IV. Die Palmensäulen.
Reading edition
Abbildung 70.

Phoenix dactylifera L., aus einer Gruppe bei Giseh; nach Berl. Museum Ph. 178.
Abbildung 71.

Dattelpalme von einem Wandgemälde zu Benihassan; m. R.; nach L. D. II, 126 u. 127.
Bei dieser Art von Säulen können wir auf die Beschreibung der ihr zu Grunde liegenden Pflanze und der ägyptischen Darstellungen derselben verzichten, da seit dem Bekanntwerden der ersten Säulen dieser Art es nie zweifelhaft war, welche Pflanze in dem architektonisch ausgebildeten Säulentypus gemeint war, und da auch gar keine Möglichkeit vorliegt, diese Pflanzensäule mit irgend einer anderen zu verwechseln, was bei den bisher abgehandelten eher möglich und auch leider reichlich der Fall war. Es mag daher die hier gegebene Abbildung (Abb. 70) und der Hinweis auf die Beschreibung der Dattelpalme „Phoenix dactylifera L.” genügen, welche sich sehr ausführlich in der Description de l'Égypte, Theil 19, S. 435 ff. und Taf. 62 findet. Des Weiteren haben wir noch eine Auswahl von abgebildeten Dattelpalmen hier hinzugefügt, welche uns die mehr oder minder stilisirte Auffassung zeigen sollen, welche die Aegypter in den verschiedenen Epochen von dieser Pflanze hatten (Abb. 71 bis 73). Natürlich ist die Art der Darstellung im neuen Reiche lebendiger als im mittleren, besonders mag auf die detaillirte Wiedergabe der Borke bei dem einen Beispiel aus dem neuen Reiche aufmerksam gemacht werden.
Abbildung 72.

Dattelpalme von einem Relief aus Abusir;
n. R.; Dynastie 19-20. Berl. Museum No. 7322. Ausführliches Verzeichniss S. 146.
Die Stilisirung der Dattelpalme für ihre Verwendung als Säule ist höchst einfach. Sie ergiebt eine Säule ohne Schwellung, ohne Fussblätter, oft auch ohne Basis. Die leicht nach aussen gebogenen Blattwedel, die mehr oder weniger durchsculpirt sind, ergeben das Kapitell, auf dem ganz simpel der kleine, unbedeutende Abakus aufruht. Merkwürdig ist nur das auch bei dieser Säulenart unter dem Kapitell angebrachte, meist fünftheilige Halsband, das hier um so weniger Sinn hat, als in keiner Epoche Palmenbündelsäulen nachweisbar sind. Man muss sich also dieses Halsband, wie wir das ja auch bei den älteren Papyrussäulen mit offenem Kapitell thun mussten, als von anderen Bündelsäulen übertragen denken.
Abbildung 72a.

Dattelpalme von vorstehendem Relief.
Abbildung 73.

Stumpf einer Dattelpalme mit Borke von einem Relief aus Sakkara; Dyn. 19. Zeit Ramses' II. Berl. Mus. No. 12412. Ausführl. Verzeichniss S. 153.
Die Palmensäule, von der wir im alten Reiche nur eine zweifelhafte Spur[81] nachweisen können, scheint im mittleren schon sehr beliebt gewesen zu sein. Ausser dem klassischen aus Berscheh stammenden Beispiele aus dieser Zeit (Abb. 74) haben sich in Kahun[82] mehrere Kapitellreste in verschiedenen Grössen gefunden, eins davon sogar mit recht gut ausgearbeiteter Fiederung der Palmenwedel. Auch in Benihassan finden sich Darstellungen dieser Säulenart.[83]
Abbildung 74.

Palmensäule aus Berscheh, Grab 2; m. R.; nach Newberry, el Berscheh, I, Pl. IV.
Auch das neue Reich ist nicht gerade arm an Beispielen, die freilich meist bereits etwas graciöser ausgefallen sind als die älteren. In einem Grabe zu Gurna sehen wir einen Monolithen sich unter den Händen der Steinmetze und Polierer zu einer Palmensäule umbilden (Abb. 75). Im Palaste Amenophis' IV. finden wir sie öfter abgebildet, hier natürlich wieder mit den obligaten flatternden Bändern[84], mit äusserst schlanken Kapitellen[85], aber auch mit der bei Palmensäulen eigentlich ungehörigen Schwellung.[86] Reste von den Originalen dieser eben erwähnten Abbildungen haben sich bei den Petrie'schen Ausgrabungen im Palaste zu Tell-Amarna gefunden, und wir können aus diesen allerdings nur geringen Ueberbleibseln[87] einen Schluss auf die Pracht der Ausführung dieser Säulen machen. Die Fiedern der Palmenwedel waren mit grünen, rothen und blauen Pasten incrustirt, der dazwischen stehen gebliebene Kalkstein vielleicht vergoldet. Die Reconstruction in Petrie's Tell el Amarna, Taf. VI, giebt davon ein schwaches Bild, das die Schönheit der Linien und den Glanz des Materials dieser Säulen ahnen lässt. Den eleganten Palmensäulen von Tell-Amarna stehen jedoch wieder andere aus derselben Zeit oder doch nur wenig später entgegen, welche wieder fast so gedrungen sind wie die des mittleren Reiches. Es sind dies Säulen aus Soleb (Abb. 76) und Sesebi.[88]
Abbildung 75.

Palmensäule in Bearbeitung;
Wandgemälde aus Gurna; n. R.; Dynastie 17; nach L. D. III, 26, 1a.
Abbildung 76.

Palmensäule aus Soleb; n. R.; Dynastie 19. Zeit Seti's II.; nach L. D. I, 117.
Abbildung 77.

Palmensäule.
Relief aus dem Assassif, Grab 2. Sp. Zt.; 26. Dyn.; nach L. D. III, 272a.
Abbildung 78.

Palmensäule aus Philae. Sp. Zt. Zeit des Augustus und Tiberius; nach Berl. Museum, No. 7324. Ausführl. Verzeichn. S. 22.
In der Spätzeit zeigt sich wieder durchweg der schlanke Typus, der dieser Gattung mit Recht eine bevorzugte Stellung unter allen ägyptischen Säulen sichert. Merkwürdig ist an diesen späten Säulen eine Erscheinung, welche man vielleicht auf die des öfteren schon erwähnten flatternden Bänder aus der 18. Dynastie zurückführen muss. Von dem Halsband hängt nämlich eine aus drei Bandlagen gebildete Schleife herab (Abb. 77), die dann auf noch späteren Beispielen zu einem Kranze von languettenartig geordneten Bändern wird (Abb. 78). An dieser letztgenannten Säule beobachten wir wieder die in der Spätzeit übliche Herabrückung der Halsbänder, wodurch dann über denselben ein Teil des schuppigen Palmenstammes sichtbar wird. Als neues Motiv tritt hier ferner noch die Anbringung von Datteltrauben zwischen den Palmenwedeln auf. Dass es in der Spätzeit auch nicht an unsinnigen Zuthaten bei Palmensäulen, wie z. B. Fussblätter über der Basis[89], fehlt, bedarf wohl keiner besonderen Erwähnung.