ZWEITES BUCH (continued 3)
Reading edition
„Wie kann ich denn das?“ rief der Kapitän unwillig aus.
„Dann kann ich den Mann nicht anmustern“, sagte der Konsul ruhig, strich den Namen aus dem Buche wieder aus und händigte Stanislaw den Paß ein.
„Hören Sie,“ der Skipper drehte sich noch einmal um und sagte zu dem Konsul, „hören Sie, können Sie denn keine Ausnahme machen? Ich möchte den Mann gern haben. Er ist ein vorzüglicher Rudermann.“
„Tut mir leid, Kapitän, dazu reichen meine Vollmachten nicht aus. Ich habe mich an meine Vorschriften zu halten. Ich bin nur ein Diener.“
Der Konsul hob die Schultern hoch bis zu den Ohren, als er das sagte, seine Arme gingen mit hoch, und die Unterarme hingen nun rechtwinklig und wackelnd im Ellbogengelenk. Das sah aus, als ob man ihm die Flügel gerupft und gestutzt hätte.
„Verfluchter Schietkram, verfluchter“, schrie der Skipper, warf seine Zigarre wütend auf den Fußboden, trampelte wie wild darauf rum, ging zur Tür und warf die Tür krachend zu.
Draußen auf dem Korridor stand Stanislaw.
„Was mache ich denn bloß mit dir, Junge“, sagte der alte Skipper. „Ich möchte dich ja so gerne mitnehmen. Aber nun kannst du nicht mal mehr Notmusterung machen, der Konsul kennt deinen Namen. Da hast du zwei Gulden, mach’ dir einen vergnügten Abend. Muß mich nach einem andern A. B. umsehen.“
Skipper und schöner Holländer waren weg.
39
Aber ein Schiff mußte Stanislaw unbedingt haben.

„Ehrliches Handwerk ist ganz gut, für eine Weile. Aber nicht zu lange. So eine Kiste oder so ein Sack, das tut ja niemand weh. Das sind Geschäftsunkosten in einem großen Hause. Die Kiste kann ja auch bei Verladung in die Brüche gehen. Aber man wird das ehrliche Handwerk leid.“
Ich sagte nichts darauf und ließ ihn ruhig reden.
„Ja, man wird es wahrhaftig leid,“ setzte Stanislaw fort, „man kriegt das Gefühl, als ob man jemand auf der Tasche liegt. Eine Zeit, ja, aber dann wird es einem so widerlich, immer auf der Tasche zu liegen. Man will doch auch was tun, was schaffen. Sehen will man, wie das rennt, was man arbeitet. Siehst du, Pippip, so am Ruder stehen, in schwerem Wetter, und den Kurs halten ... Das ist eine Sache, da kann das ganze ehrliche Handwerk nicht mit. Verflucht und zugenäht, nein, da kann es nicht mit. Da stehst du und stehst, und der Kasten will herumhauen und rauswichsen aus dem Kurs. Aber da hältst du ihn an der Kandare. Sieh mal so.“
Stanislaw packte mich beim Gürtel und versuchte mich herumzuwitschen, als ob er das Ruderrad in der Hand hätte.
„Du, ich bin kein Ruder, laß los!“
„Und dann, wenn du es durchhältst im schweren Wetter, und es rutscht dir noch nicht einmal einen viertel Strich ab, Pippip, ich kann dir sagen, da könnte man schreien und brüllen vor lauter Vergnügen, daß man diesen Riesenkasten so an der Schlippe halten kann, daß er tun muß, wie du willst, wie ein junges Lämmchen, weiß wie Schnee. Und wenn dann der Erste oder gar der Skipper auf die Rose guckt und sagt: ‚Kos’ki, Junge, Sie können aber mal Kurs halten, verflucht feine Arbeit, könnte ich selber nicht besser machen. Weiter so, dann halten wir die Karline gut in der Zeit!‘ ja, Mensch, Pippip, da lacht dir das Herz, da könnte man gleich so wegheulen und natschen, daß dir der Rotz die Backen runtertrippt, vor lauter Vergnügen. Siehst du, das kann das ehrliche Handwerk nicht und nie. Lachst ja auch, wenn dir ein Schnapp glückt, aber lachst doch nicht so, lachst mehr scheinheilig und drehst dich immer um dabei, ob nicht schon einer hinter dir her ist.“
„Ich habe ja an dicken Eimern noch nicht gerudert, aber doch schon an kleinen, und ich denke, du hast recht“, sagte ich. „Aber beim Anpinseln geht es einem auch so. Wenn dir eine grüne oder braune Kante so recht fein glückt, ohne zu klecksen und ohne auszurutschen, da hat man auch seinen Spaß.“
Stanislaw schwieg eine Weile, spuckte über die Reeling, schob sich ein neues Dickerchen zwischen die Zähne, den er vor einer halben Stunde von einem Händler, der mit einem Boot herangepullt war, gekauft hatte und sagte: „Wirst vielleicht lachen. Kohlenschleppen, wenn man eigentlich A. B. ist, und ein besserer A. B. als diese Räuber hier, ist ja vielleicht eine Schmach. Aber doch nicht. Hat auch seine Freuden. Auf so einem Kasten ist alles wichtig. Wenn nicht geschleppt wird, kann der Heizer keinen Dampf halten, und wenn der keinen Dampf hält, steht die Karre wie eine Ramme im Lehm. Und mal so fünfhundert Schaufeln in einem Zug auf zehn Schritt Entfernung durch die Schachtluke pfeffern und einen Vorrat hinhauen, daß der Heizer kaum noch treten kann, bloß um mal zu sehen, was du schaffen kannst, wenn du mal rangehst an die Ella, und du siehst dir den Berg an, den du so auf einen Sitz hingehauen hast, da lacht dir auch das Herz im Leibe. Du könntest den Berg wahrhaftig abknutschen vor Vergnügen, wenn er da so dick aufgeschichtet daliegt und dich so verwundert anglubscht, weil er doch eben noch oben in einem Bunker war und nun mit einemmal hier vor den Kesseln liegt. Nein, an Arbeit, an gesunde Arbeit, kann das schönste ehrliche Handwerk nicht ran.
Und warum macht man das ehrliche Handwerk überhaupt? Weil man keine Arbeit hat, weil man keine kriegt. Mußt doch was tun, kannst doch nicht den ganzen geschlagenen Tag im Bett liegen oder dich in den Straßen rumtreiben, wirst ja ganz vertattelt im Kopf.“
„Na und was dann, als du den Holländer nicht kriegtest?“ fragte ich.
„Arbeit mußte ich haben, und ein Schiff mußte ich haben, weil ich sonst verrückt geworden wäre. Den guten Paß, das feine Papier, verkaufte ich für Dollar. Dann platzte wieder ein Sack, und ich hatte ein paar Silberlinge in der Hand. Machte mit ein paar dänischen Fischern ein saftiges Spritgeschäft, das ich ihnen durch den Zoll brachte, na und da hatte ich ja feine Pinke.
Ich mich in den Zug gesetzt und runter nach Emmerich. Komme auch glatt rüber. Drüben aber, als ich mir eine Karte nach Amsterdam kaufen will, werde ich geschnappt, und nachts bringen sie mich über die Grenze und schieben mich rüber.“
„Was?“ fragte ich. „Du willst doch nicht etwa sagen, daß die Holländer Leute nachts über die Grenze bringen, ganz heimlich?“
Ich wollte hören, wie es Stanislaw ergangen war.
„Die? Die?“ sagte Stanislaw, und streckte seinen Kopf weit vor und bohrte mich fest mit seinen Augen. „Die machen noch ganz andre Sachen. Da ist jede Nacht an den Grenzen das schönste Austauschgeschäft mit Menschen. Die Deutschen schleppen ihre lästigen Ausländer und Bolschewisten über die holländische, belgische, französische und dänische Grenze, und das machen die Holländer, die Belgier, die Franzosen, die Dänen. Ich bin sicher, die Schweizer, die Tschechen, die Polen machen es genau ebenso.“
Ich schüttelte den Kopf und sagte: „Kann ich nicht glauben. Das ist ganz ungesetzlich.“
„Aber sie machen’s. Sie haben es doch mit mir gemacht, und ich habe an der Grenze und in Holland ein paar Dutzend getroffen, mit denen sie es von allen Seiten aus gemacht hatten.
Was wollen Sie denn tun? Totschlagen und eingraben können sie doch die Leute nicht. Sie haben ja nichts verbrochen. Haben bloß keinen Paß und können keinen kriegen, weil sie nicht geboren sind oder nicht optiert haben. Jedes Land versucht, seine Paßlosen und Staatenlosen loszuwerden, weil die Leute ihnen immer wieder Scherereien machen. Wenn sie mit den Pässen aufhören, hört diese Warenverschiebung auch auf. Also, ob du es glaubst oder nicht, mit mir haben sie es getan.“
Stanislaw ließ sich aber nicht einschüchtern weder mit der Drohung Arbeitshaus, noch mit der Drohung Gefängnis, noch mit der Drohung Internierung. Er ging in derselben Nacht wieder rüber nach Holland, machte es klüger und kam nach Amsterdam. Er kriegte einen Italiener, ein ganz schmachvolles Totenschiff, und ging mit ihm nach Genua. Dort segelte er achtern raus, kriegte wieder ein Totenschiff, diesmal einen unmittelbaren Leichenmacher, und ging mit ihm aufs Riff. Er, mit noch ein paar andern, überlebte die Leichen, strolchte sich bettelnd durch zu einem andern Hafen und kam über ein andres Totenschiff, wo er infolge einer gräßlichen Schlägerei abkanten mußte, auf die Yorikke.
Wo bleibt er? Wo bleibe ich? Wo bleiben alle die Toten eines Tages? Am Riff. Früher oder später. Einmal trifft es. Man kann nicht ewig Totenschiffe fahren. Man muß die Fahrerei eines Tages doch bezahlen, ob man noch soviel Glück hat. Und man muß immer auf ein Totenschiff. Kein andrer Ausweg ist einem geblieben. Das feste Land ist mit einer unübersteigbaren Mauer umgeben, ein Zuchthaus für die, die drinnen sind, ein Totenschiff oder eine Fremdenlegion für die, die draußen sind. Es ist die einzige Freiheit, die ein Staat, der sich zum Extrem seines Sinnes entwickeln will und muß, dem einzelnen Menschen, der nicht numeriert werden kann, zu bieten vermag, wenn er ihn nicht mit kühler Geste ermorden will. Zu dieser kühlen Geste wird der Staat noch kommen müssen. Vorläufig aber hat Cäsar Kapitalismus an diesem Mord noch kein wesentliches Interesse, weil er den Kehricht, der über die Zuchthausmauern geworfen wird, noch gebrauchen kann. Und Cäsar Kapitalismus läßt nichts verkommen, solange es noch Profit verspricht. Auch der Kehricht, den die Staaten über die Mauern werfen, hat noch seinen Wert und wirft gute Profite ab, die abzuweisen Sünde wäre, unverzeihliche Sünde.
„In der Bunk über mir,“ sagte ich eines Tages zu Stanislaw, „da ist einer verreckt, wurde mir erzählt. Weißt du was davon, Lawski?“
„Freilich, weiß ich davon. Wir waren ja sozusagen Brüder. Er war ein Deutscher. War aus Mülhausen im Elsaß. Seinen richtigen Namen weiß ich nicht. Kümmert mich auch nicht. Er sagte, er hieße Paul. Gerufen wurde er Franzos oder French eigentlich. War Kohlschlepp. Er hat mir mal in einer Nacht, als wir zusammen im Achterbunk saßen und er wie ein kleiner Junge heulte, erzählt, was mit ihm los war.“
Paul war in Mülhausen geboren und hatte Kupferschmied, glaube ich, gelernt in Straßburg oder in Metz. Ich habe das verwechselt, weil es nur so nebenbei war.
Er ist dann auf die Wanderschaft gegangen nach Frankreich und Italien. In Italien war er interniert, als der Dreck da losging, oder warte mal, nein, es war anders. Er war in der Schweiz gewesen als es losging, hatte kein Geld, wurde rübergeschoben und eingezogen. Dann wurde er auf einem Patrouillengang von den Italienern gefangengenommen. Er brach aus, stahl sich Zivilsachen, grub seine feldgrauen Lumpen ein und trieb sich in Mittelitalien und Süditalien herum. Er kannte ja die Gegenden, weil er da gearbeitet hatte.
Endlich wurde er erwischt. Daß er ausgekniffener Kriegsgefangener war, wußte man nicht, man hielt ihn für einen Deutschen, der sich da während der ganzen Zeit herumgetrieben hatte, und so kam er in ein Internierungslager für Zivilgefangene. So war die Geschichte.
Ehe noch die Zivilgefangenen ausgetauscht wurden, war er schon wieder ausgebrochen und walzte rauf durch die Schweiz. Er wurde abgeschoben nach Deutschland und arbeitete da in einer Brauerei. Dann kam er in revolutionäre Geschichten rein, wurde verhaftet und mit Landesverweis bedacht als Franzose. Die Franzosen nahmen ihn nicht an, weil er schon ewige Zeiten fort war von Mülhausen und weder für Frankreich, noch für Deutschland optiert hatte. Was kümmert man sich als Arbeiter um solchen Quatsch. Da hat man andres zu denken und zu sorgen, besonders wenn man keine Arbeit hat und rumlaufen muß wie verrückt, um wenigstens was für den Magen zu schaffen.
Aber er wurde wegen der bolschewistischen Sachen, von denen er gar nichts verstand, landesverwiesen. Er kriegte zweimal vierundzwanzig Stunden Zeit, sich zu verduften, oder sechs Monate Arbeitshaus. Kam er raus aus dem Arbeitshaus, so bekam er wieder zwei Tage Zeit, und war er nicht weg in der Zeit, dann blühte ihm wieder Arbeitshaus oder Gefängnis oder Internierungslager. Arbeitshaus haben sie ja nicht mehr oder nennen es nicht mehr so, wie er mir sagte. Aber sie haben dafür ähnliche Einrichtungen. Die Brüder finden immer eine neue Schikane, wenn sie mit einer alten aufräumen aus irgendwelchen Gründen. Was wissen die von menschlichen Gründen? Da gibt es bloß Verbrecher und Nichtverbrecher. Wer nicht beweisen kann, daß er bestimmt kein Verbrecher ist, der ist eben einer.
Also raus mußte er. Er war ein halbes Dutzend mal schon beim französischen Konsul gewesen, aber der wollte nichts von ihm wissen, schmiß ihn raus und verbot ihm das Betreten des Konsulats.
Paul walzte nun nach Luxemburg, machte die Grenzen und kam nach Frankreich. Als er geschnappt wurde, sagte der Esel, er sei Franzose. Es blieb ihm ja nichts weiter übrig. Es wurde nachgeforscht, und die fanden raus, daß er sich auf diesem Wege die französische Staatsangehörigkeit in ungesetzlicher Weise habe erschleichen wollen. Das ist ein großes Verbrechen. Ein saftiger Einbruch ist lange kein so großes Verbrechen. Die hätten ihm ein paar Jahre aufgeknackst.
Na, kurz und gut, er kriegte ein Mauseloch, um zu entwischen. Anmusterung für die Fremdenlegion. Da konnte er sich ja ein Zehntel französische Staatsangehörigkeit verdienen, wenn er es aushielt.
Aber er hielt es nicht aus und mußte kippen.
Wie er mir erzählte, ist das ja nun so mit dem Abbrennen. Wo willst du hin? Rüber auf spanisches Gebiet? Gut. Wenn nur der Weg nicht so weit wäre. Aber da kommen Marokkaner, die sich das Kopfgeld verdienen wollen. Man sieht es ihnen nicht an der Nasenspitze an, wenn man sie um ein paar Datteln oder um einen Schluck Wasser anbettelt. Und zurück als Deserteur, dann schon lieber mit einem Stück spitzen Holz erstechen.
Dann wieder trifft man Marokkaner, die ziehen einen aus bis aufs Hemd und lassen einen liegen im Sonnenbrand und im Sande.
Dann trifft man welche, die rauben einen nicht aus, aber schlagen einen tot oder martern einen tot, weil er von der verhaßten Legion ist oder von den verhaßten Christenhunden einer ist.
Da sind auch welche, die verschleppen einen und verkaufen einen tief ins Innere als Sklave zu den Göpelmühlen. Auch ein Vergnügen, lieber die Kaldaunen aus dem Leibe reißen.
Aber der Junge hatte Glück, ein ganz verfluchtes Glück. Er traf Marokkaner an, die ihn erschlagen wollten oder an den Pferdeschwanz binden und abhäuten. Aber er konnte ihnen verständlich machen, noch rechtzeitig genug, denn sie lassen sich für gewöhnlich in keine Diskussionen ein, daß er Deutscher sei. Na, die Deutschen sind ja auch Christenhunde, aber sie haben gegen die Franzosen gekämpft, das wird ihnen hoch angerechnet, wie man in Spanien und in Mexiko es den Deutschen hoch anrechnet, daß sie fünfzigtausend Amerikanern unter die Erde verholfen haben. Bei den Marokkanern haben aber die Deutschen noch einen andern Stein im Brett, sie haben an der Seite der Türken, an der Seite der Mohammedaner gegen die Engländer und Franzosen gekämpft, und sie haben die mohammedanischen Glaubensgenossen, die auf seiten der Engländer und Franzosen kämpften und von den Deutschen gefangen wurden, nicht als Kriegsgefangene, sondern als dreiviertel Freunde behandelt. Das weiß jeder, der Allah und den Propheten anruft, ob er in Marokko wohnt oder in Indien.
Es ist nur so ungemein schwer, einem nichttürkischen Mohammedaner das begreiflich zu machen, daß einer Deutscher ist. Er denkt sich die Deutschen ganz anders aussehend als die verhaßten Franzosen und Engländer, und wenn er nun sieht, daß der Deutsche auch nicht viel anders aussieht, so glaubt er es ihm nicht und denkt, der Mann will ihn beschwindeln. Wenn er nun gar als Deutscher in der Fremdenlegion dient, um die Mohammedaner dort zu bekämpfen, so glaubt es ihm selbst der nicht mehr, der vielleicht zuerst ihn für einen Deutschen gehalten hätte. Denn ein Deutscher kämpft nicht auf seiten der Franzosen gegen die Mohammedaner, die um ihre Freiheit kämpfen, weil die Deutschen das selbst wissen, was es bedeutet, wenn man um die Freiheit und Unabhängigkeit seines Landes gegen Franzosen und Engländer zu kämpfen hat.
Wie es geschah, niemand kann es sagen. Durch ein unbegreifliches Gefühl, das in den Marokkanern plötzlich auftauchte, glaubten sie ihm, daß er Deutscher sei, und daß er nie gegen Marokkaner gekämpft habe. Sie nahmen ihn auf, pflegten ihn, fütterten ihn gut und gaben ihn von Sippe zu Sippe und von Stamm zu Stamm weiter, bis er an der Küste landete und dort mit den Pflaumenmushändlern auf die Yorikke gebracht wurde.
Der Skipper nahm ihn mit Freuden auf, weil er einen Kohlschlepp brauchte, und Paul war glücklich, unter uns zu sein.
Aber nach zwei Tagen schon, obgleich er mit Rosten kein Pech hatte und die Kohlen damals gut zur Hand lagen, sagte er: „Ich wollte, ich hätte die Fremdenlegion nicht gekippt. Das hier ist zehnmal schlimmer als die böseste Kompanie in unsrer Division. Wir lebten demgegenüber ja wie die Fürsten. Hatten menschliches Essen und menschliche Quartiere. Ich gehe hier in die Wicken.“
„Mach keine solchen Töne, Paul“, sagte Stanislaw, um ihn aufzurichten. Aber Paul, der vielleicht auch durch die Strapazen der Flucht schon etwas abgekriegt hatte, fing an Blut zu spucken. Immer mehr. Dann kotzte er Blut in großen Fladen. Und eines Nachts, als ich ihn ablösen kam, lag er auf einem Kohlenhaufen oben im Bunker im dicken Blut. Tot war er nicht. Ich schleife ihn ins Quartier und packte ihn in seine Bunk da oben. Früh als ich ihn wecken kommen wollte, war er tot. Um acht kam er über Bord. Der Skipper nahm nicht mal die Mütze ab, er tippte bloß so an den Rand. Eingewickelt wurde er auch nicht. Er hatte nur Lumpen, die vom Blut verkleistert waren. Ans Bein kriegte er einen dicken Klumpen Kohle. Ich glaube, selbst diesen Klumpen Kohle gönnte ihm der Skipper nur mit schiefem Maul. Ins Journal ist Paul nicht gekommen. Luft, verwehte Luft.
40
Paul war nicht der einzige Schlepp, den die Yorikke verschluckt und verdaut hat, während Stanislaw drauf war. Da war der Kurt, ein Junge von Memel, auch nicht optiert. Zu der Zeit trieb er sich in Australien herum, wurde aber nie erwischt, um interniert zu werden. Schließlich kriegte er namenloses Heimweh und mußte nach Deutschland. Irgendwo in Australien hatte er was ausgefressen. Eine Streikbrechergeschichte mit Streikbrecherverholzen, und einer von diesen Lumpen war liegengeblieben und nicht mehr aufgestanden. Kurt konnte nicht zum Konsul gehen, um auf treuem Wege wegzukommen, denn wenn es sich um Streik handelt oder um Geschichten, die nach Kommunismus riechen, dann bocken die Konsuln gleich alle zusammen, auch wenn sie ein paar Monate vorher sich noch anspucken wollten. Der Konsul hätte ihn sicher der Polizei verwinkt, und Kurt hätte seine zwanzig Jahre machen müssen. Ein Konsul ist immer auf seiten des Staatsgedankens. Des Staatsgedankens, dieses großen erlauchten Wortes, das nichts als Unfug stiftet und die Menschen zu Nummern macht. Und diese Staatsidee ist so stark in den Konsuln entwickelt, daß sie zugunsten der Staatsidee ihre eignen Söhne verkaufen, nur damit der Staat recht behalten kann. Streik ist ja gegen den Staat gerichtet. Manchmal, wenn er ein treuer und nicht ein geschobener Streik ist.

Es gelang Kurt, ohne Papiere bis nach England zu kommen. Aber England ist eine böse Sache. Eine Insel ist immer bös. Man kann rauf, aber nicht mehr runter. Kurt konnte nicht mehr runter. Er mußte zum Konsul. Der Konsul wollte wissen, warum er von Brisbane in Australien fort sei, warum er dort nicht den deutschen Konsul aufgesucht habe, und warum er auf illegalen Wegen nach England gekommen sei.
Kurt konnte das nicht erzählen und wollte es auch nicht erzählen, weil ja England für ihn auch nicht sicherer war als Australien. Die Engländer hätten ihn sofort an Australien zur Aburteilung ausgeliefert.
Auf dem Konsulat in London oder in Southampton oder in welcher Stadt in England es sein mochte, bekam Kurt in dem Bureau des Konsuls, wo alles an die Heimat erinnerte, ein so übermächtiges Heimwehgefühl, daß er bitterlich zu weinen anfing. Darauf schrie ihn der Konsul an, er möge hier kein Theater machen, sonst schmisse er ihn raus, solche Vagabunden kenne er schon zur Genüge. Kurt gab ihm die einzige richtige Antwort, die ein echter Junge für solche Gelegenheiten auf Lager hält, und um der Einladung den gehörigen Nachdruck zu verleihen, ergriff er einen Sandstreuer oder was es war und feuerte es dem Konsul an den Kopf. Der fing gleich an zu bluten und an zu schreien, aber Kurt war raus wie der Teufel.
Er hätte sich den Weg zum Konsul sparen können, denn da er von Memel war und nicht optiert hatte, konnte ihm der Konsul ja doch nicht helfen. Dazu reichten dessen Vollmachten nicht aus. Wie gewöhnlich. Er war ja nur Diener des Götzen.
Dadurch war Kurt nun endgültig tot und konnte die Heimat nicht wiedersehen. Es war ihm ja durch eine Amtsperson bestätigt worden, daß sein Heimweh nur Theater war. Was weiß eine Amtsperson davon, daß ein Vagabund, ein zerlumpter Weltherumtreiber auch Heimweh bekommen kann? Solche Gefühle sind nur denen vorbehalten, die weiße Wäsche haben und jeden Tag ein reines Taschentuch aus der Kommode nehmen können. Yes, Sir.
Ich habe kein Heimweh. Ich habe gelernt, daß das, was Heimat, was Vaterland sein sollte, eingepökelt und in Aktenmappen eingeheftet ist, daß es in Gestalt von Staatsbeamten repräsentiert wird, die einem das treue Heimatsgefühl so sicher austreiben, daß nicht eine Spur davon mehr übrigbleibt. Wo meine Heimat ist? Da, wo ich bin und wo mich niemand stört, niemand wissen will, wer ich bin, niemand wissen will, was ich tu, niemand wissen will, woher ich gekommen bin, da ist meine Heimat, da ist mein Vaterland.
Der Junge von Memel kriegte einen Spanier und kam schließlich auf die Yorikke als Schlepp.
Schutzvorrichtungen gab es auf der Yorikke nicht, erstens kosten sie Geld und zweitens hindern sie an der Arbeit. Ein Totenschiff ist keine Kleinkinderbewahranstalt. Mach die Augen auf, und wenn was abgeht, so ist das nur faules Fleisch oder ein fauler Finger, der doch nicht arbeiten wollte.
Das Wasserstandglas an den Kesseln hatte weder ein Schutzglas, noch ein Drahtgitter. Eines Tages platzte es, als Kurt auf Wache war. Es war auch kein Langhebel dran, wodurch das Rohr, das zum Wasserstandglas führte, von einem sicheren Platz aus hätte abgedrosselt werden können. Das kochende Wasser strahlte heraus, und der Kesselraum war in dichten heißen Dampf gehüllt.
Das Rohr mußte abgedrosselt werden. Mußte gemacht werden. Aber der Drosselhahn war direkt unter dem gebrochenen Glas, zwei Zoll von der Strahlöffnung entfernt. Es mußte abgedrosselt werden, sonst lag der Eimer einen halben Tag fest, und wenn schweres Wetter aufkam, konnte das Schiff nicht manövrieren und wurde gepfeffert, daß kein Splitter mehr heil blieb.
Wer drosselt ab? Der Schlepp natürlich. Der Vagabund opferte sein Leben, damit Yorikke manövrierfähig blieb und erst dann zu den Fischen ging, wenn es befohlen wurde.
Und Kurt drosselte ab. Dann brach er zusammen und wurde von dem Ingenieur und dem Heizer in seine Bunk getragen.
„So etwas von Schreien“, erzählte mir Stanislaw, „kannst du dir nicht denken. Auf dem Rücken konnte er nicht liegen und nicht auf dem Bauche und nicht auf den Seiten. Die Haut hing ihm in Fetzen herunter wie ein zerrissenes Hemd, alles Blasen und Blasen, dick wie ein Kopf, und eine neben der andern. Hätte man ihn in ein Hospital gebracht, ich weiß ja nicht, vielleicht hätte man ihm helfen können mit Hauteinsetzen. Aber man hätte schon eine ganze Kalbshaut gebrauchen müssen, um ihn wieder zurechtzuflicken. Und geschrien und geschrien und geschrien! Ich wünsche nur, daß der Konsul ihn im Schlafe gehört hätte, er wäre den Schrei nicht mehr los geworden. Die sitzen am Tisch und schreiben Formulare voll. Hundert Meilen hinter der Front des nackten Lebens.
Tapferkeit im Kriege? Quatsch! Tapferkeit auf dem Felde der Arbeit. Aber da kriegst du keinen Orden. Da bist du kein Held. Er hat sich totgeschrien. Abends kam er über Bord, der Junge von Memel. Na, Pippip, ich muß die Kappe abnehmen, guck mich nicht so an. Da mußt du Präsentiert das Gewehr! machen. Kannst nicht anders. Über Bord, mit einem Klumpen Kohle am Bein. Sah aus wie ein Sträfling. Der Zweite Ingenieur sah hinterdrein und sagte dann: „Verfluchte Geschichte, jetzt haben wir wieder keinen Schlepp.“ Das war alles, was er sagte. Und gerade er war der Mann, der es hätte machen müssen; denn es war eine Reparatur, und solche Reparaturen gehen den Schlepp gar nichts an. Ja, das war der Kurt. Steht auch nicht im Journal. Der Zweite Ingenieur steht drin. Der Koch hat es gesehen, als er Seife stehlen ging in die Kabine vom Skipper. Na, was sich unsereiner dafür schon kauft.“
41
Mit den übrigen Mannschaften redete ich sehr wenig. Sie waren meist brummig, übelgelaunt und schläfrig, wenn sie nicht besoffen waren, was in jedem Hafen vorkam. Aber, wenn ich ganz ehrlich sein soll, so waren es eigentlich sie, die nicht mit uns redeten. Ich war ja nur Schlepp, ich und der Stanislaw. Und der Schlepp ist ja nicht, bei weitem nicht so viel wie ein A. B., nicht einmal so viel wie ein Deckarbeiter. Das sind alles Herren im Vergleich zum Schlepp. Der Schlepp wühlt im Dreck und in der Asche und ist erst recht Dreck und Asche. An ihm kann man sich ja die Finger dreckig machen. Und nun gar erst der Zimmermann oder gar, um noch höher zu gehen, der Bootsmann. Denen gegenüber ist man nur ein Würmchen. Niemand versteht es so gut, feine und allerfeinste Rangunterschiede zu machen wie der Arbeiter.

Nun erst in der Fabrik. Der die Schrauben drehen darf, tausendweise, alle nach Schablone, was ist der für ein großer Mann gegenüber dem, der die Schrauben in einem Korbe wegschleppen muß. Und der die Schrauben wegschleppen darf, was ist der für eine unerreichbare Größe gegenüber dem, der die Säle ausfegen darf. Und der, der ausfegen darf, wirft sich in die Brust und sagt: „Ach der, der sucht ja bloß den Dreck durch, der muß ja die Messingspäne aussuchen, mit dem kann ich doch nicht verkehren. Wie sieht denn das aus?“
Unter den Toten hört der Rangunterschied nicht auf. Er wird noch größer beinahe. Wer da hinten an der Mauer nur gerade so verscharrt ist, weil er ja irgendwo liegen muß, der ist nichts. Der in einem Tannensarg begraben wird, ist schon mehr. Nachts, wenn sie tanzen, guckt er den Verscharrten mit keiner Miene an, sondern sieht sehnsüchtig rüber zu denen, die mit ihrem Eichensarg tanzen. Zu denen, die mit einem Metallsarg mit goldenen Ecken gravitätisch herumwandern, wagt er gar nicht aufzusehen; das würden die sich auch sehr verbitten. Damit man das alles gleich von vornherein klarstellen kann, darum werden ja die einen in Metallsärgen mit vergoldeten Ecken begraben und die andern in einer viereckigen Holzkiste in einem Winkel verscharrt. Erst die Würmer und die Maden, diese revolutionären Aufräumer und Umwälzer, die machen sich nichts aus Rangunterschieden. Die sind alle gleich weiß und alle gleich groß und sie wollen fressen; und das Fressen nehmen sie sich, wo sie es kriegen, sie holen es sich aus dem Metallsarg mit vergoldeten Ecken ebenso rasch wie aus der Kiste.
Der Herr Zimmermann und der Herr Bootsmann und der Herr Donkeyman waren Petty-Offiziere, Unteroffiziere. Sie waren genau so dreckig wie wir, waren auch nicht länger befahren als wir, waren für den geregelten Gang der Yorikke viel weniger wichtig als wir, aber die Schlepps mußten den Herrn Donkeyman bedienen. Mußten ihm das Essen aus der Galley holen, auf den Tisch stellen und wieder abservieren. Damit der Rangunterschied gewahrt blieb. Der Donkeyman ist der Wintschenmaschinist, und wenn das Schiff im Hafen liegt und die Heizer und Schlepps haben Tagarbeit, dann muß er die Kessel heizen, auch des Nachts. Auf der Fahrt murkst er im Wege herum, putzt an den Maschinen hier ein wenig, dort schmiert er ein Lager, dann muß er einen Selbstöler auseinandernehmen und auswaschen und dann wieder da ein wenig Dreck wegnehmen und ihn hier hinlegen. Dafür braucht er nicht in den großen Quartieren schlafen, sondern in kleinen, wo nur zwei oder drei Bunks sind, und dafür bekommt er Sonntag Grießpudding mit Himbeersaft und in der Woche zweimal Backpflaumen in blauer Stärke, während wir keinen Pudding am Sonntag und nur einmal in der Woche Backpflaumen in blauer Stärke fassen. Wenn wir aber zweimal Backpflaumen kriegen mit versteinertem Salzfisch, dann bekommt er dreimal Backpflaumen. Er, der Bootsmann, der Zimmermann, die Unteroffiziere. Dafür hat er hinter uns her zu sein und aufzupassen, daß wir nicht etwa einen Kesselbunker aufschrauben, wenn schweres Wetter ist und die Achterbunker noch ein paar Kilogramm haben. Was würde Cäsar mit seinen Armeen machen, wenn er keine Unteroffiziere hätte, die auf der ersten Sprosse der Leiter zum Generalfeldmarschall stehen? Unteroffiziere, die von oben kommen, sind nicht zu gebrauchen; sie müssen von unten kommen, gestern noch geprügelt worden sein, dann sind sie gut zu gebrauchen, die können am besten prügeln.
Dann kamen die A. B.s und dann die Deckarbeiter. Stanislaw konnte mehr als alle drei A. B.s zusammen, aber er war nur Dreck. Sie hätten sich erst wohlgefühlt, wenn angeordnet worden wäre, daß die Schlepps, wenn sie an dem Donkeyman vorbeigehen wollten, zu fragen hätten, ob es ihnen auch erlaubt sei, an ihm vorbeizugehen.
Dennoch waren sie alle Tote, und dennoch waren sie alle auf dem Wege zu den Fischen.
Soweit das Erhabenheitsgefühl bei ihnen nicht verletzt wurde, konnte man mit ihnen umgehen, und sie fühlten sich durchaus im gleichen Schiethaufen mit uns. Die weniger Befahrenen unter den Deckarbeitern waren noch zu unsicher unter uns alten Seehunden, um irgendwelchen Sprossensinn uns gegenüber zu entwickeln. Mit der Zeit kam dann doch ein Zusammengehörigkeitsgefühl heraus, das seinen Grund in der uns allen gemeinsamen Schicksalslage hatte. Wir alle waren Verwehte, wenn es auch keiner für sich zugeben wollte und immer noch auf ein Entspringen hoffte. Uns allen drohte das gleiche Schicksal der Gladiatorenopferung, was wir alle wußten, ohne es offen auszusprechen. Seeleute sprechen nicht von Schiffbruch und nicht von Untergang, das ist nicht gut. Lockt nur den Gast aufs Schiff. Aber gerade dieses wartende Wissen, dieses bebende Zählen der Tage von einem Hafen zum andern, dieses verhaltene Nichtaussprechen der Tatsache, daß, wie lange es auch immer dauern möge, wir doch mit jedem Tage näher und sicherer dem letzten Tage kommen, wo es um den brutalen Kampf, ums nackte Leben gehen würde, knüpfte uns mit einem merkwürdigen Band zusammen.
Es ging nie einer allein in den Hafen, immer zu zweien oder dreien. Seeräuber konnten nicht ein Viertel so schlimm aussehen wie wir. Wir kamen nie in Händel mit den Mannschaften andrer Schiffe. Zum Teil waren wir ihnen zu dreckig und zu zerlumpt, zum Teil hakten sie nicht ein. Wir konnten sagen, was wir wollten, sie taten, als hörten sie es nicht, tranken ihren Wein aus oder ihren Schnaps und gingen ihrer Wege. Sie waren die ehrliche Arbeiterklasse, der vierte Stand; wir waren der fünfte, der noch lange nicht dran ist, solange nicht der vierte erst einmal an der Krippe sitzt. Vielleicht waren wir gar der sechste und hatten noch ein paar Jahrhunderte zu warten.
Die vom vierten, dem ehrlichen Stand, ließen sich auch darum nicht mit uns ein, weil sie uns für Desperados hielten. Das waren wir ja auch. Uns war alles gleichgültig. Was immer auch geschah, es konnte uns nichts Schlimmeres geschehen. Also los, weg mit ihm.
Wenn wir in eine Seemannskneipe kamen, war der Wirt immer ängstlich darauf bedacht, uns nur ja recht schnell heraus zu haben, obgleich wir alles über die Kante hauten, was wir in der Tasche hatten oder im Munde, weil die Taschen zerrissen waren, oder auch im Mützenleder, wenn es noch vorhanden war. Wir waren gute Kunden, aber solange wir in der Taverne waren, ließ der Wirt kein Auge von uns und beobachtete jeden Schritt und jeden Blick. Schien es ihm, daß einer mit den Augen zuckte und einen vom ehrlichen Stand zu deutlich anguckte, ging der Wirt sofort zu dem Manne hin, der angeguckt worden war, und bearbeitete ihn, daß er das Lokal verließe. Er mußte ihn ja vorsichtig und zart behandeln, denn hätte der Betreffende gemerkt, was los war, so hätte er vielleicht doch einmal gelippt, und dann war die Appelsoße im Gange.
Wahrscheinlich hatte sich mit der Zeit durch die übermäßige Arbeit, die wir zu leisten hatten, durch die seltsame, verlorene Lage, in der wir uns alle befanden, durch die unaufhörliche Spannung vor dem krachenden Schrei der aufgebrannten Yorikke, die nicht zu den Fischen wollte, in unsre Gesichter etwas eingegraben, das alle Menschen, die nicht auf der Yorikke fuhren, mit unsagbarem Grauen erfüllte. Es mußte etwas in unsern Gesichtern und in unsern Augen liegen, das Frauen manchmal erbleichen und aufschreien machte, wenn wir unerwartet in ihren Gesichtskreis traten. Selbst Männer sahen uns scheu an und drehten und wendeten sich, um einen andern Weg zu machen, damit sie nicht an uns vorbei brauchten. Die Polizei folgte uns mit den Augen, solange sie auch nur ein Zipfelchen von uns sah. Merkwürdig war es mit Kindern. Manche fingen an zu schreien, wenn sie uns sahen, und liefen fort wie gehetzt, manche wieder blieben stehen, rissen die Augen weit auf, wenn wir vorüber kamen, manche wieder folgten uns atemlos, als hätten sie Traumgestalten verwirklicht gesehen, und manche, und das war recht seltsam, kamen auf uns zu, gaben uns die Hand, lachten uns an und sagten: „Guten Tag, Mann!“ oder „Guten Tag, Seemann!“ oder so etwas. Unter denen, die uns die Hand gaben, waren aber wieder einige, die, nachdem sie uns die Hand gegeben hatten, aufblickten mit großen Augen, uns mit offnem Munde anstarrten, dann plötzlich wegrannten und sich nicht mehr umdrehten.
Waren wir so tot, daß die Kinderseele den Tod in uns sah und fühlte? Waren wir den Kindern erschienen, als sie noch unter dem Herzen ihrer Mütter träumten? Schlang sich ein geheimnisvolles Band um uns Fortgehende und Totgeweihte und um die Kinderseelen, die gerade über die Schwelle des Lebens getreten sind und noch den Schatten des unbekannten Reiches im Bewußtsein tragen? Wir die Gehenden – sie die Kommenden, die Verwandtschaft lag im Gegensatz.
Richtig sauber gewaschen waren wir nie. Mit Sand und Asche kann man sich nicht sauber waschen. Wenn man in einem Hafen dachte, daß man ja auch Seife haben wollte, war das Geld schon weg für andre Dinge, die einem auch wichtig erschienen, Wein und Gesang und alles das übrige. Singen konnten wir auch. Es war ein Grölen und Heulen, aber niemand rief vom Fenster hinunter, daß wir ruhig sein sollten. Sie hüteten sich. Die Polizei hörte nichts und sah nichts.
Manchmal kauften wir ja auch ein Stück Seife, aber man hatte es nur einen Tag. Dann war es weg für immer. Man kann doch nicht die Seife den ganzen Tag im Munde halten, um sie zu schützen. Und weil man das Geld auch nicht dauernd im Munde halten konnte und es auch nicht gestohlen haben wollte und sich dann noch ärgern mußte, gab man es aus. Das einfachste Ding von der Welt.
Es kam vor, daß wir uns rasieren ließen, wenn wir daran dachten, solange wir noch Geld hatten, oder wenn wir zufällig in eine Schaufensterscheibe guckten und uns selber nicht mehr kannten. Denn einen Spiegel hatten wir nicht. Das war gut, so wußte keiner, wie er selbst aussah im Gesicht. Es war ja immer der andre, der so fürchterlich aussah, daß die Frauen aufschrien und sich in den Häusern versteckten. Nicht rasiert, das Gesicht rot und verschrammt von dem Sand und der Asche, die nackten Arme voll Brandnarben und die Kleidung versengt, verbrannt, zerrissen, verlumpt.
Nach einem englischen, französischen, deutschen, dänischen oder holländischen Hafen gingen wir nie. Da hatten wir nichts zu suchen. Immer an den Küsten Afrikas oder Syriens. Nur selten gingen wir in Spanien oder Portugal an einen Kai, meist blieben wir draußen auf der Reede liegen und nahmen die Ladung von Leichtern und von Booten über. Der Skipper mochte wohl wissen, warum er in manchen Häfen nicht an den Kai ging, sondern sich auf Reede vor Anker legte. Dann signalisierte er nach einem Boot und fuhr hinein zum Hafen, um die Papiere in Ordnung zu bringen beim Konsul oder bei den Hafenbehörden.
Wir gingen unsre eignen Wege. Es gibt keine Totenschiffe. Das sind Dinge der Vorkriegszeit. Es gibt keine, weil man sie in einem Hafen, in einem bekannten Hafen nicht sieht. Sie sind da draußen in der Ferne, wo jede Bucht ein Hafen ist, wenn ein Schuppen hingebaut wird. In den chinesischen Gewässern, in den indischen, in den persischen, den malaiischen, an den Küsten des südlichen und östlichen Mittelmeeres, an den Küsten Madagaskars, an den Westküsten und Ostküsten Afrikas, an den Küsten Südamerikas, in der Südsee. Platz genug für alle und für ein paar Tausend mehr. Sowenig wie man je alle Vagabunden von den Landstraßen der Erde wird vertreiben können, weil ja auch ganz anständige Leute darunter sein mögen, die eben gerade nur mal knapp bei Gelde sind, ebensowenig wird man die Totenschiffe von den sieben Meeren vertreiben können. Wer sie suchen wollte, findet sie nicht. Es gibt ja dreimal mehr Wasser auf der Erde als Land; und wo Wasser ist, da ist auch eine Straße für ein Schiff, aber wo Land ist, da ist noch lange nicht eine Straße für einen Vagabunden.
Die Yorikke hätte nie jemand gefunden. Sie hatte einen Skipper, der sich aufs Handwerk verstand. Er konnte mit Fürsten umgehen, sie würden ihn für ihresgleichen gehalten haben. Kam jemand irgendetwas verdächtig vor, er schlug die Geschicktesten. Seine Papiere waren immer in Ordnung, soweit sie sich auf die Yorikke und auf ihren Mageninhalt bezogen. Kein zehnmal konzessionierter und überwachter Postdampfer konnte bessere Papiere zeigen. Und das Journal? Es stimmte auf die Minute.
Da kam mal ein spanisches Kriegsboot auf, als wir noch innerhalb der Seegrenze waren. Das Boot suchte. Jedes Kind wußte, daß Corned Beef mit Knochen ein gutes Geschäft ist.
Das Boot signalisierte, aber der Skipper pfiff drauf. Dann feuerte das Boot den Stopper. Und Yorikke stoppte. Es hatte nicht mehr gelangt. Sie war noch drin. Na, solche Boote machen sich ja nichts draus. Sie versuchen auch außerhalb der Grenze zu picken. Der Skipper muß vor Gericht beweisen, daß er nicht mehr drin war, sondern schon anderthalb Seemeilen raus. Soll er mal beweisen, das ist nicht so einfach. Es steht kein Grenzpfahl im Wasser. Die Rumjäger in den States kennen überhaupt keine Seegrenze. Manchmal glückt es dem Skipper aber doch, zu beweisen, daß er raus war. Na, dann wird eben bezahlt. Und eine halbe Stunde drauf wird es woanders schon wieder versucht. Nur der Mensch, der kleine, der muß das Gesetz achten, der Staat braucht das nicht. Er ist die Allmacht. Der Mensch muß Moral haben, der Staat kennt keine Moral. Er mordet, wenn er es für gut befindet, er stiehlt, wenn er es für gut befindet; er raubt die Kinder von den Müttern, wenn er es für gut befindet; er zerbricht die Ehen, wenn er es für gut befindet. Er tut, was er will. Für ihn gibt es keinen Gott im Himmel, an den zu glauben er den Menschen bei Leib- und Lebensstrafe zwingt, für ihn gibt es keine Gebote Gottes, die er den Kindern mit dem Knüppel einbläuen läßt. Er macht sich seine Gebote selbst, denn er ist der Allmächtige und der Allwissende und der Allgegenwärtige. Er macht sich die Gebote selbst, und wenn sie ihm eine Stunde darauf nicht mehr zusagen, übertritt er sie selbst. Er hat keinen Richter über sich, der ihn zur Rechenschaft zieht, und wenn der Mensch anfängt, mißtrauisch zu werden, dann fuchtelt er ihm mit der Flagge Rot-Weiß-Blau-Hurra-Hurra-Hurra vor den Augen herum, daß der Mensch ganz duselig wird, und brüllt ihm ins Ohr: „Haus und Herd – Weib und Kind“ und bläst ihm in die Nasenlöcher den Rauch: Blick auf deine ruhmreiche Vergangenheit. Und dann plappern die Menschen alles nach, weil der Allmächtige sie in ausdauernder Arbeit zu Maschinen und Automaten gemacht hat, die ihre Arme, Beine, Augen, Lippen, Herzen und Gehirnzellen genau so bewegen, wie es der allmächtige Staat haben will. Das hat nicht einmal der allmächtige Gott zuwege gebracht, und der konnte doch auch etwas. Aber diesem Ungeheuer gegenüber ist er nur ein armer Stümper. Seine Menschen handelten ganz selbständig, sobald sie erst einmal ihre Arme und Beine bewegen konnten. Sie liefen ihm davon, achteten seine Gebote nicht, sündigten wie toll und setzten ihn endlich ab. Bei dem neuen allmächtigen Gott haben sie es schwerer, weil er noch zu jung ist, und weil sie noch nicht wagen, ihm auf die Füße zu treten und den Apfel vom Baume zu reißen.
Wir stoppten. Blieb uns ja nichts andres übrig. Er hätte uns sonst hochgeblasen. Und dann kamen sie rauf.
„Möchten die Papiere sehen. Ja, danke, die sind in Ordnung. Wir dürfen doch wohl einmal überprüfen. Wir halten Sie nicht auf. Ein paar Minuten nur.“
„Bitte, bitte, meine Herren, aber nicht zu lange. Ich habe Verspätung, oder ich muß Ihre Regierung haftbar machen.“ Der Skipper lacht. Wie der Mann zu lachen verstand. Mit seinem Lachen, das so halb ironisch, so halb ungemein lustig war, leerte er alles aus, was da noch verdächtig sein konnte.
Die guten Leute hatten etwas von Corned Beef mit Knochen vernommen. Wie Ameisen krochen sie in dem Laderaum herum und suchten Corned Beef von Chikago. Und der Skipper lachte und lachte.
Es war kein Corned Beef da. In der Galley waren ein paar Büchsen. Zum Hausgebrauch für das Mitschiff.
Aber da war Kakao. Holländischer, garantiert reiner, entölter, Van Houtens. Kisten und Kisten voll. Aller Kakao in Blechbüchsen. Damit das Aroma nicht verlorengeht.
Der Untersuchungsoffizier tippte auf eine Kiste, die ganz mitten drin lag. Die Kiste kam hoch. Er lief sie öffnen.
Und der Skipper lachte. Und der Offizier wurde nervös. Er wollte es nicht merken lassen, aber er konnte es nicht verbergen. Das Lachen machte ihn halbverrückt.
Schöne große Büchsen. Alle mit Etiketten verklebt. Der Skipper trat an die Kiste, nahm eine Blechbüchse heraus und reichte sie dem Offizier zu, während er seinem Lachen einen ganz unterstrichnen sarkastischen Ton gab. Der Offizier sah den Skipper an, dann sah er die Büchse an und nun trat er mit einem schneidigen Schritt auf die offene Kiste zu und nahm sich selbst eine Büchse heraus, gleich neben der Lücke. Er riß das Etikett hastig ab und öffnete die Büchse. – Kakao.
Der Skipper schüttelte sich vor Lachen.
Plötzlich fiel dem Offizier wieder das Corned Beef mit Knochen ein und er schüttele den Kakao aus der Büchse völlig aus.
Kakao. Da war nichts andres drin. Nichts als garantiert reiner entölter Van Houtens Kakao.
Aber der Offizier, zitternd vor Nervosität, nahm jetzt dem Skipper die Büchse aus der Hand, riß das Etikett ab, hob den Blechdeckel ab und da war – Kakao. Er steckte den Deckel wieder auf und gab die Büchse dem Skipper mit einem „Danke!“ zurück.
Was in dem Skipper vorging, als ihm der Offizier die Büchse aus der Hand nahm, weiß nur er allein. Aber er lachte, daß man es drüben auf dem Kriegsboot, das beigedreht hatte, hören konnte.
Der Offizier entschuldigte sich, gab das Revisionsdokument, in das er das Zeichen der geöffneten Kiste einschrieb mit der Quittung für die beiden verdorbenen Büchsen Kakao, stieg mit seinen Leuten in die Schaluppe und setzte ab zu seinem Boot.
Als er abstieß, rief der Skipper rüber zur Galley: „Koch, heute abend Kakao für die Mannschaft und Rosinenstollen.“
Dann ging er näher zur Kiste, suchte eine Weile herum, bis er fand, was er haben wollte, nahm die gewünschte Büchse heraus und übergab sie dem Koch. Dann ließ er die Kiste wieder zunageln und verstauen.
Ich hatte auf Deck gestanden, als dies geschah. Und da man Gelegenheiten nie verpassen soll, so machte ich mich nachts gleich daran, ein paar Blechbüchsen Kakao flottzumachen. Im nächsten Hafen brachten sie immer ein paar Schillinge ein, oder man konnte sie für Tabak eintauschen.
Fünf zog ich ab und verstaute sie im Bunker.
Bei der Ablösung sagte ich zu Stanislaw: „Hast du schon mal an den Kakao gedacht? Ehrliches Handwerk. Ein paar Schillinge sind drin.“
„Da ist kein Schilling drin. Wenn es Kakao wäre. Aber es sind ja Kakaobohnen, und wenn du nicht die passenden Kakaomühlen dazu verkaufen kannst, kriegst du nicht einen roten Penny dafür.“
Das kam mir verdächtig vor. Stanislaw hatte also schon an das Handwerk gedacht. Wahrscheinlich schon eine Kiste aufgehabt, als die zweite noch am Lademast hing.
Ich kletterte sofort rauf in den Bunker und machte eine Büchse auf. Stanislaw hatte recht. Es waren Kakaobohnen. Sehr harte, mit Messinghülsen. In der zweiten Büchse, dasselbe. In der dritten, vierten, fünften: dasselbe. Ich machte sie wieder schön zu und packte sie zurück in die Kisten. Für arabische und marokkanische Kakaobohnen hatte ich kein Interesse; die passenden Mühlen, falls wir sie an Bord hatten, hätte ich ja doch nicht sicher heruntergekriegt.
Nur der Skipper war fähig, Kakaobohnen in Kakaopulver zu verwandeln. Er konnte es auf zwei Arten. Er konnte das Wunder vollbringen dadurch, daß er die Blechbüchse in der Kiste ließ, er konnte es aber auch dadurch, daß er die Büchse in die Hand nahm. Er war ein Meister in der schwarzen Magie, yes, Sir.
42
Wir machten Tripolis und hatten verteufelt schweren Seegang. Wir wurden im Kesselraum hin und her gepfeffert, und in den Bunkern war es noch schlimmer. Ich betrachtete mir, wenn ich mal ein wenig zum Verschnaufen im Kesselraum auf einem Kohlenhaufen saß, zuweilen das kleine Glasröhrchen, das einen erwachsenen Seemann so martervoll verschlucken kann, wenn es dazu in der Laune ist. Dabei legte ich mir die Frage vor, ob ich das Rohr abdrosseln würde, wenn das Röhrchen zum Tanzvergnügen geht.

Natürlich sagte ich nein. Aber wer kann sagen, was er tun wird, wenn die Frage nicht gestellt wird, sondern wenn die Frage entschieden werden muß und man gar nicht daran denkt, daß die Frage überhaupt existiert? Der Heizer kann ja drunter liegen und kann nicht mehr allein fort. Meinen Heizer im Stich lassen, daß er mir mein ganzes Leben hinterher schreit: „Pippip! Pippip! Ich verbrühe! Hol mich raus, Pippip! Ich kann nicht sehen, meine Augen sind rausgebrüht, Pippip, schnell, es ist gleich vorbei! Pip–pip–p–“
Na, nu laß mal da deinen Heizer liegen. Da gehst du eben, auch wenn du weißt, ihr bleibt beide da liegen.
Vielleicht gehe ich auch nicht. Warum? Mein Leben ist auch etwas wert. Mein Leben –
„Pippip, Schlepp, spring Back, nicht gucken, Backbord und her!“
Der Heizer brüllt es, daß er das Hämmern der Maschine überkreischt.
Ohne aufzugucken, mache ich einen Satz rüber nach Backbord und falle dort in die Knie, weil ich über das Schüreisen falle, das im Wege liegt. Gleichzeitig erfolgt ein Krach und ein Rasseln, das betäubend ist.
Unter seinem schwarzen dicken Kohlenstaub, den er im Gesicht hat, sehe ich, daß der Heizer ganz bleich ist. Auch Tote können noch erbleichen. Ich klaube mich auf mit zerschundenen Schienbeinen und aufgeschlagenen Kniescheiben und drehe mich um.
Die Aschenhuze, die Aschenführung, ist runtergekommen.
Diese Aschenführung ist ein runder Blechkanal, wie ein großer Blechschornstein, mit einem Durchmesser von etwa einem Meter. In ihm werden die Aschkannen hochgehievt, damit sie nicht hin und her schlenkern können, sondern oben in den Aushebeschacht geführt werden.
Die Huze hängt weit in den Kesselraum hinein bis etwa neun Fuß über dem Boden. Oben ist sie an einen Kranz festgenietet. Sie ist sicher dort an den Nieten durchgerostet, und jetzt bei dem Wetter hat sie den Rest bekommen und ist abgebrochen. Wo will sie hin? Sie muß in den Kesselraum. Sie ist senkrecht fallendes, sehr starkes Eisenblech und hat hundert Kilo oder mehr. Schneidet den Kopf und den ganzen Körper der Länge nach durch. Geht wie mit dem Rasiermesser. Oder schlägt den Arm ab und nimmt die eine Schulter mit. Wenn sie Gnade übt, nur den halben Fuß. Wer denkt an die Aschenhuze, daß die einmal abrosten könnte am Kranz. Sie hängt seit der Zerstörung Jerusalems da drin und ist nie runtergefallen. Die ganzen vielen Jahrhunderte nicht. Und nun mit einemmal fällt es ihr ein, runterzukommen.
Seemannslos. Arbeiterlos. Deine Schuld. Geh zur rechten Zeit drunter weg, dann kann dir nichts passieren.
Hallo, Heizer, da bin ich ja nochmal mit einem Sprung davongekommen. Gleich beim ersten Schrei: „Schlepp, Back!“ gesaust wie ein Affe. Nicht erst lange gedacht, was los ist. Die Yorikke entwickelt die Instinkte, sie hält einen in Form.
„Ja, Heizer, verflucht nochmal, das war ein Sprung zur rechten Zeit.“
Danke! ist nicht. Wozu? Morgen dir, übermorgen Stanislaw. Wer weiß, wen die nächste Kugel trifft. Wir sind im Kriege. Kopp weg. Aber ehe du es hörst, ist er schon weg, der Kopp. Der Rest bleibt liegen. Wird nicht bezahlt. Über Bord. Klumpen Kohle ans Bein. An die Mütze getippt. Grabmusik: „Nun haben wir wieder keinen Schlepp.“
Das Glasröhrchen ist heil. Es hat sein Opfer. Der Aschenhuze hat der Heizer den Spaß verdorben. Aber dafür wartet die Rache. Was ist das nächste Glasröhrchen? Wer ist der Nächste? Junge, zieh dir den Gürtel fest. Da ist Warnung in der Luft. Warnung für dich. Es schwirrt der Gast herum, er kriecht in den Winkeln und lauert in den Ecken. Beim nächstenmal macht er bessere Arbeit und läßt nicht gerade den Heizer zufällig nach oben blicken, daß er sieht, wie sich erst die eine Hälfte am Kranz löst und dann die andre. Beim nächstenmal ist es vielleicht das Brett da oben, auf dem du rüberbalancierst zur Bunkerluke.
Mein Junge, ich glaube, du steigst am besten aus in Tripolis. Wenn du auch tot bist, man macht doch gern noch manchmal einen Spaziergang aus den Gräbern und sieht, was draußen los ist, weil man sich so rasch an die stickige Luft im Grabe nicht gewöhnen kann. Mußt ja wieder rein ins Grab oder in ein Totenschiff, aber hast doch eine Nase voll frischer Luft mitgenommen und beim zweiten Male geht es schon besser. Aber Tripolis war nichts mit Aussteigen. Wir konnten keinen Schritt tun ohne Bewachung. Beim geringsten Versuch, achtern abzubleiben, hätten sie uns gepackt und zurückgebracht. Hätten dem Skipper eine Kostenrechnung gemacht, und er hätte sie von der Heuer abgezogen. Es war auch nichts in Syrien. Man konnte nicht abkanten. Wir waren freie Männer, freie Seeleute. Durften in die Häfen gehen, durften in den Kneipen rumsaufen, durften tanzen und unser Geld verspielen oder es uns aus den Taschen räubern lassen. Alles durften wir tun, weil wir ja freie Seeleute und keine Sträflinge waren. Aber sobald Yorikke das Blaue Peterlein flattern ließ, und man drückte sich auffällig weit vom Kai oder von den Molen herum oder gar in verschnörkelten Gäßchen und dunklen Winkeln, da hatte einen auch schon einer am Arm:
„Monsieur, s’il vous plaît, Ihr Schiff wartet, wir werden Sie begleiten, damit Sie nicht den Weg verfehlen.“
Und war man dann erst wieder drauf auf der Yorikke, hatten sie das Recht, draußen am Kai zu stehen und einem das abermalige Verlassen des Bootes zu verbieten, denn Blau Peterlein flatterte, und das hieß, nun hat die Freiheit wieder mal ein Ende.
Stanislaw hatte schon recht gehabt: „Kommst nicht mehr runter. Und wenn du kommst, die kriegen dich und stecken dich auf einen andern Toteneimer, der vielleicht noch schlimmer ist. Denn die Toten nehmen dich immer wieder auf, auch aus den Händen der Polizei. Mit Dank. Drücken dem Engelmacher noch zehn Schillinge in die Hand dafür. Füttern dich sogar, bis sie dich auf ein andres Totenschiff, das hereinkommt, verkaufen können. Müssen dich doch los werden. Können dich doch nicht nach der Heimat deportieren, hast ja keine.“
„Da brauche ich doch aber nicht raufzugehen.“
„Mußt rauf. Der Skipper sagt, er hat dich gezeichnet, auf Handschlag. Dir glaubt man nichts, dem Skipper glaubt man. Er ist ja ein Skipper und hat eine Heimat, wenn es auch nur selbst eine geschwindelte ist und er selber nicht mehr heim darf. Aber er ist der Skipper. Mußt rauf. Er hat dich gemustert. Hat dich nie gesehen. Aber auf Handschlag gemustert. Mußt rauf. Bist Deserteur.“
„Aber, Stanislaw, nun rede mal klar. Da gibt es doch noch Recht“, sagte ich, weil ich glaubte, er übertreibt.
„Das ist doch schon mein viertes. Es ist dein erstes. Und ich bin durch mit allen Zipfeln.“
„Man kann dich doch nicht zwingen. Ich bin doch freiwillig auf die Yorikke gekommen“, wandte ich ein.
„Ja, das erstemal kommt man halb freiwillig. Aber hättest du deine Sachen alle klar gehabt, wärst du nicht freiwillig gekommen. Wenn du deine Sachen in Ordnung hast, kann dir niemand mit solchem Zimt kommen, wie Handschlag, Deserteur und so. Da sagst du, du willst zum Konsul. Da müssen sie dich gehen lassen und können mitkommen. Wenn der Konsul sagt, daß er dich annimmt, daß er dich anerkennt, müssen sie abziehen. Da ist nichts von Handschlag, da heißt es zu dem Skipper: ‚Wer sind Sie? Wann wurde das Schiff zum letztenmal inspiziert? Wie sind die Gebührnisse für die Mannschaft, Essen, Löhnung, Quartiere?‘ Da zuppelt er ab, der Skipper und sagt nichts mehr von Handschlag. Kannst du zum Konsul gehen? Hast du Papiere? Hast du ein Vaterland? Na also. Können sie mit dir machen, was sie wollen. Glaubst du nicht? Steig aus, versuche es.“
„Hast du denn dein dänisches Heuerbuch nicht mehr?“ fragte ich Stanislaw.
„Eine Frage! So eine dumme Frage! Wenn ich das noch hätte, wäre ich doch nicht hier. Ich hab’s doch gleich für zehn Dollar verkauft, als ich den schönen Paß in Hamburg kriegte. Auf einen Dänen darf er nicht damit gehen, auch nicht zu einem dänischen Konsul. Der nimmt es ihm gleich ab, weil es angemeldet ist; es ist doch ein Schwimmer. Lebt doch nicht mehr. Aber für kleine Verhältnisse ist es hundert Dollar wert. Wenn ich es nur hätte. Hab mich doch auf meinen eleganten Paß verlassen. War doch wie eine Festung, so gut und so sicher. Kerngesund. Echt bis auf die Pupille. Besser als zehn Eide. Konnte von der ganzen Erde aus angeklingelt werden in Hamburg, ohne Murren. Bloß die Nummer gewinkt. Schon war die Antwort da: Paß ist klar wie ein Diamant. Aber er war doch bloß Gipsfront. Hatte bloß ein schönes Gesicht und nichts dahinter.“
„Warum hast du es denn nicht noch woanders damit versucht?“
„Habe ich doch, Pippip. Denkst du denn, ich laß so einen eleganten Schwenker gehen, ohne ihn ein halbes Dutzend mal anzuziehen und zu sehen, ob er nicht doch noch paßt? Ich hatte doch auch einen Schweden. Da sind wir gar nicht erst bis zum Konsul gekommen. Der Skipper nahm ihn, guckte rein und sagte gleich: „Nichts zu machen mit uns. Ich werde Sie nicht mehr los.“
„Die Deutschen hätten dich doch aber genommen“, sagte ich nun.
„Zuerst einmal zahlen die ja hundemäßig. Damals wenigstens. Was sie heute zahlen, weiß ich nicht. Ich hätte auch gern einen genommen. War mir ja egal. Aber wenn du da ankamst, gleich sprangen sie dir ins Gesicht: ‚Nehmen keine Pollacken. Pollacken raus. Freßt oberschlesische Steinkohle. Könnt ja euren Pollackenrachen nicht voll kriegen.‘ Und lauter solche Sachen. Das wäre dann die ganze Fahrt so gegangen. Auch wenn ich hätte mustern können. Die andern, die Mannschaften sind ja noch zehnmal schlimmer, noch zehnmal verhetzter. Hältst du gar nicht aus. Geht vom frühen Morgen bis zum Abend: ‚Saupollack. Dreckpollack. Mistpollack. Wollt ihr nicht auch noch Berlin einsacken, ihr Pollackenschweine?‘ Hältst du nicht aus, Pippip. Gehst über die Reeling. Dann schon lieber Yorikke. Da schmeißt keiner dem andern seine Nationalität vor, weil keiner mehr eine Nationalität hat, mit der er protzen kann.“
So verging ein Monat nach dem andern. Ehe ich es mir versah, war ich vier Monate auf der Yorikke. Und ich hatte gedacht, ich könnte dort keine zwei Tage leben.
43
Lasset uns Menschen machen ein Bild, das uns gleich sei, und lasset uns ihnen die Fähigkeit geben, zu glauben und sich zu gewöhnen, damit sie uns nicht eines Tages absetzen. Yorikke war erträglich geworden. War eigentlich doch ein ganz feines Schifflein. Das Essen war gar nicht so schlecht, wie es schien. Es gab ja hin und wieder Nach-Sturm-Frühstück. Auch schon mal Kakao mit Rosinenstollen. Und zuweilen ein halbes Wasserglas Kognak oder ein volles Wasserglas Rum. Manchmal gab der Koch sogar ein halbes Kilo Zucker extra her, wenn man ihm schöne Nußkohle für die Galley aus den Bunkern klaubte.

Der Dreck in den Quartieren war zu ertragen. Wir hatten ja keine Bürste und keinen Feger. Wir fegten mit einem Sacklumpen. Seife hatten wir ja auch keine. Und wenn wir uns ein Stück kauften für den persönlichen Gebrauch, werden wir es doch nicht aufbrauchen für Reinquartier. Wir waren doch nicht verrückt.
Die Bunk war auch gar nicht so hart, wie sie erst erschien. Ich hatte mir aus Putzwolle ein Kissen zurecht gemacht. Wanzen? Gibt es auch anderswo. Nicht nur auf der Yorikke. Es war ganz gut zu ertragen. Es sah auch niemand mehr so dreckig aus und so zerlumpt, wie in den ersten Tagen. Auch die Eßgeschirre waren nicht mehr so schmierig.
Mit jedem Tag war alles ein klein wenig sauberer und besser und erträglicher geworden. Wenn Augen sehr lange dasselbe sehen, sehen sie es nicht mehr. Wenn müde Glieder jeden Tag auf demselben harten Holze ruhen, schlafen sie bald wie auf Daunen. Wenn die Zunge jeden Tag dasselbe schmeckt, weiß sie nicht, wie andres wohl schmecken mag. Wenn alles rundherum kleiner wird, sieht man nicht, wie man zusammenschrumpft, und wenn alles dreckig ist, was einen umgibt, sieht man nicht, wie dreckig man selbst ist.
Die Yorikke war recht erträglich. Mit Stanislaw konnte man sich gut unterhalten. Er war ein kluger und intelligenter Junge, der viel gesehen und alles mit ganz klaren Augen gesehen hatte, und der sich das Hirn nicht so leicht verkleistern ließ. Mit den Heizern konnte man auch sprechen. Wußten auch dies und jenes Neue zu erzählen. Die Deckarbeiter waren auch keine verblödeten Dummköpfe. Dummköpfe kamen nie zu den Toten und nur selten Durchschnittsmenschen. Denn die haben immer alles schön in Ordnung. Die können nie über die Mauer fallen, weil sie nie hochklettern, um zu sehen, wie es auf der andern Seite wohl aussehen mag. Die glauben, was man ihnen darüber erzählt. Die glauben, daß auf der andern Seite der Mauer Mordbrenner sitzen. Die Mordbrenner sitzen immer auf der andern Seite der Mauer. Und wer das nicht glaubt und einmal nachsehen will, ob es wahr ist, auf die Mauer klettert und dabei runterfällt, dem geschieht es ganz recht, daß er draußen bleibt. Und wenn er schon auf die andre Seite will, um den Mordbrennern die überflüssigen Hosenknöpfe zu verkaufen, dann soll er wenigstens durch das Tor gehen, damit man sieht, wer es ist, und damit der Nachtwächter, der über der Haustür den Adler und die Fahnenstange hat, damit man auch gleich weiß, daß er der Nachtwächter seines Landes ist, das Trinkgeld nicht einbüßt. Wer kein Trinkgeld bezahlen kann und keinen Zettel in der Tasche hat, auf dem abgestempelt wurde, daß er der Sohn seiner Mutter ist, soll daheim bleiben. Freiheit ja, aber muß abgestempelt sein. Freizügigkeit der Erdenbewohner ja, aber nur mit Zustimmung der Nachtwächter. Vier Monate Heuer hatte ich beim Skipper stehen. Hundertzwanzig oder einige mehr Pesetas Vorschuß gingen ab. Blieb ein ganz hübsches Sümmchen übrig. War auch dann noch ein ganz nettes Sümmchen, wenn es in Pfunde umgerechnet wurde.
Umsonst wollte ich nun auch nicht gerade gearbeitet haben und das Geld dem Skipper schenken. Und so hatte er mich nur um so fester. Aber wo und wann und wie abmustern? Gab es doch nicht. In keinem Hafen wurde die Abmusterung bestätigt. Keine Papiere, kein Heimatsland. Werden den Mann nie wieder los. Kann nicht abmustern.
Es gab nur eine Abmusterung. Die Gladiatorenabmusterung. Abzeichnung auf dem Riff. Abzeichnung bei den Fischen. Kam man klar, dann flog man auf eine Küste. Da konnten sie einen nicht gleich wieder ins Wasser fegen. Schiffbrüchiger. Es regt sich das Mitleid der Menschen, besonders derer, die in Küstenstrichen wohnen. Mit Toten gibt es kein Erbarmen, mit Schiffbrüchigen ist es etwas andres.
Dann muß sich ja auch der Nachtwächter der Flagge melden, unter der man aufs Riff ging. Er zahlt nicht für den Mann, er zahlt für den Rapport, damit die Versicherung besser geölt wird. Denn wenn der Rapport nicht einläuft, dann kommt die Verschollenwartezeit, und das bedeutet einen erheblichen Zinsverlust. Wenn der Rapport da ist und das Mitleid mit dem Schiffbrüchigen eingetrocknet ist, dann wandert man wieder zu den Toten. Erst ganz langsam, dann schneller und immer schneller. Die Kompanie ist für den Mann haftbar und sie ist verantwortlich für seine Fortschaffung. Wohin mit ihm? Kein Skipper will ihn haben. Er wird ihn nicht mehr los. Auf ein Totenschiff. Er will nicht, weil er genug hat, vom letztenmal. Handschlag, versuchte Desertion, zehn Schilling in die Hand, Blaues Peterlein, rauf. Guten Morgen, da wären wir wieder.
Die Fische können warten. Er kommt. Einmal kommt er. Er kommt, entweder mit dem Glasröhrchen oder mit der Aschenhuze oder mit einer Kohlenlawine im Bunker oder mit dem Riff. Aber er kommt. Er kann nicht pensioniert werden oder ein Weib nehmen und einen kleinen Bootshandel anfangen. Er muß immer wieder in die Arena. Bis er es vergißt, daß er in der Arena ist, yes, Sir ...
Nun lagen wir in Dakar. Ein durchaus anständiger Hafen. Nichts gegen ihn einzuwenden.
Kesselreinigen. Kesselreinigen, wenn die Feuer unter dem zu reinigenden Kessel nur gerade einen knappen Tag aus sind und der Nachbarkessel unter Dampf bleibt. Und dieses Vergnügen in einer Gegend, wo man sagt: „Guck mal da rüber, wo die grünen Zaunpfähle stehen mit dem großen A dran, das ist der Äquator, kannst auch sagen Mittagslinie, dann mußt du aber das A abschrauben und ein Messingschild anhängen mit dem großen M drauf. Aber ob du nun Mittagslinie sagst oder Äquator oder überhaupt nichts, es ist immer egal heiß und glühend. Wenn du den Äquator anfaßt, die Hand ist sofort weg, wie abrasiert, bloß noch ein paar Krümelchen Asche sind übrig. Wenn du ein Stück Eisen auf den Äquator legst, schmilzt das wie Butter. Wenn du zwei Stück zusammenhältst, die schweißen autogen. Glatt ohne Naht, brauchst bloß drücken.“
„Weiß ich,“ sagte Stanislaw, „wir sind mal rübergefahren über den Äquator, da war es gerade Weihnachten. Da war doch der immer noch so heiß, daß du die dicken eisernen Bordwände man bloß so mit dem Finger durchbohren konntest. Brauchtest gar nicht bohren. Bloß so mit dem Finger antippen, da war schon ein Loch drin. Wenn du gegen die eiserne Bordwand spucktest, flog die Spucke durch wie nichts, war gleich wieder ein Loch. Der Skipper sah das von der Brücke und schrie: ‚Ihr wollt wohl hier ein Kaffeesieb aus dem Schiff machen. Sofort die Löcher wieder zugemacht.‘ Und da wischten wir so ein klein wenig mit der Hand rüber oder mit dem Ellbogen und da waren die Löcher wieder zu. Es war ja gerade so weich wie Kuchenteig. Die eisernen Masten hatten sich ganz umgebogen, so wie ein langes Wachslicht, das du auf einen heißen Kochherd stellst. Es war eine Schweinerei, bis wir sie wieder gerade hatten. Mit dem Äquator darf man nicht spaßen.“
„Ganz gewiß nicht,“ gab ich zu, „darum hat man ja zu beiden Seiten des Äquators rund um die Erde einen Lattenzaun gemacht mit Warnungsschildern dran. Kannst du ja schon auf der Landkarte sehen, den Zaun. Ihr habt den dummen Fehler gemacht, ihr seid drüber weggefahren. Wir waren schlauer. Wir sind durch die Unterwassertunnel drunter hergefahren. Da ist es schön kühl. Merkst gar nicht, daß du unter dem Äquator herfährst.“
„Die Äquatortunnel kenne ich. Aber die Kompanie wollte nicht die Tunneldurchfahrtkosten bezahlen. Die berechnen pro Tonne einen Schilling Tunnelkosten. Wie geht es denn da rein in den Tunnel?“
„Aber Mensch, das ist doch ganz einfach,“ erwiderte ich, „da ist ein großes Loch im Meer und da geht das Schiff eben rein, mit dem Bug zuerst, fährt durch und kommt an der andern Seite wieder raus, da ist auch so ein Loch im Wasser.“
„Ist tatsächlich ganz einfach,“ gab Stanislaw zu, „das hätte ich mir viel komplizierter gedacht. Ich habe gedacht, das Schiff wird in eine Art Taucheranzug gesteckt und dann runtergezogen. Unten ist eine Maschine, die da zieht, und dann geht es unten lang auf Zahnradschienen und an der andern Seite wird das Schiff dann wieder hochgezogen.“
„So hätte man das natürlich auch machen können,“ sagte ich, „aber das ist zu umständlich. Könnten sie auch gar nicht machen für einen Schilling die Tonne.“
„Zum Kreuzdonnerwetter nochmal, wird das Geschwätze da drin im Kessel nun bald aufhören oder nicht“, schrie der Zweite Ingenieur in den Kessel, während er den Kopf zum Mannloch durchsteckte. „Wenn da in einem fort erzählt wird, kann der Kessel nicht rein werden.“
„Komm doch rein, du Hund, wenn du den Hammer an den Schädel haben willst.“ Ich schrie es wie wild, halbverrückt von der Hitze. „Klopp dir den Kessel allein, du Roßtäuscher, du verfluchter. Dir werde ich ja überhaupt noch was erzählen.“
Ich wollte ja gern, daß er mich rapportiert und daß ich rausgefeuert werde. Dann hätte ich ein Quittungsbuch kriegen müssen und mein Geld. Aber dazu waren die ja viel zu schlau. „Ebenso wie die Offiziere im Kriege. Kann man noch so beleidigen und in die Fresse hauen, melden dich nicht,“ sagte Stanislaw, „haben dich lieber draußen als daß du im Gefängnis im Trocknen sitzt.“
Kesselreinigen am Äquator, wenn das Feuer nur knapp einen Tag gelöscht ist und der Nachbarkessel unter Dampf liegt. Meine Herren! Wer nie sein Brot mit Tränen aß, der trinkt es jetzt wie Himbeerlimonade. Wir saßen nackt drin, aber die Wände waren so glühend heiß, daß wir uns anziehen mußten und dicke Polster aus Sacklumpen unter die Knie zu legen hatten, um nicht anzubrennen.
Dann klopfen. Und was der Kesselstein für einen Staub macht. Das ist, als ob man die Lunge, den Schlund, die Kehle mit Glas abkratzt. Wenn man den Mund bewegt, knirscht es zwischen den Zähnen, als ob man Sand mahlt, und es kriecht einem am ganzen Rückenmark ein entsetzliches Empfinden hoch, als würde das Rückenmark von einem Ende aus herausgebohrt.
Der Kessel ist an sich schon nicht allzu geräumig. Nun liegen auch noch die Feuerzüge drin, und man muß auf dem Rücken liegen, auf dem Bauche, um überall hinzukommen. Wie eine Schlange windet man sich in den Zügen herum. Wo man mit der bloßen Hand hinfaßt, ist es so heiß, als fasse man auf eine heiße Herdplatte.
Dann springt einem Kesselstein in die Augen. Und das harte scharfe Körnchen bereitet einem Schmerzen, daß man glaubt, wahnsinnig zu werden. Dann wird es mit dreckigen und schweißigen Händen herausgefischt und das Auge rötet sich von den Martern, die man ihm angetan hatte. Eine Weile geht es gut, und ratsch: wieder ist ein scharfer Splitter drin, und die Marter geht von neuem los.
Schutzbrillen? Die kosten Geld. Für solchen Unfug hat die Yorikke kein Geld. So wurde es vor tausend Jahren gemacht, und so wird es heute gemacht. Meist sind die Brillen auch nicht viel wert. Entweder man sieht nichts durch oder sie drücken oder der Schweiß läuft einem zwischen die Plüschdichtungen und frißt sich in die Augen.
Hätte man elektrische Lampen gehabt, wäre das ja eine kleine Erleichterung. Aber nun die Lampen aus Karthago. In fünf Minuten ist der Kessel schwarz und dick von Rauch. Aber es muß geklopft werden.
Und die Hämmer dröhnen innerhalb des Kessels, als ob tausend Donner einem unmittelbar auf das Trommelfell pauken. Es ist keine federnde Resonanz, sondern ein hart vibrierendes gell-kreischendes Pochen.
Fünf Minuten, dann müssen wir raus, um Luft zu holen. Wir kochen in Schweiß, die heißen Lungen fliegen und flattern, das Herz tobt, als wollte es die Brust durchsprengen, und wir zittern in den Knien.
Luft, nur Luft. Koste es, was es wolle. Und wir stehen in der Meeresbrise, die auf uns wirkt, als wäre sie ein Schneesturm in Saskatchewan. Ein breites hartes Schwert stößt durch unsern Körper in seiner ganzen Länge. Wir frieren und beben und sehnen uns zurück in die heiße Glut des Kessels.
Wieder fünf Minuten, und wir schreien: Luft. Alle drei, die wir drin sind, drängen wir an das kleine Mannloch, durch das wir uns zwängen müssen. Nur einer kann zu gleicher Zeit durch und muß sich wie eine Katze drehen und winden, um herauszukommen. Während der Zeit, wo er sich durch das Mannloch zwängt, kommt auch nicht ein Hauch von Luft in den Kessel. Mit Mühe kriege ich, der ich Zweiter bin am Loch, die Arme durch und zwänge mich hinaus. Der Heizer fällt innen um und schlägt hart auf. Er ist besinnungslos.
„Stanislaw, der Heizer muß raus, hat schlapp gemacht“, rufe ich mit letztem Atem. „Wenn wir ihn nicht holen, zockt er ab und erstickt.“
„Ei–ei–ne Mi–nu–te, Pip–, Hab’ noch keine Luft wieder.“
Es dauert nicht lange, und das Schwert sitzt uns wieder im Körper und wir sehnen uns nach der kochenden Hitze des Kessels.
Wir nehmen ein Tau. Ich winde mich wieder durch und hole den Heizer fest. Und nun arbeiten wir, ihn hinauszukriegen. Das ist das Schwerste. Hineinwinden und herauswinden kann man sich. Aber einen leblosen Menschen da durchzuziehen, das erfordert unendliche Geduld und Geschicklichkeit und Kenntnisse in der Anatomie. Der Kopf ist rasch durch. Aber die Schultern.
Endlich schnüren wir die Schultern zusammen wie ein Paket, ganz fest und dann können wir ihn hieven und er kommt.
In den Schneesturm bringen wir ihn nicht, sondern wir lassen ihn im Kesselraum und legen ihn sogar dicht in die Nähe der Feuer des Nachbarkessels. Wir binden seine Schultern los.
Der Atem ist weg. Ganz weg. Aber das Herz pocht. Leise, doch regelmäßig. Wir gießen ihm Wasser über den Kopf und pressen einen nassen Sack aufs Herz. Dann fächeln wir ihm Wind ins Gesicht, blasen ihn an wie Holzkohlen und tragen ihn endlich unter die Windhuze.
Stanislaw muß rauf und die Windhuze in den Wind stellen, damit frische Luft auf den Heizer fällt.
Jetzt läßt sich der Hund von einem Roßtäuscher natürlich nicht sehen; aber wir brauchen uns nur etwas im Kessel erzählen, dann ist diese widerwärtige Fratze gleich am Mannloch und stopft uns die Luft ab mit seiner klobigen Knochenbeule. Er kriegt doch noch den Spitzhammer an den Kadaver geworfen. Möchte er wenigstens ein Wasserglas Rum für den Heizer bringen, der Schuft. Wir wollen ihn ja gar nicht trinken. Nur ein Schlückchen, um den Glasstaub aus der Kehle und aus den Zähnen zu kriegen.
Der Heizer ist unter der Windhuze, und ich fange mit Armbewegungen an. Allmählich kommt er. Und er kommt immer besser. Als wir ihn hoch haben, auf den Kohlenhaufen setzen und in die Ecke drücken, damit er einen Halt hat, kommt der Zweite Ingenieur.
„Was ist denn das, zur Hölle nochmal,“ schreit er gleich, „werdet ihr bezahlt für Faulenzen oder für was?“
Stanislaw oder ich oder wir beide hätten ja nun sagen können: „Der Heizer war ...“
Aber wir hatten beide dasselbe Gefühl, und unser Instinkt war wieder einmal richtig. Arbeiter brauchen nur auf ihren Instinkt hören, dann handeln sie schon ganz richtig.
Gleichzeitig, ohne ein Wort zu sagen, hatten wir uns gebückt, in jede Hand einen sauberen dicken Brocken Kohle genommen und noch in derselben Sekunde dem Zweiten an seine Knochenbeule und an seinen Kadaver gefeuert.
Die Arme um den Kopf herum, rannte er davon. Stanislaw lief ihm ein paar Schritte nach und schrie: „Du Giftkröte, wenn du einen halben Schilling für den Pfeffer abziehst, den du erwischt hast, kommst du auf der nächsten Fahrt in den Feuerkanal und dann in die Aschkanne und du sollst mich ins Gesicht spucken dürfen, wenn ich dich nicht in die Feuerung schiebe. Biest von einem Ingenieur.“
Das Biest machte keine Meldung beim Skipper. Wäre uns auch ganz egal gewesen. Wir wären mit Wonne in Dakar ins Gefängnis gegangen. Hat auch keinen Penny Strafe abgezogen. Solange wir Kessel reinigten, und das dauerte ein paar Tage, ist er nie wieder in die Nähe gekommen. Von dem Tage an behandelte er uns wie rohe Eier und bekam mehr diplomatische Fähigkeiten, als der Erste sie besaß. Wirkt Wunder, wenn man Kohle oder einen Hammer oder eine Schürstange zur Hand hat, und man weiß sie am rechten Orte zu gebrauchen.
Als der Kessel sauber war, bekamen wir zwei Glas Rum und Vorschuß. Wir in die Stadt und rumgeguckt. Man denkt ja immer, man könnte einen treffen, den man nicht erwartet. Ich hätte wegpacken können auf einem Franzosen, der nach Barcelona ging. Aber ich wollte meine vier Monate Heuer dem Skipper nicht schenken. Warum sollte ich denn umsonst arbeiten? So ließ ich den netten Franzosen allein. Stanislaw hätte mit einem Norweger stauen können, der nach Malta ging. Aber er hatte dieselben Gründe. Die Heuer. Er hatte viel mehr stehen als ich.
So trieben wir uns im Hafen herum. Stanislaw ging auf den Norweger und ich schlenderte für mich weiter.
44
Da lag weit draußen die Empreß of Madagascar, die Kaiserin von Madagaskar, ein Engländer, neun Tausend Tonnen, vielleicht noch mehr. Das wäre so ein Eimerchen, um damit abzuflippen und zu versuchen, für eine Weile aus dem Grabe aufzustehen und einen Spaziergang zu machen. Feines neues Bötchen. Wie lackiert, so sauber. Sogar das Gold ist noch nicht mal abgewettert. Funkelfarbenneu. Aber da ist keine Schanz, da ist nichts frei, auf so einem pfirsichweichen Backfischlein. Lächelt so kokett rüber, zwinkert mit den angefärbten Wimperchen und flickert mit den unterstrichenen Augäpfeln, daß es eine wahre Freude ist. Muß mal rüber und das holde Geschöpfchen aus der Nähe besehen.

Verflucht nochmal, wenn nur die Heuer nicht wäre, ich würde wahrhaftig mal anklingeln. Aber die Heuer lasse ich nicht im Stich. Wenn ich den Zweiten nur dazu kriegte, daß er mich rausfeuert. Vielleicht einen Brocken Bolschewistenhetzerei machen. Aber die pfeifen drauf. Hetz’ so viel du magst, kommst nicht runter. Und machst du es zu bunt, zieht er dir zwei Wochen Heuer ab. Arbeitest umsonst.
Wenn die Kaiserin früher abfährt als die Yorikke und ich bin darauf mit Notheuer, ist nichts mehr zu wollen. Aber wo ladet mich die Empreß wieder ab? Nach England darf sie mich nicht mitnehmen, wird mich nicht los. Loswerden muß sie mich. Aber wo? Schiebt mich ab auf ein Totenschiff, irgendwo unterwegs oder in irgendeinem Hafen, wo gerade ein Schuppen steht.
Aber fragen kostet ja nichts. – „Hallo!“
„Hallo! What is up?“ Er hat eine weiße Mütze auf, der es runter ruft.
„Ain’t no chance for a fireman, chap? Ist bei euch keine Stelle frei für einen Heizer?“ rufe ich hinauf. „Papiere?“ „No, Sir.“
„Sorry. Bedaure, nichts zu machen.“
Habe ich ja gewußt. Ist ein sauberes Fräuleinchen. Muß alles in Ordnung sein. Heiratslizenz notwendig. Hat noch eine Mutter, die die Hand drauf hält. Mutter Lloyd in London.
Ich gehe lang runter an dem Eimer. Auf dem Achterdeck sitzt Mannschaft. Spielen Karten. Verflucht nochmal, was reden denn die für ein Englisch. Das ist ja Yorikkisch. Und das auf einem glattlackierten Engländer, wo das Gold noch nicht mal abgeblättert ist? Da stimmt etwas nicht. Spielen Karten, aber zanken sich nicht und lachen nicht.
Laß mal sehen. Klingelfisch und Haifischflosse, die sitzen da herum und spielen, als ob sie auf ihrem eignen Grabhügel sitzen und um ihre Maden spielen. Zu essen haben sie gut, sehen gutgemästet aus. Aber das traurige Kartenspiel und die trüben Gesichter, und das alles auf einem brandneuen Engländer? Da stimmt etwas nicht. Was tut denn der überhaupt hier in Dakar-Hafen? Was hat er denn geladen?
Eisen, Alt-Eisen. An der Westküste Afrikas? Gleich beim Äquator? Alt-Eisen? Well, die Dame Kaiserin geht in Ballast heim und nimmt das Alt-Eisen mit. Nach Glasgow. Bezahlt wenigstens die Fahrt zur Hälfte. Alt-Eisen ist besser als Sand und Steine.
Nichtsdestoweniger. Das schöne neue Schifflein Empreß und kann keine Ladung kriegen von Afrika nach England?
Wenn ich hier an der Beach liegen würde, hätte ich es in drei Stunden raus, was da los ist mit der blanken Kaiserin. Sie wird doch nicht etwa –? Na, bist auch schon eingetrant, siehst auch schon in allen Ecken Gespenster. Die Empreß of Madagascar, dieser pfirsichweiche und schwellende Backfisch aus Glasgow sollte hier bereits auf den Strich gehen? Aufgeschminkt?
Nein, sie ist nicht geschminkt. Alles Natur. Sie ist keine drei Jahre alt. Alles echt. Noch nicht einmal eine Niete abgeschliffen am Röckchen. Alles wie geleckt und duftet gesund oben und unten. Aber die Mannschaft, die Mannschaft. Da ist etwas nicht in Ordnung.
Was geht es mich an. Jedes Kind will seine Freude haben.
Ich gehe zurück zum Norweger.
Ich setze rauf. Stanislaw ist noch da. Sitzt im Quartier und schnackt mit ein paar Dänen. Hat eine Büchse guter dänischer Butter in der Tasche und ein Stück Prachtkäse.
„Pippip, kommst gerade zur Zeit, kannst Abendbrot mitmachen, ein treues dänisches Abendbrot, vollwertig und echt“, sagt Stanislaw.
Wir lassen uns nicht nötigen und machen das Abendbrot mit.
„Habt ihr den Engländer da drüben gesehen, die Empreß?“ frage ich, während wir alle im Meßraum sitzen und futtern.
„Liegt schon eine Weile hier“, sagt einer.
„Feines Mädchen“, forsche ich nun.
„Oben Seide, unten meide“, sagt einer von den Dänen.
„Na?“ frage ich, „meiden? Warum meiden? Ist doch ganz echt.“
„Freilich ist sie echt“, ruft ein andrer dazwischen. „Kannst du notmustern wenn du willst. Mit Honig und Schokolade. Kriegen jeden Tag Henkersmahlzeit. Pudding und Braten.“
„Kreuzdonnerwetter nochmal, komm endlich klar“, sage ich nun. „Was ist los? Ich habe doch wegen Schanz gefragt, ist nichts zu machen.“
„Lieber Freund, siehst doch nicht so aus, als ob du gestern zum erstenmal Seewasser geschluckt hast. Sie ist ein Leichenwagen.“
„Du bist wohl verrückt und mit Teer gepinselt?“ rufe ich.
„Ein Leichenwagen, sage ich dir“, wiederholt der Däne und gießt sich Kaffee ein. „Willst du auch noch Kaffee? Wir brauchen mit der Milch, mit dem Zucker und der Butter nicht sparen. Wir können wühlen. Kannst eine Büchse Milch mit heimnehmen. Willst du?“
„Die Frage allein rührt mich zu Tränen“, sage ich und fülle mir meine Tasse mit Kaffee, mit richtigem Bohnenkaffee. Ich hatte vergessen, wie das schmeckt, denn Yorikke gab nur Kaffee-Ersatz mit zwanzig Prozent Kaffee, damit unser Herz nicht beschädigt würde.
„Ein Leichenschiff, sage ich dir noch einmal.“
„Wie meinst du das? Leichen von Frankreich nach Amerika, daß sie drüben die Mütter in den Blumentopf pflanzen können, um sich an der Ehre zu erfreuen und sich am Kriege zur Beendigung aller Kriege begeistern zu können?“
„Rede doch nicht so ausländisch, Mensch.“
„Sie fährt Leichen, aber keine Kriegerleichen aus Frankreich.“
„Sondern?“
„Kleine Engelchen. Seemanns-Engelchen. Seemanns-Leichen, du Sägefisch, wenn du das nicht endlich verstehst.“
„Hat die Kaiserin die an Bord?“
„Mensch, mit dir kann man ja Bunkerwände einrennen.“
„Natürlich hat die Tante sie an Bord. Siebenachtel fertig. Können zu Hause in ihrer Dorfkirche schon ruhig in die Gedenktafel für Seeleute eingekratzt werden. Braucht nicht mehr ausradiert werden. Wenn du deinen Namen auch auf der Gedenktafel in deiner Dorfkirche haben willst, brauchst du nur mitgehen. Sieht überhaupt sehr vornehm aus, wenn du neben deinem Namen stehen hast ‚Empreß of Madagascar‘. Klingt doch nach etwas. Sieht doch besser aus, als wenn da nur daneben steht Berta oder Emma oder Nordkap. Man muß auch daran denken, wen du als Nachbar kriegst auf der Tafel. ‚Empreß of Madagascar‘, da ist Schwung drin, Junge.“
„Warum soll denn die schon Versicherung fahren?“ Das leuchtete mir nun durchaus nicht ein. Das war wieder nur so Gerede. Blasser Neid, weil sie nicht selber drauf waren, auf dem neuen Eimer.
„Kinderleichte Sache.“
„Ist doch höchstens drei Jahre aus den Windeln“, warf ich ein.
„Endlich beweist du, daß du länger aus den Windeln bist. Sie ist genau drei Jahre alt. War für große Fahrt gebaut, Ostasien und Südamerika. Sollte zwölf Knoten machen. War Bedingung. Als sie losackerte, machte sie vier und wenn es gut ging vier und einen halben. Das kann sie nicht aushalten, dabei geht sie pleite.“
„Können sie doch umbauen.“
„Schon zweimal versucht. Wird immer schlechter. Hat ursprünglich sogar sechs Knoten gemacht, nach dem Umbau nur noch vier. Die muß runter vom Wasser, muß die Versicherung bringen. Haben die Versicherung sicher fein gedreht, daß sie Lloyd passieren konnte. Aber geht ja alles zu schieben.“
„Und nun soll sie abrasseln?“
„Sie hat schon zweimal gebrummt. Hat aber nicht gefleckt. Das erstemal saß sie auf Sand. Sauber wie hingestreichelt. Haben sicher schon in Glasgow darauf gezecht. Kam aber Schwerwetter hoch mit Mordsflut und die hob die edle Dame runter vom Sand wie Himmelfahrt mit Trompeten und Pauken. Und sie schwenkte lustig ab. Da mag der Skipper schön geflucht haben. Beim zweitenmal, das war vorige Woche, wir lagen schon hier, da ist sie draußen zwischen Klippen gefegt. Saß fein fest. Drahtlose Station war zerhauen. Natürlich. Mußte der Skipper Flaggen setzen. Anstandshalber. Sind doch immer Zeugen rum. Da kam ein französisches Patrouillenboot, gerade wo der Skipper schon so ganz gemütlich ausbooten ließ. Die Patrouille flaggte rüber: „Warten. Hilfe unterwegs!“ Da hat der Skipper aber geflucht. Möchte nur wissen, wie er das Journal wieder in Ordnung gebracht haben mag. Er hatte es doch schon aufgezaubert. Wird schön radiert haben, Junge, Junge. Er hatte einen Fehler gemacht. Heißt, es ging wohl nicht anders. War bei Ebbe aufgesessen. Nun kamen drei Schlepper und hoben ihn ab von den Klippen bei Flut. Ganz elegant. Hatte nicht mal eine Schramme abbekommen. Das ist Pech. Muß nun auch die Bergungskosten bezahlen. Geht alles runter von der Versicherung. Fragt sich, ob die Versicherung die ganzen Kosten trägt. Hängt vom Journal ab.“
„Und was nun?“
„Jetzt macht er den Verzweifler. Muß er machen. Dreimal kann er nicht abkommen. Dann macht die Versicherung eine Untersuchung und streicht die Versicherung. Verlangt einen andern Skipper drauf, der treu fährt. Dann ist es aus. Dann muß die Empreß zum Abwracken. Fahren kann sie nicht.“
„Warum liegt sie denn da so lange, wenn sie keine Reparatur hat?“
„Kann nicht raus. Hat keine Heizer.“
„Das ist Unsinn. Hätte er mich doch nehmen können. Ich sagte ihm doch rauf, ich sei Heizer.“
„Hast du Papiere?“
„Sei nicht so albern, Mensch.“
„Wenn du keine Papiere hast, nimmt er dich nicht. Er muß ein vornehmes Gesicht behalten. Tote wären für ihn verdächtig. Aber ob du Zulukaffer bist oder Hottentotte oder taubstumm, das ist ihm gleichgültig. Mußt nur Papiere haben und mußt befahren sein. Unbefahrene Leute ist nicht gut, da kann die Versicherung mauern und Geschichten machen. Die Heizer haben sich rausgemacht. Haben sich verbrannt und liegen im Hospital, sonst hätten sie ja nicht fortgekonnt. Die Heizer sind am schlimmsten dran, die kommen nicht raus, wenn es ein verzweifelter Aufbrummer ist. Da ist gleich Wasser vor den Kesseln, und die Kessel gehen auch gewöhnlich gleich hoch, wenn sie so plötzlich kalte Dusche kriegen. Die haben gleich die explodierende Lungenentzündung weg.“
„Wartet er jetzt ab, bis die Heizer wieder raus sind aus dem Hospital?“
„Das nützt ihm nichts. Die brauchen nicht mehr rauf, wenn sie nicht wollen. Können sauber abmustern. Haben feine Papiere und können in Ruhe auf einen andern warten.“
„Wie denkt die Tante denn fortzukommen?“
Die Leute lachten in sich hinein, und der, der diesen Fall am besten studiert zu haben schien, sagte: „Die sind auf Kindsraub aus. Auf Shanghaien. Kann ich dir zuflüstern, Junge. Ja, eine feine elegante Dame, die Kaiserin von Madagaskar. Oben Seide, unten meide. Meide, in die Nähe zu gehen.“
Dagegen ist die Yorikke ja eine hochachtbare Dame. Sie täuscht nichts vor. So wie sie aussieht, so ist sie. Ehrlich bis auf das Gerippe. Beinahe fange ich an, Yorikke zu lieben.
Ja, Yorikke, ich muß es dir gestehen: Ich liebe dich. Liebe dich aufrichtig um deiner selbst willen. Habe an meinen Händen sechs schwarzblaue Fingernägel und an den Zehen vier schwarzgrünblaue Zehennägel. Alles um deinetwillen, geliebte Yorikke. Auf die Zehen sind Roste geschlagen, und jeder Fingernagel hat seine eigne schmerzhafte Geschichte. Meine Brust, mein Rücken, meine Arme, meine Füße haben Narben von bösen Brandwunden. Jede einzelne Narbe wurde geboren unter einem Schmerzensschrei, der dir galt, Geliebte.
Dein Herz heuchelt nicht. Dein Herz weint nicht, wenn es nicht zum Weinen fühlt, es jubelt nicht, wenn es keine Freude fühlt. Dein Herz heuchelt nicht, es ist rein und lauter wie pures Gold. Wenn du lachst, Herzliebste, so lacht deine Seele, lacht dein Leib und lacht dein lustiges Zigeunerkleid. Und wenn du weinst, Herzallerliebste, dann weint selbst das kalte Riff, an dem du vorübergehst.
Ich will dich nimmermehr verlassen, Geliebte, nicht um alle Schätze der Welt. Ich will mit dir wandern, mit dir singen, mit dir tanzen und mit dir schlafen. Ich will mit dir sterben, in deinen Armen meinen letzten Seufzer tun, du Zigeunerin der Meere. Du protzest nicht mit deiner glorreichen Vergangenheit und deinem uralten Stammbaum bei Tantchen Lloyd in London. Du protzest nicht mit deinen Lumpen, und du spielst nicht mit ihnen. Sie sind dein rechtmäßiges Gewand. Du tanzest in deinen Lümpchen froh und stolz wie eine Königin und singst dein Zigeunerlied, dein Lumpenlied:
DAS TANZLIED DES TOTENSCHIFFES
Was gehn euch meine Lumpen an? Da hängen Freud’ und Tränen dran. Was kümmert euch denn mein Gesicht? Ich brauche euer Mitleid nicht. Was kümmert euch, was mir gefällt? Ich lebe mich, nicht euch, in dieser Welt. In euren Himmel will ich gar nicht rein, Viel lieber dann schon in der Hölle sein. Ich brauch’ gewiß nicht eure Gnaden, Und selbst wenn Tote ich geladen, Wenn Schimpf und Schand’ sind an mir dran, Euch geht das einen Sch...dreck an. Ich pfeife auf das Weltgericht. An Auferstehung glaub’ ich nicht, Ob’s Götter gibt, das weiß ich nicht, Und Höllenstrafen fürcht’ ich nicht. Hopla he, auf weiter See, Hopla, hopla, he!