Dritter Teil (continued 2)
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Ich ging hinüber, klopfte an.
»Herein!« Das war des Majors Stimme.
Und ich trat ein — und muß im nächsten Augenblick ein so erstauntes, ein so dummes, ein so hilflos perplexes Gesicht gemacht haben, daß das unbändige Lachen der beiden Offiziere, die rauchend an dem runden Tischchen saßen, zweifellos gerechtfertigt war. Schallend lachten sie auf. Der Major war der eine, und der andere — Sergeant Souder! In Leutnantsuniform. Freiwilligen-Infanterie. In Leutnantsuniform!! Sekundenlang war ich sprachlos vor Erstaunen, dann aber mißfiel mir das Lachen.
»Sergeant Carlé,« meldete ich kurz.
Der Major winkte krampfhaft ab.
»Sie haben aber auch ein Gesicht gemacht,« lachte er, »als sähen Sie Ihre eigene Großmutter in indezenten kurzen Röckchen einen Cancan tanzen! Bitte, nehmen Sie Platz, Mr. Carlé — Zigarre, bitte, Mr. Carlé —«
Und es überrieselte mich wie eine heiße Welle. Ein Offizier sagte nicht »Mister« zu einem Sergeanten in der amerikanischen Armee! Das bedeutete —
»— General Greely hat Ihr Gesuch genehmigt. Ich werde Ihnen nachher die nötigen Dokumente aushändigen und wünsche Ihnen jetzt Glück und Erfolg auf Ihrem Lebensweg. Souder — in dem Schränkchen dort muß eine Whiskykaraffe und ein Syphon sein. Danke. Meine Herren, wir trinken auf das Wohl des Sergeanten Souder und des Sergeanten Carlé. Mögen Sie ein tüchtiger Offizier werden, Souder, und Sie ein berühmter Zeitungsmann, Carlé. Vergeßt euren alten Kommandeur nicht, Kinder!«
Und wir tranken, und er zerschellte seinen Kelch an der Wand.
»Unser Major!« rief Souder mit leuchtenden Augen. Wieder klirrte zerbrochenes Glas.
Es war nur eine Viertelstunde, die ich in dem winzigen Privatzimmerchen der Signaloffiziere im Washingtoner Kriegsministerium verlebte, doch die kurze Spanne Zeit war ein Männerzusammensein, voll tiefen Fühlens. Das Geplauder schien oberflächlich und klang lustig, aber in das Lachen hinein woben sich für jeden Bilder aus der kaum vergangenen Zeit, da wir Kameraden gewesen waren im Krieg, wir drei. Das kittet. Der Major meinte, es sei ja nett, daß er uns glücklich los sei, und schalt Souder einen Duckmäuser, und Souder berichtete von dem reichen Schmied in dem Indianiastädtchen, das seine Heimat war. Der war Mitglied des Kongresses und ein alter Freund Souders. Der Sergeant hatte ihn in Washington getroffen vor einigen Tagen, und der parlamentarische Schmied war eiligst zum Kriegsminister gelaufen, ein Leutnantspatent in der Freiwilligenarmee herauszuschinden für seinen Protegé — Der neuernannte Leutnant mußte heute noch nach San Franzisko abreisen, um sich zur Philippinenarmee einzuschiffen.
Und wir lachten und tranken.
»Kuba und das Signalkorps!« toastete Major Stevens. »Adieu Jungens!« Und er schüttelte Souder und mir die Hände, gab mir einen Briefumschlag, und dann gingen wir, ein jeder seinen Weg. Der Major zum General, Souder zum Infanteriestab unten, sich zu melden, ich nach dem Fort. Ich habe keinen einzigen von den Männern aus dem kubanischen Kriege jemals wiedergesehen. Mit einer Ausnahme — Billy! Den alten Billy vom Schienenstrang, den ein sonderbarer Zufall mir auf den letzten der Leichtsinnspfade stellen sollte.
Es gehörte zum guten Ton der Armee, daß einer, der ihr den Rücken kehrte, das rasch und unauffällig machte. Von der Sekunde an, in der man seine Entlassung in der Tasche hatte, paßte man nicht mehr in den militärischen Rahmen. So fuhr ich rasch nach Fort Myer, nachdem der Gang zum Zahlmeisteramt mit dem Entlassungsdokument in wenigen Minuten erledigt war. Sergeant Hastings war telegraphisch benachrichtigt worden und sagte wenig; der alte Reguläre begriff es nicht, daß man den Rock mit den wertvollen Sergeantenstreifen freiwillig ausziehen konnte. Er nickte, als ich ihn bat, meine militärischen Habseligkeiten, die Uniformen, die Mäntel, die Mützen für mich zu verkaufen, und war verwundert, weil ich wünschte, er möge meine Entlassung erst beim Abendappell den anderen Sergeanten mitteilen. Ich mochte das Gerede jetzt nicht. Keiner der anderen stand mir nahe. Und als ich die paar Sachen für mein Köfferchen zurechtgelegt hatte, zog ich noch einmal Sergeantenuniform an, um nicht aufzufallen, und ging durch die Quartiere und die Werkstätten. Ich sah den Leuten einige Augenblicke lang zu, betrachtete mir eine signalisierende Flaggenabteilung, sah ein Automobil davonsausen —
»Heidi, Kinder! Es ist wirklich etwas sehr Gleichgültiges, ob es unter euch einen Sergeanten gibt, der Carlé heißt, oder nicht. Lebt wohl, lieben Kinder...«
Mechanisch griff ich noch einmal nach einem Taster.
Hei — oh!
Nun fing ein neues Leben an!
Nun fängt ein neues Leben an.
Nur weg mit alten Dingen. — Das neue Ich im neuen Anzug. — Im Virginiahotel zu Washington. — Mumm extra dry. — Das Filmbild der Erinnerung. — Was Rockefeller mit 600 Dollars anfinge. — Was ich damit unternahm! — Empfang beim Präsidenten McKinley. — Die idiotische Zeremonie. — Ein schneller Entschluß. — Ich fahre nach New York. — Das neue Leben hat begonnen...
Mit gewaltigen Sätzen sprang ich die steile Treppe zum Sergeantenzimmerchen empor und riß mir hastend die Uniform vom Leibe.
Rasch, eilig, nur fort!
Fast schien es mir Zeitverschwendung, mich noch einmal im Zimmerchen umzusehen. An der Wand hing der schmutzige Kubahut, mit Mühe und Not aus dem bakterienverzehrenden Feuer Montauk Points gerettet; in der blauen Soldatenkiste lagen unter den Uniformstücken spanische Patronen, Kopien von Kriegstelegrammen, alte Sergeantenstreifen, Briefe, Pfeifen, Tabak, ein Telegrapheninstrument, das mir gehörte, der schwere Armeerevolver eines spanischen Offiziers, ein Beutestück und eine Erinnerung; Kleinigkeiten über Kleinigkeiten, die ich vor vierundzwanzig Stunden noch hoch geschätzt hatte. Nun aber warf ich das Zeug achtlos auf den Boden, verbrannte die Papiere. Nicht einmal den lieben alten Hut nahm ich mit, nicht einmal eine Silbertresse zum Andenken — weg — fort mit den Dingen, die an das Soldatensein erinnerten. Die hatten ihren Dienst getan. Ihre Zeiten waren vorbei.
Weg damit!
Und der Kubahut flog in eine Ecke, mitsamt dem, was er bedeutete. Weg! Nur nicht sich beschweren mit Ballast. Schon allzulange hatte das Sergeantensein gedauert; viel zu lange. Nur keine Zeit jetzt verlieren. Denn ein neues Leben fing nun an.
Heimlich schlich ich mich an Baracken und Schuppen vorbei auf dem Weg zur Arlingtonstation und ärgerte mich, daß ich immerzu an Telegraphengeklapper und Flaggenschwingen denken mußte, sehnsüchtig fast. Wer würde wohl an meinem Platz sitzen am Schreibtisch im Büro da drüben... Ryan wahrscheinlich. Ich hatte ihn dazu erzogen.
Aber — was — ging — das — mich — an!
Waren Sergeantenlitzen vielleicht etwas so Wichtiges, daß man sie nicht vergessen konnte? Und auf einmal hatte ich sie vergessen! Während die Straßenbahn hügelabwärts gen Washington rasselte auf ihrer langen Fahrt, dachte ich nur an das eine: Hatte ich auch noch Zeit heute, mir einen eleganten Abendanzug einzukaufen? Ueber alle Maßen wichtig schien mir das. Ich erwischte einen Wagen am Endpunkt der Linie in der Washingtoner Vorstadt, fuhr von Geschäft zu Geschäft, kaufte einen Koffer zuerst, schwarze Abendeleganz dann, Wäsche nun, Toilettesachen (über die der Sergeant von dereinst in den morastigen Schützengräben des Santiagotals sich totgelacht hätte) allerlei höchst überflüssige Kleinigkeiten, und endlich endete die Fahrt vor dem Virginia, einem der teuersten Hotels Washingtons.
Dreißig Minuten später lehnte ich lässig mit übergeschlagenen Beinen in einem weichen Klubsessel des Hotelvestibüls und betrachtete wohlgefällig die straffen Bügelfalten meiner neuen Smokingbeinkleider, wie sie in scharfer Kante über den schwarzglänzenden Lack der patent leathers fielen. Schielte wohl auch über die weiße Fülle der Hemdbrust nach den seidenen Aufschlägen und freute mich sehr, daß da in nächster Nähe an der Wand ein großer Spiegel mir mein Ebenbild unablässig vorkonterfeite — und siehe da, es war sehr gut, dieses Ebenbild, wie ich in wohliger Gedankenleere immer wieder vergnügt feststellte. Um nichts hätte ich in jenen Viertelstunden die bedeutungslosen schwarzen Fetzen am Leib, die dummen Lackstiefel, all die lächerliche Aeußerlichkeit hergegeben! Denn sie waren mir wohl, ohne daß ich mir auch nur die geringsten Gedanken darüber machte, einfach ein Symbol:
Ein äußeres Zeichen der neuen Zeiten!
Exit der Sergeant...
Später einmal hat mir ein gescheiter Tierarzt bei einer Konsultation über meinen jungen Boxer gesagt:
»Sie ärgern sich, daß das Fräulein (mein Boxer Liundla ist eine Dame) sich mit jedem Vorübergehenden anfreundet, jeden Hausierer schweifwedelnd begrüßt, jeden gewöhnlichen gelben Köter demutsvoll umschwänzelt? Das ist nur die Unselbständigkeit der Jugend und wird sich gewaltig ändern, wenn das Vieh 'mal feststehende Lebensanschauungen hat. Es wird sich ändern. So in einem halben Jahr etwa.«
Ein ähnlich wichtiger Lebensumschwung, wie er im Erdenwallen meines Hundes auch wirklich nach einigen Monaten eintrat, muß mir der Abend im Virginiahotel gewesen sein. Aus dem subalternen Stand hatte ich mich aus höchsteigener Machtvollkommenheit in die höhere Kaste zurückversetzt — und der Smoking war einfach das Kastenabzeichen. So ungefähr müssen die geheimen Triebfedern der Eitelkeitsgelüste ausgesehen haben, die mich immer wieder in den Spiegel gaffen ließen.
Der Gong erklang zum Souper.
Ein diskreter Kellner servierte mir Austern auf Eis an einem Tischchen, über das eine elektrische Stehlampe rosenrotes Licht goß, und rosenroter Schein leuchtete von anderen Tischen, und da war eine wohlige Atmosphäre von gedämpftem Geplauder und leisem Lachen, und schöne Frauenköpfe neigten sich zu scharfgeschnittenen Herrengesichtern, und Gläser klirrten glockenhell. Und ich schlürfte Austern, wählte außerordentlich sorgfältig meinen Wein, und widmete ernsthaftes Nachdenken der wichtigen Frage, ob ich als Zwischengericht gefüllten Puter oder junge Hähnchen bevorzugen sollte. Ich saß in einer Ecke. Der Speisesaal lag vor mir wie ein Bild, und bald beobachtete ich mit einer fast brutalen Neugier die Männer und die Frauen an den kleinen Tischchen; wie sie sprachen, wie sie sich bewegten, wie sie sich gaben, und es schien mir, als sei in jedem dieser harten und doch so frischen Männergesichter ein unbeschreiblicher herrischer Zug; ganz genau das, was ich mir selber wünschte. Ich ertappte mich darauf, wie ich zu den Wandspiegeln hinüberschielte, um Spuren von Herrentum im eigenen Konterfei zu entdecken —
»Chartreuse!« befahl ich.
Und freute mich über den wundervoll geschliffenen Kelch, dessen Wände glitzernd und gleißend den goldengelben Trank widerspiegelten, um dann zu entdecken, daß die wenigen schimmernden Tropfen eine wohlige Gleichgültigkeit bescherten. Was zum Teufel kümmerte es mich, wie die Männer da aussahen, was in ihren Gesichtern geschrieben stand, wie diese Frauen lachten und plauderten, auf welche Weise diese Leutchen sich durchs Leben schlugen! Sie trugen elegante Kleider am Leib? Ich auch! Sie hatten Geld? Ich auch! Lachend stand ich auf.
»Eine Flasche Sekt ins Rauchzimmer!«
»Yes, sir.«
»Mumm extra dry.«
»Very well, sir.«
Bequem in den weichen Sessel gekuschelt betrachtete ich vergnügt die sprühenden Schaumbläschen und sah den zarten blauen Rauchgebilden der Zigarette nach. In den immer wieder sich webenden und immer wieder vergehenden Dunstschleiern tauchten körperhafte Dinge auf, undeutlich wie in ewig weiter Ferne und doch bildhaft. Ein lümmeliger Gymnasiast, eine ganze Serie von deutschen Schulmeistern — Sprung — ein Professor des Griechischen in Burghausen, ein strenger Vater, ein lustiges Mädel — Sprung, Sprung — ein trüber Abend im Bremer Ratskeller...
Ah, wie lebendig machte der perlende Wein alles Vergangene!
— Großer Sprung — eine Baumwollfarm in Texas, dahinrasende Eisenbahnzüge, sonnige San Franziskostraßen — Sprung — ein schmaler Schlammpfad nun im kubanischen Urwald, geisterhaftes Gewehrgeknatter — Sprung — ein sausendes Feuerrad im Kabelbüro — und wie beklemmenden Alpdruck die Gesichter von sterbenden Männern auf der Insel des gelben Fiebers...
So jagten sich die Bilder.
Ich starrte in gebanntem Schauen und sah mich immer wieder selber in den Traumgebilden, in denen mein Leben vorbeihuschte. Und nun sollte das Leben ja wiederum neu beginnen. Da lachte ich vor mich hin, fand die Welt und die Dinge und die Menschen wunderschön, und zauberte flugs neue Bilder in die Nebel. Von tanzenden Frauengestalten — sie tanzten um meine Wenigkeit — und Strömen von Gold — sie gehörten mir — um dann mit scharfem Ruck zusammenzufahren und den Champagnerkelch zu packen.
Ruhig da! Eiskalt sein, mein Junge. In diesem Lande rechnete man mit Wirklichkeiten. Mit jenen Wirklichkeiten, wie sie da in der bedeutsamen Rolle in meiner Westentasche sich meinem Körper anschmiegten; mit Dollarscheinen. Sechshundert Dollars besaß ich, von denen einige hundert die letzte Zahlung Onkel Sams darstellten, einige hundert aus der üppigen Löhnung erspart waren. Es hätte mehr sein können, sagte ich mir grinsend, aber immerhin...
Was machte man nun mit sechshundert Dollars, wenn man ein neues Leben anfangen wollte?
Das wohlige Gefühl des Geldhabens verdichtete sich zum Problem.
Behauptete nicht dieser salbungsvolle Spitzbube von Rockefeller, daß jeder tüchtige Mann, dem es einmal gelungen war, sich so etwa tausend Dollars zu erwerben, für alle Zukunft unbedingt geborgen sein müsse? Nur arbeiten mußte der tüchtige Mann und beten und weiterhin wahnwitzig sparen, Pfennig für Pfennig, und lauern wie eine Schlange, um mit seinem Geld zuzubeißen im richtigen Augenblick. Oh, sechshundert Dollars waren viel Geld. Sie konnten eine nette kleine Farm in Texas bedeuten, oder eine gutgehende Bierwirtschaft, oder einen Gemüseladen, oder — viele Hunderte von nahrhaften und beständigen Dingen im Sinne Rockefellers. Dja. Für mich aber waren die Dollarscheine dazu da — jawohl, selbstverständlich dazu da, den Weg zur Zeitung wiederzufinden.
Punkt eins erledigt.
Damit trank ich vergnügt meinen Sekt aus und ging fröhlich zu Bette. Mich mit unwichtigen Nebensächlichkeiten zu beschäftigen, hatte ich nicht die geringste Lust — damit zum Beispiel, wie das neue Zeitungsleben nun eigentlich beginnen sollte.
Ich wollte wieder zur Zeitung und damit holla!
Am nächsten Morgen wachte ich mit wohlverdienten Kopfschmerzen auf und schlenderte bald die breite Avenue hinab. Kopfschüttelnd betrachtete ich die Menschen, die hier weniger Eile hatten als anderswo, die vielen eleganten Wagen, die daran erinnerten, daß Washington eine Stadt der Politik, der Repräsentation, des gesellschaftlichen Lebens war und nicht eine Stadt der Arbeit. Nach wenigen Minuten war ich beim Weißen Haus angelangt, der bescheidenen Villa der amerikanischen Präsidenten. Zwischen Bäumen und Buschwerk hervor leuchteten durch den Park die schneeweiß getünchten Wände. Vor dem eisernen Gitter standen viele Menschen, die langsam einer nach dem andern zwischen zwei hünenhaften Polizisten hindurch den Kiesweg zum Weißen Haus hinaufschritten.
Es war einer der öffentlichen Empfangstage heute, an denen jeder anständig gekleidete Mensch ohne vorherige Anmeldung sich im Weißen Haus einfinden und dem Repräsentanten des amerikanischen Volks die Hand schütteln durfte.
Neugierig schloß ich mich der Reihe an. Langsam ging es durch den Park hindurch, breite Stufen empor, durch ein Portal, ein einfaches Vorzimmer — immer im Gänsemarsch — und in einen Saal dann, der gedrängt voll Menschen war. An den Seiten war eine schmale Gasse für die wandelnden Reihen freigelassen. Ich bemerkte einige Offiziere, einen bekannten Minister, und viele Kongreßmitglieder. Während des langsamen Vorwärtsschreitens wurde man gründlich gemustert von scharfblickenden Herren, die offenbar Detektive des amerikanischen Geheimdienstes waren. So wandelte man und kam endlich zu einem Herrn im einfachen Gehrock, der mit lächelnder Miene bei einem Stuhl stand. Das war William McKinley, Präsident der Vereinigten Staaten. Mir schien, als sei auf dem bartlosen, außerordentlich scharfgeschnittenen Gesicht das Lächeln festgefroren. Man lächelte auch, denn die stereotype Liebenswürdigkeit wirkte ansteckend, streckte die Hand aus, das Beispiel des Vormannes nachahmend, und plötzlich schoß die Präsidentenhand hervor, gewaltig zupackend, eine Sekunde lang... Mir taten die Finger weh. In einer Sekunde war alles vorbei, der Händedruck, das Lächeln, die leichte Verbeugung. Im Weitergehen wandte ich den Kopf und sah drei- oder viermal die völlig gleiche Bewegung — die Präsidentenhand schoß immer im völlig gleichen Winkel hervor, packte, ließ los...
»Weshalb drückt er so fest?« fragte der Mann vor mir den riesigen Polizisten am Ausgang.
»Weil er sich seine Fingerchen nicht etwa von dir zerdrücken lassen will, mein Sohn,« grinste der Polizist, »sondern lieber selber zugreift!«
Da begriff ich, daß Holzhacken eine leichte Erholung war, verglichen mit der grauenhaften Arbeit, einigen Tausenden von Menschen die Hand drücken zu müssen, und stellte mir vor, daß neugewählte Präsidenten der Vereinigten Staaten wohl viel Kummer und Elend an ihrer rechten Hand erleben, bis sie den richtigen Trick des Händeschüttelns heraus haben. Die Veranstaltung selbst aber, die den Amerikanern ein großartiges Sinnbild amerikanischer Freiheit erscheint, kam mir außergewöhnlich idiotisch vor.
Langsam ging ich die Avenue zurück.
Und im Dahinschlenkern nahmen die Zukunftsgedanken Form und Gestalt an. Zurück zur Zeitung also. Für jede Arbeit jedoch brauchte man einen günstigen Boden, und das war Washington keinesfalls. In Washington wurde politisch geschachert, gesellschaftelt, politisiert, bürokratisiert; alle Fäden seiner Bedeutung liefen zusammen im Weißen Haus, in den Ministerien, in den Repräsentantenhäusern des Senats und des Kongresses. Die Washingtoner Zeitungen beschäftigten sich übermäßig mit politischem Klatsch und ihr lokaler Teil war fast ausschließlich gesellschaftlichen Dingen gewidmet. Guter Boden für einen Politiker. Für mich nicht. Fort aus Washington.
Punkt zwei erledigt.
Augenblicklich rannte ich zu dem Hotel zurück, als sei es schade um jede Minute, die ich hier noch verbrachte. In den fünf Minuten, die ich zu dem kurzen Weg brauchte, war mein Entschluß gefaßt. So übermächtig das alte verräucherte Reporterzimmer in San Franzisko und seine lieben Menschen, seine frohe Hetzarbeit auch winkten und lockten, so sehr wehrte sich irgend etwas in mir gegen eine Rückkehr nach dort. Man soll nicht da Geselle sein wollen, wo man Lehrling war, weil die anderen den Lehrling von dereinst nur schwer vergessen. Und daß ich keiner mehr war als Zeitungsmann und mit dem Handwerkszeug so gut umgehen konnte wie einer, davon war ich höchlichst überzeugt. Was ich brauchte, war also eine große Stadt mit sehr großen Zeitungen —
Neuyork!
Selbstverständlich Neuyork! Wie hatte ich mich auch nur einen Augenblick lang besinnen können!
Da waren die »World«, das »New York Journal« (das Hearst, dem Eigentümer des »San Francisco Examiner« gehörte), die »Times«, die »Sun«, der »American«, Gordon Bennetts »New York Herald« vor allem, die größten Zeitungen der Welt. Ein Arbeitsfeld, wie man es sich nicht besser wünschen konnte. Daß dieses Arbeitsfeld völlig überlaufen war mit Kräften allerersten Ranges — daß die Aussicht für mich, im Neuyorker Zeitungsgewühl mir Ellbogenraum zu schaffen, noch etwas schlechter war als etwa diejenige, auf ein mexikanisches Lotterielos auch wirklich Geld zu gewinnen — daran dachte ich in schönem Selbstvertrauen auch nicht einen Augenblick lang.
Aus meinem Laufen wurde fast Trab.
In zwei Minuten hatte ich mich aus dem Kursbuch des Hotelvestibüls vergewissert, daß der nächste Zug nach Neuyork um 12.39 ging (es war jetzt 12.10). In weiteren fünf Minuten hatte ich die Koffer gepackt, die bösartig gesalzene Hotelrechnung bezahlt und mir einen Wagen herbeipfeifen lassen. Um 12.39 schrieen die conductors ihr all aboard. Um 12.40 lehnte ich mich weit zurück in den weichen Polstersitz des dahinsausenden Zugs, lauschte sekundenlang, angenehm angeregt, dem Rädergetöse, entfaltete dann das auf dem Bahnhof gekaufte New York Journal, unsäglich zufrieden mit mir, Gott, und der Welt.
Das neue Leben hatte begonnen!
Wie mich Neuyork empfing.
Ankunft in Neuyork. — Der Lichterwahnsinn in der Luft. — Der Wirrwarr der Riesenstadt. — Die elegante Pension. — Mrs. Bailey. — Nicky und Flossy. — Die eingeschneite Riesenstadt. — Der Humor auf der Straße. — Fünf Minuten auf der Redaktion des New York Journal. — »Sie haben gar keine Aussichten!« — »Herrgott, war das ein süßer Anfang.«
Als der Zug in den Neuyorker Pennsylvania Bahnhof einbrauste, war ich einer der ersten, der auf den Bahnsteig sprang. Rücksichtslos drängte ich mich durch das Menschengewühl. Ich hatte es noch um eine Nuance eiliger als diese anderen eiligen Menschen. Mir war zumute, als käme ich nach Hause. Dorthin, wohin ich gehörte. Als wartete hier irgend etwas Schönes auf mich.
»Telephon?« fragte ich einen Gepäckträger im Vorbeigehen.
»Links!« antwortete der.
So war's recht. Brauchbare Leute, diese Neuyorker. Nur keine Zeit und keine Worte verschwenden! Mein Nickel glitt in den Schlot des öffentlichen Telephons —
»L 11327.«
»The Montgomery Private Hotel — helloh,« meldete sich eine Stimme.
»Zimmer frei?« fragte ich kurz und präzise.
»Schlafzimmer und Wohnzimmer, volle Pension, mit Ausnahme von Lunch.
Auf wie lange?«
»Einen Monat fest.«
»Very well,« antwortete die Stimme. »Abgemacht. Name, bitte?«
»Carlé — C gleich candy, a gleich America, r gleich rich, l gleich loving, e gleich election — got it? Haben Sie 's?«
»Yes, sir.«
»Ich sende mein Gepäck und komme später.«
»Very well.«
»Um welche Zeit ist dinner?«
»Punkt acht!«
»Allright — thank you.«
Vergnügt hing ich das Hörrohr an den Haken, eilte mit langen Schritten, Neuyorker Schritten, zur Expreßoffice, und gab Auftrag, daß mein Gepäck sofort nach dem Montgomery geschickt werden sollte. Hexerei war keine dabei. Ich hatte einfach während der Fahrt im Anzeigenteil des New York Herald die boardinghouse Inserate durchgesehen. So ließ sich die Behausungsfrage in aller Geschwindigkeit durch ein kurzes Telephongespräch erledigen. Zeit hatte ich nämlich keine übrig, absolut keine. Brannte ich doch in fieberiger Ungeduld darauf, wieder einmal Menschenmassen zu sehen und Häusergewirr und tätiges Leben. Rasch in den Baderaum des Bahnhofs — gewaschen — gebürstet...
Und ein sonderbares Gefühl kam über mich, als ich still und steif, der bitterlichen Kälte nicht achtend, an der Ecke des flatiron stand, des ungeheuren Wolkenkratzers, der ob seiner sonderbaren Form den Namen Bügeleisen trägt. Hier, wo Wolkenkratzer neben Wolkenkratzer in ihrer unsäglich brutalen Wucht gen Himmel ragten, war das Herz Neuyorks. Hier war ich einst gestanden vor fünf Jahren und dort in jenem Friseurladen war ich gewesen. Täppisch hatte ich mich zurechtgefragt und unbeholfen mich gewundert über die neue Welt und kindlich gelacht über die dahinrasenden Menschen und das laute grelle Schreien der Dinge. Und jetzt? Hatte nicht auch ich mitrasen müssen seitdem, mitschreien, brutal zupacken ums liebe Leben? Als Farmer, Apotheker, — ach, was! Nein, ein fröhliches Spiel war es gewesen, wenn auch der Einsatz ums Verhungern und Verkommen ging, und ein frohes Spiel sollte es bleiben.
Voll neuer Farben und neuem Schauen. Nur nicht verblüffen lassen!
Denn wie gebannt war ich gewesen in den ersten Minuten von der Gigantik der furchtbaren Stadt. Eingeschüchtert, verzagt. Schwer hingen winterliche Nebel und Rauch von hunderttausend Schornsteinen über den Häuserriesen. Wirkliches Dunkel jedoch, trübes dumpfes Grau und hartes Schwarz, zeigte die Dunstschicht nur an ihren fernen Rändern. Hier, über dem Herzen Neuyorks, war sie eine einzige Masse von rötlicher Glut und schmutzigweißen Lichtstreifen, dem Widerschein des Flammenmeers unter ihr. Denn die Häuser, die Straßen, die Dächer spien Fluten von Licht aus. Kaltes, blendendweißes Licht in weiten Bündeln, wärmere rötliche Strahlen, glitzernde Lichtpünktchen. Dort links zog bis in unübersehbare Ferne die Flammenstraße des Broadway hin, ein Glutmeer von Milliarden Lichtern zuerst, eine grellweiße schnurgerade Linie dann. Licht überall und blitzschnell aufhuschend auf Pflaster und Fahrweg tiefviolette Schlagschatten. Schneeflocken begannen zu fallen. Von drüben her leuchteten hoch aus den Himmeln lange schnurgerade Lichtstreifen, so hoch und fern, daß sie aus dem Nichts zu kommen schienen, und nur da und dort deutete ein dumpfer Schatten die Umrisse und die Fensterreihen der Wolkenkratzer an. Höher noch, dort, wo ein schwarzer Rand auf die obersten Lichtstreifen folgte, leuchteten in grellem Glühen gewaltige Flammenbuchstaben auf das Lichtmeer herab, von allen Himmelsrichtungen her. Von den Zeitungspalästen glühten — war's eine gute Vorbedeutung? — die Namen der World, des New York Journal, der Times, und ihre lodernden Buchstaben schienen das lichtspeiende Neuyork zu überschreien, zu beherrschen, zu regieren. Aber noch lauter, noch schreiender, noch wuchtiger war jenes sausende Feuerrad dort zwischen ihnen und es kündete doch nur von irgend einer jämmerlichen Zigarette. Und was hier auf und ab huschte in jähem blendendem Glühen an einer riesigen Häuserwand, verlöschend und wieder aufflammend, war gar nur ein Mundwasser.
Da oben in der Luft grassierte der Lichterwahnsinn.
Grüne Sterne, blaue Sterne — Zacken — Figuren aus Licht — und sofort hinterdrein die lichtbrüllende Erklärung: Raucht nur Tabak der American Tobacco Company — Carters Liver Pills — Pear's Soap — Quaker Oats — sie sind alle da. Eine feuerspeiende Hölle ist es, in der es von sinnverwirrendem Lärm dröhnt und von gräßlichem Hasten geistert. Das einzelne Geräusch verliert sich. Da ist nur ein stetes Dröhnen, Schwingen, Brausen von Menschentritten und Menschenstimmen ohne Zahl und das Rollen von vielen Tausenden von Rädern. Jene schwarzen Massen aber, die da auf- und abfluten, ohne scheinbar je mehr zu werden oder weniger, sind die Herren dieser Hölle und ihre Knechte zugleich.
Dichter fiel der Schnee und kälter wurde es. Da fror ich vom langen Stehen, und fuhr zusammen, und der Zauberbann des Ungetüms war gelöst. Das blendendweiße Lichtergleißen ward zu vielen großen und kleinen Strahlen und Pünktchen und aus der schweren schwarzen Masse wurden ganz gewöhnliche hastende Menschen, höchst lebendig offenbar und gewaltig lebensfreudig. Und verflixt eilig hatten sie's.
Trippe — trappe — rannte es an mir vorbei.
Vergnügt rannte ich mit, angesteckt von der Eile und dem Drängen um mich, und aus alter Gewohnheit auch schon, denn wer in Neuyork langsam geht, hat entweder Rheumatismus in den Beinen oder ist ein Bummler niedrigster Sorte. Dem Broadway ging es zu. Plötzlich blieb ich stehen. Confound it, eigentlich hätte ich doch heute abend schon das New York Journal aufsuchen können! Hm, es war gegen sechs Uhr. Dumme Zeit; da waren die richtigen Leute entweder nicht da oder sie hatten Hals über Kopf zu arbeiten. Nein; machen wir morgen. Ich ging in einen Buchladen und kaufte einen Stadtplan. Ecke der Sechsten Avenue und der Vierzigsten Straße lag das Montgomery. Aha, drei Häusergevierte geradeaus, zwei rechts, eine geradeaus...
Ein Dienstmädchen in Schwarz mit weißem Mützchen öffnete.
»Mein Gepäck da?«
»Yes, sir. Herr Carlé, nicht wahr? Hier ist das Büro, bitte!«
Sie öffnete eine Glastüre, und eine alte Dame mit silberweißem Haar und frischem jugendlichem Gesicht trat mir lächelnd entgegen.
»Mr. Carlé? Seien Sie willkommen! Ich bin Mrs. Bailey, die Eigentümerin dieses Hauses — Mr. Bailey ist augenblicklich nicht hier. Kommen Sie! Sie möchten doch Ihre Zimmer sehen, nicht wahr? Wir können ja oben plaudern!«
Und während die alte Dame (sie trug schwere violette Seide) vor mir her über die wohlig weichen Teppiche des Korridors schritt, schoß mir verstimmend der Eindruck durch den Kopf, daß die Dame des Hauses und die Teppiche des Korridors und das Dienstmädchen unten entschieden zu elegant waren für meine Verhältnisse. Das konnte ja nett werden. Bänglich folgte ich und bänglich stieg ich ins Lift. Blitzschnell schoß die Maschine vier Stockwerke empor.
Ein Türöffnen, ein Knipsen, ein Aufflammen elektrischen Lichts.
Die Bescherung war fertig.
»S—sehr hübsch!« stotterte ich in Heidenangst.
Da war ein kleines Schlafzimmer und in der Ecke stand eine Badewanne und in der anderen Ecke prangte ein weißglänzender Waschtisch, Marmor oder so was — ihr guten Götter — und von glitzernden Metallhähnen glänzte die Aufschrift: Hot, cold. Heißes und kaltes Wasser.
»S—sehr hübsch,« lobte ich betrübt.
Ein Wohnzimmer schloß sich an und da stand ein riesiger Klubsessel und in den Teppich sank man tief ein und da waren — so etwas Reizendes hatte ich noch nicht gesehen in meinen amerikanischen Zeiten... Und die alte Dame war ja entzückend! Sie pries nicht laut an, sondern ihre lächelnden Augen führten die meinen von Gegenstand zu Gegenstand, zu dem Rauchtischchen, zu dem Klubsessel, zu dem Telephon neben der Tür, zu dem automatischen Telegraphenapparat, dessen Kurbel mit einer Umdrehung einen Messengerboy herbeirief, mit zwei Umdrehungen einen Wagen — zu der elektrischen Leselampe auf dem Schreibtisch, zur fellbedeckten Chaiselongue. Ich schaute und bewunderte, und mit einemmal war die Bänglichkeit verschwunden. Lächerlich, diese Anwandlung von Sparsamkeit! Hier war ich und hier blieb ich und was die ganze Geschichte kostete, konnte mir furchtbar gleichgültig sein. Knisterten doch noch viele Banknoten in meiner Tasche! Um so besser, wenn das neue Leben in wohliger Umgebung begann...
Und außerdem fing ja morgen schon die Zeitungsarbeit an! Heidi! So wie mir das vorschwebte — ganz klar, simpel, und greifbar nahe, begannen jetzt Zeiten gewaltigen Geldverdienens. Einige Dollars mehr oder weniger spielten da keine Rolle! Ich war sehr zufrieden mit mir und der neuen Pension.
»Sie dürfen rauchen,« lächelte Mrs. Bailey.
Ich verbeugte mich dankbar.
»Wir geben und verlangen Empfehlungen,« fuhr sie fort.
»Ich bin fremd in Neuyork,« sagte ich da schroff. »Wenn Sie so freundlich sein wollen, mich über Ihre Bedingungen zu informieren, so bin ich bereit, ein Depot in Höhe der Kosten meines Aufenthalts in Ihrem Hause für den Zeitraum eines Monats zu hinterlegen.«
»Very well,« meinte die alte Dame. »Wir berechnen mit Frühstück vierzig Dollars den Monat und nehmen vierzig Cents für Diner.« (Ich machte ein verblüfftes Gesicht. Mir, der ich an San Franziskoer Preise gewöhnt war, schien das spottbillig.)
Ich zählte rasch sechzig Dollars ab. »Darf ich bitten?«
»Danke schön, Mr. — Mr. — —. Und nun sagen Sie doch, bitte, einer alten Frau, die Ihre Großmutter sein könnte, wer Sie sind und was Sie sind. Vor allem aber: Heißt es >Kaohrl< oder >Dscharle<? Sehen Sie, Sie sind noch sehr jung, und ich mag gern Leute, die frische Gesichter haben, und vielleicht kann ich Ihnen nützlich sein. Frauen sind doch neugierig...«
Prachtvoll! Selbstverständlich wurde ich weich wie Butter und erzählte eine halbe Stunde mit vollkommener Ehrlichkeit über mich selbst, in sehr schroffem Gegensatz zu der Verschlossenheit, die ich mir aus praktischen Gründen angelobt hatte. Von San Franzisko und von Kuba und vom Signalkorps und von Zeitungsträumen. Und die alte Dame lächelte und nickte.
»Wir werden gute Freunde sein!« sagte sie endlich.
Sie hielt, das sei gleich gesagt, ihr Wort. Mrs. Bailey ist mir eine meiner liebsten amerikanischen Erinnerungen. Der Lausbub hatte wiederum Glück gehabt! Bob Masters, der stockbroker, mit dem ich später befreundet wurde und der seit Jahren im Montgomery wohnte, behauptete zwar, Mrs. Bailey sei eine gerissene Menschenkennerin und könne höchst unliebenswürdig sein. Aber Bob war ein häßlicher Zyniker. Und die alte Dame plauderte und gab mir in stricheligem Schildern ein Bild von den Leuten, die im Montgomery wohnten. »Lauter junge Leute!« sagte sie stolz. »Sie sind alle meine Kinder und dumme Kinderstreiche machen sie wahrlich genug.« Da waren junge Anwälte und Kaufleute und viele Damen, die im Neuyorker Erwerbsleben ihre »Frau« standen. »Ich setze Sie vorläufig zwischen Miß O'Bryan und Miß Rafferty,« meinte sie vergnügt. »Miß O'Bryan ist Weißwarenchef bei Cummings & Co., Miß Rafferty leitet ein stenographisches Büro downtown — liebe Menschen und bösartige Flirts alle beide. Da können Sie gleich die Feuerprobe bestehen. Ja. Meine Herren dürfen sehr wohl flirten mit meinen Damen, denn Jugend bleibt Jugend, und sie dürfen sie auch mal mitnehmen ins Theater, aber wenn ich von dummen teuren Soupers bei Delmonico höre und so was, dann werde ich furchtbar energisch. Ja. Mr. Carlé — mögen Sie glücklich sein in meinem Haus!«
Ich verbeugte mich ehrfürchtig.
»So! Ich schicke Ihnen Lizzie, die Ihnen beim Auspacken behilflich sein wird.«
Und ein flinkes kleines Dienstmädchen legte geschickt Wäsche in Kommoden und hing Beinkleider auf Bügel und sortierte Krawatten. Wie Hans im Glück kam ich mir vor. Langsam begann ich die alte Wahrheit zu begreifen, daß ein Junggeselle nicht teuer genug wohnen kann, um — viel Geld zu sparen. Und ich badete und fand draußen im Wohnzimmer Beinkleider, die fix gebügelt worden waren von der kleinen Lizzie, und ich pries die guten Götter, die zum erstenmal in all den Jahren mir das Gefühl beschert hatten, ein Heim zu haben.
Hier war ich zu Hause!
Da klopfte es. Lizzie brachte Visitenkarten und Briefbögen — mit meinem Namen und der Adresse des Montgomery. Samt Telephonnummer und Telegrammadresse! Ich muß ein sehr dummes Gesicht gemacht haben. Langsam endlich begriff ich, daß dieses Neuyork eine eigentümliche Stadt war und der Montgomery etwas Besonderes. Entzückende alte Damen — Briefbögen binnen einer Stunde — — —
Mir wirbelte es im Kopf.
Kling-klang.
In sonorem Klingen ertönte der Gong.
Ein wenig befangen, eilte ich die Treppen hinunter, auf das Lift verzichtend, sah eine lächelnde alte Dame, ward am Arm gefaßt, und in Holtergepoltereile zwischen vielen Menschen hindurch an einen langen Tisch bugsiert.
»Dears — Mr. Carlé. Ich sagte euch ja schon. Miß Rafferty — Miß O'Bryan!«
Ich setzte mich dämlich hin und hielt den Mund.
Mädchen in Schwarz mit weißen Mützchen servierten mit amerikanischer Fixigkeit. Austern auf Eis, eine Muschelsuppe, Riesensteaks, von ganzen Lenden, handgerecht transchiert. Ich verbeugte mich links und rechts, murmelte Höflichkeitsfloskeln, und hätte um alles in der Welt nichts Gescheites reden können. Wo war nur meine gute Kinderstube geblieben, auf die ich so stolz war?...
»Weshalb zum Kuckuck,« (ich versuche, den Neuyorker slang getreu wiederzugeben) — »weshalb zum Kuckuck reden Sie nicht?« sagte Miß Rafferty entrüstet.
»Wir beißen nicht,« erklärte Miß O'Bryan.
»Wirklich nicht?«, meinte ich zweifelnd. »Nehmen Sie noch mehr french potatoes?«
»Yes, thanks,« sagte Miß Rafferty. »Wie finden Sie meine neue Bluse?«
»Ein Wunder — einen Märchentraum — ein — mir fehlen die Worte!«
»Das genügt für den Anfang!« erklärte Miß O'Bryan. »Nun passen Sie 'mal auf. Die da heißt Flossy und mich nennt man Nicky. Sie dürfen Miß Flossy und Miß Nicky sagen. Meinetwegen können Sie das Miß auch weglassen. Aber seien Sie ein guter Junge und erzählen Sie uns was. Wir müssen den ganzen Tag arbeiten und möchten uns jetzt amüsieren!«
Ich nahm ein zweites Stück Steak und tappte behutsam unter dem Tisch nach jener Gegend, wo ich Nickys Füßchen vermutete...
»Nein!« erklärte Nicky. »Das ist zu leicht! Reden sollen Sie!«
»Was ist zu leicht?« fragte Flossy.
»Er ist mir auf den Fuß getreten,« erläuterte Nicky seelenruhig — und mir traten die Augen beinahe aus dem Kopf. Diese Nicky fing an, mir zu imponieren —
»Nicky! Flossy!« erklärte ich weinerlich. »Ich bin ein Fremdling in dieser großen und schönen Stadt und unwert des Glücks, zwischen den beiden schönsten Frauen des größeren Neuyork meinen bescheidenen Imbiß einzunehmen. Sie sehen mich einfach sprachlos. Berückt! Zerschmolzen! Weg!«
»Sehr gut! Trinken Sie um Gotteswillen 'nen Cocktail, auf meine Kosten!« rief Flossy.
»One cocktail — Manhattan — on Miss Rafferty!« befahl ich laut und hörte drüben, einige Sitze weit weg, Mrs. Bailey lachen. —
»Sie sind 'n guter Junge,« erklärte Nicky. »Es muß ekelhaft sein, da hereingeschneit zu kommen wie 'n armer Waisenknabe und ausgerechnet zwischen zwei frechen Dingern, wie Flossy und Nicky es nun einmal sind, sitzen zu müssen — —«
»Yes, too bad. Einfach scheußlich für Sie, nicht wahr?«
»Hold up!« rief ich. »Einen Augenblick, bitte. Erstens möchte ich Sie bitten, Opernkarten von mir annehmen zu wollen für morgen abend —«
»Für uns alle beide?« fragte Nicky.
»Natürlich! Ich muß aber mitgenommen werden!!«
»Nix!« erklärte Nicky. »Nein. Geht nicht. Erst erzählen!«
Und da wurde ich richtig zum zweitenmal butterweich und jungenhaft an diesem verrückten Abend und erzählte und erzählte in einer Wahrhaftigkeit, die alles war, nur nicht klug. Eine halbe Stunde lang; über das Dessert hinaus und über den Kaffee.
»You're allright,« sagte Nicky endlich vergnügt. »Ich hätte Sie gern sehen mögen in Burghausen — und wie Sie dann mit ihrem letzten Dollar in Galveston saßen...«
»Wir sitzen alle auf den Knien der Götter,« meinte Flossy. »Man darf nur nicht 'runterrutschen. Viel Glück, old man!«
Und es begab sich an jenem dreifach verrückten Abend, daß ein Mann und zwei Frauen (das war im Rauchzimmer bei Zigaretten) nach deutscher Art Arm über Arm ein Glas Bier tranken und lustig gelobten, gute Freunde zu sein. Und gute Freunde sind mir Nicky und Flossy gewesen, die bösartigen Flirts. Die Welt ist sonderbar und die verschrieenen Amerikanerinnen haben ihre Qualitäten.
Seelenvergnügt ging ich ins Bett. Mein letzter Gedanke vor dem Einschlafen war, daß meine fünfhundertundfünfzig Dollars zum mindesten drei Monate Montgomery bedeuteten und daß es schon mit dem Teufel zugehen mußte, wenn — Ach was, Unsinn! Hier in diesem Neuyork lag das Geld für mich auf der Straße. Morgen wollen wir damit beginnen, mein Junge, es aufzuheben...
Ich war spät aufgestanden, und fast allein im Frühstückszimmer.
»We are snowbound,« sagte das Mädchen, das den Kaffee brachte.
»Was?«
»Snowbound — eingeschneit! Die Hochbahn verkehrt nicht, Herr — die Straßenbahnen fahren nicht — ist alles abgestoppt — müssen zu Fuß in die City gehen!« (Daß ich in die City ging, betrachtete sie als selbstverständlich! Ein männliches Wesen in Neuyork hatte eben Geschäfte zu haben und mußte in die City, und wenn es Kanonenkugeln schneite!)
Rasch sprang ich zum Fenster, schob die Vorhänge beiseite, und starrte verblüfft auf die Straße hinaus. Alles ringsum war in Schnee gehüllt. Schwer rieselten die Flocken herab. Am Haus hob sich eine Schneewand fast bis zur halben Höhe des Fensters, an dem ich stand, und noch höher türmten sich die weißen Hügel an den Straßenseiten. Nur auf dem Fußgängerweg war eine schmale Rinne freigeschaufelt worden. Die Riesenstadt war schneeverweht. Mir fiel ein, daß man ihr nachsagte, sie sei heiß wie die Hölle im Sommer und kalt wie der Nordpol im Winter... Eilig verzehrte ich meine Hammelkotelettes, trank meinen Kaffee, und eilte hinaus auf die Straße, um sofort die untersten Stufen der eingeschneiten Treppe vor der Haustüre zu verfehlen und bis über die Knie in Schnee einzusinken.
Vorsichtig tappste ich zu der ausgeschaufelten Rinne.
So hoch waren die Schneehügel auf beiden Seiten, daß sie mir immer bis an die Schultern reichten und oft weit über Gesichtshöhe; so schmal der Weg, daß man beim Gehen mit den Armen an Schneewände anstreifte. In der Mitte der Straße hatte der nächtliche Schneesturm kleine Hügel und Täler von glattem Weiß gebildet.
Immer noch rieselte es herab. Die Nebenstraße, in der das Montgomery lag, war fast menschenleer, aber an der Ecke dort, wo die Sechste Avenue begann, bewegte sich inmitten der Schneemassen eine lange schwarze ununterbrochene Linie eilfertig citywärts. Das waren Hüte. Die Hüte von Menschen, deren Körper der Schneewall an der Ecke verdeckte. In der Sechsten Avenue wurde die Rinne im Schnee breiter, so, daß zwei Menschen zur Not nebeneinander gehen konnten. An der Ecke mußte ich minutenlang warten, bis es mir gelang, mich in die vorwärtshastende Menschenmenge einzudrängen. Dann wurde ich mitgeschoben.
Ein Spaßvogel warf einen Schneeball im Dahinhasten. Sein Beispiel steckte an, die weißen Bälle flogen, es wurde gelacht und geschimpft.
»Heut' gibt's keinen Strafnickel für Verspätung!« schrie ein Mädel vergnügt.
Zwei Herren, die vor mir gingen, unterhielten sich laut über die ungeheure Verkehrsstörung, die der Schneesturm bedeutete. »Mindestens drei Stunden Arbeitszeit verloren,« hörte ich — »Züge stecken geblieben — keine Frühpost — die Leute draußen in den suburbs kommen überhaupt nicht durch — Ladengeschäfte schwer geschädigt — gut aber für die Arbeitslosen — erinnern Sie sich an den Schnee vor drei Jahren, als...«
»Mo—oorning papers — Morgenzeitungen!« schrie es jetzt gellend, und alles lachte. Ein findiger Zeitungsjunge hatte sich aus Brettchen eine feste Unterlage auf dem Schneewall geschaffen und thronte hoch über den Köpfen der Passanten. Seine Zeitungen gingen reißend ab. »Morning papers — World — Wo—oo—rld großer Craven-Prozeß...« Ein wenig weiter hockte ein anderer Gamin oben im Schnee. Er deutete auf seine kleine Kiste mit Wichszeug und schrie grinsend: »Bootblack! Schuhputzer! Lassen Sie sich die Stiefel putzen, gents!« Man lachte wiederum und schenkte dem Jungen gern einen Nickel für seinen Witz. Dies war nicht die richtige Zeit zum Stiefelputzen!
Weiter, immer weiter. An allen Ecken gab es Drängen, Aufenthalt, Stockungen. Die wenigen Straßengevierte zum Broadway hin brauchte ich fast eine Stunde.
Da sah ich Stufen, die zu einem Zigarrenladen führten, sprang hinauf und faßte oben Posto. Unübersehbar dehnte sich links und rechts die ungeheure Verkehrsader Neuyorks, der Broadway. Doch wo gestern abend Tausende und Abertausende von Wagen und Gefährten unter ohrenbetäubendem Lärm in ununterbrochener Reihe den weiten Platz zwischen den Fußgängerwegen überflutet hatten, war es jetzt still und weiß. Wo sinnverwirrend Farbe über Farbe sprühte und blitzschnelle Bewegung sich jagte, breiteten sich starr gerade Linien — das Weiß der Straße, das dumpfe Graubraun der Häusermassen, die Schneelinie der Dächer. Nur Beiwerk waren heute die Menschen, die sonst in ihrer ungeheuren Masse das Bild beherrschten; die schwarze Linie da auf beiden Seiten sah sonderbar dünn und unbedeutend aus. Alles hatten sie erdrückt, die zarten Schneeflocken; die Menschen, den Wirrwarr des Riesenverkehrs, die grelleuchtenden Farben.
Aber schon gingen Tausende von Feinden dem sieghaften Weiß zu Leibe. Die langausgedehnten Arbeiterkolonnen sahen ärmlich und winzig aus auf der ungeheuren Strecke, doch unter ihren Schaufeln flog der Schnee aufspritzend zur Seite in großen Fetzen, und hier und dort fraß schon scharfes Laugensalz schwarze Flecke in die Straße. In wenigen Minuten änderte sich das Bild. Lebendiges Leben riß die stille Schneedecke fort. Wagen tauchten auf dort unten, Schneepflüge wühlten, dichter wurden die schwarzen Flecke, Arbeiterkolonnen ballten sich zusammen, stemmten sich an, schaufelten, schleuderten. Aus den Seitenstraßen arbeitete es ihnen entgegen. —
Und mit triumphierendem Gongklingeln kam über die befreiten Schienen der erste Straßenbahnwagen.
»'morning!« sagte eine Stimme hinter mir. Sie gehörte dem Mann vom Zigarrenladen.
»'morning,« antwortete ich.
»Viel Schnee!«
»Ziemlich.«
»Schlecht fürs Geschäft!«
»Ziemlich.«
»Gut für business in Gummiüberschuhen, nich'?«
»Yes, no doubt.«
»Mein' ich auch. Wünschte, daß ich heute in Gummischuhen machen könnte. Well, macht nichts aus. Uns Neuyorker kann das bißchen Schnee nicht bluffen. In zwei Stunden haben sie's weggeschuftet, die Leute vom Street Cleaning Department. Sin' wir nich' groß in solchen Sachen, wir Neuyorker, eh?«
»Sehr groß!« sagte ich und flüchtete.
Dieser eiskalte Neuyorker hatte mich richtig angesteckt! Jetzt interessierte auch mich die weiße Schönheit da auf der Straße nicht mehr, noch das grandiose Bild des durch grandiose Naturgewalt gehemmten Riesenmechanismus. Sondern es fiel mir auf einmal ein, daß ich doch sehr große Eile hatte, zu den Leuten vom New York Journal zu kommen. Mühsam krabbelte ich im Gewimmel vorwärts zum Wolkenkratzer-Square, ins New York Journal Gebäude, und sauste im schnellsten Expreßlift, das mir bis jetzt vorgekommen war, zum Redaktionsstockwerk empor. Als das Ding aufwärts schoß, war mir, als versinke mein Magen irgendwohin in die Gegend der Stiefelsohlen, und als es hielt — ruck — war der Magen urplötzlich wieder da. Aber in der Kopfgegend, dicht unter den Haaren.
Plakate, die nicht gut übersehen werden konnten, so laut brüllten sie, wiesen alle Besucher nach Zimmer 733, einem kahlen Raum, in dem viele Leute schon warteten. Die Wände waren mit anzüglichen Sprüchlein in fetter schwarzer Blockschrift förmlich austapeziert:
»Wir haben keine Zeit zur Unterhaltung!«
»Sagen Sie uns schnell, was Sie wollen, und Sie erhalten Bescheid, ob uns das interessiert.«
»Reden Sie nicht über Politik!«
»Niemand wird vorgelassen ohne schriftliche Anmeldung.«
Diese Neuyorker haben doch den Teufel im Leib, dachte ich mir, drückte mich aus dem Zimmer und erwischte auf dem Gang einen greisenhaft gerissen aussehenden Jüngling von etwa vierzehn Jahren, dem ich meine Karte, die nagelneue Karte mit der Adresse des Montgomery, in die Hand drückte.
»Bring' das dem managing editor!« sagte ich.
»Nix!« erklärte das Kind. »Zimmer 733!«
»Lieber Sohn!« sagte ich. »Beeile dich. Hier ist ein halber Dollar!« Auf die Karte schrieb ich: »Früher beim San Franzisko Examiner!«
»Yes, sir,« sagte das Kind, verschwand und meldete in einigen Minuten:
»Mr. Holloway läßt bitten!«
Der Mann, der im Zimmer 849 an einem riesigen Rollschreibtisch saß, umgeben von pneumatischen Tuben, Telephonen, Papierstößen, wandte sich mir mit einem scharfen Ruck zu.
»Mr. Carlé? Vom San Franzisko Examiner?«
»Früher vom San Franzisko Examiner.«
»Yes, yes. Froh, Sie kennen zu lernen.« Er betrachtete meine Karte in offenbarem Mißtrauen, aber auf einmal hellte sich sein Gesicht auf. »Sind Sie etwa der Deutsche, der zu den Soldaten gelaufen ist?«
»Jawohl,« grinste ich.
»Gut. Mc. Grady erzählte davon. Er war neulich in Neuyork. Gelegentlich müssen Sie mir erzählen, wie es Ihnen gegangen ist; augenblicklich aber habe ich gerade fünf Minuten für Sie. Natürlich wollen Sie bei uns ankommen! Zwei Dutzend first class Leute vom Bau möchten das auch. Sie haben nicht die geringste Aussicht. Folgendes kann ich für Sie tun —« (Er kritzelte etwas auf eine Karte). »Suchen Sie den Journalisten-Klub auf, geben Sie diese Karte dem Sekretär, und Sie werden, als unser Gast vorläufig, uns alle kennen lernen. Lassen Sie sich von den Jungens berichten, wie die Verhältnisse hier liegen. Sollten Sie uns Manuskripte einsenden, so werde ich mich Ihres Namens erinnern. Auf Wiedersehen bei einem »Stein« voll guten deutschen Biers! So froh, Sie kennen gelernt zu haben!«
Händeschütteln — Türe — bums!
Korridor — Lift — menschenwimmelnde Riesenhalle — Straße — Dahinstolpern...
Zum richtigen Bewußtsein kam ich eigentlich erst dann wieder, als ich drüben an der Ecke ein deutsches Restaurant entdeckte und bei einem Glas Bier in einem stillen Winkel saß. »Was hast du eigentlich erwartet?« fragte ich mich wütend. »Glaubst du vielleicht, der Mann würde dir unter Freudentränen um den Hals fallen und dich flehentlich bitten, doch um Gotteswillen nur ja nicht für ein anderes Blatt als das Journal zu arbeiten? Dir herzlich danken, daß du nur gleich gekommen bist? Dir ein fürstliches Gehalt anbieten? Dir drei Stunden lang haarklein erzählen, wie es beim Journal und in der Neuyorker Zeitungswelt zugeht?«
»Hattest du das wirklich im Ernst erwartet?«
Aber trotz aller nachträglichen Vernunft war mir zumute, als sei ich heimtückisch von hinten mit einem Guß eisigen Wassers überschüttet worden — Guten Tag — freut mich — Sie wollen bei uns ankommen? — Sie haben nicht die geringste Aussicht — adieu — empfehl' mich!
Herrgott, das war ja ein süßer Anfang!!
Im Zeitungsgetriebe.
Ich diktiere den ersten Artikel. — Bei Flossy. — Das Gummimädel. — Das erste Honorar. — Im Zeitungsklub. — Die Tamaniten. — Wie man von Ideen lebt. — Zeitungsatmosphäre. — Die Tat der Miß Flynn. — Eine große Sensation und ihre Folgen. — Landsknechte der Feder. — Der Marschallstab im Füllfederhalter. — Das kleine Herrgöttlein!
Auf der Visitenkarte, die der managing editor mir gegeben hatte, stand:
»Lieber Jack! Ich führe hiermit Mr. Carlé ein« — hm, wenigstens etwas. Es war doch ein Haufen Zufallsglück dabei, daß Mc. Grady in Neuyork gewesen war. Aber man hat eben Glück. Das war einfach selbstverständlich. Ja, da würde ich hingehen, morgen, oder übermorgen, oder irgendwann — ja, und die boys kennen lernen und das würde sehr nett sein — — nun, und vielleicht auch nützlich...
Jetzt aber hieß es arbeiten!
Jetzt gerade erst recht.
Jetzt sofort!
Und liebevoll betastete ich die Westentasche, in der die grünen Dollarscheine steckten, denn die waren besser als alle Empfehlungen und konnten mehr helfen als Glück und Menschen. Wir wollen sie doch schleunig auf Nummer sicher bringen, mein Sohn! So wanderten fünf Minuten darauf vierhundertundfünfzig Dollars über den Einzahlungsschalter der First National Bank of New York, und ich war zum erstenmal im Leben Besitzer eines Scheckbuchs. Das kam mir noch viel imposanter vor als das bare Geld, und ich wurde sehr vergnügt.
Eine halbe Stunde später.
»Guten Tag,« sagte kurz angebunden und befremdet Flossy. »Was kann ich für Sie tun?«
Das war nämlich nicht die übermütige lustige Flossy, wie ich sie gestern abend kennen gelernt hatte, sondern Miß Florence Rafferty, Inhaberin der Hurry-Up-Schreibstube im Sun Building (die Adresse hatte ich mir telephonisch vom Montgomery erfragt), Herrin einer Anzahl von Angestellten, businesswoman.
»Ich möchte diktieren. Was kostet das?«
»In die Maschine oder Stenogramm?«
»In die Maschine.«
»Das berechnen wir nach Zeit. Einen Dollar die Stunde.«
»Schön. Ich pflege jedoch beim Diktieren zu rauchen.«
»Das sind wir gewöhnt. Miß Whitmann — Diktat!«
Das schlanke kleine Ding ging mit straffen energischen Schritten voran und führte mich in eine winzige Schachtel von kleinem Zimmerchen mit schallsicheren, dickgepolsterten Türen und Wänden, und setzte sich wortlos an die Maschine. Ich stürmte auf und ab in dem kleinen Raum, meine Gedanken ordnend. Es gab nur ein Thema, über das ich im Augenblick schreiben konnte: Fort Myer und das Signalkorps. Langsam begann ich zu diktieren. Mit unglaublicher Geschwindigkeit flogen Miß Whitmanns Finger über die Tasten. Sie arbeitete glänzend —
Aber was hatte das Mädel nur?
Ich betrachtete das schmale Gesicht, die fidelen Augen, das kleine Stumpfnäschen verstohlen von der Seite. Da — jetzt wieder!
Schnitt mir das Balg etwa gar Grimassen? Sie verzerrte das Gesicht, sie schien zu lachen nun, zu schmunzeln dann, zu feixen jetzt, und ich wartete entsetzt darauf, daß sie mir auch noch die Zunge herausstrecken sollte... Sie machte die komischsten Gesichter — sie grinste — sie verdrehte die Augen — sie arbeitete auf ihren Kiefermuskeln herum, daß dicke Muskelstränge an den Mundwinkeln sich zeigten! Donnerwetter! Hatte ich etwas Lächerliches an mir?
Da kam mir plötzlich die Erleuchtung.
Selbstverständlich: Das Mädel kaute einfach Gummi. Kaugummi! Zähes Zeug, das nach Schokolade oder Pfefferminz schmeckte und durch seine Zähigkeit Unterkiefer gegen Oberkiefer wie ein schnellendes Gummiband in steter Bewegung hielt. Das Mädel war eben ein nervöses Produkt einer hetzarbeitenden Zeit und mußte etwas Zappeliges zu tun haben. Sie kaute Gummi, wie alle Neuyorkerinnen kauen und alle Neuyorker ständig rauchen!
Nun störte mich das Grinsen nicht mehr...
Mit der Arbeit ging es sehr rasch. Ich fühlte instinktiv, daß sie ein Erfolg sein würde. Der Stoff erfüllte alle Bedingungen der amerikanischen Zeitung. Er brachte durchaus Neues, mit genauer Sachkenntnis gesehen, war bildhaft, hatte Raum für Schilderung, und konnte obendrein auf besondere Daseinsberechtigung im Zeitungssinne Anspruch machen, weil er Gelegenheit gab, eine Forderung zu stellen: Mehr Mittel für das Signalkorps — noch rascheren Ausbau des technischen Zentrums Fort Myer! So konnte man sich mit ein bißchen patriotischem Glorienschein umgeben. Jawohl, es war eine gute Sache. Ich erzählte vom Linienlegen in Kuba. Kurz, drastisch; von der Arbeit weniger Hände mit primitivsten Werkzeugen; dem Anschwellen des Korps und der Hetzarbeit in Fort Myer. Ich fabrizierte gerissene Ueberschriften, machte Unterabteilungen, korrigierte, ergänzte. Und sandte die »copy«, die ungefähr eine Seite des Journal umfassen mußte, mit kurzem geschäftsmäßigem Begleitschreiben an Holloway. Mir war ein wenig bänglich zumute, als ich das doppelte des ungefähr wahrscheinlichen Honorars forderte. Aber nur die Lumpe sind bescheiden ...
Abends ging ich seelenvergnügt mit Flossy und Nicky ins Theater.
Am nächsten Morgen erhielt ich ein kurzes formelles Annahmeschreiben vom Journal mit einem Scheck über die geforderte Summe, hundert Dollars; und da war ich wieder auf der Lebenslinie angelangt und schwelgte in tausend Träumen und sah alle Himmel voller Geigen.
Dick Burton, Lokalredakteur der »World«, kam von seiner Arbeit in den Klub wie allnächtlich, warf die Zeitungen auf dem Stuhl neben mir auf den Boden, und setzte sich zu mir hin. Tiefe Schatten lagen unter seinen Augen und dort, wo der buschige Schnurrbart aufhörte, zuckte es nervös um seine Mundwinkel. Es war gegen zwei Uhr morgens.
»Pass' auf — das sind meine Zeitungen,« knurrte ich.
»In die Verdammnis mit den Zeitungen!« sagte er. »Wollen lieber 'n Glas Bier trinken. Ich muß noch mit jemand reden, sonst kann ich nicht schlafen, und die anderen spielen alle Poker da drin, also hands up, mein Junge! Idiotisch übrigens, die Spielerei. Es ist mir unbegreiflich, daß jemand mir mein bißchen Geld nehmen dürfen soll, ohne daß ich ihm wenigstens eine 'runterhauen kann! Uebrigens, deine Heilsarmeegeschichte hab' ich genommen, muß aber dreihundert Zeilen streichen. Viel taugt sie nicht.«
»Danke.«
»Bitte. Prosit! Ja — Tammany hat's also wieder!« Er sah starr vor sich hin.
»Eine interessante Neuigkeit!« sagte ich bissig (seit zehn Uhr abends war im Klub von nichts anderem gesprochen worden)!
Burton lachte kurz auf.
»Jawohl, eine interessante Neuigkeit. Sämtliche Kandidaten der Tammanypartei sind wiedergewählt worden; der Bürgermeister, der Schatzmeister, die Stadträte, alle miteinander, die saubere Gesellschaft. »Uir sitze' so frohlik beisamme',« heißt's nicht so? Es ist zum Totschießen. Durch die freie Wahl des souveränen Volks dieser verrückten Stadt, haben wir den ganzen Schwindel amtlicher Gaunerei glücklich wieder auf dem Hals. Diebstahl, Erpressung, verpestete Polizei, und so weiter! Das ist doch interessant! Nachdem fast alle Neuyorker Zeitungen, ein halbes Jahr lang dem Schafskopf, der sich Neuyorker Bürger nennt, haarklein vorerzählt haben, daß die politische Stadtpartei, die den schönen Namen Tammany führt, aus Spitzbuben reinsten Wassers besteht — nachdem wir absolute Beweise geliefert haben — nachdem die Spatzen auf der Straße es schon pfeifen, wie es aussieht in der Verwaltung Neuyorks! Einstimmig beinahe wird die Bande wiedergewählt! Erdrückende Majorität! Weshalb bin ich wütend? Weil das beweist, daß wir, wir Zeitungsmenschen, keinerlei Einfluß, auch nicht eine Spur von Einwirkung, auf die Millionen von Menschen in Neuyork haben, die täglich lesen, was wir schreiben. Dreck sind wir, mein Sohn. Gar nichts sind wir! Machen uns täglich kaput im kleinen Tagewerk, und wenn wir wirklich einmal Großes und Wertvolles zu schaffen glauben, dann ist's umsonst geschrieben, wie dieses schöne Tammanybeispiel beweist. Hoh, wer möchte nicht amerikanischer Journalist sein! Geh' und verkaufe Hosenträger, mein Junge, solange es noch Zeit ist. Ich bin schon zu alt dazu. Brr — wollen von was anderem reden. Fritz, noch zwei Bier. Also deine Salvation-Army-Idee ist allright. Wie bist du daraufgekommen?«
»Durch die Zeitung, wie immer. Eigentlich durch dich, nebenbei bemerkt.«
»Wieso?«
»So auf Umwegen. Du erwähntest neulich in einem bissigen Ausfall gegen die Polizei die Heilsarmee. Sagtest, sie leistete mehr im Kampf gegen Verbrechen und Elend als sämtliche Schutzleute Neuyorks zusammen genommen. Ich ging also ins Hauptquartier der Hallelujaleute, interviewte den General, und bekam viel Großzügiges und Gescheites zu hören. Aber es taugte gar nichts für mich, weil das alles schon dutzende Male gesagt und geschrieben worden war.«
»Hätt' ich dir vorher sagen können.«
»Weiß ich. Als ich wieder auf die Straße kam und mich wunderte, ob aus dem mageren Interview etwas zu machen wäre, war es Abend. Vor dem Hauptquartier ordneten grobe Polizisten Hunderte von armen Teufeln in die berühmte bread line ein, die Brotlinie, den Gänsemarsch der Armut. Stundenlang mußten die Reihen stehen und warten und langsam vorrücken, bis jeder ein Stück Brot und seine Schlafkarte an der Türe der Heilsarmee bekam. Da dachte ich mir, es müßte interessant sein und höchst wichtig obendrein, herauszubekommen, wie diese Leute zur Brotlinie gesunken waren. Wie es ihnen in Neuyork erging und was sie über Neuyork dachten! Ich nahm mir die letzten zwanzig Mann der Linie beiseite, führte sie ins nächste Quick Lunch Restaurant, fütterte sie und ließ sie erzählen. Resultat: »Zwanzig Schicksale«!«
»Gut!« sagte Dick Burton. »Wie jung man sein muß, um so einfach zu arbeiten!«
»Das kostet dich noch ein Bier —«
»Done. War aber nicht bissig gemeint — im Gegenteil. Bin heute nur Zyniker. Trinken wir Höll' und Verdammnis den Tammaniten! So. Dies ist ein höchst wunderbares Land. Ich, der ich kaum einen Steinwurf weit weg von diesem Hause geboren bin, in dem wir hier sitzen, kenne es nicht, noch kenne ich die Stadt, in der ich mein Leben lang gearbeitet habe. Du auch nicht. Wir alle nicht. Später einmal, mein Sohn, wirst du daheim im Vaterland über uns Amerikaner erzählen und schreiben, denn du bist allzusehr Teutone, um nicht früher oder später heimwärts zu gravitieren. Und es wird großer Mist sein, lieber Freund! Wie alles, was über Amerika und die Amerikaner geschrieben wird. Man sagt uns Männern von der Zeitung nach, daß wir den Finger am Pulsschlag des öffentlichen Lebens haben —«
Er hob andächtig den Krug.
»— und das ist wieder eine von unseren verdammten verlogenen Phrasen. Nirgends haben wir einen Finger! Nichts wissen wir! Dreck sind wir! Hallo — Holloway!«
»Hallo, Kinder. Was treibt ihr?«
»Ich versuche,« lachte Dick Burton, »diesen jungen Dachs Demut zu lehren.«
»Das ist entschieden eine nette Ausrüstung für einen Zeitungsmenschen!« grinste Holloway.
»Sei bescheiden, Franky! Hast nicht auch du täglich fünfmalhunderttausend Menschen — das ist doch so ungefähr eure Auflage — gepredigt und bewiesen, daß Tammany der Schandfleck Neuyorks ist, daß diese Politiker, die das Schicksal einer Millionenstadt in ihren Händen halten, verrottet sind bis ins Innerste? Daß sie stehlen und betrügen und die anständigen Menschen an der Nase herumführen? Nun, was hast du ausgerichtet, du einflußreicher Zeitungsmann?«
Frank Holloway lehnte sich weit in den Sessel zurück und sah ernst vor sich hin.
»Ich glaube an dieses Land und seine Kräfte!« sagte er endlich. »Was wir hier in Neuyork erleben, ist nur ein Abklatsch, ein Ausschnitt im Kleinen, verrotteter politischer Zustände, die aber immer nur Ausnahmen sind und bleiben müssen. Der und jener unserer politischen Führer ist verderbt. Eine Zeitlang vermag er sich durch Tricks und Mätzchen und Bestechung armen Stimmviehs zu halten. Dann aber wird er hinweggefegt, wie sie alle hinweggefegt worden sind von Zeit zu Zeit. Denn dieses Land ist im tiefsten Grunde knochenehrlich. Es begeht Fehler, aber es wird die Fehler automatisch in seiner Entwicklung gutmachen. Wenn ich im Geiste die ungezählten Heerscharen sehe, die aus allen Ländern in unsere neue Welt geströmt sind, so will es mir scheinen, als sei von ihnen nur übrig geblieben, was tüchtig, wertvoll, lebenskräftig war. Die anderen sind zermalmt worden in unserem brutalen Daseinskampf. Noch kämpfen ihre Kinder und ihre Kindeskinder. Sind wir doch die jüngste aller Nationen. Aber der Grund ist gelegt. Es ist nichts als ein Wachsen und Werden, wenn wir, das einzige freie und völlig selbstbestimmende Volk der Welt, uns mit vom Daseinskampf getrübten Sinnen von einigen Milliardären knechten lassen, weil wir in diesem harten Leben das Geld nun einmal anbeten müssen wie es scheint: wenn wir Schurken dulden, weil die Besten unter uns keine Zeit haben, für Ehrlichkeit zu kämpfen; wenn wir, die vielen Freien, uns von einigen ausbeuten lassen. Und einst wird die Zeit kommen, wo dieses ungeheure Land sich an seine Freiheit gewöhnt haben und alles abschütteln wird, was alt und verfault ist: Die irischen Politiker, die englische Pfäfferei, die puritanische Lüge, den schlauen Geschäftsschurken der alten Oststaaten...«
»Gut!« sagte Dick Burton. »Ich achte persönlichen Enthusiasmus. Ich persönlich jedoch glaube, daß mit zunehmendem Reichtum die Sache immer fauler werden wird bei uns. Die Zukunft gehört dem smarten begabten Juden. Schon jetzt leitet er unsere Banken, schreibt unsere Bücher, dichtet unsere nationalen Lieder — —«
»Ich hab' eine Idee!« unterbrach ich ihn. (Wenn Dicky auf den amerikanischen Juden und auf den Neuyorker Juden im besonderen zu sprechen kam, wurde er langatmig und langweilig. Außerdem ungerecht!)
»Hoih! Er hat eine Idee!« schrie Holloway, sah mich jedoch dankbar an.
»Aber nicht für dich! Dir gegenüber ist sie vertraulich, denn die kann nur Dick machen, weil er eine Dame im Stab hat.«
»Allright.«
»Dick, wenn du meine Idee akzeptierst, muß sie honoriert werden.«
»Selbstverständlich. Wie gerissen dieser Jüngling schon ist!«
»Entschuldige, ich muß von dem bißchen Ideenhaben leben. Es ist nämlich in diesem Falle sehr fraglich, ob ich überhaupt mitarbeiten könnte. Also, es ist mir heute und gestern aufgefallen, daß nach verschiedenen kurzen Berichten über an und für sich unbedeutende Gerichtsverhandlungen die verhafteten Mädchen zu geringeren Strafen verurteilt wurden, als das üblich ist. In den Berichten hieß es ferner, daß die Mädchen sich über die ihnen gewordene Behandlung beschweren wollten, aber nicht zu Wort kamen. Ich habe nun das Gefühl, als ob da etwas nicht in Ordnung sei. Ob ich recht habe oder nicht, ist aber für meine Idee ziemlich gleichgültig. Was ich dir vorschlage, Dick, ist, daß die Flynn, eure Reporterin, sich auf der Straße als »unordentliche Person« verhaften läßt —«
»Oho!« rief Dick.
»— alles mitmacht, sich auf die Wache bringen läßt, in die tombs« (das Neuyorker Zentralgefängnis), »vor den Richter. Sobald sie verurteilt ist, greifen wir ein. Wir werden dann von der Flynn erfahren, wie die Verhältnisse in der Weiberabteilung sind und haben unter Umständen — wenn nämlich die Dinge so liegen, wie ich das vermute — einen authentischen Fall, gegen den alles Ableugnen nichts ausrichten kann. Selbstverständlich ist das nicht eine gewöhnliche Sensation sondern ernste Arbeit, die von großer Tragweite sein kann.«
»Gut!« sagte Dick Burton.
Holloway nickte und pfiff leise vor sich hin.
»Dick,« sagte er plötzlich, »wir wollen die Sache miteinander machen. Gleichzeitige Veröffentlichung, gleichzeitige Polemik, gemeinsames Vorgehen. Das scheint mir in diesem Falle notwendig, wenn es auch von unseren Gepflogenheiten abweicht, damit die Herren von der Tammanypolizei nicht sagen können, das sei wieder einmal nur ein boshafter Angriff einer einzelnen gelben Zeitung.«
»Abgemacht,« sagte Dick Burton. »Nun lass' den Jungen da reden. Die Flynn wird die Aufgabe übernehmen, glaube ich.«
»Es kommt vor allem darauf an,« meinte ich, »daß sie sich nicht das geringste zuschulden kommen läßt und völlig unschuldig verhaftet wird. Bei den Verhältnissen im Tenderloindistrikt, die wir alle kennen und die doch nie so recht bewiesen werden konnten, wird das sehr leicht möglich sein. Die Flynn muß sich ganz einfach und unauffällig anziehen und abends in den Nebenstraßen bei der Bowery spazieren gehen. Weder zu schnell noch zu langsam. Sie darf nicht auf- und abgehen und nie dieselbe Straße zweimal passieren. Selbstverständlich wird sie sehr bald dem einen oder dem anderen der Detektivsergeanten des Tenderloin auffallen. Selbstverständlich wird er sich die übliche Bestechung von ihr holen wollen. Natürlich ist er auch zu dumm, um etwas zu merken, und wird die Flynn prompt verhaften, sobald sie nicht zahlt.«
»Sehr gut!« sagte Dick Burton. »Mann, wo hast du nur deine großartigen Ideen her! Natürlich sind wir drei stets in der Nähe, um beschwören zu können, daß die Flynn sich einwandfrei verhalten hat. Kommt sie dann vor den Richter, so sind wir mit unseren eidesstattlichen Versicherungen da. Ja. Also abgemacht, Holloway?«
»Ja. Unter der Bedingung, daß Miß Flynn auf das genaueste über alle Fährlichkeiten informiert wird, denen sie unter Umständen entgegengeht. Es gibt da brutale Leibesuntersuchungen und derartiges.«
»Das ist selbstverständlich. Miß Flynn gehört übrigens einer sehr guten Neuyorker Familie an. Es wird ihrem Ruf nichts schaden, wenn sie im Interesse der Aermsten der Armen eine tapfere Tat wagt. Ich denke, wir gehen jetzt schlafen. Wo treffen wir uns morgen?«
»Hier. Um zwei Uhr,« sagte Holloway.
Wenn ich mir jenen Abend, von dem mich fünfzehn Jahre nun trennen, eine sehr lange Zeit in einem Leben der Unrast, aus der Erinnerung wieder erträume, so ist mir, als wären die Menschen von damals wieder lebendig geworden, als sei ich mitten im Wirrwarr der Dinge. Ich höre die Männer reden, ich sehe ihre Gesichtszüge, ich verspüre wieder die prickelnde Aufregung der »Großen Sache«. Ich sehe die kleine Miß Flynn im einfachen Kleidchen und rundem Schleierhut mit grellroten Flecken der Aufregung im merkwürdig energischen Gesicht — die lärmende grellerleuchtete Straße, — den vierschrötigen Polizeimenschen, der brutal auf sie einspricht — den heransausenden Gefängniswagen, den Menschenauflauf, das Drängen und Schieben von blauröckigen Polizisten. Die durchwachte Nacht steht mir vor Augen, der Polizeigerichtshof in früher Morgenstunde, das scharfe, kurze Verhör, die entrüstete Beschwerde der in ihrer ganzen Weiblichkeit aufs tiefste verletzten Reporterin, das ungläubige Kopfschütteln des Tammanyrichters. Ich höre das harte geschäftsmäßige Urteil wegen gewerbsmäßiger Unzucht. Und ich sehe die aschenfahlen Gesichter der beiden Polizeibeamten, als Holloway plötzlich aufsprang und in öffentlicher Gerichtssitzung die Polizeibehörden der erpresserischen Freiheitsberaubung beschuldigte. Die Arbeit dann, das Hetzen, das Höllenbild, das Zeile um Zeile in einem stillen Zimmer des Worldgebäudes entstand, die zornbebende Frau, die uns erzählen mußte, weil sie unfähig zum Niederschreiben war...
Es galt, auf das Vorsichtigste zu mildern, weil die Urenkel der Puritaner kräftige Worte nicht vertragen können, aber was geschrieben wurde, war immer noch deutlich und wahr genug. Im Lande der Frauenverehrung war ein Mädchen auf den fadenscheinigsten Verdacht hin als Dirne verhaftet und im Weiberzimmer des Gefängnisses schlimmer behandelt worden als Tiere behandelt werden.
Der Bericht entsetzte ganz Neuyork. Die grand jury, die eigentümliche amerikanische Einrichtung eines Geschworenengerichtshofes in staatsanwaltschaftlicher Funktion, der Mißstände zu prüfen und Anklagen zu erheben hat, nahm sich der Angelegenheit an, und später wurden einige Polizeibeamte zu empfindlichen Strafen verurteilt. Die öffentliche Meinung aber setzte wenigstens einige wichtige Veränderungen im Neuyorker Polizeiwesen durch.
Im Zeitungsklub beglückwünschte man mich, den jungen Anfänger, von links und von rechts, denn diese Männer, die kalt und zynisch im Sensationsgeschäft schachern konnten, sahen doch den Höhepunkt und das Große ihres Berufes in sozialer Hilfeleistung.
Und wieder sehe ich die Menschen, und höre den Zeitungslärm, in dem ich arbeitete. Gräßlicher Lärm war es; Hasten, Ueberstürzen, Holtergepolter tagaus tagein. Aber diese Arbeit hat Freuden beschert, wie sie der Erfolgreichste und Tüchtigste nicht größer und schöner erleben kann. So stolz kam man sich vor jeden Tag, weil an jedem Tag von neuem gerungen und gekämpft werden mußte! Denn der Landsknecht der Feder hatte es wahrlich nicht leicht!
Free lances, Freilanzen, Landsknechte, Glückssoldaten der Zeitung werden im Zeitungsland des Dollars die merkwürdigen Männer genannt, von denen ich damals einer von den ganz kleinen war. Ihre Zahl ist eine sehr große. Die Tüchtigen behaupten sich in ihrer unabhängigen Stellung, die anderen wenden sich, wenn sie lange genug gehungert und Träume geträumt haben, irgendeinem Dollarberuf zu, der etwas weniger aufreibend und etwas mehr nahrhaft ist. Einige wenige finden Unterschlupf als festangestellte Journalisten. Die ganz wenigen endlich, die übrig bleiben, werden große Männer und schaffen die moderne Romantik der amerikanischen Literatur.
Es ist ein ganz verrückter Beruf, das Schaffen dieser Landsknechte, und beileibe nicht zu vergleichen mit dem deutschen freien Schriftsteller etwa, der seine Feuilletons, seine Essays, sein »Aktuelles« auf dem freien Zeitungsmarkt verkauft. Das gibt es nicht bei der amerikanischen Zeitung. Sie kauft wohl Romane von ersten Autoren und bringt gelegentlich auch eine gute Novelle, aber sie hat kein literarisches Feuilleton im europäischen Sinne und will keines haben. Sie pfeift auf den Geist. Den europäischen Literaten kann sie absolut nicht gebrauchen. Zwar liebt sie Humoristen, aber Humoristen sind in Amerika wie anderwärts so selten wie die Uneigennützigkeit. Vor allem will die amerikanische Zeitung:
Erstens Tatsachen!
Zweitens interessante Tatsachen!
Drittens famos geschilderte Tatsachen!
Wer ihr diese bringt, sei er nun Fachmann oder in seinem Urberuf Präsident der Vereinigten Staaten oder professioneller Lumpensammler, ist ihr herzlich willkommen und wird glänzend bezahlt — vorausgesetzt, daß er den Wert seiner Ware zu würdigen weiß und ohne falsche Scham zu fordern versteht. Denn business is business. Mehr als sie muß, zahlt auch die amerikanische Zeitung bestimmt nicht.
Nach der Lehre der Anpassung ist also der freie amerikanische Schriftsteller, wenn er nicht gerade Romancier ist, zu allererst und überhaupt Neuigkeitsjäger im Lande der Wirklichkeit. Landsknecht im Zeitungsdienst. Großer Landsknecht, kleiner Landsknecht, mittlerer Landsknecht, oder minderwertiger Landsknecht, je nach Können, und Laune Dame Fortunas. Es gibt free lances, die tagaus, nachtein, in schäbigen Bars herumvegetieren, um einen kleinen politischen boss zu erwischen und ihn zu interviewen — es gibt solche, die auf eigene Kosten und auf eigenes Risiko Flibustierexpeditionen ausrüsten, Südseeinseln erforschen, in nördlichste Eisregionen wandern — es gibt free lances, die mühselig aus mühselig ergattertem Kleinen einige Zeilen »copy« fabrizieren — und es gibt geniale Künstler, die aus ihrer Zeitungsarbeit Kunstwerke flammender Schilderung schaffen.
Einer von ihnen war zum Beispiel Stanley. Ein anderer Richard Harding Davis. Ein dritter der weltberühmte Ambrose Bierce, der Kriegsschilderer, der Wereschtschagin der Feder...
Woraus ersichtlich sein mag, daß das Landsknechttum der amerikanischen Zeitung keinen Anfang hat, kein Ende, keine Grenzen. Es gibt gute free lances und schlechte free lances, so wie es Sonntagsjäger gibt und Waidmänner...
Der amerikanische Neuigkeitsjäger trägt eben in seinem Füllfederhalter verborgen den Marschallsstab der schildernden Kunst. Ob er ihn jemals schwingt, hängt von seinem Hirn ab, von seinen Augen, vom Glück, von Nerven, Zähigkeit, Genius, von den Männern und den Frauen vor allem um ihn — wie alle großen Dinge in dieser Welt.
Selbstverständlich jedoch hatte von dem wirklichen und den endlichen Zielen dieses Landsknechttums, in dem er arbeitete, der Lausbub von damals auch nicht die Spur einer Ahnung!
Ich fraß halt auch in Neuyork das tägliche Leben und die tägliche Arbeit seelenvergnügt genießend, aber höchst gedankenlos in mich hinein. So, wie ich alles in mich hineingefressen hatte in den fünf amerikanischen Wanderjahren. Mit gefräßigem Appetit. In vollkommener Wurstigkeit, was Bekömmlichsein und Verdauung anbetraf. Die Welt war wunderwunderschön. Die Zeitung ein arkadisches Traumland; die Zeitungsmänner allmächtige Götter, so schien es mir. Ich selber ein kleiner Herrgott zum mindesten.
Landsknecht der Feder.
Meine allerersten Nerven! — Die Morgenarbeit. — Die Jagd nach der Anregung. — Wo sie zu finden ist! — »Nur nichts Naheliegendes!« — Die Schwitzmädel-Idee. — Wie sie im Zeitungshirn arbeitet. — Der Sensationsprozeß. — Mittagessen à la New York — Der Mann, mit dem ich einst Codfische pökelte. — Vom Stockfischarbeiter zum Hochfinanzier. — In der Bank. — Das Warenhaus. — Die Amazonenschlacht um den Frühlingshut. — Der Oster-Hut-Trust! — Bei Delmonico. — Träume. — »Einmal ein Zeitungsgaul, immer ein Zeitungsgaul.« — Der Zeitung verfallen mit Haut und Haaren.
Ich glaube, ich habe mir in jenen Neuyorker Zeiten meine allerersten Nerven geholt!
Was war das nur für ein Leben!
Da klingelte man des Morgens, knipste das elektrische Licht an und stürzte sich noch im Bett auf die Zeitungen, die Morgenausgaben des Journal, der World, der Sun, des Herald, des American, der Times. Gierig. Fieberhaft. Was war los? Was gab es? Wo konnte man den Hebel ansetzen? Man nahm die Zeitungen mit in die Badewanne und man schleppte sie hinunter zum Frühstück; amerikanerhaft futternd, ohne rechten Sinn für das, was man aß, wie eine Maschine, in die zu bestimmter Zeit Brennstoff hineingeschaufelt wird. Um 9.30 Uhr morgens war man glücklich im nötigen Stadium der Arbeitserregung, verschiedene Grade über normal. Wer in Neuyork lebt, muß mit den Neuyorkern heulen, und ein Neuyorker kann nun einmal nur unter anormalem Hochdruck arbeiten, sei er nun Käsehändler oder Trustmilliardär oder Zeitungsmensch.
Lesen, lesen, lesen!
Ach, schon wieder zehn Minuten vergangen! Husche, husche, die Riesenspalten hinab — ruck, auf die andere Seite hinüber. Alles in Sekunden. Man hat es ja längst gelernt, so zu lesen, wie der Zeitungsmensch lesen muß: In photographischem Erfassen eines Zeilenbildes von zehn, zwanzig Zeilen auf einmal mit Hirn und Auge.
Rasch, nur rasch.
Wie macht sich die Arbeit von gestern? Wie ist sie plaziert? Welche Buchstabengröße hat der editor ihrer Ueberschrift gegeben? Ah, man atmet auf. Korpus 3: die Ueberschriftgröße, die Sachen von Bedeutung gegeben wird.
Weiter geht die Jagd. Denn irgendwo in diesen vielen Zeitungsspalten sind neue Arbeitsaufgaben zu finden, wenn man nur zu suchen weiß. Der Landsknecht lebt meist von dem, was von den regulären Soldaten der Zeitung unbeachtet gelassen worden ist. Krampfhaft sucht man nach einer Anregung. Der große Sensationsprozeß da — eine Dame der Neuyorker Gesellschaft ist durch Seltzerpulver, die ihr anonym zugesandt worden waren, vergiftet worden, und ein Herr der Gesellschaft steht nun auf Indizienbeweise hin als wahrscheinlicher Täter vor den Geschworenen — der interessiert uns nicht. Was da zu tun ist, ist getan. Jede Neuyorker Zeitung hat ihre besten Schilderer im Gerichtssaal, ihre Detektive an der Arbeit. Ueber die politischen Ereignisse des Tages muß man sich zwar informieren; aus ihnen Arbeit zu schöpfen jedoch ist Sache der Spezialisten —
»Working? An der Arbeit?« frägt eine helle Stimme.
»Guten Morgen, guten Morgen,« antwortete ich hastig. »Geh weg, Flossy. Awfully busy. Bin fürchterlich beschäftigt!«
»Well — t—ta—ta, my boy...«
Weiter, weiter, im Hasten. Man wird nervös und ärgerlich. Ist denn gar nichts los heute? Steht wirklich nichts geschrieben zwischen den Zeilen? Nun gilt es, sorgsam zu lesen. Was man da überflogen hat, die Kunde von den bedeutenden Ereignissen des Tages, das ist vom Zeitungsstandpunkt schon ausgeschöpft bis ins Tiefste. Was offenbar wichtig ist und in die Augen fällt, haben die Männer der Redaktionen ohne Zweifel schon in Arbeit.
Für uns ist das Naheliegende nichts.
Man hat sich schon zu oft die Finger verbrannt und ist klug geworden. Man hat umsonst gearbeitet, und ist ausgelacht worden obendrein damals, als die Bohrungen für die Untergrundbahn begannen und man in den kaum errichteten Caisson stieg und ein höchst interessantes Arbeitsbild schrieb. —
»Haben wir längst!« hatte Holloway gegrinst; »glaubst du vielleicht, daß wir schlafen?«
Oder damals, als man die Felsensprengungen für das Fundament des neuen Wolkenkratzers schilderte — und die Szenen beim Ausstand der Tramwayangestellten — und — ach, wie war man da ausgelacht worden! Nein, nur nichts Naheliegendes! Unsereiner verdiente viel mehr Geld als der reguläre Zeitungsmann, der allwöchentlich oder allmonatlich seine festen Dollars einheimste, aber dafür mußte man auch sein bißchen Phantasie haben und verdammt scharfe Augen. Neues brauchte die Zeitung. Neues! Oder zum mindesten neu, eigenartig Gesehenes.
Weiterlesen! Wir müssen aus irgend einem winzigen Ereignis, das da in fünf Zeilen erwähnt wird, etwas Typisches, Allgemeines, Wichtiges machen; wir müssen in einem gleichgültigen kleinen Bildchen die Möglichkeit einer großen Schilderung sehen; wir müssen das ergänzen, was die Flüchtigkeit des überhasteten Zeitungsmannes vernachlässigte. Wir müssen im ganz Kleinen den großen Zug entdecken. Dafür werden wir glänzend bezahlt...
Man sucht und sucht. Man liest aufmerksam die Gerichtsverhandlungen durch, ob sie allgemein nicht bekannte soziale Zustände berühren, man prüft die Unglücksfälle, die Brandnachrichten, die Gesellschaftsnotizen, das Winzigste. Alles.
Holla — hier ist etwas — —
Schnell wie ein Blitz kommt über einen die Erleuchtung. Unter den politischen Neuyorker Angelegenheiten steht da eine winzige Notiz, daß die Frage der sweat shops durch einen Ausschuß des Stadtrats geprüft werden soll. Wahrscheinlich ist sie mit einem zynischen Grinsen in den Satz gegeben worden. Die Zeitungsleute kennen diese Untersuchungskommissionen Neuyorks. Sie sind hauptsächlich dazu da, damit die Mitglieder der Kommission Diäten verrechnen können, amtliche Ausgaben, Taggelder. Sweat shops auch noch! Wenn schon — man kennt das. Man kennt das Elend der »Schwitzläden«, in denen arme Arbeiterinnen in fürchterlich überfüllten Räumen für Hungerstücklohn zwölf Stunden lang im Tag Weißzeug nähen, und Arbeiter sich beim Fabrizieren der billigen Konfektion die üblichen Berufskrankheiten holen, die Schwindsucht vor allem. In Neuyork ist gar nichts Lustiges mehr am kleinen Schneiderlein. Man kennt das längst. Ganz Neuyork kennt diese Dinge. Der Arbeitsmarkt ist unerbittlich und richtet sich nach Nachfrage und Angebot. Da ist nichts zu wollen. Aber ein Bild steigt da auf, in phantastischem Ahnen geschaut. Man sieht sich im Geist in einer niedrigen Arbeitshölle, in der viele Menschen hocken, tiefgebeugt über ihre Arbeit, nadelziehend ohne Unterlaß, nähmaschinentretend. Giftiger Brodem ihrer Ausdünstung hüllt sie ein. Sie fädeln und treten, und die Ereignisse ihres Lebens sind die Glockenzeichen, die Arbeitsanfang und Arbeitsende bedeuten. Man sieht sich Seite an Seite mit einem dieser Mädchengeschöpfe gehen und verspürt, daß neben einem das nackte Elend schreitet. Ob es wohl lächelt, dieses Elend, und ganz zufrieden ist in seiner fürchterlichen Hoffnungslosigkeit? Ob es schreit in bitterer Anklage? Oder gar stolz ist und befriedigt, weil es dreißig Hemden nähte im Tag und der andere Sklave an der Nähmaschine daneben nur neunundzwanzig? Wie lebt dieses arme Geschöpf? Was ißt es, was trinkt es, wie wohnt es, wie kleidet es sich, wie sehen seine Freuden aus, welche Leiden muß es erdulden, von welchen Hoffnungen ist es beseelt?
Und man atmet tief auf und weiß, daß man im Schauenstraum ein Stück Leben gepackt hat, und man verspürt wie rieselnden Glücksschauer die Freude, die die Zeitung ihren Landsknechten dann und wann beschert, wenn sie jung und begeisterungsfähig und durch den Zynismus allzugroßer Erfahrung noch nicht verdorben sind. Nicht nur für Geld und Ehrgeiz arbeitest du, so jubelt es in diesen Sekunden des Glücks, sondern du sprichst zu vielen Menschen, und vielleicht vermagst du es, Hirne nachdenklich zu stimmen und Herzen zu erschüttern, auf daß es diesen Armen, die da hoffnungslos fädeln und treten, ein ganz klein wenig besser ergehe. Vielleicht verschaffst du ihnen den Dollar mehr in der Woche, diesen lächerlichen Dollar dieses reichen Landes, der den Unterschied bedeutet zwischen Leben und Vegetieren...
Doch man wandelt nicht ungestraft im gewitzten Zeitungslande und atmet nicht unverseucht die dollarschwüle Luft des brutalen Geschäftsgiganten Neuyork. Sofort meldet sich der Praktikus:
Gute Sache!
Famose Idee. Richtig erfaßt! Die Zeitung würde verärgert lachen, brächte man ihr eine volkswirtschaftliche Abhandlung über diese Schwitzläden, denn längst schon ist dieses Problem von allen Seiten beleuchtet worden. Sie wird sich freuen dagegen über das lebendige Schildern eines Schwitzladenmädels und ihres Arbeitstags. Man muß das nur richtig sehen. Auf die Augen kommt es an. Und man überlegt sich in raschem, geordneten, zierlichen Nachdenken, wie das gemacht werden muß. Unter welchem Vorwand man den Schwitzladen aufsucht. Wie man mit dem Mädel spricht. Wie man sie behandelt. Scharf umrissen wie ein Programm liegt die Arbeitsaufgabe da. Da ist auch schon der Titel:
»Ein Tag im Leben eines Schwitzladenmädels.«
Und aus dem nervösen Suchen und Tasten wird helle Arbeitsfreude. So, nun rasch in den Klub. Hören und sehen, was vorgeht. Das Schwitzladenmädel hat keine Eile.
In wenigen Minuten ist man im Klubrauchzimmer, in dem man sich noch etwas mehr zu Hause fühlt, als selbst in der gemütlichen kleinen Wohnung im Montgomery. Der riesige Tisch in der Mitte des Zimmers, hoch bepackt mit den neuesten Zeitungsausgaben, mit Zeitschriften und Reviews, ist wie ein lieber alter Freund. Die weiten Korbsessel, schwellend mit vielen Kissen ein jeder, laden zur Beschaulichkeit. Der weißbejackte Diener macht eine knappe Verbeugung, die mehr ein halb vertrauliches und halb ehrfürchtiges Kopfnicken ist, und bringt ohne besondere Order den winterlichen Morgentrunk. Die Whiskykaraffe, ein Kännchen mit heißem Wasser, ein Tellerchen mit einigen Zitronenscheiben. Man schlürft schwachen toddy, raucht die erste Zigarre —
Es ist ein stetes Kommen und Gehen in dem Raum von hastenden Menschen mit nervösen Gesichtern, die sich im jagenden Tagewerk fünf Minuten der Gemütlichkeit im weichen Sessel erhaschen wollen. Langweilige steife Formen gibt es hier nicht. Man nickt sich zu, spricht in kurzen knappen Worten, redet nur vom shop, von der Arbeit. Holloway kommt und setzt sich einen Augenblick zu mir.
»'was Neues?«
»Nein. Bei euch?«
»Wie üblich. Hast du Burtons Prozeßbericht gelesen? Glänzend! Gut für Dick!«
Und er beschäftigte sich angelegentlich mit seinem heißen Whisky. Ich greife nach der World, um Dicks Arbeit, die ich vorhin nur überflogen hatte, genau zu lesen. Sie ist ein Meisterwerk schildernder Kunst, von Leben sprühend. Man hört die Menschen sprechen, sieht sie sich bewegen, atmet die Atmosphäre der Tragik. Und man weiß, daß Dick Burton spät heute nacht, wenn die Zeitungen zur Presse gegangen sind und ihre Männer sich noch auf ein Stündchen im Klub versammeln, umjubelt werden wird wie ein Sieger. Amerikanische Journalisten kämpfen zwar heiß und bitter um den Tageserfolg, aber sie beneiden sich nicht gegenseitig in Scheelsucht. Sondern sie geben dem Mann der großen Leistung ein Bankett...
»Das Journal muß sich heute 'ranhalten!« grinst Holloway. Sein Lächeln ist ein wenig bittersüß. »Wir kommen sonst ins Hintertreffen. Hm, die Verhandlung beginnt um Elf. Da hab' ich gerade noch vierzig Minuten.«
»Machst du die Sache heute selber?«
»Ja. Jefferson und ich.«
»Kannst du mir eine Einlaßkarte für den Zuschauerraum geben oder verschaffen?«
»Für den Pressetisch, meinst du doch? Nein. Du brauchst aber nur den Gerichtsvorsitzenden um sein Visum auf deiner Visitenkarte zu ersuchen, das er dir gern geben wird. Wäre ja noch schöner! Gehst du aus Neugierde hin? Für dich ist dort nichts zu holen, old man.«
»Nicht am Pressetisch! Daß jede Zeitung dort doppelt und dreifach vertreten ist, weiß ich selber. Aber vielleicht im Zuschauerraum. Es ist mir beim Lesen von Dicks Arbeit und den anderen Stimmungsbildern aufgefallen, daß alles beschrieben worden ist, der Angeklagte, die Geschworenen, die Richter, die Menschenmenge im Zuschauerraum, nur nicht, was die Leute im Zuschauerraum sagen, was sie sich zuflüstern, welche Gesichter sie machen, was sie reden nachher draußen auf den Korridoren, wie sie sich gleichgültig gebärden, vielleicht oder tief erschüttert sind. Bei dieser Geschichte interessiert doch einfach alles, und wenn man schon —«
»Allright,« sagte Holloway kurz. »Können wir gebrauchen. Du machst das für uns. Hier, gib dem Gerichtsbeamten meine Karte und einen Fünfdollarschein. Deine copy muß spätestens um zwei Uhr fertig sein. Addio. Höchste Zeit!«
Und man stürmt hastend zum Gerichtsgebäude, denn in wenigen Minuten beginnen die Verhandlungen des dritten Tages dieses sensationellen Mordprozesses, der ganz Neuyork in Atem hält. Der Zuschauerraum ist schon vor einer Viertelstunde geöffnet worden und bis auf das letzte Plätzchen besetzt. Doch der türhütende Gerichtsbeamte hat großen Respekt vor der Visitenkarte des leitenden Redakteurs des Journal und inniges Verständnis für den grünen Fünfdollarschein. Die Türe öffnet sich ein wenig und man drängt sich, gepufft, gestoßen, verwünscht, durch die eng aneinandergepreßten Menschen, bis ein Plätzchen in einer Ecke erobert ist. So — oh! Nun heißt es, ganz Auge sein und ganz Ohr. Sich schärfstens auf Beobachtung konzentrieren. Es ist elegantestes Neuyork, das sich da drängt, denn die Einlaßkarten sind schwer erhältlich. Auf einen Mann kommen mindestens fünf Frauen. Auf den Stühlen da sitzen Damen, die offenbar der guten Gesellschaft angehören, Damen in kostbaren Pelzen, wertvollen Straßenkleidern. Nur hören jetzt und schauen. Ein scharfes Glockenzeichen. Der Angeklagte wird hereingeführt, die Richter erscheinen, die Verhandlung beginnt. Sie ist im Grunde langweilig. Es handelt sich um Beweisaufnahme darüber, ob die vergifteten Seltzerpulver von dem Angeklagten gekauft worden sind, ob einer der vorgeladenen Apotheker den Angeklagten wiedererkennt, ob das Papier und der Bindfaden, in denen das Giftpaketchen eingehüllt war, über alle Zweifel identisch sind mit dem gleichen Papier und demselben Bindfaden, die im Hause des Angeklagten gefunden wurden. Doch von dem Ergebnis dieser Beweisaufnahme hängt Leben und Tod ab. Dem Mann dort im eleganten Prinz-Albert-Rock mit dem energischen, sehr sympathischen Gesicht droht der elektrische Stuhl. Es ist totenstill geworden im Zuschauerraum. Diese verwöhnten Frauen haben nichts Weiches, nichts Weibliches mehr. Ihre Gesichtszüge sind straff angespannt. In ihren Augen ist die Gier nach der Sensation und irgend etwas, das fast an ein wildes Tier erinnert. Wie ein Keuchen geht es durch die stillen Reihen, wenn eine Aussage, das Wort eines Zeugen, die Frage eines Richters wichtig erscheint. Alle diese Menschen im Zuschauerraum spannen ihre Nerven an zum Zerreißen... Und man schaut und schaut und prägt sich Gesichtszüge ein, und Aeußerlichkeiten von Toiletten, und versucht zu erraten, was in diesen Gehirnen vorgeht. Da — der Drogist Soundso beschwört, dem Angeklagten häufig Seltzerpulver verkauft zu haben! Und seine Seltzerpulver nur sind in rosa Umschläge gehüllt!! Es sieht bös aus für den Angeklagten! Die Gesichter werden noch härter, die Augen noch gieriger, Frauenkörper beugen sich noch weiter vor, die Dünste der Parfüms vermischen sich mit scharfem Schweißgeruch, das Keuchen wird zu leisem aber messerscharfem Flüstern... Plötzlich erhebt sich der Vorsitzende. Die Verhandlung wird aus irgend einem Grunde für einige Stunden unterbrochen. Sekundenlang noch ist es still, denn die Hälse recken sich nach dem Angeklagten, der abgeführt wird, und starre Augen folgen ihm. Dann aber bricht ein Babel von Getöse los. Rücksichtslos drängen, schieben, stoßen die Damen zur Ausgangstüre, schwatzend, redend, zeternd. Die Gesichter sind knallrot vor Aufregung —
»Er hat's getan!«
»Ob heute noch das Todesurteil ausgesprochen wird?«
»Großer Gott — nie wieder nehme ich ein Seltzerpulver...«
»Darf man dem armen Mann Blumen in die Zelle schicken?«
»Er hat's doch nicht getan! Man braucht ihm ja nur ins Gesicht zu sehen, um das zu wissen, Maud!«
So schwirrt und flüstert und schreit es in grellen Stimmen und man läßt sich schieben und stoßen und strengt nocheinmal Auge und Hirn zum völligen Erfassen an. Jawohl, der Eindruck ist gepackt. Die Idee war der Mühe wert...
Rasch ins Zeitungsgebäude, eine kurze Meldung bei Holloway, dann schreiben. Die Arbeit ist kinderleicht unter dem frischen Eindruck des Gehörten und Gesehenen, und kurz vor drei Uhr, gerade noch zur richtigen Zeit saust die fertige »copy« durch die pneumatische Tube von Holloways Schreibtisch hinauf in die Setzerei —
»Bye — bye, Holloway! Sei gut zu dir selber! Ueberarbeite dich ja nicht!«
»Get out!« ist die Antwort. »'raus mit dir!«
Und man besteigt die schwindelerregende Bestie von Expreßlift in dem angenehmen Bewußtsein, einen interessanten Arbeitstag hinter sich zu haben. Worin man sich gründlich irrt. Zwar weiß man das noch nicht, aber schon vermischt sich im Unterbewußtsein mit dem frohen Gefühl getaner Arbeit das rastlose Weiterhetzen, die Sorge um neues Schaffen. Während das Lift abwärts stürzt, denkt man an das einem vorläufig unbekannte Mädel in dem vorläufig unbekannten Schwitzladen. Wie mag es aussehen, dieses arme Mädel? Wo ist der Laden, dessen geringste Kleinigkeit mit den Augen des Verstehens erfaßt werden soll?
Ruck, hält das Lift. Hm. Ja. Zweifellos würde der oder jener im Klub auch über diese Seite Neuyorker Lebens Bescheid wissen, aber man wird darauf verzichten, sich aus Kollegenkreisen Informationen zu holen. Das wäre nicht sportsmäßig. Bleibt das Adreßbuch, persönliches Suchen — hm, es ist im Grunde sehr einfach. War doch eine famose Idee! Große Sache, dieses Schwitzladenmädel...
Der innere Mensch meldet sich verstimmt und hungrig, denn es ist drei Uhr nachmittags, und reichlich spät zum Lunchen. Rasch erst zum Barbier dort an der Ecke. Seine dampfend heißen Tücher, die er auf die empfindliche rasierte Haut auflegt, sein kribbelndes Shampoonieren mit behenden Fingerspitzen machen frisch und lebendig. Dann in die nahe Wallstreet, die Straße der Großbanken, der Börse, des Geldes, die jetzt schon tot, einsam, verlassen daliegt, während sich vor einer halben Stunde noch auf ihren Randsteinen spekulationswahnsinnige Menschen stießen und drängten, um von der flutenden Dollarluft ein Atemschnappen zu erhaschen. Dort in der Nebenstraße liegen enggedrängt die teuren kleinen Lunchrestaurants, in denen ich häufig speise, weil ich noch lange nicht genügend Amerikaner bin, um zur Mittagszeit meinen Magen mit eiskalter Milch und schwerverdaulichem Kuchen zu malträtieren, wie das der richtige Dollarmann tut. Freilich ist mein Essen amerikanerhaft genug. Es ist den aufgepeitschten Nerven ganz unmöglich, in Stille und beschaulicher Ruhe sich mit den Aufgaben des Augenblicks zu beschäftigen, dem Genießen von Speisen. Sondern ich stürze hastig den appetitanregenden Manhattan Cocktail hinunter, schon vertieft in die Seiten eines neuen Magazins — und ich kann auch nicht etwa geruhsam lesen! Weil der Zeitungsteufel einen nie verläßt und sogar beim Essen rumort. Ist der Artikel da gut gemacht? Ist er wirkungsvoll? Wie hättest du das geschrieben? Ich löffle die Suppe, ohne auf den Suppenteller zu gucken, eilig, denn es wird rasch serviert, greife nach den neuen Zeitungen, überfliege die Spalten, empfinde das Gebrachtwerden des Koteletts als Störung, lasse den Inhalt der winzigen Gemüseschälchen gedankenlos kalt werden, vermenge mechanisch das Glas Claret mit sprudelndem Sauerbrunnen.
Aus der Zeitung guckt ein eingebildetes Gesicht hervor, das blasse Gesicht des Schwitzladenmädels. Und da ist der eingebildete Laden. Mit dem Mann dort werde ich kurz, scharf, energisch sein, mich als Polizeimenschen ausgeben nötigenfalls; dem Mädel werde ich wunderschöne Blumen schenken und...
Mein Auge gleitet mechanisch über den Finanzteil der Zeitung, für den mir das Verständnis mangelt und der mich eigentlich kaum interessiert. Es bleibt haften an einer krassen Ueberschrift in fetten Blockbuchstaben, und die paar Worte treffen mich wie ein Schlag:
»Cyrus F. Reddington verschluckt wiederum eine Eisenbahn!«
Es ist mir zwar unendlich gleichgültig, daß der Finanzmagnat eine Eisenbahn gekauft, ihre Aktien an sich gebracht, sie »verschluckt« hat, wie die Zeitung sich echt amerikanisch ausdrückt, aber ich bin entsetzt darüber, daß ich monatelang in Neuyork leben konnte, ohne auch nur ein einzigesmal an Frank Reddington zu denken und ärgerlich obendrein (der neuigkeitjagende Zeitungsteufel ist immer gegenwärtig!), daß ich eine so wertvolle Verbindung so völlig vergessen konnte. Das Schwitzladenmädel ist jetzt wie weggeblasen! Lustige Bilder steigen vor mir auf aus den lustigen Zeiten in San Franzisko, als Frank Reddington, der Milliardärssohn, und ich mit blutigen Händen verdammt salzige cods in das wertvollere Dasein eines Stockfisches hinüberhäuteten und schnitten. Und wie wir uns vorgekommen waren wie Fürsten damals, als wir die hart verdienten Dollars einstrichen, der Milliardärssohn und ich. Ob Franky wohl in Neuyork war? Heidi, was würde der für Augen machen! Zur Feier rasch ein Glas Sekt aus einer der winzigen Viertelflaschen, die für den amerikanischen Gebrauch besonders hergestellt werden in Frankreich, und dann zur First National Bank —
Der Gang zu den Privatkontoren ist nicht etwa von einem einzigen Cerberus bewacht, sondern von dreien, die ich nacheinander zu passieren habe. Der erste versucht natürlich, mich zu bestimmen, mich mit meinen »Geschäften« an den »manager« zu wenden, und ist höflich und milde ungläubig, als ich erkläre, daß ich Mr. Reddington persönlich zu sprechen wünsche und ihm persönlich bekannt sei; der zweite macht ein bedenkliches Gesicht, nimmt mir aber wenigstens Hut und Ueberzieher ab; der dritte, offenbar ein Sekretär, haust in einem Vorzimmer und unterwirft mich der peinlichen Frage.
»Sie wünschen also Mr. Reddington persönlich zu sprechen?« sagte er.
»Jawohl.«
»Darf ich um Ihre Karte bitten?«
Er studiert die Karte, aber sie sagt ihm offenbar nichts Wissenswertes. Es ist ihm augenscheinlich unangenehm, aber er wird deutlich:
»Eh — es tut mir sehr leid, — aber Mr. Reddington senior ist verreist und Mr. Reddington junior nur in ganz dringenden Fällen zu sprechen. Ich muß Sie also schon bitten —«
»Mein Fall ist außerordentlich dringend!« sage ich. Und möchte am liebsten bis an die Decke springen vor Vergnügen. Kaum kann ich mir das Lachen verbeißen. Franky ist also wirklich in Neuyork, halleluja! Franky ist Bankmensch geworden! Franky ist in leitender Stellung und eine verfluchte Respektsperson!! — es ist einfach zum Schießen! Aber ich nehme gravitätisch meine Karte und schreibe darauf:
»On important business regarding the salted codfish trust of San Francisco — in wichtigen Geschäften betreffend den Stockfisch-Trust von San Franzisko!«
»Hm,« murmelt der Sekretär.
»Aber bitte!« sage ich pikiert.
Endlich verschwindet er mit der Karte, wahrscheinlich, um der Respektsperson zu berichten, da draußen stehe ein gemeingefährlicher Verrückter und Mr. Reddington solle doch lieber beim Fortgehen die Hintertüre benützen. Im nächsten Augenblick wird die Türe aufgerissen —
Und da steht Franky, der leibhaftige Franky, nicht um eine Spur verändert, packt mich am Aermel mit dem alten harten eisernen Griff, sieht mich einen Augenblick an aus den alten lustigen Augen, und sagt ernst zu dem Sekretär:
»Mr. Higgins, ich habe wichtige Dinge mit diesem Herrn zu besprechen und darf unter keinen Umständen gestört werden!«
Und da sitzen wir schon in dem vornehmen Privatkontor der Großbank hinter dick gepolsterten Türen und sprechen, wie hier wohl selten gesprochen wird —
»Jetzt will ich aber verdammt sein!« schreit Franky. »Bist du's wirklich, du verrückter alter Narr? Ist es auch wahr? Weshalb hast du nie etwas von dir hören lassen? Mann, wie geht's, wie geht's?«
»Einen Augenblick!« sage ich. »Ich muß erst nach Luft schnappen. Schämst du dich eigentlich nicht, so zu tun, als hättest du furchtbar viel Arbeit? Was treibst du? Bist du glücklich auch Milliardär? Solltest du auch einer von den Schurken geworden sein, die der armen Witwe ihren sauren Dollar vom Munde wegschnappen? Ich verkörpere die Macht der Presse, Franky dear, und ich rate dir, mir gegenüber recht vorsichtig zu sein. Alles, was du sagst, wird gegen dich verwendet!«
Frank grinste. Das alte lustige Grinsen.
»Was ich tue? Ich tue das, was der Alte mir sagt, und zwar möglichst plötzlich. Jawohl, das wäre so ungefähr meine Stellung in der alten Bank! So! Erst erzähle du! Ogottogott — wenn ich an die alten Stockfische in Frisco denke...«
Und er hält mir lachend zwei weiße, wohlgepflegte, schlanke Hände entgegen, und ich lache auch und strecke zwei weiße, wohlgepflegte Hände aus. Und dann tanzen wir im Zimmer herum, gebärden uns wie Verrückte, und versichern uns gegenseitig, ein über das andere Mal, daß die Stockfischzeiten in San Franzisko doch etwas Schönes waren und etwas Unvergeßliches sind. Franky ist — ihr Götter! — Schatzmeister der Bank und bezieht einen Gehalt, über den ein europäischer Minister vor Neid erblassen würde und über den ich die Augen weit aufreiße. Dagegen ist der kleine Reporter freilich noch der reine Stockfischarbeiter! Eine geschlagene Stunde lang reden wir und schreien und lachen, bis schließlich keiner von beiden mehr weiß, wo ihm der Kopf steht. Franky beneidet mich, weil ich den Krieg mitgemacht habe, ist baff über den Signalkorpssergeanten, ist begeistert über das freie Zeitungsleben — ich beneide ihn um die Macht seiner Stellung und seines Geldes, bin baff über das Vermögen, das er sich durch eigene Operationen (bei Gott, Operationen sagte er!) schon verdient hat, bin begeistert über das Arbeiten in der Hochfinanz, von dem er erzählt — und offenbar findet der eine immer gerade das schöner, was der andere erlebt hat! Sintemalen der Zeitungsteufel immer gegenwärtig ist, vergesse ich nicht, mit Franky zu verabreden, daß ich die unterirdischen Stahlkammern der Bank besichtigen darf. Denn so 'was lesen die Dollarneuyorker furchtbar gern. Und dann kommt ein vornehmer alter Herr, sehr gemessen, sehr würdevoll, und bringt in einer roten Maroquinmappe Briefe zur Unterschrift. Der Respektsperson! Dem Stockfischarbeiter von ehemals! Rasch verabreden wir uns noch, heute abend zusammen bei Delmonico zu dinieren —
Eine verrückte Welt!
Ich freue mich auf den Abend wie ein Kind und schlendere seelenvergnügt den Broadway hinunter. Das Schwitzladenproblem ist vergessen für den Augenblick. Ich lache nur immer vor mich hin und habe gar keine Lust, an ernsthafte Dinge zu denken.
Aber das Tagewerk ist doch noch nicht vollbracht, so will es der Zufall.
Eine Krawatte in einem der Schaufenster des großen Warenhauses da lockt mich, und ich gehe gedankenlos mit den anderen Menschen hinein, die sich um den Eingang drängen, um sie mir zu kaufen. Fast gewohnheitsmäßig bleibe ich unten in der Halle einen Augenblick lang stehen, mir das Gewühl zu betrachten, denn ich habe immer etwas übrig gehabt für diese Riesenwarenhäuser. Das ist fast vollendete Organisation. Es klingt und schwirrt und saust über die Drähte, die wie ein Telephonnetz die Räume überspannen. Körbchen fliegen fortwährend an ihnen hin und her. Jedes Körbchen enthält das Geld eines Kunden, die Ware, die er gekauft hat, und seine Rechnung. Es saust in den Kassenraum da oben im ersten Stock und kommt in einer Minute wieder zurück über den Draht, mit eingewickeltem Paket, quittierter Rechnung, und herausgegebenem Kleingeld. Sie haben mir immer imponiert, die Warenhäuser und ihre Art. Da sehe ich oben bei der Galerie des zweiten Stockwerks eine dichtgedrängte Menschenmasse und höre, daß es da oben sehr laut und lärmend zugeht. Sofort wird der neugierige Zeitungsmensch lebendig. Was ist da los?
Ich springe die Treppe hinauf — es ist nicht der Mühe wert, das Lift zu benutzen — und sehe von der Decke herab Riesenplakate in grellen blauen Buchstaben hängen:
»Easter hats!«
Osterhüte!
Unter diesen Plakaten stehen Tische neben Tischen, bergehoch mit Damenhüten bedeckt, Osterhüte genannt, weil auch die ärmste Amerikanerin zum österlichen Frühlingsfest einen neuen Hut haben muß — — und zwischen diesen Tischen spielt sich eine Schlacht ab! Eine Amazonenschlacht!
Sie sind aneinandergedrängt wie Sardinen in einer Büchse, diese bunten Flecke, die Mäntel, Blusen, Kostüme, Winterhüte bedeuten, und hinter denen vermutlich Frauengesichter und Frauengestalten stecken. Aber das wogt und wirrt so hin und her, daß man wirklich nichts sehen kann als bunte Flecke, rasch sich bewegende Farbenkleckse. Einen Augenblick lang kämpfe ich mit aufsteigender Feigheit, dann aber stürze auch ich mich in das Gewühl.
Teufel, die bunten Flecke sind lebendig. Mehr als lebendig!
Bums — habe ich einen Rippenstoß weg, der mich rachsüchtig auffahren läßt. Ihm folgt, wie der Donnerschlag dem Blitz, ein zweiter, ein dritter, ein vierter — ich werde gepufft, gestoßen, geknufft, wie mir das schon lange nicht mehr passiert ist. O—ho! Ich bin gar nicht mehr rachsüchtig. Aus Verstandesgründen. Dieser elementaren Gewalt gegenüber scheinen mir meine schwachen Männermittel untauglich — ich ziehe nur meine Ellbogen krampfhaft in die Höhe und an mich, um die empfindlichen Weichteile zu schützen. Ich bin sogar sehr vergnügt — au, das war wieder ein niederträchtiger Puff — denn das gibt doch eine wirklich ulkige Geschichte für die lustige Sonntagsbeilage... au, Donnerwetter! Absichtlich lasse ich mich ohne eigenen Willen weiterpuffen, um meine Gefühle ganz echt zu genießen und später ja nicht zu übertreiben. Man tut das so leicht als Zeitungsmensch! Gottseidank, die Echtheit läßt nichts zu wünschen übrig! Ich verspüre die spitzen Ellbogen mit vollendeter Deutlichkeit.
Weshalb, warum jedoch werde ich so gepufft und so gestoßen?
Nur langsam begreift mein männlicher Intellekt den Witz der Sache. Hm. Hüte zu betrachten und Hüte auszuwählen, mag zwar ein Gedränge verursachen, aber keine Schlacht. Hm. Doch, jetzt hab' ich's.
»Dies ist mein Hut!« schreit ein Krimmermantel.
»Sie haben ihn mir ja aus der Hand gerissen!« erwidert entrüstet die Astrachanjacke.
Sie funkeln sich giftig aus schillernden Katzenaugen an — und ich habe endlich verstanden! Unter diesen Hüten sind manche außerordentlich preiswert, lockspeisenhaft billig, halb geschenkt und — gerade diese Hüte herauszufischen, ist offenbar der Zweck der Uebung! Da stolziert eine schlanke Brünette einher. In der linken Hand hält sie ein blumenbesätes Ungetüm hoch über ihren Kopf und mit der rechten pufft sie sich freie Bahn, um in der neutralen Zone da drüben eine Verkäuferin zu finden, die das Geschäft perfekt macht. Ich bekomme einen Nasenstüber von ihr und sie tritt mich kräftig auf den Fuß...
Es ist einfach unbeschreiblich.
Man drängt sich, pufft sich, balgt sich um die Hüte, aber — und das ist für mich gewöhnlichen Mann das völlig Unbegreifliche — in dieser bissigen, echten, richtigen Balgerei werden die Hüte selber behandelt wie Zucker! Wie rohe Eier. Wie Wertpapiere. Sie reißen sich die bargains, die billigen Lockhüte, zwar gegenseitig aus den Händen, diese Hyänen des Warenhauses, aber mit spitzen Fingern und verflucht vorsichtig. Hm, ich habe wohl alles gesehen. Jetzt will ich auch einmal ein bißchen drängeln, weil sonst mein Ehrgefühl leidet. Doch auf dem Weg zur Freiheit sehe ich erst das Allerschönste.
An dem hochbeladenen Ecktisch dort werde ich auf einmal links zur Seite gedrängt von einem süßen kleinen Geschöpfchen, und als ich mich verblüfft umwende, hilft ein zweites Geschöpfchen energisch nach, während ein drittes mich endgültig noch weiter wegbefördert. Ich recke den Hals. Was ich da sehe, ist doch der Gipfel!
Das — ist — der Oster-hut-trust!
Die Mädels da um den Ecktisch sind offensichtlich Freundinnen und operieren auf gemeinsame Rechnung und mit gemeinsamen Kräften zum Schaden der Outsider. Wie eine Kette umringen sie den Tisch, und keiner kommt 'ran, bis sie sich nicht in aller Gemütlichkeit alles beschaut und den richtigsten, den passendsten, den süßesten Osterhut ausgewählt haben...
Alle Hochachtung!
Ich bin wieder in der Freiheit. Grinsend betrachte ich das wimmelnde Gewühl, die gierig zugreifenden Hände, die tanzenden bunten Flecke. Und ich überlege mir, daß ein schöner Titel wäre:
»Die wilden Weiber des Warenhauses«
— stelle aber errötend fest, daß man auf gar keinen Fall eine Amerikanerin ein wildes Weib nennen darf, selbst wenn das süße Geschöpf auch einmal ein bißchen spektakelt. Der Titel heißt:
»Der Kampf um den Osterhut!«
Nein, das ist nicht schön genug. Der Titel muß heißen:
»Wie ich meiner Frau einen Osterhut kaufen wollte!«
Da kann man so schön dazulügen.
Im Montgomery erzählte ich die Geschichte Flossy, nicht ohne schön dick und farbig aufzutragen, wie das mein Beruf ist.
»Das ist nichts für Männer,« sagt Flossy trocken. Sie hat keine Spur von Verständnis und keine Ahnung von Humor. »Bei einem so billigen Verkauf muß man doch eben rasch zugreifen. Eigentlich hättest du mir einen Hut mitbringen können. Diese Männer sind zu ungeschickt!«
»Ich hab' einen wunderschönen für zwei Dollars dreiundneunzig gesehen,« sage ich boshaft.
»Warum hast du ihn dann nicht mitgebracht?«
»Eine von den girls hat ihn mir aus der Hand gerissen.«
»Zu dumm!«
Und ich lache vor mich hin, stürze mich in den Smoking, der im Lande der angeblichen Freiheit eine Unerläßlichkeit ist, wenn man Restaurants wie Delmonicos besuchen will, und sitze eine halbe Stunde später Franky gegenüber an einem der winzigen Tischchen des berühmten Neuyorker Schlaraffenheims. Es war ein toller Abend, der mit Cocktails begann, mit furchtbar viel Mumm endete, und mit schrecklichem Gerede erfüllt war. Aber er war wunderschön. Beim Nachhausegehen sahen die Wolkenkratzer beängstigend wackelig aus und der schnurgerade Broadway merkwürdig schief. Aber an das Schwitzladenmädel dachte ich doch noch. Nur nicht so recht praktisch, sondern ich sah mich als großen sozialen Reformator, umjubelt von Abertausenden dankbarer Menschen. Sie arbeiteten jetzt in großen luftigen Sälen und nur sechs Stunden im Tag. Sie hatten ihren Lohn verdoppelt bekommen. Alles durch mich!