Schluss.
Reading edition
Aus den vorstehenden Kapiteln wird der Leser die Ueberzeugung gewonnen haben, dass die früher vielfach gehegte Ansicht, die ägyptische Architektur verfüge nur über eine verhältnissmässig geringe Anzahl von Pflanzensäulen — meist wurde ja alles für Lotus erklärt und ausserdem höchstens noch die Palmensäule zugelassen —, dass diese Ansicht, die dann womöglich noch diesen Säulenarten irgend eine gesuchte symbolische Bedeutung unterlegte, angesichts der grossen Menge von verschiedenartigen Pflanzengattungen, welche die altägyptischen Künstler zu Säulenformen umzustellen vermochten, als veraltet zu bezeichnen ist. Mit den verschiedenen sieben bis acht Arten von Pflanzen, die in allen Stadien ihrer Entwicklung, geschlossen oder offen, als Knospen oder Blumen, zu Säulen geformt uns im Laufe der vorstehenden Abhandlung entgegengetreten sind, werden wir den Formenschatz der alten Künstler voraussichtlich noch nicht erschöpft haben; an den Säulen der Spätzeit, die ja in gewissem Grade von der Besprechung ausgeschlossen waren, treten noch einige weitere Pflanzen auf, auch kann uns jeder Tag unerwartete Funde bringen, welche wie die reiche architektonische Ausbeute aus Tell el Amarna uns neue Gestaltungen von Pflanzensäulen zu zeigen vermöchten.
Es muss sich uns infolge dieser Mannigfaltigkeit die Frage aufdrängen, weshalb die alten Architekten mit solcher Vorliebe Pflanzen zu Säulenmotiven verwendeten. Irgend welche Symbolik, dass etwa die eine oder die andere Pflanze dem Gotte, in dessen Tempel sie als Säule stand, heilig gewesen wäre, oder dass sie wie Papyrus und Lilie, die Wappenpflanzen von Unter- und Oberägypten, zur Bezeichnung der Nord- und Südhälfte des Tempels unter Anspielung auf die beiden Reichshälften[93] dienen sollten, derartige Symbolisirungen sind ausgeschlossen, da man sonst irgend eine Regel in der Anwendung der verschiedenen Pflanzenmotive müsste entdecken können. Die einzelnen Pflanzensäulen werden vielmehr ohne jede erkennbare tiefere Absicht, rein nach dem Geschmack des Architekten, in der Spätzeit sogar mit Vorliebe in buntem Durcheinander angeordnet. Es muss also wohl eine andere Bewandtniss damit haben.
Bereits Maspero hat in seiner Archaeologie égyptienne, S. 88, bei Besprechung der Innendecoration der Tempel uns den richtigen Weg zum Verständniss des Wesens der Pflanzensäulen gewiesen, leider jedoch ohne seine Theorie bis zu den letzten Consequenzen, d. h. bis zu ihrer Anwendung auf die Säulen selbst durchzuführen.
Nach Maspero war der Tempel bezw. das architektonisch durchgebildete Innere eines Hauses dem Aegypter ein Abbild der Welt. Der Fussboden stellte die Erde dar, über ihm breitet sich der Himmel, die Decke, aus. Dieser Vorstellung passt sich die ganze Decoration des Raumes an. Die Decke ist nur mit himmlischen Dingen geschmückt: Sterne in regelmässiger Vertheilung, fliegende Vögel, Darstellungen von Sternbildern und des Sonnenlaufs, ja selbst Sternverzeichnisse sind dort angebracht. Im Gegensatz dazu erhält alles, was dem Boden nahe ist, pflanzliches Ornament, das meist noch so aufgefasst wird, als wüchse es aus dem Boden heraus. Die Mauersockel sind mit langen Reihen von Papyrusstauden verziert, Büsche von anderen Wasserpflanzen kommen daneben vor, die Basen der Säulen sind von Blattwerk umgeben — Nein! nicht nur das, vielmehr sind die ganzen Säulen Pflanzengebilde, die aus der Erde emporspriessen und frei in den Himmel hineinragen.
Eine merkwürdige, phantastische Auffassung, auf der wir da die sonst so prosaischen Aegypter ertappen. Und dass hier nicht etwa blos eine vom Kunsthistoriker den schaffenden Künstlern untergelegte Anschauung zu Tage tritt, das lässt sich zum Ueberfluss noch haarscharf beweisen. Ein glücklicher Zufall hat uns nämlich „die breite und die tiefe Halle”, gewissermaassen das Speise- und Empfangszimmer des Palastes Amenophis' IV. in Tell el Amarna vollständig erhalten. Dies „vollständig” ist nicht zu viel gesagt; wir haben nämlich die Grundrissmauern mit den prachtvoll erhaltenen Estrichen[94], zur Reconstruction völlig ausreichende Fragmente der Säulen[95] und last not least mehrere alte untereinander übereinstimmende Abbildungen dieser Säle[96]. Die Estriche sind herrlich bemalt, in der Mitte sind Teiche mit allerlei Fischen und Wasservögeln; umgeben sind dieselben von Rohr-, Papyrus- und Schilf-Dickicht, in welchem wieder verschiedene Thiere sich tummeln, des Weiteren folgen ornamentale Gefässdarstellungen und, da der Estrich in einem Königspalast liegt, im Mittelgang die Figuren von Gefangenen, die gefesselt am Boden liegen und über die der König hinwegschreiten soll. Alles deutet also darauf hin, dass der Fussboden wirklich als Erde aufgefasst ist. Die Säulen, welche in der Mitte der Säle in Reihen standen, stellen Pflanzen und zwar Palmenstämme und Schilfbüschel dar, die um die Teiche des Estrichs herum stehen. Wie die Decke darüber aussah, auch das hat uns ein ägyptischer Maler in seiner kindlichen Manier überliefert (Abb. 84). Als er jene Darstellung des Palastes, den er, nach allen Details zu urtheilen, genau kannte, entwarf, da wollte er auch den gemalten Himmel an der Decke der Säle wiedergeben. Er wusste, dass dieser Himmel, wenn er, im Saale stehend, ihn betrachtete, stellenweise durch die oberen Theile der Palmensäulen verdeckt wurde. Das richtig darzustellen überstieg aber seine perspectivischen Kenntnisse. Er malte daher ganz dumm seinen Himmel und zwar die Hieroglyphe für Himmel — hinter die obersten Theile der Säule, dicht unter die Deckenlinie.[97] Darunter stellte er dann noch die an die Decke gemalte strahlende Sonne dar. Sehr schön ist ja diese zeichnerische Leistung nicht, aber wir sehen doch wenigstens daraus, wie die Decke in jenem Saale decorirt war.

Die Ausschmückung der Räume des Palastes von Tell el Amarna ist also ein vollgültiger Beweis für die oben angeführte Theorie, dass die Aegypter die Innenräume ihrer Tempel und Häuser „à l'image du monde” aufgefasst und demgemäss decorirt haben, und dass nur eine nothwendige Folge dieser Auffassungsweise das Vorkommen von Pflanzensäulen ist. Diese Säulen sind also keineswegs nur wie klassische oder mittelalterliche Säulen mit Pflanzenkapitellen als Säulen mit ornamentalen, pflanzlichen Zuthaten anzusehen, sondern stellen in ihrer ganzen Grösse von der Basis bis zum Kapitell nur eine Pflanze oder ein Pflanzenbündel dar.
Abbildung 84.

Der „tiefe Saal” aus dem Palaste von Tell el Amarna;
n. R.; 18. Dynastie. Zeit Amenophis' IV.; nach L. D. III, 109.
Nebenbei mag erwähnt werden, dass die Fiction, der Boden sei die Erde und die Decke der Himmel, noch einer anderen Gattung von Säulen das Leben gegeben hat, die ganz diametral den Pflanzensäulen gegenüberstehen. Während nämlich letztere, wie wir noch weiter auszuführen haben werden, frei in den Himmel, d. h. gegen die Decke emporstreben und den Gedanken eines Tragens gar nicht ausdrücken sollen, so bedeuten jene direct Stützen des Himmels, und ihre Formen sind verschiedenen mythologischen Symbolen nachgebildet, von denen es wohl in der religiösen Litteratur der Aegypter hiess, dass sie die Himmelsdecke tragen. Zu diesen „Symbolsäulen” rechne ich die Sistrumsäule und die Dedsäule. Die erste, früher unter dem Namen „Säule mit Hathorkapitell” allgemein bekannt, stellt ein vollständiges Sistrum dar, wie ein Vergleich mit den in den Museen in natura oder in Fayencenachbildungen aufbewahrten Exemplaren dieser Klappern sogleich darthut. Der Säulenschaft (s. Abb. 85) ist der Stiel der Klapper, Kapitell und Abakus bildet das auf Hathormasken sitzende, hohl zu denkende Kapellchen mit den seitlich anschlagenden Metallfedern. Diese Säulenart kommt, wie schon Lepsius in seinen Tagebüchern vermuthet, anscheinend nur in Tempeln weiblicher Gottheiten[98] vor und wohl meist auch da nur in solchen, deren Göttinnen mit der Hathor irgendwie confundirt werden können.

Eine ägyptische Sage, in der eine Anspielung auf das Sistrum als Himmelsstütze vorkäme, ist mir nun zwar nicht bekannt, wohl aber giebt es, worauf mich Herr Prof. Erman freundlichst aufmerksam machte, im Berliner Museum eine Fayencedarstellung der Himmelserhebung durch den Gott Schu, auf welcher zwei Sistren an jeder Seite den Himmel stützen (Abb. 86).
Abbildung 85.

Sistrumsäule aus Elkab; n. R.; 18. Dynastie; Zeit Amenophis' III.; nach eigener Aufnahme.
Abbildung 86.

Fayence-Brustschmuck mit Himmelserhebung.
Spätzeit; nach Berl. Museum No. 6611.
Abbildung 87.

Ded-Säule von der Abbildung eines Osirisbaldachins von einem Sarge aus Theben; n. R.; 20. Dynastie; nach Berl. Museum, 11979.
Die zweite Symbolsäule, die Ded-Säule, welche vielleicht nach ägyptischer Anschauung das Rückgrat des Osiris versinnbildlichen sollte, kann ich als Himmelsstütze nur dadurch belegen, dass sie erstens in Verbindung mit der Sistrumsäule[99] und zweitens als Stütze bei Baldachinen, unter denen Osiris sitzt[100] (Abb. 87), auftritt.[101] Man könnte andererseits auch die Entstehung derselben so erklären, dass die hieroglyphische Bedeutung der ihnen zu Grunde liegenden Zeichen sšš „Freude, Jubel”[102] ḏd „Beständigkeit, ewige Dauer” Veranlassung gegeben hat, diese Hieroglyphen symbolisch als Säulen zu verwenden.


Wie dem auch sei, jedenfalls haben wir in den Symbolsäulen eine den Pflanzensäulen der Idee nach völlig entgegengesetzte Kategorie von Stützen zu sehen, die aber ebenso wie jene ihren Ursprung der Vorstellung der Aegypter verdankt, dass der Innenraum des Tempels eine Wiedergabe der Welt sein soll.
Indem wir uns nun zum Schlusse wieder den Pflanzensäulen zuwenden, wollen wir noch auf ein wichtiges Moment unser Augenmerk richten. Es ist oben schon kurz bemerkt worden, dass der Aegypter sich seine Pflanzensäule als frei zum Himmel emporragend denkt, dass also die Idee des Tragens, die man bisher immer in einer Säule verkörpert zu sehen erwartete, bei der ägyptischen Pflanzensäule überhaupt nicht zum Ausdruck kommt.
Abbildung 88.

Zeltstangen-Säulen aus Karnak; n. R.; Dynastie 18; Zeit Thutmosis' III.; nach L. Tgb.
Da wir es hier also mit einem eclatanten Falle zu thun haben, bei welchem der Satz: „Jeder Bautheil zeigt seine Function durch Form und Ornamentirung an”, durchbrochen wird, so müssen wir wohl unsere Ansicht vom Wesen der ägyptischen Pflanzensäule noch etwas weiter begründen.
Die ganze Auffassung des Tempels als Welt weist uns ja schon darauf hin, dass die zu Säulen verwendeten Pflanzenformen nicht als wirkliche Stützen gedacht sein können, denn wer würde wohl auf die Idee gekommen sein, den Himmel von Blumen tragen zu lassen. Es herrscht vielmehr die Vorstellung, dass die Himmelsdecke über den Pflanzen der Erde frei schwebe. Constructiv ist das natürlich nicht möglich, der Architekt braucht ein Bindeglied, das die Last der Decke auf die Säulen überträgt. Diesen Bautheil, der ihm in seine ideale Conception gar nicht hineinpasst, versteckt er aber so viel als möglich: Der Abakus der ägyptischen Säule ist stets klein, ohne Ornament und in den meisten Fällen von unten überhaupt nicht zu sehen, er ist dem ägyptischen Künstler eben nur ein unvermeidlicher Constructionstheil, den er braucht, da er seinen frei schwebend gedachten Himmel über den Pflanzensäulen sonst nicht festhalten kann.
Früher wurden gerade immer die damals sogenannten Lotusknospen- und Lotusblüthensäulen — d. h. unsere geschlossenen und offenen Papyrusdoldensäulen — als schöne Beispiele dafür angeführt, wie durch die Form des Kapitells das Tragen versinnbildlicht werde; seitdem wir aber gesehen haben, dass diese Formen der freien, unbelasteten Papyrusdolde nachgebildet sind, kann von einer Versinnbildlichung des Tragens natürlich keine Rede mehr sein. Man könnte sich wirklich nichts Ungeeigneteres für die Aufnahme von Lasten denken, als so eine leichte Papyrusdolde, die kaum unter ihrem eigenen Gewicht sich zusammenzuhalten vermag. Zum Ueberfluss tritt noch das hinzu, dass wir denselben Pflanzenformen, welche zu Kapitellen Verwendung fanden, in der ägyptischen Kunst auf Schritt und Tritt da begegnen, wo sie absolut keine tragenden Functionen auszudrücken haben: Als Scepterbekrönungen[103], Knöpfe[104], freistehende Verzierungen an Stühlen[105], ja sogar als Quasten[106] finden wir dieselben Pflanzen wieder.
Die Theorie, dass jeder Architekturtheil seine constructive Function auch äusserlich zeige, ist also wenigstens für die ägyptische Architektur — oder jedenfalls für die Bildung der ägyptischen Pflanzensäule — angesichts der aufgeführten Thatsachen direct zu leugnen, wir kommen hier vielmehr, so paradox es klingen mag, zu dem Schluss:
„Der Aegypter dachte sich seine Pflanzensäulen als freie Endigungen und ornamentirte sie wie solche”.