I. Die Nymphäensäulen.
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In Aegypten sind drei Arten von Nymphäen nachzuweisen: Nymphaea Lotus L., Nymphaea caerulea L. und Nymphaea Nelumbo L. Von diesen scheidet die letzte, wie wir sehen werden, als für die Säulenformen nicht in Betracht kommend aus; wir haben uns also nur mit den beiden anderen näher zu beschäftigen.
a. Nymphaea Lotus L.[3]
Abbildung 1.

Nymphaea Lotus L.
Blüthe, Knospe und Blatt nach der Natur (Botan. Garten zu Berlin).
Die hierneben abgebildete Nymphaea Lotus kommt der bei uns heimischen, allgemein bekannten, weissen Nymphaea im Aussehen am nächsten, nur dass sie grösser ist als diese. Die vorn rundlichen, am Sitze pfeilförmig gespaltenen, grünen Blätter mit ihrem in kleinen Bogen ausgezähnten Rande, schwimmen auf dem Wasser. Die Knospen und Blüthen erheben sich auf runden, biegsamen Stengeln (von grüner Farbe mit röthlichem Schimmer) etwas über die Oberfläche. Die Knospen sind von langgestreckter, fast elliptischer Gestalt, mit grünen, oben ein wenig röthlich schimmernden Kelchblättern. Sie zeigen — ausser der Form — als charakteristisches Merkmal von oben nach unten gehende Längsstreifen, die sich sowohl durch etwas andere Färbung als auch durch ganz schwaches Relief von der sonst glatten Fläche der Knospe abheben. Die Blüthe, deren äussere Form in nicht zu weit geöffnetem Zustande fast eine Halbkugel ist, hat vier aussen grüne, oben abgerundete Kelchblätter mit denselben charakteristischen Längsstreifen; zwischen den Kelchblättern treten die weissen, ebenso geformten Blüthenblätter regelmässig geordnet hervor. Auch diese weissen Blätter zeigen bei näherem Zusehen Längsstreifen. Ob ausser der weissen Art auch andersgefärbte Varietäten im alten Aegypten vorkamen, scheint wenig wahrscheinlich. Das Aussehen der Wurzel und der inneren Theile der Blüthe[4] interessirt für die vorliegende Untersuchung nicht und wird daher hier so wenig wie bei den folgenden Pflanzen besprochen werden.
Abbildung 2.

Von einem Relief im Grabe des Ptahhotep bei Sakkara;
a. R. Dynastie 5; nach dem Gipsabgusse im Berliner Museum.
Nachdem wir uns so mit dem Aussehen des Lotus bekannt gemacht haben, werden wir ihn leicht auf den Denkmälern wiedererkennen. Die ägyptischen Künstler stellten ihn, wie überhaupt alle Pflanzen, für ihre Verhältnisse, d. h. soweit die Schwierigkeit der perspektivischen Darstellung sie nicht hinderte, recht naturalistisch dar, selbstverständlich, wie das bei ornamentaler Verwendung von Pflanzenformen nicht anders möglich ist, etwas stilisirt.
Abbildung 3.

Von einem Wandgemälde aus Grab 2 von Benihassan;
m. R. Dynastie 12 (nach Lepsius' Tagebuch).
Die folgenden Beispiele sind so gewählt, dass in ihnen nicht nur möglichst verschiedene Kunstgebiete — Malerei, Plastik und Kleinkunst —, sondern auch alle Epochen der ägyptischen Kunstgeschichte vertreten sind. Altes, mittleres und neues Reich, sowie die Spätzeit (a. R.; m. R.; n. R. u. Sp. Z.)[5] werden nach Möglichkeit herangezogen werden.
Gute Darstellungen der Nymphaea Lotus finden wir z. B. im a. R. in dem berühmten Grabe des Ptahhotep bei Sakkara (Abb. 2), aus dem m. R. in den Gräbern zu Bersche[6], in denen zu Benihassan (Abb. 3) und an der bekannten Gruppe der „Fischträger” aus Tanis (Abb. 5)[7], endlich aus dem n. R. in den Fayencen aus Gurob und Tell-Amarna (Abb. 6 u. 7).
An diesen Beispielen sehen wir, dass die Aegypter die typische Form der Nymphaea Lotus ganz richtig aufgefasst haben. Die Blätter haben die ihnen zukommende Form, nur sind sie stets ganzrandig[8] dargestellt, ohne die Zähnung. Der Grund hierfür mag die Kleinheit der Zähnung gewesen sein.
Abbildung 5.

Von der Gruppe der „Fischträger” aus Tanis;
m. R.; nach dem Gipsabgusse im Berliner Museum.
Abbildung 6.

Fayence-Becher aus Gurob;
n. R. Dynastie 18;
nach Petrie, Illahun, Taf. XVII, 8.
Abbildung 7.

Fayence-Kachel aus Tell-Amarna;
n. R. Dynastie 18; Zeit Amenophis' IV. ½ nat. Grösse. Original in London, University College.
Die Knospen sind in Form und Einzelheiten richtig, die Blume äusserst charakteristisch, sogar die Längsstreifen sind fast immer wiedergegeben. Fassen wir die Merkmale der Nymphaea Lotus zusammen, welche der ägyptische Künstler als bezeichnend für diese Pflanze erkannt hat und bei keiner besseren Darstellung fehlen lässt, so sind es die folgenden:
Abbildung 8.

Friesornament aus dem Grabe des Hapi;
m. R. Original im Berliner Museum No. 1118/9. (Ausführliches Verzeichniss S. 64/5.)
Bei der Knospe elliptische Form und Längsstreifen, bei der Blume fast halbkreisförmige Umrisslinie, oben abgerundete, bis zum oberen Rande der Blume reichende Kelchblätter mit Längsstreifen und ebensolche, regelmässig dazwischen angeordnete Blüthenblätter. Der Typus ist also mit anderen Pflanzen garnicht zu verwechseln[9], und wir werden nunmehr ohne Schwierigkeiten die Säulen herauserkennen, die auf Nymphaea Lotus zurückgehen. Es sind hier Säulen mit Knospen- und Blüthenkapitellen zu unterscheiden; um jedoch eine gewisse Gleichmässigkeit in der Bezeichnung mit den später zu besprechenden, ähnlich in zwei Gattungen getheilten Papyrussäulen einzuführen, wollen wir die beiden Arten „Säulen mit geschlossenem” und mit „offenem Kapitell” nennen.
Die „Säulen mit geschlossenem Kapitell”, das den Knospen von Nymphaea Lotus nachgebildet ist, kommen bereits im alten Reiche vor. Ein besonders lehrreiches Exemplar entdeckte de Morgan im Grabe des Ptah-schepses bei Abusir (Abbildung 9). Es ist eine aus sechs Hauptstengeln gebildete Bündelsäule. Die Stengel kommen gerade aus der, einen kleinen Erdhügel darstellenden Basis und werden durch fünf Halsbänder unter dem Kapitell zusammengehalten. Das Kapitell ist aus wenig geöffneten Knospen gebildet, die man nach der etwas zu spitzen Form der Blätter vielleicht für Nymphaea caerulea ansehen könnte, die jedoch wegen der Längsstreifen sicher für Nymphaea Lotus zu halten sind. Zwischen die Hauptstengel sind, wie um diese in ihrer richtigen Lage zu halten, unter das Halsband noch sechs kleine, kurze Zwischenstengel gesteckt, die oben in geöffnete Nymphaea Lotus-Blumen endigen. Auf dem Kapitell ruht der ganz einfache, cubische Abakus ohne jede Ornamentirung. Die ganze Säule ist bis auf die Farben äusserst naturalistisch gehalten.[10]
Abbildung 9.

Nymphaea Lotus-Säule mit geschlossenem Kapitell;
a. R. Grab des Ptah-schepses, Abusir. Dynastie 5; nach de Morgan, Rev. arch. 1894, S. 28/29.
Ein weiteres Beispiel aus dem alten Reiche giebt eine Abbildung im Grabe des Ra'-schepses zu Sakkara[11], die gleichfalls aus der Zeit der 5. Dynastie stammt. Es ist auch hier eine Bündelsäule gemeint, wenn auch am Schaft die verschiedenen Stengel nicht besonders bezeichnet sind; die in kurzen Abständen angegebenen Umschnürungen des Schaftes sprechen deutlich für eine Bündelsäule.
Die besten Beispiele für die geschlossene Lotossäule liefert uns das mittlere Reich. Die Säulen dieser Art aus Benihassan sind allgemein bekannt. Hier ist eine derselben nach einer Lepsius'schen Aufnahme[12] in der Abb. 10 dargestellt. Die flache, kreisförmige Basis soll wohl wieder den Erdhügel vorstellen, aus dem dieses Mal vier zusammengebundene runde, nach oben sich verjüngende Lotusstengel herauswachsen, ohne die bei den Papyrussäulen üblichen Basisblätter, welche ja dem Lotus auch nicht zukommen, und ohne die auch nur beim Papyrus vorkommende Schwellung. Die farbigen Streifen dieser Stengel würde man leicht für die zusammenhaltenden Bänder halten können; mit Rücksicht auf die Farbentheilung der kleinen Zwischenstengel aber, bei denen zusammenhaltende Bänder nicht erforderlich wären, wird man sie jedoch nur für eine willkürliche Farbengebung zu halten haben, da auch ausserdem die Darstellung der sicher für Bänder anzusehenden Ringe dicht unter dem Kapitell dafür spricht, die fragliche Farbentheilung nicht auf Bänder zurückzuführen. Die vier Stengel sind also erst oben dicht unter den Knospen durch fünf Halsbänder zusammengefasst, nachdem zwischen die Hauptstengel noch vier „Zwischenstengel” gelegt sind, die manchmal, wie auch in dem Beispiel aus dem alten Reiche, kleine Knospen oder Blumen tragen. Das Kapitell selbst zeigt vier richtig geformte Knospen von Nymphaea Lotus mit der klaren Wiedergabe der charakteristischen Längsstreifen. Es sind nicht etwa oben abgestumpfte Knospen, die hier zur Darstellung gekommen sind, sondern ganze, wie aus der Bemalung am oberen Ende deutlich zu ersehen ist. Auf den Knospen ruht der das Gebälk aufnehmende sehr flache Abakus, der einzige Theil der Säule, welcher keinen rein ornamentalen Ursprung hat, sondern seine Form construktiven Rücksichten verdankt.
Abbildung 10.

Nymphaea Lotus-Säule mit geschlossenem Kapitell;
m. R. Benihassan. Grab 17, nach einer Aufnahme in Lepsius' Tagebuch (vgl. L. D. I, 60).
Neben den eben beschriebenen scheinen in Benihassan in Grab 18 auch noch andere Säulen derselben Gattung mit drei Zwischenstengeln — einem längeren und zwei kürzeren — zwischen je zwei Hauptstengeln vorzukommen; wenigstens glaube ich es so auf einer Petrie'schen Photographie[13] zu erkennen.
In Abbildungen finden sich diese Säulen naturgemäss auch, so z. B. in Bersche im Grabe des Kej (Abb. 11). Diese Zeichnung ist für die verschrobene Art der altägyptischen Darstellung nicht uninteressant. Die Theilung des Schaftes in mehrere Stengel ist nicht angegeben, die Zwischenstengel sind neben die Halsbänder gesetzt, die Knospen der Zwischenstengel haben falsche Richtung, und beim Kapitell könnte man im Zweifel sein, ob eine etwas geöffnete Knospe gemeint ist, oder ob es die vier Knospen des Bündelkapitells in Vorderansicht sein sollen. Man sieht, dass es manchmal nicht leicht gemacht wird, aus der altägyptischen Abbildung das wirkliche Aussehen der Säule zu ermitteln.
Abbildung 11.

Von einem Wandgemälde aus dem Grabe des Kej zu Bersche; m. R. Nach L. D. II, 134 b.
Als gutes Beispiel einer abgebildeten Säule dieser Art und Zeit mag hier noch eine aus Benihassan, wo solche öfter vorkommen, eine Stelle finden (Abb. 12). Sie hat dicht über dem Halsband ein merkwürdiges Ornament, das auf ausgeführten Säulen bisher noch nicht nachweisbar ist. Dass Lotus-Säulen mit geschlossenen Kapitellen übrigens auch ornamental Verwendung fanden, zeigt ein von Petrie in Kahun[14] gefundener Kandelaber, bei dem eine, allerdings nicht ganz regelmässig geformte Lotussäule mit geschlossenem Kapitell den Untersatz für die Schale bildet.
Abbildung 12.

Nach einem Wandgemälde in Grab 17 zu Benihassan; m. R. Nach Lepsius' Tagebuch.
Die bisher aufgeführten Beispiele stammen sämmtlich aus dem alten und mittleren Reich; merkwürdigerweise fehlt aus dem neuen Reich diese Säulenart gänzlich — wenigstens ist uns nichts davon erhalten. Erst in der Ptolemäerzeit sind wieder Beispiele und zwar in Philae und in el-Kab nachweisbar. Diese lehren uns jedoch für das Verständniss der älteren Exemplare nichts Neues; es mag daher an der Säule aus Philae (Abb. 13) nur auf eine uns hier zum ersten Male entgegentretende Eigenthümlichkeit der späten Säulen hingewiesen werden. Dieselben haben nämlich sehr häufig die Halsbänder nicht direct unter dem Kapitell, sondern ein ganzes Stück tiefer und zeigen zwischen Halsband und Kopf noch die richtigen Formen der Stengel, aus denen sich die Säule zusammensetzt. Unter dem Halsband sind diese späten Säulen meist glatt, d. h. ohne struktives Ornament, die für die Säulenformen unwesentlichen Bilder und Inschriften nicht zu rechnen. Merkwürdig ist bei den zuletzt citirten Säulen der Spätzeit noch, dass die dreifachen Zwischenstengel auf, nicht zwischen den Hauptstengeln sitzen.
Abbildung 13.

Nymphaea Lotus-Säule mit geschlossenem Kapitell zu Philae am Tempel der Isis-Wosret. Sp. Z.; Ptolemäisch. Nach L. D. I, 107.
Abbildung 14.

Säulen mit offenen Nymphaea Lotus-Kapitellen aus Isbayda;
a. R.; nach Petrie, Season, Taf. 25.
Abbildung 15.

Reconstruktion d. Querschnitts.
Flachrelief aus Giseh, Grab 16 des Imeri;
Dynastie 5; nach dem Abklatsch (34) des Berl. Museums und nach Lepsius' Tagebuch.
Reconstruktion d. Querschnitts.

Die „Säulen mit offenem Lotus-Kapitell” sind ebenso wie die mit geschlossenem bereits im alten Reich nachzuweisen. Die ältesten (Abb. 14) dürften die von Petrie in Isbayda aufgefundenen sein[15]; an diesen verräth aber nur der äussere Contour ihren Zusammenhang mit Nymphaea Lotus — sie mögen unvollendet sein. Durch verhältnissmässig zahlreiche, noch dem alten Reiche entstammende Abbildungen, die uns in verschiedenen Gräbern dieser Zeit erhalten blieben, ist es jedoch möglich, sich ein richtiges Bild von den ältesten offenen Lotus-Säulen zu machen. Ein sehr gutes Beispiel findet sich in Giseh, Grab 16 des Imeri, veröffentlicht in L. D. II, 52. Der Publication nach würde man allerdings kaum eine Blüthe von Nymphaea Lotus in diesem spitzblättrigen Kapitell erkennen, befragt man aber den Abklatsch, nach dem unsere Abbildung gezeichnet ist, so ist die uns bekannte Lotus-Form deutlich wiedergegeben (Abb. 15). Aus der wieder einen Erdhügel darstellenden Basis erwachsen vier runde schlanke Stengel in der durch den rekonstruirten Querschnitt angegebenen Anordnung.[16] Auf den Stengeln sitzt die geöffnete Blüthe mit richtigem Halbkreiscontour und den oben abgerundeten Blättern, die bis zur oberen Begrenzung des Kapitells gehen; unter der Blume sitzt ein merkwürdiger Ansatz, den man jedoch nicht etwa für den Fruchtboden ansehen darf; derselbe stellt vielmehr die „Halsbänder” dar. Die Zwischenstengel fehlen bei diesem Beispiel. Sie scheinen jedoch bei einem anderen, gleichfalls aus Giseh, Grab 89 des Sechem-ke-re' (Dyn. 5, L. D. II, 41b) stammenden vorhanden zu sein.[17] Aus dem Vorkommen der Zwischenstengel, der Halsbänder und der Schafttheilung sehen wir deutlich, dass es sich fast immer um Bündelsäulen handelt; es ist also wohl anzunehmen, dass die immer nur einfach gezeichnete Blume als Kapitell dem unbeholfenen Maler gewissermaassen nur die Signatur bildete für die sich ineinander verschneidenden vier Lotus-Blumen, die er nicht darstellen konnte.
Abbildung 16.

Reliefirte Pfeilerverzierung aus einem Grabe in Sawijet el Meitin;
a. R. Dynastie 6; nach L. D. I, 57.
Auch die anderen Beispiele aus dieser Zeit, die Säule aus dem Grabe des Chunes (Nr. 2) in Sawijet el Meitin[18] und dem Grabe Nr. 14 des Hepi ebenda[19], beide Dyn. 6, zeigen dieselben Eigenthümlichkeiten wie die bisher genannten. Hierher gehören auch die Darstellungen aus dem Grabe 1 und 2[20] daselbst, welche Lotusbündelsäulen mit sehr gut dargestellten offenen Kapitellen in Flachrelief als vortrefflich gewählte Pfeilerverzierungen zeigen (Abb. 16). Hier scheinen die Zwischenstengel auch offene herabhängende Blüthen zu tragen; bei den anderen Beispielen waren es wohl eher Knospen.
Man sieht, das offene Lotus-Kapitell ist im alten Reiche häufig; ich möchte es daher nur für einen Zufall halten, dass aus dem mittleren Reiche uns nur ein Beispiel bekannt ist, und zwar ist dies eine gemalte Säule in Grab 5 des Ke-nacht zu Bersche (Newberry, el Bersche, II, 15). Auch im neuen Reiche sind diese Säulen spärlich. Ich kenne die offenen Lotus-Kapitelle für diese Zeit nur von einigen abgebildeten Bouquetsäulen, z. B. aus Tell-Amarna, Grab 6, aus der Zeit Amenophis' IV. (Ende der 18. Dyn.)[21] und aus dem Grabe des Sen-nudem zu Theben (Dyn. 20).[22] Bei beiden kommt das offene Lotuskapitell mit den später zu erwähnenden Papyrus- und Lilienkapitellen zusammen vor. Das letztcitirte Beispiel giebt die Pflanze sogar farbig wieder. Thörichterweise hat hier aber der Maler dem Schafte der Säule die den Papyrusbündelsäulen zukommende Form und Theilung gegeben.
Abbildung 17.

Offenes Nymphaea Lotus-Kapitell aus Edfu, Ptolemäisch. Nach Prisse, Histoire de l'art égyptien.
Für den Mangel an wirklich guten, ausgeführten Beispielen aus dieser älteren Zeit entschädigen uns aber vorzüglich durchgeführte, sehr reiche Kapitelle der uns augenblicklich beschäftigenden Gattung aus der Spätzeit. Eines davon aus Edfu ptolemäischen Ursprungs (Abb. 17) mag hier als Beispiel dienen. Es zeigt natürlich wieder die schon oben besprochene Eigenthümlichkeit seiner Zeit, indem es noch von den Stengeln der Blumen zwischen Halsband und Kapitell ein Stück sehen lässt. Dies Kapitell erklärt uns, was mit den älteren Abbildungen gemeint war. Vier grosse offene Lotusblumen sitzen dicht nebeneinander, dazwischen je drei Blumen — eine grössere und zwei kleinere — auf Zwischenstengeln, wie wir sie auch schon oben einmal bei den geschlossenen Lotuskapitellen beobachten konnten. (S. S. 8, Anm. 1.) Damit wäre es eigentlich genug, und die alten Muster wären erreicht. Dem ptolemäischen Künstler genügte dies jedoch wohl noch nicht, und so setzte er noch zwischen je zwei der schon vorhandenen 16 Blumen noch eine ganz kleine — also im ganzen fernere 16. Auch führt er die Zwischenstengel tiefer herunter als die älteren Meister, da ja die Halsbänder, hinter denen sie stecken, tiefer sitzen als in älterer Zeit.
Der niedrige Abakus dieser Säule hat keinerlei Ornament und sitzt wie auch bei den übrigen Säulen ganz unorganisch auf dem Kapitell. Er hat eben nur eine constructive Function und ist meist so klein, dass er bei den weit ausladenden offenen Kapitellen von unten kaum zu sehen ist.
Somit hätten wir die Entwickelung der geschlossenen und offenen Lotussäule durch die ganze ägyptische Baugeschichte verfolgt und wenden uns nun zu der Pflanze, welcher die zweite Art der ägyptischen Nymphaeensäulen nachgebildet ist.
b. Nymphaea caerulea L.
Abbildung 18.

Nymphaea caerulea L.
Blüthe, Knospe und Blätter der Natur (Botan. Garten zu Berlin).
Die Nymphaea caerulea hat, wie unsere Abbildung (Abb. 18) zeigt, ein von dem der Nymphaea Lotus wesentlich verschiedenes Aussehen. Stengel und Blätter sind noch am ähnlichsten, nur dass die Blätter ohne Zähnung, also ganzrandig sind. Die Knospen sind jedoch spitzig, während die von Nymphaea Lotus elliptisch waren; auch sieht man unten schon etwas von dem gelblich schimmernden Fruchtboden. Die vier Kelchblätter der Knospe und Blüthe sind unten gelblich grün, höher hinauf ausgesprochen grün, von spitziger Form und mit kleinen, schwarzen oder röthlichen Haaren besetzt. Die wie bei Nymphaea Lotus regelmässig angeordneten Blüthenblätter sind ebenso geformt wie die Kelchblätter, und in der Farbe weiss mit violett sich abtönenden Spitzen. Nach den altägyptischen Abbildungen zu urtheilen, könnte es wohl sein, dass noch anders gefärbte Varietäten, nämlich solche mit ganz violetten bezw. bläulichen Blüthenblättern, früher in Aegypten heimisch waren.
Abbildung 19.

Nymphaea caerulea, als Opfergabe.
Von einem Relief aus Giseh, Grab 24 des Mer-eb; Dynastie 4; Original im Berl. Museum No. 1107. (Ausführl. Verzeichniss S. 38.)
Abbildung 20.

Nymphaea caerulea, als Opfergabe aus dem Sarge des Mentuhotep aus Theben; m. R.; Original im Berl. Mus. No. 9 (Ausführl. Verz. S. 73. Vgl. Steindorff, Grabfunde des m. R., Taf. 2).
Die Beispiele von ornamentaler Verwendung der Nymphaea caerulea sind ungeheuer zahlreich. Die blaue Nymphaea scheint die beliebteste Pflanze für decorative Zwecke gewesen zu sein. Aus dem alten Reich mag als Beispiel eine Reliefdarstellung aus Giseh, Grab 24 des Mer-eb (Abb. 19) aufgeführt sein. Aus dem mittleren Reiche kann eine farbige Darstellung aus dem Sarge des Mentuhotep (Abb. 20) und ein Stück von einem Wandgemälde aus Benihassan (Abb. 21) genügen; auf diesem sind auch Knospen und Blätter mit dargestellt. Auch ist hier nochmals auf das Titelbild von Newberry's el-Berscheh, Theil I, zu verweisen, auf dem man gut den Unterschied in der farbigen Darstellung von Nymphaea Lotus und Nymphaea caerulea sehen kann. Die Verschiedenheit der Contourierung zeigt oben unsere Abbildung 2 sehr anschaulich. Von den zahlreichen Beispielen des neuen Reiches sind nur ein Fries aus Tell-Amarna (Abb. 22) und eine Innenverzierung einer blauen Fayenceschale (Abb. 23) gewählt worden; weitere Beispiele wird der Leser mit Leichtigkeit in den Publicationen und Museen finden.
Abbildung 21.

Von einem Wandgemälde aus Benihassan. Grab 2; Dynastie 12; nach einer Skizze in Lepsius' Tagebuch.
Abbildung 22.

Fayence-Fries von Blüthen und Knospen von Nymphaea caerulea, aus dem Palast Amenophis' IV. zu Tell-Amarna. Dynastie 18. ½ nat. Grösse. Original im University College, London.
Nebenbei soll noch erwähnt werden, dass die Blätter von Nymphaea caerulea ein beliebtes Motiv für Fächerformen[23] bildeten, da sie vermuthlich in früher Zeit selbst als Fächer Verwendung fanden. In der Schrift kommt das Blatt (s. Abb. 18 u. 21) als Silbenzeichen und als Zeichen für 1000[24] vor.
Abbildung 23.

Innenverzierung einer blauen Fayenceschale.
N. R. Original im Berl. Museum No. 9430.
Aus den aufgeführten Beispielen können wir ohne Weiteres das entnehmen, was dem ägyptischen Maler als charakteristisch für Nymphaea caerulea aufgefallen ist: Das Blatt erhält fast immer seine richtige, naturalistische Form; Fälle, in denen es einmal etwas anders gezeichnet erscheint (Abb. 23), sind selten. Die Blüthe ist stets spitzig, grün mit gelblichem Fruchtknoten; die Härchen auf den Kelchblättern sind in zahlreichen Fällen durch Strichelchen wiedergegeben. Die beiderseitigen äusseren Umrisslinien der Blüthe sind wie in der Natur stets etwas steif und gerade; selten zeigt sich nur eine leise Biegung nach aussen. Die stets spitzen Kelch- und Blüthenblätter berühren natürlich in allen Fällen den oberen Contour.
Wir haben hiermit die Beschreibung der Darstellungen von Nymphaea caerulea erschöpft und kommen nunmehr zu der eigentlichen Aufgabe dieses Abschnitts, die von Nymphaea caerulea abgeleiteten Säulentypen zu bestimmen.
Abbildung 24.

Offenes Nymphaea caerulea-Kapitell von einem gemalten Baldachin, in Grab 13 zu Qurna; n. R. Dyn. 18; Zeit Amenophis' II; nach L. D. III, 63a.
Es muss sogleich vorausgeschickt werden, dass ausgeführte Säulen mit Nymphaea caerulea-Kapitell überhaupt nicht erhalten sind; ein einziges Säulenfragment zeigt unter dem eigentlichen Kapitell eine Verzierung von plastisch nachgebildeten Blüthen und Knospen von Nymphaea caerulea[25], und zwei neuerdings im Arsnuphistempel zu Philae gefundene Säulentrommeln aus Ptolemäischer Zeit[26] zeigen Zwischenstengel mit Blüthen und Knospen von Nymphaea caerulea. Verschiedene Abbildungen lassen jedoch darauf schliessen, dass Säulen mit dem fraglichen Kapitell vorkamen. Und zwar nur Säulen mit offenem Kapitell; mit geschlossenem haben sich bisher noch keine nachweisen lassen. Die Knospe findet höchstens auf den Zwischenstengeln Verwendung.
Abbildung 25.

Kapitell und Sockel von einem gemalten Baldachin in Grab 8 zu Qurna; n. R.; Dynastie 18. Zeit Amenophis' III.; nach L. D. III, 77e.
Die ältesten Säulen mit offenen Nymphaea caerulea-Kapitellen kommen erst im neuen Reiche vor; es sind zwar in Lepsius' Denkmälern einige Kapitelle abgebildet, die man wegen ihrer spitzen Blätter für Nymphaea caerulea halten könnte, jedoch liegt der Verdacht nahe, der auch durch den Vergleich mit den noch vorhandenen Abklatschen bestätigt wird, dass die Publication in diesen Fällen ungenau ist und sich im Originale Nymphaea Lotus-Kapitelle dargestellt finden.
Unter Amenophis II. erscheinen die ersten Beispiele in Gräbern zu Qurna, merkwürdigerweise mit einer sonst nicht vorkommenden Zuthat. Zwischen Kapitell und Abakus ist nämlich eine Platte mit vier Löwen- (s. Abb. 24) oder an einer anderen Stelle mit Sperberköpfen eingefügt.[27] Unsere Abbildung stellt wohl wieder eine Bündelsäule mit offenem Kapitell und mit Knospen tragenden Zwischenstengeln vor. Letztere sind, wie wir das bereits bei anderen Darstellungen kennen, neben die Halsbänder anstatt durch dieselben gesteckt abgebildet. Zu bemerken ist, dass die Halsbänder bei diesen Säulen vielfach über einen weiteren Raum vertheilt sind, als bei anderen Arten üblich. Der Schaft ist meist ganz gerade, oft ohne jede Basis, jedoch kommen auch Schäfte mit Schwellung vor (Abb. 25), die irrthümlich von Papyrussäulen entnommen sein dürften. Bei dem zuletzt citirten Beispiel tritt uns zum ersten Male eine Eigenthümlichkeit entgegen, die an Säulen aller Gattungen unter der 18. Dynastie, besonders aber unter Amenophis IV. vorkommt: die von den Halsbändern abflatternden, verschiedenfarbigen Bandenden. Nach den Abbildungen, welche uns solche festlich geschmückten Säulen zeigen, lässt sich jedoch die Frage nicht entscheiden, ob diese Bandenden jemals in der eigentlichen Architektur eine Rolle gespielt haben und ob sie etwa in flachem Relief auf den Säulenschäften unter den Halsbändern dargestellt wurden. Nur bei den später zu besprechenden Palmensäulen findet sich Aehnliches, worauf noch unten (S. 48 u. 49) zurückzukommen sein wird.
Abbildung 26.

Kapitell und Sockel mit Farbenangabe, von einem gemalten Baldachin aus Qurnet-Murrai; Grab des Huj; n. R.; Dynastie 18; Zeit des Twet-anch-amon; nach L. D. III, 118.
Abbildung 27.

Hals einer Bündelsäule mit Zwischenstengeln von Nymphaea caerulea.
Philae. Tempel des Arsnuphis. Ptolemäisch. Eigne Aufnahme.
Als letztes Beispiel einer offenen Nymphaea caerulea-Säule aus dem neuen Reiche mag hier noch eine solche (Abb. 26) aus einer Abbildung aus dem Grabe des Huj zu Qurnet Murrai dienen; dieselbe ist mit Farbenangabe publicirt; man sieht daraus, wie wenig sich die ägyptischen Architektur-Maler in vielen Fällen an die natürlichen Farben hielten.
Hiermit ist die Reihe der Beispiele natürlich noch nicht erschöpft, auch in etwas späterer Zeit kommt das offene Nymphaea caerulea-Kapitell noch vor, z. B. in der bereits oben bei Nymphaea Lotus citirten Bouquetsäule aus dem Grabe des Sen-nudem in der 20. Dyn.[28]; später jedoch scheint es ausser Mode gekommen zu sein. Aus der Spätzeit ist mir wenigstens kein Beispiel bekannt, wenn man nicht die schon oben erwähnten Säulentrommeln (Abb. 27) vom Arsnuphistempel auf Philae hierher rechnen will, welche Nymphaea caerulea als Blüthe und Knospe auf den dreifachen Zwischenstengeln zeigen.
Damit wären die Nymphaeensäulen sämmtlich besprochen; wir haben also drei Arten derselben: die geschlossene Nymphaea Lotus-Säule, die offene von derselben Pflanze abgeleitete und die offene Nymphaea caerulea-Säule. Wir müssen jedoch noch einer dritten Art von Nymphaeen, die zeitweise in Aegypten vorkam, Erwähnung thun, wenn auch nur um zu zeigen, dass sie ohne jeden Einfluss auf ägyptische Kunstformen geblieben ist:
c. Nymphaea Nelumbo L.
Abbildung 28.

Nymphaea Nelumbo L.;
Blüthe, Knospe und Blätter nach der Natur; Botan. Garten zu Berlin.
Diese von den bisher besprochenen Nymphaeen gänzlich verschiedene Art macht, wie die Abbildung 28 zeigt, überhaupt nicht den Eindruck einer Nymphaee. Die weit aus dem Wasser hervorstehenden, napfförmigen Blätter bilden ganze Gebüsche, aus denen die rosenartigen Blumen hervorsehen. Am merkwürdigsten ist der Fruchtstand, den Herodot[29] sehr ansprechend mit einem Wespennest vergleicht und den Neuere nicht übel mit der Brause einer Giesskanne verglichen haben.
Altägyptische Darstellungen von Nymphaea Nelumbo finden sich nicht, wohl aber haben sich einige auf Kunstwerken der Spätzeit nachweisen lassen. Im Ptolemäischen Tempel zu Esneh[30], auf dem Mosaik von Palestrina und auf der berühmten vatikanischen Nilstatue finden sich Exemplare von Nymphaea Nelumbo abgebildet; an der zuletzt erwähnten Stelle übrigens nur Früchte mit falschen Blättern. Dieses späte Auftreten von Nymphaea Nelumbo in den Darstellungen ist nicht weiter wunderbar, da die Pflanze, wie neuere Arbeiten[31] gezeigt haben in Aegypten ursprünglich nicht heimisch war, und auch heutigen Tages dort nicht mehr wild vorkommt. Herodot ist der erste, der um 450 v. Chr. über sie berichtet, und Prosper Alpinus, der um 1580 n. Chr. die ägyptische Flora beschreibt, erwähnt sie schon nicht mehr. Die Ansicht Schweinfurth's scheint daher sehr annehmbar, dass Nymphaea Nelumbo durch die Perser aus Asien nach Aegypten eingeführt worden ist, sich aber auf die Dauer dort nicht halten konnte.
Das Fehlen von Nymphaea Nelumbo in der älteren Zeit, in der die Säulenformen sich bildeten, verbietet es also, irgend eine ägyptische Kapitellform auf die Blüthe oder, wie es auch geschehen ist, auf das Blatt dieser Nymphaea zurückzuführen.
Zum Schlusse der Besprechung wollen wir noch einmal kurz die Merkmale der Nymphaeen-Säulen zusammenstellen, durch welche sie sich von der ihnen gegenüberstehenden Kategorie der Papyrussäulen unterscheiden:
Die Basis fehlt manchesmal, was bei Papyrussäulen nie der Fall zu sein scheint. Der Schaft hat keine Schwellung und keine „Fussblätter”, wie wir sie bei den Papyrussäulen kennen lernen werden. Die Zwischenstengel sind wie die Hauptstengel mit Nymphaeenknospen oder Blumen gekrönt, deren Umrisslinien von denen der Papyrussäulen äusserst verschieden sind. Die „Kopfblätter”, d. h. die Kelchblätter des Kapitells gehen bis zum oberen Rande, während sie bei den Papyrussäulen wesentlich kürzer sind.