. Er weht uns an mit den bewegten Schwingen Und sprach: "Heil dem, der stark das Leid erträgt, Denn reichen Trost wird seine Seel erringen." "Was hast du, das dich immer noch erregt? Was sinkt verworren noch dein Blick zur Erden?" So sprach Virgil, als wir uns fortbewegt. "Ein neu Gesicht—noch seh ich die Gebärden"— Versetzt ich, "macht mich so in Zweifeln gehn! Noch kann ich dieses Bilds nicht ledig werden."— "Die alte Hexe—hast du sie gesehn, Ob der man dorten klagt, wohin wir reisen," Sprach er, "und wie mans macht, ihr zu entgehn? Doch weiter jetzt. Schau auf! In mächtgen Kreisen Wird dort im klaren himmlischen Gebiet Lockbilder dir der ewge König weisen!" Wie erst der Falk auf seine Füße sieht, Doch dann nicht säumt, sich nach dem Ruf zu wenden, Sich streckt und fliegt, wohin die Beut ihn zieht. So ich—so klomm ich zwischen Felsenwänden, Soweit der Weg sich hebt im engen Schlund, Bis wo die Stiegen auf dem Vorsprung enden. Und als ich frei im fünften Kreise stund, Da lagen Leute, die sich weinend plagten, Das Auge ganz hinabgewandt, am Grund. "Ach, meine Seele klebt am Staube!" klagten Sie all, und ihrer Seufzer laut Getön, Es ließ mich kaum vernehmen, was sie sagten. "Ihr Gotterwählte, deren Angstgestöhn Gerechtigkeit und Hoffnung mild versüßen, O sprecht, wo ist die Stiege zu den Höhn?" "Kommt ihr, gewiß, nicht liegend hier zu büßen, So nehmt nur links den Felsen euren Lauf, Dann liegt der Eingang bald vor euren Füßen." So bat Virgil, und so versetzt es drauf Nicht weit von uns, und, schnell erratend, klärte Ich, was drin sonst verborgen war, mir auf. Als ich den Blick nach dem des Führers kehrte, . Stimmt er mit frohem Winke gern mir bei, Ich möge tun, was mein Gesicht begehrte. Kaum stand mir nun nach Wunsch zu handeln frei, So sucht ich ihn, des Wort den Sinn verborgen: Er wisse nicht, daß ich noch lebend sei. Und sprach: "O Geist, für den des Heiles Morgen Durch Tränen früher tagt, o laß für mich Ein wenig ab von deinen größern Sorgen. Wer warst du? Und was kehrt dein Rücken sich Empor? Und dort, woher ich, noch im Leben, Gekommen bin, dort bitt ich dann für dich." "Wie wir hier liegen für verkehrtes Streben, Bald hörst dus," sprach er, "doch vernimm zuvor: Mir waren Petri Schlüssel übergeben. Bei Siestri rollt aus einem Tal hervor Ein schöner Fluß, den das Geschlecht der Meinen Zu seinem ersten Titel sich erkor. Ich fühlt als Papst fünf Wochen lang, daß einen, Der rein die Stola hält, sie so beschwert, Daß leicht, wie Flaum, all andre Bürden scheinen. Und leider, ward ich nur zu spät bekehrt; Doch als ich zu dem Heilgen Stuhl gelangte, Da ward ich von des Lebens Trug belehrt. Ich sah, daß dort das Herz nie Ruh erlangte, Daß jenes Leben mir nichts Höhres bot, Daher ich heiß nach diesem nur verlangte. Bis dahin war ich arm, getrennt von Gott, Und völlig machte mich der Geiz zum Sklaven, Dafür sie mich bestraft mit dieser Not. Die Läutrungsqualen, die mich hier betrafen, Tun dir des Geizes Art und Wesen kund, Und auf dem Berg gibts keine härtern Strafen. Wie einst das Auge nicht nach oben stund, Und nur gefesselt war von irdschen Dingen, So drückts Gerechtigkeit hier an den Grund. Und wie den Trieb, das Gute zu vollbringen, Der Geiz erstickt und nimmer handeln läßt, So hält Gerechtigkeit in festen Schlingen Hier Hand und Fuß gebunden und gepreßt; So liegen wir, bis uns der Herr die Glieder Einst wieder löst, hier unbeweglich fest." Antworten wollt ich ihm und kniete nieder, Doch, da ich sprach und er durchs Ohr erkannt, Daß Ehrfurcht mich gebeugt, begann er wieder: "Was kniest du hier?" Und ich drauf: "Ich empfand Ob deiner Würde Vorwürf im Gewissen, Daß ich vor dir noch grad und aufrecht stand." "Bruder, steh auf!"—so er—"du mußt ja wissen, Dein Mitknecht bin ich nur von einer Macht, Der du und ich und all uns beugen müssen. Und hattest du des heilgen Spruches acht: Sie freien nicht, so wirst du dir erklären, Was ich bei meiner Rede mir gedacht. Jetzt geh. Dein Weilen hemmt den Lauf der Zähren, Die früher mir—denk an dein eignes Wort— Das Morgenlicht des ewgen Heils gewähren. Alagia, eine Nichte, hab ich dort, Gut von Natur, reißt nicht zu schlechten Trieben Sie der Verwandten übles Beispiel fort, Und sie allein ist jenseits mir geblieben."
Zwanzigster Gesang
Schwer kämpft der Wille gegen bessern Willen, Drum zog ich ungern jetzt vom Quell den Mund, Weil er es wünscht, ohn erst den Durst zu stillen. Wir gingen einen Weg, wo frei der Grund Zum Gehen war, entlang dem Felsgestade, Gleich engem Steg am Mauerzinnenrund. Denn jene Schar, die sich im Tränenbade Vom Übel, das die Welt erfüllt, befreit, Versperrt uns mehr nach außen hin die Pfade. Du alte Wölfin, sei vermaledeit! Kein Tier erjagt sich Beute gleich der deinen, Doch bleibt dein Bauch noch endlos hohl und weit. O Himmel, dessen Kreislauf, wie wir meinen, Der Erde Sein und Zustand wandeln soll, Wann wird der Held, der sie vertreibt, erscheinen? Wir gingen langsam fort und mühevoll Ich, horchend, als aus jener Schatten Mitte Ein jammervoller Klageton erscholl. "Maria, Süße!" klangs vor meinem Schritte, Und wie ein kreißend Weib zu jammern pflegt, So kläglich schien der Ruf der frommen Bitte. "Du warst so arm!" so sagt es dann bewegt, "Der Armut sehn wir jene Kripp entsprechen, In welche du die heilge Frucht gelegt." "Fabricius, Wackrer!" hört ichs weiter sprechen, "Tugend mit Armut schien dir mehr Gewinn Als der Besitz des Reichtums mit Verbrechen." Gar wohl gefiel mir dieser Rede Sinn, Und um zu sehn, wer von den Felsenbänken Sie ausgesprochen, wandt ich mich dahin. Und weiter sprach er noch von den Geschenken, Die Nikolaus gemacht den Mägdelein, Um sie zum Weg der Ehre hinzulenken. "O Geist, der du so wohl sprichst," fiel ich ein, "Sprich jetzt, wer warst du und aus welchem Grunde Erneust du hier so würdges Lob allein? Nicht unbelohnt soll bleiben solche Kunde, Kehr ich zurück zum Rest der kurzen Bahn Des Lebens, das da eilt zur letzten Stunde." Und er: "Nicht will von dort ich Hilf empfahn, Doch red ich, denn mir strahlt im hellen Lichte Die Huld, die Gott dir vor dem Tod getan. Des Baumes Wurzel bin ich, der in dichte Umschattung hüllt die ganze Christenheit, Von dem man selten nur pflückt gute Früchte. Doch wäre schon die Rache nicht mehr weit, Wenn Macht Gent, Brügge, Lille und Douai hätten, Auch bitt ich drum des Herrn Gerechtigkeit. Hugo bin ich, der Stammherr der Capetten, Philipp und Ludwige, die auf den Thron Des schönen Frankreichs jetzt sich üppig betten. Als ich lebt in Paris, ein Metzgersohn, Erstarb der Königsstamm in allen Zweigen, Und nur noch einer lebt in Schmach und Hohn; Da macht ich mir des Reiches Zaum zu eigen, Und so vermehrt ich meine Macht alsdann, So sah ich sie durch Land und Freunde steigen, Daß den verwaisten Thron mein Sohn gewann, Von welchem nach dem Walten ewger Mächte Die Reihe der Gesalbten dort begann. Bis der Provence Mitgift dem Geschlechte Der Meinen nicht die heilge Scham entriß, Galts wenig zwar, allein vermied das Schlechte. Seitdem verübt es Tat der Finsternis, Log, raubt und stahl, woraufs, aus Reu und Buße, Die Normandie und Ponthieu an sich riß. Karl kam nach Welschland, und, aus Reu und Buße, Köpft er den Konradin und sandte drauf Den Thomas heim zu Gott, aus Reu und Buße. Bald bricht ein andrer Karl im vollen Lauf, Denn besser sollt ihr seine Sitt erkennen Und seines Stammes Art, aus Frankreich auf. Zur Rüstung wird er nicht sich Zeit vergönnen, Und nur mit Judas Lanze, so, daß dir, Florenz, der Wanst platzt, in die Schranken rennen. Nicht Land, nur Sünd und Schmach gewinnt er hier. Und trägt er sie gar leicht und unbefangen, So wird er einst noch mehr gedrückt von ihr. Ein andrer Karl, im Seegefecht gefangen, Verschachert, wie die Sklavin der Korsar, Die Tochter, um das Kaufgeld zu empfangen. Ach, was vermagst nicht du, o Geiz! Sogar Sein eignes Fleisch beut, schmählich überwunden Von deiner Macht, mein Blut zum Kaufe dar. Doch ist der Frevel schon in nichts verschwunden; Ich seh Alagna, wo die Lilie weht! Seh im Statthalter Christum selbst gebunden. Seh ihn drauf verspottet und geschmäht! Seh ihn aufs neue Gall und Essig schmecken! Seh ihn, der unter Räubern dann vergeht! Den grimmigen Pilatus seh ich schrecken Und, noch nicht satt, ihn, ohne Kirchenschluß, Die gierge Hand nach Kirchengütern strecken. Gott, was säumt dein Rächerarm? Was muß So lang an mir gerechter Unmut nagen? Die Frevler strafend, stille den Verdruß!— Du hörtest mich vorhin von jener sagen, Die einzig ist des Heilgen Geistes Braut, Und dies beweg dich, nach dem Grund zu fragen. Von ihr erklingt das Flehen leis und laut Beim Tageslicht, doch von den Gegensätzen Tönt unsre Klage, wenn die Nacht ergraut. Dann denken wir Pygmalions mit Entsetzen, Der ein Verwandtenmörder ward, ein Dieb Und ein Verräter aus Begier nach Schätzen; Des Midas, der so lang im Elend blieb, Das jedem, der ihn sah, weils ihn nicht freute, Als er die Gier gestillt, zum Lachen trieb; Des tollen Achan auch, des Diebs der Beute, Der, wie es scheint, noch hier nicht tragen kann Des Josua Zorn, der ihm im Leben dräute. Sapphiren tadeln wir und ihren Mann Und loben den, der hinwarf Heliodoren; Den ganzen Berg umkreist mit Schande dann Polynestor, der totschlug Polydoren. Zuletzt erklingt es: Crassus, sprich, wie schmeckt Das Gold, das du zur Lieblingsspeis erkoren? Der redet laut, der leis und unentdeckt, Je wie der Drang des Leids, das wir erproben, Uns minder oder mehr erregt und weckt. Ich sprach vom Heil, das wir am Tage loben, Hier nicht allein, nur daß zu lautem Klang, Die mir hier nah sind, nicht die Stimm erhoben." Wir richteten nun vorwärts unsern Gang, Nachdem wir diesen Schatten kaum verlassen, So schleunig, als es nur der Kraft gelang. Da aber zitterten des Berges Massen, Als stürz er hin, und Furcht erfaßte mich, Wie sie den, der zum Tod geht, pflegt zu fassen. Nicht schüttelte so heftig Delos sich, Eh, beide Himmelsaugen zu gebären, Dorthin zum sichern Nest Laton entwich. Rings braust ein Ruf, um meine Furcht zu mehren, Doch näher trat zu mir mein Meister da: "Ich führe dichl—was magst du Sorgen nähren?" Und könnt ich aus den Stimmen, die mir nah Erklangen, recht das ganze Lied verstehen, Klangs: Deo in excelsis gloria! Wir blieben staunend, gleich den Hirten, stehen, Die diesen Sang zum erstenmal gehört, Und ließen Erdenstoß und Lied vergehen. Doch dann, zum heilgen Weg zurückgekehrt, Sahn wir die Schatten, die am Boden lagen, Schon wieder vom gewohnten Leid beschwert. Noch nie bekämpften sich mit solchen Plagen In mir Unwissenheit und Wißbegier, Mag ich auch forschend die Erinnrung fragen: Wonach ich grübelnd je gespäht?—wie hier. Nicht fragen dürft ich, denn er ging von hinnen, Und nichts erklären könnt ich selber mir; So ging ich schüchtern fort in tiefem Sinnen.
Einundzwanzigster Gesang
Der Durst, den die Natur gegeben hat, Den nur das Wasser stillt, um dessen Gnade Die Samariterin den Heiland bat, Verzehrte mich, und auf verengtem Pfade Trieb Eile mich, dem Führer nachzuziehn, Voll Gram, daß Schuld uns so mit Leid belade. Und sieh, wie Kunde Lukas uns verliehn, Daß Christus zween, die unterweges waren, Erstanden aus dem Grabgewölb, erschien; So uns ein Schatten—hinter uns, die Scharen, Dort ausgestreckt, betrachtend, ging er fort Und ließ sich sprechend erst von uns gewahren. "Gott geb euch Frieden, Brüder!" war sein Wort, Das plötzlich hin zu ihm uns beide kehrte; Und ziemend dankt ihm mein getreuer Hort Und sprach: "Zu denen, so der Herr verklärte, Versetz er dich, zu jenem selgen Chor, Des Frieden er auf ewig mir verwehrte." Und jener sprach: "Wenn Gott euch nicht erkor," (Doch säumte nicht, indessen fortzugehen,) "Wer leitet euch die heilge Stieg empor?" Virgil darauf: "Sieh hier die Zeichen stehen, Die diesem eingeprägt vom Engel sind, Und daß er auserwählt ist, wirst du sehen. Allein weil sie, die unablässig spinnt,— Ihm noch nicht ganz den Rocken abgesponnen, Den Klotho anlegt, wenn ein Sein beginnt, Hätt er, allein, die Höhe nie gewonnen, Weil seine Seele, Schwester dir und mir, Noch nicht nach unsrer Art zu sehn begonnen. Drum bin ich aus dem Höllenschlunde hier, Und meine Schule wies und weist ihm alles, Was sie gewähren kann der Wißbegier. Doch sprich, was schwankte so gewaltgen Pralles Vorhin der Berg? Was tönte bis zum Strand Der allgemeine Ruf so lauten Schalles?" Mein teurer Meister, also fragend, fand So meiner Sehnsucht Ohr, daß mein Begehren, Mein Durst durch Hoffnung Lindrung schon empfand. Und jener sprach: "Den Berg, den heilgen, hehren, Nichts trifft ihn sonder Ordnung, was es sei, Und ewge Regel herrscht in diesen Sphären. Stets ist er hier von jeder Störung frei; Wenn einen Geist von ihm Gott aufgenommen, Verkündens Erdenstoß und Jubelschrei. Wer jene kleine Stieg emporgeklommen Von dreien Stufen, sieht nicht Reif noch Tau, Nicht Hagel mehr, noch Schnee, noch Regen kommen. Kein Wölkchen trübt hier je des Himmels Blau, Nie blinkt des Blitzes Schnell verschwundne Helle Nie baut sich Iris Brück auf dunkelm Grau. Kein trockner Dunst steigt über jene Stelle, Von der ich sprach, auf der die Füße stehn Des Pförtners von der diamantnen Schwelle. Von Stürmen, die im Erdenschoß entstehn, Mags sein, daß unten oft der Berg erdröhne, Hier—wie, begreif ich nicht—ists nie geschehn. Hier bebt er, wenn in neuer Rein und Schöne Die Seele fühlt, sie woll erhoben sein. Ihr Steigen fördern dann die Jubeltöne. Der Reinheit Prob ist dieser Will allein; Frei, treibt er sie, zum Zuge sich zu rüsten, Und er verleiht ihr sicheres Gedeihn. Erst will sie zwar, doch fühlt auch, mit Gelüsten Nach längrer Qual, daß nach Gerechtigkeit, Die, so einst sündigten, erst leiden müßten. Ich lag fünfhundert Jahr in diesem Leid Und länger noch und fühlte mir soeben . Zum Aufwärtsziehn den Willen erst befreit. Drum fühltest du den ganzen Berg erbeben, Drum pries den Herrn die ganze fromme Schar, In Hoffnung, bald sich selber zu erheben." Sprachs, und je heißer die Begierde war, Je mehr fühlt ich vom Tranke mich erquicken Und fühlte mich gestärkt und frei und klar. Virgil drauf: "Welche Netz euch hier umstricken, Wie ihr entschlüpft, was durch den Berg gezückt, Was Jubeltön empor die Seelen schicken, Das hat dein Wort mir deutlich ausgedrückt. Jetzt sage mir: Wer bist du einst gewesen? Und was hat hier so lang dich schwer gedrückt?" Drauf jener: "Damals, als das höchste Wesen, Das Blut zu rächen, das für schnödes Geld Judas verkauft, den Titus auserlesen, Da lebt ich mit dem Namen, der bei Welt Und Nachwelt gilt, geschmückt mit höchstem Preise, Doch war noch nicht vom Glaubenslicht erhellt. So süß war des klangreichen Geistes Weise, Daß Rom mich Tolosanen rief und hoch Mich ehrte mit verdientem Myrtenreise. Mich, Statius, nennt man jenseits heute noch. Von Theben hob ich, vom Achill gesungen, Bis unterwegs ich sank dem zweiten Joch. Auch meine Glut ist an der Flamm entsprungen, Der göttlichen, die Funken ausgesprüht Und Tausende mit ihrem Licht durchdrungen. Sie, die Äneis, ists, die mich durchglüht, Sie nur war Mutter, Amme mir im Dichten, Und ohne sie war ich umsonst bemüht. O hätt ich mit Virgil gelebt! Mit nichten Schien mirs zu schwer, ein Jahr lang, noch im Bann, Dafür auf die Befreiung zu verzichten." Bei diesen Worten sah Virgil mich an Mit einem Blick, der schweigend sagte: Schweige! Doch weil die Kraft, die will, nicht alles kann, Nicht hindern kann, daß sich die Seele zeige, Und, wie durch sie die jähe Regung blitzt, Trän oder Lächeln uns ins Antlitz steige, So blinkt ich lächelnd mit den Augen itzt, Drum sah mir jener, dem dies nicht entgangen, Ins Auge, wo das Bild der Seele sitzt. "So wie du mögst zum großen Ziel gelangen," Begann er drauf, mir zugewandt, "So sprich: Was schwebt ein Lächeln jetzt um deine Wangen?" Nun zeigen hier und dorten Schlingen sich. Der heißt mich schweigen, jener, offenbaren. Ich seufze nur, doch man ergründet mich. "Du magst dir jetzt das längre Schweigen sparen," Begann Virgil, "sprich nur, denn er beweist .Zu große Sehnsucht, alles zu erfahren." "Vielleicht wohl wunderts dich, du alter Geist," Also begann ich jetzo, "daß ich lachte, Doch will ich, daß du mehr verwundert seist. Er, der mich aufwärts führt, wohin ich trachte, Es ist Virgil, der Quell, der deinen Sang Von Helden und von Göttern strömen machte. Glaubst du, das andrer Grund des Lachens Drang In mir erregt, magst du den Glauben lassen; Es war dein Wort, das mich zum Lachen zwang." Da neigt er sich, die Knie ihm zu umfassen, Zu meinem Hort, der sprach: "Laß, Bruder, laß! Wir sind ja Schatten beid und nicht zu fassen." Und er stand auf und sprach: "Du wirst das Maß Der Liebe, die mich an dich zieht begreifen, Da ich der Körper Mangel ganz vergaß Und Schatten sucht als Festes zu ergreifen."
Zweiundzwanzigster Gesang
Schon hinter uns geblieben war der Engel, Der unsern Schritt zum sechsten Kreis gekehrt Und mir getilgt ein Zeichen meiner Mängel. Sie, deren Wunsch Gerechtigkeit begehrt, Sie riefen: "Heil dem Dürstenden!" und schwiegen, Und ohne weitres war ihr Sinn erklärt. Ich, leichter als auf andern Felsenstiegen, Ging aufwärts, den behenden Geistern nach, Und sonder Mühe ward der Kreis erstiegen. "An Lieb, entzündet von der Tugend," sprach Mein Meister nun, "ist andre stets entglommen, Wenn sichtbar nur hervor die Flamme brach. Darum, seit Juvenal hinabgekommen Zum Höllenvorhof, und mit uns vereint, Von dem ich, wie du mich geliebt, vernommen, War ich in Liebe dir so wohlgemeint, Wie wir sie selten Niegesehnen weihen, So, daß nun kurz mir diese Stiege scheint. Doch sprich und wolle mir als Freund verzeihen, Löst mir zu große Sicherheit den Zaum, Und wolle Kunde mir als Freund verleihen: Wie fand der Geiz doch—ich begreif es kaum— Bei solcher Weisheit, wie dein eifrig Streben Errungen hat, in deinem Busen Raum?" Hier sah ich Lächeln jenes Mund umschweben, Dann sprach er: "Jedes Wort aus deinem Mund, Zeugts nur von Liebe, muß mir Freude geben. Oft werden uns von außen Dinge kund, Die falsche Zweifel in der Seel erregen, Weil tief verborgen ist ihr wahrer Grund. Du scheinst—die Frage zeigts—den Wahn zu hegen, Daß mich der Geiz auf Erden einst geplagt, Vielleicht weil ich in diesem Kreis gelegen. Jetzt wisse, daß ich ihm zu sehr entsagt, Und dieses Unmaß hab ich hier in Schlingen So viele tausend Monden lang beklagt. Dort unten müßt ich, Steine wälzend, ringen, Hätt ich dein zürnend Warnen nicht gehört: Zu was kannst du die Menschenbrust nicht zwingen. Verfluchter Durst nach Gold, der uns betört!— Die ernste Mahnung hört ich dich verkünden Und ward aus eitlen Träumen aufgestört. Daß nur zu offen meine Hände stünden, Dies ward mir nun in meinem Geiste klar, Mit Reu ob dieser und der andern Sünden. Wieviel erstehn einst mit verschnittnem Haar, Weil bis zum Tod sie nicht erkannt, daß Sühne Durch Reu auch diesem Fehler nötig war. Wisse, die Schuld, die auf des Lebens Bühne Sich einer andern grad entgegensetzt, Verliert zugleich mit ihr hier ihre Grüne. Drum sahst du mich bei jenen Scharen jetzt Der Reuigen, die einst der Geiz bezwungen; Drum hat das Gegenteil mich herversetzt." "Zur Zeit, da du der Waffen Graus gesungen. Die Jokasten Gram zu Gram gefügt," Sprach jener, dem das Hirtenlied gelungen, "War, wenn, was Klio aus dir singt, nicht trügt, Nicht durch den Glauben noch dein Herz gelichtet, Bei dessen Mangel keine Tugend gnügt. Nun, welche Sonne hat die Nacht vernichtet, Welch irdisch Licht, daß du an deinem Kahn Die Segel dann, dem Fischer nach, gerichtet?" Und er: "Du zeigtest mir zuerst die Bahn Zu dem Parnaß und seinen süßen Quellen Und warst mein erstes Licht, um Gott zu nahn. Dem, der bei Nacht geht, warst du gleichzustellen, Dem seine Leuchte selbst kein Licht verleiht, Um hinter ihm die Straße zu erhellen, Indem du sprachst: Erneuert wird die Zeit, Ich seh ein neu Geschlecht vom Himmel steigen Und Ordnung herrschen und Gerechtigkeit. Durch dich ward mir der Ruhm des Dichters eigen, Durch dich ward ich den Christen beigesellt; Wie? Soll sich dir in klarem Bilde zeigen. Vom wahren Glauben schwanger war die Welt Schon überall; es streuten diesen Samen Die Boten ewgen Reichs ins weite Feld. Mit deinem oft berührten Worte kamen Die neuen Predger sämtlich überein, Drum folgt ich denen, die ihr Wort vernahmen. Sie schienen mir so heilig und so rein— Und als sie Domitian verfolgte, machten Mich weinen ihre Klag und ihre Pein. Und ihnen beizustehn war all mein Trachten, Da mir so redlich ihre Sitt erschien; All andre Sekten mußt ich drum verachten. Eh dichtend, ich an Thebens Flüsse ziehn Die Griechen ließ, hatt ich die Tauf empfangen, Obwohl ich äußerlich als Heid erschien, Und ein versteckter Christ verblieb aus Bangen; Und ob der Lauheit hab ich mehr als vier Jahrhunderte den vierten Kreis umgangen. Sprich jetzo du, der du den Schleier mit Gehoben hast vom Heile, das ich preise, Denn Zeit genug beim Steigen haben wir: Wo Freund Terenz, wo Varro ist, der Weise, Cäcilius, Plautus?—sprich, ich bitte sehr, Ob sie verdammt sind und in welchem Kreise?" "Sie, ich und mancher sonst," erwidert er, "Wir sind beim Griechen, jenem blinden Alten, Den Musenmilch getränkt, wie keinen mehr, Im ersten Kreis der blinden Haft enthalten; Oft sprachen wir von jenem Berge schon, Wo unsre süßen Nährerinnen walten. Dort ist Euripides, Anakreon Mit vielen Griechen, die der Lorbeer krönte, Mit dem Simonides und Agathon. Auch sie, von welchen einst dein Lied ertönte, Antigone, Ismene, so gebeugt, Wie einst, da sie um den Verlobten stöhnte. Auch jene, die das Kind, das sie gesäugt, Rückkehrend von Langia, tot gefunden, Und Daphne, von Tiresias erzeugt." Die Dichter schwiegen beide jetzt und stunden, Vom Steigen frei und von der Felsenwand, Und sahn umher, das Weitre zu erkunden. Die fünfte Dienerin des Tages stand Am Wagen schon, um seinen Lauf zu leiten, Der Deichsel Flammenspitz emporgewandt. "Wir kehren, denk ich, unsre rechten Seiten", Begann mein Herr, "zum freien Rande hin, Um, wie wir pflegen, um den Berg zu schreiten." So ward Gewohnheit unsre Führerin; Auch Statius winkte Beifall dem Genossen, Drum gingen wir mit sorgenfreiem Sinn, Sie mir voraus, ich einsam, unverdrossen, Ging hinterdrein, den Reden horchend, fort, Die meinem Geist der Dichtung Tief erschlossen. Doch machte bald der Dichter süßes Wort Ein Baum mit würzig duftgen Äpfeln schweigen. Inmitten unsers Weges stand er dort; Und wie die Tann aufwärts, von Zweig zu Zweigen Sich enger abstuft, so von Sproß zu Sproß Er niederwärts, erschwerend das Ersteigen. Auf jener Seite, wo der Weg sich schloß, Fiel klares Naß vom hohen Felsensaume, Das auf die Blätter sprühend sich ergoß. Da nahte sich das Dichterpaar dem Baume, Aus dessen Zweigen eine Stimm erscholl: "Die Speise hier wird teuer eurem Gaume." "Der Hochzeit nur, um ganz und ehrenvoll Sie auszurichten, galt Marias Sinnen, Nicht ihrem Mund, der für euch sprechen soll. Nur Wasser tranken einst die Römerinnen; Nicht Königskost hat Daniel gewollt, Um reichen Schatz der Weisheit zu gewinnen. Die Urzeit war so schön wie lautres Gold, Als Eichen noch dem Hunger leckre Speisen Und Nektar jeder Bach dem Durst gezollt. Heuschrecken hat und Honig einst zu speisen Der Täufer in der Wüste nicht verschmäht, Und hoch und herrlich ist er drob zu preisen, Wies offenbart im Evangelium steht."
Dreiundzwanzigster Gesang
Indes ins Laubwerk meine Blicke drangen, So scharf und spähend, wie sie einer spannt, Der seine Zeit verliert mit Vogelfangen, Rief er, der mehr als Vatersorg empfand: "Sohn, komm. Die Zeit, die uns verliehn zum Reisen, Sei eingeteilt und nützlicher verwandt." Schnell wandt ich Blick und Schritt zu beiden Weisen, Die also sprachen, daß zum leichten Gang Die Mühe ward, den Felsen zu umkreisen. Sieh, da erklangen Klagen und Gesang: "Herr, meine Lippen," klangs mit einem Stöhnen, Das mich zugleich mit Lust und Leid durchdrang. "Mein süßer Vater, welche Stimmen tönen?" Ich riefs, und er drauf: "Schatten sinds, die nun Für einst versäumte Pflicht den Herrn versöhnen." Wie unterweges eilge Wandrer tun, Die Leut einholen, welche sie nicht kennen, Und sich zwar umsehn, doch nicht stehn und ruhn; So kam jetzt hinter uns in schnellerm Rennen Ein frommer Haufe, lief vorbei und schaut Uns staunend an, um schweigend fortzurennen. Die Augen tief und hohl und nachtumgraut, Erschienen sie, die Hagern, die Erblaßten, Die Knochen alle sichtbar durch die Haut. So mager, glaub ich, war nach langem Fasten, So ausgetrocknet nicht Erisichthon, Als nun sein eignes Fleisch die Zähn erfaßten. Sie gleichen jenen, dacht ich, da sie flohn, Die einst Jerusalem verloren haben, Wo selbst die Mutter fraß den eignen Sohn. Tief war das Aug in seinem Rund vergraben, Das einem Ringe sonder Gemme glich, Und Nas und rings die Knochen scharf erhaben. Daß eines Apfels Duft so jämmerlich Zurichten könn und Duft von einer Quelle, Begier erzeugend, wer wohl dächt es sich? Schon staunt ich, wie der Hunger sie entstelle, Indem ich noch die Ursach nicht verstund, Von ihrem magern Leib und traurgem Felle. Da sah ich, wie aus seines Hauptes Grund Ein Geist auf mich die Augen forschend richte, Der ausrief: Welche Gnade wird mir kund? Nie hätt ich ihn erkannt am Angesichte, Doch durch die Stimme ward mir offenbart, Wie Hunger Ansehn und Gestalt vernichte. Und dieser Funke machte völlig klar Mir die Erinnrung, daß ich sein gedachte, Und sah, daß dies Foreses Antlitz war. Und er begann nun flehend: "Ach, verachte Die dürre Haut nicht, noch mein blaß Gesicht, Ob auch die Schuld um alles Fleisch mich brachte. Gib wahrhaft mir von deinem Los Bericht, Und von den zwein, die bei dir sind—ich flehe!— Verweigre mir erwünschte Kunde nicht." "Dein Angesicht, bei dem mit tiefem Wehe," Begann ich, "als ichs tot sah, ich geklagt, Betrübt mich mehr, da ichs so hager sehe. Drum sprich, bei Gott, was so dein Laub zernagt. Nicht wolle, daß ich, weil ich staun, erzähle, Denn übel spricht, wen selbst die Neugier plagt."— "Vom ewgen Rat", so sprach Foreses Seele, "Sinkt eine Kraft, die Bach und Baum durchdringt, Durch die ich hier mich abgemagert quäle. Sie ists, die jeden, der hier weinend singt, Zur Heiligkeit vom wüsten Schwelgerleben Durch Hunger und durch Durst zurückebringt. Der Duft, den jene Früchte von sich geben, Der Quell auch, der sie netzt, entflammt der Brust Nach Speis und Trank ein nie gestilltes Streben. Sooft im Kreis wir dorthin ziehn gemußt, Wird immer diese Pein in uns erneuert. Ich sage Pein und sollte sagen: Lust, Weil nach dem Baum uns jener Drang befeuert, Der Christum froh dahin zum Kreuz gebracht, Wo unsrer Schmach sein teures Blut gesteuert." Drauf ich: "Forese, seit du jene Nacht Vertauscht mit diesem bessern Leben, zählte Man nur fünf Jahr, die kaum den Lauf vollbracht. Wenn dir die Kraft zu sündgen eher fehlte, Als du durchdrungen warst von gutem Leid, Das stets die Seele neu mit Gott vermählte, Wie stiegst du in so kurzer Frist so weit? Dort unten dich zu finden mußt ich meinen, Wo man verlorne Zeit ersetzt durch Zeit." Und er: "Zum süßen Wermutstrank der Peinen Hat mich befördert meiner Nella Fleiß In frommem Flehn und ihr unendlich Weinen. Denn ihr Gebet, ihr Stöhnen fromm und heiß, Hat mich der Küste, wo man harrt, entzogen Und mich befreit aus jedem andern Kreis. Ihr. die ich so geliebt, ist Gott gewogen, Weil sie, der nur der Tugend Reiz gefällt, Sich ganz vom Pfad der andern abgezogen. Der Sarden rohes Bergesland enthält Mehr Scham und Sitte noch in feinen Frauen Als das, wo ich sie ließ in jener Welt. O süßer Bruder, soll ich dirs vertrauen? Ich glaube schon die Zukunft, der das Heut Nicht alt erscheinen wird, vor mir zu schauen, Wo man den frechen Fraun, die ungescheut Den Busen mit den Brüsten offenbaren, Dies von der Kanzel in Florenz verbeut. Wann mußten Fraun von Türken und Barbaren, Um mit bedeckter Brust einherzugehn, Von Staat und Kirche Rügen erst erfahren? Doch könnten nur die Unverschämten sehn, Was ihnen schon der Himmel vorbereitet, Sie wurden heulend, offnen Mundes, stehn. Sie jammern, wenn kein Wahn mich hier verleitet, Eh auf des Wange, der jetzt eingelullt Von Eipopeia wird, sich Flaum verbreitet. Jetzt sprich von dir und zahle mir die Schuld. Sieh alle, die dorthin die Augen lenken, Wo du die Sonne deckst, voll Ungeduld." Und ich versetzt ihm: "Willst du des gedenken, Was du mit mir einst warst, und ich mit dir, So wird noch jetzt dich die Erinnrung kränken. Vor kurzem hat von dort er, der vor mir Als Führer geht, mich mit sich fortgenommen, Als rund euch schien der Bruder dieser hier." —Die Sonne zeigt ich—"Mir zum Heil und Frommen Bin ich durch wahren Todes tiefe Nacht Mit ihm in diesem wahren Fleisch gekommen. Er hat im Kreislauf mich emporgebracht Zu diesem Berg, wo die sich grad erheben, Die einst das Erdenleben krumm gemacht. Er wird mir sein Geleit so lange geben, Bis ich gelangt zu Beatricen bin; Ohn ihn dann muß ich weiter aufwärts streben. Es ist Virgil"—hier zeigt ich nach ihm hin— "Sieh auch den andern und erkenne diesen Als den, ob des der Berg gebebt vorhin, Da euer Reich ihn von sich weggewiesen."
Vierundzwanzigster Gesang
Nicht hemmt uns Gehn im Reden, Red im Gehn; Der Lauf ging beim Gespräch so rasch vonstatten, Wie eines Schiffs bei guten Windes Wehn. Und die, wies schien, zweimal gestorbnen Schatten, Sie sogen Staunen durch die Augen ein, Da sie bemerkt mein irdisch Leben hatten. "Wohl eilger", sprach ich weiter, "würd er sein, Zum Platz zu ziehn, der dort ihm angewiesen, War er nicht aufgehalten von uns zwein. Doch sprich, wo ist Piccarda? Wer von diesen, Von welchen jeder Blick jetzt auf mir ruht, Ward durch den Ruf im Leben einst gepriesen?" "Sie, meine Schwester, einst so schön als gut, Trägt dort, wo wir das ewge Licht erkennen, Die Krone des Triumphs mit heiterm Mut." Sprachs, und darauf: "Hier darf man alle nennen, Denn, vom heilsamen Fasten abgezehrt, Würd einer sonst den andern nimmer kennen. Sieh dort"—er sprachs, den Finger hingekehrt— "Den Buonagiunta; sieh dort den Erblaßten, Vom Hunger mehr als jeden sonst, verheert, Des Arme dort die heilge Kirch umfaßten. Er war von Tours und büßt hier manchen Schmaus Von weinersäuften Aal mit schwerem Fasten." Noch wählt er manchen von der Schar heraus Und nannt ihn mir, was jeden sehr erfreute, Und keiner sah drum trüb und finster aus. Ich Sah den Bonifaz, der viel Leute Mit Pfründenfett geatzt; den Ubaldin, Der an den Zähnen selbst vor Hunger käute; Sah den Marchese, den, trotz allem Ziehn Aus seinem Krug, der Durst nur ärger brannte, Und dem der Mund beständig trocken schien. Doch wie, wer viel sah, eins nur wählt. So wandte Ich mein Gesicht nun zu dem Buonagiunt, Der, wie es schien, mich dort am besten kannte. Er murmelt in sich, und von seinem Mund, An dem sich hier der Schlemmer Sünden rächen, Ward etwas wie das Wort Gentucca kund. Ich sprach: "Der du das Schweigen abzubrechen So lüstern scheinst, sprich so, daß mans versteht, Und dich und mich befriedige dein Sprechen." Drauf er: "Ein Weib, das noch entschleiert geht, Gibt dir dereinst an meiner Stadt Behagen, So sehr man diese Stadt auch immer schmäht. Du wirst dorthin die Rede mit dir tragen, Und trog mein Murmeln dich, in kurzer Zeit Wird dir die Wirklichkeit er klarer sagen. Doch sprich, erblick ich den in meinem Leid, Der jene neuen Weisen fand, beginnend: Ihr Fraun, die ihr der Liebe kundig seid." Drauf ich: "Dem Hauch der Liebe lausch ich sinnend; Was sie mir immer vorspricht, nehm ich wahr Und schreib es nach, nichts aus mir selbst ersinnend." "Die Schlinge, Bruder," sprach er, "seh ich klar, Die von dem neuen süßen Stil gehalten Mich diesseits hat, Guitton und den Notar. Ich seh, ihr lasset nur die Liebe walten, Und eure Feder folgt, wie sie gebeut, Wir aber ließen sie nicht also schalten. Wer, Beifall suchend, keck sie überbeut, Gibt Schwulst, statt des, was euch Natur verliehen." Er schwieg und schien befriedigt und erfreut. Wie Vögel, die zum Nil im Winter ziehen, Sich oft versammeln in gedrängtem Hauf Und schneller dann in Streifen weiterfliehen; So machten alle dort sich wieder auf, Die, abgewandt, sich eilig fort begaben, Durch Magerkeit und Willen leicht zum Lauf. Und gleich wie einer, atemlos vom Traben, Die andern läßt, um ganz gemach zu gehn, Bis ausgeschnauft die heißen Laugen haben, So war es mit Forese jetzt geschehn; Er, hinter mir, ließ ziehn die heilge Herde Und sprach: "Wann werd ich wohl dich wiedersehn?" "Nicht weiß ich es. Doch glaub ich, daß der Erde", Versetzt ich, "nicht so schnell mein Geist entfleugt, Als ich nach diesem Strand mich sehnen werde. Denn seh ich dort den Ort, der mich erzeugt, Tagtäglich mehr vom Guten sich entblößen Und jämmerlich bereits zum Sturz gebeugt!" Und er: "Jetzt geh, den Stifter alles Bösen Seh ich am Schweif des Pferds geschleppt zum Ort, Von welchem Reu und Tränen nie erlösen. Stets schneller geht der Lauf des Tieres fort, Und endlich läßts den Leib des Jammervollen Zerstampft, entstellt, ein widrig Scheusal, dort. Nicht lange werden diese Kreise rollen" —Zum Himmel blickt er auf—"und klar wird dir, Was dämmernd nur mein Wort dir zeigen sollen. Du bleibe jetzt; die Zeit ist teuer hier, Und daß ich gleichen Schritts mit dir gegangen, Dies kostet mich bereits zuviel von ihr." Wie einer, wenn die Reiter vorwärts drangen, Hervorsprengt aus der Reih, in der er ritt, Den Ruhm des ersten Angriffs zu erlangen, So trennt er sich von uns mit größerm Schritt, Indes ich hinter ihm mit meinem Horte Und mit dem andern Meister weiterschritt. Schon war er vor uns an so fernem Orte, Daß ihm mein Blick dahin durch weiten Raum, Wie die Erinnrung folgte seinem Worte; Als wir voll Obstes einen andern Baum Mit üppigem Gezweig nicht fern entdeckten, Da wir uns bogen um des Kreises Saum. Und Leute, die hinauf die Hände streckten, Schrien auf zum Laub, das in die Lüfte steigt, Den Kindlein gleich, den gierigen, geneckten, Die bitten, während der Gebetne schweigt, Und, um zu schärfen die Begier, ihr Sehnen Hoch hinhält und es frei und offen zeigt. Dann gingen sie, geheilt vom eitlen Wähnen; Wir aber schritten zu dem Baum heran, Der alle Bitten abweist, alle Tränen. "Vorüber schreitet, denn ihr dürft nicht nahn! Der Baum, der Even reizt, ist weiter oben. Von ihm hat dieser seinen Keim empfahn." So sprach, ich weiß nicht wer, vom Baume droben, Weshalb Virgil mit Statius, engverschränkt, Und mir hinging, wo sich die Felsen hoben. "An die verfluchten Wolkensöhne denkt," Sprachs, "die dem Theseus mit den Doppelbrüsten Im Kampf getrotzt, von zuviel Wein getränkt. An die Hebräer denkt und ihr Gelüsten, Und denkt, weshalb verschmäht hat Gideon, Mit ihnen gegen Midian sich zu rüsten." So gingen wir, dem Felsen nah, davon, Und hörten aus des Laubs geheimer Regung Des Gaumens Schuld und ihren schlechten Lohn. Dann aber gings mit freierer Bewegung Auf breitem Pfad an laufend Schritte fort, Und jeder schwieg in sinniger Erwägung. "Was geht ihr drei so ernst erwägend dort?" Riefs plötzlich nun, ich aber fuhr zusammen, Gleich einem scheuen Roß, bei diesem Wort. Mein Haupt kehrt ich dorthin, woher zu stammen Die Rede schien, und sah in rotem Schein Glas und Metall nie so im Ofen flammen, Wie einen hier, der sprach: "Hier geht ihr ein, Wollt ihr empor zur freien Höhe kommen, Und im Genuß des ewgen Friedens sein." Mir hatte das Gesicht sein Glanz benommen, Drum wandt ich mich zu meinen Führern hin, Wie wer dem folgt, was er durchs Ohr vernommen. Und wie des Morgenrots Verkünderin, Die, Düfte raubend, in den Blüten wühlte, Die Mailuft, weht, die süße Schmeichlerin, So fühlt ich an der Stirn ein Wehn, so fühlte Ich ein Gefieder, sanft bewegt, das mir Das Antlitz mit Ambrosiadüften kühlte. Und dann erklang dies Wort: "O selig ihr, Die ihr die Gnad empfingt, daß unverdüstert Des Geistes Licht euch bleibt von der Begier, Indem euch nur, wies ziemt, nach Speise lüstert."
Fünfundzwanzigster Gesang
Die Stund erheischte rasches Steigen schon, Nachdem die Sonne hier den Mittagsbogen Dem Stier geräumt, dort Nacht dem Skorpion. Drum, wie ein Mann, der, von nichts angezogen, Was sich auch zeige, seines Weges zieht Vom Drang der Not zu größter Eil bewogen, So drangen wir ins höhere Gebiet Durch eine Stiege, die uns so beschränkte, Daß uns die Enge voneinander schied. Und wie ein Störchlein, das die Flügel schwenkte, Aus Luft zum Flug, dann aber, sonder Mut, Vom Neste fortzuziehn, sie wieder senkte, So ich, bald lodernd, bald verlöscht die Glut Der Fragelust, das Antlitz also zeigend, Wie der, der sich zum Sprechen anschickt, tut. Da sprach mein Herr, obwohl voll Eifer steigend: "Laß nicht der Rede Pfeil unabgeschnellt, Die Sehne nur bis hin zum Drücker beugend." Worauf ich, sicher durch dies Wort gestellt, Den Mund erschloß: "Wie wird man hier so mager, Hier, wo kein Leib ist, welchen Speis erhält?" Drauf er: "Gedächtest du an Meleager, Der eben, wie verzehrt ein Holzbrand ward, Sich abgezehrt, du wärst kein solcher Frager. Und dächtest du, wie gleich an Mien und Art Sich euer Antlitz regt in Spiegelbildern, Dann schiene lind und weich dir, was jetzt hart. Allein um alles dir nach Wunsch zu schildern, Sieh hier den Statius, welcher dir verspricht, Weil ich ihn bitte, deinen Durst zu mildern." "Entwickl ich ihm das göttliche Gericht," Sprach Statius drauf, "hier, wo du gegenwärtig, So seis verziehn—du willst, drum weigr ich nicht." Und dann: "Jetzt sei dein Geist bereit und fertig Für meine Rede, Sohn—dann sei des Wie? Das du erfragst, in vollem Licht gewärtig. Das reinste Blut, das von den Adern nie Getrunken wird, vergleichbar einer Speise, Die über den Bedarf Natur verlieh, Empfängt im Herzen wunderbarerweise Die Bildungskraft für menschliche Gestalt, Geht dann mit dieser durch der Adern Kreise, Noch mehr verkocht, zu einem Aufenthalt, Den man nicht nennt, von wos zu anderm Blute In ein natürlich Becken überwallt. Daß beides zum Gebild zusammenflute, Ist leidend dies, und tätig das, vom Ort, In dem die hohe Bildungskraft beruhte. Drin angelangt, beginnts sein Wirken dort; Geronnen erst, erzeugt es junges Leben Und schreitet in des Stoffs Verdichtung fort. Die Seel entsteht aus tätger Kräfte Streben, Wie die der Pflanze, die schon stillesteht, Wenn jene kaum beginnt, sich zu erheben. Bewegung zeigt sich dann, Gefühl entsteht, Wie in dem Schwamm des Meers, und zu entfalten Beginnt die tätge Kraft, was sie gesät. Nun beugt, nun dehnt die Frucht sich aus, beim Walten Der Kraft des Zeugenden, die, nie verwirrt Von fremdem Trieb, nur ist, um zu gestalten. Doch, Sohn, wie nun das Tier zum Menschen wird, Noch siehst dus nicht, und dies ist eine Lehre, Worin ein Weiserer als du geirrt. Er war der Meinung, von der Seele wäre Gesondert die Vernunft, weil kein Organ Die Äußerung der letztern uns erkläre. Jetzt sei dein Herz der Wahrheit aufgetan, Damit dein Geist, was folgen wird, bemerke! Wenn Bildung das Gehirn der Frucht empfahn, Kehrt, froh ob der Natur kunstvollem Werke, Zu ihr der Schöpfer sich und haucht den Geist, Den neuen Geist ihr ein, von solcher Stärke, Daß er, was tätig dort ist, an sich reißt, Und mit ihm sich vereint zu einer Seele, Die lebt und fühlt und in sich wogt und kreist. Und, daß dirs nicht an hellerm Lichte fehle, So denke nur, wie sich zum edlen Wein Die Sonnenglut dem Rebensaft vermalte. Gebricht es dann der Lachesis an Lein, Dann trägt sie mit sich aus des Leibes Hülle Des Menschlichen und Göttlichen Verein; Die andern Kräfte sämtlich stumm und stille, Doch schärfer als vorher in Macht und Tat, Erinnerung, Verstandeskraft und Wille. Und ohne Säumen fällt sie am Gestad, An dem, an jenem, wunderbarlich nieder, Und hier erkennt sie erst den weitern Pfad. Kaum ist sie nun auf sicherm Orte wieder, Da strahlt die Bildungskraft rings um sie her, So hell wie einst beim Leben ihrer Glieder. Und wie die Luft, vom Regen feucht und Schwer. Sich glänzend schmückt mit buntem Farbenbogen Im Widerglanz vom Sonnenfeuermeer; So jetzt die Lüfte, so die Seel umwogen, Worein die Bildungskraft ein Bildnis prägt, Sobald die Seel an jenen Strand gezogen. Und gleich der Flamme, die sich nachbewegt, Wo irgendhin des Feuers Pfade gehen, So folgt die Form, wohin der Geist sie trägt. Sieh daher die Erscheinung dann entstehen, Die Schatten heißt; so bildet sich in ihr Jedwed Gefühl, das Hören und das Sehen. Und daher sprechen, daher lachen wir, Und daher weinen wir die bittern Zähren Und seufzen laut auf unserm Berge hier. Der Schatten bildet sich, je wie Begehren Und Leidenschaft uns reizt und Lust und Gram. Dies mag dir, was du angestaunt, erklären." Und schon als ich zur letzten Marter kam, Indem wir, rechts gewandt, die Schlucht verließen, Ward ich auf das, was dort war, aufmerksam. Den Felsen sah ich Flammen vorwärts schießen, Der Vorsprung aber haucht empor zur Wand Windstöße, die zurück die Flammen stießen. Wir mußten einzeln gehn am freien Rand, Und ängstlich hört ich hier die Flamme schwirren, Indes sich dort ein tiefer Abgrund fand. Mein Führer sprach: "Hier laß dich nichts verwirren Und halte straff der schnellen Augen Zaum, Denn leicht ists hier, mit einem Tritt zu irren." Gott höchster Gnade! hört ichs aus dem Raum, Den jene große Glut erfüllte, singen Und hielt den Blick an meinem Wege kaum. Ich sah dort Geister, die durchs Feuer gingen, Und sah auf meinen bald, bald ihren Gang Und ließ den Blick von hier nach dorten springen. Ich weiß von keinem Mann—dies Wort erklang Mit lautem Ruf, als jenes Lied verklungen, Und neu begannen sies mit leisem Sang, Und riefen wieder, als sies ausgesungen: "Diana blieb im Hain und jagt ergrimmt Kalisto fort, die Venus Gift durchdrungen." Dann ward die Hymne wieder angestimmt, Dann riefen sie von keuschen Fraun und Gatten, Die lebten, wies zu Eh und Tugend stimmt. Und dies nur tun sie, ohne zu ermatten, Wies scheint, solang die Flamme sie umfließt, Bis solche Pfleg und Arzenei den Schatten Zuletzt die Wund auf ewig wieder schließt.
Sechsundzwanzigster Gesang
Indem wir, einer so dem andern nach, Am Rand hingingen, sprach mein treu Geleite: "Gib acht und nütze, was ich warnend sprach." Die Sonne schlug auf meine rechte Seite Und übergoß, ein blendend Strahlenmeer, Mit lichtem Weiß des Westens blaue Weite. In meinem Schatten schien die Glut noch mehr Hochrot zu glühn, drum sahn bei solchem Zeichen Der Schatten viel im Gehen nach mir her. Und dieses schien zum Anlaß zu gereichen, Daß über mich sich ein Gespräch erhob: " Der scheinet einem Scheinleib nicht zu gleichen." Soviel sie konnten, richteten sie drob Sich zu mir hin, doch immer wohl beachtend, Daß nie ihr Fuß der Flamme sich enthob. "Du, der du wohl, sie ehrerbietig achtend, Und nicht aus Trägheit nachgehst diesen zwein, Oh, sieh mich hier in Durst und Feuer schmachtend Und sprich, uns allen Labung zu verleihn; Denn wie wir jetzt nach deinem Wort verlangen, Kann durstger nach dem Quell kein Libyer sein. Wie machst dus doch, die Strahlen aufzufangen, Gleich einer Wand, als wärest du dem Tod Bis jetzt noch nicht, wie wir, ins Netz gegangen." So rief der ein in seiner Flammennot, Und eben wollt ich alles ihm verkünden, Als meinem Blick sich etwas Neues bot. Denn auf dem Weg, den Flammen rings entzünden, Entgegen jenen, kam ein zweiter Hauf, Drum späht ich hin, das Weitre zu ergründen. Und die und jene machten schnell sich auf Und küßten sich mit kurzer Lust und waren Zufrieden schon und flohn im vollen Lauf. So sieht man im Gewühl der braunen Scharen Sich Äms und Ämse mit den Rüsseln nahn, Vielleicht: Wies geht? Wes Weges? zu erfahren, Sobald der Gruß der Freundschaft abgetan, Hob, eh sie weiterzog, nach kurzer Weile Die Schar wetteifernd laut zu schreien an. "Sodom! Gomorra!" klangs von diesem Teile; Von dort: "Pasiphae kroch in die Kuh, Und also lockt an sich den Stier die Geile." Wie Kranichscharen teils nach kurzer Ruh Gen Libyen fliegen, scheu vor Frost und Eise, Teils scheu vor Hitze den Riphäen zu, So ziehn die hier-, die dortenhin im Kreise Und singen dann ihr Lied mit Reu und Gram Und schrein von ihrer Schuld nach alter Weise. Doch jener, der vorhin mir näher kam Und bat, blieb wieder mit den andern stehen, Dem Ansehn nach herhorchend, aufmerksam. Ich, der ich zweimal ihren Wunsch ersehen, Begann: "O ihr, die Hoffnung aufrechthält, Seis, wann es sei, zum Frieden einzugehen, Nicht reif noch unreif ließ ich auf der Welt Den Leib zurück und hob auf diesen Wegen Mit Fleisch und Bein und Blut mich eingestellt. Ich stieg empor, die Blindheit abzulegen, Und geh—ein Himmelsweib erfleht es mir— Mit dem, was sterblich ist, dem Licht entgegen. Doch wie sich euch erfüllen mag, was ihr So heiß ersehnt: zum Himmel euch zu Schwingen, Dem lieberfüllten räumigen Revier; So sprecht, ich wills zu aller Kunde bringen: Wer seid dort ihr, um die die Flamme schwirrt, Und wer sind die, die euch entgegengingen?" So stutzt, erstaunt, verblüfft, der Bergeshirt, Dem beim Umherschaun selbst die Worte fehlen, Wenn, roh und wild, er sich zur Stadt verirrt, Wie sie—ihr Ansehn könnt es nicht verhehlen— Allein sobald ihr trübes Staunen schwand, Das bald sich abklärt in erhabnen Seelen, "Heil dir, des Fuß den Weg in unser Land," Sprach er, den ich aus frührer Frage kannte, "Des Geist zur Besserung Erfahrung fand! Vernimm, daß jene Schar im Trieb entbrannte, Ob des man Cäsarn, so, daß ers gehört, Einst beim Triumphe Königin benannte, Drum schrien sie: Sodom!—was sie einst betört, Voll Reue tadelnd, wie du jetzt vernommen; So wird der Brand durch Scham noch aufgestört. Im Zwittertriebe waren wir entglommen, Doch weil wir menschliches Gesetz verlacht, Von tierischen Gelüsten eingenommen. Drum rufen wir, auf eigne Schmach bedacht, Des Weibes Namen aus, wenn wir uns trennen, Das sich im Viehgebild zum Vieh gemacht. Nun hortest du mich unsre Schuld bekennen, Doch unsre Namen kundzutun verbeut Die Zeit; auch wüßt ich alle nicht zu nennen. Wer ich bin, höre, wenn es dich erfreut. Guid Guinicell, zur Läutrung zugelassen, Weil ich vor meinem Tod die Schuld bereut."— Wie hergestürzt, die Mutter zu umfassen, Die Söhne, da sein Schwert Lykurgus schwang, So wollt ich tun, doch mußt ich mehr mich fassen, Als meines Vaters Name mir erklang, Des Vaters manches, der vom süßen Minnen Besser als ich in holden Weisen sang. Ich ging und sah ihn an in tiefem Sinnen Und sagte nichts und hörte keinen Laut, Auch ließ die Glut nicht weiter mich nach innen. Doch als ich satt mich dann an ihm geschaut, Erbot ich mich, in allem ihm zu dienen, In solcher Art, der gern der andre traut. Und er: "Wie du so freundlich mir erschienen. Tilgt deine Spur in mir nicht Leibes Flut, Und ewig wirst du meinen Dank verdienen. Doch meinst dus wirklich denn mit mir so gut, So sprich, warum? Sprich, weshalb eben wieder So liebevoll auf mir dein Auge ruht?" Und ich darauf: "Ob deiner süßen Lieder, Die teuer sind den Herzen fort und fort, Sinkt nicht der neuern Sprache ganz danieder." "Ach, Bruder," sprach er, und bei diesem Wort Zeigt er mit seinem Finger hin auf einen, "Der Sprache bessrer Schmied war jener dort, Der in Romanz und Liebesliedern keinen Unüberwunden ließ; und Toren sind, Die ihn von Giraut übertroffen meinen. Nicht nach der Wahrheit—nach des Rufes Wind Gerichtet werden Meinung und Gesichter; So läßt Vernunft und Kunst sie taub und blind. So machtens mit Guitton viel alte Richter, Des Lob so viele schrien, weil andre schrien, Bis Wahrheit ihn besiegt und andre Dichter. Jetzt, wenn so weites Vorrecht dir verliehn, Daß dirs erlaubt ist, zu dem Kloster droben, Wo Christus selber Abt ist, hinzuziehn, So bet ein Paternoster doch dort oben Bei ihm für mich, soweits in dieser Welt Noch not für uns, die wir der Sünd enthoben." Drauf schwand er, jenem, der sich nah gestellt, Vielleicht Platz machend, in der Flammen Röte, Wie in der Flut ein Fisch, der niederschnellt. Und dem Gewiesnen naht ich mich und flehte Ihn inniglich um seinen Namen an, Dem schon Willkommen! meine Sehnsucht böte. Worauf er gleich mit frohem Mut begann: "Die edle Frage weißt du zu verschönen, Daß ich mich bergen weder will noch kann. Ich bin Arnald und geh in Schmerz und Stöhnen, Den Wahn erkennend der Vergangenheit, Und singe, hoffend, dann in Jubeltönen. Jetzt bitt ich dich, hast du die Herrlichkeit Auf dieses Berges Gipfel aufgefunden, Dann denke meines Leids zur rechten Zeit." Hier war er in der Läutrungsglut verschwunden.
Siebenundzwanzigster Gesang
Wie wenn der erste Strahl vom jungen Tage Im Lande glänzt, benetzt von Gottes Blut, Wenn Ebro hinfließt unter hoher Wage. Und Mittagshitz erwärmt des Ganges Flut, So stand die Sonn itzt, drob der Tag entflohe, Als uns ein Engel glänzt in heitrer Glut. Er sang am Felsrand, außerhalb der Lohe: "Beglückt, die reines Herzens sind!"—und mehr Als menschlich war sein Ton, der mächtge, frohe. Drauf: "Weiter nicht, ihr Heilgen, bis vorher Die Glut euch nagte! Tretet in die Flammen, Und seid nicht taub dem Sang von dortenher!" Dies Wort ertönte jetzt, da wir zusammen Uns ihm genaht, so schrecklich in mein Ohr, Als hört ich mich zum schwersten Tod verdammen. Ich sank auf die gefaltnen Hände vor, Ins Feuer schauend—wen ich brennen sehen, Des Bild stieg jetzt vor meinem Geist empor. Die Führer nahten sich, mir beizustehen, Und tröstend sprach zu mir Virgil: "Mein Sohn, Du kannst zur Qual hier, nicht zum Tode gehen. Gedenk, gedenke—konnt ich früher schon Dich sicher auf Geryons Rücken führen Wie jetzt, viel näher hier bei Gottes Thron? War auch die Glut noch loher anzuschüren, Und stündest du auch tausend Jahre drin, Doch dürfte sie dir nicht ein Haar berühren. Glaubst du, daß ich nicht treu der Wahrheit bin, So nahe dich und halt, um selbst zu schauen, Des Kleides Saum mit deinen Händen hin. Leg ab, mein Sohn, leg ab hier jedes Grauen, Dorthin sei sicher jetzt dein Fuß gewandt!" Doch säumt ich, wider besseres Vertrauen. Er, sehend, daß ich starr und stille stand, Sprach, fast unwillig: "Wie, Sohn, noch verdrossen? Von Beatricen trennt dich diese Wand!" Wie sterbend Ppyramus den Blick erschlossen, Das: Thisbe! klang, gekehrt zum teuren Bild, Als blutges Rot die Maulbeer übergossen; So kehrt ich, nicht mehr hart, nein, sanft und mild, Zum Führer mich, sobald der Nam erschollen, Der ewig frisch in meinem Herzen quillt. Drob schüttelt er das Haupt und sagte: "Sollen Wir diesseits bleiben?" lächelnd, denn ich tat Wie Knaben, die, besiegt vom Apfel, wollen. Drauf trat er vor mir in die Flamm und bat Den Statius, uns folgend, nachzukommen, Der uns vorher getrennt den langen Pfad. Ich folgt und hätt, um Kühlung zu bekommen, Mich in geschmolznes Glas gestürzt. So war Im höchsten Übermaß die Flamm entglommen. Doch bot mir Trost mein süßer Vater dar, Sprechend von ihr, und half mir weiter dringen, Und sprach: "Ich seh im Geist ihr Augenpaar!" Wir hörten jenseits eine Stimme singen, Und dieser folgten wir, ihr horchend, nach, Indem wir, wo man stieg, der Flamm entgingen. "Gesegnete des Vaters, kommt!" so sprach Die Stimm aus einem Licht, dort aufgegangen, Bei dessen Anschaun mir das Auge brach. "Die Sonne geht, der Abend kommt"—so klangen Die Töne fort—"nicht weilt, beeilt den Lauf, Bevor den Westen dunkles Grau umfangen." Grad durch den Felsen ging der Weg hinauf, Und, ostwärts steigend, hielt vor meinen Tritten Ich die schon matten Sonnenstrahlen auf. Und als wir wenig Stufen aufgeschritten, Bemerkten wir am Schatten, der verging, Sol, uns im Rücken, sei ins Meer geglitten. Eh gleiches Grau den Horizont umfing In allen seinen unermeßnen Teilen, Eh Nacht um alles ihren Schleier hing, Da mußt auf einer Stufe jeder weilen, Die uns zum Bett ward, denn die Zeit benahm Die Macht mehr, als die Lust, empor zu eilen. Gleichwie die Ziegenherde, satt und zahm, Im Schatten wiederkäut in stillem Brüten, Die, hungrig, jähen Sprungs zur Höhe kam, Wenn nun im Mittagsbrand die Luft entglühten, Indes der Hirt den Stab zur Stütze macht, Und dorten steht, gestützt, um sie zu hüten; Und wie ein Hirt im freien Feld bei Nacht, Damit kein wildes Tier der Herde schade, Und sie zerstreu, entlang der Hürde wacht; So jetzt wir drei auf engem Bergespfade, Der Zieg ich gleich, den Hirten jenes Paar, Umschlossen hier und dort vom Felsgestade. Ob wenig gleich zu sehn nach außen war, Doch sah ich durch dies wenige die Sterne Weit mehr, als sonst gewöhnlich, groß und klar. Indes ich staunt in unermeßne Ferne, Befiel mich Schlaf, der öfters uns befällt, Damit der Geist die Zukunft kennen lerne. Zur Stunde, glaub ich, da vom Sternenzelt Cytherens erster Strahl die Höhe schmückte. Wie immerdar, von Liebesglut erhellt, Sah ich im Traum, der mich mir selbst entrückte, Ein schönes junges Weib, das hold bewegt, Durch Wiesen ging und singend Blumen pflückte. "Lea bin ich, dies wisse, wer mich fragt, Ich liebe, Kränze windend, hier zu wallen, Und emsig wird die schöne Hand geregt. Ich will, geschmückt, im Spiegel mir gefallen. Die Schwester Rahel liebt es, stets zu ruhn, Und läßt dem Spiegel keinen Blick entfallen. Und freut sie sich der schönen Augen nun, So bin ich froh, mich mit den Händen schmückend, Denn schaun befriedigt sie, und mich das Tun." Des Tages Vorlicht, um so mehr entzückend, Je mehr des Pilgrims Nachtquartier dem Ort Der Heimat nah ist, scheuchte, höher ruckend, Die Finsternis von allen Seiten fort, Mit ihr den Traum; drum eilt ich, aufzusteigen, Und sah schon aufrecht beide Meister dort. "Die süße Frucht, die auf so vielen Zweigen Voll Eifer sucht der Sterblichen Begier, Bringt alle deine Wünsche heut zum Schweigen!" Mit dieser Rede sprach Virgil zu mir, Und nie empfand bei Erdenherrlichkeiten Ein Mensch noch solche Lust, als ich bei ihr. Hinauf! Mich triebs und triebs, hinauf zu schreiten! So fühlt ich nun mit jedem Schritt zum Flug Die Schwingen wachten und sich freier breiten. Und wie er mich empor die Stufen trug, Stand bald ich auf der höchsten dort mit beiden, Wo fest auf mich Virgil die Augen schlug. "Des zeitlichen und ewgen Feuers Leiden Sahst du, und bist, wo weiterhin nichts mehr Ich durch mich selbst vermag zu unterscheiden. Durch Geist und Kunst geleitet ich dich her; Zum Führer nimm fortan dein Gutbedünken; Dein Pfad ist fürderhin nicht steil und schwer. Sieh dort die Sonn auf deine Stirne blinken, Sieh, durch des Bodens Kraft und ohne Saat Entkeimt, dir Gras, Gesträuch und Blumen winken. Bis sich dir froh ihr schönes Auge naht Das mich zu dir einst rief mit bittern Zähren, Ruh oder wandle hier auf heiterm Pfad. Nicht harre fürder meiner Wink und Lehren, Frei, grad, gesund ist, was du wollen wirst, Und Fehler wär es, deiner Willkür wehren, Drum sei fortan dein Bischof und dein Fürst.
Achtundzwanzigster Gesang
Begierig schon, zu spähn umher und innen Im göttlichen, lebendgen, dichten Wald, Der sanft den Morgen milderte den Sinnen, Verließ ich das Gestad nun alsobald, Um langsam, langsam in das Feld zu treten, Auf einem Grund, dem ringsum Duft entwallt. Von einem Lüftchen, einem sanften, steten, Ward leiser Zug an meiner Stirn erregt, Nicht mehr, als ob mich Frühlingswind umwehten. Er zwang das Laub, zum Zittern leicht bewegt, Sich ganz nach jener Seite hin zu neigen, Wohin der Berg den ersten Schatten schlägt. Doch nicht so heftig wühlt er in den Zweigen, Daß es die Vöglein hindert, im Gesang Aus grünen Höhn all ihre Kunst zu zeigen. Nein, wie der Lüfte Hauch ins Dickicht drang, Frohlockten sie ihr Morgenlied entgegen, Wozu, begleitend. Laubgeflüster klang, So klingts, wenn Zweig um Zweige sich bewegen Im Fichtenwald an Chiassis Meergestad, Sobald sich des Schirokko Schwingen regen. Schon war ich mit langsamem Schritt genaht, Und bald so dicht vom alten Hain umschlossen, Daß nicht zu sehn war, wo ich ihn betrat. Da sieh die Bahn durch einen Bach verschlossen, Der links hin, mit der kleinen Wellen Schlag Die Gräser bog, die seinem Bord entsprossen. Das reinste Wasser hier am klarsten Tag, Trüb scheint es und vermischt mit fremden Dingen, Vergleicht mans dem, wo nichts sich bergen mag, Obwohl, da Schatten ewig es umringen, Es dunkel, dunkel strömt und nie hinein Der Sonne noch des Mondes Strahlen dringen. Es stand mein Fuß; doch jenseits in den Hain Ließ übern Fluß ich meine Blicke schreiten, Und sah dort mannigfache grüne Main. Und mir erschien—so stellt dem Blick zuzeiten Sich unversehn Erstaunenswertes dar, Den Geist von allem andern abzuleiten— Ein einsam wandelnd Weib, das wunderbar Im Gehen sang, aufsammelnd Blüt um Blüte, Womit vor ihr bemalt der Boden war. "O Schöne, die du, zeigt sich das Gemüte, Wies pflegt, im Äußern, mich zu glauben zwingst, Daß an der Liebe Strahl dein Herz entglühte, O käme Lust dir, daß du näher gingst," Ich sprachs zu ihr, den Fuß zum Bache lenkend, "Daß ich verstehen könne, was du singst. Dich seh ich jetzt, Proserpinens gedenkend, Des Orts auch, wo die Mutter sie verlor, Und sie den Lenz, sich in die Nacht versenkend." Und wie die Tänzerin, die kaum empor Die Sohlen hebt, mit engen Schritten gleitend, Ein zartes Füßlein kaum dem andern vor; So sah ich sie, durch bunte Blumen schreitend, Jungfräulich bodenwärts den Blick gewandt, Und Ehrbarkeit und Würde sie begleitend, 5o daß ich bald den Wunsch befriedigt fand, Indem ich, wie sie näher hergezogen, Den Sinn des süßen Liedes wohl verstand. Sobald sie dort war, wo des Flusses Wogen Den grünen Rasen am Gestad besprühn, Erhob sie hold der Wimpern schöne Bogen. Nicht mocht, als Amor, übermäßig kühn, Die Mutter wund mit seinem Pfeile machte, In solcher Lust Cytherens Auge glühn. Am rechten Ufer stand sie dort und lachte, Und pflückte Blumen von der Wiese Saum, Die ohne Saat hervor die Höhe brachte. Das Bächlein trennt uns um drei Schritte kaum, Doch Hellespont, den Xexes überschritten, Noch jetzt dem höchsten Menschenstolz ein Zaum, Hat schärfer nicht Leanders Haß erlitten, Indem er Sestos und Abydos schied, Als meinen er, ein Hemmnis meinen Schritten. "Ihr seid hier neu und weil in dem Gebiet," Begann sie nun, "das an der Menschheit Morgen Zu ihrer Wiege Gott, der Herr, beschied, Ich lächle, staunt ihr noch und seid in Sorgen. Doch zeigt der Psalm: Herr, du erfreutest mich— Euch klar das Licht, das Nebel noch verborgen. Du, der du vorn stehst und mich batest, sprich; Noch scheinst du einem Zweifel nachzuhängen, Drum frage nur, und ich befriedge dich." "Das Wasser," sprach ich, "samt des Waldes Klängen, Sie müssen das, worauf ich kaum getraut, Da sie ihm widersprechen, hart bedrängen." Drum sie: "Vom Grunde des, was du geschaut, Und was gehört, sei Kunde dir beschieden; Sie scheucht den Nebel, welcher dich umgraut. Das höchste Gut, allein in sich zufrieden, Den Menschen schufs zum Guten gut, und wies Dies Land ihm an, als Pfand für ewgen Frieden, Aus welchem bald ihn seine Schuld verstieß, Die Schuld, die süße Spiele mit Beschwerden, Mit Zähren ehrbar Lachen wechseln ließ. Damit, entqualmt dem Wasser und der Erden Die Dünste, die der Hitze nach, so weit Es möglich ist, emporgezogen werden, Ihn nicht befehdeten mit ihrem Streit, Stieg himmelwärts der Berg in solcher Weise, Und ist vom Tor an ganz von Dunst befreit. Nun, weil noch immerfort im ersten Gleise Der Lüfte ganzer Zirkellauf sich dreht, Wenn nichts ihn unterbricht in seinem Kreise, Trifft diesen Gipfel, der frei ragend steht, Die Lebensluft, die, jedes Blatt bewegend, Den dichten Wald mit diesem Klang durchweht. Die Pflanze, sich in ihrem Hauche regend, Beschwängert dann die Luft mit ihrer Kraft, Und diese streut sie aus in jede Gegend. Die Länder, wie ihr Boden wirkt und schafft, Ihr Himmelsstrich und ihre Lage, treiben Dann Bäume von verschiedner Eigenschaft. Nun wird dies fürder nicht ein Wunder bleiben, Wie manche Pflanzen, wo man nicht bestellt, Ja, ohne sichtbarn Samen doch bekleiben. Und wissen sollst du, daß im heilgen Feld, In dem du bist, die Samen alle sprießen, Und Früchte, nie gepflückt in eurer Welt. Den Fluß auch siehst du nicht aus Adern fließen, Genährt vom Dunst, den Kälte niederpreßt, Die bald vertrocknen, bald sich wild ergießen. Ihm ward ein Quell, aus welchem, stät und fest, Die Wässer, die dem Doppelarm entfluten, Die Wille Gottes neu ersetzen läßt. Der Arm hier hat die Kraft, daß in den Fluten Jedweder Schuld Erinnerung versinkt; Der andre dort erneuert die des Guten, Der hier heißt Lethe; aber dorten winkt Dir Eunoe—allein nur jenen letzen Wird seine Kraft, der aus dem erstem trinkt. Kein Wohlgeschmack ist seinem gleich zu schätzen; Und wäre schon genügend, was ich sprach, Vermöcht ich auch nichts weiter zuzusetzen, Doch bring ich gern noch einen Zusatz nach, Und deinen Dank vermein ich zu verdienen, Wenn ich dir mehr erfüll, als ich versprach. Den alten Dichtern, glaub ich, wenn von ihnen Gepriesen ward das Glück der goldnen Zeit, War dieser Ort im Traumgesicht erschienen. Hier sproß die Menschheit ohne Schuld und Leid, Hier jede Frucht in ewgem Frühlingsleben, Hier schmeckst du noch des Nektars Lieblichkeit." Und als sie noch mir solches kundgegeben, Kehrt ich mich um, und sah ein Lächeln hier, Bei diesem Schluß, der Dichter Mund umschweben, Dann aber wandt ich wieder mich zu ihr.
Neunundzwanzigster Gesang
In Sang, nach liebentglühter Frauen Art, ließ sie zuletzt der Rede Schluß verhallen: "Heil, wem bedeckt jedwede Sünde ward." Und gleichwie Nymphen, in der Waldnacht Hallen, Hier vor der Sonne Strahlen fliehend, dort Aufsuchend ihren Schimmer, einsam wallen; Ging sie dem Strom entgegen hin am Bord, Ich, folgend kleinem Schritt mit kleinem Schritte, Ging sie begleitend gegenüber fort. Kaum hundert waren mein und ihrer Tritte, Da bog mit beiden Ufern sich der Bach, Und ostwärts ging ich durch des Waldes Mitte. Nicht lange zog ich dieser Richtung nach, Da sah ich sich zu mir die Schöne wenden: "Mein Bruder, halt itzt Ohr und Auge wach!" Sie sprachs, und gleich durchlief von allen Enden Ein schnell entstandner Glanz den großen Hain; Ich glaubt, es möge mich ein Blitzstrahl blenden, Doch weil, wie kommt, so geht des Blitzes Schein Und dieser Glanz sich dauernd nur vermehrte, So dacht ich still bei mir: Was mag das sein? Und durch die Luft, die helle, lichtverklärte, Zog süßer Laut, und eifrig schalt ich jetzt. Daß Evas Frevelmut zu viel begehrte. Wo Erd und Himmel nicht sich widersetzt, Da fühlt ein Weib sich, kaum der Ripp entsprossen, Vom Schleier, der ihr Aug umzog, verletzt. O hätte sie sich fromm in ihm verschlossen, Hätt ich die überschwänglich große Lust, Wohl früher schon und länger dann genossen. Nachdem ich zweifelnd, meiner kaum bewußt, In diesen Erstlingswonnen fortgegangen, Mit Drang nach größern Freuden in der Brust, Da glüht, als war ein Feuer aufgegangen, Die Luft im Laubgewölb—es scholl ein Ton, Und deutlich hört ich bald, daß Stimmen sangen. Hochheilge Jungfraun, wenn ich öfter schon Frost, Hunger, Wachen treu für euch ertragen, Jetzt treibt der Anlaß mich, jetzt fordr ich Lohn. Laßt auf mich her des Pindus Wellen schlagen, Urania sei meine Helferin, Was schwer zu denken ist, im Lied zu sagen. Ich glaubte sieben Bäume weiterhin Von Gold zu schaun, allein vom Schein betrogen War durch den weiten Zwischenraum mein Sinn. Denn als ich nun so nahe hingezogen, Daß sich vom Umriß, der den Sinn betört, Gestalt und Art durch Ferne nicht entzogen, Da ließ die Kraft, die den Verstand belehrt, Anstatt der Bäume Leuchter mich erkennen, Und deutlich ward Hosiannasang gehört. Und oben sah ich das Geräte brennen, Und heller ward die Flamm als Lunas Licht In Monats Mitt um Mitternacht zu nennen. Zum Führer wandt ich staunend mein Gesicht, Doch nichts vermocht er weiter vorzubringen, Als was ein tief erstauntes Antlitz spricht. Da blickt ich wieder nach den hohen Dingen, Die langsamer als eine junge Braut, Sich stillbewegend, mir entgegengingen. "Was bist du doch", so schalt die Schöne laut, "Für die lebendgen Lichter so entglommen, Daß nicht auf das, was folgt, dein Auge schaut?" Und hinter ihnen sah ich Leute kommen, Wie man dem Führer folgt, weiß ihr Gewand, Weiß, wie man nichts auf Erden wahrgenommen. Das Wasser glänzte mir zur linken Hand, Worin, wenn ich in seinen Spiegel sähe, Ich meine linke Seite wiederfand. Als ich am rechten Platze war, so nahe, Daß nur der Fluß mich schied, hemmt ich den Schritt, Um besser zu erschaun, was dort geschahe. Ich sah, wie jede Flamme vorwärts glitt, Und hinter jeder blieb ein helles Strahlen, Das, Pinselstrichen gleich, die Luft durchschnitt. So sah man sieben Streifen oben strahlen, Sie allesamt in jenen Farben bunt, Die Phöbes Gurt und Phöbus Bogen malen. Nicht ward ihr Ende meinem Auge kund, Doch sah ich, daß an beiden äußern Grenzen Zehn Schritt der erste von dem letzten stund. Und wie ich also sah den Himmel glänzen, Da zogen drunten, zwei an zwei gereiht, Zweimal zwölf Greise her in Lilienkränzen. Und alle sangen: "Sei gebenedeit In Adams Töchtern! Herrlich und gepriesen Sei deine Huld und Schön in Ewigkeit." Und als nun die beblümten frischen Wiesen, Die jenseits das Gestad des Bachs begrenzt, Die Auserwählten nach und nach verließen, Sah ich, wie Stern um Stern am Himmel glänzt, Vier Tiere dort zunächst sich offenbaren, Und jedes ward mit grünem Laub bekränzt Und war versehn mit dreien Flügelpaaren, Mit Augen ihre Federn ganz besetzt, Wie die des Argus, als er lebte, waren. Nicht viel der Reime, Leser, wend ich jetzt Auf ihre Form, denn sparsam muß ich bleiben, Da größrer Stoff mich noch in Kosten setzt. Laß von Ezechiel sie dir beschreiben; Von Norden sah er sie, so wie er spricht, Mit Sturm, mit Wolken und mit Feuer treiben. Wie ich sie fand, beschreibt sie sein Bericht, Nur stimmt Johannes in der Zahl der Schwingen Mir völlig bei und dem Propheten nicht. Es stellt im Raum sich, den die Tier umfingen, Ein Siegeswagen auf zwei Rädern dar, Des Seil an eines Greifen Hälse hingen. Und in die Streifen ging der Flügel Paar, Die hoch, den mittelsten umschließend, standen, So, daß kein Streif davon durchschnitten war. Sie hoben sich so hoch, daß sie verschwanden; Gold schien, soweit er Vogel, jedes Glied, Wie sich im andern Weiß und Rot verbanden. Nicht solchen Wagen zum Triumph beschied Rom dem Augustus, noch den Afrikanen; Ja, arm erschiene dem, der diesen sieht, Sols Wagen, der, entrückt aus seinen Bahnen, Verbrannt ward auf der Erde frommes Flehn Durch Zeus gerechten Ratschluß, wie wir ahnen, Man sah im Kreis drei Fraun sich tanzend drehn Am Rande rechts, und hochrot war die eine, Gleich lichter Glut der Flammen anzusehn. Die zweite glänzte hell in grünem Scheine, Gleich dem Smaragden, und die dritte schien Wie frisch gefallner Schnee an Weiß und Reine. Die Weiße sah man bald den Reigen ziehn, Die Rote dann, und nach dem Sang der letzten Die andern langsam gehn und eilig fliehn. Links vier im Purpurkleid, die sich ergötzten, Und, wie die eine, mit drei Augen, sang, Nach ihrer Weis im Tanz die Schritte setzten. Nach allen diesen kam den Pfad entlang, Ungleich in ihrer Tracht, ein paar von Alten, Doch gleich an Ernst und Würd in Mien und Gang. Der erste war für einen Freund zu halten Des Hippokrat, den die Natur gemacht, Um ihrer Kinder liebste zu erhalten. Der andre schien aufs Gegenteil bedacht, Mit einem Schwert, und durch das scharfe, lichte, Ward ich diesseits des Bachs in Angst gebracht. Dann kamen vier daher, demütge, schlichte, Und hinter ihnen kam ein Greis, allein Und schlafend, mit scharfsinnigem Gesichte. Die sieben schienen gleich an Tracht zu sein Den ersten zweimal zwölf, doch nicht umblühten Die Häupter Lilienkränz in weißem Schein, Rosen vielmehr und andre rote Blüten, Und wer vom weiten sie erblickte, schwor, Daß oberhalb der Braun sie alle glühten. Mir gegenüber fuhr der Wagen vor, Worauf ein Donnerhall mein Ohr ereilte, Und sich des Zugs Bewegung schnell verlor, Der jetzt zugleich mit seinen Fahnen weilte.
Dreißigster Gesang
Sobald der Empyren Gestirn des Norden, (Das nimmer aufgeht, noch sich wieder senkt, Und das durch Sünden nur umnebelt worden; Bei welchem jeder dort der Pflicht gedenkt, Zu der es leitet, wie den Kahn hienieden, Das, welches tiefer steht, zum Hafen lenkt), Stillstand, da wandten, dies vom Greifen schieden, Die zweimal zwölf und vier Wahrhaften, sich Zum Wagen hin als wie zu ihrem Frieden. Und einer, der des Himmels Boten glich, Rief dreimal singend zu der andern Sange: "Komm, Braut vom Libanon, und zeige dich!" Wie bei des Weltgerichts Posaunenklange Der Selgen Schar, mit leichtem Leib umfahn, Dem Grab erstehen wird mit eilgem Drange, So hoben von des heilgen Wagens Bahn Wohl hundert sich bei solcher Stimme Schalle, Des ewgen Lebens Diener, himmelan. "Heil dir, der kommt!" so klangs im Widerhalle, "Streut Lilien jetzt mit vollen Händen hin!" Und Blumen warfen rings und oben alle. Schon sah ich bei des Tages Anbeginn Geschmückt den Osten sich mit Rosen zeigen, Sah klar den Himmel und die Königin Des Tages, sanft umschattet, höher steigen, So daß, da ihren Schimmer Dunst umfloß, Mein Blick ihn aushielt, ohne sich zu neigen. Hier, durch die. Blumenflut, die sie umschloß, Und niederstürzend um und in den Wagen, Sich aus der Himmelsboten Hand ergoß, Sah ich ein Weib in weißem Schleier ragen, Olivenzweig ihr Kranz, und ums Gewand, Das Feuer schien, des Mantels Grün geschlagen. Mein Geist, dem schon so manches Jahr entschwand, Seit er in ihrer Gegenwart mit Beben Demütgen Staunens bange Lust empfand, Fühlt, eh das Aug ihm-Kunde noch gegeben, Durch die geheime Kraft, die ihr entquoll, Die alte Liebe mächtig sich erheben. Kaum war der hohen Kraft die Seele voll, Der Kraft, durch die, bevor ich noch entgangen Der Knabenzeit, mein wundes Herz erschwoll, So wandt ich links mich hin, mit dem Verlangen, Mit dem ein Kind zur Mutter läuft und Mut Im Schrecken sucht und Trost im Leid und Bangen, Um zu Virgil zu sagen: "Ach mein Blut! Kein Tröpflein blieb mir, das nicht bebend zücke— Ich kenne schon die Zeichen alter Glut." Doch sein beraubt ließ uns Virgil zurücke, Virgil, der väterliche Freund—Virgil, Dem sie mich übergab zu meinem Glücke. Was Eva einst verloren, da sie fiel, Nicht half es mir, die Tränen zu vermeiden, Wovon ein Strom die Wangen niederfiel. "O Dante, mag Virgil auch von dir scheiden, Nicht weine drum, noch jetzo weine nicht; Zu weinen ziemt dir über andres Leiden!" Und wie mit ernstgebietendem Gesicht Ein Admiral, der, musternd seine Scharen Vom hohen Bord, sie mahnt an ihre Pflicht, So war sie links im Wagen zu gewahren, Als ich nach meines Namens Klang mich bog, Den hier die Not mich zwang, zu offenbaren; Ich sah die Frau, die erst sich mir entzog, Als sie erschien, in jener Engelfeier, Wie nach mir her ihr Blick von jenseits flog. Doch ihr vom Haupte wallend ließ der Schleier, Der von Minervens Laub umkränzet ward, Mir ihren Anblick nur noch wenig freier. Stolz sprach sie nun mit königlicher Art, Gleich einem, der erst mild spricht, anzuschauen, Und sich das härtre Wort fürs Ende spart: "Schau her, Beatrix bin ich! Welch Vertrauen Führt dich zu diesen Höhn? Wie? Weißt du nicht, Beglückte wohnen nur in diesen Auen." Ich sah zum Bach hinab, sah mein Gesicht, Sah auf die Blumen dann, die mich umgaben, Gedrückt die Stirn von schwerer Scham Gewicht. So stolz erscheint die Mutter ihrem Knaben, Wie sie mir schien; denn ihr mitleidig Wort Schien den Geschmack der Bitterkeit zu haben. Sie schwieg, da sang der Engel Chor sofort Den Psalmen: Herr, auf dich nur steht mein Hoffen, Bis: Stellest meine Fuß auf weiten Ort. Wie auf den Rücken Welschlands, welcher offen Den Stürmen ragt, der Schnee, im Frost gehäuft, Zu Eis erstarrt, vom slawschen Wind getroffen, Dann, in sich selbst versickernd, niederträuft, Wenn laue Wind aus Libyen ihn verzeihen, So wie, dem Feuer nah, das Wachs zerläuft; So war ich ohne Seufzer, ohne Zähren, Bevor die Engel sangen, deren Sang Nur Nachklang ist vom Lied der ewgen Sphären. Doch als im Lied ihr Mitleid mir erklang, Wohl heller klang, als hätten sie gesungen: "Was, Herrin, machst du ihm das Herz so bang?" Da ward das Eis, das fest mein Herz umschlungen, Zu Hauch und Wasser bald und kam durch Mund Und Auge bang aus meiner Brust gedrungen. Sie, welche, wie zuvor, im Wagen stund, Sie wandte sich dem Engelchor entgegen, Und tat den heilgen Scharen dieses kund: "Ihr wacht im ewgen Tag, und nimmer mögen Euch einen Schritt entziehen Schlaf und Nacht, Den das Jahrhundert tut auf seinen Wegen. Drum ist die Antwort wohl für ihn bedacht, Der drüben weint, damit sie klar beweise, Daß große Schuld auch große Schmerzen macht. Nicht durch die Kraft allein der ewgen Kreise, Die jedes Wesen zu dem Ziele lenkt, Das ihm sein Stern gesteckt für seine Reise, Durch das auch, was die Gnade Gottes schenkt, Sie, deren Regen solche Dünst umgeben, Daß sich kein Blick in ihre Tiefen senkt, War dieser einst in seinem neuen Leben Gar hoch begabt, um sich zur Trefflichkeit Durch rechte Sitte mächtig zu erheben. Doch wilder wird in schnöder Üppigkeit Jedweder schlechte Same sich entfalten, Je kräftger ist des Bodens Fruchtbarkeit. Wohl wußt ich einge Zeit ihn festzuhalten, Indem ich ihm die jungen Augen wies; Da ließ er gern als Führerin mich walten. Doch hatt er, als ich kaum die Welt verließ, Zum bessern Sein zu gehn, sich mir entzogen, Indem er andern ganz sich überließ. Als ich vom Fleisch zum Geist emporgeflogen, Und höhre Tugend, höhern Reiz empfahn, Da war er minder hold mir und gewogen. Er wandte seinen Schritt zur falschen Bahn, Trugbildern folgend schnöden Wonnelebens, Den falschen Lockungen und leerem Wahn. Im Traum und Wachen rief ich ihn vergebens, Und Mahnung haucht ich ihm und Warnung ein, Doch blieb er taub im Leichtsinn eiteln Strebens. Ein Mittel könnt ihm nur zum Heil gedeihn, So tief schon hatt er sich im Wahn verloren, Und solches war der Anblick ewger Pein. Deswegen drang ich zu der Hölle Toren Und habe den, der ihn herauf geführt, Mit Bitten und mit Tränen dort beschworen. Nicht wärs, wie sichs nach ewgem Rat gebührt, Wenn er durch Lethe ging und sie genösse, Und nicht vorher, bußfertig und gerührt, In Reuezähren seine Schuld ergösse.
Einunddreißigster Gesang
"Du, jenseits dort am heilgen Strom," so kehrte Sie jetzt der Rede Spitze gegen mich, Nachdem die Schneide schon mich hart versehrte, Fortfahrend ohne Säumen: "Sprich, o sprich, Ist dieses wahr? Erkennst du deine Fehle? Auf solche Klage ziemt die Beichte sich." Die Stimme regte sich, doch in der Kehle Erstarb das Wort; denn, statt gehoffter Huld. Verwirrte finstre Strenge meine Seele. Nur wenig hatte sie mit mir Geduld: "Was sinnst du? Sprich! Noch tilgten nicht die Wogen Der Lethe die Erinnrung deiner Schuld." Furcht und Verwirrung, sich vermischend, zogen Ein Ja! aus meinem Mund, das zwar erblickt Vom Auge ward, allein dem Ohr entzogen. Gleichwie zu scharf gespannt die Armbrust knickt, Und, wenn sich Sehn und Bogen überschlagen, Den Pfeil mit mindrer Kraft zum Ziele Schickt, So brach, zu schwach, so schwere Last zu tragen, Ich jetzt in Seufzer aus und Tränenflut Und ließ den Ton sich nicht ins Freie wagen. Drum sie zu mir: "In meiner Wünsche Glut, Die einst dich jenes Gut zu lieben führte, Das unserm Wunsch entrückt all andres Gut. Welch eine Kette wars, die dich umschnürte, Das auf den Fortschritt, mit verzagtem Sinn, Die Hoffnung abzulegen dir gebührte. Und welche Fördrung, welcherlei Gewinn, Die lockend dir von andrer Stirne lachten? Was führte dich zu ihrem Wege hin?" Nach einem tiefen, bittern Seufzer machten Sich Töne mühsam frei aus meiner Brust, Die kaum als Wort hervor die Lippen brachten. "Die Gegenwart, mit ihrer falschen Lust," So weint ich, "hat, als eure Blick entschwanden, Rückwärts zu wenden meinen Schritt gewußt." "Verschwiegst, vermeintest du, was du gestanden," Sprach sie, "nicht minder wärs dem Richter kund, Vor dessen Blick die Lüge nie bestanden. Doch wenn man sich verklagt mit eignem Mund. So wird hier abgestumpft das Schwert der Rache, Und Gnade macht des Sünders Herz gesund. Drum, daß dein Wahn dich mehr erröten mache, Und daß dein Herz zu jeder andern Zeit Die Lockung der Sirenen kühn verlache, Laß ab vom Weinen jetzt und Traurigkeit; Vernimm vielmehr, welch andern Weg zu wallen Dir ziemend war, als mich der Tod befreit. Nichts ließ Natur und Kunst dir je gefallen, Wie jenen Leib, in dem ich dort erschien, Des schöne Glieder jetzt in Staub zerfallen. Und sahest du die höchste Wonn entfliehn Bei meinem Tod, was konnte dich besiegen? Welch irdsche Lust dich fürder an sich ziehn? Beim Reiz der Dinge, die das Herz betrügen, Bei ihrem ersten Pfeil, wars ziemend, mir, Die ich mein Sein verwandelt, nachzufliegen. Nicht niederziehn sollt er die Schwingen dir, Nicht harren solltest du der andern Pfeile, Des Mägdleins nicht, nach andrer eitlen Zier. Der junge Vogel harrt in träger Weile Des zweiten Pfeils, doch der beschwingte flieht Und schützt vor Netz und Pfeilen sich durch Eile." Gleichwie ein Knabe schweigend niedersieht, Wenn Vorwurf und Bewußtsein ihn verstören, Und Reue sein Gesicht zur Erde zieht; So stand ich dort: "Betrübt dich schon das Hören," Sie sprachs, "So sei emporgewandt dein Bart; Das Schauen wird noch deinen Schmerz vermehren."- In ihrem Widerstande minder hart, Läßt ihrem Grund die Eiche sich entreißen, Wenn sie von Nordsturms Macht durchschüttelt ward, Als ich das Kinn erhob, da sies geheißen. Auch fühlt ich, da sie Bart für Antlitz sprach, Des Wortes Gift an meinem Herzen reißen. Das Antlitz hob ich zögernd und gemach, Und sieh, die schönen englischen Gestalten, Sie ließen jetzt im Blumenstreuen nach. Mein Blick, kaum fähig noch, ein Bild zu halten, Erschaute sie, dem Greifen zugewandt, In dem, dem einen, zwei Naturen walten. Sie schien, verschleiert, jenseits dort am Strand, Das, was sie einst war, jetzt zu überwinden, Wie sie vordem die andern überwand. Wie mußt ich da der Reue Schmerz empfinden! Wie, was mich von ihr abgewandt, die Lust Der eiteln Welt jetzt hassenswürdig finden! So nagte Selbstbewußtsein meine Brust, Daß ich hinsank—mit welchem innrem Beben, Ihr, die es mir erregt, ihr ists bewußt. Als äußre Kraft das Herz mir neu gegeben, Sprach über mir sie, die mir erst allein Erschienen war: "Mich fass, um dich zu heben!" Sie zog mich bis zum Hals den Fluß hinein, Glitt, wie ein Webschiff, ohne sich zu senken, Auf seiner Fläch und zog mich hinterdrein, Um mich zum selgen Ufer hinzulenken. Dort klangs: "Entsündge mich!" so süß—ich kann Es nicht beschreiben, ja, nicht wieder denken. Die schöne Frau erschloß die Arme dann, Umschlang mein Haupt und taucht es in die Wogen, Drob ich vom Wasser trank, das mich umrann. Drauf, als sie mich gebadet vorgezogen, Bot sie zum Tanze mich den schönen vier, Die hold um meinen Hals die Arme bogen. "Wir sind am Himmel Sterne, Nymphen hier. Und als zur Welt Beatrix kam, so gingen Als ihre Dienerinnen wir mit ihr. Wir werden dich ihr vor die Augen bringen; Dir schärfen dann, fürs holde Licht darin Den Blick die drei, die schauend tiefer dringen." Sie sangen diese Worte zum Beginn, Worauf sie mich zur Brust des Greifen brachten. Dort wandte sie nach uns das Antlitz hin. Sie sprachen dann: "Hier darfst du frei betrachten, Wir stellten dich vor der Smaragden Licht, Woraus dich wund der Liebe Pfeile machten." Mir weckt ein glühend Sehnen ihr Gesicht Und band an ihrer Augen Glanz die meinen; Die ihren wichen vor dem Greifen nicht. Und drinnen sah ich den zwiefachen Einen, Gleichwie die Sonn im Spiegel, schimmernd klar, Als diesen bald, als jenen bald erscheinen. Nun denke, Leser, selbst, wie wunderbar, Das Abbild, sich verwandelnd, zu erblicken, Obwohl das Urbild stets dasselbe war. Indes die Seel in Staunen und Entzücken Die Speise kostete, die größern Drang Nach sich erweckt, je mehr wir uns erquicken, Da sah ich jene drei vom höchsten Rang, Dies zeigte die Gebärd, uns nahe kommen, Den Engeltanz begleitend mit Gesang. "Beatrix, laß den Blick, den heilgen, frommen," So sangen sie, "auf deinen Treuen sehn, Der dich zu schaun so hoch emporgeklommen. Enthüll aus Gnad ihm deinen Mund, wir flehnl Die zweite Schönheit, die du noch verborgen, O laß sie auf vor seinen Augen gehen!" O Glanz lebendgen Lichts! o ewger Morgen! Wer trank so tief aus des Parnassus Flut, Wer ward so bleich in seinen Mühn und Sorgen, Daß er vermag, mit freiem, kühnem Mut Sich deiner Schilderung zu unterfangen, Wenn du bei Himmelsharmonien in Glut Den unbewölkten Lüften aufgegangen?