II. Die „Lilien”-Säulen.
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Bei diesem Kapitel muss der Abschnitt mit der Beschreibung der der Säulenform zu Grunde liegenden natürlichen Pflanze in Fortfall kommen, da es bisher noch nicht gelungen ist, die betreffende Pflanze, welche als Wappenpflanze von Oberägypten ungeheuer häufig in der ägyptischen Kunst auftritt, botanisch sicher zu bestimmen. Wir werden daher gut thun, nur die Pflanze, soweit sie im Ornament vorkommt, zu analysiren und dann aus ihren Merkmalen zu zeigen, weshalb sie mit keiner der sonst gebräuchlichen ornamentalen Pflanzen identisch ist, und warum wir ihr am besten den Namen „Lilie” beilegen.
Abbildung 29.

Lilie und Papyrus von der Darstellung des Mer-en-rē'-Pepy bei Assuan; a. R.; Dyn. 6; nach L. D. II 116 b u. nach eigner Copie.
Das älteste Beispiel der Lilie findet sich auf der bekannten Darstellung des Königs Mer-en-rē'-Pepy bei Assuan (Abb. 29). Leider ist hier die Lepsius'sche Publication nicht correkt und in dem de Morgan'schen Catalogue des Monuments (I, 17, No. 78) die Ungenauigkeit der Zeichnung mit übernommen, ich habe daher die Darstellung an Ort und Stelle nochmals verglichen und hier corrigiert beigegeben. Danach scheint es also, dass bereits die später übliche Form der „Südpflanze” schon im alten Reiche gebräuchlich gewesen ist.
Abbildung 30.

Lilie vom Throne der Statue Usertesen's I. aus Tanis;
m. R. Dyn. 12; nach Berl. Mus. 7265. (Ausführl. Verzeichn. S. 25).
Aus dem mittleren Reiche sind die Beispiele zahlreicher: auf dem Throne der Statue Usertesen's I. aus Tanis (jetzt im Berliner Museum, Abb. 30) findet sich der Lilientypus deutlich. Fragmente der Lilien sind von dem Throne Amenemhet's III. zu Biahmu erhalten[32], an anderen Königsstatuen derselben Epoche[33] sind gleichfalls die Lilien stets deutlich charakterisirt.
Abbildung 31.

Lilie vom Deckel eines Fayencekästchens aus einem Massengrabe zu Theben;
n. R.; Dynastie 19. Zeit Ramses' II; nach Berl. Museum 2038. (Ausführl. Verzeichniss S. 105).
Im neuen Reiche zeigt die Pflanze zuerst noch keine wesentliche Aenderung des Typus; selbst noch unter der 19. Dynastie kommen Lilien vor, die bis auf die Einrollung der beiden Seitenblätter den älteren Exemplaren völlig gleichen (Abb. 31 u. 32), jedoch sind auch noch in späterer Zeit Beispiele nachweisbar, die in nichts von den alten abweichen. Häufiger findet sich jedoch eine wohl unter der 18. Dynastie ausgebildete Variante mit je einem Anhängsel an jedem der beiden äusseren Blätter (Abb. 33).
Abbildung 32.

Lilie in blauer Fayence;
aus den Ornamenten von Tell el Jehûdeh; n. R. Dyn. 19; Zeit Ramses' III; nach Berl. Mus. 7359 (Ausführl. Verzeichn. S. 159).
Abbildung 33.

Lilie. Thonform aus Tell-Amarna;
n. R. Dyn. 18; Zeit Amenophis' IV. nach Petrie, Tell-Amarna XVIII, 365.
Diese letztgenannte Form erfährt dann, vielleicht — wie bereits Sybel[34] annahm, unter asiatischem Einfluss — weitere Ausgestaltung; der mittlere Kolben oder auch die Anhängsel vervielfachen sich, oder eine Art Palmette oder mehrere Voluten entwickeln sich aus dem Kelche, und Aehnliches. Diese manchmal recht abenteuerlichen Gestaltungen, die für die Ornamentik des neuen Reiches von grosser Bedeutung sind, interessiren uns für die Säulenfrage jedoch nicht, da derartige Gebilde erst an ganz späten Säulen auftreten; wir können uns vielmehr mit der Kenntniss der einfachen Lilie und der „Lilie mit Anhängseln” für unseren Zweck begnügen.
Abbildung 34.

Abgebildete Bouquetsäule aus dem Grabe des Sen-nudem; n. R.; Dynastie 20; nach Berl. Mus. Ph. 664.
Die charakteristische Form derselben ist schnell beschrieben: aus einem dreiblättrigen, meist gelben Hüllkelch, der auf grünem oder blauem Stengel sitzt, erwachsen zwei schlanke, oben nach aussen überfallende Blätter von blauer, manchmal auch grüner Farbe; zwischen diesen äusseren Blättern erhebt sich ein roter, oben abgerundeter Kolben. Die gleichfalls kolbenförmigen Anhängsel sind auch stets rot. Die Pflanze hat also mit keiner der sonst bekannten ägyptischen Ornamentpflanzen irgendwelche Aehnlichkeit. Dass sie wirklich ein Gebilde für sich ist und nicht etwa nur eine Ableitung aus einer anderen Pflanze, zeigen schlagend die Kapitelle mancher „Bouquetsäulen”, bei denen die Künstler absichtlich die verschiedenen ihnen geläufigen Pflanzen vereinigten, um den Eindruck einer möglichst reichen Prunkarchitektur hervorzubringen. So z. B. die schon öfters angeführte im Grabe des Sen-nudem abgebildete Säule (Abb. 34). Hier hat der Künstler zuerst Nymphaea Lotus, dann Nymphaea caerulea, dann unsere Lilie und endlich Cyperus Papyrus dargestellt und somit fast seinen ganzen Formenschatz an Pflanzenkapitellen erschöpft.
Eine besondere Pflanze ist also die in Rede stehende jedenfalls; warum haben wir ihr aber den Namen „Lilie” gegeben? Weil sie am ehesten einer schematisch dargestellten Liliacee oder besser einer Irisart entspricht. Namentlich die überfallenden Blätter mit den Anhängseln erinnern an die äusseren umgeklappten Blüthenblätter mancher Irisarten, während der mittlere Kolben die inneren aufrecht stehenden Blätter versinnbildlichen könnte. Die später hinzutretenden roten „Anhänger” könnten vielleicht die Köpfe der Staubfäden darstellen, die bei manchen Irisarten unter den sich einrollenden — allerdings inneren — Blättern so geschützt liegen, dass nur die rotbraunen, kolbenförmigen Enden darunter hervorsehen.
Es ist jedoch bei diesem Gleichstellungsversuch die eine Hauptschwierigkeit nicht zu übersehen, dass nämlich bisher keine Lilien- oder Irisarten in Aegypten nachgewiesen sind. Und die fragliche Pflanze muss doch im Alterthum so häufig oder für ihr Gebiet so charakteristisch gewesen sein, dass man sie als Wappenpflanze für Oberägypten wählte, im Gegensatz zu dem für sein Gebiet ebenso bezeichnenden unterägyptischen Papyrus, der allerdings heute auch schon aus ganz Aegypten verschwunden ist.
Wir wollen daher vorläufig in Ermangelung einer richtigen Bezeichnung den Namen „Lilie” nur zur leichteren Verständigung gebrauchen, bis die Botaniker die wahre Bedeutung der Wappenpflanze[35] Oberägyptens festgestellt haben werden.
Bei der eben gegebenen Aufzählung von Lilien aus verschiedenen Epochen wird es manchem Leser aufgefallen sein, warum das älteste Beispiel nicht genannt worden ist, zumal dies allgemein bekannt ist: die Lilien von den Thronen der Chefren-Statuen zu Giseh. Die absichtliche Fortlassung dieses Beispiels nöthigt mich zu einem kleinen Excurse über das Alter dieser Statuen.
Ueber Figur, Gesicht und Tracht des Chefren zu sprechen, ist hier nicht der Ort, auch nicht über die Inschriften, die Form der Hieroglyphen und die Art der Behandlung des Löwenthrones; uns wird hier allein das Vereinigungszeichen an den Seiten des Thrones beschäftigen. Da wir nach den oben angeführten Beispielen aus dem alten und mittleren Reiche, die sich namentlich für das letztere noch bedeutend vermehren liessen, genau wissen, wie ein solches Zeichen aussehen muss, so werden wir leicht sehen, wie es der Künstler der Chefren-Statuen missverstanden hat.
Das Zeichen der Vereinigung beider Länder besteht nämlich aus dem eigentlichen, bisher noch nicht gedeuteten Zeichen Sảm, das etwa einem Spaten nicht unähnlich ist: unten das bei guten Beispielen in vier Felder getheilte Blatt, dann ein horizontal gerippter Stiel und oben ein eckiges, flaches Stück. Auf der einen Seite desselben stehen am Fusse in spitze Blätter gehüllt oder auch in einem Wasserbecken[36] mehrere Exemplare der Nordpflanze, des Papyrus; zur anderen Seite, aus einem Zeichen ḥsp (Land, Gau) hervorwachsend, ebensoviele der Südpflanze, der Lilie. Von beiden Pflanzen ist je ein Stengel um das mittlere Zeichen geknüpft.

Abbildung 36.

Zeichen der Vereinigung beider Länder auf dem Throne einer Chefren-Statue zu Giseh; nach dem Abguss im Berl. Museum.
So sollte das Symbol der Vereinigung beider Länder unter normalen Umständen aussehen. Und was ist auf den Chefren-Thronen (Abb. 36) daraus geworden? Das einzige, was richtig wiedergegeben ist, sind die Papyrusbüschel, alles andere ist mehr oder weniger falsch. Die Lilien sehen nicht so aus wie sonst üblich, sondern ähneln den Darstellungen von Palmen, die wir noch später kennen lernen werden; das Sảm-Zeichen hat eine Palmenbekrönung; die Blättchen am Fusse der Nordpflanze ähneln einem Geflecht, aus dem sich die Papyrusstengel herausdrängen, und die drei horizontalen Striche des ḥsp-Zeichens sind in drei dicht aneinander liegende Stricke[37] verwandelt, welche die Lilien zusammenzwängen. Auf den anderen Chefren-Statuen sind diese Darstellungen wenn möglich noch toller; auf ihnen hat die Palmen-Lilie sogar vier Blätter und ausserdem noch Halsbänder.
Solche ungeheuerlichen Lilienformen kenne ich nur noch dreimal in der ägyptischen Kunstgeschichte: auf einem in Koptos gefundenen, angeblich aus dem mittleren Reiche stammenden Thronfragment[38] mit dem Reste eines Sảm-Zeichens, auf einem ebensolchen aus dem neuen Reiche unbekannter Herkunft im Kairiner Museum, und auf einer Ptolemäischen Säule[39]. In die Datirung des Stückes aus Koptos[40] möchte ich Zweifel setzen. Mir scheinen vielmehr diese ganzen missverstandenen Sảm-Zeichen aus einer späten Epoche zu stammen, da ich nicht annehmen kann, dass gerade in den ältesten Zeiten derartige Symbole, die doch eben erst künstlich zusammengestellt sind, bereits so unvernünftig umgestaltet worden sein können. Da ich also die Chefren-Statuen für Werke einer späteren Epoche, vielleicht auch nur für Wiederholung älterer Monumente nach vorgefundenen Resten wirklich alter Statuen halten muss, habe ich die an ihnen auftretenden Lilien oben nicht als Beispiele aus dem alten Reiche mit angeführt.
Abbildung 37.

Granitpfeiler vor dem Sanctuarium zu Karnak;
n. R.; Dyn. 18; Zeit Thutmosis III.; nach Lepsius' Tagebuch.
Nach diesem Excurse kehren wir zurück zu unseren Liliensäulen, mit denen wir schnell genug zu Ende kommen werden, da dieselben bis zum Ende des neuen Reiches nur spärlich auftreten. Aus dem alten und mittleren ist mir kein Beispiel bekannt. Im Anfang des neuen kommt das erste vor, aber dieses ist eigentlich auch nur mit demselben Rechte hierher zu rechnen, wie wir etwa die sculpirten Pfeiler aus Sawijet el Meitin bei den offenen Nymphaea Lotus-Säulen mit erwähnten. Es sind die oft abgebildeten[41] Thutmosispfeiler aus Karnak (Abb. 37).
Abbildung 38.

Liliensäule von einem Baldachin v. dem Sarge eines Amonspriesters;
n. R.; Dyn. 19-20; nach Berl. Museum No. 11982. (Ausführl. Verz. S. 136.)
Die hier dargestellten Pflanzen geben getreu die übliche Lilienform wieder; besonders bemerkenswert sind die nur hier allein deutlich dargestellten Füsse der Stengel. Dieselben haben gelbe Hüllblätter, genau wie sie sonst der Papyrus hat, auch die nur diesem eigene Schwellung zeigt sich hier; wir können jedoch nach diesem einmaligen Vorkommen nicht sagen, ob der Fuss dieser Säulenart so aussah, oder ob unser Beispiel nur seinem Pendant, der Papyrusform, angepasst ist, wie wir das ja sogar schon bei Nymphaeensäulen beobachten konnten. Der Lilie ist die Schwellung des Stengels sonst nicht eigen, wie die Darstellung der Sảm-Zeichen darthun, bei welchen dem Papyrus stets die Schwellung gegeben ist, während die Lilie immer glatt aus dem Boden hervorkommt. Sonst lässt sich das Lilienkapitell, von dem wohl nicht erst besonders gesagt zu werden braucht, dass es nur offen vorkommt, ausser an einigen Baldachinen, welche auf Särgen der 19. und 20. Dynastie dargestellt sind (Abb. 38) nur noch an Bouquetsäulen nachweisen; z. B. an der schon öfter herangezogenen aus dem Grabe der Sen-nudem (Abb. 34) und einigen anderen. Beachtenswert ist unter diesen letzteren nur eine Darstellung aus Grab 6 zu Tell-Amarna (Abb. 39). Hier ist nämlich der mittlere Kolben der Lilie nicht mit abgebildet, und dies scheint mir bereits zu den Lilienkapitellen der Spätzeit überzuleiten, bei denen der Kolben auch nicht plastisch dargestellt, sondern vielleicht nur in Farbe auf dem Kapitelle angegeben wurde, während die blauen überfallenden Blätter sculpirt hervortreten. Diese späten Lilienkapitelle sind äusserst häufig; es mögen solche aus Kôm-Ombo als Beispiel genügen (Abb. 40). Hier ist die Anordnung ganz ähnlich wie bei dem oben (S. 11) angeführten späten Nymphaea Lotuskapitell, nur dass die zuletzt zwischengesetzten Pflanzen jungen, noch geschlossenen Papyrus darstellen sollen. Die Anhängsel an den überfallenden Blättern fehlen, wie schon oben bemerkt, in der Spätzeit nie.
Abbildung 39.

Darstellung einer Bouquetsäule aus Grab 6 zu Tell-Amarna; n. R.; Dyn. 18; Zeit Amenophis' IV.; nach L. D. III, 99b.
Abbildung 40.

Lilienkapitelle aus Kôm-Ombo.
Spätzeit; nach Berl. Mus. Ph. 142.
Abbildung 41.

Vorzeichnung eines Lilienkapitells aus den Steinbrüchen vom Gebel Abu Fodah; nach Petrie, Season, Taf. 25.
Hierher gehört wohl auch die von Petrie aufgenommene Vorzeichnung eines Kapitells aus den Steinbrüchen vom Gebel Abu Fodah (Abb. 41). Die Kreise an der rechten Seite des Kapitells scheinen mir wenigstens den Aufriss eines Anhängsels darzustellen.