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Der Deutsche Lausbub in Amerika, Erinnerungen und Eindrücke. Band 3 (von 3)

Dritter Teil (continued 4)

Reading edition

Ich warf meine Zigarre weg und setzte mich aufrecht hin.

»Was ist das, Haveland?«

Diesmal grinste Frederick Haveland nicht.

»Es ist ein einfacher Geschäftsvorschlag,« sagte er leise. »Von Mann zu Mann. Las gestern deine Kirchhofssache in der Dispatch. Erinnerte mich an dich. Jung und enthusiastisch. Erfuhr auf der Zentrale, daß du im Palace stopptest. Sagte mir: den schluck' ich über. Schlage dir vor, gemeinsam mit mir eine kleine Reise nach, sagen wir im allgemeinen, nach Venezuela zu machen. Dauer unbestimmt, aber länger als fünf Wochen unwahrscheinlich. Sache nicht gerade gefährlich, aber auch nicht ungefährlich. Sämtliche Kosten trage ich. Du würdest unter meinen Orders stehen. Veröffentlicht darf ohne meine Zustimmung nichts werden. Was für dich dabei herausspringt, ist Risikosache. Wie denkst du darüber?«

»Abgemacht!« keuchte ich.

Mir war, als stünde mir das Herz still.

Dröhnend hämmerte der Blutschlag gegen meine Schläfen. Ich fühlte, wie sich die Luft in meinen Lungen staute. Mein Atem kam und ging in kurzen leise pfeifenden Stößen. Großer Gott, hatte mir da der Zufall endlich, ach endlich, die Wirklichkeit der Sehnsuchtsträume in den Schoß geworfen: das große Ereignis! Nicht eine Sekunde der Ueberlegung bedurfte ich. Nur der einzige Gedanke war in mir: Zugreifen! Zupacken! Nur nicht tüfteln und deuteln, nur nicht klug sein wollen. Denn in der Ferne schimmerte das große Ereignis, das Abenteuer.

»Das dachte ich mir!« sagte Haveland, und etwas eigentümlich Warmes war in seiner Stimme und in seinen Augen. »Aber — weshalb hast du augenblicklich ja gesagt?«

»Weil ich, nun, weil ich einmal so bin, und weil der mir bekannte Mr. Haveland den Vorschlag macht und nicht ein x-beliebiger Mr. Smith oder Mr. Meyer. Das ist klar.«

»Auch das hoffte ich.«

»Weshalb aber hast du gerade mir den Vorschlag gemacht?«

»Zufall, wie ich sagte. Zerbrach mir seit drei Tagen den Kopf, wo ich einen geeigneten Partner hernehmen sollte. Einen Partner aber mußte ich aus bestimmten Gründen haben. Hm ja.« Er sah auf seine Uhr. »10 Uhr 53. Ich darf den 12 Uhr 10 Expreß nach Chicago nicht versäumen — muß dort mit einem Mann sprechen. Ich treffe dich am Montag in Galveston, Texas, im Planter Hotel. Ich werde dir einen Scheck über fünfhundert Dollars für Auslagen ausstellen — einen Augenblick!«

Er holte ein Scheckbuch hervor und schrieb. Diese absolute Wortkargheit, diese eiserne Ruhe war mir zuviel, denn am liebsten hätte ich ja gebrüllt vor Aufregung.

»Ich muß doch etwas wissen, Haveland!« stieß ich hervor.

»Hm, fünfzehn Minuten habe ich noch. Was weißt du über Venezuela?«

»Das Uebliche. Aktuelle.«

»Natürlich. Ich darf noch nicht viel reden, mein Junge. Kannst du dir denken. Wir wollen aber von der Voraussetzung ausgehen, daß in einem Staat wie Venezuela, dessen politische und wirtschaftliche Verhältnisse augenblicklich unstabil sind und den Amerikanern, die seinen Handel betreiben, ein unerhörtes Risiko aufnötigen, der wirtschaftliche Kampf des Kaufmannes sich dann und wann in primitiven und brutalen Formen abspielen muß. Wir wollen auch nicht vergessen, daß der Amerikaner durch den anstrengenden Aufenthalt in den Tropen nicht gerade energischer wird. Angenommen nun, daß sich gewaltige amerikanische Geldinteressen auf Asphaltgewinnung in Venezuela konzentrieren — angenommen, daß zwischen der betreffenden Gesellschaft und der bestehenden Regierung Differenzen entstanden sind, die eine Regelung mit Hilfe der offiziellen Diplomatie nicht vertragen, peccatur intra muros et extra — angenommen des weiteren, daß einerseits eine im Gang befindliche revolutionäre Bewegung der Gesellschaft Vorteile verspricht, und andererseits die bestehende Regierung den kranken Leiter der betreffenden Interessen durch Gewaltmaßregeln eingeschüchtert hat — all dies angenommen, so ist es sehr begreiflich, wenn die erwähnten Interessen eine unauffällige Persönlichkeit an Ort und Stelle senden, um Abmachungen zu treffen und den Gang der Dinge zu beschleunigen. Vielleicht muß dabei auch ein bißchen geschossen werden. Nicht viel. Nur gerad, was nötig... Hm ja. Wir sprechen noch über Einzelheiten. Meine Zeit ist um. Da ist der Scheck. Auf Wiedersehen im Planters Hotel in Galveston, lieber Junge!«

Und in wackelndem, schwerem Krähengang schritt Frederick Haveland der Drehtüre zu. Er sah ungemein solide und höchst wohlhabend aus, wie einer, der sich bürgerlichen Erfolges und geregelter Verhältnisse erfreut.

Ich sah ihm starr nach.

Wie ich Flibustier wurde.

In Galveston. — »Na, immer noch nicht gehenkt?« — Die undurchsichtige Venezuela-Transaktion. — Ich lasse mich auf ein »Geschäft ohne Reden« ein. — Flibustier. — Das Werben der Rekruten. — Jack, der Nevadamann. — »Wenn ich heute Haveland erwischen könnte!« — Wir schmuggeln uns auf den Dampfer. — Unterwegs nach Venezuela. — Die »City of Hartford.« — Klarierte Ladung mit Nebenzwecken. — Ein kleiner Namenwechsel auf hoher See.

Der tolle Streich, der im Restaurant des Palace Hotel in St. Louis mit ein wenig Geplauder und einem völlig unmotivierten Scheck begann, sollte mein letzter werden im Lande der Unruhe, und sechs kunterbunte, zappelige, grell ereignisreiche Wanderjahre nett symbolisch beschließen. Aber hübsch der Reihe nach — —

Es war in Galveston:

»Jawohl, Herr — Eis-Tee!« sagte der Negerkellner, rollte die Augen, wie alle Neger es aus unerfindlichen Gründen tun, und grinste, wie alle Neger ohne besondere Ursache grinsen. Es war drückend heiß. Ich fühlte, wie mein Kragen sich langsam in seinen ungestärkten Urzustand zurückverwandelte, und wunderte mich, ob es wohl der Mühe wert sein würde, wenn ich die ungeheure Energie aufwendete, eine Treppe hoch zu meinem Zimmer zu steigen und einen neuen umzubinden. Mit unendlicher Faulheit, beschleunigte doch jede Bewegung das Erweichen des Kragens, sah ich mich um. Einige Herren in weißem Leinen oder gelber Rohseide saßen in den Korbstühlen des Rauchzimmers, Fliegen kletterten an dem elektrischen Kronleuchter des Planters Hotel hinauf und hinab, ein trotz allen Drahtgitterschutzes eingedrungener Moskito jagte vergnügt surrend nach Blutbeute. Da waren vortrefflich gedeihende Palmen, reiner gelber Sand auf dem Boden, aber schmutzige Fenster, rauchgraue Vorhänge, zerbrochene Rückenlehnen der Stühle als Symbole der zeitgeheiligten Schlamperei des amerikanischen Südens. In mir war keine Mißbilligung. »Der Teufel mag energisch sein in dieser Hitze!« dachte ich mir nur und träumte von der Farm hundert Meilen weit weg und den Baumwollfeldern und dem kleinen Texasstädtchen und den alten lieben Menschen. Wie hoch ich über dem Erleben vor sechs Jahren stand! Wie alt ich jetzt war und weise! Wie anders würde ich das heute anfangen, und doch, wie schön war es gewesen — — ein Zusammenfahren, ein blitzschnelles Zuschlagen der Hand — da hatte Freund Moskito eingestochen. Genüßlich schlürfte ich den eisigen Tee.

Und mit einemmal war mir zumute, als säße ich auf den Knien einer Gottheit und wartete still des schicksalbestimmenden Willens.

»Na, immer noch nicht gehenkt?« sagte eine sonore Stimme.

Und ich fuhr empor wie aus der Pistole geschossen, weil tief innen in mir gewaltige Erregung war, und stotterte ein idiotisches »How d' you do, Haveland; sehr erfreut, dich zu sehen...«

»Guten Tag, lieber Junge!« sagte Frederick Haveland und grinste. »Heiß, nicht wahr? Nun, auf der Karibischen See wird es noch viel heißer sein. Wir wollen aus dem Eistee einen Whisky und Soda machen, wenn es dir gefällig ist, und uns mit Geschäften befassen. Zeit drängt ziemlich. Ich habe mit einem Mann in Chicago geredet und meine letzten Informationen erhalten. Danach sehen die Dinge so aus, wie ich es befürchtet hatte. Unser Mann sitzt in einem Landhaus — was man so ein Landhaus nennt in Venezuela — nicht weit von La Guayra, was wiederum nicht weit von Caracas ist, verkonsumiert ungeheure Mengen Chinin und hat sich verrechnet. Es ist eine lange Geschichte, die ich dir ganz gewiß nicht erzählen werde. Nur soviel: Unser Mann glaubt, daß Cipriano Castro im Fallen ist, spekuliert auf politische Baisse mit einer halben Million Schatzscheine der Vereinigten Staaten, die anderen Leuten gehören, pflegt schlechten Umgang und ist eigensinnig; wir aber wissen seit vierundzwanzig Stunden, daß Präsident Castro trotz aller internationaler Verwicklungen fest im Sattel sitzt, und haben entsprechende Schritte getan. Teils übers Kabel, teils durch einen Mann, der jetzt auf dem Neuorleaner Postdampfer wohl schon unterwegs ist. Ich für meinen Teil habe nun die nette Aufgabe, unseren Mann, der viel weiß, sehr große Verdienste hat und einen ganz eigenen Kopf, eines Besseren zu belehren und ihn aus den Händen von Leuten zu befreien, die das Verbrechen begehen, die verlierende Seite darzustellen.«

»Daraus soll der Teufel klug werden,« sagte ich ärgerlich. »Wofür hältst du mich eigentlich?«

»Glaubtest du etwa, ich würde dir Informationen auf den Tisch legen, deren Wert nicht zu ermessen ist?« fragte er eisig kalt. »Geschäft ist Geschäft. Dies ist ein Geschäft ohne Reden. Möglich ist, daß eine Zeitungssache ersten Ranges daraus wird, die ich dir überlasse; sicher ist, daß deine Ausgaben überreichlich gedeckt werden. Großer Gott! Ich dachte, du seist ein Praktikus und ein Draufgänger!«

»Ich habe nachgedacht,« sagte ich.

»Und was ist das Resultat?« sagte Haveland scharf.

»Eine Frage: Weshalb brauchst gerade du gerade mich?«

»Deswegen: Weil Enthusiasten, die auf Kirchhöfen herumkriechen, entweder nicht gerade häufig sind oder aber gefährlich — weil ich Leute mitnehmen muß, so zwanzig Mann — weil ich mit der Sorte nicht umgehen kann, denn mich würden sie wahrscheinlich totschlagen — weil ich glaube, daß du der rechte Mann bist — und weil ich für junge Menschen etwas übrig habe...«

»Abgemacht!« sagte ich kurz.

Ich sehe die Szene vor mir, den Raum. Seine Korbstühle, seine kleinen Tischchen mit Kupferplatten, die Gläser auf ihnen, seine gleichgültigen Menschen, die stumpf rauchten, die Hüte im Nacken, oder flüsternd miteinander sprachen. Den Mann. Sein hartgeschnittenes Gesicht mit dem ewigen Lächeln, seinen schönen Mund mit dem eckigen Härtezug um die Winkel, seine lässige Haltung, sein Selbstbewußtsein, das beherrschte und überzeugte ohne viel Worte, als ob Energiefunken übersprängen von einem Menschen auf den andern. Und ein Lächeln stiehlt sich über mich. Wenn mir Haveland damals gesagt hätte, er gedenke, sich zum Präsidenten von Venezuela zu machen und mich zu seinem Kriegsminister, so würde ich das eine höchst verständige und ungemein begeisternde Proposition gefunden haben...

»Ich bin gebunden,« fuhr er fort. »Ich werde dir sagen, was und wieviel ich sagen kann.«

Da fragte ich nichts mehr.

Eine Stunde später war ich Flibustier geworden und befand mich in scharfem Konflikt mit den Gesetzen der Vereinigten Staaten.

Denn ich warb Männer für eine bewaffnete Expedition nach einem fremden Land. Nichts anderes war es im Grunde. Mir freilich bedeutete es nicht mehr als einen tollen Streich so ganz nach meinem Herzen, der durch das lockende große Ereignis nicht nur völlig gerechtfertigt wurde, sondern einen großartigen Zug annahm, heroischen Charakter. Herrgott, was waren das für Zeiten! Das vererbte Soldatenblut regte sich. Frau Phantasie und Herr Leichtsinn, ständige und getreue Mitarbeiter eines der größeren Gemächer im Lausbubengehirn, müssen feine Tage gehabt haben. Ich hatte mich außer im Planters Hotel augenblicklich noch in einem zweiten, billigen Hotel eingemietet, unter dem schönen Namen eines Mr. John Smith aus Chicago, und ein billiges Köfferchen mitgebracht, nagelneu, in dem ein nagelneuer fertiggekaufter Anzug verborgen war; ein Anzug, wie ihn ein beliebiger Galvestoner der einfacheren Klassen getragen haben würde. Für die Maskerade und das ständige Wechseln vom einfachen Hotel zum Planter's House und zurück — ich war bald da, bald dort — sprachen gute Gründe: es sollte der Neugier nicht so leicht werden, festzustellen, wer ich war.

Heidi, wie schlau ich mich dünkte! Wie vorsichtig und gewitzigt ich mir vorkam! Nun trug wirklich, so schien es mir, das Erleben in den Wanderjahren auf dem Schienenstrang seine praktischen Früchte. Ich, ego, moi même, ich und nur ich, das Ich mit einem großen Wir von Gottes Gnaden geschrieben, war doch ein ganz verteufelter Kerl, denn ich wußte, wo man die Männer zum Abenteuern herbekam und wie man mit ihnen redete und auf welche Weise solch' eine kitzliche Angelegenheit eingeleitet werden mußte!

Wo Kohlenhaufen am Frachtbahnhofende ein gutes Versteck boten für Eisenbahnwanderer, wo leere Frachtwagen bei den Lokomotivenschuppen urbilliges Obdach anzeigten, wo in den Sträßchen dicht am Schienenstrang in kleinen Wirtschaften billiges Bier verkauft wurde, da waren die Männer zu finden, die man für Venezuela brauchte. Die Richtigen ließen sich leicht unterscheiden von den Falschen. Drückt doch das harte Trampleben dem Eisenbahnwanderer bald einen leicht lesbaren Stempel auf. Der Lebensschwache verludert, wird scheu, hat etwas Unterwürfiges, während der richtige Bruder Sausewind klare Augen und lustigen Sinn sich bewahrt.

So einen fand ich in der ersten Viertelstunde.

Er hopste gerade aus einem leeren Frachtwagen eines langsam einfahrenden Zuges. Brennend rotes Haar hatte er, das vergnügt unter der Mütze hervorguckte, ein lustiges Gesicht, und eine sechs Fuß hohe Gestalt. Hosen und Rock waren ganz ordentlich.

»Hier! Jack!« rief ich.

Der Mann drehte sich um. »Schon wieder einer!« sagte er gedehnt im weichen Englisch der Weststaaten. »'s scheint mir, als ob's 'n bißchen zu viel Eisenbahnpolizei gäbe in dieser Höllengegend, für meinen bescheidenen Geschmack wenigstens. Well, and that's allright. Kann's nicht ändern. Wieviel brummen sie einem auf für das bißchen Spazierenfahren in eurem verdammten Loch von der Stadt?«

»Weiß ich nicht,« grinste ich. »Trinken wir ein Glas Bier?«

»Trinken wir — well, ich will Methodistenpfarrer werden, wenn das nich' komisch ist! Wie heißt das Spiel? Heilsarmee?«

»Nein.«

»Hm, die operieren auch nicht mit Bier. Na, Polizei sind Sie keinesfalls. Also her mit dem Bier!« — Da waren wir schon in dem kleinen saloon gegenüber. »Meinen Respekt!« sagte der Mann mit den roten Haaren.

»So!« sagte ich. »Können Sie Arbeit gebrauchen?«

»Was für Arbeit?«

»Etwas ungewöhnliche Arbeit.«

»Das hört sich fischig an,« sagte der Rote gemütlich. »Einbrechen is nich'! Jemand umbringen is nich'! Jemand hauen is nich' — das mach' ich nur zum Vergnügen. Aber das Bier ist gut! Weiter!«

Und er lachte mich seelenvergnügt an.

Ich entschied rasch, daß mein Mann einer von der richtigen Sorte war, und entschloß mich augenblicklich, nicht mehr lange auf dem Busch herumzuklopfen. Ueberdies drängte die Zeit.

»Es mag etwas für Sie sein,« sagte ich, »und es mag nicht etwas für Sie sein, aber ich habe viele Leute vom Schienenstrang gekannt, und wenn Sie mir in drei Worten sagen, was Sie treiben, so will ich Geschäft mit Ihnen reden.«

Nun ging es blitzschnell:

»Nevada-Mann,« sagte er. »Carson City. Silberminen gearbeitet — verdammter Narr gewesen und mit dem bißchen Ersparten auf Silber prospektet — Kuhtreiber dann — wieder Silberminen — Kuba mit Rauhen Reitern...«

»Was!« ruf ich.

»Roosevelt — Rauhe Reiter — hab' mein Entlassungspapier als Korporal übrigens in der Tasche. 'rumgewurstelt — setz' mir in den Kopf, daß ich den sonnigen Süden 'mal sehen will, is aber eine Saugegend. Das wär' alles.«

»Allright,« sagte ich. »Zeitungsmann — Zeitungssache an Hand, — handelt sich um eine Geschichte, die mit einer Dampferfahrt anfängt, irgendwohin, und vielleicht damit endigt, daß man sich seiner Haut ein bißchen wehren muß, und zwar gegen Niggers — dazu brauche ich ein Dutzend Männer, auf die man sich verlassen kann — Sache dauert etwa fünf Wochen — fünfundzwanzig Dollars per Woche — und nach meinem besten Wissen tragen ich und mein Freund das wirkliche Risiko und nicht die Männer mit uns. Das wäre so ungefähr die Idee. Jawohl und hier sind fünf Dollars, damit Sie den Mund halten. Habe ich darin falsch kalkuliert?«

»Nee!« sagte der Rothaarige. »Das nenn' ich reden. Stell' mir vor, daß es so'n bißchen Waffenschmuggel ist nach Haiti oder Südamerika, was der Sohn meines Vaters nich' sündhaft findet. Und — für fünfundzwanzig Dollars in der Woche rutsch' ich augenblicklich nach der Hölle und wieder zurück, immer vorausgesetzt, daß ich nicht 'n Spitzbube sein muß dabei! Danke schön und willkommen — das nenn' ich Geschäft reden!«

So fand ich den ersten richtigen Mann.

Jack — einen anderen Namen hat er nie genannt, und ich habe nie einen anderen wissen wollen — ging mit Feuereifer ins Zeug. Er redete wenig und fragte nichts. Aber er war es, der in einer Nacht und einem halben Tag den Fremdenverkehr Galvestones, soweit er aus Männern ohne Hab und Gut bestand, so gründlich durchsiebte, daß mir wenig mehr zu tun übrig blieb, als Ja und Amen zu sagen. Wir trafen uns alle zwei oder drei Stunden in verschiedenen kleinen Wirtschaften oder abgelegenen Winkeln des Frachtbahnhofs, und jedesmal brachte Jack Rekruten mit. Da waren drei frühere Reguläre, ein Sergeant darunter; zwei Irländer, die sich schmunzelnd die Lippen leckten, als sie erfuhren, daß die Aussichten auf eine Rauferei nicht schlecht seien; zwei verwitterte alte Gesellen, die vor undenklichen Zeiten Vorarbeiter im Panamakanal gewesen waren; ein paar Cowboys, und etliche junge Menschen ohne Gepräge, aber stark, jung, gesund, und weltweise in der Art des amerikanischen Westens — sechzehn Mann.

»Nette Bande!« sagte Haveland, als ich ihm erzählte.

»Mir gefallen sie ausgezeichnet!« sagte ich. »Daß man dir für deine doch etwas abseits des Hergebrachten liegenden Zwecke brave Sonntagsschüler mit glänzenden Charakterzeugnissen zur Verfügung stellt, kannst du übrigens nicht verlangen!«

»N—no!« meinte er grinsend. »Halte sie aber lieber im Zügel von allem Anfang an!«

»Selbstverständlich!« antwortete ich kalt.

Denn da mit dem Amt zwar nicht immer der Verstand, aber ganz bestimmt die Anmaßung kommt, so bestand für mich gar kein Zweifel darüber, daß meine sechzehn Mann gutwillig oder böswillig nach meiner Pfeife zu tanzen hatten...

Jack war prima! Ganz von selber hatte er sich zu einer Art Adjutanten gemacht, schafherdete die Gesellschaft, verteilte sie auf Einlogierhäuser, zahlmeisterte halbdollarweise Amüsiergeld, hielt alles in gutem Humor, und log wie Ananias, wenn er mit Fragen geplagt wurde. Ich selber hatte in diesen verrückten drei Tagen die Hände so voll Arbeit, daß ich kaum zur Besinnung kam, und war so seelenvergnügt dabei, daß ich mich um alle Welt nicht zur reinen Vernunft hätte zwingen können. Halb Zeitungsmann sein, halb Glückssoldat, halb praktisch deichseln, halb nebelhaft ins Unbekannte hineinträumen — das war so die richtige Mischung für mein Ich von Anno dazumal. Da sollte man wägen, fragen, zaudern? Nein, Tropenanzüge für die Bande mußte man vorsichtig zusammenkaufen; Wäsche, Kautabak, Pfeifentabak, Revolver, gute starke Messer, vernünftigen Proviant und weiß Gott was alles. Oh, es war sehr schön!

Ich gäbe so manchen Tausendmarkschein darum, wenn ich noch ein einzigesmal genau so jung, genau so töricht und genau so absolut glücklich und zufrieden sein könnte — — —

Haveland arbeitete mit subtileren Mitteln.

Da war immer »ein Mann, den er kannte«, und Arrangements, die längst verabredet waren, und gewichtige Schecks, die Wunder wirkten, und über allem seinem Tun lag ein geheimnisvoller Schleier. Es ist mir die lustigste Erinnerung, die sich an diesen verrückten Streich knüpft, daß ich so kindlich bescheiden, so herzerquickend simpel mit den mageren Aufklärungen zufrieden war, die Mr. Geheimnistuer Haveland gütigst zu machen geruhte. Oh, ich wußte gar nichts! Ich weiß heute noch nicht viel, denn die Ereignisse sorgten dafür, daß die Zusammenhänge mir verborgen blieben. Ich wußte nicht, wer alles die Hände im Spiel hatte; ich wußte nicht, was das Endziel eigentlich war; die Gefahr, den Zweck, das Objekt — ich kannte sie nicht. Scherte mich auch den Kuckuck darum. Kann man doch wie betrunken werden von Abenteuerlichkeiten. Man sieht unklar, träumt im Wachen. Ich fand durchaus nichts besonderes darin, daß Haveland kaum zwanzig Worte auf die Mitteilung verwendete, wir würden heute nacht pull out, 'rausrutschen; ich wagte nicht, Fragen darüber zu stellen, wie es kam, daß ein Dampfer fix und fertig für uns dalag; ich war nur sonnenvergnügt, völlig zufrieden damit, das Meinige, das Naheliegende zu tun, als getreuer Vasall, und irgend etwas Unerhörtes zu erwarten.

Freilich, wenn ich heute Haveland erwischen könnte —

Aber immer hübsch der Reihe nach.

Nachts um elf Uhr begaben wir uns auf den Galvestoner Frachtbahnhof und zwar auf krummen Wegen. Hinten herum. Wir kletterten über Zäune und stolperten über Kohlenhaufen. Jack fanden wir an der Stelle, die ich verabredet hatte, und ein leiser Pfiff brachte hinter Frachtwagen und Böschungen hervor meine Leute zusammen. Vorsichtig schlichen wir dem roten Licht zu, das am Frachtbahnhofende vom Hauptgeleise leuchtete, stiegen rasch in den leeren Wagen — ein kurzes »Abdampfen, Jimmy!« des conductors — und der Zug setzte sich in Bewegung. Er bestand aus einer Lokomotive und zwei Frachtwagen; in dem ersten Wagen war unser Gepäck, im zweiten hockten wir. Wie Haveland das gemacht hatte, inwiefern die Eisenbahngesellschaft beteiligt war, das wußte ich nicht. Aber der Trick war kindlich einfach.

Nach zehn Minuten Fahrt hielten wir in einem Hafenschuppen am Wasserrand. Die Lokomotive koppelte ab, dampfte zurück, woher sie gekommen war, und die Tore wurden sofort geschlossen. In einer halben Stunde waren die Kisten und die Säcke an Bord des kleinen Dampfers gebracht, der am Wassertor des Schuppens lag, und wir selbst alle miteinander in einem Winkel des Laderaums höchst ungemütlich verstaut, ohne daß irgend jemand draußen auch nur hätte ahnen können, was in dem Schuppen und dem Dampfer vorging — worauf wir und insbesondere Haveland einiges Gewicht legten. Gesellschaftliche Beziehungen zur Hafenpolizei waren uns augenblicklich sehr unerwünscht! Die Nachtstunden in dem übelriechenden Loch wären langweilig gewesen, wenn nicht Jack, das Juwel, immerwährend Geschichten von Pferdedieben und Richter Lynch und Minenkönigen Nevadas erzählt hätte, die uns die leise bestehende Verstimmung vergessen ließen. Ich hatte nämlich verschiedene Whiskyflaschen konfiszieren müssen. Und so etwas nimmt ein Glückssoldat leicht übel...

Schrille Glockentöne erklangen lärmend — ding — ding, ding — ding, ding, ding.

»'s geht los!« sagte Haveland, die Mundwinkel nervös zusammenziehend.

Wir saßen da, mit einemmal stille geworden. Gedröhne, Gepolter, Geräusche. Die Schiffswände erzitterten, die Schraube begann zu arbeiten, die Glocken klingelten, und langsam wurde aus dem Wirrwarr von Geräuschen der stete Arbeitstakt des Schiffes. Eine Stunde mochte vergangen sein, als durch die Luke herab eine knarrende Stimme rief:

»Sie mögen an Deck kommen, meine Herren!«

Wir kletterten die Leiter hinauf.

»Der Bootsmann wird Ihren Leuten die Quartiere zeigen, Mr. Haveland,« sagte ein kleiner Mann mit fuchsigem Spitzbart, schlichten knappsitzenden blauen Kleidern, kecker Mütze. »Darf ich die Herren in den Kartenraum bitten? Steward, drei Gläser, eine Flasche und einen Syphon!«

»Jack, sieh zu, daß alles in Ordnung ist,« warf ich hin.

»Kapitän Boardmann — mein Freund und Partner Carlé,« stellte Haveland vor.

»Well,« sagte der Kapitän, »sehr erfreut, Mr. — was ist es — Carley? Wir trinken, wenn es Ihnen beliebt, meine Herren, auf glatte Fahrt und einsamen Weg. Ich muß auf die Brücke. Ich habe die Steuermannskabinen für die Herren zurechtmachen lassen — dies ist sozusagen kein Passagierschiff. Steuermann haust beim Ingenieur — auf'm Boden — Matratze — nee, ein Passagierschiff ist dies nicht. Sonst alles in Ordnung, sir« (zu Haveland). »Gu—uten Morgen!«

Der Kartenraum war ein Loch.

»Dreckiger, alter Kasten,« sagte ich.

»N'n' ja,« grinste Haveland. »Boardmann, der alte Spitzbube — er ist Kapitän und Eigentümer zugleich — beabsichtigt auch gar nicht, an Schönheitskonkurrenzen für Trampdampfer teilzunehmen. Aber seine Maschinen sind tadellos in Ordnung. Sie kosten ihm ein Drittel der Profite. Schnellstes Schiff in der Gegend. Wir haben forcierten Kesselzug und Hilfs-Oelfeuerung und doppeltes Maschinenpersonal, in Summa sechzehn Seemeilen die Stunde, was kein Mensch ahnt. Dja. Für Anstrich jedoch gibt er keinen Pfennig aus. Wir sind 'n prima Kern in dreckiger Schale, mein Sohn!«

»Was meint er mit dem einsamen Weg?«

»Hm. Na, können ja darüber reden. Wir haben eine Ladung für Caracas, Schnellfeuergeschütze und Mausers und Patronen für die venezolanische Regierung, was ganz rechtmäßig ist... Unsere Papiere sind völlig in Ordnung.«

Ich pfiff grell durch die Zähne und fiel beinahe auf den Rücken vor Erstaunen.

»Aber,« fuhr Haveland fort, »unter Umständen können auch — hm — andere Leute unsere Maxims und die Patronen und so weiter kriegen. Ist Gefühlssache. Na, und wir möchten gern niemand begegnen, weil wir vorher, vor unserer eventuellen Ankunft in La Guayra, das ist nämlich der Hafen von Caracas, gänzlich inoffiziell unseren kleinen Abstecher zu unserem bewußten Mann machen, was wir uns bei unserer Geschwindigkeit erlauben können. Dja — es ist kompliziert. Halte um Gotteswillen deine Leute in Ordnung. Hast du einen Revolver in der Tasche?«

»Zwei!« sagte ich vergnügt. »Und unsere Route?«

»Gott! Karibische See! Sieh' doch auf die Karte!«

Und kein Wort mehr brachte ich aus ihm heraus, war so recht Haveland.

Stampfe — stampfe — ging das Schiff seinen unerbittlichen Weg. Im steten Dahinfliegen von Dampfern liegt etwas wie die Unabänderlichkeit des Schicksals. Immer gerade aus. Immer vorwärts. Es war gelbnebelig draußen, und drückend heiß schon, trotzdem die Sonne kaum aufgegangen war. Ich stolperte über das unordentliche Deck hin und sah mich nach meinen Leuten um. Sie lagen, vorne neben dem Matrosenlogis, in winzigen Kojen in einem dumpfen Raum, der wohl für Geräte bestimmt war, und schliefen. Mißbilligend stellte ich fest, daß es nach Whisky roch.

»Ein zweitesmal gelingt euch das nicht, Jungens!« dachte ich mir vergnügt.

Als ich die schmale Leiter wieder hinaufkroch, sah ich auf dem Deck bei der Donkeymaschine einen verwitterten Graubart knien, der auf ein langes Stück schwarzgestrichener Leinwand emsig große weiße Buchstaben pinselte. S — T — A — —. Neugierig trat ich näher, aber der alte Kerl nahm nicht die geringste Notiz von mir. Da berührte mich eine Hand an der Schulter, und Haveland stand neben mir, eine Zigarre im Mund, grinsend wie immer.

»Im bürgerlichen Seeleben heißen wir »City of Hartford«,« sagte er. »Hübscher Name. Und sehr respektabel. Da wir aber in dringenden Privatgeschäften reisen, und unterwegs nicht gesehen und nicht gemeldet zu werden wünschen, so nehmen wir einen Fetzen Leinwand, malen Buchstaben darauf, nageln den neuen Namen über Heck und Bug, und sind — presto — auf einmal der Dampfer »State of New York«. Der existiert wirklich, sieht uns ungemein ähnlich, und fährt auch irgendwo hier herum. Im Jamaikageschäft. Wie verblüffend einfach es doch ist, ein bißchen zu schwindeln!«

So fuhren wir also auf einem falschnamigen, mit Geschützen vollgepfropften, verdächtig schnellen, richtig blockierten, aber doch wieder krummwogigen Dampfer gen Venezuela. Zu was nun eigentlich? Dja, das war mir wahrhaftig völlig gleichgültig!

Je geheimnisvoller das Ereignis — desto großartiger!

In Venezuela.

Auf dem Karibischen Meer. — Das Erschlaffende der Tropenfahrt. — An Ort und Stelle. — Die geheime Landung. — Der Fußpfad im Urwald. — »Santa madre de Dios«. — Das einsame Haus. — Der kranke Mann darin. — Wie Percy F. Matthews und Fred Haveland sich einigten. — Zurück zum Dampfer. — Wir werden beschossen. — Geplänkel im Urwald. — Die Raketen. — Weiter, weiter!

Stampfe — stampfe...

Und mit den Seemeilen rollten die unerträglichen Tage dahin, gefolgt von den unerträglicheren Nächten. Dann und wann tauchten, wie frei schwebend in der Luft, im glasigen Himmel Inseln und Landstrecken auf, undeutlich, nebelhaft, wolkenartig, oder ein Schiff in der Ferne wie eine vorbeihuschende Erscheinung — aber immer da waren die Unbarmherzigkeit der Glutsonne des Karibischen Meeres und die Schlaflosigkeit der feuchtschwülen Nächte. Ein wüster Traum der Trägheit schien das Leben und ein zu hassender Feind die ewig glatte Wassermasse; ekles Einerlei ihre ewig gleiche Bläue. Man schwankte auf Deck des Morgens nach fiebriger Schwitznacht, berührte eine glühendheiße Reeling, ließ sich stöhnend in den Dampferstuhl fallen, dessen Brettchen so heiß waren wie die Lagerstätten eines türkischen Bades; man rauchte, man trank gierig eisgekühlte Getränke, fast nichts essend, man verträumte im Halbschlaf den Tag im Dampferstuhl. Ungeheuerliche Willenskraft gehörte dazu, zu sprechen, ohne dem Menschen, mit dem man sprach, eine Beleidigung ins Gesicht zu schleudern; übermenschliche Anstrengung erforderte es, die Pflichten des Bemutterns den sechzehn Männern gegenüber zu erfüllen, die vorne am Bug auf Decken und Matratzen herumlagen, spielend, sich zankend, knurrig wie Hunde. Ich ließ aus Revolvern auf die zierlichen Delphine schießen, die um das Schraubenwasser spielten und die farbenglitzernden Leiber mit Blitzesschnelle umherschleuderten, aber es war träger Sport und schlechter Sport, und den Fischen geschah kein Leid; ich ließ die Leute sich gegenseitig mit Seewasser übergießen und machte Scherze dabei, über die weder ich selbst noch irgend jemand anders lachte; ich verteilte Kleider, ließ Waffen probieren, hielt Besprechungen ab, schlichtete Streitigkeiten, erzählte Geschichten — und tat das alles wie im Halbschlaf; wie eine Maschine, wie eine Uhr, die ihre aufgezogene Federkraft abschnurrt.

Das änderte sich mit einem Schlag.

Wir saßen abends im Kartenraum; Boardmann, Haveland, ich. Schweigend. Rauchten grüne Jamaikazigarren. Der Kapitän zeichnete den Kurs des Tages in die Karte ein.

»Well, meine Herren,« sagte er plötzlich in seiner wortkargen Art, »wir schaffen's bis vier Uhr früh; sagen wir viereinhalb Uhr!«

»Gottseidank!« schrie Haveland, aufspringend.

»Besondere Orders?« fragte der Kapitän.

»Nein. Wie verabredet. Andampfen, sofort landen, zurück aus Sicht, und warten. Das Signal ist eine Rakete.«

»Very good,« sagte Boardmann und verschwand.

»Das weitere kommt auf die Umstände an,« erklärte mir Haveland. »Ich kenne hier jeden Steg. Wir entscheiden von Schritt zu Schritt. Im voraus beraten, ist Unsinn. Oh, ich vergaß.« Er holte eine Kassette aus der Kajüte. »Steck' dir diese englischen Sovereigns ein« — eine Handvoll Gold war es —. »Sie sind das beste Geld hierzulande.«

»Allright,« nickte ich. »Aber —«

»Nicht reden, bitte,« stieß Haveland hervor. Er sah müde und alt aus.

Mir aber war zumute, als sei ich durch einen elektrischen Impuls urplötzlich wieder frisch, lebendig, stark geworden. Es war ertötend schwül. Ich jedoch glaubte wirklich, einen frischen belebenden Luftzug zu verspüren — ich war ein anderer mit einemmal — ich hätte jubeln können...

»Gut Glück!« rief ich lachend. »Gut Glück, Haveland!«

»Dummes Zeug, dummes Zeug,« brummte er. »Schlafe lieber noch.«

Und er warf sich auf das Banksofa rechts, ich auf das Banksofa links.

Kurz nach drei Uhr morgens weckte ich Jack und sagte ihm in wenigen Worten, es sei soweit. Dann holten wir die anderen aus den Kojen. Die elektrischen Glühbirnen hatten wir angedreht, vorher aber eine Decke über die Türe gehängt, denn das Schiff fuhr ohne Lichter. Alles lag gebrauchsfertig da; die Revolver, die Patronenschachteln, die sackartigen Feldtaschen mit Zwieback, Konserven, Zitronensaft in Zinnbüchsen gefüllt, die Feldflaschen mit einer Mischung von Tee, Rotwein, Eis, vom Steward zurechtgemacht. Auf dem schwingenden Tisch standen Gläser, eine Kanne mit starkem Kaffee, Teller mit Brot, Fleisch, Aepfeln, eine Flasche Whisky, und — etwas sehr Wichtiges — ein Medizinfläschchen mit Chininpillen.

»Essen!« sagte ich kurz. »Drei Finger Whisky für jeden Mann und eine Chininpille. Wir landen in einer halben Stunde. Es wird nicht gesprochen. Befehle werden nur von mir gegeben, und nichts wird ohne Befehl getan. Verstanden?«

»Yes, sir — yes, sir — yes, sir — —« rieselte es um den Tisch.

»Eure Revolver habt ihr nur zu dekorativen Zwecken. Dies ist ein Picknick. Wer ohne Order schießt — verstanden?«

»Yes, sir — yes, sir —« rieselte es wieder.

»Hat irgend jemand irgend etwas zu sagen?«

»Hu—rräh!« begann Jack, aber ich hob rasch die Hand. Dies war nicht die richtige Zeit, zu lärmen —

Die Schiffsschraube hörte zu arbeiten auf. Ich drehte das Licht ab, und wir stiegen an Deck. Das große Boot hing ausgeschwungen in den Davits. Haveland stand neben dem Kapitän auf der Brücke und starrte durch ein Nachtglas zu der dunklen Nebelmasse hinüber, die von Minute zu Minute schärfer in ihren Umrissen wurde und bald Hügellinien und schwarze Wälderflecke erkennen ließ. Dann wurde es in fast grellem Uebergang lichter. Wenige hundert Meter vor uns lag einsamer sandiger Strand, von dem jäh steile Hügel aufstiegen.

»Gut!« sagte Haveland. »Alles korrekt. Richtiger Platz. Geben Sie den Befehl, Boardmann!«

Das Boot glitt rasch der knallgelben Strandlinie zu. Haveland, der neben mir im Heck saß, nahm das Glas kaum von den Augen.

»Siehst du den Einschnitt bei dem Gestrüpp dort?« flüsterte er. »Die braune Linie? Das ist unser Weg. Früher waren hier Baracken der Küstenwachen. Sind jetzt verlegt. Die dunklen Punkte dort, ganz weit rechts. War schon dreimal hier. Waffen gelandet. Der Fußpfad führt fast schnurgerade hügelan, durch Urwald, drei Meilen weit, bis zu einer Rodung, die vor fünfzehn Jahren ein verrückter Kalifornier anlegte, um sich da ein einsames Haus zu bauen. Haus ist noch da, allright. Dort sitzt unser Mann. Gegend ist im übrigen nicht zu gebrauchen, weil oben auf dem Plateau sumpfig, aber uralter Rendezvousort für Revolutionäre. Augenblicklich auch — was der Haken ist. Kannst du irgend etwas Menschliches sehen?« Er gab mir das Glas.

»N—nein.«

»No! Please God, no!!«

Und leise knirschte der Bootkiel auf Sand, und wir wateten ein Stück weit in seichtem Wasser und sprangen mit langen Sätzen dem schützenden Gestrüpp zu. Vom Meer her leuchtete der Feuerball der Morgensonne. Gelbe Nebelfetzen umhuschten uns, qualmig nun, dann urplötzlich verschwunden, in leichten Dunst zerlöst, und aus den Bodennebeln wuchsen schreiende Farben von grünen Riesenranken und geil wucherndem Blattzeug, gelb und grün und braun, und ungeheuren Bäumen mit schreiendgrünen Blättern, und das alles begrenzte wie eine Mauer den dünnen brandigroten Pfad, und aus der Mauer kam schwülheißer verpesteter Odem. Irgendwo in der Nähe zeterten schrille Vogelstimmen. Ich war an Ranken gestreift und — stand stockstill, in maßlosem Ekel meinen Hals abstreifend, meine Hände, meine Aermel, denn ich war bedeckt mit kleinern Getier, mit winzigen Spinnen, langbeinigen kleinen Käfern, mit roten, braunen, grünen lebendigen Punkten — alles wimmelte.

»Hölle! Was ist das?« schrie Leggy — das war einer der Cowboys — »Ameisen? Skorpione?«

»Harmlos, ganz harmlos!« keuchte Haveland. »Vorwärts!«

Springend, laufend, ging es hügelan, dem zerrissenen, hartverkrusteten Pfad nach, der immer wieder von dornigen Ranken überwuchert wurde und dann zwischen riesenhaft aufragenden Palmen führte. Wir mußten uns durchdrängen, die Gesichter schützen, uns vor den tiefen Rinnen im Boden hüten... So verging eine Stunde härtester Anstrengung. Man kam gar nicht zur Besinnung. Plötzlich blieb Haveland stehen.

»Hundert Schritt weiter, und wir sind da,« sagte er leise, mich abseits ziehend. »Ich kann natürlich nicht wissen, ob Matthews — Percy F. Matthews, das ist unser Mann — ob Matthews da ist und ob er allein ist oder ob seine verdammten Freunde in der Nähe sind.«

Die wuchernden Wände öffneten sich.

Eine weite ebene Fläche lag vor uns, eingebettet zwischen starren Waldwällen, mit hohem Gras, breitblättrigen Pflanzen, rotschimmernden Bodenflecken. Aus der Mitte leuchtete ein niedriges weißes Holzhaus, verwahrlost aussehend, flach, verandenumgeben, verlassen anscheinend. Daneben zwei Hütten. Dicht beim Haus ein Brunnen —

»Nieder!« sagte ich scharf.

Denn aus dem Haus trat ein Mann. Die Gestalt in schmutziger Leinenhose, offener Jacke, breitrandigem Strohhut schlenderte ziellos umher, eine Zigarette paffend, guckte zum Himmel empor, sah gen Westen zum Wald hinüber, kam immer näher. Ich gab Jack einen Wink, und er kroch lautlos vorwärts, um im Bogen hinter den Mann zu kommen. Nun war der Venezolaner uns bis auf zehn oder fünfzehn Schritte nahe. Haveland sprang auf, höflich den Hut ziehend.

»Santa madre de Dios...« kreischte der Mann, wandte sich — und starrte Jack an...

Haveland, immer Hut in der Hand, redete in raschfließendem, klingendem, sonorem Spanisch auf ihn ein, ließ Goldstücke blitzen, lauschte auf Antwort, gab Gegenrede. »Matthews' Diener!« sagte er dann leise zu mir. »Matthews ist drinnen. General Morales — das ist der Rebellenführer, um den sich alles dreht, — steht mit fünfhundert Mann eine englische Meile von hier. Matthews erwartet ihn heute nachmittag. Wir müssen also sofort mit Matthews reden.«

»Allright,« antwortete ich. »Jack, behalte den Mann hier. Geht näher an das Haus heran, laßt euch nicht sehen, haltet nach allen Richtungen Ausguck, und meldet sofort, wenn jemand kommt. Verstanden, Jack?«

»Yes, sir.«

Frederick Haveland aber und ich schritten eilig, hochaufgerichtet, ohne den Versuch zu machen, uns zu verbergen, über den hitzesprühenden Boden dem Häuschen zu. Es war einmal weiß angestrichen gewesen; jetzt klafften an den Wänden große graue und braune Schmutzflecken. Auf der Veranda war zwischen Pfosten und Rückwand eine sonderbare Hängematte gespannt, ein Tierfell anscheinend. Wir stießen die Türe auf. Das eine Fenster war zerbrochen, das andere schmutzig, ein eiserner Kochofen stand an der linken Wand, leere Konservenbüchsen und Flaschen lagen umher. Nächste Tür — nächstes Zimmer. Und ich blieb an der Tür stehen. Auf einem einfachen eisernen Feldbett in der Mitte des Zimmers lag ein Mann, im schneeweißen Leinenanzug, und das Gesicht dieses Mannes war schreiend kupfergelb, zwischen Gelb und Rot, kupfrig. Er hatte sich auf den einen Arm gestützt, wie aus dem Schlaf aufgeschreckt, und seine Rechte hielt einen Revolver. Die Augen leuchteten wie Lichter. Ich sah gleichzeitig den Mann, die Augen, die Waffe, die Kleinigkeiten des Zimmers — die schönen Felle am Boden, die eiserne Kassette vor dem Bett, den schlichten Waschtisch, die Fläschchen und Büchsen auf einem kleinen Tisch, den Winchester-Repetierer an der Wand. Dann konzentrierte sich mein Blick auf die Waffe in des anderen Hand. Sie blieb gesenkt.

»Hoho — Haveland ist's!« sagte der Mann mit dem Kupfergesicht dünnstimmig.

»Guten Morgen, Matthews,« preßte Haveland hervor. »Du siehst krank aus.«

»Bin ich auch, Freund. Leber! Aber mein Stimmchen sagt mir, daß Mi—ü—üster Haveland nicht gekommen ist, um sich nach meiner verdammten Gesundheit zu erkundigen. Reden wir also Geschäft, Haveland. Aber ich warne dich« — sonderbar, wie stählern hart die dünne Stimme klang — »daß du zu spät kommst, mein Lieber. Ich habe gewissen Leuten viel Geld verdient, und ich gedenke nicht, mir irgend welche Vorschriften machen zu lassen, wenn ich den Weg klar vor mir sehe, für diese Leute und für mich endlich so etwas wie Millionen fingern zu können. Du hast das geschickt gemacht, Haveland — Privatdampfer, direkt, was? — aber du kommst zu spät. Wer ist der Mann da?«

»Freund; kommandiert sechzehn Amerikaner, die draußen warten.«

»Sechzehn — das ist aber unangenehm,« sagte die dünne Stimme ruhig. »Dann wollen wir das Dings da« — er ließ den Revolver fallen — »weglegen. Rede Geschäft, Haveland!«

»Matthews — du kennst mich?« fragte Frederick Haveland, sich auf einen Stuhl setzend.

»J—ja. Ich kenne dich.«

»Du weißt, daß ich — hm, fast immer auf der richtigen Seite bin?«

»Diesmal nicht.«

»Willst du mir einige Fragen beantworten? Aber richtig!«

»J—ja. Lügen hat in unserem Fall keinen Zweck.«

»Gut! Du unterstützst Morales?«

»Jawohl.«

»Wieviel Geld hast du ihm gegeben?«

»Rund sechzigtausend Gold.«

»Und die halbe Million?«

»Noch nicht.«

»Gottseidank! — Gottseidank! — Wo ist das Geld?«

»Englische Bank, Jamaika. Andere Leute wissen auch mit praktischen kleinen Privatdampfern umzugehen, mein Lieber,« piepste die dünne Stimme. »Und nun hör' zu, Haveland. Ueber dieses Geld verfüge ich, vielleicht auch noch der liebe Gott, aber sonst ganz bestimmt niemand — Leber oder keine Leber! Ich kenne dieses Land und ich weiß, daß der ehemalige Ochsentreiber Castro, der sich jetzt Präsident schimpfen läßt, die längste Zeit mißgewirtschaftet hat. Morales steht hier mit 500 Mann, in Caracas warten seine Anhänger nur auf ihn, in den Provinzen ist seit vielen Monaten alles vorbereitet. Es wird ein einziger Schlag sein in einer schönen Nacht — Caracas ist nicht weit von hier, mein Lieber — und — aus — damit. Früher wurde der Fehler begangen, diese Dinge in entfernten Provinzen anzuzetteln, wir aber schlagen nach dem Herzen und schlagen schnell.«

»Und die Kompensationen, Matthews?«

»Darüber rede ich nicht.«

»Gut!« sagte Haveland. »Das kann ich verstehen, Matthews! Die Männer, für die ich spreche, geben keinen roten Heller für Castro. Keinen roten Heller für Morales. Und sehr wenig — entschuldige! — für Percy F. Matthews. Es ist alles nur pures Geschäft. Wir wissen —« hart, scharf, schnell kamen die Worte — »daß seit dreizehn Tagen der Standort deines Morales in Caracas bekannt ist; wir wissen, daß alle gefährdeten Punkte schärfstens bewacht werden; wir wissen, daß Castro seiner Leute sicher ist, denn europäisches Geld ist ihm beigesprungen, das er richtig verwendet hat — und wir wissen endlich, daß die Vereinigten Staaten unsere Ansprüche nicht unterstützen werden, wenn wir uns an Anschlägen auf die bestehende Regierung beteiligen. Verstehen Sie mich jetzt, Mr. Percy F. Matthews?«

»Großer Gott!« sagte unser Mann, schwer keuchend. »Gib mir mal die silberne Spritze dort, Haveland — und das Fläschchen; nein, das kleine, blaue — 's ist nur Kokain — so! Danke!« Er stach am Oberarm ein und richtete sich dann langsam auf.

»Ich muß Morales warnen,« sagte er langsam.

»Wie du willst. Ich mache dich aber darauf aufmerksam, daß es meiner Ansicht nach nur einen einzigen gangbaren Weg gibt, aus dieser Affäre herauszukommen. Wir müssen augenblicklich fort. Mein Dampfer wartet. Du darfst mit dieser Sache nichts mehr zu tun haben. Hat Morales etwas Schriftliches von dir oder irgend jemand?«

»N—ein.«

»Gut. Unser Ziel ist Caracas, und wieviel Geld es uns kosten wird — — —«

Er hielt inne, die Augen weit aufgerissen. Ich war in die Höhe geschnellt.

Geisterig ertönte Geknatter.

Unregelmäßig, rollend, fern, aber klar und deutlich.

Haveland sah mich an.

»Infanteriefeuer!« sagte ich kurz.

»Hell! Morales wird angegriffen! Schnell, Matthews!«

»Ihr müßt mich tragen —«

»Höll' und Teufel! Schnell, schnell, Matthews — hol deine Leute, Ed — —«

Wir rissen die eisernen Füße vom Feldbett, fieberhaft arbeitend, denn das Feuern kam rasend schnell näher, und hatten rasch eine halbwegs praktische Tragbahre konstruiert. Dann ging es im Laufschritt dem Pfad zu, vier Mann mit dem Kranken voraus. Matthews fluchte fürchterliche Flüche dabei, direkt unanständig, und hielt krampfhaft seine eiserne Kassette fest, die er mit auf die Bahre genommen hatte. Befehle zu erteilen, war durchaus unnötig; die Leute hatten augenblicklich begriffen, auf was es ankam — Eile, schnellste Eile, Blitzeseile, und sie mochten ahnen, daß es um Haut und Kragen ging. Haveland, Jack und ich bildeten die Nachhut. Als wir den Waldrand eben erreicht hatten — die Bahre war voraus — tauchte drüben ein Reiter auf, gefolgt von undeutlichen Gestalten, die Gewehre schwangen. Im nächsten Augenblick knallten Schüsse, und hoch über unseren Köpfen zischten Kugeln.

»Das geht nicht,« sagte ich. »Vorwärts, da vorne! Ihr könnt euch nachher drei Wochen lang ausruhen! Rasch! Noch schneller! Wer ist das, Haveland?«

»Weiß nicht,« war die keuchende Antwort. »Wir müssen den Dampfer erreichen und — allein erreichen. Sie würden uns niederschießen wie Hunde, ob's nun Revolutionäre sind oder Regierungstruppen!«

»Versprengte Revolutionäre, wahrscheinlich,« erwiderte ich, rasch nachdenkend. »Sie haben auf uns geschossen — das macht die Sache einfach — Jack, auf das Pferd, — niedrig halten, um Gotteswillen — Leggy, komm' her — das Pferd dort...«

Mein Colt knallte als erster, und vor dem Pferd spritzten Erdfetzen auf. Fast gleichzeitig mit meinem zweiten Schuß dröhnte es links und rechts neben mir. Pferd und Reiter wälzten sich auf dem Boden.

»Hoffe, er hat sich den Hals gebrochen —« schrie Jack jubelnd. »Gutes Schießen! Das waren fünfhundert Schritt, kalkulier' ich!«

Und wieder schlugen Kugeln um uns ein.

»Weiter!« brüllte ich. »Sie wissen nicht, wer wir sind und wie viele wir sind! Hier, Leute! Feuert in die Luft — schnell — alle sechs Schüsse — wollen ihnen Angst einjagen — so — soo—!«

Geknalle, Gedröhne —

Weiter!!

Und ein wahnsinniges Rennen begann; ein Springen, ein Hetzen, ein blindes Vorwärtsstürmen, ein Vorwärtsschleppen der Bahre, ein Aufbieten der letzten Kräfte, und Schüsse knallten hinten, und Geschosse umzischten uns, und ich ließ aufs Geratewohl feuern. Dann wurde es still.

»Das Signal!« keuchte Haveland.

In zehn Sekunden war ein Stock geschnitten. Das Feuergeschoß zischte mit scharfem Knall schnurgerade in die Höhe, aber die Flammengarbe hatte in der dünnen grellbesonnten Luft nur mäßige Leuchtkraft. Es blieb still. Nach zweihundert Schritten feuerten wir eine zweite Rakete; dann in kurzen Zwischenräumen eine dritte, vierte fünfte. Es blieb immer noch still.

»In zwanzig Minuten haben wir's!« stieß Haveland hervor.

Weiter — weiter!

Der Schweiß lief in Strömen von mir herab und vor den Augen tanzten mir glühende Sterne und mein Atem kam und ging mit pumpenden keuchenden Stößen. Neben mir rannten Menschen, keuchend, stolpernd, fluchend — weit vorne schwankte die Bahre hart auf und ab. Der Mann mit der kranken Leber büßte in dieser Stunde seine sämtlichen Sünden. Ich blieb einen Augenblick lang stehen, den Colt wieder ladend. Fast versagten mir die Füße den Dienst.

Weiter!

Das Ende des letzten Streiches.

Endlich am Strand. — Der Dampfer wartet. — Das überfüllte Boot. — Jack und ich bleiben zurück. — Der Dampfer läßt uns im Stich. — Das Kriegsschiff der Vereinigten Staaten. — Wir geben Raketensignale und ein Boot holt uns ab. — Der Marinekadett verhaftet uns. — Ein altes Gesicht. — Eine kleine Ohnmacht. — Der Wahnsinn der Wirklichkeit. — Wie durch Billys Hilfe sich alles in Wohlgefallen auflöste. — Das Nebelhafte... — Wie schön es ist, etwas nicht zu wissen — — —

Die Anwandlung von Schwäche war im Augenblick geschwunden.

Denn da weitete sich der Pfad, und wir waren im niederen Gestrüpp, und der Strand lag knallgelb da, und er war einsam, und greifbar nahe fast schaukelte der Dampfer in leichtem blauen Wellengang, und dicht bei der Strandlinie wartete das Boot. Ein brüllendes Hurra! donnerte durch die Luft.

»Ruhe!« schrie ich. »Ihr könnt auf dem Dampfer brüllen! Schnell!!«

In wenigen Minuten war die Bahre mit dem Kranken durch's seichte Wasser getragen, ins Boot gehoben — Männer wateten hinterdrein — kletterten über Sitze...

»Halt!« rief der Bootsmann. »Höchstens noch einer!«

Haveland, der am nächsten war, wurde ins Boot gezogen. Jack und ich blieben zurück. —

Das alles spielte sich blitzschnell ab.

»Wir holen euch in zwanzig Minuten,« rief Haveland noch.

Ich hockte mich in den Sand hin und starrte gleichgültig dem abfahrenden Boot nach, denn mir war schwach und elend zumute. Kein weißer Mann kann in einem Tropenklima seine Kräfte bis aufs äußerste anstrengen, ohne sehr bald zum Ende zu gelangen. Die Luft flimmerte und zitterte. Die Sonne brannte erbarmungslos. Mein einziger Gedankt war: »Wenn ich nur schlafen dürfte...«

Plötzlich pfiff Jack schrill durch die Zähne.

Ich sah auf. Das Boot war halbwegs zwischen Strand und Dampfer. Aus dem Schornstein der City of Hartford qualmten auf einmal schwere schwarze Rauchwolken — und — dort am Horizont kräuselte über einem hellen Fleck eine zweite Rauchwolke empor. Der helle Fleck wurde zusehends größer, die Rauchwolke deutlicher, schwärzer...

»Noch 'n alter Dampfer!« murmelte ich schläfrig.

Mechanisch suchte ich die Strandlinie nach links und nach rechts mit den Augen ab, denn ich fürchtete die Küstenwachen, die eigentlich durch unsere Raketen alarmiert sein mußten. Nein; da war niemand. Der helle Fleck wurde weiß; zeigte die schlanken Linien eines Schiffes. Im gleichen Augenblick schien es mir, als ob die Lage der City of Hartford sich verschiebe, und zwanzig Sekunden später konnte ich nicht daran zweifeln, daß der Dampfer in voller Fahrt nach Norden abdampfte.

»They've left us!« schrie Jack, wütend aufspringend. »Diese hündischen Söhne von Feiglingen lassen uns im Stich!«

»Exactly!« sagte ich ganz ruhig — in meinem Kopf war wohl etwas nicht völlig in Ordnung — »und es tut mir nur leid, daß wir keine Winchesters haben. Die Colts tragen nicht so weit. Hätte ich meinen Winchester, so würde ich die Herrschaften auf der Brücke dort sehr krank machen.« — Mühsam spähte ich durchs Glas nach dem näherkommenden weißen Fleck. — »Sei ein guter Junge, Jack, und schneide mir zwei Stöcke für Raketen. Die Sterne und Streifen habe ich deutlich gesehen — weiß ist das Dings auch — ich müßte mich sehr irren, wenn das nicht ein Kanonenboot der Vereinigten Staaten ist — deshalb sind die Hunde auch ausgekniffen — und ich will's lieber mit Onkel Sam zu tun haben als mit der dreckigen Gesellschaft, die uns jeden Augenblick über den Hals kommen kann — wir wollen zwei Raketen feuern, mein Junge!«

Eine fürchterliche halbe Stunde des Wartens.

Nun war er da, der schlanke weiße Dampfer. Eine Meile weit ungefähr draußen. Mit zitternder Hand zündete ich die Lunten an, und die Feuergarben sprühten in die Höhe... Wir waren wohl beide ein bißchen toll, denn wir rannten wie Verrückte am Strand auf und ab, und knallten Schüsse in die Luft, so schnell wir laden konnten — — und brüllten wie besessen, denn vom Schiff löste sich ein dunkler Fleck — kam schnell auf uns zu...

»Amerikaner! Dachten wir uns!« krähte eine Kinderstimme —

»Was war das für 'n verdammter Dampfer, der da wegfuhr?« —

»Was für 'n Höllengeschäft habt ihr hier?« —

»'rein ins Boot!« —

»Sie sind unter Arrest!« —

»Her mit den Revolvern!« —

»Wir werden Sie schon fixen!«

— Es ging alles sehr schnell. »Sie sind unter Arrest!« kreischte zum drittenmal der kindergesichtige Marinekadett, der das Boot kommandierte.

»Das ist mir ver—verdammt an—angenehm...« stotterte ich totmüde, und doch grinsend. »B—besten Dank! — — —«

Und dann waren wir auf einmal an einer weißen Schiffsseite, und irgend jemand half mir die Stufen einer Kriegsschifftreppe empor, und da standen, höchst undeutlich für mein Auge, Herren in Uniformen und insbesondere eine Gestalt in weißem Flanell, mit einem Gesicht, das mir außerordentlich bekannt vorkam, einem lieben alten Gesicht —

»Guter Gott! Bist du's!« rief es aus dem alten Gesicht.

»Der Kerl sieht wie Billy aus,« stammelte ich, sehr hörbar. »Jawohl, ich bin es! Ich — der blödsinnigste verdammte Narr seit Erschaffung dieser verrückten Welt — — —«

»Amen!« sagte eine alte, liebe Stimme.

Hierauf — sonderbar — bin ich wohl zusammengebrochen...

Oh ja, die Wirklichkeit ist immer etwas Wahnsinniges.

Das Schiff war der Vereinigte-Staaten-Zollkreuzer »Albatros« (sagen wir) — das Schiff heißt nicht »Albatros«, und Haveland heißt durchaus nicht Haveland, und Matthews hat einen ganz anderen Namen als Matthews; aber was bedeutet schließlich ein Name? — und, wie verrückt doch die Märchen der Wirklichkeit sind! Mein alter Billy vom Schienenstrang, mein lieber Rauher Reiterleutnant, war — neuernannter Konsul der Vereinigten Staaten für Belize, einem verdammten Hafennest des britischen Honduras, und gondelte vorher im Karibischen Meer noch ein bißchen herum, weil ein amerikanischer Konsul eine Respektsperson ist und besonders weil der Kapitän des Zollkutters der Mann seiner Schwester war! Die Wirklichkeit ist wahrhaft verrückt.

O, es löste sich alles in Frieden und Wohlgefallen auf.

Ich erzählte Billy haarklein, wie sich das alles zugetragen hatte (wenn der Teufel Haveland zu holen gedachte, so hatte er entschieden meinen Segen!) und der Rest war ein großes Gelächter.

»Offiziell weiß ich von nichts!« sagte Kapitän — — nun, wenn ich einen Namen nennen wollte, müßte ich doch lügen.

»Ich garantiere, daß er den Mund hält!« warf Billy ein.

Und ich nickte, und so wurde die Sache als Zeitungswert auch noch versaut...

Muß ich erwähnen, daß Billy und ich uns Geschichten erzählten, die siebenundzwanzig dicke Bände gefüllt hätten? Muß ich angeben, daß Jack einen saftigen Anteil von den englischen Sovereigns des guten Haveland erhielt? Ist es nicht selbstverständlich, daß das Schiff uns in Port Kingston, Jamaika absetzte, und daß wir am gleichen Tag Plätze auf dem Postdampfer nach Neuorleans belegten?

So endete die Expedition ins Nebelhafte.

Sie ist hingeschrieben worden nach dem Erinnern der Wirklichkeit, wie die Bilder eines Films aus der Wirklichkeit aufgenommen werden. Es fehlt nur der erklärende Verbindungstext der Lichtspielbühne...

Und damit hat es seine Bewandtnis.

Vor einigen Monaten war ich auf dem Sprung, nach London zu fahren und aus den ausgezeichneten amerikanischen Zeitungsregistraturen des Britischen Museums die Wechselwirkung zwischen venezolanischen Verhältnissen und Maßnahmen des interessierten amerikanischen Kapitals zu der genauen Zeit meines letzten lustigen Streichs festzustellen. Vielleicht hätte sich dann nach Wochen mühseligen Suchens ein Anhaltspunkt ergeben. Diese oder jene Tatsächlichkeit, die eine erklärende Kombination ermöglicht haben würde... Ohne Zweifel standen hinter dem Mann, den ich Haveland nenne, bedeutende Geldinteressen, denn unsere Flibustierfahrt muß Unsummen gekostet haben. Feststeht ferner, daß der wirkliche Interessent die Amerikanische Asphalt-Kompagnie war. Obendrein spielte sich unsere Fahrt kurz vor den internationalen Verwicklungen mit Venezuela ab, über deren einzelne Gründe Belege existieren —

O ja, man hätte kombinieren können!

Aber am Ende erschien es mir häßlich, die lustige Romantik der Wirklichkeit mit grauer Theorie und öden Erklärungsversuchen zu belasten. Das Geschehen muß für sich selbst reden. Ich fuhr nicht nach London. Ich bin es zufrieden, mir lachend zu sagen, daß ein kleines Geheimnis doch viel schöner ist als nüchternes Wissen — in diesem besonderen Fall! Ich habe für einen klugen und gerissenen Mann die Kastanien aus dem Feuer geholt — leichtfertigst meinen Hals riskiert (wofür ich heute noch eine gewisse Vorliebe habe!) — mich um das Naheliegende, Selbstverständliche, Praktische überhaupt nicht gekümmert — einem grotesken Abenteuer in die Zähne gelacht — und ich möchte, daß mir die Erinnerung so bleibt, wie sie ist. Echt! Unverwässert! Ich will gar nicht wissen, was mit der City of Hartford geschah — und ob Castro die bestechenden Schnellfeuergeschütze wirklich bekam — und wie dieser Spitzbube von Haveland sich endgültig aus der Affäre zog...

Denn es ist manchmal sehr schön — etwas nicht zu wissen!

Fahrwohl, Amerika!

Neuorleans ist eine außergewöhnlich interessante Stadt, und es scheint mir eine beschämende Erinnerung, daß ich all' das Interessante — die Mississippi-Levée, den sonderbaren Mischmasch von französischer Grazie und amerikanischer Grellheit, die wundersamen berühmten Bauten der alten Stadtviertel — so ziemlich verträumte, verschlief, übersah. In einem Mischmasch von Lachen und Mürrischsein...

»O — du! — du! —« (so sprach ich zu meinem Spiegelbild, und das Sprechen ermangelte keineswegs der allergrößten Deutlichkeit) — »Du! Geh' doch wieder auf eine Farm und pflücke Baumwolle mit schwarzen Negern um die Wette! Dazu taugst du! Da hast du ja dein großes Ereignis gehabt — nettes Ereignis — vier Stunden und fünfzig Minuten hat es gedauert — reizend, reizend — o du...«

»Den Mund mußt du auch noch halten — o, o!«

»Niedlich — diese Einfalt, mit der du hinter Haveland hergelaufen bist — o, o, o,...!«

Aber auf einmal meldete sich ein inneres Stimmchen kichernd:

»Lieber Junge — es war ja — jawohl, es war doch wunderschön...«

Und da lachte ich laut und verspürte heißglühende Luft und sah knallgelben Sandstrand und schüttelte den Kopf und wunderte mich, was Haveland jetzt wohl trieb, und ich, der Quecksilberige, ich spielte solitaire im einsamen Hotelzimmer, was auf gut Deutsch patience heißt — eine wundervoll beruhigende Beschäftigung — der Kuckuck mag wissen, wie sie aus den Boudoirs Ludwigs des Vierzehnten nach dem modernen Amerika gekommen ist, wo jedermann patience legt — und grübelte und war ein bißchen krank.

Meine Post kam.

Ich hatte sie mir aus Neuyork, St. Louis, Galveston herbeitelegraphiert. Und es begab sich, daß unter den Briefen zwei deutsche waren, von meiner Mutter, mit trüben Nachrichten von Sorgen und veränderten Verhältnissen, und einmal hieß es — »hätten wir dich nur hier!« Aber es war hingeschrieben, wie man von etwas Unmöglichem schreibt.

Da sann ich und sann verstimmt.

Und urplötzlich packte mich ein Gedanke, der mir so ungeheuerlich schien, so furchtbar, daß ich entsetzt aufsprang und jäh im Zimmer auf und ab rannte. Der Gedanke fraß sich tiefer ein — Bilder kamen, Vorstellungen, Sehnen, Wünschen — wunderliche Pläne huschten durchs Hirn — ich sah ein altes liebes Gesicht — ich wandelte in alten Straßen — und der Gedanke war zum Entschluß geworden...

»Der Wanderweg führt heimwärts!« flüsterte ein zittriges Stimmchen.

»Heiho — heidi — etwas Neues!« jubelte der gute, alte, liebe Leichtsinnsteufel. »Hurra — etwas ganz Neues! Etwas wundervoll Neues!! Rasch nur, rasch, rasch, rasch...«

Ich bestellte telegraphisch in Neuyork eine Kabine auf dem nächsten Europadampfer.

Ich reiste binnen zwei Stunden von Neuorleans ab.

Und schwamm binnen drei Tagen auf dem großen Wasser.

In mir war keine Wehmut, kein Zögern, kein Grübeln. Vorwärts, Neuem entgegen!

Fahrwohl, Amerika!

Ein Mann, der wirklich kein Lausbub mehr genannt werden könnte, wenn er auch jung bleiben möchte und fröhlich in die Welt gucken trotz erschrecklich starken Haarschwunds, und, liebe gute Götter, ein wenig leichtsinnig auch, sitzt im Schreibstuhl und schreibt und starrt dann wieder in die Ecke, wo die Bilder huschen, von den alten amerikanischen Zeiten träumend, in denen er ein Lausbub war.

Wie rasend schnell sie sich abrollten, die Jahre! Wie es sich jagte und überpurzelte, das Erleben, das Verändern, das Schauen, das Lernenmüssen! O, wie sie huschten, die bunten, tollen, wirren, grellen Bilder — gleich — gleich den lebendigen und doch so märchenhaften Schatten, die uns weißes Licht aus einem Film an eine Wand wirft...

Nein! Häßlicher Gedanke —

Sie sind ja da, die kleinen hübschen Bildchen, und sie sind möglichst nett gezeichnet worden nach bestem Können, und die dummen Streiche wurden ja allerdings nicht klug und taktvoll verschwiegen, und schließlich könnte man wohl auch sagen, daß all das Zeug ein kleines amerikanisches Kulturbildchen ist — aber hinter den Bilderchen und den dummen Streichen und all dem Abenteuerlichen steckt ein Gedanke. Ein heißes Wünschen. Stümperhaftigkeit nur war es, die uns das Wollen so viel leichter macht als das Können — strange, how desire does outrun performance! sagt Shakespeare! — wenn die Buchstabenbilder den Gedanken nicht scharf ausprägten.

Ich singe keine hohen Lieder des Leichtsinns.

Leichtsinn —

Es kommt in dieser sehr schönen Welt im letzten Ende darauf an, auf eigenen Füßen zu stehen und seines eigenen Glückes Schmied zu sein, so altmodisch das auch klingen mag. Laßt sie doch schmieden, die Männer und die Frauen! Laßt sie hämmern! Mann, Mensch, du mußt ja für das alles bar bezahlen an jeder Wegkreuzung des Lebens — du mußt bezahlen mit harter Münze, mit nagendem Jammer, mit Lebensjahren — du mußt ganz unweigerlich bezahlen — und wenn du nur ein ganzer Mann, ein ganzer Mensch bist, der das frißt, was er gekocht hat, das erleidet, was er verschuldete, so magst du den Kopf hochhalten und den Pharisäer verlachen, sei er großer Herr oder kleiner Knecht, der dich schief anblickt.

Deine Kraft ist in dir und nur in dir.

Niemand kann dir wirklich schaden; niemand dir wirklich nützen. Du allein bist der Herr deiner Welt. Und es ist etwas Großes, Herr zu sein —

Laßt sie doch in die Sonne lachen, die Menschen!

Seid frohsinnig!

Vertraut auf euch selber!

Seid stark! Tragt doch grinsend eure Bürden und arbeitet, arbeitet — dann nur und nur dann dürft ihr leichtsinnig gewesen sein...

So sind frohe Lebensbejahung und starker Glaube an die Kraft des einzelnen Menschen Paten gestanden bei dem Geborenwerden dieser vielen Tausende von Zeilen.

Und war ich einmal und war ich oft verzweifelt und schwach, so habe ich, mit glänzendem Erfolg, gesucht, das schleunigst und für immer zu vergessen. Wie bitterhart es war und wie sonnenlustig, das neue Leben, wie wirr, wie bunt, wie verrückt, und doch wie wunderschön folgerichtig — wie endlos oft und wie steinig der Weg — das ist jetzt eine fröhliche Erinnerung!

Rückblick

Rückblick

Neulich besuchte mich ein amerikanischer Freund.

Ich saß hungrig da und lauschte gierig auf sein Erzählen. Es war, als hätten nebelhafte Märchengebilde der Erinnerung auf einmal wieder die festen klaren Formen der Wirklichkeit angenommen; eines romantischen aber wahren Lebens, das doch weit und unwiederbringlich zurückzuliegen schien. Der Mann, ein erfolgreicher Ingenieur, sprang von Stadt zu Stadt über in seinem Schildern; von Staat zu Staat, von Land zu Land — von Texas zu Kuba, von New York zu San Franzisko, von Zuckerplantagennegern zu New Yorker Milliardären...

Und ich lauschte und lauschte, und eine Spanne Zeit lang kam es mir vor, als sei ich Aermlicher nun wirklich wie ein Gefangener an die Scholle gebannt. Als könne ich das weite Feld von dereinst gar nicht mehr überblicken. Jedes Wort rief mit grausamer Deutlichkeit alte Erinnerungen wach. Zu locken schienen sie, zu schmeicheln, zu liebkosen, die alten Ausdrücke und Wortwendungen des Amerikaners, die in drei kurzen Strichen eine Sache, einen Menschen haarscharf umrissen. Wie das Ueberspringen eines elektrischen Funkens war es, wie die Nähe einer lieben Frau. Auf einmal jedoch schien sich etwas Fremdes einzuschieben. Ich empfand, daß mich von diesem Mann, von seinen Vorstellungen, von seinem Sein eine breite Kluft trennte. Eine andere Kultur. Verändertes Schauen. Neues Erleben.

Und als der Mann, der mir große Freude und tiefes Enttäuschtsein zugleich ins Haus gebracht hatte, gegangen war, legte ich mir eine Frage vor, die mich eigentlich niemals in so klarer Form beschäftigt hatte:

Was ist mir Amerika?

Ein weiches, zärtliches Gefühl kam über mich, als gedenke ich eines lieben Menschen, von dem ich getrennt sein mußte. Die Traumbilder kamen. In ungeheurer Wucht stiegen gigantische Städte auf. Lebendige Steinmassen ragten gen Himmel. Von allen Seiten und nach allen Seiten wälzte sich ein schwarzer, bienenemsiger Menschenstrom. Dumpfes Getöse erdröhnte. In den dichtgedrängten Massen brauste es wie Kampfgetümmel, und still lagen die Leiber der Gestürzten da wie ruhiges Inselwasser im rauschenden Strom. Schwarze Punkte stießen andere schwarze Punkte nieder, kletterten über sie hinweg, schwangen sich auf fremden Rücken empor...

Dort, wohin alle drängten, rieselte aus bleigrauem Himmel gelb und gleißend ein Goldstrom. Getrieben, gepeitscht, gelenkt von furchtbaren, sausenden Maschinen. Gespenstisch große und starre Riesengestalten von Menschen standen kalt und drohend an den Hebeln. Aus dem Wirrwarr hinaus schossen, wie Granaten aus Geschützen, dampfende Eisenbahnzüge nach allen Richtungen, sich aus der schwarzen Masse wühlend, ungeheuren Fernen zu. Länderstrecken leuchteten da voll goldgelben Weizens, und Millionen von Rindern grasten auf unendlicher Prärie, und während dort Schneeberge drohten, brannte hier glühende Tropensonne über undurchdringlichen Urwäldern. Wie feines, dichtmaschiges Fischernetz spannen sich überallhin die Telegraphendrähte, und schrill wie Trompetenklang erdröhnte hoch über allem das stete Gebrause der Arbeit; jener Arbeit, die ein Gott dem Menschen gegeben hat, damit er sich stark fühle wie die Götter...

Welch ein Land!

Es wird ständig genährt von einem Menschenstrom aus allen Teilen der Erde, der niemals versiegt. Es ist so riesenhaft groß und es birgt so fabelhafte Schätze, daß man sich nur beklemmten Herzens wie ein unwissendes Kind in törichter Undeutlichkeit vorstellen kann, ob in hundert Jahren ein Paradies aus ihm geworden sein wird oder eine Hölle. Es ist so mächtig, daß die Welt erzittern müßte in Furcht vor ihm.

Ah, welch ein Land!!

Traumhaft schön ist es und furchtbar häßlich zugleich. Freier ist es als irgend ein Teil der Welt, wo Menschen sich regieren, und doch geknechteter wiederum als ärgstes Sklaventum. Es hat eine Regierungsform geschaffen, die fast die ideale Grenze erreicht, und — hat diese Regierungsform so lästerlich mißbraucht, daß ihre Schönheit zu einem jämmerlichen Zerrbild zerstört worden ist. Es züchtet menschliches Herdenvieh, das geschlagen, mißhandelt und zu Tode gearbeitet wird in unsäglicher Roheit — und es bringt starke, freie Männer hervor, die der Welt einen Stempel aufdrücken, nicht nur ihrer heißen Arbeit, sondern ihrer großen Menschlichkeit. Es ist ein Land, in dem eine Welle großer und edler Begeisterung alles, was da Mensch ist, so urplötzlich und gewaltig erfassen kann wie kaum irgendwo auf der Erde — und es ist ein Land, in dem blinde Leidenschaft und wahnsinniges, gemeinsames Tun verheerend wüten können, wie eine epidemische Krankheit. Es ist ein Land voll der unlöslichsten Widersprüche. Es ermangelt aller Einheitlichkeit.

Und gerade darum vielleicht stellt es ein vollendet wahres Abbild des menschlichen Lebens unserer Zeit dar.

Wer in diesem Gewühl von Arbeit, in diesem Wirrwarr der Widersprüche von lebenden und toten Dingen sechs Wanderjahre aufnahmefähiger Jugend verbringen durfte, dem ist wenig Menschliches mehr fremd...

Und wieder kommt das Träumen. Sonnenfrohe Augen sind es, aus denen ich auf die Lehrjahre im Riesenreich des Dollars zurückblicke. Kein häßliches Erinnern trübt das Bild. Keine Lebenswunde wurde mir geschlagen in diesen Jahren; nicht eine einzige Schramme wurde dem jungen Menschen von damals zur Narbe. Darin liegt unzweifelhaft etwas sehr Sonderbares. Wenn ich mir heute vorstelle, welche Ungeheuerlichkeit es war, von einem jungen Menschen, der bis zum Alter von achtzehn Jahren nichts getan hatte als Schulbänke zu drücken und sein Taschengeld in möglichst unsinniger Weise auszugeben, auf einmal praktischen Lebenskampf unter allerschwersten Bedingungen zu verlangen, so will es mir scheinen, als müsse das Gelingen des Experiments einen tieferen Grund haben als die bloße Widerstandskraft starker Jugend. Und aus den Erinnerungsträumen von jagenden Eisenbahnzügen, von Riesenstädten und ungeheuren Menschenmassen, von buntem Hin und Her und anscheinend so planloser Arbeit ersteht ein klarer Begriff; erklärt sich das wirkliche Wesen von tausend kleinen Dingen:

Die Bürger des Reiches Amerika besitzen eine Errungenschaft, die wir uns erst lange Zeit nach ihnen erkämpft haben und noch Schritt für Schritt weiter erkämpfen. Sie haben als Ideal in das tägliche Leben hineingetragen, was einst der Mann von Korsika meinte, als er erklärte, jeder seiner Soldaten trüge den Marschallstab im Tornister! In all seinem rohen, brutalen Kampf um den Dollar, bei all seinem mörderischen Riesenverbrauch von Menschen, achtet der Amerikaner die Persönlichkeit des Einzelnen auf das höchste. Es ist eine seiner schönsten und größten Lehren, wenn er anscheinend so unfreundlich und gleichgültig sagt und immer wieder sagt: hilf dir selber!

Wie ein tönendes Leitmotiv klingen die winzigen drei Worte fortwährend über das Riesenland hin. Sie geben Stärke. Sie verleihen Kraft. Sie bedeuten Freiheit. Sie schenken dem Mann in noch jungen Jahren den Selbstrespekt und das Selbstbewußtsein, die in den Ländern der alten Welt in dieser bestimmten Form erst mit dem Beginnen des wirklichen Lebenserfolgs zu kommen pflegen. Wenn ich den Lausbub von damals sehe und mich lächelnd und schier verwundert erinnere, wie fröhlich und unbekümmert er nach den ersten kurzen Zeiten des Verblüfftseins in die amerikanische Welt hinausgetrampelt ist, so weiß ich, daß das bitterharte Land über dem Atlantischen Ozean seinen jungen Menschen den ganz großen Begriff der Männlichkeit zu schenken vermag. Etwas Urprimitives sicherlich. Einen Kraftbegriff, wie er etwa dem Urwaldpionier nötig war. Aber ein wundervolles Geschenk für den Lebensgang. Eine starke Stütze des Rückgrats, wenn Menschen und Dinge auf die Schultern drücken.

Und jetzt glaube ich, die Frage beantworten zu können.

Die sonderbare amerikanische Luft, in der es von Arbeit rauscht und von der Wichtigkeit des Einzelmenschen tönt, hat Bruder Leichtfuß mit der alten Lebensweisheit durchtränkt, daß keine Werte geschenkt werden ohne Gegenwerte, und daß der allein frei ist und der allein tüchtig, der sich selber hilft!

Das war mir Amerika!

Und wieder huschen die Träume und wechseln die Bilder. Ueber dem einen Großen, das sich so aus vielen Schalen herausschälte als errungenes Wertkörnchen, gaukeln in sonniger Farbenpracht die frohen Tage, die ich erleben durfte. Es ist ja nicht wahr, daß das Leben grau und trübe ist. Denn in jenen Tagen, die den meisten Leuten mit schwerer Arbeit und hartem Ringen angefüllt scheinen würden, war immerdar — und das in dem härtesten Land der Erde — Güte von Menschen und Frohsinn im Kampf. Und eine Romantik des täglichen Lebens, deren Erlebendürfen ein Göttergeschenk war.

Ach, was waren das für schöne Zeiten!

Aber der Besuch meines amerikanischen Freundes schenkte mir noch ein anderes Erkennen. Auf einmal spann sich in die alten Träume hinein ein jubelnder Glücksbegriff:

Welch wundervolle Zeiten sind das heute!

Rings um den Mann liegt neue Schönheit und immer neues Erleben, größer noch, als es dem Jüngling geschenkt wurde. Die Welt und die Menschen und die Dinge sind überall Märchenwunder. Wir werden freier von Tag zu Tag. Um uns braust das tätige Leben. Heut brauchen unsere jungen Menschen nicht mehr nach Amerika zu gehen, um zu lernen:

Sei stark! Sei frei! Hilf dir selbst!

Ende des dritten Teils.

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