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Der Deutsche Lausbub in Amerika, Erinnerungen und Eindrücke. Band 3 (von 3)

Dritter Teil

Reading edition

Von der Zeltstadt zum Signalfort.

Im Gesundheitslager. — Was Sergeant Souder als Engelein tun würde. — Die auf-neu lackierten Fahrräder. — Reiseorder! — Ahnungen von harter Arbeit. — Wie wir mit dem 21. Infanterieregiment pokerten. — Nachwirkungen des Kubakrieges. — Vom geruhigen Leben des amerikanischen Regulären. — Der bestbezahlte und am wenigsten arbeitende Soldat der Welt. — Vom verschwenderischen Onkel Sam. — Wie der Reguläre auf Staatskosten marschiert. — Vorzügliche Soldaten, aber keine Armee. — Major Stevens übernimmt das Signalfort.

»Ich möchte doch wieder einmal schlechten Kubaspeck aus dem Feldgeschirr futtern!« meinte Sergeant Souder nachdenklich, mit gelangweilter Miene das delikate Roastbeef auf der Porzellanplatte betrachtend. »Es ist ja sehr nett, dieses Montauk Point, außerordentlich nett, aber — hm — alles Schöne auf dieser Welt — na, wie soll ich sagen — alles Schöne darf nicht endlos schön sein! Es muß etwas anderes, weniger Schönes, dazwischen kommen. Dja. Wenn ich heute ein Engelein wäre, immer Harfe spielen, immer fromme Loblieder singen müßte, so würde zweifellos sehr bald das heiße Verlangen über mich kommen, dem alten Petrus zur Abwechslung 'mal die Zunge 'rauszustrecken! Ich finde Montauk Point sehr langweilig, gentlemen!«

»Mir hängt's zum Hals 'raus,« grinste ein neugebackener Korporal. »Wenn man wenigstens hier und da einen Cubano hauen könnte...«

So gärt in Menschenkindern stets die Unzufriedenheit. Da fütterte der gute dankbare Onkel Sam seine Signalkorpssergeanten mit Delikatessen, erkundigte sich durch seine Oberstabsärzte zweimal täglich nach ihrer werten Gesundheit, spendete ungezählte Bierflaschen als leichte gesundheitliche Anregung — und wir Signalsergeanten schimpften zum Dank. Wir wollten sehen, erleben, uns rühren. Wir pfiffen auf die Oberstabsärzte. Wir waren schon so gesund, daß wir ganz gern auch wieder einmal krank gewesen wären. Wir langweilten uns schrecklich. Die Neuyorkerinnen kamen leider seit Wochen auch nicht mehr. Auch sie waren offenbar des Schönen überdrüssig geworden! Es war trübselig.

Da kam endlich eine kleine Abwechslung.

Ein gerissener Neuyorker Geschäftsmann hatte sich zwei und zwei zusammengerechnet und sehr richtig auskalkuliert, daß die Jungen in Blau im Gesundheitslager von Montauk Point mit all ihrer angesammelten Kriegslöhnung eine gewisse Kaufkraft besitzen mußten. Solch' eine wundervolle Gelegenheit, sein Lager von alten, rumpeligen, wertlosen, aber fein lackierten Fahrrädern loszuwerden, bot sich sicher niemals wieder! Der Geschäftsmann aus Neuyork setzte sich also mitsamt seinen Fahrrädern auf die Eisenbahn und dampfte gen Montauk Point. Der Zufall und unser Pech — oder vielmehr das Pech der 21. Infanterie, man wird später sehen! — wollte es, daß er auf seinem Raubgang zuerst in das Signalkorpslager kam, und kaum eine Stunde später waren sämtliche Signalkorpssergeanten glückliche Besitzer von angeblich nagelneuen Fahrrädern; Hastings, Souder, Ryan, Baldwin, ich — alle, einfach alle.

Worauf der Mann aus Neuyork verschwand und wir uns anschickten, radfahren zu lernen.

Leutnant Burnell, in Abwesenheit des beurlaubten Majors unser Kommandeur, lachte uns aus und gab uns den niederträchtigen Rat, man lerne radfahren am schnellsten und bequemsten, wenn man von einem steilen Hügel herabfahre. Es ginge dann ganz von selber. Man könne — könne! sagte er — natürlich fallen, aber das gehöre nun einmal dazu. Der Rat leuchtete uns auch ein. Wir waren gerade in der Laune zu Tollheiten. Am Lagerrand suchten wir uns einen passenden, hübsch steilen, sandigen Hügel aus, über den die Jerseystraße führte. Sie war nicht sehr breit, höchst krumm, und hatte eine Einfassung von großen Steinen. Oben angelangt, setzten wir uns auf unsere Räder, packten die Lenkstangen und —

Sieben Sekunden später wünschte ein etwas wirrer Knäuel von neun Signalkorpssergeanten einem kommandierenden Leutnant Gesundheit und langes Leben!

Einige Räder waren ein wenig verbogen, sonst aber noch ganz gut; einige Köpfe verbeult, einige Arme und Beine abgeschürft. Am schlimmsten derangiert waren die Steine am Wegrand. Wir überlegten uns nun die Sache, hielten ein vergnügtes Palaver, und kamen überein, daß nie mehr als einer zur gleichen Zeit fahren sollte, damit die anderen zusehen konnten und so wenigstens ein bißchen Lustigkeit bei der Geschichte war. Als Jüngster kam ich zuerst daran und — ein brüllendes Jubelgeschrei, ein Höllengelächter belehrten mich, daß das Zuschauen amüsant sein mußte.

Mir persönlich jedoch war zumute, als hätte mich der Teufel geholt und führe mit mir davon...

Während ich den Sand ausspuckte und mein linkes Schienbein rieb, stand plötzlich ein Herr in Seidenhut, Gehrock, hellen Beinkleidern da — Major Stevens, vom Urlaub zurückgekehrt. Hastings wollte mechanisch melden: »Fünf Sergeanten erster Klasse und vier Sergeanten...« als ihn der Major unterbrach:

»Weiß ich, lieber Hastings. Sehe ich! Sagen Sie 'mal — sollte das Detachement plötzlich verrückt geworden sein? Wo haben Sie denn die Fahrräder her? Weshalb fahren Sie denn gerade die niederträchtig schlechte Straße da herunter?«

»Gekauft, Major, und —«

»Gekauft? Das ist ja Unsinn, Hastings. In Fort Myer bekommt das ganze Detachement sowieso Fahrräder geliefert. Ich bitte mir aus, daß die alten Dinger da weggeschafft werden. Sie werden schon Mittel und Wege finden. Es freut mich übrigens, daß Sie alle so ausnehmend lebendig zu sein scheinen, denn es wird Ihnen demnächst an ausgiebiger Gelegenheit zur Betätigung nicht fehlen. Wir haben Reiseorder! Morgen früh sieben Uhr, Sergeant!«

Schleunigst sammelten wir die Fahrräder auf und eilten nach den Zelten, während der Major nachdenklich die Düne entlangschritt, das Spazierstöckchen schwingend. Uns alle plagte die Neugierde. Zwar wußten wir längst, daß in Fort Myer bei Washington das Hauptquartier des Signalkorps errichtet werden sollte und keiner von uns Aussicht hatte, in nächster Zeit wieder nach Kuba oder gar nach den Philippinen kommandiert zu werden; eine richtige Vorstellung aber, wie es in dem neuen Signalfort aussehen würde, konnte sich keiner von uns machen. Unsere Lage war bezeichnend für die Zustände nach dem Krieg. Verschiedene Sergeanten und alle Signalleute waren nach und nach von Montauk Point zum Stab der Philippinenarmee, die sich in San Franzisko bildete, beordert worden, bis schließlich nur wir übrig blieben: Ein Major, ein Leutnant, fünf Sergeanten erster Klasse und vier Sergeanten stellten den Mannschaftsbestand dar, aus dem sich das neue Signalfort zusammensetzen sollte! In Wirklichkeit freuten wir uns alle auf den Wechsel und das Neue, aber gebrummt mußte werden nach Soldatenart.

Der erfahrene Hastings schüttelte den Kopf. »Der Alte« — das war der Major — »macht mir ein viel zu energisches Gesicht,« sagte er. »Weiß der Teufel, was der während seines Urlaubs in Washington alles ausgeknobelt hat! Kann mir lebhaft vorstellen, wie er im Kriegsministerium herumgesaust ist! Ich habe so eine Ahnung, Jungens, als ob uns heidenmäßige Arbeit bevorstünde!«

»Das können wir uns selber denken,« lachte Ryan. »Wenn neun Sergeanten ein ganzes Signalfort gründen sollen, so ist's mit dem Nachmittagsschlafen vorbei.«

»Donnerwetter, wer soll denn kochen?« rief Souder. »Ein Sergeant etwa?«

»Das ist mir egal,« erklärte Hastings. »Ich jedenfalls nicht.«

»Du tust dich leicht, als Rangältester,« knurrte Souder. »Du wirst natürlich erster Sergeant« — first sergeant, so wird in der amerikanischen Armee der Wachtmeister genannt — »und drückst dich gemütlich im Büro herum. Dito Carlé. Es gibt doch immer Leute, die sich das richtige Plätzchen zum Hinlümmeln auszusuchen verstehen. Im übrigen wird es ganz nett werden, glaube ich. Was mich ärgert, ist nur, daß ich auf meine alten Tage« — Souder war kaum einundzwanzig — »noch den Rekrutenkorporal spielen soll! Von links und von rechts, von oben und von unten werden sie daherkommen, die Rekruten, und wenn es auch wahrscheinlich Berufstelegraphisten sein werden, so müssen wir ihnen doch erst die militärischen Töne beibringen. Was kein Vergnügen ist, gentlemen!«

Wir ließen jedoch bald von Erwägungen ab, die nur rein spekulativer Natur sein konnten, und beschäftigten uns praktischer damit, die kaum gekauften Fahrräder wieder zu verschachern. Die kurze Bemerkung des Majors, daß uns in Fort Myer Räder geliefert werden würden, hatte uns die Freude an dem neuen Spielzeug gründlich versalzen; wer wird sich auch ein Fahrrad kaufen, wenn er eins gratis bekommen kann! Wir wollten unser Geld wieder haben!

Zu diesem Zwecke begaben wir uns in die nächsten Zelte, in denen das 21. Infanterieregiment hauste, und erklärten den Unteroffizieren ausführlichst, daß wir Reiseorder hätten und die Fahrräder nicht mitnehmen dürften. Aus besonderer Liebe und Freundschaft würden wir sie ihnen furchtbar billig verkaufen. Sie wollten aber gar nicht anbeißen.

»Kinder, so billige Fahrräder kriegt ihr im Leben nicht wieder!« sagte Hastings bekümmert.

»Direkt geschenkt!« sekundierte ich.

Doch die 21. Infanterie machte gesucht gleichgültige Gesichter, und wir verfluchten innerlich unsere antiquarischen Fahrräder. Doppelt verfluchten wir den geschäftsklugen Mann aus Neuyork, der sie und uns lackiert hatte.

Da hatte Souder einen genialen Gedanken.

»Wißt ihr was?« sagte er. »Ihr seid nette Jungens, und wir wollen euch Gelegenheit geben, diese neuen, feinen, wertvollen Fahrräder umsonst zu bekommen. Wir spielen einfach ein bißchen Poker, und ein Fahrrad gilt immer zehn Dollars. Einverstanden?«

Natürlich waren sie einverstanden, wie Souder als feiner Psychologe vorausgesehen hatte; daß ein amerikanischer Regulärer der Verlockung eines Spielchens Poker widerstanden hätte, war seit Menschengedenken nicht dagewesen! Und als wir spät abends zu unseren eigenen Zelten zurückkehrten, waren wir unsere Fahrräder los, hatten den Infanteristen ein unmenschliches Geld abgenommen, und ihnen ihr sämtliches Bier ausgetrunken.

»Das wäre erledigt,« sagte Sergeant Souder.

Als wir am Offizierszelt vorbeikamen, rief uns der Major an. »Wollen Sie mir freundlichst auseinandersetzen, Sergeant Hastings,« sagte er, »weshalb ich seit drei Stunden keine Menschenseele im Lager auftreiben kann? Natürlich ist beim Einundzwanzigsten drüben wieder gepokert worden, ganz gegen Orders, nicht wahr?«

»Yes, sir,« antwortete der alte Sergeant mit einem seraphischen Lächeln. Er hatte sehr viel Bier getrunken. »Yes, sir. Die vom Einundzwanzigsten haben jetzt unsere Fahrräder und wir haben ihr Geld!«

»Bande!« knurrte der Major und drehte sich scharf um. Wir hörten ihn und Leutnant Burnell im Zelt laut lachen.

Die Order des Kriegsministers, die wir beim Appell am nächsten Morgen in den üblichen gedruckten Formularen erhielten, drückte sich sehr allgemein aus. Sie lautete ungefähr so: »Major G. W. S. Stevens, U. S. Volunteer Signalkorps, Leutnant John W. Burnell, die Sergeanten erster Klasse Soundso und die Sergeanten Soundso des U. S. Signalkorps haben sich sofort nach Eintreffen dieser Order nach Washington, Distrikt von Columbien, zu begeben, und von dort aus nach Fort Myer in Virginien. Major Stevens wird, den Anweisungen des Chief Signal Officer unterworfen, den Signalkorpsposten Fort Myer organisieren und zweihundertundfünfzig neu zu rekrutierende Signalmänner ausbilden. Die Sergeanten sind bis auf weiteres als auf detachiertem Dienst zu betrachten.«

»Hallelujah!« flüsterte Souder, der neben mir in Reih und Glied stand.

Denn detachierter Dienst bedeutete eine Löhnungszulage von über hundert Dollars im Monat, die Onkel Sam sonst nur denjenigen Sergeanten gewährte, die zu den Rekrutierungsstellen in den großen Städten abkommandiert waren.

Durch die Unabhängigkeitserklärung Kubas im Friedensschluß war die Lage auf der Insel keineswegs geklärt. Parteien und Parteichen, alte und neue Insurgentenführer, voran der alte Rebell Gomez, zankten sich um den Raub, und dem durch viele Jahre der Mißwirtschaft, der Revolution und des wirtschaftlichen Niedergangs ausgepreßten Land schien wiederum ein Bürgerkrieg bevorzustehen, als die Vereinigten Staaten abermals eingriffen und die Insel unter militärische Verwaltung nahmen. Das Programm der Washingtoner Regierung, stark beeinflußt zweifellos durch das amerikanische Kapital, war, Ruhe und Frieden auf der Insel herzustellen und die militärische Diktatur so lange auszuüben, bis die politischen Zustände das Bilden einer Regierung erlaubten, der Vertrauen entgegengebracht werden konnte. Dieser Beschluß der Vereinigten Staaten verursachte ihnen nicht geringe Schwierigkeiten, denn die Okkupation Kubas wurde allgemein nur als Vorläufer der Annexion betrachtet. Es ist auch sehr fraglich, ob Washington sein Programm damals wirklich in gutem Glauben aufstellte und sich nicht in naher Zukunft eine Lage auf der Insel erhoffte, die Anlaß zu endgültigem Besitzergreifen geben würde; tatsächlich aber spielten sich die Ereignisse programmgemäß ab: die Insel Kuba wurde, wenn auch nach Ablauf geraumer Zeit, der Selbstverwaltung einer republikanischen Regierung übergeben und ist frei und autonom geblieben bis auf den heutigen Tag. Sie wird es nicht bleiben. Sie ist eine reifende Frucht, die früher oder später von den Männern des Sternenbanners gepflückt werden wird. Das schöne Wort vom Cuba libre, vom freien Kuba, ist wie die Ueberschrift eines Märchens, das nur sehr kleine und sehr brave Kinder glauben. Denn über Cuba libre schwebt die harte Faust Onkel Sams. Die Inselrepublik wird in Wirklichkeit vom Standpunkt amerikanischer Interessen aus verwaltet. Es wird nicht lange dauern, und der Freiheitstraum der Kubaner ist ausgeträumt. Es bedarf dazu nur eines Schwankens der Weltlage, das der Monroedoktrin mehr Ellbogenraum gibt.

Die nächstliegende Aufgabe der amerikanischen Regierung inmitten dieser Schwierigkeiten war die Verstärkung der Armee.

Die Besetzung Kubas erforderte Truppen.

Portorico brauchte auch Truppen.

Nach den Philippinen mußten ebenfalls Truppen geschickt werden.

Dort sahen sich die Amerikaner einer Bevölkerung von kriegerischen Eingeborenen unter ehrgeizigen Führern gegenüber, die jeden Fußbreit des Landes zähe verteidigten und dem Eroberer einen unendlich langwierigen Kleinkrieg in sumpfiger Wildnis aufnötigten.

Aus dem plötzlichen Mehrbedarf an Truppen ergaben sich neue und dauernde Ansprüche an die Leistungsfähigkeit und die Organisation der amerikanischen Armee, deren Verhältnisse sich nun fast über Nacht von Grund auf veränderten und verändern mußten. Wie mit einem Schlag.

Die schrecklichen Zeiten des Bürgerkrieges, die auf beiden Seiten brutalste militärische Diktatur brachten, hatten eine starke Reaktion gegen den Soldatenrock ausgelöst, trotz aller Begeisterung für die Kämpfer und die Kämpfe des Kriegs. Nach kurzer Uebergangsperiode sank die Effektivstärke der regulären Armee gewaltig und betrug viele Jahre hindurch kaum 25 000 Mann. Die freilich zahlreiche Miliz war völlig bedeutungslos. Die Freiwilligenregimenter der einzelnen Staaten hatten kaum militärische Ausbildung genug, halbwegs in Formation zu marschieren, und die in einzelnen Städten und Städtchen verstreuten Kompagnien waren wenig mehr als Vereine, Klubs, Gesellschaften, in denen man Milizbälle organisierte. Praktisch kam die Miliz nur bei den seltenen Streiks großen Umfangs und lokalen Unruhen zur Geltung. Der wirkliche Soldat aber, der Reguläre, war zum Polizisten der Zentralmacht in Washington geworden. Er übte im mittleren Westen und im Nordosten die Indianerpolizei aus. Es kam außerordentlich selten vor, daß die reguläre Armee sich zu größeren Verbänden zusammenfand, denn die Indianerkriege waren fast immer Polizeikämpfe mit einzelnen Banden. In Kompagnien, Schwadronen, Batterien, und häufig in Halbkompagnien sogar waren die 25 000 Mann über das Land verteilt, zur großen Mehrzahl in einsamen Forts im Westen, zur Minderzahl in Rekrutierungsforts in der Nähe von großen Städten. Der Brigadegeneral bekam seine Brigade niemals beisammen zu sehen. Militärische Ausbildung im europäischen Sinne wurde so zur Unmöglichkeit, und die Gesamtorganisation stand nur auf dem Papier. Die Armee löste sich in Polizeiwachen auf... Eigentümliche militärische Zustände und ein eigenartiger Soldatentyp entstanden.

Der amerikanische Soldat war — und er ist es noch — der am besten bezahlte, der am besten ernährte, der am besten gekleidete und am wenigsten arbeitende Soldat der Welt. Als Begriff geschätzt, wurde er von seinen Mitbürgern als Einzelperson wenig hochgeachtet. Goldbeknöpfter Sohn eines Tagediebs — faulenzender Dreizehndollarmann — Schießprügelspazierenführer — das waren so die Beinamen, wie sie die liebe Oeffentlichkeit ihm gab, und sie wurden immer zahlreicher und bissiger, als die Indianerunruhen völlig aufhörten, und die reguläre Armee nach dem Ermessen des amerikanischen Bürgers gar keine Existenzberechtigung mehr hatte.

Der Reguläre scherte sich den Kuckuck darum.

Er lebte ein geruhiges Leben, voll der schönsten Gemütlichkeit und führte ein ungemein beschauliches Dasein in den kleinen Forts, fast immer in wundervoller landschaftlicher Lage. Am Rande einer wohlgepflegten Wiese, dem Paradegrund, standen hübsche Holzhäuschen mit breiten Veranden und Gärten. Dort hauste der Reguläre in blitzblanken Stuben. Auf der anderen Seite des Paradegrunds waren die schmucken Offiziershäuschen, denn in diesem Sybaritenland des Soldaten war jedem einzelnen Offizier, sei er nun Unterleutnant nur oder Oberst und Kommandeur des Forts, ein eigenes Häuschen samt Einrichtung auf Staatskosten zur Verfügung gestellt. Des Morgens früh rief ein Signal den Regulären zu gymnastischen Uebungen, damit er gesund und im Training bleibe, nachdem das Tagewerk mit einem ausgiebigen Frühstück von Kaffee, gebratenem Speck, Eiern und Hafergrütze begonnen hatte. Vielleicht schoß er dann ein bißchen oder die halbe Kompagnie führte gar eine Gefechtsübung in Feuerlinie aus, aber um 1 Uhr nachmittags war nach unverbrüchlicher Gepflogenheit die saure Arbeit beendet. Das dinner um 1 Uhr ungefähr, die nach amerikanischer Sitte sehr reichliche Hauptmahlzeit des Tages, bedeutete praktisch Abschluß des Dienstes. Nur ein winziger Teil der Mannschaften hatte allnachmittäglich die Routinearbeit des Forts zu leisten und dabei überanstrengte man sich so wenig, daß zehn Mann einen ganzen Nachmittag angenehm damit verbrachten, dreißig Papierschnitzel von der Paradewiese aufzulesen. Hier strichen drei oder vier Mann eines der Holzhäuschen neu an, denn blitzblanke Sauberkeit war das Alfa und das Omega des Lebens in den Forts; dort geleiteten zwei Mann im Schneckentempo ein Mauleselgefährt, das Proviant nach dem Büro des Quartiermeisters brachte. Solch schwere Arbeit wurde dem amerikanischen Soldaten höchstens zweimal in der Woche zugemutet und einmal oder zweimal nur zog er auf Wache. An den übrigen Nachmittagen war er ein freier Mann, der sich nach eigenem Ermessen vergnügte. Auf weiten Wiesen hinter den Linien — der Paradegrund war geheiligt und durfte außerdienstlich nur von dem Fuß eines Offiziers betreten werden — wurde Ball geschlagen und Fußball gespielt. Die Kompagniekammer lieferte jederzeit Jagdgewehre und Munition zu Jagden in der Umgebung, und Jagdurlaub auf längere Dauer wurde mit Vergnügen gewährt und sogar durch kleine Geldhilfen unterstützt. Nur um 7 Uhr abends unterbrach noch einmal eine militärische Zeremonie das Leben der Beschaulichkeit. Dann wurde unter den Klängen des star spangled banner, von der Kapelle gespielt, feierlich die Flagge vor dem Hause des Kommandeurs niedergeholt, während die Mannschaften auf dem Paradegrund angetreten waren und weißbehandschuht die amerikanischen Farben salutierten. Des Abends dann standen dem müden Mann zwei Kantinen zur Verfügung, allwo er sich von den Strapazen des Tages erholen konnte; eine offizielle Fortkantine in den Linien und eine höchst unoffizielle Kantinenkneipe außerhalb der Linien, die im Verborgenen blühte. In der Fortkantine gab es leichtes Bier, unschuldige Brettspiele, allerlei Wochenschriften und sogar gelegentlich fromme Traktätchen, die aber sehr bald zu verschwinden pflegten; die heimliche Kantine wartete mit stärkeren Genüssen auf. Denn Mr. Regulärer hatte auch seine kleinen Laster, deren vornehmlichstes es war, daß er sich mit Haut und Haaren dem Spielteufel verschrieben hatte. So fein, so ausdauernd, und so bodenlos leichtsinnig wie er spielte niemand Poker, und wenn der Zahlmeister gekommen war mit den 13 Dollars, so ließ es ihm sicher keine Ruhe, bis sie sich entweder sehr vermehrt hatten oder gänzlich heidi waren. So fanden sich die Regulären und die Spielratten der Umgebung in trautem Verein in der heimlichen Kantine zusammen, um sich bei schlechtem Whisky gegenseitig die Hälse abzuspielen. Die Umgebung kam übrigens gewöhnlich sehr schlecht dabei weg.

Ein militärisches Idyll.

Mehr Sport und Training, als militärische Ausbildung. Ein oberflächlicher Beobachter konnte den Eindruck gewinnen, daß Onkel Sam nutzlos Unsummen von Geld für dieses Spielzeug einer Armee ausgab. Denn der Mann, der so beschaulich dahinlebte, bezog eine monatliche Löhnung von dreizehn Dollars, die obendrein von Jahr zu Jahr stieg; er erhielt ein so reichliches Kleidergeld, daß er sich noch manchen Dollar ersparen konnte im Jahr; er wurde beherbergt und beköstigt wie kein anderer Soldat der Welt. Onkel Sam sorgte für ihn in jeder Weise. Nach Ablauf einer gewissen Dienstzeit durfte er sich verheiraten und hatte Anspruch auf ein Häuschen hinter den Linien und auf doppelte Rationen — er war pensionsberechtigt — er bekam sogar ein hübsches Sümmchen in bar, wenn seine jeweilige Dienstzeit von drei Jahren abgelaufen war. Freilich mußte er dabei Glück haben. Eine eigentümliche Gepflogenheit der Armee nämlich schrieb vor, daß der Soldat nach Ablauf seiner Dienstzeit auf Staatskosten nach dem Orte zurückbefördert werden mußte, wo er sich hatte anwerben lassen, und zwar durfte er sich die Art dieser Beförderung selber aussuchen. Er durfte Eisenbahn fahren — konnte aber auch marschieren. Zog er den Weg zu Fuß vor, so verlangte der gute Onkel Sam nur einen Marsch von 15 englischen Meilen an jedem Tag von ihm und zahlte ihm für jeden Tag Löhnung, Menagegeld, Kleidergeld und so weiter. War nun ein Soldat so glücklich gewesen, sich in Neuyork anwerben zu lassen und in das Presidio von San Franzisko versetzt zu werden, so hatte er für den Rückmarsch die Kleinigkeit von 4500 englischen Meilen zurückzulegen, wozu ihm nach der militärischen Berechnungsformel 300 Tage gewährt werden mußten — was auf eine Geldentschädigung von ungefähr 450 Dollars in bar hinauslief. Das Unikum aber war, daß natürlich kein entlassener Soldat jemals marschierte! Die ganze Sache war eine Fiktion. Wenn der Zahlmeister einem Mann nach Ablauf seiner drei Jahre die restliche Löhnung und das aufgesammelte Kindergeld ausbezahlte, so machte er ihn pflichtgemäß darauf aufmerksam, daß ihm freie Rückbeförderung zustehe:

»Wünschen Sie zu marschieren?«

»Jawohl, Herr Zahlmeister!«

Worauf eine amtliche Karte hervorgeholt, umständlich ausgerechnet, wie lange der Weg sei, und das entsprechende Geld in bar ausbezahlt wurde.

Der entlassene Mann aber salutierte, grinste, und ging sofort ins Nebenzimmer zum Adjutanten, um sich auf der Stelle neu anwerben zu lassen und in fünf Minuten von neuem wieder Soldat zu sein!

War der Entlassene nun gar Unteroffizier mit höherer Löhnung, so konnte diese niedliche Wegzehrung für einen Weg, der niemals marschiert wurde, weit über tausend Dollars betragen! Und in jeder Beziehung hatte Onkel Sam einen offenen Geldbeutel für seine Berufssoldaten. Es klingt humoristisch, ist aber absolute Tatsache, daß vom Korporal aufwärts sämtliche Chargen bei Dienstreisen nicht nur Anspruch auf Beförderung erster Klasse, sondern auch auf einen Platz im Pullman-Car, im Schlafwagen haben!

Doch der gute, reiche, verschwenderische Onkel Sam wußte sehr wohl, was er tat.

Für ihn bedeuteten die Männer des geruhigen Lebens in den kleinen Forts eine stets schlagbereite Polizeitruppe von alten Soldaten, die ihre besonderen Aufgaben bis ins kleinste hinein kannte. Die Vereinigten Staaten brauchten gar keine Armee im europäischen Sinn. Was sie brauchten, waren Männer, die in ganz kleinen Verbänden unter der Führung eines Sergeanten oder gar eines Korporals vollkommen selbständig handeln konnten — die beschwerliche Märsche von Hunderten von Meilen hinter Indianern her ohne lange Vorbereitung wagten — die Waldbrände eindämmten — die, in einem Wort, in den ungeheuren einsamen Gebieten des Westens die Ordnung und die Macht des Staates verkörperten. Dazu und zu nichts anderem war der Reguläre da, und er mochte immerhin faulenzen in den Zeiten des Friedens, wenn er nur sein Handwerk verstand und stets bereit war, in fünf Minuten auszurücken. Daraus erklärte sich der Mangel an intensiver militärischer Arbeit. War der rooky, der Rekrut, einmal ausgebildet, ein Schütze, trainiert, praktisch, so verlangte man nichts mehr von ihm. Obendrein bestand die reguläre Armee zu sieben Zehnteln aus alten Soldaten mit mehr als sechs Dienstjahren, die ihren Beruf genau so kannten und liebten wie der Offizier.

Die Vereinigten Staaten hatten also vorzügliche Soldaten, aber eigentlich keine Armee, so sonderbar das klingen mag.

Allgemeine militärische Dinge wurden gänzlich vernachlässigt auf Kosten der Einzelausbildung. Die Kavallerie betrieb Reiten als Sport und erzielte Höchstleistungen besonders im Voltigieren und in Dressur. Die Infanterie arbeitete auf Schießleistungen und Training hin und pflegte nebenbei Marotten, wie das Polieren der Gewehrschäfte und eine peinliche persönliche Sauberkeit, wenn man das eine Marotte nennen kann. Andere Waffen spezialisierten sich weit über die militärischen Grenzen hinaus. Das Signalkorps zerstreute seine fünfzig Sergeanten über das ganze Land und verwendete sie zum Telegraphendienst und Wetterdienst in unzugänglichen Gegenden. Die Pioniere waren kaum mehr Soldaten, sondern Angestellte des Staates, für öffentliche Arbeiten wie Flußregulierungen des Mississippi, Hafenbauten, Entwässern von Sümpfen; eine Doppelstellung, die beibehalten worden ist bis auf den heutigen Tag: Pionieroffiziere der regulären amerikanischen Armee sind die leitenden Ingenieure des Panamakanalbaues.

Unter derartigen Verhältnissen hatten schon die Organisierung, der Transport, die Verpflegung, und die Führung der kleinen kubanischen Armee von 20000 Mann ungeheure Schwierigkeiten gemacht; Schwierigkeiten, die nur durch einen Aufwand von Millionen und Abermillionen an Geld und eine gewisse Dezentralisation zu überwinden gewesen waren. Das Kriegsministerium hatte auf eine einheitliche Leitung der militärischen Affären verzichten und einzelne befähigte Männer mit großer Machtvollkommenheit ausstatten müssen. Die jungen Offiziere der regulären Armee, um viele Grade befördert, organisierten die von ihnen kommandierten Truppenabteilungen völlig selbständig.

Aehnlich war die Lage nach dem Kriege. Das Freiwilligensystem hatte trotz der Erfolge im Santiagotal doch im großen und ganzen auf längere Dauer versagt und mußte für die Besetzung der Inseln und die Kämpfe in den Philippinen völlig umgewandelt werden. Man entschloß sich in Washington wiederum zur Dezentralisation und vertraute die Neuorganisierung einzelnen der befähigsten Köpfe unter den höheren Offizieren selbständig an.

Die ungeheure Arbeit, die nun folgte, erlebte ich unter Major Stevens in engem Rahmen bei der Neubildung des Signalkorps mit.

Das Signalfort bei Washington.

Orville Wright in Fort Myer. — Eine Erinnerung. — Der amerikanische Nationalfriedhof. — Unser Einzug ins Fort. — Hastings und der Kavalleriewachtmeister. — Major Stevens und sein Oho! — Die erste Paroleausgabe. — Im Materialdepot zu Washington. — Amerikanische Wirtschaft aus dem Vollen. — Wie der Major zauberte. — Hastings will verdammt sein...

Nie wieder im späteren Leben standen die Wiesen, die Wälder, die kleinen Holzhäuser, der sonnige Hügel mit dem weiten Blick auf Washington, die den Militärposten von Fort Myer in Virginien bilden, so deutlich vor meinem geistigen Auge als an jenem Abend vor einigen Jahren, da ich in meinem Hamburger Heim die Zeitungsmeldung las, die damals ein Weltereignis bedeutete: Orville Wright, der eine der beiden geheimnisvollen Brüder Wright, von denen immer wieder behauptet wurde, sie seien auf dem unzugänglichen Gebiet ihrer einsamen Farm zum erstenmal in der Geschichte der Menschheit wirklich geflogen, hatte sein Wunder von einer Maschine, das erste Flugzeug der Welt, in Fort Myer einer Kommission von Signaloffizieren der amerikanischen Armee vorgeführt und war geflogen! Die Luft war erobert. Aber das wahrgewordene Traumbild von fliegenden Menschen machte kaum stärkeren Eindruck auf mich als die Beschreibungen meines alten Signalforts, die nun die großen Blätter brachten, denn auf den Namen Fort Myer horchte damals die Welt. Die drei Ballonhallen wurden geschildert, die unten am Wiesengrund erbaut worden waren; die Einrichtungen für drahtlose Telegraphie, die einen gewaltigen Komplex umfaßte; die Laboratorien, in denen technische Offiziere Tag und Nacht daran arbeiteten, die neuen Entdeckungen auf dem Gebiete des Verkehrswesen für das amerikanische Signalkorps nutzbar zu machen.

Und es mutete mich sonderbar und unheimlich fast an, daß mir der liebe alte Ort da drüben, seine Menschen, seine Dinge, seine Art nun so fremd waren, als hätte ich nie die schwarzsilbernen Streifen und die bunten Flaggen auf den Aermeln getragen — niemals im Funkendonnern des drahtlosen Sendeapparats gesessen — nie mitgearbeitet am Taster, bei den Flaggen, in den photographischen Dunkelkammern, in den Ballonwerkstätten...

So verschwommen, so weit entfernt war all das, als sei es ein unwirkliches Märchen. Ich stellte mir vor, ich trüge noch Sergeantenuniform, und lachte, und widmete eine lange Nacht alten Erinnerungen. Jetzt wurden dort Flugzeugschuppen gebaut; Wissenschaftler arbeiteten in Laboratorien — — — Den Grund aber zu diesem Bau hatten ein simpler Major, ein simpler Leutnant, und noch simplere neun Sergeanten gelegt, und wir hatten gearbeitet wie Verrückte, und der Major wäre beinahe vor ein Kriegsgericht gekommen, weil ihm jeder Weg gerecht gewesen war, dem widerspenstigen Kriegsministerium das nötige Geld abzulocken...

Die alten Bilder schwebten mir vor in jener Nacht. Wie köstlich war die Arbeitswut gewesen, die uns alle damals gepackt hatte — wie hatten sie geklappert und spektakelt überall, die Instrumente! Wie pilzartig schnell war die Ballonhalle unten im Wiesental in die Höhe geschossen; wie rasend eilig hatten wir sie zurechtgeknetet, die Signalrekruten; wie wundersam verändert waren wir neun Sergeanten über Nacht fast aus einem untätigen Häuflein von geruhsamen Zeltbewohnern zu machtbesitzenden Führern des neuen Signalnachwuchses geworden, zu Organisatoren, zu fieberhetzenden Arbeitern voller Verantwortlichkeit!

Dort am Waldrand hatten einst die drahtlosen Funken gesprüht, über jenen Hügel hatte ich den Draht nach Washington legen lassen, in diesem Bürozimmer die geldheischenden Berichte an das Kriegsministerium verfaßt... Ach, was waren das für schöne Zeiten gewesen! Ein deutscher Hauptmann und Kompagniechef besitzt nicht die Machtvollkommenheit, die damals in unseren Händen war! Und ich dachte an die Aberhunderte von Befehlen, die ich signiert hatte: »Ca Sgt« Carlé — Sergeant. Sergeant Carlé! Wie sonderbar das heute klingt...

Im Erinnern ist es wirklich ein Märchen!

An einem Spätherbstnachmittag des Jahres 1898 marschierten wir durch die stille Ringstraße der Bundesstadt Washington; still im Vergleich zu dem lärmenden Hasten und Dröhnen des Arbeitstages in anderen amerikanischen Großstädten. Dort im Hintergrunde wölbte sich die gewaltige Kuppel des Repräsentantenhauses; hier, hervorleuchtend zwischen herbstfarbenem Gebüsch stand in einer weiten Rasenfläche das Weiße Haus. Durch kleinere Straßen ging es dann, alle still und friedlich, in eine Vorstadt und dem Potomac zu, dessen schlammige gelbe Fluten träge dahinflossen. Drüben über der Brücke begann schon das Gebiet des Staates Virginien. Denn der Distrikt von Columbien umfaßt nur die Stadt Washington selbst, wurde er doch einst herausgeschnitten aus zwei Staaten, Virginia und Maryland, als die begeisterten Freiheitsmänner der jungen amerikanischen Republik beschlossen, daß die Bundeshauptstadt allen gehören müsse und keinem, auf daß kein einzelner Staat sich des Vorzugs rühmen könne, der Sitz der Regierung zu sein.

Vor uns lag buschiges Hügelland, und bald besagte eine Tafel in der einfachen amerikanischen Art U. S. military territory — Militärland der Vereinigten Staaten. Es mußten Männer weiser Voraussicht gewesen sein, die einst diesen wundervollen Flecken Landes, stundenbreit und stundenlang, für die Regierung angekauft hatten. In bunter Reihenfolge wechselten weite Wiesenflächen, tiefe Wälder, und hügeliger Busch. Die Straße selbst stieg in leichter Krümmung stetig aufwärts, dem Fort entgegen. Als wir an einem Wiesengrund vorbeikamen, blieb Major Stevens plötzlich stehen und rief, wie im Impuls des Augenblicks:

»Dorthin bauen wir die Ballonhalle!«

Und nach vier Monaten stand auch die Halle genau auf dem bezeichneten Fleck.

Häuschen in langer Reihe tauchten auf, die Offizierslinien, und im Rechteck schloß sich ein langer niedriger Holzbau mit breiten Veranden an, das Mannschaftsquartier. Dann kamen auf der anderen Seite des Paradegrunds die Adjutantur und Quartiermeistergebäude und weit drüben über einer großen Wiese Backsteinbauten; kleine Häuser und Ställe. Die Gebäude, die wir zuerst gesehen hatten, waren das alte Fort Myer, das nun vorläufiges Hauptquartier des Signalkorps werden sollte, bis die neuen Quartiere unten im Wald gebaut waren. Die 6. Kavallerie, die hier mit drei Schwadronen garnisonierte, hatte die alten Holzbauten schon vor Jahren verlassen und war in das neue Fort beim Arlington-Friedhof hinübergezogen. »Forts« im üblichen Sinne des Worts waren freilich weder das alte Fort Myer noch das neue. Denn heutzutage und damals schon besaß Onkel Sam wirkliche Befestigungen nur an wenigen Küstenorten, und den Namen Fort für einen militärischen Garnisonsort hatte nur alte Tradition aus den Zeiten gerettet, wo die militärischen Punkte im Indianergebiet tatsächlich kleine wohlgeschützte Festungen waren und sein mußten.

Die drei Kavallerieschwadronen waren die ständige Ehrenwache von Arlington Höhe, dem großartigen Nationalfriedhof der Vereinigten Staaten. Drüben zwischen den beiden Forts schlummerten in langen Reihen unter Zypressen, Trauerweiden, Rosengesträuch die amerikanischen Präsidenten, die großen Generale des Bürgerkriegs, und Tausende und Abertausende von Soldaten, gefallen auf dem Felde der Ehre. Wenige Wochen später reihte sich an die Toten aus dem Bürgerkrieg und den Indianerscharmützeln ein neues weites Totenfeld, denn die in Kuba gefallenen und begrabenen Offiziere und Soldaten wurden in Zinksärgen nach der Heimat gebracht und feierlich im Nationalfriedhof von Arlington bestattet.

»Halt! Wer da?« rief schallend die Kavalleriewache an.

»Bewaffnetes Militär der Vereinigten Staaten,« antwortete der Major zurück.

Nach den ein wenig altmodischen und ganz unamerikanisch steifen Vorschriften mußte nun die Wache den Korporal herbeirufen, der wiederum den Offizier du jour herbeiholte, und endlich wurde uns nach dem üblichen feierlichen Säbelpräsentieren vor der Flagge der Zutritt gestattet und die Quartiere uns übergeben.

»Signalkorps — abtreten!«

Kavallerieoffiziere legten Beschlag auf Major Stevens und Leutnant Burnell, während die Wachtmeister, Sergeanten und Korporale uns umringten. Der alte schnauzbärtige first sergeant von F-Schwadron stellte sich breitspurig vor uns hin, stemmte die Fäuste in die Hüften und sah uns von oben bis unten an.

»Reizende Gesellschaft!« rief er.

»Imponierend, nich'?« erwiderte Hastings trocken und toternst.

»Famose Kerle seid ihr ja!«

»Daran hat noch nie jemand gezweifelt,« knurrte Sergeant Hastings. »Mir scheint, Mc. Gafferty, daß du bescheidener gewesen bist, als du noch in Fort Lexington als kleiner Lancekorporal bei den Dreiern standest. Vergiß nicht, mein Sohn, daß mein Rang höher ist als der deine und ich dich in vorläufigen Stubenarrest schicken kann.« Schallendes Gelächter bei den Kavalleristen. »Was, zum Teufel, willst du denn eigentlich?«

»Ich will nur wissen, was dabei herausspringt!«

»Wobei?«

»Dabei, daß die ganze gesegnete F-Schwadron geschlagene acht Tage für euch Flaggenwedelgesellschaft sauer gearbeitet hat. Könnt ihr eure verdammte Arbeit nicht selber besorgen?«

»Nich', wenn wir Kavalleristen kriegen können!« grinste Hastings.

»Fünfzigmal zum Quartiermeister gerannt und fünfzigmal zurück — die alte Bude gefegt, geputzt, gespült, gestrichen — die Betten geholt, aufgeschlagen, bezogen — Küche eingerichtet — weiß der Teufel, was sonst alles noch — alles für die Herren Signalisten, die uns den Kuckuck 'was angehen — nette Arbeit für 'n alten Kavalleristen; niedliche Arbeit; muß ich sagen. Lieber will ich noch einmal zwei Zentner Kubaspeck futtern un' mein altes Fell von kleinen Espagnoles noch mehr vollschießen lassen. Hast du was abgekriegt da drunten im Santiagotal, old boy?«

»No — nix,« brummte Hastings.

»Kann ich mir denken! Habt euch in' Boden eingekratzt, ihr alten Signalmaulwürfe, eh? Ich hab' 'n Schuß in den rechten Arm und 'ne Kugel in den Bauch gehabt. Klettern wir da den Hügel 'rauf — ich vorne — ein Spanier legt links auf mich an, einer rechts, ein langer Kerl sticht mit dem Bajonett auf mich los — un'...«

»Das genügt, Mc. Gafferty!« sagte der alte Signalsergeant entsetzt. »Ich geb's auf. Ich bin derjenige, welcher! Bier sollst du trinken, bis die alte Kantine leergepumpt ist, und wenn's mich zehn Dollars kostet, aber deine verdammten Geschichten erzähl' deiner verstorbenen Großmutter! 's ist doch gut, daß anständige Leute nach Fort Myer kommen, die euch Lügenpack von Kavalleristen — — —«

Mc. Gafferty hielt seine gewaltige braune Tatze wie einen Schallbecher vors Ohr und tat mächtig erstaunt.

»Anständige Leute?« wiederholte er grinsend. »Wer könnte das sein?«

Und diesmal hatte der alte Kavallerist die Lacher auf seiner Seite. Wir begannen schon enorme Wetten abzuschließen — Signalkorps gegen Kavallerie, in Flaschenbier und Zigarren — welcher der beiden zungenfertigen alten Kampfhähne Sieger bleiben würde in diesem Wortgeplänkel echter, zeitgeheiligter, regulärer Bosheit, als Major Stevens auf uns zukam und so dem edlen Wettstreit ein plötzliches Ende bereitet wurde. Es stand in den Sternen geschrieben, daß der gute alte Mc. Gafferty an diesem Abend kein Signalkorpsbier trinken sollte!

Die Kavalleristen trollten sich. Der Major betrachtete uns lange und nachdenklich, als erwäge er, was mit jedem einzelnen von uns im besonderen anzufangen sei, kaute nervös auf seinem Schnurrbart wie immer, und erklärte dann schlicht und gemütlich:

»I am going to work you like the devil!«

»Arbeiten sollt ihr mir, daß ihr glaubt, der Teufel sei hinter euch!«

Und dabei schmunzelte er vergnügt und selbstgefällig vor sich hin, als sei es etwas Wunderschönes, uns teufelsmäßig arbeiten zu lassen! Aus dem Schmunzeln wurde ein Lachen.

»Dja...« fuhr er fort, immer noch lachend; »wir befinden uns alle miteinander in der traurigen Lage, arbeiten zu müssen! Mir fällt da ein kleiner Irländer ein, der auf Governor's Island in meiner Batterie diente. Giftiges kleines Kerlchen. Prügelte sich fortwährend. Sah ihn einer nur schief an, so krempelte er sich die Aermel auf und sagte: ›Willst du was? Meinst wohl, ich sei nur 'n Kleiner, heh? Komm her, du! Ich bin zwar klein, aber oho!‹ Na, nehmen Sie sich 'n Beispiel an Mr. Klein-Aber-Oho! Sagen Sie sich: Wir sind zwar neun, aber — oho! Meinetwegen dürfen Sie auch ruhig sagen: Der Major ist verrückt, aber wir wollen's ihm schon zeigen — oho! Es kommt mir nur auf das Oho an — ich bitte mir massenhaftes Oho aus!«

Der Witz schien uns gut, und wir grinsten.

»Well — was ich sagen wollte: Morgen treffen achtzig Mann Signalkorpsrekruten hier ein, die im Staat Neuyork angeworben worden sind.«

»Jetzt — will — ich aber — verdammt sein!« fuhr es dem alten Hastings überlaut heraus. Gleich darauf stellte er sich, wie entschuldigend, stramm in Positur.

»Allright — allright, — Sergeant Hastings! Ich kann mir lebhaft vorstellen, daß Sie überrascht sind. Hilft aber nichts. Ist eiskalte Tatsache, daß wir morgen achtzig Mann Rekruten haben. Müssen 'n bißchen Oho spielen!« Und als wollte er gleich einen guten Anfang machen, war es auf einmal mit Lachen und Gemütlichkeit vorbei. Kurz, klar, und scharf kamen die Befehle:

»Hastings ist first sergeant.

Souder — Telegraphen-Instrukteur und Quartiermeister-Sergeant.

Ogilvy — Flaggenarbeit und optischen Dienst.

Baldwin und Ryan — Ballonabteilung.

Carlé — Büro.

Smithers — Magazin und Reparaturwerkstatt.

Mears und Ellis — Linienbau und Konstruktion.

Sämtliche Sergeanten reichen mir bis morgen früh ihre Vorschläge für den Arbeitsplan der ersten Woche schriftlich ein. Der Instruktionsdienst beginnt übermorgen; die Einrichtung muß daher bis dahin erledigt sein. Das Quartieramt der 6. Kavallerie hat Uniformen und militärische Ausrüstung für uns auf Lager; technische Ausrüstungsgegenstände liegen im Hauptdepot des Korps bereit. Die müssen wir sofort haben. Gehen Sie zum Adjutanten der Kavallerie hinüber, Souder. Meine Komplimente, und ich ließe ihn ersuchen, mir drei bespannte Leiterwagen zur Verfügung zu stellen. Für mich ein Offizierspferd. In einer halben Stunde. Das wäre alles.«

Wir hatten gerade noch Zeit, unser neues Quartier zu beschauen, in dem es nichts zu beschauen gab als lange Reihen von Feldbetten mit neuen Bezügen und grauen Armeewolldecken, Tische, Stühle — und eine hastige Mahlzeit von Brot und gebratenem Speck und Kaffee hinunterzuschlingen. Es war jämmerlich kahl in den frisch geweißten Räumen. Sergeant Hastings sah sich kopfschüttelnd um.

»Fragt mich nur nicht, was wir alles brauchen!« sagte er.

»Fragt dich ja auch niemand,« grinste Souder.

»Wird schon noch kommen. Mann, wir haben nichts, gar nichts, überhaupt nichts, als die Uniform, die wir auf dem Leibe tragen und 'n Hemd oder zwei, und wie da die Einrichtung binnen vierundzwanzig Stunden erledigt sein soll, weiß ich nicht. Verdammt will ich sein, wenn ich's weiß. Achtzig Rekruten einkleiden — Telegraphensaal herrichten — Kompagnie formieren — Büro in Gang setzen — mit Rekruten arbeiten, die von nichts 'ne Ahnung haben... well, well! Ich hätte gesagt, wir brauchten einen ganzen Tag allein dazu, die Bedarfslisten aufzustellen. Ich weiß überhaupt nicht, was wir alles brauchen. Lieber Gott, lass' uns wenigstens drunten im Depot 'was Anständiges kriegen!«

»Amen!« sagte Souder. »Im übrigen mach' ich's einfach wie der Major: Meine Rekruten sollen arbeiten, daß sie glauben, der Teufel sei hinter ihnen!«

Da fuhren auch schon die Leiterwagen vor.

In flottem Trab ging es hinunter nach Washington und in einer Viertelstunde hielten die Wagen in einem muffigen Seitengäßchen beim Kriegsministerium vor einem alten dunklen Lagerhaus mit vergitterten Fenstern und breiten Rolltüren. Arbeiter schoben die Türen auf, und ein hagerer, bebrillter Herr, der Materialverwalter, begrüßte den Major mit knappen Worten, um sich dann mit Bleistift und Notizblock kontrollbereit hinzustellen. Das aufflammende elektrische Licht zeigte einen riesigen Raum, mit gitterigen Holzfächern vom Boden bis zur Decke an den Wänden entlang. In der Mitte standen Wagen, elektrische Automobile, schwere Drahtrollenkarren, Fahrräder, Telegraphenlanzen aus leichten dünnen Stahlröhren, Schreibtische, in wirrem Durcheinander. Aus den Holzfächern glitzerten gelbmetallisch neue Telegrapheninstrumente, leuchteten seidenumsponnener Draht, rote und weiße Flaggen, funkelnde Werkzeuge, Signallaternen, Akkumulatorengläser. Wir standen täppisch da und gafften und trauten uns nicht recht, uns zu rühren, und warteten fast atemlos auf Befehle. Ich dachte an das armselige Häuflein verrosteter Telegrapheninstrumente und beschmutzter Flaggen, die wir in Montauk Point aus Kuba eingeliefert hatten...

Major Stevens winkte den Materialverwalter herbei.

»Notieren Sie, bitte. Vier Rollschreibtische —«

»Jawohl.«

»Zwei Schreibmaschinen fürs Büro; eine für Sie, Hastings, und eine für Carlé; das genügt doch vorläufig? Dann: Sechs Uebungsmaschinen!«

»Y—es, Sir,« stotterte Hastings.

Dem alten Sergeanten traten die Augen beinahe aus dem Kopf. Er kniff mich in den Arm, daß ich zusammenfuhr. »Hol' mich der Teufel,« flüsterte er, »der — der Major hat Blankovollmacht! Er nimmt, was ihm paßt! Sch—schreibmaschinen! Vier — verdammt noch mal, vier Rollschreibtische — well, I'll be damned! So 'was ist mir noch nicht vorgekommen! 's ist auch gar nicht wahr!« Er war an ein Regime gewöhnt, bei dem für jedes neue Flaggentuch besondere Anträge durch alle möglichen Instanzen hindurch gestellt werden mußten, und dann bekam man es gewöhnlich erst recht nicht und dann falsch.

»Das Lastautomobil und das Sechssitzige!«

»Beide Wagen lassen Sie noch heute durch einen Mechaniker der Firma ins Fort fahren. —«

»Jawohl!«

Hastings trat mir den linken Fuß fast weg.

»Automobile!« zischte er.

»Die Sergeanten können sich übrigens umsehen,« fuhr Major Stevens fort, »und mir ihre Wünsche mitteilen. Wir nehmen alles, was wir gebrauchen können.«

»So 'was gibt's nicht,« stöhnte Hastings und blieb wie angenagelt stehen. »Ich will dir 'mal 'was sagen: Er hat den Kriegsminister besoffen gemacht und den General Greeley hat er hypnotisiert. Nee — er hat die Vollmacht direkt gefälscht. Nee — er hat 'n bißchen zu viel Whisky erwischt und tut nur so. Pass' mal auf — gleich kommt jemand und schmeißt uns alle 'raus — — —«

»9 Fahrräder!«

»12 Telephone, die neue Konstruktion.«

»50 Telegrapheninstrumente, komplett.«

»15 Feldstecher mit Entfernungssuchern.«

»100 Flaggen, halb rot, halb weiß.«

»10 photographische Apparate.«

»Dunkelkammereinrichtung, komplett —«

Hastings packte mich und deutete auf die Gitterfächer an der Wand. »Ich — ich weiß nicht, wie er's gemacht hat,« sagte er. »Ich weiß nur, daß der Kerl zaubern kann — richtig, reelle Wunder zaubern — un' meine Frau soll mich mit 'm Besen totschlagen, wenn ich die Fächer da nich' krank aussehen mache vor lauter Leerigkeit! Alles nehm' ich!«

Und wir stürzten uns auf die Reichtümer. Der alte Sergeant erschnüffelte vor allem die Ecke, in der Bürobedarf, Papier und Formulare aufbewahrt waren, denn ein gut Teil vom Bürokraten steckte in ihm, und sein Büro lag ihm arg am Herzen. Er suchte und wählte.

»1000 Briefbogen?« fragte er endlich den Major fast zaghaft. »Und da sind famose Befehlsformulare und —«

»Nehmen Sie alles!« war die gleichgültige Antwort. »Alles, was wir nur irgendwie brauchen können!«

Da begriffen wir endlich. Der Himmel mochte wissen, wie der Major es angestellt hatte, den bürokratischen Herren im Kriegsministerium diese unerhörten Vollmachten abzuringen — aber uns ging das jedenfalls nichts an. Es war jetzt an der Zeit, nicht nachzudenken, sondern zuzupacken, und wir packten zu! Hastings und ich räuberten eine Büroeinrichtung zusammen, wie sie ganz gewiß in keinem einzigen Fort der regulären Armee zu finden war; Schreibtische und Schreibmaschinen, Regale, Schränke, ledergebundene Befehlsbücher, elegantes Schreibzeug, das für das Ministerium bestimmt gewesen sein mochte, Briefkörbchen, Bleistiftpakete, Großes und Kleines — alles, was uns nur in die Hände kam. Es war beinahe ein Leiterwagen voll. Dann, als wir unser spezielles Schäflein im Trockenen hatten, wandten wir uns helfend den anderen zu, die in Telegrapheninstrumenten wühlten und über kostbaren neumodischen Trockenbatterien wie Kinder krähten vor Vergnügen. Der Materialverwalter machte große Augen, sagte aber nichts. Lange Nachmittagsstunden krochen wir zwischen den Regalen umher und ließen uns Extrakammern aufsperren und prüften und betasteten — und nahmen!

Werte von Hunderttausenden waren hier aufgespeichert. Man sah, wie guter Wille und reichgefüllter Beutel verschwenderisch und fast planlos gewirtschaftet hatten, um neues Handwerkszeug für neue Arbeit zu schaffen, und so bunt der Wirrwarr schien, so ließ er doch ahnen, wie mannigfaltig und wie interessant die Arbeit der Männer vom neuen Signalfort sein sollte. Hier war alles Signalhandwerkszeug. Vom riesigen elektrischen Automobil, das damals eine vielbestaunte Neuigkeit war und den Unternehmungsgeist des Signalkorps bewies, bis zum winzigen Taschentelephon stellte alles in diesen Räumen modernstes Handwerkszeug zur raschen Uebermittlung von Nachrichten dar. Der Telegraph, die Flagge, die Laterne genügten nicht mehr; man hatte gelernt in den Tagen des Santiagotals. Jetzt sollten unten in Kuba oder drüben auf den Philippinen nicht mehr einzelne Männer mühselig schwere Drahtrollen schleppen, sondern rasche Automobile mußten das Material zur Feuerlinie befördern; die langsam schreibende Hand erhielt ein schnelles Hilfsmittel in Gestalt der Schreibmaschine; tragbare elektrische Akkumulatoren und Azetylenapparate verdrängten die simple Signallaterne. So deutlich, als sprächen sie lebendige Sprache, erzählten die Dinge aus Eisen und Stahl und Messing, daß das Elend in Kuba ein neues Signalkorps gezeitigt hatte. Das verschwenderische Material hier bedeutete den ersten Anfang; das Fort droben auf dem Arlington-Hügel sollte die Kinderstube werden. Noch tappte man freilich unsicher und suchend in der modernen Technik.

Es war, als seien Hals über Kopf die Preislisten der großen technischen Firmen bestellt worden und als habe man blindlings gewählt und gekauft, nur um zu haben. In Hetze und Eile. Oft paßten die Teile der Telegrapheninstrumente nicht zusammen, weil verschiedene Firmen sie geliefert hatten, und der kostbare Kupferdraht war nicht von einheitlichem Durchmesser, und bei den Automobilen sollte es sich herausstellen, daß die Akkumulatoren explodierten, wenn man über holperigen Boden fuhr. Doch das waren Kleinigkeiten. Dem Signalkorps, das in Kuba zusammen nur eine einzige, rechtswidrig angeeignete Zange besaß und sich eine Transportkarre von seinem Major hatte stehlen lassen müssen, schien das Washingtoner Depot eine unerschöpfliche Wunderhöhle Aladdins.

Den Männern, die im philanthropischen Gesundheitslager von Montauk Point viele Wochen lang nach allen Regeln der Kunst gefaulenzt hatten, kam auf einmal wieder der Appetit zur Arbeit. Noch begriffen sie es zwar nicht ganz, daß sie auf einmal Elektriker, Photographen, Techniker, Chauffeure, Installateure sein sollten, aber schon gleißten und lockten all die neuen Dinge.

Der Geist der Arbeit steckte in ihnen.

Wir verbrannten uns die Hände im Säurengemisch von Akkumulatoren und zankten uns über die Einrichtung des Azetylengenerators und ellbogten ungeniert und unmilitärisch den Major, der genau so herumkroch und genau so aufgeregt und genau so neugierig war wie wir, und zählten und notierten und verpackten und hetzten die Zivilarbeiter vom einen Ende des Depots zum anderen. Gegen Abend waren nicht nur unsere drei Leiterwagen vollbepackt, sondern das Depot mußte uns auch noch einen riesigen Blockwagen leihen.

»Na, was sagen Sie, Hastings?« meinte der Major vergnügt, während er sich die Hände wusch.

»M—m—mm,« murmelte der alte Sergeant.

»'raus damit!«

»Wenn der Herr Major gestatten — aber ich gäb' einen Monat Löhnung darum, wenn ich wüßte —«

»Na?«

»— wie der Herr Major das gemacht haben!«

Der Offizier brach in ein schallendes Gelächter aus: »Frag' mich nichts, und ich lüg' dir auch nichts vor!« zitierte er. »Sie verstehen doch, Sergeant Hastings?«

»Yes, Sir. Aber 's ist wunderbar. 's fehlt nur noch eine Dampfmaschine und ein Piano!«

»Die kriegen wir das nächstemal!« lachte der Major. »Na, Hastings, nun schaffen Sie die Sachen ins Fort. Sie sind verantwortlich. Ich muß zu Mrs. Stevens. Sollte heute abend noch etwas vorliegen, so können Sie mich im Kongreßhotel telephonisch erreichen.«

Hastings sah dem Major mit verdutztem Gesicht nach. »Mrs. Stevens?« brummte er höchlichst erstaunt. »Hol' mich der Teufel, wann hat sich der Major eigentlich verheiratet? Sollte die Frau ebenfalls neu sein?«

Wir bestiegen die Leiterwagen, unseren Raub nach Hause zu fahren. Der Materialverwalter sah betrübt zu. Die Pferde zogen an. Der Major ging mit raschen Schritten citywärts. Hastings umfaßte die Wagen und die aufgestapelten Schätze mit einem langen, liebevollen Blick. Und sagte:

»'s ist nur ein kleiner Major, — aber oho! Er — kann — wirklich — zaubern! Jetzt will ich aber verdammt sein!«

Arbeit und Allotria.

Die gemütlichen Plakatrekruten. — Wie wir sie müde machten. — Ein verrückter Tag. — Hastings sammelt den Honig des Fleißes. — Wie uns der Major müde machte. — Die neue Arbeit. — Automobilversuche. — Immer noch ein verrückter Tag. — Die Majorin mit der Silberstimme. — Das geheime Liebestelephon. — Sonstige Allotria. — Die ersten amerikanischen Versuche mit drahtloser Telegraphie. — Die Wunderröhre des Kohärers. — Das Wunder spricht.

Im Depot hatten wir zum ersten Male die neuen Werbeplakate des Signalkorps gesehen, die an die Rekrutierungsstellen der großen Städte versandt wurden, und Berufstelegraphisten und Elektriker verlocken sollten, Onkel Sam als Signalisten zu dienen. Sie waren sehr schön. Bunter Farbendruck zeigte einen Adonis in eleganter Uniform an einem pompösen Instrumententisch. Die rechte Hand des Jünglings ruhte lässig auf einem zierlichen Taster und sein Arm war so abkonterfeit, daß die bunten Seidenflaggen am Aermel ja recht farbig und schön zur Geltung kamen. Auf einem Nebentischchen glitzerte stählern eine Schreibmaschine. Der Text des Plakates besagte, daß im amerikanischen Signalkorps Berufstelegraphisten eine vorzügliche Gelegenheit zu rascher Beförderung geboten sei. Das war unter den Umständen ganz richtig. Auch die kurzen Angaben über Löhnung und Verpflegung stimmten vollkommen. Aber das Bild! Die elegante Uniform, die lackigen Stiefel, die lässig telegraphierenden Hände, die ganze geruhsame Behäbigkeit, das Mollige, das Zeithaben, das in allem lag — dieses Bild sah wahrlich aus, als gebe es kein schöneres und fetteres Aemtchen, als Signalmann zu sein...

Herrgott, unsere Rekruten müssen sich niederträchtig beschwindelt vorgekommen sein!

Sie sollten vorderhand aber auch keine Spur von wohliger Gemütlichkeit zu verspüren bekommen!

Frühmorgens schon kamen die achtzig Mann unter Führung eines Infanteriesergeanten von Neuyork auf dem Washingtoner Bahnhof an, wurden von Souder empfangen, und in beschleunigtem Tempo nach Fort Myer geführt. Gerade eine Viertelstunde ließen wir ihnen Zeit zum Frühstücken. Dann waren sie uns verfallen! Den Kuckuck kümmerten wir uns darum, wie sie hießen, und eine Kompagnieliste aufzustellen, fiel uns schon nicht im Traum ein. Die Vorschrift besagte, daß einem Rekruten sofort nach Eintreffen bei der Truppe die Kriegsartikel vorgelesen werden mußten — wir pfiffen darauf.

Jeder von uns packte sieben, acht, zehn Mann, wies ihnen eilig sieben, acht, zehn Bettplätze an, ermahnte sie, sie möchten lieber die Röcke ausziehen, und schleppte sie von dannen. Ins Quartieramt, ins Büro, in die Schuppen, in die einzelnen Zimmer, in die Keller. Kisten und Kasten wurden umhergeschleppt, Möbel transportiert, Uniformen und Waffen herbeigetragen, mit dem Legen der Telegraphenlinien im Fort begonnen. Es ist verwunderlich, welche Arbeitskraft in achtzig Mann steckt, wenn neun Mann hinter ihnen her sind, die der Ehrgeiz reitet!

Als gegen fünf Uhr nachmittags der Major erschien — er hatte sich klugerweise den ganzen Tag über nicht blicken lassen, denn er wäre ja doch nur im Wege gewesen — saßen unsere Rekruten halbtot und sehr übellaunig bei einem höchst verspäteten Mittagessen und erhoben sich recht unmilitärisch langsam, als Hastings scharf kommandierte: »Achtung! Der kommandierende Offizier!«

Wir aber strahlten. Das Amtszimmer des Kommandeurs war eingerichtet, das Büro fertig, die Quartiere in Ordnung, die Schuppen eingeräumt, die Rekruten eingekleidet, die telegraphische Verbindung mit Washington hergestellt, die Innenlinien begonnen. Wir hatten geschafft wie die Wilden.

»Gut!« sagte der Major.

Er ging rasch durch die Quartiere, sah sich flüchtig um, nahm die schriftlichen Vorschläge der Sergeanten entgegen, betrachtete sich die Schuppen, und winkte dann Hastings und mir, ihm ins Büro zu folgen. Auf dem Wege begegneten wir Mc. Gafferty. Der Kavallerist salutierte stramm den voranschreitenden Major. Uns aber flüsterte er im Vorbeigehen heiser zu:

»Verdammt — wie steht's mit dem Bier?«

»Nix!« antwortete Hastings ebenso leise mit einem freundlichen Lächeln. »Wir arbeiten, Mac. Wir sind fleißige kleine Bienchen. Wir sammeln den Honig des Fleißes und nicht das Bier des Müßiggangs. Nimm dir 'n Beispiel!«

Sergeant Mc. Gafferty schnitt eine Fratze. »Geht zum Teufel!« flüsterte er innig.

Im Kommandeurzimmer wartete Leutnant Burnell.

»Setzen — setzen!« befahl Major Stevens. »Nun wollen wir energisch arbeiten!«

E—energisch arbeiten!! Nach diesem Tag!

Ich wünschte ihn ins Pfefferland. Es ist eine schöne Sache um die Arbeit, aber heute hatte ich genug von ihr! Doch der Major verstand es gründlich, einem die Müdigkeit auszutreiben. Scharf beleuchtet von dem grellen Licht der ungeschützten elektrischen Hängelampe saß er weit zurückgelehnt da, hastig an seiner Zigarre paffend, und seine harten grauen Augen schienen einen packen zu wollen. Bald wandte er sich an den Leutnant, bald an Hastings, bald an mich, in abgerissenen Sätzen. Aber die Gedanken, die die kurzen Worte verkörperten, waren so klar, so zierlich geordnet, so einfach und übersichtlich, daß man mitgerissen wurde und mitarbeiten mußte. Wie ein Gemälde wuchs aus den kurzen Fragen, den knappen Befehlen, den diktierten Anordnungen im Telegrammstil die Organisation, die Arbeit, der Zweck des Signalforts empor. Man sah es, wie hier ein einziger Mann die Fäden spannte, die ein kompliziertes Getriebe lenken sollten. Abteilung für Abteilung wurde rasch durchbesprochen und für jeden Sergeanten eine kurze Dienstanweisung diktiert, die ihm nur sagte, was er zu erzielen habe. Wie er das machte, darüber mochte er sich selber den Kopf zerbrechen. Jeder Einzelne sollte auf eigene Art die Fäden weiterspinnen, sich Hilfskräfte heranziehen, notwendige Neuanschaffungen fordern, über Erfolge oder Nichterfolge täglich berichten.

Um elf Uhr abends endlich gingen wir mit Stößen von Notizen, Befehlen, Diktaten in unser eigenes Büro hinüber und erwischten glücklich auf dem Gang den japanischen Diener des Majors, der uns Butterbrote und Flaschenbier aus der Kantine holen mußte. Hastings sah den Haufen von Papierblättchen fast hilflos an. Die kurzen Befehle mußten nicht nur ausgestaltet werden, sondern zu einem Wochenplan vereint, in dem es keine Kollisionen und keine Widersprüche geben durfte. Das war unsere Arbeit. Eine bösartige Aufgabe.

»Jetzt will ich aber — — —« begann Hastings...

»Sei still!« sagte ich. »Hast ja selbst gesagt, du seist 'n fleißiges kleines Bienchen!«

Es war sechs Uhr morgens, als vom Kavalleriefort herüber der langgezogene Trompetensingsang der Reveille schrillend ertönte, und gleich darauf donnerte über den Paradegrund hin der Kanonenschuß, der das morgendliche Hissen des Sternenbanners salutierte. Leise klirrten die Fensterscheiben. Die Wände schienen zu zittern und zu beben. Ich sprang entsetzt aus dem Bett, schimpfend, denn Kanonenschießerei um sechs Uhr morgens war ein gräßliches Weckmittel, wenn man bis in den jungen Morgen hinein an der Schreibmaschine gesessen war. Ta-ra-tara! Zweites Reveillesignal. Hol' dich der Teufel! War aber nichts zu wollen. — »Als Zeichen zum Wecken hat bis auf weiteres der im Kavalleriefort abgefeuerte Kanonenschuß zu gelten. Eine halbe Stunde später versammeln sich die Mannschaften zur Befehlsausgabe vor dem Quartier!«

Und den Befehl hatte ich auch noch selber ausgeschrieben! Wenn nur ein brühsiediges, klotzklobiges Sternhageldonnerwetter — — — schrumm!...

Eine Viertelstunde später verlas Hastings die über Nacht fertiggestellte Kompagnieliste und die Tagesbefehle.

Das neue Signalkorps war im Betrieb.

Hastend, hetzend und doch planmäßig begann die Arbeit. Stammannschaften wurden gebildet, für die Ressorts, und die toten Schätze in den Schuppen erwuchsen zu lärmendem Leben. Von Zimmer zu Zimmer, von Quartier zu Quartier, von Haus zu Haus begannen die Drähte sich zu spannen. Auf dem schmalen Kiesweg zwischen Baracke und Paradegrund übten kleine Gruppen Marschtritte und Wendungen und erste Karabinergriffe; am Waldrand drüben leuchteten rote und weiße Signalflaggen; vom Arlingtonhügel blitzte ein Heliographenspiegel... Im Büro diktierte mir der Kommandeur einen langen Bericht an den kommandierenden General in die Schreibmaschine, während der Leutnant mit einem der neuen Photographenapparate die arbeitenden Gruppen aufnahm. Die Photographien sollten dem Bericht beigefügt werden.

»Sonst vergessen sie uns!« meinte der Major lächelnd; er war ein sehr kluger Mann und wußte wohl, daß das junge Signalkorps Reklame brauchte! Nicht nur gearbeitet mußte werden, sondern auch dafür gesorgt, daß die Leute, auf die es ankam, recht viel hörten von dieser Arbeit!

Während er diktierte, wurden Drähte gelegt an den Wänden, die telephonische Verbindung mit Washington hergestellt, Telegrapheninstrumente auf jedem Schreibtisch aufgestellt, und je größer der Lärm und Wirrwarr wurden, desto vergnügter wurde der Kommandeur. Er steckte einen förmlich an mit seiner quecksilbrigen Art, seinem Schaffensdrang. —

»Müssen arbeiten!«

Das sagte er nun zum elftenmal, und dabei war es erst zehn Uhr morgens.

Es war ein verrückter Tag und noch viele sollten folgen, die ihm glichen wie ein Ei dem anderen. Der Bericht an den Kommandierenden war fertig, als ein Mechaniker der Firma sich meldete, die die elektrischen Automobile geliefert hatte. Er sollte die technische Einrichtung erklären und einen Chauffeur ausbilden.

»Machen wir selber!« sagte der Major trocken.

Und schickte den Mann fort, schickte ihn eiskalt und seelenruhig wieder weg, obgleich weder er noch der Leutnant, noch irgend einer von uns auch nur die geringste Ahnung von Automobilen hatte! Hastings und mir nahm es beinahe den Atem weg! Der Major aber grinste, ging mit uns in den Schuppen, zog sich den Uniformrock aus, und erklärte den verblüfften Werkstattsergeanten, jetzt würde Auto gefahren. Mit dem Personenautomobil. Zuerst krochen wir alle miteinander unten drunter und dann oben drauf und dann in den Akkumulatorenkasten hinein, wobei meine Uniform zum Teufel ging, weil ich einen Säurebehälter umwarf. Dann schraubten wir die interessanten Teile los, um herauszubekommen, wie alles eigentlich zusammenhing. Kraftübersetzung, Steuerung, Stromleitung, alles. Daß wir die Bescherung wieder zusammen und in Ordnung brachten, war wohl einer jener Glückszufälle, die Major Stevens vom Signalkorps zu seinem persönlichen Bedarf gepachtet zu haben schien. Dann wurden die Akkumulatoren an der elektrischen Leitung geladen.

»Einsteigen!« befahl der Major.

Und vier Sergeanten kletterten eilig und vergnügt in die Polstersitze, während er die Lenkstange packte, den Stromauslöser auf volle Kraft schob und vorwärtssauste. Haarscharf ging es um die Ecke beim Kommandeurhaus, am Kavallerieposten vorbei, der Mund und Augen aufsperrte, die Straße entlang.

»Das Ding steuert sich leichter wie 'n Fahrrad!« sagte der Major, vergnügt lächelnd. Aber auf einmal verschwand das Lachen von seinem Gesicht. »— — eh! — — — Teufel!! — — Hopla!!! — —«

Er hatte beim Sprechen nicht auf den Steuerhebel geachtet und das Auto sauste auf die Bäume beim Wegrand zu. Im letzten Augenblick riß er es seitwärts.

»So! Na, probieren Sie es einmal, Ellis!«

Sergeant Ellis probierte und warf uns auch wirklich nicht um, was meiner Ansicht nach hauptsächlich daran lag, daß die Arlingtoner Straße sehr wohlgepflegt, sehr eben, und außerordentlich breit war. Da mußte das Steuern ja kinderleicht sein! Es verwunderte mich daher sehr, daß Ellis krebsrot im Gesicht war, krampfhaft auf den zwanzig Meter breiten Weg stierte, als sei er gräßlich schwer zu sehen, und dabei die Zähne fletschte wie eine bösartige Bulldogge. Was hatte er nur?

Ich begriff jedoch sofort, als nach wenigen Minuten die Reihe an mir war!

Als ich den Steuerhebel in die Hand bekam und die Höchstgeschwindigkeit einstellte, war mein erster Gedanke der heiße Wunsch, die Straße möchte doch ungefähr fünfmal so breit sein als sie es war, und mein zweiter ein bitterer Vorwurf an den Schöpfer des Alls, dem Menschen nicht gleich einige Augen und einige Arme mehr in dieses irdische Jammertal mitgegeben zu haben, wenn er schon einmal dabei war und die Verwendung des neuen Geschöpfs auch für Automobilzwecke in Aussicht nahm. Vier Augen und etwa sechzehn Arme waren augenblicklich für mich das Minimum der Erfordernisse. Der — der Hebel da — Himmel, mußte der nun links oder rechts gerückt werden, wenn man stoppen wollte? Und — die Haare stiegen mir zu Berge — da — da vorne bog sich die Straße in scharfer Krümmung! Nicht ums liebe Leben wäre es mir möglich gewesen, auf irgend etwas anderes zu achten als den Steuerhebel. Denn ich hatte herausbekommen, daß dieses elektrische Automobil lebendig war und ein Gehirn besitzen mußte! Das boshafteste Trollgehirn, das je einem armen Menschenkind tückische Qualen ersann! Wie war es möglich sonst, daß dieser Satan augenblicklich nach rechts oder nach links hüpfte, den Bäumen zu, wenn ich an etwas anderes als den Steuerhebel auch nur dachte? Vorwärts? — Rückwärts? — Stopp? — — keine Ahnung hatte ich mehr! Da kam die Kurve — ich drehte krampfhaft — kam glücklich herum — und im nächsten Augenblick stöhnte, knarrte, ächzte irgend etwas und ich wurde nach vorwärts geschleudert. — —

In der Aufregung war ich auf die starke Fußbremse getreten, die das Automobil binnen wenigen Metern auch in schärfster Fahrt zum Stehen brachte!

Und auf einmal war ich ruhig und kalt, erkannte plötzlich, wie einfach der Regulierungsapparat war, stoppte ab, schob den Hebel wieder vor und fuhr darauf los. Ich hatte meinen Anfall von Automobilfieber glücklich überstanden, aber die etlichen siebzig oder achtzig Sekunden, die er gedauert hatte, waren ungewöhnlich reich an Empfindungen gewesen, ganz besonders lebhaft!

»Es handelt sich da nur um das Ueberwinden einer gewissen Nervosität,« meinte der Major. »Im Grunde ist es einfacher, ein Automobil zu lenken, als einen mit zwei Pferden bespannten Wagen!«

»Na, na!« dachte ich mir.

Jedenfalls aber schlug sich das Signalkorps wacker herum mit dem Automobilfieber und ließ sich nicht verblüffen, denn am gleichen Abend noch fuhr Sergeant Ellis den Major nach Washington ins Kriegsministerium. Freilich erzählte er uns nachher Geschichten von elektrischen Straßenbahnen, Menschenansammlungen an Straßenecken, und dem Wagenwirrwarr vor dem Kriegsministerium, die darauf schließen ließen, daß der Major seinen Hals außerordentlich riskiert hatte bei jener Fahrt.

Es war ein verrückter Tag!

Nach den Automobilversuchen hatte der Major in seinem hackigen Telegrammstil noch das Gerippe einer Dienstanweisung für die Behandlung der elektrischen Automobile diktiert, denn die Vorliebe für Geschriebenes war groß in ihm, und darauf die Abteilungen der Sergeanten bei der Arbeit inspiziert, und den inneren Telegraphendienst geordnet.

Er sah Souder verwundert an, als er im Telegraphensaal nur zwei oder drei Tische mit wenigen Instrumenten vorfand.

»Aber das genügt doch nicht!« sagte er.

»Es sind nur die Prüfungsinstrumente,« erklärte der Sergeant.

»Aber wo wird denn gearbeitet?«

»Unten im Quartier, sir! Ich dachte mir, es würde am besten sein, den Leuten recht günstige Gelegenheit zum freiwilligen Telegraphieren zu geben, damit wir die Uebungsstunden möglichst sparen.«

»Oho!« sagte der Major. »Großartig!«

Eigentlich war es niederträchtig. Decken und Wände unten in den Mannschaftsquartieren waren übersät von Leitungsdrähten, und an der Wand bei jedem Bett standen kleine Tische oder waren Brettchen angeschraubt. Die Berufstelegraphisten unter den Rekruten waren dabei, für jeden Bettinhaber ein Privat-Telegraphen-Instrument zu installieren, und schienen ordentlich zu wetteifern in geschickter Leitungsführung, raffinierten Umschaltungen, und elegantem Wickeln des seidenumsponnenen Drahtes. Da und dort aber klapperten schon die Klopfer, und darin lag der Witz der Idee, denn es war eigentlich — Freizeit! Die Leute merkten den Trick Souders gar nicht, sondern waren ihm augenscheinlich auch noch sehr dankbar für das wunderschöne Telegraphenspiel. Unsere Rekruten hatten keine Ahnung, daß ihnen ihre Freizeit gestohlen wurde.

»Sie merken's gar nicht!« grinste Souder.

Er hatte außerordentlich schnell begriffen, wie man es machen mußte, um aus Männern Arbeit herauszuholen!

»Glänzend!« sagte der Major und — bürdete ihm schleunigst noch einen Teil der Arbeit in der photographischen Dunkelkammer auf!

Ein verrückter Tag. — —

Es war in den frühen Nachmittagsstunden, als fast gleichzeitig zwei Wagen angefahren kamen, in deren einem Mrs. Stevens saß, in deren anderem Sergeant Hastings Frau.

»Donnerwetter!« sagte der Major. »Da kommt ja meine Frau; das hätte ich beinahe vergessen. Und das ist Mrs. Hastings? Ich bitte mir aus, Hastings, daß von den anderen Sergeanten keiner heiratet, denn erstens wäre das an und für sich schon eine Dummheit und zweitens haben wir keinen Platz mehr, wenn die ladies nicht auf dem Paradegrund kampieren wollen.« Er fuhr sich mit den Händen durch die Haare. —

»Donnerwetter!«

Ein verrückter Tag! Nun hatten wir auch noch Frauen auf dem Halse!

Der Telegraph klickte, und in verblüffend kurzer Zeit kamen nicht etwa die Mannschaften, um die telegraphiert worden war, sondern sämtliche Sergeanten, um den Majors beim Umzug zu helfen. Das taten sie nicht etwa aus besonderer Liebenswürdigkeit, sondern sie platzten einfach beinahe vor Neugierde, die Frau des Majors zu sehen, und der Major wußte das recht gut. Lächelnd stand er da. —

»Die Sergeanten, Mary!«

»Ja, ich weiß. Dies ist Sergeant Souder, nicht wahr, und dies Mr. Ryan, und dies — —«

Die Stimme klang silbern hell und sie kam aus einem süßen schmalen Gesichtchen, und Seide rischeraschelte.

»Ich habe viel von Ihnen gehört!« sagte die silberne Stimme. »Ich bin so froh, daß Sie meinem Mann so viel geholfen haben. Sagen Sie doch, bitte, den Arbeitern dort beim Möbelwagen —«

Da sausten wir auch schon hinaus, daß wir beinahe die Treppenstufen hinuntergepurzelt wären, und stürzten auf den Möbelwagen los, der knarrend die Straße heraufgekarrt kam, und schrien die Arbeiter an, und packten Möbelstücke. Es ist ganz merkwürdig, was ein halbes Dutzend Worte einer silbern klingenden Stimme alles auszurichten vermögen. Wir schleppten Kisten und Kasten und Möbel in die Zimmer und halfen stellen und setzten den irischen Arbeitern leise aber nachdrücklich auseinander, was ihnen alles passieren würde, wenn sie ihre verehrlichen Beine nicht in rapideste Bewegung versetzten.

»So liebenswürdig...« lächelte das Stimmchen.

Nun waren wir schon gar nicht mehr zu halten und rannten Hals über Kopf nach dem Materialschuppen, um Draht und Klingeln und Telephone herbeizuholen. Noch nie ist eine Wohnung so glänzend elektrisch ausgestattet worden, wie diejenige unserer jungen Majorin. Wir genierten uns zwar gegenseitig ein wenig über unseren Eifer, aber wir arbeiteten wie Besessene. Unten im Keller stellten wir die Batterien auf. In alle Zimmer wurden Klingeln gelegt, ein Telephon nach dem Kommandeursbüro eingerichtet, ein Nebentelephon vom Wohnzimmer nach der Küche, ein Klingelschaltapparat vom Schlafzimmer nach der Küche, so daß das silberne Stimmchen durch einen leisen Druck heißes Wasser bestellen konnte und Frühstück und was sonst ihm noch belieben mochte. Zehn Schaltklingeln richteten wir ein. Das Stimmchen durfte nur auf die Elfenbeintäfelchen in Schlafzimmer und Küche schreiben, was die Klingelzeichen bedeuten sollten.

»So liebenswürdig! Darf ich Ihnen eine Zigarette anbieten?«

Da hätten wir uns für das Stimmchen totschlagen lassen.

»Ich möchte gern telegraphieren lernen! Sie müssen mir später einen Uebungstelegraphen in mein Zimmer legen!«

Selbstverständlich errichteten wir das Instrument sofort und selbstverständlich hätte der Majorin nichts Gescheiteres einfallen können, um sich die unbegrenzte Verehrung ihrer Sergeanten zu sichern. Wir hätten uns nun zerreißen, rädern, vierteilen lassen für sie...

Und das Stimmchen ließ sich von Kuba erzählen und lud uns zu einer Tasse Tee ein und wir standen uns sehr gut mit ihr. Sie half später so manchem von uns aus der Klemme, als die Arbeit geregelter wurde und wir wieder Zeit zu Dummheiten fanden. Es war alles höchst irregulär damals!

Ein verrückter Tag!

Natürlich halfen wir nachher auch Mrs. Hastings beim Einzug, weil wir in guter Laune waren und die Frau des Kameraden ehren wollten, und wir mußten richtig noch einmal Tee trinken und legten noch einmal elektrische Leitungen und erzählten wiederum. Ich denke heute noch in dankbarer Erinnerung an die junge Sergeantenfrau, denn sie bewahrte mich später durch ein paar gescheite Worte davor, die kleine Irländerin zu heiraten, die drüben auf der elektrischen Bahnstation beim Arlingtonfriedhof Billette verkaufte — ich war ein kolossaler Esel damals... die Irländerin war übrigens reizend — — — Und dann ging's hinüber zu den Quartieren und die Rekruten wurden vorgestellt und wiederum kam das abgehackte Diktieren von kurzen Stichworten von Befehlen. Es war spät abends, als Sergeant Hastings und ich endlich zum erstenmal die Kantine von Fort Myer kennen lernten.

Der alte Mc. Gafferty wartete schon.

Aber die nette kleine Kantine sollte die Leute mit den schwarzsilbernen Streifen und den bunten Flaggen am Aermel sehr selten sehen, denn der Himmel, der Major, die Verhältnisse, und unser eigenes Wollen sorgten alle zusammen dafür, daß die Zeit der neun Sergeanten gründlichst in Anspruch genommen war. Freilich sorgten wir unsererseits doch für ein gemütliches Glas Bier. Durch die Bierleitung. Wir hatten einfach im Telegraphenzimmer, in einem verschlossenen Schränkchen verborgen, ein geheimes Telephon aufgestellt, dessen Drähte nach der Kantine führten. Der Major wußte nichts davon. Er brauchte nicht alles zu wissen.

Wir kamen uns sehr schlau vor.

Der Herr Sergeant Souder aber schlug uns mit sechs Längen. Er war noch viel, viel schlauer als wir — — —

Eines Tages ging der Major durch das Quartier, von mir begleitet, und trat einen Augenblick in Souders Zimmer, um sich die Zeichnung eines neuen Umschalters anzusehen, den der Sergeant in Arbeit hatte. Er setzte sich an den Tisch, als plötzlich ein sonderbares, klopfendes, hölzern raschelndes Geräusch ertönte.

»R—r—sch...«

Der Major sah unwillig auf.

»R—rr—sch!« Lauter. Rasselnder. Ungeduldiger.

»Was haben Sie denn da?« fragte der Major, und Souder stotterte irgend etwas von Telegraphengeräuschen und Leitungabstellen. Dabei machte er aber ein so verlegenes Gesicht, daß ich neugierig nach der Ecke schielte, aus der das Geräusch zu kommen schien. Es kam mir auch so bekannt vor; es erinnerte mich lebhaft an das Klopfen des hölzernen Vibrators, den wir statt der lärmenden Klingel für unser Biertelephon ausgeklügelt hatten. Irgendwo mußte da ein Telephon stecken. In der Ecke dort stand ein Bücherbrett, ein einfaches Regal aus Leisten, auf einer hölzernen Kiste als Unterlage. Die Kiste hatte eine Türe und ein Schloß. Aha!

»R—rrtsch! R—rrrtsch!! R—rr—rrrrtsch!!!« Es war das reine Trommeln und es kam ganz entschieden aus der Kiste!

Major Stevens sprang auf.

»Was zum Teufel haben Sie denn da?« schrie er — der Major war ein sehr cholerischer Herr. Mit einem Satz war er bei der Kiste, riß die Türe auf, und hielt eines unserer schönsten neuen Tischtelephone in den Händen. Ein prachtvolles Instrument. Schallverstärkung. Platin-Resonanz. Verwundert — verdammt verwundert! — sah er Souder an, als plötzlich eine Stimme zu sprechen begann. Eine hellklingende, schrille, lachende Frauenstimme, die drei Meter weit weg vom Schallbecher zu verstehen war.

»Bist — du — da — mein — süßer — Frosch?«

Frosch!

Frosch!! Ich hätte fromm die Hände falten mögen, den guten Göttern zu danken, die mich das miterleben ließen. Ich verspürte keine Spur von Mitleid mit Souder — keine Spur! Der Major kniff die Augen zusammen und mußte grinsen. Neben dem Grinsen aber stand in mindestens gleichem Maße heilloses Erstaunen auf seinem Gesicht geschrieben. Es war höchst interessant, ihn zu beobachten. Ich biß krampfhaft die Zähne zusammen, um nicht herauszuplatzen. Souder aber stand erstarrt da. Steif wie eine Telegraphenlanze.

»So antworte doch, Mäuschen! Wieder 'mal übler Laune? Wieder 'mal zu arbeiten? Packt euch der Major so viel auf?«

Mäuschen!

Dieser Souder!

Wo zum Teufel war das andere Ende? Wer war das Mädelchen?

Der Major ließ sich in einen Stuhl fallen und krümmte sich vor Lachen. »S — Souder — ich — will nicht indiskret sein,« stöhnte er, »s—sagen Sie — der Dame — Sie hätten — Sie hätten Besuch oder — na, irgend was...«

Und der arme Souder mußte (er schwitzte vor Entsetzen) in den Schallbecher sprechen, er würde später anrufen, und ließ dann das Instrument fallen, als sei es glühendheiß.

Major Stevens aber lachte wie toll.

»Menschenskind — 'n Privattelephon — Mädel am anderen Ende — verdammt schlau das mit dem Klopfer — Klingel macht zu viel Lärm, was?« — Teufel, da erntete Souder Lorbeeren, die ihm nicht gebührten! Der hölzerne Klopfer war unser Biertelephonpatent! — »Mann, seit wann sind in unserem Betrieb Telephonistinnen angestellt? — Sie — Sie — Sie süßer Frosch, Sie!«

Und wir lachten alle drei geschlagene fünf Minuten lang.

»Also, dieses Telephon mag ja riesig bequem sein, aber Sie müssen es abschaffen. Nun sagen Sie 'mal im Vertrauen, Carlé hier hält den Mund, wo geht denn das Dings hin? Ich möchte wirklich auch gern wissen, wo hier die netten Mädels sind!«

»In — ins Kavalleriefort,« stotterte Sergeant Souder.

»Was?«

»Ins Hospital!«

»A—ha—aa!« meinte der Major verständnisinnig. »Das haben Sie sich aber höllisch fein eingerichtet!«

In dem großen Kavalleriehospital drüben waren als Ueberbleibsel des Krieges noch viele Leichtkranke und ein Stab von Pflegerinnen. Wir kannten die lustigen Mädels alle. Hatten sie einmal getroffen auf dem Weg nach Washington, und es war ein fideles Diner in einem kleinen französischen Restaurant daraus geworden. Freilich, so schlau, wie dieser Souder — — hatte der in dunkler Nacht einen isolierten Leitungsdraht zum Hospital hinüber gelegt — geschlagene siebenhundert Meter — es mußte eine gräßliche Arbeit gewesen sein — in den Rasen hineingestochert, natürlich, mit dem Messer — na, Souder und ich waren beinahe Blutsfreunde, aber fast schien es mir ein zu großes Opfer der Freundschaft, diesmal den Mund halten zu müssen...

»Unverständlich ist mir nur,« sagte der Major, »wie Sie bei all Ihrer Arbeit noch Zeit für dieses famose Privattelephon und so weiter übrig hatten!«

So spielten sich sogar unsere Allotria in der Welt der Signaltechnik ab, in der wir lebten... Sie waren nicht gerade häufig, diese Allotria, aber dann und wann gab es doch etwas Lustiges bei all der Hetzarbeit.

An einem Winterabend saß ich im Büro des Signalforts. Ich hatte prachtvolle Photographien der neuen Ballonhalle aufgenommen heute, acht Stunden sauer im Büro gearbeitet, den Azetylenapparat ausprobiert, mit einem neuernannten Sergeanten Säbel gefochten, zum Nachteil des Kopfes dieses Sergeanten, und noch allerlei mehr. Doch mißvergnügt guckte ich in die glutlodernden Buchenscheite im Kamin und verfluchte den Major, der bis nach neun Uhr abends irgend einen Bericht diktiert hatte. Und um neun Uhr ging doch die letzte elektrische Bahn von der Arlington Höhe nach Washington! Dann ergriff ich den Taster, schaltete das Quartier ein, rief S. U. 2 an, den Sergeanten Souder, und telegraphierte:

»S. U. 2 — S. U. 2?«

»Jawohl!«

»Wollen wir uns das Auto nehmen, Souder, und ein bißchen nach Washington fahren?«

»Nein!« kam sachlich und klug die Antwort. »Der Hügel unten ist schneeverweht. Wir würden stecken bleiben und erwischt werden. Man muß eine gute Sache nicht übertreiben!«

»Richtig!«

Und mir ist, als hörte ich mein Spitzbubenlachen von damals, und als säße ich wieder in dem komischen Schreibmaschinensessel, mit dem schmalen Lehnenpolster, das einem wie eine Faust in den Rücken drückt — die Hand am Telegraphentaster — vergnügt vor mich hinkichernd über mein Schlausein... Denn ich war es doch gewesen, der den glänzenden Gedanken ausgeheckt hatte, die Automobile des Signalkorps den höchst privaten Zwecken der neun Sergeanten dienstbar zu machen. Wenn nächtlicherweile Offiziere und Mannschaften den Schlaf der Müdigkeit schliefen, huschten wir leise zum Schuppen und sausten wenige Minuten darauf im höchsten Tempo, das die Akkumulatoren nur hergeben wollten, gen Washington. Manchmal spielten wir die großen Herren in den kleinen Restaurants und öfter jagten wir nur planlos übers Land in schierer Freude an jenem Dahinhasten, für das eine spätere Zeit das Wort vom Kilometerfressen geprägt hat, und nie vergesse ich die Nacht auf einer Landstraße irgendwo tief in Virginien, als wir vier Stunden lang totunglücklich über einer Panne arbeiteten, um endlich zu entdecken, daß der Maschine gar nichts weiter fehlte als die Kraft! Wir hatten die Akkumulatoren völlig ausgepumpt. Und in mir ist ein großes Lachen, wenn ich daran denke, wie wir verzweifelt im Laufschritt den schweren Karren vorwärtsschoben, um ein Städtchen zu erreichen, und wie wir endlich dem virginischen Spitzbuben von Nachtaufseher des Elektrizitätswerks seinen Strom mit Gold aufwiegen mußten und wie wir gerade Sekunden noch vor der Reveille heimkehrten. Ach, was waren das doch für schöne Zeiten, in denen man noch hart arbeiten konnte zwölf Stunden lang, und darauf frisch und lustig genug war, die anderen zwölf Stunden in Dummheiten totzuschlagen, um dann seelenvergnügt das Tagewerk von neuem zu beginnen...

Auch jene Nacht, die mit dem Wunsch nach einer Automobilfahrt begann, sollte kein Ende finden. Ich sehe Souder vor mir, wie er vergnügt hereingeschlichen kam, Bierflaschen fürsorglich unterm Arm, Karten in der Tasche, und weiß noch, wie wir behutsam pfiffen auf der Treppe, um den alten Hastings aus seinem ehelichen Schlafzimmer zu locken. Er kam. Auf leisen Sohlen. Im Nachthemd. Da lachten wir leise aber innig, und ein großes Pokern hub an. Die ganze Nacht hindurch. Es dauerte genau bis zur Reveille. Eine halbe Stunde später aber saß ich an der Schreibmaschine, frisch, hellhörig, spitzbübisch vergnügt, und nur meine Augen zwinkerten dann und wann ein bißchen, weil das grelle Licht des jungen Morgens ihnen nicht recht behagen wollte. Ich lächelte gerade im Erinnern an den wundervollen Bluff gegen drei Damen, der mir so um Mitternacht herum gelungen war — da schlug auf einmal die Laune um...

Wie erbärmlich waren diese Vergnügungen! Wie klein und winzig das alles. Der verdammte Sergeantenrock! Er drückte — er tat weh — er schnürte ein. Da saß man nun an der Schreibmaschine und arbeitete die Befehle anderer Leute aus und war giftgrün neidisch im Grunde auf die Offiziersschulterstreifen dieser anderen Leute, wenn man sich's nur ehrlich eingestehen wollte. Unerhört — dieses Leben mit seinen Rekrutendummheiten, dem Pokern, dem einsamen Fort, dem Untergeordnetsein! Und zum zwanzigsten Male so ungefähr in zehn Wochen faßte ich den unabänderlichen Entschluß, eine Eingabe an den Signalchef der Armee zu richten, um meine Entlassung zu bitten, und sie durchzusetzen, und wenn ich bis zum Präsidenten gehen mußte. Diese wiederholten Entschlüsse waren immer ein prachtvolles Barometerzeichen dafür, ob es im Signalfort interessant herging oder nicht. Solange die Automobile neu waren und der Wirrwarr der Organisation groß — da war ich Signalsergeant mit Leib und Seele — als die Arbeitsleistung hübsch eingeteilt wurde und weniger anstrengend — da pfiff ich aufs Soldatenleben — dann kam wieder etwas Neues, und ich war abermals begeistert — —

Draußen fuhr das Automobil vor, das den Leutnant Burnell von Washington geholt hatte. (Der Hügel war also doch nicht schneeverweht!) Das war mir sehr gleichgültig — der Leutnant rutschte immer in Washington herum, zu irgendwelchen Versuchen zum Signalchef abkommandiert — aber ich fuhr entsetzt auf, als er ins Büro trat, anstatt in sein eigenes Quartier nebenan.

»Ach du lieber Gott...«

Denn den Leutnant konnte ich wirklich nicht ausstehen, trotzdem er eigentlich viel liebenswürdiger war als der Major und nie grob hätte werden können wie dieser. Aber er schien mir solch ein langweiliger Geselle. Brutal, wie sehr junge Menschen in der Beurteilung der Menschen neben ihnen nun einmal sind, hielt ich seine Bedächtigkeit für Mangel an Geist, sein Schüchternsein für Trottelei. Er hatte Sommersprossen, die mir mißfielen, und eine Art, sein blondes Schnurrbärtchen zu streicheln, die ich nicht mochte. Dabei aber hatte er trotz aller Schüchternheit etwas Dozierendes, Professorales, und das konnte ich nun schon erst recht nicht leiden.

»Haben Sie viel zu tun, Sergeant?« fragte Leutnant Burnell liebenswürdig.

»No, sir.«

»Wollen Sie dann so freundlich sein, mir beim Auspacken der Instrumente zu helfen, die ich im Wagen habe? Sie müssen sehr vorsichtig behandelt werden und ich möchte sie deshalb nicht Mannschaften anvertrauen. Es sind drahtlose Telegrapheninstrumente, die ich mit Souder und Ihnen ausprobieren möchte. Bitte, rufen Sie Sergeant Souder herbei.« Und der Leutnant lächelte ein wenig in seiner hilflosen Art.

Ich aber war auf einmal wieder mit Wonne Sergeant des amerikanischen Signalkorps!

Draht—lose — Telegraphie!!

»Sofort beim Hauptquartier melden zu Experimenten mit drahtloser Telegraphie!« klickte das Instrument auf meinem Schreibtisch protzig zu Souder hinüber.

Der Sergeant kam gerannt wie aus der Pistole geschossen. Behutsam trugen wir die beiden Tische mit den messingglitzernden Instrumenten auf die weite Schneefläche des Paradegrunds hinaus, und einen anderen Tisch dann, auf dem die Akkumulatoren in langen Reihen aufgestellt wurden. Das Laden der Batterien war uns längst vertraut. Der Leutnant saß steif, bolzengerade, verlegen auf dem Schreibmaschinenstuhl, den ich ihm hinausgetragen hatte.

»Es handelt sich hier um Versuchsinstrumente,« dozierte er, »die mit einigen Abänderungen dem Marconi-Apparat nachgebaut sind. Das Prinzip der Uebertragung telegraphischen Stroms basiert, wie Sie aus meinem neulichen Vortrag wissen, auf dem Aussenden sehr starker elektrischer Entladungen, die in wissenschaftlich noch nicht ganz aufgeklärten Vorgängen sich blitzartig oder vielmehr schallwellenartig durch die Luft fortpflanzen und von nackten Bronzedrähten zum Teil aufgefangen werden können. Das eigentliche Registrieren des Stromes jedoch geschieht durch den Kohärer, ein mit Metallstaub gefülltes luftleeres Glasröhrchen, das sehr fein auch auf schwächste elektrische Einwirkungen reagiert. Unsere Aufgabe nun ist —«

»Oh du langweiliger Geselle! Du — du Professor, du!« dachte ich.

Ich hörte schon gar nicht mehr zu.

Aha — Taster wie bei einem gewöhnlichen Telegraphenapparat. Der Draht dort war die Erdleitung. Hm, die riesigen Messingkugeln sind Induktoren natürlich, und jene Drähte führen ihnen negative und positive Elektrizität von den Drähten dort zu. Dja, das müssen wir uns doch 'mal ganz genau ansehen. Dieser Draht also — aha! A—ha! Kindereinfach! Wenn ich auf den Telegraphentaster hier drücke und damit die Verbindung zwischen den beiden Drähten herstelle, so verbinde ich eigentlich die beiden großen Messingkugeln, aus denen nun ein ungeheurer Funke überspringt. Dieser Funke klettert am Draht empor und — na ja, geht in die Luft spazieren. Wie er das macht, mag der Teufel wissen! Die gescheitesten Leute haben es noch nicht herausgekriegt. Dann stößt er sich den Kopf an den Draht, der da drüben an der Empfangsstation in die Luft hinausragt, klettert daran hinunter und — — und somit — — — gräßlich einfache Sache...

Herrgott, wie wunderbar frech war ich damals!

»Vorsichtig!« befahl der Leutnant. »Das Senden ist bei diesem Versuchsapparat gefährlich. Sehen Sie mir genau zu. So setzen Sie sich hin! So wird die Hand an den Taster gelegt! Sie sehen, daß die Gummiplatte Hand und Arm von allen Metallteilchen isoliert. So! Vollkommen ruhig sitzen! Der Kopf darf nicht nach vorwärts gebeugt werden. Nun drücke ich auf den Taster und —«

Unwillkürlich prallten Souder und ich zurück.

Von Messingkugel zu Messingkugel schoß über eine Strecke von einem halben Meter wohl unter furchtbarem Dröhnen, Knattern, Sausen ein Blitz. Er war armsdick. Das jähe Weiß, Gelb, Rot seiner glühenden Farben schien einem ins Gehirn zu dringen. Glutrot war der sausende Funkenstrom dort, wo er den glitzernden Kugelmassen entsprang, wurde grellgelb dann, und zu leuchtendem Weiß in der Mitte. Um seine Ränder schienen Funkenstäubchen zu zittern. Und in dieser glutströmenden Masse von fürchterlicher Kraft war donnerndes Sausen, als folge Explosion auf Explosion, so rasch, daß das Ohr nur ein einziges, stetes, dröhnendes Schwingen unterschied. Meine Augen starrten wie gebannt auf den Blitzstrahl, und ich wurde ganz still. Wie feierliche Märchenstimmung kam es über mich, daß ich das Wunder miterleben durfte.

Der Leutnant ließ den Taster los und der Blitz verschwand. An den leuchtenden Messingkugeln waren zwei talergroße Stücke leicht gebräunt, wie verbrannt.

»Das ist die Kraft!« sagte er. »Haben Sie meine Manipulationen genau beobachtet, Souder?«

»Jawohl.«

»Sie begreifen, daß der Induktionsstrom gefährlich ist und jede Berührung von Metallteilen unbedingt vermieden werden muß?«

»Jawohl.«

»Dann setzen Sie sich an den Apparat.«

— — — — —

»So, das ist richtig, Souder. Rühren Sie sich ja nicht. Ich werde nun den Empfangsapparat fünfzig Schritte entfernt aufstellen. Wenn Carlé Ihnen ein Flaggenzeichen gibt, dann telegraphieren Sie das Wort wonder!«

Das hieß — Wunder.

»Dann eine Minute Pause — dann wieder das Wort — und so weiter bis zum Flaggenzeichen! Die Instrumente sollten eigentlich in der Fünfzig-Schritt-Grenze betriebsfähig sein, aber es wird viel adjustiert werden müssen. Unsere Arbeit wird sich darauf beschränken, die Wiedergabe der Zeichen im Empfangsapparat genau aufzuzeichnen — wie sie auch sein mag. Also: Flaggenzeichen — Wunder — Pause — Wunder — Pause — nicht wahr? Kommen Sie, Sergeant!«

Wir trugen den Empfangstisch fünfzig Schritte weit weg.

Der blanke Antennendraht wurde einfach an einer in den Boden gestoßenen hölzernen Lanze befestigt, denn es war bei dieser kurzen Entfernung ganz gleichgültig, wie hoch er in die Luft ragte, wenn er sich nur über die Apparate selbst erhob. Von der Lanze führte der Draht auf den Tisch und wurde vom Kohärer unterbrochen. Dieser Zusammenhänger, Zusammenbringer, Verbinder war ein simples luftleeres Glasröhrchen, zu einem Viertel seines Inhalts mit winzigen Metallteilchen gefüllt, die ein Schlosser Feilspäne genannt hätte. In den winzigen Endöffnungen des Röhrchens war rechts der Luftdraht eingelötet, links der Instrumentendraht, der dann weiterführte zu dem verstärkenden Relais und dem Magneten des Morseklopfers, dem eigentlichen Empfänger. Der wieder war mit Ergänzungsbatterie, Erdleitung und selbsttätig aufzeichnendem Rollenapparat verbunden. Der Leutnant zeigte auf die verschiedenen Verbindungen, deutete die Drähte entlang und fragte:

»Verstehen Sie die Zusammenhänge?«

»Jawohl.«

»Dieses Röhrchen hier ist ein Wunderding,« sagte er langsam. Er schien mir mit einemmal gar nicht mehr langweilig... »Man könnte es den elektrischen Sinn nennen. Oder das elektrische Auge. Oder das elektrische Gehirn. Sehen Sie, die Stromwelle, die der Luftdraht dort auffängt, hat in ihrem Wandern so viel Energie verloren, daß sie im Draht überhaupt kaum wahrgenommen werden kann durch den Strommesser, jedenfalls aber einen Morsemagneten nie in Bewegung setzen würde. Wir führen daher den Strom durch dieses Röhrchen mit Feilspänen. So schwach er auch sein mag, so spürt ihn das erste Metallteilchen am Röhrenende. Es erzittert, verspürt die Schwingungen, wird elektrisch. Es saugt den Strom in sich auf, bis es geladen ist in unerträglicher Spannung und wird ebenfalls elektrisch und auch überladen und lastet einem Nachbarstäubchen einen Teil der Bürde auf. Das wiederholt sich von Stäubchen zu Stäubchen, millionenmal in einem winzigen Bruchteil einer Sekunde, bis das letzte Stäubchen am anderen Ende seine Bürde aufgenommen und sie weitergegeben hat. Die Metallteilchen sind durch den Strom zu einer elektrisch leitenden Masse verbunden worden — bis das letzte Stäubchen seine Last abschüttelt an den Instrumentendraht und das Relais, das den schwachen Strom auffängt und ihn aus eigener Kraft verstärkt. Das war der erste Vorgang. In dem zweiten nun, der folgt, liegt das Wesen der drahtlosen Telegraphie: sobald die Schwingungen aufhören, muß es über die Metallstäubchen kommen wie Müdigkeit. Sie wollen nichts mehr wissen von einander, zerfallen — und unterbrechen damit die Leitung! Sie fügen sich zusammen, wenn sie Strom verspüren, zerfallen, wenn sie ihn nicht mehr verspüren. Aus diesem Zusammenfügen und Zerfallen werden die Punkte und Striche des elektrischen Alphabets...«

Ich starrte auf das Wunderding mit den Stäubchen.

»Sie verstehen? Es ist ganz einfach, wenn man auch ja nicht viel darüber nachdenken darf, denn dann wird's unbegreiflich. Sehen Sie her: der Morsemagnet und das Relais haben ihre eigene Kraft aus unserer zweiten Batterie dort, nicht wahr? Sie sind aber eingeschaltet in den Luftdraht. Solange die Stäubchen nun zusammenhängen — cohaerere — Kohärer! — arbeitet unsere Kraft. Wenn sie zerfallen, ist unsere Kraft abgedreht. Strich — Punkt — Strich — Punkt... Sie sind wie ein Zapfhahn: Hahn auf! Hahn zu! Die Wellen in der Luft sind nur stark genug, auf das bißchen Metallstaub einzuwirken — das übrige besorgt unser Empfangsinstrument selber. Aber der elektrische Strom in dem Röhrchen ist sehr eigensinnig. Manchmal will er, manchmal will er nicht. Es ist uns noch nie gelungen, ein ganzes Wort aufzufangen. Ja — — geben Sie das Zeichen!«

Grell und blendend zischte drüben der sausende Lichtbogen auf und deutlich unterschied ich es: Kurz, lang, lang... kurz, kurz — lang, kurz... W—u—n—der.

»Es ist nichts,« sagte der Leutnant leise. Er tippte mit einem Bleistift an das Röhrchen.

Pause.

Wieder dröhnte es: Kurz, lang, lang —

Und da rasselte der Klopfer eine Sekunde lang und auf dem Papierstreifen erschienen wirre Punkte, acht oder neun, in unregelmäßigen Abständen. Sie bedeuteten nichts.

»Laufen Sie zu Souder hinüber und sagen Sie ihm, er solle fortwährend langen Strich — Pause — langen Strich senden,« befahl der Leutnant.

Drüben knatterte es. Lang — Pause — lang. Und mit einem Male, als wir den Heimatstrom verstärkt und den Magneten auf größte Empfindlichkeit gestellt hatten, begann der Klopfer zu reden. Klick — Pause — Klick. Auf dem sich drehenden Papierstreifen erschienen in absoluter Regelmäßigkeit Striche. Fast gleich lange.

»Wir haben es!« flüsterte der Leutnant fast keuchend. »Carlé! Flagge hoch! — — Souder!!« brüllte er. »Telegraphieren Sie wonder!«

Atemlos beugte ich mich über das geheimnisvolle Glasröhrchen und — sah es wie ein Erzittern durch die Metallstäubchen gehen. Die gleichmäßige Lage von Metallteilchen schien an einer Stelle dünner zu werden, an einer anderen sich an der Glaswand zu erhöhen. Leise klickte der Klopfer:

»Kurz, lang, lang — kurz, kurz...« deutlich hörbar trotz des sausenden Gedröhnes im Gebeapparat drüben.

»Flagge hoch!«

Der Leutnant stand da und starrte auf den Papierstreifen. So klar und deutlich wie Schrift stand da in den Punkten und Strichen der telegraphischen Zeichen das Wort —

w—o—n—d—e—r.

»Meines Wissens ist das zum erstenmal, daß in Amerika die praktische Uebertragung eines Worts auf drahtlosem Wege gelungen ist,« sagte er.

Und dann streikte das Glasröhrchenwunder. Die Experimente dauerten fast ohne Unterbrechung zwei Tage lang, aber es gelang nicht ein einzigesmal, die Wiederholung auch nur eines einzigen Buchstabens zu erzielen. Irgend etwas arbeitete nicht im elektrischen Gehirn...

So plötzlich wie er gekommen war, verschwand der Leutnant wieder in das Laboratorium in Washington, und ich habe nie wieder einen drahtlosen Apparat gesehen seitdem.

Ich nehme meinen Abschied.

Acht Wochen der Macht. — Veränderungen im Korps. — Ich werde ins Kriegsministerium kommandiert. — General Adolphus W. Greely. — Mein Entlassungsgesuch. — Die weggeworfenen 1200 Dollars. — Von Beamtinnen Onkel Sams und Dampfaustern. — Ich bin entlassen. — Sergeant Souder wird Offizier. — Abschied von Major Stevens. — Nun fängt ein neues Leben an.

Prachtvolle Wochen heißer Arbeit waren es gewesen. Der bunte Wirrwarr, den jeder Tag brachte, die immer neuen Pflichten, die alle Kraft aufs äußerste anspannten, die Versuchsarbeit im Telegraphie-, Ballonwesen, Kriegsphotographie, die große Selbständigkeit, die jedem von uns ein freies Arbeitsfeld gab — all das viele Neue wirkt berauschend, begeisternd. Jeder von uns empfand es als hohe Ehre, sich halbtot schinden zu dürfen, und wachte von Anfang an eifersüchtig darüber, daß er auch ja Arbeit über Arbeit bekam... Je mehr Arbeit, je mehr Ehre! Man verspürt die Wonnen des Schaffens und der Macht.

Aber sehr bald sollte sich Vieles verändern.

Leutnant Burnell war zum Kapitän ernannt worden, zwei neue Leutnants waren hinzugekommen in rascher Folge und über vierzig neue Sergeanten, die aus den besten Berufstelegraphisten und den Elektrikern ausgewählt wurden. Der Mannschaftsbestand stieg oft über zweihundert Mann. Die Organisation des Signalkorpsforts während kaum mehr als einem Vierteljahr war eine bewunderungswürdige Arbeitsleistung gewesen und ein großer Erfolg. Vom engen persönlichen Standpunkt aus aber schwand meine Freude am Signalkorps rasch. Ich war jetzt einer von vielen nur; die schöne Machtperiode der neun Sergeanten hatte kaum acht Wochen gedauert. Im Büro häufte sich die tägliche Routinearbeit so, daß ich schließlich nicht mehr war als ein Maschinenschreiber, der nur aus den Befehlen noch wußte, was draußen vorging. Das enge Verhältnis zum Kommandeur, das der Krieg geschaffen hatte, war langsam geschwunden, wie das sein mußte. In den Werkstätten drüben und in den Abteilungen arbeiteten fremde Menschen, mit denen einen nichts verband als die gemeinsame Uniform. Soviel wußte ich: die allernächste Gelegenheit, die sich mir bot, das Entlassungsgesuch zu erneuern, wollte ich beim Schopfe nehmen!

In diesen ersten Zeiten der Arbeit hatte ich ja ganz vergessen, daß schon im Zeltlager von Montauk Point, sofort nach Beendigung des Krieges, das Ziel der nächsten Zukunft klar vor meinen Augen gestanden war:

Den Soldatenrock ausziehen! Zurück zur Zeitung!

Nur um den Krieg mitzumachen, war ich Soldat geworden. Nur darum. Und von Tag zu Tag wurde nun der Wunsch heißer in mir, ein Ende zu machen.

Im Anfang des Jahres 1899 wurde ich in das Büro des Signalchefs ins Kriegsministerium nach Washington kommandiert, als Sekretär des Majors. Es war eine ganz unwichtige Angelegenheit, um die es sich handelte — die Aufstellung der neuen Bedarfslisten, bei der ich mit unserem Büromaterial zur Hand sein mußte — und sie interessierte mich nur, weil sie einen Wechsel bedeutete. Sie sollte aber den Abschluß meines Militärdienstes bei Onkel Sam herbeiführen.

Der Major war in Zivil, als das Automobil uns frühmorgens nach Washington zum Kriegsministerium brachte, denn amerikanische Offiziere tragen außerhalb der Forts ungern Uniform, und auch ich hatte die Erlaubnis erhalten, Zivil anzulegen. Höchst erfreut war ich darüber; gab mir das doch Gelegenheit, in den Arbeitspausen ein Stück Washington anzusehen, ohne mich lange umziehen zu müssen. In Sergeantenuniform ein gutes Restaurant aufzusuchen, wäre mir nicht eingefallen, denn amerikanische Freiheit hat ihre Grenzen.

Durch die breiten Gänge des Kriegsministeriums, in denen es von Menschen wimmelte, ging es zum Lift, vier Treppen empor, und wenige Minuten darauf standen der Major und ich in dem kleinen Arbeitszimmer des Signalchefs der Armee. Ich hatte den General noch nie gesehen und etwas wie scheue Bewunderung war in mir. Der alte Herr am Schreibtisch dort im schlichten Gehrock mit dem wallenden weißen Patriarchenbart und den ein wenig unmilitärischen silbernen Hauptlocken, war einer der kühnen Männer, die mit Leib und Leben um den alten Menschheitstraum gekämpft hatten, den Nordpol zu erreichen. Vor siebzehn Jahren ungefähr hatte Adolphus Washington Greely die internationale Expedition nach der Franklinbai geleitet und war drei Jahre lang in Schnee und Eis eingeschlossen gewesen. Seine Forschungen hatten ein neues Kapitel in der Geschichte der Arktik eingeleitet. Später war der berühmte Mann General und Leiter des Signalkorps geworden.

»Guten Morgen, Major,« sagte der alte Herr, über seine Brille hinwegblinzelnd. »Welcher Sergeant ist das?«

»Sergeant Carlé,« antwortete der Major.

»So?« Die hellen Augen funkelten mich an. »Einer von den Kubanern, hm. Sie sind sehr rasch Sergeant geworden!«

»Jawohl, General.«

»Hm, ja. Haben Sie einen Wunsch, Sergeant?«

Ob — ich — einen — Wunsch — hätte? In militärischer Haltung stand ich da, unbeweglich wie eine Mauer, aber durch meinen Kopf rasten die Gedanken. Das war die Gelegenheit, die beim Schopfe gepackt werden mußte —

»Ich bitte, aus dem Militärdienst entlassen zu werden!«

»Weshalb, Sergeant? — —«, höchst erstaunt.

»Ich ließ mich eigentlich nur anwerben, um den Krieg mitzumachen, und möchte meine Zeitungsarbeit wieder aufnehmen.«

»Eigentlich — eigentlich —« brummte der alte Herr unwillig. »Die Werbung erstreckt sich immer über eine Periode von drei Jahren. Das wußten Sie doch. Wo wurden Sie angeworben?«

»In San Franzisko, General.«

Der Major stand da, halb zur Seite gewandt, und biß sich lächelnd auf den Schnurrbart. Dann sagte er kurz:

»Ich befürworte das Ansuchen.«

»Nun,« sagte General Greely, »der Sergeant wird auf dem Dienstwege Bescheid erhalten. Vorher aber muß ich ihn darauf aufmerksam machen, daß auf Order des Kriegsministeriums neuerdings den Mannschaften, die vor der Zeit entlassen werden, die Reiseentschädigung nicht gewährt wird. Halten Sie Ihr Gesuch unter diesen Umständen aufrecht, Sergeant?«

»Jawohl, General!«

Da hatte ich mit einem Wörtchen so ungefähr eintausendzweihundert Dollars auf die Straße geworfen ...

»Well,« sagte der Major, als wir nach einer Stunde Arbeit aus dem Zimmer des Generals auf den Korridor traten, »welche Entscheidung der Chef treffen wird, weiß ich nicht. Sie scheinen ja plötzlich eine verdammte Eile zu haben, sich von uns loszueisen —«

Und weg war er.

Ich mußte meine Akten in Ordnung bringen und ging ins Nebenzimmer, die Schreibstube des Hauptquartiers. Das war ein großer Raum mit gewaltigen Aktenschränken an den Wänden. An sechs Schreibmaschinen saßen sechs junge Damen, eifrig tippend, und einige junge Herren kletterten die Leitern zu den Aktenschränken hinauf und hinab. In der Ecke stand ein Tischchen für mich. Nach einigen kurzen Worten mit dem Bürovorsteher setzte ich mich und tat so, als ob ich arbeitete. Mir wirbelte der Kopf. Würde mein Gesuch genehmigt werden? Fing nun ein neues Leben an? Ich wollte nachdenken, versuchen mir vorzustellen, was ich anfangen würde, wenn ich frei war, aber in meinem Schädel jagte es wirr durcheinander vor lauter Aufregung. Sollte ich zurück nach San Franzisko fahren? Sollte ich — — sollte ich — — —

Ich dachte an alles. Und doch wieder an nichts Greifbares. Schließlich folgte ich wieder meinem schönen alten Instinkt, die Dinge der Zukunft dahin zu verweisen, wohin sie gehörten: in die Zukunft. Zum Teufel, noch war ich nicht entlassen. Es nützte gar nichts, sich den Kopf darüber zu zerbrechen. Das hatte Zeit. Und ich schob die Gedanken, die mich plagten, einfach weg.

Um ein Uhr ertönte ein schrilles Glockenzeichen, das die Lunchpause bedeutete, und ein guter Gedanke kam mir. Nur nicht allein sein müssen jetzt und sich mit Grübeln quälen!

»Ich bin Sergeant Carlé,« sagte ich zu Miß Tipp-Tipp, die mir am nächsten gesessen hatte, beim Hinausgehen.

»Das wissen wir! Lieber Mann, wir Mädels im Büro wissen alles!«

»So? Dann wissen Sie vielleicht auch, daß ich es abscheulich finde, allein zu lunchen. Wollen die Damen mir die Ehre erweisen, beim Lunch meine Gäste zu sein?«

»Was, wir alle?«

»Natürlich!«

»So 'was Nobles gibt's nicht wieder!« kicherten die Tipp-Tipp-Misses und erklärten einstimmig, man müßte Dampfaustern essen und es sei gar nicht weit. In dem weltberühmten kleinen Dampfaustern-Restaurant in der Nähe des Kapitols setzte der weißbefrackte Negerkellner sieben große Suppenteller vor uns hin, tat ein Stück Butter, Salz, Pfeffer, Paprika in jeden, und füllte sieben Drahtkörbchen mit Austern in den Schalen. Dann öffnete er sieben Türchen in den breiten schornsteinartigen Eisenröhren, die hinter der Bar die Wände entlangliefen, hängte die Drahtkörbe hinein, und drehte an einem Ventil. Die Eisenröhren waren Dampfleitungen. Heißer Dampf kochte die Austern in ihrer eigenen Schale. Nach einer halben Minute stellte er den Dampf ab, nahm die Körbe heraus, und öffnete Auster auf Auster über den Tellern, daß ja kein Tropfen des Safts verloren ging. Es entstand eine Art Suppe, so delikat, so kräftig, daß sie einen Toten hätte erwecken können. Ueber ihr und dem Geplauder meiner sechs Gäste vergaß ich völlig, daß in diesen Stunden ein Stück meines Geschicks sich entschied...

Die Mädels schnabulierten tüchtig und schwatzten wie die Spatzen.

Sie waren allesamt festangestellte Beamtinnen, pensionsberechtigt und auf Lebenszeit versorgt. In früheren Zeiten kam Jammer und Elend über die Tausende von niederen Angestellten in den Büros der Washingtoner Ministerien, wenn nach neuer Wahl ein Präsident dem andern folgte. Das Heer von Wählern des neuen Mannes drängte nach Stellen. Der Erwählte mußte wohl oder übel die Mitarbeiter seines Vorgängers auf die Straße werfen, um seinen beutegierigen Anhängern Raum zu schaffen, und so bedeutete jeder Wechsel in der Präsidentschaft wie unter den einzelnen Ministern ein Brotloswerden von vielen Menschen in der Bundeshauptstadt bis hinunter zu den Portiers und Fensterputzern. Alle flogen sie! Wehe den Besiegten! hieß es auch im unblutigen Wahlkampf viele Jahrzehnte hindurch, bis sich endlich den gesetzgebenden Körperschaften die Erkenntnis aufdrängte, daß die Geschichte höchst unmoralisch war und vor allem, was ihnen vielleicht wichtiger schien, höchst unzweckmäßig. Denn an Stelle der eingearbeiteten Beamten trat so immer wieder ein Heer von ahnungslosen Neulingen, die mühsam angelernt werden mußten. Es wurde daher eine Art unabhängiger Beamtenschaft geschaffen, der Civil Service, der Zivildienst. Die kleinen und mittleren Staatsbeamten wurden nunmehr der Reihe nach aus einer Schar von Bewerbern ausgewählt, die schwierige Prüfungen bestanden haben mußten. Es gab eine Stenotypistenprüfung, eine Buchhalterprüfung, eine Sprachenprüfung, eine Postprüfung, wissenschaftliche Spezialprüfungen und so weiter. Männliche wie weibliche Beamte des Zivildienstes konnten nunmehr nur wegen Verfehlungen nach einem Gerichtsverfahren entlassen werden. Die hohen Beamten freilich »flogen« nach wie vor bei einem Wechsel der Regierung.

»Wieviel Gehalt bekommt ihr denn?« fragte ich vergnügt.

»Hundertundzwanzig Dollars im Monat,« lachten die Mädels.

Onkel Sam war doch immer nobel! Und sie erzählten, diese jungen Dinger, von ihren Klubs, von ihren Privathotels, in denen sie beisammen wohnten, von ihren Sparkassen, von ihrer Bank. Denn sogar eine Beamtinnen-Bank hatten sie sich gegründet. Ein Mädel aber mit Stumpfnäschen sagte:

»Noch lieber möchte ich verheiratet sein...«

Die zwei Stunden waren wie im Fluge vergangen. Die Beamtinnen Onkel Sams setzten sich wieder an ihre Maschinen und ich wollte mir vom Bürovorsteher meine Akten zurückerbitten, als er schon auf mich zukam:

»Major Stevens erwartet Sie im Offizierszimmer,« sagte er. »Hat soeben nach Ihnen gefragt. Gegenüber — gleicher Korridor — vierte Türe links!«

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