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Das Totenschiff

ERSTES BUCH (continued 2)

Reading edition

Ich war wirklich zu voreilig in meinem Urteil. Die amerikanischen Konsuln sind besser als ihr Ruf, und was mir die belgische, die holländische und die französische Polizei über die Konsuln gesagt hatte, war nichts als nationale Eifersucht.

Endlich kam dann doch der Tag und die Minute, wo meine Nummer fällig war und ich gerufen wurde. Meine dürren Bankgenossen hatten alle durch eine andre Tür zu gehen, um den Todesstreich zu empfangen. Ich machte eine Ausnahme. Ich wurde zu Mr. Grgrgrgs oder wie der Mann heißen mochte, gerufen. Das war der Mann, den ich in meinem Herzen zu sehen gewünscht hatte; denn er war der, der die Nöte eines Menschen, dessen Paß verlorenging, zu würdigen weiß. Wenn mir niemand auf der ganzen weiten Welt helfen würde, er wird es tun. Er hat der Goldbehangenen geholfen, um wieviel mehr und rascher wird er mir helfen. Es war ein guter Gedanke, der mich verleitet hatte, mein Glück doch noch einmal zu versuchen.

11

Der Konsul ist ein kleiner, hagerer Mann, ausgetrocknet im Dienst.

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„Setzen Sie sich“, sagt er und deutet auf einen Stuhl vor seinem Schreibtisch. „Womit kann ich dienen?“

„Ich möchte einen Paß haben.“

„Haben Sie Ihren Paß verloren?“

„Nicht meinen Paß, aber meine Seemannskarte.“

„Ah so, Sie sind ein Seemann?“

Mit diesem Satz hat er seinen Ton geändert. Und dieser neue Ton, der mit einem so merkwürdigen Mißtrauen gemischt ist, hält nun eine Weile an und bestimmt den Charakter unsrer Unterhaltung.

„Ich habe mein Schiff verloren.“

„Wohl betrunken gewesen?“

„Nein. Ich trinke nie einen Tropfen von diesem Gift. Ich bin knochentrocken.“

„Sie sagten doch, Sie seien Seemann?“

„Das bin ich auch. Mein Schiff ist drei Stunden früher abgefahren als angesagt war. Sie sollte mit der Flut rausgehen, aber weil sie keine Ladung hatte, so brauchte sie auf die Flut keine Rücksicht nehmen.“

„Nun sind Ihre Papiere also an Bord geblieben?“

„Ja.“

„Das konnte ich mir denken. Welche Nummer hatte Ihre Karte?“

„Das weiß ich nicht.“

„Wo war sie denn ausgestellt?“

„Das kann ich so genau nicht sagen. Ich habe Küstenschiffe gefahren, Bostoner, N’Yorker, Balter, Philier, Golfer und sogar Wester. Ich kann mich nicht mehr erinnern, wo die Karte ausgestellt war.“

„Das konnte ich mir denken.“

„Man guckt sich doch seine Karte nicht jeden Tag an. Ich habe sie nie angeguckt, solange ich sie hatte.“

„Ja.“

„Sie hat immer in meiner Tasche gesteckt.“

„Naturalisiert?“

„Nein. Im Lande geboren.“

„Registriert worden, die Geburt?“

„Weiß ich nicht, da war ich noch zu klein, als ich geboren wurde.“

„Also nicht registriert.“

„Das weiß ich nicht, habe ich gesagt.“

„Aber ich weiß es.“

„Dann brauchen Sie mich doch nicht fragen, wenn Sie alles wissen.“

„Will ich vielleicht einen Paß haben?“ fragt er darauf.

„Das weiß ich nicht, Sir, ob Sie einen Paß haben wollen.“

„Sie wollen doch einen haben, nicht ich. Und wenn ich Ihnen einen geben soll, so werden Sie mir doch wohl erlauben müssen, daß ich Fragen an Sie stelle. Nicht wahr?“

Der Mann hat recht. Die Leute haben immer recht. Das ist auch ganz leicht für sie. Zuerst machen sie die Gesetze, und dann werden sie hingestellt, um den Gesetzen das Leben einzuflößen.

„Haben Sie eine feste Adresse drüben?“

„Nein. Ich wohne auf meinen Schiffen oder, wenn ich keine habe, wohne ich in den Seemannsheimen und Herbergen.“

„Also keine feste Wohnung. Mitglied eines eingetragenen Klubs?“

„Wer, ich? Nein.“

„Eltern?“

„Nein. Gestorben.“

„Verwandte?“

„Dank dem Himmel, nein. Wenn ich welche hätte, würde ich sie abschwören.“

„Haben Sie gewählt?“

„Nein. Nie.“

„Stehen Sie also auch nicht in den Wähler-Registern.“

„Sicher nicht. Ich würde auch nicht wählen, wenn ich an Land wäre.“

Er sieht mich nun eine ganze Weile an, ziemlich dumm und sehr ausdruckslos. Die ganze Zeit hat er gelächelt und, wie sein Kollege in Rotterdam, mit einem Bleistift gespielt. Was würden die Leute nur machen, wenn es keine Bleistifte mehr gäbe? Aber dann gibt es sicher ein Lineal, oder einen Löscher, oder die Telephonstrippe, oder die Brille, oder ein paar Blätter Papier oder Formulare, die man auf- und zufaltet. Eine Amtsstube hat ja so gut vorgesorgt, daß der Insasse sich nie langweilt. Gedanken, mit denen er sich beschäftigen kann, hat er nicht; und wenn er welche bekommt, hört er für gewöhnlich auf, Beamter zu sein und wird ein umgänglicher Mensch. Könnten die Finger eines Tages nicht mehr mit den Utensilien spielen, die auf der Inventarliste stehen, würden sie vielleicht an den Fundamenten spielen und bohren und das möchte den Fundamenten nicht bekommen.

„Also ich kann Ihnen keinen Paß geben.“

„Warum nicht?“

„Auf was denn? Auf Ihre bloßen Aussagen hin? Das kann ich nicht. Das darf ich nicht einmal. Ich muß doch Unterlagen vorweisen können. Ich muß doch Rechenschaft ablegen, auf Grund welcher Beweise ich den Paß ausgestellt habe. Wie können Sie denn beweisen, daß Sie Amerikaner sind, daß ich überhaupt verpflichtet bin, mich mit Ihnen hier zu befassen?“

„Aber das können Sie doch hören?“

„Woran? An der Sprache?“

„Natürlich.“

„Das ist kein Beweis. Nehmen Sie hier den Fall Frankreich. Hier leben Tausende, die Französisch sprechen und keine Franzosen sind. Hier gibt es Russen, Rumänen, Deutsche, die ein besseres und reineres Französisch sprechen als der Franzose selbst. Hier sind Tausende, die hier geboren sind und keine Staatsbürger sind. Anderseits sind drüben Hunderttausende, die kaum Englisch sprechen können und über deren amerikanische Staatsbürgerschaft auch nicht der geringste Zweifel besteht.“

„Aber ich bin doch im Lande geboren.“

„Dann freilich können Sie Bürger sein. Aber auch dann müßten Sie erst noch beweisen, ob nicht Ihr Vater für Sie eine andre Staatsbürgerschaft vorbehalten hat, die Sie nicht abgeändert haben, als Sie volljährig wurden.“

„Meine Urgroßeltern waren schon Amerikaner und deren Eltern auch schon.“

„Beweisen Sie mir das, und ich bin verpflichtet, Ihnen einen Paß auszustellen, ob ich will oder nicht. Bringen Sie die Urgroßeltern oder nur die Eltern her. Ich will aber viel näher kommen, beweisen Sie mir, daß Sie drüben geboren sind.“

„Wie soll ich denn das beweisen, wenn die Geburt nicht registriert worden ist.“

„Das ist sicher nicht meine Schuld.“

„Vielleicht bestreiten Sie mir gar, daß ich überhaupt geboren bin?“

„Richtig. Das bestreite ich. Die Tatsache, daß Sie hier vor mir stehen, ist kein Beweis für mich, daß Sie geboren sind. Ich habe es zu glauben. Wie ich zu glauben habe, daß Sie Amerikaner sind, daß Sie Bürger sind.“

„Also Sie glauben nicht einmal, daß ich geboren bin? Das ist aber doch die Grenze alles Möglichen.“

Der Konsul lächelte sein schönstes Amtslächeln: „Daß Sie geboren sind, muß ich ja wohl glauben; denn ich sehe Sie hier mit meinen Augen. Wenn ich Ihnen nun einen Paß ausstelle und ihn der Regierung daheim damit rechtfertige, daß ich in meinen Bericht schreibe: Ich habe den Mann gesehen und glaube, daß er Bürger ist! so kann es leicht geschehen, daß ich gesackt werde. Denn was ich glaube, will die Regierung daheim nicht wissen. Sie will nur wissen, was ich bestimmt weiß. Und was ich bestimmt weiß, muß ich immer beweisen können. Ihre Staatsbürgerschaft und Ihre Geburt kann ich nicht beweisen.“

Man möchte manchmal bedauern, daß wir noch nicht aus Papiermaché gemacht sind; denn dann könnte man an dem Stempel sehen, ob man in der Fabrik U. S. A. oder in der Fabrik Frankreich oder in der Fabrik Spanien angefertigt worden ist, und den Konsuln wäre die Mühe erspart, ihre wertvolle Zeit mit so törichten Dingen zu vertrödeln.

Der Konsul hat den Bleistift hingeworfen, ist aufgestanden, geht zur Tür und ruft einen Namen hinaus. Ein Sekretär kommt herein, und der Konsul sagt zu ihm: „Sehen Sie mal nach. Wie ist der Name?“ Er wendet sich mir zu. „Ach ja, es fällt mir schon wieder ein, Gale, richtig. Ja, sehen Sie also nach, sofort.“

Der Mann läßt die Tür halb offen, und ich sehe, daß er an einem Schranke, wo Tausende von gelben Karten aufgestapelt sind, das G heraussucht und nach meinem Namen forscht. Die Karten der Deportierten, der Unerwünschten, der Pazifisten und der bekannten Anarchisten.

Der Sekretär kommt wieder zurück. Der Konsul, der während der Zeit am Fenster gestanden hat und hinuntergesehen hat, dreht sich um:

„Na?“

„Ist nicht drin.“

Das wußte ich vorher. Jetzt kriege ich meinen Paß. So schnell nicht. Der Sekretär ist wieder gegangen und hat die Tür hinter sich zugemacht. Der Konsul sagt nichts, setzt sich wieder an seinen Schreibtisch, sieht mich eine Weile an und weiß nicht mehr, was er fragen soll. Seine Prüfungsaufgaben scheinen nur bis hierher gereicht zu haben. Nun steht er auf und verläßt das Zimmer. Jedenfalls holt er sich Rat aus einem der andern heiligen Räume.

Ich habe nichts weiter zu tun und sehe mir die Bilder an der Wand an. Alles bekannte Gesichter, mein eigner Vater ist mir nicht so vertraut in seinem Gesicht als diese Gesichter. Washington, Franklin, Grant, Lincoln. Männer, denen Bureaukratismus so verhaßt war wie einem Hunde die Katzen. „Das Land soll für immer sein das Land der Freiheit, wo der Verfolgte und der Gehetzte Zuflucht findet, sofern er guten Willens ist.“ „Dieses Land soll gehören denen, die es bewohnen.“

Aber freilich, das kann ja nicht so fort gehen bis in alle Ewigkeit. „Das Land soll gehören denen, die es bewohnen.“ Das puritanische Gewissen ließ nicht zu, daß kurz und bündig gesagt wurde: „Das Land gehört uns, den Amerikanern.“ Denn da waren die Indianer, denen das Land von Gott gegeben war, und Gottes Gesetz hat der Puritaner zu beachten. „Wo der Verfolgte und der Gehetzte Zuflucht findet.“ Ganz gut, wenn alle, die da wohnen, Verfolgte und Gehetzte sind aus allen möglichen Ländern. Und die Nachfahren jener Verfolgten und Gehetzten sperren das Land ab, das allen Menschen gegeben wurde. Und um die Absperrung ganz vollkommen zu machen, damit auch nicht eine Maus durchschlüpfen kann, sperren sie die eignen Söhne ab. Denn es könnte ja unter der Verkleidung des eignen Sohnes sich der Sohn eines Nachbars einschleichen.

Der Konsul kommt zurück und setzt sich wieder. Er hat eine neue Frage gefunden.

„Sie können ja vielleicht ein entwichener Sträfling sein oder jemand, der eines schweren Verbrechens wegen gesucht wird. Und ich würde Ihnen einen Paß ausstellen auf den von Ihnen genannten Namen und würde Sie durch den Paß vor der gerechten Verfolgung schützen.“

„Ja, das würden Sie. Ich sehe nun ein, daß mein Kommen ganz und gar zwecklos war.“

„Es tut mir wirklich leid, Ihnen nicht helfen zu können. Meine Machtbefugnisse sind nicht weitreichend genug, um Ihnen den Paß oder irgendein Papier, das Ihnen zur Legitimation dienen könnte, auszustellen. Sie hätten mit Ihrer Seemannskarte vorsichtiger sein müssen. Solche Dinge verliert man nicht in dieser Zeit, wo der Paß notwendiger ist als sonst irgend etwas.“

„Nun möchte ich aber doch gern eins wissen.“

„Ja?“

„Da war hier eine sehr dicke Dame mit vielen Brillantringen, die sie kaum noch schleppen konnte, die hatte ihren Paß doch auch verloren und Sie haben ihr sofort einen gegeben. Das hat nur eine halbe Stunde gedauert.“

„Aber das war doch die Frau Sally Marcus aus New York, werden Sie doch schon gehört haben den Namen. Das große Bankgeschäft,“ sagte er mit einer Geste und einer Betonung, als ob er gesagt hätte: Das war doch der Prince of Wales und nicht ein Seemann, dem das Schiff fortgefahren ist.

Er mußte wohl an meinem Gesichtsausdruck erkennen, daß ich das nicht so schnell fassen konnte, denn er fügte hinzu: „Sie werden den Namen doch schon gehört haben? Das große Bankgeschäft in New York?“

Ich zweifelte noch immer und sagte: „Ich glaube aber kaum, daß die Dame Amerikanerin ist, ich würde viel eher glauben, daß sie in Bukarest geboren ist.“

„Woher wissen Sie das? Die Frau Marcus ist allerdings in Bukarest geboren worden. Aber sie ist amerikanischer Bürger.“

„Hatte sie denn ihren Bürgerbrief bei sich?“

„Natürlich nicht. Warum?“

„Woher haben Sie denn dann gewußt, daß sie Bürger ist? Richtig sprechen hat sie noch nicht gelernt.“

„Da brauche ich keinen Beweis. Der Bankier Marcus ist doch bekannt. Sie ist doch Luxuskabine auf der Majestic herübergekommen.“

„Jetzt endlich verstehe ich. Ich bin nur in einer Forecastle-Bunk, auf einem Frachteimer herübergekommen als Deckarbeiter. Und das beweist gar nichts. Großes Bankgeschäft und Luxuskabine beweist alles.“

„Der Fall liegt eben ganz anders, Mr. Gale. Ich habe Ihnen gesagt, ich kann nichts für Sie tun. Ich darf nicht einmal etwas für Sie tun. Papiere darf ich Ihnen nicht geben. Ich persönlich glaube Ihnen, was Sie mir gesagt haben. Aber wenn die Polizei Sie hierher bringen sollte, damit wir Sie anerkennen und aufnehmen sollen, leugne ich Sie glatt ab und bestreite Ihre Staatsangehörigkeit. Ich kann nichts andres tun.“

„Dann kann ich hier einfach untergehen in fremdem Lande.“

„Ich habe nicht die Machtvollkommenheit, Ihnen beizustehen, selbst wenn ich persönlich gern möchte. Ich werde Ihnen eine Karte für ein Hotel geben für drei Tage mit voller Verpflegung. Sie dürfen sich nach Ablauf eine zweite und auch eine dritte holen.“

„Nein, ich danke sehr. Bemühen Sie sich nicht.“

„Vielleicht ist Ihnen besser gedient mit einer Fahrkarte nach der nächsten größeren Hafenstadt, wo Sie vielleicht ein Schiff bekommen können, das unter andrer Flagge fährt.“

„Nein, danke. Ich hoffe, meinen Weg allein zu finden.“

„Ja dann –. Good-bye und viel Glück!“

Aber da sind wieder die großen Gegensätze zwischen den amerikanischen Beamten und den Beamten andrer Länder. Als ich auf der Straße war und nach einer Uhr blickte, sah ich, daß es fünf Uhr vorbei war. Die Geschäftsstunden des Konsuls waren um vier Uhr zu Ende; jedoch er hatte nicht ein einziges Mal irgendein Zeichen von Ungeduld geäußert oder fühlen lassen, daß seine Zeit längst vorüber war.

Nun erst hatte ich mein Schiff wirklich verloren.

Ade, mein sonniges New Orleans. Good-bye and good luck to ye!

Mädel, mein liebes Mädel in New Orleans, jetzt kannst du warten auf deinen Jungen; auf dem Jackson Square kannst du sitzen und heulen. Dein Junge kommt nicht mehr heim. Das Meer hat ihn verschluckt. Gegen Sturm und Wellen konnte ich kämpfen, mit Farbe und mit harten Fäusten; gegen Paragraphen, Bleistifte und Papier nicht. Nimm dir beizeiten einen andern, Liebchen. Verplempere deine rosige Jugend nicht mit Warten auf den Vaterlandslosen und Nichtgeborenen. Leb’ wohl! Süß waren deine Küsse und glühend, weil wir keine Heiratslizenz geholt hatten.

Schiet das Mädel. Hoiho! Wind kommt auf. Boys, get all the canvas set. Alles, was Leinwandfetzen heißt, raus damit und hoch.

12

Express Paris-Limoges. Ich sitze drin und habe keine Karte. Diesmal wurde kontrolliert. Aber ich verschwand spurlos. Limoges-Toulouse. Ich sitze drin und habe auch keine Karte.

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Was die nur immerfort zu kontrollieren haben. Es muß doch in der Tat zu viele Eisenbahnschwindler geben, daß so oft kontrolliert wird. Aber die haben ganz recht, wenn jeder ohne Karte fahren wollte, wer sollte denn dann die Dividenden bezahlen. Das geht doch nicht. Ich verschwinde spurlos. Als die Kontrolle vorbei ist, setze ich mich wieder auf meinen Platz. Plötzlich kommt der Kontrolleur zurück, geht entlang und sieht mich an. Ich sehe ihn auch an. Ganz dreist. Er geht weiter. Man muß nur wissen, wie man Kontrolleure anzusehen hat, dann hat man auch schon gewonnen. Er dreht sich um und kommt auf mich zu.

„Bitte, wo wollten Sie umsteigen?“

Ein ganz gerissener Bursche, dieser Kontrolleur.

Ich verstehe nur das Umsteigen in diesem Augenblick, weil ich die übrigen Worte erst in Gedanken übersetzen muß. Aber dazu komme ich gar nicht, denn er sagt gleich darauf: „Bitte, lassen Sie doch mal Ihre Karte sehen, wenn ich sehr bitten darf.“

Na, Freund, wenn du noch so höflich bist und noch so höflich bittest, es tut mir sehr leid, ich kann dir deinen Wunsch nicht erfüllen.

„Ich habe es gewußt“, sagt er ganz ruhig und unauffällig. Ich bin überzeugt, die übrigen Fahrgäste haben gar nicht beachtet, was für eine Tragödie sich hier abspielt.

Der Mann nimmt sein Notizbuch, schreibt etwas und geht dann weiter. Vielleicht hat er ein gutes Herz und vergißt mich. Aber in Toulouse auf dem Bahnhof werde ich schon erwartet. Ohne Blechmusik, aber mit einem Auto.

Es ist ein sehr gutes Automobil, feuer- und einbruchsicher, und ich kann während der Fahrt nicht hinausfallen und sehe von meinem Fenster nur einen Teil der obersten Stockwerke der Häuser, an denen wir vorübersausen. Es ist ein Spezialauto für Gäste, die man hier bewillkommnen möchte, denn aller Verkehr hat meinem Auto Platz zu machen, so daß es unbehindert durchfahren kann. Auf jeden Fall sind die Autos in Toulouse eine Marke, die ich noch nicht kenne. Weder Ford noch Dodge Brothers werden hier auf Absatz rechnen können, oder sie müßten sich den hiesigen Ansprüchen besser anpassen.

Aber ich weiß schon, wo ich landen werde. Wenn mir irgendetwas merkwürdig vorkommt an den Sitten und Gebräuchen in europäischen Ländern, dann bin ich immer auf dem Wege zu einer Polizeistation oder unter den Fittichen von Cops. Ich habe daheim nie in meinem Leben je etwas mit der Polizei oder mit dem Gericht zu tun gehabt. Hier kann ich ruhig auf einer Kiste sitzen oder unschuldig im Bett liegen oder über eine Wiese spazierengehen oder in einem Eisenbahnzuge fahren, immer lande ich auf einer Polizeistation. Kein Wunder, daß Europa vor die Hunde geht. Die Leute haben ja gar keine Zeit zu arbeiten, sieben Achtel ihres Lebens haben sie auf Polizeistationen oder mit Polizisten zu vergeuden. Darum sind die Leute auch immer so gereizt und machen so gern Krieg, weil sie sich ewig mit der Polizei herumzanken müssen und die Polizei sich mit ihnen herumzankt. Wir sollten den europäischen Ländern keinen Nickel mehr pumpen, sie geben es ja doch bloß aus, um ihre Polizei noch weiter zu vermehren. Keinen Nickel mehr, no, Sir.

„Von wo kommen Sie?“

Der Hohepriester sitzt wieder vor mir. Sie sind alle gleich. In Belgien, in Holland, in Paris, in Toulouse. Immer müssen sie fragen, und immer wollen sie alles wissen. Und selber begeht man immer wieder den großen Fehler, daß man überhaupt antwortet. Man sollte ganz still sein, gar nichts sagen und die raten lassen. Dann kämen sie alle bald ins Irrenhaus, oder sie würden die Folter wieder einführen. Aber würde man nie antworten, dann würden die Cops ja noch dümmer werden, als sie schon sind.

Das soll man aber auch erst aushalten, da zu sitzen oder zu stehen und immerfort gefragt werden und nichts antworten. Das verfluchte Maul redet ganz von selbst, sobald einem eine Frage entgegengeschleudert wird. Das macht die lange Gewohnheit. Es ist unerträglich, einen Fragesatz schwebend in der Luft hängen zu lassen, ohne ihn durch eine Antwort wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Eine unbeantwortete Frage läßt einem keine Ruhe, läuft immer hinter einem her, drängt sich in die Träume und raubt einem die Ruhe zum Arbeiten und zum Denken. Das eine Wort „Warum?“ mit einem Fragezeichen dahinter ist der Zentralpunkt aller Kultur, Zivilisation und Entwicklung. Ohne dieses eine Wort sind die Menschen nichts weiter als Affen, und wenn man den Affen dieses Zauberwort gibt, werden sie sofort Menschen. Yes, Sir.

„Von wo Sie kommen, will ich wissen!“

Da habe ich nun mal den Versuch gemacht, nicht zu antworten, aber jetzt halte ich es schon nicht mehr aus. Ich muß ihm etwas erzählen. Soll ich nun sagen, daß ich von Paris käme? Oder soll ich lieber sagen, ich käme von Limoges. Wenn ich Limoges sage, machen sie es vielleicht acht Tage billiger, weil Limoges ja nicht so weit ist wie Paris.

„Ich bin in Limoges eingestiegen.“

„Das ist nicht richtig, Mann, Sie sind in Paris eingestiegen.“

Sieh mal an, wie gut die raten können.

„Nein, ich bin nicht in Paris eingestiegen, sondern nur in Limoges.“

„Aber Sie haben doch hier eine Bahnsteigkarte von Paris in der Tasche.“

Da haben sie also schon wieder meine Taschen durchsucht. Ich habe das gar nicht gemerkt, weil ich schon so daran gewöhnt bin, daß es mir gar nicht mehr auffällt.

„Oh, die Bahnsteigkarte habe ich schon lange.“

„Wie lange?“

„Sechs Wochen wenigstens.“

„Das ist aber merkwürdig. Die Karte hat das Datum von gestern vormittag.“

„Dann ist sie irrtümlicherweise vordatiert worden“, sage ich.

„Offenbar. Also Sie sind in Paris eingestiegen.“

„Aber von Paris bis Limoges habe ich bezahlt.“

„Jedenfalls. Und Sie sind ein so guter Bezahler, daß Sie außer Ihrer Fahrkarte auch noch die Bahnsteigkarte gekauft haben, die Sie gar nicht brauchten, wenn Sie eine Fahrkarte hatten. Wenn Sie aber eine Karte bis Limoges hatten, wo ist dann diese Karte.“

„Die habe ich in Limoges abgegeben,“ antworte ich.

„Dann hätten Sie aber doch eine Bahnsteigkarte von Limoges haben müssen. Aber lassen wir das. Wollen wir erst einmal die Personalien festhalten.“

Gut, wenn sie nur die Personalien festhalten, das ist mir lieber, als wenn sie mich mit festhalten.

„Nationalität?“

Eine heikle Frage jetzt. Ich habe so ein Ding nicht mehr, seitdem ich nicht beweisen kann, daß ich geboren bin. Ich könnte es eigentlich mit Franzose versuchen. Der Konsul hat mir ja erzählt, daß es Tausende von Franzosen gäbe, die nicht französisch sprechen können und doch Franzosen sind, soweit ihre Staatsangehörigkeit in Frage kommt. Glauben wird er es mir ja sicher nicht. Er wird ja auch Beweise sehen wollen. Wissen möchte ich nur, für wen es billiger ist, ohne Fahrkarte auf der Eisenbahn zu fahren, für Franzosen oder für Ausländer? Aber der Ausländer kann ja denken, in Frankreich brauche man keine Fahrkarten und er habe in gutem Glauben gehandelt. Geld haben sie in meinen Taschen aber nicht gefunden, und das ist dann schon verdächtig.

„Ich bin ein Deutscher“, platze ich nun raus; denn mir kam ganz plötzlich die Idee, daß ich doch mal sehen möchte, was sie mit einem Boche machen, wenn sie ihn ohne Paß und ohne Fahrkarte in ihrem Lande finden.

„Also ein Deutscher. Sieh an. Wohl auch noch von Potsdam?“

„Nein, nur von Wien.“

„Das ist Österreich. Aber das ist ja alles dasselbe. Also Deutscher. Warum haben Sie denn keinen Paß?“

„Den habe ich verloren.“

Nun ging die ganze Reihe wieder herunter. In jedem Lande haben sie genau dieselben Fragen. Hat einer vom andern abgeschrieben. Erfunden wurden sie wahrscheinlich in Preußen oder in Rußland, denn alles, was sich um Einmischung in die Privatverhältnisse eines Menschen handelt, kommt aus einem der beiden Länder. Da sind die Leute am geduldigsten und lassen sich alles gefallen, und vor einem blanken Knopf nehmen sie die Mütze ab. Denn in jenen Ländern ist der blanke Knopf der böse Gott, den man verehren und anbeten muß, damit er sich nicht rächt.

Zwei Tage später bekam ich vierzehn Tage Gefängnis wegen Eisenbahnbetrugs. Hätte ich gesagt Amerikaner, so würden sie vielleicht herausgekriegt haben, daß ich bereits vorbestraft war wegen Eisenbahnbetrugs, und dann wäre es teurer geworden. Aber meinen Namen erzählte ich ihnen ja auch nicht. Es hat seine Vorteile, wenn man keinen Paß und keine Seemannskarte hat, die jemand in den Taschen finden könnte.

Als die Tage der Vorbereitungen abgelaufen waren, wurde ich der Arbeitskolonne zugewiesen. Da waren kleine merkwürdige Dinger, die aus Weißblech gestanzt waren. Wozu die gebraucht wurden, wußte kein Mensch, nicht einmal die Aufsichtsbeamten wußten es. Manche behaupteten, es sei ein Teil eines Kinderspielzeugs, andre sagten, es sei ein Teil eines Panzerschiffes, wieder andre waren überzeugt, daß es zu einem Auto gehöre, und einige schworen und verwetteten hereingeschmuggelten Tabak, daß dieser Blechschnipsel ein wichtiges Stück von einem lenkbaren Luftschiff sei. Ich war der festen Meinung, daß es zu einer Taucherausrüstung gehören müsse. Wie ich zu dieser Auffassung kam, weiß ich nicht. Aber die Idee hatte sich in mir festgesetzt, und ich hatte auch irgendwo einmal gelesen, daß an Taucherausrüstungen eine ganze Anzahl von Dingen gebraucht würde, die man sonst nirgends gebrauchen könne.

Von diesen merkwürdigen Blechschnipseln hatte ich immer hundertvierundvierzig abzuzählen und auf einen Haufen zu legen. Wenn ich einen Haufen fertig abgezählt und neben mir liegen hatte und einen andern Haufen anfangen wollte, kam der Aufsichtsbeamte und fragte mich, ob ich auch ganz genau wüßte, daß dies hundertvierundvierzig Schnipselchen seien, und ob ich mich auch ja nicht etwa verzählt hätte.

„Ich habe ganz genau gezählt, es sind genau hundertvierundvierzig.“

„Ist das auch ganz bestimmt, kann ich mich ganz bestimmt darauf verlassen?“

Er sah mich so sorgenvoll an, als er diese Frage an mich stellte, daß ich aufrichtig zu zweifeln begann, ob das auch wirklich und wahrhaftig hundertvierundvierzig Schnipselchen seien, und ich sagte, es sei vielleicht doch besser, ich zähle sie nochmal nach. Darauf sagte der Beamte, das sollte ich nur tun, es sei auf jeden Fall besser, damit auch ja kein Irrtum vorkomme; denn wenn sie nicht ganz genau gezählt seien, so gäbe das eine Mordsschweinerei, und er könnte vielleicht gar seinen Posten hier verlieren, was ihm sehr unangenehm wäre, weil er drei Kinder und eine alte Mutter zu versorgen hätte.

Als ich nun das Häufchen das zweite Mal durchgezählt hatte und gefunden hatte, daß die Summe stimmte, kam gerade wieder der Beamte heran. Ich sah, daß er sein Gesicht wieder in besorgte Falten legte, und um ihm den Kummer zu sparen und ihm zu zeigen, wie sehr ich an seinen Sorgen teilnahm, sagte ich, ehe er Zeit hatte, den Mund aufzutun: „Ich glaube, ich zähle lieber noch mal nach; ich könnte mich vielleicht doch um einen oder gar zwei verzählt haben.“

Über sein sorgenvolles Gesicht huschte da ein so verklärtes Lächeln, als ob ihm jemand erzählt hätte, er bekäme in vier Wochen eine Erbschaft von fünfzigtausend Franken ausgezahlt.

„Ja, tun Sie das nur, um Gottes willen, zählen Sie lieber nochmal genau nach. Denn wenn da ein Schnipsel zu viel wäre oder eines zu wenig und der Herr Direktor würde mich zum Rapport kommandieren, ich weiß nicht, was ich da täte. Ich würde ganz sicher meinen Posten verlieren, und da sind die armen Würmer, und meine Frau ist auch nicht ganz wohlauf, und da ist noch meine alte Mutter. Oh, zählen Sie nur ganz genau hundertvierundvierzig, genau zwölf Dutzend. Vielleicht zählen Sie die Schnipselchen überhaupt Dutzendweise, da können Sie sich nicht so leicht verzählen.“

An dem Tage, als ich entlassen wurde und meine Zeit abgedient hatte, hatte ich alles in allem drei Häufchen Schnipselchen gezählt. Ich weiß heute noch nicht, ob ich mich nicht doch vielleicht bei einem verzählt haben mag. Aber ich hege die stille Hoffnung, daß der treue Beamte und brave Versorger seiner Familie die drei Häufchen noch einmal zwei Wochen lang hat nachzählen lassen, so daß ich also nicht die Verantwortung zu tragen habe, wenn der Mann vielleicht doch zum Rapport kommandiert wird.

Ich bekam vierzig Centimes Arbeitslohn ausbezahlt. Eins ist sicher, wenn ich noch zweimal ohne Fahrkarte auf einer französischen Bahn fahre und erwischt werde, muß der französische Staat unweigerlich bankrott machen. Das hält kein Staat aus, auch wenn er viel günstiger dastände als Frankreich.

Das möchte ich diesem Staate auch nicht antun, und ich möchte mir auch nicht nachsagen lassen, daß ich vielleicht gar schuld sei, wenn der französische Staat seine gepumpten Gelder nicht verzinsen kann.

Darum mußte ich raus aus diesem Lande.

Das heißt, ich will nicht verschweigen, daß es nicht nur meine Sorge um das Wohlergehen und das geregelte Zinsenbezahlen des französischen Staates war, was mich veranlaßte, an eine beschleunigte Abreise zu denken. Bei meiner Entlassung war ich wieder einmal verwarnt worden. Diesmal sehr ernsthaft. Wäre ich innerhalb vierzehn Tagen nicht raus aus dem Lande, dann bekäme ich ein Jahr und Deportation nach Deutschland. Das hätte den armen Staat wieder allerlei gekostet, und ich bekam aufrichtiges Mitleid mit diesem geplagten Lande.

13

Ich wanderte südlich, auf Pfaden, die so alt sind wie die Geschichte der europäischen Völker. Ich blieb nun bei meiner neuen Nationalität. Und wenn mich jemand fragte, sagte ich ganz trocken: „Boche.“ Es nahm mir niemand übel, ich bekam überall zu essen und überall ein gutes Nachtquartier, bei jedem Bauern. Es schien, daß ich instinktiv das Richtige getroffen hatte. Niemand konnte die Amerikaner leiden. Jeder schimpfte und fluchte auf sie. Sie seien die Räuber, die aus dem Blute französischer Söhne ihre Dollar gemünzt hätten, und sie seien die Halsabschneider und Wucherer, die nun aus den Sorgen und Tränen der übriggebliebenen Väter und Mütter abermals Dollar herausmünzen wollen, weil sie nie den Rachen vollkriegen könnten, obgleich sie im Golde schon erstickten. Wenn wir nur einen hier hätten, einen von diesen amerikanischen Wucherern, wir schlügen ihn mit dem Dreschflegel tot wie einen alten Hund, weil er wahrhaftig nichts Besseres verdient.

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Verflucht nochmal, da habe ich aber Glück gehabt.

„Dagegen die Boches. Gut, wir haben Krieg mit ihnen gehabt, einen ehrlichen und richtigen Krieg. Wir haben ihnen Elsaß wieder abgenommen. Da sind sie auch ganz damit einverstanden, das haben sie eingesehen. Nun aber geht es den armen Teufeln genau so dreckig wie uns. Auch die hat der amerikanische Hund am Schlafittchen und holt noch den letzten abgenagten Knochen heraus. Die verhungern ja alle, die armen Boches. Wir würden ihnen so gern etwas abgeben, aber wir haben ja selber nur noch das nackte Leben, weil der Teufel von Amerikaner uns schon das Hemd vom Leibe gezogen hat. Warum ist er überhaupt rübergekommen nach Europa? Uns zu helfen? Prost Mahlzeit! Um uns den letzten Faden noch vom Leibe zu ziehen. Denn wir müssen ja alles bezahlen. Wir und die armen Boches.“

„Sieht man ja an Ihnen, wie dreckig es den armen Boches geht. Ganz verhungert sehen Sie aus. Essen Sie nur tüchtig, langen Sie zu. Nehmen Sie sich das beste Stück. Wenn es Ihnen nur schmeckt. Wenn sie drüben alle so verhungert sind wie Sie, dann gute Nacht. Aber wir haben ja selber nicht viel. Wo wollen Sie denn nun hin? Nach Spanien? Das ist recht. Das ist vernünftig. Die haben noch etwas mehr als wir. Die haben keinen Krieg gehabt. Aber die hat ja der Amerikaner auch so reingelegt mit Kuba und mit den Philippinen. Da sehen Sie es ja schon wieder. Immer stiehlt er uns arme Europäer aus. Als ob er drüben nicht genug hätte. Nein, er muß hier stehlen und wuchern kommen. Langen Sie nur tüchtig zu. Lassen Sie sich durch uns nicht stören, daß wir schon aufhören. Wir haben ja noch ein bißchen was und können uns wenigstens hin und wieder mal satt essen. Aber, ihr armen Boches da drüben, euch verhungern ja die kleinen Würmchen in der Wiege.“

„Und wenn nun gar hier ein armer Teufel sich das Geld zusammengespart hat und will rüber zu den Amerikanern, um sich ein paar Dollar zu verdienen, die er seinen Eltern schicken will, da machen sie die Türe zu, diese Banditen. Erst stehlen sie das Land von den armen Indianern, und wenn sie es haben, dann lassen sie keinen mehr rein, nur damit sie ja ganz im Fett ersticken können, die verfluchten Hunde. Als ob sie dem, der überfährt, was schenken würden. Arbeiten muß er, aber feste. Die schlechteste Arbeit, die kein Amerikaner anfassen will, die können dann unsre Jungens machen.“

„Wissen Sie was, Sie könnten eigentlich hier ein paar Wochen ganz gut arbeiten. Da können Sie sich ordentlich herausfüttern, daß Sie wieder zu Kräften kommen, denn Spanien ist noch weit. Mon dieu, viel bezahlen können wir ja nicht, dreißig Franken den Monat, acht Franken die Woche und die Kost und das Schlafen. Vor dem Kriege war der Lohn nur drei Franken die Woche, aber es ist ja jetzt alles so sündhaft teuer. Wir haben auch während des Krieges einen Boche hier gehabt. Einen Kriegsgefangenen. Er war ein so fleißiger Mann, wir waren alle recht traurig, als er wieder heim mußte. Sag, Antoine, der Wil’em, der Boche, der war doch ein sehr fleißiger Mann. Der hat tüchtig gearbeitet. Wir haben ihn auch alle sehr gern gehabt, und die andern Leute haben auch immer geredet, daß wir ihn zu gut behandeln, aber wir haben ihm doch alles gegeben, was wir konnten. Er hat dasselbe Essen gehabt wie wir, da haben wir keinen Unterschied gemacht ...“

Da arbeitete ich also nun, und ich lernte bald erfahren, daß der Wil’em wirklich ein tüchtiger Arbeiter gewesen sein muß. Denn ich hörte jeden Tag ein halbes dutzendmal: „Ich weiß nicht, der Wil’em muß aus einer ganz andern Gegend gewesen sein als Sie. So können Sie nicht arbeiten wie der Wil’em. Habe ich nicht recht, Antoine?“

Und Antoine bestätigte: „Ja, er ist sicher aus einer ganz andern Gegend, denn so kann er nicht arbeiten, wie der Wil’em es konnte. Aber es gibt wohl auch unter den Boches Unterschiede, genau so wie bei uns.“

Der ewige Vergleich mit dem tüchtigen Wil’em, der sicher mehr von der Landwirtschaft verstand als ich, und der gewiß auch darum so „tüchtig“ arbeitete, weil er lieber hier bei den Bauersleuten blieb als in das Internierungslager zurückgeschickt werden oder in Algier Straßen pflastern wollte, fiel mir bald auf die Nerven. Selbst wenn ich nur halb soviel gearbeitet hätte, wäre es noch um das Dreifache zuviel gewesen. So billig bekam der Bauer nie wieder einen Arbeiter. Acht Franken in der Woche. Andre Bauern hatten zwanzig, fünfundzwanzig, dreißig Franken die Woche zu zahlen. Ich bekam acht. Ich war ja auch der verhungerte Boche, der herausgefüttert werden sollte.

Als ich dann abzog, weil ich erklärte, ich müßte nun unbedingt nach Spanien, ich könne auf keinen Fall mehr länger warten, und vielleicht käme gar noch die Polizei, die es mir verbieten würde, hier zu arbeiten, da bekam ich für meine Arbeit von sechs Wochen im ganzen zehn Franken. Der Bauer sagte mir, daß er nicht mehr Geld habe. Wenn ich vielleicht nach Neujahr zurückkommen wolle, dann könne er mir den Rest zahlen, weil er dann das Geld bekäme für die Ernte, aber jetzt habe er weiter kein Geld. Ich sähe jetzt auch wieder ganz gesund aus, es habe mir doch gut getan, dieses kräftige Essen, das ich hier bekommen habe, und totgearbeitet hätte ich mich ja auch nicht, der Wil’em –.

„Ja,“ sagte ich darauf, „der Wil’em war auch aus Westfalen, ich bin aber aus Südfalen und da braucht man nicht so hart arbeiten, weil alles von selbst wächst, da ist man so schwere Arbeit nicht gewöhnt.“

„Das ist ja dann ganz verständlich“, sagte der Bauer. „Von Südfalen habe ich auch schon viel gehört. Das ist doch das Großherzogtum, wo die vielen Bernsteinbergwerke sind?“

„Richtig,“ sagte ich, „das ist der Landesteil, wo die vielen Hochöfen sind, in denen der Königsberger Klops geschmolzen wird.“

„Was? Der Königsberger Klops wird aus Eisen gemacht? Ich habe immer geglaubt, der wird aus gemahlener Steinkohle hergestellt.“

„Das ist der gefälschte. Der wird allerdings aus gemahlener Steinkohle gemacht“, erwiderte ich. „Da haben Sie durchaus recht, aus gemahlener Steinkohle mit eingedicktem Schwefelteer. Aber der richtige, der echte Königsberger Klops, der wird in Hochöfen geschmolzen, der ist viel härter als der härteste Stahl. Damit haben ja unsre Generale die Torpedos gefüllt, mit denen sie die Panzerschiffe versenkten. Ich habe selbst an einem solchen Hochofen gearbeitet.“

„Ihr seid doch schlaue Leute, das muß ich schon sagen“, erwiderte der Bauer. „Wir haben ja nun den Krieg gewonnen, und das nehmen wir euch nicht übel. Und der Krieg ist ja jetzt auch vorbei. Warum sollen wir da noch böse miteinander sein. Dann lassen Sie es sich nur recht gut gehen in Spanien.“

Gelegentlich will ich doch einen Deutschen fragen, was eigentlich Königsberger Klops ist. Jeder, den ich gefragt habe, hat mir immer etwas andres erzählt, aber freilich keiner war ein Deutscher.

14

Die Gegend wurde ziemlich einsam, alles Gebirgsland. Klettern und Klettern. Die Bauern wurden immer geringer und die Hütten immer ärmlicher. Wasser reichlich und das Essen knapp und dürftig. Nachts recht hübsch kalt und selten eine Decke und oft nicht einmal einen Sack. Der Einmarsch in Sonnenländer ist immer mühselig, das haben nicht nur einzelne Menschen, sondern ganze Völker erfahren. „Die Grenze ist jetzt nicht mehr weit“, war mir am Morgen gesagt worden, als ich den Hirten verließ, in dessen elender Hütte ich geschlafen hatte, und der sein bißchen Käse, Zwiebeln, Brot und dünnen Wein mit mir geteilt hatte.

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Dann war ich auf einer Straße, die an den Bergen hochklomm und wieder hinunterging in die Täler, nur um abermals hochzuklimmen und wieder hinunterzuführen.

Und auf dieser Straße kam ich endlich an ein großes hochgewölbtes Tor, das sehr altertümlich aussah. Zu beiden Seiten des Tores zog sich eine Mauer hin, die ebenso graugelb und alt aussah wie das Tor. Es schien, daß diese Mauer ein großes Gut einschlösse. Die Straße führte direkt unter dem Torbogen her.

Um auf der Straße weiterzukommen, gab es gar keinen andern Weg, als durch das Tor zu gehen. Ich hoffte, daß die Straße über den Gutshof führe, an der gegenüberliegenden Seite ein ähnliches Tor sein werde, durch das man dann wieder auf die Straße komme.

Ich ging drauf los, ging durch das Tor und wanderte geradeaus weiter, ohne jemand zu sehen.

Plötzlich aber kommen zwei französische Soldaten mit Gewehr und aufgepflanztem Bajonett aus irgendeinem Winkel hervor, kommen auf mich zu und fragen mich nach einem Paß. Hier scheinen also sogar die Soldaten nach der Seemannskarte zu fragen.

Ich erkläre ihnen, daß ich keinen Paß hätte. Dann sagen sie aber, daß sie nicht meinen Reisepaß sehen wollten, der kümmere sie nicht, sie möchten lediglich meinen Paß sehen, der vom französischen Kriegsministerium in Paris ausgefertigt sei und mir das Recht gebe, hier in den Festungswerken ohne Begleitung herumzulaufen.

„Das habe ich nicht gewußt, daß dies hier Festungswerke sind“, sage ich, „ich bin immer auf der Straße geblieben und habe geglaubt, das sei der Weg zur Grenze.“

„Die Straße zur Grenze biegt eine Stunde vorher rechts ab. Da war ein Schild. Haben Sie das nicht gesehen?“

„Nein. Das Schild habe ich nicht gesehen.“

Ich erinnere mich jetzt, daß ich eine Straße rechts abbiegen sah. Ich erinnere mich aber auch, daß ich eine ganze Anzahl von Straßen in den letzten Tagen rechts und links abbiegen sah. Aber ich hielt es für besser, immer in der geraden Richtung fortzugehen, die nach Süden führt. Das war für mich die Zielrichtung. Ich habe so viele Schilder gesehen. Aber was gingen mich denn die Schilder alle an? Wenn sie die Namen eines Ortes nannten, so wußte ich ja nicht, ob der Ort näher zur Grenze lag oder weiter. Am Ende wäre ich immer im Kreise herumgelaufen und nie nach Spanien gekommen, wenn ich allen Schildern nachgelaufen wäre. Eine Karte, auf der ich die Ortsnamen hätte ablesen können, besaß ich ja nicht.

„Wir müssen Sie zum wachthabenden Offizier bringen.“ Die beiden Soldaten nahmen mich in ihre Mitte und führten mich ab.

Der wachthabende Offizier war ein noch junger Mann. Er wurde sehr ernst, als er hörte, was los sei.

Dann sagte er: „Sie müssen erschossen werden. Innerhalb vierundzwanzig Stunden. Laut Kriegsgrenzgesetz. Artikel –“, hier nannte er eine Nummer, die mich nicht interessierte.

Als der junge Offizier das sagte, wurde er ganz bleich und konnte kaum die Worte hervorbringen. Er mußte sie hervorwürgen.

Ich durfte mich setzen, aber die beiden Soldaten mit aufgepflanztem Bajonett blieben neben mir stehen. Der junge Offizier nahm einen Bogen Papier her und versuchte zu schreiben. Aber er war zu aufgeregt und mußte es sein lassen. Endlich nahm er sich aus seinem silbernen Etui eine Zigarette. Er wollte sie in den Mund stecken, aber sie fiel ihm herunter, und ich sah, wie seine Hände zitterten. Um es zu verbergen, nahm er abermals eine Zigarette heraus und brachte sie nun mit einer ganz steifen langsamen Armbewegung in den Mund. Das Zündholz ging ihm dreimal aus. Ehe er das vierte anstrich, fragte er mich: „Rauchen Sie?“ Dann drückte er auf einen Knopf, und es kam eine Ordonnanz, der er den Befehl gab, zwei Pakete Zigaretten aus der Kantine zu holen, auf seinen Namen. Ich bekam dann die Zigaretten und durfte rauchen, während die beiden Soldaten neben mir standen wie Götzenbilder und sich nicht rührten.

Als sich der Offizier beruhigt hatte, nahm er ein Buch, suchte darin herum und las einzelne Stellen. Dann nahm er wieder ein andres Buch und las auch in diesem, verschiedene Stellen aufsuchend und sie mit andern vergleichend.

Es war merkwürdig. Ich, der ich doch das Opfer war, empfand nicht eine Spur von Aufregung. Als der Offizier mir sagte, daß ich innerhalb vierundzwanzig Stunden erschossen werden müsse, machte das auf mich keinen tieferen Eindruck, als ob er gesagt hätte: „Machen Sie, daß Sie hier herauskommen, aber schleunigst.“

Es ließ mich kalt wie Pflasterstein.

Im Grunde und ganz ohne Scherz gesprochen, war ich ja schon lange tot. Ich war nicht geboren, hatte keine Seemannskarte, konnte nie im Leben einen Paß bekommen, und jeder konnte mit mir machen, was er wollte, denn ich war ja niemand, war offiziell überhaupt gar nicht auf der Welt, konnte infolgedessen auch nicht vermißt werden. Wenn mich jemand erschlug, so war kein Mord verübt worden. Denn ich fehlte nirgends. Ein Toter kann geschändet, beraubt werden, aber nicht ermordet.

Das freilich sind konstruierte Einbildungen, die gar nicht möglich, ja sogar ein Zeichen von Wahnsinn wären, wenn es keinen Bureaukratismus, keine Grenzen, keine Pässe gäbe. Im Zeitalter des Staates sind noch ganz andre Dinge möglich und können noch ganz andre Dinge aus dem Universum ausgewischt werden als ein paar Menschen. Die intimsten, die ursprünglichsten Gesetze der Natur können ausgewischt und abgeleugnet werden, wenn der Staat seine innere Macht vergrößern und vertiefen will auf Kosten des einen, des einzelnen, der das Fundament des Universums ist. Denn das Universum ist aufgebaut aus Individuen, nicht aus Herden. Es besteht durch das Gegeneinanderwirken von Individuen. Und es bricht zusammen, wenn die freie Beweglichkeit der einzelnen Individuen beschränkt wird. Die Individuen sind die Atome des Menschengeschlechts.

Vielleicht auch blieb die angekündigte Erschießung darum ohne jeden Eindruck auf mich, weil ich das schon einmal durchgekostet hatte und damals mit allen Grauen, die damit verknüpft sind. Aber Wiederholungen schwächen ab, selbst wenn es sich um wiederholte Todesurteile handelt. Einmal davongekommen, kommst du immer davon.

Was auch das Motiv meiner schwachen Empfindung gegenüber der angedrohten Todesstrafe sein mochte, jedenfalls war es mir ganz ausgelaugter Kaffeesatz.

„Haben Sie Hunger?“ fragte jetzt der Offizier.

„Aber tüchtig, das können Sie mir glauben“, sagte ich.

Der Offizier wurde über und über rot und fing laut an zu lachen.

„Sie haben Nerven!“ sagte er unter Lachen. „Haben Sie geglaubt, ich scherze?“

„Womit?“ fragte ich. „Doch nicht etwa mit dem angebotenen Essen? Das wäre mir gar nicht lieb.“

„Nein,“ antwortete der Leutnant, und er wurde ein wenig ernster, „mit dem Erschießen.“

„Das habe ich so ernst genommen, wie Sie es meinten. Wortwörtlich. Wenn das in Ihrem Gesetz steht, dann müssen Sie das auch tun. Aber Sie haben doch auch gesagt, laut Gesetz innerhalb vierundzwanzig Stunden. Jetzt ist doch erst eine Viertelstunde um, und Sie denken doch nicht etwa, daß ich die übrigen dreiundzwanzig und dreiviertel Stunden hungere, nur des Erschießens wegen. Wenn Sie mich erschießen wollen, können Sie mir auch etwas Gutes zu essen geben. Das will ich Ihrem Staat denn doch nicht schenken.“

„Sie sollen was Gutes zu essen haben. Werde ich anordnen. Sonntagsessen für Offiziere, Doppelportion.“

Da will ich doch sehen, was französische Offiziere Sonntags essen. Mich zu vernehmen oder mich nach meiner Seemannskarte zu fragen, hielt der Offizier für nicht nötig. Endlich hatte ich einmal einen Menschen getroffen, der nichts über meine Privatverhältnisse wissen wollte. Nicht einmal meine Taschen wurden durchsucht. Aber der Leutnant hatte recht, wenn das Erschießen feststand, so lohnte es nicht die Mühe, Vernehmungen zu machen und Taschen durchzuwühlen. Das Resultat war ja immer dasselbe.

Es dauerte eine gute Weile, ehe ich mein Essen bekam. Dann wurde ich in einen andern Raum geführt, wo ein Tisch stand, der mit einer Tischdecke bedeckt war, auf der die Gerätschaften in verlockender Weise aufgestellt waren, die mir das Essen erleichtern und verschönern sollten. Es war nur für eine Person gedeckt, aber Teller, Gläser, Messer, Gabeln und Löffel waren in einer solchen Menge vorhanden, daß sie gut für sechs Personen reichen konnten.

Meine Wachtposten waren inzwischen abgelöst worden; ich hatte zwei neue bekommen. Einer stand jetzt an der Tür und einer hinter meinem Stuhl. Beide mit aufgepflanztem Bajonett, Gewehr bei Fuß. Draußen vor den Fenstern sah ich aber auch noch zwei auf und ab patrouillieren mit geschultertem Gewehr. Ehrenwachen.

Sie brauchten keine Angst zu haben, sie hätten ruhig Karten spielen gehen können in die Kantine; denn solange ich nicht das Sonntagsessen für Offiziere, Doppelportion, innerhalb meines Leders hatte, wäre ich nicht einen Schritt fortgegangen.

Nach den vielen verschiedenen Messern, Gabeln, Löffelchen, großen Tellern, kleinen Tellern, Glastellerchen und großen und kleinen Wein- und Likörgläsern zu urteilen, die vor mir standen, mußte ich ja etwas erwarten, wovon mich auch eine dreifache Todesstrafe nicht hätte verscheuchen können. Verglichen mit jenem Napf, in dem ich meine belgische Henkersmahlzeit vorgesetzt bekommen hatte, stand mir hier kein Kartoffelsalat mit Leberwurst bevor. Ich hatte nur eine einzige Sorge, und das war die, ob ich auch alles werde essen können, ob ich nicht etwa werde irgend etwas liegen lassen müssen, das mir die letzte Stunde meines Daseins mit den Folterqualen bitterer Reue anfüllen könnte, weil ich unausgesetzt daran denken müßte, wie es nur möglich war, daß ich gerade das liegen ließ.

Endlich wurde es ein Uhr und endlich auch einundeinhalb Uhr. Und da tat sich die Tür auf und das Fest begann.

Zum ersten Male in meinem Leben lernte ich erfahren, was für Barbaren wir sind, und was für kultivierte Leute die Franzosen sind, und ich lernte ferner erfahren, daß die Nahrungsmittel des Menschen nicht gekocht, gebraten, geschmort, geröstet oder gebacken werden dürfen, sondern daß sie zubereitet werden müssen, und daß dieses Zubereiten eine Kunst ist, ach nein, keine Kunst, es ist eine Gabe, die einem Begnadeten und Auserlesenen in die Wiege gelegt wird, wodurch er Genie wird.

Auf der Tuscaloosa war das Essen gut, vorzüglich. Aber nach dem Essen konnte ich immer sagen, was es gegeben hatte. Das konnte ich hier nicht. Was es hier gab, und wie es schmeckte, das war wie ein Gedicht, bei dem man träumt, und bei dem man in Seligkeiten versinkt, und wenn man später gefragt wird: „Wovon handelte es denn?“ man zu seinem größten Erstaunen bekennen muß, daß man darauf nicht geachtet habe.

Der Künstler, der dieses Gedicht geschaffen hatte, war fürwahr ein großer Künstler. Er ließ kein Gefühl der Reue übriggebliebener Verszeilen wegen in mir zurück. Jedes Gericht war so sorgfältig abgewogen und abgeschätzt in allen seinen Nähr- und Genußwerten, daß man kein Gabelspitzchen voll übrigließ, den nächsten Gang mit erhöhtem Genuß erwartete, und wenn er kam, mit Fanfaren zu begrüßen gedachte. Dieses Fest dauerte etwa einundeineviertel Stunde oder mehr, es hätte dauern können vier Stunden lang, und ich hätte nichts übriggelassen. Immer wieder kam noch ein solcher Bissen, dann noch ein solcher Happen, dann wieder eine solche kandierte Frucht, dann wieder eine Creme, und nach jedem Gang wollte man einen weiteren sehen. Als aber dann endlich alles vorüber war – Schönes geht ja viel schneller zu Ende als Trübes – als auch alle die Liköre, Weine, Weinchen und Tröpfchen den Weg aller guten Tropfen gegangen waren, als endlich der Kaffee, süß wie ein Mädel am ersten Abend, heiß wie sie am siebenten und schwarz wie die Flüche der Mutter, wenn sie es erfährt, vorüber war, fühlte ich mich aufgefüllt wie ein Sack, aber ich fühlte mich wohlig und paradiesisch satt mit einer leisen, zart angedeuteten Sehnsucht auf das Abendessen. Meine Herren! Das war ein Essen, das nenne ich Kunstwerk. Dafür lasse ich mich jeden Tag zweimal mit Freuden erschießen.

Ich rauchte eine Importe, aus der ich alle Düfte und Sonnentänze Westindiens sog. Dann legte ich mich auf das Feldbett, das in dem Raume stand, und sah den blauen Wolken nach.

Oh, was ist das Leben schön! Wunderschön! So schön, daß man sich mit einem dankbaren Lächeln auf den Lippen erschießen läßt, ohne durch Murren oder Wimmern die Harmonie des Lebens zu stören.

15

Einige Stunden waren vergangen, als der Leutnant hereinkam. Ich stand auf, aber er sagte mir, daß ich nur ruhig liegen bleiben möge, er wolle mir nur mitteilen, daß der Kommandant nicht erst morgen abend zurückkommen werde, wie er angesagt hätte, sondern schon morgen früh, also vor Ablauf meiner vierundzwanzig Stunden. Er habe dadurch die Möglichkeit, die Angelegenheit dem Kommandeur selbst zu übertragen. – „Freilich“, fügte er hinzu, „an Ihrem Schicksal ändert das nichts. Das Kriegsgesetz ist hier sehr eindeutig und läßt keine Lücke offen.“

E
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„Der Krieg ist doch aber vorbei, Mr. Leutnant“, sagte ich.

„Gewiß. Aber wir befinden uns noch im Kriegszustande, und wahrscheinlich solange, bis alle Verträge endgültig geregelt sind. Unsre Grenzforts haben ihre Reglements noch nicht um einen Punkt geändert, sie sind zur Stunde genau noch so, wie sie während der Dauer des Krieges waren. Die spanische Grenze wird wegen der bedrohlichen Verhältnisse in unsrer nordafrikanischen Kolonie augenblicklich vom Kriegsministerium als größere Gefahrzone bezeichnet als unsre östliche Grenze.“

Mich interessierte das sehr wenig, was er mir über Gefahrzonen und Reglements erzählte. Was kümmerte mich denn die französische Politik. Mich interessierte nach meinem gesunden Mittagsschlaf ganz etwas andres, und das wollte ich ihn auch gleich wissen lassen.

Er wollte gehen, sah mich aber noch an und fragte dann lächelnd: „Ich hoffe, Sie fühlen sich den Umständen angemessen entsprechend wohl. Ist Ihnen das Essen bekommen?“

„Ja, danke.“

Nein, ich konnte es nicht ungesagt lassen:

„Verzeihen Sie, Herr Leutnant, bekomme ich auch wieder Abendessen?“

„Natürlich. Glauben Sie denn, wir lassen Sie verhungern. Selbst wenn Sie auch ein Boche sind, verhungern lassen wir Sie doch nicht. In wenigen Minuten bekommen Sie Ihren Kaffee.“

Ich druckste ein wenig, man möchte doch gegen seinen Gastgeber nicht unhöflich sein. Aber schiet, was braucht ein zum Tode Verurteilter noch länger höflich sein.

„Entschuldigen Sie, Herr Leutnant, bekomme ich wieder Offiziersessen. Doppelportion?“

„Selbstverständlich. Was dachten Sie denn? Das ist in der Verordnung. Es ist Ihr letzter Tag. Wir werden Sie doch nicht mit einem schlechten Andenken an unser Fort zu – zum – also hinwegschicken.“

„Seien Sie unbesorgt, Herr Leutnant, ich behalte das Fort in gutem Andenken. Sie können mich ruhig erschießen. Nur nicht gerade in dem Augenblick, wo das Offiziersessen, Doppelportion, auf dem Tisch steht. Das wäre eine barbarische Handlung, die ich Ihnen nie vergessen würde, und die ich oben auch gleich bei meiner Ankunft melden müßte.“

Eine Weile sah mich der Offizier an, als hätte er mich nicht richtig verstanden. Es war ja auch nicht so leicht, sich aus meinen Brocken klarzumachen, was ich meinte. Aber plötzlich begriff er und verstand er. Und da lachte er so, daß er zum Tisch kommen mußte, um sich festzuhalten. Die beiden Soldaten hatten wohl etwas verstanden, jedoch den wahren Sinn nicht begriffen. Sie standen ganz starr da wie Puppen. Aber von dem Lachen ihres Leutnants wurden sie schließlich doch angesteckt und lachten mit, ohne zu wissen, worum es ging, und wer die Kosten dieses Lachens trug. –

Der Kommandeur war sehr früh zurückgekommen, und um sieben Uhr morgens wurde ich ihm vorgeführt.

„Haben Sie denn die Schilder nicht gesehen?“

„Was für Schilder?“

„Nun, jene Schilder, auf denen geschrieben steht, daß dies hier militärisches Gebiet ist, und daß, wer innerhalb dieses Gebietes angetroffen wird, nach Kriegsrecht behandelt wird. Das bedeutet, daß Sie ohne Gerichtsverhandlung zum Tode verurteilt sind und erschossen werden.“

„Das weißt ich bereits.“

„Also die Schilder haben Sie nicht gesehen?“

„Nein. Und wenn ich sie gesehen habe, so habe ich nicht darauf geachtet. Ich kann auch gar nicht lesen, was darauf steht. Lesen kann ich es zwar, aber nicht verstehen.“

„Sie sind Holländer, nicht wahr?“

„Nein, ich bin ein Boche.“

Wenn ich gesagt hätte, ich bin der Teufel und komme soeben auf direktem Wege aus der Hölle, um den Kommandanten persönlich abzuholen, er hätte kein erstaunteres Gesicht machen können.

„Ich habe geglaubt, Sie seien Holländer. Sie sind Offizier in der deutschen Armee oder sind es wenigstens gewesen, nicht wahr?“

„Nein, ich war nie Soldat in der deutschen Armee.“

„Warum nicht?“

„Ich bin ein C. O., ein Mann, der die ganze Zeit, während der Krieg dauerte, im Gefängnis saß.“

„Wegen Spionage?“

„Nein, weil die Deutschen glaubten, ich würde den Krieg nicht erlauben. Und da hatten sie solche Angst, daß sie mich und noch ein halbes Dutzend Leute, die den Krieg auch nicht erlauben wollten, ins Gefängnis steckten.“

„Da hätten Sie und das halbe Dutzend Ihrer Mitgefangenen den Krieg also verhindern können?“

„Wenigstens die Boches glaubten das von mir. Vorher hatte ich nicht gewußt, daß ich ein so starker Mann bin. Aber dann erfuhr ich es, weil sie mich ja sonst nicht hätten einsperren brauchen.“

„In welchem Festungsgefängnis haben Sie denn da gesessen?“

„In – in – in Südfalen.“

„In welcher Stadt?“

„In Deutschenburg.“

„Den Ort habe ich nie gehört.“

„Ja, da wird nur wenig davon gesprochen. Das ist eine ganz geheime Festung, die sogar die Boches selber nicht kennen.“

Der Kommandant wandte sich nun an den Leutnant: „Wußten Sie, daß der Mann ein Deutscher ist?“

„Jawohl, er hat es mir sofort gesagt.“

„Sofort gesagt, ohne erst Ausflüchte zu machen?“

„Jawohl.“

„Hat er einen photographischen Apparat gehabt, Karten, Bilder, Zeichnungen, Pläne oder etwas derart?“

„Nein, offen nicht. Ich habe ihn nicht durchsuchen lassen, er war immer unter Aufsicht und konnte nichts verbergen.“

„Das war richtig. Wir werden sehen, was er hat.“

Nun kamen zwei Korporale, und die durchsuchten mich. Aber sie hatten kein Glück. Alles, was sie fanden, waren ein paar Franken, ein zerrissenes Taschentuch, ein kleines Kämmchen und ein Stück Seife. Die Seife trug ich bei mir als Legitimation, daß ich einer zivilisierten Rasse angehöre, denn an meinem Äußern hätte man das nicht immer erkennen können. Und eine Legitimation mußte ich ja schließlich doch wohl haben.

„Schneiden Sie die Seife auf,“ wurde dem Korporal angeordnet. Aber auch inwendig war nichts andres als Seife. Der Kommandant hatte offenbar geglaubt, daß innen Schokolade wäre.

Dann mußte ich Stiefel und Strümpfe ausziehen, und die Sohlen meiner Stiefel wurden durchsucht.

Aber wenn schon alle die vielen Polizisten das nicht gefunden hatten, was die Leute alle gern von mir haben wollten, und die hatten doch auch gut verstanden, wie durchsucht werden muß, so fanden es die Korporale noch viel weniger. Wenn die Leute doch nur sagen wollten, was sie immer suchen, dann würde ich ihnen ja gern sagen, ob ich es habe oder nicht. Dann könnten sie sich die Mühe sparen. Freilich dann hätten sie wieder keine Arbeit.

Es muß ein sehr wertvolles Ding sein, was die in allen Ländern in meinen Taschen suchen. Vielleicht die Pläne einer verschütteten Goldmine oder eines versandeten Diamantenfeldes. Der Kommandant hätte sich beinahe verraten, denn er sprach schon von Plänen; aber rasch fiel ihm ein, daß er das große tiefe Geheimnis, das nur Cops und Soldaten wissen dürfen, nicht verraten darf.

„Ich verstehe nur eins nicht,“ wandte sich der Kommandant wieder an den Leutnant, „wie es möglich war, daß er die Posten an den Außenwerken passieren konnte, ohne gesehen zu werden und ohne aufgehalten zu werden?“

„Um diese Stunde ist nur wenig Verkehr auf den zuführenden Straßen. Ich hatte, dem Befehl des Herrn Kommandanten Folge leistend, für die Zeit Exerzieren in einem gegenüberliegenden Werk angeordnet, und es blieben hier nur Patrouillen zurück, die an den Straßen die Zugänge zu beobachten haben. Er ist dann sicher zwischen zwei Patrouillen durchgeschlüpft. Wenn ich mir erlauben darf, möchte ich aus dieser Erfahrung heraus dem Herrn Kommandanten den Vorschlag unterbreiten, die Übungen nur in drittel Formationsstärke abzuhalten, um die Wachen nicht zu schwächen.“

„Wir hatten geglaubt, es sei keine Annäherung möglich. Ich hatte mich an die gegebenen Vorschriften zu halten, deren Lücken ich, wie Sie sich wohl erinnern, rapportiert habe. Ich habe nun eine starke Stellung, unsern Entwurf durchzudrücken. Das ist etwas wert. Meinen Sie nicht?“

Was mich das eigentlich anging, welchen Entwurf sie für besser hielten. Warum sie nur das alles in meiner Gegenwart ausmachten? Aber warum sollten sie auch ein Blatt vor den Mund nehmen, vor einem Toten?

„Wo kommen Sie denn her?“ fragte mich nun der Kommandant.

„Von Limoges.“

„Wo sind Sie denn über die Grenze gegangen?“

„In Straßburg.“

„In Straßburg? Das liegt doch gar nicht an der Grenze.“

„Ich meine da, wo die amerikanischen Truppen liegen.“

„Sie meinen im Moselgebiet? Dann sind Sie also im Saargebiet herübergekommen?“

„Ja, das wollte ich sagen. Ich habe Straßburg mit Saarsburg verwechselt.“

„Was haben Sie denn hier die ganze Zeit in Frankreich gemacht? Herumgebettelt?“

„Nein. Ich habe gearbeitet. Bei Bauern. Und wenn ich wieder ein wenig Geld hatte, habe ich mir eine Fahrkarte gekauft und bin wieder ein Stück weitergefahren, bis ich wieder bei einem Bauern gearbeitet habe und wieder eine Fahrkarte kaufen konnte.“

„Wo wollten Sie denn jetzt hin?“

„Nach Spanien.“

„Was wollen Sie denn in Spanien?“

„Sehen Sie, Herr Kommandeur, nun kommt bald der Winter, und ich habe kein Feuerungsmaterial angespart. Da habe ich denn gedacht, ich gehe besser beizeiten nach Spanien, da ist es auch im Winter schön warm, und da braucht man kein Feuerungsmaterial, da kann man sich ruhig in die Sonne setzen und den ganzen Tag Apfelsinen und Weintrauben essen. Die wachsen da ja wild im Chausseegraben, man braucht sie nur abzupflücken, und die Leute sind froh, wenn man sie abpflückt, weil das für die Spanier nur Unkraut ist, das sie nicht haben wollen.“

„Also nach Spanien wollen Sie?“

„Wollte ich. Jetzt geht es ja nicht mehr.“

„Warum?“

„Weil ich doch erschossen werde.“

„Wenn ich Sie jetzt nicht erschießen lasse und Ihnen sage, Sie gehen auf dem schnellsten Wege zurück nach Deutschland, und Sie können frei gehen unter der Bedingung, daß Sie sofort nach Deutschland zurückkehren, würden Sie mir das versprechen?“

„Nein.“

„Nein?“ Er sah den Leutnant merkwürdig an.

„Lieber erschießen. Nach Deutschland gehe ich nicht. Ich bezahle keine Schulden mit. Aber davon abgesehen. Ich habe mir vorgenommen, daß ich nach Spanien gehen will, und ich gehe nach Spanien und nirgendwo anders hin. Wenn ich wohin gehen will, gehe ich da hin. Wenn ich erschossen werde, kann ich nicht hingehen. Spanien oder den Tod. Nun können Sie mit mir machen, was Sie wollen.“

Nun lachte der Kommandant, und auch der Leutnant lachte. Und der Kommandant sagte lachend: „Lieber Junge, das hat Sie gerettet. Ich will Ihnen nicht sagen, warum, damit es nicht mißbraucht wird. Aber Sie haben mich davon überzeugt, daß ich Sie frei gehen lassen darf, ohne daß ich meine Pflicht verletze. Was sagen Sie, Leutnant?“

„Ich halte die Auffassung des Herrn Kommandanten für die allein richtige, und ich finde nichts, was mein Gewissen oder meine Ehre belasten könnte.“

Der Kommandant sagte nun: „Sie werden jetzt sofort unter Bedeckung zur Grenze gebracht und der spanischen Grenzwache übergeben. Ich brauche Sie wohl nicht noch ausdrücklich darauf aufmerksam zu machen, daß, wenn Sie je wieder hier in der Nähe, auch wenn es nicht auf rein militärischem Gebiete ist, gesehen werden sollten, daß dann keine Frage mehr besteht, in welcher Form sich Ihr Schicksal innerhalb der nächsten zwei Stunden nach dem Ergreifen gestaltet. Haben Sie genau verstanden, was ich damit meine?“

„Jawohl, Herr Kommandant.“

„Gut, das ist alles. Sie gehen sofort.“

Ich blieb aber stehen und trat von einem Fuß auf den andern.

„Noch was?“ fragte der Kommandant.

„Darf ich eine Frage an den Herrn Leutnant richten?“

Nicht nur der Kommandant schien zu erstarren, sondern erst recht der Leutnant. Der Kommandant warf einen Blick auf den Leutnant, als ob er ihn schon vor dem Kriegsgericht sähe. Er vermutete richtig: der Leutnant war in der Tat im Bunde mit mir.

„Bitte, richten Sie Ihre Frage an den Herrn Leutnant.“

„Verzeihen der Herr Leutnant, ich habe noch nicht gefrühstückt.“

Der Kommandant und der Leutnant platzten in ein schallendes Gelächter aus, und der Kommandant brüllte rüber zum Leutnant: „Nun ist wohl kein Zweifel mehr, daß der Mann unverdächtig ist.“

„Der Zweifel war mir gestern schon geschwunden,“ sagte der Leutnant, „als ich ihn fragte, ob er Hunger habe.“

„Gut, Sie sollen auch ein Frühstück haben“, sagte der Kommandant noch immer lachend.

Aber ich hatte noch etwas auf dem Herzen.

„Herr Leutnant, da es doch schon mein letztes Essen, mein Abschiedsessen ist, darf ich um Offiziersfrühstück, Doppelportion, bitten? Ich möchte doch das Fort so gern in einem recht guten Andenken behalten.“

Der Kommandant und der Leutnant brüllten vor Lachen, daß das ganze Fort zu erzittern schien.

Und unter seinem bärenhaften Lachen schrie der Kommandant die Worte hervor, die er nur mühselig in Reihe halten konnte, weil sie immer wieder von seinem schreienden, brüllenden Lachen abgehackt wurde: „Das ist der echte verhungerte Boche, wenn er schon am Ersaufen ist, wenn ihm schon der Strick um den Hals gelegt ist, will er erst noch essen und essen und nochmal essen. Diese verfressene Teufelsbrut kriegen wir nie unter.“

Ich hoffe, daß die Boches für diese gute Meinung, die ich zwei französischen Offizieren über sie eingeflößt habe, mir ein anständiges Denkmal errichten werden. Nur nicht in der Siegesallee, dann lieber nicht. Da würde ich den schlechten Geschmack im Munde nie los, und unzulängliche Revolutionen würden mir als Gespenster erscheinen.

16

Zwei Mann mit aufgepflanztem Seitengewehr begleiteten mich. So wanderte ich in das sonnige Spanien ein. Mit allen militärischen Ehren. Die Soldaten brachten mich zur Grenzwache, und dort wurde ich den spanischen Grenzbeamten übergeben.

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„Papiere hat er keine“, sagte der mich begleitende Korporal. – „Es aleman?“ fragte der Spanier.

„Si, Senjor,“ sagte ich. „Seien Sie willkommen!“ antwortete darauf der Spanier, und zu dem Korporal sagte er, es sei gut, er würde mich hierbehalten. Der Korporal sah nach seiner Uhr und schrieb dann etwas auf einen Rapportzettel. Dann machten die beiden Soldaten kehrt und zogen ab. – „Good-bye, France!“

Die Grenze Frankreichs entschwand meinen Blicken.

Der spanische Beamte schleifte mich nun gleich in die Wachtstube, wo ich von allen Beamten sofort umringt wurde, die mir alle die Hand schüttelten und mich umarmten. Einer wollte mich sogar auf die Backen küssen. „Mach Krieg mit dem Amerikaner, und du findest keinen bessern Freund auf der ganzen Erde als den Spanier!“ Hätten sie gewußt, wer ich bin, daß ich ihnen Kuba und die Philippinen abgenommen und manches andre zugefügt habe, würden sie mich zwar nicht erschlagen, und sie würden mich auch nicht zurückgeschickt haben in jenes Fleckchen, wo ich mich nie wieder sehen lassen durfte, aber sie wären kühl gewesen wie nasse Jacken und gleichgültig wie altes Bettstroh.

Erst kriegte ich einmal Wein eingeschenkt, dann gab es Eier und feinen Käse. Dann gab es zu rauchen und wieder Wein zu trinken und wieder Eier und feinen Käse, und dann wurde mir gesagt, nun gäbe es bald Mittagessen. Die Beamten, die draußen im Dienst waren, kamen nach und nach herein. Und nun ging keiner mehr hinaus. Ganze Schmugglerzüge hätten jetzt kommen können, das wäre ihnen ganz gleichgültig gewesen. Hier war ein Deutscher, und dem hatte man zu zeigen, was man von Deutschland und den Deutschen dachte. Und um das auch ganz genau zu zeigen, wurde ihm zu Ehren aller Dienst eingestellt.

Äußerlich betrachtet, war ich kein glorreiches Beispiel des so sauberen und adretten deutschen Landes und seiner so frischgewaschenen und adretten Bewohner. Seit meine Tuscaloosa abgesegelt war, hatte ich weder meinen Anzug, noch meine Stiefel, noch meinen Hut gewechselt, und meine Wäsche sah so aus, wie sie eben aussehen kann, wenn man sie an Bächen und Flüssen, an denen man vorüberkommt, mit mehr oder weniger Seife mehr oder weniger sorgfältig wäscht, dann auf einen Strauch hängt, selbst ein Bad nimmt und endlich so lange wartet, bis die Wäsche wieder trocken ist, oder bis man sie noch naß anziehen muß, weil es zu regnen anfängt.

Mein Aussehen schien aber der beste Beweis für sie zu sein, daß ich direkt ohne Aufenthalt von Deutschland kam. So hatten sie sich vorgestellt, wie ein Deutscher, der den Krieg verloren hat, den die Amerikaner bis aufs Hemd ausgeplündert und die Engländer ausgehungert haben, aussehen müsse. Und meine Erscheinung deckte sich mit ihren Vorstellungen so vollkommen, daß, wenn ich gesagt hätte, ich bin Amerikaner, sie mich für einen unverschämten Lügner angesehen hätten, der sie zum Narren halten wolle.

Daß jemand, der direkt ohne Aufenthalt aus Deutschland kommt, einen entsetzlichen Hunger haben muß, der sich nicht innerhalb fünf Jahre stillen läßt, war ihnen klar. Beim Mittagessen bekam ich so viel aufgehäuft, daß ich die fünf Jahre Hungerns ohne Mühe einholen konnte.

Dann brachte einer ein Hemd, einer Stiefel, einer einen Hut, einer ein halbes Dutzend Strümpfe, einer Taschentücher, einer Kragen, einer seidene Schlipse, einer eine Hose, einer eine Jacke, und so ging das in einem fort. Ich mußte alles annehmen und mußte alles, was ich bis jetzt besessen hatte, fortwerfen.

Nachmittags wurden Karten gespielt. Diese Karten kannte ich nicht, aber sie lehrten es mich, und ich spielte bald so gut, daß ich ihnen ein hübsches Sümmchen abgewann, was sie sehr erfreute und sie veranlaßte, immer weiterzuspielen.

Durch diese Station war noch nie ein Deutscher gekommen, und deshalb wurde ich als der Vertreter, als der erste echte Vertreter jenes hier so sehr beliebten Volkes entsprechend gefeiert.

O sonniges Spanien! Das erste Land, das ich traf, wo man nicht nach meiner Seemannskarte fragte, wo man nicht meinen Namen, mein Alter, meine Körperlänge, meine Fingerabdrücke wissen wollte. Wo man nicht meine Taschen durchsuchte, wo man mich nicht bei Nacht zu einer Grenze schleppte und mich hinausjagte wie einen ausgedienten Hund, wo man nicht wissen wollte, wieviel Geld ich habe, und wovon ich die letzten Monate gelebt hätte.

Nein, sie steckten mir die Taschen noch voll, damit endlich einmal jemand in meinen Taschen etwas finden möge. Den ersten Tag war ich in der Wache, die erste Nacht mußte ich im Hause des einen Beamten schlafen, den darauffolgenden Tag wurde ich in seinem Hause verpflegt. Am Abend wurde ich von einem andern abgeholt. Und nie wollte mich einer herausgeben, bei jedem sollte ich eine Woche bleiben. Das gab aber der, der jetzt an der Reihe war, nicht zu. Und als die Reihe herum war und wieder von vorn anfangen sollte, kamen die Bewohner des ganzen Grenzörtchens der Reihe nach an und erhoben Anspruch auf mich, und ich hatte jeden Tag bei einem andern Bürger zuzubringen. Die Konkurrenz, daß ich von jedem fortgehen sollte mit dem Gefühl, er habe mich bei weitem besser bewirtet als der Nachbar, zwang mich, eines Nachts die Flucht zu ergreifen. Ich bin fest davon überzeugt, die Leute alle behaupten heute, eine solche Undankbarkeit hätten sie nicht von mir erwartet. Aber der Tod durch Erschießen oder Erhängen war ja ein Lustspiel gegenüber dem qualvollen Tode, der mich hier erwartete, und dem ich durch nichts andres als durch eine nächtliche Flucht entgehen konnte. Durch solche Mißverständnisse werden Menschen verdorben. Ich lebe in ihrer Erinnerung als jemand, der sicher ein entlaufener Zuchthaussträfling gewesen sein müsse, weil er sich so heimlich zur Nachtzeit aus dem Staube machte. Es ist durchaus möglich, wenn wieder ein fremder Mann dorthin kommt, diesmal vielleicht ein echter Deutscher, daß ihm kaum eine warme Suppe vorgesetzt wird, oder wenn sie ihm gegeben wird, dann mit hochgezogenen Augenbrauen und mit einer Miene, die deutlich sagt: Verhungern lassen wir keinen, und wenn es der Satan selber wäre. Aus Liebe kann nicht nur Haß werden, sondern, was viel schlimmer ist, aus Liebe kann Sklaverei werden. Hier war sie Sklaverei mit Totschlag. Nicht einmal auf den Hof konnte ich gehen, ohne daß mir sofort ein Familienmitglied nachgelaufen kam mit der besorgten Frage, ob ich auch weiches Papier hätte. Yes, Sir.

Das kann kein Mensch ertragen oder nur ein Paralytiker. Hätte ich eine Andeutung gemacht, daß ich abreisen wolle, die Leute hätten mich in Ketten gelegt. Ich denke, daß ein Vernünftiger unter jenen Leuten lebt, der meine Untat in einem milderen Lichte sehen wird.

17

Sobald es mir in Sevilla zu langweilig wurde, zog ich ab nach Cadiz, und sobald mir in Cadiz die Luft nicht mehr bekam, wanderte ich wieder nach Sevilla, und wenn mir in Sevilla die Nächte wieder nicht gefielen, machte ich mich auf nach Cadiz. Dabei verging der Winter, und meine Sehnsucht nach New Orleans konnte ich glatt für einen Quarter verkaufen, ohne daß ich Gewissensbisse empfunden hätte. Warum muß es denn gerade New Orleans sein?

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Ich hatte auch nicht ein winziges Papier mehr in der Tasche als an jenem weit zurückliegenden Tage, an dem ich in dieses Land eingezogen kam. Und nie interessierte sich jemals ein Cop um meine Papiere oder um mein Woher, Wohin oder Wozu. Die hatten andre Sorgen. Paßlose arme Teufel waren ihre geringste Sorge. Wenn ich kein Schlafgeld für die Herberge hatte und mich in irgendeine Ecke legte, so lag ich am andern Morgen genau noch so ruhig und unschuldig da, wie ich mich am Abend hingelegt hatte. Und hundertmal war der Cop vorbeigewandert, und hundertmal hatte er gut aufgepaßt, daß mich auch niemand etwa aus Versehen stehlen möchte. Ich wage gar nicht daran zu denken, was aus andern Ländern wohl werden würde, wenn ein armer Bursche oder gar eine ganze Familie in einem Torweg schliefe oder auf einer Bank die Nacht verbrächte, ohne verhaftet zu werden und wegen Herumtreibens und Obdachlosigkeit im Gefängnis oder im Arbeitshaus zu verschwinden. Deutschland würde sicher sofort von einem Erdbeben und England von einer Sintflut vernichtet werden, wenn der Mann, der es wagt, obdachlos zu sein, nicht verhaftet und ordentlich verknackst wird. Denn es gibt eine ganze Anzahl von Ländern, wo obdachlos und mittellos zu sein ein Verbrechen ist; und es sind zufällig dieselben Länder, wo ein tüchtiger Raubzug, bei dem man nicht erwischt wird, kein Verbrechen ist, sondern die erste Stufe, um ein geachteter Bürger zu werden.

Es kam vor, daß ich auf einer Bank lag und ein Cop mich aufweckte, um mir zu sagen, daß es gleich regnen würde, und daß ich besser täte, unter jenen Torweg da drüben zu gehen oder in den Schuppen am andern Ende der Straße, wo Stroh sei, wo ich besser schlafen könnte, und wo es nicht hineinregne.

Wenn ich hungrig war, ging ich in einen Bäckerladen und sagte dem Manne oder der Frau, daß ich kein Geld hätte, dafür aber um so mehr Hunger, und ich bekam Brot. Niemand verekelte mir das Dasein mit der langweiligen Frage: „Warum arbeiten Sie nicht, Sie sind doch ein starker gesunder Bursche!“

Das hätten sie als grobe Unhöflichkeit angesehen. Denn wenn ich nicht arbeitete, so mußte ich wohl meine guten Gründe dafür haben; und diese Gründe aus mir herauszuforschen, hielten sie für unanständig.

Was gingen da für Schiffe raus! Manchen Tag gleich ein halbes Dutzend. Sicher war da Arbeit auf dem einen oder dem andern. Aber ich sorgte mich nicht darum. Ich lief der Arbeit nicht nach. Warum auch? Der spanische Frühling war da.

Um Arbeit sollte ich mich sorgen? Ich war auf der Welt, ich lebte, ich war lebendig, ich atmete die Luft. Das Leben war so wundervoll schön, die Sonne war so golden und so warm, das Land so märchenhaft lieblich, alle Menschen so freundlich, auch wenn sie in Lumpen gingen, alle Leute so höflich, und über alles das war so viel echte Freiheit. Kein Wunder, das Land hatte ja an dem Kriege für die Freiheit und die Demokratie der Welt nicht teilgenommen. Deshalb hatte der Krieg hier die Freiheit nicht gewonnen und die Menschen hatten sie nicht verloren.

Es ist so unerhört lächerlich, daß alle die Länder, die von sich behaupten, sie seien die freisten Länder, in Wahrheit ihren Bewohnern die geringste Freiheit gewähren und sie das ganze Leben hindurch unter Vormundschaft halten. Verdächtig ist jedes Land, wo so viel von Freiheit geredet wird, die angeblich innerhalb seiner Grenzen zu finden sei. Und wenn ich bei einer Einfahrt in den Hafen eines großen Landes eine Riesenstatue der Freiheit sehe, so braucht mir niemand zu erzählen, was hinter der Statue los ist. Wo man so laut schreien muß: Wir sind ein Volk von freien Menschen! da will man nur die Tatsache verdecken, daß die Freiheit vor die Hunde gegangen ist, oder daß sie von Hunderttausenden von Gesetzen, Verordnungen, Verfügungen, Anweisungen, Reglungen und Polizeiknüppeln so abgenagt worden ist, daß nur noch das Geschrei, das Fanfarengeschmetter und die Freiheitsgöttinnen übriggeblieben sind. In Spanien spricht kein Mensch von Freiheit, und in einem andern Lande, wo man auch nicht von Freiheit spricht, habe ich einmal das Wort Unfreiheit erwähnen hören. Dieses Wort fiel bei einer Riesendemonstration. Die Demonstration, an der die ganze Bevölkerung teilnahm, wo ehrsame Bürger sich nicht fürchteten, hinter den Flaggen der Kommunisten und Anarchisten zu gehen, und die Kommunisten sich nicht für zu vornehm hielten, hinter den Flaggen des Heimatlandes zu marschieren, war ein Protest gegen die Polizei, die versuchte, nach preußischem Muster eine Art Meldepflicht der Bewohner einzuführen. Das heißt, sie hatte nur vorgeschlagen, daß jeder Bürger einmal im Jahre seine Adresse auf der Polizei angeben sollte, seinen Namen, sein Alter und seinen Beruf. Aber die Bevölkerung witterte sofort den Pferdefuß und wußte beim ersten Wort, daß dies nur der Anfang der Meldepflicht sei.

Es gibt heute keinen Menschen auf der Erde, der nicht wüßte, was Deutschland bedeutet. Der Krieg mit England und Amerika war die beste Reklame für Deutschland und für deutsche Arbeit. Daß Preußen ein Land ist, wissen nur wenige Menschen auf Erden. Wenn man in Amerika und in vielen andern Ländern das Wort „Preußen“ hört, ist es nie mit dem Lande Preußen oder mit seinen Bewohnern verknüpft, sondern es ist ein Synonym für eine Abwürgung der Freiheit und für polizeiliche Bevormundung.

Als ich in Barcelona war, kam ich eines Tages an einem großen Gebäude vorbei, und ich hörte Schreien, Heulen und Wimmern von Menschen aus jenem Gebäude dringen.

„Was ist denn da los?“ fragte ich einen Mann, der gerade vorüberging.

„Das ist das Militärgefängnis“, sagte er mir.

„Aber warum schreien denn die Leute da so herzzerreißend?“

„Die Leute? Aber das sind doch die Kommunisten.“

„Die brauchen doch nicht zu schreien, wenn sie Kommunisten sind.“

„Ja, verstehen Sie denn nicht? Die werden jetzt geprügelt und gefoltert.“

„Warum denn aber?“

„Das sind doch Kommunisten.“

„Das haben Sie mir nun schon dreimal erzählt.“

„Darum werden sie doch totgeschlagen. Abends werden sie dann rausgeschafft und vergraben.“

„Sind denn das Verbrecher?“

„Nein, aber Kommunisten.“

„Darum werden sie gefoltert und totgeschlagen?“

„Ja, die wollen alles anders machen. Denen ist das alles nicht gut genug. Die wollen uns zu Sklaven machen, daß wir nicht mehr tun dürfen, was wir wollen. Der Staat soll alles allein machen, und wir sollen nur noch alle Arbeiter des Staates sein. Das wollen wir aber nicht. Wir wollen arbeiten, wann wir wollen, wie wir wollen, wo wir wollen, und was wir wollen. Und wenn wir nicht arbeiten, sondern verhungern wollen, so wollen wir auch nicht, daß sich da jemand hereinmischt. Aber die Kommunisten wollen sich in unser ganzes Leben hineinmischen, und der Staat soll alles kommandieren. Ganz recht, daß man sie totschlägt.“

Soll ich darum Spanien verdammen? Ich denke nicht daran. Jedes Zeitalter und jedes Land, mag es noch so zivilisiert sein, hat seine Christenverfolgungen, seine Ketzerverbrennungen und Hexenfolterungen. In Amerika werden die Ketzer nicht besser behandelt als in Spanien. Das Traurige, das Beklagenswerte, aber echt Menschliche ist, daß diejenigen, die gestern noch selber die Verfolgten waren, heute die bestialischsten Verfolger sind. Und unter den bestialischen Verfolgern sind heute auch schon die Kommunisten. Die Nachdränger, die Weiterdränger werden immer verfolgt. Der Mann, der vor fünf Jahren in Amerika eingewandert ist und gestern sein zweites Bürgerpapier erhalten hat, ist heute der Mann, der am wildesten schreit: „Macht die Grenzen fest zu, laßt niemand mehr herein.“ Und doch sind sie alle nur Einwanderer und Söhne von Einwanderern, der Präsident nicht ausgeschlossen ...

Warum soll ich der Arbeit nachlaufen? Da steht man vor dem, der die Arbeit zu vergeben hat, und wird behandelt wie ein zudringlicher Bettler. „Ich habe jetzt keine Zeit, kommen Sie später wieder.“ Wenn der Arbeiter aber einmal sagt: „Ich habe jetzt keine Zeit oder keine Lust, für Sie zu arbeiten“, dann ist es Revolution, Streik, Rüttelung an den Fundamenten des Gemeinwohls, und die Polizei kommt und ganze Regimenter von Miliz rücken an und stellen die Maschinengewehre auf. Fürwahr, es ist manchmal weniger beschämend, um Brot zu betteln als um Arbeit zu fragen. Aber kann der Skipper seinen Eimer allein fahren, ohne den Arbeiter? Kann der Ingenieur seine Lokomotiven allein bauen, ohne den Arbeiter? Aber der Arbeiter hat mit dem Hute in der Hand um Arbeit zu betteln, muß dastehen wie ein Hund, der geprügelt werden soll, muß auf den blöden Witz, den der Arbeitvergebende macht, lachen, obgleich ihm gar nicht zum Lachen zumute ist, nur um den Skipper oder den Ingenieur, oder den Meister, oder den Vorarbeiter oder wer immer das Machtwort „Sie werden eingestellt!“ zu sagen die Befugnis hat, bei guter Laune zu halten.

Wenn ich so untertänig um Arbeit betteln muß, um sie zu erhalten, kann ich auch um übriggebliebenes Mittagessen in einem Gasthof betteln. Der Hotelkoch behandelt mich nicht so wegwerfend, wie mich schon Leute behandelt haben, bei denen ich um Arbeit nachfragte.

Also wozu der Arbeit nachrennen, wenn die Sonne so golden scheint, überall ein Platz zum Schlafen ist und alle Menschen freundlich und höflich sind, kein Polizist etwas von mir erfahren will, und kein Cop meine Taschen durchsucht nach dem verlorengegangenen Rezept, wie man biegsames Glas machen könne.

Ich bekam Appetit auf Fisch, und ich dachte, die einfachste Art, Fisch zu essen, ist, ihn zu haben; und um ihn zu haben, mußte ich ihn fangen. Brot, Suppe und ein Hemd konnte man sich schon leicht verschaffen; aber um Angelgerätschaften betteln zu gehen, das schien mir doch zu modern zu sein. Ich paßte deshalb auf, als ein Passagierschiff ankam und die Reisenden das Zollhaus verließen. Da bekam ich einen Koffer in die Hand gedrückt, und als ich diesen Koffer seinem Besitzer im Hotel wieder ablieferte, bekam ich drei Peseta in die Hand ausbezahlt.

Mit diesem Geld ging ich in einen Laden und kaufte eine Angelschnur und Haken. Das machte so ziemlich einen Peseta aus. So nebenbei erzählte ich dem Verkäufer, daß ich ein Seemann sei, der sein Schiff verloren habe. Da lachte der Verkäufer, wickelte meine Sachen recht sorgfältig in Papier und überreichte sie mir mit einem „Favor!“ Ich wollte nach meinem Zahlzettel greifen, aber der Verkäufer lächelte, zerriß mit einer eleganten Geste den Zettel, warf ihn mit einer andern eleganten Geste über seine Schulter hinweg, verbeugte sich höflich und sagte: „Ist bezahlt, danke sehr! Viel Vergnügen beim Fischen, mein Herr.“

Und in diesem Lande sollte ich hinter der Arbeit herlaufen? Dieses Land sollte ich verlassen? Ich wäre ja nicht wert, daß mich die spanische Sonne bescheint.

18

Ich saß auf der Kaimauer und hielt meine Schnur ins Wasser. Kein Fisch biß an, obgleich ich sie so gut mit Blutwurst fütterte, die ich von einem holländischen Schiff mitgebracht hatte, wo ich zum Abkochen, zum Essen mit der Mannschaft, gewesen war. Dieses „Abkochen gehen“ auf die Schiffe, das Mitessen mit der Mannschaft eines Schiffes, das im Hafen liegt, ist auch nicht immer eine sehr würdige Sache. Der Arbeiter, der gute Arbeit hat oder wenigstens glaubt, in guter Stellung zu sein, fühlt sich gegenüber dem Arbeiter, der keine Arbeit hat, zuweilen sehr überlegen. Und diese Überlegenheit läßt er den Arbeitslosen auch fühlen. Der Arbeiter ist des Arbeiters größter Teufel.

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„Na, ihr Beachcombers, ihr Herumtreiber, habt ihr wieder nischt zu fressen? Da wollt ihr wohl wieder hier raufkommen auf unsern Kasten, und da sollen wir euch wohl wieder was zu fressen geben, hä? Aber bloß zwei dürfen rauf. Ihr macht uns zu viel Schweinerei.“

Da durften wir dann nicht in das Quartier kommen, oft genug. Nein, wir mußten vor der Tür stehenbleiben. Dann schütteten die Mitproletarier alles, was sie auf den Tellern übrighatten, und was sie manchmal schon im Munde gehabt hatten, in die große Blechschüssel, in der die Suppe geholt worden war, dann schoben sie uns die Schüssel raus, und wir mußten auf dem Verdeck essen, wo wir auf dem Boden zu hocken hatten. Wenn wir dann um einen Löffel bitten mußten – ich hatte, durch lange Erfahrung gewitzigt, immer meinen eignen in der Tasche –, dann sagten sie, Löffel bekämen wir nicht. Wir fischten dann mit den Fingern in dem Brei herum. Oder aber sie warfen uns ein paar Löffel zu und warfen sie so geschickt, daß sie in den Brei fielen, so daß wir sie mit unsern dreckigen Fingern herausfischen mußten, was den Leuten ein höllisches Vergnügen zu bereiten schien.

Und diese Mannschaften waren noch nicht die schlimmsten. Da waren welche, die uns hinunterjagten vom Schiff, weil wir Spitzbubengesindel seien. Oder andre, die vor unsern Augen die schönsten Schüsseln voll Fleisch, Gemüse und Kartoffeln ins Meer schütteten und ganze Brote hinterher warfen, nur um uns zu ärgern. Es war dann zuweilen ganz lieblich zu erleben, wenn einer oder der andre durch irgendeinen Umstand entweder entlassen wurde oder achtern abgekantet war, dann mit uns an der Beach, am Ufer lag, mit uns dann zum Abkochen gehen mußte und dabei lernte, wie gut es tut, in der Weise von seinen eignen Klassengenossen behandelt zu werden.

Nicht alle waren so. Ich habe manchen Peseta freiwillig von Schiffsproleten bekommen, habe ganze Büchsen voll Corned Beef oder Leberwurst oder Blutwurst bekommen, Büchsen voll Gemüse, ganze Kilo Kaffee von den Köchen, ganze Brote, Kuchen und Puddings. Einmal zwölf, sage und wiederhole zwölf gebratene Hühnchen, von denen ich zehn selber wegwerfen mußte, weil ich sie nicht essen und nicht verwahren konnte, denn ich hatte ja keinen Eisschrank in meiner Hosentasche. Alles, was man besitzt auf der Welt, hat man bei sich und hat man an sich.

Wenn man in spanischen, afrikanischen, ägyptischen, indischen, chinesischen, australischen und südamerikanischen Häfen an der Beach liegt, lernt man allerlei Menschen kennen und allerlei Methoden, mit deren Hilfe man sich am Leben erhält. Aber niemand läßt einen mit solcher Kaltblütigkeit verhungern wie in vielen Fällen der Arbeiter. Und der Arbeiter der eignen Nationalität ist der schlimmste aller Teufel. Während ich als Amerikaner von den amerikanischen Schiffen heruntergejagt wurde von der Mannschaft, habe ich als Deutscher auf französischen Schiffen wie ein Fürst gelebt. Die Mannschaft lud mich ausdrücklich ein, zu jedem Frühstück, zu jedem Mittagessen und zu jedem Abendessen auf dem Schiff zu erscheinen, solange es im Hafen, es war in Barcelona, läge. Und ich bekam das Beste, was nur ins Quartier kam, während mir auf deutschen Schiffen Mannschaften gleich auf der Falltreppe mit einem großen Schild entgegensprangen „Zutritt verboten!“ Die deutschen Schiffe sind die einzigen Schiffe, die ich kenne, die zuweilen ein großes Schild im Hafen aushängen mit der Inschrift „Zutritt verboten!“ in deutscher Sprache und in der Sprache des Landes, in dessen Hafen sie liegen. Yes, Sir.

Als ich in Barcelona lag, wurde mir erzählt, in Marseille lägen viele amerikanische Schiffe, die keine Mannschaft bekommen könnten, weil zu viele ausgerückt seien. Die Mannschaft eines Kohlendampfers nahm mich mit nach Marseille. Aber es war falscher Alarm. Es lag auch nicht ein einziges amerikanisches Schiff im Hafen, und auf den paar andern, die dort lagen, war auch nichts zu machen.

Ganz verzweifelt schlich ich durch die Gassen im Hafenviertel. Ich ging in eine Hafenkneipe, wo viele Seeleute verkehren, um zu sehen, ob ich nicht vielleicht einen Bekannten treffen möchte, der mir aushelfen könnte; denn ich hatte keinen Copper in meiner Tasche.

Als ich hineinkam und mich umsah nach einem Stuhl, näherte sich mir die Kellnerin, ein nettes junges Mädchen, und fragte, was ich trinken wolle. Ich sagte ihr, ich hätte kein Geld und wolle nur sehen, ob nicht ein Bekannter drin sei, von dem ich vielleicht etwas bekommen könne. Sie fragte mich, was ich sei. Ich sagte: „Deutscher Seemann.“

Da sagte sie: „Setzen Sie sich, ich bringe Ihnen zu essen!“

Ich erwiderte: „Ich habe aber doch kein Geld.“

„Das macht nichts“, sagte sie. „Sie werden gleich genug Geld haben.“

Ich verstand das nicht und wollte mich aus dem Staube machen, weil ich glaubte, es sei irgendeine Falle.

Nachdem ich gegessen und eine Flasche Wein vor mir stehen hatte, rief das Mädchen plötzlich ganz laut durch die Schenke: „Meine Herren, hier ist ein armer deutscher Seemann, der kein Schiff hat. Möchten Sie ihm denn nicht etwas geben?“

Ich fühlte, daß ich totenbleich wurde, denn ich dachte jetzt, das sei die Falle, und man wolle einen Spaß haben dadurch, daß man mir hier eine Abreibung geben würde, die nicht von schlechten Eltern sei. Aber nichts dieser Art geschah. Die Leute hörten nur alle auf zu reden und drehten sich nach mir um. Einer stand auf, kam mit seinem Glas und stieß mit mir an: „Auf Ihr Wohl, Deutscher!“ Er sagte nicht einmal „Boche“ dabei. Dann nahm das Mädchen einen Teller und ging rund, und als sie den Teller dann vor mir ausschüttete, zählte ich siebzehn Franken und einige sechzig Centimes. Nun konnte ich mein Essen und meinen Wein gut bezahlen, und als ich mit dem Kohler zwei Tage später wieder nach Barcelona fuhr, hatte ich sogar noch etwas übrig von den Franken.

Ich glaube nicht daran, daß es irgendeine Feindschaft zwischen Völkern gäbe, wenn sie nicht künstlich erzeugt und dann tüchtig geschürt würde. Man sollte eigentlich meinen, daß Menschen vernünftiger seien als Hunde. Hunde lassen sich manchmal gegen ihresgleichen hetzen, manchmal aber auch nicht. Menschen dagegen lassen sich immer aufeinander hetzen und das „Ksch-ksch“ braucht gar nicht einmal geschickt gemacht zu werden. Es braucht nur überhaupt gemacht zu werden, da gehen sie auch schon aufeinander los wie blödsinnig geworden ...

Verflucht nochmal, es beißt auch nicht ein einziges Luder an und die Büchse Blutwurst ist gleich alle. Das kommt davon, wenn man döst und seine Gedanken woanders hat, statt auf das Geschäft zu achten. Sobald ich eine Portion beieinander habe, gehe ich raus, mache mir ein Feuer an und brate die Fische an einem Stock. Es ist einmal etwas andres als die immer in Öl gebackenen Fische.

Wieder nichts dran und die Wurst abgebissen. Wie lange sitze ich hier? Sicher schon drei Stunden. Aber Fischen beruhigt die Nerven. Man hat nicht das Gefühl, daß man seine Zeit verplempert. Es ist nützliche Arbeit, die man verrichtet: man trägt seinen Teil zur Volksernährung bei, denn wenn ich die Fische esse, die ich hier jetzt fange, brauche ich nicht woanders die Nudelsuppe aufessen. Die kann dann gespart werden, und am Ende des Jahres findet man die gesparte Nudelsuppe in irgendeiner Statistik wieder, wo die Zeile, in der die gesparte Nudelsuppe erwähnt ist, mehr kostet als alle weggeschütteten Suppen des ganzen Landes zusammengenommen.

Ich könnte die Fische aber auch verkaufen gehen. Vielleicht kriege ich soviel zusammen, daß ich zwei Peseta machen kann. Dann könnte ich wieder einmal zwei Nächte in einem Bett schlafen.

Siehst du, mein Freundchen, da habe ich dich doch endlich erwischt. Du bist es, der mir die ganze Blutwurst abgefressen hat. Schwer ist er ja nicht. Ein halbes Kilo. Ich glaube, nicht ganz. Dreihundertfünfzig Gramm. Da zappelst du aber schön. Ich kann das nachfühlen. Ich habe auch schon verschiedene Male so gezappelt, wenn mich ein Cop am Kragen hatte. Aber es hilft nichts, ich habe Appetit auf Fische.

Ja, das Wasser ist so schön kühl und die Sonne so schön warm. Hier hat mich auch noch kein Cop am Kragen gehabt. Und ich weiß, wie es tut. Die dreihundertfünfzig Gramm tun es auch nicht. Wenn du wenigstens ein Kilo hättest. Und weil du doch angebissen hast und mir die Freude machtest, mich hier nicht so vergeblich sitzen zu lassen, und weil ich liebe, frei zu sein, viel mehr liebe, als satt zu essen zu haben, und weil die Sonne lacht und das Wasser blaut, und weil du ein spanisches Fischlein bist: Hoppla, wirst nicht erschossen, schwimm wieder lustig los und freue dich deines munteren Lebens. Lauf nicht gleich einem andern ins Netz. Zieh ab und grüß dein Mädel.

Da plätschert er und schwimmt er und lacht, daß ich es bis auf die Mauer höre. Grüß’ dein Mädel! ... Ach schiet ...

„Sie sind mir aber auch ein Fischersmann“, sagt da jemand hinter mir. Ich drehe mich um und sehe einen Zollbeamten stehen, der mir die ganze Zeit zugesehen hat und jetzt laut lacht.

„Aber da sind doch mehr Fische drin, das Wasser ist ja nicht so klein“, sage ich, während ich wieder Blutwurst an den Haken spieße.

„Sicher sind da mehr drin. Das war doch aber ein ganz guter dicker Fisch.“

„Sicher war er das, er hatte ja meine ganze Büchse Blutwurst im Magen, da soll er nicht dick sein.“

„Warum fischen Sie denn da überhaupt, wenn Sie so gute Fische wieder hineinwerfen?“

„Damit, wenn mich heute abend jemand fragen sollte, was ich den ganzen Tag getan habe, ich sagen kann, ich hätte gefischt.“

„Dann fischen Sie nur weiter“, sagt der Zollbeamte und geht.

Daß Fischen betätigte Philosophie ist, verstehen die wenigsten Menschen. Es ist doch nicht des Habens wegen, daß man lebt, sondern des Wünschens, des Wagens, des Spielens wegen, daß man lebt.

Da schon wieder einer. Hätte ich nur den vorigen nicht gehen lassen, dann wäre nun schon bald eine Portion zusammen. Aber ich werde doch keine Klassenunterschiede einführen. Den andern habe ich frei gelassen, nun kann ich doch diesen nicht seiner Dummheit wegen zum Tode verurteilen. Das heißt, Dummheit verdient eigentlich immer und überall die Todesstrafe, vorläufig wird sie nur mit Sklaverei bestraft. Wenn ich wüßte, ich bekäme noch drei solche wie du einer bist, dann müßtest du hier dran glauben. Ich habe Appetit auf Fische. Aber du bist ein köstliches kleines lebendiges Wunder, na, gehe schon wieder rein in das weite Meer. Hoppla, Freiheit ist doch das Größte und Beste am Leben. Ja, Teufel nochmal, soll ich euch denn allen hier die Hand geben? Schon habe ich abermals einen in der Hand. Ich weiß genau, wenn ich dich jetzt hier behalte, beißt kein einziger mehr an, weil sie dann alle wissen, sie können sich auf mich nicht verlassen. Und mit dir allein kann ich nichts anfangen. Es würde sich gar nicht lohnen, rauszugehen und ein Feuer deinetwegen anzuzünden. Wie lange hat das liebe Leben an dir gebaut, um dich zu dieser unwichtigen Größe zu bringen? Sechs Jahre, vielleicht sieben. Nun soll ich dich in einer Sekunde mit einem Hieb töten und dein Leben beenden? Zieh ab, freue dich des blauen Meeres und deiner Gefährten. Da schwänzelt er lustig vondannen. Gelt, Bürschchen, du weißt, was Freiheit wert ist, freue dich ihrer, schätze sie und sei glücklich.

Das ist aber ein recht merkwürdiger Eimer, der da angeschwommen kommt ... Sie macht gerade los und kommt nicht gut ab. Sie schleppt und schlittert und kratzt am Kai entlang. Offenbar will sie nicht raus, sie ist wasserscheu. Aber ganz gewiß, man kann sich drauf verlassen, es gibt auch wasserscheue Schiffe, yes, Sir. Das ist überhaupt der Fehler, der so oft gemacht wird, daß man den Schiffen die Persönlichkeit abstreitet. Die haben ihre Persönlichkeit, ihre Launen genau so gut wie ein Mensch. Diese alte Tante hier hatte eine Persönlichkeit. Das sah ich auf den ersten Hieb. Mit der war nicht gut Salz lecken.

19

Manches Schiff habe ich gefahren, das wissen die Götter. Und tausend Schiffe habe ich gesehen, das glaubt mir Thomas. Aber nie vorher habe ich ein Schiff gesehen, das diesem gleich gewesen wäre. Der ganze Rahmen, um damit gleich zu beginnen, war nicht nur ein guter Spaß, nein, der war eine Unmöglichkeit. Wenn man diesen Eimer ansah, zweifelte man, daß sie je auf dem Wasser schwimmen könnte. Viel eher schon glaubte man, daß sie ein gutes Transportmittel durch die Wüste Sahara sein müsse und mit Leichtigkeit die besten Kamele schlagen könnte. Ihre Form war weder modern noch mittelalterlich. Es wäre ein ganz vergebliches Bemühen gewesen, sie in irgendeine Periode der Schiffsbaukunst einzureihen. Am Bug trug sie den Namen „Yorikke“. Aber der Name war so dünn und so verwaschen, als ob sie sich schämte, so zu heißen. Achtern sollte der Seevorschrift gemäß ihr Heimatsort zu lesen sein. Aber wo sie her war, das wollte sie niemand verraten, wahrscheinlich schämte sie sich auch ihres Wohnortes. Auch ihre Nationalität hielt sie streng geheim, offenbar war ihr Paß nicht ganz in Ordnung. Jedenfalls war die Nationalitätsflagge, die auf dem Flaggenstock am Stern auswehte, so bleich, daß sie für jede Farbe aufnahmefähig war. Außerdem war die Flagge ganz ausgefranst, als ob sie in allen Seeschlachten der letzten viertausend Jahre den kämpfenden Flotten vorangeweht hätte.

M
M

Welche Farbe ihr Kleid hatte, konnte ich nicht ergründen, obgleich das ja in mein Spezialfach schlug. Allem Anschein nach zu urteilen, war das Röckchen einmal, in einer fern zurückliegenden Zeit, schneeweiß gewesen, weiß wie die Unschuld eines neugeborenen Kindleins. Aber das muß sehr lange her sein, das muß gewesen sein in dem Jahr, als sich Abraham mit der Sarah verlobte in Ur in Chaldäa. Die Kanten der Reeling waren einmal grün gewesen. Auch das war lange, lange her. Seit jenen fernen Tagen hatte die Yorikke einige hundert neue Anstriche erlebt, wie es ja dem Laufe der Zeiten entsprach. Aber die Deckarbeiter hatten sich nie die Mühe gemacht, die alte Farbe abzuklopfen. Wahrscheinlich war ihnen das untersagt worden. Jedenfalls war der neue Anstrich immer wieder auf den alten gekommen, dadurch hatte die Yorikke nun einen Umfang erhalten, der sie doppelt so groß erscheinen ließ, als sie in Wirklichkeit war. Hätte man sich die Arbeit gemacht, die einzelnen Anstriche sorgfältig abzupellen, dann hätte man genau feststellen können, welche Art von Farbe jedes einzelne Jahrhundert verwandte.

Selbstverständlich, um nicht der Übertreibung angeschuldigt zu werden, hätte man die Farbe nicht nur an dem Außenkleid abpellen dürfen, wo die Yorikke verhältnismäßig noch am jüngsten war, weil man sie ab und zu in ein Verschönerungsinstitut geschickt hatte. Nein, man hätte die Farbe an allen Teilen des Schiffes, insbesondere also an den Inneneinrichtungen abziehen müssen, um zu erfahren, in welchen Farben die große Festhalle Nebukadnezars gehalten war, worüber wir ja heute noch im unklaren sind, was uns sehr viele Sorgen bereitet.

Das Kleid sah zum Höllenerbarmen niederträchtig aus. Da waren große Flächen, wo die Deckarbeiter es mit einem schönen saftigen Bolschewistenrot versucht hatten. Dann aber schien der Eigentümer oder der Kapitän diese Farbe nicht zu lieben, und man malte weiter mit Adelsblau. Das Rot hatte Geld gekostet, und man ließ es ruhig stehen, Anstrich war Anstrich, und dem fressenden Salzwasser ist es gleichgültig, ob es Bolschewistenrot oder Freiheitsgrün zu fressen hat, die Hauptsache ist, daß Wind und Wogen etwas zu fressen kriegen, sonst fressen sie das Schiff. Der nächste Besitzer wieder dachte, daß ein schwarzes Schiff schöner sei und ein fettes Schwarz die mißtrauischen Augen der Versicherungsgesellschaften besser verkleistern möchte als irgendeine andre Farbe. Aber nie wagte jemand sich so hoch in die Kosten zu versteigen, daß er das, was einmal gestrichen war, mit der neuen Farbe überstrichen hätte, um dem ganzen Kleid eine einheitliche Nuance zu geben. Nur keine überflüssigen Ausgaben, es war ja ein – halt, das will ich noch nicht sagen, denn ich weiß es noch nicht. Aber ein alter Salzwasserfisch riecht frühzeitig, und ich bin ein alter Salzwasserfisch, wenn es aufs Riechen ankommt.

Wenn nun Yorikke auf Fahrt war oder in einem Hafen lag, reichte die Farbe nicht mehr, und es wurde mit den Farben weitergemalt, die gerade noch da waren. Der Skipper schrieb nur immer an: „Farbe gekauft. Farbe gekauft. Farbe gekauft.“ Niemand kann von seinem Lohn allein leben. Aber die Farbe wurde nicht gekauft, sondern alles, was da war, wurde aufgebraucht, ob es braun, grün, violett, zinnober, gelb oder orange war.

Also so sah die Yorikke von draußen aus. Mir wäre vor Schreck bald die Angelschnur aus der Hand geflitscht, als ich dieses Meerungeheuer zum ersten Male sah.

Das kommt aber davon, wenn man den Deckarbeitern im Hafen keinen Tagesurlaub gibt, aus lauter Geiz. Der Erste Offizier weiß nicht, was er mit ihnen machen soll, und dann müssen sie anstreichen von morgens um sieben bis nachmittags um fünf, streichen, streichen, streichen, solange noch ein Pinselstiel auf der Welt ist und noch eine alte Blechbüchse an den Rändern eine Schicht verdickter und verkrusteter Farbe hat.

Nun müssen die Deckarbeiter beim Streichen draußen an der Bordwand hängen an Tauen, oder sie sitzen auf schmalen Brettern, die an Tauen heruntergelassen werden. Kommt es nun vor, daß der ganze Kasten plötzlich einen gehörigen Schubs kriegt, sei es durch eine unerwartete große Welle oder durch das Aufrühren eines großen vorbeifahrenden Rieseneimers, oder weil beim Gezeitwechsel den Fangtauen nicht richtig nachgegeben wurde, dann fliegt der Anstreicher mit seiner Todesschaukel los von der Bordwand. Weil er nun lieber sein Leben retten will als den Farbeimer, so geht natürlich der Farbeimer über Stag und die bunte Tunke läuft an der Bordwand herunter. Der Eimer ist zwar gerettet und der Mann auch, der Eimer hing an einem Tau und der Mann angelte noch rechtzeitig ein Tau. Aber die Farbe! Aber die Farbe! An der Yorikke konnte man außer den verschiedenen Farbversuchen noch ganz genau alle Püffe nachzählen, die das gute Schifflein während des Anstreichens in den letzten zehn Jahren erlebt hatte. Diese Farbenergüsse zu überstreichen, wäre Verschwendung gewesen. Es war Farbe, und der Zweck, mit Farbe die mancherlei Schönheitsfehler der Yorikke zartfühlend zu verdecken, war ja durch den Puff erfüllt worden. An und für sich war es schon teuer genug, weil ja nicht alle Farbe bei dieser Gelegenheit auf der Yorikke blieb, sondern ein Teil im Meer verschwand und der andre Teil auf den Hosen des Deckarbeiters hängen blieb, wo er ganz überflüssig war. Mit diesen angestrichenen Hosen, die man jetzt hinstellen kann, ohne daß sie umfallen, ist das Ereignis keineswegs beendet. Nun kommt erst noch die Auseinandersetzung mit dem Ersten Offizier, der die Meinung vertritt, daß die Farbe wertvoller sei als der Mann, und statt an sein unwichtiges Leben zu denken, hätte er zuerst an die wertvolle Farbe denken sollen. Deckarbeiter kann er auf dem Straßenpflaster auflesen oder unter dem Galgen wegholen, aber Farbe kostet Geld, und der Skipper wird ihm einen Mordsspektakel machen, weil er nun wieder nicht mit dem Farbenbuch und mit der Rubrik „Farbe gekauft“ zurechtkommt. Häufig endet dieses Gespräch, nachdem die üblichen Fluchkanonaden alle Munition verschossen haben, damit, daß der gerettete Deckarbeiter sich seinen Lohn geben läßt, den Sack vollpfropft, über die Planke geht und dem Schiff Großfeuer in den Kohlenbunkern wünscht, wenn es fünfzehnhundert Meilen „off the coast“ ist. Einen verrückten Menschen erkennt man oft schon am Äußern, am Aussehen seines Gesichts, an der Zusammenstellung seiner Kleidung. Je verrückter er ist, um so auffallender wird sein Aussehen sein. Man konnte nicht gut sagen, daß die Yorikke einem vernünftigen Schiffe, einem geistig normalen Schiffe gleich oder auch nur ähnlich gesehen hätte. Das wäre eine Beleidigung für alle andern Schiffe der sieben Meere gewesen. Ihr Aussehen stimmte so vortrefflich mit ihrem Geist, mit ihrer Seele, mit ihrem Wesen und mit ihrem Betragen überein, daß man an der geistigen Gesundheit der Yorikke mit Recht zweifeln mußte. Es war ja nicht nur das äußere Kleid, nicht nur die Farbe. Alles, was man von dem Boote sehen konnte, stand in vollem, ungetrübtem Gleichklang mit der Haut und dem Gesicht. Die Lademasten standen wie dürre Äste fuchtelnd in der Luft. Wenn durch den Schornstein der Länge nach eine Kugel geschossen worden wäre, auch wenn es nur eine Revolverkugel gewesen wäre, sie wäre nie am andern Ende herausgekommen. Aber Rauch geht je auch um Ecken, andernfalls hätte die Yorikke nie rauchen können. Aus dem Schornstein jedenfalls nicht. Wie die Brücke mit dem übrigen Schiff in Verbindung stand, konnte ich nicht herausfinden. Es sah so aus, daß, wenn das Schiff abfuhr, es nach einer Stunde wieder umkehren mußte, um die Kommandobrücke abzuholen, die im Hafen zurückgeblieben war; denn der Skipper hätte es von seinem Standort aus nicht bemerken können, daß das Schiff schon eine Stunde unterwegs war, und nur wenn der Steward auf die Brücke gegangen wäre, um dem Skipper zu sagen, daß sein Essen in der Messe sei, hätte man herausgefunden, daß die Brücke mit dem Skipper drauf nicht mitgekommen war, sondern irgendwo im letzten Hafen schwebte oder festgeklemmt war.

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