ERSTES BUCH (continued 3)
Reading edition
Als ich nun da auf der Mauer saß, so emsig mit Fischefangen beschäftigt, und ich sah die Yorikke, da lachte ich, da lachte ich so laut und so ungeheuerlich, daß die gute Yorikke einen Schreck bekam und um eine halbe Schiffslänge zurückglitt. Sie wollte nicht raus ins Wasser und wollte nicht. Sie kratzte und schrammte am Kai, daß es einen Hund jammern konnte und man Mitleid bekam mit dem beklagenswerten Tantchen, das da wieder hinausgetrieben werden sollte in die grausame Welt wilder Mächte und Elemente.
Aber niemand empfand Mitleid mit ihr.
Ich hörte das Knarren und Quietschen der Wintschen und das Hin- und Herlaufen und wußte, die werden jetzt das Tantchen gründlich vermöbeln und bös einheizen, und dann muß sie eben doch hopsen. Was kann schließlich ein alleinstehendes Mädchen gegen so viele rauhe Fäuste auf die Dauer machen? Sie kann kratzen und beißen, aber sie muß hervor hinter dem Zaun und muß mit zum Tanz gehen, ob ihr danach zumute ist oder nicht. Wenn so ein sprödes Dämchen erst einmal die Musik hört, dann ist sie die Tollste von allen. So war es sicher auch mit der Yorikke. Erst mal glücklich drin im Wasser, dann würde sie rennen wie ein junger Teufel, um nur schnell wieder in einem andern Hafen zu sein, wo sie sich ausruhen kann und von vergangenen Zeiten träumen, als man sie nicht so herumjagte wie in diesen hastigen Tagen. Sie ist doch schließlich keine Junge mehr und schon ein wenig schwer auf den Beinen. Wäre sie nicht so dick angezogen, würde sie sicher auch noch frieren in dem kalten Wasser, denn das Blut rennt nicht mehr so frisch durch die Adern wie damals als sie den Begrüßungsfestlichkeiten zusah, die von Cleopatra zu Ehren Antonius’ veranstaltet wurden.
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Nach dem Aussehen eines Schiffes kann man genau die Beköstigung und die Behandlung der Mannschaft beurteilen, sobald man erst einmal eine Weile Salzwasser gerochen hat. Da bildet sich manch einer ernsthaft ein, daß er vom Meere, von Schiffen und Seeleuten etwas verstünde, wenn er ein dutzendmal auf einem Passagierschiff, vielleicht sogar Staatskabine, über Ozeane gefahren ist. Aber ein Fahrgast lernt weder etwas vom Meer, noch etwas von einem Schiff und noch viel weniger etwas vom Leben der Mannschaft. Die Stewards sind keine Mannschaft, und die Offiziere sind auch keine Mannschaft. Die einen sind nur Kellner und Hausdiener, und die andern sind nur Beamte mit Pensionsberechtigung.

Der Skipper kommandiert das Schiff, aber er kennt es nicht. Wer auf dem Kamel reitet und den Ort angibt, wo er hinreiten will, weiß nichts von dem Kamel. Der Kameltreiber allein kennt das Kamel, zu ihm spricht das Kamel, und er spricht zu dem Kamel. Er allein kennt seine Sorgen und seine Schwächen und seine Wünsche.
So ist es auch mit einem Schiff. Der Skipper ist der Kommandant, der Vorgesetzte, der immer anders will, als das Schiff will. Ihn haßt das Schiff, wie alle Vorgesetzte und Kommandanten gehaßt werden. Wenn Kommandanten wirklich einmal geliebt werden, oder es wird gesagt, daß sie geliebt seien, so werden sie nur darum geliebt, weil man so am besten mit ihnen und mit ihren Schrullen zurechtkommt.
Aber die Mannschaft ist es, die das Schiff liebt. Die Mannschaft sind die echten und wahren Kameraden des Schiffes. Sie putzen an dem Schiff herum, sie streicheln es, sie kosen es, sie küssen es. Die Mannschaft hat häufig kein andres Heim als das Schiff; der Kommandant hat ein schönes Haus irgendwo auf dem Lande, er hat seine Frau, er hat seine Kinder. Es haben auch manche Seeleute eine Frau oder Kinder, aber ihre Arbeit mit dem Schiff und auf dem Schiff ist so hart und ermüdend, daß sie nur an das Schiff denken können und die Familie daheim ganz vergessen, weil sie keine Zeit haben, an Hause zu denken. Denn wenn sie anfangen wollen, an das Zuhause zu denken, dann beginnen sie gleich zu schlafen, weil sie zu müde sind.
Das Schiff weiß ganz genau, daß es keinen Schritt gehen könnte, wenn die Mannschaft nicht wäre. Ohne Skipper kann ein Schiff laufen, ohne Mannschaft nicht. Der Skipper könnte nicht mal dem Schiff etwas zu essen geben, weil er nicht versteht, wie er aufschmeißen muß, damit die Feuer nicht ausgehen und doch die meiste Hitze geben, ohne Verdauungsstörungen zu erzeugen.
Mit der Mannschaft spricht das Schiff, mit dem Skipper und den Offizieren nie. Der Mannschaft erzählt das Schiff Märchen und wunderschöne Geschichten. Alle meine Seegeschichten haben mir die Schiffe erzählt und keine Menschen. Das Schiff läßt sich auch gern etwas erzählen von der Mannschaft. Ich habe gehört, daß Schiffe lachten und kicherten, wenn die Mannschaft Sonntag nachmittags auf Deck saß und sich Witze erzählte. Ich habe Schiffe weinen sehen, wenn traurige Geschichten erzählt wurden. Und ich habe ein Schiff bitterlich schluchzen hören, weil es wußte, daß es auf der nächsten Fahrt untergehen würde. Es kam auch nie wieder und stand später bei Lloyds auf der Liste „Verschollen“.
Das Schiff ist immer auf seiten der Mannschaft, nie auf seiten des Skippers. Der Skipper arbeitet nicht für das Schiff, er arbeitet für die Kompanie. Die Mannschaft weiß häufig gar nicht, zu welcher Kompanie das Schiff gehört; sie macht sich keine Gedanken darüber. Sie kümmert sich nur darum, was das Schiff selbst angeht. Wenn die Mannschaft unzufrieden ist oder rebelliert, rebelliert das Schiff sofort mit. Streikbrecher haßt das Schiff mehr als den Boden des Meeres; und ich habe ein Schiff gekannt, das mit einer ganzen Horde von Streikbrechern auf der ersten Ausfahrt, beinahe noch in Sicht der Küste, glatt auf den Boden ging. Keiner kam mehr zurück. Es ging lieber selber unter, als von Streikbrechern begrapscht zu werden. Yes, Sir.
Wird die Mannschaft schlecht beköstigt oder schlecht behandelt, das Schiff nimmt sofort Partei für die Mannschaft und schreit in jedem Hafen die Wahrheit so laut hinaus, daß sich der Skipper die Ohren zuhalten muß und oft genug eine Hafenkommission aus dem Schlafe gescheucht wird und nicht eher Ruhe findet, bis sie eine Untersuchung angestellt hat. Ich glaube sicher, daß man mich für ein ganz verfressenes Subjekt hält. Aber für den Seemann ist ja das einzige, womit er sich außer seiner Beschäftigung mit dem Schiff befassen kann, das Essen. Andre Freuden hat er nicht, und hart arbeiten verursacht einen gesunden Hunger. Das Essen ist ein wichtiger Bestandteil seines Lohnes.
Auf der Yorikke aber, wie sie auch laut genug hinausschrie, wurde der elendeste Fraß für die Mannschaft gegeben, den eine geizige Kompanie und ein Skipper, der auf Nebenverdienste sehen mußte, nur herstellen konnte, um die Mannschaft eben gerade noch am Leben zu erhalten. Wie der Skipper selbst beschaffen war, verriet Yorikke jedem, der die Sprache eines Schiffes verstand. Er trank gern, aber nur gute Tropfen; er aß gern, aber nur gute Dinge; er stahl, wo er nur stehlen konnte; er machte Nebengeschäfte, mit wem er nur konnte und auf wessen Kosten er nur konnte. Im übrigen war ihm alles sehr gleichgültig, und er belästigte die Mannschaft persönlich nur wenig. Er belästigte sie auf dem Umwege über die Offiziere und die Ingenieure. Die Ingenieure hätten auf Schiffen, die nicht verrückt waren, sondern normal, nicht einmal als Öler arbeiten können.
Wie war es nur möglich, daß Yorikke eine Mannschaft bekam und eine Mannschaft halten konnte? Wie war es möglich, daß sie aus einem spanischen Hafen, aus diesem gesegneten Lande des Sonnenscheins und der Freiheit, ausfahren konnte mit voller Mannschaft? Da war ein Geheimnis verborgen. Sie war doch nicht etwa gar ein –?
Aber vielleicht doch. Vielleicht war sie doch ein Totenschiff. Da! Da ist es endlich heraus. Ein Totenschiff. Verflucht nochmal, o Sperlingsschwänze und Fischflossen! Jawohl, sie ist ein Totenschiff.
Aber daß ich das nicht gleich auf den ersten Hieb gemerkt habe. Ich habe eben gedöst.
Richtig, da ist kein Zweifel mehr.
Aber da war wieder etwas andres herum, daß sie es auch nicht sein mochte. Da ist ein Geheimnis dahinter. Mich soll doch gleich ein Eisbär am Hintern kratzen, wenn ich das nicht rauskriege, was mit dem Eimer los ist.
Sie hatte sich nun doch endlich entschlossen zu gehen, freiwillig und gutwillig zu gehen. Ich hatte sie unterschätzt. Sie war wasserscheu aus guten Gründen. Der Skipper war ein Esel, yes, Sir. Yorikke war viel klüger als ihr Kapitän. Sie brauchte überhaupt keinen Kapitän, das sah ich jetzt. Sie war wie ein gutes altes Rassepferd, das man allein gehen lassen muß, wenn es den richtigen Weg gehen soll. Ein Kapitän braucht nur ein unterstempeltes und unterschriebenes Zeugnis vorzulegen, daß er ein Examen bestanden hat, und gleich wird ihm ein Eimer anvertraut und noch dazu ein so delikater wie die Yorikke einer ist. Gebt einem erfahrenen Deckarbeiter den Lohn, den der Skipper bekommt, und er wird einen Eimer wie die Yorikke besser über den Froschteich bringen als ein konzessionierter Kapitän, der nichts weiter tut, als den ganzen Tag herumzulaufen und darüber nachzudenken, wie und wo er die Kost für die Mannschaft noch etwas mehr beschneiden könnte, um für die Kompanie und für seine Tasche noch einen Nickel mehr herauszuschinden.
Strömung und Wind waren gegen Yorikke auf dem Wege, den zu gehen der Skipper sie zu zwingen suchte. Ein so delikates Weibchen darf man nicht zwingen, wie und wohin sie gehen soll, dabei kann sie nur auf Abwege geraten. Der Lotse war nicht zu tadeln. Der Lotse kennt seinen Hafen gut, aber er kennt nicht das Schiff. Dieser Skipper aber kannte das Schiff noch viel weniger.
Sie kroch quietschend an dem Kai entlang, und ich mußte jetzt die Beine hochziehen, sonst hätte sie die mitgenommen. Und so sehr versessen darauf, meine Beine nach Marokko zu schicken, während ich in Cadiz blieb, war ich denn doch nicht.
Achtern strampelte sie mit der Quirlflosse, und hier an den Seiten spuckte und pißte sie wie besessen, als ob sie wer weiß wieviel gesoffen hätte, und als ob sie es wer weiß wie schwer hätte, auf den Weg zu kommen, ohne die Laternenpfähle mitzunehmen.
Endlich glückte es dem Skipper, vom Kai klarzukommen. Aber ich war überzeugt, daß es Yorikke war, die einsah, daß sie sich nun um sich selber zu bekümmern habe, wenn sie mit heiler Haut davonkommen wollte. Vielleicht auch wollte sie ihrem Eigentümer ein paar Eimer Farbe sparen.
Je näher sie kam, desto unerträglicher wurde ihr Aussehen. Und es kam mir der Gedanke, wenn jetzt der Henker hinter mir her wäre mit der offnen Schlinge, und ich könnte ihm entwischen allein nur dadurch, daß ich auf der Yorikke anmustere, ich würde die Schlinge vorziehen und zu dem Henker sagen: „Lieber Freund, nehmen Sie mich und machen Sie ja recht rasch, damit ich vor dieser Nagelkiste bewahrt bleibe.“ Denn jetzt sah ich etwas, das schlimmer war als alles, was ich je in dieser Hinsicht erblickt habe.
21
Auf dem Vordeck standen die Mannschaften, die auf Freiwache waren, und guckten über die Reeling hinunter auf den Kai, um ja noch mit ihren Augen alles an fester Erde auf die lange Fahrt mitzunehmen, was sie in diesen letzten Momenten erhaschen konnten. Ich habe verlumpte, abgerissene, verkommene, verdreckte, verlauste und verschwärte Seeleute genug in meinem Leben und in asiatischen und südamerikanischen Häfen in überreicher Vollkommenheit gesehen, aber solche Mannschaft und noch dazu eine, die nicht von einem Schiffbruch nach tagelangem Herumirren auf eine Küste geworfen wird, sondern die sich auf einem hinausfahrenden Dampfer befindet, je gesehen zu haben, konnte ich mich nicht erinnern. Daß so etwas denkbar wäre, hätte ich nicht für möglich gehalten. Ich sah gewiß nicht elegant aus, und wenn ich ehrlich sein soll, ich war dem Abgerissensein viel näher als dem Nichtzerlumptsein. Doch dieser Mannschaft gegenüber sah ich aus wie der Scheik eines Chormädchens der Ziegfeld-Follies in New York. Das war kein Totenschiff. Gott mag mir die Sünde vergeben. Das waren ja Seeräuber vor ihrer ersten Beute; Piraten, die seit sechs Monaten von den Kriegsschiffen aller Nationen verfolgt werden; Buccaneers, die so tief gesunken sind, daß sie keinen andern Ausweg mehr sehen, als chinesische Gemüse-Dschunken auf dem Meer zu überfallen und auszurauben.

Heilige Seeschlange, waren die zerlumpt, waren die dreckig! Einer hatte keine Mütze auf, weil er weder Hut noch Mütze besaß, sondern hatte ein Stück von einem grünen Unterrock wie einen Turban um den Kopf gewickelt. Ein andrer hatte, meine Herren! nein, Sie werden es nicht glauben, aber ich will doch gleich auf einem Auslegerboot als Kesselheizer angemustert werden, wenn es nicht wahr ist, einer hatte sogar einen Zylinderhut auf. Stellen Sie sich das vor, ein Seemann mit einem Zylinderhut. Hat die Welt so etwas je erlebt? Vielleicht war er die letzte halbe Stunde vor der Ausfahrt noch Schornsteinfeger gewesen. Oder er hatte hier auf dem Eimer den Schornstein gefegt. Vielleicht war das eine besondere Anordnung auf der Yorikke, daß der Schornstein nur im Zylinderhut gefegt werden darf. Ähnliche merkwürdige Anordnungen habe ich auf Schiffen erlebt. Aber die Yorikke gehörte nicht zu jenen Schiffen, wo man merkwürdige Anordnungen einführte; die Yorikke war ein Schiff, wo man mit den Anordnungen, die tausend Jahre alt sind, genug zu tun hat, um den Eimer in Gang zu halten. Nein, dieser Zylinder war nur darum im Gebrauch, weil der Mann keine andre Kopfbedeckung hatte, und wenn er sie gehabt hätte, offenbar Geschmack genug besaß, daß er zu der Frackweste, die er auf dem Leibe trug, nicht gut eine Tellermütze aufsetzen konnte. Es schien gar nicht so unmöglich zu sein, daß er von seiner eignen Hochzeit entsprungen war in jenem verhängnisvollen Augenblick, als es anfing, ernst zu werden. Und weil er keinen andern Zufluchtsort vor den Megären fand, er in seiner letzten Not die Yorikke erwischte, wo man ihn mit offnen Armen willkommen hieß. Hier suchte ihn keine der Megären, sicher nicht einen, der in Frack und Zylinder der Braut die Hacken zeigte.
Hätte ich gewußt, daß sie wirklich Seeräuber wären, ich hätte sie angefleht, mich mitzunehmen zu Ruhm und Gold. Aber wenn man kein Unterseeboot hat, ist Seeräuberei heute nicht mehr lohnend genug.
Nein, da es keine Seeräuber sind, dann schon lieber den Henker, als hier gezwungen sein, die Yorikke zu fahren. Das Schiff, das mich von dem sonnigen Spanien fortlocken kann, das muß schon eins sein, doppelt so gut wie die Tuscaloosa. Ach, wie lang ist das her. Ob sie noch in New Orleans zu Hause ist? New Orleans, Jackson Square, Levee und ach – na, wollen wir mal wieder Blutwurst aufspießen; sobald der bunte Eimer vorüber ist, werden wir ja vielleicht noch einen Zweipfünder machen. Wenn nicht, ist es auch gut; dann wollen wir mal sehen, was die Nudelsuppe macht, oder was es drüben auf dem Holländer zum Abendessen gibt.
Wie eine Schnecke, die sich überfressen hat, sich aber gleichzeitig trainieren muß für das nächste Schneckenwettlaufen, so zog Yorikke vorüber.
Als die Köpfe der Buschräuber gerade über mir waren, rief einer von ihnen herunter zu mir: „Hey, ain’t ye sailor?“
„Yesser.“
„Want a dschop?“ Auf sein Englisch braucht er sich nichts einzubilden, aber für enge Familienverhältnisse reicht es aus.
Ob ich Arbeit haben will.
Ei, orgelspielender Grizzlybär, der wird das doch nicht etwa ernst meinen?
Ob ich Arbeit haben will?
Nun bin ich verloren. Da ist diese Frage, die ich mehr gefürchtet hatte als die Posaune des Erzengels Michael am Auferstehungstage. Es ist doch üblich, daß man selbst um Arbeit nachfragen gehen muß. Das ist doch ewiges unveränderliches Gesetz, solange es nun schon Arbeiter gibt. Und ich bin nie fragen gegangen, immer aus Angst, es hätte einmal jemand ja sagen können.
Wie alle Seeleute bin ich abergläubisch. Auf dem Schiff und auf dem Meer ist man auf Zufälle und also auch auf Aberglauben angewiesen, sonst hielte man es nicht aus und würde verrückt. Und dieser Aberglaube ist es, der mich zwingt, ja zu sagen, wenn mich jemand fragt, ob ich Arbeit haben will. Denn würde ich nein sagen, so würde ich mein Glück verschwören, würde nie wieder im Leben ein Schiff bekommen und am allerwenigsten bekommen, wenn ich es so bitter notwendig brauchte. Manchmal glückt das Erzählen einer Geschichte, aber manchmal glückt es nicht, und der Mann brüllt „Polizei! Betrüger!“ Wenn man dann nicht schnell ein Schiff zur Hand hat, glaubt die Polizei jenem Manne, der keinen Spaß versteht und keine Ideen hat.
Dieser Aberglaube hat mir schon manchen bösen Streich gespielt und mir Beschäftigungen auf den Hals gebracht, von denen ich nie geglaubt hätte, daß solche überhaupt in der Welt vorhanden seien. Er war die Ursache, daß ich Totengräbergehilfe in Guayaquil in Ecuador wurde, und daß ich auf einem Jahrmarkte in Irland mit meinen eignen Händen helfen mußte, das Kreuz, an dem unser Herr und Heiland Jesus Christus seinen letzten irdischen Seufzer aushauchte, splitterweise zu verkaufen. Jeder Splitter kostete eine halbe Krone, und das Vergrößerungsglas, das die Leute dazu kaufen mußten, um den Splitter auch zu sehen, kostete eine andre halbe Krone. Zu solcher Beschäftigung, die mir zweifellos nicht gut angeschrieben werden wird, kommt man aber, wenn man abergläubisch ist. Seitdem mir das in Irland zugestoßen ist, habe ich auch nichts mehr drum gegeben, ein braver und guter Mensch zu bleiben, denn ich wußte, daß ich nun alles Zukünftige verspielt hatte. Es war ja nicht, daß ich die Splitter hatte verkaufen helfen. Nein, das war nicht so schlimm, das wäre mir vielleicht gar als ein Verdienst angerechnet worden. Viel schlimmer war, daß ich auch geholfen hatte, mit dem Geschäftsinhaber in einem Hotelzimmer die Splitter aus einem alten Kistendeckel anzufertigen. Aber auch das wäre noch nicht so unverzeihlich gewesen, wenn ich nur nicht vor den Leuten meine Seele verschworen hätte, daß ich die Splitter selbst aus Palästina mitgebracht hätte, wo sie mir ein alter, zum Christentum bekehrter Araber, in dessen Familienbesitz die Splitter seit achtzehnhundert Jahren gewesen waren, anvertraut hätte mit der feierlichen Versicherung, daß ihm Gott im Traume erschienen sei und ihm anbefohlen habe, diese Splitter nur nach Irland und sonst nirgend woanders hin gelangen zu lassen. Die in arabischen Zeichen geschriebenen Dokumente konnten wir vorweisen und auch eine Übersetzung in Englisch, aus der hervorging, daß in dem Dokumente wirklich das drin stünde, was wir auf dem Jahrmarkte erzählten. Solche Streiche kann einem der Aberglaube spielen, yes, Sir.
Hätten wir das eingenommene Geld wenigstens an ein Kloster oder an den Papst abgeschickt, dann wäre es ja auch nicht so schlimm gewesen und ich hätte Hoffnung, daß mir vergeben würde. Aber wir verbrauchten das Geld für uns, und ich war sehr bedacht darauf, daß ich auch meine richtigen Prozente und Tantiemen bekam. Aber ich war keineswegs ein Betrüger, ich war nur ein Opfer des Aberglaubens, meines Aberglaubens. Denn die guten Leute glaubten mir, die waren nicht abergläubisch.
22
So war es ganz natürlich, daß, als ich gefragt wurde, ob ich Arbeit haben wollte, ich ja sagte. Ich war innerlich gezwungen, ja zu sagen, und ich konnte diesem Zwange nicht entweichen. Ich bin sicher, daß ich bleich wurde vor Todesangst, auf diesen Eimer zu müssen.

„A. B.?“ fragte der Mann.
Glück zu, da war die Rettung. Die brauchten einen A. B., und ich war kein A. B. Ich hütete mich weislich, nun zu sagen: „Plain“, denn im Notfalle kann ein Deckarbeiter auch am Rade stehen, besonders wenn das Wetter ruhig ist und keine großen Kursveränderungen sind.
Deshalb antwortete ich: „Nosser, no A. B. Black gang. Schwarze Bande.“
„Fein!“ schrie der Mann herunter. „Das ist ja, was wir brauchen. Mach hurtig voran. Hopp auf.“
Nun wurde mir alles klar. Sie nahmen, was sie kriegten, und woher sie es kriegten, weil sie um soundsoviele Mann zu kurz waren. Ich hätte sagen können: Koch, oder ich hätte rufen können: Zimmermann oder Boss’n, sie würden immer gerufen haben: „Hopp auf!“ Da war etwas nicht in Ordnung. Verflucht, sollte sie doch ein –, nein, trotz aller verdächtigen Begleitumstände, die Yorikke schien doch kein Totenschiff zu sein.
Ich mußte die letzten Karten spielen.
„Where ’re ye bound? Wohin geht ihr raus?“
„Wo wollen Sie hin?“
Die sind geeicht. Da ist kein Entrinnen. Ich kann rufen Südpol, ja, ich kann rufen Genf, sie werden mir, ohne zu zucken, entgegenrufen: „Da gehen wir hin.“
Aber ich wußte ein Land, wo der Eimer nicht wagen dürfte, hinzugehen, das war England. Deshalb sagte ich: „England.“
„Mann, was für ein Glück haben Sie!“ schrie die Stimme. „Wir haben Ladung, Stückgut für Liverpool. Sie können da abmustern.“
Da hatten sie sich verraten. Das einzige Land, wo ich nicht abmustern konnte und auch kein andrer Seemann, der nicht auf einem englischen Boot fuhr, das war England. Aber dieser Antwort Liverpool konnte ich nicht ausweichen. Ich konnte ihnen doch nicht beweisen, daß sie schwindeln.
Es scheint so lächerlich zu sein. Es konnte mich natürlich niemand zwingen, anzuzeichnen für irgendein Boot, auf keinen Fall, solange ich hier auf festem Boden stand und nicht unter der Gerichtsbarkeit und Gesetzesgewalt des Skippers. Aber das ist ja immer so: wenn man sich zu wohl und zu glücklich fühlt, dann möchte man es noch besser haben, läge dieses Besser-haben-Wollen auch nur darin versteckt, daß man sich nach einem Landschaftswechsel sehnt und eine stille ewige Hoffnung pflegt und nährt, daß jeder Wechsel zu Besserem führen müsse. Ich glaube, seit Adam sich im Paradiese langweilte, ist es der Fluch der Menschen, sich nie vollkommen glücklich zu fühlen und immer auf der Jagd nach einem größern Glück zu sein. Wenn ich an England denke mit seinem ewigen Nebel, seiner ewigen naßkalten Witterung, seiner Fremdenhetzerei, seines ewig stupid lächelnden Kronprinzen, dem die Maske angefroren ist, und es vergleiche mit diesem freien, sonnigen Lande und seinen freundlichen Bewohnern und mir nun vorstelle, daß ich alles dies zurücklassen soll, so ist mir aber doch in der Tat zum Sterben zumute.
Aber da war das Schicksal. Ich hatte ja gesagt, ich hatte nun als guter Seemann, der zu seinem Wort steht, anzuzeichnen für den Eimer, und wenn er direkt auf den Meeresboden führe; mit diesem Boot, das ich ausgelacht, laut und heulend ausgelacht hatte, als ich es zum ersten Male gesehen, und das zu fahren ich nicht gedacht hatte, auch wenn ich den letzten Atemzug dadurch hätte aufhalten können. Nicht mit diesem Schiff und nicht mit dieser Mannschaft. Yorikke rächte sich dafür, daß ich sie ausgelacht hatte. Aber es geschah mir im Grunde ganz recht, warum war ich hier hinuntergegangen und hatte mich von ausfahrenden Schiffen sehen lassen. Da soll man mit der Nase wegbleiben, ausfahrende Eimer gehen einen gar nichts an, wenn es nicht der eigne ist, man soll sie in Ruhe lassen und nicht hinter ihnen herspucken wollen. Das ist immer Pech. Das können die nicht vertragen.
Ein Seemann soll nicht von Fischen träumen, und er soll nicht an Fische denken, das ist nicht gut. Und ich war hierhergegangen und wollte sogar welche fangen. Jeder Fisch oder seine Mutter hat schon an einem ertrunkenen Seemann genascht, darum soll sich ein Seemann vor Fischen hüten. Wenn ein Seemann Fische essen will, soll er sie sich von einem ordentlichen Fischersmann kaufen. Fische fangen ist dessen Geschäft, dem tun sie nichts; wenn der von Fischen träumt, bedeutet es Geld.
Ich schoß die letzte Frage, die möglich war: „Was wird gezahlt?“
„Englisch Geld.“
„Wie ist das Essen?“
„Reichlich.“
Nun war ich umzingelt. Nicht eine schmale Ritze blieb offen. Es gab für mein Gewissen auch nicht eine einzige Entschuldigung, mein Yes zurückzunehmen.
Sie warfen ein Tau rüber, ich fing das Tau auf, schwang mich mit voran gestreckten Füßen gegen die Bordwand, und während sie von Deck aus das Tau einholten, stieg ich an der Wand empor und sprang oben über die Verschanzung.
Als ich nun auf dem Deck stand, kam Yorikke merkwürdig rasch in volle Fahrt, und während ich das versinkende Spanien mit meinen Augen liebkoste, hatte ich das Gefühl, daß ich jetzt durch jenes große Tor geschritten war, über dem die schicksalsschweren Worte stehen:
Wer hier eingeht, Dess’ Nam’ und Sein ist ausgelöscht, Er ist verweht!