ZWEITES BUCH (continued 2)
Reading edition
Neun Feuer mußten von dem Heizer bedient werden. Und um diese neun Feuer zu füttern, hatte der Schlepp die Kohle heranzuschaffen. Ehe aber mit dem Heranschaffen der Kohle begonnen werden konnte, waren andre Arbeiten zu verrichten. Da die Feuer selbst auf diese Arbeiten keine Rücksicht nahmen und sie jede Vernachlässigung sofort am Meter herausbrüllten oder gar auf der Brücke herausheulten, so mußte ein erheblicher Vorrat von Kohle im Kesselraum angeschichtet sein, der für diese Zeit der Nebenarbeiten langte. Diesen großen Vorrat mußte die abzulösende Wache für die neuantretende Wache hinterlassen, und diese neue Wache hatte, wenn sie abgelöst wurde, einen gleichen Vorrat der nächsten zu übergeben. Dieser Vorrat konnte nur geschaffen werden durch eine unmenschlich erscheinende Kraftanstrengung in der Zeit der beiden mittleren Stunden einer Wache, also bei meiner Wache von eins bis drei. Von zwölf bis eins kamen die Vorarbeiten und um drei begann das Aschehieven mit dem Schlepp der neuen Wache. In zwei Stunden also mußte alle die Kohle herbeigeschafft werden, die neun Feuer eines in voller Fahrt befindlichen Dampfers in vier Stunden verschlingen. Liegt die Kohle in den Bunkern in Front der Feuer, so ist das Heranschaffen der Kohle die kräftige Arbeitsleistung eines gesunden, starken und gutgenährten Arbeiters. Liegt die Kohle aber da, wo sie meist auf der Yorikke lag, so ist es die Arbeit von drei oder vier starken Männern. Hier hatte diese Arbeit einer zu tun. Und er tut sie. Er ist ja ein Toter. Der kann alles. Und niemand versteht besser anzutreiben, niemand versteht höhnischer zu sagen: „Schlapper Hund! Solltest mich mal sehen!“ als der Mit-Tote, als der Mit-Prolet, als der Mit-Hungernde, als der Mit-Gepeitschte. Auch die Galeerensklaven haben ihren Stolz und ihr Ehrgefühl, sie haben den Stolz, gute Galeerensklaven zu sein und „nun einmal zu zeigen“, was sie können. Wenn das Auge des Auspeitschers, der mit der Peitsche die Reihen entlanggeht, wohlgefällig auf ihm ruht, so ist er beglückt, als hätte ihm ein Kaiser persönlich einen Orden an die Brust geheftet.
Der Heizer warf drei Feuer auf, immer zwei überschlagend. Dann brach er drei andre Feuer auf, die dazwischen lagen. Über jedem Feuer stand eine Nummer mit Kreide geschrieben, die Nummern von eins bis neun. Als das Aufwerfen und das Aufbrechen vorüber war, kam das Feuer drei an die Reihe. Es war ziemlich niedergebrannt, und er brach mit einer schweren langen Eisenstange die Schlacken von den Rosten. Die Schlacken saßen fest. Und von dem Feuer strömte eine brüllende Hitze heraus. Mit jeder Schlacke mehr, die herausgebrochen und vor das Feuer gezerrt war, wurde die Hitze mächtiger. Denn nun lagen die glühenden Schlacken vor den Feuertüren im Kesselraum und erhitzten ihn wie einen Glutofen. Der Heizer und auch ich, wir hatten nur die Hosen an, nichts weiter. Der Heizer hatte an den bloßen Füßen zerlumpte Tuchpantinen, während ich Stiefel hatte. Ab und zu sprang der Heizer hoch und trampelte die glühenden Schlackenkörner von den Füßen, auf die sie gesprungen waren. Die Schürstange konnte nur gehalten werden, weil der Heizer seine Hände mit Sacklumpen umwickelt hatte und Leder von einem alten Koffer zwischen Hand und Eisen hielt. Endlich wurde die Hitze, die von den Schlacken ausströmte, so gewaltig, daß der Heizer fort mußte vom Feuer. Jetzt wurden die Schlacken mit Wasser, das ich aus einem Bottich nahm, gelöscht. Der explosionsartig hochgehende Wasserdampf ließ uns beide zurück an die Wand springen. Die Schlacken gleich einzeln zu kühlen, wenn sie herauskommen, geht nicht, weil während des Kühlens der Heizer nicht arbeiten kann. Dann dauert das Ausschlacken zu lange, das Feuer fehlt und der Dampf geht so weit zurück, daß eine halbe Stunde wie wahnsinnig gearbeitet werden muß, um den Dampf wieder hochzukriegen. Runter geht er wie nichts, rauf nur langsam und mit mühseliger Arbeit.
Alles, was auf der Yorikke war, diente dazu, der Mannschaft Leben und Arbeit zu erschweren. Der Kesselraum war viel zu schmal. Er war viel schmäler als die Feuerungskanäle lang waren. Wenn die Schürstange also in die Feuerung gestoßen oder herausgezogen werden sollte, so mußte der Mann mit der Stange alle möglichen Wendungen und Drehungen verüben, um die Stange zu handhaben, weil sie immer gegen die Rückwand stieß. Durch diese Tänze, die der Heizer zu machen hatte, kam es nicht selten vor, daß er bald dort stolperte und in einen Kohlenhaufen fiel, bald hier. Bald stieß er sich an der Wand die Knöchel der Finger auf, bald an der Feuertür. Wenn er fiel und instinktiv nach einem Halt griff, so griff er in glühende Schlacken oder er packte die glühende Schürstange an. Es kam auch vor, besonders wenn das Schiff rollte, daß er mit dem Gesicht in die Schlacken oder auf die rotglühende Schürstange oder auf die Feuertür fiel oder mit den bloßen Füßen auf einen herausgenommenen heißen Rost oder auf heiße Schlacke trat. Mein Heizer glitschte einmal bei einem unerwartet schweren Roller des Bootes aus und fiel mit dem nackten Rücken in die weißglühende Schlacke, die vor dem Feuer lag. Totenschiff, yes, Sir. Totenschiffe gibt es, die Leichen drin machen, und Totenschiffe gibt es, die Leichen draußen machen, und Totenschiffe gibt es, die Leichen überall machen. Yorikke machte alles und alle, sie war ein gutes Totenschiff.
War die Schlacke heraus und gelöscht, so wurde frische Nußkohle aufgeworfen. Diese Kohle mußte der Schlepp inzwischen aus der Haufenkohle herausgelesen haben, es mußte gute, nicht zu große Stückkohle sein, damit sie leicht anbrannte und damit das Feuer schnell wieder in Gang kam. Denn die Kohle, die auf der Yorikke verfeuert wurde, war die billigste und schlechteste Kohle, die es nur gab, sie erzeugte nur wenig Hitze; und das war die weitere Ursache, warum der Schlepp unglaubliche Riesenmengen von Kohle herbeischaffen mußte, um den Dampf hochzuhalten. Nun wurden die andern Feuer wieder nachgesehen, während ich die Schlacke nach der Mitte der Kesselwand zu schaufelte, wo sie nicht im Wege lag.
Der andre Heizer hatte sich inzwischen fertig gewaschen, war aber die ganze Zeit über immer in Gefahr gewesen, von dem glühenden Schüreisen gestoßen und angeschmort zu werden oder von einer springenden Schlacke verbrannt zu werden. Aber das kümmerte ihn nicht sehr, er war tot. Man konnte es jetzt auch sehen. Gesicht und Körper waren von dem Waschen mit Sand und Asche ziemlich rein geworden. In die Augen konnte er aber nicht gut mit Sand und Asche gehen, darum hatten die Augen breite schwarze Ringe. Das gab dem Gesicht das Aussehen eines Totenschädels, um so mehr, als die Backen vor schlechter Ernährung und vor übermäßiger Arbeit tief eingefallen waren. Er zog sich seine Hose an und sein durchlöchertes Hemd und kletterte die Leiter hoch. Ich hatte gerade Zeit genug, einmal einen Blick nach oben zu werfen, als ich ihn die Schlange machen sah.
Stanislaw schaffte indessen Kohle heran, damit ich wenigstens den Vorrat bekam. Es kamen dann die Feuer sechs und neun an die Reihe. Als sechs ausgeschlackt und aufgeschüttet war und die übrigen Feuer soweit vorbereitet waren, um auch neun ausschlacken zu können, kam Stanislaw und sagte zu mir: „Nun bin ich fertig. Ich kann nicht mehr. Es ist eins. Ich habe fünfzehn Stunden jetzt ununterbrochen gewürgt. Um fünf muß ich schon wieder Asche hieven. Es ist ja gut, daß du da bist, wir hätten das nicht mehr länger machen können. Ich will dir nur jetzt gestehen, wir sind nur zwei Schlepps, wenn du eingerechnet bist. Wir haben also nicht zwei Wachen jeder, sondern drei, und dazu kommt zu jeder Wache eine Stunde Aschehieven extra. Und morgen haben wir, auch noch extra, die Berge von Asche, die auf Deck liegen, weil im Hafen ja keine Asche ausgeworfen werden darf, abzuschaufeln. Wird für jeden vier Stunden extra machen.“
„Das sind doch dann alles Überstunden, die Doppelwachen, das Abschaufeln der Deckasche und das Aschehieven“, sagte ich.
„Ja, das sind alles Überstunden. Wenn es dir Vergnügen macht und du gerne schreibst, kannst du dir die ganzen Überstunden anschreiben. Aber bezahlen tut sie dir keiner.“
„Das ist mir aber bei der Heuer ausgemacht worden“, antwortete ich.
„Was ausgemacht wird, hat keine Geltung bei uns. Nur was du in der Tasche hast, das hat Geltung. Und in die Tasche kriegst du immer nur Vorschuß, Vorschuß, Vorschuß. Immer soviel, daß es zum Besaufen gerade langt und vielleicht für ein Paar Pantinen oder ein Hemd, aber nicht mehr. Denn wenn du anständig aussiehst und ruhig durch die Straße gehen kannst, könntest du ja vielleicht wieder lebendig werden. Verstehst du jetzt den Dreh? Kannst nicht fort. Mußt Geld haben, mußt eine ganze Hose, eine ganze Jacke, ganze Stiefel und Papiere haben. Kriegst du nicht. Kannst nicht lebendig werden. Wenn du aussteigst, läßt er dich einfangen, wegen Desertion. Die haben dich gleich mit deinen Lumpen und keinen Papieren. Dann zieht er dir zwei oder drei Monatsheuern ab wegen Desertion. Kann er. Tut er. Dann bettelst du wegen eines Schillings auf den Knien für Schnaps. Schnaps mußt du haben. Tot sein tut manchmal doch weh, auch wenn man sich schon lange daran gewöhnt hat. Gute Nacht. Waschen tu ich mich nicht, ich kann nicht mehr die Hand heben. Laß dir keine Roste durchfallen, das kostet Blut, Pippip. Gute Nacht.“
„Heilige Maria, genotzüchtigter Gabriel, Joseph und Arimathia, Eberklöten und Bockpinnen, Himmelkreuzdonnerwetter – –“
Der Heizer schrie wie besessen und nahm einen gewaltigen Anlauf, um eine neue Serie von Flüchen und Verwünschungen loszulassen, daß die Bewohner aller Höllen schamrot werden mußten. Von der Erhabenheit seines Gottes, von der jungfräulichen Reinheit der Himmelskönigin, von der Würde der Heiligen blieb nichts mehr bestehen. Sie sanken in den Kot der Straße und wurden durch die Jauche der Gosse geschleift. Die Hölle hatte ihre Schrecken für ihn verloren, ihn konnte kein noch so fürchterlicher Bannstrahl des Himmels mehr treffen, denn als ich fragte:
„Heizer, was ist denn los?“ da heulte er wie eine blutdürstige Bestie:
„Sechs Roste sind rausgefallen. Heilige verhur – –“
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Stanislaw hatte beim Raufgehen gesagt, daß das Herausfallen der Roste Blut kostet. Damit meinte er, wenn einer rausfällt. Jetzt waren sechs raus. Sie einzusetzen kostete nicht nur Blut und nicht nur abgestoßene Fleischstücken und abgeschmorte Hautfetzen, das kostete blutendes Sperma, herausgezerrte Sehnen, das Mark floß einem wie wäßrige Lava aus den Knochenröhren, die Gelenke krachten wie Holz, das gebrochen wird. Und während wir arbeiteten wie verblödete Maden, fiel der Dampf und fiel und fiel. Und wir sahen die Arbeit, die uns bevorstand, den Dampf wieder hochzubringen. Sie kroch und würgte sich in unsre Kadaver, während wir mit den Rosten würgten. Seit jener Nacht stehe ich über den Göttern. Ich kann nicht mehr verdammt werden. Ich bin frei, darf unbekümmert tun und lassen, was ich will. Ich darf Götter verfluchen, darf mich verwünschen, darf handeln, wie es mir gefällt. Kein menschliches Gesetz, kein göttliches Gebot mehr kann meine Handlungen beeinflussen, denn ich kann nicht mehr verdammt werden. Die Hölle ist ein Paradies. Keine menschliche Bestie kann Höllenqualen ausdenken, die mich erschrecken könnten. Wie immer auch die Hölle beschaffen sein mag, sie ist Erlösung. Erlösung vom Einsetzen rausgefallener Roste auf der Yorikke.

Der Skipper ist nie im Kesselraum gewesen und keiner der beiden Offiziere. Freiwillig ging niemand in diese Hölle. Sie machten sogar einen Umweg, wenn sie am Einsteigschacht vorbei mußten. Die Ingenieure wagten sich in den Kesselraum nur, wenn die Yorikke sanft im Hafen lag und der Kesselbums Reinigungsarbeiten machte, Rohre ziehen, Maschinenhalle putzen und ähnliche dreckige Tagesarbeiten. Selbst dann hatten die Ingenieure diplomatisch mit den Schwarzen Banditen umzugehen. Denn die waren immer und immer in einem Zustande, dem Ingenieur einen Hammer an den Schädel zu pfeffern. Was bedeutete dem Kesselbums Gefängnis, Zuchthaus oder der Henker? Nicht einen Pfifferling machten die sich daraus.
Von der Maschinenhalle aus führte ein schmaler niedriger Gang zwischen dem Steuerbordkessel und der Steuerbordwand zu dem Kesselraum. Dieser Gang war von der Maschinenhalle durch eine schwere eiserne kleine Tür, die wasserdicht war – was auf der Yorikke wasserdicht genannt werden konnte – abgetrennt. Kam jemand von der Maschinenhalle, und hatte er die Luke passiert, so mußte er mehrere Stufen hinuntergehen, um den Gang zu erreichen. Dieser Gang war drei Fuß nur breit und so niedrig, daß man ganz gebückt gehen mußte, um sich nicht den Kopf an den eisernen, scharfkantigen Querstreben einzurennen. Der Gang war, wie alles auf der Yorikke und wie auch der Kesselraum, stockdunkel bei Tage und bei Nacht. Zudem war der Gang heiß wie ein Hochofen. Wir, die Schlepps, fanden uns in dem Gange mit verbundenen Augen zurecht, denn er gehörte mit zu den Spezialmarterwegen. Durch diesen Gang hatten wir einige hundert Tonnen Kohle nach den Kesseln zu schaufeln und zu quetschen, von den Bunkern, die neben der Maschinenhalle lagen. Wir kannten diesen Martergang und seine labyrinthischen Rätsel. Andre Leute kannten ihn nicht so gut.
Fiel nun der Dampf erheblich, weit unter hundertdreißig, dann mußte der wachhabende Ingenieur etwas tun. Dafür wurde er ja bezahlt. Der Erste kam auch nicht in den Kesselraum. Auf Fahrt nie. Ein zerschlagenes Schulterblatt hatte ihn gelehrt, daß man den Kesselbums auf Fahrt nicht belästigen darf. Er rief nur von oben, vom Deck aus, den Schacht hinunter: „Der Dampf fällt!“ Dann war er aber auch schon weg. Denn von unten kam das Gebrüll: „Du gottverfluchter Hurenhund, das wissen wir selber. Komm runter, du Schwein, wenn du was willst.“ Dabei flogen aber auch schon Kohlenstücken gegen die Einsteigluke.
Man rede dem Arbeiter nichts von Anstand, Höflichkeit und guten Sitten, wenn man ihm nicht gleichzeitig die Bedingungen geben will, daß er anständig und höflich bleiben kann. Dreck und Schweiß färben ab, nach innen mehr als nach außen.
Der Zweite Ingenieur war noch verhältnismäßig jung, vielleicht sechsunddreißig. Er war ein großer Streber und wollte gern Erster werden. Er glaubte, seine Strebsamkeit am besten beweisen zu können dadurch, daß er den Kesselbums herumjagte, besonders wenn Yorikke im Hafen lag, denn dann hatte er das Maschinenkommando. Er war kein guter Lerner und lernte schwer, eigentlich nie, mit dem Kesselbums der Yorikke umzugehen. Es gibt Ingenieure, die vom Kesselbums angebetet werden. Ich habe einmal einen Skipper gekannt, der vom Kesselbums wie ein Gott verehrt wurde. Der Skipper ging jeden Tag persönlich in die Galley: „Koch, ich will das Essen sehen, das meine Heizer und Kohlschlepps heute kriegen. Will ich kosten. Das ist Dreck. Das geht über Bord. Die Heizer und Kohlschlepps fahren einen Dampfer, niemand sonst.“ Und wenn er einen Schlepp oder einen Heizer auf dem Deck traf: „Schlepp, wie war das Essen heute; genug Fleisch? Wie kommt ihr mit der Milch zurecht? Abends kriegt ihr eine Extraration an Eiern und Speck. Bringt euch der Junge auch regelmäßig den kalten Tee runter, der angeordnet ist?“ Und merkwürdig, die Heizer und Schlepps auf jenem Eimer hatten ein Benehmen, daß sie zum Gesandtschaftsball hätten eingeladen werden können.
Als beim Einsetzen der Roste der Dampf fiel und fiel, kam der Zweite, der die Wache hatte, durch den Gang, lugte um die Kesselecke und sagte:
„Was ist mit dem Dampf los? Der Kasten wird gleich stehenbleiben.“ Der Heizer hatte in dem Augenblick gerade die rotglühende Schürstange in der Hand, mit der er einen Rost vom Aschenzug aus einzustützen versucht hatte. Mit einem fürchterlichen Geheul, mit blutunterlaufenen Augen und schäumendem Munde richtete er sich auf und raste wie ein Irrsinniger mit der glühenden Stange auf den Ingenieur los, um ihm die Stange durch den Leib zu rennen. Aber wie ein Funke war der Ingenieur hinter der Ecke verschwunden und sauste den Gang zurück. In der Schnelligkeit, mit der er floh, maß er die Höhe des Ganges nicht genügend und schlug sich den Schädel an einer der Querstreben auf. Der Heizer hatte die Stelle, wo der Ingenieur gestanden hatte, getroffen. Der Stoß war so gewaltig, daß ein Fladen von dem Mauerwerk, das den Kessel gegen Hitzeverlust schützte, absprang und die Stange sich oben verbog. Doch der Mann gab die Verfolgung nicht auf. Er raste hinter dem Zweiten her mit der Stange, und er hätte ihn mitleidlos erschlagen und zermanscht, wenn der Ingenieur nicht rechtzeitig, blutüberströmt von dem Gegenrennen an den Eisenstreben, die Stufen erreicht und die Luke hinter sich zugeschlagen und verrammelt hätte.
Der Ingenieur rapportierte den Fall nicht, wie kein Unteroffizier oder Offizier, der von einem gemeinen Soldaten unter vier Augen gebackpfeift wurde, die Backpfeifen rapportieren würde, um nicht zugeben zu müssen, daß ihm das geschehen konnte. Hätte der Ingenieur den Fall rapportiert, so hätte ich als Zeuge geschworen, daß der Ingenieur hereingekommen sei und den Heizer mit einem Schraubenschlüssel habe erschlagen wollen, weil angeblich nicht genügend Dampf gewesen sei und der Heizer ihm gesagt habe, er möge machen, daß er rauskäme, er sei ja besoffen, und da ist er in seiner Trunkenheit rausgetorkelt und hat sich den Kopf aufgeschlagen. Das ist nicht gelogen. Abgesehen von allem andern, der Heizer ist mein Leidensgefährte. Und wenn die andern blöken: „Right or wrong, my country! Recht oder Unrecht, mein Vaterland!“, so habe ich, verflucht nochmal, Recht und Schuldigkeit, zu rufen: „Right or wrong, my fellow-worker! Recht oder Unrecht, meine Mitproleten!“
Am nächsten Tage fragte der Erste den Zweiten, wie er zu dem Loch im Schädel gekommen sei. Der Gefragte erzählte die Wahrheit. Aber der Erste, ein schlauer Bursche, rapportierte nichts, sondern sagte zum Zweiten: „Da haben Sie verteufelt Glück gehabt, Mensch. Machen Sie das nicht nochmal. Wenn Roste raus sind, lassen Sie sich nicht sehen, gucken Sie zum Einsteigeschacht rein, aber melden Sie sich mit keinem Atemzuge, daß Sie da sind. Lassen Sie den Dampf runtergehen, soviel er will, und wenn der Kasten stehenbleibt. Wenn Sie runtergehen, solange Roste raus sind und die nächste halbe Stunde danach, werden sie mitleidlos totgeschlagen und in den Feuerungskanal geschoben. Kein Mensch erfährt je, wo Sie geblieben sind. Ich warne Sie.“
So ein Streber war der Zweite doch nicht, daß er sich diese Warnung nicht zu Herzen genommen hätte. Er ist nie wieder in den Kesselraum gekommen, wenn Roste gefallen waren, und wenn er sonst kam, weil der Dampf büßte und nicht hochkommen wollte, dann kam er wohl rein, sagte keine Silbe, sah nach dem Dampfmeter, stand eine Weile, bot dem Heizer und dem Schlepp eine Zigarette an und sagte dann: „Wir haben ludermäßige Kohle, da kann ein Heizer von Gold gemacht sein und er kann keinen Dampf halten.“
Heizer sind ja keine Idioten und verstehen natürlich sofort, was der Ingenieur will, und tun das Beste, was sie können, um den Dampf hochzukriegen. Denn nicht nur andre Leute, sondern auch Proleten haben Sportgefühl. Aber es soll sich kein Arbeiter über seine Vorgesetzten beschweren, er hat immer die, die er verdient, und die er sich macht. Ein gutgezielter und gutsitzender Hieb zur rechten Zeit ist besser als ein langer Streik oder ein langes Herumärgern. Ob man die Arbeiter als „Rohlinge“ bezeichnet, kann ihnen gleichgültig sein. Respektieren soll man sie, das ist die Hauptsache. Nur nicht schüchtern sein, Prolet. Was Übles man der Yorikke auch immer sonst nachreden konnte, in einem Dinge verdiente sie, mit Lorbeer gekrönt zu werden: Sie war ein vortrefflicher Lehrmeister. Ein halbes Jahr Yorikke, und man hatte keine Götzen mehr. Hilf dir selbst und verlaß dich nicht soviel auf andre. Gefallene Roste einsetzen, ist selbst auf einem gesunden Eimer kein Vergnügen, wie ich später erfuhr. Es ist immer eine sehr ärgerliche Sache. Doch nicht mehr als das. Auf der Yorikke aber war es Blutarbeit.
Jeder Rostbarren wog etwa vierzig bis fünfzig Kilo. Diese Barren lagen mit ihren Nocken auf einer Querleiste vorn und auf einer Querleiste am Ende des Feuerungskanals. Die Querleisten waren einmal gut und neu gewesen, zu der Zeit, als der große Streik ausbrach beim Bau des Turms von Babel und jene Sprachverwirrung eintrat, die auf der Yorikke ihren Höhepunkt erreicht hatte.
Kein Wunder, daß in der langen Zwischenzeit jene Querleisten ihre stützende Wirkung verloren hatten. Die Leisten waren verschmort. Die Roste lagen mit ihren Nocken nur auf winzigen Narben jener abgeschmorten Querbalken. Beim Aufbrechen der Schlacke brauchte man nur einen Millimeter zu unvorsichtig sein, oder die Schlacke brauchte nur sehr fest sitzen, dann rutschte ein Rostbarren ab und fiel hinunter in den Aschfall. Der Rostbarren war glühend und mußte aus dem Aschfall herausgefischt werden mit einem merkwürdigen Instrument, das Rostzange hieß und etwa zwanzig Kilo wog. Hatte man den Barren gefischt, so mußte er in den Feuerungskanal gehoben und in seine alte Lage gebracht werden. Da die Querbalken abgeschmort waren im Laufe der Jahrtausende, so waren die verschrumpelten und verbrannten Narben, auf denen der Barren ruhen sollte, weniger als einen halben Zoll breit. Hatte man den Barren vorn glücklich drin, rutschte er hinten ab und fiel wieder in den Aschfall zurück, wo er abermals herausgefischt werden mußte, um das Einsetzen ein zweitesmal zu versuchen. Diesmal lag er hinten glücklich in der Narbe, aber er erreichte vorn nicht den Rest des Balkens und fiel nun vorn in den Aschfall. Fiel der Barren an einem Ende in den Aschfall, so gab auch das andre Ende nach, und der ganze Barren fiel runter. Dieses Herausfischen und Wiedereinheben mußte so lange versucht werden, bis der Barren durch ein glückliches Zusammentreffen mehrerer glücklicher Umstände an beiden Enden diesen knappen halben Zoll von Auflagefläche gewonnen hatte.
Handelte es sich nur um einen Barren, so war das schon das Schlimmste, was man sich nur an Arbeit vorstellen kann. Aber durch das Fischen und durch das Einlegen stieß man zuweilen einen Nachbar-Barren an und der folgte dem Rufe und fiel gehorsam auch nach in den Aschfall, dabei seinen nächsten Nachbar mit sich reißend. Beim Einlegen des letzten Nachbars fiel ein weiterer Nachbar herunter, der an und für sich schon nur noch einen Millimeter auflag und schon eine Stunde sehnsüchtig darauf gewartet hatte, daß ihn doch jemand berühren möge, damit er endlich einen Grund habe, auch in den Aschfall rutschen zu können und den Tanz mitzumachen.
Während dieser Fischzeit und Einlegezeit brannte das Feuer in dem Kanal natürlich lustig weiter, die Barren waren glühend, die Zange war glühend, das Schüreisen, mit dem die Barren während des Einlegens von unten aus gestützt wurden, war glühend und die Barren hatten ein Gewicht, daß sie selbst dann eine ansehnliche Last darstellten, wenn sie eiskalt waren und man sie in den Armen vor sich tragen konnte. Ununterbrochen durfte man nicht an den Barren arbeiten, weil die übrigen Feuer bedient werden mußten, damit sie nicht verlöschten. Alles, was an vorrätiger Kohle im Kesselraum lag, wurde in der Zeit aufgefressen und mußte nachgeschleppt werden.
Als wir endlich die sechs Roste drin hatten und keiner es wagte, in der Nähe der Feurungstür fest aufzutreten, um die Barren nicht zu erschüttern und sie von ihren Millimeterstütznarben abzuwerfen, fielen wir beide leblos in einen Kohlenhaufen. Leblos ist die richtige Bezeichnung; denn jegliches Leben in uns war für eine halbe Stunde erloschen. Wir bluteten, aber wir fühlten es nicht, unsre Haut war in Streifen und großen Flecken von Armen, Händen, Brust und Rücken abgeschmort, aber wir fühlten es nicht. Wir hatten nicht mehr die Kraft, zu atmen.
Ein Hauch des Lebens kam endlich zurück, und wir hatten den Dampf wieder hochzubringen. Aus den fernsten Winkeln des Schiffes mußte die Kohle geschleppt werden, denn die Kohlenbunker lagen da, wo sie am wenigsten Laderaum wegnehmen konnten. Die Laderäume waren die Hauptsache. Ihretwegen fuhr die Yorikke, ihretwegen fährt jedes Schiff. Die Kohle, das Essen für das Schiff, war Nebensache, wie das Essen für die Mannschaft Nebensache war. Wo ein Winkel frei war, der als Laderaum nicht verwendet werden konnte, da wurde Kohle verbunkert, und da mußte sie weggeschleppt werden. In einer Wache von vier Stunden verbrauchten die neun Feuer der Yorikke mehr als vierzehnhundertfünfzig volle schwere Schaufeln Kohle. Diese vierzehnhundertfünfzig Schaufeln mußten herbeigeschleppt werden. Und das mußte getan werden neben dem Ausschlacken, neben dem Aschfallziehen, neben dem Aschehieven und, in gebenedeiten Wachen, neben dem Rosteeinsetzen.
Das mußte getan werden von nur einem Kohlenschlepp, dem dreckigsten Mann der Mannschaft, dem verachtetsten, der weder Matratze hatte, noch eine Decke, noch ein Kissen, noch einen Teller, noch eine Gabel, noch eine Tasse, mußte getan werden von einem Manne, dem satt zu essen zu geben nicht durchführbar war, weil die Kompanie behauptete, sonst nicht konkurrenzfähig zu sein. Und daß Kompanien konkurrenzfähig sein müssen, darauf achtet sogar der Staat. Dafür achtet er um so weniger darauf, daß die Menschen konkurrenzfähig bleiben. Beide, Kompanien und Arbeiter, können nicht gleichzeitig konkurrenzfähig gemacht werden.
Um vier wurde mein Heizer abgelöst. Ich nicht. Ich ging meine Ablösung, den Stanislaw, um zwanzig vor fünf wecken, zum Aschehieven. Ich mußte ihn aus der Bunk ziehen. Er war wie ein Klotz.
Er war schon lange auf der Yorikke. Er war daran gewöhnt. Wenn jemand, vielleicht der Passagier einer Luxuskabine, durch Neugier getrieben, an dem Kesselschacht vorbeikommt, so ist sein erster Gedanke:
„Wie ist es möglich, daß da Menschen arbeiten können?“
Aber da flüstert ihm sofort der, der immer zur Hand ist und ihm das Leben erträglich macht, ins Ohr: „Das sind die gewöhnt, die merken davon nichts.“
Damit kann man alles entschuldigen, und damit entschuldigt man alles. So wenig wie sich ein Mensch an Lungentuberkulose gewöhnt, so wenig wie er sich daran gewöhnt, dauernd zu hungern, so wenig kann sich ein Mensch daran gewöhnen, etwas zu ertragen, was am ersten Tage körperliche und seelische Qualen bereitet, die man niemand gönnen mag, der Menschenantlitz trägt. Mit der nichtswürdigen Ausrede: „Die sind daran gewöhnt!“ entschuldigt man auch das Auspeitschen der Sklaven.
Stanislaw, ein robuster Bursche, hatte sich nie daran gewöhnt, ich habe mich nie daran gewöhnen können, und ich habe nie einen Menschen gesehen, der sich an Qualen je gewöhnt hätte. Weder Tiere noch Menschen können sich an Qualen gewöhnen, nicht an körperliche, nicht an seelische. Sie werden nur abgestumpft, und das nennt man Gewöhnung. Doch ich glaube nicht, daß je ein Mensch so abgestumpft werden kann, daß er sich nicht nach Erlösung sehnt, daß er nicht in seinem Herzen den ewigen Schrei trägt: „Ich hoffe, daß mein Befreier kommt!“ Nur der allein hat sich gewöhnt, der nicht mehr hofft. Die Hoffnung der Sklaven ist die Macht der Herren.
„Ist das schon fünf?“ sagte Stanislaw. „Ich habe mich doch soeben erst hingelegt.“ Er war noch so dreckig wie er raufgegangen war. Auch jetzt konnte er sich nicht waschen. Er war zu müde.
„Ich will dir sagen, Stanislaw, ich halte es nicht aus. Ich kann um elf nicht Asche hieven und um zwölf ablösen. Ich gehe über die Reeling.“ Stanislaw saß auf der Bunk, guckte mich verschlafen an, gähnte und sagte: „Tu das nicht. Ich kann nicht deine Wache auch noch machen. Ich mache auch über die Reeling. Gleich hinterher. Nein. Mache ich nicht. Dann schon lieber Pflaumenmus unter den Kessel. Dann geht alles mit und die können keinen mehr fangen. Das ist eigentlich ein Spaß. Das mit Pflaumenmus.“
Der arme Stanislaw war noch ganz im Dusel. Dachte ich.
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Um sechs Uhr morgens war meine Wache zu Ende. Ich hatte dem Stanislaw keinen Kohlenvorrat hinterlassen können. Ich konnte die Schaufel nicht mehr halten. Ich brauchte keine Matratze, keine Decke, kein Kissen, keine Seife. Ich fiel in meine Bunk, dreckig, ölig, fettig, verschwitzt wie ich war. Meine Hosen waren für dauernd verdorben, auch mein Hemd und meine Stiefel. Dick verschmiert mit Öl, Kohlenstaub und Petroleum. Löcher reingebrannt, versengt, zerrissen. Wenn ich nun an der Reeling der Yorikke stand im nächsten Hafen, in Reih und Glied der übrigen Taschendiebe, Einbrecher und entlaufenen Sträflinge, dann war ich nicht mehr zu unterscheiden. Ich hatte nun auch meine Sträflingskleidung, in der ich nicht mehr aussteigen konnte, ohne sofort gefaßt und zurückgeliefert zu werden. Ich war jetzt ein Teil der Yorikke geworden, mußte mit ihr gehen auf Tod und Verderben. Es gab kein Entrinnen mehr.

Jemand riß mich auf und schrie mir ins Ohr: „Frühstück ist da.“ Es kann kein Frühstück auf der Welt bereitet werden, das imstande gewesen wäre, mich aus der Bunk zu bringen. Was war mir Frühstück, was war mir Essen? Ein schwarzes, dickes, dunstiges, schwerwuchtendes Etwas. Manch einer sagt: „Ich bin so müde, daß ich keinen Finger mehr rühren könnte.“ Der das sagen kann, weiß nicht, was Müdesein bedeutet. Fingerrühren? Nicht einmal die Augendeckel schlossen ganz, vor Müdigkeit. Meine Augen waren halb geöffnet, und ich empfand das trübe Tageslicht wie einen lastenden Schmerz, aber ich konnte und konnte die Augenlider nicht schließen. Sie schlossen nicht selbsttätig und sie schlossen nicht auf meinen Willen. Denn den Willen konnte ich nicht aufbringen. Ich hatte nicht den Wunsch, sondern nur ein lastendes Unbehagen: „Möchte doch das Tageslicht weggehen.“
Und als ich nicht dachte, sondern widerstandslos empfand: „Was kümmert dich das Tageslicht?“, da riß mich der schwere eiserne Haken eines Ladekrans hoch, dem Kranführer flitschte der Hebel aus der Hand, ich sauste aus dreißig Meter Höhe hinunter, klatschte flach auf den Ladekai und ein dicker Schwarm von Leuten stürmte auf mich los und schrie:
„Raus, zwanzig vor elf, Asche hieven.“
Nachdem die Asche gehievt war, holte ich das Mittagessen aus der Galley, hatte mit meinen Kumpen die Leiter Mittschiffs raufzugehen und die Leiter zum Vordeck wieder runterzuklimmen. Ich aß ein paar Pflaumen, die „Der Pudding“ hießen, und die in einem blauen Stärkeschleim steckten. Etwas andres und mehr zu essen war ich zu müde. Ich wusch mich nicht, sondern trat so meine Wache an. Als ich um Sechs abends wieder abgelöst wurde, war ich zu müde, um mich zu waschen. Das Abendessen war kalt und steif. Das rührte mich nicht. Ich schlug in meine Bunk.
Das ging drei Tage und drei Nächte. Ich hatte keinen andern Gedanken als nur: Elf bis sechs, elf bis sechs, elf bis sechs, elf bis sechs. In diesem Begriff sammelte sich für mich der Weltbegriff und das Persönlichkeitsbewußtsein. Ich war ausgelöscht. An Stelle des Ichs stand nichts andres als elf bis sechs. Zwei unsagbar wehe Schreie schnitten sich mir mit Grausamkeit in das, was Hirn, Fleisch, Seele, Herz gewesen war. Sie bereiteten einen Schmerz, der gellend scharf war. Mag sein, daß man einen ähnlichen kreischenden Schmerz empfindet, wenn einem das nackte Gehirn mit einer Stahlfeder gekitzelt wird. Die Schreie kamen immer von weit her, waren immer dieselben, immer gleich grausam und schmerzhaft: „Raus, zwanzig vor elf!“ – – „Heilige genotzüchti – Roste durchgefallen!“
Als vier Tage und fünf Nächte um waren, bekam ich Hunger, aß und begann, mich daran zu gewöhnen.
„So schlimm ist das eigentlich gar nicht, Stanislaw“, sagte ich, als ich ihn ablösen kam. „Die Frikandellen schmecken ganz gut. Wenn man nur etwas mehr Milch bekäme. Na, der Vorrat, den du mir hinterläßt, ist auch nicht gerade berühmt. Das stochern wir in einen hohlen Zahn vom Feuer eins. Wie kann man denn beim Ersten einen Rum rausschinden?“
„Spielend, Pippip. Siehst ja klapprig genug aus. Glaubt er dir. Gehst jetzt gleich rauf und sagst, hast dir den Magen verdorben und mußt immerfort kotzen. Sagst, kannst nicht auf Wache gehen, kotzt grün. Gleich hast du ein Weinglas weg. Zweimal die Woche kannst du drauf reiten auf das Rezept. Wenn du mehr kommst, zieht es nicht mehr. Dann gießt er dir unversehens halb Rizinus mit ein, merkste erst, wenn du geschluckt hast. Und kannst ihm doch nicht gut in die Kabine spucken, mußte dann aufscheuern. Also schluckste. Gib das Rezept nicht weiter. Ist bloß für uns beide. Die Heizer haben ein separates. Pfeifens aber nicht, die Gauner.“
Ich gewöhnte mich immer mehr.
Dann kam die Zeit, wo ich schon wieder Nebengedanken bekam, wo ich nicht in einem ermüdeten Dämmerzustande, sondern ganz trocken dem Zweiten zuschrie, wenn er nicht sofort den Kesselraum verließe, er nicht nur einen Hammer, sondern auch noch einen Knebelbolzen an den Schädel kriegen würde, und daß er mich wehrlos über Bord schmeißen dürfe, wenn ich ihm nicht ganz gewiß mit dem Hammer die Vorderfront und mit dem Bolzen die Hinterpartie seines Idiotenschädels einschlüge, und daß er uns diesmal nicht durch den Gang entkommen würde.
Er hätte in der Tat nicht entkommen können. Er hatte wohl auch das Gefühl. Wir hatten in dem Gange eine Stange aus Eisen so angebracht, daß sie in der Schwebe hing. Von der Rückwand des Kesselraumes aus führte eine Schnur zu jener Eisenstange. Wollte er entfliehen, so sprang einer sofort zu der Schnur und zog sie an. Dadurch wurde die Stange aus der Schwebe ausgelöst und fiel so in seinen Weg, daß er in der Falle war. Ob er lebend herausgekommen wäre oder mit kurz und klein geschlagenen Gliedmaßen nur, hing lediglich von der Anzahl der rausgefallenen Roste ab.
Es vergingen manchmal fünf Wachen, ohne daß auch nur ein Rost herausfiel. Aber die Roste brannten ja auch durch und mußten durch neue ersetzt werden, weil sonst die Feuer durchbrachen. Zuweilen hatte man so viel Glück, daß bei dem Neueinsetzen nur ein Nachbar mitging, und daß man die beiden mit Geduld und Blut so andächtig behandeln konnte, daß es bei den beiden blieb. Dafür aber kamen dann auch die Prüfungen um so schärfer, daß nicht nur sechs fielen, sondern acht, und nicht nur in einem Feuerzug, sondern in zwei oder drei in derselben Wache. Fürwahr, es wurde einem nichts geschenkt.
Als wir Goldküste machten, kamen wir in Wetter, und was für ein Wetter! Ehre sei Gott in der Höhe, und blas’ mir die Trompeten! Das war ein Lüftchen. Da bring mal die Kumpen mit Suppe und Schneidergulasch heil über Mittschiff zum Quartier. Fleckenseife und Benzin nochmal! Das will gelernt sein.
Nun das Aschehieven. Da hat man die schwere Aschkanne ausgehängt und trägt sie warm im Ärmchen rüber über das Gangdeck zum Ascheschacht. Aber ehe man mit seiner geliebten Kanne dort ankommt, hat Yorikke übergerollt und man saust mit seiner holden gefüllten Kanne das ganze Gangdeck entlang und sauber zur Gangstieg. Kachelt Yorikke achtern aus, landet man mit seiner Aschkanne immer noch fest im Arm unten auf dem Vordeck, läßt Yorikke vorn die blanken Oberschenkel sehen, rasselt man mit der Kanne nach achtern und rollt das ganze Achterdeck rauf und runter und der Erste Offizier schreit von der Brücke herunter: „He, Schlepp, wenn Sie über Stag gehen wollen, man immer los, es hält Sie niemand, aber die Aschkanne lassen Sie gefälligst hier. Die können Sie beim Fischen nicht gebrauchen.“
Unten vor den Kesseln ist es dann auch viel gemütlicher als sonst. Wenn der Heizer gerade mit einem schön einstudierten Schwung eine volle Schaufel aufschmeißen will, dreht er sich plötzlich und schmeißt einem die Schaufel voll Kohlen klatschend ins Gesicht oder zwischen die Eingeweide. Beim nächsten Überholer kommt er gar nicht zum Schwunge, sondern fliegt mit seiner Schaufel in einen Kohlenhaufen, in dem er verschwindet und aus dem er erst hervorkraucht, wenn Yorikke wieder hier überlegt.
In den Bunkern, wenn es Oberbunker sind, die auch mit Gut beladen werden können, ist der Spaß noch größer, weil man mehr Spielraum hat. Man hat glücklich am Steuerbordschacht zweihundert Schaufeln aufgeschichtet und beginnt gerade damit, sie nach dem Kesselschacht abzuwerfen.
Ratsch! legt Yorikke über nach Backbord. Und Schlepp, seine Schaufel und seine schönen zweihundert Würfe Feuergut rutschen in einem wilden Gemengsel über nach Backbord und steigen an der Backbordwand hoch. Yorikke macht nun einen Längser, man kommt ins Gleichgewicht und beschließt die zweihundert Würfe am Backbordschacht abzuwerfen. Eine Schaufel hat man gerade unten, da legt sich Yorikke zur Abwechslung nach Steuerbord über und das Gemengsel, mit dem Schlepp in der Mitte, rasselt nach Steuerbord, wo es ursprünglich herkam. Jetzt aber überlistet man die gute Yorikke. Man überlegt nicht lange, prasselt gleich zehn, fünfzehn Schaufeln runter in den Steuerbordschacht, dann rennt man noch rechtzeitig rüber nach Backbord, und wenn die Lawine dort nachkommt, gleich wieder fünfzehn Würfe den Backbordschacht runter, und wie der Satan rüber nach Steuerbord, schon ist die Lawine hinterher, fünfzehn Würfe hier in den Schacht und so kriegt man seine Kohle vor die Kessel, wenn sie in den Oberbunkern lagern.
Ein Kohlschlepp muß ebensoviel von Navigation verstehen wie der Skipper, sonst würde er zu manchen Zeiten nicht ein Kilo Kohle vor die Kessel kriegen. Natürlich ist der Schlepp am ganzen Körper braun und blau, die Nase zerschunden, die Schienbeine aufgeschlagen, die Hände und Arme abgeschunden. Lustig ist das Seemannsleben, hoiho!
Und lustiger noch ist es, daß Hunderte von Yorikken, Hunderte von Totenschiffen auf den sieben Meeren fahren. Alle Nationen haben ihre Totenschiffe. Die stolzesten Kompanien, die die schönsten Flaggen protzig wehen lassen, schämen sich nicht, Totenschiffe zu fahren. Wozu zahlt man denn Versicherungsprämien. Nicht zum Vergnügen. Alles muß seinen Profit abwerfen.
Es fahren viele Totenschiffe auf den sieben Meeren, weil es viele Tote gibt. Nie gab es so viel Tote, als seit der große Krieg für die Freiheit gewonnen wurde. Für jene Freiheit, die Pässe und Nationalitätsnachweise der Menschheit aufzwang, um ihr die Allmacht des Staates zu offenbaren. Das Zeitalter der Tyrannen, das Zeitalter der Despoten, der absoluten Herrscher, der Könige, Kaiser und deren Lakaien und Maitressen ist besiegt worden, und der Sieger ist das Zeitalter eines größeren Tyrannen, das Zeitalter der Landesflagge, das Zeitalter des Staates und seiner Lakaien.
Erhebe die Freiheit zu einem religiösen Symbol, und sie wird leicht die blutigsten Religionskriege entfesseln. Wahre Freiheit ist relativ. Keine Religion ist relativ. Am wenigsten relativ ist die Profitgier. Sie ist die älteste Religion, hat die besten Pfaffen und die schönsten Kirchen. Yes, Sir.
33
Wird man so zuschanden gearbeitet, daß man nicht einmal mehr „pip“ sagen kann, so kümmert man sich um nichts, was um einen herum vor sich geht. Laß geschehen was da will, nur in die Bunk und geschlafen. Man kann so müde gearbeitet werden, daß man aufhört, an Widerstand zu denken, daß man aufhört, an Flucht zu denken, daß man aufhört, an Müdigkeit zu denken. Man wird Maschine, man wird Automat. Um einen herum darf nun geraubt oder gemordet werden, man sieht nicht hin, man hört nicht hin, nur schlafen, schlafen, nichts weiter.

Dösig stand ich an der Reeling und schlief im Stehen. Eine gute Anzahl von Feluken mit ihren merkwürdigen spitzen Segeln waren in der Nähe. Aber das fiel nicht auf. Die waren immer herum. Fischer und Schmuggler, und was sie sonst für Geschäfte haben mochten, Geschäfte, an die man zu denken nicht wagen würde.
Ich ruckte zusammen und wurde völlig wach. Ich konnte nicht begreifen, was es war, das mich so aufriß. Es schien ein mächtiges Getöse zu sein. Aber als ich mich auf das Getöse eingestellt hatte, kam mir zum Bewußtsein, daß es kein Getöse war, das mich so überwach gemacht hatte, sondern daß es eine schwere Ruhe war. Die Maschine hatte aufgehört zu arbeiten, und das verursacht merkwürdige Gefühle. Tag und Nacht hört man das Stampfen und Dröhnen der Maschine, es dröhnt im Kesselraum wie ein rollendes Donnern, in den Bunkern wie ein dumpfes schweres Hämmern, im Quartier wie ein drehendes, ratterndes Keuchen und Pumpen. Es kriecht einem in Fleisch und Hirn. Man hat es in allen Fibern seines Körpers. Der ganze Körper wird ein holpriges Stampfen. Der ganze Mensch fällt in den Rhythmus der Maschine ein. Er spricht, er speist, er liest, er arbeitet, er hört, er sieht, er schläft, er wacht, er denkt, er fühlt und lebt in diesem Rhythmus. Und plötzlich hört das Stampfen der Maschine auf. Man empfindet einen eigentümlichen Schmerz. Man wird leer in sich, als ob man in rasender Geschwindigkeit in einem Aufzuge hinuntersause. Die Erde versinkt einem unter den Füßen, und man empfindet, daß der Boden des Schiffes herausgefallen ist, und daß man auf den Boden des Meeres sinkt.
Yorikke stand und wogte leicht auf dem glatten ruhigen Meer. Die Ketten rasselten und der Anker fiel.
Stanislaw kam in dem Augenblick vorbei mit der Kaffeekanne.
„Pippip,“ rief er mich an und sagte halblaut, „jetzt haben wir unten aber zu hopsen, ei verflucht nochmal. Müssen den Dampf hochpfeifen auf hundertfünfundneunzig.“
„Du bist wohl verrückt, Stanislawski,“ sagte ich, „da fliegen wir ja gleich ohne Aufenthalt durch bis auf den Sirius. Bei hundertsiebzig klappern uns ja schon die Eingeweide.“
„Deshalb drücke ich mich ja hier oben rum, so viel ich kann“, griente Stanislaw, „da rennt man mit dem Schädel nicht erst lange gegen die Platte. Man geht dann gleich wie ein Gummiball ab, und ehe die Brocken nachkommen, schwimmt man schon. Als ich die Feluken so verdächtig in der Nähe sah, habe ich wie ein Wahnsinniger Vorrat gemacht, um nur recht viel Gelegenheit zu haben, raufzukommen. Dem Heizer habe ich gesagt, ich habe Durchfall. Das nächstemal mußt du dir was andres aussuchen, man kann nicht immer den gleichen Hanfsamen erzählen, sonst will er selber raufgehen und schmeckt die Pomeranzen.“
„Was ist denn los?“
„Na, du bist mir ein Schaf. Es wird geblendet. Skipper zieht die Prozente ein für die Versicherung. So einen Esel, wie du bist, habe ich in meinem Leben nicht gesehen. Was denkst du denn, wo du drauf bist?“
„Leichenwagen.“
„Das hast du ja wenigstens schon klar. Aber die rennen doch so einen Eimer nicht runter ohne Musik. Das bilde dir nur ja nicht ein. Die Yorikke ist geliefert. Der Totenschein liegt schon bei der Kompanie, die brauchen bloß noch das Datum reinschreiben. Na, und siehst du, Mensch, wenn man schon auf der letzten Violinsaite spielt, dann ist doch alles Kick und Kaktus. Die Yorikke kann alles machen, was sie will, sie ist verzweifelt, sie steht auf der Totenliste. Die kann alles riskieren, verstehst du? Guck mal da rauf, auf den Laternenkorb. Da hängt der Boss’n mit der Prismatüte und guckt raus, ob die Luft dicht ist. Dann kannst du aber mal die Yorikke loskartoffeln sehen, Mensch, die olle ausgeleierte Schachtel macht dir in der ersten Viertelstunde einen Satz, daß dir himmelangst wird, bei dem Dampfdruck. Entweder ruff in den Mond oder raus mit fünfunddreißig Meilen. Da sollst du mal die Yorikke sehen. Nach einer halben Stunde pfeift und keucht sie aus allen Knopplöchern und hat für vier Wochen Asthma. Aber sie ist raus. Und das ist die Hauptsache. Jetzt muß ich aber runter. Ich komme gleich wieder, wenn ich ein paar geschippt habe. Dann muß ich wieder abknöppen gehen.“
Wir fuhren gewöhnlich hundertfünfzig, auch hundertfünfundfünfzig Druck, wenn die Yorikke gegen schweres Wetter zu kämpfen hatte. Hundertsechzig war ihre „Achtung!“, hundertfünfundsechzig „Warnung!“, hundertsiebzig „Gefahr!“. Hier blies sie ab mit markdurchdringendem Geheule. Um ihr das Heulen auszutreiben, waren jetzt die Tränendrüsen zugeschraubt. Wenn sie Lust hatte, konnte sie nach innen in sich hineinweinen, ihr grausames Schicksal beweinen und mit Trauer zurückdenken an jene Zeit, wo auch sie ein ehrliches rotbäckiges Jungferlein war. Sie hatte alle Stadien eines abenteuerlichen Weibes durchgemacht in ihrem langen, reichen Leben. Sie war auf glänzenden Bällen gewesen, wo sie die Königin des Festes war und umworben wurde von den schönsten Herren. Sie hatte sich mehrfach verheiratet, war ihren Männern durchgebrannt, war in üblen Hotels gefunden worden, war dreißigmal geschieden worden, hatte von neuem Glück gehabt und war in die Gesellschaft wieder aufgenommen worden, hatte wieder Dummheiten gemacht, sich eine Zeitlang dem Suff ergeben und schottischen Whisky nach Norwegen und nach den Krabbenlöchern an der Küste des States Maine geschmuggelt, und nun war sie endlich Kuppelmutter, Testamentsschleicherin, Giftmischerin und Engelmacherin geworden. So tief kann eine Frau sinken, die aus bester Familie kam und, versehen mit ausgezeichneter Erziehung und mit seidenen Röckchen und Fähnchen ins Leben zog. Aber das Unglück vieler schöner Frauen ist, daß sie nicht zur rechten Zeit zu sterben verstehen ...
Die Ladeluken wurden geöffnet und es wurde in den Eingeweiden der Yorikke emsig herumgewühlt.
Die Feluken waren nahe gekommen, und zwei machten längsseit fest. Sie waren von marokkanischen Fischern bemannt. Die kamen wie die Katzen an Bord. Die Lademasten wurden ausgeholt und fingen kreischend an zu arbeiten. Drei Marokkaner, die wie Fischer gekleidet waren, jedoch sonst den Fischern nicht glichen, klug und intelligent aussahen, gingen mit dem Zweiten Offizier zur Kabine des Skippers. Der Offizier kam wieder heraus und überwachte das Verladen. Der Erste stand auf der Brücke und hatte die Augen überall, am Horizont, auf dem Wasser, auf dem Schiff. Vorn in seinem Gurt hatte er einen schweren Browning stecken.
„Alles dicht, Boss’n?“ schrie er rauf zum Mast.
„Alles dicht, aye, aye, Sir.“
„All right! Keep on!“
Die Kisten schwangen lustig durch die Luft und runter in die Feluken. Dort waren andre Marokkaner mit flinken Händen tätig, die Kisten unter den Ladungen von Fischen und Früchten zu verstauen. War eine Feluke geladen, so machte sie los und stieß ab. Sofort kam eine andre herbeigerudert, machte fest und nahm die Ladung ein.
Jede Feluke, die ihre Ladung hatte, stieß ab, heißte die Segel und flog davon. Jede segelte in eine andre Richtung. Einzelne in die Richtung, wo auf keinen Fall Land liegen konnte, es wäre denn, daß sie nach Amerika hätten segeln wollen.
Der Zweite Offizier hatte einen Block mit eingeschobenem Kohlenpapier und einen Bleistift. Er zählte die Kisten. Dann rief ihm einer der Marokkaner, der als Lademeister zu arbeiten schien, eine Zahl zu, der Offizier antwortete die gleiche Zahl zurück und schrieb sie dann auf. Auch der Lademeister schrieb auf einem Stück Papier mit. Die Zahlen wurden in Englisch gerufen.
Endlich wurden keine Kisten mehr heraufgezogen und die Luken geschlossen. Die letzte Feluke, die Ladung genommen hatte, war schon weit fort. Die ersten konnte man nicht mehr sehen. Sie waren hinter dem Horizont verschwunden oder vom Dunst verschluckt. Die andern sah man in verschiedenen Richtungen wie kleine Stückchen weißen Papiers herumschwimmen.
Eine weitere Feluke, die letzte, die hier sichtbar war, hatte festgemacht. Sie hatte keine Ladung eingenommen. Sie hatte nur ihre Fischladung.
Die drei Marokkaner, die mit dem Skipper in der Kabine gewesen waren, kamen jetzt mit ihm heraus. Sie lachten und schwätzten miteinander. Dann verabschiedeten sich die drei mit großen schönen Gesten ihrer Arme und Hände, kletterten am Fallstieg hinunter, stiegen in ihr Schifflein, stießen ab, heißten die Segel, der Fallstieg wurde hochgezogen, die Ankerkette rasselte, und Yorikke war auf voller Fahrt.
Nach zehn Minuten etwa kam der Skipper raus und rauf zum Deck:
„Wo steht sie?“
„Sechs ab von der Küste.“
„Bravo. Dann sind wir ja raus?“
„Yes, Sir!“
„Kommen Sie frühstücken. Wir wollen einen heben. Geben Sie dem Ruder den Kurs und kommen Sie.“
Damit war der Spuk vorbei.
Aber der Spuk hatte etwas zurückgelassen. Wir alle bekamen großes Nach-Sturm-Frühstück. Bratwürste, Schinken, Kakao, Bratkartoffeln und pro Kehle ein Wasserglas Rum, der uns in unsre Blechtassen gefüllt wurde. Dieses Nach-Sturm-Frühstück war das Maulpflaster für uns. Das Maulpflaster für den Skipper sah anders aus. Das konnte man nicht essen, man mußte es in die Brieftasche stecken.
Aber wir waren ja so zufrieden. Wir wären mit dem Skipper in die Hölle gefahren, wenn er gesagt hätte: „Los, Jungens!“ Und keine Daumenschrauben hätten aus uns herausquetschen können, was wir gesehen hatten.
Wir hatten nur gesehen, daß an der Maschine ein Lager heiß gelaufen war, daß wir uns vor Anker legen mußten, bis der Schaden wieder repariert war, und daß, während wir vor Anker lagen, Feluken ankamen, die uns Fische und Früchte hatten verkaufen wollen. Der Koch hat für zwei Mahlzeiten Fische gekauft, und die Offiziere haben sich Ananas und frische Datteln und Orangen gekauft.
Das können wir beschwören, weil es die Wahrheit ist, yes, Sir.
Einen so guten Kapitän läßt man nicht im Stich, no, Sir.
34
Sobald man nicht überarbeitet wird, gleich kümmert man sich um andre Dinge und steckt seine Nase in Sachen, die einen gar nichts angehen, die einen nur auf Ideen und Gedanken bringen, die verderblich sein müssen, wenn man sie pflegt und hätschelt. Seemann, bleib bei deinem Ruder und bei deinem Farbenpott; dann bist du auch immer ein braver Seemann und ein anständiger Kerl.

Der Ingenieur hatte einen Kohlenbunker aufschrauben lassen, der nahe den Kesseln lag, weil der Bunker für Ladung gebraucht werden sollte. Jetzt konnte man die Kohlenschächte des Kesselraumes so schön und mollig auffüllen. Und als die Schächte aufgefüllt waren, der Bunker leer war und Yorikke die Ladung übernommen hatte, begann eine wollüstige Zeit. Sie dauerte nur drei Tage, dann waren die Schächte wieder leer, aber es waren doch schöne Tage, ganz unvergeßlich.
Es waren die Tage der Galeerensklaven, wenn die Segel voll sitzen und nur tote Kreuzerfahrten gemacht werden. Sie bleiben angeschmiedet, damit sie die Gewohnheit nicht verlieren; sie werden weiter gepeitscht, damit sie das Gefühl nicht verlieren und nicht an Aufruhr denken; sie müssen weiter arbeiten, damit die Muskeln nicht zu schlapp werden. Aber sie dürfen sich hin und wieder ausruhen und den Kopf auf die Riemenstangen fallen lassen, weil unter den vollen Segeln die auslegenden Riemen bremsen und nicht in Richtung wirken.
Auch die vollen Kesselschächte konnten bremsend wirken, wenn man nicht ruhte, und sie hätten den Kesselraum so verstopfen können, daß der Heizer nicht arbeiten konnte, vielleicht gar Feuer ausbrach.
Die Ladung wurde ebenfalls auf offner See eingenommen. Irgendwo an der Küste Portugals mußte es sein; denn die Bootsleute sprachen portugiesisch. Es ging ähnlich zu wie weiter südlich an den Küsten Afrikas das Ausladen.
Auch hier kamen drei Mann zuerst an Bord, die wie Fischer aussahen, jedoch keine Marokkaner waren. Auch sie gingen mit dem Skipper in dessen Kabine. Es wurde geladen, es wurden Zahlen in Englisch gerufen und in Arabisch geschrieben. Dann zogen die Boote mit ihren Fisch- und Apfelsinenladungen wieder ab, in alle Richtungen hinaus. Zuletzt stiegen auch die drei in ihr Boot und setzten ab.
Diesmal gab es kein großes Nach-Sturm-Frühstück, sondern nur Kakao und Stollenkuchen mit Rosinen. Es gab ja auch nichts zu schwören.
„Denn was soll man schwören?“ sagte Stanislaw. „Wenn da einer kommt und hebt die Luke auf und guckt rein und sieht die Kisten, was willst du da schwören? Kannst doch nicht gut schwören, es ist keine Kiste da, wenn der Mann sie in der Hand hat. Aber da kommst du auch gar nicht zum Schwören. Da sind die Kisten und fertig. Kann nur der Skipper schwören, wo er mit den Kisten hin will. Und der wird ihnen schon was schwören, da kannst du Schlacke drauf fressen.“
Jetzt hatte ich und natürlich auch Stanislaw feine Wachen. Wenn ausgeschlackt war, wurden die Aschenfälle gezogen, dann hob ich dem Kohlefall das Schürzchen hoch, und der Kesselraum lag voll, Vorrat mit eingeschlossen.
Da kroch ich in einer Wache in der Nacht mal so rum in den Eingeweiden. Manchmal findet man ganz angenehme Dinge. Nüsse, Apfelsinen, Tabakblätter, Zigaretten und andres. Manchmal muß man die Kisten aufmachen und sehen, ob neue Hemden drin sind oder Stiefel oder Seife. Moral wird einem ja nur darum gelehrt, damit die, die alles haben, alles behalten können und das übrige noch dazu kriegen. Moral ist die Butter für die, denen das Brot fehlt.
Man muß die Kisten nur wieder gut zumachen und darf das Hemd und die Stiefel nicht gleich anziehen. Wenn es rauchig wird, verkauft man es besser im nächsten Hafen. Nimmt jeder ab. Der Seemann ist billig. Er spart ja die Ladenmiete und kann deshalb unter Fabrikpreisen verkaufen.
Seine Ausgaben hat man auch. So leicht ist es nicht, an die Kisten zu kommen. Man muß Schlangenmensch sein. Das hatte ich ja gelernt. Jeden Tag ein paarmal Training; wenn man nachließ, spürte man es sofort an den verbrühten Armen und den verschmorten Stellen auf dem Rücken. Es hat auch seine Schwierigkeiten, in den Laderäumen rumzuwirtschaften und seine Ware zu suchen und in Empfang zu nehmen. Da rutscht so eine Kiste, ein paar andre rutschen nach und man ist gefangen in der Falle oder zu Brei zerquetscht. Licht hat man ja keins, sondern Wachszündhölzchen, damit man den Waren heimleuchten kann.
Die Yorikke fuhr keine echten Werte, sie fuhr Totenwerte. Alte Schrauben, versichert als Corned Beef. Aber diese Einladungen und Ausladungen ließen meinen Geschäftssinn nicht ruhen. Das waren keine alten Schrauben und das waren auch keine Zementfüllungen. Ich kenne die Marokkaner, die machen sich nichts aus Schrauben und gebackenem Zement. Außerdem hatte ich gesehen, daß nur ein Rettungsboot dicht war und daß die Offiziere mit dem Skipper auf Wertschätzung standen.
Die beiden Offiziere beanspruchten Boot zwei; sie durften nicht mit in Boot eins, dann wären Skipper und Offiziere erschlagen worden, weil man wußte, was los war. Ein zweites Boot mußten sie schon klarmachen. Die beiden andern Boote waren ja für den Bootsmann und die A. B.s, den Kesselbums und einen Ingenieur. Wenn der zweite Offizier mit zum Skipper in Boot eins stieg, das fiel niemand auf, aber beide Offiziere durften nicht rein. Solange also nicht Boot zwei überholt war, konnte der Yorikke nichts geschehen. Geschah ihr trotzdem etwas, dann lag der Fall treu und alles konnte in Boot eins steigen, und wer nicht Platz hatte, wurde rausgepfeffert. Da packen alle Hände zu. Dann ist es auch nicht nötig, Zeugen zu verheiligen, weil alles, was heimkommt, bester Zeuge ist, denn es war eine treue Beerdigung, an der Versicherung kann keine Maus knabbern.
Boot zwei also war für mich das Signal für die Beerdigung. Es war noch knistertrocken, also hatte auch die Yorikke noch andre, treue Werte an Bord und nicht nur reine Totenwerte. Wenn es auch Blender waren, so wollte ich doch wissen, was die Blender im Magen hatten. Wissenschaft macht sich manchmal bezahlt.
Da war ich drin im Laderaum und betrachtete mir die Kisten.
„Garantiert echtes schwäbisches Pflaumenmus“ „Garantiert reine Früchte und Zucker“ „Kein Farbenzusatz“ „Erste schwäbische Pflaumenmusfabrik A.-G.“ „Oberndorf a. N.“
Wir sind schöne Esel. Da fressen wir die Schmierseife rein, die Margarine heißt, und hier liegt das schönste schwäbische Pflaumenmus stapelweise aufgeschichtet. „O Stanislaw, ich habe dich für einen so intelligenten Burschen gehalten, aber du bist das größte Rindvieh auf Erden.“
Das war mein erster Gedanke. Stanislaw hatte immer so einen großen Mund, er tat immer so klug, er wußte immer alles, wußte immer, wohin die Yorikke ging und wohin sie nicht ging. Aber das Pflaumenmus hatte er doch nicht entdeckt.
Kisten aufmachen ist Spielerei, wenn man Übung hat. Feine große Büchsen. Das gibt ein Fressen morgen, dick drauf geschmiert auf das warme Brot. Mir lief das Wasser im Munde zusammen. Garantiert reine Früchte und Zucker. Kein Ersatz aus deutscher Rübenzeit. Reine Früchte und Zucker. Die Marokkaner wissen schon, was gut ist. Das ist besser als Datteln und Rosinen, schwäbisches Pflaumenmus aus der Ersten Pflaumenmusfabrik. Mit dem Meißel, den ich zum Aufmachen der Kiste gebraucht hatte, öffnete ich jetzt gleich eine Büchse. Ich war mit zwei Büchsen zum Bunker gekrochen, wo ich ja meine Lampe unbekümmert brennen durfte. Es konnte mir schon keiner raufkommen, weil ich das Brett, das über zwei Streben lag und das zur Bunkerluke führte, weggezogen hatte. Von den Ingenieuren wäre sowieso keiner über das Brett gegangen; denn das erforderte Mut. Besonders stark war das Brett nicht, und es war auch nicht mehr neu. Es war nicht ausgemacht, ob es heute oder morgen brach. Und wenn es brach, oder wenn man beim Drübergehen infolge eines unerwarteten Stampfers der Yorikke das Gleichgewicht verlor, so sauste man zwanzig Fuß tief runter in den Kesselraum und schlug sich auf dem Wege dahin einen Schädelbruch, wenn man Glück hatte. Wenn man Pech hatte, so war es schon ganz egal, ob man einen oder zehn Schädelbrüche hatte. Aber besser ist besser, dachte ich, und darum hatte ich das Brett weggezogen. Die Büchse war auf. Es war keine Blendung, verflucht noch mal. Es war tatsächlich garantiert reines Pflaumenmus. Offenbar hatte ich Goldstaub erwartet, weil ich so erstaunt war. Das hätte ich von der Yorikke nicht gedacht. Sie fährt treues, echtes Gut. Und ich habe das arme Weib unter Verdacht gehalten, daß sie Deklarierungen kleistert und Blender fährt. Man soll doch nie voreilig urteilen, wenn man es mit Weibern zu tun hat.
Man soll nicht voreilig urteilen, wenn man es mit –.
Schmeckt das Zeug? Schmeckt ganz gut. Schmeckt – na – na – warte mal – schmeckt etwas ranzig. Nein, schmeckt nach – nach – nach was denn zum Donnerwetter nochmal? Die haben Coppers reingetan, die Säue. Die haben Kupfermünzen rein getan, damit die Pflaumen Farbe behalten sollen. Garantiert kein Farbzusatz. Ist keine Farbe, aber schmeckt danach. Wollen doch noch mal kosten. Ja, Teufel, schmeckt nach Grünspan, direkt nach Messing. Kann ich nicht essen auf Brot. Ich werde den Geschmack nicht los. Frißt sich auf der Zunge ein und klietscht gegen den Gaumen.
Vielleicht nur oben so schlimm. Gehen wir mal tiefer mit dem Finger in die Marmelade! Was ist denn das? Da sind ja noch die ganzen Pflaumenkerne drin geblieben. Das ist ja eine Marmelade. Scheint echt schwäbisch zu sein, die Kerne alle drin zu lassen.
Na? Was ist denn das? Das sind aber merkwürdige Pflaumen, die echt schwäbischen Pflaumen. Die haben sehr mysteriöse Kerne. Die Kerne sind ja aus Blei, tatsächlich aus Blei. Und damit das Blei nicht beschädigt wird, hat es einen weißen Stahlpanzer. Und jeder Kern steckt auf einer Messinghülse. Daher der Messinggeschmack. Und in den Hülsen? Was ist denn da drin? Zucker. Feiner Zucker. Schwäbischer Zucker muß das sein. Ist schwarz und schmeckt ganz salzig. Garantiert reine Früchte und Zucker. Feine Blender. Man soll nicht voreilig urteilen, Yorikke ...
Dann ging ich auf die zweite Reise. Mausefallen. Daß die Marokkaner so wild auf Mausefallen sein sollten, glaubte ich nicht. Es waren wirklich Mausefallen in den Kisten. Als ich aber nach den Kernen suchte, fand ich Mausefallen ohne Fallen, mit einem R am Ende. Mauser.
Da waren Kisten mit Kinderspielzeug. „Blechautos mit aufziehbarem Federwerk.“ Ich suchte nicht nach den Kernen und sparte mir die Mühe, weil die Blechautos mit aufziehbarem Federwerk aus der „Ältesten Suhler Spielwarenfabrik“ kamen. Aber England war viel besser und viel gründlicher vertreten als Belgien und benachbarte Gebiete. Belgien hatte Zuckerwaren beigesteuert und England Kasserollen aus Weißblech. Die Marokkaner haben ganz recht. Spanien den Spaniern, Frankreich den Franzosen und China den Chinesen. Wir lassen keine Chinesen rein. Aber wenn die uns nicht reinlassen, dann ist unser Rot-Weiß-Blau-Hurra-Hurra-Hurra! befleckt, bedreckt, beschiet und muß mit Blutfleckseife ausgewaschen werden, yes, Sir.
He, Skipper, auf mich kannst du zählen. Du machst das Geschäft, und ich habe das Wohlgefallen.
35
„Stanislaw, nun sag mal, warum frißt du denn die Margarine immer so in dich hinein? Hast du denn gar kein Schamgefühl?“

„Was willst du machen, Pippip. Erstens habe ich Hunger, und zweitens kann ich doch nicht meine Lumpen auskochen, den Saft eindicken und dann als Marmelade aufs Brot schmieren. Hab doch weiter nichts aufs Brot. Und immer das trockene Brot hinterwürgen, Mensch, du wirst ja ganz dusselig davon. Kriegst ja Betonfundamente in den Bauch.“
„Du bist schön dumm,“ sagte ich nun, „weißt du, daß wir Marmelade geladen haben?“
„Natürlich weiß ich“, sagte Stanislaw, ruhig weiter kauend.
„Warum machst du denn nicht eine Kiste dicht?“ fragte ich.
„Das ist doch keine Marmelade für uns.“
„Warum denn nicht?“
„Die ist bloß gut für Marokkaner, Spanier und Franzosen und natürlich für die Lieferanten. Aber für uns, für dich und für mich, ist das keine Marmelade. Die kannst du nicht verdauen. Die kannst du nur verdauen, wenn man sie dir in die Rippen pfeffert. Aber dann kriegst du die Lauferei, da läufst du gleich so sehr, daß du deinen Urgroßvater noch einholen und mit ihm zusammen gehen kannst.“
Der wird doch nicht etwa?
Ich platzte gleich raus: „Weißt du denn etwa schon, was da drin ist. Du hast doch nicht etwa –?“
„Nachgesehen? Für was für ein großes Kamel hältst du mich denn eigentlich? Die drei Edlen waren noch beim Skipper in der Kabine und oben wurde noch die Luke dicht gemacht, damit auch ja niemand dran kann, da hatte ich schon eine Kiste auf. Ich brauche doch nur lesen Pflaumenmus oder Marmelade oder Dänische Butter oder Corned Beef oder Ölsardinen oder Schokolade, da bin ich doch auch schon dahinter.“
„Da ist aber tatsächlich Pflaumenmus drin“, erwiderte ich.
„Es ist immer was drin. Aber das kannst du nicht essen. Das schmeckt zu sehr nach Grünspan. Stirbst an Blutvergiftung. Auf der letzten Reise, ehe du raufkamst, da hatten wir Corned Beef. Natürlich auch Blender, aber ich habe gründlich abgehäutet, das kann ich dir sagen. Das war fein. Da war nichts dran. Das war in Pergament gefettet. Manchmal hat man eben Glück. War gute amerikanische Ware. Ging nach Damaskus oder da herum.“
„Wie waren denn die Knochen?“
„Die Knochen? In Corned –? Ach so, die Knochen meinst du. Das waren K’rabben. K–rabben. Karabiner. Made in U. S. A. Feines Modell. Da hat der Skipper schwer Draht gezogen. Da gab es Kognak, Rinderbraten, Huhn und frisches Gemüse. Da mußte nicht nur das Maul, da mußten auch die Glotzen und die Riecher gepflastert werden. Ein französischer Jäger kriegte uns auf, ehe wir raus waren. Die haben geschnüffelt, mit Zigaretten und mit Franken rumgeschmissen. Aber mußten wieder abziehen und dem Skipper Verbeugungen machen.“
„Hat denn keiner für die gewinkten Franken gepfiffen?“
„Bei uns? Auf der Yorikke? Wir sind alle Dreck und haben nichts mehr zu melden. Wir sind tot. Du auch. Na, und sieh mal, jemand anders ins Portemonnaie sehen oder in den Glasschrank gucken oder Kisten aufmachen in einem Schuppen oder auf der Yorikke, dem Zweiten und dem Ersten noch dazu den Hammer an den Schädel feuern, das ist alles Ehrensache. Behältst du immer den Kopf hoch, behältst du immer deinen Murr, deinen Stolz. Aber pfeifen bei der Polizei oder der auch nur mit einem Fingernagel helfen, das ist schäbig. Da kannst du dir nicht mehr in die Augen gucken. Wenn die was wollen, laß sie doch machen. Aber du bist doch ein anständiger Kerl, da putzt man den Burschen nicht die Brillengläser. Ich will lieber auf der Yorikke und mit der Yorikke verrecken, als mit einem Polizisten tauschen.“
Wir lagen auf der Reede an der portugiesischen Küste, um Deckungsgut einzunehmen und die Yorikke zu klären. Die Yorikke war plötzlich in Verdacht gekommen. Deshalb nahm der Skipper nur echtes Gut ein und ließ sehr saubere Deklarierungen gegen die Yorikke laufen, an denen auch nicht ein Pünktchen zu deuteln war. Es war sehr billiges Gut, denn hohes vertraute der Yorikke niemand an. Wer sie kannte, nicht. Aber da gibt es ja so unendlich viel Gut, das an sich keinen besonderen Wert darstellt, aber doch gefahren werden muß und doch wieder zu gut ist, um nur als Ballast zu gehen. Den Wert bekommt dieses Gut erst, wenn es abgeliefert ist.
Nach fünf Uhr des Nachmittags hatten wir nichts mehr zu tun, und die Arbeit begann erst wieder am nächsten Morgen um sieben. Das war die Arbeitszeit, wenn wir auf Reede oder am Kai in einem Hafen lagen. Die Arbeit in diesen Fällen war meist unangenehm, aber doch nicht gar so schwer wie auf der Fahrt.
Hier war es dann, daß wir schon manchmal einige Stunden beieinander sitzen konnten, um in Ruhe zu schwätzen. Ein Schiff ist immer groß genug, daß man irgendwo sitzen kann, ohne daß man sich mit den Ellbogen stößt.
So viele Leute auf der Yorikke waren, so viele Nationen waren auch vertreten. Jede Nation hat ihre Toten, die leben und atmen, aber gegenüber der Nation doch tot für ewig sind. Manche Staaten haben ganz offen ihre Totenschiffe. Diese Totenschiffe nennt man dann Fremdenlegion. Wer sie überlebt, kann vielleicht ein neues Leben damit erkauft haben. Er hat einen neuen Namen erworben, der ihm bestätigt wird, und er hat einen neuen Platz in einer Nation gefunden, als wäre er als Säugling eben hineingeboren.
Alle Kommandos auf der Yorikke wurden in Englisch gegeben, und alle Unterhaltung wurde in englischer Sprache gepflogen, weil sonst eine Verständigung nicht denkbar gewesen wäre. Es war ein höchst merkwürdiges Englisch. Nur der Skipper sprach ein reines, fehlerfreies Englisch. Alle übrigen dagegen sprachen etwas, das mit Englisch nichts zu tun hatte. Es war Yorikkisch. Eine eigne Sprache.
Wie die Sprache klang und aussah, läßt sich nur schwer schildern. Jeder Seemann weiß zwei Dutzend englische Worte. Und jeder weiß drei bis sechs Worte, die der andre nicht weiß, aber von ihm lernt durch das Zusammenleben an Bord, wenn nur Englisch gesprochen wird. Dadurch eignet sich jeder in kurzer Zeit etwa zweihundert Worte an. Zweihundert Worte der englischen Sprache auf diese Weise, aber nur auf diese Weise gelernt und dazu die Zahlen, die Namen der Tage und Monate in Englisch, ermöglichen jedem Menschen, alles das klar und zweifelsfrei auszudrücken, was er innerhalb dieses Kreises sagen will. Ganze Romane kann er mit diesem Sprachschatz erzählen. Er kann natürlich kein englisches Buch lesen und noch viel weniger eine englische Zeitung. Keine andre europäische Sprache kann diesen Vorteil ihren Schülern bieten, sich so leicht und so rasch im Leben verwenden zu lassen.
Ehe ich aber das Yorikkisch verstand und mich in Yorikkisch ausdrücken konnte, vergingen mehrere Tage. Hätte ich Worte und Wortverbindungen so gebraucht, wie ich sie seit meinen ersten nassen Windeln gehört und geplappert hatte, würde mich niemand auf der Yorikke, der Skipper ausgenommen, verstanden haben, und man würde mir kaum geglaubt haben, daß ich Englisch spräche.
Wie war das Yorikkische Englisch entstanden, und wie war das Englisch auf andern Totenschiffen entstanden?
Das Sprachengewirr unter den Angehörigen der verschiedenen Nationen, die auf der Yorikke fuhren, machte eine gemeinsame Sprache notwendig. Da jeder, wenn er nur ein paar Wochen fährt, einige englische Brocken weiß und gleich mitbringt, so ergibt sich ganz von selbst das Englisch als Kommando- und Umgangssprache.
Da ist das Wort First-Mate, Erster Offizier, das die meisten wissen, und da ist das Wort Money, das jeder weiß.
Nun aber kommt die lebendige Entwicklung, eine Sprachentwicklung, wie sie sich nicht nur auf der Yorikke zeigte, sondern wie sie sich in ganzen Völkern zeigt und von jeher gezeigt hat.
Mate wird in London-West ganz anders ausgesprochen als in London-Ost, und der Amerikaner spricht achtzig Prozent der Worte anders aus als der Engländer, und sehr viele schreibt er auch ganz anders und verwendet sie in ganz andern Ideenverbindungen.
Der Zimmermann hat das Wort First-Mate nie in England gehört, sondern von einem Schweden, der das Wort von einem Seemann aus London-Ost gehört hatte. Der Schwede konnte es schon selbst nicht richtig aussprechen, außerdem hatte er es noch in dem üblen Petty-coat-lane oder Cockney-Dialekt gehört, den er für die richtige und allein gültige Aussprache halten mußte, weil er ja das Wort von einem Engländer vernommen hatte. Wie das Wort nun von dem Zimmermann ausgesprochen wurde, kann man sich vielleicht vorstellen. Ein Spanier bringt die Aussprache des Wortes Money, ein Däne bringt Coal, ein Holländer Bread, ein Pole Meal, ein Franzose Thunder und ein Deutscher Water.
Das Wort First-Mate läuft durch alle Stadien der Laute, die ein Mensch geben kann: Feist-Moat, Fürst-Meit, Forst-Miet, Fisst-Määt und noch so viel mehr als Leute auf der Yorikke sind. Nach einer kurzen Zeit aber schleifen sich die verschiedenartigen Aussprache-Färbungen gegeneinander ab und es kommt zu einer einheitlichen Aussprache, in der sich alle die Tonfarben wiederfinden in abgeschwächter Form. Wer neu hinzukommt, selbst wenn er genau weiß, wie das Wort richtig ausgesprochen wird, ja selbst wenn er Professor der Phonetik in Oxford wäre, muß das Wort Yorikkisch aussprechen, wenn er zu jemand den Befehl bringen soll, daß der First-Mate ihn zu sehen wünsche, weil der Mann sonst gar nicht wüßte, was man von ihm wolle. Der Professor merkt nach kurzer Zeit gar nicht mehr, daß er die Worte Yorikkisch ausspricht, weil er sie nur in dieser Form hört und sie sich in dieser Form in sein Gedächtnis einprägen. Von den Vokalen bleibt nicht viel an richtiger Aussprache übrig, aber von den Konsonanten bleibt genug übrig, um das Wort nach einigem Hinhören doch zu verstehen. Dadurch bleibt die Sprache immer Englisch in ihrem Skelett und kann auf jedes andre Schiff übertragen werden. Gäbe es keine Buchdruckerkunst, so würde es so viele ganz selbständige Sprachen geben wie es Dialekte gibt. Hätten die Amerikaner nicht die gleiche Schriftsprache wie die Engländer, würde heute die Sprache der beiden Völker ebenso verschieden sein wie die Sprache der Holländer und der Deutschen.
Der Seemann ist, soweit die Sprache in Frage kommt, nie verlegen. An welche Küste er auch geworfen werden mag, er kann sich zurechtfinden und kann sich verständlich machen. Und wer eine Yorikke überwinden und überleben kann, den kann nichts mehr in Schrecken versetzen, für ihn ist nichts unmöglich.
36
Stanislaw wurde nur von mir und den Heizern Stanislaw oder Lawski gerufen. Alle übrigen, auch die Offiziere und Ingenieure riefen ihn Pole, manche Pollack. Die Mehrzahl der Leute wurden nach ihrer Nationalität gerufen: He, Spanier oder Russ oder Holländer. Und das war ein ironischer Witz des Schicksals. Ihre Nation verleugnete sie und stieß sie von sich, auf der Yorikke war ihre Nation ihre ganze Persönlichkeit. Jeder, der auf einem Schiff angezeichnet werden soll, wird zum Konsul gebracht, zum Konsul jenes Staates, unter dessen Flagge des Schiff fährt. Der Konsul hat die Anmusterung zu bestätigen und zu registrieren. Er prüft die Papiere des Seemanns, und wenn ihm die Papiere nicht gefallen, verweigert er die Registrierung, und der Mann kann nicht mustern. Die Anmusterung vor dem Konsul muß im Hafen erfolgen, ehe der Mann seine Arbeit beginnt.

Yorikke hätte auf diese Art nie einen Mann bekommen, vielleicht nicht einmal Ingenieure und Offiziere; denn wer mit seinen Papieren in Ordnung war, ging der Yorikke in weitem Bogen aus dem Wege. Die Yorikke verdarb die besten Papiere eines Mannes, und ein Mann, der von der Yorikke abzeichnete, hatte ein oder zwei Jahre dreiviertel und halbe Yorikken erst zu fahren, ehe er sich wieder beim Skipper eines ehrlichen Schiffes sehen lassen konnte, falls er überhaupt je auf eine dreiviertel Yorikke kommen konnte. Denn selbst da war der Skipper mißtrauisch. „Auf der Yorikke haben Sie gefahren? Wo werden Sie denn verlangt? Was haben Sie denn ausgefressen?“ Das sagt der Skipper.
Und der Mann sagt: „Ich konnte kein andres Schiff kriegen und nahm deshalb die Yorikke für eine Reise.“
„Ich will keine Scherereien haben mit der Polizei oder mit den Konsuln. Ich möchte nicht gern, daß es heißt, auf meinem Schiff haben sie unter der Mannschaft einen Raubmörder verhaftet, der in Buenos-Aires verlangt wird“, sagt der Skipper.
„Aber, Skipper, wie können Sie denn das sagen? Ich bin ein ganz ehrlicher Mann.“
„Ja, ja. Aber von der Yorikke. Ich kann doch nicht von Ihnen fordern, daß Sie mir von allen Ländern der Erde ein polizeiliches Leumundszeugnis beibringen, nicht älter als vier Wochen. Da haben Sie zwei Schillinge, für ein gutes Abendessen, aber Anmusterung? Ich möchte doch lieber nicht das Risiko übernehmen. Vielleicht kriegen Sie ein andres Schiff, liegen ja eine Masse hier. Gehen Sie mal zu dem Italiener da drüben. Kann sein, er nimmt es nicht so hart.“
Der Skipper der Yorikke konnte mit keinem seiner Leute zum Konsul gehen, wahrscheinlich nicht einmal mit seinem Ersten Offizier, und ich würde mich nicht wundern, wenn er sich selbst nicht beim Konsul sehen lassen dürfte, ohne daß der Konsul sofort den Hörer abnimmt und zum Skipper sagt: „Setzen Sie sich, bitte, Herr Kapitän, nur einen Augenblick, dann stehe ich zu Ihren Diensten.“
Diese Dienste würde der Skipper vielleicht nicht abwarten, sondern etwas andres tun; rin ins Auto, rauf auf die Yorikke, Anker gehievt und abgesurrt mit hundertfünfundneunzig und zugeschraubten Tränendrüsen.
Die Yorikke bekam alle Leute unter dem Schiffsnotgesetz. Sie kamen rauf, wenn der Blaue Peter eingezogen wurde und der Lotse schon an Bord war. Kein Konsul der Erde wird dann verlangen, daß der Skipper nun wieder anhalten und mit einem Mann zum Konsul gehen soll. Das verlangt noch viel weniger irgendeine Hafenbehörde. Früher konnte man den Mann nicht anmustern, weil keiner da war, und weil man nicht wußte, daß von der Mannschaft sich einer besaufen und achtern abkanten würde. Das merkte man erst, als das Lotsensignal gepfiffen wurde und der Mann nicht an Bord war.
Selten verriet jemand auf der Yorikke einem andern seinen wahren Namen und seine wahre Nationalität. Ebenso selten erfuhr man, unter welchem Namen und unter welcher Nationalität jemand angemustert hatte. Kam jemand neu, so fragte ihn der Offizier oder der Ingenieur oder ein Mann, eben irgendeiner, der mit ihm zuerst zu tun hatte: „Wie heißen Sie?“ Darauf sagte der Gefragte: „Ich bin Däne.“ Damit hatte er zwei Fragen beantwortet und nun hieß er Der Däne oder nur Däne. Mehr zu fragen, hielt man für überflüssig. Man wußte meist oder glaubte meist, daß Däne schon gelogen war, und sich mehr anlügen zu lassen, darauf ging man nicht aus. Willst du nicht belogen werden, dann darfst du auch nicht fragen.
Um uns an einem faulen Abend, während wir auf der Reede lagen, die Zeit zu vertreiben, erzählte mir Stanislaw seine Geschichte und ich ihm meine. Ich erzählte ihm nicht meine wahre Geschichte, sondern eben eine Geschichte. Ob er mir eine wahre Geschichte erzählte, weiß ich nicht. Wie kann ich das wissen? Ich weiß ja nicht einmal, ob das Gras grün ist, es kann ja nur in meinen Augen eine grüne Täuschung verursachen.
Aber gute Gründe machen mich glauben, daß die Geschichte, die mir Stanislaw erzählte, der vollen Wahrheit entsprach, weil sie den Geschichten aller Reisenden auf Totenschiffen so ähnlich war.
Sein Name, den ich, wie die ganze Geschichte, auf dem Eimer nicht verraten durfte, war Stanislaw Koslowski. Er war geboren in Posen und dort bis zu seinem vierzehnten Jahre in die Schule gegangen. Indianer- und Seegeschichten verlockten ihn, er rannte von Hause fort, kam nach Stettin, verbarg sich dort auf einem dänischen Fischkutter und fuhr mit ihm nach Fünen. Dort fanden ihn die Fischersleute in ihrem Kutter halberfroren und halb verhungert. Er sagte, er sei aus Danzig, borgte sich von seinem Buchbinder, wo er die Seegeschichten zu kaufen pflegte, den Namen aus und gab ihn als seinen Namen an. Er erzählte weiter, daß er ein Waisenkind sei und von den Leuten, bei denen er in Pflege sei, so schlecht behandelt und so verprügelt werde, daß er ins Meer gesprungen sei, um sich zu töten. Da er aber schwimmen könne, so habe er zu schwimmen angefangen und sich auf dem Kutter versteckt. Er schloß seine Erzählung unter Tränen mit den Worten: „Wenn ich zurück nach Deutschland muß, binde ich mir Hände und Füße zusammen und springe sofort ins Meer. Zu den Pflegeeltern gehe ich nicht zurück.“
Die Fischersfrauen weinten alle herzzerbrechend über das traurige Schicksal des kleinen deutschen Jungen und nahmen ihn auf. Zeitungen lasen sie nicht, und in die dänischen Zeitungen kam es wohl auch nicht, daß ganz Deutschland nach dem Jungen abgesucht wurde und die gräßlichsten Geschichten in Umlauf waren, was wohl alles mit dem Jungen geschehen sein könne.
Bei den Fischersleuten auf Fünen mußte er schwer arbeiten, aber es gefiel ihm hundertmal besser als in den Straßen von Posen; und wenn er daran dachte, daß man ihn zu einem Schneider hatte in die Lehre geben wollen, so verging ihm alle Lust, seinen Eltern auch nur das kleinste Zeichen zu schicken, daß er am Leben sei. Die Furcht, Schneider werden zu müssen, war größer als die Liebe zu Vater und Mutter, die er ganz niedlich hassen konnte für ihre Absicht, ihn zu einem tüchtigen Schneider ausbilden zu lassen.
Mit siebzehn Jahren verließ er die Fischersleute mit deren Segenswünschen, um nach Hamburg zu gehen und für große Fahrt zu mustern. In Hamburg war kein Schiff zu haben, und er nahm für einige Monate Arbeit bei einem Segelmacher. Er meldete sich vorschriftsmäßig unter seinem richtigen Namen an, bekam seine Invalidenkarte und ließ sich endlich ein gutes deutsches Seemannsbuch ausstellen.
Dann fuhr er los auf große Fahrt auf ehrlichen deutschen Schiffen. Dann wechselte er und fuhr auf einem Holländer. Und dann kam der blutige Tanz ums goldene Kälbchen. Als das los ging, war er mit seinem Holländer im Schwarzen Meer. Auf der Heimfahrt passierte das Schiff den Bosporus, wurde von den Türken untersucht, und er mit noch einem Deutschen wurde herausgeholt und in die türkische Kriegsmarine gesteckt, unter anderm Namen, weil er seinen richtigen nicht angab.
Dann kamen zwei deutsche Kriegsschiffe nach Konstantinopel, die in einem italienischen Hafen gelegen hatten und dort den Engländern, die ihnen auflauerten, entwischt waren. Stanislaw kam nun auf eines dieser Schiffe und diente weiter unter türkischer Flagge, bis er eine passende Gelegenheit fand, den Türken den Abschied zu geben.
Er fand Heuer auf einem Dänen. Der Däne wurde von einem deutschen Unterseeboot durchsucht, und ein Schwede, der auf dem Schiff fuhr, und dem er erzählt hatte, daß er nicht Däne, sondern Deutscher sei, verriet ihn an die Offiziere des Unterseebootes. Stanislaw kam nach Kiel und wurde unter falschem Namen in die deutsche Kriegsmarine gesteckt. Artilleriedienst.
In Kiel traf ihn ein andrer Kuli, mit dem er früher auf einem deutschen Handelsschiff gefahren war. Durch den kam der richtige Name heraus, und Stanislaw wurde nun mit seinem richtigen Namen in der deutschen Kriegsmarine geführt.
Stanislaw war dabei, als in der Nähe von Skagen zwei sich bekämpfende Nationen, die Engländer und die Deutschen, zu gleicher Zeit Sieger wurden und die Engländer mehr Schiffe verloren als die Deutschen und die Deutschen mehr als die Engländer. Stanislaw wurde von dänischen Fischerbooten aufgepickt und ins Dorf gebracht. Da er mit dänischen Fischersleuten umzugehen verstand und hier ein Bruder jener Frau war, die ihn in Fünen aufgenommen hatte, so lieferten ihn die Fischer nicht ab an die dänische Regierung, sondern versteckten ihn und brachten ihn endlich als Dänen auf einem guten Schiff in Esbjerg unter, mit dem Stanislaw wieder auf große Fahrt kam. Diesmal hütete er sich, zu verraten, daß er Deutscher sei, und so konnte er allen Unterseebooten, englischen und deutschen, ins Gesicht lachen.
Die Regierungen vertrugen sich, die großen Räuber setzten sich alle zu einem fetten Versöhnungsbankett nieder, und die Arbeiter und kleinen Leute in allen Ländern hatten die Unfallkosten, die Hospitalrechnungen, die Beerdigungskosten und das Versöhnungsbankett zu bezahlen. Dafür durften sie den einziehenden Heeren, die „im Felde gesiegt“ hatten, mit kleinen Fähnchen und Taschentüchern zuwedeln und den übrigen Heeren, die „im Felde nicht besiegt“ waren, mit brausender Begeisterung zurufen: Macht nischt, das nächste Mal! Und als den Arbeitern und den Kleinen schwindlig wurde von der Höhe der Rechnungen, die sie bezahlen sollten, weil die großen Räuber nichts verdient und sogar das noch für die Wohltätigkeit geopfert hatten, da führte man die kleinen Leute an das Grab des „Unbekannten Kriegers“, wo sie so lange standen und man so lange auf sie einredete, bis sie dran glaubten, an die Pflicht des Bezahlens und an die Echtheit des Unbekannten Kriegers. Wo man sich keinen Unbekannten Krieger leisten konnte, weil man keinen hatte, da schläferte man das Denken der Arbeiter damit ein, daß man ihnen den Dolch im Rücken zeigte und sie raten und streiten ließ, wer ihn reingesteckt habe.
Dann kam die Zeit, wo in Deutschland ein Zündholz zweiundfünfzig Billionen Mark kostete, während die Herstellung jener zweiundfünfzig Billionen Mark in Nicht-Billionen-Scheinen mehr kostete als ein ganzer Eisenbahnwaggon voll Zündhölzer. Da fand es die dänische Kompanie an der Zeit, ihre Schiffe nach Hamburg ins Trockendock zu schicken zum Überholen. Die Mannschaften wurden entlassen und in ihre Heimat geschickt. Stanislaw war mit dem Schiff nach Hamburg gekommen und war nun gleich in seinem Heimatlande.
37
Das dänische Heuerbuch war nicht viel wert. In Dänemark lagen so viele Schiffe auf, daß man kaum auf Musterung rechnen konnte. Und Stanislaw wollte endlich wieder einmal ein richtiges Seemannsbuch haben.

Er ging zum Seemannsamt, wo er dachte, das Buch zu bekommen.
„Müssen Sie erst eine Bescheinigung von der Polizei beibringen.“ – „Ich habe hier mein altes Seemannsbuch.“
„Das ist ein dänisches. Wir sind hier nicht in Dänemark.“
Das dänische Seemannsbuch trug einen andern Namen, nicht den richtigen Namen Stanislaws.
Er ging zur Polizei, sagte seinen richtigen Namen und wollte eine Bescheinigung haben, damit er ein Seemannsbuch bekommen könne.
„Hier gemeldet?“ wurde er gefragt.
„Nein. Bin gestern erst angekommen. Mit einem Dänen“, sagte Stanislaw.
„Dann lassen Sie sich erst Ihren Geburtsschein schicken, sonst können wir Ihnen keine Bescheinigung geben“, sagte die Polizei.
Stanislaw schrieb nach Posen, um seinen Geburtsschein zu bekommen. Er wartete eine Woche. Der Geburtsschein kam nicht. Er wartete zwei Wochen. Der Geburtsschein kam nicht.
Nun schrieb Stanislaw einen Einschreibebrief und packte fünfzig Billionen Mark bei für Unkosten.
Stanislaw wartete drei Wochen. Der Geburtsschein kam nicht. Er wartete vier Wochen. Der Geburtsschein kam nicht. Was kümmert man sich in Polen um den Geburtsschein eines Mannes, der in Deutschland wohnt. Man hat andre Sorgen. Da ist erst mal Oberschlesien. Und da ist erst mal Danzig. Und wer weiß, wo die Geburt registriert ist. In diesem Kram können wir uns nicht zurecht finden. Das ist alles nichts für uns. Das Geld, das Stanislaw mitgebracht hatte, ein hübsches Päckchen dänischer Kronen, war längst über alle Berge. Berge? Nein, war längst über ganz St. Pauli. In St. Pauli kennt man dänische Kronen und weiß sie zu schätzen, sind beinahe ebenso gut wie Dollar. „Was willst du machen, wenn da die Mädels sind? Kannst doch nicht gut abwinken. Sieht ja aus, als ob du nicht mehr –. Ja, da waren halt die Kronen im –.“
„Verhungern und Kohldampf schieben tun nur die Dussel und Idioten“, sagte Stanislaw. „Ein ehrliches Handwerk ernährt immer seinen Mann.“
Da fiel schon mal eine Kiste auf dem Güterbahnhof aus einem Güterwagen, wo die Tür zu leicht aufging. „Mußt bloß da sein, wenn sie fällt, und mußt sie nicht liegen lassen. Das ist der ganze Witz an der Geschichte“, sagte Stanislaw.
Dann gingen auch schon mal ein paar Zuckersäcke im Hafen auf. „Wenn du da mit einem leeren Rucksack gehst“, sagte Stanislaw, „und es geht ganz von allein so ein Zucker- oder Kaffeesack auf, und der ganze Brassel rutscht dir in den Rucksack, da machst du doch nicht den Rucksack los, schüttest den Kaffee wieder aus und gehst deiner Wege. Das wäre ja Gottversuchen. Wenn du den Kaffee wieder ausschüttest und es sieht einer, denkt er gar noch, du hättest ihn gestohlen, und er läßt dich hochgehen.“
Es gab auch Salvarsan und Koks. „Für die arme leidende Menschheit muß man ein Herz haben, da kannst du nicht drum rum. Weißt nicht, wie es dir tun kann, wenn du Salvarsan nötig hast und kannst es nicht kriegen. Mußt nicht nur immer an dich denken, mußt auch mal an andre denken, wenn es dir gut gehen soll.“
„Siehst du, Pippip,“ ergänzte Stanislaw seine Erzählung, „jedes Ding hat seine Zeit. Da kommt dann eine Zeit, wo du dir sagen mußt, nun trachte aber nach etwas anderm. Das ist der Fehler, daß die meisten nicht zur rechten Zeit sagen können: Nun aber runter von der Ella, sonst kommst du nicht mehr raus und die Olsche schnappt dich. Und da sagte ich mir, jetzt mußt du einen Kasten kriegen, und wenn du ihn stehlen sollst, sonst sitzt du fest.“
Als Stanislaw zu dieser Überzeugung gekommen war, ging er wieder zur Polizei und sagte, daß sein Geburtsschein nicht gekommen sei.
„Die verfluchten Pollacken,“ sagte der Inspektor, „das machen sie aus Niedertracht. Wir werden ihnen schon noch die Hölle heiß machen, lassen Sie nur erst mal die Franzosen in Afrika und die Engländer in Indien und China die Hände voll Dreck haben, dann werden wir schon was pfeifen.“
Stanislaw, den die politische Meinung des Inspektors nicht interessierte, der aber aus Höflichkeit zugehört, genickt und mit der Faust auf den Tisch geschlagen hatte, sagte nun: „Wo krieg ich denn nun mein Seemannsbuch her, Herr Inspektor?“
„Haben Sie denn nicht schon mal in Hamburg gewohnt?“
„Natürlich. Vor dem Kriege.“
„Lange?“
„Über ein halbes Jahr.“
„Gemeldet gewesen?“
„’türlich.“
„Welchen Bezirk?“
„Hier in diesem Bezirk. Auf diesem Revier.“
„Dann gehen Sie nur einmal rasch zur Hauptmeldestelle und lassen Sie sich einen Meldeauszug geben. Dann kommen Sie damit her und bringen Sie zwei oder drei Photographien mit, die ich Ihnen stempeln kann.“
Stanislaw bekam den Meldeauszug und eilte zurück zu dem Inspektor. Der Inspektor sagte: „Der Auszug ist richtig, wenn ich nur genau wüßte, daß Sie auch der sind, der hier im Auszug genannt ist?“
„Das kann ich beweisen. Ich kann ja den Segelmacher Andresen, bei dem ich gearbeitet habe, herbringen. Aber da steht ja ein Wachtmeister, der mich vielleicht noch kennt.“
„Ich? Sie kennen?“ fragte der Wachtmeister.
„Ja. Ihnen habe ich neun Mark Ordnungsstrafe zu verdanken, die Sie mir eingebracht haben, wegen einer Prügelei. Damals hatten Sie noch eine Fliege an der Unterlippe, die Sie jetzt abrasiert haben“, sagte Stanislaw.
„Ja–a–a–! Jetzt kann ich mich auf Sie besinnen. Richtig, Sie arbeiteten bei dem Andresen. Wir hatten ja noch die Geschichte mit Ihnen. Posen suchte Sie, weil Sie als Junge zu Hause durchgebrannt waren. Wir ließen Sie dann hier, weil Sie ja hier anständig in Arbeit waren.“
„Dann stimmt das alles“, sagte nun der Inspektor. „Jetzt kann ich Ihnen die Bescheinigung geben und die Photographien stempeln.“
Am nächsten Tage ging Stanislaw mit der Bescheinigung zum Amt.
„Die Bescheinigung stimmt. Der Inspektor bestätigt, daß er Sie persönlich kennt. Aber. Aber die Reichsangehörigkeit bezweifeln wir noch. Da steht Deutsche Reichsangehörigkeit. Das müssen Sie uns beweisen.“
Das sagte man ihm auf dem Amt.
„Ich habe doch in der K. M. gedient und bin am Skagerrak verwundet worden.“
Der Beamte zog die Augenbrauen hoch und machte eine Gebärde, als ob von dem, was er jetzt sagen wolle, der Weiterbestand der Erde abhängig sei. „Als Sie in der Kaiserlichen Marine dienten und am Skagerrak verwundet wurden, wo wir es den scheinheiligen Hunden aber gründlich gegeben haben, da waren Sie deutscher Reichsangehöriger. Das wird nicht in Zweifel gestellt. Aber ob Sie heute noch deutscher Staatsangehöriger sind, das ist von Ihnen zu beweisen. Solange Sie uns das nicht beweisen können, sind wir nicht in der Lage, Ihnen ein Seefahrtsbuch auszustellen.“
„Wo muß ich denn da hingehen?“
„Da müssen Sie zum Polizeipräsidium gehen. Abteilung Staatsangehörigkeit.“
38
Stanislaw mußte doch wieder nach seinem ehrlichen Handwerk sehen, um nicht zu verhungern. Da half nichts. Seine Schuld war es nicht. Arbeit gab es nicht einen Brocken. Alles saugte an der Arbeitslosenunterstützung. Stanislaw machte keinen Versuch, sie mitzunehmen. Ehrliches Handwerk war ihm lieber.

„Es drückt einen so nieder, wenn man immer zwischen Arbeitslosen steht und dort der paar Pfennige wegen halbe Tage in Reih und Glied anstehen und jeden Tag hinlaufen muß. Dann schon lieber Schmalmachen nachts auf der Straße oder aufpassen, ob nicht jemandem die Brieftasche juckt“, sagte Stanislaw. „Meine Schuld ist es nicht. Hätten die mir ein Buch gegeben, als ich das erstemal da war, wäre ich längst fort. Ich kriege schon einen Kasten.“
Auf dem Polizeipräsidium fragte man ihn: „Sie sind in Posen geboren?“
„Ja.“
„Geburtsschein?“
„Hier ist die Quittung vom Einschreibebrief. Schicken keinen.“
„Die Bescheinigung von dem Inspektor in Ihrem Revier genügt mir. Es ist nur die Staatsangehörigkeit. Haben Sie für Deutschland optiert?“
„Ob ich was habe?“
„Ob Sie für Deutschland optiert haben? Ob Sie, als die polnischen Provinzen abgegeben werden mußten, vor einer deutschen zuständigen Behörde die Erklärung persönlich zu Protokoll gegeben haben, daß Sie deutscher Staatsangehöriger bleiben wollen?“
„Nein“, sagte Stanislaw. „Das habe ich nicht getan. Davon habe ich gar nichts gewußt, daß man das tun müsse. Ich habe geglaubt, wenn ich Deutscher einmal bin und nichts andres werde, daß ich dann auch Deutscher bleibe. Ich war doch in der K. M. und habe Skagerrak mitgekämpft.“
„Damals waren Sie Deutscher. Damals gehörte die Provinz Posen noch zu Deutschland. Wo waren Sie denn, als die Optionen gemacht werden mußten?“
„Auf großer Fahrt. Draußen.“
„Da hätten Sie zu einem deutschen Konsul gehen müssen und dort Ihre Option zu Protokoll geben müssen.“
„Aber ich habe doch gar nichts davon gewußt“, sagte Stanislaw. „Wenn man draußen fährt und hat seine verfluchte schwere Arbeit, dann hat man keine Zeit, an solche dummen Sachen zu denken.“
„Hat Ihnen denn Ihr Kapitän nichts gesagt?“
„Ich fuhr einen Dänen.“
Der Beamte dachte eine Weile nach und sagte dann: „Da ist nichts mehr zu wollen. Sind Sie vermögend? Haben Sie Landbesitz oder Hausbesitz?“
„Nein, ich bin Seemann.“
„Ja, wie gesagt, da ist nichts mehr zu wollen. Alle Fristen, sogar die Versäumungsfristen sind abgelaufen. Und Sie können sich nicht einmal berufen darauf, daß Sie irgendwo durch höhere Gewalt gehindert worden seien, zu optieren. Sie waren nicht schiffbrüchig in irgendeinem Lande, das außerhalb des üblichen Verkehrs liegt. Sie konnten zu jeder Zeit einen deutschen Konsul oder den Konsul einer andern Macht, der uns vertrat, aufsuchen. Die Aufforderung zur Option ist in der ganzen Welt bekanntgemacht worden, und das ist wiederholt geschehen.“
„Wir kommen nicht dazu, Zeitungen zu lesen. Deutsche sieht man nicht, und andre versteht man nicht. Und wenn man eine Zeitung wirklich mal kriegt, da steht es dann nicht drin, weil das nicht in jede Nummer eingesetzt wird.“
„Ich kann nichts machen, Koslowski. Es tut mir leid. Ich möchte Ihnen ja gerne helfen. Aber ich habe nicht die Vollmachten. Sie können sich noch an das Ministerium wenden. Aber das dauert lange, und ob Sie Erfolg haben, ist noch sehr fraglich. Die Polen kommen uns in keiner Weise entgegen. Warum sollen wir dann ihre Stuben rein fegen. Vielleicht kommt es noch so weit, daß sie in Polen alle, die für Deutschland optiert haben, ausweisen, und dann tun wir das natürlich auch.“
Überall erzählte man dem armen Stanislaw politische Ansichten, anstatt ihm ernsthaft zu helfen. Wenn ein Beamter jemand nicht helfen will, so sagt er, er möchte ja so gerne helfen, aber er habe keine Macht und keine Vollmachten. Wenn man aber laut mit einem Beamten spricht oder ihn nachdenklich ansieht, dann kommt man ins Gefängnis wegen Beleidigung eines Staatsbeamten und wegen Widerstandes gegen die Staatsgewalt. Dann ist er plötzlich der Staat selbst, ausgerüstet mit allen Vollmachten und allen Gewalten, sein Bruder spricht das Urteil, und sein andrer Bruder schließt einen in die Zelle oder schlägt einem den Knüppel über den Schädel. Was ist der Wert des Staates, wenn er dir nicht helfen kann in deinen Nöten?
„Ich kann Ihnen nur den einen Rat geben, Koslowski,“ sagte der Beamte, während er mit dem Stuhle rückte, „gehen Sie zum polnischen Konsul. Sie sind Pole. Der polnische Konsul muß ihnen einen polnischen Paß ausstellen. Dazu ist er verpflichtet. Sie sind in Posen geboren. Wenn Sie den polnischen Paß haben, dann können wir eine Ausnahme hier machen und Ihnen, weil Sie hier ortsansässig sind und auch schon früher hier gewohnt haben, ein deutsches Seemannsbuch ausstellen. Das ist alles, was ich Ihnen raten kann.“
Stanislaw ging am nächsten Tage zum polnischen Konsul.
„Sie sind in Posen geboren?“
„Ja. Meine Eltern wohnen noch da.“
„Haben Sie in Posen oder in einer der Provinzen, die von Deutschland, Rußland oder Österreich abgetreten werden mußten, zur Zeit der Abtretung gewohnt?“
„Nein.“
„Auch nicht zwischen neunzehnhundertzwölf und dem Tage der Abtretung?“
„Nein. Ich fuhr auf See.“
„Was Sie taten und wo Sie fuhren, will ich jetzt noch nicht wissen.“
„Stanislaw, da war der richtige Zeitpunkt, ihn über die Barriere zu ziehen.“
„Weiß ich, Pippip, aber ich wollte doch erst den Paß haben, dann hätte ich ihm eine auf die Nase gesetzt, eine Stunde ehe mein Schiff abging.“
„Haben Sie bei einer polnischen Behörde innerhalb Polens, die hierfür zuständig war, innerhalb der vorgeschriebenen Frist persönlich zu Protokoll gegeben, daß Sie Pole bleiben wollen?“
„Ich habe Ihnen doch schon gesagt, daß ich in den letzten Jahren nicht in Posen oder in Westpreußen war.“
„Das ist keine Antwort auf meine klare Frage. Ja oder nein?“
„Nein.“
„Haben Sie vor einem rechtmäßig bestallten polnischen Konsul im Auslande, der ausdrücklich bevollmächtigt war, Willenserklärungen solcherart anzunehmen, persönlich zu Protokoll gegeben, daß Sie polnischer Staatsangehöriger bleiben wollen?“
„Nein.“
„Was wollen Sie denn dann hier? Sie sind Deutscher. Scheren Sie sich zu den deutschen Behörden und belästigen Sie uns ja nicht mehr.“
Stanislaw erzählte das nicht kochend, sondern mehr traurig, weil er aus Gründen andrer Art dem Konsul nicht seine Meinung nach Seemannsart hatte sagen können.
„Sieh mal einer an,“ sagte ich, „was diese neuen Staaten sich leisten. Das ist schon allerhand. Die werden es noch weit bringen. Du solltest nur mal sehen, wie weit es Amerika auf diesem Gebiete schon gebracht hat, und wie es sich abrackert, es noch viel weiter zu bringen und das muffigste und verstaubteste preußisch-kaiserliche Beamtenhirnchen an Muffigkeit und Beschränktheit zu übertrumpfen. Gehe mal nach Deutschland oder nach Polen oder nach England oder nach Amerika und hilf mal deiner Ella mit Rotwein und Zimt und Nelken aus der Appelsoße, da hast du gleich ein Jahr weg, daß es nur so hagelt. Der Staat darf keinen Menschen verlieren. Wenn du aber ausgewachsen bist, dann will dich keiner haben. Du hast ja kein Vermögen, keinen Landbesitz, keinen Hausbesitz. Da geben die Staaten Millionen an Dollar aus, halten Tausende von Vorträgen, machen Filme und drucken Bücher, damit die Jungen nicht in die Fremdenlegion gehen sollen. Aber wenn ein Junge kommt und hat keinen Paß, geben sie ihm einen Tritt in den Hintern. Dann muß er in die Fremdenlegion oder, was viel schlimmer ist, aufs Totenschiff. Das Volk, das zuerst die Pässe aufheben und den Zustand wieder herbeiführen wird, der vor dem Freiheitskriege war, und der niemand schadete und allen das Leben erleichterte, das Volk, das zuerst diese Tat vollführt, wird den Toten der Totenschiffe das Leben zurückgeben und den Besitzern der Totenschiffe den Spaß verderben.“
„Möglich“, sagte Stanislaw. „Von der Yorikke kommt keiner mehr runter. Wie es heute ist, nicht. Er hat nur eine Aussicht, wenn sie abrutscht, und man rutscht nicht mit ab. Aber so sicher ist das auch nicht, man kann leicht auf einer andern Yorikke landen.“
Stanislaw ging nun wieder zum Polizeipräsidium, Abteilung Staatsangehörigkeit.
„Der polnische Konsul nimmt mich nicht auf.“
„Das war vorauszusehen. Was machen wir nun, Koslowski. Sie müssen doch Papiere haben, sonst kriegen Sie kein Schiff.“
„Sicher, Herr Kommissar.“
„Gut, ich gebe Ihnen eine Bescheinigung, und da gehen Sie morgen früh um zehn zum Paßamt. Ist hier gleich dabei, Zimmer dreihundertvierunddreißig. Da kriegen Sie dann einen Paß. Mit dem Paß holen Sie sich dann Ihr Seemannsbuch.“
Stanislaw war froh, und die Deutschen hatten bewiesen, daß sie Leute waren, die noch am wenigsten Bureaukraten genannt werden konnten. Er ging zum Paßamt, gab seine Bescheinigung ab und seine Photographien, unterschrieb seinen schönen Paß, bezahlte vierzig Trillionen Mark und bekam seinen Paß.
Alles stimmte in dem Paß. Es war ein gutes Papier. Stanislaw hatte nie in seinem ganzen Leben je ein so gutes Papier gehabt. Damit konnte er direkt nach New York fahren, so gut war das Papier. Er hätte nicht einmal nach Ellis Island gebraucht.
Alles stimmte, Name, Geburtsdatum, Beruf, Geburtsort. Was ist denn das? „Staatenlos.“ Macht nichts, brauche ich nicht. Kriege ein Seemannsbuch. Und das, was bedeutet das? „Nur für das Inland gültig.“ Wahrscheinlich denken die Beamten, daß man auch in der Lüneburger Heide mit Dampfern fahre, oder daß man auf Elbkähnen rudern wolle.
Wieder ein Tag mehr, und Stanislaw ist auf dem Seemannsamt.
„Seefahrtsbuch? Können wir nicht ausstellen. Sie haben ja keine Staatsangehörigkeit. Und die Staatsangehörigkeit, die Heimatsberechtigung ist für das Seefahrtsbuch die Hauptsache, der übrigen Sachen wegen kann man auch mit der Invalidenkarte auskommen.“
„Wie soll ich denn da ein Schiff kriegen? Sagen Sie mir das bloß.“ Stanislaw war zu Ende mit seiner Weisheit.
„Sie haben ja einen Paß, da kriegen Sie jedes Schiff. Es geht ja aus dem Paß hervor, wer Sie sind, was Sie sind, und daß Sie hier in Hamburg wohnen. Sie sind doch ein alter befahrener Mann, Sie kriegen spielend ein Schiff. Kriegen jeden Ausländer, verdienen Sie mehr als auf deutschen Schiffen bei diesem Tiefstand der Mark.“
Stanislaw bekam ein Schiff. Einen schönen Holländer. Gute Heuer. Als der Heuerbas den Paß sah, sagte er: „Feine Sache“, und als der Skipper den Paß sah, sagte er: „Gute Papiere, das habe ich gern; wir wollen jetzt zum Konsul gehen, anmustern und registrieren, Akten verlesen.“
Der Konsul registrierte und trug den Namen Stanislaw Koslowski ein. Dann sagte er: „Seemannsbuch?“
Und Stanislaw antwortete: „Paß.“
„Ebensogut“, erwiderte der Konsul.
„Paß ist ganz neu, hier vom Präsidium, zwei Tage alt. Alles in Ordnung. Der Mann ist gut.“ Das sagte der Skipper und zündete sich eine Zigarre an.
Der Konsul nahm den Paß, blätterte darin herum, nickte wohlgefällig, weil es ein Meisterwerk gutgeölter Bureaukratie war. Solche Dinge behagten dem Konsul.
Plötzlich hielt er inne und erstarrte zu einer Eiskruste.
„Können nicht mustern“, sagte er.
„Was?“ rief Stanislaw.
Und „Was?“ rief der Skipper und ließ vor Erstaunen die Zündholzschachtel auf den Boden fallen.
„Mustere ich nicht an“, sagte der Konsul.
„Warum denn nicht? Ich kenne ja den Beamten vom Präsidium, der die Unterschrift gegeben hat, persönlich.“ Der Kapitän wurde ungeduldig. „Der Paß ist durchaus einwandfrei. Aber ich kann nicht mustern. Er hat ja keine Staatsangehörigkeit“, ereiferte sich der Konsul.
„Das ist mir ganz Wurscht“, sagte darauf der Skipper. „Ich will den Mann haben, mein Erster kennt ihn, und die Schiffe, auf denen der Mann gefahren hat, sind Topp. Solche Leute, wie den hier, will ich um mich haben.“
Der Konsul hatte das Paßbüchlein zugeklappt und patschte sich damit auf die offne linke Hand.
Er sagte nun: „Sie wollen den Mann gern haben, Herr Kapitän? Wollen Sie ihn adoptieren?“
„Unsinn!“ bellte der Skipper.
„Übernehmen Sie persönlich die Verantwortung dafür, daß Sie den Mann wieder loswerden können?“
„Verstehe ich nicht“, brummte der Skipper.
„Der Mann darf in keinem Lande landen. Er darf an Land gehen, solange das Schiff im Hafen liegt. Wenn das Schiff fort ist, und er wird aufgegriffen, hat die Kompanie oder Sie, Kapitän, den Mann wieder aus dem Lande herauszubringen. Wo wollen Sie ihn hinbringen?“
„Er kann doch hier nach Hamburg jederzeit zurück“, sagte der Skipper.
„Kann. Kann. Nein, er kann nicht. Deutschland kann seine Aufnahme verweigern und gibt ihn der Kompanie zurück oder Ihnen. Deutschland braucht ihn nicht mehr aufzunehmen, sobald er auch nur die Grenze übertreten hat. Er hat einen Weg. Er kann sich eine Bescheinigung verschaffen, daß er jederzeit nah Hamburg oder Deutschland zurück dürfe und da wohnen darf. Aber eine solche Bescheinigung kann nur das Ministerium ausstellen, und das Ministerium wird es kaum so ohne weiteres tun, weil diese Bescheinigung gleichbedeutend ist mit deutscher Staatsbürgerschaft. Und dann kommt es wieder zu dem Ausgangspunkt zurück. Könnte er eine Staatsbürgerschaft erwerben, dann hätte er sie, er ist ja Deutscher, ist in Posen geboren. Aber weder Deutschland, noch Polen erkennen ihn an. Nur wenn Sie oder Ihre Kompanie volle Verantwortung für den Mann übernehmen –“