ZWEITES BUCH
Reading edition
INSCHRIFT ÜBER DEM MANNSCHAFTSQUARTIER DES TOTENSCHIFFES
WER HIER EINGEHT, DESS’ NAM’ UND SEIN IST AUSGELÖSCHT. ER IST VERWEHT VON IHM IST NICHT EIN HAUCH ERHALTEN IN DER WEITEN, WEITEN WELT. ER KANN ZURÜCK NICHT GEHN, NICHT VORWÄRTSSCHREITEN, DA, WO ER STEHT, IST ER GEBANNT. IHN KENNT NICHT GOTT UND KEINE HÖLLE. ER IST NICHT TAG, ER IST NICHT NACHT. ER IST DAS NICHTS, DAS NIE, DAS NIMMER. ER IST ZU GROSS FÜR DIE UNENDLICHKEIT UND IST ZU WINZIG FÜR DAS SANDKÖRNLEIN, DAS SEINE ZIELE HAT IM WELTENALL. ER IST DAS NIEGEWESEN UND DAS NIEGEDACHT!
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Nun betrachtete ich mir die Haifischjäger in der Nähe. Der Eindruck, den ich von draußen gewonnen hatte, wurde keineswegs besser. Er wurde nicht einmal schlimmer, sondern er wurde einfach vernichtend. Ich hatte ursprünglich geglaubt, daß einige der Leute Neger und einige Araber wären. Aber jetzt erkannte ich, daß sie nur unter Kohlenstaub und Dreck so aussahen. Der Deckarbeiter steht ja nun auf keinem Schiff, die russischen Bolschewistenschiffe vielleicht ausgenommen, in der gleichen menschlichen Rangstufe mit dem Skipper. Wo sollte das aber auch hinführen? Man könnte die beiden ja eines schönen Tages miteinander verwechseln und herausfinden, daß der Deckarbeiter ein ebenso intelligenter Mensch ist wie der Skipper. Zuweilen wäre das sogar noch nicht einmal ein Beweis, daß der Deckarbeiter überhaupt Intelligenz besitzt.

Hier gab es zweifellos sogar noch unter den Deckarbeitern Rangstufen. Da waren Deckarbeiter ersten Grades, Deckarbeiter zweiter, dritter und vierter Ordnung. Jene beiden Taschendiebe, die da standen, schienen Deckarbeiter fünften Grades zu sein. Ich weiß nicht, welches augenblicklich die unzivilisierteste Menschenrasse ist. Das wechselt ja mit jedem Jahre, je nachdem, wie wertvoll oder wie wertlos, für andre, das Land ist, wo diese Menschenrasse lebt. Aber diese beiden Deckarbeiter würden bei jener unzivilisierten Rasse wohl noch nicht einmal gebraucht werden können, um Kokosnüsse aufzuschlagen. So viele Deckarbeiter, daß jeder Grad seinen rechtmäßigen Vertreter hier haben konnte, hatte man für die Yorikke nicht auftreiben können. Infolgedessen waren die Deckarbeiter des ersten, des zweiten, des dritten und des vierten Grades nicht vertreten, nur zwei des fünften und drei des sechsten Grades. Die Vertreter des fünften Grades habe ich geschildert, die des sechsten kann ich nicht beschreiben, da ich sie mit nichts vergleichen kann, was sich sonst auf Erden findet. Sie waren durchaus Original, und ich muß mich damit begnügen, zu sagen, sie waren würdig vertreten, und man glaubte es ihnen ohne Legitimation, daß sie der sechsten Ordnung angehörten.
„Gauten Tahk!“ Der Anführer der Taschendiebe und der Jahrmarktsbetrüger – halt, ich wollte sagen: der Anführer der Taschendiebe und der Roßtäuscher kam auf mich zu. „Ich bing da zwiehte Inkscheneer. Disser hier, was miehn Nachtbur ist, disser iehst da Dunkymänn.“ Das war ein Englisch! – Ich muß es wohl zukünftig mehr in eine besser lesbare Sprache übersetzen, um es verständlich zu machen. Er wollte mir mitteilen, daß er der Zweite Ingenieur und damit mein direkter Vorgesetzter sei, seit ich zur Schwarzen Bande gehörte, und daß sein Nachbar, der an seiner Seite stand, der Donkeyman sei, also mein Unteroffizier.
„Und ich,“ stellte ich mich nun selbst vor, „ich bin der Generaldirektor der Kompanie, die diesen Eimer besitzt, und ich bin an Bord gekommen, um euch Burschen ordentlich Beine zu machen.“
Denn wenn die beiden glaubten, sie könnten mich aufziehen, dann müssen sie sich schon einen andern suchen, nicht gerade einen, der schon als Küchenjunge fuhr, als seine Altersgenossen noch das Abc lernten. Mit solcher Vanille müßt ihr mir nun nicht kommen, dann haben wir den rechten Ton gleich von der ersten Wache an und werden nicht viel gewürzte Schokolade miteinander trinken.
Aber er hatte nicht begriffen, was ich gesagt hatte; denn er sprach weiter: „Gehen Sie zum Quartier und suchen Sie sich Ihre Bunk.“
Ja, da fallen mir aber doch die Holzschindeln vom Dach, der wird doch nicht etwa im Ernst geredet haben und ist tatsächlich der Zweite Ingenieur und mein Vorgesetzter, dieser ausgebrochene Galeerensträfling? Als hätte mich jemand mit einer Keule über den Schädel gehauen, so torkelte ich nun zum Forecastle, zum Quartier.
Ein paar Mann lagen faul in ihrer Bunk. Als ich hereinkam, sahen sie mich schläfrig an, ohne irgendein Interesse oder irgendein Erstaunen zu zeigen. Solche unerwarteten Auffrischungen der Mannschaft schienen zu oft vorzukommen, als daß sie wert gewesen wären, sie zu beachten. Ich habe später einmal gehört, daß in einem Dutzend Häfen, die Yorikke gelegentlich anzulaufen pflegte, immer zwei oder drei Mann am Ufer lagen, die aus diesem oder jenem Grunde kein andres Schiff kriegen konnten oder unbedingt fort mußten, weil die Kaie zu heiß wurden, und nun täglich beteten: „O Herr der Schiffe und Heerscharen, laß’ die gute alte Yorikke hereinkommen!“ Denn auf der Yorikke fehlten immer zwei oder drei Mann, und ich bin sicher, daß die Yorikke noch nie in ihrem urlangen Leben jemals mit voller Mannschaft gefahren ist. Man sagte der Yorikke auch sonst noch etwas Häßliches nach. Es wurde behauptet, ihr Skipper sei schon viele, viele Male zu den Galgen gegangen und habe die Gehenkten untersucht, ob nicht noch ein Fünkchen Leben in ihnen zurückgeblieben sei und sie noch so viel Atem hätten, um ein Ja zu flüstern und angemustert zu werden für die Yorikke. Diese Nachrede ist häßlich, das weiß ich, aber sie ist nicht aus der Luft gegriffen und keiner Katze aus dem Ohrläppchen gesaugt. Ich fragte nach einer leeren Bunk. Einer der Leute deutete mit dem Kopfe nach einer oberen Schachtel. Ich fragte, ob auch niemand drin verreckt sei. Der Mann nickte und sagte dann: „Die untere Kommode ist auch frei.“
So nahm ich die untere. Der Mann verlor jegliches Interesse an mir und meinem Tun.
In der Bunk war keine Matratze, kein Strohsack, kein Kissen, keine Decke, kein Bettuch. Nichts. Nur das nackte wurmstichige Holz. Und sogar an dem Holze hatte man jeden Millimeter gespart, der nur gerade noch abzusparen war, damit man den Koffer für menschliche Gebeine noch Bunk nennen könne und nicht etwa einen Schirmkoffer. In jedem der beiden Bunks, die meinem gegenüber lagen, der eine oben der andre unten, lagen Lumpen und zerrissene alte Säcke. Das waren die Matratzen für die Mannschaften, die jetzt auf Wache waren oder auf dem Deck herumlungerten. Als Kissen hatten sie altes Tauwerk. Daß man auf altem Tauwerk schlafen könnte, mußte also doch keine Sage aus fernen Zeiten sein. In der Bunk, die über der meinen lag, in der also einer kürzlich verreckt war, vielleicht gestern erst, lagen keine Lumpen. Wenn ich auf meiner Bunk saß, so konnte ich die gegenüberliegende Bunk erreichen, ohne daß ich die Beine hätte lang ausstrecken brauchen. Ich stieß bereits mit den Knien an, während ich hier saß. Der Schiffsbauer war ein guter Rechner gewesen. Er hatte ausgerechnet, daß auf einem Schiff immer ein Drittel oder manchmal gar die Hälfte der Mannschaft auf Wache ist in der Zeit, wo die Bunks im Gebrauch sind. Aber es traf sich, daß wir drei Mann, die wir in diesem Abteil wohnten, alle dieselbe Wache hatten, so daß wir alle zu gleicher Zeit uns hier in diesem Raum, der zwischen den Bunks kaum einen halben Meter breit war, aus- und ankleiden mußten. Dieses Gewimmel von sich bewegenden Armen, Beinen, Köpfen und Schultern wurde noch unübersichtlicher, als in einem Nachbarquartier ein Mann mit seiner Bunk herunterbrach und die gebrauchen mußte, wo der eine verreckt war. Wie sich das ja immer so fügt, so war es auch hier; der neue Quartierbewohner gehörte mit zu unsrer Wache, und nun waren die Einzelheiten des Gewimmels beim An- und Auskleiden überhaupt nicht mehr zu unterscheiden. Wenn es gar zu arg durcheinanderging, so daß die Schiffsglocke schon die Wache ausrief, dann schrie der eine oder der andre plötzlich ein brüllendes Halt! aus, bei dem nach stillem Übereinkommen jeder von uns still hielt für die Dauer einer Sekunde. Dieses Halt! durfte nicht unnützlich geführt werden, sondern nur dann, wenn einer in höchster Not war, daß er seinen linken Arm verloren hatte oder sein rechtes Bein sich mit dem linken Bein eines der andern Insassen so vertauscht hatte, daß man ohne dieses Halt! nie herausgefunden hätte, daß der Martin mit dem rechten Bein des Bertrand auf Wache ging, während Bertrand erst bei Tagesanbruch merkte, daß er die ganze Wache hindurch mit der rechten Hand des Martin und mit der linken des Henrik das Ruderrad gequirlt hatte, während ich die Hände Bertrands verdreckte und überhaupt nicht wußte, wer meine abnutzt.
Ernstere Folgen hatte es schon, wenn im trüben Halbschlummer der rußenden Quartierlampe Bertrand mit seinem rechten Bein in das linke Bein seiner eignen Hose stieg, während er mit seinem linken Bein voll angezogen im rechten Bein der Hose Henriks steckte. Manchmal kostete es zwei halbe Hosen, manchmal kostete es nach allen Seiten herumfliegende Püffe, manchmal eine eingebrochene Bunk oder eine durchstoßene Tür. Immer aber kostete es eine ganze Freiwache Streitens und Zankens, um festzustellen, wer zuerst in das falsche Hosenbein gestiegen sei, wodurch der Unschuldige gezwungen wurde, sich rasch nach einem freien Hosenbein umzusehen, damit er nicht etwa mit einem unbekleideten Beine auf die Wache zu gehen gezwungen war. Es ist in der Tat zweimal vorgekommen, daß ein Hosenbein im Quartier zurückblieb, das beidemal von seinem rechtmäßigen Besitzer erst vermißt wurde als der Morgen aufkam. Es wäre ja vielleicht gegangen, wenn man sich geeinigt hätte. Aber wer sollte denn der Ausgestoßene sein, der eine Minute früher aufzustehen verdammt wurde? Beim Aufstehen begann ja gleich der wütende Streit darüber, daß eine halbe Stunde zu früh geweckt worden sei, wodurch gleich alle in die nötige Stimmung versetzt wurden, um jede Einigungsverhandlung auszuschließen und im Keime zu ersticken. Dieses Streiten und Wüten und Androhen, daß man der Wache das Zufrühwecken schon anstreichen wolle, erreichte seinen Höhepunkt gerade immer dann, wenn die Schiffsglocke die Wache aufrief. Dann paarte sich die Wut mit Nervosität, daß man nicht fertig würde, und gleich mit einem Anranzer die Wache beginnen müsse, weil der Hund wieder einmal zu spät geweckt habe, was er aus reinem Schabernack täte, wenn man an und für sich schon mit dem Zweiten nicht gut steht.
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Elektrisches Licht hatte die Yorikke nicht; sie wußte offenbar in ihrer Unschuld auch gar nicht einmal, daß es so etwas gäbe. Das Quartier war erleuchtet von einer Petroleumlampe. Man muß diesen Leuchtapparat schon so nennen. Es war ein verbeulter Blechbehälter mit einer Kranzverschraubung, die aus Eisenblech war, die man aber durch betrügerische Mittel so behandelt hatte, daß man glauben sollte, sie sei aus reinem Messing. Vielleicht hat es eine Zeit gegeben, wo dieser Betrug aufrechterhalten werden konnte. Aber weil jedes Kind weiß, daß Messing nicht rostet und von jenem Messingkranz nur noch Rost übriggeblieben war, der durch eine lange Gewohnheit in der Form eines Zylinderkranzes zusammenhielt, so war der Betrug herausgekommen, freilich zu einer Zeit, als die Lampe nicht mehr umgetauscht werden konnte, weil die Garantie abgelaufen war. Die Lampe hatte auch einmal einen Zylinder gehabt. Der winzige Rest dieses Zylinders konnte allein nur dadurch als Überbleibsel eines brauchbaren Lampenzylinders zweifelsfrei festgestellt werden, weil zuweilen die Frage durch das Quartier schwirrte: „Wer ist denn heute dran, den Zylinder zu putzen?“ Es war nie jemand dran, und es ging auch nie jemand dran. Diese Frage wurde auch nur aus alter Gewohnheit gestellt, um uns in dem Glauben zu lassen, wir besäßen einen Lampenzylinder. Ich habe nie jemand gesehen, der so viel Mut besessen hätte, „dran“ zu gehen. Er wäre nicht mehr davongekommen. Eine leise direkte Berührung des Zylinders hätte ihn in Staub zerfallen lassen, der Missetäter wäre dafür verantwortlich gewesen, man hätte ihm den Zylinder von der Heuer abgezogen, und auf diesem Wege hätte die Kompanie einen neuen Zylinder bekommen. Das Schiff noch lange nicht. Irgendwo hätte sich schon ein Glasscherben gefunden, der durch die Frage: „Wer ist denn heute dran?“ die Form eines Zylinders bekommen hätte. Die Lampe selbst war eine der Lampen, die jene sieben Jungfrauen getragen hatten, als sie auf der Hut waren. Unter solchen Umständen durfte man nicht gut erwarten, daß sie ein Seemannsquartier auch nur notdürftig erleuchten konnte. Der Docht war auch noch derselbe, den eine Jungfrau aus ihrem wollenen Unterrock geschnitten hatte. Das Öl, das wir für die Lampe faßten, und das aus betrügerischen Gründen Petroleum, manchmal sogar Diamantöl genannt wurde, war schon ranzig, als die Jungfrauen Öl auf ihre Lampen gossen. In der Zwischenzeit war es nicht besser geworden. Bei dem traulichen, zu traulichen Schein dieser Lampe, die laut Vorschrift die ganze Nacht hindurch im Quartier zu brennen hatte und die erstickend schlechte Luft noch mehr verdickte, weil sie nie brannte, sondern stets nur schmökte, sich an- und auszukleiden, entweder müde zum Zusammenbrechen oder völlig schlaftrunken durch ein handfestes Aufgerissenwerden, hätte in diesem engen Raum zu größeren Katastrophen geführt als ich zu erzählen für gut befunden habe, wenn nicht in den meisten Fällen abschwächende Umstände vorhanden gewesen wären. Es werden ja selten Dinge auf die äußerste Spitze getrieben. Um die Wahrheit zu gestehen, in den meisten Fällen wurde weder ausgekleidet, noch angekleidet. Nicht etwa, daß wir nichts zum An- und Auskleiden gehabt hätten. Das war es nicht. Etwas war schon immer noch vorhanden, daß wir wenigstens den guten Willen zeigen konnten. Aber was dann, wenn man weder eine Matratze, noch eine Decke, noch sonst etwa etwas Ähnliches hat?

Als ich ankam, hatte ich in der Erinnerung an normale Boote gefragt:
„Wo ist denn die Matratze für meine Bunk?“
„Wird hier nicht geliefert.“
„Kissen?“
„Wird hier nicht geliefert.“
„Decke?“
„Wird hier nicht geliefert.“
Mich wunderte nur, daß die Kompanie überhaupt das Schiff lieferte, das wir zu fahren hatten; und ich wäre nicht erstaunt gewesen, wenn man mir gesagt hätte, das Schiff muß jeder selber mitbringen. Ich war an Bord gekommen mit einem Hut, einer Jacke, einer Hose, einem Hemd und einem Paar – als sie noch neu waren, hatten sie Stiefel geheißen. Heute konnte man sie nicht gut so nennen, man würde es mir nicht geglaubt haben. Da waren aber andre an Bord, die nicht so reich waren. Einer hatte überhaupt keine Jacke, ein andrer überhaupt kein Hemd und ein Dritter hatte keine Schuhe, sondern eine Art Mokassins, die er sich aus alten Säcken, Kistendeckeln und Tauwerk gemacht hatte. Später erfuhr ich, daß die, die am wenigsten hatten, beim Skipper am höchsten angesehen wurden. Sonst ist es gewöhnlich andersherum. Aber hier, je weniger jemand hatte, desto weniger unternahm er das Wagnis, auszusteigen und die gute Yorikke ihrem Schicksal zu überlassen.
Meine Bunk war an der Korridorwand befestigt. Die gegenüberliegenden Bunks waren an einer Holzwand befestigt, die das Quartier in zwei Kammern teilte. An der andern Seite dieser Holzwand waren gleichfalls zwei Bunks und diesen beiden Bunks gegenüber an der äußeren Bordwand waren abermals zwei Bunks. Dadurch war es möglich gemacht worden, daß dieses Quartier, das für vier ausgewachsene Menschen schon reichlich knapp war, nun acht Leuten zum ständigen Wohnaufenthalt zu dienen hatte. Jene Holzwand, die das Quartier in zwei Kammern teilte, war aber nicht durch das ganze Quartier gezogen, weil sonst die Leute, die in der äußeren, der Bordwandkammer lagen, zur Seitenluke hätten herauskriechen müssen, die aber auch nicht groß genug war, daß sich jemand hätte hindurchzwängen können. Diese Wand war also nur in zwei Drittel Länge mitten durch den Raum gezogen, und da, wo diese Wand aufhörte, begann der Meßraum, der Speisesalon. Laut Vorschrift muß der Meßraum von den Schlafkammern getrennt sein. Das war hier vollkommen geglückt. Alle drei Räume waren derselbe Raum, durch die Wand aber war dieser Raum in drei Räume geteilt, wo eben nur die Türen immer offen waren. So hatte man sich das zu denken, denn die Kammern hatten keine besondere Tür, das Quartier hatte eine gemeinschaftliche Tür, die in den Korridor führte. In jenem Meßraum stand der rohe Eßtisch, und an jeder Längsseite des Tisches war eine rohe Bank. In einer Ecke, neben dem Eßtisch, stand ein alter verbeulter Blecheimer, der immer leckte. Er war Wascheimer, Badewanne, Scheuereimer alles in einer Gestalt. Außerdem diente er noch andern Zwecken, darunter auch solchen, um schwerbesoffene Seeleute um einige Kilo zu erleichtern, in den Fällen, wo der Eimer rechtzeitig erreicht wurde. Wurde er zu spät erreicht, wachte gewöhnlich ein Unbeteiligter in seiner Bunk auf, weil er von einem Wolkenbruch heimgesucht worden war, der alles mögliche in die Bunk gebracht hatte, das auf und unter der Erde erzeugt wird, mit der einzigen Ausnahme: Wasser. Wasser war nicht dabei, bei diesem Wolkenbruch, no, Sir.
Da waren vier Kleiderspinde in diesem Quartier. Wäre es nicht der verrotteten Lumpen und alten Säcke wegen gewesen, die darin hingen, so hätte man die Spinde leer nennen können. Acht Mann lagen in diesem Quartier, aber es waren nur vier Spinde drin. Vier Spinde zuviel, denn wenn man nichts zum Reinhängen hat, braucht man auch kein Spind. Das war ja auch der Grund, weshalb nur vier vorhanden waren. Es war von vornherein ausgemacht, daß fünfzig Prozent der Mannschaft, die auf der Yorikke fahren, nichts haben, das sich lohnen möchte, in einem Spinde aufbewahrt zu werden. Türen hatten die vier Spinde nicht mehr, woraus zu schließen war, daß hundert Prozent der Mannschaft keine Spinde benötigten.
Die Bullaugen waren auffallend klein und trübe. Die Frage, wer sie zu putzen hatte, tauchte zuweilen auf, aber niemand beantwortete sie mit „ich“, und wenn sie einer mit „Sie“ oder mit „du“ beantwortete, so wurde das unter Wutausbrüchen bestritten, bis man sich auf „er“ einigte. Wer immer auch dieser Er sein mochte: wenn er genannt wurde, war er auf Wache, konnte also an der Abstimmung dieser Frage nicht teilnehmen und hätte jetzt übrigens auch gar keine Zeit gehabt, sich um ungeputzte Bullaugen zu kümmern. Das Putzen des einen kam ja sowieso nicht in Frage, weil das Glas ausgebrochen und die leere Stelle mit Zeitungspapier verklebt worden war.
Das war der Grund, weshalb selbst bei hellem Sonnenschein das Quartier in mysteriöse Dämmerung gehüllt war. Die beiden Bullaugen, die zum Deck hinausführten, durften bei Nacht nicht geöffnet werden, weil das Lampenlicht des Quartiers die Wache auf der Brücke störte. Deshalb stand in dem Quartier die Luft still wie festgerammt, weil kein Durchzug war.
Jeden Tag wurde das Quartier gefegt von einem, der im Dreck stecken blieb und seine Füße nicht mehr herausziehen konnte oder eine Nähnadel oder einen Knopf verloren hatte. Einmal in der Woche wurde das Quartier mit Salzwasser überflutet, was wir scheuern und schrubben nannten. Es gab weder Seife, noch Soda, noch Bürsten. Wer sollte sie liefern? Die Kompanie nicht. Und die Mannschaft hatte nicht einmal Seife, um sich ein Hemd zu waschen. Man war schon selig, wenn man eine Krume Seife in der Tasche trug, um sich das Gesicht zuweilen waschen zu können. Liegen lassen durfte man die Krume nicht. Wenn sie wie ein Stecknadelknopf groß gewesen wäre, irgend jemand hätte sie gefunden, behalten und nie zurückgegeben.
Der Dreck war so dick und so hübsch festgetrocknet, daß man eine Axt gebraucht hätte, ihn loszukriegen. Hätte ich je die Kraft gefunden, das zu tun, ich würde mich darüber hergemacht haben. Nicht aus übertriebenen Reinlichkeitsgefühlen, die gingen auf der Yorikke bald verloren, sondern aus wissenschaftlichen Gründen. Ich trug in mir die feste Überzeugung, und diese Überzeugung habe ich heute noch, daß, wenn ich nicht zu müde gewesen wäre und den Dreck schichtweise abgemeißelt hätte, dann hätte ich in den tieferen Schichten Geldmünzen der Phönizier gefunden. Was für Schätze ich gefunden hätte, wenn ich noch einige Schichten tiefer gedrungen wäre, wage ich gar nicht auszudenken. Vielleicht lagen da die abgeschnittenen Fingernägel des Urgroßvaters des Neandertalmenschen, die solange schon und so vergebens gesucht werden, und die so ungemein wichtig sind, um festzustellen, ob der Höhlenmensch schon etwas von Mr. Henry Ford aus Detroit gehört hätte, oder ob er imstande gewesen wäre, auszurechnen, wieviel Dollar Mr. Rockefeller jede Sekunde verdient, wenn er seine blaue Brille putzt, denn die Universitäten können nur dann auf einen Privatzuschuß rechnen, wenn sie einen Teil der Reklame zu übernehmen gewillt sind. Wenn man das Quartier verlassen wollte, so hatte man einen dunklen lächerlich schmalen Korridor zu durchwandern. An der gegenüberliegenden Seite unsers Quartiers lag ein ähnliches Quartier, nicht genau so, nur ähnlich, weil es noch verdreckter, noch muffiger und noch dunkler war als unsres. Das eine Ende des Korridors führte auf das Deck, das andre zu einer Fallgrube. Ehe man diese Fallgrube erreichte, waren zu beiden Seiten noch je eine winzig kleine Kammer, die für den Zimmermann, den Bootsmann, den Donkeyman und noch einen -mann bestimmt waren, die alle im Unteroffiziersrange standen, und die deshalb ihre eignen Quartiere hatten, damit sie nicht dieselbe Luft wie die gewöhnliche Mannschaft zu atmen verpflichtet waren, was der Autorität hätte schaden können.
Die Fallgrube führte zu zwei Kammern, die eine war die Ketten- und Rüstkammer, während die andre die Schreckenskammer genannt wurde. Es war niemand auf der Yorikke, der behaupten konnte, er sei je in der Schreckenskammer gewesen oder habe je einen Blick hineingeworfen. Sie war immer fest verschlossen. Als einmal aus irgendeinem Grunde, ich weiß nicht mehr zu sagen, welches dieser unerhörte Grund war, nach dem Schlüssel für die Schreckenskammer gefragt wurde, stellte es sich heraus, daß niemand wußte, wo der Schlüssel sei, und daß die Offiziere behaupteten, der Skipper habe den Schlüssel. Der Skipper aber verschwor seine Seele und seine noch ungeborenen Kinder, daß er den Schlüssel nicht habe, und daß er strengstens verbiete, daß jemand die Kammer öffne oder gar hineingehe. Jeder Skipper hat seine Schrullen. Er hatte viele, unter andern jene, nie die Quartiere der Mannschaft zu inspizieren, was er jede Woche einmal zu tun, laut Vorschrift, verpflichtet war. Er begründete die Schrulle damit, daß er es nächste Woche ja tun könne, daß er sich gerade heute nicht den Appetit verderben wolle und auch das Besteck noch nicht gesetzt habe, was er jetzt zuerst einmal tun müsse.
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Es waren aber doch einmal Leute in jener Schreckenskammer gewesen und hatten sich alles angesehen, was drin war. Diese Leute waren jetzt nicht mehr auf der Yorikke, sie waren sofort runtergefeuert worden, als es herauskam, daß sie es gewagt hatten, in jene Kammer einzudringen. Aber ihre Erzählung hatte sich doch auf der Yorikke erhalten. Solche Erzählungen erhalten sich immer, auch wenn die gesamte Mannschaft entlassen wird auf einen Ruck, besonders in jenen Fällen, wenn der Eimer auf einige Monate ins Trockendock muß.

Die Mannschaft mag das Schiff verlassen. Die Erzählungen verlassen ein Schiff nie. Wenn das Schiff die Erzählung gehört hat, bleibt die Erzählung auch drauf. Sie dringt in das Eisen, in das Holz, in die Bunks, in die Ladeschächte, in die Kohlenbunker, in den Kesselraum. Und dort erzählt das Schiff in den Nachtstunden seinen Kameraden, den Mannschaften, die Geschichten wieder, Wort für Wort, genauer als wenn die Geschichten gedruckt wären.
Auch diese Geschichten über die Schreckenskammer waren erhalten geblieben. In der Kammer hatten die beiden Eindringlinge mehrere menschliche Skelette gesehen. Wieviele es waren, hatten sie in ihrem grausigen Schreck nicht zählen können. Es wäre auch nur schwer möglich gewesen, weil die Skelette auseinandergefallen und durcheinandergeschüttelt worden waren. Es war aber eine ganze Anzahl. Es wurde auch bald festgestellt, wer die Skelette waren, oder richtiger, wem sie ursprünglich gehörten. Die Skelette waren die Überreste ehemaliger Mitglieder der Yorikke-Mannschaft, die von Ratten aufgefressen worden waren, die die Größe sehr großer Katzen hatten. Diese überlebensgroßen Ratten waren wiederholt gesehen worden, wenn sie aus irgendwelchen Löchern der Schreckenskammer herauswischten.
Warum diese bedauernswerten Opfer den Ratten zum Fraße vorgeworfen worden waren, stand zuerst nicht zweifelsfrei fest. Es kamen Gerüchte in Umlauf, die sich schließlich aber auf eines kristallisierten. Diese armen Männer waren geopfert worden, um die Fahrtkosten für die Yorikke niedrigzuhalten und die Dividenden der Kompanie oder des Einzelbesitzers der Yorikke hochzuhalten. Wenn nämlich in einem Hafen ein Mann abmusterte und er wagte es, die Bezahlung der Überstunden zu verlangen, wie es laut Vereinbarung getan werden soll, so wurde er kurzerhand in die Schreckenskammer gebracht.
Dem Skipper blieb ja kein andrer Ausweg. Die Bezahlung der Heuer und die Abmusterung wurden im Hafen vorgenommen. Dort konnte der Skipper den Mann, der seine Überstunden bezahlt haben wollte, nicht gut über Bord werfen; denn das hätten die Hafenbehörden sehen können und den Skipper wegen Hafenverunreinigung mit Geldstrafe belegt. Was er mit seinem Manne tat, darum hatten sich die Behörden nicht zu kümmern, nur was er mit dem Hafen und dem Hafenwasser tat. Hätte der Skipper nun den Mann einfach vom Boot gehen lassen, so wäre der Mann zur Polizei gegangen oder zum Konsul oder zu einer Seemannsgewerkschaft, und der Skipper hätte die Überstunden bezahlen müssen. Um das zu vermeiden, wurde der Mann kurz entschlossen in die Schreckenskammer eingeschlossen.
Wenn das Schiff nun auf hoher See war, so ging der Skipper runter, um den Mann wieder rauszulassen, denn nun war er ja nicht mehr gefährlich. Aber die Ratten wollten den Mann jetzt nicht mehr hergeben, sie hatten schon angefangen, an ihm zu essen, und eine Anzahl von Paaren wartete bereits mit Heiratslizenzen, weil die Gelegenheit so günstig war, ein ganz ausgezeichnetes Hochzeitsessen geben zu können. Der Skipper brauchte den Mann bitter notwendig zum Arbeiten, und er mußte sich in einen Kampf mit den Ratten einlassen. Bei diesem Kampfe aber zog der Skipper jedesmal den Kürzeren und mußte endlich, um sein eignes Leben zu retten, die Kammer verlassen, ohne den Mann mitzukriegen. Hilfe konnte der Skipper ja nicht herbeirufen, dann wäre das alles herausgekommen, und er hätte von nun an die Überstunden bezahlen müssen.
Seitdem ich auf der Yorikke gewesen bin und sie gefahren habe, glaube ich nicht mehr an die herzzerreißenden Geschichten der Sklaven und der Sklavenschiffe. So dicht, wie wir gepackt waren, sind Sklaven nie gepackt worden. So hart, wie wir arbeiten mußten, haben Sklaven nie arbeiten brauchen. So müde und so hungrig, wie wir immer waren, sind Sklaven nie gewesen. Sklaven waren Handelsware, für die bezahlt worden war, und für die man hohe Bezahlung erwartete. Diese Ware mußte sorgfältig behandelt werden. Für abgerackerte, ausgehungerte und übermüdete Sklaven bezahlte niemand auch nur die Transportkosten, geschweige denn einen Preis, daß der Händler noch tüchtig daran verdienen konnte.
Aber Seeleute sind keine Sklaven, für die bezahlt worden ist, und die als kostbare Handelsware hoch versichert sind. Seeleute sind freie Menschen. Sie sind frei, verhungert, verlumpt, übermüdet, arbeitslos und darum gezwungen zu tun, was von ihnen verlangt wird, und zu arbeiten, bis sie zusammenfallen. Dann werden sie über Bord geworfen, weil sie das Futter nicht mehr wert sind. Da gibt es zu dieser Stunde noch Schiffe zivilisierter Völker, auf denen die Seeleute gepeitscht werden dürfen, wenn sie sich weigern, die Arbeit von zwei Wachen dauernd zu übernehmen und von der dritten Wache noch die Hälfte, weil der Schiffsbesitzer so schlechte Löhne zahlt, daß die Mannschaft immer um ein Drittel zu kurz ist.
Und der Seemann hat zu essen, was ihm vorgesetzt wird, ob der Koch gestern noch Schneider war, weil ein richtiger Koch für die Heuer nicht zu haben war, oder ob der Skipper an der Mannschaftskost so viel zu ersparen trachtet, daß die Mannschaft nie satt wird.
Die Seegeschichten erzählen viel über Schiffe und über Matrosen. Wenn man diese Schiffe aber ein wenig aufmerksam betrachtet, dann sieht man, daß es Sonntag-Nachmittags-Schiffe sind, und die Matrosen in jenen Seegeschichten sind immer lustige Operettensänger, die sich die Hände maniküren und ihren Liebeskummer hätscheln.
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Mit den schläfrigen Leuten im Quartier hatte ich alles in allem kaum zehn Worte gewechselt. Als ich meine Bunk hatte und mir gesagt war, daß es hier weder Decken noch Matratzen gäbe, war der Gesprächsstoff erschöpft.

Über mir hörte ich das übliche Rattern und Knattern der Ketten, das dröhnende Hämmern des Ankers, der gegen die Bordwand schlug, ehe er zur Ruhe kam, das Rasseln der Wintschen, das Herumlaufen, Herumtrampeln, das Kommandieren, das Fluchen, das alles notwendig ist, damit ein Schiff rausgehen kann. Dasselbe Geräusch hört man, wenn das Schiff reinkommt.
Mich ärgert dieses Geräusch immer und macht mich mißmutig. Ich fühle mich nur wohl, wenn der Eimer draußen auf hoher See schwimmt. Ganz gleich, ob er heim geht oder raus. Aber ich will draußen sein mit dem Schiff. Ein Schiff im Hafen ist kein Schiff, sondern eine Kiste, die gepackt wird, in die eingepackt oder aus der ausgepackt wird. Im Hafen ist man auch gar kein Seemann auf dem Schiff; man ist eben gerade Tagelöhner. Die dreckigste Arbeit wird im Hafen gemacht, und man arbeitet, als ob man in einer Fabrik wäre, aber nicht auf einem Schiff. Solange ich das Rasseln und Kommandieren hörte, verließ ich das Quartier nicht. Wo gearbeitet wird, da soll man nicht nahe gehen. Denn steht man erst einmal in der Nähe, dann kann leicht etwas für einen dabei abfallen: „He, langen Sie doch da rasch mal zu.“ Ich denke ja gar nicht daran. Wozu denn? Ich kriege es ja nicht bezahlt. Da hängen sie in jedes Bureau und in jeden Fabriksaal ein Plakat mit der Aufforderung: „Do more!“ oder „Tu mehr!“ Die Erklärung wird einem kostenfrei gegeben auf einem Handzettel, der einem auf den Arbeitsplatz gelegt wird: „Tu mehr! Denn wenn du heute mehr tust, als man von dir fordert, wenn du heute mehr arbeitest, als wofür du bezahlt wirst, dann wird man dir auch eines Tages das bezahlen, was du mehr tust.“
Mich hat noch nie jemand damit fangen können, darum bin ich ja auch nicht Generaldirektor der Pacific Railway and Steamship Co. Inc. geworden. Man kann es immer wieder in den Sonntagsblättern lesen und in den Zeitschriften und in den Bekenntnissen erfolgreicher Männer, daß allein durch dieses freiwillige Mehrarbeiten, das Ehrgeiz, Strebsamkeit und den Wunsch, kommandieren zu dürfen, verrät, schon manch einfacher schlichter Arbeitsmann Generaldirektor oder Milliardär geworden sei, und daß jedem, der diesen Spruch gewissenhaft befolgt, der gleiche Weg zum Generaldirektorposten offenstehe. Aber soviel Generaldirektorstellen und soviel Milliardärposten sind in ganz Amerika nicht frei. Da kann ich erst mal dreißig Jahre lang immer mehr und immer noch mehr arbeiten, ohne mehr bezahlt zu bekommen, weil ich ja doch Generaldirektor werden soll. Wenn ich dann gelegentlich einmal nachfrage: „Na, wie ist es denn nun mit dem Generaldirektorposten, ist noch nichts frei?“ so wird mir gesagt: „Bedaure sehr, momentan noch nicht, wir haben Sie aber vorgemerkt, arbeiten Sie noch eine Weile tüchtig so weiter, wir werden Sie nicht aus dem Auge verlieren.“ Früher hieß es: „Jeder meiner Soldaten trägt den Marschallstab in seinem Tornister“, heute heißt es: „Jeder unsrer Arbeiter und Angestellten kann Generaldirektor werden.“ Ich habe als Junge ja auch Zeitungen ausgeschrien und Stiefel geputzt und mir mit elf Jahren schon meinen Lebensunterhalt verdienen müssen, aber ich bin bis heute weder Generaldirektor noch Milliardär geworden. Die Zeitungen, die jene Milliardäre als Jungen ausgerufen haben, und die Stiefel, die sie geputzt haben, müssen ganz andre Zeitungen und Stiefel gewesen sein, als die, mit denen ich in Berührung gekommen bin.
Wenn man des Nachts so auf dem Ausguck steht, und es ist alles ruhig, kommen einem allerlei schnurrige Gedanken. So habe ich mir schon ausgemalt, was geschehen wäre, wenn die Soldaten Napoleons plötzlich alle ihren Marschallstab aus ihren Tornistern genommen hätten. Wer macht denn dann die Nieten warm in der Kesselschmiede? Die frischgeadelten Generaldirektoren natürlich. Wer sonst? Es ist ja niemand sonst übriggeblieben, der es machen könnte, und der Kessel soll doch fertig werden, und die Schlacht soll geschlagen werden, weil man sonst weder Generaldirektoren noch Marschälle braucht. Der Glaube füllt leere Säcke mit Gold, macht Zimmermannssöhne zu Göttern und Artillerieleutnants zu Kaisern, deren Namen Jahrtausende überstrahlt. Mach’ die Menschen gläubig, und sie prügeln ihren lieben Gott zum Himmel hinaus und setzen dich auf seinen Thron. Der Glaube versetzt Berge, aber der Unglaube zerbricht alle Sklavenketten.
Als das Gerassel endlich einschlief und ich bereits Deckarbeiter müßig herumstehen sah, verließ ich das Quartier und ging hinaus aufs Deck. Gleich hoppte der Taschendieb, der sich mir als Zweiten Ingenieur vorgestellt hatte, auf mich zu und sagte in seinem unsagbar komischen Englisch zu mir: „Der Skipper will mit Ihnen sprechen, kommen Sie mit.“
Die Redewendung „Kommen Sie mit“ bereitet in neunzehn von zwanzig Fällen nur den Satz vor: „Wir werden Sie für eine gute Weile hierbehalten.“
Auch wenn in diesem Ausnahmefalle der zweite Satz nicht gesprochen worden wäre, so war seine Folge doch schon entschieden. Yorikke lief bereits wie das leibhaftige Donnerwetter auf hoher See. Der Lotse hatte das Boot verlassen, und der Erste Offizier hatte die Wache übernommen.
Der Skipper war ein noch junger Mann, sehr gut genährt, mit einem gesunden, roten und glattrasierten Gesicht. Er hatte wässerig blaue Augen, und in seinem gelbbraunen Haar waren brandrote Farbtöne. Er war außerordentlich gut gekleidet, beinahe überelegant. Die Zusammenstellung der Farben des Anzuges, der Krawatte, der Strümpfe und der eleganten Halbschuhe waren gut gewählt. Nach seinem Aussehen würde man ihn nicht für den Kapitän eines kleinen Frachtdampfers, nicht einmal für den eines großen Passagierschiffes gehalten haben. Er sah nicht aus, als ob er einen Eimer auch nur von einer offnen Reede zu einer andern offnen Reede bringen könnte, ohne dabei auf der andern Seite der Erdoberfläche zu landen. Er sprach ein gutes reines Englisch, wie man es in einer sehr guten Schule in einem nicht englisch sprechenden Lande lernen mag. Die Worte wählte er sehr sorgfältig aus, es machte den Eindruck, als ob er sehr geschickt, aber sehr rasch während des Sprechens nur solche Worte auswählte, die er fehlerfrei aussprechen konnte. Um dies mit Erfolg tun zu können, machte er im Sprechen Pausen, wodurch er die Vorstellung erweckte, daß er ein Denker sei. Der Kontrast zwischen dem Skipper und dem Zweiten Ingenieur, der ja ebenfalls Offizier war, hatte nichts Komisches an sich, sondern war so erschütternd, daß, wenn ich je im Zweifel gewesen wäre, wo ich war, ich es aus diesem Kontrast sofort gewußt hätte.
„So, Sie sind der neue Kohlenzieher?“ grüßte er mich, als ich in seine Kabine trat.
„Ich? Kohlenzieher? No, Sir, I am fireman, ich bin Heizer.“ Mir kam schon der Leuchtturm in Sicht.
„Von Heizer habe ich nichts gesagt“, mischte sich jetzt der Taschendieb ein. „Ich habe gefragt Heizpersonal, nicht wahr, das habe ich doch gefragt?“
„Das ist richtig,“ erwiderte ich, „das haben Sie gefragt, und das habe ich mit ja beantwortet. Aber nie in meinem Leben habe ich dabei an Kohlenzieher gedacht.“
Der Skipper machte ein gelangweiltes Gesicht und sagte zu dem Roßtäuscher: „Das ist nun Ihre Sache, Mr. Dils. Ich habe geglaubt, das sei in Ordnung.“
„Ich will sofort das Boot verlassen, Skipper. Ich denke mit keiner Idee daran, als Kohlenzieher zu zeichnen. Sofort ausbooten. Ich protestiere, und ich werde mich beim Hafenamt beschweren wegen versuchten Shanghaiing.“
„Wer hat Sie shanghaied?“ fuhr jetzt der Roßtäuscher auf. „Ich? Das ist eine unverschämte Lüge.“
„Dils,“ sagte der Kapitän jetzt sehr ernst, „damit will ich nichts zu tun haben. Dafür bin ich nicht verantwortlich. Das haben Sie auszubaden, das erkläre ich gleich hier. Machen Sie das draußen miteinander ab.“
Der Taschendieb ließ sich aber nicht verwirren. „Was habe ich gefragt? Habe ich nicht gefragt: Kesselgang?“
„Richtig, das haben Sie gefragt, aber Sie haben nicht gesagt –“
„Gehört der Kohlenzieher zur Schwarzen Bande oder nicht?“ fragte der Ingenieur nun lauernd.
„Allerdings gehört der Kohlenzieher dazu,“ bestätigte ich der Wahrheit gemäß, „aber ich habe –“
„Dann ist es ganz in Ordnung“, sagte nun der Skipper. „Wenn Sie Heizer meinten, so hätten Sie das ausdrücklich sagen müssen, dann hätte Mr. Dils Ihnen schon gesagt, daß wir keinen Heizer zu kurz sind. Also gut, dann können wir ja nun schreiben.“
Er nahm die Mannschaftslisten und fragte nach meinem Namen.
Unter meinem guten Seemannsnamen auf einem Totenschiff? Niemals. So tief bin ich noch nicht gesunken. Ich kriege ja nie wieder in meinem Leben einen ehrenhaften Eimer. Lieber das Entlassungszeugnis aus einem anständigen Gefängnis, das ist besser als das Quittungsbuch eines Totenschiffes.
So gab ich meinen guten Namen auf und sagte mich von meinen Familienbanden los. Ich hatte keinen Namen mehr.
„Geboren in und wann?“
Der Name war weg, aber ich hatte meine Heimat noch.
„Geboren in und wann?“
„In – in –“
„In wo?“
„Alexandria.“
„In U. S.?“
„Nein in Ägypten.“
Nun war auch die Heimat weg; denn von nun hatte ich das Quittungsbuch der Yorikke als einzigen Ausweis für den Rest meines Lebens.
„Nationalität? Britisch?“
„No. Ohne Nationalität.“
Ich sollte meinen Namen und meine Nationalität in den Listen der Yorikke für ewige Zeiten registriert wissen? Ein gutgewaschener Amerikaner, zivilisiert, ausgerüstet mit dem Evangelium der Zahnbürste und der Wissenschaft des täglichen Füßewaschens, sollte je eine Yorikke gefahren, je eine Yorikke bedient, gescheuert, angestrichen haben? Meine Heimat, nein, nicht meine Heimat, aber die Vertreter meiner Heimat hatten mich zwar ausgestoßen und verleugnet. Aber kann ich die Erde verleugnen, deren Hauch ich mit meinem ersten Atemzuge trank? Nicht der Vertreter wegen und nicht seiner Flagge wegen, aber der Liebe zur Heimat wegen, ihr zuliebe, ihr zu Ehren, habe ich sie abzuschwören. Auf der Yorikke fährt kein ehrlicher amerikanischer Junge, selbst wenn er dem Henker entlaufen sein sollte.
„No, Sir, keine Nationalität.“
Nach Seemannskarte, Heuerbuch, Paß oder sonst etwas Ähnlichem fragte er nicht. Er wußte, daß Leute, die zur Yorikke kommen, nicht nach solchen Dingen gefragt werden dürfen. Sie könnten ja sagen: „Ich habe keine Papiere.“ Was dann? Dann dürfte er sie nicht zeichnen lassen, und Yorikke würde keine Mannschaft haben. Beim nächsten Konsul mußte die Liste ja amtlich bestätigt werden. Aber dann war nichts mehr zu ändern, der Mann war bereits angemustert, hatte bereits gefahren, da war es nicht mehr möglich, ihm die konsulare Bestätigung zu verweigern. Der Konsul kennt amtlich keine Totenschiffe und nichtamtlich glaubt er nicht daran. Konsul zu sein, erfordert Talente. Die Konsuln glauben auch nicht an das Geborensein von Menschen, wenn der Geburtsschein das Geborensein nicht schwarz auf weiß beurkundet.
Was blieb von mir noch übrig, nachdem Name und Heimat verspielt waren? Die Arbeitskraft. Das allein war es, das zählte. Das allein wurde bezahlt. Nicht zum vollen Werte. Aber etwas, damit nicht die Erschlaffung den Spaß verdirbt.
„Die Heuer für die Kohlenzieher ist siebzig Peseta“, sagte der Skipper so wie nebenbei, während er in die Liste schreibt.
„Wa–a–a–s?“ schreie ich. „Siebzig Peseta?“
„Ja, haben Sie das nicht gewußt?“ fragt er mit einer müden Geste.
„Ich habe angemustert für englische Heuer“, verteidige ich nun meinen Lohn.
„Mr. Dils?“ fragt der Skipper. „Was ist das, Mr. Dils?“
„Habe ich Ihnen englische Heuer versprochen?“ sagt der Roßtäuscher grinsend zu mir.
Ich könnte diesem Hund gleich so eine in die Fresse hauen, aber hier will ich doch nicht in Eisen liegen. Nicht auf der Yorikke, wo mich die Ratten lebendig anfressen würden, wenn man sich nicht wehren kann. „Jawohl, Sie haben mir englische Heuer versprochen“, schrie ich nun in Wut auf den Gauner ein. Es ist ja das Letzte, was ich zu verteidigen habe, meinen Arbeitslohn. Den Hundelohn. Je schwerer die Arbeit, desto geringer der Lohn. Der Kohlenzieher hat die schwerste und teuflischste Arbeit auf dem Eimer und meist den schäbigsten Lohn. Englische Heuer ist ja auch nicht berühmt, aber wo in der Welt bekommt denn der Arbeiter seinen vollen Lohn? Wer den Arbeiter seinen Lohn nicht zahlt, ist ein Bluthund. Aber man braucht den Lohn mit dem Arbeiter, der die Arbeit so bitter benötigt, nur vorher ausmachen, dann ist es sein Lohn. Sein Lohn, und man ist kein Bluthund mehr. Gäbe es keine Gesetze, dann würde es auch keine Milliardäre geben. Worte kann man kneten, darum werden Gesetze in Worten niedergeschrieben. Dem Hungernden ist das Kneten bei Todesstrafe verboten; bei etwa mildernden Umständen ist Freiheitsstrafe vorgesehen, um Gnade üben zu können und die Menschlichkeit der Gesetze zu beweisen.
„Jawohl, das haben Sie, Sie haben mir englische Heuer zugesagt“, schreie ich noch einmal.
„Schreien Sie nicht so“, sagt der Kapitän und sieht von der Liste auf. „Wie ist das nun, Dils? Ich bin das endlich leid. Wenn Sie Leute annehmen, will ich doch, daß alles in Ordnung ist.“
Der Skipper spielt fein. Yorikke darf stolz sein auf ihren Meister.
„Von englischer Heuer habe ich gar nicht gesprochen“, sagt der Roßtäuscher.
„Doch haben Sie das. Das kann ich beschwören.“ Das winzige Eckchen Recht, das mir noch geblieben ist, will ich verteidigen bis zum Äußersten.
„Beschwören? Begehen Sie nur ja keinen Meineid, Mann. Ich weiß genau, was ich alles zu Ihnen gesagt habe, und ich weiß ganz genau, was Sie geantwortet haben. Ich habe hier genug Zeugen an Bord, die bei mir standen, als ich Sie anmusterte. Ich habe gesagt ‚englisches Geld‘, aber von englischer Heuer habe ich kein Wort gesagt.“
Der Hund hat recht. Er hat in der Tat englisches Geld gesagt und das Wort Heuer gar nicht erwähnt. Ich hatte natürlich darunter englische Heuer verstanden.
„Dann ist das ja wohl nun auch in Ordnung“, sagte der Skipper ruhig. „Sie bekommen natürlich ihre Heuer in englischen Pfunden und Schillings ausgezahlt. Für Überstunden werden fünf Pence bezahlt. Und wo wollen Sie abmustern?“
„Im nächsten Hafen, den wir anlaufen.“
„Das können Sie nicht“, sagt der Roßtäuscher grienend.
„Jawohl, das kann ich.“
„Können Sie nicht“, wiederholte er. „Sie haben gemustert für Liverpool.“
„Das meine ich ja auch“, sage ich. „Liverpool ist ja der nächste Hafen, den wir anlaufen.“
„Nein,“ antwortet der Skipper, „wir haben deklariert Griechenland, aber ich habe meine Absichten geändert und mache Nordafrika.“
Deklariert und während der Fahrt Kurswechsel. Ei, lieber Freund, du bist deutlich. Marokko und Syrien bezahlen gute Preise für – –. Und wenn du das Geld noch schnell glücklich drin hast, dann wird angemustert auf große lange Fahrt. He? Einen Salzwasserfisch, der in so vielen Meeren geschwommen ist, dem kannst du nichts verstecken. Das wäre nicht der erste Blender, den ich fahre.
„Sie haben mir gesagt Liverpool, und Sie haben ausdrücklich erwähnt, daß ich in Liverpool abmustern darf“, rufe ich erregt dem Taschendieb zu.
„Kein Wort wahr, Skipper“, sagt der gerissene Bursche. „Ich habe gesagt, wir haben Stückgut für Liverpool, und er könne dort abmustern, wenn wir Liverpool machen.“
„Das ist ja dann alles in Ordnung“, bestätigt nun der Kapitän. „Wir haben acht Kisten Ölsardinen für Liverpool, Stückgut, weit unter Frachtsatz. Lieferungsgrenze achtzehn Monate. Ich werde doch nicht dieser acht Kisten wegen, die als Nebengut gehen, Liverpool machen. Die sind Gelegenheitsgut, die keine Fracht kosten sollen. Wenn ich mehr aufnehme, daß es sich lohnt, gehe ich natürlich schon innerhalb der nächsten sechs Monate rauf.“
„Das konnten Sie doch aber gleich sagen, daß es nicht Stückgut sei, sondern Schnappgut, das Sie für Liverpool haben.“
„Das haben Sie ja nicht gefragt“, widerspricht der Roßtäuscher.
Eine feine Gesellschaft. Schmuggeln, Deklarierungen fälschen, Häfen täuschen, Kurse schwindeln und Totenschiffe fahren. Denen gegenüber ist ein zünftiger Seeräuber ein Edelmann. Einen Seeräuber fahren, ist keine Schande, da würde ich weder Namen noch Nationalität abschwören. Seeräuber fahren, ist Ehrensache. Diesen Eimer fahren, ist eine Schmach, an der ich lange zu würgen haben werde, bis sie geschluckt und verdaut sein wird.
„Wollen Sie hier Ihren Namen untersetzen.“
Der Skipper reicht mir einen Federhalter.
„Darunter? Nie! nie!“ Ich rufe es in Empörung.
„Wie Sie wollen. Mr. Dils, bitte, schreiben Sie hier als Zeuge hin.“
Dieser Taschendieb, dieser Roßtäuscher, dieser Gauner, dieser Betrüger, dieser Shanghaier, dieser Mann, für den der Strick, mit dem zwei Dutzend Raubmörder gehenkt worden sind, zu anständig und zu ehrenhaft wäre, soll da für mich unterschreiben. Dieses Aas soll nicht einmal unter meinem ausgedachten Namen seine aussätzige Hand hinlegen dürfen.
„Geben Sie her, Skipper, ich unterschreibe selbst, es ist ja nun doch alles schon Schiet mit Rotz.“
„Helmont Rigbay, Alexandria (Ägypten).“
Da steht es. Fest und sicher. Nun, Yorikke, hoiho! Geh’ zur Hölle meinetwegen. Jetzt ist alles, alles egal. Ausgelöscht aus den Lebenden. Verweht. Kein Hauch von mir ist mehr in der Welt.
Holla–he! Holla–he! Hoiho! Ich liege nicht an einem Riff, Ich fahre auf dem Totenschiff So fern vom sonn’gen New Orleans, So fern vom lieben Louisiana.
Holla–he! Morituri salutant! Die modernen Gladiatoren grüßen dich, o Cäsar Augustus Capitalismus. Morituri salutant! Die Totgeweihten grüßen dich, o Cäsar Augustus Imperator, wir sind bereit zu sterben für dich, für die heilige und glorreiche Versicherung.
O Zeiten, o Sitten! Die Gladiatoren zogen in glänzenden Rüstungen in die Arena. Fanfaren schmetterten und Zimbeln klangen. Schöne Frauen winkten ihnen zu von den Brüstungen und ließen ihre goldgestickten Tüchelchen fallen; die Gladiatoren hoben sie auf, preßten sie an ihre Lippen, atmeten den berückenden Hauch, und ein süßes Lächeln dankte ihnen und grüßte sie. Unter dem begeisterten Beifallsgeschrei einer erregten Menge, unter den Klängen rauschender Kriegsmusik, hauchten sie ihren letzten Atem aus.
Wir aber, die Gladiatoren von heute, wir verkommen im Dreck. Wir sind zu müde, um uns zu waschen. Wozu auch waschen? Wir verhungern, weil wir vor der Schüssel einschlafen. Wir verhungern, weil die Kompanie sparen muß, um die Konkurrenz auszuhalten. Wir sterben in Lumpen, schweigend, auf einem gesuchten Riff, tief im Kesselraum. Wir sehen das Wasser kommen, und wir können nicht mehr rauf. Wir hoffen, daß der Kessel explodiert, um es kurz zu machen, weil die Hände eingeklemmt sind, die Feuertüren aufgerissen sind und die glühende Kohle an unsern Füßen und Schenkeln langsam frißt. Der Kesselbums? Der ist dran gewöhnt. Dem macht das Verbrennen und Verbrühen nichts aus.
Wir sterben ohne Fanfarenmusik, ohne das Lächeln schöner Frauen, ohne das Beifallsrauschen einer erregten, festlich gestimmten Menge. Wir sterben schweigend und in Lumpen, für dich, o Cäsar Augustus! Heil dir, Imperator, wir haben keinen Namen, wir haben keine Nationalität. Wir sind niemand, wir sind nichts.
Heil dir, Cäsar Augustus Imperator, du hast keinen Witwen und Waisen Pension zu zahlen. Wir, o Cäsar, sind die getreuesten deiner Diener. Die Totgeweihten grüßen dich!
27
Es war halb sechs, als ein Neger das Abendbrot in das Quartier brachte. Das Abendbrot war in zwei verbeulten und fettigen Blechkumpen. Eine dünne Erbsensuppe, Pellkartoffeln und heißes braunes Wasser in einer zerhämmerten Emaillekanne. Das braune Wasser hieß: Der Tee.

„Wo ist denn das Fleisch?“ fragte ich den Neger.
„Nichts von Fleisch heute“, sagte er.
Ich sah ihn an und bemerkte, daß er kein Nigger war, sondern ein Weißer. Er war der Kohlenzieher einer andern Wache.
„Abendessen holen ist deine Sache“, wandte sich der Mann mir zu.
„Ich bin hier nicht als Meßboy, als Moses, damit du das nur gleich weißt“, sagte ich darauf.
„Hier gibt es keine Meßboy.“
„Na?“
„Das müssen hier die Kohlenzieher machen.“
Die Hiebe setzen schon. Das kann ja nett werden. Ich sehe schon, warum und wozu. Das Schicksal will seinen Lauf haben.
„Abendessen holt der Kohlenzieher der Rattenwache.“
Der zweite Hieb. Jetzt zähle ich nicht mehr die Hiebe. Laß sie kommen und fallen. Mach das Fell dick.
Also Rattenwache. Das war ja vorauszusehen. Wache von zwölf bis vier, die niederträchtigste Wache, die erfunden wurde, um Seeleute zu martern. Um vier kommt man von Wache. Man wäscht sich. Dann holt man Abendessen für die ganze Bande. Dann wäscht man das Geschirr für die ganze Bande, weil ja kein Meßboy da ist und die Kohlenzieher alles mitzumachen haben. Dann legt man sich in die Bunk. Da es bis zum nächsten Morgen um acht nichts mehr zu essen gibt, man aber in der Nacht auf Wache zu gehen hat und nicht nur zu gehen, sondern zu arbeiten und wie, so muß man tüchtig Abendbrot reinhauen, weil man sonst in der Nacht klappt. Mit dem vollen Magen kann man aber nicht schlafen. Bis um zehn manchmal sitzen auch noch die Freiwachen auf und spielen Karten oder erzählen sich etwas. Da sie keinen andern Raum haben, wo sie hingehen können, so sitzen sie hier. Man kann ihnen das Geplauder doch nicht verbieten, sie verlernen ja sonst die Sprache, und sie reden doch schon leise, um den schlafenden Mitarbeiter nicht zu stören. Aber das leise Reden stört noch mehr als das laute. Um elf fängt man an, einzuschlafen. Zwanzig vor zwölf kommt die Wecke. Raus und runter. Um vier kommt man von Wache. Wäscht sich. Vielleicht. Man fällt in die Bunk. Um halb sechs geht der Tageslärm auf dem Boot schon los. Um acht wird man aus dem Schlaf gerissen: „Frühstück ist da!“ Den ganzen Vormittag wird auf dem Boot gehämmert, genagelt, gesägt, kommandiert. Um zwanzig vor zwölf kommt keine Wecke, weil ja nicht angenommen wird, daß jemand um diese Zeit schlafen könne. Man ist schon auf und fällt in seine Wache. Und so fort, um vier – ja und immer so weiter.
„Wer wäscht denn das Geschirr, wenn kein Meßboy da ist?“
„Die Kohlenzieher.“
„Wer scheuert denn die Aborte?“
„Der Kohlenzieher.“
Das ist ja eine durchaus ehrenwerte Beschäftigung, wenn man sonst nichts weiter zu tun hat. In diesem Falle ist es Schweinerei. Und wer die Aborte gesehen hätte, der würde gesagt haben: „Das ist die größte Schweinerei, die ich je in meinem Leben oder in einem Schützengraben gesehen habe.“ Aber ich habe erfahren gelernt, daß die Schweine saubere Tiere sind, die dem Pferde an Sauberkeit nichts nachgeben. Wenn ich den Bauer oder den Schweinezüchter in einen finstern Stall stecke, der zwei Schritte lang und zwei Schritte breit ist, ihn überfüttere, nie hinauslasse, nur ab und zu ein paar Hälmchen Stroh hinwerfe und die alten vermanschten nicht oder nur selten herausnehme, weil er sich ja in dem Mist so wohl fühlt, dann möchte ich einmal sehen, wie der Bauer in diesem Stall nach zwei Wochen aussieht, und wer das größere Dreckschwein ist, der Bauer oder sein Dickerchen. Unbesorgt, alles wird an den Menschen heimgezahlt werden, alles, was er Pferden, Hunden, Schweinen, Fröschen und Vögeln angetan hat. Dafür wird er einmal mehr büßen müssen, als was er seinen eignen Mitmenschen tat. Man kann keinen Abort scheuern, wenn man zu müde ist, um den Löffel mit Reis in den Mund zu bringen, no, Sir.
Sonniges Spanien, das ist die Strafe, weil ich dich, du freundliche Wirtin, verließ!
Auf einem guten Schifflein ist ein Nauke; ein Tagarbeiter, der so als Knochenbeilage mitgenommen wird, sich nie überarbeitet, immer überall da sein soll, um zuzufassen, seinen Deckarbeiterlohn bekommt und im großen und ganzen ein ganz angenehmes Leben führt. Nauke ist der Mann für alles. Und alles, was verkehrt geht, wird stets auf Nauke zurückgeführt. Er ist an allem schuld. Wenn in den Bunkern Feuer ausbricht, Nauke ist schuld, obgleich er nie in die Bunker darf, aber er hat die Luken nicht regelmäßig gehoben. Wenn dem Koch das Essen anbrennt, Nauke kriegt den Krach, obgleich er nie in die Küche darf, aber er hat an den Wasserkränen geschraubt, als er sie putzte. Wenn das Schiff untergeht, Nauke ist schuld, weil er, weil er – nun ja, weil er Nauke ist.
Auf der Yorikke waren die Kohlenzieher die Nauken, und der Nauke der Nauken war – richtig geraten: der Kohlenzieher der Rattenwache. Wenn irgend etwas Dreckiges, Unangenehmes, Lebensgefährliches zu tun war, sagte es der Erste Ingenieur dem Zweiten, daß er es tun solle. Der sagte es dem Donkeyman, der dem Putzer und Öler, der dem Heizer und der Heizer sagte: „Das ist keine Heizerarbeit, das ist Kohlenziehers Sache.“ Und der Kohlenzieher der Rattenwache tat es, weil er es tun mußte.
Kam der Kohlenzieher dann heraus mit blutenden und aufgeschlagenen und zerschrammten Knochen und mit zwanzig Brandwunden bedeckt, und hatte er an den Beinen hervorgezogen werden müssen, weil er sonst verbrüht worden wäre, dann ging der Heizer zum Öler und sagte: „Ich habe es getan.“ Der Öler zum Donkeyman: „Ich.“ Der Donkeyman zum Zweiten Ingenieur: „Ich.“ Und der Zweite zum Ersten, und der Erste Ingenieur ging zum Alten und sagte: „Ich möchte das im Journal rapportiert haben: ‚Der Erste Ingenieur hat, während die Kessel über vollen Feuern lagen, um die Fahrt nicht nachzubüßen, unter Lebensgefahr einen Rohrbruch ersten Grades ausgeheilt. Schiff konnte ungeschwächte Fahrt beibehalten‘.“ Die Kompanie liest das Journal, und der Direktor sagt: „Wir müssen dem Ersten Ingenieur der Yorikke ein größeres Schiff geben, der Mann ist Besseres wert.“ Der Kohlenzieher hat die Narben, die er nie wieder los wird, und ist gekrüppelt. Aber warum mußte es denn der Kohlenzieher tun? Er konnte doch auch sagen wie die andern: „Das tu ich nicht, da komme ich nicht mehr lebendig heraus.“ Aber das konnte er eben nicht sagen. Er mußte, mußte es tun. „Ja, Mann, wollen Sie denn das ganze Schiff untergehen lassen und alle Ihre Kameraden dabei ertrinken lassen? Können Sie das vor Ihrem Gewissen verantworten?“ Die Deckarbeiter konnten es ja nicht tun, die verstanden ja nichts von Kesseln. Der Kohlenzieher verstand auch nichts von Kesseln, er verstand nur Kohle zu schleppen. Der Ingenieur verstand etwas von den Kesseln, er wurde dafür ja als Erster Ingenieur bezahlt, weil er etwas von Kesseln verstand und bei seinen Prüfungen solche Dinge machen mußte. Aber der Kohlenzieher arbeitete vor den Kesseln und neben den Kesseln und hinter den Kesseln, und er war der Kohlenzieher, und er war der Mann, der die Verantwortung für den Tod so vieler Menschen nicht tragen wollte, auch wenn sein Leben dabei in die Kehrichttonne ging. Das Leben eines dreckigen Kohlenziehers ist kein Leben, niemand zählt es. Es ist weg und Schluß, reden wir nicht mehr davon. Eine Fliege kann man ja schließlich aus der Milch fischen und ihr das kleine Leben schenken, aber ein Kohlenzieher ist nicht einer Fliege gleich. Der Kohlenzieher ist Dreck, Staub, Scheuerlappen; er ist eben gerade gut genug, die Kohle zu ziehen.
„Kohlenzieher, he!“ ruft der Erste Ingenieur, „wollen Sie einen Rum trinken?“
„Ja, Chef.“
Aber das Schnapsglas fällt ihm aus der Hand, der Rum ist weg. Die Hand ist verbrüht, yes, Sir.
Das Abendessen stand auf dem Tisch. Hungrig war ich inzwischen auch geworden, und ich dachte, daß ich ganz gut etwas essen könnte. Das war meine Absicht. Aber die Absicht haben und die Absicht ausführen, sind zwei Dinge. Ich sah mich nach einem Teller und nach einem Löffel um.
„Laß den Teller stehen, das ist meiner.“
„Ja, wo kriege ich denn da einen Teller her?“
„Wenn du dir keinen mitgebracht hast, dann wirst du wohl ohne Teller hier leben müssen.“
„Wird denn hier kein Geschirr geliefert?“
„Nur was du selber hast, das kannst du dir liefern.“
„Wie soll ich denn da essen, ohne Teller, ohne Gabel und Löffel?“
„Deine Sache.“
„Höre, du Neuer,“ rief einer aus seiner Bunk heraus, „du kannst meinen Teller, meine Tasse und mein Geschirr haben. Hast es aber immer zu putzen dafür.“
Da war einer, der hatte nur einen zerbrochenen Teller, aber keine Tasse; ein andrer eine Gabel, aber keinen Löffel. Wenn nun das Essen ins Quartier kam, entstand zuerst immer ein Streit darüber, wer zuerst den Löffel oder die Tasse oder den Teller gebrauchen dürfe; denn wer zuerst in den Besitz des Tellers oder des Löffels gelangte, fischte sich natürlich das Beste heraus. Niemand kann es ihm übelnehmen.
Das, was Tee genannt wurde, war heißes braunes Wasser. Oft war es nicht heiß, sondern lauwarm. Das, was Kaffee genannt wurde, gab es zum Frühstück und um drei Uhr. Diesen Drei-Uhr-Kaffee habe ich nie gesehen. Grund: Rattenwache. Von zwölf bis vier war ich auf Wache. Um drei gab es den Kaffee. Um vier, wenn ich abgelöst wurde, war auch nicht ein Tropfen mehr von diesem Kaffee vorhanden. Manchmal war noch heißes Wasser in der Galley, aber wenn man keine eignen Kaffeebohnen hatte, so konnte man sich keinen Kaffee bereiten.
Je weiter Kaffee oder Tee von wahrem Kaffee oder Tee entfernt sind, desto mehr hat man das Bedürfnis, ihn mit Zucker und Milch zu verschönern, um die Phantasie anzuregen. Alle drei Wochen erhielt jeder Mann eine kleine Büchse kondensierte und gezuckerte Milch und jede Woche ein halbes Kilo Zucker; denn Kaffee und Tee wurden von der Galley schlicht geliefert, also ohne Milch und Zucker.
Hatte man die Milch gefaßt, so öffnete man die Büchse und nahm als sparsamer Mensch ein Löffelchen voll heraus, um dem Tee ein Wölkchen zu geben. Dann stellte man seine Büchse sorgfältig fort, um sie erst wieder beim nächsten Kaffee zu gebrauchen. Aber während man sich auf Wache befand, wurde die Büchse nicht gestohlen, aber von andern aufgebraucht bis auf den letzten Rest. Da die sichersten Verstecke am leichtesten gefunden werden, passierte mir das nur beim erstenmal, daß meine Milch verschwand. Als ich das zweitemal Milch faßte, löffelte ich sie auf einem Sitz völlig aus, das einzige Mittel, meine Ration zu retten, ein Mittel, das alle anwandten.
Mit dem halben Kilo Zucker machte man es genau ebenso, er wurde sofort nach dem Fassen auf einen Ruck aufgegessen. Wir kamen einmal zu einer Einigung. Der Zucker des ganzen Quartiers wurde in eine gemeinsame Büchse geschüttet, und jeder sollte sich einen Löffel herausnehmen, wenn der Kaffee oder Tee kam. Die Folge dieser Einigung war, daß der ganze Zucker am zweiten Tage verschwunden war und mich nur die leere Büchse angähnte.
Frisches Brot gab es jeden Tag. Und jede Woche bekam das Quartier eine Büchse Margarine, die gut reichen konnte. Aber niemand konnte sie essen, weil Schmierseife besser schmeckte.
An Tagen, wo wir das Maul zu halten und die Augen zuzumachen hatten, gab es für jeden Mann zwei Glas Rum und eine halbe Tasse Marmelade. Das waren die Tage, an denen geblendet wurde.
Zum Frühstück gab es Graupen mit Pflaumen oder Reis mit Blutwurst oder Kartoffeln und Hering oder schwarze Bohnen und Salzfisch. Alle vier Tage fing das wieder mit Graupen und Pflaumen an.
Sonntag gab es zum Mittag Rindfleisch mit Mostrichsoße oder Cornedbeef mit Wasserbrühe, Montag Salzfleisch, das nie jemand aß, weil es nur Salz und Schwarte war, Dienstag getrockneten Salzfisch, Mittwoch Trockengemüse und Backpflaumen in einer blauwäßrigen Schleimerei aus Kartoffelstärke. Die Schleimerei hieß: Der Pudding. Donnerstag begann es wieder mit Salzfleisch, das nie jemand aß.
Das Abendessen war eines der genannten Frühstücke oder Mittagessen. Zu jeder Mahlzeit gab es Pellkartoffeln, von denen nur die Hälfte gebraucht werden konnten. Der Skipper kaufte nie Kartoffeln. Sie wurden aus der Ladung genommen, wenn wir Südkartoffeln fuhren. Solange sie neu und jung waren, machten diese Kartoffeln einem Spaß und waren Leckerbissen, aber wenn wir lange keine Kartoffeln gefahren hatten, dann kamen die an die Reihe, von denen ich sprach.
Als Blendladung fuhren wir manchmal nicht nur Kartoffeln, sondern auch Tomaten, Bananen, Ananas, Datteln, Kokosnüsse. Diese Ladungen allein machten es möglich, daß wir bei dem Essen bestehen konnten und nicht an Eßekel verreckten. Wer einen Weltkrieg mitgemacht hat, der hat vielleicht gelernt, was ein Mensch ertragen kann, ohne zu krepieren, wer aber auf einem echten Totenschiff oder auf einer echten Blendlaterne gefahren ist, der weiß es ganz sicher, wieviel ein Mensch aushalten kann. Das Ekeln gewöhnt man sich bald ganz ab.
Das Geschirr, das mir so opferwillig zum Gebrauch angeboten wurde, war nicht ganz komplett, es bestand nur aus einem Teller. Als ich das notwendige Geschirr beisammen hatte, gebrauchte ich die Gabel von Stanislaw, die Tasse von Fernando, das Messer von Ruben, und den Löffel hätte ich von Hermann haben können, aber einen Löffel besaß ich selbst. Für diese Opferwilligkeit hatte ich das Geschirr aller hübsch sauber zu putzen, zweimal für jede Mahlzeit. Zuerst, wenn ich es übernahm, und dann, nachdem ich es gebraucht hatte.
Als das Abendessen vorüber war, hatte ich die Kumpen zu waschen, also die verbeulten Blechwaschbecken, in denen das Essen aus der Galley geholt wurde. Zu diesem Waschen brauchte weder ich noch sonst jemand Seife, Soda oder Bürste, weil solche Dinge nicht vorhanden waren. Wie die Kumpen dann aussahen, wenn wieder das frische Essen hineingeschüttet wurde, braucht nicht erzählt zu werden.
In diesem Dreck konnte ich nicht leben. Ich ging daran, das Quartier zu scheuern. Die Burschen waren nach dem Essen sofort in ihre Bunks gefallen wie tot. Während des Essens war kaum gesprochen worden. Es ging zu, als ob Schweine an einem Trog stehen. Drei Tage später erkannte ich diesen Vergleich nicht mehr. Die Fähigkeit, Vergleiche zu ziehen oder deutliche Erinnerungen aus einem früheren Leben zu erwecken, war erloschen.
„Seife wird nicht geliefert“, wurde mir brummend aus einer Bunk zugerufen. „Schrubber oder Bürsten auch nicht. Und nun halte Ruhe mit deinem Herumwirtschaften, wir wollen schlafen.“
Ich sofort mittschiffs und zur Ingenieurskabine, wo ich anklopfte.
„Ich will das Quartier scheuern und verlange Seife und eine kräftige Schrubberbürste.“
„Was denken Sie denn von mir? Sie wollen doch nicht damit sagen, daß ich Ihnen Seife oder Bürsten zu kaufen habe? Nichts zu machen.“
„Ja, aber nun ich selbst. Ich habe keine Seife für mich selbst. Und ich soll doch vor den Kesseln arbeiten.“ Das wollte ich doch sehen, ob ich keine Seife bekäme.
„Das ist Ihre eigne Sache, wenn Sie sich waschen wollen, müssen Sie auch Seife haben. Seife gehört zu einer anständigen Seemannsausrüstung.“
„Kann sein, mir ist das neu. Toiletteseife ja, aber nicht Arbeitsseife, und für Kesselbande hat der Ingenieur die Seife zu stellen oder der Skipper oder die Kompanie. Das ist mir gleichgültig, wer die Seife zu stellen hat. Ich will aber Seife haben. Was ist das überhaupt für eine Sauerei? Auf jedem anständigen Eimer wird alles gestellt, Matratze, Kissen, Bettuch, Decke, Handtuch, Arbeitsseife und vor allem Eßgeschirr. Das gehört zur Ausrüstung des Schiffes und nicht zur Ausrüstung des Mannes.“
„Nicht bei uns. Wenn es Ihnen hier nicht gefällt, können Sie ja gehen.“
„Sie unverschämter Patron, Sie.“
„Raus aus meiner Kabine oder ich rapportiere zum Skipper und laß Sie festlegen.“
„Das wäre mir ganz recht.“
„Nicht wie Sie denken, Mann. So besoffen sind wir nicht. Ich brauche den Kohlenschlepper. Nein, ich lasse Sie festlegen mit einer vollen Monatsheuer, wenn Sie mir noch mal so kommen.“
„Feine Leute, das muß ich sagen. Auch noch die paar Groschen abtricken.“
Der Gauner saß da und grinste. Bei Klopperei kommt nie etwas heraus, und er trickt mir zwei Monatsheuern ab.
„Erzählen Sie doch das alles Ihrer Urgroßmutter“, sagte er. „Sie wird sich das ruhig mit anhören. Aber ich nicht. Raus jetzt, aber flott. Vorwärts ins Bett, um elf haben Sie auf Wache zu gehen.“
„Meine Wache fängt um zwölf an. Zwölf bis vier.“
„Nicht bei uns und nicht mit den Kohlschleppern. Die Kohlschlepper fangen um elf an und ziehen von elf bis zwölf Asche, und um zwölf fängt die Arbeitswache an.“
„So. Von elf bis zwölf ist wohl keine Arbeitswache?“
„Asche ziehen, das haben die Kohlschlepper bei uns nebenbei zu machen.“
„Aber Überstunden werden angeschrieben.“
„Nicht bei uns. Und nicht für Ascheheben.“
In welchem Jahrhundert lebte ich denn? Unter welche Menschenrasse war ich geraten? Halb im Dusel torkelte ich zum Quartier.
Da war das Meer, das blaue herrliche Meer, das ich so sehr liebte, und in dem als anständiger Seemann zu versinken ich nie mit Grauen angesehen hatte. War es doch die große festliche Vermählung mit dem Weibe, das so launenhaft war, das so wütend rasen konnte, so viel herrliches Temperament hatte, das so berückend lächeln, so bezaubernde Schlaflieder singen konnte und so wunderschön, ach, so über alle Maßen schön war.
Es war dasselbe Meer, auf dem tausende und tausende ehrlicher, gesunder Schiffe fuhren. Und nun hatte mich das Schicksal ausersehen, mich ein Schiff fahren zu lassen, das an Lepra erkrankt war, und das nur noch fuhr mit der Hoffnung, daß das Meer Erbarmen mit ihm haben möge. Aber es sah ganz so aus, ich hatte es im Gefühl, daß die See das mit Lepra behaftete Schiff nicht aufnehmen wollte, um sich nicht verpesten zu lassen. Noch nicht. Seine Zeit war noch nicht gekommen. Noch wartete das Meer, noch hoffte es, daß es diese Pest nicht zu erdulden haben werde, das dieses Meeresgeschwür irgendwo auf dem Lande oder in einem verschmierten Winkelhafen zerplatzen und vergehen würde. Noch war Yorikkes Zeit nicht gekommen. Ich hatte noch kein Todesahnen, an meine Bunk hatte der Gast noch nicht geklopft. Denn als ich jetzt an der Reeling stand, über mir den sternenblinkenden Himmel und vor mir das grünlich flickernde Meer, an mein verlorenes New Orleans und an mein sonniges Spanien dachte, da überkam es mich: Hopp drüber Junge, schiet sie an mit dem Kohlschlepper und mach ein flottes sauberes Ende, damit du nicht deinen Rest verlierst. Aber dann war ja nur ein andrer armer müder, verlumpter, verhungerter, verdreckter und gehetzter Kohlschlepper, der Doppelwache bekam und mir die letzte Reise so schwer machte und ich immer wieder hoch kommen mußte.
Ei zum Teufel nochmal, beiß zu und schiet. Die Yorikke kann dich, mein Junge, nicht unterkriegen. Nicht die Konsuln. Nicht die Yorikke. Nicht der Taschendieb. Bist ja von New Orleans, Junge. Rin in die Schiet und durchgeschwommen. Es gibt auch wieder mal Wasser und Seife. Der Gestank ist nur äußerlich. Patsch rin, daß es spritzt. Weg von der Reeling, und dem Biest, das dich unterkriegen will, eins in die Zähne gehauen! Spuck noch mal runter und nun weg in die Bunk!
Als ich weg war von der Reeling, wußte ich, daß ich zwar auf einem Totenschiff und auf einer Blendkaroline war, aber daß es nicht mehr mein Totenschiff war. Mit der Yorikke half ich keine Versicherung fahren. Auf ihr wurde ich kein Gladiator. Ich spucke dir ins Gesicht, Cäsar Augustus Imperator. Spare deine Seife und fresse sie, ich brauche sie nicht mehr. Aber du sollst mich nicht mehr winseln sehen. Ich spucke dir ins Angesicht, dir und deinem Gezücht.
28
Einschlafen konnte ich nicht. Ich lag auf den blanken Brettern meiner Bunk wie ein eingelieferter Spitzbube auf der nackten Pritsche in einer Polizeiwache. Die schmökende Petroleumlampe füllte den Raum mit einem Dunst, daß Atmen eine Qual wurde. Da ich ja keine Decke hatte, fröstelte ich, denn die Nächte auf dem Meere können ganz verteufelt kalt werden. Gerade war ich in einen dämmernden Halbschlaf gefallen, als ich plötzlich mit kräftigen und ungeduldigen Händen so gerüttelt und gestoßen wurde, als sollte ich durch die Wand geworfen werden.

„Raus du. Ist halb elf.“
„Halb erst? Warum kommst du nicht um dreiviertel?“
„Ich bin gerade oben, weil ich für den Heizer Trinkwasser hole. Ich kann nicht nochmal raufkommen. Mußt raus. Zehn vor zwölf weckst du deinen Heizer und holst ihm Kaffee.“
„Kenn ihn nicht. Weiß seine Bunk nicht.“
„Komm raus. Ich zeig dir.“
Ich stand auf, und mir wurde die Bunk des Heizers gezeigt, der zu meiner Wache gehörte.
„Mach voran. Rasch. Geh gleich zu der Aschenwintsche. Wir haben verflucht viel Asche.“ Der Mann verschwand wie ein Geist.
Es war fast finster in dem Quartier, weil die Lampe kein Licht gab.
Beim Licht einer zerbrochenen kleinen verräucherten Laterne zeigte mir der Kohlenzieher der Vorwache, es war Stanislaw, wie die Wintsche gehandhabt werden muß.
„Höre mal, Stanislaw, das verstehe ich nicht“, sagte ich. „Ich kenne doch nun auch etwas von Salzkrusten, aber das habe ich noch nicht erlebt, daß die Kohlschlepper Wache aufzubüßen haben. Warum?“
„Weiß ich gut. Ich bin auch nicht gerade aus den Windeln gerutscht. Woanders hat der Heizer beim Aschehieven zu helfen. Aber hier wird ja der Heizer allein nicht fertig, und wenn ihm der Schlepp nicht manchmal hilft, fällt er runter auf hundertzwanzig, daß es nur so rasselt, und der Eimer sackt und steht wie eine Böckchenpinne. Auf andern Eierkisten, auch wenn es Särge sind, hat die Wache zwei Heizer oder wenigstens einundeinenhalben. Aber ich denke doch, du weißt jetzt schon, wo du bist, mein Seemannsengelchen.“
„Ich engele nicht. Da kannst du Zinnober drauf schlucken.“
„Willst du achtern kanten? Glückt nicht. Wirst du schon noch lernen. Setz dich nur lieber gleich richtig in die Wolle und such dir das Boot aus, mit dem du klippen willst. Der Koch hier ist der Großvater. Der erzählt dir was, wenn du mit ihm angewärmt bist. Der Hund hat zwei Westen in seiner Bunk liegen.“
„Haben wir denn keine Westen?“ fragte ich erstaunt.
„Nicht mal ein Ring ist da. Vier Dekorationsringe mit Goldbronze. Aber ich rate dir, nimm keinen davon. Wenn du da den Kopf durchsteckst, nimm lieber einen Mühlstein. Mit dem Mühlstein hast du vielleicht noch Hoffnung, mit den Dekorationswürsten nicht.“
„Wie kann der Hund denn das machen? Da muß doch in jeder Bunk eine Weste sein. Ich bin das so gewöhnt, daß ich das gar nicht beachtet habe, daß keine da ist.“
Stanislaw lachte und sagte: „Du hast so eine Kanne noch nicht gefahren. Darum. Yorikke ist meine vierte Leichenkanne. Die sind ja jetzt zum Aussuchen.“
„He–ho, Lawski!“ schrie sein Heizer den Aschenschacht hinauf.
„Was ist los, Heizer?“ fragte Stanislaw runter.
„Zieht ihr denn heute keine Asche, oder was ist los?“ blökte der Heizer rauf. Es war Martin.
„Natürlich ziehen wir. Aber ich muß doch den Neuen anlernen. Der kennt doch die Wintsche nicht.“
„Dann mach zu und komm runter. Mir ist ein Rost raus.“ Der Heizer schrie es rauf.
„Erst muß die Asche gezogen werden. Der Rost hat Zeit. Ich muß den Neuen anlernen“, schrie Stanislaw wieder runter.
„Nein, was Leichenkannen anbetrifft – wie heißt du denn eigentlich, Neuer?“
„Ich? Pippip.“
„Hübscher Name. Bist du Türke?“
„Ägypter.“
„Das ist gut. Ägypter hat gefehlt. Wir haben hier alle Nationen auf der Kanne.“
„Alle? Auch Yanks?“
„Ich glaube, du schläfst noch. Die beiden einzigen, die nie auf einer Leichenkanne fahren, das sind Yanks und Kommse.“
„Kommse?“
„Ach tu doch nicht so unschuldig, du Schaf. Bolsches. Kommunisten. Yanks kommen nicht, weil die in dem Dreck den ersten Tag verrecken würden, und weil denen auch immer von ihren Konsuln geholfen wird. Der winkt ihnen schon die Weisheit über die Eimer.“
„Und die Komms?“
„Die sind zu schlau, die riechen, was los ist, wenn sie nur den Mastknopf sehen. Kannst dich drauf verlassen. Die sind gekocht. Wo ein richtiger Komms drauf ist, kann keine Versicherung fahren. Die beerdigen dir jede Versicherungspolice, und wenn sie noch so fein gezuckert ist. Die haben dir Riecher, da können wir alle nicht mit. Und die haben auch immer gleich die schönste Sauerei mit der Inspektion. Aber nun kann ich dir auch erzählen, wenn da ein gesunder Eimer ist, wo nicht nur Yanks drauf sind, sondern Yanks, die Komms sind, Mann, das ist Honig. Das ist –. Ich kann es dir ja sagen, ich fahre überhaupt nur, um mal auf einen solchen Eimer zu kommen. Da gehe ich nie wieder runter. Da mache ich sogar den Nauke. Mir ganz egal. Wenn du mal einen Eimer sehen solltest, der von New Orleans ist oder da herum. Das ist eine Sache.“
„So ein Schiff habe ich noch nicht gesehen“, sagte ich.
„Kommst du auch nicht drauf, und wenn du hundert Jahre alt wirst und alles ausgestiegen ist. Du nicht. Ein Ägypter überhaupt nicht, und wenn er einen Paß hat wie Zucker. Jetzt ist es für mich auch vorbei. Wer die Yorikke gefahren hat, kommt nie wieder auf einen gesunden Eimer. Jetzt wollen wir mal dran gehen.“
„Hängt er drin?“ schrie Stanislaw in den Schacht.
„Hiev up!“
Stanislaw schaltete den Hebel ein, und die Aschkanne rasselte rauf. Als sie in Reichhöhe war, warf er den Hebel wieder herum. Die Kanne ruckte noch mal rauf und noch mal runter und hing dann in der Schachtluke.
„Nun hängst du die Kanne aus und trägst sie zur Schanze und schüttest sie aus. Da gib aber gut Achtung, daß dir die Kanne nicht mit über Stag geht. Dann sitzt du da. Dann können wir mit einer arbeiten, und wir können zwei Stunden früher aufstehen. Daß du’s weißt.“
Die Kanne war glühend heiß, und obenauf lagen die rotglühenden Schlacken. Ich konnte sie kaum anfassen, aber es mußte sein. Und schwer war die Kanne. Sicher ihre fünfzig Kilo. Nun hatte ich die Kanne vor der Brust quer über das vier Meter breite Gangdeck zu schleppen und in den Holzschacht zu schütten, durch den die Asche ins Meer fiel und dort zischend verschwand. Dann trug ich die Kanne zurück, und ich hängte sie wieder in die Hievketten.
„Das ist doch ganz klar, warum die Westen gegangen sind. Ich bin sicher, der Skipper hat sie verkauft, um nebenbei was zu machen“, sagte Stanislaw. „Aber des Verkaufens wegen war es nicht. Siehst du, wenn keine Westen da sind, kommen auch keine Zeugen vor das Seemannsgericht. Verstehst du jetzt den Zimt? Auf Zeugen kann man sich schlecht verlassen. Manchmal haben sie doch was gesehen oder gemerkt, und die Versicherung ist ja auch immer gleich dahinterher und schnappt sich die Leute. Die Boote mußt du dir mal bei Tage betrachten – wie war doch gleich dein Name? Ja, also die Boote mußt du dir mal bei Tage betrachten, Pippip. Da kannst du deine Stiefel durchschmeißen. Aber glatt. Noch weniger Zeugen.“
„Na rede keinen Seetang, hä?“ sagte ich zur Antwort. „Der Skipper will doch auch runter.“
„Sorge dich nur nicht um den Skipper. Denk zuerst an deine Haut. Der Skipper kommt schon runter. Wenn du alles so gut weißt, wie das, dann fehlt dir nichts mehr.“
„Du bist doch aber auch schon von drei Leichenkannen runtergekommen oder etwa nicht?“
„Auf zweien bin ich richtig ausgestiegen und habe den letzten Hafen nicht im Stich gelassen. Und beim dritten – aber du Esel, Glück mußt du eben auch haben. Wenn du kein Glück hast, dann bleibe nur überhaupt vom Wasser weg, sonst fällst du in die Waschschüssel und kommst nicht mehr hoch.“
„Lawski! Mensch! Was ist denn los da oben?“ schrie nun wieder der Heizer rauf.
„Die Ketten haben sich ausgehakt, verflucht nochmal“, blökte Stanislaw runter.
„Das gibt heute eine lange Asche, wenn ihr so weiter macht“, kam wieder die Stimme aus der Tiefe.
„So, nun probiere mal die Wintsche, aber sei vorsichtig, die haut wie das Donnerwetter. Die haut dir glatt den Schädel ab, wenn du nicht alle Gedanken beieinander hast.“
Die schwere Kanne kam rauf und sauste oben gegen den Deckel, daß ich glaubte, sie würde den ganzen Schacht in Trümmer schlagen, aber ehe ich den Hebel herum hatte, setzte die Wintsche von selbst mit der Konterwirkung ein, und der Eimer raste wieder den Schacht hinunter. Er schlug unten mit einem fürchterlichen Getöse auf, die Schlacken spritzten herum, der Heizer schrie wie verrückt, und im selben Augenblick setzte abermals die Konterwirkung ein, und die Kanne, jetzt halb leer, raste wie wahnsinnig ein zweitesmal gegen die Deckung des Schachtes, schlug herum mit donnerndem Krachen, und mit einem entsetzlichen Geprassel fielen die Schlacken den Schacht hinunter, beim Fallen gegen die Eisenwände des Schachtes schlagend und das Getöse und Geratter so vermehrend, daß man glauben konnte, das ganze Schiff splittert auseinander. Die Kanne war schon wieder am Heruntersausen, als Stanislaw jetzt eingriff und den Hebel packte. Sofort stand die Kanne so brav da, als ob sie ein totes Geschöpf sei.
„Ja,“ sagte Stanislaw, „so einfach ist das nicht. Das muß gelernt sein. Da brauchst du zwei Wochen, bis du den Dreh heraus hast. Geh besser runter und schippe ein, dann werde ich die Wintsche bedienen. Ich zeige es dir morgen mittag, bei Tage, da kriegst du das dann schon besser. Wenn die Wintsche in die Wicken gehauen wird, dann können wir die Asche mit der Hand hieven. Und das wünsche ich dir nicht und uns nicht. Dann laufen wir nicht mehr, dann kriechen wir nicht mehr, dann rollen wir nur noch von einem Platz zum andern.“
„Laß es mich noch mal versuchen, Lawski. Ich will mal gnädige Frau zu ihr sagen. Vielleicht tut sie es dann.“
Dann rief ich runter: „Hopp an.“
„Hiev up!“ kam der Schrei.
„Na, Frau Gräfin, wollen wir jetzt?“
Der Prophet weiß, sie tat es, sie tat es so sanft, so zart. Sie stand auf den Millimeter. Ich glaube, daß ich Yorikke besser kannte als ihr Skipper oder der Großvater. Die Wintsche gehörte zu jenen Teilen des Schiffes, die schon in der Arche Noah mitgewirkt hatten und noch aus der Zeit vor der Sintflut stammten. In dieser Dampfwintsche waren alle Geister und Geisterchen zusammen, die in den übrigen Ecken und Winkeln der Yorikke nicht mehr Platz fanden, weil ihre Zahl zu groß war. Darum auch hatte die Wintsche ihre Persönlichkeit, die respektiert werden wollte. Stanislaw erwarb sich den Respekt durch eine langgeübte Hand, ich mußte es durch Worte machen.
„Euer königliche Gnaden, noch mal, bitte.“
Sieh da, abermals glitt die Aschkanne wie mit Sammetpfötchen gestreichelt. Aber freilich, oft genug noch, spielte sie toll und machte Splittereffekte, jedoch nur, wenn ich vergaß, sie mit Höflichkeit zu behandeln. Es waren manchmal recht ergötzliche Fangversuche, die ich anzustellen hatte, um den rauf- und runterrasenden Behälter zu schnappen. Bald sauste er oben durch, bald raste er runter und gleich wieder hoch. Wenn der Hebel nicht genau, aber haargenau gehalten wurde, schlug der Konterhub ein.
Stanislaw war runtergegangen und schippte und rief die „Hiev-ups“ aus. Und ich hängte meine Kannen aus und ein, schleppte sie glühend heiß, wie sie waren, über das Gangdeck und schüttete sie in den Aschenschacht.
Als fünfzig Kannen gehievt waren, schrie Stanislaw, daß wir den Rest lassen wollten für die nächste Wache, weil es zu spät sei. Ich dachte, daß ich nun zusammenbrechen würde, von diesem atemlosen Schleppen der unglaublich schweren Kannen. Aber ehe ich Zeit hatte, umzuklappen, schrie Stanislaw herauf: „He, mach voran, zwanzig vor zwölf.“
Ich schleppte mich zum Quartier. Das Deck war nicht erleuchtet, um das Petroleum zu sparen; und ich schlug mir viermal die Schienenbeine auf, ehe ich bis zum Forecastle kam. Was da alles auf dem Deck herumlag, läßt sich nur dadurch näher beschreiben, daß ich sage: „Da lag alles auf dem Deck herum.“ Alles, was die Erde hervorbringt, je hervorgebracht hat. Unter diesem alles lag sogar ein schwerbesoffener Schiffszimmermann, der der Zimmermann der Yorikke war; sich in jedem Hafen sinnlos besoff und den ersten Tag auf Fahrt nicht einmal als Besenstiel gebraucht werden konnte. Der Skipper war nur froh, wenn ihm nicht jedesmal die A. B.s dabei Gesellschaft leisteten und wenigstens einer der A. B.s noch genug Leben zurückbehalten hatte, um am Ruder zu stehen. Der Zimmermann, die drei A. B.s und noch ein paar andre hätten ruhig Westen bekommen dürfen. Sie hätten keine Versicherung vermanscht, anders, sie hätten die wackligste Versicherung gerettet, ohne zu wissen, was man von ihnen wollte. Sie hatten auch die meiste Aussicht, mit in Boot eins zu kommen, das der Skipper brauchte, um das wohlgepflegte Journal zu retten und die Lizenz zu behalten mit Auszeichnung für Pflichteifer trotz Lebensgefahr.
Ich hatte jetzt die Kaffeekanne zu nehmen, damit zur Galley zu gehen, wo der Kaffee auf dem Kochherd stand, und sie zu füllen. Dann hatte ich den Weg zum drittenmal zu machen, über das Verdeck, wo kein Licht brannte. Meine Schienbeine bluteten fürchterlich. Aber da war keine Handapotheke an Bord, und wenn wirklich der Erste Offizier irgendwo etwas versteckt hielt für erste Hilfe, wegen solcher Kleinigkeiten durfte man ihm nicht kommen.
Jetzt bearbeitete ich meinen Heizer, um ihn hochzukriegen. Er wollte mich ermorden, daß ich es wagte, ihn schon zu wecken. Und als die Glocke ausrief und er den heißen Kaffee noch nicht hatte schlucken können, wollte er mich ein zweites Mal ermorden, weil ich ihn zu spät geweckt hatte. Sich zu streiten, ist Kraftvergeudung. Nur Narren streiten sich. Sag’ deine Meinung, wenn du überhaupt eine hast, was selten genug der Fall ist, und dann halt’s Maul und laß den andern reden, bis ihm das Maul aus den Angeln fällt. Sage immer ja zu der Meinung des andern, und wenn er dann fertig ist und nicht mehr japsen kann und dich fragt: „Na, habe ich nicht recht?“ dann erinnere ihn so nebenbei daran, daß du ihm deine Meinung ja schon längst gesagt hättest, daß er aber im übrigen durchaus recht habe. Eine Woche lang Heizer der Rattenwache wecken, macht jemand auf Jahre hinaus unfähig, Politik zu begreifen.
Der Kaffee war heiß, schwarz und bitter. Kein Zucker, keine Milch. Brot war vorhanden, aber man mußte es trocken essen, weil die Margarine stank. Der Heizer kam zum Tisch, fiel auf die Bank, richtete sich hoch, und während er die Kaffeetasse an den Mund führen wollte, fiel sein Kopf herunter und schlug auf die Tasse, daß sie umkippte. Er schlief schon wieder und tastete träumerisch nach dem Brot, um sich ein Stück abzureißen, weil er das Messer nicht halten konnte vor Müdigkeit. Jede seiner Bewegungen wurde vom ganzen Körper ausgeführt, nicht nur mit den Händen, den Armen, den Fingern, den Lippen oder dem Kopfe. Die Glocke rief aus, er bekam einen Wutanfall, des Kaffees wegen, und sagte: „Geh’ runter, ich komme gleich. Kümmere dich um Schlackenwasser.“
Als ich an der Galley vorbeikam, sah ich Stanislaw im Dunkeln da herumwirtschaften. Er versuchte, Seife zu stehlen, die der Koch vielleicht irgendwie versteckt haben mochte. Der Koch stahl die Seife vom Steward, und der Steward stahl die Seife aus dem Koffer des Skippers.
„Zeig mir doch mal den Weg runter in die Stokehold, in den Kesselraum, Lawski“, sagte ich zu ihm.
Er kam raus, und wir hatten auf eine höhere Etage zu klimmen, die das Halbdeck vom Mittschiff war. Er zeigte mir einen schwarzen Schacht. „Da gehen die Leitern runter. Du kannst nicht fehlgehen“, sagte er und ging wieder zurück zur Galley.
Aus der tiefschwarzen und doch so glänzend klaren Meeresnacht blickte ich hinunter in den Schacht. In einer unendlich erscheinenden Tiefe sah ich eine flackernde, dunstige, rauchige Helle. Diese Helle war rötlich von dem Widerschein der Kesselfeuer. Mir war, als sähe ich in die Unterwelt. In diesen rötlichen, dunstigen Schein trat jetzt eine nackte menschliche Gestalt, verrußt und mit glitzernden Streifen rieselnden Schweißes. Die Gestalt stand da, die Arme verschränkt und starrte bewegungslos auf die Quelle des rötlichen Scheines. Dann bewegte sich die Gestalt, ergriff ein langes schweres Schüreisen und stellte es an die Rückwand, nachdem sie unschlüssig damit herumgewirtschaftet hatte. Die Gestalt ging jetzt vor, bückte sich, und einen Augenblick darauf war es, als sei sie von Flammen umlodert. Dann reckte sich die Gestalt hoch, die Flammen waren verlöscht und übrig blieb nur der gespenstische rötliche Schein.
Ich wollte die Leiter hinuntergehen. Als ich aber einen Fuß auf die oberste Sprosse gesetzt hatte, schlug mir eine entsetzliche Säule von Hitze, erstickendem Ölgestank, Kohlenstaub, Flugasche, dickem Petroleumqualm und Wasserdampf entgegen. Ich fiel zurück, und mit einem lauten Japser schnappte ich nach frischer Luft, weil ich glaubte, meine Lungen könnten nicht mehr arbeiten.
Aber es half nichts. Ich mußte da hinunter. Da war ein Mann unten. Ein lebender Mensch, der sich bewegen kann. Und wo ein andrer Mensch sein kann, da kann auch ich sein. Ich kletterte rasch fünf oder sechs Sprossen, dann aber ging es nicht mehr. Mit einem Rasen sauste ich wieder hoch, um Luft zu bekommen.
Die Leiter war aus Eisen, die Sprossen aus fingerdickem Rundeisen. Nur an der einen Seite war ein Geländer, die andre Seite, die äußere Seite, war ohne Geländer, also just die Seite war offen, wo man in den Schacht abstürzen konnte, während die Seite, die an der Wand der Maschinenhalle war, mit einem Geländer gesichert war.
Als ich meine Lungen wieder aufgefüllt hatte, machte ich den dritten Versuch, und ich kam auf eine Plattform. Drei Schritte über die Plattform, die nur einen halben Schritt breit war, führten zum Ende der Platte, wo eine zweite Leiter tiefer in den Schacht ging. Diese drei Schritte konnte ich aber nicht machen. In Gesichtshöhe war hier die Aschenhievwintsche, und das Dampfrohr der Wintsche hatte einen langen, aber ganz dünnen Riß. Durch diesen Riß zischte ein brühend heißer Wasserdampf, scharf und schneidend wie eine Stichflamme. Der Riß lag so, daß selbst, wenn man sich bückte, man diesem schneidenden Dampfstrahl nicht ausweichen konnte. Ich versuchte, mich hochzurecken, aber dann wurden die Arme und die Brust angefressen und verbrüht. Inzwischen mußte ich hoch, um Luft zu schöpfen.
Ich war auf falschem Wege. Das war nicht der meine. Ich ging wieder zur Galley, wo Stanislaw immer noch nach Seife suchte.
„Ich gehe mit dir runter, komm los“, sagte er bereitwillig.
Als wir auf dem Wege waren, sagte er: „Du bist doch nie Kesselbums gewesen, nicht wahr? Habe ich doch gleich gesehen. Zu einer Wintsche sagt man doch nicht guten Tag, der haut man eins auf den Schädel und fertig.“
Ich war nicht in der Laune, ihm jetzt zu erzählen, wie man mit Dingen umzugehen hat, die eine Seele haben.
„Recht hast du, Lawski, bin nie beim Kessel gewesen, habe noch nie da überhaupt reingeguckt. War Deckarbeiter, Steward, Kabinenjunge, seit ich meinen ersten Eimer gesehen habe. Nie schwarzen Gang gerochen, war mir immer zu stickig. Sag’, willst du mir nicht für die erste Wache eine Krume zur Hand gehen?“
„Rede nicht lange. Freilich. Komm nur voran. Wir werden die Kohlsuppe schon kochen. Kenne deine Sorgen. Dein erster Leichenwagen. Ich kenne die Särge, kannst mir glauben. Aber manchmal dankst du Himmel und Hölle, daß dir eine Yorikke quer vor’n Bug kommt, und du hoppst drauf mit einem Wonnegefühl, als ob – ja, hab’ nur keine Bange. Wenn was krumm geht, ruf mich nur. Ich zieh dich schon raus aus dem Dreck. Wenn wir auch alle miteinander Tote sind, nur nicht verzagen. Schlimmer kann es nicht kommen.“
Es kam aber schlimmer. Man kann ein Totenschiff fahren. Man kann ein Toter sein, ein Toter zwischen Toten. Ausgelöscht kann man sein aus der Reihe der Lebenden, hinweggeweht von der Oberfläche der Welt, und kann dennoch gezwungen sein, entsetzliche Qualen zu erdulden, denen man nicht entgehen kann, weil man schon tot ist, weil einem kein weiterer Weg zur Flucht offen gelassen ist.
29
Ich sah Stanislaw zu dem Schacht gehen, den ich soeben verlassen hatte, weil ich glaubte, ich hätte mich im Wege geirrt. Er kletterte die Leiter ohne zu zögern hinunter, und ich folgte ihm. Als wir am Ende der ersten Leiter waren und auf die Platte kamen, die unter dem heißen Dampfstrahl lag, sagte ich: „Da können wir nicht durch. Da wird uns die Haut bis auf die Knochen abgeledert.“

„Meist gibt es was ab. Ich kann dir morgen meine Arme zeigen. Aber wir müssen durch“, sagte Stanislaw. „Hilft uns nichts. Kein andrer Weg zu den Kesseln für uns. Die Ingenieure lassen uns nicht durch die Maschinenhalle gehen, wir sind zu dreckig, und es ist gegen die Vorschrift.“
Während er das noch sagte, sah ich, wie er plötzlich seine Arme um den Kopf schlug, sich so Gesicht, Ohren und Nacken schützend. Nun drehte, quetschte und reckte er sich zwischen die glühend heißen Dampfrohre, wo die Schutzpackungen längst abgefault und abgerissen waren, und der glühend heißen Kesselwand hindurch wie eine geölte Zitterschnecke. Das konnte ihm kein Schlangenmensch nachmachen, dachte ich, als ich das sah. Aber ich erfuhr nun, daß der ganze Kesselbums das so zu machen hatte, und ich verstand auch mit einemmal, warum es auf der Yorikke so viele Dinge zu essen gab, die kein Mensch essen konnte und die über Bord flankiert wurden. Das Flankieren durfte der Koch nicht sehen, dann gab es einen Mordskrach, weil alle Salzschwarten und alles Ungenießbare, das nicht in den Magen hineinwollte, weil der Magen sich sträubte, in die Küche zurückgebracht werden mußte, damit daraus Irish Stew, Frikandellen, Gulasch, Haschee und ähnliche Delikatessen gemacht werden konnten.
„Hast du nun gesehen, Sohn, wie das gemacht wird? Besinne dich nicht lange. Wenn du dich erst besinnst und dir das anguckst und darüber nachdenkst, daß du an der einen Seite verbrüht werden magst und an der andern Seite hinuntersausen kannst in den Schacht, dann geht’s gar nicht. Arme um den Kopf, sieh so – und dann Schlange gemacht. Kann dir eines Tages von Nutzen sein, wenn du andern Leuten zu tief in die Taschen gelinst hast und man dir eiserne Vorhänge an die Fenster gehängt hat. Bin ich auch schon durchgekommen. Immer gut, wenn man in der Übung bleibt, du weißt nie, wie du es gebrauchen kannst. Hopp an.“
Schwupp! da war ich durch. Ich fühlte Heißes an meinen Armen, aber das war sicher nur Einbildung.
Am andern Ende der Platte ging eine lange eiserne Leiter weiter hinunter, zu den Grundmauern der Unterwelt. Diese zweite Leiter war so heiß, daß mein Taschentuch, das ich bisher benutzt hatte, wertlos wurde. Ich mußte mich mit den gebogenen Ellbogen in das Geländer hängen, um Halt an der Leiter zu greifen. Je tiefer ich kam, desto dicker wurde die Luft, desto heißer, qualmiger, öliger und unerträglicher. Die Hölle, die ich nun endlich nach meinem Tode erreicht hatte, konnte das nicht sein. In der Hölle hatten ja auch die Teufel zu leben, hier aber konnten keine Teufel leben, das war undenkbar.
Doch da stand ein Mensch, ein nackter, schwitzender Mensch, der Heizer der Vorwache. Menschen konnten hier auch nicht leben. Aber sie mußten. Sie waren Tote. Ausgelöschte. Landlose. Paßlose. Heimatlose. Die mußten, ob sie konnten oder nicht. Teufel konnten hier nicht leben, denn ein Rest von Kultur ist selbst den Teufeln gelassen, das weiß Goethe. Aber Menschen mußten hier nicht nur leben, sie mußten hier arbeiten, und sie mußten hier so schwer arbeiten, daß sie alles vergaßen, zuletzt sogar, nachdem sie lange vorher sich selbst vergessen hatten, sogar vergaßen, daß hier zu arbeiten unmöglich sei.
Mir ist oft, ehe ich gestorben wurde, und ehe ich zu den Toten kam, unverständlich gewesen, wie Sklaverei möglich sein kann, wie Militärdienst möglich sein kann, wie es möglich ist, daß Menschen, gesunde und vernünftige Menschen, sich ohne Protest vor Kanonen und Kartätschen jagen lassen, daß Menschen nicht tausendmal lieber Selbstmord begehen, als Sklaverei, Militärdienst, Galeerenketten und Peitschenhiebe zu ertragen. Seit ich bei den Toten war, seit ich selbst ein Toter bin, seit ich ein Totenschiff fuhr, ist auch dieses Geheimnis für mich gelöst, wie sich ja alle Geheimnisse erst nach dem Tode offenbaren. So tief kann kein Mensch sinken, als daß er nicht immer noch tiefer sinken könnte, so Schweres kann kein Mensch erdulden, als daß er nicht noch Schwereres ertragen könnte. Hier ist es, wo der Geist des Menschen, der ihn über das Tier erhebt, ihn tief unter das Tier erniedrigt. Ich habe Packzüge von Kamelen, von Lamas, von Eseln und von Maultieren getrieben. Ich habe Dutzende unter diesen Tieren gesehen, die sich hinlegten, wenn sie nur mit einem Kilogramm überladen waren, die sich hinlegten, wenn sie sich schlecht behandelt glaubten, und die sich klaglos hätten zu Tode peitschen lassen – und auch das habe ich gesehen – als aufzustehen, die Last zu übernehmen oder die schlechte Behandlung weiter zu erdulden. Ich habe Esel gesehen, die zu Leuten verkauft worden waren, die Tiere schändlich peinigten, und die Esel hörten auf zu fressen und starben weg. Nicht einmal Mais vermochte ihren Entschluß zu ändern. Aber der Mensch? Der Herr der Schöpfung? Er liebt es, Sklave zu sein, er ist stolz, Soldat sein zu dürfen und niederkartätscht zu werden, er liebt es, gepeitscht und gemartert zu werden. Warum? Weil er denken kann. Weil er sich Hoffnung denken kann. Weil er hofft, daß es auch wieder besser gehen wird. Das ist sein Fluch und nie sein Segen. Mitleid mit Sklaven? Mitleid mit Soldaten und mit Soldatenkrüppeln? Haß gegen Tyrannen? Nein! Nein! Nein!
Wäre ich über die Reeling gesprungen, dann würde ich jetzt nicht in einer Hölle sein, wo es selbst die Teufel nicht aushalten können. Aber ich sprang nicht und habe nun kein Recht, mich zu beklagen oder gar andre anzuklagen. Laß den Bettler verhungern, wenn du den Menschen in ihm achtest. Ich habe kein Recht, mein trauriges Schicksal zu beklagen. Warum sprang ich nicht? Warum springe ich jetzt nicht? Warum lasse ich mich peitschen und martern? Weil ich hoffe, ins Leben zurückkehren zu können. Weil ich hoffe, New Orleans wiederzusehen. Weil ich hoffe, und weil ich lieber durch die Schiet schwimme, als meine gehätschelte und getätschelte Hoffnung in die Schiet zu werfen.
Imperator, du wirst niemals um Gladiatoren verlegen sein; die schönsten und stolzesten Männer werden dich anflehen: „O angebeteter, o bewunderungswürdiger Imperator, laß mich dein Gladiator sein!“
30
Natürlich kann ich hier arbeiten. Da arbeiten ja auch andre. Das sehe ich ja mit eignen Augen. Was ein andrer kann, das kann ich auch. Der Nachahmungstrieb des Menschen macht Helden und macht Sklaven. Wenn der nicht an den Peitschenhieben stirbt, dann werde ich sie wohl auch überleben können. „Siehst du, der da, der geht direkt drauf los auf das Maschinengewehrfeuer, Donnerwetter nochmal, das ist ein Kerl, verflucht nochmal, vor dem muß man Achtung haben, das ist ein Kerl, der hat Mumm in den Knochen.“ Natürlich kann ich das auch. So geht der Krieg voran, und so fahren die Totenschiffe, alles nach demselben Rezept. Die Menschen haben nur eine Schablone, nach der sie alles machen; das geht so glatt, daß sie ihr Hirn gar nicht anstrengen brauchen, um ein andres Rezept auszudenken. Man geht nichts lieber als ausgetretene Pfade. Da fühlt man sich so schön sicher. Der Nachahmungstrieb ist schuld daran, daß die Menschheit innerhalb der letzten sechstausend Jahre keine Fortschritte gemacht hat, sondern trotz Radio und Fliegerei in derselben Barbarei lebt wie am Anfang der europäischen Periode. So hat es der Vater gemacht, und so hat es der Sohn nachzumachen. Schluß. Was für mich, den Vater, gut genug war, wird für dich, du Rotznase, wohl erst recht gut genug sein. Die heilige Konstitution, die für George Washington und die Revolutionskämpfer gut genug war, ist erst recht gut genug für uns. Und die Konstitution ist gut, denn sie hat hundertfünfzig Jahre schon ausgehalten. Aber auch Konstitutionen, die einmal junges feuriges Blut in den Adern hatten, bekommen mit der Zeit Adernverkalkung. Die beste Religion ist eines Tages heidnischer Aberglaube, und keine Religion macht hiervon eine Ausnahme. Allein das, was anders gemacht wurde, als bisher, allein das, was unter Protest der Väter und Heiligen und Verantwortlichen anders gedacht wurde, hat der Menschheit neue Ausblicke verschafft und ihr den Glauben gegeben, daß eines fernen Tages doch ein Fortschreiten wird beobachtet werden können. Dieser ferne Tag wird in Sicht sein, wenn die Menschen nicht mehr an Institutionen glauben und nicht an Autoritäten ...

„Was stehst du denn rum? Wie heißt du überhaupt, Schlepp?“
Mein Heizer war runter gekommen und brummte übelgelaunt herum.
„Pippip ist mein Name.“
Das schien seine Laune ein wenig zu verbessern.
„Dann bist du wohl ein Perser?“
„Nein, ich bin Abessinier. Meine Mutter war Parse. Die werfen ihre Leichen den Geiern vor.“
„Wir den Fischen. Da scheint deine Mutter eine ganz anständige Frau gewesen zu sein. Meine war eine alte verfluchte Hure. Aber wenn du Hurensohn zu mir sagst, dann gibt es eins in die Fresse.“
Also er war Spanier. Wenn die drei Worte sprechen, dann sind zwei davon „Hurensohn“. Es kommt auf den Grad der Freundschaft an, ob man zu jemand sagen darf, daß seine Mutter eine Groschenhure war. Je näher man dabei der Wahrheit kommt, desto mehr Aussicht hat man, sich plötzlich ein Messer aus den Rippen ziehen zu können. Je weiter man von der Wahrheit entfernt ist, desto früher hört man die Antwort: „Muchas gracias, Senjor, vielen Dank, bitte, genieren Sie sich nicht, stets zu Ihren Diensten.“ Niemand hat ein so zartes und so albernes Ehrgefühl wie der dreckigste Prolet. Und wenn die dreckigen Proleten eines Tages das Ehrgefühl dort haben werden, wo es wirklich hingehört, dann sind sie die Lacher. Heute haben sie ihr Ehrgefühl da, wo es die andern bei ihnen gerne sehen, weil sich dann so gut damit spielen läßt, zum Vorteil der andern. Was brauchst du Ehre, Prolet? Lohn brauchst du, guten Lohn, dann kommt die Ehre von selbst. Und wenn du auch noch die Fabrik hast, dann kannst du die Ehre ruhig den andern dauernd überlassen; dann erst wirst du erfahren, wie wenig sich die draus machen ...
Der Heizer der Vorwache zog jetzt einen glühenden dicken Bolzen aus dem Feuer und steckte ihn in einen Eimer mit Frischwasser. In Seewasser kann man sich ja nicht waschen, das ist kaum gut genug zum Schlackenkühlen. Dann begann er sich zu waschen mit Sand und Asche, weil er ja keine Seife hatte.
Der Kesselraum war durch zwei Lampen erhellt. Eine dieser beiden Lampen hing vor dem Dampfmeter, damit der Dampfdruck gelesen und von dem Heizer geregelt werden konnte. Die andre Lampe hing in einer Ecke und wartete auf den Schlepp. In dieser Welt der Toten wußte man nichts von einer Erde, wußte man nichts davon, daß es Azetylenlampen, Kunstgaslampen, Gasolinlaternen, Spirituslaternen gab, gar nicht zu reden von Elektrizität, die sich durch Ankoppelung einer Dynamo leicht hätte erzeugen lassen. Aber jeder Cent, ausgegeben für die Yorikke, war verschwendetes Geld. Die Fische mit Geld zu füttern, wäre närrisch, sie sollen zufrieden sein mit der Mannschaft. Diese Lampen hier waren bei den Ausgrabungen des alten Karthago gefunden worden.
Wer die Form dieser Lampen kennen lernen will, gehe in ein Museum, sehe sich die römische Abteilung an, wo er unter den Töpferwaren auch diese Lampen, die wir hatten, finden wird. Es war ein Gefäß mit einer Tülle. In der Tülle steckte ein Ballen Putzwolle. Das Gefäß wurde gefüllt mit jener Flüssigkeit, die auch für die Jungfrauenlampe im Quartier zu dienen hatte, und die den auf Irrwege führenden Namen Petroleum trug. Viermal in einer Stunde mußte die Putzwolle weiter herausgezerrt werden, weil sie kohlte und den Kesselraum mit einem undurchsichtigen dicken schwarzen Rauch erfüllte, in dem die Rußflocken so dicht flogen wie Heuschrecken in Argentinien während einer Plage. Die Putzwolle mußte man mit den bloßen Fingerspitzen herauspulen, deshalb hatte man nach der ersten Wache abgeschmorte Fingernägel und angeschmorte Fingerspitzen. Wenn man mit seiner Lampe in den Kohlenbunkern saß, konnte man nicht die Lampe erst ausmachen, weil man ja sonst in den Kesselraum runter gemußt hätte, um sie wieder anzustecken.
Stanislaw hatte heute bereits eine Doppelwache gerissen. Was das bedeutet, wird noch klar werden. Trotzdem er kaum noch kriechen konnte, blieb er doch mit mir noch eine volle Stunde im Kesselraum, um mir beizustehen.