Dritter Teil (continued 3)
Reading edition
Es ist etwas Merkwürdiges um die Träume von Weingeistern und Zeitungsmenschen...
So sah einer von den fröhlichen Tagen im Leben des Zeitungslandsknechts aus. Es gab aber auch unfröhliche Tage, in denen die nervöse Hast keinen Erfolg brachte, keine Arbeit, keinen Eindruck.
In ihrer Gesamtheit waren diese Tage, diese Wochen, diese Monate ein Stück Leben, wie ich es niemals schöner erlebt habe. Ein Geldverdienen zum erstenmal, das über kleine Tagesnöte weit hinausragte; Selbständigkeit, immer wieder neue Begeisterung. Ich fühlte mich ganz als Amerikaner, ganz als amerikanischer Zeitungsmann, und war glücklich!
Aber ich glaube, Dick Burton hat den Nagel auf den Kopf getroffen, als er einmal sagte:
»Deine Sachen haben etwas merkwürdig Fremdes. Unamerikanisches! Und gerade deshalb sind sie interessant!«
Fremd oder nicht fremd — amerikanisch oder unamerikanisch — wie das nun sein mag — aber gerade diese Neuyorker Landsknechtszeiten haben mir den ruhenden Pol in der Erscheinungen Flucht gegeben, das Bleibende, das Mittelpunktige in einem bunten Leben:
Den Zeitungsinstinkt!
Wenn heute üble Laune mich plagt, der schwarze Mann hinter mir auf dem Lebenspferde sitzt, die Dinge des Tages mich schinden, dann gehe ich zu ihr — zur Zeitung...
Dort nehmen sie mich auf als Freund und Bruder. Und ich werde jung, jung wie ich als Zwanzigjähriger war, wenn unter mir der Boden von Rotationspressen erzittert, und meine Nase die frische Druckerschwärze einatmet, und die Redaktionsteufelchen hin und her laufen mit den schmalen Streifen nassen Papiers, und Dutzende von Leuten einen in jedem gesprochenen Satz zweimal unterbrechen. Die Götter sind immer gütig, wenn's einem so recht erbärmlich zumute ist, und schenken ganz gewiß dem Zeitungsmenschenhirn die Fähigkeit, eine Arbeit für die Zeitung zu ersinnen. Einen Ueberlandflug im Zeitungsdienste, oder eine Zeppelinfahrt, oder ein Hafenabenteuer. Und dann kommt, belebend und erfrischend wie verjüngender Jungbrunnen, das alte Hasten, das liebe Hetzen. Die Arbeit, das Erfassen des Bildes, das begeisternde Sichhineinfügen, das Geizen mit den Minuten, die rasende Fahrt im Automobil zur Redaktion, die lange Nacht im fröstelnd kalten Redaktionszimmer des nächtlich stillen Gebäudes, das Ankämpfen gegen eilende Zeit in jagendem Schreiben Zeile um Zeile. Das unsinnige Rauchen — das Herbeischleppen von Krügen Pilsener Biers durch den schmunzelnden Nachtportier.
Und dann fährt man im Morgengrauen nach Hause mit zerrauchter Kehle und zerrütteten Nerven, aber überselig, wieder einmal im alten Geschirr gearbeitet zu haben. Man ist doch wie jener alte Droschkengaul, der die Nüstern bläht und galoppierend durchgeht, wenn auf dem Manöverfeld bei der Straße die lustigen Trompeten zur Attacke schrillen. Einmal ein Zeitungsgaul, immer ein Zeitungsgaul...
Ja, es ist eine schöne Sache um die Einbildung!
Mindestens zehnmal in diesem Jahre habe ich — beinahe schon scheint's eine alte gemütliche Gewohnheit — mir vorgenommen, ein für allemal und endgültig zur Zeitung zurückzukehren, um ebensooft den Kuckuck dergleichen zu tun. Ich lachte dann jedesmal, und ein lustiges Grauen packt mich und ich denke an das Landsknechtjahr in Neuyork. Nein: solch ein Jahr konnte nur die Jugend erleben. Es ist aus damit. Bleibt noch das Saugen an den Hidigeigeipfoten der Erinnerung, und das Lachen.
Wie schön sie doch waren, diese Zeiten, und wie sonderbar! Es war für absolut nichts Platz in dem Gehirn von damals als für Dinge der Zeitung; es gab einfach nichts anderes im Leben. Ich habe im Laufe eines ganzen Jahres ganz gewiß nicht mehr als zehn Bücher gelesen, denn das war doch offenbare Zeitverschwendung, und von den vielen Menschen, die ich kennen lernte, interessierte mich kaum ein einziger um seiner selbst willen. Was konnte der? Was wußte jener? Was hatte dieser zu erzählen? War da etwas daraus zu machen? Die Politik war wunderschön — wenn sich aus ihren Tagesereignissen ein Anhaltspunkt für Zeitungsarbeit ergab; schaffende Männer begeisternd interessant — wenn sie einem etwas zu erzählen wußten, das für die Zeitung zu gebrauchen war; das ganze polternde Neuyorker Leben nur dazu da — damit man darüber schreiben konnte! Verrückte Zeiten waren es von einer so völligen Abgeschlossenheit in ihrer Arbeitsart, daß es einen seltsam anmutet im Erinnern. Im tiefsten Grunde war man nicht viel besser daran als der Arbeiter, der tagaus, tagein, und Jahr für Jahr immer das gleiche Stahlteilchen poliert. Die Zeitung fraß einen auf mit Leib und Seele. Sie nahm hin, was man selbst hätte erleben sollen; sie machte einen zu einer Art unpersönlichen Zwischenträgers. Sie ließ Raum für nichts.
Man war der Zeitung verfallen mit Haut und Haaren!
Neuyork und die Neuyorker.
Im Zeppelin über Hamburg. — Die deutsche Hansestadt und das geheimnisvolle Neuyork. — Der Guldensinn der Mynheers, die Neuyork gründeten. — Her mit dem Dollar! — Das Wunderkind mit dem Wasserkopf. — Sein Wachstum. — Der Geist des Wolkenkratzers. — Die Ungereimtheit der Gegensätze. — Neuyorks fremdes Menschenfutter. — Der Zweckmäßigkeitsmensch. — Der arme Milliardär und seine Rätsel. — Die Ehre der Arbeit. — Geldverdienen als Sport. — Die Seele Neuyorks: Tätigstes Leben.
Im August des Jahres 1912 war es, in einer Mondscheinnacht. Ich stand still im Gondelfenster des Zeppelinkreuzers Hansa und starrte bedrückt auf die unbeschreibliche Schönheit unter mir. Wir jagten in weiten Kreisen über Hamburg. Ein sonderbares Gefühl war in mir, als läge die Hansastadt da wie ein offenes Buch. Da lagen in scharfen, eckigen, geometrischen Figuren die Silberbänder und die dunklen Umrisse des Riesenhafens, der ein unbegreifliches Wirrsal ist für den Beschauer auf dem Dampfer oder im Motorboot. Von hier oben aus waren die verzwicktesten Zugänge, die verstecktesten Winkel, die entferntesten Wasserstraßen, in ihrer Bedeutung und in ihren Zusammenhängen so sonnenklar zu erkennen, daß es einem wie Schuppen von den Augen fiel. Aus winzigen Einzelheiten, die unten im Erdgetöse betäuben würden, wuchs das große Bild. Sie waren nur kleine schwarze Pünktchen, die Tausende von Dampfern auf den Silberbändern da unten, und sie waren stumm, denn nur wie leises Summen tönte in den Lüften die nächtliche Arbeit der deutschen Stadt, die auch nicht eine Sekunde in den vierundzwanzig Stunden des Tages rastet und ruht... Man schwebte hoch über erdenschweren Dingen. Man war befreit von der verwirrenden Tyrannei der Einzelheit. Man sah so deutlich, wie die schwarzen Pünktchen deutschen Ehrgeiz und deutschen Reichtum in die Welt trugen und vermehrtes Streben, vermehrten Reichtum zurückbrachten. Man sah die Milliardenwerte aufgespeichert in jenen langen dunklen Streifen am Wasserrand da unten und sah sie wandern binnenwärts auf den Schienensträngen, die wie feine Fäden eines Netzes nach allen Seiten ausstrahlen. Man sah den großen Zug. Die Wechselwirkung von Geld, Arbeit, völkischem Ehrgeiz. Und dann kam die lichtflutende innere Stadt. Die war eigentlich gar nicht wichtig, sondern verkaufte nur den Menschen, die dem großen Hafenbegriff dienen, was sie zu des Lebens Notdurft und Freude gebrauchen. In den langen eckigen Straßen dort mit den unfreundlichen massigen Häusern werden die Pläne ersonnen, die aus Waren Gold schaffen. Und in den dunkleren Streifen an den Rändern wohnen sie, die Diener der Hansestadt...
So löste sich, aus der Luft gesehen, das verworrene Getriebe der Reichtumspforte Deutschlands in ungeheuerste Einfachheit auf.
Und wie heißes Sehnen kommt es über mich:
So möchte ich einmal über der geheimnisvollsten, der unbegreiflichsten, der am stärksten wirkenden Stadt der anderen Welt über dem Ozean schweben. Ueber meinem alten lieben Neuyork. Und ein Wundern kommt über mich, ob die Dollarstadt des Atlantischen Ozeans dem Horcher in den Lüften wohl auch so sonnenklar von ihrem Sein und Wesen erzählen würde wie die Markstadt der Nordsee.
Geheimnisvolles Neuyork — — —
Wilder Wirrwarr jagt vorbei in wachen Träumen. Ich sehe wimmelnde schwarze Menschenmassen, höre donnerndes Getöse, schaue auf häßliche Berge von Stein, die einen erschauern lassen ob der Schönheit ihrer Wucht. Ueber wogendes Hafenmeer huschen Schiffsriesen ohne Zahl und an den Wasserrändern strecken sich weithin ins Land wie Bienenkorbzellen die Behausungen von Millionen von Menschen. Wo ist das Herz Neuyorks? Welche Kraft pumpt den belebenden Arbeitsstrom durch seinen Riesenleib? Wo muß man Neuyork packen, um es zu verstehen? Es wird die Eingangspforte zur neuen Welt genannt, und wahrlich, Millionen von Menschen sind durch sein Tor geschritten. Ist das sein Wesen? Ist es eine Pforte nur?
Die Traumbilder huschen vorbei.
Vor einigen Monaten stand ich wieder einmal auf der Great Oxford Street in London und sah die Menschenmassen und die endlosen Wagenreihen sich vorbeiwälzen. Da war der Eindruck so leicht zu erfassen. Denn ein Kind hätte verstehen können, daß in diesem Häuserwirrwarr und Menschengedränge das Herz Großbritanniens pulsierte, das Hirn Englands schuf und dachte, der Mittelpunkt des Weltreichs sich befand. Auch da ließ sich das beängstigende Einzelgetöse gar leicht zu großem Zug zusammenfassen.
Neuyork aber ist geheimnisvoll.
Ein gescheiter Mann nannte es einmal das Wunderkind mit dem Wasserkopf unter den Städten der Welt. Der anscheinend so unförmige und häßliche Kopf aber sehe nur aus wie ein Wasserkopf und enthalte in Wirklichkeit ein ganz ausgezeichnet entwickeltes Gehirn. Dieser Wunderkinder-Vergleich ist sehr gut. Neuyork ist kindlich jung. Noch nicht einmal dreihundert Jahre alt. Denn im Jahre 1626 war es, als die Niederländer, gescheite Leute und tüchtige Seefahrer, die feine Nasen für einen ideal guten Hafen hatten, auf der Insel Manhattan landeten und das niederländische Dörfchen Neuamsterdam gründeten. Ganz genau auf dem Fleck, wo jetzt die Wolkenkratzer gen Himmel ragen. Der Witz der Weltgeschichte wollte es, daß dieses kleine Häuflein von holländischen Männern den Menschen des Erdenflecks, auf dem sie hausten, in die Jahrhunderte hinein Geist von ihrem Geist und Denken von ihrem Denken vererben sollte — Millionen von Menschen, die auch kein Tröpflein des alten Holländerbluts in ihren Adern haben sollten. Und trotzdem — — Die Neuamsterdamer waren, in scharfem Gegensatz zu ihren Nachbarn, den neuenglischen Puritanern, weder Idealisten, noch Fanatiker, noch instinktive Republikaner. Sondern die Mynheers hatten gutes, dickes, solides Kaufmannsblut und wollten Geschäfte machen in ihrem Neuamsterdam. Nur Geschäfte. Recht gute Geschäfte. Sie sind auch sehr reich geworden.
Und sie sind es, die dem Neuyork der Zukunft seinen Stempel aufgedrückt haben!
Wenn man der Stadt der Geheimnisse überhaupt einen ganz großen allgemeinen Zug nachweisen kann, so ist es der Charakterzug ihrer holländischen Gründer:
Den Gulden mehren! Geschäfte machen um jeden Preis! Ob anständig oder unanständig, aber auf jeden Fall! Her mit dem Dollar!!
Die schwerfälligen Neuamsterdamer mit den tuchenen Kniehosen, den plumpen Schnallenschuhen, und dem Geldsinn sind längst vermodert und leben nur noch in wenigen Hunderten Familien der Neuyorker Aristokratie, ihren direkten Nachkommen, die sich knickerbockers nennen nach der Beinbekleidung ihrer Vorfahren — Kurzhosige. Das sind die Roosevelts, die Van Straatens, die Vanderveldes, die Yonkers. Diese alle sehr reichen und zum Teil sehr bedeutenden Leute sind zwar ahnenstolz in ihrer Art, legen aber auf das holländische Blut in ihnen recht wenig Gewicht. Nein, der Dollar ist es, in dem die vermoderten alten Holländer fortleben; in der brausenden Dollarluft, die über Neuyork dahinpfeift, tummeln sich ihre Seelen. Nirgends in der Welt hat je das liebe Geld so hart geherrscht als in der Meerstadt, über die des Nachts die Strahlenbündel vom Haupte der Freiheitsstatue leuchten. Sie sind immer harte Leute gewesen, diese Neuyorker, und Gold war stets ihre Losung.
Aus Neuamsterdam wurde Neuyork.
Keiner der geldgierigen Holländer durfte es erleben und keiner hat es nur geahnt, daß Schiffe über Schiffe den Atlantischen Ozean durchqueren sollten nach der kleinen Felseninsel am Hudson, und Millionen über Millionen von Menschen sich durch die amerikanische Eingangspforte in das neue Land drängen. Daß das meiste von dem Geld und ein weniges von dem Menschenmaterial dieser Millionen an der Türschwelle der neuen Welt hängen bleiben sollte. An Neuyork. Das Wunderkind wuchs erschreckend. Dock wurde an Dock geklebt, ohne Ueberlegung, ohne Plan; dicht am Straßenrand wurden die Anlegepfosten ins Meer gerammt und die Anlegestege gebaut. Haus wurde Haus auf den Leib gepackt auf Manhattan. Immer mehr wurden die Menschen. Der Wasserkopf war da. Das ungesunde, anormale Wachstum; das hastige Gestalten nach den Forderungen des Augenblicks, das der sonderbarsten Stadt der Welt ihren Stempel aufgedrückt hat.
Das Gepräge des Chaotischen.
Als ob die treibenden Gewalten sich rauften und um Licht und Luft und Dasein hätten ringen müssen; die Schiffahrt, der Binnenhandel, der Außenhandel, der Ortshandel, die Finanzen. Nichts griff klar ineinander, sondern alles war Wirrwarr. Neuyork ist niemals nur der große Welthafen gewesen, nach dem von allen Erdenteilen Schiffe steuern; oder nur die große Kaufmannsstadt, in der die von anderen geschaffenen Werte zur Münze umgeprägt werden; oder nur die große Finanzstadt, in der die Milliardenkämpfe zwischen den Großen des Landes ausgefochten werden müssen — sondern stets eine wirre Verbindung von allen diesen Dingen; eine Hölle von gegensätzlichem Streben. Den inneren Zwiespalt zeigt scharf das Aeußere der Stadt. Mir ist die grandiose Freiheitsstatue auf der winzigen Felseninsel Liberty Island mitten im Neuyorker Meer niemals als tiefbrünstiges Symbol der Volksseele der neuen Welt erschienen, sondern ich habe mich stets nur lachend gewundert, woher nur in aller Welt diese Holtergepolter-Neuyorker sich jemals die Zeit nahmen, an so abstrakte Dinge wie Freiheit und Symbolik auch nur zu denken. Sonst sind sie doch praktisch nur; erstens praktisch, zweitens praktisch, drittens praktisch, und viertens sonst überhaupt gar nichts. Sie schmissen Dampferpier neben Dampferpier hin, wo er gerade nötig war; sie bevölkerten Hoboken mit ekelhaften kleinen grauen und schwarzen Dreckhäusern, weil das für die Notwendigkeiten der Schiffahrtsleute gerade praktisch war; sie türmten dort, wo um die Milliarden gefochten wird, im Herzen der Insel Manhattan, die Häuser himmelragend in die Lüfte empor, daß die staunende Welt schaudernd die Augen aufriß und lange Zeit das moderne Märchen vom Wolkenkratzer nicht recht glauben wollte — weil jeder Zoll Boden auf Manhattan ein Vermögen kostete und die Luft darüber auch nicht einen Pfennig. Die Einfachheit dieser Kalkulation wirkte gigantisch. Doch man jagt mit Sturmschritten in Neuyork, und auch für den Wolkenkratzer hatte selbstverständlich nur der Mann Zeit übrig, der ihn zwecks Dollarverdienens erbaute. Die anderen grinsten beifällig, dachten aber gar nicht daran, die Konsequenzen des Wolkenkratzersystems zu ziehen und so etwas wie ein einheitliches Stadtbild zu schaffen.
So, wie der primitive Amerikaner sich ein praktisches rundes Loch in seinen teuren Lackstiefel schneidet, wenn ein Hühnerauge ihn drückt, so erbaute der Neuyorker seine Stadt. Neben dem Wolkenkratzer blieb die Hütte stehen, dicht daneben. Auf die Hütte folgt womöglich eine winzige Kirche, auf die Kirche wieder ein Wolkenkratzer, dann ein Häuschen, dann ein Haus, dann wieder ein Wolkenkratzer. Und in diesen Tagen noch muß der nur einigermaßen nachdenkliche Beschauer des Broadway und der Manhattan-Gegend sich verzweifelt an den armen gequälten Schädel fassen und ausrufen:
Wehe mir! Wie soll ich es begreifen, daß neben dem Riesen der Zwerg wohnt! Daß Dieses so gigantisch ist und Jenes so erbärmlich klein!
Und im allgemeinen wird er, trotz aller Ehrfurcht für das Riesenhafte, den Eindruck einer kolossalen Verrücktheit haben. Denn überall ist das gleiche Chaos, die gleiche Ungereimtheit. Dicht an die groteske Wolkenkratzergegend schließen sich die Avenuestraßen im Wolkenkratzersquare, die wie eine völlig andere Welt anmuten. In ihrer palastartigen Vornehmheit sehen sie aus, als sei in ihnen ein Stück des aristokratischen Londoner Westendes mit Haut und Haaren und Haus und Grund ausgegraben und nach Dollarika verpflanzt worden. Die Bowery dort mit ihrem Tingeltangelgedröhne und widerlichem Spektakel von Schwindelgeschäften könnte sehr wohl ein Fetzen des niedersten Paris sein — und die fürchterlichen grauen Häuser in den luftverpesteten schmalen Straßen im Ostende, wo die Aermsten zu Dutzenden in einem Zimmer wohnen, sind wie ein Abbild der slums in Whitechapel. Doch dazwischen dehnen sich Parks, weiten sich Spielplätze, die den Städtebauern der alten Welt eine so ungeheure Anregung gegeben haben, daß sie noch jahrelang nachwirken wird; strecken sich ins Land hinein entzückende Villenstraßen, die ein Vorbild sind und ein Muster des billigen eigenen Heims an den Rändern der großen Stadt.
So jagen sich Schritt für Schritt fast die verwirrend grotesken Gegensätze im Städtebild Neuyorks. Und doch löst sich immer wieder als einzig bezeichnend und allein wichtig der Häuserriese im Herzen Manhattans von allen anderen Bildern los:
Der Wolkenkratzer.
Der fünfundzwanzigstöckige, der fünfzigstöckige, der fünfundsiebzigstöckige Wasserkopfriese ist das Wahrzeichen Neuyorks und sein Symbol, sein Stolz und seine Schande zugleich. Ist er doch der Bienenkorb, in dem man die sonderbaren Menschenbienen am besten schwirren sehen kann. Dort wohnt die Seele Neuyorks.
Jene anderen Viertel, die man so typisch nennt, sind nicht neuyorkhaft. Es ist nichts Wunderbares, daß an der großen Türschwelle aller Nationen so viele Fremde haften geblieben sind, mag es auch verblüffen, wenn man feststellt, daß in Neuyork mehr Italiener wohnen als in Rom, mehr Deutsche als in Breslau, mehr Franzosen als in der durchschnittlichen Provinzstadt Frankreichs, mehr Juden endlich als an irgend einem Orte der Welt zusammenhausen. Es scheint einem etwas ganz Natürliches, durch winkelige Trödelstraßen zu schreiten, in denen fast nur »jiddisch« gesprochen wird, und durch Viertel, wo man sich nur verständigen kann, wenn man der italienischen Sprache mächtig ist. Und doch hat es wieder etwas Erschütterndes, daß diese Leute ihr Völkischsein so völlig mitgenommen haben in die neue Welt. Sie leben und lieben, sprechen und denken, wie sie es in Italien taten; sie essen die Makkaronis und trinken den Chianti ihrer Heimat, und träumen von dem glücklichen Tag, an dem einst die italienische Sonne wieder auf sie scheinen wird. Sie werden dann mit den paar hundert amerikanischen Dollars kleine Landeigentümer geworden sein. Von dem aber, was Neuyork ist, trennt diese Leute eine Unendlichkeit, auch wenn sie zehnmal ein Bürgerpapier unterschrieben und zwanzigmal einen Amerikaner in den Stadtrat oder in den Kongreß gewählt haben. Die gleiche Unendlichkeit scheidet die große Masse der armen Juden von dem Wesen Neuyorks. Darin sind sich die Fremden im großen Sinne alle gleich; Juden oder Deutsche oder Italiener oder Slaven. In ihrer Gesamtheit bedeuten sie für Neuyork nichts weiter als ungewöhnlich billiges und ungewöhnlich leicht traktables Menschenfutter für die große Tätigkeitsmaschine; Menschenfutter, das von einigen wenigen Leuten, die nationale Eigenart wohl kennen und sie schlau auszunutzen verstehen, ausgepreßt wird wie eine Zitrone. Von Tausenden dieser Fremdlinge lächelt einem, der sehr stark oder sehr zähe oder sehr gescheit ist, der große Erfolg. Und dieser Eine nur immer ist für Neuyork wichtig und Neuyork für ihn. Die Anderen sind Schatten, die da kommen und gehen, die einige Männer reich und einige Industrien lebensfähig machen.
Einst haben die Fremdlinge Neuyork geschaffen. Heute sind sie nur eines seiner Anhängsel in dem Chaos, dessen einziger fester Punkt der Begriff des Wolkenkratzers ist, ins Unendliche ausgedehnt, ins Symbolische übertragen. —
Und der Guldensinn der Neuamsterdamer...
Wie der Wolkenkratzer einem bis ins Fabelhafte gesteigerten Nützlichkeitssinn sein Dasein verdankt — die Steinriesen Manhattans wirken wie fanatische Prediger der Zweckmäßigkeit und der Arbeit — so ist der Neuyorker schlechtweg ein Zweckmäßigkeitsmensch. Er verkörpert amerikanischen Kaufmannsgeist auf das Intensivste und sein leiser Stich ins Uebertreibende charakterisiert das Wesen dieses Geistes erst recht. Auf die einfachste Formel gebracht: Der Dollar regiert über das Land und regiert noch härter im intensiven Neuyork. Doch was bei dem Neuamsterdamer etwas unendlich Grobes, simpel Geldgieriges, abstoßend Häßliches war, hat sich bei seinem Nachkommen von heutzutage zu einem großartigen Glaubensbekenntnis an Arbeit, Leistung, Tätigkeit verfeinert, vergrößert, veredelt. Das bloße Geldverdienen ist zu einem Hohelied der Arbeit geworden. Der Neuyorker kämpft beileibe nicht nur um den Dollar, um reich zu werden, sondern der Kampf an und für sich ist ihm Notwendigkeit, Pflicht, Stolz, Liebe. Derjenige, der nicht mehr in der Arbeit steht, ist ihm ein Nichts, eine Null. Der hat sein Bestes weggegeben und ist eine Drohne, die essen mag und schweigen. Der hat nicht mehr mitzureden und wenn er Millionen besäße. Es gibt in dieser Stadt der reicheren Leute fast gar keinen oder gar keinen Reichen, der sich aufs Altenteil setzte, um sich seines Goldes in Ruhe zu erfreuen. Die weltbekannten Milliardäre, die sich mit größerem Recht vielleicht als mancher Fürst, Herrscher nennen könnten, arbeiten in ihren Büros in der Finanzstraße Wallstreet gerade so viel und angestrengter vielleicht als der arme Arbeiter irgendwo in einem Weltwinkel, der mit großaufgerissenen Augen von diesen Milliarden liest und sich unter ihren Besitzern glücksfreudige Genießer vorstellt, erstaunliche Geldprotzen, die im Golde wühlen und vom Golde schlemmen.
In Wirklichkeit arbeiten diese Leute schwer und überlassen in geduldiger Amerikanerart das Genießen und Verschwenden ihren Frauen und Töchtern. Die mögen sich mit Brillanten behängen und englische Herzöge heiraten und in ihrem Kreise der oberen Vierhundert Tollheiten von wahnsinnigen Gastmählern und unerhörten Verschwendungsorgien ersinnen. Er, der Herr des Geldes, bleibt aus freiem Willen sein Knecht. Ihm ist am wohlsten, wenn er von seinem Schreibtisch aus in einem menschenabgeschlossenen Privatkontor die Telegramme in die Welt hinausjagt, die Entscheidungen trifft, die Pläne ersinnt, die die ungeheure Macht des Geldes in arbeitende Bewegung treiben. Sie sind oft genug und am meisten in ihrem eigenen Lande die Geißeln der Menschheit genannt worden, diese überreichen amerikanischen Milliardäre, die in ihrer gigantischen Brutalität, ihrer übermenschlichen Goldeinsamkeit, ihrem Druck auf die große Masse der Menschen eine der eigentümlichsten Erscheinungen amerikanischer Art bilden. Sie gehören zu den Unbegreiflichkeiten der Welt. Der eiserne Wille, die enorme Intelligenz, der unheimliche Wagemut, der Hunderte, Tausende von Millionen zusammenrafft, ganz gleichgültig, ob auf ehrlichem oder unehrlichem Wege, und die Zustände vor allem, in denen diese Napoleoniden des Goldes überhaupt möglich sind, erscheinen als etwas nahezu Unfaßbares. Die Widersprüche in ihrem Leben und Wirken sind unlöslich. Ein Rockefeller — ein armer, schwer magenkranker Mann, der sich von Milch ernähren muß — verfolgt mit eiskalter Grausamkeit jeden Petroleumproduzenten, der sich seinem Willen nicht fügt und macht mit voller Ueberlegung Tausende von Menschen, die ihm im Wege stehen, zu Bettlern. Des Sonntags aber leitet der gleiche Mann eine Sonntagsschulklasse und predigt jungen Männern Frömmigkeit und christliche Liebe. Ein Rätsel. Es wäre lächerlich, da an Heuchelei zu denken, denn Heuchler haben ihre Zwecke und der Petroleumkönig ist schon in den allerersten Jahren seines kaufmännischen Lebens so reich geworden, daß er wahrlich Heuchelei nicht nötig hatte.
Ein Carnegie schenkt den Armen der Welt etwas ganz Großes. Gute Bücher. Die Bibliotheken, die seinen Millionen ihre Existenz verdanken, schießen wie Pilze empor in den großen Städten. Wo in der Welt auch nur ein tapferer Mann einem Menschen das Leben rettet und dabei selbst zugrunde geht oder an seiner Gesundheit schwer geschädigt wird, da ist helfend und tröstend der Carnegieschatz für Lebensretter da; viele Millionen von dem einstigen Stahlkönig der selbstlosen Tapferkeit gewidmet. Der arme Arbeiter, der dem ertrinkenden Mädchen nachspringt und seine Selbstlosigkeit mit dem Leben bezahlen muß, hinterläßt Frau und Kinder. Hier springt Carnegie ein, ob die Tat nun in Amerika geschehen ist oder in Europa, in England, Frankreich, Deutschland, in Japan oder Australien. Und diese Carnegiegesellschaft hat sich nicht etwa auf ein kleinliches Schema festgelegt und verteilt Pfennige, sondern sie gibt Kapital, auf daß die Witwe sich selbst helfen kann. Die durchschnittliche Spende beträgt dreitausend Mark, kann jedoch, je nach den Verhältnissen, eine Höhe von fünfzigtausend Mark erreichen. Der gleiche Mann jedoch, der in warmem Mitfühlen für wertvolle Menschen sorgen will, hat als amerikanischer Stahlkönig ein verruchtes System der Arbeiterausbeutung geschaffen, das jeden sozial denkenden Menschen auf das tiefste empören muß. Er ließ nicht nur auf Akkordlohn arbeiten — das »Du erhältst bezahlt, was du dir verdienst!« ist ein gesundes Prinzip — sondern er erfand eine sehr feine neue Nuance. Er verlangte von den vielen Tausenden von Arbeitern der vielen Stahlwerke eine Mindestleistung im Akkord und zwar eine so hoch bemessene Mindestleistung, daß der Arbeiter eine versäumte Minute gar nicht nachholen konnte. Und über den Arbeiter stellte er den Aufseher. Nicht etwa den altmodischen Aufseher, der halb technisch leitet und halb polizeilich in Ordnung hält, sondern den modernen amerikanischen Carnegieaufseher: den »Hetzpeitschenmann«! Den Treiber, den Hetzer, der die Mindestleistung herauspressen mußte und — zusammen mit dem Arbeiter »flog«, wurde sie nicht erreicht. Diese eiskalte kaufmännische Berechnung ergab ein vorzügliches Resultat. Die Stahlarbeiter schwitzten sich die Seele aus dem Leib und gaben jeden geschlagenen Tag von den dreihundert Arbeitstagen des Jahres alles her, was an Kraft in ihnen war. Natürlich bezogen sie hohe Löhne auf diese Weise und waren sehr zufrieden. Daß aber ein solcher Arbeiter im Alter von fünfundvierzig Jahren ein völlig zerrüttetes menschliches Wrack war und überhaupt nicht mehr arbeiten konnte — das wußte der Arbeiter vorläufig noch nicht, und Herrn Carnegie war es sehr gleichgültig.
Die Beispiele ließen sich in die Dutzende hinein wiederholen. Der Milliardär stellt fast immer eine Reihe der sonderbarsten Widersprüche dar. Es ist grobes Denken und dummes Denken, wenn man von diesen Leuten sagt und schreibt, daß die Millionen, die sie mit vollen Händen der Menschheit schenken, nur lächerliche Goldtropfen seien, gespendet, um arge Gewissensbisse zu betäuben und sich in der Gunst der gefährlichen Massen zu halten. Nein, man braucht auch dem Milliardär die Schenkensfreude nicht wegzudisputieren. Der Einzelmensch und der Geldriese scheinen eben zwei verschiedene Individuen zu sein... Denn die Tatsache bleibt bestehen, daß keines der amerikanischen Riesenvermögen erworben worden ist und erworben werden konnte ohne gewissenloseste Ausbeutung der großen Massen. Ob die Carnegies ihr Geld durch Arbeiterausbeutung machten oder die Vanderbilts und Astors durch ungeheure Verwässerung von Eisenbahnaktien dem Publikum die Dollars zu Milliarden aus den Taschen lockten — es kommt immer auf das gleiche heraus. Die Vielen mußten leiden, um dem Einen die Milliarde zu geben. Der Milliardär ist eine Abnormität, und das Land, in dem ein einzelner Mann in einem kurzen Menschenleben Hunderte von Millionen ansammeln kann, etwas fast Unbegreifliches. Nur eines gibt wenigstens die Anfangsmöglichkeit eines Verstehens.
Das eine, das für Amerika und die Amerikaner charakteristisch, im Neuyorker potenziert, im Milliardär verungeheuerlicht ist:
Die heillose Freude an der Arbeit!
Nichts anderes kann diesen armen reichen Milliardär erklären, der im Golde fast erstickt und sich doch abrackert bis zu seinem Todestag; nichts anderes diesen Neuyorker, der arbeiten muß, ständig arbeiten, im Laufschrittempo arbeiten, weil er sonst krank werden würde. Es ist, als habe sich raffinierte Schöpferkraft einen Spezialwitz für Amerika und die Amerikaner ausgedacht: Sie hat ins amerikanische Gehirn einen für ihre Evolutionszwecke sehr praktischen neuen männlichen Ehrbegriff gelegt!
Die Ehre des Mannes liegt in seiner Arbeit.
Hörst du zu arbeiten auf, so wirst du ehrlos!
So arbeitet der Neuyorker Tag und Nacht. Ein Stück von seiner Art habe ich am eigenen Leibe verspürt und ich weiß heute noch nicht, da ich schon längst wieder Europäer geworden bin, ob diese Art etwas wundervoll Triebkräftiges und Lebenförderndes ist oder ob ihr doch nur die jämmerliche Angst vor Not und Mangel zugrunde liegt. Ich habe beide Arten kennen gelernt. Ich habe genau so gelebt wie jene Leute, die der witzige Henry F. Urban ebenso witzig wie ungerecht Neuyorker Dollarmaschinen getauft hat. Auch ich verlernte es, bedächtig zu essen wie ein gesitteter Mensch, weil die knappe Zeit zu Besserem da zu sein schien; auch ich wachte morgens in unbeschreiblich nervöser Arbeitsungeduld auf und ging in Arbeitserregung zu Bett; auch mir war neben der Arbeit alles andere im Tagesleben klein und unwichtig. Ich war auch einer von denen, die in jener besonderen Art von Lebenskampf standen, der alle Seiten dieser Arbeitshast gezeitigt hat. Man ist auf seinen Schädel oder auf seine Hände angewiesen in Neuyork. Man hat für sich selbst zu sorgen. Man weiß als durchschnittlicher Neuyorker außerordentlich wenig von seinem Großvater, und einen Urgroßvater hat man im allgemeinen überhaupt nicht — und damit keine Tradition, keinen Familienzusammenhang im großen, ganz gewiß nicht jene Kultur, die immer erst der zweiten oder dritten Generation erfolgreicher Menschen beschert wird. So wandelt sich in Neuyork, in dem diese Dinge schärfer zutage treten als anderwärts in Amerika, die Not zur Tugend.
Die Arbeit wird zur Freude. Niedriges Geldhasten zu hohem Ehrbegriff und großem Lebensideal. Und man sollte diese fürchterlich zusammengewürfelte Stadt des Geldes und ihre dahinhastenden Menschen nicht kulturlos schelten. Mir ist mein Arbeitshasten in Neuyork eine unbeschreiblich freudige Erinnerung und es will mir scheinen, als hätte dieses Vorwärtszappeln von Tag zu Tag große Aehnlichkeit mit etwas Schönem gehabt, Begeisterung! Und wenn ich von dem unglücklichen Dollarneuyorker lese, den das furchtbare Arbeitsrad seiner freudlosen harten Stadt unerbittlich vorwärts und immer vorwärts treiben soll, dann denke ich lachend an die frischen Gesichter und das frohe Wesen dieser angeblich so bedauernswerten Leute. Ich habe nirgends so viel Frohsinn im täglichen Arbeitsleben angetroffen, so viel Freude an der Arbeit, so viel Güte im überbürdeten Menschen... Wenn ein armer Teufel in einem der Riesenrestaurants Neuyorks um Arbeit vorfrägt, so wird ihm einer der geplagten Leiter ganz gewiß drei Minuten schenken und als einfache Selbstverständlichkeit ihn anhören — in den entsprechenden Riesenrestaurants von Berlin oder Paris würde man den Kuckuck dergleichen tun!! Das ist nicht etwa ein ganz vereinzeltes, sondern nur ein besonders merkwürdiges Beispiel! Dieser hastende, eilende, schreckliche, rasende Arbeitsroland von Neuyorker, hat immer ein wenig Zeit und immer ein wenig Güte für das übrig, was man den »lieben« Nebenmenschen zu nennen pflegt. Man merkt das auf Schritt und Tritt. Der berüchtigte policeman gibt einem in liebenswürdigster Weise über alle möglichen und unmöglichen Dinge Auskunft; der reiche Kaufmann empfängt ohne weiteres einen gänzlich Unbekannten, wenn dieser nur einen halbwegs vernünftigen Zweck seines Besuches anzugeben weiß; der Nachbar in der Bar oder im Restaurant hat immer Zeit übrig für eine Liebenswürdigkeit, einen praktischen Hinweis, eine Verbindlichkeit einem ihm völlig Fremden gegenüber. Und das ist wieder einer jener Widersprüche, aus denen der moderne Neuyorker zusammengesetzt zu sein scheint.
So löst es sich aus dem unentwirrbaren Rätselnetz der geheimnisvollen Stadt heraus wie ein Leitfaden. Die dumpfe, graue, häßliche Luft, die Wolkenkratzerriesen umhüllt und erbärmliche Hütten, märchenhaften Reichtum und hündisches Elend, wahnsinnigstes Spekulationshasten und großartiges schöpferisches Arbeiten, alle hohen und niederen Kräfte des Weltgetriebes, — hat eine Seele. Denn man kann wahrlich sagen, daß es über diesem Ungetüm von Stadt wie eine letzte Essenz in der Luft liegt, aus Großem und Kleinem, aus Schönem und Häßlichem zusammendestilliert:
Arbeit! Schaffen! Tätigkeit!
Und deshalb ist dieses Neuyork, das holländische Kaufleute gründeten und Fremdlinge aller Nationen ausbauten, zu einem typischen Wahrzeichen des Reiches Amerika geworden. Denn nur einen einzigen eigenem Charakterzug hat dieses amerikanische Reich von Fremdlingen aller Nationen Gnaden:
Tätigstes Leben!
Die sogenannte Amerikanerin.
Der Lausbub und die Frauen. — Die dumpfe Sehnsucht. — Der Mädelknopf. — Der langweilige Zeitungsgeselle. — Nicky's und Flossy's Privatansichten. — Die Frauen meiner Freunde. — Mrs. Burton und ihre Ehe. — Gibt es eine amerikanische Frau? — Die Becken-Theorie. — Die verdienende Amerikanerin. — Die Tragödie der Arbeit. — Frauentypen. — Die tolle Abstinenzlerin. — Frauenverehrung? — Der grobzotige Amerikaner. — Das Gibsongirl. — Tausend Wahrheiten und tausend Widersprüche. — Es gibt doch keine »Amerikanerin«!
Mein eigenes Leben in der Stadt der hetzenden Eile und des Dollarinstinkts als Ehrbegriff war tätig und nur tätig. Die komische und doch auch wieder stark eigenartige Idiosynkrasie des Zeitungsmannes verbot Beschäftigung mit allem, das nicht »copy«, Arbeit, Zeitungsresultat produzierte. Was die Rotationspresse nicht brauchen konnte, war an und für sich eine Nebensächlichkeit — als Axiom! Alles, was nicht Zeitungsstoff ergab, war verwerfliches, persönliches Vergnügen, zulässig in bescheidenem Maße, aber doch verlorene Zeit — entgangenes Gut!
So fraß man, ohne auch nur eine Ahnung davon zu haben, den merkwürdigen Neuyorker Ehrbegriff vom nur tätigen Leben in sich hinein, und lebte höchst kulturlos wie die Neuyorker leben.
Kein besseres Beispiel dafür gibt es als die völlig untergeordnete Rolle, die der weltenversetzende Begriff Frau in meinem Neuyorker Zeitungsleben spielte.
Es hatte einfach keinen Platz übrig für Frauen!
Praktisch. Theoretisch stand es im Zeichen einer dumpfen Sehnsucht. Es war dazumal Sitte in Neuyork, daß junge Männer, die gern witzig sein wollten, in jenem verrückten Knopfloch des Männerrocks, für das kein korrespondierender Knopf da ist, statt der Veilchen oder Chrysanthemen ein weißes Emailschildchen trugen. Auf dem stand in roten Buchstaben:
Girl wanted!
Mädchen gesucht!
Es war das eine getreue Nachahmung der Ueberschrift in den Annoncenspalten der Zeitungen, in denen Hausfrauen Dienstmädchen suchten: Girl wanted! Nur meinten die jungen Männer etwas ganz anderes. Natürlich fielen die Mädchen immer wieder auf den Witz herein und lachten, und die angenehme Atmosphäre ausgiebigen Flirts war ohne weitere zeitraubende Vorbereitungen gegeben. Ich trug zwar keinen solchen Knopf. Aber in meiner Seele war er stets angeknöpft: Girls wanted! Nur wollte es der Teufel des tätigen Lebens, daß jedesmal, wenn der seelische Knopf wirklich einmal zum Vorschein kommen wollte, schleunigst irgend ein praktischer (höchst interessanter!) Männergedanke aus irgend einer Hirnecke hervorschoß und den schönen Augenblick zerstörte. Nicky sagte einmal:
»Ein Mann wie du ist mir noch nicht vorgekommen! Ich möchte nur einmal erleben, daß du es fertig bringst, länger als fünf Minuten liebenswürdig zu sein! Bin ich nett zu diesem Mann — und er erzählt mir eine alte Mordgeschichte!«
»Verrückt...« brummte ich.
Und schüttelte verständnislos und arg geniert den Kopf.
Und ich lache und lache, daß mir die Feder wackelt in der Hand. Die guten Götter bescheren mir in diesem Augenblick die Gunst, geisterige Stimmen aus der Vergangenheit hören zu dürfen, für die ich völlig taub war, als sie lebendig klangen. Sie schütteln die Köpfchen, die Neuyorkerinnen von Anno dazumal, und ihre Stimmchen flüstern und lachen. In grobmännliche Töne übersetzt, würden die Stimmen sagen:
Der Esel!
Der Idiot!
Der langweilige Zeitungsgeselle!
Welch grobgehobelter, seelenloser, verständnisbarer Idiot der Sausewind von damals doch Frauen gegenüber gewesen sein muß! Sagte einmal Flossy:
»Deine Frau möchte ich nicht sein! Nicht für drei Millionen!«
»Erstens möchte ich nicht dein Mann sein,« antwortete ich, »und zweitens weshalb nicht?«
»Soso und überhaupt,« meinte Flossy, und in ihre Augen kam der stark wasserhaltige Seelenblick, den ich kannte und stets instinktiv als höchst langweilig empfunden hatte.
»Ueberhaupt!« fuhr sie entrüstet fort. »Du würdest lieber in irgend einer dummen Redaktion vier Stunden verquatschen als bei deiner Frau zu sitzen und nett zu sein!«
»Flossy, dear —«
»Geh weg!«
»Weißt du was — heute abend wollen wir ins Dachgartenrestaurant gehen. Den Zigeunerprimas, der dort fiedelt und der so komische Verbeugungen macht, findest du doch wundervoll!«
»— und dann erzählst du mir wieder den ganzen Abend von deinen langweiligen Reportergeschichten und —«
Aber sie ging doch mit.
Eines Abends saßen wir im Klub und stellten lachend einen Anfall von allgemeiner Trägheit fest. Holloway hatte seine Pflichten auf einen assistant abgewimmelt, Burton sich vorzeitig aus der Redaktion gedrückt, und Norris meinte gähnend, heute sollten einmal die anderen arbeiten an seiner Stelle. Nach Hause gehen aber wollte keiner so recht. Der eine stimmte für Poker, der andere für ein Varieté, der dritte für einen Bowerybummel. Bis endlich Dick Burton entschied:
»Gaiety-Theater! Die Tänze sollen sehr hübsch sein. Und wir wollen die ladies mitnehmen!«
»Gut!« nickte Holloway.
Und es entstand ein allgemeiner Exodus nach den Telephonzellen, um die Frauen herbeizurufen. Dicky hatte die Polstertüre offen gelassen und ich hörte deutlich sein —
»Jawohl, ins Gaiety-Theater — die Kinder sind doch schon im Bett — bißchen fix, Lizzie, — jawohl, ich bin hier im Klub — wir gehen alle miteinander — du fährst natürlich mit der elevated — in dreißig Minuten kannst du hier sein — au revoir, sweetheart...«
Da riß ich die Augen weit auf und starrte den zurückkehrenden Dicky an, als sei er auf einmal ein ganz anderer Mensch geworden. Nicht um alle Welt hätte ich den Mund halten können —
»Bist — du — denn — verheiratet, Dicky?«
»Very much so,« antwortete Dick erstaunt. »Aber sehr! Ganz außergewöhnlich so!«
»Und du hast Kinder?«
»Einen ganzen Hut voll,« grinste Dick. »Vier Stück. Weshalb in aller Welt denn nicht?«
»Buben oder Mädels?«
»Drei Buben und ein Fräulein,« antwortete Burton und sah mich verblüfft an. »Weshalb fragst du eigentlich? Bist du nebenbei Agent für eine Lebensversicherung geworden und soll ich vielleicht dein erstes Opfer sein?«
Ich aber schnappte nach Luft und sah mich hilflos um. Waren die anderen vielleicht auch verheiratet? Da lebte und arbeitete ich seit Monaten mit diesen Männern in engster Gemeinschaft, kannte bis ins Kleinste ihre Arbeit, ihre Leistungen, ihre Geldverhältnisse, ihre Eigenheiten; sie waren mir Freunde und Brüder. Aber wo sie eigentlich wohnten — wie sie lebten — und ob sie Frauen und Kinder hatten — das wußte ich nicht! Darüber hatten sie nie geredet!
»Ist Holloway auch verheiratet?« fragte ich leise.
»Gewiß. Was hast du denn heute?«
»M—m—mm—« brummte ich.
So verwundert war ich und so bodenlos neugierig, daß ich die Minuten zählte bis zum Eintreffen der geheimnisvollen Frauen. Es dauerte auch nicht lange, bis der Diener kam und dann immer wieder kam und immer meldete, eine Dame warte im Empfangszimmer. Zu den geheiligten Klubräumen selbst hatten Frauen natürlich keinen Zutritt. Der betreffende Herr verschwand dann mit einer geradezu unheimlichen Promptheit. Man läßt Frauen nicht warten in Amerika. Zufällig war Mrs. Burton die letzte der eintreffenden Damen, und ich ging mit Dick hinüber.
»Halloh, Dick,« sagte händeschüttelnd eine schlanke Dame, so jung, schlank, zierlich und kleinmädchenhaft, daß der Verdacht in mir aufstieg, Dicky müsse die Anzahl seiner Kinder renommistisch übertrieben haben. Drei Buben und ein Mädel und — Gott verdamm' mich, das kleine Dings da...
»Mr. Carlé, Lizzie — Mrs. Burton.«
»So erfreut, Sie kennen zu lernen!« sagte eine Kinderstimme. »Gehört habe ich von Ihnen längst, und Ihre Arbeit kenne ich natürlich auch!«
Ich schnappte nach Luft.
Was? Nicht nur Kinder hatte das Kind, sondern sogar von unserer Arbeit wollte es etwas wissen oder gar verstehen? Ich sah die anderen Frauen, sie schienen alle jung und alle schlank zu sein, kaum an und machte nur mechanisch meine Verbeugungen, weil ich meine Augen nicht von dem merkwürdigen Kind lassen konnte. Im Varieté, es war eine leg show, wie der Amerikaner diese noch klaftertief unter der europäischen Operette stehenden Tanz- und Singgeschichten nennt, ein »Wadentheater«, kümmerte ich mich wenig um die Bühne und die Beine, sondern hauptsächlich um das Kind mit dem blonden Haar und dem Riesenhut, das vor mir saß. Ich gedachte sie nachher gründlich zu interviewen, diese Mrs. Burton.
Das war einmal eine neue Sorte! Leise lachend überlegte ich mir, daß ich in meinen sechs Jahren amerikanischen Lebens doch recht wenig von Frauen und Frauentum kennengelernt hatte, was bei der Art dieses Lebens ja durchaus nicht zum Verwundern war. Aber komisch kam ich mir doch vor mit meinem tölpelhaften Nichtwissen. War man da hurradix viele Tausende von Meilen umhergekugelt — wußte ganz genau, weshalb die Neuyorker Frau notwendigerweise ein anderes Menschenkind sein mußte als die San Franziskoer Frau — vermaß sich kühnlich, ganz bestimmte Ansichten über den verrohenden Einfluß großen Reichtums auf weibliche Reichtumsträger zu haben — lachte grimmig und wissend, wenn die amerikanische Frauenmanie wieder einmal besonders groteske Verehrungsformen annahm — und — — stand nun da wie vor einem unfaßbaren Rätsel, als einem die doch nicht gerade gänzlich unfaßbare Tatsache gegenübertrat, daß Männer, die man kannte, Frauen hatten... Heute, da sich mit scharfem Erinnern besseres Verstehen paart, ist eine Lizzie Burton, das Kind, eine Verkörperung des besten amerikanischen Frauentyps. Vielleicht mehr.
Bescheiden im Fragen bin ich nie gewesen. »Erzählen Sie mir alles über sich selber!« bat ich das Kind schon bei den Austern im Restaurant.
»Wie unamerikanisch!« lachte Mrs. Burton. »Was ist das Problem? Wenn Sie einen vernünftigen Grund anzugeben wissen, so würde ich vielleicht — —«
»Das Problem ist folgendes: Wie ist es möglich, daß ein Mann wie Dick Burton, den ein lebenausfüllender Beruf so ziemlich die ganzen 24 Stunden des Tages in Anspruch nimmt, noch Zeit für Frau und Kinder übrig hat? Ich meine, wie macht er es?«
Das Kind machte ein nachdenkliches Gesicht. »Sitzt mein Hut gerade?« fragte es. »Ja? Sie sollten sich wirklich eine Frau nehmen...«
Und dann erzählte mir diese gute und gescheite Frau in sonderbar großmütterlicher Art — ein kleiner Junge schien ich mir ihr gegenüber — wie zwei Kameraden sich ihr Leben teilten. Es waren nur Andeutungen, kurze Strichelchen. Ich hörte mit grenzenlosem Erstaunen, daß diese Frau die Arbeit ihres Mannes Gedanken um Gedanken, Zeile um Zeile fast, mitlebte, die Persönlichkeiten und die Leistungen der Neuyorker Zeitungswelt weit besser kannte als ich, der ich mitten in diesem Leben stand, und Kinder erzog dabei, und genug eigenen Ehrgeiz übrig behielt, sich an Frauennovellen zu versuchen. Fast sonderbarer noch wirkte es auf mich, daß dieser Dick Burton, der rasende Arbeiter, der »gemütliche Junge«, der anscheinend immer im Zeitungsgebäude oder im Klub war, es doch fertig brachte, viele Stunden im Tag mit seiner Frau zu verleben und seine Zeit auf das Raffinierteste einteilte, um ebenso raffiniert darüber zu schweigen. Wie gut der Amerikaner den Mund halten kann, wußte ich längst; wie gründlich er diese Tugend übt, wenn es sich um sein Eigenstes handelt, lernte ich jetzt. Und nahm eine Lehre mit, die merkwürdigerweise dem Lausbuben später eine Art Ideal werden sollte. Sagte das »Kind«:
»Ihr Männer — und mit euch die meisten Frauen — glaubt immer, die Ehe sei eine ganz sonderbare Sache, so eine Art Dauerkonzert von Engelmusik mit gelegentlichen Teufelsmißtönen zur Abwechslung, auf jeden Fall aber ein grandioses Ereignis, dem (das sagt ihr, wenn ihr klug seid) das langweilige Ebenmaß folgen muß, das alle großen Ereignisse beschattet. In Wirklichkeit aber ist die Ehe, mein lieber Junge, etwas ungeheuer Einfaches. Zwei gute Freunde hausen eben zusammen und sind bald ernst, bald traurig, bald toll ausgelassen, bald selig begeistert, wie der Tag und die Stunde es bringen mag. That's all. Das ist alles. Kameraden. Dabei ist es weder dem Mann verboten, zu verehren, noch der Frau, zu bewundern, aber der Witz ist das Gutfreundsein. Kapiert?«
Was damals nebensächliches Schauen, naives Zugucken, ziemliches Nichtverstehen war, verdichtet sich heute in der Reife des Urteils aus tausend kleinen Erinnerungen an Hunderte von weiblichen Menschen zu einem Bild der amerikanischen Frau.
Doch erfasse ich es wirklich recht?
Gibt es denn eine amerikanische Frau?
Kann man aus dem Zettelkasten der Erinnerung tatsächlich ein Schublädchen hervorziehen, das die Aufschrift trägt: Die Amerikanerin??? Sind wir nicht Menschen allzumal auf dieser runden Erdkugel? Männer oder Frauen erst in zweiter Linie? Einander gleich und ebenbürtig, lächerlich wenig im Grunde doch nur beeinflußt von der abweichenden Kompaßnadel nationaler, klimatischer, gesellschaftlicher Spezialeigenarten?
Es scheint mir ein sonderbares Beginnen, die Frauen des nordamerikanischen Erdteils unter den Hut einer Gesamtklassifizierung bringen zu wollen. Das wäre fast so komisch als das Streben jenes englischen Gelehrten, der einst die lapidare Theorie aufstellte: Amerikanerinnen bringen ihre Kinder schwer zur Welt. Sie leiden außerordentlich unter der Geburt und sind feststehend unfähig, über drei Kinder zu produzieren. Ich, der englische Gelehrte Soundso habe die Lösung gefunden — —
Meine Untersuchungen gingen von den Indianerstämmen aus, zu neu eingewanderten Frauen über, zur zweiten Generation dann, und zur dritten, der typisch amerikanischen, endlich. Diese dritte Generation von Frauen, die wirklichen Amerikanerinnen, leiden an einer eigentümlichen Verhärtung der Knochensubstanz, die gleichzeitig eine Verengerung der ausschlaggebenden Beckenknochen oder vielmehr deren völlige Unbeweglichkeit herbeiführt!
Ueber die Gründe war sich der gelehrte Herr nicht recht klar, glaubte jedoch an besondere atmosphärische Einflüsse und erwog sogar höchst ernsthaft, ob nicht die ungeheuerlichen Ausdünstungen des Großen Salzsees das böse Karnickel sein könnten...
Oh ja, man glaubt das in Amerika!
Man ventilierte bänglich die Beckenfrage — eine Zeitlang zum wenigsten.
Genau so glaubt man in Europa, daß es eine merkwürdige typische Amerikanerin gebe, die ganz bestimmte Eigenschaften haben müsse. Das gibt es nicht! Und so möchte ich mich dagegen verwahren, eine Schubladenetikette prägen zu wollen. Sondern, was ich von der Amerikanerin gesehen habe, von ihr weiß, über sie las, sei gegeben als ein Bildchen — Menschen daran zu erinnern, daß wir überall in erster Linie Menschen sind und bleiben.
Die amerikanische Frau...
Wieder ist der alte Trick wirksam, über die feinen Dunstgebilde einer Zigarette hinweg in die dunkle Ecke zu starren, bis es sich im Schatten regt und rasch huschend Bilder sich bilden und im Gedankenreich Gestalten kommen und verschwinden.
Da ist eine Neuyorker Straße, wimmelnd von Neuyorkerinnen, die zu ihrer fleißigen, tüchtigen Tagesarbeit eilen, groß behutet, elegant beschuht, sündhaft teuer oft umhüllt. Sie arbeiten wie der Teufel, acht Stunden lang im Tag, reden eine Jargonsprache, die hart ist und grausam nüchtern wie der amerikanische Dollar, sind gerissener, schlauer, berechnender als die Männer neben ihnen, wenn sie auch verhältnismäßig selten die absolute Freude an der Arbeit, die fast ideale Schaffensbegeisterung des amerikanischen Mannes erreichen. Mir schwebt unbestimmt ein Zitat vor, das wahrscheinlich falsch ist, aber auch dann gescheit: Ein Pfaffe ist entweder eine wandelnde Tragödie oder eine unanständige Posse... So das durchschnittliche Neuyorker Mädel.
Eine Tragödie entweder von Arbeit, so hart, daß es einem das Herz beklemmen könnte, wenn man daran denkt, und einem jämmerlichen Mietzimmerchen, und einem todmüden Mädel, das spät abends heimlich ihre Taschentücher im Waschbassin wäscht, und Garderobe flickt, und über dem Spiritusapparat das kleine Bügeleisen erhitzt, die Bluse zu plätten, die nun einmal tadellos sein muß. Und dann halb im Schlaf, auf dem Bett sitzend, jenes Haarbürsten, fünfzig Bürstenstriche links, fünfzig Bürstenstriche rechts, das dem müden Mädel allabendlich wie eine Höllenplage vorkommt und doch getan werden muß, weil ein gepflegtes Aeußeres zum Fortkommen im Leben genau so gehört wie die Arbeit selbst. Gebürstet muß werden, mag der Rücken auch noch so schmerzen und die Augen sich auch noch so sehr gegen das Offenhalten sträuben, und beileibe darf es das arme Ding nicht versäumen, die Nagelhäutchen mit dem Beinstäbchen zurückschieben und die Nagelflächen zu glätten, mag es sich auch halbtot gähnen dabei. Denn das Geschäft verlangt gepflegte Hände. Man kann diesen Tageslauf von schwerer Arbeit und jämmerlichem Sichabplagen um die unbedingte Notwendigkeit einer gefälligen äußeren Erscheinung die Tragödie der mittleren amerikanischen Frauenarbeit in Warenhaus und Geschäftskontor nennen. Die Kehrseite der Tragödie, die vom zierlichen Lustspiel bis zur, wie gesagt, unanständigen Posse reicht, ist dann natürlich das Ausnützen der geschäftlich nötigen, gefälligen äußeren Erscheinung zu Theaterbilletts, nicht anscheinend sondern wirklich eleganter Garderobe, netten kleinen Abenddiners, wunderschönen Blumen, die schließlich die Essenz jener lustigen und im Grunde harmlosen Liebesverhältnisse sind, von denen es nur so wimmelt im Lande der anscheinend grenzenlosen Frauenverehrung. Und die unanständige Posse tritt dann in Erscheinung, wenn an Stelle der gelegentlichen, netten Diners gewohnheitsmäßiger Sekt tritt und die elegante, kleine Wohnung. Es gibt eben kein Klischee. Im Prinzip soll und muß von Rechts und Moral wegen das amerikanische Weib eine Göttin sein — in der Praxis wird ihr häufig genug die weniger anspruchsvolle Rolle einer Amorette zugewiesen...
Die Bilder in der Schattenecke huschen.
Und die Gestalten sind sich merkwürdig unähnlich. Da ist das süße, verlogene, amerikanische Geschöpfchen, das Billy mit Teddy betrügt und Teddy mit Joe, und Joe mit Nr. 4 und so weiter durchs große Einmaleins, und mit sechzehn Jahren schon lügen und schwindeln kann, daß sich die stählernen Balken eines Wolkenkratzers vor Entsetzen biegen könnten; extra dazu geschaffen scheinend, den gräßlichsten Unfug in Herzen und Taschen anzurichten. Da ist in grellem Gegensatz das frische, gesunde, selbstbewußte Mädchen, das sein junges Leben nach dem gesunden Grundsatz lebt, ein »anständiger Kerl« zu sein. Da sind amerikanische Frauen, die träge in den Tag hineinleben, sich von ihren dummen Männern verehren lassen, und jeden hart verdienten Dollar zum Fenster hinauswerfen, ohne einen anderen Besitztitel auf Verehrung zu haben, als den einen, daß ein gütiges Geschick sie mit dem weiblichen Geschlecht bedacht hat — da sind aber auch, und zwar so zahlreich wie die Göttinnen, nämlich zu Hunderttausenden, die tüchtigen weiblichen Menschen, die verheiratet, oder unverheiratet, ihre Pflicht tun und vor sich selber und den anderen den Kopf hochhalten, weil sie Respekt vor sich haben.
Da ist die Leichtsinnige, die Prüde, die küchenfuchsige Frau, deren Lebensstolz und Lebenszweck ihre Kuchen sind und sonst nichts; da ist die Affenmutter, die ihren kleinen Bengel mit heißer Mutterliebe zu einem Scheusal von Menschen verzieht; da ist die giftmischende Klatschbase, da ist die Gesellschaftsgans — sie alle sind im lieben Dollarland so häufig und so selten wie anderwärts auch.
Wie darf man eigentlich von »der amerikanischen Frau« reden, wenn die einen Betschwestern sind, die sich mit Abscheu von jedem männlichen Wesen wenden würden, das nur ein einzigesmal bei dem sündhaften Genuß eines Glases Bier ertappt worden ist, und die anderen tolle Bacchantinnen, bei deren Wackeltänzen einem guten alten griechischen Satyr ob dieser grotesken Verzerrung des Geschlechterspiels die Haare auf dem Bockskopf zu Berge stehen würden?
Wie kann man sich klar sein über das Wesentliche in der Stellung der amerikanischen Frau, wenn im gleichen Erinnern sich so verschiedene Vorstellungen begegnen wie die folgenden:
Gab's da zu meiner Zeit eine Mrs. Wieheißtsiegleichnoch — ich habe den Namen vergessen, aber die Persönlichkeit ist kulturgeschichtlich — aus Kansas City im Staate Kansas. In die war der Wassergeist der Abstinenzler gefahren. Schön und gut. Ansichtssache. Weniger schön und gut aber war es, daß sie sich eine innere Stimme fabrizierte, die ihr allsogleich befehlen mußte, die Trinkstätten des Teufels zu vernichten. Das unangenehme alte Weib — zum Verständnis der Situation muß betont werden, daß die Dame weder jung noch schön war — nahm also ihr Küchenbeil, begab sich in die nächste Bierkneipe und schlug sämtliche Gläser und vor allem die teuren Spiegel kurz und klein. Das war in Kansas City, wo in einigen Tagen in allen Wirtschaften die Gläser rar wurden. Sie dehnte dann, weil's so schön war und die Wasserapostel lauten Beifall heulten, ihren Siegeszug über ganz Amerika aus. Ohne in ein Irrenhaus eingesperrt zu werden, ohne Folgen als gelegentliche kleine Geldstrafen, ohne daß sich auch nur einer der brutalisierten Wirtschaftesitzer gewehrt, die Megäre gepackt und aus seiner Wirtschaft hinausgeworfen hätte!
Denn so tief ist, so sagte man damals halb kopfschüttelnd, halb entzückt, in der amerikanischen Oeffentlichkeit die Verehrung des Amerikaners für den Begriff Frau, daß er selbst in solchen Fällen das Geschlecht respektiert. Sehr schön!
Der gleiche Amerikaner aber, das muß einmal konstatiert werden, behandelt in getreuer Nachahmung seines englischen Vetters die Aermsten der Armen unter den Frauen mit einer so gemeinen Brutalität, wie sie anderswo in Ländern weißer Männer kaum zu finden sein dürfte. Im Bordell betragen sich die amerikanischen Muster eingefleischter, mit Muttermilch eingesogener Ritterlichkeit wie Bestien — als müßten sie sich von der aufgezwungenen Anbetung von Göttinnen einmal gründlich erholen. Die Dame eines Hauses im elegantesten Teil des Neuyorker Tenderloin — die Gäste der Maison hatten den Abend vorher für Tausende von Dollars Möbel demoliert, und ich besah mir den Schaden — erzählte mir einmal in der unbefangenen Geschäftsmanier ihrer Klasse, sie gedenke ihr Etablissement in das billige und anspruchslose Ostende der Stadt zu verlegen, denn die »gute« Gesellschaft ruiniere sie! Why, they are always jumping the bill! jammerte sie. Sie zahlen nicht! Sie danke verbindlichst für die üblichen Gesellschaften von sechs oder sieben Herren in Lack und Frack, die eben von irgend einem vornehmen Ball kämen, »Krach« schlügen bei ihr, Sekt tränken, und dann Arm in Arm johlend davonzögen, ohne einen »roten Cent« zu bezahlen. Policeman?
»Ach, einen Polizisten fressen diese jungen Teufel einfach auf!...« erklärte Madame. Das mag nur eine kleine Aeußerlichkeit scheinen — randalierende, bezechte, »feine« Herren gibt es auch anderwärts. Wer sich aber einmal von dem Glauben an die immer unbedingte Herrschaft des Weibes in Amerika heilen will, der gehe in ein amerikanisches Bordell! Er wird dort von Männern der guten Klasse einen Unterhaltungston, Ausdrücke, eine tierische Behandlung der Mädchen, Dinge überhaupt, sehen und hören, die einen halbwegs anständigen Menschen anwidern müssen. Typisch ist auch in Amerika, daß der scharf zugespitzte Scherz mit zotigem Einschlag, der anderswo zwar ungezogen, aber graziös ist, stets in platte Gemeinheit, in brutale Wortdeutlichkeit ausartet. Sie läßt einem die Haare zu Berge stehen, die amerikanische Zote der guten Gesellschaft!
Wo bleibt da die Frauenverehrung?
In das gleiche Gebiet gehört das systematische Ausbeuten der Frauenarbeit, das in Amerika mindestens ebenso schamlos betrieben wird wie irgendwo in der Welt; in der Textilindustrie vor allem und in der Konfektion. Die Zustände in der Neuyorker Konfektion, den Schwitzläden, spotteten zu meiner Zeit jeder Beschreibung und sind heute noch unverändert.
Was bleibt nun übrig vom Typ der Amerikanerin, der sogenannten Amerikanerin?
In der Erscheinungen Flucht haftet das Auge auf dem Auffallenden, dem Außergewöhnlichen.
Wenn wir uns den Begriff Amerikanerin vorstellen, so tritt wohl uns allen, mögen wir Amerika kennen oder nicht, ein ganz ausgeprägtes, rassiges »amerikanisch-nationales« Bild von einer Frau vor die Augen, die mit mädchenhafter Schlankheit die stolze Haltung des Selbstbewußtseins vereint. Wir sehen eine besonders schön geschwungene Linie des Halsansatzes, sehr stark abfallende Schultern, einen Mangel an allem, was man Ueppigkeit nennen könnte, kräftig blondes Haar, und ein Gesicht, das regelmäßig und schön ist, aber eigentümlich kalt-süß anmutet. Amerikanerinnen, die so aussehen, gibt es namentlich in der besten Gesellschaft, gibt es zu Tausenden, vielleicht zu Zehntausenden. Aber der Typ ist dieses Bild durchaus nicht, sondern wir bilden ihn uns nur ein, weil — Mr. Gibson von des amerikanischen Gottes Gnaden, der berühmte Yankeefederzeichner, sich gerade auf diese Amerikanerin verbiß, sie tausendmal zeichnete, millionenmal über alle Welt hin reproduzieren ließ, und sämtlichen Künstlerkollegen von Stift und Pinsel das gleiche amerikanische Frauenbild in den Schädel hypnotisierte. Wir alle aber glauben getreulich:
So sieht die Amerikanerin nun eben einmal aus!
Ein ähnlicher Vorgang, das Haftenbleiben am Auffallenden, Außergewöhnlichen, wiederholt sich in dem allgemeinen Begriff der sogenannten Amerikanerin. Im gebildeten Durchschnittsgehirn wird der bloße Artname Amerikanerin augenblicklich und mechanisch eine ganze Reihe von Vorstellungen auslösen:
Amerikanerin, Lady, Rührmichnichtan, märchenhafter Reichtum, Tochter wunderschön, Mutter gräßlicher Parvenü, hehre Göttin, vor der alles Staubmännliche in die Knie sinkt, Dollarprinzessin, prachtvolles Menschenkind, denn lügenfrei und knochenehrlich, und so weiter. Nach Reflexion ergänzt sich die Reihe der Vorstellungen: Vernünftigere Erziehung, bessere Stellung der Frau, aber verzerrt zur Weiberherrschaft; bekannte Sache, sehr erklärlich aus den Zeiten, da in dem neuen Land die Frauen rar waren...
Das alles ist ebenso gescheit wie dumm, ebenso richtig wie unrichtig. Man darf nie vergessen, daß in einem Land, das stetig, und zwar immer von heut auf morgen, stärkster Entwicklung unterworfen ist, sich gar nichts, aber auch gar nichts klischieren läßt. Ich könnte zum Beispiel die absolut richtige Behauptung aufstellen:
Amerika ist ein Land, in dem die Männer die Kriminalromane erleben und fast nur Frauen die Kriminalromane schreiben!
Sämtliche aber an diese Tatsache etwa geknüpfte Folgerungen wären grundfalsch... Es wird auch in Amerika mit Wasser gekocht und auch die Amerikanerinnen sind Menschen, wandelnd in der Prozession der Menschlichkeiten. Sind dumm oder gescheit, fleißig oder träge, anständig oder unanständig. Weibchen oder Menschen. Aber man kann nicht sagen, daß eine Amerikanerin bestimmte nationale Eigenschaften haben muß, so etwa wie sich aus dem amerikanischen Mann als nationaler Begriff die intensive Arbeit herausdestillieren läßt. Es ist wahr, daß die amerikanische Frau eine schlechte und verschwenderische Hausfrau ist, aber es ist ebenso wahr, daß sie sparen kann bis aufs Letzte, wenn die Not ins Haus kommt. Es ist wahr, daß sie bodenlose Ansprüche an den Mann stellt, aber es ist auch wahr, daß sie für ihn arbeitet und für ihn sorgt, wenn es sein muß. Es ist wahr, daß ihr die Pfäfferei und die Prüderie der Engländer noch in den Knochen stecken, und es ist ebensowahr, daß sie frei und groß und menschlich denken kann.
Wo ist da das Letzte, das Ausschlaggebende, das Amerikanische?
Wo ist die sogenannte Amerikanerin?
Vielleicht hat mir einst die Persönlichkeit Lizzie Burtons diese Frage beantwortet. Noch ist die Eigenart der Amerikanerin nicht greifbar deutlich zu erkennen im großen Zug, denn ein Wust von Ueberliefertem umgibt sie und streitet mit Neuem. Ist doch die anscheinend so echte Dollarprinzessin nichts weiter als uralter englischer Reichtumsdünkel, ein wenig freiheitlicher auflackiert; die Prüde, im Grunde ein Produkt ebenfalls englischen Puritanertums, und durch das amerikanische Sektenwesen noch ein wenig mehr belastet; die Anspruchsvolle, eine naive Nachahmerin ihrer nationalen Urgroßmütter, die in Schiffsladungen nach dem neuen Männerland gebracht wurden und begehrter waren denn Edelgestein. Mit all diesen Dummheiten kämpft jedoch sicherlich, und zwar ohne daß die männlichen und weiblichen Leutchen es wissen, in selbstverständlicher Entwicklung die kerngesunde, praktische, vernünftige Eigenart des amerikanischen Landes. Und schließlich wird vielleicht einmal aus der jetzigen sogenannten Amerikanerin, die recht unamerikanisch sein kann, ein nationaler Typ entstehen. Die praktische, kluge, stolze Frau, die ihr Geschlecht weder unterschätzt noch überschätzt, und die Erde der Arbeit mit dem Himmel des Gefühls in Einklang zu bringen weiß, ohne ein Närrchen zu sein, oder ein poesieloses Mannweib. Vorläufig aber darf man weder in der Dollarprinzessin noch in der anspruchsvollen Göttin noch im armen Arbeitstier die wirkliche Amerikanerin zu erblicken glauben — denn eine wirkliche Amerikanerin gibt es noch nicht...
Wie das Wandern wieder begann.
Meine periodische Frühlingsdummheit. — Das große Neuyork ist zu klein für mich. — Die Sehnsucht nach dem großen Ereignis. — Hinaus! Erleben! — Die neue Wanderschaft beginnt. — Journalist im Herumziehen. — Der pennsylvanische Bergarbeiterstreik. — Der Sergeant wird ausgepumpt. — Ich schlage der Miliz ein Schnippchen. — Die Bergleute schlagen mir ein Schnippchen. — Das Ende des Streiks. — Seine Ursachen. — Ein raffiniertes Ausbeutesystem. — Die Blechmarkenwirtschaft. — Journalistenfahrten kreuz und quer. — Das Ereignis fehlt immer noch...
Die ganz großen Dummheiten im Leben habe ich immer in den Zeiten des Jahres gemacht, da der Frühling nahte. Wenn andere Menschen zu sanfter Lyrik sich neigten und in beifälligen Sehnsüchten des Bibelworts gedachten, das Alleinsein des Menschen sei nicht gut, dann wurde irgend etwas in mir gewaltig rebellisch, und die Gehirnkämmerchen, in denen die Tollheit, der Wandertrieb, die Veränderungssucht eine Zeitlang wenigstens wohl verwahrt gewesen waren, müssen dann plötzlich ihre Türchen geöffnet und meinen Schädel mit ihrem gefährlichen Inhalt überschwemmt haben.
Und so ist es auch an einem Vorfrühlingstag gewesen, an einem jener wundervollen Tage, deren herbe Luft und junger Sonnenschein wie eine Verkündung neuer Kraft und neuen Werdens den Menschen packen, als ich im tollen Verkehrsgebrause den Broadway hinunterschritt und im Gehen wirre Träume träumte um mein liebes Ich herum.
Ich bin im Luftschlösserbauen nie sparsam mit Material und Größenverhältnissen gewesen und verzichtete auch diesmal auf alle Kleinlichkeit. Ich sehe die Luftschlösser noch ganz genau vor mir. Es ist mir erinnerlich, daß ich in dem rasenden Tempo, das solchen Träumen eigen ist, einen neuen kubanischen Feldzug erlebte, nur mit dem kleinen Unterschied, daß ich nicht Signalmann war, sondern kommandierender General der amerikanischen Armee, um dann mit einem in Träumen furchtbar leichten Uebergang Zeitungsmilliardär zu werden und als Besitzer von einigen Dutzend Riesenzeitungen die Geschicke eines Erdteils zu beeinflussen, und nun, presto, neues Zauberbild, das Knirschen und Rauschen von Eisenbahnbremsen zu hören und den sausenden Luftzug jagender Fahrt auf der Lokomotive zu verspüren. Ich weiß noch so gut, als stünde ich wiederum an der Ecke von Broadway und 58. Straße, wie das Gedränge mich aus den Träumen scheuchte, und ich sehe noch das entrüstete Gesicht der jungen Dame, der ich in den Arm gelaufen war, und höre noch das scharfe »sir!« ihres Begleiters. Und ich entsinne mich sehr wohl, wie nun auf einmal meine goldene Frühlingslaune tollfröhlichen Träumens in bittere Unzufriedenheit umschlug.
Langsam schlich ich mich in mein Zimmer im Montgomery und setzte mich ans offene Fenster.
Wie das nach Rauch und Schmutz roch trotz aller Frühlingsluft! Wie grau und düster die Häuser aussahen trotz allen Sonnenscheins und wie langweilig das lärmende Getriebe da unten doch war, wenn man wußte, daß es aus gleichgültiger Tagesarbeit strömte und zu gleichgültiger Tagesarbeit ging. Die Wolkenkratzer, wie waren sie altbekannt und fade; die riesigen Häusermassen, wie ausdruckslos geworden!
War man denn allezeit verdammt, immer die gleichen Dinge zu sehen und immer die gleichen Menschen zu beschreiben und immer täglich sich den Kopf zerbrechen zu müssen darüber, welche Kleinlichkeit morgen wieder die dollarbringenden Zeilen füllen sollte!
Ich kam mir bemitleidenswert vor.
Ich hatte Sehnsucht.
Die Rebellion in mir war im schönsten Zug.
Ich dachte an die Männer um mich. Dick Burton war vor kurzer Zeit als Korrespondent nach London geschickt worden; Frank Holloway erst vor einigen Tagen nach den Philippinen abgegangen, um eine glänzende Stellung im Stab des amerikanischen Gouverneurs einzunehmen. Unter den anderen summte und surrte es ständig von Riesenprojekten.
In der knappen bestimmten amerikanischen Art wurde da besprochen, wie dem Kupfertrust der Garaus gemacht werden sollte, oder die republikanische Partei gestürzt, oder der Balkankrieg »gemacht«, wenn es im nächsten Herbst da unten endlich losgehe. »Im Herbst brennt es auf dem Balkan«, war überhaupt eine stehende Phrase. Der eine sprach mit Vorliebe davon, einen Schoner auszurüsten und die Südseeinseln zu befahren; der andere wollte demnächst nach Alaska, um einmal etwas Gescheites zu schreiben und nebenbei schnell einige Millionen Gold zu ergraben. Dieser sehnte sich nach dem Wirrwarr südamerikanischer Republiken, jener wollte die Wracker und Küstenpiraten der kleinen Floridainseln in ihren Schlupfwinkeln belauschen, ein dritter ein Reklamebüro gründen, das Amerika mit seinen nagelneuen glänzenden Ideen faszinieren und natürlich ein Märchenvermögen einbringen sollte. Wo bei diesen endlosen Projekten der Scherz aufhörte und der Ernst begann, hätten auch viel ernstere und erfahrenere Leute nicht beurteilen können, denn Leistungen hatten sie alle schon zu verzeichnen, waren alle Sausewinde, und gehörten alle einem Lande an, in dem Journalisten häufig Minister werden, noch häufiger erfolgreiche Politiker, und am allerhäufigsten Leiter großer kaufmännischer Unternehmungen.
Sollte ich da verwundert und gierig immerdar nur zuhören!
Und ich starrte zum Fenster hinaus und schalt mich einen Narren, der bienenemsig kleine Dinge zusammenarbeitete und philisterhaft zufrieden war damit, sich satt zu essen und ein unbekannter kleiner Reporter zu bleiben. Hinaus mußte man aus diesem Neuyork, wo die großen Namen und die großen Könner einen bedrängten! Wagen mußte man! Sich rühren und regen! Erleben, um schildern zu können! Wer rastet, rostet!
Ich holte mir die Argumente nur so aus dem blauen Frühlingshimmel herunter, zu Dutzenden, zu Hunderten, und kam mir mit jeder Minute ernster, strebender, bedeutender vor. So etwa, als überschritte ich voll Wagemut einen Rubikon. Es kam mir gar nicht in den Sinn, als sei ich vielleicht im Begriff, eine große Dummheit zu machen, sondern es schien mir, als wäre ich auf einmal sehr gescheit geworden.
Man merke, wie sonderbar Frühlingslüfte manchmal mit Menschen spielen.
Hinaus! Erleben — die Sehnsucht!
Es war doch einfach nicht zum Ertragen, hier in Neuyork zu sitzen, sein glänzendes Auskommen zu haben, nicht von Sorgen belastet zu sein, in bravem Einerlei zu arbeiten — und zu wissen dabei, daß es irgendwo draußen noch eine Welt gab, in der etwas los war. Mit Macht trieb es mich hinaus. So! Nun stand mein Entschluß fest. Fort! Als aber die Unvernunft glücklich gesiegt hatte, erwog ich ganz vernünftig Mittel und Wege zur Ausführung. Fünf Minuten lang etwa. Hatte nicht Frank Holloway beim Abschied gesagt:
»Stick to the human interest side of it, kid!«
»Halt dich ans Menschliche, Kleiner!«
Das war nun Zeitungsslang gewesen, aber für den Eingeweihten klar wie Quellwasser. Die amerikanische Zeitung verlangt nackte Tatsachen und genaue Einzelheiten, wünscht aber als Garnierung das »menschliche Interesse«, das auf Herzen und Vorstellungskraft wirkt. Das ist eine Art Allgemeinrezepts und als solches ein miserabler Mischmasch; wird aber ehrfürchtig befolgt. Weil ich nun — so sagte mir Holloway — in rein naivem Auffassen nur Menschliches, mir ganz Persönliches schilderte, was der routinierte Zeitungsmann überhaupt gar nicht mehr fertig brachte, so wurden meine Sachen eigenartig befunden und genommen.
Denn Zeitungsmann blieb ich natürlich. Nichts anderes war möglich — Selbstverständlichkeit!
»Halten wir uns also ans Menschliche!« murmelte ich vergnügt vor mich hin. Und kam mir so begeistert vor, und so tatkräftig, und so willensstark, und nicht einmal als Ahnung dämmerte es in mir auf, daß wieder einmal Wandertrieb und Veränderungssucht mich gepackt hatten. Der Zufall wollte es, daß schon der erste Blick in die Zeitungen mir eine Aufgabe zeigte, die mir gefiel. In einem Teil der pennsylvanischen Kohlenregion in der Nähe Pittsburgs war ein Streik ausgebrochen, der zu schweren Ausschreitungen geführt hatte. Eine Kompagnie der pennsylvanischen Staatsmiliz war mobilisiert worden. Die Neuyorker Blätter brachten lange Berichte über die Ursachen des Streiks, die Aussichten auf Beilegung, die beiderseitigen Interessen, aber Schilderndes war nicht so recht da.
Hier wollte ich den menschlichen Hebel ansetzen! Ich!
Es war eine gigantische Unverschämtheit!
Kofferpacken — kurzes Erklären im Hotel, ich verreise auf einige Tage — Feststellen der Zugfahrtszeiten — Car und Ferry zum Pennsylvaniabahnhof — seliges Träumen im Rauchwagen.
Jawohl, da hatte ich endlich das Richtige gefunden.
Neuyork mußte mein Hauptquartier und meine Operationsbasis sein, und wo etwas im Lande geschah, da mußte ich hin und sehen und schildern, von kleinen Aufgaben zu großen Unternehmungen wachsend.
Das klang großartig!
Jawohl! Und wenn ich mir heute das Reporterchen von damals vorstelle, so könnte ich mich totlachen!
Oh, es war sehr schön.
Ich mußte in Philadelphia umsteigen und in Pittsburg umsteigen, und es war spät abends, als der langsame lokale Zug in den Bahnhof des kleinen Kohlennestes fuhr. Padsbury Mines hieß es oder so ähnlich. Und meine Seele jubelte laut. Denn bei dem kleinen Holzhäuschen, das den Bahnhof vorstellte, leuchteten in grellem Fackelschein blaue Uniformen, glitzerten blanke Bajonette, blinkten schwarzschillernde Gewehrläufe, glühten in langen Reihen lodernde Lagerfeuer. Ein großer Lümmel von Milizsergeant durchstöberte meinen kleinen Koffer und durchfühlte mir die Taschen nach verbotenen Waffen, und ich pries die Götter, daß ich gutes, altes, reguläres Armee-Englisch noch so schön flüssig fluchen konnte. Der Sergeant machte ein dummes Gesicht und führte mich zur Hauptwache.
»Was wollen Sie hier?« fragte der Leutnant.
»Zeitung. Neuyorker Zeitungssyndikat,« log ich dreist.
»Dann mache ich Sie darauf aufmerksam, daß Sie meine Postenlinie nicht überschreiten dürfen und im Falle der Zuwiderhandlung zu gewärtigen haben, daß die Posten feuern!«
»Thank you,« sagte ich höflich. »Darf ich fragen, wie die Sachen stehen?«
»Soviel ich weiß, unterhandeln die Führer der Streikenden augenblicklich mit dem Kohlensyndikat. Heute nachmittag hat ein kleiner Zusammenstoß stattgefunden. Es sind aber keine Verletzungen vorgekommen.«
»Thank you,« sagte ich.
Worauf ich mich neben den Milizsergeanten ans Lagerfeuer hockte. Nachdem ich ihm in leisem Flüsterton auseinandergesetzt hatte, was er nicht zu sein brauche, und was er sich ja nicht einbilden dürfe, und was in der Flasche in meinem Ueberzieher drin sei, war schönstes Einvernehmen hergestellt.
»Well,« sagte er, »links da drüben, zweihundert Schritt weit weg, sind die Minen. Die haben wir. Rechts da drüben, in Linie mit dem Feuer dort, so vier-, fünfhundert Schritte weit weg, sind die Hütten der Bergleute. Die haben wir nicht. Was los ist, weiß ich nicht recht, aber die Bande scheint die Minenmaschinen ein bißchen kaput machen und die Büros ein bißchen anzünden zu wollen. 's sind blutige Anarchisten natürlich, verdammte Deutsche un' Italiener und so'n Pack, aber ich nenn's eine gute Sache, daß wir es nicht mit richtiggehenden Amerikanern zu tun haben, die mit Revolvern umgehen können. Mit Kohlen haben sie uns geschmissen! Weiber und Kinder immer lustig mit! Korporal Smith hat ein Kohlenstück von ungefähr fünf Pfund mitten aufs Maul gekriegt. Sein natürlicher Phonograph sieht jetzt aus wie'n Fußball, gerade so schön braunschwarz und fast ebenso groß. Es macht aber nichts; er redet sowieso zuviel. Ich? Verletzt? Well, nein; wozu wäre ich denn Baseballspieler zu Hause, wenn ich nicht Flugkurven abschätzen könnte! Na, und dann feuerten wir mit Platzpatronen. Die Dinger machten ein bißchen Lärm, so ungefähr, als wenn man mit der Zunge geschnalzt hätte, und rochen abscheulich nach rauchlosem Pulver, und natürlich lachten die Bergleute uns nur aus. Well, daraufhin gaben wir's ihnen im Ernst, über die Köpfe weg, und sie gingen in beschleunigtem Tempo nach Hause. Das war alles, glaube ich. Aber wie die Bande geschrien und spektakelt und geflucht hat! Jawohl, es wird wohl bald aus sein. Schade, wir beziehen für die Zeit des Einberufenseins sehr anständige Löhnung und mein Chef zahlt mir den Gehalt weiter. Ich bin Schuhclerk — Pittsburg. Was sagten Sie, sei in der Flasche?«
— — Eine halbe Stunde später ging ich ein bißchen abseits, wie man eben einmal abseits geht, wenn man am offenen Feuer lagert, und ging noch ein wenig mehr abseits, und war im Dunkeln, und schlug einen gewaltigen Bogen nach rechts, um Bahnhof, Lagerfeuer, und die Herren von der Miliz herum.
Die Lehre vom Werte der Umgehung ist ja eine der einfachsten militärischen Grundregeln. Langsam arbeitete ich mich in völliger Dunkelheit auf unebenem Boden die Bahngeleise entlang, bis die Lagerfeuer kleiner und kleiner wurden und endlich wie glühende Punkte aussahen. Dann rasch hinüber über die Geleise. Links, in ziemlicher Entfernung, mußte nach der Schilderung des Sergeanten die Postenkette sein. Gerade vor mir zeichnete sich eine schwarze Masse undeutlich gegen den Himmel ab, die Hütten der Bergleute wahrscheinlich.
Auf gut Glück tappte ich auf die schwarze Masse zu, alle Augenblicke stolpernd, denn der Grund hier war ein Schlackenfeld — aber heidenmäßig vergnügt.
Ach, das war endlich wieder einmal nettes natürliches Leben ohne Handschuhe und Bügelfalte!
Ich kam immer näher.
Aus der schwarzen Masse wurden einzelne dunkle Gruppen und Schatten. Einen Augenblick leuchtete zwischen den Schatten matter Lichtschein auf, und ich glaubte, die Umrisse eines größeren Gebäudes zu erkennen. Da stolperte ich über irgend etwas, fiel, schimpfte leise, und wollte wieder aufstehen, als plötzlich harte Fäuste von rückwärts mir den Hals umkrampften. Instinktiv schlug ich mit aller Kraft mit beiden Armen nach hinten. —
»Tu' das noch einmal,« sagte eine Stimme in hartem, schlechtem Englisch, »und ich dreh' dir den Hals 'rum! So! Jetzt gehst du vorwärts, langsam, und denkst daran, daß dicht hinter dir ein Mann mit einer Spitzhacke ist, der dir im Notfall gern den Schädel einschlägt!«
»Allright, allright,« brummte ich. Etwas Gescheiteres fiel mir nicht ein. Und rieb mir den schmerzenden Hals.
Ich wurde vorwärts gelenkt, gepufft, gestoßen, immer unter denkbar verständlichsten Anspielungen auf die Spitzhacke und meinen Schädel, sah dunkle Hütten, eine Art Straße, ein größeres Haus, wurde hinüberbugsiert, zu einer Tür geschoben, mit einem gewaltigen Puff hineinbefördert, sah Licht, viele Männer in einem großen Raum, und war im Nu umdrängt. Leidenschaftliche Stimmen brüllten auf mich ein —
»Ruhe!« schrie der Mann, der mich gefangen hatte, ein riesiger bärtiger Geselle, der mich bequem hätte erdrücken können.
»Sie haben auf uns geschossen — 's ist einer vom Büro — schlagt ihn tot!«
Wilde Gesichter drängten sich dicht vor meinen Augen, gellende Stimmen schrien, und ein harter Schlag traf meine Rippen. Da schlug ich zu, dem nächsten mitten ins Gesicht, und brüllte aus Leibeskräften:
»Ich bin euer Freund — ich bin euer Freund!«
Es war ein blödsinniger Einfall, aber der Humor der Sachlage wirkte auf die Leute. Ein schallendes Gelächter brach los. Der Riese zerrte mich zum Tisch, über dem eine schmutzige Petroleumlampe baumelte, und starrte mir ins Gesicht.
»Ruhe!« sagte er. »Kennen tu' ich dich nicht. Dachte, ich hätte Mulvaney erwischt, den Aufseher. Wer bist du?«
»Narr, verdammter —« keuchte ich — »Zeitung, große Neuyorker Zeitung — will über euch schreiben — in der Zeitung — verstehst du nicht — Leute wollen wissen — wissen, was hier los ist —«
»Die Hölle ist los,« sagte der Riese. »Hm, vom Büro ist er nicht — ruhig, Jungens. Weiter!«
»Bahnhof angekommen — alles abgesperrt — hinten rumgegangen!«
»Scheint mir zu stimmen, Jungens!«
Da wurde die Tür aufgerissen und zwei Männer stürmten herein, die mit einem Satz auf Stühle sprangen. Sie trugen einfache dunkle Anzüge und runde Hüte, die ihnen in dem Gedränge von verschmutzten blauen und braunen Arbeitskleidern etwas Feierliches gaben. Sofort wurde es totenstill. Und eine klingende metallische Stimme schallte durch den Raum:
»Alles vorbei, Jungens!«
»Im Namen der Union der Bergleute erkläre ich den Streik für beendet.«
»Die Blechmarken sind abgeschafft — Mulvaney ist entlassen — die Preise der Lebensmittel werden nach dem Standard von Pittsburg reguliert. Wir haben, was wir wollten, Jungens. Die Union hat zu euch gehalten; haltet ihr immerdar zur Union und ihr werdet noch Diamanten tragen!«
Eine Hölle von Lärm brach los.
Weiber stürzten zu ihren Männern, lachend und weinend zugleich; alles schrie, lärmte, zeterte. Die wenigen Amerikaner unter den Bergleuten erklärten denjenigen fremden Miners, die halbwegs Englisch verstanden, wie der Sieg errungen worden sei, und diese wieder verdolmetschten es aufgeregt und gestikulierend ihren Landsleuten. Englische, italienische, deutsche, slavische Worte schwirrten wirr durcheinander. Es war ein neuer Turm zu Babel. Mir wurden immer wieder die Hände geschüttelt, und der Riese klopfte mich auf die Schulter, daß ich in die Knie knickte, und der wollte in gebrochenem Englisch erzählen, und jener schrie dazwischen, und es wurde tief getrunken und gellend gejubelt, und ich trank alles in mich ein.
Recht und abermals recht hatten sie, diese armen Teufel, so schien es mir. Eine winzige Ursache hatte den Streik herbeigeführt. Da war ein Aufseher gewesen, ein Irländer namens Mulvaney, der das berüchtigte Hetzpeitschensystem des amerikanischen Unternehmers ein wenig zu straff durchgeführt hatte. Um Höchstleistungen der Arbeitskraft zu erzielen, wurde der einzelne Arbeiter bei jeder Versäumnis mit kleinen Geldstrafen, Zeitverkürzungen, Gewichtsabzügen so gründlich schikaniert, daß endlich den Bergleuten die Geduld riß. Sie rebellierten gegen die tägliche Peitsche. Das war ihnen die Hauptsache. Nebenbei fiel ihnen ein, daß sie auch sonst noch Sorgen hatten. Die lieben Leute in Pittsburg, denen die Mine gehörte, operierten nach uraltem amerikanischem Brauch höchst skrupellos mit der endlosen Kette, die das Geldgetriebe vom Arbeitslohn zum Lebensbedarf in Bewegung setzt. Sie hatten jede Ansiedlung von Kaufleuten zu verhindern gewußt, und das Bergwerk selbst lieferte alle Lebensmittel, alle Kleider, alle kleinen Notwendigkeiten und Genüsse bis hinunter zum Bier. In schlechter Qualität natürlich und zu hohen Preisen.
Man macht das überall so im Land der sogenannten Freiheit, das den Ruhm für sich in Anspruch nehmen darf, dieses kluge System ersonnen zu haben. Sein Witz ist, daß der Unternehmer nicht nur den gewaltigen Unterschied zwischen Eigenkosten und Verkaufspreis einsteckt und ein glänzend rentables Geschäft im Geschäft eröffnet, eine Art Warenhaus, dessen Kunden Zwangskunden sind, weil sie von ihm abhängen, — sondern er erspart sich die Hauptsorge des Kapitals, die Lohnzahlung! Er schafft sich eine eigene Währung! Blechmarken bekamen diese fremden Arbeitstiere — der geborene oder auch nur akklimatisierte Amerikaner ist für diese Sorte Arbeit nicht zu haben — hübsche blecherne Blechmarken, auch auf Vorschuß, so viel sie nur haben wollten. In allen Werten vom Dollar bis zu fünf Cents. Dafür konnten sie in den Läden der Gesellschaft einkaufen. Wenn der Zahltag kam, so bestand die Bezahlung aus einer Quittung über einen so und so hohen Betrag in Blechmarken und der Mitteilung, daß der Arbeiter Soundso noch so und so viel schuldig sei. Ein recht Sparsamer mochte auch einmal einen Dollar oder zwei in bar erhalten. Aber das kam selten vor. So rollte die Kette endlos. Ersparte sich jedoch wirklich einmal ein Arbeiter Blechgeld, so konnte er den fingierten Wert nicht etwa in wirkliches Geld umtauschen, denn das verbot ja das Münzgesetz der Vereinigten Staaten! Nein, er mußte sein Geld im buchstäblichen Sinne des Wortes aufessen. Oh, der amerikanische Kapitalist ist ein lieber Mensch! Man bedarf wirklich keiner besonderen nationalökonomischen Talente, um sich auszurechnen, ein wie ungeheurer Prozentsatz des gezahlten Arbeitslohnes auf diese Weise wieder in die Taschen des Arbeitgebers zurückfließt.
Jetzt waren sie abgeschafft, der Aufseher und die Geldmarken. Dem Aufseher folgte wohl ein anderer, der klüger war, und statt der Blechmarken bekam jeder Arbeiter sein Einkaufsbuch. Die Form hatte sich geändert. Die Sache blieb.
Und ich schüttelte den Kopf und starrte in die leidenschaftlichen Gesichter und versuchte, mir Wort, Mienen, Art einzuprägen. Soldaten von der Miliz kamen; es wurde gelacht, geschrien, gesungen. Spät nachts schrieb ich mitten im Lärm ein langes Telegramm, das die Western Union-Agentur auf dem Bahnhof beförderte. Im Morgengrauen fuhr ich mit einem Frachtzug nach Pittsburg zurück und im sausenden Pullmanwagen entstand dann auf der Fahrt nach Neuyork die menschliche Geschichte eines kleinen Kohlenstreiks.
O ja, sie wurde sofort genommen. Aber meine schönen sozialen Erwägungen strichen sie mir weg.
»Das verstehst du nicht, Söhnchen,« meinte der maßgebende Mann vom Journal. »Bleib nur hübsch bei den Bilderchen. Bleib bei deinem menschlichen Interesse!«
Im Grunde pfiff ja wohl auch ich auf die sozialen Erwägungen.
Kaum beschrieben, waren die armen Miners und die klugen Bergwerksherren schon vergessen, denn neue Pläne mußten schleunigst geschmiedet werden. Das Wandern begann im Ernst. War doch der erste Flug ins Land hinaus ein Erfolg gewesen, der nur neue Träume schuf und neues Rebellieren im Blut. Wenige Tage nach der kurzen Fahrt ins pennsylvanische Kohlengebiet verließ ich Neuyork abermals, um nach Baltimore zu hasten — ein deutsches Schulschiff sollte den Hafen anlaufen, und darüber wollte ich schreiben; wiederum einige Tage in Neuyork darauf — dann in eine Frühlingskolonie armer Neuyorker Kinder am Hudson — dann nach Philadelphia, um unter den Größen der Textilindustrie eine Umfrage über die Wirkung des neuen Zolltarifs zu veranstalten, der damals die Gemüter stark erregte — nun nach Chicago zu Buffalo Bill, der »echte« Rauhe Reiter für seinen riesigen Zirkus angeworben hatte, eine Englandreise plante, und hochinteressante Dinge über die Ausrüstung seines Unternehmens zu erzählen wußte — zurück nach Neuyork...
So begann das Wandern.
Ich aber begann, steif und fest daran zu glauben, daß ich zu großen Dingen berufen sei!
Nur das Ereignis fehlte noch. Das große Ereignis, von dem jede Freilanze im Zeitungsdienst Tag und Nacht sehnsüchtig träumt in den sonderbarsten Vorstellungen. Man möchte auf einem Schlachtschiff sein im Kampf, die Greuel, die wahnsinnige Aufregung einer Seeschlacht erleben; man müßte der Freund eines Edison, eines Teßla, sein und in das wundersame Gehirn solcher Männer hineinblicken können; man sollte täglichen Ehrgeiz und täglichen Gelderwerb verächtlich weit von sich wegwerfen und ein hartes Jahr lang unter den Hochseefischern Neufundlands leben — dann, ja dann würde endlich das große Federbild gemalt werden können, das Ruhm und Erfolg bedeutet. Aber die großen Ereignisse sind gar selten und lassen sich nicht schaffen und werden in einer Zeitungsgeneration nur von wenigen Männern erlebt. Das weiß ich heute. Große Schilderer werden geboren. Der Künstler ist unabhängig von Raum, Zeit und Geschehen, denn ihm können die Runzeln eines alten Weibes eine große Offenbarung sein. Damals aber wußte ich das nicht und fühlte es nicht, sondern wartete krampfhaft auf das Ereignis. Quälte mich ab, zermarterte mein Hirn, träumte, jagte und hetzte dem Geschehnis nach.
Es war töricht, doch wenn ich heute mich des Erinnerns freue, so ist es in mir wie trauriges Bedauern ob der bitterhart errungenen Weltklugheit. Ach, das bißchen Weltklugheit! Es gibt schönere und größere Dinge im Erdenleben, von denen ein Einundzwanzigjähriger nicht viel wissen kann, aber es ist etwas Wundervolles um junge Lebensgier, die sich noch jubelnd in törichtes Traumland stürzen kann, weil der schwere Hammer der Welt und der Menschen bis jetzt abgeprallt ist von den jungen Sehnen.
Ach, was waren das für schöne Zeiten, da man noch so selig glücklich sein durfte, die eigene Kraft ins Ungemessene überschätzen zu können, in bunten Träumen nicht nur am hellichten Tag sondern in der Tat. Da man sich so gar nicht fragte:
»Was werden wir essen? Was werden wir trinken?«
Und so begann denn das Wandern, das so töricht war und doch so schön, weil es in heißem Sehnen geschah und glühender Freude an der Arbeit. Meine Freunde rieten mir ab. Die Zeitungen erklärten mir strikt, daß sie sich nur von Fall zu Fall entscheiden würden und keinerlei Unterstützung versprechen könnten. Sie alle schalten mich ziemlich deutlich einen heillosen Narren, der gutes Brot für ungebackenen Kuchen wegwarf. Ich aber lachte und packte meinen Koffer. Frei wollte ich sein. Irgendwo wollte ich das große Zeitungsglück suchen. Bald hier, bald dort, wie der Zufall es bestimmte.
Die Periode des Lebens als wandernder Zeitungsmann umfaßte nicht ganz drei Monate. Sie führte mich von Stadt zu Stadt in buntem Wechsel, bis weit in den Westen hinein — sie brachte eine Hetzarbeit, die eigentlich auch nicht sehr verschieden war von meinem Neuyorker Berufsleben. In Cripple Creek schossen sie mir eine Kugel ins Bein, weil ich zufällig dabeistand, als drei Silbersucher ihre Argumente durch Revolverschüsse bekräftigten — auf dem Cowcatcher fuhr ich auch wieder einmal; das war in der Nähe von Denver — aber sonst passierte nichts besonders Schönes! Es ging mir gut, weder besser noch schlechter als in der Wolkenkratzerstadt.
Es blieb die Sehnsucht nach dem Ereignis. Sie war immer da!
Und wie dann das große Ereignis endlich kam — das ist eine lustige Geschichte!
Vor dem letzten Lausbubenstreich.
Im St. Louis'er Palasthotel. — Der einstige Geschirrputzer und seine vergnügte Stimmung. — Weshalb ich nach St. Louis gekommen war. — Sergeant O'Bryan der Polizeizentrale. — Was der betrunkene Mann verriet. — Die Leichenräuber. — Ihr Geständnis und meine »copy«. — Frederick Haveland, der Mann mit den vielen Namen. — Der Gentleman mit der dunklen Existenz. — Dynamite-Johnny, der Dynamit-Kapitän. — Von Flibustiern und Gesetzlosigkeit. — Haveland macht mir einen Vorschlag. — Mein großes Ereignis. — Eine nebelhaft unklare Expedition nach Venezuela: Der letzte Lausbubenstreich...
Folgendermaßen spielten sich die Dinge ab:
Ich saß im Palasthotel in St. Louis, so um zehn Uhr morgens herum, und aß vergnügten Sinnes ein gewaltiges Frühstück. Kleine Pfannkuchen zum Beginn, und eine Tasse schweren schwarzen Kaffees, und einen Manhattan Cocktail, und ein kleines Steak vom Grill — und als schönste Delikatesse ein großes Lachen, das zwei ganz verschiedene Gründe hatte.
Grund Nummer eins:
Der chief waiter da, der Oberkellner, der mir so besorgt und diensteifrig ein weiches Kissen zwischen Rohrstuhllehne und Rücken schob, so respektvoll das schlanke Kristallglas auf schwerem Silberbrett präsentierte, war ein alter Bekannter! Und zwar aus Zeiten, wo er jede Bekanntschaft mit mir entrüstet abgelehnt hätte! Armseliger Kupferputzer war ich gewesen da droben in der Höllenküche im dritten Stock dieses Hauses vor wenigen Jährchen — Luft war ich damals für Mr. Oberkellner, unangenehme Atmosphäre — und was das kleine Frühstück heute kostete, bedeutete in jenen Zeiten zehn Tage der Qual und des Schweißes. Und ich lachte leise vor mich hin und genoß reine Freuden einer besonderen Art von Eitelkeit, einer grotesken Abart von Humor, wie wohl nur der Emporkömmling sie genießen mag, und empfand ungemessenen Respekt vor mir selbst. Feinfühlig mögen die Empfindungen gerade nicht gewesen sein, aber sie waren von grundehrlicher Menschlichkeit. Man dejeuniere, bitte, einmal in einem Hotel, in dem man einst Kupferputzer gewesen ist, und man wird blitzartig schnell gewisse an und für sich unsympathische Regungen des Protzentums mit großem und liebevollem Verständnis betrachten lernen. So frühstückte also der Küchenjunge von anno dazumal en grandseigneur und schwelgte in protzigen Freuden.
Grund Nummer zwei:
Ich war nach St. Louis von Chicago aus gekommen — dort hatte ich den Weizenspekulanten Leitner interviewt, aber mit miserablem Resultat — um über die skandalösen Verhältnisse in den niederen Varietés zu schreiben, die nach Zeitungsmeldungen damals großes Aufsehen erregten. Der Outsider macht derartiges besser als der Kenner der Verhältnisse, der dazu neigt, manches als gegeben und bekannt vorauszusetzen. Darunter leidet die Schilderung. Das erste aber, was ich hörte, als ich auf dem St. Louis'er Bahnhof aus dem Chicago Flyer stieg, war die schneidend grelle Kinderstimme eines Zeitungsboys:
»Extra! Extra special. The variety scandal! All about the variety scandal!«
Schleunigst kaufte ich mir mit gemischten Gefühlen das Zeitungsblatt, der St. Louis Globe Democrat war es, und stellte nach einem kurzen Blick auf die Ueberschriften unter noch weit gemischteren Gefühlen sofort fest, daß der Mann vom Democrat genau das getan hatte, was zu tun meine Absicht gewesen war. Er hatte Varieté auf Varieté unter die Lupe genommen, die Grellheiten herausgepackt, und geschildert, geschildert, geschildert. Ausgerutscht, Hänschen! Die copy hatte die Associated Press, das große amerikanische Telegraphenbüro, sicherlich schon längst über ganz Amerika weitertelegraphiert, und die Reise nach St. Louis, der Pullmanwagen, die Hotelkosten waren im Handumdrehen zu einer persönlichen Luxusausgabe ohne Zweck und Verstand geworden.
Mißmutig schlenderte ich umher und kam in eine Polizeiwache, die police central, die Hauptstation, in der ich aus alten Zeiten bekannt war. Ein betrunkener Irländer wurde hereingeführt, der gewaltig lärmte und nach der üblichen Polizeimethode nicht gerade sanft behandelt wurde. Das reizte den Betrunkenen noch mehr. Er verfluchte mit kräftigsten Flüchen den Wachsergeanten und den Polizisten, der ihn verhaftet hatte, und den Kneipwirt, in dessen Kneipe er verhaftet worden war. Abermals regnete es Püffe und Stöße, und der sinnlos Betrunkene beruhigte sich plötzlich. Er murmelte nur verworrene Worte vor sich hin. Von einer verdammten Kirchhofgeschichte, und einem Pat, der ihn betrügen wolle, und ihm solle man nur ja nicht weißmachen, daß die Doktors nicht schon längst bezahlt hätten. Niemand beachtete ihn.
»Sperrt den Mann in eine Zelle!« befahl der wachhabende Sergeant. »Die Anklage wird auf Betrunkensein und Ruhestörung erhoben werden.«
Ich hatte gedankenlos zugehört, aber plötzlich hatte sich in meinem Kopf eine Ideenverbindung hergestellt. Von einer Kirchhofsgeschichte hatte der Betrunkene etwas gelallt...
»Kann ich Sie fünf Minuten lang allein sprechen, Sergeant?« fragte ich.
»Jawohl, gewiß,« sagte der. »Watson, verlassen Sie das Büro. Was gibt's?«
»Wer war der Mann?«
»Der Betrunkene? Bummler, Levéebummler, uns wohlbekannt, hat schon allerlei Strafen. Bestiehlt betrunkene Matrosen, raubt Güter von den Stapelplätzen, hat uns aber in letzter Zeit verschiedene Informationen gegeben. Augenblicklich liegt nichts gegen ihn vor. Er wird morgen früh ins Gebet genommen und unter Umständen laufen gelassen. Das ist nichts für Sie.«
»Das weiß ich noch nicht, Mr. O'Bryan. Vielleicht ist das, was ich mir denke, barer Unsinn. Aber hören Sie zu: Ich komme von Chicago, und man hat dort von nichts anderem geredet als von den berüchtigten Leichenräubern, die auf Kirchhöfen Leichen für Sezierzwecke stehlen. Es waren —«
»Weiß ich, weiß ich!« unterbrach mich der Sergeant.
»Natürlich. Ich erwähne den Fall nur, damit Sie verstehen, wie ich auf meine Vermutungen komme. Während Sie vorhin mit dem Polizisten sprachen, hat der Verhaftete allerlei konfuses Zeug geschwätzt. Darunter wörtlich folgendes:
›Verdammte Kirchhofgeschichte — der Hund von einem Pat will mich betrügen — soll mir nur nicht weißmachen wollen, die Doktors hätten nicht sofort bezahlt.‹
»Wenn man nun, Sergeant, vierundzwanzig Stunden vorher viele Spalten über einen großen Prozeß gegen Leichenräuber gelesen hat wie ich, so macht es einen stutzig, einen Angehörigen der kriminellen Klasse über Betrogenwerden in einer Kirchhofssache sprechen zu hören. Das wäre alles. Was sagen Sie dazu?«
»Daß ich Ihnen Dank schulde,« sagte der Detektivsergeant. »Es mag nichts sein, es kann aber auch sehr viel dahinter stecken.«
Und sofort fing der polizeiliche Apparat zu arbeiten an. Der erwähnte Pat, der Inhaber einer berüchtigten Kneipe an der Mississippi-Levée wurde mitsamt seinen Gästen scharf überwacht. Beamte stellten schon in den ersten Morgenstunden fest, daß auf dem großen Zentralfriedhof am Südende der Stadt, wo fast nur Arme begraben wurden, frische Gräber, offenbare Spuren von neu umgeschaufelter Erde zeigten, die verdächtig waren. Um die Verbrecher nicht zu verscheuchen, wurden nicht einmal die Friedhofsbeamten ins Vertrauen gezogen, sondern eine geheime nächtliche Ueberwachung des Friedhofs organisiert.
Diese Detektivarbeit machte ich mit. Zwischen mir und O'Bryan war ohne viele Worte ein echt amerikanischer Handel abgeschlossen worden; die Neuigkeit sollte mir und nur mir allein gehören, während dem Detektivsergeanten alle Glorie der Entdeckung zufallen mußte.
Drei Nächte des Frierens und der Aufregung verbrachte ich Seite an Seite mit O'Bryan auf dem Kirchhof in einem Oleandergebüsch, auf dem Bauche liegend, und nichts rührte und regte sich in all den qualvoll langen Stunden, in denen ich oft schaudernd daran dachte, daß diese Ueberwachung wochenlang dauern und dann völlig erfolglos sein konnte...
In der vierten Nacht regnete es in Strömen. Wir lagen wiederum in dem verwilderten Oleandergebüsch, inmitten der Hunderte von Gräberreihen, in einer Wasserlache, die ständig größer und kälter wurde, und ich fluchte auf St. Louis und die Polizei und die Verbrecher. Es war schwarzfinstere Nacht. Da blitzte sekundenlang Lichtschein auf, hundert Schritte vielleicht vor uns. Das Klirren eines Spatens auf einen Stein hallte schrill und grell durch das Regengeplätscher. Dann wurde es wieder still und dunkel. Durch meine erstarrten Glieder brauste die Erregung wie ein glühender Feuerstrom, und den Sergeanten neben mir hörte ich schwer keuchen in kurzen heiseren Atemstößen. Einmal glaubte ich, da vorn Gestalten unterscheiden zu können. Nach Minuten, die qualvoll lang erschienen, packte er mich am Arm, zog, schob mich vorwärts, und Zoll für Zoll krochen wir auf die Stelle zu, wo der Lichtschein aufgeflammt war. Und plötzlich schrillte seine Signalpfeife mit fürchterlichem Gellen und im gleichen Augenblick krachte sein Revolver und andere Pfeifen antworteten jäh, und blendendweißer Lichtschein flammte auf. Schüsse krachten. Ich war entsetzt aufgesprungen. Die Lichter der Blendlaternen huschten, suchten, zitterten blitzschnell, vereinigten sich zu einem hellen Lichtkreis.
Da war ein offenes Grab. Verstreute Erde. Ein schwarzer Sarg daneben, erdumkrustet. Drei Männer standen da, geduckt wie Katzen, mit verzerrten Gesichtern um sich starrend, die angstvollen Züge hell beleuchtet von dem erbarmungslosen weißen Licht. Einer der Männer hielt einen Revolver in der ausgestreckten Hand.
»Fallen lassen!« befahl eine Stimme.
Der Revolver fiel. Und rasch sich bewegende Schatten schoben sich in den Lichtkreis, und Handfesseln klickten, und von der Straße her dröhnte der Gong des heransausenden Polizeiwagens. O'Bryan gab seinen Unterbeamten rasch kurze Befehle. Wachen wurden aufgestellt, Verhaftungen angeordnet. Dann stießen harte Fäuste die drei Männer in den Wagen, und im Galopp ging es nach der Zentralstation. Die schmutzstarrenden, nässetriefenden Verbrecher wurden sofort in das Büro geführt, der Polizeistenograph herbeigeholt und das Verhör begonnen.
O'Bryan hatte die Männer kaum eine Viertelstunde lang mit Drohungen und Versprechungen bearbeitet, als sie das Geständnis ablegten, sie hätten in den letzten drei Monaten siebzehn Leichen gestohlen. Eine ganze Reihe von Mittelspersonen hatten dabei die Hände im Spiel gehabt.
Es handelte sich offenbar, wenn es sich auch schwer nachweisen ließ, um einen der in Amerika nicht seltenen Fälle von Leichenraub zu wissenschaftlichen Zwecken. Die Gesetze verbieten die Auslieferung von Leichen an Universitäten oder private Mediziner unter allen Umständen, wenn nicht eine entsprechende testamentarische Verfügung des Gestorbenen vorliegt. Das reiche Material der europäischen Seziersäle, die Leichen von Verbrechern, die Leichen der mittellos in den öffentlichen Krankenhäusern Gestorbenen, steht also dem amerikanischen Mediziner niemals zur Verfügung, sondern er muß Verträge mit lebenden Personen abschließen, ihm ihren Körper nach ihrem Tode zu überlassen. So herrscht ein steter Mangel an Sezierobjekten. Es kommt immer wieder in dieser und jener amerikanischen Stadt vor, daß Leichname gestohlen und an Mediziner verkauft werden. Die Seziersäle zahlen gutes Geld, und es werden beileibe keine unbequemen Fragen gestellt, wenn nur ein testamentarischer Kaufvertrag gezeigt werden kann. Und der läßt sich leicht genug fälschen. So war es auch hier gewesen.
Muß ich erwähnen, daß ich die ganze Nacht hindurch fieberhaft schrieb im Polizeibüro?
Muß ich betonen, daß ich die Kraßheit der Dinge noch krasser färbte? Daß meine Geschichte von den Leichenräubern fürchterliche, knallgelbe, ekelhafte Sensation war?
Muß ich erzählen, daß sie mir viel Geld brachte? Muß ich hervorheben, wie wundervoll ich sie fand und wie ehrlich ich überzeugt war, ein hervorragendes Stück schildernder Zeitungsarbeit geschaffen zu haben? Und mit einem kleinen Herrgöttlein nicht getauscht hätte! Nein; das ist sonnenklar selbstverständlich: Ging doch meine sensationelle Geschichte durch alle Blätter und erregte gewaltiges Aufsehen!
So saß ich im Palasthotel von St. Louis, in dessen Küche ich vor kaum drei Jahren Töpfe geputzt hatte, und war stolz.
Da legte sich eine Hand auf meine Schulter und eine sonore Stimme sagte gemütlich:
»Na, lieber Junge, haben sie dich immer noch nicht gehenkt?«
Und neben mir stand vergnügt grinsend Frederick Haveland, der Mann, der immer lachte und stets alle Menschen fragte, weshalb in aller Welt sie noch nicht gehenkt worden seien.
Heute noch kann ich keine Nebelkrähe sehen, ohne an Frederick Haveland denken zu müssen. Sein Gang hatte etwas krähenhaft Wackelndes, Schweres, Possierliches; seine fast schwarzen Augen glitzerten rund und spitzbübisch; über dem dicken Schädel sträubte sich ein grauschwarzer Krähenschopf. Ein Wandervogel war er auch. Wenn er einmal geruhte, Neuyork auf eine ebenso kurze wie tolle Periode aufzusuchen, so haben wir ihn niemals Haveland genannt noch Frederick noch Fred, sondern immer bei einem seiner zahlreichen periodischen sobriquets. Den Pokerteufel — er plünderte einen mit absoluter Sicherheit gräßlich aus, nur um die Dollars sofort auf Nimmerwiedersehen an irgend einen bedrückten Zeitungsmenschen zu verleihen — den Mäusemann — da hatte er die Schrecken des delirium tremens, die krabbelnden weißen Mäuschen und die züngelnden Schlangen, so wundervoll geschildert, daß wir alle wie auf Kommando drei Tage lang nur Sodawasser tranken und zwar ohne Whisky — den Lokomotiventöter — da hatte er in Texas zwei Lokomotiven mit Volldampf aufeinander losfahren lassen, mit einem Explosionsresultat ersten Ranges, das der verrückten Eisenbahn viel Geld des lieben, zuschauenden, schwer zahlenden Publikums und ihm großen Ruhm einbrachte — vor allem aber den Generalfresser, denn Frederick Haveland hatte es fertig gebracht, als Kriegskorrespondent in Kuba den kommandierenden General Shafter in seinem eigenen Hauptquartier so anzubrüllen, so gröblich zu beleidigen, daß er um ein Haar standrechtlich erschossen worden wäre. Man wußte von ihm, daß er eigentlich Zivilingenieur war, immer in allen möglichen Unternehmungen steckte, sich in den unwahrscheinlichsten Weltwinkeln herumtrieb, und Manuskripte extraspezialen ersten Ranges lieferte, wenn es ihm an der Zeit dünkte, wieder einmal etwas zu schreiben. So mancher zerbrach sich über ihn den Kopf. Wahrscheinlich aber war er nur einer von den wenigen Hunderten von Menschen der Welt, die es verstehen, ihren natürlichen Vagabundeninstinkt zu nähren — und dabei Gentlemen zu bleiben und Geld zu verdienen.
Dieser Frederick Haveland setzte sich umständlich zurecht, streckte die langen Beine aus, und grinste.
»Weshalb haben sie dich eigentlich in Neuyork 'rausgeschmissen?« fragte er.
»Was!« sagte ich entrüstet. »Mit Tränen in den Augen haben sie mich gebeten, ich möchte doch um Gotteswillen dableiben! Mann, sie wollten mir das Honorar verdreifachen! Aber ich hatte meine großen Talente entdeckt und Neuyork war mir zu klein geworden.«
»Richtig! Unangenehmes kleines Dorf!« grinste er.
»Zu klein! Und so wandere ich durch dieses große und schöne Land —«
»Und kriechst auf nassen Kirchhöfen herum, wenn du Glück hast!« ergänzte Frederick Haveland. »Schöne gelbe Sache. Brüllt zum Himmel. Es ist übrigens weiter nicht wunderbar, daß niemand so übertreibt wie die ganz Jungen. Merkwürdig ist nur, daß wir Aelteren trotz unserer Weisheit gern wieder ganz jung sein möchten. Und wie geht dir's? In Neuyork — ich hatte dort mit einem Mann zu reden — haben sie mir gesagt, du seist entweder vor einem Mädel davongelaufen oder plötzlich verrückt geworden — —«
»Das würden sie naturgemäß sagen!« meinte ich und lachte.
»Naturgemäß! Oho! Sind wir schon so gescheit geworden?«
Er grinste sein Grinsen, aus dem man nicht recht klug wurde, und urplötzlich kam, ganz gegen meine Art eigentlich, ein sonderbares Gefühl über mich, als müßte ich so etwas wahren wie Selbstbewußtsein und Würde.
»Ich mag ein Narr sein,« sagte ich, mich in den Stuhl zurücklehnend, »lieber Haveland. Ich mag doppelt ein Narr sein in den Augen eines Mannes von Erfahrung. Aber diese närrische Arbeit, bei der ich mich entschieden mehr plagen muß, macht mir närrische Freude, und ich verspüre keine Lust mehr, darüber zu scherzen. Confound it, wenn ich's verstehe, doch —«
Da warf Haveland die Hände hoch, wie einer, dem eine Pistole vor den Kopf gehalten wird.
»Forgie' us all,« lächelte er, Schottisch quotierend. »Vergib' uns unsere Sünden. Sie ist auch wahrlich nicht schön, diese Gewohnheit von uns Zeitungsmenschen, unsere eigenen Affären stets in die Parabel des schlechten Witzes zu verkleiden. Vergiß aber nicht, daß wir mit wirklichen Narren nicht scherzen würden, weder ich noch du. Und nun wollen wir ernsthaft reden, wenn es dir gefällig ist. Kennst du — nein — weißt du etwas über Dynamite-Johnny?«
»Den Dynamit-Kapitän? Natürlich!«
Kapitän John O'Brian war wohlbestallter Lotse des Neuyorker Hafens gewesen, so um das Jahr 1896, als ihn der Zufall, der die rechten Männer auf den rechten Fleck stellt, in Verbindung mit den amerikanischen Vertretern der kubanischen Insurgenten brachte, vor allem mit Mr. Palma, dem Haupt der kubanischen Junta in Neuyork. Die kubanischen Revolutionäre brauchten damals nichts so nötig als Waffen und abermals Waffen und wiederum Waffen. Nur von Amerika konnte ihr Kriegsbedarf kommen. Da sie aber nicht als kriegführende Partei anerkannt wurden, so war für ihre Waffenfrachten nach der Insel der Wasserweg nicht nur durch die Kriegsschiffe Spaniens versperrt, sondern auch durch die Kriegsschiffe der Vereinigten Staaten, die nach internationalem Gebrauch den Waffenschmuggel verhüten mußten. Ein Kapitän, der den Insurgenten Waffen zuführte, lief also doppelte Gefahr: Mit Mann und Maus von einem spanischen Kreuzer in Grund und Boden geschossen zu werden, oder aber von einem amerikanischen Kreuzer beschlagnahmt, was für den Kapitän lange Zuchthausjahre bedeuten konnte. Der abenteuerliche Neuyorker Lotse nun war der rechte Mann für die abenteuerliche Aufgabe. Mit unerhörter Schlauheit verstand er es, bald in dem Hafen von Neuyork, bald in dem Hafen von Jacksonville in Florida, die Kriminalbeamten — die spanische Regierung hatte die Pinkertons, die berühmte amerikanische Detektivagentur zur Verhütung des Waffenschmuggels engagiert — und die Hafenpolizei immer wieder hinters Licht zu führen, in dunkler Nacht heimlich zu laden, und in sausender Fahrt mit seinem schnellen Hochseeschlepper nach irgend einem Rendezvousort an der kubanischen Küste zu jagen. Dort warteten Revolutionäre, und die gefährliche Ladung wurde in rasender Eile gelandet, konnte doch jeden Augenblick ein spanisches Kriegsschiff der Küstenpatrouille auftauchen. Ueber die Fahrten des abenteuerlichen Kapitäns wurde stets in der amerikanischen Presse berichtet, aber es gelang den Behörden der Vereinigten Staaten niemals, ihn vor den Gerichten zu überführen, oder gar sein Schiff und ihn in flagranti zu fangen, obgleich Hunderttausende für seine Ueberwachung ausgegeben wurden. Nichts schreckte den Dynamit-Kapitän ab. Dutzendemal feuerten spanische Kriegsschiffe auf sein Schiff, und immer wieder entrann er mit knapper Not. Seinen Beinamen erhielt er durch ein charakteristisches Vorkommnis. Der »Dauntless«, sein Hochseeschlepper, hatte Dynamit für Kuba geladen. Die gefährlichen gelben Stangen waren in dickwandige Holzkisten verpackt, die Patronenkisten sehr ähnlich sahen. Niemand auf dem Schiff war das bekannt. Als bei der Landung an der kubanischen Küste die Insurgenten an Bord kamen, um zu löschen, hatten sie es begreiflicherweise sehr eilig, sich mit Patronen zu versehen, und schickten sich schleunigst an, eine große Kiste zu erbrechen. Emsig schlug ein Kubano mit einem schweren Beil auf den Deckel los. O'Brian oben auf der Kommandobrücke regte sich nicht im mindesten auf.
»Señor!« sagte er nur, »wenn Sie noch lange auf die alte Kiste loshämmern, fliegen Sie auf direktem Wege zu Ihrer Jungfrau Maria in den Himmel! Es ist nämlich Dynamit drin!!«
Unten aber auf Deck ertönte ein gellender Schrei, ein zweiter, und im nächsten Augenblick waren die Insurgenten samt drei amerikanischen Matrosen über Bord in das flache Wasser gehopst und strampelten wie wahnsinnig küstenwärts. Der tollkühne Kapitän mußte viel über die angebliche Harmlosigkeit von Dynamit zusammenlügen, bis er sie endlich zum Löschen der Ladung überredete.
Das war Dynamite-Johnny.
»Also,« sagte Frederick Haveland, »— Dynamite-Johnny kennst du. Ich bin zweimal mit Kapitän O'Brian in geschäftlicher und persönlicher Verbindung gestanden. Im Jahre 1897 machte ich eine ziemlich kitzliche Fahrt nach Aguadores mit und später einen kleinen Abstecher mit Waffen nach der Haitischen Küste. Er ist übrigens jetzt Hafenkapitän von Havana, und der friedlichste kleine Irländer geworden, den man sich nur denken kann. Well — der Dynamit-Kapitän ist also eine hübsche Brücke zu gewissen allgemeinen Begriffen. Er soll dir als Parallele dienen, und deshalb erwähnte ich ihn. Da du ihn und seine kleine Abenteuer kennst, so brauche ich über Allgemeines nicht so viel zu reden. — Bilde dir mal ein, ich wäre Dynamite-Johnny!«